Kitabı oku: «Die Banken und ihre Schweiz»
Peter Hablützel
Die Banken und ihre Schweiz
Perspektiven einer Krise
Mit einem Vorwort von
Jürg Conzett
und einem Beitrag von
Paschen von Flotow
Conzett Verlag
bei Oesch
Alle Rechte vorbehalten
Nachdruck in jeder Form sowie die Wiedergabe
durch Fernsehen, Rundfunk, Film, Bild- und Tonträger,
die Speicherung und Verbreitung in elektronischen
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Copyright © 2010 by Conzett Verlag/Oesch Verlag, Zürich
in Kooperation mit Sunflower Foundation, Zürich
Umschlagbild: Michael Sengers, Zürich
Satz: Oesch Verlag
ISBN 978-3-0350-4010-4
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Inhalt
Vorwort von Jürg Conzett
Einleitung: Ausgangspunkt und Absicht der Studie
Finanzmarktkrise: eine Systemkrise?
Problemstellung und Zielsetzung dieser Studie
Grundlagen und Quellen
Inhalt, Aufbau und Absicht
1. Finanzmarktkrise, Sonderfall Schweiz und Zeitgeschichte
Krise und Krisenwahrnehmung in der Schweiz
Sonderfall, nationale Identität und Mythenbildung
Geschichte als Konstruktion der Wirklichkeit
Zeitgeschichte, Politik und historische Analyse
Modell des Finanzmarkt-Kapitalismus
2. Aufstieg des Finanzplatzes zur nationalen Ikone
Anfänge der Bankwirtschaft
Bedeutung der Nationalbank
Bankengesetz von 1934
Aufschwung in der Kriegs- und Nachkriegszeit
Flexible Wechselkurse
Wachsende Macht der Grossbanken
Immobilienblase und Konzentrationsprozess
3. Globalisierung von Märkten und Mentalitäten
Finanzmärkte und Globalisierung
Primat finanzieller Steuerung
Finanzindustrie als globales System
Globalisierung des Finanzplatzes Schweiz
Anpassung des staatlichen Rahmens
Bankenaufsicht: Basel I und Basel II
Warnung der Nationalbank vor Systemkrisen
4. Finanzmarktkrisen und Krise der Finanzmarktpolitik
Ungleichgewichte und zyklische Krisen
Subprimekrise wird zur Systemkrise
Internationale Regulierung globaler Märkte?
Finanzmarktkrise in der Schweiz
«Beresina» der Schweizer Finanzmarktpolitik
Grossbanken: Too big to fail
Wie weiter in der Finanzwirtschaft?
5. Relevante Kontexte: Wachstum, Staat und Moral
Gesellschaftliche Ausdifferenzierung und Reintegration
Moderne und Modernisierungsdiskurse
Ökonomischer Diskurs: Nachhaltiges Wachstum
Politischer Diskurs: Marktordnung und Staatsfunktion
Kultureller Diskurs: Ethik und persönliche Verantwortung
Selbstreflexive zweite Moderne
6. Vom historischen Sonderfall zum politischen Sonderling?
Besonderheiten der Schweizer Politik: eine Dekonstruktion
Geschichte als Erfolgsstory: eine Rekonstruktion
Ende des Wachstumskonsenses
Polarisierung und Blockierung der Politik
7. Historische Ortsbestimmung und politisches Fazit
Finanzmarktkrise als historischer Wendepunkt?
Kontingenz und Krisenverständnis
These 1: Krisenperzeption
These 2: Finanzmarktregulierung
These 3: Internationale Öffnung
These 4: Nachhaltige Entwicklung
These 5: Public Governance
These 6: Politik als Kommunikation
These 7: Stärkung der Zivilgesellschaft
Neo-Moderne, Geld und Ethik
Anhang
Was würde Georg Simmel zur heutigen Krise sagen?
Von Paschen von Flotow
Verwendete und weiterführende Literatur
Über den Autor
Vorwort
Zum Thema «Die Schweiz und ihre Banken» ist schon vieles geschrieben worden. Nach der jüngsten Finanzmarktkrise stellt sich die Frage, ob dieses Verhältnis zwischen unserem Land und einer wichtigen Wirtschaftsbranche nicht besser unter dem Titel «Die Banken und ihre Schweiz» betrachtet und beschrieben werden sollte. Peter Hablützel kommt in seiner kritischen Studie zum Schluss, die (Gross-) Banken hätten seit den 1970er Jahren, vor allem aber seit der forcierten Globalisierung der 1990er Jahre die öffentliche Meinung in der Schweiz immer stärker beeinflusst. Sie hätten damit nicht zuletzt auch die aktive Unterstützung der offiziellen Schweiz für ihre Expansionspläne gewinnen können. Die politische Mehrheit habe lange überhaupt nichts dagegen einzuwenden gehabt. Sie sei praktisch immun gewesen gegen jede inländische wie ausländische Kritik, habe den Finanzplatz Schweiz tabuisiert und das Bankgeheimnis zu einem nationalen Mythos hochstilisiert. Erst die Ereignisse im Zusammenhang mit der jüngsten Krise würden nun ein Umdenken erzwingen. Der Staat verliere seine Legitimation nach innen und nach aussen, wenn er sich länger durch private Interessen dermassen instrumentalisieren lasse.
Peter Hablützel ist ein intimer Kenner des politischen Systems der Schweiz und der heiklen Schnittstelle zwischen Staat und Wirtschaft. Er hat in den letzten dreissig Jahren vier schweizerische Finanzminister als direkte Vorgesetzte erlebt. Seine Studie zeigt, dass sich reiche persönliche Erfahrung aus der Praxis und kritische, wissenschaftliche Analysen fruchtbar verbinden lassen. Dabei kommt ihm ein interdisziplinärer Ansatz zugute, der ökonomische und sozialwissenschaftliche Fragestellungen kombiniert. Entscheidend scheint mir aber, dass es Peter Hablützel mit einer zeithistorischen Perspektive gelingt, die Finanzmarktkrise in grössere Zusammenhänge einzuordnen. Geschichte ist oft der blinde Fleck der modernen Ökonomie. Die vorliegende Arbeit macht klar, dass es für die Analyse und für die Deutung grundlegenden Wandels einer historischen Betrachtung dringend bedarf.
Dieses Buch ist im Zusammenhang mit einem Vortragsund Diskussionszyklus des MoneyForums zum Thema «Finanzmarktkrise – Herausforderung und Chance» entstanden. Peter Hablützel hat diesen Zyklus im Auftrag der Sunflower Foundation organisiert und moderiert. An fünf Abenden im Herbst und Winter 2009/10 ist ein interessantes, fachübergreifendes Gespräch zu Problemen des Finanzplatzes Schweiz und seiner Zukunft zustande gekommen, für das ich an dieser Stelle allen Beteiligten nochmals herzlich danken möchte. Es freut mich besonders, dass wir hier den Originalbeitrag eines unserer Referenten, Paschen von Flotow, veröffentlichen dürfen. Ich bin erstaunt, mit welcher Klarheit Georg Simmel vor mehr als hundert Jahren grundlegende Probleme unserer Wirtschaftsgesellschaft vorausgesehen hat. Paschen von Flotow gelingt es ausgezeichnet, die Quintessenz von Simmels Gedanken für unsere Gegenwart fruchtbar zu machen.
| Zürich, 9. März 2010 | Dr. Jürg Conzett Präsident der Sunflower Foundation |
Einleitung:
Ausgangspunkt und Absicht der Studie
Mit einer heftigen Implosion der Finanzwirtschaft ist im Herbst 2008 der wichtigste Leitsektor der modernen Dienst leistungsgesellschaft dramatisch eingebrochen. Die Erschütterung trifft die Weltwirtschaft als Ganze und nicht nur sie. Auch die Denk- und Verhaltensmuster einer an Geldwert und Gewinn orientierten Kultur sind von dieser Finanzkrise tangiert. Fast alles in unserem sozialen Leben hat sich in den letzten Jahren zunehmend um Finanzen gedreht. In Wirtschaft, Politik und Gesellschaft – auf Märkten, in Organisationen, am Arbeitsplatz, ja, bis in die persönlichen Beziehungen hinein – haben wir eine Monetarisierung beinahe aller Werte erlebt. Geld ist – wie vom Soziologen Georg Simmel vor hundert Jahren vorausgeahnt – zum allumfassenden Wertmassstab und in Form von «Vermögen», von Kapital, zugleich zum wichtigsten Wert an sich geworden. Der finanzielle Gewinn als mächtigster Treiber steuert nicht nur die globalisierte Finanzwirtschaft, sondern fast jede Entwicklung in unserer Welt. Umso mehr herrscht heute überall grosse Unsicherheit, welche Bedeutung wir der Finanzmarktkrise zumessen sollen und woran wir uns in Zukunft orientieren können.
Finanzmarktkrise: eine Systemkrise?
Bedeutung und Erfolg des Finanzplatzes Schweiz bilden ein zentrales Element im Selbstverständnis sowie im politischen Denken und Handeln unseres Landes. Ein florierender Finanzplatz ist gewissermassen die wirtschaftliche Inkarnation unserer Identität als nationaler Sonderfall. Nun erleben wir gleichsam als eine Ironie der Zeitgeschichte, dass uns ausgerechnet eine Krise der Finanzmärkte zu dem macht, was wir eigentlich sind: ein kleines Land inmitten Europas, das mit seiner offenen Volkswirtschaft vom Umfeld besonders abhängig ist. Ein kleines Land, das grosse Mühe hat, mit den politischen und kulturellen Folgen der Globalisierung umzugehen, die es mit seiner erfolgreichen Export- und Finanzwirtschaft doch selber wesentlich vorangetrieben hat. Ein kleines Land auch, das mit den spezifischen Problemen und Risiken seines überdimensionierten, hochkonzentrierten und mit dem Ausland eng verflochtenen Bankensystems nur schwer zu Rande kommt.
Die Finanzmarktkrise ist für die Schweiz eine besonders heikle Erfahrung, denn sie demontiert den nationalen Mythos unserer politischen Unabhängigkeit. Sie führt uns drastisch vor Augen, wie existenziell wir vom internationalen Umfeld abhängig sind. Schmerzhaft wird uns bewusst: Auf globalisierten Märkten bieten Landesgrenzen vor Systemkrisen keinen Schutz mehr. Die Katastrophe an der Wall Street hat auch den Finanzplatz Schweiz in eine tiefe Krise gerissen. Vieles ist bedroht, was wir bisher für selbstverständlich hielten. Die Krise, die mehr und mehr auch auf die Realwirtschaft übergreift, droht ökonomische und politische Gewissheiten aufzuzehren. Es brechen bange Fragen auf, nicht nur zum Finanzplatz Schweiz, sondern auch zur Zukunft von Volkswirtschaft, Beschäftigung und sozialer Sicherheit in unserem Lande sowie zur Einbettung der Schweiz in eine global vernetzte und immer stärker politisierte Welt. Die Finanzmarktkrise hat uns unsanft aus einer Art nationaler Selbstüberschätzung gerissen und in eine Welt katapultiert, deren grundlegende Veränderungen wir in den letzten Jahrzehnten partiell nicht mehr wahrnehmen wollten. Die Turbulenzen auf den Finanzmärkten und ihre Auswirkungen auf Politik und Gesellschaft haben uns gleichsam auf dem linken Fuss erwischt und die Schweiz in eine der schwierigsten Orientierungskrisen ihrer Geschichte geführt. Wir müssen uns heute mit Problemen befassen und nach Antworten suchen, wo wir bis vor kurzem nicht einmal ernsthaft Fragen stellten.
Die Finanzmarktkrise demontiert nicht nur unsere Unabhängigkeitsfantasien. Sie demaskiert auch unser politisches System. Sie demonstriert, wie willfährig sich die Behörden gegenüber wirtschaftlichen Grossinteressen verhalten. In der jüngsten Vergangenheit haben nicht nur höchste Repräsentanten der Schweiz mehrfach ihr Gesicht verloren. Auch das System als Ganzes büsste an Glaubwürdigkeit ein. Man könnte etwas pointiert formulieren, die Krise habe der Schweiz die liberale Maske vom Gesicht gerissen. Es ist zwar nicht gerade so, dass darunter die Fratze einer Bananenrepublik zum Vorschein kommt – aber immerhin Tatsachen, die ein gerne idealisiertes Selbstbild erschüttern können. Zwei Ereignisse werden diesbezüglich noch lange im Gedächtnis haften bleiben: Im Oktober 2008 mussten Bund und Nationalbank mit einer massiven Finanzspritze der grössten Bank zu Hilfe eilen, die sich mit einer verfehlten Geschäftspolitik an den Rand des Abgrunds manövriert hatte. Und im Februar 2009 verletzten die Behörden schweizerisches Recht, um dieses Flaggschiff des Finanzplatzes aus den Fängen der US-Justiz zu befreien, in die es aufgrund mutwilliger Verstösse gegen amerikanische Gesetze geraten war. Diese beiden Ereignisse sind von symbolischer Bedeutung und werfen die kritische Frage auf, welchen Stellenwert liberale Ordnungspolitik und Rechtssicherheit in unserem Lande noch haben, wenn handfeste Geschäftsinteressen einer privaten Grossbank auf dem Spiele stehen.
Opportunismus in der Politik ist gewiss nichts Neues. Gerade in der kleinen Schweiz mit den vielfach verbandelten Interessen und einem starken Milizsystem hat die föderalistisch und direktdemokratisch ausgebremste Politik schon immer Mühe bekundet, mächtige Akteure der Wirtschaft an strenge Re geln zu binden. Aber dass bei uns – in Abwandlung eines Zitats von Clausewitz – Politik die Fortsetzung des privaten Geschäfts mit andern Mitteln sein könnte, hätte man in dieser Deutlichkeit vorher doch kaum zu behaupten gewagt. Der doppelte Sündenfall vom Oktober 2008 und vom Februar 2009 ist eine radikale Herausforderung an die schweizerische Politik, die auch ernst genommen werden muss, falls die direkten Folgen der Krise nicht so dramatisch ausfallen wie ursprünglich befürchtet. Wer ohne strukturelle Änderungen am (Finanz-)System zum Courant normal zu rückkehren will, macht Politik in diesem Land vollends unglaubwürdig und nimmt bewusst in Kauf, dass wir schon bald wieder vor ähnlichen oder noch schlimmeren Problemen stehen.
Die Diskussionen um die Finanzmarktkrise und um die Frage, wie Wirtschaft und Politik der Schweiz darauf reagieren sollten, erinnern mich an die Studien vor mehr als dreissig Jahren im Zusammenhang mit meiner Dissertation, in der ich verschiedene Formen von politischem Krisenbewusstsein und die je damit korrespondierenden historischen Perspektiven untersuchte (Hablützel 1980). Die damals propagierte Unterscheidung in der Perzeption von Krisen lässt sich auch heute nutzbringend verwenden: Wer das bestehende System bewahren will, interpretiert Turbulenzen gerne als zufällige Ereigniskrise und möchte mit möglichst geringen Änderungen im System den Status quo rasch wiederherstellen. Wer nicht nur zufällige, sondern im System angelegte technische Fehler als Ursachen einer Strukturkrise ortet, versucht mit Änderungen am System eine Wiederholung der Krise zu verhindern. Wer indes unsere kulturelle Einbindung in tradierte Handlungsabläufe erkennt und sieht, dass wir an Strukturen anknüpfen und diese mit unserem Denken und Handeln immer wieder (re-)produzieren, wird Turbulenzen als Ausdruck einer Systemkrise verstehen und sie als Chance nutzen wollen, um mit einer bewussten Änderung des Systems neue Entwicklungsmöglichkeiten zu erschliessen.
Problemstellung und Zielsetzung dieser Studie
Damit sind wir mitten in der zentralen Problemstellung der vorliegenden Studie: Was machen wir aus der Krise, in die wir geraten sind? Wenn wir sie kleinreden, könnten wir die riesige Chance verpassen, unsere vertrauten Bilder der Wirklichkeit den erlebten Realitäten wieder anzunähern und damit an Zukunftsfähigkeit zu gewinnen. Das gilt sowohl bezüglich Weltwirtschaft und Finanzindustrie wie auch in Bezug auf das politische System der Schweiz.
Sind Krisen immer auch Chancen? Wohl nur, wenn wir die Möglichkeiten erkennen, die sie uns bieten. Krisen verunsichern zwar, weil manche Gewissheiten schwinden. Unsere Konstruktionen der Wirklichkeit verlieren an Überzeugungskraft. Dafür tun sich jedoch neue Sichtweisen auf. Krisen helfen, Denkmuster aufzubrechen und Handlungsroutinen zu hinterfragen. Sie bringen Diskurse über unsere Herkunft und unsere Zukunft in Gang. Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte geraten so in Bewegung. Die kommunikative Aufweichung von individueller und gesellschaftlicher Erinnerung macht Gegenwart mehrdeutig. Damit gewinnt der historische Prozess gewissermassen einen höheren Freiheitsgrad und öffnet uns neue Möglichkeiten derpolitischen Gestaltung. Wer Krisen so zu nutzen weiss, stärkt Lernvermögen und Zukunftsfähigkeit.
