Kitabı oku: «100.000 Schritte zum Glück»


Wandern in der einsamen Berglandschaft oberhalb von Nawarpani
Inhalt
Prolog
Respekt Heimat ist auch ein Gefühl
Demut Pures Glück der Einsamkeit
Einfachheit Normalität gibt Halt
Gelassenheit Die Erwartungen senken
Glauben Wenn Pflicht schwerer wiegt als Trauer
Achtsamkeit Unbeschwerter Weg zum Glück
Traditionen Übernatürlichen Kräften vertrauen
Lebensweisheiten Mit alten Rezepten neue Zeiten meistern
Zufriedenheit Beschäftigung zur inneren Balance
Gemeinschaft Was das Leben zusammenhält
Kraftquellen Materieller Besitz kennt keinen Wert
Loslassen Zu viel Nachdenken führt zur Verwirrung
Einklang Lust und Last der Einfachheit
Epilog
Anhang

Traditionalist – Schneider Karma Tsering gehört zu den Alten in Bhijer. Bevorzugter Arbeitsplatz: das Dach seines Hauses mit den Bergen im Rücken und der Sonne auf der Nadel.
Prolog
Die Sonne stand noch hoch über den Bergen im Westen. Der Schnee leuchtete auf dem fernen, mächtigen Kanjirowa, der weder Sommer noch Winter kennt, nur ewiges Eis.
Es gab keinen Grund zur Eile für Karma Tsering, den im Dorf alle nur Kartse nannten. Noch hatte er genug Zeit, um mit seinem besten Freund Karma Dhondup Gurung auf dem Dach des uralten Steinhauses zu sitzen, wie sie es im Sommer oft taten, wenn sie ihrer Arbeit als Schneider nachgingen.
Oder sollte er den kurzen Weg zu Tsewang und dessen Bruder einschlagen, auch sie wohnten in der Nähe. Die beiden »Unberührbaren« gehörten der Dalit-Kaste an und wurden deshalb im Dorf missachtet – vielleicht mochte Kartse sie deshalb besonders. Und sie erinnerten ihn an seine eigene schwere Jugend. Er wusste, wie sich Ablehnung anfühlte.
Doch an diesem Nachmittag wollte er nur allein mit sich und in seiner Welt sein. Er wollte in aller Ruhe weiter warten, so wie er es bereits seit Tagen jeden Nachmittag tat. Also machte er sich ohne Halt, ohne jedes weitere Wort auf zum Hang hinter dem Fluss. Zu seinem Platz.
Auf dem Weg lag die Luwa, die Quelle, aus der er jeden Morgen das Opferwasser holte, auch wenn er im Winter das Eis erst aufhacken musste. Bis zur schmalen Holzbrücke über den Fluss, gespeist durch das Wasser des heiligen Berges Mukporong, waren es nur ein paar Schritte. Einen Moment des Innehaltens gönnte er sich, einen Blick den Hang hinauf, der still und menschenleer vor ihm lag.
Kartse atmete tief, sprach aus Dankbarkeit ein Gebet und spürte: Die Götter standen ihm bei. Auf die Frage, ob er glücklich sei, antwortete er stets mit den Worten seines Herzens: »Wir haben genug zu essen, wir haben genug zum Anziehen – warum sollten wir nicht glücklich sein?«
Zum wahren Glück brauchten er und seine Familie nicht viel. Doch selbst das Wenige wollte nicht oft bei ihnen verweilen. War aber Zuversicht ein rares Gut, lud er einen hohen Lama ein. Tagelang beteten sie, rezitierten Puja-Texte und gewannen so die Hoffnung, dass das Leben langsam wieder ins Lot kam. Sie hatten genug Gründe fürs Gebet, denn das Glück zeigte sich zumeist von seiner flüchtigen Seite. Seit seiner Kindheit entstellte eine Lähmung sein Gesicht. Wie oft war er deshalb verspottet worden. Auch forderten Lepra und Tuberkulose seine ganze Kraft. Später wollten eifersüchtige Nachbarn ihn aus seiner Heimat vertreiben.
Kartse heiratete Nachok Gurung, die eine Tagesreise entfernt in Pho zu Hause war. Elf Kinder zählte im Laufe der Jahre die gemeinsame Familie. Er arbeitete hart für ihr Überleben, Tag für Tag. Was aber war der Lohn der Mühsal? Als eine seiner Töchter, einst beim Melken der Ziegen von Nachok zur Welt gebracht, nur eineinhalb Jahre lebte, erklärte man sie für tot.
Doch die Götter erhörten seine Gebete. Sie überlebte. Mehr als zwanzig karge Jahre waren seither ins Land gegangen. Kartse kannte den Wert eines Lebens. Er wusste, dass sich der Schmerz der Trauer auch nach dieser langen Zeit noch immer wie ein schwarzer Schatten auf seine Seele legen konnte. Deshalb empfand er für jeden Moment des Glückes große Dankbarkeit. Denn seine Tochter lebte noch, wenn auch fern der Heimat.
Kartse setzte sich wie gewohnt auf den großen Stein. Von hier hatte er einen Blick über das Dorf und vor allem auf den Berg. Aus einer kleinen, derben Wolltasche holte er eine Tasse mit Yakbuttertee hervor. Verknetete ihn mit ein wenig Tsampa zu einem Brei und strich sich mit den Fingern der linken Hand eine Portion in den weit geöffneten Mund. Besser konnte Heimat, besser konnte Upper Dolpo nicht schmecken.
Kartse hatte Yaks, Pferde und Weideland geerbt. Doch etwas anderes besaß für ihn viel größeren Wert. Sein Adoptivvater, ein streng religiöser Bauer, hatte ihm seinen Lotho vermacht, den tibetischen Kalender. Das Buch, dessen Alter niemand kannte, aber dessen Kraft jeder im Dorf aufs Ehrfürchtigste respektierte, war ausgerichtet an den Mondphasen und bestimmte den Tag für die Ernte, für Heirat, Himmelsbestattungen, Namensgebungen und Heilungen. Eigentlich bestimmte der Lotho jeden Schritt im Alltag. Und ein Leben ohne Lotho konnte sich niemand vorstellen.
Seit Jahrzehnten nutzte Kartse diesen Lotho, ergänzt durch eigene Beobachtungen, auch um das Wetter vorherzusagen. Er musste nicht den Himmel anschauen und wusste doch, wie das Wetter werden würde, es stand in seinem Buch – und er irrte sich nur selten, weil sich sein Lotho nur sehr selten irrte.
