Kitabı oku: «Das Ziel ist der Gipfel»

Yazı tipi:

KARIN STEINBACH und PETER HABELER

DAS ZIEL IST DER GIPFEL


INHALT

ANSTELLE EINES VORWORTS

Jeder hat seinen Achttausender

LAUSBUBEN AM EVEREST

Die erste Besteigung des höchsten Berges der Welt ohne künstlichen Sauerstoff

„Am Everest hatte ich mehr Angst als bei allen späteren Expeditionen“

HELDEN UND LEHRMEISTER

Die Ostwand der Rofanspitze mit Hias Rebitsch

„Du brauchst solche Leute, die mehr von dir halten, als du eigentlich kannst – dann wächst du über dich selbst hinaus“

ERFOLGE UND RÜCKSCHLÄGE AN DEN HOHEN BERGEN DER WELT

Sternstunde am Nanga Parbat

„Wenn wir Angst vor dem Tod hätten, würden wir nicht extreme Bergsteiger werden“

DIE SCHÖNSTEN BERGE STEHEN DAHEIM

Die Highlights des Zillertals

„Ich wollte einfach da hinauf“

DIE GÖTTIN DES TÜRKIS

Leicht und schnell im Alpinstil

„Das war ein ganz natürliches, logisches Verständnis zwischen uns“

DER BERGPROFESSOR

Vom Bergführer zum Unternehmer: Die Ski- und Alpinschule Mount Everest

„Das Schöne am Vermitteln des Bergsteigens ist, dass die Leute Freude am Berg haben“

WIE AUF EINER HIMMELSLEITER

Der Nordgrat des Kangchendzönga

„Du musst irgendwo das Letzte, das Äußerste, was du in dir hast, aktivieren“

ALLEIN IST ALLES ANDERS

Solo-Begehungen im Karwendel und im Wilden Kaiser

„Dass du nur auf dich selbst beschränkt bist, macht den Reiz aus, es intensiviert das Erlebnis“

GAUDI ODER PLAISIR – KLETTERN EINST UND JETZT

Frêneypfeiler und Grand Pilier d’Angle: Die großen Routen von Chamonix

„Bei uns war halt der Gipfel das Ziel“

MIT 75 JAHREN NOCH IMMER AKTIV

Lokaltermin in der Westwand der Maukspitze

„Die Freude ist weiterhin meine Triebfeder“

HERBERT WOOPEN

IN TIEFER VERBUNDENHEIT GEWIDMET

JEDER HAT SEINEN ACHTTAUSENDER

Einer der besten französischen Alpinisten, Lionel Terray, bezeichnete uns Bergsteiger als „Eroberer des Unnützen“ – zu Recht, möchte man meinen. Als Lebensraum eignet sich das Gebirge nicht sonderlich, und auch irdische Reichtümer sind auf den Gletschern und Gipfeln nicht zu holen. Was ist dann der Grund dafür, dass sich doch so viele Menschen im Gebirge aufhalten, Wanderungen, Klettertouren, Gletscherüberquerungen unternehmen und sich in den Bergen Kraft und Ausdauer für das Leben „im Tal“ holen?

In der Tat ist es nicht leicht, die Faszination des Bergsteigens zu beschreiben. Sind es die Farben, die besonders intensiv dem Jahreslauf folgen? Ist es die Mächtigkeit, die imposante Erscheinung der Gipfel, und gleichzeitig die unglaubliche Ruhe, die das Gebirge ausstrahlt? Kann es sein, dass man aus Neugierde auf einen hohen Berggipfel steigt, um quasi wie mit einem Weitwinkel der Kamera mehr zu sehen und zu erkennen als in einem engen Tal?

Ich bin im Zillertal geboren und im Gebirge aufgewachsen, und als Kind war es wohl eher die Neugierde, die mich zum Bergsteigen gebracht hat. Wie sieht es da oben aus, finde ich dort etwas, was es im Tal nicht gibt? Irgendjemand hatte einmal erzählt, man könnte das Meer sehen. Nun, das Meer habe ich in den heimatlichen Bergen nicht gesehen, aber ich erlebte eine Fülle von äußerst intensiven, herrlichen Eindrücken, die mich formten und meinen weiteren Lebensweg bestimmten.

Ich wurde Bergsteiger, Bergführer; wenn man will, könnte man auch Abenteurer sagen. Mein Hobby, das Bergsteigen, wurde zu meinem Beruf. Ich hatte das Glück, Freunde zu kennen, die mir das Wesentliche für das Überleben im Gebirge beibrachten. Aber nicht nur das technische Rüstzeug wurde mir mitgegeben, sie lehrten mich vor allem auch den Respekt vor der Natur und ihrer Größe.

Möglichst viele Spielarten des Alpinismus kennenzulernen, das war mir wichtig. Kletterrouten im leichten und im extremen Gelände, Anstiege im steilen Eis, lange, ausgedehnte Gratklettereien über eine Reihe von mehreren Gipfeln … Durch intensives Training erreichte ich eine große Sicherheit in den Bergen. Häufig kletterte ich bei schlechtestem Wetter. Ob es regnete oder schneite – was kümmerte mich das? Wichtig war die Erfahrung, das Erleben möglichst vieler verschiedener Situationen.

Mein „Verschleiß“ an Seilpartnern war groß. Viele von ihnen wussten mit mir irgendwann nicht mehr viel anzufangen. Es ging ihnen alles zu schnell, und wenn ich damals nach zehn bis zwölf Stunden schwerster Kletterei am Gipfel meine obligaten Karotten auspackte und während des Kauens schon wieder zum Aufbruch drängte, hassten sie mich. Ich war besessen, kletterte viel allein, Touren im höchsten Schwierigkeitsgrad im Wilden Kaiser, an Fleischbank, Totenkirchl und Predigtstuhl, in der schnellstmöglichen Zeit. Aber nicht die Zeit als solche war mir wichtig. Schnell zu klettern bedeutete, einem möglichen Gewitter auszuweichen, bedeutete Sicherheit.

Mitte der Sechzigerjahre lernte ich einen jungen Südtiroler Bergsteiger kennen – Reinhold Messner. Instinktiv wusste ich: Das wird mein Partner. Reinhold hatte die gleichen Ideen, war unglaublich schnell, sowohl im Fels als auch im Eis, und genau wie ich wollte er Neues. Gemeinsam „wieselten“ wir durch die Eiger-Nordwand, in knapp zehn Stunden. Wir wussten um unsere Fähigkeiten und wollten neue Maßstäbe setzen – an den hohen Bergen der Welt.

1969 durchstiegen Reinhold und ich die über 50 Grad steile Ostwand des Yerupaja, eines Sechstausenders in Peru. Wir waren um Mitternacht in die Wand eingestiegen, kletterten teilweise seilfrei und erreichten unseren Ausgangspunkt kurz vor Mitternacht des gleichen Tages. Mit Messner war in der Tat alles möglich, seine Sicherheit und seine technischen Fähigkeiten im schwersten alpinen Gelände waren unerreicht. Wir passten zusammen und ergänzten uns. Unsere weiteren gemeinsamen Unternehmungen, nun im Himalaja, standen unter einem guten Stern. Unsere Erfolge machten uns selbstsicher, aber nie übermütig; wir wussten immer, wann es Zeit war, umzukehren.

Im Zusammenhang mit dem Bergsteigen wird immer wieder gern zitiert, dass der Weg das Ziel sei. Für meine aktive Zeit als Kletterer und Höhenbergsteiger möchte ich dieser Aussage widersprechen. Auch wenn der Weg wichtig ist, mein eigentliches Ziel war nie der Weg, sondern immer der Gipfel, die maximale Leistung. Auf dieses Ziel war ich fokussiert. Um meine Ziele zu erreichen, musste ich die eine oder andere gefährliche Situation in Kauf nehmen. Doch ich tat das nicht aus Todessehnsucht; indem ich die Gefahren überwand, den Tod riskierte, konnte ich den Wert des Lebens umso deutlicher erkennen.

Peter Habeler am 8. Mai 1978 kurz vor dem Südgipfel: Mit Reinhold Messner gelang ihm die erste Besteigung des Mount Everest ohne künstlichen Sauerstoff.

Nach vielen Jahren im Gebirge hat das Bergsteigen für mich heute noch denselben Stellenwert wie früher, wenn ich auch nicht mehr so ungestüm bin, nicht mehr so wild. Meine Heimat sind gleichermaßen die europäischen Alpen wie auch das Dach der Welt, die Himalajaberge. Jedes Jahr, zumeist im Herbst, zieht es mich unweigerlich nach Nepal. Die Ziele sind nicht mehr so hoch gesteckt. Meine Partner, mit denen ich die prächtigen Hochgebirgstäler durchwandere oder auch diesen oder jenen Gipfel besteige, kommen mittlerweile aus aller Herren Länder.

Wenn ich mit Gästen unterwegs bin, passe ich mich an ihre Geschwindigkeit an, was manchmal auch bedeutet, sich relativ langsam fortzubewegen. Bin ich allein, gehe ich sehr schnell, dann tanze ich, dann springe ich auch. Es ist mir ein Vergnügen, rhythmisch und gezielt Fuß vor Fuß zu setzen, schnell und präzise den Platz für den nächsten Schritt zu wählen. Ich bin ein leidenschaftlicher Geher. Das Gehen ist für mich überhaupt das Maß aller Dinge. Gehen ist meditativ. Sehr langes Gehen führt an die Grenze der Erschöpfung. Man erreicht unweigerlich einen toten Punkt. Dann muss man sich auf gut Deutsch „einen Tritt in den Hintern geben“ – dann wird es plötzlich ganz licht, hell und schön. Das muss nicht am Everest sein. Je nach persönlichem Können reicht dafür ein Dreitausender, ein Viertausender, eine Kletterroute an der eigenen Leistungsgrenze, eine Trekkingtour über hohe Pässe. Jeder, der ins Gebirge geht, hat seinen Achttausender.

Heute versetze ich keine Grenzen mehr, aber ich lote immer noch, immer wieder meine eigenen Grenzen aus. Auch wenn ich immer noch gern schnell gehe, immer noch höhentauglich bin, bin ich natürlich nicht mehr so agil und leistungsfähig wie früher. Die großen alpinistischen Meilensteine setzt heute eine andere, junge Generation. Dies nicht sehen zu wollen wäre verblendet.

Was mich jedoch jung hält, ist die Tatsache, dass ich weiterhin Ziele habe. Ziele, die meinem Können und meiner Verfassung entsprechen. Sicher, meine Routen werden leichter, meine Gipfel niedriger werden. Aber ich werde weiterhin Ziele haben und Herausforderungen suchen.

Doch die Berge sind nicht nur Herausforderung für mich. Sie sind auch ein Ruhepunkt. Selbst wenn ich schlecht gelaunt von daheim weggehe, weil mir etwas durch den Kopf geht, was ich nicht klären kann – sobald ich unterwegs bin, auf dem Weg nach oben, fällt diese Beklemmung von mir ab. Ich habe Zeit, um meinen Gedanken nachzuhängen, um die Maßstäbe wieder zurechtzurücken. Der Kopf wird frei. Ich gehe auf einen Gipfel, und wenn ich wieder herunterkomme, bin ich ein anderer Mensch.

