Kitabı oku: «Finsterdorf»

Yazı tipi:

Peter Glanninger

Finsterdorf

Kriminalroman


Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Immer informiert

Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie

regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.

Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag

Instagram: @gmeinerverlag

Twitter: @GmeinerVerlag

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

info@gmeiner-verlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Christine Braun

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © pepipepper / photocase.de

ISBN 978-3-8392-6742-4

Widmung

Für Ulli

1.

Die Finsternis über dem Dorf war vollkommen. Die Dunkelheit wirkte so allmächtig, dass sie selbst das Licht der Straßenlaternen aufzusaugen schien. Selten hatte man im Dorf eine so dunkle Nacht erlebt.

»Sie kommt« – lautete die kurze Nachricht auf dem Handydisplay.

Er steckte das Telefon in die Tasche und klopfte an die Trennwand zum Laderaum des Transporters.

»Es geht los«, sprach er nach hinten in den dunklen Laderaum, startete den Motor und zog sich die Sturmhaube über Kopf und Gesicht.

»Dort drüben ist sie«, sagte einer der beiden Männer, die vom Laderaum aus durch ein Schiebefenster und die Windschutzscheibe den nächtlichen Platz beobachteten. Seine Stimme klang dumpf unter dem schwarzen Stoff. Dann öffnete er die Schiebetür.

Ein junges Mädchen verließ das Lokal schräg gegenüber, wandte sich nach rechts und tapste mit kurzen Schritten davon.

»Alles klar?«, fragte der Fahrer.

»Alles klar«, antworteten die zwei Männer hinter ihm.

Das Mädchen entfernte sich rasch auf dem Gehsteig. Wenige Meter noch, dann würde sie die Hauptstraße verlassen und in eine Seitengasse gehen. Am Beginn dieser Gasse war ein unbebautes Grundstück. Dort würden sie zuschlagen. Erst 100 Meter weiter hinten begann die Wohnsiedlung, in der das Mädchen lebte. Sie kannten die Örtlichkeit und die Gewohnheiten der Kleinen. Es würde keine Probleme geben, sie hatte keine Chance.

Als das Mädchen in die Seitengasse ging und aus ihrem Blickfeld verschwand, fuhr der Lenker los. Nach wenigen Augenblicken bog er um die Kurve, sah sie vor sich, rollte an ihr vorbei und bremste den Wagen ab. Gleichzeitig sprangen die beiden anderen Männer aus dem Laderaum auf die Straße.

Es ging schnell.

»Hey, was soll das?«, war die empörte Stimme des Mädchens zu hören, aber bevor sie weitersprechen konnte, wurde sie gepackt und nach hinten gestoßen. Gleichzeitig presste sich eine Hand im Lederhandschuh fest auf ihren Mund und erstickte den aufkommenden Schrei. Ein heftiger Schlag in den Magen ließ ihr die Beine wegknicken und raubte ihr für einen Moment beinahe die Besinnung. Sie merkte kaum, wie sie in den Laderaum gezerrt wurde, die Schiebetür sich schloss und der Transporter weiterfuhr.

Erst jetzt begriff sie, was passierte, und versuchte, sich zu wehren. Sie lag auf dem Boden, zwei maskierte Männer über ihr. Sie wusste, was das zu bedeuten hatte, und es brauchte nicht viel Vorstellungskraft, um sich auszumalen, was als Nächstes geschehen würde. Eine unbeschreibliche Angst packte sie genauso fest wie die Männerhände, die sie niederdrückten. Sie begann herumzutreten und versuchte sich zu befreien, die Hand um ihren Mund presste den Kopf brutal auf den Boden des Wagens. Dann spürte sie eine andere Hand, die ihr den Hals zudrückte, und hörte eine Stimme flüstern: »Halt still, du Schlampe, sonst mach ich dich kalt.«

Sie hörte auf, sich zu wehren, und ließ mit sich geschehen, was immer die Männer tun wollten. Sie blieb still, als sie zur Seite gedreht und ihre Arme nach hinten gerissen wurden. Sie spürte, wie sich Kabelbinder um ihre Handgelenke und um ihre Beine zusammenzogen. Da packte sie neuerlich die Angst so heftig, dass sie glaubte, ohnmächtig zu werden.

Eine Hand krallte sich in ihr Haar, riss ihren Kopf zurück, der Lederhandschuh verschwand von ihrem Mund und einen Augenblick später war er mit einem festen Klebeband verschlossen. Gleich darauf wurde ihr eine schwarze Kapuze über den Kopf gezogen.

Sie lag da und spürte den Boden unter sich rütteln, als der Wagen Fahrt aufnahm.

Leise begann sie zu weinen.

»Wir haben sie«, hörte sie die gedämpfte Stimme eines Mannes und dann an ihrem Ohr eine andere: »Jetzt gehörst du uns!«

Sie sah das trübe Licht einer Taschenlampe.

Die beiden Männer lehnten an der Wand des Wagens. Alles war problemlos gelaufen, in wenigen Minuten würden sie an ihrem Ziel sein. Langsam begannen sie sich zu entspannen.

Der Strahl der Taschenlampe glitt über den zitternden Körper des Mädchens. Ihre Hose war zwischen den Beinen und an den Oberschenkeln nass.

»Verflucht«, sagte einer, »sie hat sich angepisst.«

2.

Sie kamen kurz nach 3 Uhr, als sie sicher sein konnten, dass niemand in der Siedlung mehr wach war. Den Wagen stellten sie neben einem leeren Grundstück ab, ungefähr 200 Meter vom Haus entfernt. Sie bewegten sich schnell. Sie wussten, wo sie hinmussten und was sie dort zu tun hatten. Die Schnelligkeit war ihr Vorteil. Sie versuchten trotzdem im Schatten zu bleiben, bis sie vor einem geräumigen Bungalow im Stile der 90er-Jahre standen.

Noch einmal blickten sie sich um und vergewisserten sich, dass in den umliegenden Häusern kein Licht mehr brannte. Dann sperrte der Erste von ihnen die Gartentür auf und sie gingen zum Windfang am Eingang. Der Mann mit dem Schlüssel wartete, öffnete die Haustür und sie schlüpften in den Vorraum. Die drei schmalen Lichtkegel ihrer Taschenlampen suchten die Wände neben der Tür ab, das war der kritische Moment. Aber nirgends war ein Hinweis auf eine Alarmanlage zu sehen. Gut so, dann konnte alles weiter nach Plan laufen.

Hinter den ersten Türen links und rechts im Vorraum gleich neben dem Eingang vermuteten sie Toilette, Bad, Abstellraum oder den Abgang zum Keller, uninteressant für sie. Sie suchten das Schlafzimmer der Eltern. Rasch verschafften sie sich einen Überblick. Wohnzimmer und Küche waren schnell identifiziert, blieben noch drei Türen übrig. Jeder der drei Männer übernahm eine davon, öffnete sie einen Spalt breit, um hineinzuspähen und sich zu vergewissern, was sich in dem Raum befand. Hinter der letzten Tür war das Elternschlafzimmer, in den anderen beiden Räumen befand sich niemand.

Sie waren ein eingespieltes Team und hatten zuvor genau abgesprochen, wer was zu tun hatte. Mit wenigen leisen Schritten standen sie am Bett neben dem Ehepaar. Der Mann lag auf dem Rücken und schnarchte leise vor sich hin, die Frau an seiner Seite hatte sich, wie ein Kind zusammengerollt, in ihre Decke gekuschelt.

Hände pressten sich auf ihre Münder und erstickten die ersten Laute der Überraschung, der Empörung und der Angst. Dann waren die Messerklingen an ihren Kehlen, und einer der drei zischte leise, aber bestimmt: »Seid ruhig, sonst schneiden wir euch den Hals auf.«

Sie gehorchten, erstarrten und blieben still liegen. Taschenlampen leuchteten ihnen ins Gesicht und blendeten sie. Schemenhaft sahen sie die drei Eindringlinge. Zwei hielten ihn, einer sie.

»Wenn ihr tut, was wir euch sagen, wird euch nichts geschehen. Wenn nicht, machen wir euch kalt«, drohte der Wortführer, ein großer, kräftig gebauter Kerl.

Die Angst der Eheleute war so übermächtig, dass der Große einen Moment lang fürchtete, sie könnten kollabieren.

Einer der Männer zog die Bettdecken weg. Die beiden waren bis auf ihre Unterhosen nackt. Schnell und routiniert knebelte er das Paar und fesselte ihre Hände mit Klebeband. Die Messer an den Hälsen ihrer Gefangenen hatten sich die ganze Zeit über kaum bewegt.

Der Große leuchtete mit der Taschenlampe über den Körper der Frau. Sie beobachtete mit weit aufgerissenen, panischen Augen, wie er sie musterte, begutachtete, einem Stück Vieh gleich, als müsste er erst abwägen, ob sie ihm gefiel und es sich lohnte, über sie herzufallen. Sie wollte etwas sagen, aber das Klebeband um ihren Mund ließ sie nur unverständlich brabbeln. Die Frau war Mitte 40 und er fand, dass sie reichlich Speck angesetzt hatte. Sie versuchte, mit den gefesselten Händen ihre Brüste zu bedecken. Wie lächerlich, dachte der Große, wir sind nicht gekommen, um dich zu ficken.

Der Ehemann beobachtete die Männer stumm, sein Blick schwankte zwischen Angst und Wut, doch schließlich überwogen die Angst und der Wunsch, zu überleben.

Der Große beugte sich über die beiden und sagte leise: »Hört mir zu: Eure Tochter ist verschwunden. Aber es geht ihr gut. Noch. Sie ist bei uns. Sie war ungehorsam und deshalb mussten wir sie bestrafen. Wir geben sie euch wieder zurück. Irgendwann in den nächsten Tagen. Ihr sprecht mit niemandem über das, was geschehen ist. Habt ihr mich verstanden?«

Beide Eheleute nickten und beobachteten die vermummte Person über ihnen mit großen, furchtsamen Augen.

»Kein Wort«, bekräftigte er. »Sonst holen wir sie erneut und dann wird sie wirklich leiden. Oder vielleicht holen wir dich. Das würde auch Spaß machen.« Dabei strich er mit der kalten Messerklinge über den Körper der Frau.

Sie versuchte zu schreien, doch das Klebeband hielt ihre Panik verschlossen.

»Wir wissen, dass ihr schon bei der Polizei gewesen seid. Damit ist jetzt Schluss. Wenn jemand fragt, wo eure Tochter ist, sagt ihr, dass sie ausgerissen ist, ein paar Tage bei ihrer Freundin in Wien oder sonst wo verbringt, um Spaß zu haben. Irgendetwas in der Art. Habt ihr das kapiert?«

Wieder nickten sie.

»Und werdet ihr euch daran halten?«

Nicken.

»Brav. Ihr seid ganz brav. Ich hoffe, dass wir euch nicht noch einmal besuchen müssen.«

So gespenstisch schnell, wie sie gekommen waren, verschwanden die drei Männer. Nun brauchten sie nicht mehr leise zu sein. Sie verließen das Haus, eilten zu ihrem Auto zurück und machten, dass sie nach Hause kamen. Morgen war wieder ein normaler Arbeitstag für sie.

3.

Sie hatte so lange geweint, bis sie glaubte, keine Tränen mehr in sich zu haben. Sie lag in einem Verlies. Es war kein herkömmlicher Raum, kein Zimmer, sondern ein Kerker, wie sie ihn nur aus Filmen und Besuchen in alten Burggemäuern kannte. Eine kleine Zelle, vier Schritte breit und sechs Schritte lang, die Mauern aus grob behauenen Steinen und der Boden gepflastert, kalt und feucht. Kein Fenster, kein Tageslicht. So finster, dass sie nichts sah. Aber an der Stirnseite der Zelle konnte sie in Kniehöhe einen eisernen Ring ertasten, der dort in die Wand eingelassen war. Der Raum war leer bis auf einen Plastikeimer, den sie als Toilette benutzen konnte.

Sie wusste nicht, ob Tag oder Nacht oder wie lange sie schon hier war. Sie besaß kein Zeitgefühl mehr. Aber mit Sicherheit war sie bereits mehrere Tage in ihrem Verlies gefangen. Die Stunden zerschmolzen in einer Mischung aus Verzweiflung und Angst, unterbrochen von einzelnen Ereignissen.

Manchmal wurde eine Klappe geöffnet, die sich am unteren Rand der massiven Holztür befand. Dann schob jemand eine PET-Flasche mit Wasser in die Zelle und einen Plastiknapf mit Suppe. Es war immer das gleiche Zeug – klare Gemüsesuppe. Ohne Löffel. Sie schlürfte die Suppe und musste das Gemüse mit den Fingern essen. Zuerst hatte sie nichts hinuntergebracht, aber später war der Hunger so groß geworden, dass sie zu essen begonnen hatte.

Manchmal kamen zwei vermummte Männer an die Tür, forderten sie auf, den Eimer zu bringen, nach hinten zu gehen und sich dort mit dem Gesicht zur Wand hinzustellen. Sie tauschten den stinkenden Kübel gegen einen leeren aus, in dem eine Rolle Klopapier lag.

Wenn sich die Klappe öffnete oder die Tür, waren dies die einzigen Momente, in denen sie ein bisschen Licht sah.

Die meiste Zeit saß sie zusammengekauert und frierend in einer Ecke ihres Kerkers. Am Anfang war sie herumgelaufen, von der Tür zur Wand und zurück, zehn Schritte immer hin und her. Später war sie im Kreis gegangen. Sich an den Wänden entlang tastend, einmal in die eine Richtung und dann in die andere. Um ihrer Angst Herr zu werden, um die Dunkelheit zu ertragen und die Einsamkeit. Aber es hatte nichts genutzt. Die Angst war geblieben und die Dunkelheit und die Einsamkeit.

Jetzt saß sie nur mehr in einer Ecke. Oder sie schlief auf dem nackten Steinboden, wenn sie müde war, oder sie aß, wenn es Suppe gab, oder sie verrichtete ihre Notdurft oder sie stellte sich an die Wand, wenn der stinkende Kübel getauscht wurde. Das war nun ihr Leben.

Niemand hatte ihr bisher etwas getan, niemand hatte sie vergewaltigt. Und niemand sprach mit ihr. Sie hatten ihr nur die Schuhe und den Gürtel ihrer Jeans weggenommen. Zunächst hatte sie mit den Männern reden wollen, hatte gefragt, was los sei, was sie von ihr wollten, warum sie hier sei, wo sie überhaupt sei. Aber es gab keine Antwort. Dann schrie sie, beschimpfte sie, und als der Kübel wieder einmal getauscht wurde, versuchte sie an die Tür zu gelangen. Doch die Männer warfen sie brutal zu Boden, einer kniete auf ihrem Rücken und der andere flüsterte ihr ins Ohr: »Wenn du nicht brav bist, hängen wir dich mit einer Kette an die Wand wie einen räudigen Hund.« Trotz der Stoffmaske, die er trug, konnte sie seinen Atem spüren. Und er leuchtete mit einer Taschenlampe auf den Eisenring an der Wand. Von diesem Zeitpunkt an blieb sie gehorsam an der Wand stehen, wenn die Männer kamen.

Jedes Mal, wenn die Tür sich öffnete, wurde sie von einer unbestimmten Angst gepackt. Sie wusste, dass es einen Grund gab, warum sie hier war, dass ihre Entführer etwas mit ihr vorhatten. Und jedes Mal, wenn die Tür sich öffnete, befiel sie die Furcht, dass es jetzt geschehen könnte.

Irgendwann war es so weit. Die Tür wurde aufgerissen und grelles Licht blendete sie. Bevor sie wusste, was geschah, zog sie jemand hoch, und mit einem stinkenden Stofffetzen wurden ihr die Augen verbunden. Die Angst war wieder so übermächtig, dass sie sich kaum auf den Beinen halten konnte.

»Zieh dich aus«, hörte sie eine Stimme, gedämpft und wie aus weiter Ferne.

Sie waren gekommen, um das mit ihr zu tun, weshalb sie sie hierhergebracht hatten. Die ganze Zeit über hatte sie darüber nachgedacht, was die Männer von ihr wollten, und war immer nur zu einem Ergebnis gekommen. Sie hatte versucht, sich damit abzufinden, aber es war ihr nicht gelungen. Jetzt war es so weit.

»Nein, bitte, tut mir nichts«, stammelte sie und begann zu weinen. Gleichzeitig wusste sie, dass alles Flehen vergeblich war.

»Zieh dich aus«, wiederholte der Mann, diesmal ungeduldiger. »Oder sollen wir dir dabei helfen?«

Sie war unfähig, sich zu bewegen. Plötzlich hörte sie ein lautes Knacken und spürte einen stechenden Schmerz im Oberschenkel. Sie schrie, stolperte zur Seite und fiel hin.

»Steh auf und zieh dich aus, oder willst du noch einmal?« Erneut hörte sie das ratternde Knacken. Trotz der Augenbinde nahm sie einen hell züngelnden Lichtpunkt wahr. Verzweiflung und Furcht wurden so übermächtig, dass sie sich nicht mehr beherrschen konnte. Sie machte sich in die Hose.

»Los, mach schon!«, hörte sie den Befehl.

Ihr Oberschenkel tat höllisch weh, als sie sich wieder hochrappelte. Sie konnte kaum stehen. Langsam zog sie sich aus, zuerst ihre Bluse, dann die nasse Hose, schließlich stand sie in Unterwäsche da, zitternd vor Angst, Kälte und Scham.

»Alles!«

Nach einem Moment des Zögerns öffnete sie den BH, ließ ihn zu Boden fallen und zog danach ihr Höschen aus. Sie konnte kaum auf den Beinen stehen bleiben. Sie weinte noch immer.

Zwei Männer waren nun neben ihr, packten sie und banden ihre Handgelenke mit einem groben Seil zusammen. Sie spürte einen Ruck an den Fesseln, der sie nach vorne riss.

»Los, gehen wir!« Ein scharfes Kommando. Es war ihr kaum möglich, einen Schritt zu tun, sie stolperte vorwärts, zum Teil gezogen, dann am Arm gepackt und wie eine Blinde geführt.

Es ging durch einen Gang und anschließend über eine enge Wendeltreppe hoch. Sie stieß sich daran die Zehen blutig.

Sie hörte dumpfes Geraune und Stimmen. Eine Tür wurde geöffnet, sie wurde in einen Raum geführt und die Menschen darin verstummten. Sie war gefesselt und konnte nichts sehen. Sie stand nackt da und wusste nicht, wie viele Leute sie anstarrten. Nun begriff das Mädchen, was das alles zu bedeuten hatte und was man mit ihr vorhatte. Das Gefühl, sich wegen ihrer Nacktheit schämen zu müssen, war mit einem Mal verschwunden, wurde weggewischt vom Bewusstsein des Ausgeliefertseins. Entsetzen packte sie und die Angst vor dem Kommenden, wie ein übermächtiges Tier, das sich unbemerkt angeschlichen hatte und sie zerriss. Ihre Beine gaben nach und sie sackte zu Boden.

»Bringt sie her!«, schrie die dumpfe Stimme eines Mannes.

Zwei Männer zerrten das Mädchen an den Armen hoch und schleiften es in die Mitte des Raumes. Eine Kette mit einem Haken hing dort an einem Flaschenzug. Damit zogen sie den schmächtigen Körper an den Armen in die Höhe, bis das Mädchen nur noch auf den Zehenspitzen stehen konnte. Einer der Männer band ihre Fußgelenke an einen metallenen Ring, der im Boden eingelassen war.

Sie begann vor Schmerzen zu wimmern, weil die Fesseln in ihre Handgelenke schnitten. »Bitte«, flehte sie, »bitte tut mir nichts. Ich mache es auch nie wieder. Ich …«

Der Mann vor ihr schlug sie ins Gesicht und beendete damit das Flehen nach Gnade.