Er trank noch einen Schluck Yakbuttertee. Eile war nicht vonnöten. Geduld war gefragt, denn der Lotho hatte ihm schlechtes, sehr schlechtes Wetter vorausgesagt. Über den Bergen im Süden hingen tiefschwarze Wolken. In all den Tagen, die er bereits den Nachmittag über hier wartete, hatte niemand den Weg von Shey Gompa bis hoch hinauf zum Bergsattel geschafft. Er wusste, dass schwerer Regen im Süden niedergegangen war, dass Wege blockiert und Menschen in Gefahr sein konnten.
Kartse nahm seine Thaenga aus der Manteltasche, ließ die Kugeln der Gebetskette durch seine Finger gleiten. Er vertraute der Stärke der Gebete. Er fühlte, dass deren Kraft in diesen Tagen gebraucht wurde.
Es blieb still am Berghang. Als die Sonne verschwand, packte der Schneider seine wenigen Sachen, ging hinunter zum Fluss und dann hinauf zum Haus, wo Nachok Gurung in der Küche schlief.
Morgen begann ein neuer Tag. Und am Nachmittag würde Karma Tsering wieder warten. Nicht allein, sondern mit den Göttern, die ihm Geduld und Zuversicht schenkten.
Draußen zogen schwere, dunkle Regenwolken auf. Aber der Schneider musste nicht hinausschauen.

Familiärer Mittelpunkt – die Küche, mit dem gusseisernen Ofen in der Mitte, bildet neben dem Hausalter den wichtigsten Raum in einem Haus der Dolpo-pa – auch für Karma Tsering.
Respekt
Von Juphal nach Shyangta


Morgenandacht – viele Dolpo-pa überwintern in Kathmandu und beginnen zu dieser Zeit traditionell den Tag mit Kora-Umrundungen des Stupas von Boudha – einem ihrer wichtigsten Heiligtümer.
Heimat ist auch ein Gefühl
Flug SMA181 landet pünktlich um 9.10 Uhr in Juphal – allerdings mit genau einem Tag Verspätung. Schlechtes Wetter gilt als Grund. Die Enttäuschung hält sich dennoch in Grenzen. Nur vier Passagiere sind an Bord der nepalesischen Summit Air. Eine junge Frau steigt als Letzte aus. Sie klingt zufrieden: »Ich bin auch schon einmal eine Woche später angekommen.«
Wer sich auf den Weg an »das Ende der Welt« macht, der sollte wissen, dass es keine gute Idee ist, pünktlich zum Abendessen zu Hause sein zu wollen. Auch kann Google Maps dort nicht helfen, wo es keine Straßen gibt, sondern nur Berg und Tal soweit das Auge reicht. Für dieses Ziel gilt nur ein Versprechen: täglich neue Abenteuer in unbekanntem Terrain – welch seltenes Glück des Unterwegsseins. Eine Entdeckungsreise auf der Suche nach dem Glück liegt vor mir und nach Zufriedenheit in turbulenten Zeiten, zu Landschaften und Menschen – und vielleicht auch ein Stück zu mir selbst.
Mit der Landebahn von Juphal, vor gut dreißig Jahren in die Landschaft geschlagen und erst jüngst durch eine Asphaltierung von der Liste der weltweit gefährlichsten Flugfelder gestrichen, habe ich eine erste Zwischenstation erreicht. Bis zum Ziel werden es, so meine vorsichtige Planung, noch fünf Wandertage sein. Auf dem Weg dorthin sind drei Pässe mit mehr als 5000 Metern Höhe zu überqueren.
Die Maschine der Summit Air hebt schon nach wenigen Minuten zum Rückflug nach Nepalgunj ab. Wenn alles gut geht und das Wetter stabil bleibt, landet der gleiche Flieger in knapp drei Stunden noch einmal hier. Sicher ist die Rückkehr nicht – und das liegt nicht nur an den Unwägbarkeiten der Meteorologie: Fliegen in Nepal birgt immer ein hohes Risiko und Summit Air hat seinen Anteil daran.
In Juphal ist mit dem Abheben der Maschine die Verbindung zur Außenwelt gekappt, Einsamkeit und Ruhe sind wiederhergestellt. Es gibt keine Eile, also bestelle ich im wohl besten, weil einzigen Restaurant im Hotel Mount Putha Dal Bhat, das nepalesische Nationalgericht aus Reis, Linsen sowie einer sauren Gemüsebeilage – für drei Personen. Denn ich bin nicht allein unterwegs, Tsering Sumjok und Samdup Gurung begleiten mich.
Vor zwei Jahren habe ich meinen ganz persönlichen Eindruck vom Himalaya gewonnen, dem »Sitz der Götter« und der »Wohnstätte des Schnees«. Ich bin auf dem Great Himalaya Trail von Kanchenjunga im Osten nach Darchula im Westen einmal quer durch Nepal gelaufen: insgesamt 1864 Kilometer in 87 Tagen, davon fast 100 000 Höhenmeter bergauf.
Facettenreicher kann man den Himalaya in Nepal kaum entdecken: Mal ragte der Makalu mit seinen 8481 Metern am Horizont auf, wenig später schwitzte ich in den Reisfeldern des Tieflandes bei über 30 Grad. Dann stand ich am Fuße des Mount Everests, in dessen Schatten ein Schneesturm auf dem Tashi-Labsta-Pass fast das Ende meines Abenteuers erzwang, bevor in Langtang der Monsun mit Regenmassen und Unmengen von Blutegeln das Weiterkommen erschwerte. Dafür konnte ich am Manaslu die Stille genießen und eine Landschaft, deren berauschende Vielfalt sich kaum in Worte fassen lässt. Upper Mustang lässt mich nach der schon so touristischen Annapurna-Runde wieder tief in die tibetische Tradition eintauchen. Und in The Far West bewegten mich die Einsamkeit und die beeindruckende Freundlichkeit der Bewohner, die nur selten Ausländer willkommen heißen können.
Zugleich lernte ich die Probleme und Ängste der Bergvölker kennen, die seit Generationen einem unwirtlichen Leben am Berg – zumeist erfolgreich – trotzen. Doch bedingt durch Klimawandel und Zivilisation trägt der Himalaya vielerorts ein gar nicht mehr so fernes Verfallsdatum, konnte ich erkennen.
Am lebhaftesten aber blieb mir die Durchquerung von Upper Dolpo in Erinnerung. In sieben Tagen legte ich mit drei befreundeten Sherpas fast 180 Kilometer in totaler Einsamkeit zurück. Sechsmal steigt der Trail in dieser kurzen Zeit auf über 5000 Meter Höhe. Trotz der enormen Anstrengung: Upper Dolpo war die Krönung meines Laufs auf dem Great Himalaya Trail.