Immer noch erobern wir Bergsteiger „Unnützes“, tun Dinge, die rational nicht erklärbar sind, und fühlen uns wohl dabei. Es muss etwas dran sein am Gehen, am Überwinden, am Suchen und Finden von Lösungen. Langes Gehen, ausgedehntes Wandern – das ist Balsam für Seele und Körper. Am Berg fühle ich Kraft und Wärme. Wenn ich mir für mein weiteres Leben etwas wünschen darf, so lautet dieser Wunsch, dass ich noch möglichst lange gehend unterwegs sein kann. Und vielleicht dabei auch noch den einen oder anderen Gipfel erreiche.

LAUSBUBEN AM EVEREST
DIE ERSTE BESTEIGUNG DES HÖCHSTEN BERGES DER WELT OHNE KÜNSTLICHEN SAUERSTOFF

Am 21. April 1978 stieg ich mit Reinhold Messner vom Basislager ins Lager 1 auf. Wir wollten in den folgenden Tagen unseren ersten Angriff auf den Gipfel des Mount Everest (8850 m) machen. Nach wochenlangen Versicherungsarbeiten im Khumbugletscher und in der Lhotseflanke fühlten wir uns in einer prächtigen Verfassung. Durch oftmaliges Aufsteigen in die Hochlager hatten wir uns optimal akklimatisieren können; bis zum Vorgeschobenen Basislager auf 6400 Metern marschierten wir, als ob wir irgendwo in den heimatlichen Bergen wären. Dementsprechend gut war auch unsere Stimmung. Unser Ziel war klar: Als erste Menschen wollten wir versuchen, ohne künstlichen Sauerstoff den höchsten Punkt der Erde zu erreichen – ein Vorhaben, das von vielen Medizinern als völliger Unsinn bezeichnet und zum Scheitern verurteilt worden war. Auch in alpinistischen Kreisen räumte man uns nur geringe Chancen ein.

Reinhold und ich wollten, das hatten wir immer wieder betont, nur einen Versuch machen. Wir wussten, dass bereits in den Zwanzigerjahren Engländer ohne jegliche Sauerstoffhilfe Höhen von mehr als 8500 Metern erreicht hatten, überdies mit einer völlig unzulänglichen Ausrüstung. Bekannt war auch, dass nach der 1953 erfolgten Erstbesteigung des Mount Everest durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay kein ernsthafter Versuch ohne Sauerstoff mehr erfolgte. Man sprach nur immer wieder davon, dass es unmöglich wäre, dass der im Vergleich zur Meereshöhe nur mehr ein Drittel betragende Sauerstoffdruck schwere körperliche Schäden insbesondere des Gehirns nach sich ziehen würde. Wohl waren bei einigen Unternehmungen die Bergsteiger nicht permanent mit Sauerstoff unterwegs gewesen, hatten manchmal nur Schlaf sauerstoff oder Sauerstoffduschen genommen (im ersten Fall Michl Dacher am Lhotse, im zweiten die Chinesen 1975 am Everest). Unverständlicherweise wurde hier einige Male von „sauerstofflosen“ Besteigungen gesprochen. Doch auch diese Expeditionen müssen zu den traditionellen zählen. Als sauerstofflos kann nur eine Besteigung gelten, bei der vom Beginn der Expedition bis zum Ende überhaupt kein zusätzlicher Sauerstoff – in welcher Form auch immer – eingesetzt wird.

Reinhold und ich hatten uns einer Expedition des Österreichischen Alpenvereins, die unter der Leitung von Wolfgang Nairz stand, angeschlossen. Die Mannschaft bestand aus bewährten Bergsteigern; für die medizinische Betreuung waren Raimund Margreiter aus Innsbruck und Oswald Oelz aus Zürich zuständig. In gemeinsamer Arbeit hatten wir den gefürchteten Khumbu-Eisfall versichert und die Hochlager aufgestellt, in der Lhotseflanke waren Fixseile verankert worden. Dem ersten Gipfelsturm stand nichts mehr im Weg. Am 22. April erreichten Reinhold und ich Lager 2, unser Vorgeschobenes Basislager auf 6400 Metern, und tags darauf das Lager 3 in der Lhotseflanke auf 7200 Metern. Am Morgen des 24. beschloss ich, nachdem ich mir mit Sardinen aus der Dose, die gefroren waren, den Magen verdorben hatte, wieder zurück ins Lager 2 abzusteigen. Reinhold wollte mit zwei Sherpas zum Südsattel vorstoßen und Lager 4 errichten. Später am Nachmittag verschlechterte sich das Wetter. Um 18 Uhr herrschte starkes Schneetreiben, und der Sturm steigerte sich zum Orkan. Das Zelt am Südsattel, in dem Reinhold mit den beiden Sherpas war, wurde zerfetzt. Am nächsten Tag wütete der Wind mit unverminderter Heftigkeit, Reinhold konnte notdürftig ein Reservezelt errichten. Nach einer weiteren Nacht, der zweiten ohne Sauerstoff, gelang den dreien erst am 26. der Abstieg ins Lager 2. Erschöpft und von den Strapazen gezeichnet, erreichte Reinhold am 27. April das Basislager.

Mittlerweile waren Wolfgang Nairz, Robert Schauer und Horst Bergmann zusammen mit Ang Phu, dem Sherpa-Sirdar, aufgestiegen. Das Wetter war herrlich, sie wollten zum Gipfel. Am 1. Mai spurten sie in hüfttiefem Schnee vom Südsattel hinauf bis auf 8500 Meter, wo sie Lager 5 errichteten. Ab einer Höhe von 7200 Metern hatten sie Sauerstoffmasken benutzt. Das Wetter war unverändert gut. Nach fünfstündigem Aufstieg erreichte die Mannschaft am frühen Nachmittag des 3. Mai den Gipfel des Everest. Es war ein großartiger Erfolg, der uns, die wir in den tieferen Lagern warteten, großen Auftrieb gab. Am selben Tag, an dem die Gipfelmannschaft müde, aber in guter Verfassung im Lager 2 eintraf, nächtigten auch Reinhold und ich dort. Das Wetter schien zu halten. Die fürchterliche Hitze vermeidend – die Quecksilbersäule kletterte manchmal auf über 40 Grad plus –, stiegen Reinhold und ich anderntags durch die Lhotseflanke, verbrachten eine kalte, aber gute Nacht in Lager 3 und gelangten am 7. Mai nach anstrengender Spurarbeit um die Mittagszeit zum Südsattel auf rund 7900 Metern. Drei Sherpas sowie Eric Jones, ein bekannter englischer Bergsteiger, hatten uns begleitet. Obwohl wir ohne künstlichen Sauerstoff aufgestiegen waren, fühlten wir uns gut.


Der Mount Everest mit dem stark zerklüfteten Khumbugletscher

Während der Nacht kam Sturm auf. Wir schliefen kaum, und der Sauerstoffmangel machte sich bemerkbar. Ich hatte kalte Füße, die ich nicht warm bekommen konnte. Gegen drei Uhr früh begann Reinhold Tee zu kochen. Heute, das wussten wir, würde die Entscheidung fallen. Um halb sechs krochen wir, die Steigeisen bereits an den Füßen, aus dem Zelt. Immer noch blies der Wind heftig aus Südwesten, dunkle Wolkenbänke standen über dem Nuptsegrat. Mein erster Impuls war umkehren – ich konnte mir schwer vorstellen, bei diesen Verhältnissen auch nur einige hundert Meter hinaufzukommen. Durch mein Zögern hatte Reinhold einen kleinen Vorsprung gewonnen. Ich rief Eric Jones, bat ihn, unseren Aufbruch zu filmen, und folgte Reinhold.

In den Beinen spürte ich eine bleierne Müdigkeit, bereits nach 20 bis 30 Metern musste ich jeweils Rastpausen einlegen. Wenn sich das verschlimmerte, würde ich nicht einmal bis zum Südgipfel kommen. Vielleicht war es doch vermessen, vom Südsattel aus zu starten und damit einen Höhenunterschied von fast 950 Metern zurücklegen zu müssen, noch dazu ohne Sauerstoffhilfe? Doch die Bedenken der vergangenen Tage waren völlig verschwunden. Ich dachte nicht an zu Hause, nicht an Frau und Kind, sondern nur noch an die bergsteigerischen Schwierigkeiten, die uns bevorstanden. Ich konzentrierte mich ganz und gar auf den Aufstieg, registrierte jeden meiner Schritte und versuchte, meine Kräfte einzuteilen und mit ihnen so lange wie möglich zu haushalten.

Von erhabenen Gedanken oder Gefühlen konnte allerdings keine Rede sein. Mein Gesichtskreis war ganz eng, beschränkte sich auf das Allernotwendigste. Ich sah nur meine Füße, nur die nächsten Schritte und Griffe, und bewegte mich wie ein Automat. Ich schaltete völlig ab und dachte nur noch an die nächsten fünf Meter vor mir. Ich dachte nicht an den Everest, nicht an unser Ziel. Nur dass ich diese nächsten fünf Meter hinter mich brachte, war wichtig, sonst nichts. Wenn ich überhaupt an etwas anderes dachte, dann daran, wie ich hier am besten wieder herunterkommen würde.

Die Luft wurde knapper und knapper. Ich war nahe am Ersticken. Ich erinnere mich noch, dass mir ein einziges Wort im Takt meiner Schritte durch den Kopf ging: „Vorwärts, vorwärts, vorwärts …“ Wie eine tibetische Gebetsmühle. Mechanisch setzte ich einen Fuß vor den anderen. Ab und zu blieb ich stehen, rammte den Eispickel in den Schnee und lehnte mich für eine halbe Minute darauf, schnappte nach Luft wie ein Fisch auf dem Trockenen und versuchte mich auszuruhen. Dann spürte ich deutlich, wie sich meine Muskeln mit neuer Kraft anreicherten, und es ging für zehn oder zwanzig Schritte weiter.

Inzwischen hatte ich Reinhold eingeholt und nützte als Führender das felsige Gelände aus, um nicht im grundlosen Schnee spuren zu müssen. Wir kletterten Passagen im I. und II. Schwierigkeitsgrad, konzentrierten uns völlig auf diese Kletterei und spürten, dass sich unsere Körper auf das verminderte Sauerstoffangebot einstellten. Immer wieder versuchte ich meine Zehen zu bewegen, die seit dem Aufbruch gefühllos waren. Mit kreisenden Armbewegungen trieb ich das Blut bis in die Fingerspitzen. Reinhold filmte öfter mit einer Super-8-Kamera, manchmal machte ich einige Fotos. Um halb zehn erreichten wir Lager 5.

Reinhold kochte Tee. Es dauerte eine knappe halbe Stunde, bis er fertig war. Uns war beiden klar, dass wir nach der Trinkpause sofort weitergehen mussten, erst recht, da das Wetter immer schlechter wurde. Unser gemeinsamer Wille besiegte den Wunsch, umzukehren oder wenigstens zu schlafen. Wir wollten auf jeden Fall weiter hinauf, selbst wenn es nur bis zum 8750 Meter hohen Südgipfel wäre. Auch der Südgipfel ohne Sauerstoff wäre ein großer Erfolg gewesen; er hätte den Beweis erbracht, dass es eines Tages möglich sein würde, ohne Sauerstoff bis zum Hauptgipfel zu gelangen.