Sie begann erneut zu weinen. Dann spürte sie eine Hand zwischen ihren Beinen und schrie. Die Hand verschwand. Sofort aber streichelte sie ihren Rücken und ihre Brüste.

»Du bist schön. Möchtest du schön bleiben oder sollen wir dich so herrichten, dass dich kein Mann mehr ansieht?«

Sie hörte ein Klicken. Ein Feuerzeug, dachte sie und spürte eine Flamme an ihrer rechten Brust und einen brennenden Schmerz. Sie schrie und zerrte an den Fesseln, krümmte sich, doch es war nicht möglich, der kleinen Flamme zu entkommen. Es schien eine Ewigkeit zu dauern und nicht aufhören zu wollen. Dann war die Flamme weg. Aber der Schmerz blieb. Es roch nach verbrannter Haut. Sie musste würgen, und hätte sie etwas anderes gegessen als dünne Suppe, hätte sie sich übergeben. Sie weinte noch immer, und die Tränen wurden von der Augenbinde aufgesogen.

Sie glaubte, das erregte Keuchen von Menschen zu hören, war sich jedoch nicht sicher. Vielleicht täuschten sie ihre Sinne. Vielleicht waren nur die Männer hier, die sie geholt hatten.

Plötzlich spürte sie einen spitzen Gegenstand an ihrer Brust. Eine metallene Spitze umkreiste ihre Brustwarze. Die Angst umklammerte sie noch stärker und ließ sie heftig atmen. Als wolle die Spitze ihren Körper streicheln, glitt sie in das Tal zwischen den Brüsten und danach hoch zur anderen, umkreiste auch dort die Brustwarze, zog weiter und bohrte sich leicht in die zuvor verbrannte Stelle. Ein greller Schmerz durchzuckte sie und ließ sie aufschreien. Sie spürte eine Hand auf ihren Brüsten und unterdrückte einen neuerlichen Schrei.

»Schöne Titten. Du hast so wunderschöne Titten. Wir könnten sie dir in Streifen schneiden. Möchtest du das?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein«, kam kaum hörbar aus ihrer trockenen Kehle.

Dann war seine Stimme an ihrem Ohr: »Weißt du, wo du hier bist?«

Sie nickte zaghaft.

»Und weißt du auch, warum du hier bist?«

»Ja«, flüsterte sie.

»Gut«, sagte er, »sehr gut. Ich werde dir jetzt einige Fragen stellen. Und ich möchte, dass du sie mir beantwortest. Ehrlich beantwortest. Wenn du das nicht machst, werde ich dir sehr wehtun. Dagegen werden dir alle deine bisherigen Schmerzen lächerlich erscheinen. Am Ende wirst du ein Haufen geschundenen Fleisches sein. Glaubst du mir das?«

Sie nickte.

Er stellte seine Fragen, und sie antwortete ihm wahrheitsgetreu. Er wusste, dass sie ihn nicht belog. »Braves Mädchen«, flüsterte er an ihrem Ohr. »Was sollen wir jetzt mit dir machen?«

Sie wurde am Haar gepackt und ihr Kopf zurückgerissen. Sie stöhnte leise.

»Du gehörst uns!«, brüllte er sie an. »Nur uns! Für immer und ewig! Vergiss das nie! Du hast deine Seele dem Teufel verkauft – und jetzt bist du bei mir!«

Sie versuchte zu nicken.

»Vielleicht lassen wir dich laufen. Dann kannst du wieder ein normales Leben führen. Du bist jedoch nicht frei. Außerdem trägst du das Zeichen. Das müssen wir dir vorher herausbrennen.«

»Nein, bitte nicht«, wimmerte sie und zerrte wild an den Stricken. »Bitte nicht. Bitte nicht.«

Ihr Flehen verlor sich in einem fürchterlichen Schrei, als ihr ein glühendes Eisen mit einem grässlichen Zischen unter der linken Achsel ins Fleisch gedrückt wurde. Ihr Körper zuckte und wand sich in den Fesseln. Vergeblich versuchte sie, dem Eisen zu entkommen. Sie warf den Kopf zurück, obwohl er immer noch an den Haaren gehalten wurde, doch dieses Reißen war nichts gegen den Schmerz, der ihren Körper durchfuhr. Sie schrie so laut und so lange sie konnte, bis das Brandeisen wieder weg war. Die Schmerzen wurden schwächer, waren aber noch stark genug, um kaum erträglich zu sein. Tränen liefen über ihre Wangen, die Augenbinde konnte sie nicht mehr zurückhalten. Ihre Brüste hoben und senkten sich schnell, so rasend ging ihr Atem.

Sie wünschte sich, ohnmächtig zu werden, dann würde sie keine Schmerzen mehr spüren, aber es geschah nicht. Als der Mann sie losließ, kippte ihr Kopf nach vorne. Doch einen Moment später wurde er wieder an den Haaren hochgerissen. Sie schrie vor Schmerz und hörte erneut die flüsternde Stimme: »Wenn du nur ein Wort sagst über das, was hier passiert ist, nur ein Wort zu deinen verfluchten Eltern oder einer deiner verfickten Freundinnen oder zu dem versifften Pfaffen oder zu sonst irgendeiner beschissenen Kreatur, nur ein Wort – dann holen wir dich wieder. Ganz egal, wo du dich verkriechst, wir werden dich finden. Und dir wird alles, was wir bisher mit dir gemacht haben, wie das Paradies vorkommen. Wir werden dich ficken und dir die Haut abziehen und dich so lange in deinem Loch verfaulen lassen, bis der Tod dir eine Erlösung sein wird. Hast du das verstanden?«

Sie nickte unmerklich. Der Schlag einer Peitsche traf sie quer über den Rücken. Sie schrie.

»Hast du das verstanden?«, fragte die Stimme noch einmal, immer noch leise, aber bestimmter, wie das zornige Zischen einer giftigen Schlange. »Antworte oder wir schlagen dir das Fleisch von den Knochen.«

»Ja«, keuchte sie, »ja.«

»Lauter.«

Ein neuer Schlag hinterließ eine zweite Strieme, die brannte, als hätte ihr jemand Säure über den Rücken gegossen. Sie brüllte, das Schreien ging in ein hysterisches »Ja! Ja! Ja! Ich hab verstanden!« über.

»Gut«, flüsterte er und streichelte über ihre Brüste.

Jetzt wurden die Stricke gelöst und sie sackte zu Boden. Einen Moment lang keimte Hoffnung in ihr auf. »Bitte, lasst mich gehen«, wimmerte sie.

Als Antwort zog die Peitsche eine neue Strieme über ihren Rücken, und die Stimme sagte: »Du gehst, wenn ich es dir erlaube. Wir sind noch nicht fertig mit dir.«

4.

»Kollege Radek, ich hätte da einen Job für dich.« Chefinspektor Gierling stand mit einem breiten Grinsen in der Tür, kam dann zu Radeks Schreibtisch und blieb vor ihm stehen.

Radek erhob sich. Weniger aus Höflichkeit zu seinem Chef, sondern weil er ihm auf Augenhöhe gegenüberstehen und nicht von oben herab, wie es sich aus dieser Situation sonst ergeben hätte, behandelt werden wollte. Radek wusste, dass Gierling ihn nicht ausstehen konnte. Der Chef machte daraus kein Geheimnis.

Felix Dully, ein Kollege, der an seinem Computer in einen Bericht vertieft war, blickte auf und beobachtete die Situation gespannt. Vielleicht gab es Ärger für Radek. Auch Dully konnte ihn nicht leiden, genauso wenig wie die anderen Kollegen im Einsatzbereich Eins, Leib und Leben, im LKA Niederösterreich. Sie betrachteten Radek als Eindringling. Er war der Jüngste der Gruppe. Alle anderen waren eingefleischte Kriminalbeamte. Er war ein Frischling. Gierling hatte einen zusätzlichen Mann haben wollen, der ihnen den Papierkram erledigte, welcher in den letzten Jahren immer umfangreicher geworden war. Er hätte dafür einen älteren Kollegen bevorzugt, der auf einen ruhigen Posten wollte, auf dem er gemütlich in die Pension segeln konnte. Keinen ehrgeizigen Jungspund, der mit einem Auge stets auf seine Karriere schielte. Aber die besoldungsrechtliche Bewertung der Stelle, die sie bekommen hatten, war so schlecht, dass sich niemand für den Job fand. Nur Radek hatte sich nicht abschrecken lassen und sich direkt nach Beendigung eines Kurses für dienstführende Beamte hierher gemeldet.

Zuvor war er Streifenbeamter und Kriminalsachbearbeiter auf der Polizeiinspektion Linzer Straße in Sankt Pölten gewesen.

Gierling blätterte den dünnen Akt durch, den er in der Hand hielt. »Ich habe hier eine etwas sonderbare Angelegenheit«, sagte er. »Es geht um Folgendes: Vor etwa zwei Wochen wurde in Schandau, das ist ein Nest im Bezirk Scheibbs, ein Mädchen namens …«, er suchte im Akt nach den Personaldaten, »Bernadette Lindner, 17 Jahre alt, als vermisst gemeldet. Die Eltern haben eine Abgängigkeitsanzeige erstattet. Dann ist das Mädchen nach einer Woche unversehrt wiederaufgetaucht. Die Vermisstenanzeige haben wir bearbeitet, es ist jedoch nichts Großartiges herausgekommen. Das Übliche eben.«

Gierling machte eine Pause, als warte er auf Fragen, aber Radek wollte erst die Fortsetzung hören.

»Diese Lindner wirkte auf die Kollegin von der Polizeiinspektion Gresten, die die Sache jetzt bearbeitet, etwas verwirrt. Und zu allem Überdruss hat sie wilde Geschichten vom Teufel erzählt. Na ja, jedenfalls hat die Kollegin einen Bericht ans Bezirkspolizeikommando geschickt und darin den Verdacht geäußert, dass Satanisten ihr Unwesen treiben. Der Sachbearbeiter im BPK übermittelte das Ganze an das Landesamt für Verfassungsschutz, und die haben den Akt an uns weitergeleitet, weil wir die Vermisstensache bearbeitet haben. Mit der Anmerkung, dass es seit den letzten Reformen kein Sektenreferat mehr gebe und die entsprechenden Kompetenzen zur Beurteilung des Sachverhalts nicht mehr vorhanden seien.«

Früher hatte es beim Verfassungsschutz in den Ländern und im Innenministerium eigene Referate für Sekten gegeben. Vor einigen Jahren waren sie allerdings aufgelöst worden. Die wollen sich abputzen, dachte Radek, die wollen uns sagen: Die Dienstbehörde kürzt uns mit ihren Scheißreformen die Ressourcen und deshalb stellen wir für diesen Kram kein Personal mehr ab. Also, liebes LKA, selber machen. Ihm war zwar noch nicht klar, was Gierling von ihm wollte, aber er hatte eine vage Vermutung.

»Was erwartest du jetzt von mir?«, fragte Radek. »Soll ich eine Analyse anfertigen?«

Radek machte in Gierlings Gruppe nur wenig kriminalpolizeiliche Arbeit. Vorwiegend analysierte er Berichte und Sachverhalte von Straftaten, führte Computerrecherchen durch oder erledigte sonstigen Papierkram. Arbeiten, die allen anderen zuwider waren. Gierling wollte ihn damit aus dem Ermittlungsteam raushalten.

»Nein, du sollst keine Analyse machen. Du sollst dort hinfahren und dir die Situation vor Ort anschauen«, sagte Gierling.

Das überraschte Radek. »Wie meinst du das?«, fragte er etwas verunsichert.

Gierling zuckte die Schultern. »Das LV hat schon recht. Eigentlich sind wir dafür zuständig. Aber ich möchte keinen großen Wind um die Sache machen. Deshalb folgende Überlegung: Arbeite dich in den Akt ein, fahr nach Schandau und schau, was da los ist. Vor allem solltest du klären, ob mit der Abgängigkeit ein strafrechtlicher Tatbestand verbunden ist. Soweit ich das bisher gesehen habe, hat sich die Kollegin dort diesbezüglich noch nicht festgelegt. Wenn du das geklärt hast, dann überlegen wir, was wir in dieser Angelegenheit weiter unternehmen werden. Sollte es eine Entführung sein, sind wir dafür zuständig. Du weißt ja, das ist eine Straftat, die in unseren Bereich fällt.«

Er grinste breit und es sah nicht so aus, als würde er das, was er eben gesagt hatte, selbst ernst nehmen. Aber es stimmte. Entführung war ein schweres Delikt, den ihr Einsatzbereich zu bearbeiten hatte. Allerdings zweifelte auch Radek daran, dass es sich tatsächlich um eine solche handelte. Sonst wären aus der Polizeiinspektion Gresten klarere Informationen gekommen.

»Soll ich da alleine hinfahren?«, fragte Radek.

»Brauchst du einen Partner?«, lautete die Gegenfrage. »Du sollst nicht großartig ermitteln. Hör dich in diesem Nest ein bisschen um, sprich mit der Kollegin, dem Mädchen, den Eltern und mit wem du willst. Stell fest, ob dort wirklich der Teufel sein Unwesen treibt und junge Mädchen verschleppt.«

Gierling gab sich launisch, und Radek tat ihm den Gefallen und zeigte ihm ein belustigtes Grinsen. Auch Dully kicherte hinter seinem Computerbildschirm.

Gierling bevorzugte zwar Teamwork, aber er hatte keine Lust, die Zeit seiner Leute mit derartigen Kleinigkeiten zu verschwenden. Außerdem war es eine gute Gelegenheit, Radek für eine Weile zu beschäftigen und draußen zu haben. In Wirklichkeit war die ganze Sache lächerlich. Wenn hinter der Abgängigkeitssache keine Entführung steckte – und das sah bisher nicht so aus –, konnte das Bezirkspolizeikommando diese Geschichte erledigen. Der Satanismusverdacht klang ohnehin wie ein Scherz, vermutlich eine Fehleinschätzung der Kollegin.

»Ich habe dir einen Reiseauftrag für eine Woche genehmigt«, fuhr er fort. »Du wirst wahrscheinlich nicht so lange brauchen. Nimm dir am Montag ein Dienstauto. Du kannst die ganze Woche in Schandau bleiben, wenn nötig. Das ist ja eine Stunde Fahrt von hier. Zahlt sich nicht aus, jeden Tag hin und her zu pendeln. Melde dich zwischendurch bei mir und halt mich auf dem Laufenden.«

Er reichte Radek den Akt über den Tisch, Radek nahm ihn und widerstand der Versuchung, gleich darin zu blättern.

»Hast du noch Fragen?«

Radek schüttelte den Kopf. »Nein, momentan nicht.«

»Na dann: Viel Spaß in der Provinz.«

Gierling lächelte noch einmal unverbindlich, für ihn war das Gespräch beendet. Er verabschiedete sich und ging in sein Büro zurück.

»Radek, der Exorzist. Gehst du jetzt unter die Teufelsaustreiber?«, fragte Dully mit gackerndem Gekicher.

Radek gab ihm keine Antwort. Dully schien auch keine zu erwarten.

5.

Der Akt gab nicht viel her. Da war die Vermisstenmeldung, in der die Mutter, Anette Lindner, am 7. September, einem Samstag, gegen 18 Uhr in der Polizeiinspektion Gresten eine Anzeige erstattet hatte, weil ihre 17-jährige Tochter Bernadette nicht nach Hause gekommen war. Bernadette war am Vorabend weggegangen und sollte eigentlich am Samstag arbeiten. Sie war als Friseurlehrling im Salon Doleschal in Schandau beschäftigt. Nachdem sie am Samstagmorgen weder zu Hause noch bei der Arbeit aufgetaucht war, hatten sich die Eltern Sorgen gemacht und sie gesucht. Vergeblich allerdings, daher hatte die Mutter am Samstagabend die Anzeige erstattet.

Auch der Erhebungsbericht war erwartungsgemäß mager. Die Kollegin, die den Fall zuerst bearbeitet hatte, hatte herausgefunden, dass Bernadette am Freitagabend mit einer Freundin bis gegen 23 Uhr im Gasthaus »Falk« in Schandau gewesen war. Danach hatte sich Bernadette verabschiedet und wollte nach Hause gehen. Ihre Freundin war noch geblieben. Aber Bernadette war nie zu Hause angekommen.

Die Kollegin hatte den Akt übers Bezirkskommando ans LKA geschickt, das für diesen Fall zuständig war. Hier hatten zwei weitere Kollegen von Radek an der Sache gearbeitet, Andrea Bosch und Josef Hammer. Nicht sehr eifrig, wie Radek unschwer anhand der Unterlagen feststellen konnte. Sie hatten eine Suchaktion veranlasst und die Eltern, den Arbeitgeber sowie einige andere Leute im Ort, Freunde und Bekannte, befragt. Einhelliges Ergebnis: Niemand hatte gewusst, wo Bernadette Lindner war.

Daraufhin hatten sie die Sache auf sich beruhen lassen. Sie hatten den Akt zwar nicht abgeschlossen, ihn aber mangels brauchbarer Ermittlungsansätze auch nicht weiterverfolgt. Außer dass Bernadette Lindner in die Vermisstendatei im Polizeicomputer aufgenommen worden war, war nichts Bemerkenswertes mehr passiert. Es schien ihnen egal gewesen zu sein.

Mehr als eine Woche später, am Morgen des 15. September, einem Sonntag, war Bernadette plötzlich wieder daheim aufgetaucht. Die Eltern hatten telefonisch die Polizei verständigt und einer der Kollegen hatte die Vermisstenmeldung widerrufen.

Als die zuständige Beamtin der Polizeiinspektion Gresten am Tag darauf zu Bernadette gefahren war, um sie wegen ihres Verschwindens einzuvernehmen, hatte das Mädchen verwirrt, geistesabwesend, verstört und verängstigt gewirkt. Auf die Frage, wo sie gewesen sei, hatte sie keine zufriedenstellende Auskunft gegeben, sondern erklärt, dass der Teufel sie geholt habe und sie bei ihm gewesen sei. Sie hatte sich aber geweigert, weitere Details zu erzählen. Der erbärmliche Zustand des Mädchens und ihr Beharren auf der Teufelsversion waren für die Kollegin ausschlaggebend gewesen, um einen satanistischen Hintergrund zu vermuten, und sie hatte das Landesamt für Verfassungsschutz eingeschaltet.

Die Leute vom LV fühlten sich zu Recht verarscht. Mit der süffisanten Bemerkung, dass sie nach Auflösung des Sektenreferats nicht mehr über die nötige Fachkenntnis verfügten, um den Sachverhalt qualifiziert beurteilen zu können, übermittelten sie den gesamten Akt zur weiteren Veranlassung ans LKA. Aus dem Anschreiben triefte der blanke Hohn.

Radek stöhnte. Das alles war purer Schwachsinn. Eine Jugendliche reißt von Zuhause aus, macht irgendwo Party, hängt mit irgendwelchen Typen ab, und als ihr die Kohle ausgeht, kommt sie zurück und faselt eine blöde Entschuldigung, damit ihr die Eltern vor Zorn nicht den Hals umdrehen. Und alle fallen auf dieses Gerede herein. Jetzt kommt das Landeskriminalamt und beginnt zu erheben. Das ist, als würde man einen Zeitungsdieb am Sonntag mit einem Einsatzkommando der »Cobra« festnehmen.

Was sollte Radek dort machen? Sich die Geschichte noch einmal anhören und dann feststellen, ob im Ort Satanisten am Werk waren? Mit dem, was er in der Hand hatte, würde er sich dabei nur lächerlich machen, sonst nichts. Jetzt war ihm auch klar, warum ihm Gierling diesen Job gegeben hatte. Kein alteingesessener Kriminalbeamter im LKA hätte sich freiwillig auf diese Scheiße eingelassen. Aber so war es. Auftrag ist Auftrag – wahrscheinlich würde er keine zwei Tage dafür brauchen.