Was kann die jüngste Finanzmarktkrise bewegen? Welche Gewissheiten, welche Wirklichkeitskonstruktionen brechen auf? Und bietet diese Krise Chancen? Auch für die Schweiz, die vom Schicksal der Finanzwirtschaft besonders betroffen scheint? Welche neuen Perspektiven eröffnet diese Krise auf Vergangenheit und Zukunft unseres Landes? Sind wir bereit, die traditionelle Sicht der historischen Entwicklung kritisch zu hinterfragen? Sind wir fähig, unser politisches Handeln zu überdenken? Und sind wir denn auch willens, die daraus entstehenden Chancen zu nutzen? Diesen Fragen will ich in der vorliegenden Studie nachgehen, weil sie für unser Land und seinen Finanzplatz von existenzieller Bedeutung sind.
Man könnte nun vorschnell meinen, für die Beantwortung solcher Fragen sei in erster Linie die Ökonomie zuständig. Und in der Tat gibt es inzwischen Beiträge aus dieser Wissenschaft, die den Ausbruch der Finanzmarktkrise einleuchtend erklären und ihren Verlauf auch trefflich beschreiben. Die Selbstverständlichkeit, mit der gewisse Ökonomen heute die Krise als eine völlig normale Erscheinung darstellen, lässt uns staunend mit der Frage zurück, weshalb sie denn diese Krise nicht früher kommen sahen und entsprechend davor gewarnt haben. Ich bin im Lauf meiner Recherchen immer mehr zur Überzeugung gelangt, dass wir die eigentliche Bedeutung der Krise erst erkennen können, wenn wir sie in ihrer historischen Dimension zu verstehen versuchen. Wer die Implosion der Finanzwirtschaft begreifen will, muss den Prozess ihrer Aufblähung untersuchen. Ihr Aufstieg zur wirtschaftlichen Vormacht und zur politischen und kulturellen Hegemonie ist das Aussergewöhnliche, das die letzten Jahrzehnte geprägt hat. Doch wer sich für die Veränderung unserer Wirtschaft hin zu einer immer mehr durch die Finanzen getriebenen Entwicklung interessiert, wird durch die gängige Ökonomie kaum hilfreich unterstützt. Die neoklassischen Theorien des Mainstreams mit ihrem Anspruch auf Allgemeingültigkeit bauen ihre Modelle auf anthropologischen Konstanten auf (wie dem immer rational entscheidenden Homo oeconomicus). Sie halten Geld für ein neutrales Zahlungsmittel ohne spezifischen Eigenwert, dessen Geschichte man ruhig vernachlässigen kann, und interessieren sich kaum für den Wandel von Auffassungen und Werthaltungen. Und schliesslich pressen sie ihre Erkenntnisse in mathematische Formeln, die der Veränderung von historischen Kontexten viel zu wenig Beachtung schenken. Aber gerade darin liegt das Problem: Geschichte ist der blinde Fleck der modernen Ökonomie. Historische Entwicklungen spielen sich, wenn überhaupt, in den kaum diskutierten Randbedingungen ab, um die sich andere Wissenschaften kümmern müssen.
Eigenartig: Die Wirtschaft ist das gesellschaftliche Subsystem mit der radikalsten Veränderungsdynamik und mit dem grössten Beeinflussungspotenzial auf alle andern Subsysteme. Aber sie wird durch eine Wissenschaft «professionell» beobachtet und beschrieben, die aufgrund ihrer Gleich gewichtsmodelle von Systemumwelten und Systementwicklungen wenig wissen will und damit Gefahr läuft auszublenden, dass der ökonomische Wandel auch seine gesellschaftlichen Grundlagen und damit den Rahmen, die Qualität und die Bedeutung jeglichen Wandels, also auch sich selbst, verändert. Diese fatale Verdrängung der Historizität aus der ökonomischen Reflexion macht die Wirtschaftswissenschaft oft unsensibel für das Problem der Reichweite ihrer Theorien und verführt sie zum Opportunismus im Sinne einer Legitimation dessen, was sich historisch durchgesetzt hat.
Falls wir die Finanzmarktkrise mit ihren wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Implikationen wirklich verstehen und ihre Bedeutung für unsere Zukunft ergründen wollen, kommen wir um eine kritische Aufarbeitung ihrer historischen Dimensionen nicht herum. Wir sollten dabei vor allem den furiosen Aufstieg der Finanzindustrie in den letzten Jahrzehnten zu erklären versuchen. Das gilt namentlich auch für unseren «Sonderfall» Schweiz mit seiner überdimensionierten, hochkonzentrierten und stark auslandabhängigen Finanzwirtschaft. Wenn wir die Krise als Chance für eine kritische Aufarbeitung unserer nationalen Entwicklung und ihrer Einbettung in übergreifende Kontexte wahrnehmen, kann auch der «Sonderfall» Schweiz in einem neuen Licht erscheinen. Es hängt von unseren kritischen Fragen und konstruktiven Antworten ab, ob es uns heute gelingt, die Krise für die Neugestaltung der Zukunft zu nutzen, und ob wir morgen dann sehen können, dass die Finanzmarktkrise als Wendepunkt in unserer Zeitgeschichte verstanden werden darf.
Grundlagen und Quellen
Was wissen wir über die Zeitgeschichte der Schweiz und über die Vorgeschichte der Finanzmarktkrise? Welcher Stellenwert kam der Finanzwirtschaft in der Geschichte unseres Landes vor allem in den letzten Jahrzehnten zu? Worauf kann ich mich stützen, wenn ich die Entwicklung des Finanzplatzes und der Finanzmarktpolitik analysieren und als Teil unserer jüngsten Geschichte interpretieren will?
Auf Zeitgenossenschaft ist nicht immer Verlass, aber ich will trotzdem nicht leugnen, dass mein Bild in vielem durch eigene Beobachtungen und persönliche Erinnerungen geprägt worden ist. Das beginnt mit meiner Kindheit in der frühen Nachkriegszeit und in einer Familie, in der das freiwirtschaftliche Gedankengut einen hohen Stellenwert genoss. Auch während Studium und Beruf bewegte ich mich meist in politisch sehr interessierten Milieus; da konnte die 68er-Zeit nicht spurlos an einem vorbeigehen. 1980 bis 2005 war ich mit Ausnahme von fünf Jahren im Eidgenössischen Finanzdepartement beschäftigt und direkt dem Finanzminister unterstellt; ich erlebte vier Bundesräte aus nächster Nähe. An der Schnittstelle von Politik und Verwaltung kriegt man vieles mit, was die systemische Betrachtungsweise fördert; so war es für mich immer klar, dass am Schicksal der Finanzwirtschaft gerade auch die Behörden massgeblich beteiligt sind. Seit 2007 bin ich im Auftrag der Sunflower Foundation für deren MoneyForum tätig und habe manche Kontakte zu Praktikern und Theoretikern der Finanzwirtschaft knüpfen können, was mein Interesse für diese Branche wecken, mein Verständnis für ihre Prozesse und Gepflogenheiten fördern und damit meinen Horizont einschlägig erweitern half.
Das Problem von Nähe und Distanz taucht in der Zeitgeschichte immer wieder auf. Es wird deutlicher, wenn man die eigenen Zugänge zum Thema mit den Arbeiten anderer vergleichen kann. Zur Finanzplatzentwicklung und zu einzelnen Banken und Problemen ist in den letzten Jahren viel Wissenschaftliches, Autobiografisches und Journalistisches publiziert worden. Wissenswertes kann man auf den Websites des Swiss Banking Institute und der Universität St. Gallen finden. Die Entwicklungen vor und in der Krise, namentlich was die UBS oder das Bankgeheimnis betrifft, sind in Darstellungen aufgearbeitet worden, die sich spannend wie Kriminalromane lesen, aber dennoch einen seriös recherchierten Eindruck machen (Baumann/Rutsch 2008, Zaki 2008, Hässig 2009, Parma/Vontobel 2009). Kritisches kann man heute auch in den Medien lesen, zum Beispiel die Kolumnen von Binswanger, de Weck, Strahm und Schöchlin, natürlich in der WoZ oder bei kontrapunkt (Rat für Wirtschafts- und Sozialpolitik). Auch unter Volks- und Betriebswirten melden sich scharfe Kritiker der Finanzwirtschaft zu Wort, so etwa neuerdings selbst Wittmann 2009; einige haben die Krise vorausgeahnt (Bernet 2005) oder schon seit langem vor ihr gewarnt (vgl. Malik 2008).
Die Sicht der wichtigsten Akteure vermitteln die Websites SwissBanking der SBVg (Schweizerischen Bankiervereinigung), der Finanzmarktaufsicht FINMA (bis 2008 Eidg. Bankenkommission EBK), des Eidg. Finanzdepartements EFD respektive der Eidg. Finanzverwaltung EFV. Hilfreich ist die Schweizerische Nationalbank, namentlich mit ihren Jahresund Stabilitätsberichten; ihre grosse Festschrift «Die Schweizerische Nationalbank 1907–2007» (SNB 2007) ist ein Meisterwerk und eine wahre Fundgrube für den Wirtschaftshistoriker. Hier zeigen sich Ansätze einer selbstreflexiven und systemischen Sichtweise, die man auch allen andern Akteuren gerne wünschen würde.
Sehr verpflichtet fühle ich mich dem analytischen Zugriff von Paul Krugman; des Nobelpreisträgers (von 2008) souveräne Darstellung von Finanzindustrie und Weltwirtschaftsentwicklung der letzten 20 Jahre trägt viel zu einem historischen Verständnis der Finanzmarktkrise bei (Krugman 2009). Ebenso erhellend war für mich die kritische Analyse «Kasino-Kapitalismus» aus der Feder des Präsidenten, Hans-Werner Sinn, des Weltverbands der Finanzwissenschaftler (Sinn 2009). Krugman und Sinn weichen nicht grundsätzlich von den Erkenntnissen internationaler Organisationen ab, die das Geschehen auf den Finanzmärkten professionell beobachten (z. B. International Monetary Fund IMF, Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung OECD, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich BIZ), aber sie schürfen mit ihren Analysen tiefer und kommen deshalb für die künftige Finanzmarktpolitik auch zu radikaleren Forderungen. Die Wirtschaftssoziologie bringt die Finanzmarktkrise in Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Entwicklung; ihr Modell des «Finanzmarkt-Kapitalismus» (Windolf 2005, Deutschmann 2008) basiert auf den Erkenntnissen der Politischen Ökonomie (Huffschmid 2002) und kann aus meiner Sicht die schwierigen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte besonders gut erklären.
Was unsere jüngere Zeitgeschichte betrifft, so gibt es zwar eine Menge schöner Monografien, vor allem auch zur Aufarbeitung der Schweizer Geschichte im Zweiten Weltkrieg wie etwa den bekannten Bergier-Bericht (UEK 2002) oder den spannenden Sammelband «Gedächtnis, Geld und Gesetz» (Tanner/Weigel 2002), aber auch die brillante Studie «Verweigerte Erinnerung», die unter anderem die Debatte seit den 1990er Jahren über die anonymen Bankkonten in der Schweiz im Detail schildert (Maissen 2005). Doch an eine integrierte Darstellung der Schweizer Zeitgeschichte seit 1945 hat sich – mit Ausnahme vielleicht von Dejung (2008) – seit unserer 2. Auflage (Gilg/Hablützel 1986), also seit nunmehr 23 Jahren (!), meines Wissens niemand mehr gewagt. Auch aus heutiger Perspektive halte ich unsere damalige Interpretation der Nachkriegsjahrzehnte noch immer für vertretbar, bin aber selber sehr erstaunt, wie stark sich Probleme, Lebensgefühl und Sichtweisen seit Mitte der 80er Jahre verändert haben. Wer sich über neuere Interpretationsansätze zur gesellschaftlichen Entwicklung der Schweiz in den letzten zwei Jahrzehnten schlau machen will, muss zu den Soziologen, Politologen und Ökonomen hinüberschielen, soweit sich diese trotz akademischer Spezialisierungs- und Quantifizierungszwänge überhaupt noch zu qualitativen oder gar historischen Aussagen von Belang verleiten lassen (etwa Eberle/Imhof 2000 oder Imhof/Eberle 2005 und Scholtz/Nollert 2007).
Um im Meer von Fakten und Meinungen nicht zu ertrinken und den Überblick über das Geschehen einigermassen zu wahren, hilft die «Année politique suisse / Schweizerische Politik im Jahre …», eine professionell gemachte Chronik des öffentlichen Lebens, die vom Institut für Politikwissenschaft der Universität Bern herausgegeben wird. An diesem seit 1966 erscheinenden Jahrbuch habe ich in jungen Jahren selbst mitgewirkt. Für das Jahr 1977 verfasste ich damals das Kapitel «Geld, Währung und Kredit»; gegen meine Darstellung der Chiasso-Affäre drohte die Schweizerische Kreditanstalt mit einer Klage, musste dieses Vorhaben aber bald wieder fallen lassen, da weitere Fakten ans Tageslicht kamen, die meine kritische Interpretation bestätigten.
Inhalt, Aufbau und Absicht
Wie ist diese Studie gegliedert? Wie gehe ich vor? Was ist das Erkenntnisinteresse und welche forschungsstrategischen und politischen Absichten verfolge ich?
Wir gehen von der Frage aus, welche Bedeutung der Finanzmarktkrise zukommt und ob die Krise einen Wendepunkt in der historischen Entwicklung darstellt (Kapitel 1). Die Überlegungen dazu dienen gleichzeitig auch als Einführung in Theorie und Methodik der Zeitgeschichte und zur Darstellung des Finanzmarkt-Kapitalismus als eines idealtypischen Erklärungsmodells für die gesellschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte.
Auf dieser Grundlage sollen dann der steile Aufstieg des Finanzplatzes Schweiz zu nationaler Dominanz (Kapitel 2) und seine seit Mitte der 1990er Jahre zunehmend problematische Transformation im Zeichen der Globalisierung (Kapitel 3) geschildert werden, denn die gegenwärtige Krisensituation ist ohne ihre Entstehungsgeschichte kaum verständlich.
Die Analyse der Finanzmarktkrise (Kapitel 4) setzt bei der Frage an, wie sich aus Spekulationsblasen schliesslich eine weltweite Systemkrise entwickeln konnte. Aufgrund von Bedeutung, Konzentration und Auslandverflechtung ihres Finanzplatzes ist die Schweiz von dieser Krise besonders betroffen. Weil die Behörden das nicht offen zugeben wollen, greift ihre Krisenpolitik zu kurz. Auch die Hoffnung, angesichts einer veränderten internationalen Konstellation die überkommenen Standortvorteile im nationalen Alleingang ans Trockene zu bringen, erweist sich Schritt für Schritt als Illusion. Die Schweiz ist mit ihren früher erfolgreichen Denk- und Verhaltensmustern an wirtschaftliche und politische Grenzen gestossen. An der Aussenfront, vor allem bei der sturen Verteidigung von Bankgeheimnis und Steuerhinterziehung, erlebt die Finanzmarktpolitik der Schweiz ihr «Beresina».
Weil die Finanzmarktkrise einen zentralen Leitsektor der westlichen Gesellschaft betrifft, muss die Analyse thematisch noch etwas breiter und tiefer ausgreifen. Ich werde versuchen, die geschilderte Entwicklung der Finanzwirtschaft im Kontext ausgewählter gesellschaftspolitischer und sozialwissenschaftlicher Diskurse der letzten Jahrzehnte zu interpretieren (Kapitel 5). Das kann natürlich nur mit einer engen Auswahl von möglichen Perspektiven geschehen; Fragen zur Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums, zum Verhältnis von Markt und Staat sowie zur kulturellen Einbindung des Einzelnen in die Gesellschaft stehen dabei im Fokus des Interesses.
Gerade in der Finanzmarktkrise zeigen sich Besonderheiten unseres Landes, und es stellt sich die Frage, ob die Schweiz den Sonderfall ihrer historischen Entwicklung auch in Zukunft pflegen und so endgültig zum politischen Sonderling mutieren will (Kapitel 6). Bei solchen Fragen geht es immer auch um das Problem der Kontingenz, also um Veränderbarkeit und Freiheit respektive um Pfadabhängigkeit und Schicksal der historischen Entwicklung. Erst im Zusammenhang dieser Überlegungen wird eine historische Ortsbestimmung der Gegenwart möglich, die sinnvolles und selbstverantwortliches, auf Zukunftsfähigkeit gerichtetes politisches Handeln erlaubt. In sieben Thesen fasse ich zusammen, was sich nach meiner Einschätzung aus der Finanzmarktkrise für die Schweiz als politisches Fazit ergibt (Kapitel 7).