Über den Südostgrat, auf der Ostseite bleibend, stapfte ich voran, Reinhold zehn Meter hinter mir. Kurz vor Erreichen des Steilaufschwungs, der zum Südgipfel zieht, versank ich in grundlosem Pulverschnee. Wie ein Maulwurf wühlend, querte ich auf allen vieren nach links zu einem Felsgrat, der jäh in die 2000 Meter hohe Südwestwand abbrach. Etwa 150 Meter kletterten wir über diesen Pfeiler. Es war die höchste, luftigste Kletterei, die ich je gemacht hatte, noch dazu ohne Seil. Nur hier keinen Sturz …

Kurz nach zwölf Uhr erreichte ich den Südgipfel. Reinhold, der etwa 20 Meter unter mir stand, war nur mehr undeutlich zu sehen, er verschwand in den Schneefahnen, die der Südwestwind vom Grat blies. Unter uns brodelte ein Wolkenmeer, aus dem Makalu, Cho Oyu und Lhotse herausragten. Der Hauptgipfel schien zum Greifen nahe, und doch wussten wir, dass für diese Strecke oft Stunden gebraucht wurden. Wir konnten noch die Fußstapfen der Nairz-Mannschaft erkennen. Der Grat war stark überwechtet – wir seilten uns an. Mit äußerster Vorsicht kletterten wir, abwechselnd führend, weiter. Reinhold filmte, so oft es aus Sicherheitsgründen zu verantworten war. Sein eisverkrustetes Gesicht sah aus wie eine Grimasse. Am Hillary Step, der Aufsteilung im Gratverlauf, konnten wir die Tritte unserer Vorgänger benutzen; einige waren aber ausgebrochen, und der Untergrund war instabil.

Die letzten Meter zum Gipfel gingen – oder vielmehr krochen – wir gemeinsam. Trotz aller Euphorie, es bald geschafft zu haben, war ich körperlich total am Ende. Ich ging nicht mehr aus eigenem Willen, sondern nur noch mechanisch, wie ein Automat. Kurz nach 13 Uhr standen wir am höchsten Punkt der Erde. Wir umarmten uns, freuten uns, waren endlich befreit von dem unmenschlichen Zwang, weitergehen zu müssen. Vage wurde mir bewusst, dass wir die ersten Menschen waren, die es ohne jegliche Sauerstoffhilfe auf den höchsten Punkt der Erde geschafft hatten. Trotzdem war in mir kein Triumph, sondern eher ein Gefühl der Leere. Das Ziel, das mir so wichtig gewesen war, war erreicht. Ich war leer, sowohl körperlich als auch im Geist. Ich wollte hinunter, nur noch hinunter.

Ich machte mich vom Seil los, schnitt einen Meter davon ab und befestigte das Seilstück zum Beweis unserer Besteigung an dem Aluminiumgestänge, das die Chinesen 1975 als Vermessungszeichen am Gipfel errichtet hatten. Ich fotografierte, Reinhold filmte und hantierte mit seinem Tonbandgerät. Er wollte noch etwas bleiben. Mich zog es hinunter ins Lager 4. Vorsichtig begann ich mit dem Abstieg.

Die fünf Meter hohe Gegensteigung zum Südgipfel kroch ich auf allen vieren hinauf. So schnell wie möglich wollte ich zum Südsattel hinunter, machte für Reinhold im Sinne des Abstiegs einen Pfeil in den Schnee und rutschte langsam, den Pickel als Bremse benutzend, über die Ostflanke zum Lager 5 ab. Diese Abstiegsart, das „Abfahren“, verlangt jahrelanges Training, große Geschicklichkeit und ist nicht jedermanns Sache. Unterhalb von Lager 5 benutzte ich ein Couloir, musste einige Male meine Rutschfahrt unterbrechen, um über kleinere Felsabsätze hinabzuklettern, und gelangte sehr schnell hinunter auf 8150 Meter. Etwa 200 Meter oberhalb des Südsattels geriet ich allerdings in ein Schneebrett, rutschte unkontrolliert weiter und verlor dabei Pickel und Steigeisen, doch letztendlich kam ich mit einem „blauen Auge“ – einem verdrehten Knöchel – davon. Eric Jones, der den Großteil meines Abstiegs beobachtet hatte, traute seinen Augen nicht. Ich hatte vom Gipfel bis in den Südsattel genau eine Stunde gebraucht.

Eine halbe Stunde später, kurz nach 15 Uhr, kam Reinhold. Durch oftmaliges Abnehmen seiner Schutzbrille zum Filmen hatte er sich eine fürchterliche Bindehautentzündung zugezogen. Eine weitere Nacht verbrachten wir im Lager 4. Reinhold hatte rasende Schmerzen, die uns umso mehr erschreckten, weil wir Schlimmeres als Schneeblindheit befürchteten: Blutungen im Augenhintergrund, möglicherweise Anzeichen eines beginnenden Hirnödems. Am 9. Mai stiegen wir gemeinsam durch die Lhotseflanke ab; Reinhold, der nur wenige Meter sehen konnte, blieb dicht hinter mir. Am selben Tag, spätnachmittags, stolperten wir ins Vorgeschobene Basislager, wo wir überschwänglich begrüßt wurden und uns erholen konnten. Unsere Idee hatte sich tatsächlich verwirklichen lassen.

„AM EVEREST HATTE ICH MEHR ANGST ALS BEI ALLEN SPÄTEREN EXPEDITIONEN“

Du hast selbst davon gesprochen, Peter, dass ihr am Everest noch Lausbuben wart. Meinst du damit, dass ihr so frech wart, ihn ohne Sauerstoff anzugehen?

Na ja, freche Ideen hatten wir öfter. Ich hatte eine freche Idee, als ich 1967 zum ersten Mal am Montblanc war und auf dem schwierigsten Weg, über den Frêneypfeiler, auf den Gipfel kletterte. Reinhold und ich hatten eine freche Idee, als wir 1974 die Eiger-Nordwand in einem Tag machen wollten und letztendlich knapp zehn Stunden gebraucht haben. Wir waren frech, als wir im Winter in die Bonattiroute am Matterhorn einstiegen. Wir waren immer frech. Und Gott sei Dank waren wir frech, denn diese Frechheit – das war keine dumme Frechheit, sondern eine Frechheit, die auf unserer Leistungsfähigkeit beruhte. Und letzten Endes war diese Frechheit dann auch am Everest vorhanden. Aber mit den Lausbuben meine ich etwas anderes. Im Grunde genommen kann ich da aber nur für mich selbst sprechen. Für mich war der Everest überhaupt die erste große Expedition. Natürlich, es gab 1975 den Hidden Peak mit Reinhold, es gab 1977 unseren Versuch am Dhaulagiri, aber trotzdem war ich sozusagen ein Anfänger, hatte im Höhenbergsteigen noch zu wenig Routine. Körperlich war ich lange nicht so gut beieinander wie am Hidden Peak oder bei späteren Achttausendern. Und psychisch – ich war jung verheiratet, hatte eine sehr starke Bindung zu Regina, unser Sohn Christian war gerade mal 14 Monate alt. Ich war nicht voll konzentriert auf den Berg. Nicht hundertprozentig. Wir waren Lausbuben, weil wir viele Fehler gemacht haben, es noch nicht besser wussten.


1974 gelang Peter Habeler und Reinhold Messner die viel beachtete erste Durchsteigung der Eiger-Nordwand an einem Tag. Im Bild Reinhold Messner am „Zerschrundenen Pfeiler“.

Nach ihrer sensationellen, nur zehnstündigen Durchsteigung der gefürchteten „Mordwand“ werden die Helden an der Kleinen Scheidegg von Clint Eastwood (links) und Heidi Brühl gefeiert.

Welche Fehler waren das?

Wir nahmen zum Beispiel im Basislager Schlaftabletten. Jeden Abend ein Valium, damit wir schlafen konnten – furchtbar. Dann machten Reinhold und ich einmal einen Erkundungsgang durch den Khumbu-Eisbruch hinauf ins Tal des Schweigens, wo das Vorgeschobene Basislager aufgebaut werden sollte. Am Vortag, in Lager 1, hatte ich den ganzen Abend gesungen, so gut waren wir drauf. Doch das Wetter wurde schlecht. Es kam Sturm auf. Eine furchtbare Nacht – wir mussten das Zelt mit Eisschrauben befestigen und hielten die ganze Nacht die Zeltstangen fest. Wenn der Wind uns das Zelt zerrissen hätte, wären wir wahrscheinlich gestorben. Dieses Erlebnis hat mir irgendwo einen Knick gegeben, und das hat Reinhold auch gemerkt. Aber es hat dann ja trotzdem funktioniert.

Ihr hattet eigentlich mehr Glück als Verstand – kann man das so sagen?

Nein, mehr Glück als Verstand hatte ich nicht. Am Everest hatte ich eher zu viel Verstand, konnte die Bedenken nicht loslassen. Daher kam auch mein zögerliches Verhalten, das für Reinhold mit Recht zum Problem wurde. Sonst bin ich immer gelaufen wie eine Rakete, aber am Everest hat es mich hin und her geworfen. Am Everest hatte ich mehr Angst als bei allen späteren Expeditionen, auch viel mehr Angst als am Hidden Peak. Ich habe noch deutlich diesen fürchterlichen Lärm in Erinnerung, wenn der Wind sich oben in der Südwestwand bricht und dann durch das Western Cwm herausschießt. Herunten meint man, da fährt ein Zug vorbei. Wenn ich im Basislager saß, machte mich dieses Geräusch total nervös. Ich muss dem Reinhold wirklich danken, dass er die Geduld mit mir nicht verloren hat. Er hat mich dann tatsächlich wieder so weit motiviert, dass ich gesagt habe, so, und jetzt packen wir’s, jetzt ziehen wir’s durch.

Wie kam es überhaupt dazu, dass ihr gemeinsam unterwegs wart?

Seit wann kanntet ihr euch?

Wir haben uns im Februar 1966 das erste Mal getroffen, anlässlich einer Winterbegehung des „Pilastro“ am Zweiten Südwandpfeiler der Tofana di Rozes. Ich kletterte mit Horst Fankhauser. Sepp Mayerl, mit dem ich oft unterwegs war und von dem ich sehr viel lernte, brachte noch zwei Freunde mit: Gernot Röhr und eben Reinhold Messner. Das war unsere erste gemeinsame Tour.

Aber es ging dann gleich weiter, eine Woche später waren Horst und ich am Südpfeiler der Maukspitze und haben die zweite Winterbegehung gemacht. Wir waren da ja wie die Wilden. Anfang März stiegen wir in die Bonattiroute in der Matterhorn-Nordwand ein, Sepp Mayerl, Gernot Röhr, Reinhold und ich. Die Verhältnisse waren schlecht, es gab einen Wettersturz, wir mussten nach der „Traversata degli Angeli“ einen abenteuerlichen Rückzug antreten.


Bereits um die Mittagszeit war der berüchtigte „Götterquergang“ erreicht.


In der Matterhorn-Nordwand

Wenn ihr damals so viel unterwegs wart, wie seid ihr denn jeweils hingekommen? Von Mayrhofen nach Zermatt, das ist doch kein Katzensprung.

Wir reisten fast immer mit dem Motorrad an. Zuerst fuhren wir zu zweit auf der Maschine von Horsts Vater, dann konnte ich die Puch 175 von meinem Nachbarn Hans Lottersberger nehmen. Aber die ging nur 80 Stundenkilometer – das ging dann ganz schön lang bis in die Dolomiten, auf der alten Bundesstraße, die Autobahn gab es damals noch nicht. Am schlimmsten war es, wenn es dann auch noch geregnet hat. Aber so waren wir wenigstens mobil. Das Motorrad war schon besser als das Fahrrad. Der Buhl musste noch bis zum Badile strampeln.