Monate nach meiner Rückkehr, ich schrieb in München die letzten Kapitel an einem Buch über das Abenteuer, erhielt ich eines Nachts eine E-Mail: »Upper Dolpo ist meine Heimat, aber ich lebe schon lange in Kathmandu. Ich habe Heimweh, doch eine Reise ist für mich unmöglich. Wir sind eine arme Bauernfamilie. Mit Ihren Fotos fühle ich mich meiner Familie, die ich seit vielen Jahren nicht gesehen habe, so nahe. Danke.«

Lauf-Abenteuer – der Autor lief 1864 Kilometer auf dem Great Himalaya Trail durch Nepal. Schönster Abstecher: durch die Berge von Upper Mustang, um Lo Manthang zu erreichen.
Später komme ich in Kontakt mit der Schreiberin und treffe die junge Frau zweimal in Kathmandu. Ihr Name: Tsering Sumjok. Bei unserem letzten Treffen verspreche ich ihr: »Ich lade dich ein! Wir reisen zusammen in deine Heimat.« Heute ist es soweit: Wir sitzen zusammen beim Dal Bhat in Juphal. Herrlich.
Ich habe einen weiteren Begleiter gefunden: Samdup Gurung, einen jungen Design- und Kunst-Studenten, den ich durch Zufall in einem Café in Kathmandu kennengelernt habe. Er gefällt mir sofort. Der 21-Jährige kommt aus Upper Mustang, wo seine Eltern schon früh verstarben, hält sich mit einer Art kreativem Wahnsinn halbwegs in der Hauptstadt »über Wasser«, zeigt sich extrem freundlich und kommunikativ, spricht gutes Tibetisch und begegnet, wie sich später besonders zeigen wird, älteren Menschen und ihren Traditionen mit höchstem Respekt. Er kann seine tibetische Kindheit nicht verbergen, zum Glück!

Monsun-Grün – tief unterhalb von Juphal führt die neue Straße Richtung Dunai. Die Moderne scheint angekommen, Fahrzeuge sind aber noch eine Seltenheit.
Wenn alles läuft wie geplant, wird Tsering auf dem zweiten Teil meiner Reise nicht mehr mit uns unterwegs sein, umso mehr brauche ich einen zuverlässigen einheimischen Begleiter. Samdup ist die beste Wahl, ohne Zweifel. »Diese Reise wird mich an meine Heimat Upper Mustang erinnern. Ich liebe es so sehr, in den Bergen unterwegs zu sein«, freut sich der Mustangi – und keinerlei Zweifel sind angebracht.
Während wir auf das Essen warten, gelingt es mir, drei Träger anzuheuern, die hinter einem Zaun, der Flugfeld und Ziegenwiese notdürftig voneinander trennt, auf Arbeit warten. Es sind junge Burschen aus dem tieferen und somit milderen Gebiet Rukum, die in den Sommermonaten als Tagelöhner in den Höhenlagen von Upper Dolpo Arbeit suchen. In der Regel verdienen sie nicht viel. Ich versuche, eine Ausnahme zu machen, daher einigen wir uns schnell auf einen Lohn für zwei Tage Arbeit, denn wir planen, in Ringmo Tserings Schwester zu treffen. Pferde werden dann unser Gepäck über die drei 5000er-Pässe schleppen. Für den weiteren Aufstieg erscheinen mir die drei Träger, die aus derselben Familie stammen und sich deshalb mit ihrem Verwandtschaftsgrad ansprechen, nur bedingt gerüstet. Das wird schon beim Blick auf ihr Schuhwerk klar: Sie alle tragen zerschlissene Sandalen.
Der Dal Bhat kommt auf den typischen, vierteiligen Metalltellern, die in ganz Nepal fester Bestandteil des Alltags sind. Wir sitzen zu dritt an einem runden, wetterschiefen Holztisch, von draußen dringt beständig schwülheiße Luft durch die offenen Fenster. Noch immer hat der Monsun das Tal fest im Griff. Es sieht nach Regen aus: Ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir uns zügig auf den Weg machen sollten.
Ich zahle das Essen und zwei Thermoskannen heißes Wasser und wir treten vor die Tür. Juphal, am Berghang gelegen, erweist sich als wilde Ansammlung von Bretterhütten und Verkaufsbuden. Unten im Tal führt eine Schotterpiste am mächtigen Thuli-Bheri-Fluss entlang und verschwindet in östlicher Richtung am Horizont hinter einer Kuppe.
Dort muss in nicht allzu weiter Ferne Dunai liegen, die »Hauptstadt« und der Verwaltungssitz für ganz Dolpo, immerhin der größte der 77 Distrikte Nepals. Er gliedert sich in zwei Teile: Lower Dolpo ist vergleichsweise dicht besiedelt und – nach nepalesischen Maßstäben – einigermaßen entschlossen. Seine Bewohner sind zu über 80 Prozent hinduistisch geprägt. Unser Ziel dagegen ist Upper Dolpo. Fast so groß wie das Saarland, aber nur von 6000 bis 8000 Menschen bewohnt, vereint der Distrikt so viele Superlative von der nepalesischen Negativliste auf sich, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Naturgewalt – nach heftigen Monsunschauern haben Wassermassen die Brücken über den Sulighat als Treibholz ins Tal hinuntergespült.
Upper Dolpo ist eine der einsamsten und unzugänglichsten Regionen des Landes und liegt zu rund 90 Prozent 3800 Meter über dem Meer. Die Bewohner, die sogenannten Dolpo-pa, gehören zu den bedrohten Völkern und waren bis vor Kurzem quasi von der Außenwelt abgeschnitten. Eine Tatsache, der es zu verdanken ist, dass sich hier eine der ursprünglichsten Lebensformen des gesamten Himalayas ebenso erhalten hat wie ein sehr traditionelles tibetisches Religionsverständnis.
Dem »Abgeschnittensein von der Außenwelt« ist es aber auch geschuldet, dass es keine Krankenhäuser, kein entwickeltes Bildungssystem und keine ausreichende Versorgung mit Lebensmitteln gibt, dafür aber zahllose Krankheiten, eine hohe Kindersterblichkeit, kaum Kommunikationsmöglichkeiten, keine Stromverbindungen und – neben der Mangelernährung – in den harten Wintern nicht selten Hungersnöte.

Erschwerte Orientierung – Erdrutsche und Schlammlawinen säumen das Flussufer des Sulighat am Morgen.