Ich will nicht verhehlen, dass diese Studie aus einer tiefen Sorge um die Zukunft der Schweiz geschrieben worden ist. Unsere Zukunftsfähigkeit hängt davon ab, welche Schlüsse wir aus bisherigen Entwicklungen und Erfahrungen für unser künftiges Verhalten ziehen – vor allem auch davon, ob es uns gelingen wird, aus der selbst konstruierten Falle des Sonderfalldenkens auszubrechen. Die Schweiz kann allein nicht prosperieren; sie ist wirtschaftlich und politisch auf internationale Kooperation angewiesen. Erst die Einsicht in diese Notwendigkeit lässt uns die Freiheit politischer Gestaltung richtig nutzen. Die Finanzmarktkrise holt uns auf den Boden der Realität zurück. Sie bietet einmalige Chancen für eine politische Neuorientierung. Wir sollten sie deshalb zum Anlass nehmen, um unser Bild der Schweiz ernsthaft zu überprüfen.
Was mich beim Niederschreiben der Gedanken zunehmend ärgert und erschreckt, sind Indizien, dass manche Meinungsmacher und Entscheidungsträger diese Krise kleinreden und verdrängen, um nicht daraus lernen zu müssen. Man kriegt immer öfter den Eindruck, die konjunkturellen Aufhellungen der zweiten Hälfte des Jahres 2009, die wir den massiven Interventionen von Regierungen und Zentralbanken, also öffentlichen Geldern, zu verdanken haben, würden nun zum Anlass genommen, die postmoderne Party der privaten Bereicherung und des «anything goes» einfach so weiterzufeiern. Um Verantwortung abzuschieben, wird teilweise gar als völlig normal erklärt, was uns noch vor wenigen Monaten bis an den Rand des ökonomischen und politischen Abgrunds geführt hat. Doch wie will man die Fehler korrigieren, ohne sie einzugestehen? Wenn wir so weiterfahren wie vor dem Einbruch, kommt die nächste Krise so sicher wie das Amen in der Kirche, aber sie wird vermutlich viel schwieriger zu bewältigen sein.
Diese Studie will zeigen, dass es verantwortungslos wäre, die Spielregeln nicht zu ändern. Sie fordert intellektuelle Redlichkeit bei der Aufarbeitung der Krise. Und sie setzt auf eine systemische Ordnungspolitik, die unser nationales und internationales Zusammenleben nachhaltiger gestalten kann. Ich hoffe, meine Überlegungen können zur Klärung beitragen, in welche Richtung wir gehen und welche Veränderungen wir vorantreiben sollten.
1. Finanzmarktkrise, Sonderfall Schweiz und Zeitgeschichte
Die jüngste Finanzmarktkrise hat uns unsanft aufgeschreckt. Ein zyklisches Auf und Ab mit Bildung finanzieller Blasen, die plötzlich platzen, ist zwar längst nichts Neues mehr. Wer die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre nur einigermassen aufmerksam verfolgt hat, wird bei den Turbulenzen 2007 bis 2009 kaum von einem «Schwarzen Schwan» sprechen wollen, der völlig unerwartet aufgetaucht sei (Taleb 2008). Dass der Boom auf dem amerikanischen Liegenschaftsmarkt irgendwann ein Ende haben würde, war für die meisten Beobachter klar. Dass das Platzen der Immobilienblase in den USA die Finanzmärkte global erschüttern und an den Rand des Abgrunds führen würde, war das Überraschende. Eine weltweite Systemkrise von solcher Vehemenz und mit dermassen verheerender Wirkung auf die Realwirtschaft hätte wohl kaum jemand erwartet.
Krise und Krisenwahrnehmung in der Schweiz
Die Schweiz ist von der Finanzmarktkrise besonders hart getroffen worden. Seit Ausbruch der Krise im Sommer 2007 bis Februar 2009 hat der Finanzplatz Schweiz Abschreibungsverluste von 75 Mrd. USD hinnehmen müssen. In Relation zum Bruttoinlandprodukt von 2007 sind das 17,9 Prozent, verglichen mit 5,4 Prozent für die USA oder nur 2,3 Prozent für die Bundesrepublik Deutschland. Sind wir uns dessen voll bewusst, dass die schweizerische Volkswirtschaft also gut dreimal mehr einbüsste als diejenige der USA und fast achtmal mehr als jene Deutschlands? Die Schweizer Banken haben in derselben Zeit 53,8 Prozent ihres Eigenkapitals von 2007 verloren und stehen mit dieser verheerenden Einbusse an der Spitze aller Länder (vgl. Sinn 2009, 190 und 216).
Dabei sind wir noch nicht am Ende des gefährlichen Tunnels angelangt. Im April 2009 rechnete der Internationale Währungsfonds (IWF) mit einem zusätzlichen Abschreibungsbedarf im Bankensystem von weltweit 1000 Mrd. USD; inzwischen hat der IWF seine Warnung zwar etwas abgeschwächt, aber er hat noch keineswegs Entwarnung gegeben (IMF 2009). Im Sommer 2009 schätzte auch die Schweizerische Nationalbank die Möglichkeit von künftigen Bankverlusten als sehr hoch ein. Im Dezember 2009 stellt sie einen fragilen Aufschwung fest, sieht aber immer noch ein Deflationsrisiko und will eine erneute Verschlechterung der Lage nicht ausschliessen (SNB 2009). Die Situation hat sich in der zweiten Jahreshälfte 2009 zwar etwas aufgehellt. Aber ob das Licht, das wir zu erkennen glauben, vom Tunnelausgang oder von einem entgegenkommenden Zug stammt, liess sich auch im Herbst 2009 noch nicht mit Sicherheit bestimmen (Weder di Mauro, in Avenir Suisse 2009). Und fast alle Ökonomen sind sich einig, dass wir gegenwärtig die schwerste Wirtschaftskrise seit den 1930er Jahren durchleben, deren äusserst problematische Auswirkungen auf Beschäftigung und Staatsfinanzen erst noch bevorstehen.
Die Schweiz als kleines Land gehört zu den grössten Finanzzentren der Welt. Sie ist mit sieben Billionen Franken der drittstärkste Vermögensverwalter und in Bezug auf die Verwaltung ausländischer Gelder (Offshore Banking) der weltweit wichtigste Tresor. Die Bedeutung des Bankenplatzes für die Volkswirtschaft ist in der Schweiz wesentlich höher als beispielsweise in den USA oder Grossbritannien; der ganze Finanzsektor (inkl. Versicherungen) generiert hierzulande nach den Berechnungen des Eidg. Finanzdepartements (EFD Kennzahlen 2008, 2009) einen ausnehmend grossen Anteil am Bruttoinlandprodukt (12 %), an der Beschäftigung (6 %) und am Steueraufkommen aller Staatsebenen (13 %).
Noch eine andere Eigenheit des Finanzplatzes Schweiz hat grosse wirtschaftliche und politische Bedeutung: Die Finanzindustrie ist so hoch konzentriert wie nirgendwo sonst. Die beiden Grossbanken hielten 2005 90 % der Bilanzsumme aller hiesigen Banken, was mehr als dem achtfachen Betrag der gesamten Jahreswertschöpfung der schweizerischen Volkswirtschaft entsprach (SNB 2007 429f.). Im Vergleich dazu entspricht die Bilanzsumme aller amerikanischen Banken zusammen nur gerade einem Jahres-BIP (Bruttoinlandsprodukt) der USA. Die Schweiz hat mit den zwei Grossbanken also ein gefährliches Klumpenrisiko am Hals, das sie im Falle eines GAU wohl kaum zu stemmen vermöchte. Aber die beiden sind so gross geworden, dass man sie in einer Krise auch nicht fallen lassen kann; ihre Insolvenz würde den Zahlungsverkehr lahmlegen und die ganze Volkswirtschaft erschüttern. Die UBS allein führt gut 70 000 Kontokorrentkonti von KMUs; wer möchte schon verantworten, dass sie alle die Löhne nicht mehr auszahlen könnten?
Das grosse Gewicht, der hohe Konzentrationsgrad und die Auslandverflechtung unseres Bankensystems erklären zum Teil, weshalb uns die Finanzmarktkrise besonders hart getroffen hat. Doch was ist der Grund, dass wir das Ausmass und die Bedeutung der Krise kaum zur Kenntnis nehmen wollen?
Manche Experten und die meisten Politiker schrecken davor zurück, die spezifischen Probleme unseres Finanzplatzes zu benennen. Viele zeigen erhebliche Mühe, den Stellenwert von Turbulenzen auf dem Finanzmarkt realistisch einzuschätzen. Selbst die Exekutive hat lange nicht wahrhaben wollen, in welch tiefe Krise unser Land geraten ist. Obwohl die Schweizerische Nationalbank die Lage schon 2007 als «sehr ernst» einschätzte, versuchte der Bundesrat noch am 7. März 2008 das Parlament zu beruhigen: «Der Bankensektor ist nicht gefährdet. Die weltweit tätigen Grossbanken (…) können auch schmerzhafte Verluste verkraften (…) Massnahmen zum Schutz der Schweizer Volkswirtschaft sind nicht erforderlich» (Antwort auf eine Interpellation der SP-Fraktion im Nationalrat vom 5. 12. 07). Noch im Sommer 2008 konnten das Staatssekretariat für Wirtschaft (seco) und das Volkswirtschaftsdepartement (EVD) in den Finanzmarktturbulenzen keine Bedrohung für die schweizerische Volkswirtschaft erkennen. Dabei hätte man die speziell hohe Anfälligkeit unseres kleinen Landes auf Krisen im globalisierten Finanzsektor längst thematisieren müssen. Selbst der Wachstumsbericht von 2008 lässt sich durch die Blasen und die scheinbar hohe «Produktivität» der Finanzwirtschaft blenden. Er ortet – gleich wie seine Vorgänger – die zentrale politische Herausforderung für die Schweiz nicht in ihrer Abhängigkeit von internationalen Märkten, sondern darin, den angeblich überbordenden Staat in die Schranken zu weisen. Durch die neoliberale Brille erscheint die Welt manchmal doch in eigenartiger Verzerrung.
Unmittelbar vor Bekanntwerden der massiven Eingriffe seitens der Behörden haben bedeutende Exponenten einflussreicher Wirtschaftsverbände die Schweiz noch als glücklichen Sonderfall gepriesen, der Staatsinterventionen im Finanzbereich nicht nötig habe. «La crise n’existe pas!», titelte die Weltwoche am 16. Oktober 2008. War das schlichte Ignoranz oder eine schlechte PR-Übung für überholte ideologische Positionen? Immerhin, die Öffentlichkeit war durch die Medien über die gefährliche Situation der Grossbanken so weit informiert, dass der Paukenschlag des staatlichen Eingriffs zwar mit einer gewissen Konsternation des Publikums, aber doch eher mit Erleichterung als mit grundsätzlicher Ablehnung aufgenommen wurde.
Mit den Beschlüssen vom 15. Oktober 2008 haben Bundesrat, Eidgenössische Bankenkommission und Schweizerische Nationalbank SNB dann doch erkennen lassen, dass sie die Probleme auf dem Finanzmarkt für gravierend und volkswirtschaftlich gefährlich halten. Dass sie deshalb ausserordentliche Massnahmen ergriffen und Notrecht in Anspruch genommen haben, will ich überhaupt nicht kritisieren. Diese Überraschungsaktion zeugt immerhin von Professionalität und einem politischen Mut, den man den Behörden nicht immer zutraut. Aber ich vermisse eine (selbst-)kritische Analyse, weshalb es zu einer solch «schweren Störung der Sicherheit» nach Art. 185 Abs. 3 der Bundesverfassung gekommen ist. Auch die gesetzliche Grundlage für das elegante Handeln der Notenbank scheint mir etwas schmalbrüstig zu sein. Nach Nationalbankgesetz Art. 5 soll die SNB zwar zur Systemstabilisierung beitragen; erlaubt sind ihr aber nur abgesicherte Hilfen bei Liquiditätsproblemen, nicht Ein griffe bei Insolvenzproblemen einer einzelnen Bank. Worum es sich im Herbst 2008 beim Fall der UBS konkret gehandelt hat, scheint zumindest fraglich.
In seiner Botschaft vom 5. November 2008 zeigt der Bundesrat wenig Bereitschaft, die tieferen Ursachen der Bankenkrise und ihre für die Schweiz ganz besonders gefährlichen Auswirkungen auszuleuchten. Noch viel weniger ist er geneigt, das Versagen der staatlichen Aufsicht offen zu diskutieren und Vorkehren in Aussicht zu stellen, die derart gravierende Fehleinschätzungen in Zukunft verhindern. Er begnügt sich mit der Absicht, das Vertrauen in das heutige Finanzsystem möglichst rasch wiederherzustellen. Verzichtet er deshalb auf die Behandlung von tiefer greifenden Fragen, die das Publikum eventuell verunsichern könnten? Oder will er nur davon ablenken, wie tief die Behörden in die Finanzmarktkrise verstrickt sind? Die Botschaft soll die Öffentlichkeit beruhigen, gut. Aber wenn man verlorenes Vertrauen wieder aufbauen will, darf man dem Publikum nicht Sand in die Augen streuen. Zwischen den Zeilen lesen wir, dass bei einer für die Zukunft gar nicht auszuschliessenden erneuten Krise eines der beiden Bankgiganten wohl wiederum Vater Staat in die Bresche springen müsste. Nicht einmal der etwas verbesserte Einlegerschutz ist so ausgelegt, dass er das Insolvenzrisiko einer Grossbank abdecken könnte.
Auch ein Jahr später zeigt man sich von Seiten der Behörden immer noch resistent gegenüber jeder Krisenperzeption, die eigene Fehler aufdecken könnte. Die FINMA, Nachfolgerin der Eidg. Bankenkommission, geht mit ihrem ausführlichen Bericht vom 14. September 2009 zu «Finanzmarktkrise und Finanzmarktaufsicht» stracks in die Vorwärtsverteidigung: Es könne «kein spezifisches Fehlverhalten schweizerischer Aufsichtsbehörden» festgestellt werden, schreibt sie (S. 14), obwohl doch gerade die Absegnung aggressiven Risikoverhaltens von überdimensionierten Grossbanken ein kleines Land wie die Schweiz in eine besonders heikle Situation bringen musste; die Eidgenössische Bankenkommission habe im Juli 2004 bloss eine risikoadäquatere Modellierung des Value at Risk, eine verbesserte Risikomessung und damit ein besseres Risikomanagement für die UBS erzielen wollen. «Diese Bewilligung ist auch rückblickend vertretbar», behauptet die FINMA unverfroren (S. 31). Aber genau diese Bewilligung hat dazu geführt, dass die UBS ihre Schulden massiv erhöhen durfte und trotz Warnungen der Nationalbank mit der weltweit tiefsten Eigenkapitalquote von 1,8% in die Finanzmarktkrise rasselte. Den Absturz hat die UBS deshalb nicht mehr aus eigener Kraft überstehen können, was sicher nicht die Absicht, aber doch eine Folge problematischer Entscheidungen auch der EBK war. Den Gipfel der Verharmlosung erklimmt das Eidgenössische Finanzdepartement mit dem Bericht vom 11. September 2009 an die WAK (Wirtschafts- und Abgaben-Kommission) des Nationalrats zu «Situation und Perspektiven des Finanzplatzes Schweiz»; es schwafelt sogar von einer «guten Kapitalisierung [der UBS] zu Beginn der Krise» (S. 22), ohne sich aber um eine einleuchtende Erklärung zu bemühen, warum die UBS von der Krise doch dermassen stark betroffen wurde. Eine ausreichend kapitalisierte Bank hätte wohl keine Staatshilfe beanspruchen müssen. Hier wird eindeutig Mitverantwortung von der Bankenaufsicht abgeschoben. Dürfen wir Steuerzahlerinnen und Steuerzahler Behörden vertrauen, die eine Beschönigung offensichtlicher Fehlurteile für nötig halten?
Ausmass, Bedeutung und Gefahren der Finanzmarktkrise werden hierzulande nicht wirklich zur Kenntnis genommen. Man versucht hauptsächlich, die systemischen Aspekte und Zusammenhänge herunterzuspielen, und blendet die Tatsache aus, dass sich die Schweizer (Gross-)Banken mit ihren globalen Finanzgeschäften in einem ganz besonderen Masse übernommen haben. Sie sind – im Wissen und mit dem Segen der Aufsichtsbehörde – mit extrem wenig Eigenkapital versehen in die Finanzmarktkrise geschlittert und stellen damit ein Paradebeispiel für den «Casino-Kapitalismus» dar, der dank hoher Fremdfinanzierung mit riskanten, spekulativen Geschäften höchste Gewinne erzielt, massive Verluste aber weitgehend sozialisiert respektive verstaatlicht (Sinn 2009).