Ab 1966 hast du dann viele schwierige Routen mit Reinhold Messner begangen.

Ja, wir ergänzten uns perfekt, waren beide sicher und schnell. Es dauerte allerdings bis zum Sommer 1974, bis wir die Matterhorn-Nordwand ein zweites Mal versuchten, auf der Schmidführe. Der Fels war komplett vereist, dann kam auch noch ein Gewitter. Aber wir haben es geschafft. In mein Tourenbuch schrieb ich damals: „Nur mit Reinhold lässt sich so etwas machen. Alle Partner, die ich jemals zuvor hatte, verblassen neben ihm.“

In dieser Zeit habt ihr auch eure ersten Expeditionserfahrungen gemacht. 1969 wart ihr in den peruanischen Anden, in der Ostwand des Yerupaja, allerdings ohne Gipfelerfolg. Im Sommer 1975 seid ihr dann zu eurer ersten Himalaja-Expedition mit dem Ziel Hidden Peak aufgebrochen. Wie entstand diese Idee?

Reinhold hatte damals Kontakt mit Walter Bonatti. Dessen Erstbesteigung des Gasherbrum IV zusammen mit Carlo Mauri hatte ihn sehr beeindruckt. Die war 1958. Und 1957 am Broad Peak, das war ja auch nur eine vierköpfige Expedition: Buhl, Schmuck, Wintersteller und Diemberger. Das war dann in unseren Köpfen: ein Achttausender zu zweit. Und das haben wir dann durchgezogen. Wir haben einfach gewusst, dass wir etwas Neues tun wollen. Mit sieben oder acht Trägern marschierten wir ins Basislager, entlohnten sie, die liefen dann wieder zurück, und wir haben diese sehr elegante Geschichte am Hidden Peak gemacht.

Etwas Neues – damit meinst du den Alpinstil an den Achttausendern?

Ja, Alpinstil in einer Zweiermannschaft. Wir haben alles, was wir in der Nordwestwand des Hidden Peak gebraucht haben, vom Basislager mitgenommen und haben zwischen 6000 und 6100 Metern unser Lager 1 aufgestellt, direkt am Fuß dieser großen, sehr steilen Flanke, die praktisch bis zum Gipfel hinaufzieht. Es war klar, dass wir in dieser Flanke nicht sichern konnten, wir mussten sie seilfrei durchsteigen. Mit einem weiteren Zwischenlager auf 7100 Metern zogen wir dann zum Gipfel, in einer atemberaubenden Ausgesetztheit. In dieser Flanke pfeift es hinunter; wenn du da fliegst, bist du hin. Und wir hatten ja doch einiges im Rucksack: Zelt, Schlafsäcke, Kocher, Proviant, ein 20-Meter-Seil für den Notfall. Oben war es windstill, herrlichstes Wetter, gar nicht mal so kalt, vielleicht hatte es 12, 13 Grad minus, und ich saß da auf meinem ersten Himalaja-Gipfel und war einfach wahnsinnig beeindruckt.

Absteigen musstet ihr dann auch wieder über diese steile Flanke?

Von 8000 bis auf 6000 Meter hinunter mussten wir fast alles mit dem Gesicht zur Wand absteigen. Die Flanke war vielleicht 48, 50 Grad steil. Ich habe dann allerdings den Reinhold noch erschreckt – mir war mein Rucksack zu schwer, und weil die Flanke nach unten auf den Gletscher flach auslief, habe ich ihn einfach hinunterrutschen lassen. Reinhold war weit unter mir, außerhalb der Falllinie des Rucksacks, aber trotzdem ist er im ersten Moment erschrocken, weil er dachte, ich sei gestürzt. Unten konnte ich den Rucksack unversehrt wieder aufsetzen.


Peter Habeler am Gipfel des Hidden Peak, im Hintergrund der Masherbrum


Reinhold Messner in der steilen Nordwestwand des Hidden Peak

Ihr seid dann in einem Zug bis ins Lager 1 abgestiegen und wart am nächsten Tag wieder im Basislager. Vier Tage für einen Achttausender – wirklich eine elegante Geschichte.

Ich bin davon ausgegangen, dass wir das schaffen. Ich war sehr motiviert. Und abgesehen von meinen Migräneanfällen in Skardu und im Lager 1 ging es mir ausgezeichnet. Auch Reinhold war in Bestform, außerdem hatte er schon die Erfahrung vom Nanga Parbat und vom Manaslu. Nach unserem Erfolg am Hidden Peak lag es nahe, weitere Achttausender zu besteigen, und Reinhold schlug für 1977 den Dhaulagiri vor.

Warum seid ihr am Dhaulagiri gescheitert?

Das hatte mehrere Gründe. Zum einen das Wetter: Es schneite dauernd, die Verhältnisse waren schlecht. Außerdem hat unser Viererteam mit Otto Wiedmann und Mike Covington nicht ganz harmoniert. Für eine Wand wie die Dhaulagiri-Südwand, die mehr als 4000 Meter hoch ist, muss alles optimal stimmen. Sie wurde erst 1999, mehr als 20 Jahre nach uns, von Tomaž Humar erstbegangen.

Humar hat dem Alpinstil noch eins draufgesetzt, indem er allein ging. Reinhold Messner und du, ihr wart frühe Anhänger des Alpinstils im Himalaja. War das damals schon Strategie? Oder hat sich das einfach aus der Not ergeben, weil ihr euch eine große Expedition mit all diesem Aufwand an Organisation und Trägern gar nicht leisten konntet?

Das war schon Strategie. Wir wollten aus zweierlei Gründen klein bleiben. Erstens ist die Organisation bei einer kleinen Mannschaft leichter und zweitens die menschliche Seite unproblematischer. Wenn du dir die großen Expeditionen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren anschaust, bei denen gab es doch fast jedes Mal Zores. Der eine will das, und der andere will das nicht, und der Dritte will überhaupt nicht, und der Vierte möchte es in einem Tag machen. Wir haben uns gesagt: Wir sind zwei, wir sind beide eigenständig, wir sind gut. Wir haben die Möglichkeit, diese hohen Berge zu besteigen, und zwar ohne Sauerstoff. Wir wussten, dass wir uns gegenseitig total aufeinander verlassen können. Die Kleinstexpedition mit Partnern, die ich gut kenne, hat sich als das am besten Machbare gezeigt. Nach dem Everest war ich nur noch in Kleinstexpeditionen unterwegs – außer 1984 am K2, und da hat es auch nicht funktioniert. Eine kleine Expedition ist schlagkräftig, aber die Teilnehmer müssen natürlich harmonieren.


Wieder zurück im Basislager – die Besteigung des Hidden Peak war einer der größten Erfolge von Peter Habeler und Reinhold Messner.

Am Everest wart ihr aber in eine größere Expedition eingebunden?

Ja, denn so schnell hätten wir für ihn gar keine Genehmigung bekommen. Deswegen schlossen wir uns einer bereits genehmigten Expedition an, der des Österreichischen Alpenvereins. Reinhold kannte Wolfgang Nairz, den Leiter, gut, mit ihm war er 1972 am Manaslu gewesen. Reinhold war auch die treibende Kraft bei der Everest-Besteigung ohne Sauerstoff, er war der Stratege. Und er wusste, in mir hat er einen kongenialen Partner, der mitmacht.


Allen Zweifeln zum Trotz: Am 8. Mai 1978 wird der Gipfel des höchsten Berges der Welt erstmals ohne künstlichen Sauerstoff erreicht.

Der aber nicht nur „mitmachte“, sondern, nachdem er seine Zweifel überwunden hatte, genauso zum Gipfel wollte wie er.

Genau. Ich war mir aber bis zum Südgipfel nicht sicher, ob wir es schaffen würden oder nicht. Es war neblig, es hat geweht, und vor allem mussten wir wahnsinnig viel spuren. Das Spuren war die Hölle. Wenn du bei jedem Schritt in diesem windgepressten Schnee bis zum Knie einbrichst, das kostet unheimlich viel Kraft. Vom Südgipfel an war ich dann überzeugt, ja, jetzt werden wir es machen. Reinhold kletterte den Hillary Step als Erster, weil er von oben filmen wollte. Der Grat ist steil, ausgesetzt, es geht sowohl nach Südwesten steil hinunter als auch nach Osten, auf die Kangshungseite. Das sind fast 3000 Meter bis auf den Kangshunggletscher. Wenn du da ausrutschst, bist du weg, und deinen Partner ziehst du mit.

Zu der Zeit war der Hillary Step ja nicht versichert – ihr seid also in Seilschaft geklettert und habt euch gegenseitig gesichert?

Nein, wir waren mit dem Seil verbunden und sind gleichzeitig gegangen. Wenn einer gefallen wäre, hätte der Zweite in die andere Seite des Grates springen müssen. Das wäre die einzige Rettung gewesen. Eine sehr theoretische. Heute ist das am Hillary Step kein Thema mehr, heute gehen da Fixseile hinauf, in die sich jeder einhängt. Wir hatten einen tief verschneiten Grat vor uns, wir wussten nicht, ob rechts eine Lawine abbricht oder links. Das war damals ganz anders. Kein einziges Fixseil. Nichts.

Deine Rutschpartie im Abstieg, Peter, war die wirklich so harmlos, wie du sie darstellst?

In meinen Augen war sie harmlos, weil es ein langsames, kontrolliertes Rutschen war, abgesehen vielleicht vom Schluss, als ich das letzte Stück mit dem kleinen Schneebrett hinaustransportiert wurde. Der Schneekeil, der sich zwischen meinen Beinen gebildet hatte, bremste mich. Ein Kind würde das vermutlich genauso machen.

War das eine bewusste Entscheidung oder eher etwas Instinktives?

Ich glaube, ich habe da ganz instinktiv gehandelt. Ich wollte so schnell wie möglich hinunter ins Lager, und auf diese Weise kam ich am schnellsten und am sichersten nach unten. Ich habe das in den Zillertaler Alpen auch manchmal so gemacht, habe mich einfach hingesetzt und bin langsam abgerutscht. Wichtig war nur, dass ich die Richtung zum Südsattel erwischte und nicht auf die Ostseite abdriftete, wo diese riesigen Mengen verfrachteten Schnees waren. Ich rutschte also in der Falllinie ab, stand auf, querte ein bisschen nach rechts, wo teilweise noch unsere Aufstiegsspuren sichtbar waren, setzte mich wieder hin, fuhr ein paar Meter ab, ging wieder Richtung Spur. Das war dieser einstündige Abstieg, der natürlich schon sehr schnell war.

Was hat euch die Sicherheit gegeben, dass ihr in dieser extremen Höhe ohne künstlichen Sauerstoff keine Schäden davontragen würdet?

Na ja, Sicherheit gab es da keine. Das waren ja genau unsere Bedenken: dass wir ohnmächtig werden, dass es irgendwo im Hirn einen Riegel umlegt und wir den Verstand verlieren. Das wusste man ja nicht, das mussten wir ausprobieren. Reinhold flog 1977, nach unserem Versuch am Dhaulagiri, mit dem Schweizer Piloten Emil Wick über den Everest, bis auf 9000 Meter hinauf, und setzte dabei keine Sauerstoffmaske auf. Das ging, und das machte uns Mut. Und wir wussten – Reinhold vom Nanga Parbat und vom Manaslu, ich vom Hidden Peak –, dass wir auch oberhalb von 8000 Metern noch Reserven hatten.