Die Wurzeln der Region lassen sich bis ins 7. Jahrhundert zurückverfolgen, als das heutige Upper Dolpo zum alten, sagenumwobenen Königreich Zhangzhung (tibet. Xang Xung) gehörte. Die Bön-Religion (engl. Bon) ist hier seit Menschengedenken wichtigster Eckpfeiler des Lebens. Der ursprünglich aus dem tibetischen Norden stammende, noch heute praktizierte Glaube ist primär animistisch geprägt und bezieht seine Kraft aus einer engen Verbindung zur Natur und zur Einsamkeit. Zu Upper Dolpo passt es genau, dass Bön häufig auch mit »Leere« oder »Einsamkeit« übersetzt wird. »Für uns Tibeter ist Bön die ursprüngliche Religion und die kulturelle Tradition unserer Vorfahren, die das tibetische Leben in vielen Aspekten geprägt hat», so Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama über Bön, die heute vielen als die älteste lebendige Religion der Jetztzeit gilt.
Magische Kräfte, Schamanen, Geister, Ahnenkult und Dämonen sind von großer Bedeutung und werden oftmals mit Naturphänomenen oder der extremen Landschaft in Verbindung gebracht. Sichtbarer Unterschied zum tibetischen Buddhismus, der erst später aus dem Süden nach Upper Dolpo drang, ist noch heute die Tatsache, dass Bön-Anhänger Heiligtümer und Mani-Wälle, die Anhäufungen von mit heiligen Mantras verzierten Steintafeln, in anderer Richtung als Buddhisten umrunden, also gegen den Uhrzeigersinn. Politisch wurde Upper Dolpo seit jeher in wechselnde Lager verschoben. So erklärten Königreiche wie Tibet, Mustang oder Jumla ihre Ansprüche, ehe im 19. Jahrhundert Nepal das Gebiet übernahm – eine Regierung, die bis heute vor allem durch ihr Desinteresse an Land und Menschen auffällt.
Offiziell beginnt Upper Dolpo oberhalb einer Linie von Ringmo im Westen und Dho Tarap im Osten. Eine Grenze, die für westliche Alleinreisende einen markanten Unterschied darstellt: Pro Woche sind in Lower Dolpo für Ausländer 10 US-Dollar Gebühr für den Trekking-Permit fällig, in Upper Dolpo sind es jedoch 100 US- Dollar pro Tag. Vielleicht ist dies der Grund, weshalb im gesamten Jahr 2019 nur 430 Ausländer dies Abenteuer wagten, zumal ihnen die Empfehlung mit auf den Weg gegeben wird, unbedingt an Zelte und die komplette Verpflegung zu denken, um möglichst als autarke Selbstversorger unterwegs zu sein. Schließlich gibt es offiziell so gut wie keine Unterkünfte und auch die Einheimischen können kaum von den knappen Nahrungsmitteln etwas erübrigen.
Bei Sulighat – das Taxi ist längst verschwunden, Dunai liegt schon in Sichtweite – beginnt unser Aufstieg. Auf dem Trail nach Shyangta rinnt der Schweiß in Strömen. Die beschlagenen Gläser meiner Brille tauchen die Landschaft in ein milchiges Licht. Dazu kommen Wolken aus kleinen Wassertropfen, die von den tosenden Fluten heraufwirbeln. In einer Waschmaschine mag es nicht wilder zugehen. Gespeist von unzähligen kleinen Zuflüssen, die nach dem tagelangen Monsunregen längst ihre Unschuld verloren haben, ist der Fluss zu einem Strom angeschwollen.
Der Lärm ist ohrenbetäubend. Doch ich genieße diese ersten Stunden des Unterwegsseins. Ich hole den kleinen Abstand zu Tsering auf, die vor mir geht, und rufe ihr gegen den Lärm des Flusses zu: »Wie fühlst du dich?«
»Großartig. Wir sind noch längst nicht am Ziel, aber ich spüre schon jetzt die positive Energie, die einem nur die Heimat geben kann.«
»Was hast du am meisten vermisst in all den Jahren?«
»Die Sommeralmen. Jogurt, Käse, Milch und all die grünen Wiesen. Das Wasser ist so klar und rein. Wir achten die Natur und respektieren sie seit Generationen. Wir streben nicht nach Reichtum, wir streben nach Respekt für unsere Mitmenschen, nach Zufriedenheit und nach Glück. Wir fühlen uns als Gemeinschaft, das macht uns stark – und lässt uns überleben.«
»Das klingt aufregend in der heutigen Zeit, Tsering.«
»Diese Überzeugungen sind die Basis unseres Lebens und unseres Alltags. Aber ich muss dir noch etwas anderes sagen: Diese Reise hat für mich eine ganz besondere persönliche Bedeutung. Sie wird zu einem sehr wichtigen Teil meines Lebens. Aber gedulde dich: Ich werde dir alles über mich erzählen, wenn wir angekommen sind. Jetzt ist noch nicht die Zeit«, lässt mich Tsering im Ungewissen.
Der ausgewaschene Trail zieht sich menschenleer mal enger, mal weiter entfernt am Flussufer entlang. Wir treffen kaum Einheimische. In den wenigen Dörfern wirken die Lehmhäuser verwaist. Niemand, der sich den Gefahren und dem Wetter an diesem Spätnachmittag in der Zeit des Monsuns aussetzen will. Wir spüren den Himmel an den reißenden Ufern des Sulighat feucht auf unserer Haut.
Bei Shyangta, einem kleinen Dorf mit wenigen Häusern, die sich hinter schönen Gärten verstecken, verlassen uns Kraft und Motivation. Wir folgen einem Wegweiser zum Sunita-Hotel, treffen dort auf eine lebensfrohe Gastgeberin. Sunita bietet uns gern Zimmer an, hat aber nicht mit unserem Erscheinen gerechnet. »Warum seid ihr hier heraufgekommen? Am oberen Flusslauf sind Brücken vom Hochwasser weggerissen worden. Es gibt kein Weiterkommen. Auch von oben hat es seit Tagen niemand zu uns herunter geschafft.«
Die Nachricht drückt die Stimmung, die sich auch nicht verbessert, als einige Nachbarn beginnen, unsere weiteren Pläne zu diskutieren. Längst ist klar: Es gibt hier kein Weiterkommen, es muss nur eine Antwort auf die Frage gefunden werden: Tagelang in Shyangta warten oder absteigen, um dann den Umweg über das Tal des Tarap Khola zu versuchen?
An diesem Abend überwiegt die Müdigkeit. Für eine Entscheidung fehlt mir die Kraft. Im Innern hoffe ich, dass sich am Morgen die Lage positiver zeigen wird.
Demut
Von Shyangta nach Dho Tarap


Schlichte Schönheit – die Häuser in Upper Dolpo sind aus grobem Stein gebaut, doch oft überraschen die filigranen Details der niedrigen Eingangstüren.
Pures Glück der Einsamkeit
Über Nacht findet der Regen kein Ende. Ich schlafe unruhig, obwohl ich das Fenster in meinem niedrigen Zimmer schon früh geschlossen habe. Doch der Lärm der tosenden Wassermassen lässt mich lange nicht zur Ruhe kommen.