Das will nicht heissen, die Schweizer Behörden hätten die UBS im Herbst 2008 in den Konkurs schicken sollen. Grösse und besondere Struktur des Finanzplatzes, seine volkswirtschaftliche Funktion, aber auch seine ökonomische, juristische und politische Einbindung in globale Zusammenhänge machten eine Rettung der UBS durch den Staat wohl unausweichlich. Damit ist aber das systemische Problem noch lange nicht gelöst. Es hat sich eher noch verschärft, weil nun alle wissen, dass der Staat systemrelevante Banken nicht fallen lassen kann. Daraus resultiert nicht nur ein wettbewerbsverzerrender Konkurrenzvorteil für die Grossbanken, sondern ein geradezu perverser Anreiz, die Hochrisikospiele wieder aufzunehmen, sobald die Krise überwunden scheint. Noch wissen wir nicht, wer aus der Krise was gelernt hat. Ohne Änderungen des Finanzsystems könnten wir deshalb schon bald wieder vor derselben Problematik stehen wie im Oktober 2008.
Aber wer die Systemkrise nicht wahrhaben will, ist zu Systemänderungen kaum bereit. Oder umgekehrt: Wer das System nicht ändern möchte, muss versuchen, die systemischen Probleme möglichst auszublenden. Und genau das erleben wir heute in der politischen Debatte unseres Landes. Gegen Vorschläge, durch markante, für die Grossbanken spürbare Erhöhungen des Eigenkapitals oder durch Deckelung von Löhnen und Boni genau jene Anreize etwas abzubauen, die zum verheerenden Casino-Kapitalismus führten, tritt sofort der Finanzminister auf den Plan. Und stellt die Nationalbank für unsere Geldinstitute eine Grössenbeschränkung zur Diskussion, wehrt sich gegen derlei Ansinnen umgehend die Volkswirtschaftsministerin. Und alle Forderungen, mit einer Banklizenz für die Postfinance tragfähige Parallelstrukturen im schweizerischen Finanzierungsund Zahlungssystem aufzubauen, werden schon im Parlament beerdigt. Das schwächt den Wettbewerb und die Krisenresilienz in unserem Finanzsystem und zwingt die Post, das viele Geld der kleinen Kunden, das ihr gerade auch in kritischen Zeiten zufliesst, teilweise im Ausland anzulegen.
Sonderfall, nationale Identität und Mythenbildung
Wie kann man erklären, dass die offizielle Schweiz die tiefe Krise gar nicht richtig wahrhaben will? Warum werden die Grossbanken so geschont und gehätschelt? Lassen sich die Schweizer Behörden korrumpieren oder steht der Bankenplatz als nationales Kulturgut unter Denkmal- und Heimatschutz? Labt sich die kleine Schweiz an der schieren Grösse und an der Macht ihrer Bankgiganten? Möchten die Eliten ihr «Unbehagen im Kleinstaat» (Karl Schmid, 1963) mit weltweit geachteter (oder besser: gefürchteter) Bankenmacht kompensieren? Neben rein wirtschaftlichen Interessen scheinen jedenfalls auch psychologisch und kulturell interessante Elemente mit im Spiel zu sein. Vielleicht handelt es sich beim Finanzplatz um eine ähnlich tabuisierte Geschichte wie bei der überdimensionierten Schweizer Armee. Beide, Finanzplatz und Armee, haben eine Grössenordnung und eine Bedeutung erreicht, die sich rein aus ihrer wirtschaftspolitischen respektive sicherheitspolitischen Funktion kaum mehr rechtfertigen lassen. Beide sind zu einem nationalen Mythos verklärt worden und prägen unser Bild von der Schweiz als einem Sonderfall.
Welchen Stellenwert hat der Finanzplatz für unsere nationale Identität? Wie wichtig ist uns ein rigoroses, auch die Steuerhinterziehung begünstigendes Bankgeheimnis? Selbst wenn es die Schweiz auf dem internationalen Parkett zu einer «Hehlernation» stempelt und sie in immer grössere Schwierigkeiten bringt? Oder ist es gerade die Kritik aus dem Ausland, die uns als Nation zusammenschweisst? Was verbindet Genf und Lugano mit Zürich, Basel und St. Gallen, zum Teil sogar über Partei- und Sprachgrenzen hinweg? Was wollen der Finanzminister mit verbalen Drohgebärden und die Aussenministerin mit ihrem theatralischen Einsatz für ein wohl eher überholtes Geschäftsmodell im Schweizer Banking demonstrieren? Das Bankgeheimnis hat auf symbolischer und politischer Ebene zuweilen fast noch grössere Bedeutung erlangt, als ihm im wirtschaftlichen Kalkül der Finanzindustrie zukommt. Zwar gehört das Bankgeheimnis seit jeher zum Geschäftsmodell der Privatbanken, dem sich nun auch die Grossbanken wieder stärker anzunähern scheinen, seit ihnen das Private Banking die grössten Gewinne verspricht. Noch in den 1990er Jahren, als das lukrative Geschäft mit den institutionellen Anlegern im Vordergrund stand, konnte man den Eindruck gewinnen, dass das Bankgeheimnis für die Grossbanken nicht mehr ganz so wichtig sei.
Doch das Bankgeheimnis ist für die Schweiz längst zu einem nationalen Mythos geworden. An ihm soll nicht nur unser Land (finanziell) genesen; manche möchten damit auch das Ausland neoliberale Mores lehren, wie der Staat seine Steuerzahler zu behandeln habe. Gewisse Kreise verlangen gar, das Bankgeheimnis als Symbol der schweizerischen Unabhängigkeit auf Verfassungsstufe zu verankern. Für sie ist dieses historische Relikt aus den Dreissigerjahren zum Inbegriff für die «Swissness» geworden. Aber man kriegt den Eindruck, dieses Ansinnen sei selbst den Banken etwas peinlich. Zumal den beiden Grossbanken, die mit Patriotismus nicht mehr viel am Hut haben, seit sie sich von nationalen Institutionen zu globalisierten Finanzkonzernen gewandelt haben. Doch der nationale Mythos Bankgeheimnis hat sich auf der symbolischen Ebene gleichsam verselbständigt und erweist sich oft als stärker als nüchterne Interessenabwägung. Mythen erzeugen, wenn sie erfolgreich sind, ihre eigene Wirklichkeit.
Etwas fällt auf: Je mehr sich unsere Finanzindustrie von den Bedürfnissen der Realwirtschaft ablöst und die Schweiz in ihre riskanten Spiele auf globalisierten Märkten verwickelt, desto dreister wird die Abhängigkeit unseres Landes vom Ausland geleugnet, ja, gewissermassen politisch tabuisiert. Je mehr uns Wirtschaft, Konsumverhalten und Wissen mit Europa und der übrigen Welt eng verbinden, umso penetranter wird nicht unser Finanzplatz, sondern die Schweiz als ein «Sonderfall» zelebriert, der nur im Unterschied und als Gegensatz zum politischen und kulturellen Mainstream Europas zu verstehen sei. Damit lassen sich die Besonderheiten des schweizerischen Bankensystems, die auch aus volkswirtschaftlicher Sicht als fragwürdig erscheinen, gegen jede Kritik immunisieren. Wer unsere (Gross-)Banken in Frage stellt, stellt unser Land, stellt uns in Frage.
Spannend ist, aus welchem Geschichtsbild unsere nationalen Mythen aufzusteigen scheinen. Es ist die Abwehr gegen äussere Feinde, gegen die Arglist der Zeit, die uns zusammenschweisst. Die Schweiz ist keine Nation. Sie ist ein Konglomerat aus verschiedenen Kulturen und kleinräumigen Entitäten. Ihre Widersprüche kann sie dann am besten überwinden und zu einer Einheit wachsen, wenn sie sich von aussen bedroht fühlt. Deshalb spielt der Zweite Weltkrieg in unserem historischen und politischen Bewusstsein eine besonders grosse Rolle. Denn es gab weder vorher noch nachher eine Phase der Schweizer Geschichte, in der die Gegensätze und Konflikte zwischen deutsch und welsch, katholisch und protestantisch, ländlich und städtisch, arm und reich, oben und unten, links und rechts so gut überbrückt (und unterdrückt) werden konnten wie in dieser Bedrohungslage. Es war die grosse, die hehre Zeit für die Schweiz mit einem gemeinsamen existenziellen Ziel und mit einem Militär- und Arbeitsdienst, der sinnstiftend und identitätsbildend wirkte. Eine Zeit, in der man schon fast von einer Nation hätte sprechen können. In der Abwehr gegen das Böse und Fremde empfand man sich jedenfalls als eine Schicksalsgemeinschaft und echte «Willensnation» (vgl. Villiger 2009). Deshalb ist hierzulande noch 1989 der Beginn des Aktivdienstes 50 Jahre zuvor weit stärker gefeiert worden als 1995 das Kriegsende. Und deshalb muss auch heute noch damit rechnen, des Verrats an der Schweiz bezichtigt zu werden, wer aufzeigt, dass die Abwehr des Bösen immer auch mit Elementen der Kollaboration durchsetzt war.
Hinter dieser verklärenden Sicht der Schweiz im Zweiten Weltkrieg tauchen Bilder auf, die schon in den Dreissigerund Vierzigerjahren den Widerstandswillen festigen sollten: die Gründungssaga der Eidgenossenschaft. Es ist geradezu unheimlich, wie reflexartig im Streit um das Bankgeheimnis das Bild der fremden Vögte aufscheint. Hitler – Moskau –
Brüssel symbolisieren eine Kontinuität der Bedrohungslage. Aber dahinter stehen immer gleich 1291 und die Schlachten von Morgarten bis Sempach: Schon damals haben wir uns erfolgreich gegen fremde Ritter und Richter gewehrt, und wir werden uns auch gegen EU, G 8 und G 20 behaupten. Was uns bei diesem Gebrauch von Geschichte vielleicht doch zu denken geben sollte: In Europa benutzt neben der Schweiz einzig noch Serbien mythisch verklärte Bilder aus dem Mittelalter, um die nationale Identität zu beschwören (vgl. Marchal 2009).
Geschichte als Konstruktion der Wirklichkeit
Dieser sonderbare Regress auf Geschichten über das Mittelalter und den Zweiten Weltkrieg blendet vieles aus, was für das Verständnis und die Interpretation unserer gegenwärtigen Probleme weit wichtiger wäre. Namentlich die Entwicklungen der letzten Jahre und Jahrzehnte nehmen wir kaum differenziert zur Kenntnis, wenn wir die historische Dimension unserer politischen Identität ausloten. Was hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg, seit den 1970er, den 1990er Jahren wesentlich verändert? Welche Kontinuitäten und welche Brüche beeinflussen unser Denken und Handeln? Wie hat sich die Schweiz gewandelt und wohin steuert sie heute in einem rasch sich ändernden Kontext, der die globale Interdependenz zur zentralen Herausforderung werden lässt? Da stehen doch bedeutend relevantere Fragen an als Mutmassungen darüber, ob wohl die Kriegsgurgeln der Innerschweiz vor 700 Jahren in nur scheinbar ähnlichen Situationen zur Hellebarde gegriffen hätten.
Zur Begründung des Sonderfalls Schweiz wird meist die Geschichte unseres Landes als Argument ins Feld geführt. Aber man vergisst dabei gerne, dass Geschichtsbilder die Ergebnisse von Interpretationen und damit unsere Konstruktionen sind. Wohl das gescheiteste Buch, das ich während meines Studiums in den späteren 60er Jahren gelesen habe, hiess «Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen»; der Philosoph Theodor Lessing hatte es schon 1919 publiziert. Seine Thesen nahmen Erkenntnisse des modernen Konstruktivismus vorweg und schienen mir damals revolutionär: Die Geschichte als solche hat keinen Sinn, sagt Lessing; wir müssen den Sinn in die Geschichte hinein interpretieren. Oder besser: Erst unser Denken und Handeln verleihen der Geschichte Sinn. Und: Die Vergangenheit beeinflusst zwar unsere Perzeption der Wirklichkeit und damit unser Entscheidungshandeln; das tut sie aber weit weniger durch objektive «Fakten» als vielmehr mit den subjektiven Vorstellungen und Bildern, die wir uns davon machen. Die Geschichte wirkt also vor allem durch die Geschichten, die wir über sie erzählen.
Die historische Rekonstruktion (vergangener) sozialer Wirklichkeit ist ein zentraler Bestandteil der sozialen Konstruktion von (gegenwärtiger) Wirklichkeit. Unsere Sicht des «Seins» ist geprägt durch unser Bild des «Geworden-Seins». Deshalb tendieren historische Betrachtungen zur Legitimation des Gewordenen. Geschichten haben meist konservierenden Charakter. Indem sie nach möglichst stringenten Erklärungen dessen suchen, was sich real durchgesetzt hat, stellen sie Entscheidungen und Entwicklungen oft als alternativlos oder als Ergebnis menschlicher Planung, wenn nicht sogar göttlicher Vorsehung dar. Diese Art von «Grossen Erzählungen» oder «Meistererzählungen» eignet sich vorzüglich für Biografien mächtiger Männer, für Festschriften erfolgreicher Firmen und bis vor kurzem auch für nationalstaatliche Epen, die den Staatsbürgern politische Identität vermitteln wollen. Wirtschaftlicher und zivilisatorischer Fortschritt in nationalstaatlichem Rahmen – dieses erfolgreiche Narrativ der Moderne hat das Geschichtsbild im 19. und 20. Jahrhundert tief geprägt.
Aber gerade Erscheinungen wie die Finanzmarktkrise zeigen deutlich, dass es heute schwierig, ja, eigentlich unmöglich geworden ist, wichtige historische Entwicklungen wie etwa auch den Aufstieg der Schweiz zu einem Finanzplatz von internationaler Bedeutung im Modus nationalstaatlicher Erfolgsgeschichten zu beschreiben. Denn einerseits sprengen die globalen Entwicklungen und Vernetzungen den nationalen Rahmen für die Perzeption von Modernisierungsprozessen. Anderseits sehen wir heute auch die Widersprüche und Entwicklungsbrüche in solchen Prozessen wesentlich deutlicher. Die einstigen Erfolge und märchenhaften Gewinne unserer Grossbanken erscheinen uns nach deren dramatischem Fall in einem etwas fahleren Licht, und die klägliche Figur, die unsere Magistraten in der Verfolgung vermeintlich nationaler Interessen abgeben, lässt berechtigte Zweifel aufkommen, ob eine traditionelle Interpretation nationaler Souveränität immer noch zeitgemäss ist. Krisen machen uns hellhörig und kritischer; hoffentlich sogar auch selbstkritischer. Manchmal machen sie uns offener für mögliche Alternativen, die sich historisch bisher nicht haben durchsetzen können, aber immer noch als Potenziale im Schoss unserer Gegenwart schlummern. Nicht selten erkennt man neue Chancen für die Zukunft beim ernsthaften Versuch, die Vergangenheit in einem etwas anderen Lichte zu sehen. Dann kann plötzlich als sinnvoll, ja, als wünschbar erscheinen, was bisher als sinnlos galt und unbeachtet blieb oder gar als Unsinn vehement bekämpft wurde. Sinn ist die wichtigste Ressource mentaler Orientierung; er kommt in sozialen Prozessen überall dort zum Zug, wo die Sinne allein überfordert wären. Doch was macht Sinn und was bedeutet Sinn?
Die Begriffe sinnlos und Unsinn brauchen wir dann, wenn wir etwas nicht in einen vernünftigen Zusammenhang einfügen können. Sinn entsteht also aus Kontexten. Erst vor relevanten Hintergründen und aus der Deutung wichtiger Zusammenhänge kann man etwas als sinnvoll verstehen. Sinn hat eine narrative Struktur; er wird erzählend (re-)konstruiert und mit Hilfe von Geschichten transportiert. Und allen Geschichten vom Kindermärchen über Autobiografien bis hin zur Geschichte als Wissenschaft eignet eine zeitdifferente Betrachtungsweise: Sie beschreiben ihre Objekte, wie sie zeitgleich kaum hätten beobachtet werden können. Denn sie stellen die geschilderten Ereignisse und Vorgänge in Zusammenhänge, die man oft erst im Nachhinein erkennt (vgl. z. B. Rüsen 2001). So konnte etwa der «Grosse Krieg» 1914–1918 erst zum «Ersten Weltkrieg» werden, als sich ein zweiter daraus entwickelt hatte. Und erst nach einer unerwarteten Wende fällt einem manchmal auf, was man schon lange als Vorboten der Entwicklung hätte wahrnehmen können.