Radek machte sich nichts vor. Seine Tätigkeit hier war nur ein Alibijob, um ihn ruhigzustellen. Den ganzen Sommer über saß er schon in seinem Büro und machte den Papierkram, vor dem sich die anderen drückten. Hätten sie keine Espressomaschine mit Kapseln gehabt, sondern eine Filtermaschine wie in früheren Tagen, hätten sie ihn wahrscheinlich auch zum Kaffeekochen eingeteilt, vermutete er. Eigentlich hätten sie eine Sekretärin gebraucht, keinen Kriminalbeamten.

Jedenfalls fühlte sich Radek hier wie lebendig begraben. »The pit and the pendulum« von Edgar Allan Poe fiel ihm häufig ein, wenn er am Schreibtisch saß – in seinem Fall in einer leichten Abwandlung: das Büro und das Pendel. Die immer niedriger werdende Decke der Gefängniszelle aus der Erzählung traf seine realen Empfindungen ziemlich genau.

Er brauchte etwas Sinnvolles zu tun.

Er hatte viel Zeit zum Nachdenken, deshalb war in ihm in den letzten Wochen der Entschluss gereift, neben dem Job noch etwas ganz anderes zu machen und ein Studium zu beginnen. Es war zuerst nur ein kleiner Gedanke gewesen, der sich aber hartnäckig festgesetzt hatte, ein Samenkorn, das zu keimen begann, aus dem ein Pflänzchen wuchs. Früher, nach dem Gymnasium, war das für ihn nie eine Option gewesen, doch je mehr er darüber nachdachte, desto reizvoller erschien ihm dieser Gedanke.

Geschichte hatte ihn immer schon interessiert. Warum sollte er es nicht studieren? Er hatte sich informiert und schließlich war ihm klar geworden: Er würde es tun. Er hatte keine Ahnung, ob er das mit Studium und Job auf die Reihe kriegen würde. Aber er wollte es versuchen. Er könnte sich seinen Dienst so einteilen, dass es ihm möglich war, zweimal pro Woche nach Wien an die Uni zu fahren. Mit dem Zug war das keine große Sache. Eine halbe Stunde Fahrt. Er war schneller in Wien als zu Hause.

Vor einer Woche hatte er sich einen Tag freigenommen, war nach Wien gefahren und hatte inskribiert, bevor er es sich anders überlegte. Er war bereits aufgeregt, wenn er nur daran dachte.

Doch jetzt würde er hinausgehen und erheben. Der Anlass war ein wenig enttäuschend. Auch wenn er diesen Job nur deshalb bekommen hatte, weil ihn kein anderer haben wollte, war er froh, hier mal rauszukommen – wenn auch nur für ein paar Tage.

Es brauchte mehrere Versuche, bis er die zuständige Kollegin, Revierinspektorin Susanne Steiger, auf der Polizeiinspektion in Gresten telefonisch erreichte. Zunächst zeigte sie sich verwundert, dass das LKA sich wieder für die Angelegenheit der Bernadette Lindner interessierte. Nachdem Radek ihr aber erklärt hatte, warum, konnte sie sich eine bissige Bemerkung zum Zuständigkeitswirrwarr in der Landespolizeidirektion nicht verkneifen. Radek ging nicht näher darauf ein, sondern kam schnell zum eigentlichen Grund seines Anrufs: Er wollte wissen, warum sie der Meinung war, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Verschwinden des Mädchens und Satanismus gebe.

»Es war nur so eine Vermutung«, antwortete Susanne Steiger, »weil Bernadette immer nur vom Teufel gesprochen hat. Sie wollte mir nicht sagen, wo sie in der Zeit ihrer Abgängigkeit gewesen ist und was sie getan hat. Aber sie machte einen ziemlich verwirrten Eindruck, war verstört und verängstigt und sprach eben ständig vom Teufel.«

»Haben Sie Hinweise gefunden, die auf Satanismus deuten?«

»Welche Hinweise meinen Sie?«

»Symbole, Zeichen, Tätowierungen, so etwas in der Art.«

»Nein … keine Ahnung … Ich weiß nicht, welche Symbole für Satanismus typisch sind.«

Radek verdrehte die Augen. Das hatte er vermutet, sonst hätte sie entweder keine Meldung weitergeschickt oder ihren Verdacht näher begründet. Er versuchte, noch mehr über die näheren Umstände zu erfahren, die die Kollegin in Gresten dazu veranlasst hatten, diesen Satanismusverdacht zu formulieren, aber außer dem bereits Genannten gab es keine Anzeichen. Schließlich teilte er ihr mit, dass er den Auftrag habe, sich die Angelegenheit näher anzusehen, und am Montag nach Gresten komme.

Sie sei im Dienst, antwortete sie.

Vielleicht könne sie es sich so einteilen, dass sie am Montag für ihn verfügbar sei. Dienstlich natürlich, fügte er hinzu, als er die Doppeldeutigkeit seines Verlangens bemerkte.

Sie lachte. Ja, das lasse sich einrichten, antwortete sie, dienstlich natürlich.

Dann beendeten sie das Gespräch. Zumindest hat sie Humor, dachte Radek.

Radek begann zu recherchieren. Auf der Homepage des Landeskriminalamts gab es eine 15 Jahre alte Broschüre zum Thema Satanismus. Das war alles, sonst nichts.

Aber er fand den Verfasser der Broschüre im internen Telefonbuch, ein Kollege vom Landesamt für Verfassungsschutz.

Radek rief ihn an und erwischte ihn sofort.

»Ja, früher haben wir uns auch mit Sekten und Satanisten beschäftigt«, erklärte der LV-Mann auf Radeks Frage. »In den letzten Jahren hat das niemanden mehr interessiert. Zu viel Aufwand.« Der Kollege schwieg. Vielleicht wartete er auf weitere Fragen. Doch nachdem Radek keine stellte, er wusste nicht, welche, fuhr er fort: »Außerdem glaube ich, dass es in Österreich keine Satanisten gibt. In diesem Bereich ist in den letzten Jahren nichts Nennenswertes passiert, keine spektakuläre Amtshandlung oder so. Möglicherweise laufen ein paar Jugendliche herum und machen sich einen Spaß daraus, die Erwachsenen mit ein bisschen Hokuspokus zu schockieren. Aber sonst? Eventuell einige Goths, die, statt Party zu machen, Schwarze Messe feiern – oder beides miteinander verbinden. Von einer kriminellen Satanistengruppe habe ich jedoch noch nie gehört. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass wir in den letzten Jahren etwas hereinbekommen hätten. Friedhofsschändungen oder etwas in der Art.« Er dachte einige Augenblicke nach und bekräftigte dann: »Nein, nichts, überhaupt nichts.«

Das hatte Radek bereits vermutet. Auch er konnte sich nicht entsinnen, irgendwann in den letzten Jahren etwas über Satanisten gehört zu haben. Während seiner Gymnasiumzeit ging einige Monate lang das Gerücht herum, dass es in der Nähe von Krems einen Satanistenzirkel gebe, aber das wurde nie bestätigt. Darüber hinaus hatte er von diesem Thema nie wieder etwas gehört.

Nach dem Telefonat begann Radek im Internet zu suchen. Er hatte sehr schnell einige grundsätzliche Informationen zum Thema beisammen, druckte vieles davon aus und legte es in einem Aktenordner ab. Wirklich Brauchbares kam dabei nicht zutage. Und dieses Wenige war noch dazu widersprüchlich. Er fand Meinungen, dass alles übertrieben sei und es keine erwähnenswerten satanistischen Aktivitäten gebe, aber auch Expertenaussagen über extrem gefährliche satanistische Gruppen, die sogar vor sexuellem Missbrauch oder Ritualmorden nicht zurückschreckten. Das meiste bezog sich allerdings auf Deutschland. In Österreich war das letzte relevante satanistische Verbrechen im Jahr 2015 in den Medien aufgetaucht. Außerdem gab es einige Berichte von satanistischen Umtrieben im nördlichen Burgenland drei Jahre zuvor.

Also nicht gerade ein Gegenstand, der jede Woche mit mehreren Anlassfällen glänzte.

Als Nächstes suchte Radek im Netz nach Informationen zu Schandau. Aber auch das war nicht sehr aufschlussreich. Ein stinknormales Nest an der Ybbs im südwestlichsten Zipfel von Niederösterreich. Erreichbar über die B31, die Ybbstalstraße, zwischen Göstling und Hollenstein, wenn man aus Scheibbs anreiste. Die Gemeinde hatte 563 Einwohner. Nicht gerade eine Weltstadt, dachte Radek. Interessant erschien ihm lediglich, dass der Bürgermeister von der Bürgerliste »Die Schandauer« gestellt wurde. Und das mit einer überwältigenden Mehrheit. »Die Schandauer« verfügten über zehn von vierzehn Sitzen im Gemeinderat. Der Rest verteilte sich auf die Sozialistische Union, die Christlich-Konservativen und die Nationale Partei.

Die Gemeinde wurde am Ende des 12. Jahrhunderts gegründet und 1208 das erste Mal urkundlich erwähnt. Das Gebiet gehörte damals zum Lehen der Peilsteiner, einem der mächtigsten Adelshäuser des Landes Salzburg. Die Peilsteiner verfügten auch über Besitzungen in Niederösterreich und Südtirol. Da der Ort im Ybbstal an einem Übergang von Niederösterreich in die Steiermark lag, wurde die Burg Rotenstein erbaut. Als das Geschlecht der Peilsteiner Ende des 14. Jahrhunderts ausstarb, fiel das niederösterreichische Lehen an die Familie der Lenksteins. Die machten Burg Rotenstein zu ihrer Stammburg. Sie befand sich bis zum heutigen Tag durchgehend im Besitz der Familie und war daher auch nicht für die Öffentlichkeit zugänglich. Schandau verlor ab dem 16. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung, als andere Orte an neuen, strategisch wichtigeren Verkehrsverbindungen entstanden. Vom vergangenen mittelalterlichen Glanz zeugten, neben der Burg, die gotische Kirche aus dem 15. Jahrhundert, ein mittelalterlicher Pranger und ein steinerner Metzen, der auf das Jahr 1340 datierte. Neuzeitliche Sehenswürdigkeiten gab es keine. Heute teilte der Ort das Schicksal vieler ländlicher Gemeinden: zum Leben zu klein, zum Sterben zu groß.

Auf der dürftig ausgestatteten Webseite der Gemeinde fand Radek auch einige Fotos vom Ort. Ein idyllischer Flecken, so machte es den Eindruck. Während er an diesem Freitagnachmittag die Fotos betrachtete, reifte in ihm ein schneller Entschluss. Wenn er schon einen Job umgehängt bekam, bei dem nicht viel zu gewinnen war, warum sollte er nicht die Arbeit mit dem Vergnügen verbinden? Die Uni begann erst in zwei Wochen und bis dahin hatte er nichts vor. Weshalb sollte er sich nicht zwei Ferientage gönnen und einen Kurzurlaub in Schandau machen? Ein Buch, Laufschuhe, Wanderschuhe möglicherweise und zwei erholsame Tage am Ende der Welt würden ihm sicher guttun.

Er reservierte telefonisch im Gasthaus »Falk« ein Zimmer. Nun war er mit Gierling und der Situation, die er ihm mit dieser Satanismusgeschichte eingebrockt hatte, wieder versöhnt. Wenn schon keine vernünftige Amtshandlung, dann sollte wenigstens der Erholungswert stimmen, dachte er.

6.

Die beiden Männer warteten im hinteren Teil der Kirche, bis die alten Weiber im Beichtstuhl gewesen waren und sich ihre Absolution geholt hatten. Sie fragten sich, wofür wohl? Für unkeusche Gedanken? Dafür, dass sie gemeinsam mit der einen Nachbarin über eine andere Nachbarin hergezogen waren? Dafür, dass sie ihr Gift über ein junges Mädchen verspritzen, auf das sie neidisch waren?

Sie warteten, bis die Letzte der Alten vorne am Altar ihr Vaterunser heruntergebetet hatte und danach mit schlurfenden Schritten aus der Kirche verschwunden war.

Einer der beiden kniete sich in den Beichtstuhl. Es roch modrig und ein bisschen nach Weihrauch.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes«, hörte er den Pfaffen sagen und konnte durch das rautenförmige Holzgitter sehen, wie der Alte ein Kreuz schlug.

»Vater, ich habe gesündigt«, begann er unaufgefordert zu reden.

»Und worin bestehen deine Sünden, mein Sohn?«

»Ich habe eine verheiratete Frau gefickt«, sagte er. »Und es hat mir Spaß gemacht und ihr auch, und jetzt denke ich ständig darüber nach, wie ich ihren Alten kaltmachen kann. Dafür möchte ich Absolution.« Er konnte förmlich spüren, wie es dem Pfaffen die Sprache verschlug. Bevor sich der Alte wieder gefangen hatte, fuhr er fort: »Ihr seid doch an das Beichtgeheimnis gebunden, Vater, nicht wahr?«

»Ja«, stammelte der Priester und fügte hinzu: »Was du mir da erzählst, ist ungeheuerlich.«

Doch der Mann ließ ihn nicht mehr weiterreden. »Halt den Mund, Pfaffe! Und hör mir gut zu: Vor einigen Tagen ist mit der jungen Lindner etwas Komisches passiert.«

Jetzt blickte der Pfarrer das erste Mal hoch, er wollte sehen, wer ihm im Beichtstuhl gegenübersaß. Aber der Mann war maskiert. Der Pfarrer spürte Entrüstung und Zorn, die seinen ersten Schrecken verdrängten. »Was fällt dir ein«, empörte er sich, kam jedoch nicht weiter.

»Schnauze«, schnitt ihm der Besucher das Wort ab. »Ich hoffe, das, was du mit ihr gemacht hast und was du ihr gesagt hast, fällt unter das Beichtgeheimnis, so wie es sich gehört. Sonst könnte möglicherweise noch mehr passieren.«

»Das höre ich mir nicht länger an. Wenn du nichts zu beichten hast, dann verlass meine Kirche.«

»Einen Dreck werde ich tun. Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe?«

»Aus – kein Wort mehr«, sagte der Priester und wollte den Beichtstuhl verlassen. Als er die schmale Holztür öffnete, stand ein anderer Mann vor ihm, ebenfalls mit einer schwarzen Sturmhaube maskiert. Dieser Mann drängte ihn zurück auf seinen Sitz.

»Was fällt euch ein? Ihr Teufelsbrut!«, protestierte der Pfarrer erneut.

»Halt dein Maul!«

Ein Messer kam zum Vorschein und die Klinge funkelte matt im düsteren Zwielicht der Kirche. Der Pfarrer hatte Angst. Eine kräftige Hand packte ihn am Hals, die Messerspitze war gefährlich nahe an seinem Auge.

»Wenn so etwas wie mit der Lindner noch einmal vorkommt, schneiden wir dir deine Ohren ab oder vielleicht was anderes«, drohte der Mann im Beichtstuhl. »Und wenn nur ein Wort von dem, was dir die Kleine erzählt hat, nach außen dringt, auch. Hast du kapiert?«

Der Pfarrer nickte mit bleichem Gesicht.

»Schön, dann war’s das. Bete ein Vaterunser für mich und vergib mir meine Sünden – Amen!«

Die beiden Maskierten verschwanden wie ein böser Spuk.

7.

Mit dem Weg veränderte sich auch die Landschaft. Nach der Autobahn dominierten zunächst noch größere Städte mit Industrieanlagen, Einkaufparks und Autohändlern an den Stadträndern und langen Geschäftszeilen im Zentrum. Hohe Wohnhäuser prägten die Stadtbilder, die typischen Bauten der Genossenschaften, umrahmt von Wohnsiedlungen mit Einfamilienhäusern.

Seit Radek auf die Bundesstraße abgefahren war, verfolgten ihn großflächige Werbeplakate mit lachenden und vergnügten Menschen. Wanderer in grünen Bergwelten, einmal dynamisch über einen Bach setzend, ein andermal rastend und voller Ehrfurcht die Landschaft bewundernd und alles versehen mit dem in leuchtendem Gelb gehaltenen Titel »Wanderbares Niederösterreich«.

Dann wurden die Ortschaften kleiner, die Häuser niedriger. Die Berge rückten näher an die Straße, gewannen an Höhe und zeigten sich dicht bewaldet. Anstelle der Industrieanlagen waren nun holzverarbeitende Betriebe zu sehen. Sägewerke mit weit ausladenden Holzplätzen oder Zimmereien und Tischler. Die Lokale verloren ihren mondänen Charakter, waren nicht mehr Restaurants, sondern Gasthäuser, nicht mehr Cafés, sondern Konditoreien. Die Werbetafeln wurden spezifischer. Nicht mehr das ganze Bundesland wurde angepriesen. Die regionalen Ausflugsziele gewannen an Bedeutung. »Erlebniswelt Ötschergräben« konnte er auf einer Tafel lesen und wenige Kilometer weiter: »Ski- und Wanderparadies Hochkar«.

Die Straße zog sich in sanften und langen Kurven durch das Tal, folgte dabei dem Lauf eines Flusses und querte ihn immer wieder, sodass er einmal zu Radeks Linken floss und wenig später zu seiner Rechten.

Der Altweibersommer zeigte sich von seiner schönsten Seite, schenkte den Menschen noch einige Tage sommerlicher Wärme und ließ die Wälder in zarten Rottönen, in Gelb und Ocker leuchten.

Als er die Hinweistafel mit der Aufschrift »Wanderarena Schandau« sah, wusste Radek, dass er am Ziel war. Aber das hätte er auch ohne diese Hilfe bemerkt, denn das Erste, was ihm auffiel, war eine Burg, die linker Hand auf einer felsigen Anhöhe über dem Ort thronte wie der düstere Wächter eines Feldlagers. Die Burg selbst schien nicht allzu groß, keine stattliche Festung. Die Anlage wurde von einem gedrungenen, jedoch mächtig wirkenden Bergfried dominiert, der ihr einen bedrohlichen Charakter verlieh, flankiert von schroffen, hoch aufragenden Mauern mit Wehrgängen, schnörkellos, ohne Türmchen oder Erker.

Am Fuße der Burg präsentierte sich Schandau wie erwartet als ein kleiner, überschaubarer Ort. Die Hauptstraße führte zum Zentrum. Der Hauptplatz war ein längliches Oval, mit einer Grünfläche und drei großen Laubbäumen in der Mitte. Darunter standen mehrere Sitzbänke. Am hinteren Ende beherrschte eine gotische Kirche den Platz, an der breitesten Seite stand ein massiges Rathaus.

Rundum fädelten sich Geschäfte auf, ein Wirtshaus, eine Bäckerei, eine Tabak-Trafik, eine Papier- und Schreibwarenhandlung, eine Konditorei, ein Friseur, ein Kaufhaus und ein weiteres Wirtshaus.

Einige der Häuser machten den Eindruck, als wären sie ebenfalls Überbleibsel aus der gotischen Hochblüte oder der frühen Neuzeit, jedenfalls schienen sie sorgsam restauriert worden zu sein und bildeten ein traditionelles Ensemble mit altmodischem Charme. Neuere Gebäude fügten sich perfekt in die Gebäudefront.

Radek gefiel die altmodische Bescheidenheit, die von diesem Hauptplatz ausging. Es kam ihm vor, als sei die Zeit stehen geblieben, sogar die Aufschrift »Kaufhaus« schien aus vergangenen Jahrzehnten in die Gegenwart gerettet worden zu sein. Es überraschte ihn, dass sich hier bisher keine Lebensmittelketten oder Drogeriemärkte angesiedelt hatten. Vielleicht war der mögliche Kundenkreis zu klein für die großen Konzerne.