War der Everest der Beginn deiner Karriere, weil du durch diese Besteigung weltbekannt wurdest, oder war er ihr Höhepunkt?

Der Everest war noch lange nicht mein Höhepunkt. Am Everest war ich längst nicht so leistungsfähig wie bei meinen späteren Expeditionen. Aber natürlich verdanke ich ihm viel. Unsere Besteigung hat mir gezeigt, dass alle anderen Achttausender ohne Sauerstoff zu machen sind. Am Everest war ich durch die Ungewissheit noch gehandicapt, danach war ich freier. Er hat mir sozusagen die Angst vor weiteren Achttausender-Besteigungen genommen. Auf der anderen Seite hat er meine Karriere, wenn man das so sagen will, für etwa sechs Jahre unterbrochen. Ich war bis 1984 auf keinem Achttausender mehr. Ich habe sehr viele Vorträge gehalten, ich habe mein Buch „Der einsame Sieg“ geschrieben, ich habe meine Alpinschule ausgebaut, mein privates Leben orientiert – habe ein Haus gebaut, war für die Familie da. Reinhold machte nach dem Everest sofort weiter, nutzte seine gute Akklimatisation, um im gleichen Sommer den Alleingang am Nanga Parbat zu machen. Und hatte im Jahr 1986 alle 14 Achttausender bestiegen.

Du dagegen hast das Publikumsinteresse nach eurer Besteigung ohne Sauerstoff genutzt, um mit deinen Vorträgen und dem Buch Geld zu verdienen.

Da darf man natürlich nicht vergessen, dass ich in relativ armen Verhältnissen aufgewachsen bin. Das Geld, das ich verdiente, steckte ich in Alpinausrüstung und Expeditionen. Mein Familienleben mit Regina und Christian begann in einer kleinen Wohnung mit einem Zimmer und einer Wohnküche. Ich habe doch nie geglaubt, dass ich einmal in der Lage bin, in Finkenberg ein Haus zu bauen. Das war dann eben auch wichtig für mich, und das hat der Everest ermöglicht. Ein Haus bauen, einen Buben haben wir, einen Baum pflanzen. Das sind doch letzten Endes wichtigere Dinge als das Bergsteigen. Man macht sich ja auch über die Zukunft Gedanken. Die Nachfrage war da, und ich habe den Leuten gern meine Bilder gezeigt und von unseren Erfahrungen berichtet.

Du bist 1990 noch einmal an den Everest gefahren und hast den Nordgrat probiert. Du warst 2000 mit der Amerikanerin Christine Boskoff auf der Südseite. Was war deine Motivation?

1990 wurde ich von amerikanischen Freunden gebeten, Klienten über die Nordseite auf den Everest zu führen. Schon beim Anmarsch über den Rongbukgletscher stellte sich heraus, dass sie völlig überfordert waren. Wir Bergführer konnten dann schlecht allein die Route machen und die Klienten im Basislager lassen, also brachen wir ab. 2000 war das anders, da wollte ich an meine alten Expeditionen anknüpfen, wollte es vielleicht auch einfach „noch mal wissen“. Nach dem Tod von Scott Fischer während der Everest-Tragödie von 1996 hatte Chris Boskoff dessen Unternehmen Mountain Madness übernommen. Weil eine kommerzielle Expedition zum Everest geplant war, lag es nahe, dass Chris und ich uns anschlossen, um den Gipfel ohne Sauerstoff zu besteigen. Ich hatte im Vorfeld viel trainiert und war gut drauf. Aber wir haben uns wohl durch zu häufiges Auf- und Absteigen beide überfordert. Zuerst wurde Chris krank, hatte ein schweres Höhenlungenödem, und dann hat es mich noch mit einer Lungenentzündung erwischt. Sie erholte sich dann so weit, dass sie zum Gipfel gehen konnte, allerdings mit Sauerstoff. Ich hatte da schon Abstand genommen von einer Besteigung. Ich atmete nicht gut, und Sauerstoff kam für mich nicht in Frage.

Christine Boskoff kam im Dezember 2006 im chinesischen Himalaja ums Leben, zusammen mit ihrem Partner Charlie Fowler. Vermutlich wurden die beiden von einer Lawine verschüttet; bisher wurde nur seine Leiche gefunden. Wie geht es dir, wenn du solche Nachrichten hörst?

Es tut mir furchtbar leid, dass sie gestorben ist. Chris war eine tolle Bergsteigerin, sie hat sich immer wieder überwunden, sprang immer wieder über einen neuen Zaun, suchte sich wieder neue Herausforderungen. Sie hatte einen unwahrscheinlichen Ehrgeiz; vielleicht auch, um sich mit ihren Besteigungen einen Namen zu machen, um letztendlich ihr Geschäft zu pushen. Vielleicht ist ihr das zum Verhängnis geworden.

Nun war Chris ja nicht die Erste aus deinem Freundeskreis, die beim Bergsteigen ums Leben kam. Im Lauf deines Lebens warst du immer wieder damit konfrontiert, dass Leute, die du mal mehr, mal weniger gut kanntest, tödlich verunglückten. Was löst das aus in dir?

So eine Nachricht löst natürlich erst einmal Betroffenheit aus. Du denkst an die Zeit zurück, an die schönen Momente, die du mit dieser Person verbracht hast. Aber ansonsten ändert es dich nicht. Du hörst deshalb nicht auf bergzusteigen, du gehst deshalb nicht weniger schwere Routen. Ich stelle mir halt vor, die Leute sitzen da oben irgendwo alle beieinander auf einer Wolke und lachen uns aus, weil wir da weiß Gott wie herumteufeln. Für mich sind sie irgendwo noch vorhanden, und sei es nur in meiner Erinnerung. Die Chris ist irgendwo vorhanden, der Marcel Rüedi, all jene, die durch dieses oder jenes Ereignis umgekommen sind. Ich persönlich glaube, dass es diesen Leuten gut geht. Ich kann das für mich so sagen.


Peter Habeler mit Christine Boskoff vor dem Start zum Südsattel des Mount Everest

Und du musst dein eigenes Tun deshalb nicht hinterfragen?

Nein, das tue ich mit Sicherheit nicht. Natürlich trifft es mich, wenn wieder so eine Sache passiert wie mit Markus Kronthaler am Broad Peak oder wie mit Andi Orgler, der mit seinem Drachen tödlich abstürzte. Wenn ich Drachenflieger wäre, würde ich in der Folge sicherlich mein Gerät noch genauer checken, würde eruieren, was die Ursache dieses Unfalls war. Bei einem Kletterunfall würde man untersuchen, warum die Sicherungskette versagt hat. Mit Lawinenunfällen befasse ich mich sowieso intensiv, da bin ich als Bergführer immer noch sehr stark gefordert. Aber ich höre deswegen nicht auf, Skitouren zu gehen oder zu klettern. Das stelle ich nicht in Frage. Gut, mittlerweile mache ich natürlich auch keine so extremen Sachen mehr, aber auch früher habe ich das nie in Frage gestellt. Mit dem Tod muss man leben.

Wenn du dir die Situation am Everest heute vergegenwärtigst: Was hat sich gegenüber früher verändert? Und wie kritisch siehst du diese Veränderungen?

Heute steigt ja kein Mensch auf den Everest, bevor er nicht von 6400 Meter bis auf 8850 Meter hinauf versichert ist. Der ganze Berg voller Fixseile, ob vom Nordsattel oder vom Südsattel, bis zum letzten Meter! Wenn dann das Wetter stimmt, der Wind sich gelegt hat, marschieren 20 oder 30 Leute mit ihren Sauerstoffflaschen auf den Gipfel. Fast 500 Bergsteiger waren im Jahr 2006 auf dem Everest, mittlerweile ist er mehr als 3000 Mal bestiegen worden. Das Timing ist mittlerweile anders, sie gehen am Abend weg, damit sie am nächsten Morgen oben sind und den ganzen Tag für den Abstieg haben. Sie gehen natürlich auch viel langsamer als wir damals, der Reinhold und ich, obwohl sie Sauerstoff haben. Nicht alle, die zum Everest gehen, sind Bergsteiger.

Manche haben auch einfach Geld.

Ja, sicher, aber okay, es ist nun mal der höchste Berg der Welt, und sie bilden sich ein, dass sie da hinaufwollen. Sollen sie das machen. Nur hat es mit Bergsteigen nicht mehr viel zu tun. Das, was heute am Everest passiert, passiert eigentlich auf keinem anderen Achttausender, vielleicht noch am Cho Oyu, der als leichtester Achttausender gilt und auch von sehr vielen Leuten angegangen wird. Der Stellenwert einer Everest-Besteigung ist nicht mehr mit früher zu vergleichen. Und wenn jemand behauptet, er hätte einen Alleingang am Everest gemacht – mag sein, dass er ohne Partner unterwegs war, aber er hatte nach wie vor die Fixseile. Dabei gäbe es noch genug Routen, die alpinistisch interessant wären: die Nordwand, den West Buttress, die Südwestwand, die Kangshungwand. Aber so, wie sich jetzt die Everest-Geschichte darstellt, ist sie eigentlich für Bergsteiger nicht mehr interessant.

Als Leiter deiner eigenen Bergschule bist du nun allerdings selbst ein kommerzieller Anbieter.

Das stimmt, wobei es sich bei meinen Nepal-Angeboten um Trekkingtouren handelt, bei denen wir, wenn die Bedingungen stimmen, im äußersten Fall einen Sechstausender besteigen. Ich sehe mich sicherlich nicht als Anbieter von Achttausendern. Aber umgekehrt lehne ich kommerzielle Expeditionen auch nicht rigoros ab. Ich bin zum Beispiel nicht dafür, dass Quoten eingeführt werden, damit nur noch eine bestimmte Anzahl von Leuten zu einem Gipfel aufbrechen darf.

Steckt hinter der Ablehnung von kommerziellen Expeditionen eigentlich nicht auch eine ziemlich elitäre Haltung? Etwa überspitzt ausgedrückt: Wenn jemand gut genug ist, das heißt aber auch, genug Geld hat, um quasi hauptberuflich bergsteigen zu können, genug Zeit hat, um zu trainieren und so gut zu werden, der darf dann in den Himalaja? Alle anderen sind dessen nicht „würdig“?

Das sehe ich nicht so eng. Ich kann das gar nicht so eng sehen, denn ich bin Bergführer und werde unter anderem dafür bezahlt, Leute auf Trekking Peaks im Himalaja zu führen. Da habe ich auch ab und zu mal jemanden dabei, der dem Ganzen – der Höhe, der Anstrengung, den Umständen wie Übernachten im Zelt – nicht ganz gewachsen ist. Da muss man halt dann versuchen, eine Lösung zu finden. Letzten Endes geht es doch darum, den Menschen auf ihrem jeweiligen Niveau ein intensives Erlebnis zu ermöglichen.

Der Reiz des Expeditionsbergsteigens ist für dich also weiterhin gegeben?

Unbedingt. Was ich mir vorstellen könnte, wäre, mit einer kleinen Gruppe von erfahrenen Bergsteigern aus meinem Freundeskreis noch einmal an einen niedrigen Achttausender zu gehen. Also keine allgemein ausgeschriebene Tour, nicht mit klassischen „Kunden“, sondern mit Leuten, die selbst einen großen Teil Eigenverantwortung einbringen. Ich bin Bergführer. Erstens lebe ich davon, zweitens macht es mir Freude, anderen Menschen die Möglichkeit zu bieten, auf einen Gipfel zu kommen, etwas zu erreichen, was sie allein nicht erreichen würden. Ich bin immer noch mit Leib und Seele Bergführer.