Müde sitzen wir in der Küche um den gusseisernen Ofen. Es gibt heißes Wasser, ein gekochtes Ei und Reis vom Vortag. Der hart gestampfte Lehmboden strahlt etwas Wärme aus, die Feuchtigkeit in unserer Kleidung bleibt.
Gegen Mitternacht, so erzählt Sunita, seien tatsächlich zwei Einheimische den Berg heruntergekommen. Sie haben die kritische Lage bestätigt: Gleich an drei Stellen sind Brücken weggespült worden und ein Umweg ist kaum möglich. Fest steht, dass der Aufstieg lange nicht mehr machbar sein wird, jedenfalls zu lang für uns. Auch Sunita rät zum Aufbruch, und sie hat ihr ganzes Leben am tobenden Sulighat verbracht. Es bleibe nur die Möglichkeit, den Aufstieg ins Upper Dolpo über die Alternativroute von Tarakot zu versuchen. Ein Umweg, der mindestens drei Wandertage mehr bedeutet.
Ihre Einschätzung bestätigt nur meine Entscheidung, die ich in der Nacht getroffen habe. Als sich auch die Träger bereit erklären, weiter bei uns zu bleiben, gibt es keinen Grund, länger zu warten.
Gegen acht Uhr beginnt der Abstieg. Die Zahl der kleineren Erdrutsche hat im Vergleich zum Vortag deutlich zugenommen. Immer wieder müssen wir ausweichen, um Geröll- und Schlammmassen zu umgehen. Und die »Waschmaschine« Sulighat läuft weiterhin auf höchster Stufe. Der Pegelstand ist über Nacht nochmals angestiegen.
Im tristen Ortszentrum von Dunai, das wir bereits nach gut zwei Stunden durchqueren, reihen sich Gemüsestände, Krämerläden und Friseurstuben aneinander. Uns reicht ein kurzer Stopp in einer heruntergekommenen Teestube. Wenig später setzen wir unseren Weg Richtung Osten fort, kommen schnell voran, sehen aber gegen Mittag schwarze Wolken aufziehen. Dass der Himmel seine Pforten wieder öffnet, stört uns nicht, denn die Kleidung ist noch vom Vortag durchnässt. Das Tal verengt sich, immer steiler werden die Felswände und der Himmel über uns wird immer schmaler. Die drückende Schwüle macht jeden Schritt zur Mühsal, obwohl wir eine Höhe von knapp 2200 Metern erreicht haben. Der Monsun zeigt sich weiterhin von seiner stürmischen Seite. Als der Trail direkt am Ufer des Thuli Beri entlangführt, kommen wir kaum noch voran – bis schließlich ein Weiterkommen unmöglich ist.
Unsere Träger setzen die Lasten auf einem Felsvorsprung ab und diskutieren in ihrem Dialekt lautstark und kontrovers. Ich verstehe kein Wort, doch ihre Mienen verraten, dass Gefahr im Verzug ist. »Einer von uns wird durch den Fluss bis hinter den nächsten Felsvorsprung waten und die Höhe des Wasserstandes prüfen«, erklärt ihr Anführer.
Ich stimme dem Vorschlag zu, denn es bietet sich keine Alternative. Es droht erneut ein Abbruch des Aufstiegs. Der erste Erkundungsgang endet ernüchternd. Sehr reißend sei das Wasser und der unebene Untergrund fast zu unsicher. »Wir würden es trotzdem versuchen, aber du entscheidest«, lautet ihr Kompromiss.
»Los, wir gehen weiter«, antworte ich spontan und überspiele mit der schnellen Antwort meine Unsicherheit. Ein Fehltritt, da gibt es keinen Zweifel, hätte fatale Folgen. Wir müssen uns so eng wie möglich an die Felswand drängen und dürfen auf keinen Fall in den Sog zur Flussmitte geraten, wo die Wassermassen in rasender Geschwindigkeit ins Tal rauschen. Ich warne Samdup und Tsering also, vorsichtig zu sein, und Tsering gesteht leise: »Ich kann nicht schwimmen.«
Zunächst bringen die Träger das Gepäck sicher auf eine etwa 200 Meter entfernte Kiesbank. Dann nehmen sie Tsering an die Hand. »Mach dir keine Sorgen wegen dem Schwimmen, es würde dir hier auch nicht helfen«, flüstere ich als die Gruppe startet und schnell bis knapp unter Brusthöhe im Wasser des Thuli Bheri versinkt.
Der stille Samdup Gurung, dessen Ruhe ich in diesem Moment bewundere, folgt dem Quartett, ich bilde den Schluss. Schritt für Schritt tasten wir uns vorwärts. Vor einem Felsvorsprung, der weiter in den Fluss hineinragt, verlangsamt sich das Tempo. Als Samdup aus meinem Blickfeld verschwindet, bin ich für einen Moment mit dem Fluss allein. Ich schaue talabwärts, wo sich die Wellen aus dunkelgrauem, schlammigem Wasser überschlagen und die Gischt die Sicht trübt. Dass meine Hand blutet, merke ich erst, als ich die gefährlichste Stelle langsam vorantastend passiert habe und mich allmählich der sichereren, felsigen Insel am Rande des Thuli Bheri nähere, wo sich eine durchnässte Tsering und die anderen bereits in Sicherheit befinden.

Kraft des Monsuns – tagelanger Regen hat den Thuli Beri zu einem reißenden Strom anschwellen lassen. Ein Fehltritt würde das Ende der Reise bedeuten.

Unbeschwerter Morgen – der Aufstieg von Nawarpani beginnt im ersten goldenen Sonnenlicht.
Wir haben es geschafft – nach einer guten Stunde. Wir spüren die Nässe nicht, denn wir genießen den Moment und die Gewissheit, unseren Aufstieg zumindest jetzt fortsetzen zu können. Wir sehnen uns danach, Tarakot zu erreichen, unser Ziel für diesen Tag.
Müde, frierend, und doch zufrieden liege ich auf meinem Schlafsack. Vom Balkon vor meinem Zimmer, eigentlich eine Vorratskammer, höre ich das Kreisen einer Gebetsmühle und die leisen Mantras des greisen Hausherrn. Draußen zieht Dunkelheit auf. Ich schlafe erschöpft ein.
Wir sind auf dem Weg, mehr Motivation braucht der neue Morgen nicht. Bei Laisicap strahlt überraschend die Sonne vom fast blauen Himmel, es ist Zeit für die Mittagspause. Im Schatten einer Plastikplane, die die Decke einer baufälligen Hütte, auf die wir stoßen, nur notdürftig ersetzt, steigt die Temperatur rasch in hochsommerliche Bereiche. Von draußen kommt kaum ein Luftzug, dafür hüllt der Rauch des offenen Feuers, auf dem wie üblich Dal Bhat-Reis kocht, den Raum ein.