Ein idyllisches Plätzchen am Ende der Welt, dachte Radek. Das war ein Ort für gestresste Manager, um ein paar Tage abzuschalten und zu verhindern, dass sie ins Burn-out kippten. Oder für Schriftsteller, die eine ruhige Ecke suchten, um ihren nächsten Roman zu schreiben. Aber sicher nicht, um hier zu leben. Und schon gar nicht, um hier als Jugendliche aufzuwachsen. Er verstand plötzlich, dass Bernadette abgehauen war, um in der Stadt einen draufzumachen.

Er bezweifelte, ob er hier überhaupt Empfang für sein Handy hatte.

Das Gasthaus »Falk«, in dem Radek ein Zimmer reserviert hatte, befand sich schräg gegenüber der Kirche. Er parkte neben dem Haus.

Vor dem Lokal befand sich eine große Terrasse mit Tischen, Stühlen und aufgespannten Sonnenschirmen. Drei junge Männer saßen an einem Tisch, unterbrachen ihr Gespräch, als Radek die Treppe hochstieg, und beobachteten ihn schweigend, als er in das Lokal ging. Dann stand er in einem Gang, an dessen Ende eine Treppe hochführte, links eine Tür mit der Aufschrift »Gaststube«, rechts eine zweite mit dem Schild »Speisesaal«.

Er ging in die Gaststube, ein langer Raum, der sich um die Ecke zog, im Stil der 80er-Jahre mit viel Holz an Decke und Wänden eingerichtet. Gleich rechts neben der Tür war ein großer Ausschank, der erste Teil als Rezeption gestaltet, mit einem Schlüsselboard und Postfächern sowie einer Art Schreibtisch mit Computer. Ein Mann saß davor, blickte kurz auf, als er Radek bemerkte, erhob sich und begrüßte ihn freundlich.

»Ich habe ein Zimmer reserviert«, sagte Radek und nannte seinen Namen.

Der Mann reichte ihm die Hand und stellte sich als Herr Falk, der Wirt, vor. Er war Anfang 40, untersetzt. Mit seiner Trachtenweste, der Lesebrille auf der Nase und dem schütteren Haar machte er den Eindruck eines gemütlichen und umgänglichen Landbewohners, der fernab von Stress und Hektik ein beschauliches Dasein fristete.

Wie ein Klischeebild aus dem Prospekt des örtlichen Tourismusverbands, dachte Radek.

Falk gab ihm einen Schlüssel. »Zimmer 105, im ersten Stock«, erklärte er. Dann reichte er ihm den Block mit dem Meldeformular über den Tresen. »Vielleicht können wir die Formalitäten gleich erledigen«, sagte er. »Wie lange wollen Sie bleiben?«

»Ich weiß noch nicht, aber ich denke, mindestens bis Dienstag. Möglicherweise auch noch ein paar Tage länger.«

Der Wirt zuckte mit den Schultern. »Kein Problem, lassen Sie das Feld für die Abreise frei und bleiben Sie, solange Sie wollen.«

»Nicht viel los in der Nachsaison?«, fragte Radek.

»Das ist unterschiedlich. Hängt vom Wetter ab. Momentan ist es ein bisschen ruhiger. Im Sommer allerdings waren wir gut belegt.«

Radek begann das Meldeformular auszufüllen. »Ich nehme an, Ihre Gäste sind Wanderer und Städter auf Sommerfrische?«

»Da nehmen Sie richtig an. Sie sind aus Wien?«

Der spöttisch-verächtliche Tonfall in der Stimme des Wirtes entging Radek nicht. »Aus Niederösterreich. Sankt Pölten«, erklärte er.

»Ja, nett«, sagte Falk. »Kenn ich. Da gehen viele von uns hin. Oder nach Wien. Es ist hier ein großes Problem, dass die Jungen lieber in die Stadt ziehen, weil es dort die besseren Jobs gibt. Den Jungen ist das Dorf nichts mehr wert.«

»Schade. Die Gegend ist wunderbar.«

»Zum Wandern schon«, sagte der Wirt bitter. »Aber nicht zum Arbeiten.«

Falk wirkte immer verdrießlicher, daher wollte Radek dieses Thema nicht länger strapazieren. »Haben Sie eine Empfehlung, welche Wanderungen lohnenswert sind?«, fragte er.

»Sicher.« Falk suchte aus einem Ständer unter dem Schlüsselboard eine Broschüre und schob sie Radek über das Pult.

»Wenn Sie sich die Gegend ansehen wollen, finden Sie hier drinnen bestimmt die richtige Wandertour dafür.«

Radek blätterte in der Broschüre, auf deren Titelseite ein großes Logo des Tourismusvereins Schandau prangte und die eine Kombination von Fremden- und Wanderführer war. »Danke«, sagte er. »Ist die Burg Rotenstein eigentlich zu besichtigen?« Er fragte es beiläufig, obwohl er aus dem Internet wusste, dass es dort keinen Zutritt gab. Aber möglicherweise wurde es vor Ort anders gehandhabt, er wollte sich diesbezüglich noch einmal erkundigen.

Der Wirt wurde hellhörig und warf ihm einen misstrauischen Blick zu, als wäre es verboten, über die Burg zu sprechen. Schon einen Moment später entspannte sich seine Miene wieder, als schien es ihn nichts anzugehen, und er antwortete in gleichmütigem Ton: »Nein, eine Besichtigung ist nicht möglich. Die Burg ist bewohnt und der Herr Baron wünscht das nicht.«

Damit war für ihn die Sache erledigt. Er drehte sich um, begann den Spüler für die Gläser auszuräumen und nahm von Radek keine Notiz mehr, als hätte sich sein Gast in Luft aufgelöst.

Der Herr Baron wünscht das nicht, dachte Radek. Offensichtlich wollte er nicht gestört werden. Und offensichtlich funktionierten hier in der tiefsten Provinz die Untertänigkeit der vergangenen Jahrhunderte und die Autoritätshörigkeit des alten Österreichs noch immer problemlos, hatten sich vererbt und fortgesetzt bis ins digitale Zeitalter. Die Leute kommunizierten zwar mit ihren Smartphones rund um die Welt und buchten über das Internet Abenteuerurlaube in Kanada, aber wenn der Herr Baron seine Ruhe haben wollte, dann waren alle ganz artig und folgsam.

Radek füllte das Meldeformular fertig aus. Als er im Feld mit dem Beruf angelangt war, überlegte er einen Moment, ob er Polizist angeben sollte, entschied sich jedoch dagegen und schrieb »Beamter«.

Radek nahm den Schlüssel. »Im ersten Stock, sagten Sie, ist das Zimmer?«

»Ja, erster Stock links.« Der Wirt bestätigte das, ohne sich umzudrehen oder seine Tätigkeit zu unterbrechen. »Frühstück von 7.30 Uhr bis 11 Uhr im Speisesaal.«

Den hatte Radek beim Hereinkommen auf der anderen Seite des Gangs gesehen. Er holte seine Reisetasche aus dem Auto und ging hinauf in sein Zimmer. Das war so einfach, aber gemütlich, wie er es aus anderen Gasthäusern auf dem Land kannte. Ein kleiner Vorraum, Kasten, Bad und WC, Tisch mit zwei Stühlen, eine Ablage für die Reisetasche, ein Fernseher mit Museumsreife. Auf dem Balkon ein alter Gartensessel und ein kleiner Blechtisch mit einem Aschenbecher.

Radek richtete sich im Zimmer ein, räumte seine Tasche aus, und als er sein Gewand im Kasten verstaut hatte, ging er wieder nach unten. Er setzte sich auf die Terrasse vor dem Gasthaus und bestellte eine Tasse Kaffee. Die Gäste von vorhin waren mittlerweile gegangen. Er genoss den warmen Herbstnachmittag. Auf dem Hauptplatz waren keine Leute unterwegs. Es war kurz nach 14 Uhr und die Geschäfte hatten bereits geschlossen.

Nachdem er seinen Kaffee getrunken hatte, entschied er sich, spazieren zu gehen. Er zog im Zimmer seine Wanderschuhe an und machte sich auf den Weg. Wie magisch zog es ihn hinauf zur Burg Rotenstein. Lag es daran, dass er sich durch das geplante Studium beinahe als Historiker fühlte und die geschichtlichen Orte ganz automatisch seine Aufmerksamkeit erregten und einen unwiderstehlichen Reiz entwickelten?

Er stieg die Zufahrtsstraße hoch. Oben, hinter der Burg, vom Dorf aus nicht zu sehen, befand sich ein großer Parkplatz, von niedrigen Hecken umgeben und mit Bäumen bewachsen. Am Ende des Parkplatzes sah er eine Garage und ein Wirtschaftsgebäude. Auf dem Parkplatz standen mehrere Autos.

Hinter der Burg führte eine Wiese zunächst flach und dann etwas ansteigend hinauf zum Waldrand. Ein Teil der Wiese, nahe den Gebäuden, war als Koppel abgezäunt, Radek sah dort zwei Pferde grasen. Ein idyllisches Fleckchen.

Die Burg überragte die Landschaft, und der mächtige viereckige Bergfried, der Radek schon aufgefallen war, als er in die Ortschaft kam, klotzte vor ihm wie ein unüberwindbares Hindernis. Die Burg war auf einem Felsmassiv aus rötlichem Stein erbaut. Jetzt wusste er auch, woher sie ihren Namen hatte.

Bevor sich Radek weiter der Betrachtung des gewaltigen Bauwerks hingeben konnte, stand plötzlich ein Mann vor ihm. Schwarzes Hemd, Jeans, ein dunkles Sakko. Groß, kräftig gebaut, kurz geschorenes Haar. Er trug einen Ohrhörer, ein Spiralkabel führte unter sein Jackett.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte der Mann bestimmt, aber nicht unhöflich. »Das hier ist ein Privatgrund.«

Radek war überrascht. Der Typ sah aus wie ein Bodyguard oder der Türsteher einer Diskothek in der Großstadt und passte überhaupt nicht in diese Gegend.

»Ich wollte mir die Burg ansehen«, sagte Radek wahrheitsgemäß, dennoch alarmiert. »Und ich dachte, es gibt einen Weg rundherum.« Er machte auf naiven Touristen, das konnte nie schaden.

»Nein, es gibt keinen Weg um die Burg. Die Burg ist bewohnt und Privatbesitz. Der Herr Baron wünscht nicht, dass sich Leute hier herumtreiben.«

Aha, wieder der Herr Baron, der was nicht wünscht, dachte Radek.

»Sie müssen zurück ins Dorf. Von dort haben Sie mehrere Möglichkeiten, um im Wald oder auf den umliegenden Bergen zu wandern«, erklärte ihm der Mann. Er sprach wie mit einem ungezogenen Kind und baute sich vor Radek auf.

Radek war klar, dass der Parkplatzwächter ihn ohne zu zögern mit Gewalt am Weitergehen hindern würde. »Danke für die Auskunft«, sagte er deshalb und warf noch einen Blick auf die Autos. Euer Hochwohlgeboren wünscht gewiss, mit seinen Gästen ungestört zu sein, lag ihm auf der Zunge. Aber er schluckte die Bemerkung hinunter, weil er den Großen nicht unnötig provozieren wollte. Er machte brav kehrt, ging die Straße zurück ins Dorf und suchte sich von dort einen Wanderweg in den Wald.

8.

Der herbstliche Wald lud nicht nur zum Wandern ein, sondern auch zum Fotografieren. Die Sonne in den Bäumen, die unterschiedlichsten Farbtöne der Blätter, die im sanften Gegenlicht aus jedem Blickwinkel anders wirkten, diese spätsommerliche Stimmung lockte nicht nur Spaziergänger in die Natur, sondern auch so manchen Hobbyfotografen.

Deshalb fiel der Mann nicht auf, der mit einer kleinen Fototasche durch den Wald schlich. Ja, es war ein Schleichen, kein Gehen. Er wollte nicht gesehen werden. Und leise zu sein war dafür die erste Voraussetzung. Aus diesem Grund hatte er nur das Nötigste dabei: das Gehäuse seiner Canon EOS 2000D, zwei Zoomobjektive, einen Telekonverter, ein Stativ. Und ein Nachtsichtgerät. Er durfte kein Licht verwenden. Er legte Wert auf wenig Ausrüstung, wollte nicht mit einer riesigen, schweren Fototasche herumlaufen, damit auffallen und von ihr behindert werden. Er musste beweglich bleiben. Er war nicht gekommen, um Bäume oder Blätter zu fotografieren.

Der Fotograf wusste genau, wohin er musste. Er war nicht zum ersten Mal hier. Alles war vorbereitet. Er hatte ihre Autos gesehen, als sie durch das Dorf fuhren, und hatte gewusst, es war wieder so weit. Er bemerkte nicht immer, wenn sie kamen. Sie trafen sich unregelmäßig, wahrscheinlich vereinbarten sie bei jedem Treffen bereits ihren nächsten Termin. Aber er sah sie häufig, das genügte ihm.

Er hatte sein Zeug geschnappt und war in den Wald hinaufgegangen. Seine Frau wunderte sich nicht mehr darüber. Er hatte erst vor wenigen Jahren mit dem Fotografieren begonnen, und sie war froh gewesen, dass er ein Hobby gefunden hatte, welches ihm Freude bereitete und ihn darüber hinaus noch dazu bewegte, in die Natur zu gehen. Und seine Kinder scherten sich sowieso nicht um das, was er machte, solange er sie nicht damit nervte oder es ihnen peinlich wurde.

Langsam und vorsichtig bewegte er sich durch den Wald. Niemand durfte ihn sehen oder bei dem, was er tat, erwischen. Er hatte keine Ahnung, was sie dann mit ihm tun würden, aber er wusste, dass es nichts Angenehmes sein würde.

Immer wieder verharrte er still und lauschte wie ein Jäger. Im Grunde war er das auch – ein Jäger. Aber ohne Gewehr und nicht hinter Tieren her.

Ohne Probleme fand er die Abzweigung vom Pfad, die nur er kannte. Hinein in den Wald, weg von den Wanderern und Spaziergängern, die sich selten um diese Zeit noch im Wald herumtrieben.

Immer tiefer drang er in das Dickicht vor, bis er an den Waldrand kam. Dahinter lagen eine leicht abfallende Futterwiese, die Burg und darunter das Dorf. Der Waldrand war dicht verwachsen mit wilden Hecken und Büschen, mit Brombeer-, Haselnuss- und Holundersträuchern. Er hätte auch über die Futterwiese zu seinem Platz gehen können, aber dabei lief er Gefahr, vom Dorf oder von der Burg oder von der Straße, die zum Friesenbichler-Bauern führte, gesehen zu werden, und das hätte alle seine Pläne zunichtegemacht.

Er war schon oft hier gewesen, sehr oft sogar, und hatte mit einer Heckenschere eine Nische in das beinahe undurchdringliche Dickicht geschnitten, sodass er nahe genug an den Wiesenrand kam, um einen freien Blick nach unten zu haben.

Eine perverse Neugier befiel ihn, als er die Fotoausrüstung auspackte. Er stellte das Stativ mit einem kräftigen Ruck auf den Boden, schraubte das Kameragehäuse fest und drehte den Zweifach-Telekonverter mit dem 70-300er Zoomobjektiv auf den Fotoapparat. Er steckte den Fernauslöser an.

Dann spähte er durch den Sucher und aus dem Dickicht. Ja, das war gut, viel besser als beim letzten Mal. Er veränderte die Brennweite und machte die ersten Fotos von dem Pärchen, das eben mit dem Auto unter ihm die Straße hochfuhr und auf dem Parkplatz anhielt. Perfekt, es war perfekt! Eine unbestimmte Erregung ergriff ihn.

Während er fotografierte, überlegte er bereits, ob sein Versteck für die Bilder sicher war. Denn er musste sie verstecken, wie die anderen Fotos auch, die er von hier aus geschossen hatte. Niemand durfte sie finden. Daher vertraute er auch keinem. Weder seiner Frau noch seinen Kindern. Sie waren keine schlechten Menschen, im Gegenteil, aber sie waren genauso verführbar wie die anderen. Deshalb traute er ihnen nicht über den Weg. Und den Leuten im Dorf sowieso nicht.

Er bereute es, den Fotoapparat nicht mitgenommen zu haben. Der Herbst, der sich im Wald in strahlenden Farben präsentierte, hätte eine Menge schöner Fotomotive geboten. Radek hatte eine der Wanderrouten aus der Broschüre, die ihm Falk gegeben hatte, ausgewählt und war eine lange Runde im Wald gegangen, bei der er fast zwei Stunden unterwegs gewesen war.

Jetzt saß er auf der Terrasse vom Gasthaus »Falk«, hatte ein herrlich kühles Bier vor sich auf dem Tisch und blätterte in der Broschüre, um eine Wanderung für den nächsten Tag zu suchen.

Schräg gegenüber vor einer Fleischhauerei standen zwei ältere Frauen auf dem Gehsteig und tratschten. Offensichtlich hatten sie eine ganze Menge zu besprechen, denn als Radek das Bier halb ausgetrunken und für morgen eine Tour gefunden hatte, waren sie noch immer dort. Während er überlegte, was wohl so interessant sein könnte, dass es die beiden Frauen dazu brachte, ein zufälliges Treffen derart auszudehnen, kam ein etwa 20-jähriges Mädchen in einem langen dunklen Mantel den Gehsteig entlang. Bevor sie die beiden Frauen erreicht hatte, unterbrachen diese ihr Gespräch, wichen zur Seite, senkten in einer unterwürfigen Geste die Augen und ließen die Jüngere vorbeigehen. Danach setzten sie ihr Gespräch fort, allerdings steckten sie nun die Köpfe zusammen und tuschelten aufgeregt. Immer wieder blickten sie verstohlen der jungen Frau nach, als hätten sie Angst, dass das Mädchen sie hören und zurückkommen könnte. Radek wunderte sich, warum die beiden Klatschtanten sich vom Auftauchen der jungen Göre so einschüchtern ließen, einfach zur Seite traten, ohne ein Wort zu sagen, jetzt aber ihr Gift über die Jugendliche und das eben Geschehene verspritzten.

Immer das gleiche Spiel, dachte er, zuerst kuschen, sich nicht trauen, aufzustehen, und sich dann das Maul zerreißen. Er trank sein Bier aus. Die Sonne war hinter den Hügeln verschwunden und es wurde kühler. Zeit, hineinzugehen.

Zwei Stunden später saß er in der Gaststube, und während er aß, füllte sich das Lokal. Männer setzten sich an die Theke, tranken Bier oder Wein, gingen wieder, machten damit Platz für andere. An den Tischen sammelten sich einige Jugendliche. Es war Samstagabend und das Schandauer Nachtleben ziemlich bescheiden, vermutete Radek. Wer nicht mit dem Auto in eine der größeren Städte in der Umgebung fahren konnte, musste sich wohl oder übel mit den beiden Gasthäusern hier im Dorf zufriedengeben.

Das hier war also das Lokal, in dem Bernadette Lindner am Abend ihres Verschwindens gewesen war. Radek überlegte, ob er Falk gleich befragen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Noch war er hier auf einem Wochenendurlaub und nicht im Dienst.

Radek hatte ein Buch mitgenommen, das ihn interessierte und das er sicherlich auch für die Uni gebrauchen konnte, sowie einen Schreibblock. Er wollte sich angewöhnen, seine Lektüre, die er in Zukunft zu lesen hatte, gewissenhaft zu exzerpieren, um sich damit später Zeit und Arbeit zu ersparen. Er las intensiv und konzentriert, obwohl er sich bemühte, keinen der Gäste, die kamen und gingen, zu übersehen. Er versuchte die Leute zu sondieren, ohne dabei aufdringlich zu wirken, sie einzuschätzen und sich ein Bild von den Bewohnern des Ortes zu machen.