HELDEN UND LEHRMEISTER
DIE OSTWAND DER ROFANSPITZE MIT HIAS REBITSCH

Ende der Sechzigerjahre, mit Mitte 20 – ich hatte schon das Glück gehabt, in der „großen Kletterwelt“, im Karwendel und in den Dolomiten, ein wenig herumzuschnuppern –, nützte ich einen herrlichen Herbsttag, um im Rofan zu wandern. Ohne ein konkretes Ziel bummelte ich zum Zireiner See und weiter in Richtung Rofanspitze. Vorsichtshalber, man weiß ja nie, hatte ich aber doch ein 30 Meter langes Seil und meine Kletterausrüstung mitgenommen, falls mich die Lust überkommen sollte, in irgendeine Wand einzusteigen. Um einige Gämsen, die am Marchgatterl herumtollten, machte ich einen Bogen und fand mich plötzlich am Einstieg der Rofan-Ostwand wieder. Ein wirklicher Klassiker: Ernst Schmid, der „Rofan-Papst“, hatte diese Route im vierten Grad erstbegangen.

Schöne Erinnerungen wurden in mir wach. Eigentlich hatte mein wirklich extremes Felsklettern im Rofan begonnen. Ich war Schüler der Glasfachschule Kramsach – ein idealer Ausgangspunkt für Touren in dieser überschaubaren Gebirgsgruppe östlich des Karwendels. Mit Kollegen stieg ich in jenen Jahren beinahe jedes Wochenende im Frühsommer und Herbst zur Bayreuther Hütte hinauf, zur Lisi und zum Fritz, und tags darauf trieben wir uns in irgendwelchen Routen herum. Eine herrliche, unbeschwerte Zeit unter gleich gesinnten Freunden. Einige Male war damals ein älterer, sympathischer Mann mit dabei, eben besagter Ernst Schmid. Er war an der Erschließung vieler Routen im Rofan maßgeblich beteiligt gewesen, hatte alle damals wichtigen Wände erstbegangen und freute sich immer wieder, wenn er unsere Leidenschaft für „seine“ Wände spürte. Ernst gehörte der Generation vor Hermann Buhl und Mathias Rebitsch an, die ja ebenfalls ihre ersten Kletterlorbeeren im Rofan geerntet hatten. Die Routen von Buhl oder auch jene von Rebitsch wurden mit dem damals höchsten Schwierigkeitsgrad bewertet, galten als „obere Sechser“.

Ich hatte das Glück, zwei dieser schweren Anstiege als Zweitbegehung machen zu können: das Buhldach an der Nordseite des Rofanstocks und die Dachverschneidung am Sagzahn, ebenfalls eine Route von Buhl. Beim Buhldach war Hansjörg Stops aus Rattenberg mein Partner gewesen. Als ich nun so am Einstieg zur Ostwand der Rofanspitze saß, erinnerte ich mich mit Grauen an den Wolkenbruch, der einsetzte, als ich an jenem 13. Oktober 1962 versuchte, den äußerst schwierigen Quergang oberhalb des riesigen Dachs anzugehen. Hansjörg saß eingeklemmt in einer winzigen Nische etwa zwei Meter unter mir. Ich musste von einem wackligen Haken, den Buhl 1947 mit Sicherheit bloß mit dem Daumen hineingedrückt hatte, nach links weg über eine Platte und traute mich einfach nicht. Ich hatte einfach nur Angst.

Mir war klar: Würde ich jetzt stürzen, würde ich nirgendwo anschlagen, sondern 40 Meter unter diesem 15 Meter ausladenden Riesendach hängen. Aber hätte ich dann noch die Kraft, wieder zurück zum Stand zu prusiken? Wie bei vielen anderen gefährlichen Unternehmungen, wenn die Situation wirklich aussichtslos erschien und ich einfach nicht mehr wusste, wie es weitergehen soll, kam von irgendwoher eine unterstützende Kraft. Fast meinte ich, eine Stimme zu hören, die mir sagte: „Tu es, es wird gut ausgehen.“ Und es ging gut aus. Irgendwie schwindelte ich mich über die glitschige Platte, erreichte einen „Bombenhaken“, und nach sechs Stunden lag der Spuk hinter uns. In mein Tourenbuch schrieb ich dazu: „Kurz oberhalb des Hakens ist ein kleines Zapfl mit Platz für drei Finger. Von diesem Zapfl Querung (5 Meter) nach links aufwärts zu Haken, über eine fast griff- und trittlose Platte. Oberer VI. Grad, schwerste Stelle, auch gefährlichste.“

Während ich am Einstieg saß und meinen Erinnerungen nachhing, hatten sich unbemerkt zwei ältere Herren in kurzen weißen Hosen und mit Skistöcken dem Wandfuß genähert und schauten zu mir her. Der kleinere von beiden sagte plötzlich: „Du bisch der Habeler.“ Ich bejahte, und schnell kam meine Gegenfrage: „Und du bisch der Hias?“ – „Ja“, sagte sein Begleiter, „des isch der Rebitsch.“ Das war der Anfang einer langjährigen, herzlichen Freundschaft mit einem Menschen, den ich über alle Maßen schätzte, nicht nur wegen seines unglaublichen Könnens in Fels und Eis und seiner unzähligen Erstbegehungen. Besonders gefielen mir sein hintergründiger und doch feiner Humor und seine nette Art des Erzählens. Ich habe selten jemanden derart spannend erzählen gehört.

Wir plauderten ein bisschen, und plötzlich fragte Hias, der zu diesem Zeitpunkt in seinen späten Fünfzigern war: „Was tuesch denn iatz?“ Meine Antwort: „I woas nit, i bin grod a bissl spaziern gangn.“ Da schlug er vor: „Gemma ’s Ostwandl, nimmsch mi mit?“ Und ob ich ihn mitnehmen würde. Etwas nervös holte ich das Seil aus dem Rucksack, hatte aber nur einen Klettergürtel dabei, den ich Hias anbot. „Brauch i nit, i soal mi umen Bauch an“, war seine kurze Antwort. Gesagt, getan.

Hias hatte weiße Tennisschuhe an. Ich traute mich aber nicht zu fragen, ob er Kletterpatschen mit dabeihätte. Deswegen wechselte auch ich meine Schuhe nicht, obwohl ich ganz tolle neue Kletterschuhe im Rucksack hatte. Irgendwie, so dachte ich, musste ich mich ja dem Hias anpassen. Rudi Olbrich aus Schwaz, Rebitschs bester Freund, der mit ihm häufig Wanderungen im Rofan und im Karwendel unternahm und sich auch in schlechten Zeiten rührend um ihn kümmerte, freute sich mit uns, als wir einstiegen.

Ich bemühte mich, so elegant wie möglich zu klettern. Die ungewohnt steifen Bergschuhe machte mir dennoch zu schaffen, und ich hoffte, dass Hias nicht so genau hinschaute. Die Ostwand ist ein schöner Anstieg, Dreier-Stellen mit guten, festen Griffen, teilweise steckt man in Rissen. Die Schlüsselstelle, ein kurzer Drei-Meter-Quergang über eine glatte Platte, hatten wir gleich hinter uns. Dann folgte der obere Teil, grasdurchsetzter Fels. Haken gab es genug. Ich war fasziniert, wie gut Rebitsch ging. Er kletterte schnell und mit einer Behändigkeit, die nicht nur für sein Alter außergewöhnlich war. Kein einziger Moment der Unsicherheit; es war herrlich, ihm zuzuschauen.

Kurz unterhalb des Ausstiegs – ich bemühte mich, tunlichst nicht die Grasbüschel als Griff zu benützen – hörte ich Hias’ Stimme: „Früher hamma a des Gras hergnomma, des hebt ja, oder?“ Wir lachten beide. Meine Freude war unbändig. Wer in meiner Generation hatte denn schon dieses Glück, einmal mit Hias Rebitsch im Fels unterwegs zu sein?

Das dicke Ende kam erst, als wir nach einer guten Stunde im Gras oberhalb unseres „Ostwandls“ saßen. „Peda, is dir heit nix aufgfalln, wegen meine Tennispatschn?“ – „Na, Hias, warum aa, du bisch ja super gangen!“, war meine Antwort. Da sah ich erst, was los war: Seine Tennisschuhe waren alt, und durch den Abrieb während des Kletterns hatte sich der poröse Gummi auf der Sohle völlig abgelöst. Er war auf einem „Kugellager“ geklettert – und mir war das überhaupt nicht aufgefallen. Jetzt war ich doppelt froh, dass ich meine nagelneuen Kletterpatschen im Rucksack gelassen hatte.

„DU BRAUCHST SOLCHE LEUTE, DIE MEHR VON DIR HALTEN, ALS DU EIGENTLICH KANNST – DANN WÄCHST DU ÜBER DICH SELBST HINAUS“

Du hast Mathias Rebitsch bei eurer Durchsteigung der Rofan-Ostwand das erste Mal persönlich getroffen. Aber ein Begriff war er dir bereits vorher?

Dem Namen nach habe ich ihn natürlich schon gekannt. Der Hias war einer der führenden Bergsteiger in den Vierzigerjahren. Es hat einige Leute gegeben, die gut klettern konnten, aber er war einer der Besten. Er war mit seinen Erstbesteigungen in den Laliderer Wänden, im Wilden Kaiser oder im Rofan derjenige, der neue Maßstäbe gesetzt hat. Der Hias war im Gebirge außergewöhnlich gut. Er war aber auch sehr humorvoll, sehr herzlich und vor allem redegewandt. Ich habe ihn wirklich gern gemocht.

Nach dieser gemeinsamen Tour habt ihr euch öfter getroffen?

Ja, daraus hat sich dann eine Freundschaft entwickelt.

Seid ihr auch noch zusammen geklettert?

Nein, wenn wir im Gebirge waren, sind wir eher gewandert. Einmal habe ich ihn nach Grindelwald mitgenommen, zum 50-Jahr-Jubiläum der Erstdurchsteigung der Eiger-Nordwand. Der Hias mit seinem Wissen war ja maßgeblich daran beteiligt, dass 1938 Heckmair, Vörg, Harrer und Kasparek die Wand machen konnten.

Er war im Jahr davor mit Ludwig Vörg in der Wand. Nach einem Wettersturz mussten sie oberhalb des „Todesbiwaks“ den Rückzug antreten.

Und 1938 war er dann nicht dabei, weil er auf Expedition ging, zum Nanga Parbat. Aber er war derjenige, der die Eiger-Nordwand genau gekannt hat, der auch die Eigenheiten der Wand gekannt hat. Er wusste, da muss man klettern, aber da ist durch die eingelagerten Eisfelder auch viel Eiskletterei dabei. Deswegen nahmen Heckmair und Vörg zwölfzackige Steigeisen mit, durch die sie die Eisfelder schnell und sicher hinter sich brachten. Aus Rebitschs Nachlass habe ich tolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus der Eiger-Nordwand erhalten.

Sind das die Bilder, die Ludwig Vörg gemacht hat?

Das nehme ich an, denn der Hias ist abgebildet. Die Qualität ist natürlich mäßig, das Wetter war ja auch schlecht. Sonst wären sie nicht zurückgegangen.