Gefährlicher Mittag – Stunden später verliert sich der Trail an einer Felswand, die kein Weiterkommen erlaubt und unerwartete Gefahren birgt.
Nur unsere Köchin, eine junge Frau, deren Lachen leicht mit der Lautstärke des nahen Thuli Bheri konkurrieren kann, genießt die Ankunft der seltenen Gäste ausgelassen. Das Kochen des Dal Bhat beschleunigt sich dadurch trotzdem nicht. Wie gewohnt vergehen fast zwei Stunden Warten.
Genug Zeit, dass sich oben in meiner Teetasse eine Schicht toter schwarzer Fliegen so dicht sammelt, bis die Farbe des Tees darunter kaum noch zu erkennen ist. Zur gesundheitlichen Sicherheit greife ich zu meiner fast leeren Wasserflasche und bleibe auch dem verspäteten Dal Bhat fern. Bald dränge ich zum raschen Aufbruch. Der Nachmittag bringt keine weiteren Überraschungen, im Gegensatz zur Nacht, die wir mit fünfzehn weiteren Gästen in einem Großzelt in Nawarpani verbringen.
Dho Tarap (kurz Dho genannt), das Tor ins wirkliche Upper Dolpo, wie die Einheimischen sagen, ist nur noch eine Tagesetappe entfernt. Aber ich hatte ganz offensichtlich die Lektion, in der Abgeschiedenheit niemals zu viele Pläne zu schmieden, noch nicht wirklich gelernt.
Nur gut eine Stunde nach dem Aufbruch von Nawarpani müssen wir feststellen, dass die Wassermassen des Tarap Khola ebenfalls einige Brücken weit hinunter ins Tal gespült haben. Sie liegen als Treibholz im Flussbett. Diesmal bedarf es keiner Diskussionen: Jede notwendige Querung der reißenden Wassermassen ist unmöglich. Also suchen wir gleich nach einer Alternative – und finden sie in Gestalt einer jungen Frau, die uns euphorisch und überzeugend eine Abkürzung durch die Berge empfiehlt. »So könnt ihr heute Nacht in Toltol schlafen«, verspricht sie. Von dort wäre es leicht, am nächsten Tag in Dho anzukommen.
Wir folgen ihr hoffnungsvoll in die Berge und kommen gut voran. Den Fluss erkenne ich bereits weit unter uns. Doch plötzlich ragt eine schroffe Felswand steil auf, durch die kein Weg zu erkennen ist. In der allgemeinen Ratlosigkeit sucht jeder für sich nach einer eigenen Route. Ich treffe die falsche Wahl, versteige mich knapp unter dem Bergsattel und verliere an einem zu glatten Felsvorsprung den Halt.
Es sind Bruchteile von Sekunden, in denen mir klar wird, mein Dolpo-Abenteuer (und vielleicht sogar noch mehr) könnte in diesem Augenblick ein vorzeitiges Ende finden. Doch geistesgegenwärtig stellt einer der Träger, sonst eher still und zurückhaltend, seinen Fuß vor den Felsvorsprung, schiebt seine abgetretene Sandale unter meine Schuhsohle und gibt mir für einen Moment Halt, den ich blitzschnell nutze, während ich mich gleichzeitig an einem niedrigen Wacholderbusch festhalte. Ich schaue in einen Abgrund, der tief genug ist für einen unglücklichen Ausgang. Ich höre Tsering aufschreien und kaum später das Aufatmen der Träger: Ich bin in Sicherheit, aber auch an diesem Umweg sind wir gescheitert.
Abends am Feuer, erneut in Nawarpani, herrscht Stille. »Wir dachten, du stirbst«, sind sich alle einig. Selbst unsere einheimische Begleitung stimmt leise zu – ich kann nicht widersprechen, weil ich mich kaum an Details erinnern kann. Mir stehen Tränen in den Augen.
Wieder ist eine Alternative gefragt und wir entscheiden uns für den langen, aber hoffentlich sicheren Weg durch das Hinterland. Zwei Tage lang passieren wir steile Hänge, laufen über sanfte, mit Blumen übersäte Bergwiesen. Die Natur zeigt sich in einer berauschenden Vielfalt, umgeben von einer fast schon beängstigenden Einsamkeit. Es ist eine wundervolle Wanderung. Nicht nur auf Tserings Gesicht kann ich in diesen Momenten eine überwältigende Zufriedenheit erkennen. Wahrscheinlich wandere ich als seit Jahren erster Ausländer über diese abgelegenen Wiesen. Ein Blick auf die Landkarte? Zwecklos, dieser Trail ist nirgendwo verzeichnet.
Kurz vor einer Passhöhe sehen wir am Horizont einen Hirten mit seiner Schafherde ziehen. Aus der Ferne dringen seine Pfiffe herüber, mit denen er die Hunde dirigiert, dann kommt der Schäfer näher. Die Verwunderung, hier in der Einsamkeit auf Fremde zu treffen, hat seine Neugierde geweckt – oder vielleicht ist es auch nur die Hoffnung auf eine Zigarette, die wir ihm anbieten können.
Auf seinen Wanderstab gestützt, hockt er vor uns auf der Wiese, die in Rosa leuchtet. Überall blüht dicht an dicht der Wiesenknöterich. »Manchmal sehe ich Amchis, unsere traditionellen Ärzte, in dieser Gegend, die die Blüten und ihre Wurzeln sammeln. Sie nennen die Blume Menlo« – er benutzt den tibetischen Namen und erzählt, sie helfe bei Lungenproblemen und Darmstörungen, doch seine Miene verrät Skepsis. Für ihn dienen die Almen offensichtlich zuallererst als satte Hänge zum Grasen für seine fast zweihundert Schafe. »Ich bin am liebsten allein mit meinen Tieren und dem Himmel«, sagt er zum Abschied. Doch dieser Worte hätte es nicht bedurft, denn seine Freude über die Einsamkeit ist unverkennbar. Bevor der Hirte Richtung Herde verschwindet, dreht er sich noch einmal um und ruft laut: »Danke für die Zigarette!« Wir lachen, er strahlt zufrieden und geht kraftvollen Schrittes in seine Welt zurück – eine Welt ohne den Fremden und ohne die Fragen nach Menlo.