Irgendwann im Laufe des Abends kam eine junge Frau ins Lokal und setzte sich an den Ausschank. Sie fiel ihm auf, weil sie hübsch und alleine war. Die Männer an der Bar begrüßten sie freundschaftlich, ebenso die Kellnerin, sie war also keine Unbekannte. Radek bemerkte sofort ihren dunklen Lidschatten, der ihr mit dem halblangen brünetten Haar und ihrer schwarzen Kleidung ein beinah mondänes Erscheinungsbild verlieh, das viel besser in ein Wiener Szene-Lokal als in dieses Dorfgasthaus gepasst hätte.

Sie bestellte ein Glas Rotwein, zündete sich eine Zigarette an, blickte sich im Lokal um und registrierte, dass Radek sie beobachtete. Es schien sie nicht zu stören. Im Gegenteil, Radek hatte den Eindruck, als würde sie ihre Wirkung auf ihn genießen. Sie wandte sich der Kellnerin zu, die gerade an der Espressomaschine hantierte. Schnell wechselten sie einige Sätze, sie erkundigte sich nach dem fremden Gast. Dann drehte sie sich wieder zu Radek, schlug die Beine übereinander und musterte ihn mit interessiertem Blick. Sie lächelte. Ihr Verhalten war nicht verführerisch, eher neugierig, als ob sie fragen wollte: Na, was bist denn du für einer? Radek wusste, dass er nicht hässlich war, und kannte seine Wirkung auf Frauen. Trotzdem war es ihm beinahe peinlich, so direkt in Augenschein genommen zu werden, vor allem, weil das Verhalten des Mädchens auch die Aufmerksamkeit der übrigen Männer an der Bar auf ihn lenkte und sie ihrem Blick folgten. Plötzlich starrten ihn vier weitere Augenpaare an. Sie beobachteten ihn allerdings nicht freundlich, sondern argwöhnisch. Aus Verlegenheit nahm Radek sein Bier und prostete den Leuten an der Bar jovial zu, aber die Männer ignorierten es. Das Mädchen allerdings hob das Glas und erwiderte seine Geste mit einem Kopfnicken und einem Lächeln.

Radek versteckte sich wieder hinter seinem Buch und las weiter.

Später am Abend leerte sich das Gasthaus langsam. Auch das Mädchen an der Bar verschwand bald, nachdem sie das Glas Wein ausgetrunken hatte. Als Radek bemerkte, dass er mittlerweile der letzte Gast war und die Kellnerin ihn gelangweilt beobachtete, ging er in sein Zimmer hinauf.

9.

Etwas stimmte nicht. Es war ihm nicht sofort klar und es dauerte eine Weile, bis er dahinterkam. Radek saß beim Frühstück am Fenster, so, dass er nach draußen auf den Hauptplatz blicken konnte. Er war der einzige Gast, zumindest war kein anderer Tisch gedeckt. Die Kellnerin brachte ihm ein üppiges Frühstück. Wurst, Käse, Butter, Marmelade, reichlich Gebäck und eine große Thermoskanne mit Kaffee. Er bestellte ein weiches Ei. Er liebte es, ausgiebig und lange zu frühstücken. Er hatte sich von der Theke einige Tageszeitungen geholt und blätterte sie mit mäßigem Interesse durch. Manchmal warf er einen Blick aus dem Fenster nach draußen.

Und während er aß und ab und zu auf den Hauptplatz hinaussah, begann ihn etwas an dem Bild zu stören.

Es war ein schöner Morgen. Er hatte hervorragend geschlafen und es war kurz nach 9 Uhr. Die Herbstsonne schien mild auf den menschenleeren Platz vor der Kirche.

Das war es: keine Menschen vor der Kirche. Das störte ihn.

Radek war nicht religiös. Ein Arbeiterkind, seine Familie war sozialdemokratisch aus tiefster Seele, da gab es keinen Platz für die Kirche. Seine religiöse Erziehung beschränkte sich auf die katholischen Pflichtübungen: Taufe, Erstkommunion, Firmung. Gerade so viel, dass ein Kind in der Provinz überleben konnte, ohne ins soziale Aus gedrängt zu werden, in einem Land, das von Kirche nur so triefte und in dem sogar die Sozialisten katholisch waren, wie es sein Vater verächtlich ausdrückte. Aber auch keinen Fingerzeig mehr. So war es nur eine logische Konsequenz, dass Radeks erste eigenständige politische Handlung – als solche sah er es – nach Erreichen der Volljährigkeit darin bestanden hatte, aus der Kirche auszutreten.

Deshalb hatte er keine Erfahrung mit der Kirchenpraxis und war ein wenig verunsichert. Möglicherweise täuschte er sich. Aber er wusste, dass die Leute am Sonntagvormittag in die Messe gingen, davor und danach vor der Kirche standen, tratschten. Anschließend marschierten die Männer ins Wirtshaus, während die Frauen sich auf den Weg nach Hause machten, um das Mittagessen zu kochen. Doch vielleicht war das nur ein Klischee, alles nicht mehr wahr, längst überholt. Trotzdem fand am Sonntagvormittag der Gottesdienst statt. Daran hatte sich noch nichts geändert.

Der Gedanke ließ ihm keine Ruhe, und je länger er darüber nachdachte, desto unruhiger wurde er. Er brauchte Gewissheit.

Er trank seine Tasse Kaffee aus und gab der Kellnerin Bescheid, dass er schnell etwas erledigen müsse, aber gleich wieder zurück sei und sie das Frühstück noch nicht abräumen solle. Dann eilte er über den Platz zur Kirche. Er trug nur einen Sweater, darunter ein T-Shirt, er hatte nicht vor, lange wegzubleiben, und in der milden Sonne war es ohnehin nicht kalt.

Neben dem Kirchenportal sah er eine Tafel mit der Aufschrift »Heilige Messe« und den Uhrzeiten, zu denen sie stattfand. Er blickte auf die Uhr. 9.30 Uhr, die Messe müsste vor 15 Minuten begonnen haben. Er hatte jedoch seit gut einer Stunde den Platz vor der Kirche im Blick. Möglicherweise gab es einen Seiteneingang, den er übersehen hatte.

Vorsichtig öffnete er die schwere Holztür, er wollte nicht stören. Er zog die Tür einen Spalt weit auf, schlüpfte hinein, schloss sie leise hinter sich und blickte sich überrascht um. Die Kirche war – leer. Oder – beinahe leer. Über die ersten beiden Bankreihen verstreut saßen drei alte Frauen und ein Paar, ebenfalls weit im Rentenalter. Vorne beim Altar stand ein einsamer Pfarrer, kein Messner, keine Ministranten, niemand. Außer diesen sechs Personen war kein Mensch in der Kirche. Radek hatte noch nie in seinem Leben eine so leere Kirche gesehen, nicht einmal jene, die er im Urlaub als Sehenswürdigkeiten besucht hatte.

Der Priester bemerkte ihn, zögerte einen kurzen Augenblick und fuhr dann mit seiner Messe fort.

Radek blieb noch einige Minuten neben der Tür stehen, ließ die Liturgie und ihre Rituale, die ihm vor den wenigen Besuchern völlig sinnentleert erschienen, auf sich wirken. Anschließend verließ er die Kirche so leise, wie er gekommen war, und kehrte zurück ins Gasthaus »Falk«.

Eine leere Kirche, ein Gottesdienst ohne Menschen. Das war ihm nicht geheuer.

Radek hatte sich vorgenommen, eine Wanderung auf den Schneekogel zu machen. In der Broschüre, die ihm Falk am Vortag gegeben hatte, war eine einfache Rundtour mit einer Dauer von vier Stunden beschrieben, das erschien ihm ein überschaubarer Ausflug zu sein. Der Berg selbst wurde mit einer Höhe von etwas weniger als 1.400 Metern ausgewiesen. Er nahm nicht viel Ausrüstung mit. Einen kleinen Rucksack mit einem Regenschutz, Wasser und einen Apfel.

Dann machte er sich auf den Weg, verließ das Dorf am Nordende, fand hinter der Kirche den markierten Wanderweg, der durch den Wald auf den Schneekogel führte, und folgte ihm in gemächlichem Schritt. Er hatte es nicht eilig. Es war halb elf, er rechnete damit, spätestens um 15 Uhr zurück zu sein.

Er war etwa eine halbe Stunde unterwegs, als ihm ein Reiter in leichtem Trab entgegenkam. Das verwunderte Radek, da er nicht vermutet hätte, dass auf einem Wanderweg Reitausflüge unternommen wurden. Der Weg stieg sanft an, war nicht allzu breit und erschien ihm für einen Ausritt wenig geeignet.

Der Reiter trug hohe Stiefel, Breeches und einen kurzen Lodenmantel mit Halstuch. Auf dem Kopf hatte er eine Mütze fest in die Stirn gedrückt, unter der angegraute Haarlocken hervorlugten. Er hielt die Zügel in der rechten Hand, in seiner linken, die er auf die Hüfte stützte, trug er eine Reitgerte. Er verlangsamte sein Tempo nicht, machte auch keine Anstalten, das Pferd nur eine Handbreit auf die Seite zu führen. Radek musste in den Wald hinein flüchten, um den Reiter passieren zu lassen. Wäre er nicht ausgewichen, hätte der Typ ihn geradewegs umgeritten. Das Recht des Stärkeren, dachte der junge Polizist, und fragte sich, ob es nicht irgendeine Vorschrift gab, die das Reiten im Wald verbot.

»Aufpassen! Fußgänger!«, rief Radek dem Mann mit provokantem Ton hinterher, doch der schenkte ihm keinerlei Beachtung. Er saß gerade aufgerichtet, aber entspannt im Sattel und sein Oberkörper wippte im Takt der Schritte des Pferdes. Den Blick starr nach vorne gerichtet, ritt er wie in Trance an Radek vorbei. Er verhielt sich, als hätte er den Wanderer gar nicht gesehen oder als würde der Weg ihm gehören und jeder Besucher ein lästiger, bestenfalls geduldeter Gast sein.

Arrogantes Arschloch, dachte Radek, du meinst wohl, der Wald ist für dich alleine da. Er wollte dem Mann eine entsprechende Bemerkung nachrufen, doch der trieb das Pferd durch einem schnellen Schlag mit der Gerte an und entfernte sich in scharfem Trab. Er hätte Radeks Unmut nicht mehr mitbekommen, deshalb schluckte dieser ihn hinunter und versuchte, den Zwischenfall zu vergessen. Er wollte sich den schönen Tag nicht durch einen blasierten Kavalleristen vermiesen lassen.

10.

Als der Friesenbichler-Bauer aus dem Wirtshaus kam, hatte er ordentlich getankt. Einen Moment lang musste er nachdenken, wo sein Auto geparkt war, bis ihm einfiel, dass er es gegenüber dem Gasthof »Zur Linde« abgestellt hatte, weil vor dem Lokal kein Parkplatz frei gewesen war und er sich darüber geärgert hatte. Ohne darauf Acht zu geben, ob ein Auto unterwegs war, torkelte er über die Straße. Dabei versuchte er sich halbwegs zusammenzureißen, nicht, weil er Angst davor hatte, gesehen zu werden oder aufzufallen, sondern weil er sich selbst nicht eingestehen wollte, so betrunken zu sein, dass er seinen Gang nicht mehr unter Kontrolle hatte. Die Leute im Dorf scherten ihn einen Dreck, die sollten denken, was sie wollten, diese Feiglinge, er würde nicht vor ihnen kuschen, und schon gar nicht würde er sich so benehmen, dass sie nicht in ihrem Anstand gekränkt waren. Sollten sie sich ruhig das Maul zerreißen, ihm war das egal. Von 9.30 Uhr bis jetzt am Nachmittag war er beim Stadelmaier gesessen und hatte gut eineinhalb Liter Wein getrunken, aber er fühlte sich noch fahrtauglich. Außerdem waren die Polizisten am Sonntag sowieso mit anderen Dingen beschäftigt: Mittagessen, Kaffeetrinken und ähnliche Sachen. Um Schandau scherten sie sich kein bisschen, das hatten sie noch nie getan, ganz egal, was hier alles passiert war. Warum sollten sie gerade heute damit anfangen?

Der Friesenbichler hatte einige Schwierigkeiten, den Wagen aufzusperren, seinen dicken Bauch hinters Lenkrad zu quetschen, das Zündschloss zu finden und zu starten. Aber dann fuhr er im Retourgang aus dem Schrägparkplatz, ohne nach hinten zu schauen.

Um diese Zeit fährt sowieso niemand auf der Straße, auch sonst läuft keiner herum, die sitzen alle zu Hause vor dem Fernseher und trauen sich nicht heraus. Es könnte ja irgendwer sehen, dass sie was Verbotenes tun. Feiglinge, allesamt, miese Feiglinge.

Das Getriebe krachte undankbar, als er den ersten Gang hineinwürgte. Weil er die Kupplung zu schnell kommen ließ, schoss der Wagen mit einem Sprung nach vorne, bevor der Friesenbichler gemächlich aus dem Dorf hinausrollte.

Etwa einen Kilometer nach dem Ortsende zweigte die Straße ab, die zu seinem Hof führte. Seine Alte würde maulen, weil er nicht zum Mittagessen gekommen und schon wieder besoffen war. Aber das interessierte ihn genauso wenig wie das Gerede der Leute im Dorf. Er arbeitete die ganze Woche wie ein Ochse, zwölf, vierzehn Stunden am Tag, trotz seiner 58 Jahre. Da konnte er sich wohl ab und zu einen richtigen Rausch gönnen. Und dafür war der Sonntag genau recht.

Langsam schlängelte er sich den Weg höher. Er kam durch ein Waldstück und musste abrupt bremsen. Quer über der Straße lag ein Mountainbike. Er schaffte es gerade noch, den Wagen anzuhalten, wobei er dem Fahrrad gefährlich nahekam. Einen Moment lang überlegte er sogar, einfach drüberzufahren, mit seinem alten Nissan Terrano wäre das sicher kein Problem, aber er hatte Angst, sich den Tank oder den Auspuff zu beschädigen. Deshalb blieb er stehen und stieg laut fluchend aus.

»Was für eine Scheiße ist denn das? Jetzt lassen diese Arschlöcher ihre verfluchten Drahtesel schon mitten auf der Straße liegen, wenn sie im Wald pinkeln.«

Er war bei dem Fahrrad angekommen und bückte sich ächzend, um es hochzuwuchten und in den Straßengraben zu schmeißen. Doch bevor er danach greifen konnte, wurde er zur Seite gerissen und mit dem Rücken auf die Kühlerhaube seines Autos geschleudert.

Ein maskierter Mann drückte ihm den Unterarm unter dem Kinn auf den Hals, und die Spitze eines Jagdmessers zielte auf sein rechtes Auge. Überrascht und unfähig, einen Ton zu sagen, starrte er zunächst auf die Messerspitze und dann auf das mit einer Sturmhaube maskierte Gesicht vor ihm.

»Was willst du von mir, du blöder Saubub?«, presste Friesenbichler hervor, als er sich von seinem ersten Schrecken erholt hatte. »Lass mich in Ruh und schleich dich zu deinen beschissenen Kumpanen.« Der Druck des Unterarms an seinem Hals wurde stärker und sperrte ihm die Luft ab.

»Halt dein Maul«, sagte der Maskierte leise, aber bestimmt, »und spiel auf deine alten Tage nicht den Helden, sonst lass ich dir die Luft raus.«

Die Messerspitze befand sich plötzlich an Friesenbichlers Hals, er konnte sie deutlich unter seinem Kehlkopf spüren.

»Scheißhund«, würgte er heraus, »was willst du von mir?« Doch als der Druck der Messerspitze stärker wurde, entschied er, nichts mehr zu sagen.

»Friesenbichler, du bist ein alter sturer Bauernschädel. Es würde mir großen Spaß bereiten, ihn dir einzuhauen. Aber leider müssen wir noch ein bisschen miteinander im Geschäft bleiben. Deshalb bring ich dich nicht um.«

»Geh scheißen!«, fluchte der Bauer. »Mit uns gibt’s kein Geschäft.«

Der Mann stieß dem Friesenbichler das Knie zwischen die Beine, und der Bauer winselte vor Schmerz, den er trotz seines Alkoholspiegels spürte.

»Halt einfach die Schnauze und hör mir zu. Du schneidest morgen am Geißkogel ein paar Bäume um?«

»Na und, was geht dich das an?«

Der Maskierte ignorierte die Frage. »Und du hast mit dem Kienberger verhandelt und willst ihm das Holz verkaufen?«

Woher wusste der Kerl das? Diese Abmachung war still und heimlich getroffen worden. Niemand sollte das mitbekommen. Friesenbichler würde das Schlagen der Bäume beaufsichtigen, und wenn es so weit war, würde er den Kienberger informieren, damit sie die Stämme wegbringen konnten. Der Kienberger zahlte weitaus besser als die anderen Sägewerke. Aber Friesenbichler wusste, dass das nicht ausreichte. »Na und? Das geht dich einen Scheißdreck an, du blöder Rotzbub!«, schimpfte der Bauer weiter.

Erneut ein Stoß mit dem Knie, Friesenbichler stöhnte.

»Sei froh, dass du so besoffen bist«, sagte der Maskierte. »Weil, wenn du nüchtern das Maul genauso aufreißen tätest, würd ich dir deine Zähne so weit hineinhauen, dass sie dir beim Arsch wieder rauskommen.«

Friesenbichler zweifelte keinen Moment daran, dass der Maskierte das ernst meinte, und wurde nun doch etwas kleinlauter. Sein Gesicht verlor trotz des vielen Weins die rote Farbe und bekam eine fahle Blässe. Ihn ergriff eine unbestimmte Angst, sie drängte sich durch die dicke Decke, mit der der Alkohol seine Gedanken dämpfte. Im selben Maße, mit dem sein Kopf klarer wurde, erkannte er die Gefahr, in der er schwebte.

»Hör mir zu, du versoffenes Schwein«, der Maskierte kam nun zur Sache. »Du kannst so viel Wald umholzen, wie du willst, aber verkauft wird das Holz im Ort und nirgendwo anders. Hast du verstanden?«

Der Bauer antwortete nicht. Der Maskierte wurde ungeduldig. Er richtete sich auf, ließ das Messer auf der Motorhaube liegen und schlug Friesenbichler mit einer Links-rechts-Kombination mehrmals in den dicken Bauch. Dem Bauer blieb die Luft weg, er sackte stöhnend auf die Knie, begann zu würgen und zu keuchen und kotzte vor sich auf die Straße. Als er fertig war, packte ihn der Maskierte am Hals und zog ihn hoch.

»Hast du das kapiert?«, wiederholte er. »Oder soll ich es dir noch einmal erklären?«

Mit tränenden Augen nickte der Friesenbichler-Bauer und würgte ein »Hab’s verstanden« hervor.

»Gut so. Wenn wir dir draufkommen, dass du uns bescheißt, fackeln wir deinen Heustadel ab. Ist das klar?«

Wieder nickte Friesenbichler.

Zum Abschied gab der Maskierte dem Mann eine kräftige Ohrfeige. »Die war fürs Verarschen. Und jetzt: Komm gut heim.«

Damit schnappte der Maskierte sein Messer, war mit zwei Schritten bei seinem Mountainbike, hob es auf, schwang sich hinauf, radelte mit einigen schnellen Tritten in die Pedale die Straße hinunter und verschwand hinter der nächsten Kurve.

Der Friesenbichler-Bauer sackte leise wimmernd und weinend auf der Straße zusammen.

11.

Die Angaben in der Broschüre hatten genau gestimmt. Die letzte halbe Stunde, bevor er den Gipfel erreichte, war Radek aus dem Wald herausgekommen, und erst da hatte sich ihm ein wunderbarer Ausblick auf die Bergwelt der Umgebung geboten. Er war eine ganze Weile auf dem Gipfel geblieben und hatte die Sonne genossen, bevor er sich auf den Rückweg gemacht hatte.