Damals, im August 1937, waren sie überhaupt die Ersten, die aus dem zentralen Wandteil lebendig zurückkamen. Alle anderen …

… sind gestorben. Sedlmayr ist gestorben und Mehringer und wie sie alle hießen. Angerer, Rainer, der Hinterstoißer und der Kurz – alle sind sie gestorben. Hias hat mir später selbst erzählt, wie sie 1937 ein paar Tage vor dem eigentlichen Versuch schon einmal aufgebrochen waren und eine Leiche fanden.

Hias Rebitsch im Ersten Eisfeld der Eiger-Nordwand

Andreas Hinterstoißer.

Genau, den fanden sie am Wandfuß. Sie wollten den Toten nicht liegen lassen und haben ihn hinuntergebracht, anstatt einzusteigen. Das hat Hias natürlich schon nachdenklich gemacht. Er war ja eigentlich nicht unbedingt ein harter Typ. Er hatte eben auch eine weiche, nachdenkliche Seite. Was mir an Rebitsch imponierte, war, was er alles gemacht hatte. Und dass er Hirn und Humor hatte. Als es ihm später gesundheitlich nicht mehr so gut ging, kam er öfter zu uns ins Zillertal. Wir fuhren in die Seitentäler hinein, in die Floite oder in den Zillergrund, und Hias erzählte von seinen früheren Begehungen und Lausbubenstreichen. Immer wieder sagte er: Mensch, da oben war ich auch einmal. Er hatte ja fast alle Routen im Zillertal wiederholt.

Hias Rebitsch im „Schwierigen Riss“ der Eiger-Nordwand

Von wo war er denn?

Er war ein Brixlegger. In Innsbruck studierte er, Chemie, später machte er auch Forschungsfahrten in die Anden und schrieb ein schönes Buch darüber, „Die silbernen Götter des Cerro Gallan“. Er lebte in Innsbruck und war eigentlich immer alleinstehend. Er war einfach ein außergewöhnlich netter, angenehmer, lustiger Gesprächspartner. Mit dem Hias wurde dir nie langweilig. Auf der Anfahrt zu diesem Eiger-Jubiläum, wir sind über den Arlberg gefahren, erzählte er mir, dass er da und da oben war, nur die Namen hat er nicht mehr gewusst. Er hatte so viel gemacht. Er war ja auch in Chamonix.

Er war ein richtiges Vorbild für dich.

Ja. Der Hias hat einen höheren Stellenwert gehabt als alle anderen. Wobei ich auch Hermann Buhl, den ich ja leider nicht mehr kennengelernt habe, bewunderte, aber irgendwie war ich näher beim Rebitsch – einfach weil ich ihn kannte.

Wie war dein Verhältnis zu Ernst Schmid?

Der Ernst war eben die Generation vor dem Rebitsch. Rebitsch und Buhl waren sich näher, standen auch in einer gewissen Konkurrenz zueinander. Buhl war in den späten Vierzigerjahren der junge, aufstrebende Star. Ernst Schmid war schon auch ein ähnliches Kaliber, aber natürlich nicht so gefinkelt wie später ein Rebitsch. Bei ihm reden wir vom dritten und vierten, auch mal vom fünften Schwierigkeitsgrad. Allerdings in der Rosskopf-Nordwand, die Ernst Schmid erstbegangen hat, auch schon vom sechsten Grad. Aber zwischen einem Schmid-Sechser und einem Rebitsch-Sechser gibt es dann doch leichte Unterschiede. Der Ernst war auch deshalb für mich interessant, weil er mit dem Fiechtl kletterte. Hans Fiechtl war ein Münsterer, vom Ausgang des Zillertals. Den Fiechtl habe ich auch sehr geschätzt.

Aber nicht mehr erlebt.

Nein, er ist ja schon 1925 abgestürzt, unter mysteriösen Umständen im Sockeldurchstieg am Totenkirchl, den er im Jahr zuvor erstbegangen hatte. Da hat man gemunkelt, dass er mit der Frau eines Gastes ein Verhältnis hatte und dass der ihn dann vom Seil abgeschnitten hätte. Wie dem auch sei – das waren ganz interessante Burschen. Der Fiechtl hat bei uns im Zillertal sehr schwere Erstbegehungen gemacht, die kaum wiederholt wurden.

Zum Beispiel?

Er war der erste Bergführer im Zillertal, der wirklich extreme Touren kletterte. Vorher waren schon auch Leute unterwegs, die von mir aus den Normalweg auf den Löffler, auf den Möseler oder auf den Feldkopf gingen. Aber der Fiechtl suchte sich dann die ganz schweren Sachen. Auf der Ostseite des Mörchners machte er eine Erstbegehung, die nie wiederholt wurde. Er hat 1911 die Feldkopf-Ostnordostkante erstbegangen, er hat die Feldkopf-Nordostwand erstbegangen, eine ganz seriöse Tour, schwer, vor allem gefährlich, weil sie so brüchig ist. Und unzählige weitere.


Peter Habeler mit dem „Rofan-Papst“ Ernst Schmid

Im Kaiser war er ja auch sehr aktiv.

Zum Beispiel machte er mit dem Dülfer die Westwand am Predigtstuhl. Hans Dülfer war vielleicht ein bisschen der feinere Typ. Und später dann die „Fiechtl/Weinberger“ auf den Nordgipfel des Predigtstuhls. Alles schwere Freikletterrouten. Er hatte sehr viel Kraft. Und wenn es irgendwann einmal nicht ging, zog er kurz seine Schnapsflasche heraus und machte wieder weiter.

Jetzt aber nochmals zurück zu Ernst Schmid. Ihr habt dieselbe Leidenschaft geteilt?

In der Zeit, als wir im Rofan zu klettern begannen, in den späten Fünfzigerjahren, Anfang der Sechziger, war er immer dort anzutreffen. Er konnte damals natürlich nicht mehr klettern, dafür war er schon zu alt. Er war schwer geworden, hat gut gegessen, mochte auch ein Glasl Roten nicht ungern. Er war ein Sir, das muss ich dazusagen. Er schaute uns einfach zu und zeigte uns die Routen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie der Ernst Schmid einmal mit mir – und ich weiß nicht mehr, wer alles dabei war, wahrscheinlich die ganze Crew von der Glasfachschule –, wie wir unterhalb dieser ganzen Wände herumgingen, von der Rofan-Ostwand beginnend bis hinüber zum Sagzahn, und er zeigte uns jeden Einstieg und erzählte von seinen Routen und seinen Begehungen. Das war herrlich. Auch die Abende mit ihm auf der Bayreuther Hütte genossen wir, wenn er ins Reden kam, uns aber auch an seinem klettertechnischen Wissen teilhaben ließ. Ich weiß noch, dass er einmal erwähnte, dass er bei einer Erstbegehung als Seilerster ausrutschte. Das war an der Ostseite des Sagzahns, in einem Dreier, die ganze Seilschaft stürzte ab, und alle – und das glaube ich dem Ernst, der Ernst hat nicht geflunkert – hingen sie noch an einem Haken. Irgendwie rappelten sie sich halt wieder zusammen, sie waren zum Teil verletzt, und seilten dann ab. Da sperrten wir natürlich als junge Burschen die Ohren auf und machten uns unsere eigenen Gedanken.

Wegen seiner vielen Erstbegehungen hieß er „Rofan-Papst“?

Deswegen Rofan-Papst. Wie gesagt, die Rofan-Ostwand, dann machte er mit dem Franz Nieberl die Nieberlschlucht. Zu seinen schwersten Erstbegehungen gehört die Rosskopf-Nordwand und, gemeinsam mit Fiechtl, das „Ypsilon“ in der Seekarl-Nordwand. Das war ein lange nicht lösbares Problem, ein nach außen hin offener Riss. Und er legte auch eine wunderschöne Route durch den Rofanturm. Er war da oben einfach zu Hause. Ernst war von Beruf Fahrdienstleiter in Brixlegg. Das hat er immer so nett erzählt, dass er halt hie und da, wenn sie biwakieren mussten, weil sie nicht rechtzeitig hinunterkamen, in der Früh ganz schnell zum Bahnhof nach Brixlegg hinunterlaufen musste, damit er die Züge wieder einweisen konnte.

Zusammen mit ihm geklettert bist du nie.

Nein, mit ihm nie. Aber er hat sehr viel in uns bewegt und hat uns darin bestärkt, dass das Klettern einfach eine bärige Geschichte ist. Und das ist schon wichtig. Er war, genau wie Hias Rebitsch, ein ganz hervorragender Motivator. Du brauchst solche Leute, die mehr in dir sehen, als du vielleicht sogar bist. Die mehr von dir halten, als du eigentlich kannst – dann wächst du über dich selbst hinaus.

Namen wie Riccardo Cassin oder Walter Bonatti waren dir damals aber auch ein Begriff.

Natürlich, das waren Legenden. Bonatti allerdings hörte in meinen Augen zu früh mit der Bergsteigerei auf. Aber trotzdem war er eine Figur, die im Alpinismus etwas bewegte, vornehmlich durch seine Alleinbegehungen. Cassin war interessant, weil ich seine Touren sehr schätzte. Er hat sich aus der Fülle von Möglichkeiten die schönsten herausgesucht: die Nordostwand des Badile, den Walkerpfeiler an den Grandes Jorasses, den Cassin Ridge am Mount McKinley. Unglaublich schöne Erstbegehungen. Er schaute sich das an, und dann zog er es durch. Damals waren eben auch noch ganz andere Möglichkeiten für Erstbegehungen gegeben. In unserer Zeit war das alles schon weg. Wir wiederholten halt dann diese Routen und freuten uns, wenn wir auf einen von Cassin geschlagenen Haken trafen. Ich hatte später auch Kontakt mit ihm und mit seinem Sohn, dem Tono. Sie hatten ihre Fabrik am Comer See.

Wen hast du sonst noch bewundert?

Ich habe Edmund Hillary sehr geschätzt, ich schätze ihn heute noch, weil er etwas getan hat, was außergewöhnlich ist. Aber vor allem, weil er einfach ein feiner Mann ist, der sich stark für die Sherpas eingesetzt hat. Der es nicht nur beim Bergsteigen beließ, sondern sich beim Bau von Schulen und Krankenhäusern engagierte. Nicht etwas für sich selbst, sondern für andere schuf. Und ansonsten – irgendwie waren ja alle meine Kletterpartner ein bisschen meine Vorbilder. Man lernt ja von jedem etwas dazu. Das ist ganz wichtig. Ob ich mit einem Fankhauser Horst klettere, mit dem Rebitsch Hias oder mit Otti Wiedmann oder mit dem Reinhold – ich lerne immer etwas dazu. Es ist entscheidend, dass man zu dem Zeitpunkt, wo das Klettern geformt wird, gute Lehrmeister hat. Das ist das Um und Auf. Wenn du da gute Leute hast wie einen Sepp Mayerl oder wie einen Reinhold, dann nimmst du von jedem etwas Positives auf. Und ich hatte das Glück, einige sehr gute Lehrmeister zu haben. Das sind genauso meine „Helden“, wie ich umgekehrt vielleicht ein Vorbild für sie bin, weil ich mit ihnen geklettert bin.

Den anderen, mit denen du nicht geklettert bist, Cassin zum Beispiel, Bonatti – denen hast du nachgeeifert? Oder in Ehrfurcht zu ihnen aufgeschaut?