Unsere Zelte stehen in dieser Nacht in einer Talsenke unter einem bedrohlich überhängenden Felsen, während weit entfernt in der Tiefe der Tarap Khola tobt. Am nächsten Morgen kommt eine Mulikarawane zügig den Berghang hinauf. Ihr Anführer erzählt, auch sie habe der tosende Fluss in die Berge des Kirlung Danda gezwungen, aber wir sollten beruhigt sein. »Ihr seid auf dem richtigen Weg, nun geht es bergab und in einer guten Stunde seht ihr den Trail nach Dho.«
Und wirklich taucht schon bald oberhalb von Sisaul unsere ursprüngliche Route am Horizont auf. In Langa Camp essen wir mit Genuss und Heißhunger chinesische Instantsuppen. Wir stoppen nur kurz, denn die Atmosphäre in diesem typischen Sommerlager, das vor allem Reisenden die Möglichkeit für eine Rast bietet, bildet einen krassen Gegensatz zu dem, was wir in den vergangenen beiden Tagen erlebt haben: Hier flimmern ohne Unterbrechung lautstark Bollywood-Musikvideos über den Bildschirm, während meine Gedanken noch ganz in den einsamen Bergen und beim glücklichen Schäfer und seiner Herde sind. Ich sehe das zufriedene Gesicht des alten Mannes vor mir, wie er in stiller Nacht allein auf einer Almwiese liegt. Vielleicht denkt er dabei an die Fremden, denen er begegnet ist, und wünscht sich, noch einmal mit ihnen zusammen zu sein – denn es wäre seine Chance auf eine weitere Zigarette. Ich halte es für sehr gut möglich – und schlafe kurz ein.
Als ich vor das dunkle Videozelt trete, strahlt die Sonne über dem felsigen Tal. Der Tarap Khola wirkt heuchlerisch friedlich, dabei hat dieser verdammte Fluss uns den Aufstieg so unglaublich schwer gemacht.
Doch jetzt zieht sich das Tal sanft hügelan. Nach knapp zwei Stunden liegt Dho im Blickfeld, oben am Hang überragt von der berühmten Ribo Bhumpa Gompa, in der ich schon lange auf eine Verabredung mit dem verantwortlichen Rinpoche hoffe. Allein, der Aufstieg gerät erneut ins Stocken – aus einem inzwischen seltenen, traditionellen Grund: Auf dem schmalen Trail am Fluss kommt langsam eine Yak-Karawane näher. Elf vollbepackte Tiere laufen voraus, gefolgt von einer vierköpfigen Familie.
»Wo kommt ihr her?«
»Natürlich aus Tibet. Wir sind vor zwei Tagen gestartet. Die Zeit des Handels ist vorbei. Die Grenze ist wieder geschlossen. Aber es war sowieso kein gutes Geschäft. Jetzt ziehen wir runter ins Tal. Wir sind spät dran. Wir müssen weiter. Tashi Delek.«
Sie wünschen »Viel Glück« und »Wohlergehen«, dabei könnten sie diese Wünsche selbst gut gebrauchen, denn inzwischen gehören solche Yak-Karawanen zu den letzten ihrer Art. Über Jahrhunderte bildete der Handel mit den tibetischen Nomaden das wirtschaftliche Rückgrat für ganz Dolpo. Die Dolpo-pa transportierten Getreide und Reis aus dem Süden Nepals auf das »Dach der Welt« und nahmen dafür auf dem Rückweg tibetisches Steinsalz mit in die Heimat. Dieser Handel hatte einen doppelten Effekt: Er garantierte eine regelmäßige Einnahmequelle und ergänzte zugleich den kargen Speiseplan.
Doch dann änderten sich die Zeiten: Subventioniertes Salz aus Indien, wenn auch von schlechterer Qualität, löste die Tibetware ab. Bald gab es den nächsten Rückschlag fürs Geschäft: Der Handel mit Yasarghumba, einem Raupenpilz, den die Dolpo-pa auf Tibetisch »Sommergras-Winterwurm« nennen und der schon seit Generationen zur allgemeinen Grundausstattung eines Amchis gehörte, bestimmte plötzlich das komplette Wirtschaftsleben. Denn der chinesische Glaube, dieses »Yasar« könne die männliche Potenz in ungeahnter Weise anregen, ließ aus einer braunen Wurzel die vielleicht teuerste natürliche Medizin weltweit werden. Zu den Spitzenzeiten zahlte man in China auch schon mal 90 000 US-Dollar pro Kilo.
Dieser Boom ist abgeflaut, denn der Klimawandel und eine zu intensive Ernte – pro Saison kamen bis zu 30 000 Sammler aus ganz Nepal – ließen dem Pilz in den letzten Jahren kaum Zeit zum Wachsen. Damit versiegte die wichtigste Einnahmequelle der Dolpo-pa, doch das Comeback der Karawanenführer blieb aus. Denn die Chinesen zerstörten ihre letzte Hoffnung und unterbanden den Tsongra Duee, den traditionellen Grenzhandel mit Tibet, fast gänzlich. »Früher gab es den Markt zweimal jährlich. Doch seit den Olympischen Spielen 2008 in Beijing riegeln die Chinesen die Grenze immer mehr ab. Sie haben Angst, Tibeter könnten nach Nepal fliehen. Die Chinesen sind sehr argwöhnisch geworden«, erzählt mir später ein Händler und fügt schnell hinzu: »Aber bitte meinen Namen nicht nennen. Ich traue den Chinesen alles zu.«
Wie es die Yak-Karawane vor Dho geschafft hat, über die inzwischen so schwer zu passierende Grenze zu gelangen, erzählen uns zwei alte Männer bei unserer Ankunft im Dorf: »Wenn sie um diese Jahreszeit aus Tibet kommen, dann kennen sie, wie viele andere auch, einen Pass, wo sie von den chinesischen Soldaten unbeobachtet sind«, vermuten die beiden, die vor dem Hotel Caravan sitzen, in dem wir nach fünf Tagen Wanderung endlich ein hartes Lager finden.
Ich bestelle ein Bier. Gebraut in China. Es kam also mit einer Yak-Karawane. Auch deshalb schmeckt es mir besonders gut. Dho Tarap ist erreicht. Ich hatte mehrmals den Glauben daran verloren.

Folgende Doppelseite: Heimspiel – im Sommer gehören die Almen und die Ruhe den Hirten mit ihren Herden. Fremde Besucher sind eine seltene Abwechslung.
Einfachheit
Dho Tarap


Moment der Stille – Verehrung für Guru Rinpoche im Altarraum der Ribo Bhumpa Gompa
Normalität gibt Halt
Das Tal von Dho Tarap atmet Leichtigkeit. Die engen Felsschluchten des Aufstiegs verlieren in der Erinnerung ihren Schrecken. Die Sonne fällt schon zu früher Stunde auf die knapp fünfzig Häuser, die sich mit ihrem dunklen Stein aus den grünen Gerstenfeldern erheben. Über dem Dorf stehen weiße Rauchfahnen als optischer Beleg dafür, dass ein neuer Tag wie üblich in der wärmenden Küche mit Yakbuttertee und Tsampa beginnt.
Unsere drei freundlichen Träger aus Rukum haben bereits in der Morgendämmerung den Rückweg ins Lower Dolpo angetreten. Am Abend zuvor hatten sie mir einstimmig mitgeteilt, dass sie noch nie einen solch dramatischen und hindernisreichen Auftrag gemeistert hätten, und der Jüngste unter ihnen, plötzlich gesprächig, ergänzte: »Schön, dass du noch lebst! Wenn du es noch einmal machen willst, melde dich, wir sind wieder dabei.« Wir nahmen uns in die Arme – und bestellten Dal Bhat, sie hatten sich die Stärkung mehr als verdient.
Dho Tarap, »das Tor ins Upper Dolpo«, verdankt den Ruf als »geschäftiges« Handelszentrum vor allem seiner perfekten geografischen Lage – Dho ist aus allen Himmelsrichtungen gut zu erreichen. Kurz nach dem Frühstück kann ich die gute Lage auch hören, denn der Sound von Motorrädern hallt lautstark vom nahen Fluss herüber. »Seit einigen Tagen gibt es eine Piste, die bis hinauf nach Tinje, Shimen und weiter an die tibetische Grenze führt«, freut sich ein alter Mann, der seine Ziegen zum Fluss führt. »Die jungen Leute kaufen jetzt diese Maschinen in China. Es ist wohl die neue Zeit.« Doch als eine seiner Ziegen Gefahr läuft, beinahe die neue Zeit nicht mehr zu erleben, trübt sich seine Freude und er schimpft auf einen jungen betrunkenen Halbstarken, der zwar ein Motorrad besitzt, aber keinerlei Fahrkenntnisse. Wer sollte auch nach einem Führerschein fragen: In Upper Dolpo gibt es so gut wie keine Polizei oder andere Vertreter des Staates.
Im Dorf ist die Moderne unüberhörbar, doch oben am Berg residiert ein Mahner, der lange schon vor den Folgen des Fortschritts warnt. Optisch könnte er auch als Erinnerung an die Hippiezeit der 1970er-Jahre durchgehen, bei den Einheimischen besitzt er jedoch heiligen Kultstatus und einen klangvollen Namen: der hochverehrte Dolpo Amchi Namgyal Rinpoche. Lädt der 53-Jährige zu Puja-Andacht und Gebet oder öffnet seine Kräuterkammer für Kranke – so zeigen die Facebook-Einträge seiner Tochter –, pilgern Gläubige in Scharen Richtung Ribo Bhumpa Gompa, der er als leitender Rinpoche vorsteht, er, einer der erfahrensten tibetischen Ärzte weltweit.
Als Rinpoche, der Reinkarnation eines ranghohen Lamas, ist ihm die Verehrung der Menschen im Tal »von Amts wegen« sicher. Doch er belässt es nicht bei frommen Worten, sondern arbeitet für den World Wildlife Fund (WWF), sammelt Spendengelder für Bedürftige und kämpft für die Rettung der traditionellen Medizin. Mehr gute Taten fürs Karma lassen sich kaum anhäufen.
Lange schon versuche ich vergeblich, den Heiligen vom nahen Berghang zu sprechen: Er sei selten zu Hause, ein Treffen deshalb schwierig zu vereinbaren, ließ man mich mehrmals wissen.
Doch nun ist es nur ein kurzer Aufstieg zur Gompa, von wo der Blick herrlich über das Tal geht, und ich bin gespannt, ob ich ihn dort antreffe.
Traditioneller kann ein Haus in Upper Dolpo nicht sein: Getrockneter Yakdung stapelt sich hinter der Eingangstür bis unter die Decke; ein abgewetzter Baumstamm, in den Stufen geschlagen sind und der als Leiter dient, führt in den ersten Stock, wo zwei Frauen in der Wohnküche Gebetsmühlen kreisen lassen. Es riecht nach Yakbutter in dem rußgeschwärzten Raum.
Schnell gelingt es Tsering, die Sympathien von Nyishar Lama, der Ehefrau des Amchis, zu erobern, dazu reicht, dass sie die klassische Willkommensfrage bejaht: »Darf ich dir etwas von meinem Tsampa anbieten?« Das geröstete Gerstenmehl ist zugleich der ganze Stolz der Dolpo-pa, den man gern mit Besuchern teilt.
Tsampa sei Dank kommen wir schnell ins Gespräch. Auch die Frage nach ihrem wichtigsten Besitz in der geräumigen Küche lässt Nyishar Lama nicht lange unbeantwortet. Sie geht zu einem kleinen Schrank, auf dem ihre Gebetsmühle liegt: »Sie begleitet mich immer. Zu Hause nehme ich diese große, unterwegs auf Reisen habe ich eine kleinere. Die ist handlicher«, strahlt sie, setzt das Schwunggewicht in Gang und murmelt ein kurzes Gebet unter den Augen von Nyima Lhamo, deren Anblick meine Aufmerksamkeit auf sich zieht: Die jüngere Schwester leidet ganz offensichtlich an Polydaktylie, die sich bei ihr durch einen doppelten Daumen an der rechten Hand zeigt. Meinem Erstaunen wird in der Küche nicht weiter Aufmerksamkeit geschenkt. »Es gibt viele Menschen in Upper Dolpo, die Missbildungen an Händen oder Füßen haben«, stellt Nyishar nüchtern fest. Nyima lacht – und hebt die Daumen. »Vielen Menschen bei uns gelten zwei Daumen als Glückszeichen.«

Heiliger mit Ausstrahlung – Dolpo Amchi Namgyal Rinpoche in der Küche seines Wohnhauses
Wir trinken köstlichen Tee – die Blüten, so die Hausherrin, habe ihr Mann selbst in den Bergen gesammelt – und warten geduldig, schließlich werde der Amchi gleich zurückkommen, so hat er es am Telefon versprochen. Tatsächlich, in Dho gibt es seit Kurzem eine Telefonverbindung, die geeignete geografische Lage zwischen den Bergen und Nepal Telecom haben es möglich gemacht. Der Fortschritt ist also schon da – und wenig später auch der Amchi, der plötzlich strahlend in der Küche steht. Kein Zweifel: Der Typ könnte in Europa schnell die Herzen vieler Follower gewinnen, so mein erster Eindruck beim Anblick des Mannes, der seine Haare cool zu einem langen Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Wir kommen schnell ins Gespräch: »Ich kenne dich, du hast mal vor einigen Jahren Fotos in unserem Kloster gemacht. Du bist in unserer sehr langen Geschichte der erste Läufer, der in Sportkleidung in unseren heiligen Räumen saß!«
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