Jetzt, am Nachmittag, saß er wieder mit einem kalten Bier auf der Terrasse des Gasthofs »Falk«. Er trank es mit dem Genuss des durstigen Wanderers.

Bis auf den Reiterrüpel hatte er niemanden getroffen, was ihn zunächst nicht gestört, dann auf dem Rückweg allerdings doch verwundert hatte. Eigentlich, dachte er, hätte er im Wald mehr Spaziergängern begegnen müssen.

Als er auf der Terrasse saß und über den leeren Hauptplatz blickte, wurde ihm bewusst, dass auch im Dorf niemand unterwegs war. Gut, mit 560 Einwohnern war Schandau keine Metropole, aber es gab eine funktionierende Infrastruktur, zwei Gasthäuser, eine Konditorei, einen idyllischen Hauptplatz, der zum Verweilen einlud, und trotzdem wirkte das Dorf wie ausgestorben.

Da sah er zwei Frauen, in ein Gespräch vertieft, auf dem gegenüberliegenden Gehsteig und über den kleinen Vorplatz der Kirche gehen. Zwei jugendliche Mädchen kamen ihnen entgegen und schienen sie nicht zu beachten. Sie blieben auf Kollisionskurs, die älteren Frauen traten zur Seite, obwohl auch die jungen hätten ausweichen können. Als Radek diese Szene beobachtete, fragte er sich, warum die Mädchen so frech waren und keine Anstalten gemacht hatten, aus dem Weg zu gehen. Ihm fiel die Szene vom Vortag ein, die ganz ähnlich gewesen war, und seine Begegnung mit dem Reiter im Wald, und er zog den Schluss, dass Höflichkeit und Rücksichtnahme offensichtlich nicht die am stärksten ausgeprägten Eigenschaften hier im Ort waren.

Nachdem sie die frechen Gören vorbeigehen lassen hatten, setzten die Frauen ihre unterbrochene Plauderei fort und blieben vor der Kirche stehen.

Karin und Gabi waren beste Freundinnen. Beide waren in Schandau aufgewachsen, gemeinsam in Göstling in die Volksschule und in die Hauptschule gegangen. Immer beste Freundinnen. Dann hatten sie eine Lehre als Verkäuferin absolviert. Karin im Bekleidungsgeschäft Klein, Gabi im Kaufhaus Kroner, beide auf dem Hauptplatz in Schandau. Und zwei von drei Mal waren sie gemeinsam in die Berufsschule nach Theresienfeld gekommen. Die eine in die Sparte Textil, die andere zu Lebensmittel.

Sie teilten sich zwar nicht dieselben Burschen, hatten allerdings immer ausreichend Gesprächsstoff, was dieses Thema betraf. Und weil sie in dieser Beziehung unterschiedliche Geschmäcker hatten, kamen sie sich nie in die Quere. Aber sie lernten voneinander, was die jungen Männer betraf. Wie man sie verführt, was man tun musste, um sie schnell ins Bett zu bekommen, wie man sie befriedigte und wie man sie dazu brachte, das zu tun, womit auch die Frauen auf ihre Kosten kamen. Es fing in der Berufsschule an, dann gingen sie in den benachbarten Dörfern auf Männerfang. Später, als sie selbst Führerschein und Auto besaßen, fuhren sie in die großen Orte, nach Amstetten, Linz oder nach Sankt Pölten und schließlich nach Wien. Immer beste Freundinnen. Eine frühe Krönung hatte ihre Freundschaft erlebt, als Gabi in einer Wiener Diskothek einen wirklich süßen Kerl aufgerissen und sie sich bei ihm in der Wohnung in einem flotten Dreier das halbe Wochenende die Seele aus dem Leib gevögelt hatten. Aber das war lange her.

Sie waren im Dorf geblieben. Später, nach diesen ausschweifenden Zeiten, hatten sie geheiratet, Häuser gebaut und Kinder bekommen. Ihren Männern verheimlichten sie die wilden Abenteuer ihrer Jugend. Sie wohnten nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Karin arbeitete mittlerweile im Personalbüro des Sägewerks, Gabi war immer noch im Kaufhaus Kroner beschäftigt und dort zur Leiterin der Feinkostabteilung aufgestiegen. Nun, Anfang 40, waren sie brave Mütter und Ehefrauen, aber nach wie vor beste Freundinnen. Gabis Tochter ging mit Karins jüngstem Sohn in die gleiche Klasse der Hauptschule in Göstling, wie es schon die Mütter getan hatten, und auch sie waren beste Freunde.

Karin und Gabi sprachen leise und gedämpft miteinander, vorsichtig, als tauschten sie Geheimnisse aus. Tatsächlich redeten sie nur über ihre Kinder. Das bot genug Gesprächsstoff. Doch selbst dabei waren sie achtsam. Man konnte nie wissen. Sie hatten es sich angewöhnt, ihre Angelegenheiten nicht hinauszuposaunen. Das war im Dorf nicht üblich. Nur nicht zu viel erzählen. Nur nicht auffallen. Nur nicht bei den anderen anecken.

Wenn man sich schön ruhig verhielt, gab es keine Probleme. Das wussten sie, das hatten sie gelernt, damit waren sie aufgewachsen. Das akzeptierten sie, und deshalb waren sie in ihren jungen Jahren immer wieder in die größeren Städte abgedampft, um sich dort zu vergnügen.

Sie sprachen zunächst nur über Belangloses. Aber dann musste Karin doch etwas loswerden, was nicht ihre Kinder oder ihre Arbeit betraf, etwas, das wichtiger war. Es gab Gerüchte, schlimme Gerüchte, und darüber wollte sie mit ihrer Freundin reden.

»Hast du gehört, was mit dem Höger Klaus passiert ist?«, fragte sie kryptisch und blickte sich verstohlen um. Sie waren allein, weit und breit war niemand zu sehen, nur auf der Terrasse vom »Falk« saß der Fremde, wie schon gestern Nachmittag.

»Nein.« Die Freundin schenkte ihr sofort die volle Aufmerksamkeit.

»Er hat sich die Hand gebrochen«, erklärte Karin.

»Echt?« Gabi war erstaunt. »Schon wieder einer.«

»Ja«, bestätigte Karin. »Alle Finger und die Knöchel.« Sie zeigte an ihrer rechten Hand, von welchen Bereichen sie sprach.

»Der arme Kerl. Wie ist das passiert?« Gabis Bedauern war aufrichtig. Beide kannten Klaus Höger sehr gut. Er war einer von Gabis Verehrern gewesen, die ihr im Dorf den Hof gemacht hatten. Einmal war sie mit ihm im Bett gewesen, aber dann hatte sie sich für einen anderen entschieden. Klaus hatte ihr das nie nachgetragen und sie waren immer noch gute Freunde. Die Affäre war ihr Geheimnis geblieben, nicht einmal mit Karin hatte sie darüber gesprochen.

»Er hat nicht aufgepasst. Angeblich ist er auf der Terrasse gestürzt und ein großer Keramiktopf mit einer Hortensie ist ihm auf die Hand gefallen.«

»Angeblich.«

»Ja, angeblich.«

Beide wussten, dass etwas ganz anderes geschehen sein musste.

Gabi ahnte, was passiert war. Es war nicht das erste Mal. Die Leute im Dorf verletzten sich häufig, brachen sich den Arm oder die Hände oder die Finger. Es gab Gerüchte darüber. Das kam davon, dass sie unachtsam waren, sagte man, und es stimmte, im übertragenen Sinn. Es war nicht gut, im Dorf leichtsinnig zu sein.

»Man muss aufpassen hier im Ort«, sagte Gabi und blickte sich wachsam um.

»Nur nicht viel fragen«, bekräftigte Karin.

»Und sich nirgends einmischen.«

»Dann stolpert man nicht und bleibt gesund.«

»Ja, dann kann einem nicht so schnell etwas passieren.«

Karin beobachte den Fremden gegenüber auf der Terrasse des Gasthofs »Falk«. »Kennst du den dort?«, fragte sie ihre Freundin und deutete unmerklich mit dem Kopf in die Richtung des Gasthauses. Gabi folgte ihrem Blick. Dort saß der Unbekannte auf der Terrasse und beobachtete sie. Als er merkte, dass die Frauen zu ihm hinübersahen, wandte er sich ab und trank von seinem Bier.

»Nein, das ist wahrscheinlich ein Gast beim Falk.«

»Der ist gestern schon da gesessen«, stellte Karin mit leichtem Unbehagen in der Stimme fest.

»Der wird ein verspäteter Sommerfrischler sein.«

»Hoffentlich. Möglicherweise ist er auch aus einem anderen Grund hier.«

»Möglicherweise.«

»Ein komischer Typ, sitzt auf der Terrasse vorm ›Falk‹ und beobachtet die Leute.«

Jetzt fühlte sich auch Gabi zusehends unbehaglich und sie blickte sich misstrauisch um. »Hast du Lust, mit zu mir auf einen Kaffee zu kommen?«, lud sie ihre Freundin ein. »Karl ist nicht zu Hause«, fügte sie rasch hinzu, obwohl sie wusste, dass ihr Mann und Karin sich gut verstanden.

»Ja, gehen wir zu dir. Da sind wir ungestört.«

Sie bummelten betont gelassen davon. Sie hatten Zeit. Es waren nur wenige Minuten bis zu Gabis Haus.

12.

Als Radek sein Bier ausgetrunken hatte, ging er ins Zimmer hinauf, duschte, legte sich ins Bett und las in einem Roman, bis ihm die Augen zufielen. Auch wenn er es sich nicht eingestehen wollte, war er nach der fünfstündigen Wanderung rechtschaffen müde. Er schlief über eine Stunde und fühlte sich danach wieder einigermaßen frisch und unternehmungslustig. Es war halb sechs und er überlegte, was er an diesem Abend machen sollte. Er wollte nicht wieder in der Stube vom »Falk« sitzen und entschied, sich das zweite Lokal in Schandau anzusehen. Das Gasthaus »Zur Linde« am anderen Ende des Hauptplatzes.

Er zog sich um und ging hinaus, es war immer noch mild und angenehm. Trotz des lauen Abends war niemand auf der Straße unterwegs. Als Radek auffiel, dass er ganz allein auf dem leeren Hauptplatz stand, fühlte er sich mit einem Mal sehr unbehaglich und dieser Ort erschien ihm nicht mehr so idyllisch, so klein und beschaulich wie am Tag seiner Ankunft.

Unwillkürlich beschleunigte er seine Schritte. Als er auf der Höhe des Rathauses angekommen war, fiel ihm in der Mitte des Platzes, dort, wo eine Grünfläche mit Bäumen und Bänken zum Sitzen einlud, eine bescheiden wirkende Säule auf. Er überquerte die Straße und ging zu der Säule, die auf einem quadratischen Steinsockel in einem fünf Meter großen, gepflasterten Kreis stand. Sie war aus Stein, etwa dreieinhalb Meter hoch und hatte einen Eisenreifen und zwei große eiserne Ringe am oberen Ende. »Dieser original erhaltene Pranger wurde um das Jahr 1300 errichtet und diente bis Anfang des 19. Jahrhunderts zum Vollzug von Ehr- und Schandstrafen«, las Radek auf einer kleinen Tafel, die am Fuße des Prangers in die Pflastersteine eingelassen war. Der Historiker in ihm erwachte. Das also war die Sehenswürdigkeit, von der er gelesen hatte. Es war das erste Mal, dass Radek einen mittelalterlichen Pranger sah, zumindest bewusst. Er umrundete ihn, stellte fest, dass er ein sehr unspektakuläres, deshalb aber nicht weniger beeindruckendes Zeugnis der Vergangenheit darstellte, und setzte seinen Weg fort.

Das Gasthaus »Zur Linde« lag dem Gasthaus »Falk« genau gegenüber. Das Haus musste älter sein, es wirkte mittelalterlich. Der Eingang war gedrungen, eine massive Holztür schien die Gäste eher aussperren als einlassen zu wollen. Das Gastzimmer war ein alter niedriger Raum mit einem Kreuzgewölbe, wie Radek es nur aus sehr alten Häusern kannte. Die Einrichtung schien ihm ebenso antiquiert wie das gesamte Gasthaus.

Es saßen wenig Gäste an den Tischen, einige Männer standen an der Theke. Als Radek das Lokal betrat, verstummten die meisten Gespräche und die Blicke der Anwesenden wandten sich ihm zu. Eine Sekunde lang herrschte eisiges Schweigen, eine Stimmung, die Radek so intensiv empfand, dass er in der Tür stehen blieb und einen Augenblick lang überlegte, ob er nicht doch zurück ins Gasthaus »Falk« gehen sollte. Er überwand aber diesen Moment des Zögerns, verwarf ihn als lächerlich, sagte laut »Guten Tag«, als wollte er böse Geister vertreiben, und suchte sich einen leeren Tisch.

Niemand erwiderte seinen Gruß. Radek konnte regelrecht spüren, wie ihm die Blicke der Gäste folgten. Er wählte einen Patz, von dem aus er beinahe das ganze Lokal überblicken konnte. Als er nun seinerseits die Gäste betrachtete, sahen sie schnell weg und setzten ihre unterbrochenen Gespräche fort. Allerdings leiser und gedämpfter, und ihm entging nicht, dass sie ihn immer wieder misstrauisch beobachteten.

Radek hatte kein Buch dabei, da er nur etwas essen und dann zurückgehen wollte. Die Wanderung steckte ihm in den Knochen, er musste morgen arbeiten und hatte nicht vor, sich die halbe Nacht um die Ohren zu schlagen.

Ein Mann um die 50 mit weißer Schürze, Radek vermutete, dass es der Wirt war, brachte ihm eine Speisekarte. Radek bestellte zunächst ein Bier und, als der Wirt ihm das Glas brachte, ein deftiges Abendessen. Er hatte Hunger.

»Sind Sie auf der Durchreise?«, fragte der Wirt, während er Radeks Bestellung entgegennahm und für die Küche notierte.

»Nein, eigentlich nicht.«

Der Wirt nickte verstehend. »Das heißt, Sie bleiben länger?«

»Mindestens bis Dienstag, so ist es geplant.«

»Haben Sie ein Zimmer im Ort?«

»Ja, drüben im Gasthaus ›Falk‹«, antwortete Radek, und einen Augenblick lang glaubte er, alle Ohren wären nur auf sein Gespräch mit dem Wirt gerichtet.

»Ah, beim Falk. Gefällt es Ihnen dort?«

»Es geht. Ein nettes Landgasthaus.« Radek wurde vorsichtig. Er wusste nicht, welche Beziehung zwischen den beiden Gasthäusern bestand. Lobte er die Konkurrenz zu laut, mochte der Wirt beleidigt sein. Vielleicht aber waren die Wirtsleute Freunde, und wenn er sich herablassend äußerte, war es gut möglich, dass Falk von Radeks Kritik wusste, bevor er zurück war.

»Haben Sie versucht, woanders ein Zimmer zu bekommen?«

»Im Internet habe ich nur das Gasthaus ›Falk‹ gefunden«, erwiderte Radek, obwohl er nicht wusste, worauf der Wirt mit seiner Frage hinauswollte.

»Es gibt auch einige schöne kleine Pensionen hier im Ort«, bemerkte der Wirt.

»Gut zu wissen. Wo bekommt man dazu nähere Information?«

»Im Tourismusbüro wahrscheinlich.«

»Das ist wo?«

»Im Rathaus.«

»Gut, das muss ich mir fürs nächste Mal merken.« Radek wollte unverbindlich bleiben, obwohl er wusste, dass es kein nächstes Mal geben würde.

»Na dann«, beendete der Wirt unvermittelt das Gespräch. »Das Essen kommt gleich.«

»Danke für die Auskunft.« Radek wollte nicht unhöflich erscheinen.

»Keine Ursache.« Der Wirt drehte sich um und ging.

Während Radek seiner untersetzten Figur nachblickte, die im Durchgang zur Küche verschwand, beschlichen ihn Zweifel und Misstrauen. War das eines der üblichen Gespräche, wie sie zwischen Wirt und Gast geführt wurden? Oder wollte ihn der Wirt aushorchen? Steckte da Konkurrenzneid dahinter? Aber der Gasthof »Zur Linde« schien keine Zimmer anzubieten, also warum sollte der Wirt neidisch sein? Oder war es eine alte Rivalität, die auf ganz anderen Ursachen beruhte? Ein alter Familienstreit, der Generationen zurückreichte und von dem Radek nichts wusste. Oder ging ihm einfach die Fantasie durch und es war nichts weiter als Small Talk im Wirtshaus, damit der Gast sich beachtet und nicht nur als zahlender Konsument fühlte? Radek kam auf keine Lösung. Allerdings wurde er das Gefühl nicht los, dass die übrigen Gäste ihn immer noch verstohlen beobachteten. Auch das erschien ihm, bei näherem Überlegen, nicht ungewöhnlich. Immerhin war er ein Fremder in einer allen anderen vertrauen Umgebung. Ein bisschen fühlte er sich wie ein Eindringling.

Als der Wirt die Suppe brachte, verdrängte er alle diese Gedanken und bemühte sich, sein Abendessen zu genießen.

Sie wussten es. Als der Fremde zur Tür hereingekommen war, hatten ihn alle angestarrt. Das war dem Fotografen sofort aufgefallen, auch wenn er versuchte, uninteressiert zu wirken. Sofort schlugen bei ihm die Alarmglocken an. Was wollte der Fremde hier? Er hatte im Gasthaus »Falk« ein Zimmer. Das war ihm nicht entgangen. Er hatte ihn auf der Terrasse sitzen gesehen. Und eben war ihm das im Gespräch mit dem Stadelmaier bestätigt worden.

Also, was wollte er hier? Warum blieb er nicht im »Falk«? Jeder im Dorf wusste, dass man entweder zum »Falk« ging oder in die »Linde«, aber nicht in beide Wirtshäuser. Was machte der Fremde hier? Die Gäste ausspionieren?

Er hatte den Unbekannten im Auge behalten. Die ganze Zeit war er wie ziellos herumgestreunt, hatte offensichtlich keinen Plan. Er verhielt sich wie ein Wanderer, einer der üblichen Sommerurlauber. Aber er war kein Wanderer, das hatte er sofort gesehen. Der Fremde hatte nichts gemeinsam mit den Leuten, die im Sommer oder im Herbst kamen, um in die Berge zu gehen. Dieser Typ war aus einem anderen Grund im Dorf, und das machte ihn verdächtig.

Heimlich musterte er den Gast am Tisch. Der saß zufrieden da und aß seine Suppe. Dabei wirkte er ein bisschen müde, aber sonst ganz harmlos. Doch oft täuschte ein solcher Eindruck. Unauffällig behielt er den Fremden im Blick, während des Essens und so lange, bis er bezahlte und ging. Kurz dachte er darüber nach, ihm zu folgen, das erschien ihm jedoch unnötig. Wohin sollte er schon gehen? Es gab nur ein mögliches Ziel für den Fremden, das Gasthaus »Falk«.

Der Fotograf bestellte beim Stadelmaier noch ein Bier und nahm sich vor, wachsam zu sein.

13.

Die Polizeiinspektion Gresten war in einem neuen Gebäude unmittelbar neben dem Voralpenbad untergebracht. Ein älterer Polizist öffnete ihm die Tür, nachdem Radek ihm an der Sicherheitsschleuse seinen Dienstausweis gezeigt hatte, und ließ ihn in den Parteienraum. Radek fragte nach der Kollegin Revierinspektorin Susanne Steiger. Der Beamte schrie ein lautes »Susi, Besuch für dich!« nach hinten. Radek hörte eine weibliche Stimme ein gezogenes »Ja« antworten, und der Polizist sagte zu Radek: »Kommt gleich.«

Radek hatte gut geschlafen und ausgiebig gefrühstückt, bevor er nach Gresten gefahren war. Es war Montag, kurz vor 9 Uhr.