Geschichten dienen mit ihrer narrativen Struktur auch der Legitimation politischen Handelns, indem sie Entscheidungen und Entwicklungen im Lichte ihrer erwarteten, offensichtlichen oder doch vermeintlichen Folgen die einzig richtige, die «wahre» Bedeutung zu verleihen suchen. Im Prozess des Erzählens können Geschichten auch eine Art Eigenleben entwickeln. Denn die in Sprache geronnenen Erkenntnisse werden als sinnvolle Erzählungen gegen mögliche Einwände gleichsam immunisiert. Gedächtniskritik und moderne Hirnforschung kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Etwas zugespitzt: Wir sind unsere Erinnerung, aber wir erinnern uns weniger an das, was effektiv war, sondern vielmehr an den sinnvollen Reim, den wir uns über die Realität schon immer gemacht haben. Und ob die Erfahrung der Gegenwart, also was uns an Neuem widerfährt, uns auch wirklich zu ändern vermag, wird sich erst in der Zukunft weisen: nämlich darin, ob sich unsere Erinnerung geändert haben wird (vgl. Roth 2001 und Fried 2004).
Diese Erkenntnisse über die Funktion von Geschichte und Geschichten sind in den letzten Jahrzehnten durch Wissenschaft und Praxis ausgebaut und verfestigt worden. Aus den USA stammt beispielsweise ein Führungsverständnis, das voll auf das «Story Telling» setzt. Auch in Pädagogik und Identitätsarbeit hat man den hohen Stellenwert von Geschichten erkannt. Mit Geschichten vergewissern wir uns der eigenen Identität. Wenn Sie gefragt werden, wer Sie sind, beginnen Sie eine Geschichte zu erzählen. Und achten Sie mal darauf, welch grosse Bedeutung Geschichten am Arbeitsplatz, in der Familie, im Freundeskreis, in Ihrem täglichen Leben zukommt. Wie oft müssen wir unseren Kindern immer wieder die gleichen Geschichten erzählen? Geschichten sind Vehikel für die Sozialisation und Bausteine unserer Identität. Vor allem gemeinsam (immer wieder) erzählte oder besser noch: gemeinsam erlebte Geschichten bilden die Grundlage für erfolgreiches gemeinsames Handeln. Wenn etwa die Mitglieder eines Teams ihren Projektauftrag mit möglichst identischen Geschichten erzählen können, ist die Chance gross, dass ihr Vorhaben nicht an Kommunikationsproblemen scheitert (dabei ist interessant: nach glaubhaften Schätzungen sind bisher ca. 80 Prozent aller erfolglosen EDV-Projekte nicht etwa an technologischen, sondern an kommunikativen Problemen gescheitert).
Zeitgeschichte, Politik und historische Analyse
Was nun die Finanzmarktkrise betrifft, so sind ihre Ursachen noch wenig diskutiert und ihre Folgen heute nur schwer abschätzbar. Wir haben es mit Entwicklungen zu tun, die noch nicht abgeschlossen und selbst unter Spezialisten umstritten sind. Wir sind noch nicht sicher, welche Geschichten über die Gegenwart wir in Zukunft als relevant betrachten werden. Trotzdem möchten wir das Geschehen in Perspektive sehen und als eine Geschichte verstehen, ohne uns in Details zu verlieren. Vor allem möchten wir erkennen, wo wichtige Prozesse ihren Bifurkationspunkt erreicht haben, wo also eine Wende der Entwicklung wahrscheinlich oder möglich wird.
Wenn ich als Zeithistoriker die Finanzmarktkrise verständlich machen will, dann muss ich eine einleuchtende, eine sinnvolle Geschichte erzählen, die unsere heutigen Probleme als Folge früherer Entscheidungen und Prozesse begreifbar macht; eine Geschichte auch, die den chaotischen Strom der Ereignisse in eine strukturbildende Periodisierung bettet und die geschilderte Entwicklung zum besseren Verständnis in relevante Kontexte fügt. Ob es mir dabei gelingt, die wirklich wichtigen Ereignisse auszuwählen und den richtigen Zusammenhängen Bedeutung zu verleihen, wird erst die Zukunft weisen. Dort liegen nämlich die Referenzpunkte für eine zeitdifferente Betrachtung unserer Gegenwart. Erst in der Zukunft wird klarer erkennbar, ob wir heute die richtigen Entscheide fällen. Deshalb fliessen Erwartungen, Ängste und Hoffnungen in die Analyse mit ein und machen Zeitgeschichte zu einem eminent politischen Geschäft.
Zeitgeschichte trägt Verantwortung dafür, dass die politischen Debatten Anschluss finden können an einen historischen Diskurs, der die unmittelbare Vorgeschichte unserer Gegenwart nicht ausblendet. Einen Diskurs, der im Fluss gesellschaftlicher Entwicklungen realistischere Orientierungen ermöglicht als die mythisch überhöhten Kriegsgeschichten. Wir können doch heute nicht mehr bei jedem Problem sofort zum Zweihänder greifen und so tun, als gäbe es nur «Anpassung oder Widerstand». (Das konnten übrigens auch unsere Vorfahren nicht, wie die seriöse historische Forschung längst nachgewiesen hat.) Wir müssen auch den Grautönen in unserer komplexen Welt Rechnung tragen, wenn wir den historischen Ort unserer Gegenwart und die Chancen und Risiken für unser politisches Entscheidungshandeln besser erkennen wollen. Das geht nur, wenn wir Brüche und Widersprüche akzeptieren, wenn wir das Konflikthaltige vielleicht sogar bewusst aufspüren und auf seine Triebkräfte befragen. Zeitgeschichte ist hochpolitisch; sie muss streitbar sein. Mit vorschneller Einebnung von Sichtweisen und Meinungsvielfalt ist weder der wissenschaftlichen Erkenntnis noch dem politischen Frieden gedient. Zeitgeschichte kann – im besten Fall – einen Konsens bewirken, aber sie darf bei ihrem Bemühen, eine Orientierung im zeitlichen Ablauf zu schaffen, den inhaltlichen Konsens nicht als schon gegeben voraussetzen.
Das gilt auch für unser Vorhaben. Wenn wir über den arg gebeutelten Finanzplatz Schweiz und über eine vernünftige Finanzmarktpolitik diskutieren wollen, sollten wir die Entwicklungen studieren, welche die gegenwärtigen Probleme verursacht haben. Ich bevorzuge dabei eine Sichtweise, die als dialektisch und zugleich als systemisch bezeichnet werden kann. Ich versuche, die Entwicklungen aus ihren Widersprüchen und ihrer Konflikthaltigkeit zu erfassen und sie zugleich in grössere Zusammenhänge zu fügen, aus denen sich ihr möglicher historischer Sinn ergibt. Aus solch dialektisch-systemischer Sicht erscheint die aktuelle Finanzmarktkrise als ein Wendepunkt in der Geschichte der Moderne: In Konsequenz der kapitalistischen Durchdringung der modernen Gesellschaften und ihres globalen Ausgreifens ist die Finanzwirtschaft zum dominanten gesellschaftlichen Subsystem avanciert. Mit ihrer Orientierung am immer kurzfristigeren privaten Gewinn löst sie aber Konflikte und Krisen aus, die nachhaltige Entwicklung verunmöglichen. Die Finanzwirtschaft muss deshalb an lebensdienliche, sozialverträgliche und ökologisch sowie demografisch vertretbare Wachstumsziele politisch zurückgebunden werden. Dazu sind die Nationalstaaten jedoch kaum mehr fähig, denn sie befinden sich infolge der rasanten Globalisierung in einem ruinösen Standortwettbewerb um Steuervorteile und um die Finanzierung ihrer öffentlichen Güter. Für die Zukunft hat deshalb absoluten Vorrang, dass diese verheerende Rivalität durch internationale Kooperationen gedämpft und überwunden wird. Eine interdependente Welt entscheidet mit der Aussenpolitik von heute über die Chancen der Innenpolitik von morgen.
Das soll kein Plädoyer für einen neuen Etatismus, sondern für einen wirkungsvollen ordnungspolitischen Rahmen sein. Ich kann – was unsere Gegenwart betrifft – bei aller Sympathie für radikale Systemkritik keine realisierbare und humane Alternative zum marktwirtschaftlich organisierten Kapitalismus erkennen. Dieses System am privaten Gewinn orientierter dezentraler Entscheidungen bringt mit seiner Dynamik und Kreativität eindrückliche Leistungen hervor; es generiert den permanenten Wettbewerb als Motor im Prozess der Modernisierung. Zugleich produziert es aber Konflikte und systemische Risiken, die seine Selbststabilisierung immer wieder gefährden. Ein starker politischer und ethischer Rahmen ist nötig, wenn das ganze Programm der Moderne, zu dem neben wirtschaftlichem Fortschritt auch politische Demokratie und soziale Gerechtigkeit gehören, eine Realisierungschance haben soll. Das ist keine sozialistische Erkenntnis; das war schon den bürgerlichen Demokraten des 18. und 19. Jahrhunderts und selbst noch den Ordoliberalen um die Mitte des 20. Jahrhunderts völlig klar. Aber dieser immer noch stark auf das Nationale fixierte Rahmen muss jetzt neu gestaltet werden. Im Zeitalter des globalen Finanzmarkt-Kapitalismus reichen nationale Regeln nicht mehr aus, weil globale Spiele international wirkende Spielregeln notwendig machen. Das gilt nicht nur im Sport, aber dort scheint es heute schon allen einsichtig zu sein. Die Finanzmarktkrise ist eine echte Chance für eine internationale Sicht der Dinge, weil sie die grenzüberschreitenden systemischen Gefährdungen drastisch aufzeigt und deshalb eigentlich eine Wende zur weltweiten Kooperation in der Marktregulierung und Marktaufsicht erzwingen müsste.
Aber Krisen sind Phasen grosser Unsicherheit; sie bergen auch die Gefahr, dass sich ein System noch verhärtet. Die relative Zukunftsoffenheit unserer heutigen Situation kann höchst unterschiedlich beantwortet werden. Es wäre politisch naiv zu glauben, ein Re-Design der globalen Finanzmärkte nach der Krise führe automatisch zu systemisch vernünftigen internationalen Regelungen, die Nachhaltigkeit und mehr Gerechtigkeit garantieren könnten. Konstruktive Lösungen müssen politisch erstritten werden, und man darf dabei das Zeitfenster nicht verpassen, in dem radikale Änderungen des geltenden Regimes noch möglich sind.
Ob die Schweiz die Notwendigkeit engerer internationaler Zusammenarbeit als eine Chance begreifen kann und ihre Zukunft entsprechend zu gestalten versteht, ist eine politische Schicksalsfrage. Sie entscheidet sich nicht zuletzt daran, wie wir diese Krise vor dem Erfahrungshorizont unserer Zeitgeschichte interpretieren. Als Land, das von der Finanzwirtschaft stärker profitierte als andere Länder, das aber diesem globalisierten gesellschaftlichen Subsystem auch stärker ausgeliefert ist, sind wir wohl gut beraten, wenn wir die Finanzmarktkrise ernsthaft analysieren. Dazu gehört, dass wir die Entwicklung des Finanzsektors aus einer historischen Perspektive zu erfassen versuchen. Das Aussergewöhnliche, für das wir Erklärungen finden sollten, ist nämlich nicht die Finanzmarktkrise an sich, sondern ihre markante Vorgeschichte: der Wandel der Banken und Finanzintermediäre von traditionellen Dienstleistern zu erfolgreichen und alles beherrschenden Geldmaschinen. Die Ursachen der Krise, ihre Auslöser und ihr Verlauf sind vergleichsweise einfach zu verstehen, wenn wir begreifen, warum und wie die ausserordentlichen Gewinne in der Finanzindustrie zustande kamen. Nicht der Absturz ist das historisch sehr schwierig zu erklärende Phänomen, sondern der rasante Aufstieg der modernen Finanzwirtschaft auf solch schwindelerregende Höhen.
Das eigentlich Skandalöse bei all diesem Treiben war nicht etwa die Gier der Banker, sondern der Umstand, dass man sie ihre riskanten Geschäfte fast unwidersprochen machen liess. Dass die meisten Ökonomen die spekulativen Gewinne beklatschten, gehört zu den Peinlichkeiten einer Wissenschaft, die mit beinahe religiöser Inbrunst das Heil des (quantitativen!) Wachstums predigt und hohe Profite als einen vermeintlich rationalen Ersatz für Sinn begreift (Nelson 2001). Im Volk regte sich zwar schon früh der Unwille über wachsende Bezüge und exorbitante Boni gewisser Manager, was die NZZ als «Neidökonomie» verspottete. Auch für die akademische Zunft waren die merklich verschobenen Einkommens- und Wohlstandsrelationen kaum Anlass, die tieferen Ursachen und die relevanten Auswirkungen solcher Veränderungen kritisch zu hinterfragen. Dabei hätte man in den absurden Lohnspreizungen das Indiz für ein gestresstes oder gar «krankes» System erkennen können, in dem finanzielle Erfolge immer weniger den Leistungen im traditionellen Sinne entsprachen. Man hätte doch sehen müssen, dass solche Praktiken die Werte der Arbeitsgesellschaft unterminieren, deren moralischen Zerfall man gleichzeitig beklagte. Hohen Profitraten selbst im zweistelligen Bereich haftete nichts Fragwürdiges oder gar Unanständiges an. In einer Art von säkularisiertem Calvinismus legitimierte der Profit jegliches Tun und jegliche Form von Wachstum. Wer die Verteilungsfrage zu stellen versuchte oder nach den Verlierern in diesem Gewinnspiel ohne Grenzen zu fragen wagte, störte den Wachstums-Gottesdienst. Wissenschaft, Politik und öffentliche Meinung liessen sich von hohen Gewinnen korrumpieren, in der Hoffnung, davon mit profitieren zu können. Manche für den gesellschaftlichen Kitt und für eine nachhaltige Entwicklung wichtige Werte wurden durch den Geldwert rasch realisierbarer Gewinne diskreditiert und verdrängt. Der Verlust bisher gültiger Massstäbe und die Verzerrung traditionell als «gesund» geltender Relationen in Wirtschaft und Gesellschaft sind Ausdruck einer politischen und kulturellen Krise, mit der wir künftig auch dann noch konfrontiert sein werden, wenn die Finanzmarktkrise rascher überwunden sein sollte als noch vor wenigen Monaten angenommen.
Die hier vorgetragene Interpretation ist zugegebenermassen nicht frei von subjektiver Einschätzung und persönlichen Werthaltungen. Historische Analysen gesellschaftlicher Veränderungen können schon aus Gründen der Erkenntnistheorie nie in einem strengen Sinne objektiv sein. Sie sollten jedoch einen hohen Grad an Intersubjektivität anstreben, um wissenschaftlichen Ansprüchen zu genügen. Das heisst nicht, dass wir ein Bild der Vergangenheit zeichnen müssen, das auf möglichst breite Zustimmung stösst. Es heisst vielmehr Nachvollziehbarkeit (und damit auch Kritisierbarkeit) der wichtigen Denkprozesse und Entscheidungen, die unserem Bild der Vergangenheit zugrunde liegen. Der Zeithistoriker droht im Meer der bekannten Daten zu ertrinken. Sein Hauptproblem ist die Auswahl der relevanten Fakten und Deutungen. Er muss entscheiden, worauf er verzichten will, denn er kann unmöglich alles Wissenswerte zur Darstellung bringen. Dabei steht die Relevanz seiner Fragen und Antworten auf dem Prüfstand: Die Rückschau auf die Vergangenheit muss für das Verständnis der Gegenwart und die Vorschau auf die Zukunft bedeutsam sein.
Jede Analyse, jede Beschreibung geht von Theorien aus oder doch von Modellen und Konzepten, also von Bildern über den Zusammenhang der Dinge und Prozesse in unserer Welt. Wer eine Geschichte erzählt, ist darauf angewiesen, dass er aus dem Vorverständnis seiner Zuhörerschaft Unmengen gespeicherter Erfahrungen und Erkenntnisse abrufen kann, ohne die seine Geschichte kaum verstanden würde. Er kann umgekehrt mit seiner Geschichte – bewusst oder unbewusst – auch Urteile und Einsichten transportieren, ohne dass er diese offen aussprechen muss. Unsere alltägliche Kommunikation ist voll von solch impliziten Botschaften, die in unserem Bewusstsein nur zum Teil explizit gemacht werden. Bei wissenschaftlichen Analysen geht man aber davon aus, dass sie die wichtigen Denkmodelle offenlegen, die sie verwenden. Sie machen ihr eigenes Vorverständnis explizit und kritisierbar, weil wissenschaftlicher Fortschritt nur so möglich scheint.