Man schaut zu diesen Leuten auf, das ist gar keine Frage. Ihre Leistungen waren natürlich unerreichbar, Emilio Comici oder Tita Piaz, Gervasutti. Erstbegeher, die lange vor uns schon diesen Wunsch, diesen Drive, diese Motivation gehabt haben, ins Gebirge zu gehen und schwere Touren zu machen. Wir wiederholten dann vieles, manchmal konnten wir vielleicht die Zeit noch verbessern. Und ein paar neue Routen konnten wir auch noch legen.

Peter Aschenbrenner kanntest du auch?

Ja, er hat viel im Kaiser gemacht. Den Peter lernte ich auch wieder zufällig kennen, als er einmal nach Mayrhofen kam. Ich hörte immer gern seine Schilderungen, vor allem von den Nanga-Parbat-Expeditionen – er war ja da dreimal dabei. Er war sicher sehr gut, er war ein umsichtiger Mensch.

1932 und 1934 war er als Bergsteiger dabei, und 1953, bei der Erstbesteigung durch Buhl, war er der bergsteigerische Leiter.

Genau, und der Überchef war Herrligkoffer. Der Peter hatte sehr viel Erfahrung, und es hat mir eben auch wieder imponiert, dass er sehr sachlich und sehr ruhig, aber doch sehr lebendig von seinen Unternehmungen sprach. Er redete oft im Radio. Ich kann mich gut erinnern, ich bin einmal in Innsbruck mit dem Auto mitten auf der Straße stehen geblieben, weil ich den Aschenbrenner Peter reden hörte. Ich fuhr dann rechts ran, war eh ein Verkehrshindernis. Manfred Gabrielli, der lang im ORF tätig und ein außergewöhnlich guter Interviewpartner war – kein Bergsteiger, aber sehr belesen im alpinen Geschehen –, führte ein eindrückliches Gespräch mit ihm über diese fürchterliche Katastrophe 1934 am Nanga Parbat, als so viele Leute umkamen. Der Wieland, der Merkl, der Welzenbach, alle blieben sie oben am Mohrenkopf, weil sie einfach nicht mehr konnten. Diese Geschichte kannte ich natürlich, das hatte man gelesen. Und sich gefragt, was haben die falsch gemacht? Warum sind sie da oben umgekommen?

Schneider und Aschenbrenner konnten noch absteigen …

… und haben überlebt.

Und wurden nachher furchtbar angegangen. Es wurde ein „Ehrengericht“ einberufen, weil sie angeblich die anderen im Stich gelassen hätten.

Das hat doch nichts mit Im-Stich-Lassen zu tun! Die anderen waren einfach nicht mehr fähig, einen Schritt zu tun. Die Alternative wäre gewesen, dass Schneider und Aschenbrenner sich hingesetzt hätten und mit ihnen gestorben wären. Aber zum Glück sind die Zeiten vorbei, in denen das Bergsteigen ins Politische umgemünzt wurde.

Peter Aschenbrenner war auch Hüttenwirt am Stripsenjochhaus.

Er war fast 20 Jahre Hüttenwirt auf der Strips, Mitte der Dreißiger- bis Anfang der Fünfzigerjahre. Sein Bruder Paul war auch ein guter Kletterer. In Anbetracht seines abenteuerlichen Lebens wurde der „Himalaja-Peter“ ziemlich alt.

Ja, er starb 1998, mit 95.

Mir hat der Peter schon getaugt. Mir hat auch ein Anderl Heckmair getaugt. Das waren Burschen, die das Leben – wenn ich so sagen darf – in vollen Zügen genossen. Und die trotzdem, entweder weil sie so gesund waren oder weil sie so intensiv gelebt haben, lange unter uns waren. Der Anderl wurde 98. Der Harrer 93. Ernst Schmid war 96, Luis Trenker 97. Der Trenker war ja auch eine ganz interessante Person; er hat durch das Fernsehen vielen Menschen den Zugang zum Bergsteigen überhaupt erst ermöglicht. Er war nicht unbedingt ein Paradekletterer, aber er hat ein paar schöne Sachen gemacht. Vor allem seine Filme, wie er die dirigiert hat, wie er damals diesen Film am Matterhorn gemacht hat oder in Amerika den „Verlorenen Sohn“. Für ihn fing das alles im Gebirge an. Er war sich nie zu schade, über das Bergsteigen zu reden, und er stellte es immer positiv dar. Ich kannte den Luis, beim Reinhold habe ich ihn manchmal getroffen. Er mochte den Reinhold und kam öfter nach Villnöss. Anlässlich eines Treffens fragte ich ihn: Luis, kann ich nicht ein Autogramm von dir haben? Er gab mir dann eine Autogrammkarte. Er war ja ein schneidiger Mensch, sah immer gut aus. Hintendrauf schrieb er: „Für Peter, meinen Freund und Bruder. Mit lieben Grüßen – Dein Luis Trenker.“ Die habe ich heute noch. Ich habe sie immer in Ehren gehalten.


Peter Habeler und Luis Trenker bei einer Talkshow in Hamburg


Heinrich Harrer, Anderl Heckmair und Hias Rebitsch bei der Jubiläumsfeier zum 50. Jahrestag der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand

Wie gut kanntest du Anderl Heckmair?

Den Anderl kannte ich sehr gut. Leider konnte ich nicht auf seine Beerdigung, da war ich in Nepal. Ich war ein paar Mal draußen bei ihm in Oberstdorf, zu Hause in seinem blauen Salon, da rauchte er, dass du nichts mehr gesehen hast. Auf dem Tisch stand auch immer ein bisschen was, er hatte die besten Schnäpse, und Whisky mochte er auch sehr gern. Er war immer sehr offen und hat gern erzählt.

Die letzten Jahre war das dann schon nicht mehr so. Aber da war er auch schon sehr alt.

Das war dann recht lustig, er wurde ja noch oft interviewt und sagte dann jeweils zur Trudl, die neben ihm saß: Trudl, erzähl du weiter, du weißt das besser. Und das machte sie dann auch, denn sie hatte ihn immer erzählen gehört und übernahm dann praktisch seine Rolle. Ich habe die Trudl länger nicht mehr gesehen, aber ich mag sie sehr. Sie kümmerte sich sehr um den Anderl, pflegte ihn. Wenn die Trudl nicht gewesen wäre, wäre der Anderl sicher nicht so alt geworden.

Ja, es war schön, sie als Paar zu erleben.

Der Anderl war schon in Ordnung. Er war wirklich fast ein Heiliger für uns. Toller Mann.

Habt ihr auch über die Vergangenheit gesprochen, über die politische Vereinnahmung nach der Erstbesteigung der Eiger-Nordwand?

Ja, natürlich. Über seine Zeit als Stammbergführer der Ordensburg, dann an der Ostfront, und wie er es glücklich schaffte, zurück an die Heereshochgebirgsschule in Fulpmes zu kommen und so den Krieg zu überleben. Ich habe mir dann auch die ehemalige Ordensburg angeschaut, in Sonthofen.

Wiggerl Vörg kam gleich 1941 an der Ostfront ums Leben, Fritz Kasparek 1954 beim Bergsteigen in Peru. Heinrich Harrer – was für ein Verhältnis hattest du zu ihm?

Auch ein sehr gutes. Natürlich, seine Verstrickung in den Nationalsozialismus ist nicht von der Hand zu weisen. Genauso, dass er sich immer gegen eine Aufarbeitung wehrte. Es ist mir aber zutiefst zuwider, wenn die Jungen heutzutage über jemanden schreiben und überhaupt keine Ahnung haben, was damals wirklich lief. Harrer war ja nicht nur beim Dalai-Lama, er machte diese ganzen Expeditionen, zum Amazonas, nach Neuguinea, wo er die Carstenszpyramide erstbestiegen hat, nach Borneo … Und er hat mit der „Weißen Spinne“ ein tolles Buch geschrieben. Das beste Buch, das über die Eiger-Nordwand geschrieben wurde. Das ist ein Klassiker, da kann man immer wieder reinschauen. Das muss ihm einmal einer nachmachen. Ich nehme an, er hat es selbst geschrieben.

Die erste Auflage erschien 1958, da könnte ihm theoretisch noch sein Freund Kurt Maix geholfen haben.

Das Buch, das Kurt Maix zusammen mit Hermann Buhl geschrieben hat, „Achttausend drüber und drunter“, das hat mir auch sehr gefallen. Das war eines jener Bücher, die mich motiviert haben, noch mehr zu machen. Wir konnten ja damals, Ende der Fünfzigerjahre, nicht ahnen, dass wir einmal in den Himalaja und in den Karakorum kommen würden. Der Kurt Maix hat das ganz hervorragend beschrieben, überhaupt nicht abgehoben. Einfach in der Wortwahl, einfach in der Schilderung, aber einfach hervorragend.

Es war wohl so, dass Buhl sein Manuskript selbst geschrieben hat; Maix hat es dann sehr stark überarbeitet.

Das kann schon sein. Buhl hatte eine schöne Schrift. Er konnte gut formulieren, das sieht man an den Tourenbüchern. Auf der Bayreuther Hütte gab es lange ein Tourenbuch, in das Hermann Buhl seine Routen selbst eingeschrieben hatte. Zum Beispiel das Buhldach an der Rofanspitze, 1947, mit dem Schindl Rudi. Wunderschön geschrieben. Das haben wir natürlich gelesen.

Du warst nicht ganz 15 Jahre alt, als Hermann Buhl an der Chogolisa abstürzte.

Was mir an ihm imponierte, war, dass er so gut klettern konnte – wie Rebitsch eben auch. Sie waren auch beide ein wenig Sonderlinge, darin waren sie sich ähnlich. Aber der Hermann hatte auch andere Seiten. Von Ernst Spieß, der in Mayrhofen die Skischule leitete und der für mich ein väterlicher Freund war, erfuhr ich, dass Buhl gern gesungen hat, er konnte auch Gitarre spielen und einen ganzen Saal unterhalten.

Bei Ernst Spieß hast du lange als Skilehrer gearbeitet.

Ja, vor allem hat er mich immer unterstützt. Er setzte mich schon mit 16 Jahren als Hilfsbergführer ein. Ein anderer hätte gesagt: Was, du Bürschl, du gehst mir nicht führen! Er hatte das Vertrauen in mich und ließ mich mit Toni Volgger oder Otto Geisler mitgehen. Er sagte: Peter, du machst das. Ich bekam natürlich weniger Geld, ich hatte ja auch noch keine Qualifikation. Aber ich habe ihn nie enttäuscht. Ich fand das super, dass er mir diese Arbeit ermöglicht hat. Nachdem Ernst die Skischule in Mayrhofen aufgebaut hatte, arbeiteten wir weiter gut zusammen. Er war eigentlich immer darauf bedacht, mich zu fördern. Er ließ mich zum Beispiel in der Wintersaison 1977/78, bevor wir zum Everest aufbrachen, bei voller Bezahlung trainieren.

Du standst für die Skischule also nur teilweise zur Verfügung?

Ich nützte das aus. Ich lief fast jeden zweiten Tag die 1800 Höhenmeter auf den Grünberg. Da waren schnelle Zeiten dabei – 1 Stunde 51 Minuten war meine Bestzeit. 1800 Höhenmeter, da kannst du ganz schön wieseln. Ernst hatte mein Potenzial erkannt, er tat sehr viel Positives für mich. Ich lief damals eigentlich jeden Tag irgendwo hinauf. Körperlich war ich gut drauf.

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