Susanne Steiger war Anfang 30 und steckte ziemlich füllig in ihrer Uniform. Mit ihrem runden Gesicht und den kurzen braunen Haaren machte sie viel eher den Eindruck einer biederen Hausfrau als einer strengen Polizistin. Sie war gut einen Kopf kleiner als Radek.

»Thomas Radek, LKA«, stellte er sich vor. »Wir haben vorige Woche miteinander telefoniert.«

Jetzt wusste sie, worum es ging, blickte zu ihm hoch und reichte ihm lächelnd die Hand. »Susanne Steiger. Ich mache hier den Kriminaldienst. Freut mich, dass Sie gekommen sind.«

Radek war überrascht, dass hier eine junge Kollegin für den kriminalpolizeilichen Bereich zuständig war, aber vielleicht lag es daran, dass dabei die meiste Arbeit anfiel und man es ihr deshalb umgehängt hatte.

Sie nahm ihn mit in den hinteren Teil des Gebäudes, wo sich die Büroräumlichkeiten befanden, und schleppte ihn in das Büro des PI-Kommandanten. »Abteilungsinspektor Franz Blaha«, las Radek auf dem Türschild. Hinter einem Schreibtisch saß ein fülliger Mittfünfziger und blickte ungehalten über die Störung zu seinen Besuchern auf.

»Hallo, Franz, das ist der Kollege vom LKA, von dem ich dir erzählt habe«, stellte Susanne Steiger ihren Besucher vor.

Blaha nahm seine Lesebrille ab, stand auf, wobei ihm sein ausladender Bauch etwas Mühe bereitete, streckte Radek die Hand hin und grüßte mit unverhohlenem Spott. »Meine Verehrung an die Hochdenkerzentrale in Sankt Pölten. Was ist so wichtig, dass sich das große LKA in den letzten Winkel der Provinz verirrt?«

»Wir müssen regelmäßig Kontakt zur Basis halten, dafür gibt es einen eigenen Dienstauftrag. Kennen Sie den Erlass dazu nicht?«, antwortete Radek trocken und konnte Blaha deutlich ansehen, dass der nicht wusste, ob das ernst gemeint oder ein Scherz war.

Er entschied sich für Scherz und begann zu lachen. »Der war gut. Der war echt gut. Hab gar nicht gewusst, dass ihr im LKA auch Humor habt.«

»Gruppeninspektor Radek hilft uns bei der Sache mit der Lindner in Schandau drüben.«

»Ah, die Abgängige, die den Teufel gesehen hat.« Der Abteilungsinspektor war auf dem Laufenden. »Seit wann interessiert sich das LKA für verrückte Jugendliche? Ist sie eine Gefährdung für die Sicherheit des Staates, eine terroristische Bedrohung womöglich?« Wieder war der Spott unüberhörbar.

»Nachdem sich im Bezirkspolizeikommando und im Landesamt für Verfassungsschutz niemand gefunden hat, der für diese Angelegenheit zuständig sein will, muss jetzt die Kavallerie anrücken«, erwiderte Radek. Die Sticheleien des Kommandanten gingen ihm auf die Nerven. »Also, wenn irgendwer im letzten Winkel der Provinz etwas arbeiten und sich nicht nur im Wald verstecken würde, bliebe uns das hier erspart.«

»Herr Kollege«, der Kommandant wurde eine Spur förmlicher und unfreundlicher, »wir haben hier genug zu tun.«

Radek hätte sofort ein Monatsgehalt dagegen gewettet.

»Und wenn uns das Landespolizeikommando alle Ressourcen streicht, darf es sich nicht wundern, wenn die Akten bis nach Sankt Pölten geschoben werden.«

»Aber nicht solche lächerlichen Geschichten.« Auch Radek spürte den Zorn in sich aufsteigen.

»Wir gehen rüber in mein Büro und schauen, was an der Lindner-Sache dran ist.« Steiger rettete die Situation mit der jahrelangen Erfahrung, die sie bei der Polizei im Schlichten von männlichen Hahnenkämpfen gewonnen hatte. »Kommen Sie, Herr Kollege.« Sie zog Radek am Sakkoärmel sanft aus dem Büro.

Blaha blickte ihm wütend nach.

Wieder ein möglicher Freund weniger, dachte Radek, dann folgte er der Steiger, die bereits einen tüchtigen Vorsprung hatte.

Ihr Büro war feinsäuberlich aufgeräumt, die Aktenordner sorgfältig beschriftet. Die noch zu bearbeitenden Fälle waren in verschiedenen Aktenkörben abgelegt. Unordnung schien in diesem Büro nicht die geringste Chance zu haben. Entweder hatte die Frau im Kriminaldienst nicht allzu viel zu tun oder eine Art hausfraulicher Ordnungswahn dominierte die Aktenverwaltung.

Steiger bot ihrem Besucher Platz an, nahm einen Aktenumschlag, der auf ihrem Schreibtisch bereitlag, und schlug ihn auf. »Womit fangen wir an?«, fragte sie mit erwartungsvollem Blick.

»Vielleicht mit einem Kaffee?« Radek lächelte.

Sie entschuldigte sich für ihre Unhöflichkeit, ihm nicht schon früher etwas angeboten zu haben, stand auf, wieselte in die Küche, wobei sie ihm zuvor den Akt über den Tisch schob, damit er ihn sich ansehen konnte, und kam wenig später mit einem Tablett und zwei Tassen Kaffee, Milch und Zucker zurück.

»Danke«, sagte Radek. »Nicht nur für den Kaffee, sondern auch dafür, dass Sie vorhin die Situation gerettet haben. Wie nennt man das? Deeskalierendes Verhalten?«

Sie lächelte geschmeichelt. »Ja, der Franz ist ein bisschen eigen«, versuchte sie ihren Chef in Schutz zu nehmen. »Vor allem, was die Sankt Pöltner und die Landespolizeidirektion angeht. Er mag euch nicht.«

»Das hat er aber gut verheimlicht«, scherzte Radek und sie lachte.

»Vielleicht können wir das Sie beiseitelassen«, schlug sie vor, »wir sind hier alle per Du.«

»Wir in Sankt Pölten auch«, antwortete Radek mit einer Brise Sarkasmus, »meistens wenigstens. Also, ich bin der Thomas.«

»Susanne, aber eigentlich sagen alle Susi zu mir.«

Sie tranken einen Schluck Kaffee.

»Hast du dir den Akt angeschaut?«

»Ja, das ist nicht mehr, als ich ohnehin bekommen habe.«

»Mehr gibt es auch nicht. Das sind die zusammengefassten Ergebnisse meiner Erhebungen. Ich kann dir die einzelnen Berichte von den Einvernahmen noch heraussuchen, wenn du willst. Doch die waren nicht sehr ergiebig.«

»Ja, gerne. Die schaue ich mir später an. Erzähl mir mal etwas über die Lindner. Aber bitte nur Sachen, die ich noch nicht weiß. Zum Beispiel, wie du auf die Idee gekommen bist, dass es einen satanistischen Hintergrund geben könnte.«

Susi Steiger überlegte kurz, wo sie beginnen sollte, dann erklärte sie: »Die Lindner ist ein ganz normales Mädchen gewesen. Eigentlich immer. Wir haben ja nicht viel Kontakt nach Schandau, weil dort drüben nie was Großartiges passiert. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich im Dorf die letzte Amtshandlung hatte. Und nach dem, was ich erfragt habe, verlief bei der Lindner alles in geordneten Bahnen. Keine Vorstrafen, nie polizeilich aufgefallen. Sie arbeitet beim Friseur auf dem Hauptplatz. Eine problemlose Jugendliche. Und plötzlich war sie verschwunden. Sie ging aus dem Gasthaus »Falk« weg und kam nicht mehr nach Hause. Niemand wusste, wo sie war, die Eltern machten sich natürlich Sorgen, riefen alle Freundinnen und Freunde an, aber Bernadette blieb wie vom Erdboden verschluckt, einfach weg. Deshalb erstatteten sie eine Abgängigkeitsanzeige. Wir haben eine Suchaktion gestartet, mit der Feuerwehr und einer Klasse Polizeischüler aus Ybbs. Sogar zwei Spürhunde hatten wir im Einsatz. Doch vergeblich, keine Spur von dem Mädchen. Danach habe ich das LKA eingeschaltet und selbst zu erheben begonnen. Niemand wusste etwas oder konnte mir weiterhelfen. Das Handy war abgeschaltet, der letzte Einwahlknoten war auf dem Hauptplatz in Schandau. Und dann, über eine Woche später, tauchte sie wieder auf, genauso geheimnisvoll, wie sie verschwunden war. Die Eltern zogen die Abgängigkeitsanzeige zurück, und als ich dort hinfuhr, um die Lindner einzuvernehmen, erzählten sie mir eine an den Haaren herbeigezogene Geschichte. Dass Bernadette in Wien gewesen sei und dort mit einigen Freunden gefeiert habe. Auf meine Nachfragen gaben sie keine konkreten Antworten. Als ich das Mädchen selbst befragte, redete sie nur wirres Zeug, und ständig kam sie mir mit dem Teufel. Das hat für mich so ausgesehen, als stünde Bernadette unter Drogen oder hätte einen Schock oder was weiß ich. Jedenfalls reagierte sie nicht wie eine normal ansprechbare Person. Und da sie ständig vom Teufel gefaselt hat, habe ich an Satanismus gedacht.«

»Und was war dein persönlicher Eindruck?«, wollte Radek wissen.

»Na ja, sie war sehr abgemagert, sah beinahe krank aus. Sie war völlig verstört und verwirrt und nicht bereit, auch nur ein Wort über ihren Verbleib zu sagen. Ist ständig in der Ecke des Betts gesessen. Ich glaube, sie hat mir die halbe Zeit ohnehin nicht zugehört. Ich denke, sie hatte furchtbare Angst. Aber ich habe keine Ahnung, wovor. Meine persönliche Meinung ist, dass sie traumatisiert ist. Eigentlich wollte ich sie untersuchen lassen, weil ich den Verdacht hatte, sie könnte Opfer einer Vergewaltigung geworden sein, aber es gab dafür keine Veranlassung und die Eltern haben sich auch quergelegt.«

»Warum das?«

»Sie sagten, der Bernadette gehe es gut. Sie habe nur zu viel gefeiert und getrunken und zu wenig geschlafen. Aber das war gequirlte Scheiße, da stimmte kein Wort. Ich glaube, sie haben auch Angst. Vielleicht davor, was die Nachbarn sagen, wenn sie erfahren, was ihre Tochter getrieben hat, keine Ahnung.« Sie zuckte mit den Schultern. »Jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass an der Sache mächtig was faul ist. Und ich wollte das nicht einfach zu den Akten legen. Ich wollte, dass sich das noch jemand anschaut. Dass deswegen gleich das LKA kommt, war nicht beabsichtigt. Eigentlich dachte ich eher an den Kriminalsachbearbeiter im Bezirkspolizeikommando, aber nicht daran, dass der KSB den Akt nach Sankt Pölten schickt.«

»Tja, so kann man sich täuschen. Jeder schaut, dass er so viel Arbeit wie möglich an andere weiterschieben kann.« Radek kannte dieses Prinzip des Beamtentums.

Während sie sprachen, hatte Radek aus seiner Umhängetasche einen Schreibblock genommen, ihn aufgeschlagen und sich Notizen gemacht.

»Hast du sonst noch irgendwelche Erhebungen geführt?«

Sie schlug etwas beschämt die Augen nieder. »Nein. Ich hab mir gedacht, ich warte, was vom Kriminalsachbearbeiter zurückkommt.«

Klar doch, dachte Radek: Mach den Akt zum Wanderer, dann bekommt ihn ein anderer …

»Hattet ihr in den letzten Monaten merkwürdige Amtshandlungen, die ihr nicht einordnen konntet?«

»Was meinst du damit konkret?«

»Friedhofschändungen zum Beispiel. Also Sachbeschädigungen an Gräbern, irgendwelche Schmierereien, Symbole wie Pentagramme oder so. Tote Tiere oder andere Vorfälle, die auf rituelle Handlungen schließen lassen. Etwas in der Art. Oder Amtshandlungen, die in keines der bisher bekannten Schemata passen.«

Steiger dachte nach, dann schüttelte sie langsam den Kopf. »Nein, da fällt mir momentan nichts ein. Also bei uns auf der Polizeiinspektion jedenfalls nicht. Ich weiß natürlich nicht alles, was im Bezirk läuft, aber wenn etwas Auffälliges in dieser Art vorgefallen wäre, hätte ich das sicher mitbekommen.«

»Was hat Bernadette Lindner über den Teufel gesagt?«

»Ich kann mich nicht mehr an alles erinnern, aber es waren so Aussagen wie: ›Ich bin beim Teufel gewesen. Ich habe den Teufel gesehen. Er ist unter uns. Wenn ich nicht gehorsam bin, wird er mich wieder holen. Passen Sie auf, sonst kommt er auch zu Ihnen.‹ Solche Dinge eben.«

»War das glaubhaft?«

Die Polizistin blickte ihn an und dachte nach, überlegte, ließ das Gespräch mit Bernadette Lindner noch einmal vor ihrem geistigen Auge ablaufen. Dann sagte sie: »Nein, es war nicht glaubhaft, aber einigermaßen gruselig.«

»Können wir mit dem Mädchen und ihren Eltern reden?«

»Der Vater wird sicher arbeiten. Die Mutter ist zu Hause. Möglicherweise ist Bernadette auch noch daheim. Sie war, glaube ich, im Krankenstand, als ich sie einvernommen habe.«

»Dann lass uns fahren.«

Susi Steiger war etwas überrascht wegen der Eile, mit der Radek zum Aufbruch drängte. »Ja, sofort, ich hole meine Sachen.«

14.

Während Steiger den Streifenwagen der Polizeiinspektion Gresten gemächlich nach Schandau lenkte, erzählte sie beinahe entschuldigend, dass hier in der Gegend nicht viel los sei. Keine großartigen Freizeitangebote oder sonstigen Möglichkeiten, der Langeweile zu entfliehen. Und natürlich gebe es auch kaum Kriminalität. Ab und zu einen Einbruch, manchmal eine Körperverletzung oder eine Sachbeschädigung. Meistens Wirtshausraufereien oder Vandalenakte von Jugendlichen. Sonst nichts. Einmal, das schien sie zu belustigen, hätten sie einen echten Wilderer gehabt, der in der Gegend sein Unwesen trieb. Da seien die Jäger völlig ausgerastet und hätten sich auf die Pirsch gelegt, ihn aber nicht erwischt. Der Wilderer habe innerhalb eines Jahres dreimal zugeschlagen und dann aufgehört. Die Jäger hätten jeden in Gresten und Umgebung verdächtigt und eigenständig versucht, den Wilderer auszuforschen. Aber der sei bis heute unentdeckt. Na ja, dachte Radek, diese Sorgen möchte man haben.

Das Haus, in dem die Lindners wohnten, mochte zehn oder fünfzehn Jahre alt sein und befand sich in einer Sackgasse, an der sich links und rechts Einfamilienhäuser auffädelten. Lediglich das erste Grundstück an der Ecke zur Hauptstraße war unbebaut.

»Ich würde gerne zuerst mit dem Mädchen sprechen«, erklärte Radek, als Steiger den Streifenwagen vor dem Haus parkte.

»In Ordnung, lass mich das mit der Mutter aushandeln.«

Sie läutete. Wenige Augenblicke später hörten sie ein Summen und die Gartentür sprang auf. Die beiden Polizisten gingen durch einen gepflegten Vorgarten, die Haustür wurde von einer Frau Anfang 40 in Jeans und einem weiten Sweatshirt geöffnet.

»Guten Tag, Frau Lindner«, grüßte Susi Steiger. »Ich war vor zwei Wochen schon einmal wegen Bernadette hier.«

»Ich weiß.« Misstrauisch musterte Frau Lindner zuerst die Uniformierte und dann Radek, der mit Sakko und Jeans zwar nicht allzu amtlich aussah, aber allem Anschein nach auch Polizist war.

»Das ist Gruppeninspektor Radek«, stellte Steiger ihren Begleiter vor. »Er kommt aus Sankt Pölten.«

Das schien die Lindner nicht zu beeindrucken. »Was wollen Sie?«

»Wir würden gerne noch einmal mit Bernadette reden«, erklärte die Polizistin.

»Warum?«

»Wegen der Zeit, in der sie abgängig war.«

»Weshalb?«, fragte Frau Lindner. »Darüber haben Sie doch schon mit ihr gesprochen.«

»Frau Lindner«, mischte sich Radek ein. »Ihre Tochter ist minderjährig. Daher müssen wir im Falle einer Abgängigkeit überprüfen, wo sie sich in dieser Zeit aufgehalten und was sie getan hat. Häufig verüben abgängige Jugendliche unterschiedliche Delikte in Form von Beschaffungskriminalität. Das beginnt bei kleinen Diebstählen und reicht bis zu illegaler Prostitution oder Suchtgiftmissbrauch. Und nachdem Ihre Tochter gesagt hat, sie sei in Wien gewesen, müssen wir dem nachgehen.«

Radek gab sich einen amtlichen Anstrich. Außerdem wollte er damit erklären, warum er aus Sankt Pölten hierhergekommen war, denn er hatte nicht vor, der Mutter zu erzählen, was er beim LKA machte.

Das Misstrauen war noch nicht verschwunden, aber zumindest der Widerstand etwas aufgeweicht. Frau Lindner bat die beiden Polizisten ins Haus. »Muss das sein? Warum können Sie uns nicht einfach in Ruhe lassen?«

»Weil noch einige Fragen offen sind und wir dazu erheben müssen«, antwortete Radek ruhig.

»Welche Fragen?« Frau Lindner wurde ungeduldig.

»Zum Beispiel, wo Bernadette gewesen ist, wovon sie gelebt hat, mit wem sie unterwegs war und so weiter.«

Die Frau schüttelte unwillig den Kopf, führte die beiden Polizisten dennoch über eine Treppe in den ersten Stock und klopfte dort sanft an eine Tür. »Bernadette, zwei Leute von der Polizei sind da.« Die Mutter sprach leise, als hätte sie Angst, die Tochter zu wecken. Vorsichtig öffnete sie die Tür.

Bernadette Lindner saß auf ihrem Bett in der Ecke an die Wand gelehnt. Die Knie hielt sie mit ihren Armen fest umschlungen. Sie trug eine Jogginghose und ein Sweatshirt, die dunklen Haare hingen ihr in wirren Strähnen ins Gesicht. Es schien, als würde sie die Besucher an der Tür gar nicht bemerken, zumindest blickte sie nicht auf, sondern starrte vor sich hin.

»So sitzt sie den ganzen Tag da«, sagte die Mutter und musste gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfen. »Und nachts lässt sie das Licht brennen. Wenn ich es abdrehe, beginnt sie zu schreien.«

Als sie in den Raum traten, erschrak das Mädchen. Mit panischem Blick huschten ihre Augen von einem zum anderen. Als sie die Mutter erkannte, schien sich ihre Furcht zu legen, und sie beruhigte sich wieder.

Radek setzte sich zu ihr aufs Bett, Steiger und die Mutter hielten sich im Hintergrund.

»Bernadette«, sagte Radek und fragte nach: »Ich darf doch Bernadette sagen?«

Sie nickte.

»Ich bin Thomas Radek von der Polizei in Sankt Pölten.« Er sprach ruhig und behutsam, als könnte sie davonlaufen, wenn er zu unwirsch mit ihr umging. »Ich bin hier, weil ich dir einige Fragen stellen muss.«

Bernadette sagte kein Wort. Sie wartete darauf, dass er weitersprach.