Was die vorliegende Studie betrifft, so muss ich gestehen, dass mein Vorverständnis als eher diffus zu taxieren ist. Natürlich war auch ich beeindruckt vom beispiellosen Erfolg der Finanzwirtschaft in den letzten Jahrzehnten, aber gleichzeitig besorgt, weil die Kommerzialisierung aller Lebensbereiche und die Monetarisierung aller Werte den Modernisierungsprozess immer mehr dominierten. Als Personaldirektor einer grossen Verwaltung seit 1989 musste ich miterleben, wie die Finanzen in Politik und Wirtschaft, in der Öffentlichkeit, in der Betriebsführung und in der Privatsphäre vom Mittel zum Zweck avancierten. Selbstredend war finanzielle Steuerung auch im Bereich der Humanressourcen eine Notwendigkeit. Aber im knallharten Konflikt der Interessen wurde Geld vom Wertmassstab immer mehr zu einem Wert an sich, als Quelle von Macht und Ansehen geschätzt und gefürchtet, behaftet mit Hoffnungen und Ängsten, in seiner Motivations- und Kontrollfunktion manchmal wohl auch etwas überschätzt. Die Finanzen prägen heute jeden Entscheidungsprozess und sind zum mächtigsten Treiber einer Gesellschaft im raschen Wandel geworden, die man ohne eine entsprechende Analyse kaum mehr verstehen und adäquat beschreiben kann.
Modell des Finanzmarkt-Kapitalismus
Grosse Teile dieser Studie waren schon skizziert, als ich bei meinen Recherchen im Bereich der Wirtschaftssoziologie auf ein neues Konzept stiess, mit dem ich wichtige Erkenntnisse gleichsam im Nachhinein in einen logischen Zusammenhang und auf den Begriff bringen kann: das Modell des Finanzmarkt-Kapitalismus. Es handelt sich hier um eine «Theorie mittlerer Reichweite», die nicht wie naturwissenschaftliche Gesetze weltweite und ewige Erklärungskraft reklamiert. Ihr Geltungsanspruch ist wesentlich bescheidener: Es geht um eine integrierte Sichtweise der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Entwicklungen nur gerade der allerjüngsten Vergangenheit, eine Sichtweise, die uns aber dank ihrer interdisziplinären Fragestellung besser begreifen lässt, was sich in den letzten drei Jahrzehnten Grundlegendes in unseren westlichen Gesellschaften verändert hat. Dieses Konzept soll im Folgenden in seinen grossen Zügen kurz vorgestellt und als ein Modell skizziert werden, das sich für den Zeithistoriker als äusserst hilfreich erweist, weil es den Blick für Gemeinsamkeiten und Unterschiede vergleichbarer Länder zu schärfen vermag.
Wie die meisten Kapitalismus-Konzepte (so jene von Karl Marx, Max Weber, Werner Sombart, Karl Polanyi oder Joseph Schumpeter bis hin zum «Spätkapitalismus» der Neomarxisten) versucht auch das Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus, Wirtschaft und Gesellschaft in ihren Widersprüchen und in ihren gegenseitigen systemischen Abhängigkeiten als einen spannungsreichen historischen Prozess zu verstehen. Es verbindet ökonomische mit sozialwissenschaftlichen Fragestellungen und Methoden und lässt sich als interdisziplinärer Ansatz nicht in zu enge Fachgrenzen zwängen. Basierend auf der Politischen Ökonomie der modernen Finanzmärkte (Huffschmid 1999 bzw. 2002), werden die wirtschaftlichen und politischen, die sozialen und kulturellen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte so miteinander verknüpft und beleuchtet, dass die spezifischen Konturen eines durch die globalisierten Finanzmärkte gesteuerten «Produktionsregimes» und damit eines neuen gesellschaftlichen Handlungssystems deutlich hervortreten (vgl. Windolf 2005, aber auch schon Kühl 2003 und namentlich Deutschmann 2008). Interessant finde ich dabei, dass der markante Machtgewinn des Finanzsektors in einen historischen Kontext gestellt und aus neu entstandenen funktionalen Zusammenhängen heraus begriffen wird. Wer die verheerenden Vorgänge der jüngsten Epoche erklären will, muss deshalb nicht nur mit der fehlenden Moral oder der grenzenlosen Gier der Banker argumentieren.
Historischen Ausgangspunkt für den vom Konzept des Finanzmarkt-Kapitalismus ins Visier genommenen sozialen Wandel bildet der koordinierte oder kooperative, durch (Gross-)Industrie, Fordismus, Keynesianismus und Sozialstaat geprägte Kapitalismus der Nachkriegszeit, der seit den 1970er und namentlich in den 1990er Jahren durch einen mehr kompetitiven und viel stärker von den weltweiten finanziellen Prozessen getriebenen Kapitalismus zusehends verdrängt und abgelöst worden ist. Das rasante Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahrzehnte war vor allem über festverzinsliche Kredite der Grossbanken finanziert worden. Diese Institute waren bestrebt, ihre Schuldner (rück-)zahlungsfähig und bei Laune zu halten. Unter dem Einfluss ihrer konservativen Hausbanken strebten die Unternehmen nicht nach Profitmaximierung, sondern verfolgten ihre Wachstumsziele mit eher risikoaversen Strategien. Banken und Unternehmen waren beide an einer langfristigen Stabilisierung ihrer Ertragslage interessiert, weshalb sie einer Begrenzung der Konkurrenz durch Kartellierung der Märkte nicht abgeneigt waren. Diese Konstellation der Interessenlagen sah jener im «Organisierten Kapitalismus» vor 1914, in Rudolf Hilferdings «Finanzkapital» glänzend analysiert, in vielem ähnlich, aber der Staat hatte in der imperialistischen Epoche eine wesentlich dominantere, die sozialen Konflikte meist nach aussen ablenkende Funktion.
Nach einem halben Jahrhundert der Weltkriege und Krisen bot die amerikanische Vorherrschaft eine neue Chance für die kapitalistische Durchdringung der Welt. Erst im Zeichen des Kalten Krieges machten die nationale Schliessung und die politische Vermachtung der Produkte-, Kapital- und Arbeitsmärkte wieder einer internationalen Öffnung und Liberalisierung Platz. Im kooperativen (oder auch: (neo-) korporativen) Kapitalismus der Nachkriegsjahrzehnte waren es neben dem Staat vor allem die grossen Verbände, welche die Gesellschaft zusammenhielten. Auf der Grundlage des durch die Banken finanzierten Wachstums ermöglichten die Sozialpartner einen gesellschaftlichen und politischen Konsens, der Arbeiterschaft und Kapitalismus zu versöhnen vermochte – allerdings mit merklichen Unterschieden von Land zu Land. Massenkonsum und sozialstaatliche Absicherung der Lohnarbeit verschafften dem kapitalistischen System eine breite Loyalität der Massen, aber auch genug Nachfrage für die rasch wachsende Produktion.
Dieses System war lange Zeit äusserst erfolgreich. Es geriet letztlich durch seine Erfolge in Schwierigkeiten: Gewinne und Vermögen wuchsen noch rascher an als Löhne und Konsum. Tendenziell sanken deshalb die Investitionen, denn auf den realen Gütermärkten liessen sich nicht mehr so hohe Profite erzielen. Bereits Ende der 1960er Jahre kriselte die keynesianische Konjunktursteuerung und «Eurodollars» unterliefen die Währungspolitik. Die 1970er Jahre brachten dann das Ende der fixen Wechselkurse, die Ölpreiskrise und schliesslich den markanten Einbruch des realen Wirtschaftswachstums, der sich auch als Strukturbruch erweisen sollte. Trotz der Staatsintervention versank die Wirtschaft in einen Zustand der Stagflation, also in eine Stagnation kombiniert mit sehr hohen Inflationsraten. Wo Wachstum noch oder wieder möglich war, konnte dieses bescheidene Wachstum fortan Lohnanstieg, Sicherheit der Arbeitsplätze und Vollbeschäftigung nicht mehr garantieren. Die Folgekosten des raschen Wachstums vor der Krise kumulierten mit den Kosten des Marktversagens in und nach der Krise, was zu hohen Defiziten der öffentlichen Hände führte und schliesslich den (Sozial-)Staat arg in Bedrängnis brachte. In den angelsächsischen Ländern brachten die 1980er, in den kontinental-europäischen erst die 1990er Jahre den Wechsel zu einem Regime, das stärker dem Monetarismus und Neoliberalismus verpflichtet war (zumindest verbal; die hohe (Staats-)Verschuldung in den USA könnte man mit guten Gründen auch als «Keynesianismus durch die Hintertür» bezeichnen). Eine intakte Konsenskultur der Sozialpartner war unter solchen Bedingungen kaum mehr aufrechtzuerhalten.
Gleichzeitig liess sich in der Wirtschaft eine markante Gewichtsverlagerung von der Kreditfinanzierung zur Finanzierung über den Kapitalmarkt beobachten. Die rasch wachsenden Privatvermögen wurden vor allem in Aktien angelegt, und international agierende Investmentfonds sowie Pensionsfonds und Versicherungsgesellschaften spielten dabei als Interessenverwalter der neuen Eigentümer eine zentrale Rolle. Diese institutionellen Anleger dominierten bald die Finanzmärkte, die in den 1970er und 80er Jahren stark liberalisiert wurden und kräftig expandieren konnten. Das zentrale Interesse der Fonds ist die Steigerung ihrer kurzfristigen Rendite. Sie nehmen meist nur kleine Unternehmensanteile in ihr Portfolio auf und können diese auch jederzeit wieder abstossen, wenn sie mit der Performance nicht zufrieden sind. Im Durchschnitt halten Investment-Fonds die Aktien kaum länger als ein Jahr. Die Kurzfriststrategie ist Folge ihrer Finanzmarkt-Orientierung, denn im Wettbewerb um Kundengelder zählt der rasch realisierbare Gewinn. Dieses Profitdenken überträgt sich vor allem in börsenkotierten Unternehmen auf Verwaltungsrat und Management, die mit Aktienoptionen geködert und belohnt oder mit Exit-Strategien, also dem Verkauf von Aktien, respektive mit feindlichen Übernahmen bedroht und sanktioniert werden können. An technischer Kompetenz orientierte unternehmerische Innovationen und die nötigen langfristigen Investitionen verlieren an Bedeutung. Dafür rücken Effizienz, Kostenminimierung, Restrukturierungen und Konzentration auf das Kerngeschäft, Leanmanagement und Personalabbau oder (andere) gezielte Manipulationen zur raschen Steigerung der Aktienkurse in den Fokus.
Diese neue «Finanzialisierung» der Wirtschaft wirkt sich auf Gesellschaft und Politik verheerend aus. Arbeitsplätze verlieren an Sicherheit, Reallöhne sinken, und es entsteht auch in den reichen Ländern trotz Flexibilisierung der Arbeitskraft bis zur Selbstausbeutung in der Ich-AG ein Prekariat, eine Schicht von Menschen, die auch in Anstellungsverhältnissen zumindest zeitweise auf Versicherungs- oder Sozialleistungen angewiesen sind. Nach Jahrzehnten des Abbaus ungleicher Chancen während der Epoche von Wohlfahrtsstaat und Keynesianismus nimmt die soziale Ungleichheit neu wieder zu. Trotz Shareholder-Value und dem lauten Ruf nach «Eigentümerdemokratie» sind es eben nicht die vielen Kleinaktionäre, die sich im Finanzmarkt-Kapitalismus bereichern können, sondern die Topmanager und Börsenhändler mit der exorbitanten Steigerung ihrer Einkommen. Der überforderte Sozialstaat gerät unter Druck, nicht zuletzt auch von Seiten der Finanzmarktakteure: Diese verschärfen die Standortkonkurrenz zwischen den Nationalstaaten. Es geht um Steuervorteile, weitergehende Marktliberalisierungen und um Privatisierung von Staatsaufgaben, Letztere natürlich interessant als Investitionsmöglichkeiten für das anlagesuchende Kapital. Der neue Finanzmarkt-Kapitalismus ist ein weitgehend globalisiertes Regime. Es braucht weder den aktiven Staat noch kümmert es sich um einen nationalen Konsens der Interessen. Aber seine Zwänge werden bis in die lokalen Güter-, Dienstleistungs- und Arbeitsmärkte spürbar und setzen zusehends auch politische Behörden unter Anpassungsdruck, seit den 1990er Jahren praktisch rund um den ganzen Globus.
Was heisst das für den Bankensektor? Das traditionelle Kommerzgeschäft mit seiner Einbettung in regionale und nationale Finanzmärkte erleidet einen Bedeutungs- und Machtverlust. An die Stelle gegenseitigen Vertrauens in den Beziehungsnetzwerken tritt die Performance, ausgedrückt in nackten Zahlen, jederzeit weltweit greifbar dank modernster Informatik; nun prüfen global orientierte Rating-Agenturen die Bonität der Unternehmen. Seit Mitte der 1990er Jahre verkaufen die (Gross-)Banken schrittweise ihre Industriebeteiligungen und ziehen sich aus den Aufsichtsund Verwaltungsräten der Grossunternehmen zurück. Um ihre Führungsposition im Finanzsektor zu sichern und auszubauen, versuchen sie in das lukrativere Geschäft des Investment-Banking umzusteigen. Denn nur wer sich anpasst, selber erfolgreiche Fonds betreibt, einen Eigenhandel aufbaut und Dienstleistungen für internationale Grosskunden erbringt, kann aus dem Transformationsprozess der Finanzmärkte fette Gewinne schlagen.
Finanzmärkte sind wie alle Märkte Institutionen zur Reduktion von Komplexität. Auch sie verarbeiten relevante Informationen letztlich zu Preisen. Finanzmärkte sind aber keine gewöhnlichen Märkte, die Angebot und Nachfrage rasch in ein Gleichgewicht bringen. Auf ihnen werden nicht normale Güter oder Dienste gehandelt, sondern Zahlungsversprechen, also künftig zu erwartende Erträge. Sie transformieren hohe Unsicherheiten durch fiktive Kapitalisierung in handelbare Risiken. Die Preisbildung für Zahlungsversprechen ist das Ergebnis von Erwartungs-Erwartungen, also von Einschätzungen der Investoren und Analysten, wie die Marktteilnehmer auf mögliche Ereignisse in der Zukunft reagieren werden. Finanzmärkte sind hypersensibel und anfällig für Emotionen; sie neigen zum Herdenverhalten und verstärken permanent ihre eigenen Erwartungen, was Überund Unterbewertungen zur Folge hat. Sie können sich von der Realökonomie weit entfernen, ehe sie aufgrund so genannter Fundamentaldaten wieder an die realen Gütermärkte rückgekoppelt werden. Diese Volatilität illustriert ihre spezifische Anreizstruktur: Die Marktteilnehmer sind mehr an kurzfristigem Gewinn als an langfristigem Wachstum interessiert. Ihr spekulatives Verhalten fördert die Blasenbildung, was über kurz oder lang zu Finanzmarktkrisen führen muss. Und erst nach dem Platzen dieser Blasen wird dann jeweils deutlich, dass die monetären Aufblähungen kaum je echtes Wachstum generierten, sondern vielfach gar einen Verlust an ökonomischer Substanz verschleiert haben.
Der hier idealtypisch skizzierte Übergang vom kooperativen oder (neo-)korporativen Kapitalismus der Nachkriegsepoche zum Finanzmarkt-Kapitalismus der Gegenwart hat sich real auf unterschiedliche Weise vollzogen. Gesellschaftliche Entwicklungen sind pfadabhängig. Die liberale Tradition hat in den angelsächsischen Ländern den früheren Übergang zum «Shareholder Kapitalismus» (Rappaport 1986/ 1994) begünstigt, aber auch hier waren vorher korporative Tendenzen am Werk, wenn wir z. B. an den amerikanischen New Deal oder an die Macht britischer Gewerkschaften bis in die 70er Jahre denken. Umgekehrt hat in Kontinentaleuropa, vor allem in Deutschland, (und etwa auch in Japan) der starke Hang zu staatlichen Regelungen und sozialem Ausgleich den späteren Übergang zum Finanzmarkt-Kapitalismus teilweise überlebt. Erfolgreiche Institutionen sind zäh. Der «Rheinische Kapitalismus» und die Soziale Marktwirtschaft haben Politik und Sozialverhalten der Wirtschaftswunderkinder tief geprägt, so dass die Globalisierung zwar eine gewisse Konvergenz, nicht aber eine totale Konformität der Systeme erzwingen konnte. Seit Auflösung der sowjetischen Herrschaft spielt sich nun die Systemkonkurrenz unter verschiedenen Ausprägungen des Kapitalismus ab. Ob sich das zunächst erfolgreichere amerikanische Modell und damit der Finanzmarkt-Kapitalismus in Reinkultur weltweit wird durchsetzen können, ist nach der verheerenden Finanzmarktkrise von 2007 bis 2009 wieder völlig offen.
Der Finanzmarkt-Kapitalismus als idealtypisches Modell der jüngsten Entwicklung ist für den Zeithistoriker äusserst hilfreich. Das Konzept liefert uns einen interessanten Raster, um die schweizerische Finanzwirtschaft der letzten Jahrzehnte auf ihre Eigenheiten zu befragen und damit zu testen, inwiefern die Schweiz als «Sonderfall» zu bezeichnen ist.
Auf den ersten Blick scheint unser Land bezüglich Finanzmarkt-Kapitalismus eher ein Paradebeispiel als ein Sonderfall zu sein. Wirtschaftlich hat sich dieses Regime hierzulande weitgehend durchgesetzt. Die Implementierung fand aber vor einem speziellen politischen und kulturellen Hintergrund statt, der den Strukturen und Orientierungsmustern des kooperativen Kapitalismus noch immer stark verhaftet ist. Auf diesen Widerspruch zwischen wirtschaftlicher Überanpassung und politischer Nostalgie werden wir unsere Analyse auch auszurichten haben.
2. Aufstieg des Finanzplatzes zur nationalen Ikone
Der Aufstieg der schweizerischen Finanzwirtschaft zu nationaler Dominanz und zu internationaler Bedeutung ist im Wesentlichen eine Geschichte erst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das mutet aus heutiger Sicht doch eher überraschend an. Viele meinen, der überragende Einfluss des schweizerischen Bankgewerbes sei schon viel älteren Datums. Zwar waren Banken und Geld auch hierzulande schon seit langem wichtig, aber ein Finanzplatz von grossem Einfluss und Gewicht konnte sich erst entwickeln, als drei miteinander verschränkte Bedingungen erfüllt waren. Es brauchte dazu
(1.) einen politisch gesetzten rechtlichen Rahmen, staatlich garantierten Schutz und währungs- oder geldpolitische Stabilität, um die Erwartungssicherheit der privaten Wirtschaft zu erhöhen;
(2.) ein kräftiges Wirtschaftswachstum, verbunden mit einem Konzentrationsprozess, um Grossbanken als hochprofessionelle Player entstehen zu lassen;
(3.) eine enge Verflechtung mit andern Volkswirtschaften, ohne die der Finanzsektor eines kleinen Landes nur wenig lukrative Expansionschancen hätte.
Anfänge der Bankwirtschaft
Den Schweizern wird traditionell ein speziell enges Verhältnis zum Geld nachgesagt: «Pas d’argent, pas de Suisse!» behauptet ein altes Sprichwort wohl nicht zu Unrecht. Passhandel und fremde Dienste brachten viel Geld in das an Bodenschätzen arme Land. Die protestantischen Städte der Alten Eidgenossenschaft atmeten früh den Geist des Kapitalismus vielleicht mit Ausnahme des territorial orientierten Bern, das den Einkünften aus Grund und Boden stärker verhaftet blieb. Der Protestantismus hat auch in der Schweiz das Arbeitsethos und die Orientierung am Wirtschaftserfolg gefördert, ohne dass es hier allerdings zu einer ähnlich expansiven Entwicklung wie in Holland während des 17. Jahrhunderts gekommen wäre. In Genf hatte der Bischof 1387 das Zinsverbot aufgehoben; seit dem 14.Jahrhundert spielte diese Stadt finanziell eine gewisse Rolle, die sich im Zeichen des Calvinismus und dann vor allem im 18.Jahrhundert markant verstärkte. Viele seiner tüchtigen Bankiers waren in vergebliche Versuche involviert, das marode An cien Régime in Frankreich zu retten. Das mag mit ein Grund gewesen sein, weshalb sie von Voltaire verspottet wurden. Neulich hat Philipp Hildebrand (2008) an einen Spross der Genfer Bankiers erinnert, der seine Heimat früh verliess und sich in der Neuen Welt verdient gemacht hat: Albert Gallatin, Bewunderer der amerikanischen Revolution und als Nachfolger Hamiltons 1801 bis 1814 der US-Finanzminister mit bisher längster Amtsdauer.
Im 19. Jahrhundert wuchs der Bankensektor in der Schweiz wie in andern Länder entsprechend den spezifischen Bedürfnissen, die sich durch den fortschreitenden Industrialisierungsprozess ergaben. Da die Privatbankiers mit ihrer unbeschränkten Haftung den wachsenden Kreditbedarf bald nicht mehr allein abdecken konnten, entstanden neue Bankinstitute, die sich verschiedenen Gruppen zuordnen lassen: Während die Privatbanken auf den historischen Plätzen Genf, Basel, St. Gallen, Zürich und später auch Lugano schon immer mit dem weltoffenen Grossbürgertum dieser Städte verbunden waren und sich vorwiegend der Verwaltung respektabler, teils auch ausländischer Vermögen und dem Handel mit Luxusgütern widmeten, versorgten Sparkassen, Regional- und Genossenschaftsbanken vor allem Gewerbe, Landwirtschaft und Hauseigentümer mit aus traditionellem Zinsdifferenzgeschäft billig refinanzierten Krediten. Die Kantonalbanken, Institute mit Staatsgarantie für ihre Einleger, sind als zentrale Errungenschaft der Demokratischen Bewegung der 1860er und 70er Jahre ausdrücklich im Interesse des kleinbürgerlichen Mittelstandes gegründet worden.
Demgegenüber entwickelten sich die Grossbanken parallel mit der Finanzierung bedeutender Industrievorhaben, namentlich im Verkehrs- und später auch im Energiebereich (von der Gotthardbahn bis zu Elektrowatt und Motor Columbus), für die zum Teil auch ausländisches Kapital herangezogen werden musste. Sie waren als Aktiengesellschaften organisiert. Sie engagierten sich in der immer wichtiger werdenden Exportfinanzierung und stiegen erst relativ spät in das Private Banking, also die Verwaltung grosser Vermögen, und in das Retail Banking, das breite Mengengeschäft mit kleineren Privatkunden und KMUs, ein. Im Gegensatz zu andern Ländern spezialisierten sich die meisten Banken in der Schweiz nicht etwa nach unterschiedlichen Aufgaben, sondern eher geografisch; mit Ausnahme der national und bald auch international orientierten Grossbanken blieben sie vorwiegend auf das lokale und regionale Geschäft fokussiert. So hat die frühe Entwicklung des Geld- und Kreditwesens die kleinräumige Wirtschaftsstruktur unseres kleinen Landes und den Hang zur Kirchturmpolitik eher noch gefestigt als überwunden.
Bei aller Aktivität im Bankensektor, ein internationaler Finanzplatz konnte sich in der Schweiz lange nicht entwickeln. Die Kolonialmächte hatten diesbezüglich grosse Vorteile, was sich das kleine Binnenland aber geschickt zunutze machte. Noch bis vor hundert Jahren waren die Bankplätze der Schweiz kaum mehr als Satelliten des französischen Marktes. Viele Emissionen sowie die Finanzierung von Importen und Exporten wurden vor dem Ersten Weltkrieg hauptsächlich über Paris abgewickelt. Für den erfolgreichen Aufstieg unserer Finanzwirtschaft in internationale Sphären fehlten damals die entsprechenden staatlich gesetzten Rahmenbedingungen. Ein grenzüberschreitendes Vertrauen in die Schweizer Banken setzte das Engagement des Bundesstaats für die Sicherheit des Zahlungssystems voraus.
Bedeutung der Nationalbank
Die Verfassung von 1848 übertrug das Münzregal dem Bund. 1865 trat die Schweiz der Lateinischen Münzunion bei, was zu einer völligen Integration der Schweizer Währung in das französische System führte; noch während des Ersten Weltkriegs waren in der Schweiz mehr französische Francs im Umlauf als Schweizer Franken. 1874 erhielt der Bund die Aufgabe, das Banknotenwesen zu regeln, und 1891 das ausschliessliche Recht zur Ausgabe von Banknoten. Aber erst im Sommer 1907 konnte die Schweizerische Nationalbank ihren Geschäftsbetrieb aufnehmen und die notwendigen Voraussetzungen für eine florierende Finanzwirtschaft in unserem Land schaffen. Nach langem Streit um das Konzept des Noteninstituts als Staats- oder als Privatbank hatte man endlich einen typisch helvetischen Kompromiss gefunden, der den Interessen des Bundes, der Kantone und der Privatwirtschaft zu genügen vermochte. Die Noten wurden aber noch nicht gesetzliches Zahlungsmittel, sondern waren nur Geldersatz, jederzeit eintauschbar, weshalb die Nationalbank eine Metalldeckung von mindestens 40 Prozent des Notenumlaufs aufrechterhalten musste. Im Ersten Weltkrieg sah man sich gezwungen, Banknoten als vollwertiges Zahlungsmittel anzuerkennen, aber formell ist in der Schweiz die Goldwährung erst durch eine Verfassungsänderung im Jahre 2000 beseitigt worden.
Den Anteil der Nationalbank am Aufbau, an der Entwicklung und an der Pflege eines sicheren und effizienten Finanzsystems darf man nicht unterschätzen. Da ihr mit der Zeit die Verantwortung nicht nur für den Notenumlauf, sondern auch für das gesamte Geldwesen, für die Kredit- und Währungspolitik sowie für Infrastruktur und Stabilität der Zahlungssysteme zufiel, entwickelte sie sich zu einem der wichtigsten Träger der schweizerischen Wirtschaftspolitik. Diese sollte «den Gesamtinteressen des Landes dienen», doch in einer kleinen, vom Umfeld extrem abhängigen Volkswirtschaft war das oft schwieriger als die Quadratur des Kreises. Im heiklen dynamischen Trilemma, (1.) den Aussenwert des Frankens zu stabilisieren, (2.) die Preisstabilität im Innern zu sichern und (3.) die Konjunktur respektive die Beschäftigung zu fördern, hatten die Behörden nicht immer eine sehr glückliche Hand. Sie setzten das Land einem Wechselbad von galoppierender Inflation im Ersten Weltkrieg und verheerender Deflation in den Dreissigerjahren aus. Ihr stures Festhalten am Ziel der Goldparität bewirkte eine hohe und lange andauernde Arbeitslosigkeit, ehe sich der Bundesrat im Herbst 1936 im Schlepptau von Frankreich und Belgien zu einer Abwertung des Frankens um 30 Prozent durchringen konnte.
Sicher war die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts eine sehr schwierige Periode voller Ausnahmesituationen, Krisen und Katastrophen, in der die Schweizer Behörden ihr finanzmarktrelevantes Instrumentarium entwickeln und einüben mussten. Aber auch später erwies es sich nicht immer als einfach, zwischen verschiedenen Interessen und Ideologien einen pragmatischen Kurs zu steuern, der vor allem eine Optimierung des Gesamtsystems fest im Auge behielt. In unserem Land waren Ordnungspolitik und Interessenpolitik kaum je sauber auseinanderzuhalten. Und schon damals standen Marktversagen und Staatsintervention, aber auch handfeste Interessenkonflikte und Staatsversagen in einem engen Zusammenhang.
Bankengesetz von 1934
Die schwere Krise der 30er Jahre hat in der Schweiz wie überall zu einer stärkeren Intervention des Staates in die Wirtschaft geführt. Hier hielt sich jedoch in manchem eine deutliche Skepsis gegen einen allzu mächtigen (Steuer-)Staat, was nicht zuletzt in der Verankerung eines rigorosen Bankgeheimnisses im Bankengesetz von 1934 Ausdruck fand. Konkreter Anlass, Auskünfte über Bankgeschäfte auch gegenüber (Steuer-)Behörden zu Offizialdelikten zu erklären, war nicht etwa die Drangsalierung der Juden im Dritten Reich, wie oft behauptet wird, sondern die Abwehr einer etwas übergriffigen Steuerpolizei Frankreichs (vgl. Hug 2002). Sicher sind dank diesem speziellen Schutz den Schweizer Banken schon in den Dreissiger- und Vierzigerjahren Kundengelder zugeflossen. So erwähnt zum Beispiel Alma Mahler-Werfel in ihrer Autobiografie, sie habe ihre Guthaben 1938 von Wien abgezogen, über die Grenze schmuggeln lassen und auf Schweizer Banken angelegt. Aber grosse Bedeutung erhielt das Bankgeheimnis eigentlich erst bei der rasanten Entwicklung der Finanzmärkte im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts.
Die Grosse Depression, die auch in der Schweiz zu Bankzusammenbrüchen führte, warf noch viel grundsätzlichere Probleme der kapitalistischen Gesellschaft auf. Man musste zur Kenntnis nehmen, dass eine intakte Geldversorgung für die Wirtschaft von existenzieller Bedeutung ist. Das konnte auch die Politik nicht untätig lassen. Der Staat habe den Finanzsektor einer besonderen Aufsicht zu unterstellen, zeigte sich der Bundesrat in seiner Botschaft vom 2. Februar 1934 zum Bankengesetz überzeugt: «Das hervorstechende Merkmal der modernen Wirtschaft liegt (…) in der Häufung einer grossen wirtschaftlichen Macht in den Händen einer kleinen Zahl von Personen, die nicht Eigentümer, sondern lediglich Verwahrer der Kapitalien sind, die sie anzulegen und zu verwalten haben. Der unbeschränkte Einfluss derer, die den Geldmarkt beherrschen und den Kredit verteilen, ist unbestreitbar einer der grossen Machtfaktoren der Gegenwart. Bei diesen Verhältnissen ist die Banktätigkeit eine Art öffentlicher Dienst geworden» (Bundesblatt 1934 I 171; Hervorhebung durch P. H.)
Solch kritische Sätze des damals noch rein bürgerlich bestückten Bundesrats muss man genüsslich auf der Zunge zergehen lassen. Vor lauter «political correctness» würde die Exekutive heute so was wohl nicht einmal mehr zu denken wagen. Das Bankengesetz von 1934 erklärt den Finanzmarkt zu einem speziellen Wirtschaftssektor, der staatlich besonders geregelt und stärker kontrolliert werden müsse. Denn er bilde eine wichtige Grundlage für das gesamte Wirtschaftssystem, ja, er erbringe für den Einzelnen und für die Gesellschaft absolut notwendige Dienstleistungen. Um das angeschlagene Vertrauen wiederherzustellen, müssten die Banken moderne Führungsstrukturen erhalten, mit genügend Eigenmitteln und Liquidität ausgestattet sein, zur Transparenz verpflichtet, extern revidiert und professionell beaufsichtigt werden, während die Einleger bundesweit bei Verlusten wenigstens minimal abzusichern seien. Argumentiert wird geschickt mit dem hohen Nutzen, den die Bankbranche durch die eingeforderten Standards und Sicherheiten sowie aus dem daraus neu sich bildenden Vertrauen gewinne. Zur Überwachung der Finanzinstitute solle als eine neue Spezialbehörde die Eidg. Bankenkommission (EBK) walten; sie habe auf die Situation jeder einzelnen Bank gebührend Rücksicht zu nehmen. Die Änderung von wichtigen Zinssätzen und geplante grössere Auslandgeschäfte seien aus Gründen der Marktüberwachung hinfort der Nationalbank zu melden. Der Gesetzesentwurf verband notwendige Staatsinterventionen mit einer differenzierten Behandlung der Normadressaten und gewährte dem Volk zugleich den von der Linken lautstark geforderten Einlegerschutz; er passierte die Räte ohne grosse Probleme und provozierte keine Referendumsabstimmung.
Aufschwung in der Kriegs- und Nachkriegszeit
Die politische Instabilität und die Weltkriege der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, kombiniert mit Standortvorteilen wie Neutralität und der Wirtschaft wohl gesonnenes Rechtssystem, machten Zürich, Genf, Basel und Lugano zu geschützten Häfen auch für ausländische Vermögen. Aber was im grenzüberschreitenden Geschäft rasch zu gewinnen war, konnte auch bald wieder zerrinnen; so erlebten die Grossbanken in der Schweiz damals einen ersten Boom und eine erste grosse Krise. Im Zweiten Weltkrieg nutzte die Schweiz ihren gefährlichen Standort zwischen den Fronten verständlicherweise auch für die eigenen (finanz-)wirtschaftlichen Interessen. Dass sie die Konvertierbarkeit des Frankens aufrechterhielt, war für ihr Überleben als Staat gewiss von Vorteil. Aber dass die Nationalbank fast bis zum Kriegsende deutsches Raubgold in grossem Umfang übernahm, brachte unser Land den siegreichen Alliierten gegenüber in eine äusserst prekäre Situation, aus der es sich mit einer Zahlung von 250 Millionen Franken freikaufen musste.
Mit dem Washingtoner Abkommen 1946 gelang es der Schweiz, aus der Isolation der Kriegs- und frühen Nachkriegszeit auszubrechen. Sie war bemüht, die Konvertibilität des Schweizer Frankens über einen quasi autonomen Nachvollzug der Bedingungen des Währungssystems von Bretton Woods (1944) sicherzustellen, und im alsbald beginnenden Kalten Krieg gelang es ihr rasch, sich in die amerikanisch dominierte Weltwirtschaft geschickt zu integrieren. Mit ihrem intakten Produktionsapparat konnte sie den Nachholbedarf der kriegsversehrten Länder bedienen und profitierte so auch indirekt vom Marshallplan und vom raschen wirtschaftlichen Wiederaufstieg Europas. Als exportorientiertes Land engagierte sie sich für den Abbau von Industriezöllen und anderen Hemmnissen des Welthandels, auch in den entsprechenden internationalen Organisationen wie etwa dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen GATT. Aber politisch wollte sie sich möglichst nicht einbinden lassen; sie blieb deshalb der UNO fern und hielt sich auch auf Distanz zur politischen Integration Europas. Die Gründung der Freihandelszone EFTA 1960 und das Freihandelsabkommen mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG 1973 markieren Höhepunkte einer explizit formulierten Strategie, die aussenwirtschaftliche Aktivitäten mit aussenpolitischer Zurückhaltung erfolgreich zu verbinden suchte.
Dieser politische Konservatismus konnte unter dem Label der Neutralität vermarktet werden und versprach grosse institutionelle Sicherheit trotz raschen wirtschaftlichen Wandels. In Verbindung mit intakter Sozialpartnerschaft und hoher innenpolitischer Stabilität, mit geografischer Lage, Professionalität, rigorosem Bankgeheimnis und harter Währung bot sich damit die Schweiz im Ausland als attraktiver und sicherer Finanzplatz an. Als die europäischen Währungen 1958 zur freien Konvertierbarkeit zurückfanden, waren die Voraussetzungen für einen «Take off» der Schweizer Finanzwirtschaft gegeben. Das Geschäft mit dem Ausland erhielt mächtig Auftrieb; der Exportboom rief nach einer effizienten Finanzierung, was die Struktur des Schweizer Bankenplatzes bald grundlegend veränderte.
Mitte des 20. Jahrhunderts generierten die Kantonalbanken noch mehr als 40 % des Bankenumsatzes der Schweiz; auf die Gruppe der Regionalbanken und Sparkassen sowie auf die Gruppe der damals noch fünf Grossbanken entfiel je ca. ein Viertel. Dann setzte ein rasantes Wachstum mit Raten ein, die in den späten 1960ern zum Teil über 10 % pro Jahr betrugen, vor allem einer Expansion des Auslandsgeschäfts zu verdanken waren und hauptsächlich den Grossbanken zugute kamen. Da diese viel rascher wuchsen als die andern Banken, gelang es ihnen bald, ihren Anteil am Umsatz zu verdoppeln.
Auch damals profitierten die Schweiz und ihr Finanzplatz von den Problemen des internationalen Umfelds. Die auf Hochtouren laufende und ressourcenverzehrende Weltwirtschaft hatte zu teils immensen Inflationsraten und währungspolitischen Verwerfungen geführt, vor denen viele potente Anleger in den Schweizer Franken flüchteten. Die Nationalbank hatte noch keine genügende Rechtsgrundlage, um den Ansturm abzuwehren, der unsere Währung immer mehr stärkte und damit tendenziell den Export mit seinen industriellen Arbeitsplätzen gefährdete. Das Noteninstitut musste mittels Gentlemen’s Agreements die Banken dazu bewegen, dass sie sich bei der Entgegennahme von Geldern aus dem Ausland eine gewisse Zurückhaltung auferlegten. Bei Wahrung der Geldparität drohten die inflationären Preissteigerungen im Ausland auch auf das inländische Preisniveau überzugreifen; die Inflation in der Schweiz betrug zeitweise bis 10% pro Jahr. Mit Polizeimassnahmen auf Grundlage von dringlichen Bundesbeschlüssen – auch im Bereich von Währung und Kredit – versuchte man Mitte der 60er und Anfang der 70er Jahre die Konjunkturüberhitzung zu dämpfen; für ausländische Gelder wurde zeitweise ein Verzinsungsverbot oder sogar die Erhebung eines Negativzinses verfügt. Als 1973 der Ölpreisschock die Weltwirtschaft traf, wirkten die Konjunkturmassnahmen prozyklisch und bescherten der Schweiz einen heftigeren Wachstumseinbruch als in der Krisenzeit der 30er Jahre. Der Produktionsrückgang war markanter als in allen OECD-Staaten und es gingen 300 000 oder 10 Prozent aller Arbeitsplätze verloren. Wir spürten allerdings nicht so viel von diesem massiven Einbruch, weil wir die Arbeitslosigkeit zu einem grossen Teil exportierten und 200 000 Fremdarbeiter nach Hause schickten.
Flexible Wechselkurse
Das Dogma fixer Wechselkurse beschränkte zwar die Handlungsmöglichkeiten der Wirtschaftspolitik, aber man darf nicht vergessen, dass es sich bei unterbewertetem Franken für gewisse Interessen durchaus auch bezahlt machte: Die Exporte blieben für das Ausland erschwinglich, der Binnenmarkt war geschützt vor Importkonkurrenz und die Banken zogen Gewinn aus dem Devisenhandel. Erst der Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods 1971 und der Übergang 1973 zu flexiblen Wechselkursen erlaubten eine eigenständige Geldpolitik der Schweiz. Das am Dollar respektive am Gold fixierte Bretton-Woods-System scheiterte, weil die Amerikaner – schon damals – über ihren Verhältnissen lebten und im Zeichen des Vietnamkrieges die Goldparität des Dollars aufgeben mussten. Der – in späterem Lichte – historische Entscheid der Schweiz, den serbelnden Dollar (vorläufig) nicht mehr zu stützen, wurde in der Absicht gefällt, bald wieder zur Goldparität zurückzukehren. Weil aber andere Zentralbanken dem Beispiel der Schweizerischen Nationalbank SNB folgten und nicht mehr zu fixen Kursen wechseln wollten, wurde Fritz Leutwiler, damals noch Leiter des federführenden Departements III der SNB und zusammen mit Bundesrat Celio für den Entscheid verantwortlich, fast wie durch Zufall zu einer nationalen und internationalen Lichtgestalt des Floatings.
Dabei hatte ausgerechnet Leutwiler als junger Mann die 1951 hochkant verworfene Freigeldinitiative an vorderster Front bekämpft, die eine Geldmengensteuerung für den Franken verlangte und damit einen proto-monetaristischen Kern aufwies. Ab 1975 versuchte dann die Nationalbank unter Leutwilers Führung und insgesamt mit einigem Erfolg, die Kaufkraft des Frankens über eine aktive Geldmengensteuerung zu erhalten. Sie folgte der monetaristischen Auffassung, dass die Preise nur dann stabil gehalten werden können, wenn sich Geldmenge und Realwirtschaft parallel entwickeln. Die Nationalbank bestimmte entsprechend ihren Wirtschaftsprognosen jährlich ein Geldmengenziel, das sie vor allem mit Devisenkäufen und -verkäufen zu erreichen suchte. Als Gegenpartei für diese riesigen Transaktionen in mehrstelliger Millionenhöhe boten sich die Grossbanken an, die so an der Geldpolitik mitverdienen konnten. Das Floating wurde unter Leutwiler nicht stur nach dem Lehrbuch, sondern mit einer pragmatischen Politik gehandhabt: Industrielle Interessen und Arbeitsplätze nicht ganz aus den Augen verlierend, liess sich als primäres Ziel die Binnenteuerung in Grenzen halten, ohne den Aussenwert des Frankens in exportgefährdende Höhen zu treiben. Die Schweiz konnte mit dieser ausgewogenen und allseits akzeptierten Politik das währungspolitische Chaos der frühen Nachkriegsjahrzehnte weitgehend überwinden, was nicht zuletzt ihrem aufstrebenden Finanzplatz sehr zugute kam.
Und wieder wurde unsere Währung zum attraktiven Hort für Gelder, die vor hohen Inflations- und Steuerraten anderer Länder in sichere Schweizer Häfen flüchteten. Bei solchen Geschäften wurde teils auch unlautere Hilfe von Schweizer Banken in Anspruch genommen. Einige Skandale – namentlich die 1977 ruchbar gewordenen illegalen Transaktionen italienischer Fluchtgelder nach Lichtenstein durch die Filiale Chiasso der Schweizerischen Kreditanstalt – gaben zu Befürchtungen Anlass, die gesetzlichen Regelungen und die Führung der Grossbanken seien der sprunghaften Expansion des Finanzsektors nicht mehr gewachsen. Solche Befürchtungen wurden auch durch den raschen Anstieg der ausserhalb der Bankbilanzen im Namen der Bank, aber auf Rechnung des Kunden getätigten Treuhandgeschäfte geschürt; diese von der ausländischen Kundschaft sehr geschätzte schweizerische Spezialität, nicht der Verrechnungssteuer unterliegend, aber vom Bankgeheimnis geschützt, war in den 1970er Jahren von praktisch null auf gut 120 Milliarden Franken gewachsen. Es gab wohl keine international tätigen Financiers, aber auch kaum einen Diktator, die sich der streng vertraulichen Dienste von Schweizer Banken nicht bedient hätten. Der Finanzplatz Schweiz kam zusätzlich immer wieder ins Gerede, weil er zeitweise bis 70 Prozent des internationalen Goldhandels abwickeln und damit auch zuerst das Apartheidsregime Südafrikas, später afrikanische Warlords stützen half.
1978 lancierte die Sozialdemokratische Partei der Schweiz eine Volksinitiative zum Schutz der Bankkunden und zur Kontrolle der Bankenmacht, die über die Lockerung des Bankgeheimnisses insbesondere auch die Steuerhinterziehung und die Hortung von Fluchtgeldern bekämpfen wollte. Die Stimmung im Land war damals gegenüber den Banken recht kritisch, und die Wirtschaft bekam die Bedeutung der Medien für ihre Reputation so richtig zu spüren: Als Chefredaktor der neuen «Tat» inszenierte Roger Schawinski eine professionelle SKAndalisierungskampagne, die das Thema in den Schlagzeilen hielt. Die Finanz institute und ihr Verband reagierten jedoch geschickt mit einer «Vereinbarung über die Sorgfaltspflicht der Banken bei der Entgegennahme von Geldern», und es gelang ihnen mit einer millionenschweren Propaganda, ihr ernsthaft angeschlagenes Image wieder so aufzupolieren, dass die Banken -initiative in der Volksabstimmung 1984 deutlich auf der Strecke blieb. Das Bankgeheimnis war damit für einige Jahre weg von der politischen Traktandenliste. Die Banken hatten eine Art kultureller Hegemonie errungen, gegen die selbst so produktive linke Publizisten wie Jean Ziegler lange vergeblich anschrieben (etwa 1976 mit «Eine Schweiz über jeden Verdacht erhaben» oder 1990 mit «Die Schweiz wäscht weisser», Publikationen, die im Ausland viel erfolgreicher waren).
Wachsende Macht der Grossbanken
Das Schicksal der Bankeninitiative illustriert exemplarisch den wachsenden Einfluss der Banken in der Schweiz. Die grosse Publizität um die Bankskandale war für die Interessen des Finanzplatzes nicht ungefährlich. Linke und religiöse Antikapitalisten, entwicklungspolitische Aktivisten und grüne Wachstumsskeptiker verbanden sich zwar in der «Aktion Finanzplatz Schweiz» zu einer argumentativ starken Lobby. Aber es gelang ihnen nicht, die im Volk vorhandene Empörung in wirtschaftspolitisch glaubwürdige Alternativen umzugiessen, die breitere Schichten hätten überzeugen können. Zudem fanden die Bankinteressen handfeste Unterstützung im politischen System. Bundesrat Ritschard, der sozialdemokratische Finanzminister, gab zwar der Initiative wenig Chancen, wollte sie aber als Druckmittel gebrauchen, um die Aufsicht über die Banken zu verschärfen. Doch seine streng bürgerlichen Verwaltungskader verzögerten in Absprache mit den Wirtschaftsverbänden die geplante Revision des Bankengesetzes, so dass die Initiative ohne einen indirekten Gegenvorschlag zur Abstimmung gebracht werden musste. Kaum war die Initiative vom Tisch, wurde die Gesetzesrevision verwässert und schliesslich begraben; ein Lehrstück in politischer Taktik der «Berner Mechanik».
Ihr hohes Ansehen verdankten die Banken nicht zuletzt vielen PR-Aktionen, von denen mir die Gratisverteilung von SKA-Skimützen am lebendigsten in Erinnerung geblieben ist. Zwischen 1978 und 1983 brachte die Grossbank 800 000 solcher weissrotblauer Strickmützen in Umlauf. Sie waren bei der Jugend äusserst beliebt, wurden aber in den Schulhäusern oft verwechselt, was eine Läuseplage in der ganzen Schweiz zur Folge hatte. Breite Kundenwerbung und ein entsprechendes Marketing hatten zum Ziel, den Banken weitere Kundensegmente im Inland zu erschliessen; für das im Wachsen begriffene lukrative Kommerzgeschäft bildeten Spargelder eine stabile und kostengünstige Refinanzierungsmöglichkeit, weshalb nun auch die Grossbanken das Retailgeschäft förderten.
Bis zu den 1990er Jahren stand die Finanzierung von Projekten der Wirtschaft, das Kommerzgeschäft, im Zentrum der Schweizer Bankinteressen. Nach dem markanten Konjunktureinbruch 1974/75 war der Wettbewerb wesentlich härter geworden, und die Wirtschaft spürte den Veränderungsdruck deutlich. Es begann die hohe Zeit der Beratungsfirmen, die die Wirtschaft mit den immer neusten Managementtrends versorgten. Viele Unternehmen durchliefen radikale Umstrukturierungen und liessen sich dabei mehr oder weniger freiwillig von den mächtigen Grossbanken begleiten, die in fast allen wichtigen Verwaltungsräten Einsitz nahmen. In diesen Jahren blühte das «old boys’ network»; man kannte sich recht gut auf den Teppichetagen, wo der Markt mit Kartellabsprachen in geordnete Bahnen gelenkt werden konnte. Nicht die kurzfristigen Gewinne am Markt, sondern die langfristig produktiven Investitionen standen im Vordergrund. Diesem Zweck diente die Beziehungspflege zwischen Unternehmungen und ihren «Hausbanken». Auch Insidergeschäfte waren damals noch nicht verpönt und dienten oft zur Aufbesserung der keineswegs exorbitanten Managementgehälter. Erst 1989/90 wurden die Schweizer Banken aufgrund einer Intervention der Kartellkommission gezwungen, ihr Zinskartell und andere den Wettbewerb behindernde Absprachen aufzuheben.
Kein Zweifel: Die Finanzwirtschaft und insbesondere die Grossbanken haben zu einer gewissen Öffnung und zur Modernisierung der Schweiz seit den mittleren 1960er Jahren Wesentliches beigetragen. So nahmen sie zum Beispiel bei der Umstellung auf EDV eine Pionierrolle wahr. Auf dem Arbeitsmarkt galten sie als äusserst attraktiv, selbst für die anspruchsvolle 68er-Wohlstandsgeneration. In Führungs- und Organisationsfragen, bei den Arbeitsbedingungen und namentlich in der Aus- und Weiterbildung ihres Personals setzten sie Massstäbe, nachdem noch bis in die 60er Jahre eher bürokratische Verkrustungen vorgeherrscht hatten.
Deutlich kann ich mich an den Sommer 1966 erinnern: Während meiner ersten langen Semesterferien durfte ich in der Kontokorrentabteilung der SKA Zürich ein Zubrot verdienen. Obwohl damals gerade ein Verarbeitungssystem mit Lochkarten eingeführt wurde, prägten immer noch gespitzte Bleistifte und Ärmelschoner (im wörtlichen Sinne!), sture Routine und strengste Hierarchie den Arbeitsstil. Die «Bankbeamten», wie sie zu jener Zeit immer noch hiessen, unterschieden sich kaum von Staatsbeamten, ausser dass sie in den Pausen vor allem über Geld redeten und mehrmals täglich die Börsen- und Devisenkurse konsultierten. Wenige Jahre später hat sich das Bild stark verändert: Mit prunkvollen Neuund stilsicheren Umbauten sind die Bankgebäude zu den eigentlichen Tempeln des modernen Kapitalismus geworden, bevölkert von modernen Menschen, die – englisch sprechend – klassische Eleganz mit trendiger Mode, Engagement und Stress mit persönlicher Coolness zu verbinden suchen.
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