»Du bist eine Woche abgängig gewesen. Wir würden gerne wissen, wo du warst.«

Sie schaute ihn verwirrt an, als wäre sie erstaunt darüber, dass er es nicht wusste. Dann flüsterte sie: »Beim Teufel. Ich bin beim Teufel gewesen. Und wenn ich ihm nicht gehorche, wird er mich wieder holen. Und euch auch, euch auch. Alle wird er holen.«

Das kam so wahrhaftig und überzeugt, dass es Radek beinahe die Sprache verschlug. »Was meinst du damit?«

»Das, was ich gesagt habe.«

»Und wo ist dieser Teufel?«

»Nicht in der Hölle.« Sie lachte plötzlich. »Glauben Sie nicht alles, was Sie über den Teufel hören.«

»Bernadette, können wir die Sache jetzt ernsthaft angehen?« Radek wurde ungeduldig, er hatte keine Lust, sich von dem Mädchen verarschen zu lassen.

»Ich bin ernsthaft.«

»In Ordnung, dann sag mir bitte, wo du gewesen bist.«

»Unterwegs.«

»Und wo warst du unterwegs? In Amstetten, in Sankt Pölten, in Wien oder woanders?«

»In Wien.«

»In Wien?«

Sie nickte.

»Und wo in Wien?«

»Weiß ich nicht mehr.«

»Bist du die ganze Zeit über in Wien gewesen? Also die ganze Woche?«

Sie überlegte. »Nein, auch in Sankt Pölten.«

»Und wo in Sankt Pölten?«

»Weiß ich nicht mehr.«

»Bist du allein gewesen?«

»Nein.«

»Mit wem warst du zusammen?«

Bernadette warf ihm einen Blick zu, als hätte er eine unmögliche Frage gestellt. »Keine Ahnung«, antwortete sie, »ich habe die Leute nicht gekannt.«

»Was hast du die ganze Woche über gemacht?« Noch einmal versuchte Radek, eine brauchbare Erklärung aus ihr herauszubekommen.

Sie flüsterte: »Ich war beim Teufel. Weil, der Teufel ist unter uns, ich hab ihn gesehen. Geben Sie acht!«

Radek musste sich zusammenreißen, um seinen Ärger nicht zu zeigen. »Möchtest du mir etwas über den Teufel erzählen?«, fragte er und bemühte sich dabei um einen verständnisvollen Ton.

Sie schüttelte heftig den Kopf. »Nein, das darf ich nicht.«

»Erzählst du mir dann etwas über die Leute, mit denen du unterwegs warst?«

Wieder schüttelte sie den Kopf. »Ich weiß nichts über sie.«

»Was heißt, du weißt nichts? War es ein Mann oder eine Frau, einer oder mehrere?«

»Mehrere, einige Männer und einige Frauen.«

»Wie viel?«

»Das war unterschiedlich, manchmal zwei, manchmal drei.«

»In Sankt Pölten?«

»Ja.«

»Und in Wien?«

»Da auch.«

»Wann bist du in Wien gewesen und wann in Sankt Pölten?«

»Das weiß ich nicht mehr.«

»Warst du zuerst in Sankt Pölten und dann in Wien, oder umgekehrt?«

»Zuerst in Sankt Pölten.«

»Wie lange?«

»Weiß ich nicht mehr.«

Radek wurde klar, dass diese Befragung sinnlos war. Entweder wollte Bernadette nichts sagen oder sie war völlig von der Rolle und redete deshalb nur Scheiße. Oder sie hatte tatsächlich keine Ahnung, was in der Woche ihres Verschwindens mit ihr passiert war. Aber dann stellte sich die Frage, warum?

Radek hatte keine Ahnung, was er jetzt mit ihr machen sollte, deshalb versuchte er es noch einmal, diesmal auf die direkte Art. »Bernadette«, sagte er ruhig und vergewisserte sich, dass sie ihm zuhörte und ihn richtig verstand, »ich glaube dir nicht. Du belügst mich. Ich denke, dass nichts von dem, was du mir gerade erzählt hast, stimmt. Warum willst du mir nicht die Wahrheit sagen?«

Sie starrte ihn lange an, ihre Augen schienen durch ihn hindurchzusehen in eine andere, weit entfernte Welt. Dann sah sie zu der uniformierten Polizistin, danach zu ihrer Mutter, anschließend wieder zu Radek. Und plötzlich schrie sie: »Die Wahrheit geht euch nichts an! Das ist meine Wahrheit, nur meine! Verschwindet, lasst mich in Ruhe! Der Teufel soll euch holen!« Sie wurde von einer Sekunde auf die andere aggressiv und versuchte, Radek vom Bett zu stoßen. »Der Teufel wird auch euch holen, wenn ihr so weitermacht«, kreischte sie. »Verschwindet, schert euch zum Teufel!«

»Bitte, lassen Sie Bernadette in Ruhe«, mischte sich die Mutter ein.

Das Mädchen hatte aufgehört zu schreien, war noch weiter in die Ecke gerutscht.

Radek stand auf und sie gingen aus dem Zimmer. Das war völlig danebengegangen. Sie folgten der Mutter hinunter ins Vorzimmer.

»Hat Sie Ihnen erzählt, was passiert ist?«, fragte er die Mutter.

»Nein«, war die knappe Antwort.

Radek wartete vergeblich, dass sie noch etwas hinzufügte. »Hat sie gesagt, wo sie gewesen ist?«

»Nein.«

»Oder was sie in dieser Woche gemacht hat?«

»Nein, auch nicht.«

»Was hat Sie Ihnen eigentlich gesagt?« Radek wurde ungehalten. »Irgendetwas werden Sie ja gesprochen haben, nachdem Ihre Tochter heimgekommen ist.«

Die Mutter blickte ihn unverwandt an. Dann antwortete sie mit ruhiger Stimme: »Sie hat nichts gesagt. Nur das, was sie Ihnen eben erzählte, das hat sie auch uns erzählt, mehr nicht.«

»Und damit haben Sie sich zufriedengegeben?«

»Ja.«

Radek begriff, dass die Mutter nichts wusste oder es nicht sagen wollte und es sinnlos war, weiterzubohren. Er hätte zwar noch gut ein Dutzend Fragen gehabt, aber ihm wurde klar, dass es vergeblich war, Mutter oder Tochter weiter zu löchern.

»Eines würde ich gerne noch wissen«, sagte Radek, als er sich schon zum Gehen wandte. »Hat Bernadette einen Führerschein?«

»Nein«, antwortete sie. »Warum interessiert Sie das?«

Radek zuckte die Schultern. »Es erscheint mir hier in dieser Gegend praktisch, möglichst früh mobil zu sein.«

Die Mutter schüttelte den Kopf. »Nein, Bernadette hat das bis jetzt noch nicht interessiert.«

Die beiden Polizisten verabschiedeten sich an der Tür und gingen.

»Wie ist das gelaufen, als du bei ihr warst?«, wollte Radek von seiner Kollegin wissen, als sie im Funkwagen saßen.

»Ganz ähnlich«, antwortete Steiger. »Bernadette hat nur Scheiße gequatscht, und ihre Eltern haben gemauert.«

»Aber warum?«, dachte Radek laut nach. »Was haben sie zu verbergen? Hat das Mädchen etwas angestellt, als sie abgehauen war?«

»Gut möglich. Jedenfalls glaube ich, dass die Eltern Bescheid wissen«, mutmaßte Steiger.

»In Ordnung. Gehen wir einmal von folgender Überlegung aus: Das Mädchen ist abgehauen und hat irgendwo eine Straftat begangen. Etwas Gravierendes, das verschwiegen werden muss. Trotzdem beichtet sie es den Eltern? Das ergibt keinen Sinn.«

»Möglicherweise brauchte sie ihre Hilfe.«

»Das wäre eine Möglichkeit.«

»Gut. Bernadette beichtet ihren Eltern, was sie getan hat, und die stellen sich hinter sie und decken sie. Das wäre bis zu einem gewissen Grad verständlich.«

»Das heißt, sie haben sich abgesprochen und stecken unter einer Decke«, brachte es Steiger auf den Punkt.

»Das erscheint plausibel«, bestätigte Radek. »Allerdings bringt uns das nicht wirklich weiter.«

»Nein, tut es nicht. So weit war ich nämlich auch schon. Mir ist das genauso komisch vorgekommen wie dir. Das war der Grund, warum ich versucht habe, einen Kriminalsachbearbeiter oder jemand anderen hinzuzuziehen«, rechtfertigte sich Steiger.

»Zumindest hast du jetzt jemanden.«

»Ha ha – da kann ich aber nicht lachen.« Steiger meinte das durchaus ernst.

»Außerdem ist da die Sache mit dem Teufel. Was soll das? Hast du dich im Zimmer umgesehen? Da deutet überhaupt nichts in diese Richtung. Was will sie damit?«, fragte Radek.

»Ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist es einfach eine Schutzbehauptung, um uns in die Irre zu führen. Vielleicht sollen wir nach einem satanistischen Hintergrund suchen, damit wir vom Kern der Sache abgelenkt werden.«

»Aber was ist der Kern der Sache?«

»Keine Ahnung. Wie machen wir jetzt weiter?«

»Ebenfalls keine Ahnung. Wir haben zu wenig Informationen. Wir sollten noch weiter im Leben der Lindner herumstochern. Vielleicht sollten wir mit ihrem Chef sprechen.«

Bevor Radek den letzten Satz beendet hatte, startete seine Kollegin den Wagen und fuhr los.

15.

Es war ein kleiner Frisiersalon auf dem Hauptplatz. Der Chef, Herr Doleschal, sah aus wie eine Tunte, aber er war keine. Selbst die stylisch gegelten blondierten Haare, das gekünstelte Gehabe, als wäre er einer der gefragtesten Stylisten im Land, und sein tänzelnder Gang, der den Eindruck vermittelte, eine seiner Friseurinnen würde ihn ständig begrapschen, konnten nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich hinter den grauen Augen ein eiskaltes Wesen verbarg.

Als Doleschal die uniformierte Polizistin sah – Radek ignorierte er zunächst –, scharwenzelte er herbei und säuselte mit gezierter hoher Stimme: »Hallo, Frau Inspektor, womit darf ich Ihnen dienen? Ein Termin für die Haare?« Er warf einen prüfenden Blick auf Steigers brünetten Haarschopf. »Ein bisschen kürzer schneiden könnte sicher nicht schaden, und eine neue Fasson würde Sie deutlich besser aussehen lassen.«

»Ich habe einen Spiegel zu Hause und weiß, wie ich aussehe«, entgegnete Steiger mit einer amtlichen Strenge, die ihr Radek nicht zugetraut hätte. »Und meine Haare bleiben so, wie sie sind.«

Der Friseur zeigte kein Anzeichen von Überraschung, offensichtlich hatte er eine solche Reaktion erwartet. Als die Polizistin hinzufügte, warum sie hier waren, wurde er deutlich kühler. Er gab einige kurze Anweisungen an seine Angestellten und führte die Polizisten nach hinten ins Büro. Dort legte er sein tuntiges Gehabe endgültig ab und kehrte den leidenschaftslosen Geschäftsmann hervor. »Also, worum geht es?«

»Bernadette Lindner arbeitet bei Ihnen.« Das war eher eine Feststellung als eine Frage von Radek.

»Sie arbeitete bei mir«, korrigierte der Friseur. Seine Stimme hatte nun ihren natürlichen Ton wieder und klang nicht mehr, als ziehe ihn jemand an den Ohren.

»Was heißt, sie arbeitete bei Ihnen?«, fragte Radek nach.

»Ich habe ihr gekündigt.«

»Weshalb?«

»Weil sie unentschuldigt eine Woche nicht zur Arbeit erschienen ist. Das reicht wohl für eine fristlose Kündigung. Oder was denken Sie, was ich bin? Ein gemeinnütziger Verein, in dem jeder kommen und gehen kann, wie es ihm passt?«

»Haben Sie die Gründe, warum Bernadette nicht zur Arbeit erschienen ist, gar nicht interessiert?«

»Nein, überhaupt nicht. Sie ist nicht zur Arbeit gekommen, das genügt. Sie war nicht krank, sondern hat blaugemacht. Was immer sie treibt oder getrieben hat, es gibt da im Dorf ja die wildesten Gerüchte, ist mir egal, solange sie ihre Pflicht tut. Die Gründe sind ohne Belang. Sie hat ihre Pflicht versäumt. Und das ist ein Zeichen von Schwäche. Ich dulde keine Schwäche. Wir sind umgeben von schwachen Menschen, die nur auf die Gunst der Starken hoffen und durchgefüttert werden wollen. Aber nicht mit mir und nicht bei mir.«

Amen, lag Radek auf der Zunge, er schluckte die Bemerkung jedoch hinunter. Trotzdem fragte er sich, was dieser Doleschal für ein Chef und vor allem, was er für ein Mensch war. Abgesehen davon wollte er nicht über die moralischen Ansichten des Friseurs reden. »Ich würde Ihnen trotzdem gerne einige Fragen zu Frau Lindner stellen.«

»Dann tun Sie das.« Doleschals Unwillen war deutlich zu sehen.

»Können Sie sich erinnern, ob es in den Tagen, bevor Bernadette nicht mehr zur Arbeit erschienen ist, irgendwelche Anzeichen für eine Verhaltensänderung gegeben hat?«, fragte Radek.

»Nein«, antwortete Doleschal sofort und ohne nachzudenken. Wie konnte er sich da so sicher sein?

»Wissen Sie das genau?«

»Ja.«

»Hat sie Andeutungen gemacht, dass sie woanders hinwill oder dass sie nicht zur Arbeit kommen wird, etwas in der Art?«

»Nein.« Wieder kam die Antwort ohne Zögern.

»Überhaupt nichts?«

»Überhaupt nichts.«

»Was war Bernadette für ein Mädchen?«

Er zuckte mit den Schultern, doch diesmal überlegte er länger, bevor er sagte: »Ein ganz normaler Lehrling. Mäßig fleißig, aber nicht faul. Ausreichend begabt und arbeitswillig. Durchschnittlich, würde ich sagen, aber akzeptabel.«

Das klang für Radek wie die Bewertung einer Waschmaschine.

»Und welchen Eindruck hatten Sie sonst von ihr?«

»Wie ich schon sagte: Durchschnitt. Eine normale Jugendliche, keine Ecken und Kanten.«

»Ist sie früher schon einmal unentschuldigt von der Arbeit weggeblieben?«

»Nein, sonst hätte ich ihr damals schon gekündigt.«

Weil er keine Schwäche duldet – Radek verzichtete darauf, nach dem Warum zu fragen. »Wie war ihr Verhältnis zu den Kolleginnen?«

»Normal, soweit ich das beurteilen kann. Es gab keine Streitereien außer dem üblichen Herumgezicke. Wenn Sie es genauer wissen wollen, müssen Sie die Mädchen fragen.«

»Wissen Sie vielleicht, mit wem Bernadette in ihrer Freizeit Umgang pflegte?«

»Nein, da müssen Sie ihre Eltern fragen.«

»Wurde sie nach Geschäftsschluss abgeholt, von einem Freund möglicherweise? Am Freitag ihres Verschwindens vielleicht?«, mischte sich Steiger ins Gespräch ein.

»Nein. Ist mir nicht aufgefallen.«

»Können Sie uns sonst etwas sagen, was den Umstand des Verschwindens von Bernadette beleuchtet?«

»Nein.«

Das blumige Herumplappern, mit dem der Friseur sie empfangen hatte, war einem verschlossenen, ablehnenden Misstrauen gewichen. Doleschal wollte ihnen nichts sagen. Sie verabschiedeten sich und verließen den Friseurladen. Radek verzichtete darauf, die Arbeitskolleginnen von Bernadette Lindner zu befragen, da er glaubte, das Ergebnis zu kennen: Nein – weiß nicht – kann ich nicht sagen – keine Ahnung.

Renate Haring stand hinter der Auslage des Spielwarengeschäfts, in dem sie arbeitete, und blickte hinüber zu der uniformierten Polizistin und dem Mann in Zivil, die schräg gegenüber auf dem Gehsteig standen. Sie war hinter dem Vorhang, der die Auslage zum Geschäft hin abdeckte, nicht zu sehen. Das wusste sie. Das hatten sie getestet. Von ihrem Standort aus konnte sie beinahe den ganzen Hauptplatz überblicken, ohne dabei selbst gesehen zu werden.

Sie hatte die beiden schon beobachtet, als sie den Streifenwagen geparkt und den Hauptplatz überquert hatten und in das Geschäft von diesem Doleschal gegangen waren. Und sie hatte sich gefragt, was die beiden bei ihm wollten. Als sie Katharina Fenzl, ihrer Chefin und Besitzerin des Ladens, davon erzählte, war für die völlig klar, dass es nur um die kleine Lindner gehen konnte. Die hatte beim Doleschal gearbeitet, bevor sie abgehauen war, und man hörte einiges im Dorf darüber, was sie in dieser Zeit getrieben haben soll.

Renate vermutete, dass auch der Mann ein Polizist war. »Jetzt stehen die beiden vor dem Doleschal seinem Laden und beratschlagen«, berichtete sie.

»Was sind das überhaupt für Leute?«, fragte ihre Chefin.

»Keine Ahnung. Sie kenne ich. Die habe ich schon ein paarmal in Gresten gesehen, aber er ist mir unbekannt. Ob der aus Scheibbs kommt oder aus Sankt Pölten?«

Kathi Fenzl trat neben Renate und blickte ebenfalls vorsichtig auf den Hauptplatz.

»Nein, den kenne ich auch nicht«, sagte sie, fügte dann aber nach genauerem Hinsehen hinzu: »Ist der nicht am Wochenende beim Falk auf der Terrasse gesessen? Am Samstagnachmittag. Das hat ausgesehen, als wäre er dort Gast.«

»Beim Falk?«, fragte Renate. »Warum geht er zum Falk?«

»Keine Ahnung. Die kommen sicher wegen der Lindner.«

»Was will die Polizei vom Doleschal? Der hat doch mit der Lindner nichts zu tun.«

»Er ist ihr Chef.«

»Ich hab gehört, er hat ihr gekündigt.«

»Dann war er halt ihr Chef, bevor sie verschwunden ist.«

»Aber er hat mit ihrem Verschwinden nichts zu tun. Nehm ich zumindest an.«

»Vielleicht weiß er etwas Interessantes über die Lindner. Immerhin war sie zwei Jahre bei ihm.«

»Und jetzt hat er sie einfach rausgeschmissen. Das ist ziemlich gemein von ihm.«

»Ja, das hätte ich ihm nicht zugetraut. Aber ganz geheuer ist der mir sowieso nie gewesen.« Kathi tat geheimnisvoll.

»Glaubst du, dass die Polizisten länger bleiben?«, wechselte Renate das Thema.

»Ich weiß nicht.«

»Glaubst du, dass die auch zu uns kommen?«

Kathi bekam einen furchtsamen Ausdruck in den Augen und flüsterte: »Hoffentlich nicht.« Nur nicht auffallen, dachte sie.

»Mich würde interessieren, was der Bürgermeister dazu sagt.« Unwillkürlich sprach auch Renate leiser und blickte sich unauffällig im Geschäft um.

»Der weiß das vielleicht noch gar nicht«, vermutete ihre Chefin.

»Meinst du?«

»Ich bin mir nicht sicher.«

»Und der Baron? Denkst du, der Baron weiß bereits, dass die Polizisten hier herumlaufen?«

Kathi schüttelte unmerklich den Kopf. »Nein, ich glaub nicht«, wisperte sie kaum hörbar.

Dann gingen sie wieder an die Arbeit.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺664,84

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
434 s. 7 illüstrasyon
ISBN:
9783839267424
Yayıncı:
Telif hakkı:
Автор
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar