Kitabı oku: «LANDLÄUFIG»

Yazı tipi:

Peter Kiefer

Landläufig
Die Welt hinterm Acker

Ein Roman in Episoden

Außer der Reihe 59

Peter Kiefer

LANDLÄUFIG

Die Welt hinterm Acker

Außer der Reihe 59

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Juli 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Klaus Brandt

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 254 6

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 845 6

Für Birgit und Michael

Landläufig
Die Welt hinterm Acker

Das Dorf hat viele Namen, es sind die all seiner Bewohner und ebenso viele Geschichten birgt es. Manche spielen sich nur im Verborgenen ab, aber alle sind Teil einer größeren Geschichte, die zwar kaum erzählt, aber doch von allen durchlebt wird. Einem Fremden mögen diese Geschichten zuweilen grotesk erscheinen, dabei fördern sie nur etwas zutage, was andere, Städter vielleicht, in ihrer räumlichen Enge nicht zulassen mögen. Hier im Dorf, wo überall um die Ecke eine Wiese, ein Acker ist, kann man sich im buchstäblichen Sinne unverbauter bewegen, brutaler, schrulliger, wütender, im schöneren Fall beglückter. Aber es geht in den folgenden Begebenheiten nicht um den Beweis eines Besser hier, Schlechter da, sondern lediglich um eine Bestandsaufnahme ländlicher Mysterien. Sie ziehen mich, den Beobachter, in ihren Bann und ich blicke in eine Welt, die vergleichbar ist mit der einer Bühne. Dabei kann ich mich leicht in die verschiedenen Rollen, die dargeboten werden, einfinden, selbst wenn ich sie entsetzt oder auch nur lachend von mir weise. Am Ende ist für mich dann alles doch Theater und darin abgebildet eine halbe Welt.

Ich vergleiche das etwas abgelegene Dorf gern mit einer Venusfalle. Gleich, nachdem man es erreicht hat, spaltet sich die einmündende Landstraße in zwei Schleifen, die Untere und die Obere Dorfstraße. Am anderen Ende kommen sie wieder zusammen. Dieses spitz zulaufende Straßenoval erinnert einen in seiner Form unweigerlich an eine weibliche Scham. Das Ortsschild, nur um im Bild zu bleiben, stünde ganz oben auf diesem Grübchen, das Klitorisvorhaut genannt wird. Wiederum in Höhe der Eichel, also dort, wo beide Straßen sich vereinen, liegt ein Kiosk namens Brutzelbox.

Helena

ist die Betreiberin. Sie ist eine ausladende Erscheinung, wie man sie landläufig den Frauengestalten des Malers Paul Rubens zuordnet. Sie lockt einen mit Bratendüften, aber einmal in die Wurst gebissen, nähert sie sich zuweilen den männlichen Kunden ein wenig von der Seite und erzählt ihnen Geschichten aus ihrem Leben. Mir beispielsweise verkündet sie, einmal als Seilakrobatin im Zirkus Krone aufgetreten zu sein.

Da war ich leicht wie eine Feder, behauptet sie. Ich konnte sogar den Überschlag rückwärts – auf dem Seil. Ich habe Fotos.

Ihr von violettem Lippenstift etwas überzeichneter Mund biegt sich des Öfteren schmunkelnd nach vorn, als würde sie einem einen Kuss zuhauchen wollen. Dazu stellt sie mir unverlangt eine Flasche Bier auf den Stehtisch. Geht aufs Haus, sagt sie und lässt mich nicht mehr aus ihren Fängen.

Der Dompteur der großen Pferdenummer wollte mit mir durchbrennen. Seine Frau wollte das übrigens auch. Wir hätten zu dritt durchbrennen sollen.

Sie kichert heiser hustend in sich hinein.

Durchgebrannt bin ich dann mit einem Matrosen. Es fehlte nicht viel und ich wäre auf einem Piratenschiff gelandet! Eine heiße Geschichte. Wenn Sie möchten … Um neun mache ich den Laden dicht.

Sie blickt mich dabei herausfordernd an und ich frage mich, wie oft ihre Falle schon zugeschnappt ist und wie die, die darin gezappelt haben, sich wieder befreien konnten.

Das mit dem Piratenschiff glaube ich ihr am allerwenigsten. Wo gibt es denn noch so etwas!

Einem Bauern namens

Borstel

laufen die Hühner neuerdings im Kreis. Er weiß nicht, was er machen soll, denn jedes Mal, wenn er sie nach draußen lässt, reihen sie sich schon nach kurzer Zeit in einen Kreis von vielleicht fünf Metern Durchmesser ein und legen los. Wie aufgezogenes Spielzeug.

Borstel fragt den Tierarzt Doktor Reiter. Der misst, einer Ahnung folgend, die Länge der Hühnerbeine, schüttelt aber anschließend den Kopf. Die Beinpaare, meint er, sind bei allen gleich lang, infolge dessen könnten sie genauso gut geradeaus laufen.

Tun sie aber nicht.

Es wäre freilich denkbar …, sagt Doktor Reiter, lässt den Satz aber in der Luft hängen und winkt ab.

Borstel sieht ihn fragend an.

Ein Schlaganfall ist es nicht, sagt Doktor Reiter. Die können ja nicht alle auf einmal … nein, nein.

Beide, er und Borstel, blicken wieder mit einigem Verdruss auf die im Kreis tippelnden sieben Hühner. Nur der Hahn steht ein wenig abseits, ähnlich einem Ballettmeister, der die Schrittfolgen seiner Truppe mit kritischen Blicken verfolgt.

Wir könnten sie hypnotisieren, schlägt Doktor Reiter vor.

Borstel, der lediglich davon gehört, es aber noch nie ausprobiert, geschweige denn eine Ahnung hat, was es bewirken könnte, nickt eifrig.

Das wäre vielleicht der einzige Weg, meint er beflissen.

Beim Hypnotisieren, erklärt Doktor Reiter, zieht man vor der Schnabelspitze eine vertikale Linie und gibt damit gewissermaßen die Laufrichtung an, der das Huhn, wenn es wieder zu sich kommt, folgen muss.

Er holt ein Huhn nach dem anderen aus der Umlaufbahn, drückt es mit der Brust auf den lehmigen Boden, während Borstel streng nach Anweisung mit einem Stock jeweils die besagte Linie zieht. Ist das geschehen, hört jedes Huhn auf, mit den Beinen zu strampeln und verhält sich vollkommen reglos. Bald liegen sieben Hühner auf dem Bauch, sieben Linien gehen ihnen wie Fäden, an denen sie gezogen werden, voraus. Das Ganze erinnert an den Tiefstart bei einem Kurzstreckenrennen.

Aber das ist nicht alles. Doktor Reiter lässt es sich nicht nehmen, zusätzlich ein paar beschwörende Worte zu sprechen: Relinquate circulos, sequimini rectis1.

Bauer Borstel hat den Mund halb geöffnet. Er hat noch nie an einer Séance teilgenommen, aber das Wort spukt noch in seinem Kopf und er meint gleich zu wissen, worum es dabei geht. Doktor Reiter legt die Stirn in tiefe Falten und sagt sich, dass die Welt, selbst wenn der Versuch fehlschlagen sollte, nun endlich einmal von seinen lateinischen Talenten erfahren würde. Borstel wird es nämlich seiner Frau erzählen und die allen anderen.

Die Hühner liegen noch immer flach, der Hahn hält sich von ihnen fern. Sie sind ihm nicht recht geheuer, obwohl er sie nun doch ganz bequem begatten könnte.

Doktor Reiter sagt: Wenn ich in die Hände klatsche, werden sie loslaufen.

Er tut es. Die Hühner, aufgeschreckt gackernd, erheben sich und jedes läuft in eine andere Richtung.

Doktor Reiter reibt sich die Hände. Na bitte, sagt er.

Bauer Borstel bittet ihn, weil’s guter Brauch ist, auf einen Schluck mit ins Haus zu kommen. Als Doktor Reiter, angetan von Borstels Klarem, sicher noch mehr von sich selbst, später das Haus wieder verlässt, laufen die Hühner erneut im Kreis. Das Merkwürdige ist nur, dass der Hahn jetzt reglos in der Mitte dieses Kreises steht. Man fühlt sich unwillkürlich an den Kriegstanz um einen Marterpfahl erinnert. Doktor Reiter begreift, dass seine auf Latein geäußerte Beschwörung nicht ausreicht. Er wird sich jedoch Schritt für Schritt vorarbeiten, paulatimque discessum.

In der Folgezeit ist Borstels Hof von lauter kreuz und quer verlaufenden Linien durchzogen. Wer diesen betritt, denkt unwillkürlich an ein System magischer Zeichen und Bauer Borstel wird zum Gegenstand der dörflichen Gerüchteküche, die Sprüche des Doktor Reiter, mit denen Borstels Frau inzwischen hausieren geht, tun ein Übriges. Früher hätte man solche Leute auf den Scheiterhaufen geschickt, hat es im Dorf schon geheißen.

Zwei Schritte sind es noch bis zum Abgrund, ich mache den ersten. Unter mir in der Tiefe liegt der See, dessen spiegelglatte Oberfläche das Sonnenlicht silbrig weiß zurückwirft. In geringer Entfernung hinter mir steht

Blauweiß

der Mann mit dem Jagdgewehr. Er lässt mir die Wahl: Entweder springe ich hinab in die Tiefe oder er wird mir eine Kugel in den Rücken jagen. Ich breite die Arme aus, als wären es Engelsflügel, die mich heil durch die Lüfte tragen könnten, und mache den zweiten, den alles entscheidenden Schritt und schreie, so laut ich nur kann. Davon wache ich auf.

Draußen kräht Borstels Hahn. Ich sitze aufrecht in meinem Bett und brauche eine Weile, bis ich begriffen habe, dass niemand, auch Blauweiß nicht, mit einer Waffe hinter mir steht und auf mich zielt. Dennoch drehe ich mich zur Sicherheit noch einmal kurz um.

Blauweiß ist der größte Bauer im Dorf, eine Art Businessbauer. Wenn ich ihm über den Weg laufe, trägt er stets ein Headset im Ohr und verhandelt mit irgendwelchen Geschäftspartnern oder gibt Anweisungen an Mitarbeiter.

Er redet zwar keinen Dialekt, zitiert ihn aber gelegentlich, um das Geschäftsmodell »regionale Produkte« hervorzuheben. Selbige vertreibt er in blauweißen Tüten, blauweiß etikettierten Gläsern und Dosen, die man in den umliegenden Supermärkten oder in seinem mit Souvenirs aufgeputzten Hofladen findet.

Seine Frau stammt aus altem Landadel. Er glaubt, dass er sich das schuldig gewesen ist. Jedes Jahr zum Erntedankfest präsentieren sich beide in barocken Kleidern und gepuderten Perücken und fahren in einer Kutsche, huldvoll durchs offene Fenster winkend, die beiden Dorfstraßen entlang. Frau Krottek, mittlerweile in ihren Neunzigern und mit den ländlichen Festen nostalgisch vertraut, steht dann am Straßenrand und macht den halben Knicks, den ihre künstliche Hüfte noch erlaubt.

Blauweiß geht auch auf die Jagd und trägt auf seinem Schlapphut den längsten Gamsbart aller versammelten Jäger. Natürlich schießt er auch den größten Bock, obwohl Gerüchte nicht verstummen, die behaupten, jene Böcke stammten selten einmal aus dem hiesigen Wald. Aber man will es sich mit Blauweiß und seinen – durchaus gezielten – Freigiebigkeiten nicht verderben.

Dass er mal in einer Nacht einem offenbar verirrten Landstreicher mit der Schrotflinte hinterhergejagt ist und diesen böse verletzt und dann überstürzt in sein SUV geladen und samt einem Geldbündel vor der Tür eines Krankenhauses wieder ausgesetzt hatte, ist zwar ebenfalls nur ein Gerücht, wird aber noch hin und wieder kolportiert: Den Dorfbewohnern kommt es nicht ungelegen, sie wollen etwas gegen ihn in der Hand behalten, falls es mal nötig ist, heißt, falls er mal richtig stolpern sollte und falls dann zusätzlich noch ein kleiner Tritt nötig wäre.

Ich begegne ihm nicht oft und wenn, nimmt er mich lediglich mit freundlicher Routine wahr. Verfolgt mich aber noch im Traum.

Sie ist zuerst nur ein Gesicht, das plötzlich über einer Zaunhecke erscheint, wie eines, das man träumt. Das Gesicht hat breite Wangen, eine breite Nase und stahlgraue, von dicken Brauen überwölbte Augen. Es ist ein wenig zur Seite geneigt und starrt mich schweigend an.

Hallo, sage ich und versuche halbwegs entspannt zu klingen.

Hallo, sagt das Gesicht und bewegt dabei lediglich die Lippen: Ich bin

Grete Hülsenbeck

Ich stelle mich ebenfalls vor, doch schon im nächsten Augenblick ist das Gesicht wieder verschwunden, wie ein Dia in einem alten Vorführgerät, das soeben dem nächsten Platz gemacht hat. Weder vernehme ich Schritte noch das Schlagen einer Tür. Sie ist ein Geist, denke ich und blicke hinüber zu dem mit grauschwarzen Schindeln verkleideten Giebel ihres Hauses, das sie, wie man mir gesagt hat, alleine bewohnt. Es ist ein geräumiges altes Bauernhaus mit einer großen Scheune. Manche wollen von da schon merkwürdige Klagelaute vernommen haben und sprechen sogar von Selbstgeißelungen.

Als ihr Gesicht das nächste Mal über der Zaunhecke erscheint, sagt es lediglich den Satz: Intra muros peccatur et extra2.

Ist sie eine von diesen Frömmlerinnen, die überall Unrat und Verderbnis wittern und es nie verwunden haben, dass in der katholischen Kirche kein Latein mehr gesprochen wird? Oder ist sie bloß ein durchtriebenes Frauenzimmer, das es darauf anlegt, Verwirrung in den Köpfen seiner Nachbarn zu stiften?

Auf dem jährlichen Sommerfest des Dorfes ist sie mit einem kleinen Zelt vertreten. Manche von außerhalb, die es nur im Vorübergehen wahrnehmen, denken sicher, dass einem darin jemand aus der Hand lesen würde. Aber andere wissen es besser. Weder muss man bei ihr seine Handfläche hinhalten, noch liest sie die Zukunft aus einer Kristallkugel, legt Karten oder erstellt Horoskope. Stattdessen hat sie etwas zu verkünden und wer immer sich einmal in ihr Zelt getraut hat, kommt leicht verstört wieder heraus.

Meine Neugierde ist geweckt und ich betrete das kleine runde Zelt mit dem kegelförmigen Dach. Da sitzt sie an einem Tisch, dessen Platte kaum größer ist als die Sitzfläche eines Stuhls, und eine Petroleumlampe taucht alles in ein unruhiges Licht. Sie begrüßt mich sofort mit meinem Namen, lächelt aber nicht dabei, sondern zeigt nur wieder dieses maskenhafte Gesicht, das ich von der Zaunhecke kenne.

Fünf Euro, bitte.

Ich lege den entsprechenden Schein auf das Tischchen und nehme ihr gegenüber auf einem eisernen Gartenstuhl Platz.

Sie hat ein dünnes Büchlein aus ihrer Schürzentasche geholt, schlägt es an einer scheinbar beliebigen Stelle auf und liest einfach los: Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß, vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden. Und ich sah die Toten, die Großen und die Kleinen, vor dem Thron stehen, und Bücher wurden geöffnet; und ein anderes Buch wurde geöffnet, welches das des Lebens ist. Und die Toten wurden gerichtet nach dem, was in den Büchern geschrieben war, nach ihren Werken. Und das Meer gab die Toten, die in ihm waren, und der Tod und der Hades gaben die Toten, die in ihnen waren, und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und der Hades wurden in den Feuerpfuhl geworfen. Dies ist der zweite Tod, der Feuerpfuhl. Und wenn jemand nicht geschrieben gefunden wurde in dem Buch des Lebens, so wurde er in den Feuerpfuhl geworfen.

Sie klappt das Büchlein wieder zu, blickt aber nicht zu mir auf, sondern verharrt in ihrer vorgebeugten Haltung.

Was ist das für eine Schrift?, frage ich.

Sie antwortet: Selig der Leser und die Hörer der prophetischen Worte und die sich an das halten, was darin geschrieben steht. Denn die Zeit ist nah.

Sie sagt diese Sätze mit fast geschlossenen Augen. Dann schweigt sie wieder.

Okay, sage ich, erhebe mich und verlasse das Zelt. Es ist blauweiß gestreift, aber das kann Zufall sein.

Heinz-Otto Krusche

besitzt auf Menorca eine Finca. Er spricht ein leidlich gutes Spanisch und wird dort, wie er gelegentlich einfließen lässt, gerne Don Otto genannt. Das ist mittlerweile auch sein im Dorf gebräuchlicher Spitzname.

Don Otto ist der Bürgermeister, ein leutseliger Mensch und passabler Schauspieler, der sich immer darum bemüht, seinen Wählern das Gefühl zu vermitteln, ihre Belange ernst zu nehmen. Genauso seinen Nichtwählern, so es welche gibt. Und nun steht er vor uns im Gemeinderat und fragt, indem er bereits am oberen Knopf seines Hemdes nestelt und, wenn seine Krawatte nicht zu straff gebunden wäre, das Hemd über seiner Brust vollends öffnen würde, um allen zu zeigen, dass er nichts zu verbergen, dass er jedem diese Brust darbieten kann, fragt also: Habe ich je zum Nachteil der Gemeinde gehandelt? War ich nicht immer ums Gemeinwohl bemüht? Oder wer hat, ich darf sagen, leidenschaftlich für die Ansiedlung von Schleckes gekämpft – und gesiegt?

Schleckes, von dem er spricht, ist ein mittelständischer Betrieb, der Haustiernahrung produziert und dafür Schlachtabfälle im Umland aufkauft, die dann zu schlecksy plus für Hauskatzen und schleckerli premium mit Biss für Hunde verarbeitet werden.

Und nun das: Über Nacht sind Plakate aufgetaucht, auf denen Don Otto mit glühend roter Schrift auf schwarzem Grund zutiefst und öffentlich gebrandmarkt wird. Überschrieben sind sie mit Hi-hi, da macht’s uns einer nach und dann ist – immer mit Hi-hi eingeleitet – die Rede von überhöhten Maklergebühren beim Verkauf des örtlichen Gewerbegeländes und dass daran Don Otto sich bereichert habe, dass er sich im Gegenzug zu weitreichenden Zugeständnissen habe bewegen lassen, etwa einer mehr als großzügigen Auslegung der Abwasserbestimmungen. Außerdem habe er sich den Vorsitz im Schützenverein mit Geldmitteln des Großbauern Blauweiß erschlichen, damit es möglich ist, dass diesem immer wieder die kapitalsten Böcke vor die Flinte getrieben werden und er, Don Otto, mit teuren Lendenstückchen bedacht werde. Unterschrieben sind die Plakate mit Weiter so! Die Freunde vom Räuber Hotzenplotz.

Don Otto lässt die Plakate auf dem schnellsten Weg entfernen und spricht ungehalten von einer Tat der Neider und Wadenpisser. Dennoch – man ist hellhörig geworden.

Don Otto muss sich bald darauf mit einer anonymen Anzeige herumschlagen. Erste Beweise sind aufgetaucht: ein vertrauliches Memorandum mit einem Schleckes-Manager und die Kopie der handgeschriebenen Rechnung eines illegalen Wildfängers, der für Blauweißens Zehnender gesorgt hat. Die Lokalpresse wird aufmerksam. Sonst mit Jubiläumsfeiern, Häkelgruppen und Altenheimleseabenden befasst, hat sie plötzlich mal was Aufregendes zu berichten.

Don Otto probiert es ein weiteres Mal mit der Ich-habe-ein-reines-Gewissen-Nummer und erscheint bei der nächsten Gemeinderatssitzung in Begleitung seiner attraktiven Frau, wegen ihrer Haarfarbe gewöhnlich nur »seine Blondine« genannt. Heute trägt er keine Krawatte, muss aber zu seinem Leidwesen feststellen, dass er versehentlich ein Unterhemd angezogen hat. Sich dieses erst noch aus der Hose zu reißen, um seine Brust entblößen zu können, würde die verkehrten Stellen der Beschau freigeben, er muss sich daher wieder mit einer verbalen Beschwörung seiner Unschuld begnügen. Die Blonde steht mit eingefrorenem Blick an seiner Seite, daneben die junge Tochter, der sie die Hand auf die Schulter legt. Das Bild erinnert an einen amerikanischen Wahlkampfabend, wo Frauen das heroisch schillernde Pendant ihrer Ehemänner sind. Die Parteifreunde, die von Don Otto stets gut versorgt worden sind, ergreifen der Reihe nach für ihn das Wort, eine Opposition gibt es nicht, was, nebenbei, bislang noch niemandem im Dorf so richtig aufgefallen ist.

Aber die Situation beruhigt sich nicht, denn es tauchen neue Papiere auf, die Heinz-Otto Krusche belasten. Die Staatsanwaltschaft hat sich eingeschaltet und mittlerweile scheint klar: Der Bürgermeister ist über kurz oder lang geliefert.

Wer aber hat das alles aufgedeckt? Helena, die Wirtin aus der Brutzelbox, hat eine simple Erklärung: An so was kommt man nur mit reichlich Sex. Sie spricht es kennerhaft aus und sagt es jedem, der bei ihr in eine Wurst beißt. Dieser Spruch macht schnell die Runde und auf einmal begründet er einen bestimmten Verdacht.

Man erinnert sich wieder daran, dass Korbinian Kropp einmal gegen Heinz-Otto Krusche kandidieren wollte, aufgrund seiner absehbaren Chancenlosigkeit aber kurz vor der Wahl seine Ambitionen eingestellt hatte. Gerüchte, die freilich längst wieder verpufft waren, besagen, dass er der Liebhaber von Don Ottos Blondine gewesen sei. Kropp, Vermieter von Ferienaufenthalten auf dem Land, hatte damals allerdings selbst dieses Gerücht gestreut: Er wollte damit gegenteiligen Gerüchten begegnen, um seine homophilen Neigungen zu kaschieren.

Auch jetzt kann er sich wieder ein wenig als Frauenheld profilieren, indem er die Rolle des gesuchten Maulwurfs annimmt. Don Ottos Frau bringt er damit natürlich in Verruf, man unterstellt ihr hinter kaum noch vorgehaltener Hand, Verrat an ihrem Ehegatten zu begehen. Don Otto taucht aus diesem Grund plötzlich ins geläuterte Licht des mitleiderregenden Opfers.

Nunmehr muss er alles versuchen, seine Frau wieder mit an Bord zu holen, er muss sie reinwaschen. Bei der folgenden Gemeinderatssitzung präsentiert er sie als Schwurzeugin in eigener Sache. Er hält sich bewusst kurz, denn das hier ist ihr Auftritt, und was zählt, sind ihre rührenden Tränen der Unschuld. Sie lösen die nötigen Emotionen aus und können die Gemüter der Versammelten letztlich überzeugen.

Weshalb die staatsanwaltlichen Ermittlungen bald mehr oder weniger im Sand verlaufen, lässt sich wohl damit erklären, dass Krusche, um einer Strafe zu entgehen, einen etwas höheren Betrag an die Staatskasse entrichten wird. Man kann davon ausgehen, dass die Firma Schleckes ihm dafür kollegial unter die Arme greift. Die Dorfbewohner haben ihn bald wieder ins Herz geschlossen, auch wenn er sich – aber die andern tun’s ja auch – kleine Fehltritte erlaubt hat. Niemand ist geschädigt worden, Don Otto hat weiterhin ein offenes Ohr für seine Nachbarn und die Gewerbesteuer beschert dem Dorf zuletzt zwei perfekt geteerte Dorfstraßen samt Blumeninseln vor den Ortseingängen.

Korbinian Kropp begegnet im Supermarkt Tage später zufällig Don Ottos blonder Frau. Beide starren sich einen Moment lang erschrocken an, dann ergreift Letztere die Flucht. Kropp hingegen ist so unverschämt, ihr hinterherzurufen und dabei einen Kosenamen zu benutzen, den er sich gerade ausgedacht hat. Sollte zufällig einer aus dem Dorf etwas mitgehört haben, könnte die Diskussion um Sexaffären und Verrat schon bald wieder in Gang kommen. Was mich jedoch angeht, erzähle ich es niemandem weiter.

Herr Deng

züchtet Enten, die auf Märkten und im einen oder andern Chinarestaurant als besondere Delikatesse angeboten werden. Freilich hat Herr Deng, ein spindeldürrer Mittsiebziger, nur Spott für das übrig, was hierzulande unter chinesischer Küche verkauft wird. Alleine, dass man Suppen als Vorspeisen anbietet, statt sie wie überall in China verdauungsfördernd erst nach den festen Speisen zu servieren, ist ihm gänzlich fremd. Von der fehlenden Yin-und-Yang-Balance und dem fatalen Einknicken vor westlichen Geschmacksnormen einmal völlig abgesehen.

Im Übrigen ist Herr Deng Altmaoist. Er habe es, erzählt er, seit sein Namensvetter Xiaoping zum mächtigsten Mann im Staat aufgestiegen war, nicht mehr lange in seiner Heimat ausgehalten. Die Regierung habe das Land geradezu folgerichtig in den Raubtierkapitalismus getrieben. Man müsse sich nur mal vergegenwärtigen, wie die Volksmassen heute zur Wanderarbeit gezwungen würden, wie sie am Smog erstickten, den andere in ihren Luxuskarossen zusammenbrauten. Dafür habe er in seiner Jugend wahrlich nicht Der Osten ist rot gesungen. Herr Deng ringt, wenn er davon erzählt, ein wenig mit der Fassung. Hierzulande gehe es ehrlicher zu, hier trüge der Kapitalist keinen roten Stern am Jackenrevers, sondern einen steifen Hut und Glacéhandschuhe und sei von daher als Feindbild immer klar erkennbar. Herr Deng hätte ihm noch ein Paar Gamaschen anlegen können und ich gebe ihm zu bedenken, dass solche Dandykapitalisten einer ganz anderen Zeit angehörten.

Keineswegs, widerspricht mir Herr Deng, zieht ein Buch aus seiner Tasche, ein chinesisches, und deutet mit ausgestreckter Handfläche auf ein Foto, das exakt einen so geschilderten Mann zeigt. Das Bild ist etwas unscharf und in Sepia und das Buch stammt aus den sechziger Jahren, aus der Zeit der Kulturrevolution. Auf dem Einband vor einem goldenen Strahlenkranz oder dem, was häufiger Gebrauch noch davon übrig gelassen hat, ist der Vorsitzende Mao abgebildet. Für Herrn Deng gibt es daher keinen Zweifel an der Richtigkeit des Inhalts. Auch als ich ihn frage, ob er hierzulande einmal einem solchen Menschen mit Zylinderhut begegnet sei, sagt er, dass man einem wie dem nicht auf der Straße begegnen würde. Dergleichen verschanzten sich in ihren Villen, ihren Gärten, ihren Büros, ihren Freudenhäusern.

Und wie soll so einer wie der, frage ich, den Zorn des Proletariats wecken?

Ausbeutung ist nicht an Gesichter gebunden, belehrt mich Herr Deng und nimmt mich, obwohl wir hier mutterseelenallein an der Eingangspforte seines Hauses stehen, ein wenig zur Seite.

Die Arbeiter rüsteten sich bereits im Verborgenen für die nächste Krise, raunt er mir zu. Wenn es dann soweit sei, kämen sogar jahrzehntelang frustrierte Sozialdemokraten wieder aus ihrer Deckung. Ein Sturm würde über Europa einsetzen und bis nach China fegen. Der einbalsamierte Vorsitzende am Platz des Himmlischen Friedens würde seine Glieder ausstrecken, erhöbe sich und wandelte, ein Heilsbringer, in einer langen Kutte über das Land. Bald versänke alles wieder wie einst in einem roten Fahnenmeer. Aber er, Herr Deng, sei Realist, er werde das sicher kaum mehr erleben dürfen, er begnüge sich daher mit der Rolle des Propheten.

Herr Deng verneigt sich und schreitet auf nicht mehr ganz sicheren Beinen in sein Haus zurück. Trinkt er?

Katharina

probiert es mit allem Möglichen, in der vergangenen Nacht zum Beispiel mit der melodramatischen Strauss-Oper Die Frau ohne Schatten. Helfen tut es nicht. Friedrich ist nun mal weg, irgendwo abgetaucht und Katharina ist plötzlich sterbensallein in diesem Dorf zurückgeblieben. Auf den Tag ein Jahr ist es her – jeder im Dorf weiß genau darüber Bescheid –, dass Friedrich sich eines Nachts und ohne mehr als das Allernötigste eingepackt zu haben, aus dem Haus geschlichen hat. Nicht einmal eine kleine Notiz hatte er geschrieben. Und als wollte er sie von jeglichen Nachforschungen abhalten, lag am Morgen auch noch sein Mobiltelefon auf dem Küchentisch. Augenscheinlich brachte er damit zum Ausdruck, dass er es nicht mehr brauchte, dass er ein neues Leben beginnen wollte, am liebsten auf einem anderen Planeten. Der Schuft!

Katharina ist ursprünglich ein Kind der Stadt, doch Friedrich hatte sie überredet, mit ihm aufs Land zu ziehen. Da versucht sie sich nun mit ihrer aufgezwungenen Einsamkeit zu arrangieren, spaziert mit Vorliebe bei schlechtem Wetter über die Wiesen (damit sie noch einen Grund verspürt, wieder in ihr verlassenes Haus zurückzukehren), liest Kafka und Katastrophenromane, versendet Hate-Speech im Internet an die Adresse von wildfremden Männern, hört Opern.

Eines verregneten Tages – sie will gerade einen ihrer Spaziergänge machen – klingelt an der Haustür ein Mann und fragt unumwunden, ob er zwei Tage hier nächtigen könne.

Katharina hält ihn für einen Verrückten oder Kleinkriminellen. Der Mann, wirres Haar, wirrer Spitzbart, mausgrauer Trenchcoat, eine Tragetasche unterm Arm, sagt: Friedrich hat mir deine Adresse gegeben.

Was?

Der Mann ergänzt: In der linken unteren Schublade seines Kleiderschranks liegt ein dunkelrotes Fotoalbum mit Bildern aus seiner Kindheit. Das soll ich erwähnen, damit du mir glaubst, dass ich von Friedrich geschickt worden bin.

Katharina weiß zwar, dass so ein Album existiert, aber nicht, wo es gerade liegt. Sie lässt den Mann draußen stehen, läuft in Friedrichs Zimmer, zieht die besagte Schublade auf und tatsächlich, da liegt das bewusste Album. Voll banger Neugier, öffnet sie wieder die Haustür, aber der Mann ist verschwunden. Auf der breiten Dorfstraße ist niemand zu sehen, auch hinten im Garten kann sie ihn nirgendwo entdecken.

Was will dieser Kerl von ihr? Katharina ist durcheinander, und hofft, dass der Mann erneut am Eingang läuten wird, damit sie ihn nach Friedrich fragen kann. Ihre Hoffnung wird gleich darauf wieder in die Höhe getrieben, als erneut die Klingel betätigt wird.

Sie reißt die Tür auf. Vor ihr steht nun allerdings ihre Nachbarin Klärchen Hummer.

Sagen Sie, sagt Klärchen Hummer, der Mann, der da vorhin zu Ihnen gekommen ist …

Sie sieht angestrengt an Katharina vorbei ins Innere, als hoffe sie, dort etwas ausmachen zu können.

… den kenne ich.

Sie kennen den?

Lief gestern Abend in Aktenzeichen XY. Ich hab ihn gleich wiedererkannt.

Wen?

Eine vorläufige Antwort gibt der Streifenwagen des Dorfpolizisten Holgass, der mit einer im Dorf nie gesehenen Geschwindigkeit herangebraust kommt. Die Reifen quietschen filmreif, als er vor Katharinas Haus anhält.

Ist er da drin?, fragt Holgass.

Nein, da ist niemand, sagt Katharina, ich würde ja selbst gern wissen …

Holgass rinnt der Schweiß unter der Mütze heraus, er verzichtet auf Erklärungen, schiebt Katharina ungeduldig beiseite, das ist jetzt seine Chance. Drinnen hört man ihn, wie er Zeigen Sie sich! ruft.

Klärchen Hummer hält es vor der Haustür kaum noch aus. Sie streckt ihre Nase noch weiter vor, atmet hörbar und sagt: Aber die Belohnung krieg ich!

Katharina knallt ihr die Tür vor der Nase zu. Sie will wissen, was Holgass, der gerne mit Cowboystiefeln herumläuft, in ihrem Haus anstellt, was, verdammt, hier überhaupt gespielt wird.

Ein Schuss fällt oder sind es zwei? Katharina, die Treppe hochhastend, entdeckt Holgass, der blass wie ein Schlossgespenst vor der geöffneten Badezimmertür steht. Schlaff hält er seine Dienstwaffe in der Hand und Katharina hat schon das Schlimmste vor Augen, wenn sie jetzt in dieses Badezimmer blicken wird. In der Tat klebt rot verfärbte Hirnmasse an den Kacheln der Wand und es hängt einer blutend über dem Badewannenrand – ihr seltsamer Besucher.

Er hat auf mich geschossen, bringt Holgass endlich keuchend heraus. Da.

Er fasst sich an den Oberschenkel und sinkt schon im nächsten Moment ohnmächtig zu Boden.

Katharina, die starr vor Schreck ist, schafft es nicht einmal, gleich einen Krankenwagen zu verständigen. Ihr geht nur Friedrich im Kopf herum, der sie verlassen hat, der sie weiter quält. Gleichgültig, was für ein Mann der Tote da ist oder wie er heißt, für Katharina ist er von Friedrich gesandt und steht ihr deshalb so grauenerregend nahe. Und diese Hummer kassiert auch noch die Belohnung dafür!

Man stelle sich die unbewegte Oberfläche eines Sees vor (meistens kündigt sich dann ja ein Unwetter an), in den ein dicker Stein plumpst. Der wirbelt das Wasser in konzentrischen Kreisen auf, die sich bald in der Ferne verlieren, wo niemand mehr den eigentlichen Ursprung dieser Bewegung ermitteln könnte. Auf dem äußersten Kreis liegt, bildlich gesprochen, unser Dorf.

Weiter abseits liegt ein altes Gut, ein Vierseithof, der einer kleinen Festung gleicht. Allerdings steht er seit vielen Jahren leer und war zuletzt von einem gewissen Harry Deister bewohnt, der sich mit dem Export von Sexspielzeug in arabische Golfstaaten verkalkuliert hatte. Jetzt wird der Hof mit einigem Aufwand wiederhergerichtet.

Don Otto, der Bürgermeister, macht diese Angelegenheit gegenüber den Dorfbewohnern insofern spannend, als er behauptet, lediglich zu wissen, dass »die Regierung« das Grundstück gekauft habe.

Welche Regierung?

Das wisse er selbst nicht. Jedenfalls blühen seither die Spekulationen und sie reichen bis hin zu einem mutmaßlichen Domizil für einen ehemaligen amerikanischen Präsidenten nach dessen Amtsenthebung. Was freilich barer Unsinn ist.

Dann, eines trüben Tages, trifft eine kleine, von einem Polizeifahrzeug begleitete Eskorte mit verdunkelten Scheiben ein. Der Bürgermeister ist erst kurzfristig darüber benachrichtigt worden und bildet nun mit seiner stundenweise beschäftigten Sekretärin eine Art Empfangskomitee. Dem Wagen entsteigt

ein kleiner schmaler Herr

im fliederweißen Anzug. Trotz des bewölkten Himmels trägt er eine Sonnenbrille. An seiner olivbraunen Hautfarbe und dem breiten Mund erkennt man, dass er aus einem fernen Land stammen muss. Ihm folgen zwei Frauen mit Gesichtern, wie Gauguin sie gemalt hat, allerdings stecken sie des schlechten Wetters wegen in langen Regenmänteln, die ihnen bis zu den Knöcheln reichen und deren Kapuzen sie mönchsartig verhüllen.

Rasch sickert durch, dass die Gestalt mit der Sonnenbrille aus Tokevalu stammt, einem kleinen Inselstaat in der Südsee, und dass der kleine Herr dort viele Jahre Präsident gewesen ist. Was will er hier?, fragen sich alle. Wenn er in diplomatischen Angelegenheiten unterwegs ist, warum so fernab in einem Dorf, das nur über eine Landstraße zu erreichen ist und bis vor Kurzem noch in einem Funkloch lag? Man erfährt bald mehr, vor allem seinen Namen, Toketalagi, und dass ihn ein Aufstand seines Volkes gezwungen hat, ins Exil zu gehen. Nun ist er, offenbar seinen Wünschen gemäß, in der geografischen Abgeschiedenheit gelandet. Zu Gesicht bekommt ihn nach seinem Einzug in den Vierseithof erst einmal niemand mehr.

Wer die beiden jungen Damen sind, bleibt offen. Trotzdem gehen alle davon aus, dass es gerade ihres deutlich jüngeren Alters wegen seine Ehefrauen sein müssten. Ein Selbstherrscher wie Toketalagi hat bei der Auswahl von Frauen bekanntlich die freie Wahl, weshalb sollte er sich da mit gleichaltrigen zufriedengeben?

Aber bloß zwei Frauen?, fragt man. Müsste es nicht ungefähr ein halbes Dutzend sein? Zu schweigen vom Rest der Großfamilie. Man denkt sich melodramatische Geschichten aus. Etwa, dass er ohne etwas mitnehmen zu können auf einem viel zu kleinen Boot die Flucht angetreten hat. Dass ein Sturm aufgekommen ist, der fast alle aus seiner Entourage über Bord gespült hat, dass auch er und die Frauen bereits verloren schienen, dass aber kurz vor ihrem Verdursten, als sie nur noch auf dem Ozean umhertrieben, ein Überseedampfer sie aufgegabelt hat und Toketalagi schließlich gerettet wurde, er und sein Geld. Denn jetzt konnte er wieder an seine Schweizer Konten gelangen. Nur müsse er sich eine geraume Zeit vor seinen Feinden verbergen, wenigstens solange bis Gras über seine Machenschaften gewachsen sei.

Seine Verbrechen, verbessert Albert, genannt Ali der Hacker, und verweist auf einen Link dazu im Internet, wo Toketalagis kriminelle Schamlosigkeiten aufgelistet sind. Wäre demnach ein blutiger Diktator ins Dorf gezogen? Man schwankt ein wenig zwischen Faszination und Grauen.

Nun kommt jedoch Helena ins Spiel, die mit weiblichen Rundungen nicht geizende Wurstbraterin. Sie ist nämlich die Assistentin jenes Harry Deister gewesen und kennt diesen Hof, in den Toketalagi Einzug gehalten hat, nur zu gut. Vor allem, wie sie betont, kennt sie die Geheimnisse des Hauses. Von ihren Informationen wie immer freizügig Gebrauch machend, deutet sie an, dass dieses Haus mehr als nur ein Depot für erotische Accessoires gewesen sei. Man hätte durchaus prominente Kunden gehabt, die inkognito ihre Toys hätten testen können. Mit Handreichungen des diskreten Personals. Dazu macht sie ein vielsagendes Gesicht und fügt anstandshalber hinzu, dass sie natürlich keine Namen nennen könne.

Es gelingt ihr – über das Wie kann man bloß Mutmaßungen anstellen –, sich bei Toketalagi Zugang zu verschaffen.

Am nächsten Tag ist ihre Brutzelbox geschlossen, am übernächsten und den folgenden Tagen auch. Normalerweise macht sich um Helena niemand im Dorf besondere Gedanken. Aber dieses Mal, weil viele schon damit gerechnet hatten, dass sie nicht zögern würde, an ihre alte Wirkungsstätte zurückzukehren, erscheint sie übergroß auf dem dörflichen Radar.

Sie ist in die Hände eines berüchtigten Gewaltherrschers geraten, dem ist alles zuzutrauen!, meint Klärchen Hummer und Rose Gürtler sagt: Was muss sie sich auch dauernd in die besseren Kreise hochschlafen wollen? Jetzt ist sie schmerzhaft ins wahre Leben getappt!

Holgass, der Dorfpolizist, gerät ins Schwitzen. Er pocht auf eine formale Anzeige, die freilich niemand stellt, aber es scheint wohl Gefahr im Verzug. Schnaubend setzt er sich seine Dienstmütze auf den Kopf. Wenig später klopft er ans Tor, die Hand schon am Pistolenhalfter. Im nächsten Moment verschwindet auch er von der Bildfläche.

Im Dorf macht sich große Unruhe breit. Don Otto überlegt laut, ob er nicht einen Marsch auf diese von allen Seiten umfriedete Festung ausrufen soll, mit Presse und mit dem Schützenverein.

Sie werden bei unserer Ankunft bestimmt keine heißen Teerkübel aus den Fenstern auf uns gießen, meint er mit nervöser Süffisanz und hat ein Bild vor Augen wie zu Zeiten der Bauernkriege, wo die Dorfbewohner mit Heugabeln, Hellebarden und Sensen bewaffnet gegen Toketalagis Burg ziehen werden. Gegen ein Troja, um eine Helena zu befreien.

Bewaffnet hat sich freilich niemand. Nicht dass sie tapfer wären oder gar opferwillig. Was die Schar, die sich jetzt zum Angriff rüstet, alleine antreibt, ist ihre unbezwingbare Neugierde. Dreißig Leute sind ungefähr zusammengekommen, verstärkt um den Reporter vom Kreisblatt. Die Frauen sind dabei deutlich in der Mehrheit. Don Otto setzt sich mit unentwegt gerunzelter Stirn an die Spitze, in der Hand ein Megafon. Er wird Toketalagi auffordern, seine Gefangenen freizulassen, ansonsten der mal den Rechtsstaat kennenlernen werde, mit dem sei nämlich nicht zu spaßen. Mit seiner Krawatte tupft er sich die Stirn.

Nun rücken sie an, zusammengehalten durch die Aufregung, mit der jeder sich jedem aufdrängt. Ich habe mich dem Zug ebenfalls angeschlossen und vermag schon von Weitem zu erkennen, dass an der Eingangsseite die Fenster des Gebäudes geöffnet sind. Als wir näherkommen, erkenne ich Helena, die sich hinabbeugt und heftig mit den Armen fuchtelt.

Don Otto ruft durchs Megafon: Wir kommen, dich zu befreien!

Aber Helenas aufgeregtes Winken ist ganz anders gemeint.

Er wird mich heiraten!, ruft sie atemlos. Gestern hat er mir einen Antrag gemacht!

Noch und noch mal und fast zu jedem Einzelnen in der gaffenden Schar ruft sie: Er wird mich heiraten!

Ich stelle mir vor, dass ihre ausladenden Formen in dem schmächtigen Toketalagi eine lustvolle Entsprechung finden.

Nun erscheint neben ihr auch Holgass, im Hawaiihemdchen und mit einem knallroten Stirnband. Übermütig wirft er seine polizeiliche Dienstmütze wie eine Frisbeescheibe in die Menge.

Ich bin zur Leibgarde ernannt worden, tönt er und schießt mit seiner Dienstpistole, die er behalten hat, zweimal in den Himmel.

Zuletzt erscheint auch er selbst am Fenster, Toketalagi, schmal und mit Sonnenbrille. Es ist nur ein kurzes Lächeln, das er zeigt und das seine schneeweißen Zähne entblößt. Er winkt uns lässig, fast gelangweilt zu und zieht sich dann wieder ins Innere zurück, mit ihm Helena in ihrem goldgrünen Sarong.

Die Dorfbewohner starren noch eine Weile zu den leeren Fenstern hinauf und sind, ob sie es wollen oder nicht, ziemlich beeindruckt.

Blauweiß, der Großbauer, destilliert einen vierzigprozentigen Wodka, den er selbstverliebt

Der Blauweiße

nennt. Ein zugehöriger Werbeslogan lautet Himmlisch (auf blauem Grund) Rein (auf weißem Grund). Das reizt die Spötter. Sie nennen den Blauweißen »diese Waschmittelbrühe« und schlagen vor, noch etwas Kohlensäure zuzusetzen, damit's auch ordentlich schäumt.

Blauweiß reagiert flexibel. Er sucht eine Werbeagentur auf. Daraus lässt sich was machen, sagen sie dort. Und dann machen sie was draus.

Himmlisch Rein ist nun eine neue und größere Werbeanzeige überschrieben. Eine pausbäckige Bauernmagd mit weitem Rock und langer Schürze will die Blauweißflasche in einen schäumenden Waschbottich gießen. Ein feixender Bilderbuchkosake hat sich jedoch dazwischengeschoben und der Wodka fließt nun statt in den Bottich in das Glas, das er darunterhält. Rettet unseren Besten steht daneben und es folgt ein Aufruf zu einer großen, mit Preisen angereicherten Aktion, bebildert durch eine Gruppe von Leuten, die alle in einen blauen Himmel blicken und dabei ein Wodkaglas in die Höhe halten. Fehlen nur noch die Kinder.

Blauweiß hat es wieder einmal allen gezeigt, mit dem Blauweißen macht er Umsatz.

Doch wird im Ort ein Murren vernehmlich. Es rührt von den oftmals unberechenbaren Landfrauen her. Sie beschweren sich über das Bild der tumben Bauernmagd. So könne man heutigentags keine Frau mehr zum Besten geben, nicht nur in der Stadt hätten die Dinge sich gewandelt. Man rede ja auch kaum noch von Dorfdeppen. Warum schütte so einer nicht den Schnaps ins Waschwasser? Es weht ein Hauch von Feminismus durchs Dorf.

Blauweiß, dem alles zu Ohren kommt, beschwichtigt, wo er kann, meint, man sollte diese Reklame mit Humor begleiten, verteilt hier und dort Probefläschchen und reibt sich sogar die Hände, weil sein Etikett so viel Aufsehen erregt.

Die Sache nimmt jedoch ein ungeahntes Ausmaß an. Denn in einzelnen Familien kommt es bereits zu Verstimmungen. Frauen versuchen den Männern – vergeblich – den Blauweißwodka auszureden. Die pensionierte Dorfschullehrerin Luzi Kumbernuss erwähnt bei der nächsten Zusammenkunft der Landfrauen eine Komödie des altgriechischen Dramatikers Aristophanes, der in einem Stück beschreibt, wie die Frauen aus Athen und Sparta sich zusammentun, um ihre martialischen Ehegatten daran zu hindern, weiter gegeneinander Krieg zu führen3. Ihre weibliche Strategie ist so einfach wie total: Sie verweigern sich den Männern beim Sex.

Natürlich ruft das erst einmal Heiterkeit hervor, dennoch spinnt man diesen Gedanken, von eigenen Fantasien beflügelt, noch ein Stück weiter. Liebesentzug gegen männlichen Wodkawahn – das ist zumindest einen Versuch wert. Blauweiß meint gegensteuern zu können, indem er weiterhin kleine Wodkawerbegeschenke verteilt und darauf vertraut, dass »die Weiber vernünftig bleiben«. Aber denen ist es ernst.

Sie treffen eine Vereinbarung und fahren in die Stadt. Jedes ihrer Autos ist voll besetzt und die Verkäuferin eines Dessousladens wundert sich über einen nie erlebten Ansturm. Sie breitet alle verfügbaren Größen der meist in Schwarz oder Purpur verlangten Teile aus. Zum Schluss bleiben sogar ihre beiden Schaufensterpuppen splitternackt zurück.

An diesem Abend erwartet die Männer, die blauweißen Wodkatrinker, eine verschärfte Form von Triebstau. Viele von ihnen erfahren erst jetzt, welche Reize ihre Frauen ausstrahlen können und sind erregt wie nur bei einem Seitensprung. Zugleich zerschellen sie an der hartnäckigen Sprödigkeit dieser Frauen, die, während sie ihren Männern mit Spitzendessous und hauchzarten Nylonstrümpfen vor der Nase herumtänzeln, Bemerkungen machen, wonach man so etwas ja nicht tragen könne, für Bauernmägde sei das höchst unanständig. Nein, nein, sagen sie und schlüpfen wieder in das, was auf keiner Wäscheleine weiter ins Auge fällt. Dass einige der Kerle sich verzweifelt an die gesammelten Blauweißfläschchen halten, die nun sie retten sollen, passt natürlich ins Bild.

Lange geht das aber nicht gut, auf beiden Seiten nicht. Naturgewalten lassen sich schwerlich aufhalten und so erwacht manche der dörflichen Schlafstuben zu ganz neuem Leben.

Blauweiß, ansonsten allein betört von der blaublütigen Blässe seiner Gattin, will auch die neue Situation zu seinen Gunsten nutzen. Er wird mithilfe seiner Werbeagentur den Blauweißen zum Liebestrank umfunktionieren. Die Frau, die diesmal in den Werbeannoncen erscheint, ist jedenfalls weder mit Zwiebeldutt noch kurzen Puffärmeln und dicken roten Wangen abgebildet. Vielleicht reichen schon ein paar Wölkchen am blauen Himmel samt dem sehnsüchtigen Blick eines Schlagersternchens, das in diversen Supermärkten für Promoauftritte gut sein wird. Mit ein bisschen sanfter Erotik läuft es jedenfalls konfliktfreier ab, Mädchenträume werden wachgerufen, weil die Wölkchen sich wie zufällig zu einem Einhorn formen. Was Hartes soll zum Enthärter werden.

Olav Decker

taucht auf Flohmärkten auf, ein Trödler. Seiner Bauernkate schließt sich im hinteren Teil ein Schuppen an, der vollgestopft ist mit so ungefähr allem, was man gemeinhin Schrott nennt. Vieles steckt in eingedrückten, rissigen Kartons, grob gezimmerten Kisten, anderes steht frei herum, alte Fahrräder, verstaubte Haushaltsgeräte, angerostete Schreibmaschinen, ein alter Destillierapparat und Unzähliges mehr. Keiner im Dorf, der mal etwas nicht mehr braucht und es nicht irgendwo noch verschachern kann, wirft es weg, sondern trägt es zu Olav, der dann einen missmutigen Blick darauf wirft und sagt: Lass es von mir aus hier.

Flohmärkte gibt es in der Gegend nicht viele. Olav hat einen uralten Lieferwagen mit geteilter Frontscheibe, mit dem er weite Strecken fährt, um seinen Trödel zu verhökern oder neuen aufzutreiben.

Würde einer gefragt, wie alt Olav wohl ist, käme er in Verlegenheit. Hinter seinem vergilbten Bart hat es ihn schon immer gegeben und immer schon war er griesgrämig, wortkarg und ein bisschen schmuddelig. Aber alle üben Nachsicht mit ihm und halten ihm zugute, dass er, als Salzgebers vierjährige Tochter plötzlich verschwunden war und damit das ganze Dorf in helle Aufregung versetzte, sich mit auf die Suche nach ihr gemacht und sie in dem nah gelegenen Waldstück aufgespürt hat. Dort, hat sie später erzählt, wollte sie Rotkäppchen spielen. Tatsächlich hatte sie einen Korb dabeigehabt und sich darin mit einer Flasche Wein abgeschleppt, die sie ihren Eltern aus dem Kühlschrank stibitzt hatte. Und wenn der böse Wolf gekommen wäre?, ist sie gefragt worden. Der liegt doch im Bett mit Omi, hatte sie geantwortet. Die Flasche Wein schenkten sie dann Olav.

Und nun ist da die Spargelstecherin Agnieszka aufgetaucht. Seit Anfang April wohnt sie in einem Container, den Bauer Masch für seine Arbeiterinnen und Arbeiter während der Spargelsaison hat aufstellen lassen. Agnieszka ist eine kräftig gebaute Frau von Anfang dreißig, sie hat große staunende Augen, die Wangen sind leicht gerötet und sie geht trotz ihres fülligen Busens aufrecht wie eine Tanne. Ein wenig erinnert sie an die Frauengestalten in Robert-Crumb-Cartoons, die Olav in seiner Jugend verschlungen und die ihn in pubertären Träumen so manches Mal verfolgt hatten.

Gerne würde er mit Agnieszka ins Gespräch kommen, weiß aber nicht, wie er das anstellen soll. Außerdem hat er gehört, dass sie Polin ist, vermutlich spricht sie gar kein Deutsch. Aber irgendwie ist ihm das auch egal, er möchte nur mal Tuchfühlung mit ihr aufnehmen.

Der Spargelacker liegt nicht weit von seinem Haus entfernt und täglich marschiert der kleine Trupp Spargelstecher, Polen und Ukrainer, an Olavs Haus vorbei. Olav macht sich kurze Zeit später selbst auf den Weg. Halb hinter einem Baum am Feldrain versteckt, sieht er dann in leichter Erregung der gebeugten Maloche von Agnieszka zu.

Irgendwann im Supermarkt, wo er sich seinen obligatorischen Wacholderbrand besorgen will, bemerkt er zufällig einige der Spargelstecher. Plötzlich hofft er, auch Agnieszka in diesem Kreis zu finden, zumindest könnte sie ganz in der Nähe sein. Wie auf einer Party, wo einer auf das Erscheinen seiner heimlich Angebeteten hofft, blickt er sich um.

Aber die Männer sind mit einem vollen Einkaufswagen bereits auf dem Weg zur Kasse. Olav trottet ihnen hinterher, er gibt die Hoffnung nicht auf. Erschiene sie jetzt, würde er einfach zu ihr gehen und sagen: Meine Taube, ich bin der von nebenan und würde dich gerne kennenlernen. Das fantasiert er sogar noch vor sich hin, als die Spargelstecher und dahinter er mit seiner Flasche Wacholderbrand die Kasse bereits passiert haben.

Draußen sieht er die Männer in einen Kleinbus steigen. Gerade als der Motor gestartet wird, kommt Agnieszka gelaufen.

Zaczekaj na mnie!4, ruft sie laut. Aber die im Bus scheinen von ihrer Anwesenheit nichts mitzubekommen und fahren trotz Agnieszkas heftigem Winken ahnungslos davon.

Nun hat Olav sie unverhofft ganz für sich allein. Ein Geschenk des Himmels, sagt er sich, obwohl er an den Himmel noch niemals geglaubt hat. Jetzt schon eher.

Zufällig stehe ich mit meinem Auto unweit entfernt und erlebe die Szene mit, sehe, wie Olav sich Agnieszka mit Schritten nähert, die mich ihres Vor und Zurück wegen an einen Balletttänzer erinnern. Ich wüsste gerne, was er ihr jetzt sagt, als sie sich ihm unentschlossen und wohl noch leicht verärgert wegen des abgefahrenen Busses zuwendet. Eine junge Frau und ein gealterter Zausel auf dem Parkplatz vor Rewe, das wäre für sich betrachtet nichts Besonderes, in diesem Fall jedoch geht es, zumindest für Olav, um alles oder nichts. Davon habe ich im Augenblick verständlicherweise keine Ahnung. Ich sehe nur Olav, wie ihn wohl keiner hier kennt, nämlich mit einem charmanten Lächeln und einer Frau, die etwas schwankt zwischen Was’n-das-für-Einer und einer aufgenötigten Freundlichkeit, weil er ihr vielleicht versprochen hat, sie nach Hause zu bringen. Und wirklich steigt sie in seinen klapprigen Kleintransporter ein und Olav – ich traue meinen Augen immer weniger – hält ihr sogar die Tür auf. Der in Polen übliche Handkuss würde das Bild sicher noch passend abrunden, unterbleibt immerhin.

Sie spricht kein einziges Wort Deutsch. Daher haben Olavs Versuche, mit ihr auf dieser höchstens zehnminütigen Fahrt ins Gespräch zu kommen, keinen Erfolg. So nah und trotzdem erfolglos leidet er ein bisschen. Sie sitzt aufrecht und stumm neben ihm, ein einziges Mal nur lächelt sie kurz. Aber als sie dann vor dem Wohncontainer stehen, sagt sie nicht nur artig Dziękuję Ci, dankeschön, sondern beugt sich sogar zu ihm hinüber und drückt ihm einen Kuss auf die Wange.

Olav ist völlig perplex, will wenigstens ihren Arm berühren, aber da ist sie schon ausgestiegen. Für den Rest des Tages treibt ihm der Wacholderbrand jedenfalls die tollsten Visionen ins Hirn.

Starke Frauen werden auf dem Dorf allem zum Trotz noch immer an ihrer Körperstärke gemessen. Erst recht, wenn sie als Mann in Erscheinung treten.

Mal der Reihe nach: Das Dorf hat nämlich eine Fußballmannschaft. Sie existiert erst seit einigen Jahren. Doktor Reiter, ansonsten wenig vertraut mit Ballspielen, hat es sich dennoch nicht nehmen lassen, mithilfe eines Grafikers das ursprünglich angedachte stumpfe, lediglich aus einem Rautenschild und dem Namen des Vereins bestehende Wappen durch eine stilisierte Siegesgöttin zu ersetzen. Diese erst wird dem Namen des

FC Viktoria

wirklich gerecht. Die Umschrift per aspera ad astra5 suggeriert außerdem verwegene Ziele. Aber das muss in Augenblicken pathetischer Selbstbesinnung niemanden stören.

Die Wirklichkeit sieht freilich so aus: Das hiesige Spielfeld ist eine unschöne Mischung aus Schotter und Wildwuchs. Und wenn man dann noch weiß, dass es dem Verein kaum einmal gelingt, überhaupt elf Spieler auf den Platz zu bringen, weshalb sie zwar in der untersten Spielklasse mitmischen dürfen, aber eben nur zu elft, andernfalls das Spiel mit 0:3 gegen sie gewertet wird, verwundert es einen nicht, dass sie mit weitem Abstand am Tabellenende verharren.

Man hat versucht, dieses Manko dadurch auszugleichen, dass man die jeweils ein, zwei oder drei fehlenden Spieler durch den ersten und zweiten Vorsitzenden, zur Not noch den Kassierer ersetzt hat. Denn wie im Amateurfußball häufig zu beobachten, verlassen Spieler, weil sie mit den Entscheidungen des Schiedsrichters hadern, mit Kraftausdrücken, wegwerfenden Handbewegungen und mit gespielter Entrüstung gerne vorzeitig den Platz. Wenn nichts anderes hilft, mimen sie sogar schwerere Verletzungen.

Das ist nicht nur wegen des erheblichen Altersunterschieds innerhalb der Mannschaft, sondern auch der falschen auf dem Spielberichtsbogen eingetragenen Namen bei den Ligaoffiziellen ruchbar geworden. Man hat sich deswegen, um einer möglichen Sperre zu entgehen, im Verein zusammengesetzt und beraten.

Der Vorsitzende, Spargelbauer Helfried Masch, sein Vize, Julius Bommerland, ein städtischer Angestellter in der Kreisstadt, Albert Künzing, Kassierer und Packer bei Schleckes, schließlich Max Molka, Trainer und Wirt des örtlichen Dorfkrugs, verfolgen seither eine Idee. Molka ist es gewesen, der sie aufgetischt hat. Er bezeichnet sich gern als Taktikfuchs und untermauert diesen (einzig von ihm selbst am Leben erhaltenen) Ruf damit, dass er seine Trainingseinheiten im Schankraum seiner Kneipe abhält und dort eine Tafel aufstellt, auf die er ekstatische Schnittmusterbögen kritzelt. Das erste Bier ist immer gratis und dadurch ein gewisser Anreiz für die Kicker überhaupt mal zu erscheinen. Länger als dieses eine Bier bleibt freilich selten einer.

Molkas Idee scheint, wie er selbst an dieser Stelle einräumt, durchaus abseitig. Aber schlimmer könne es mit dem Verein eh nicht kommen, meint er, die Jungs hielten sich einfach nicht an seine taktischen Vorgaben.

Masch, Bommerland und Künzing räuspern sich jedes Mal bei diesem eingestreuten Vorwurf.

Also passt auf, sagt Molka, ich habe da an eine Verstärkung gedacht, die nicht bei uns ansässig ist, jedenfalls dürfte niemand sie im Umkreis hier kennen.

Und?

Molka schließt kurz die Augen und sagt: Eine Frau.

Was?

Die Rede ist von Gabi Sonnenstern. Rein optisch gleicht sie dem Klischee einer Kampflesbe. Aber das ist eine Unterstellung, die von ihrer bulligen Gestalt herrührt, ihrem burschikosen Gesicht und der heiseren, am Ende scheinbar durch Hormonbehandlungen tiefer gelegten Stimme. Fakt ist, dass Gabi Sonnenstern in ihrer Frauenliga Torschützenkönigin ist und das mit weitem Abstand. Molka hat sie auch deswegen angesprochen, weil sie – er blinzelt beflissen – einen flachen Busen hat.

Masch, Bommerland und Künzing dämmert was. Du willst sie doch nicht etwa …

Genau das will er. Aber sie macht es nicht umsonst, meint er. Pro Tor, das sie erzielt, verlangt sie – Einstiegspreis – fünfundzwanzig Euro. Plus Anfahrt und Maskenbildnerei. Aber kein Problem, um die kümmert sich meine Frau. Sie malt auch die Ostereier immer so schön an, kann er sich nicht verkneifen hinzuzufügen.

Masch, Bommerland und Künzing wiegen die Köpfe. Per aspera … Molka reißt die Augen auf, macht ein Gesicht, als sei das die große Chance. Sie nicken es schließlich ab.

Bernardo Tirpitz

ist der Pfarrer des Dorfes. Seine Kirche liegt freilich in einem der Nachbarorte und ist regelmäßig schlecht besucht. Um hin und wieder hier im Dorf einen Gottesdienst abhalten zu können, hat er keine geeignete Räumlichkeit gefunden. Nun kommt ihm eine Idee und er macht sie durch einen Flyer bekannt.

Darin werden die Bauern gebeten, ihren Kuhdung von der Weide zu kratzen. Der sei nämlich ein guter und nachhaltiger Baustoff. Bernardo Tirpitz ist einige Jahre missionarisch in Ostafrika unterwegs gewesen und hat gesehen, dass man Bauziegel mit einfachen Mitteln herstellen kann. Man braucht nur den Dung mit Lehm und Stroh zu vermischen und erhält ein hervorragendes und in besonderem Maße naturverträgliches Material. Tirpitz denkt an eine Kapelle.

Der Bürgermeister hat bereits durchblicken lassen, dass die Gemeinde Interesse daran hat. Heinz-Otto Krusche stellt sich ein fremdartig anmutendes Kirchlein vor, vielleicht mit einem Dach aus Haferstroh, jedenfalls etwas Afrikanisches. Das könnte im Hinblick auf mögliche Touristen ein echtes kleines Highlight werden.

Tirpitz’ Idee verleitet bald zu gemeinschaftsgeistigem Eifer. Bauern, gläubig oder nicht, heben angetrocknete Kuhfladen sorgsam, als seien es Vogelnester, von den Wiesen auf und bringen sie zu einem dafür vorgesehenen Anger. Dort stapelt sich allmählich der Dung und es liegt ein süßlicher Geruch in der Luft.

Aus Scheiße Geld machen, dieser Gedanke hat blitzartig von Großbauer Blauweiß Besitz ergriffen. Zwar hat er anfänglich ebenfalls seinen Kuhfladentribut geleistet. Dann aber geht er mit seinem Dung eigene Wege. Seine Absicht macht nicht schon bei Ziegeln halt, er denkt an Töpfe und Vasen, an Kunst. Man müsste das Ganze natürlich entsprechend promoten. Die Dorfkapelle wäre das Pilotprojekt und Blauweiß könnte ähnliche Objekte auch anderweitig verscherbeln. Seine Werbeagentur ist bereits aktiv und hat dazu geraten, gezielt auf die Kirche zuzugehen. Die bekäme dann für ihre Abnahmebereitschaft drei Kapellen für den Preis von zwei.

Blauweiß, der seine Kühe jetzt gern mit Na, ihr kleinen Scheißerchen! begrüßt, ist in seinem Element. Er gründet die Firma Stone Bovine GmbH. Außerdem gibt er allen kund, dass er das Dach der Kapelle finanzieren wird, denn er will seine Finger von Anfang an werbewirksam im Geschäft haben.

Das Projekt wird freilich durch die Einlassung des Pfarrers verkompliziert. In Afrika, sagt er, werden solche Ziegel an der Sonne getrocknet, eine Brennerei sei daher nicht im Sinne der Idee. Man hält ihm entgegen, dass wir uns hierzulande schließlich nicht in einer tropischen Gegend befinden.

Aber in einer, die ihre Nachhaltigkeit pflegen muss, entgegnet Tirpitz, verschränkt seine Hände und sagt: Vertrauen wir auf unseren Herrn. Den Klimawandel hat er bereits eingeleitet.

Die Aktion gerät ins Stocken. Man erhebt nämlich Einspruch mit einem lutherischen Kirchenlied, in dem es heißt: Eine feste Burg ist unser Gott. Diese Burg brauche gebrannte Ziegel. In einer leidenschaftlichen Rede vor dem Gemeinderat verweist Bürgermeister Don Otto auf den Fleiß, den guten Willen, gar die Leidenschaft, mit der die Dorfbewohner jeden Kuhfladen aufgelesen hätten, um die großartige Idee einer Kapelle ins Werk zu setzen. Das dürfe nicht einfach vom Regen weggespült werden. Wir haben, fügt er hinzu, nicht Granit noch Marmor, aber auch wir können es mit teuflischen Naturgewalten aufnehmen. Das »teuflisch« bewusst an Tirpitz' hyperökologische Sturheit gerichtet.

Letzterer gerät in eine strategische Zwickmühle. Zwar findet auch er eine Handvoll Unterstützer, Grete Hülsenbeck zum Beispiel, die notorische Apokalyptikerin, die jede modernistische Strömung im Höllenfeuer verglühen sieht, oder die Städterin Katharina, die sich auf melancholische Weise der Vergänglichkeit ausgeliefert weiß. Aber die Mehrzahl der Dorfbewohner stimmt für festes Mauerwerk, will »Härte zeigen«. Und diese Schäfchen gilt es doch für Tirpitz, in seinen Gottesdienst zu locken.

Er schichtet ideologisch um. Natürlich, verkündet er, braucht es starke Mauern, darin sei er sich mit allen einig. Aber im Fall der Kapelle gehe es nicht um eine Festung, sondern um ein Abenteuer des Glaubens.

Anders gesagt, man wird auf uns schauen, man wird neugierig sein und sicher in größerer Zahl anreisen. Wer hat schon einmal die Gelegenheit, eine ländliche Kapelle in Afrika zu besuchen? Liebe Brüder und Schwestern, beachtet den lukrativen Eventcharakter, den das hat.

Jetzt werden doch einige hellhörig. Korbinian Kropp, der vermeintliche Liebhaber der Bürgermeistersgattin, zum Beispiel. Er vermittelt Ferienaufenthalte in der Gegend und mit einer solchen Kapelle könnte er in seinen Prospekten sicherlich punkten. Helena – man begegnet ihr nur noch selten – lässt sich im Sarong zu ihrer verwaisten Wurstbude in der schwarzen Limousine ihres Liebhabers kutschieren. Sie will in Vorbereitung zu den Baumaßnahmen roast nyama nyama6 anbieten. Ihr Liebhaber Toketalagi, der von Gerüchten umrankte Südseediktator, wird ebenfalls kurz erscheinen und Autogramme verteilen. Außerdem, gibt Helena nebenbei kund, könne man sich durchaus vorstellen, später in dieser Kapelle zu heiraten.

Die bevorstehende Hochzeit eines Prominenten ist eine Nachricht, die sich in Windeseile im Dorf verbreitet. Die harte Mehrheit bricht rasch zusammen, jetzt richtet man den Blick ganz auf Publicity und Abenteuer.

Aber derlei Träume zerrinnen mit einem Mal. Niemand hat sich bislang mit den Tücken einer Baugenehmigung auseinandergesetzt. Nun aber schlägt sie mit voller bürokratischer Härte zu, weil Kuhdung kein zertifiziertes Material im Sinne der EU-Bauprodukteverordnung Nr. 305/2011 ist. Soviel dazu.

Der mystische Widerstreit von Ewig- und Vergänglichkeit wird an einem typisch ländlichen Produkt sichtbar. Bei einem jungen, noch kinderlosen Ehepaar, ist nämlich ein seltsamer Disput ausgebrochen, nachdem

Emil Knäbling

der Mann, häufiger Eier aus der Tenne holt, ohne die Absicht zu haben, sie zu verkaufen oder zu verzehren.

Konstanze, seine Frau, beobachtet nur, wie er sie mit einer Kanüle aussaugt, dann heißes Wasser, in das er einen Tropfen Spülmittel gegeben hat, einfüllt, schüttelt und das Wasser wieder absaugt. Man könnte vermuten, dass er gerade jetzt um die Osterzeit die Schalen bemalen möchte. Aber Konstanze hat ihn mit so etwas noch nie erlebt, ihr fiele außerdem niemand ein, dem er sie Lust hätte zu schenken. Im Haus werden die tauben Eier hinterher nicht mehr gesehen, dafür erhält Konstanze in einem fort Flüssigei und könnte ohne Ende Kuchen damit backen. Stattdessen ist sie gezwungen, es portionsweise einzufrieren, die Tiefkühltruhe ist mit geknautschten Beutelchen jedoch längst schon überfüllt. Weil Eiweiß und Dotter zuvor nicht geschieden worden sind, kann sie nicht einmal, was sie gerne täte, Eierlikör zubereiten.

Ihrer Frage, was er mit den leeren Eierschalen denn nun mache, weicht Emil jedes Mal aus. Er sagt lediglich, dass er eine Sammlung anlegen würde.

Du sammelst taube Eier?

Früher, meint er, hat man Blumen zwischen Buchseiten gepresst, das war auch nichts anderes. Ich will lediglich das Ei von heute noch in zwanzig Jahren in seinem ursprünglichen Zustand betrachten können, verstehst du? Warum hat man wohl im alten Ägypten Tote mumifiziert?

Konstanze kann Emils Logik nicht ganz folgen, sie sagt: Du sammelst Eier wie andere Bierkrüge oder Briefmarken. Warum tust du das? Unsere Hühner legen jeden Tag welche.

Sie versteht noch weniger seine Antwort, wenn er sagt: Ich will dem organischen Verfall etwas entgegensetzen.

Wie drückt er sich überhaupt neuerdings aus? Konstanze überlegt. Dem organischen Verfall – aber an den leeren Schalenhüllen verfällt doch gar nichts mehr, jedenfalls nicht so bald. Sie sagt ihm das.

Emil sieht sie träumerisch an.

Das stimmt, aber es geht dabei um die äußere Hülle, den schönen Schein. Davon leben wir doch alle ein gutes Stück weit.

Konstanze streicht ihm in mütterlicher Ratlosigkeit übers schüttere Haar.

Mag meine Haut im Lauf der Jahre immer runzliger werden, fährt er fort, die Eier behalten ihren glatten Teint.

Sie fühlt mit ihm, wenn er, dessen Kopfform auffallend einem Ei gleicht, in seiner Kollektion glaubt, weiterleben zu können. Die Eier sind das Spiegelbild seiner ewigen Jugend.

Ein Skelett wird von ihm übrig bleiben, ein Schädelknochen und der wird einstmals als krönender Abschluss in einer langen Reihe von leeren Eierschalen stehen. Archäologen werden kaum weniger rätseln, als es Konstanze tut.

Heimspiel

gegen Sparta 2000, den Tabellenführer und heißen Aufstiegsaspiranten, gegen den man sonst gar nicht angetreten wäre, weil eine 0:3-Niederlage auf dem Papier sich weit besser liest als ein zweistellig mieses Ergebnis, mit dem man rechnen müsste. Ein gewisser Hermann Stollbruch steht heute auf dem Berichtsbogen des FC. Hermann fällt durch seinen entschlossenen Blick und seine dynamisch nach vorn gebeugte Haltung auf, bei der man an ein grimmiges Huftier erinnert wird.

Gleich nach dem Anstoß schnappt er sich den Ball und tankt sich an zwei Sparta-Verteidigern vorbei. Sein Schuss streicht jedoch knapp am rechten Torpfosten vorbei. Die fünf zahlenden Zuschauer aus dem Dorf klatschen aufmunternden Beifall, fragen sich natürlich auch, wo dieser Bursche plötzlich herkommt.

Das 1:0 fällt erwartungsgemäß auf der anderen Seite. Ein leicht adipöser Verteidiger des FC lässt sich austanzen und unser Torhüter steht unzulässig weit vor seinem Kasten. Anschließend misslingt eine weite Flanke aus dem Anstoßkreis auf Hermann. Stattdessen fahren die Spartaner einen Konter: 2:0. Molka, der in einem fort am Spielfeldrand mit den Armen rudert oder mit ausgestreckten Fingern Zeichen gibt, die noch nie einer kapiert hat, kann sich nach dem bald erfolgten 3:0, einem bekloppten Eigentor, lediglich noch Hermann verständlich machen. Der rückt nun in die Verteidigung. Er zeigt auch gleich, wie es geht, und begeht ein zwar leichtes, aber leider auch taktisch inspiriertes Foul und das wird mit einer Gelben Karte bestraft. Macht nichts. Hermann zieht weiter die Fäden, bringt es zu einem doppelten Doppelpass mit Jungbauer Goltz, der sich kurz umschaut, ob’s auch alle gesehen haben, lässt wieder zwei Spartaner aussteigen und trifft dieses Mal satt ins obere rechte Eck. Der Jubel ist groß und die Jungs auf dem Platz tun das, was andere in dieser Situation immer tun, sie fallen über den Torschützen her, umarmen und küssen ihn. Hermann steckt es weg und der Club ist erst mal fünfundzwanzig Euro los. Bei Halbzeit steht es 1:3 gegen Viktoria.

An sich betrachtet ist das kein schlechtes Ergebnis. Hermann entzieht sich der verständlichen Neugierde seiner Mitspieler, indem er am Spielfeldrand Dehnübungen macht. Ein vom Ehrgeiz Beseelter. Aber solange er Tore schießt …

Das Spiel wird zur zweiten Halbzeit angepfiffen. Molka, der wieder hitzig auf seine Spieler eingeredet hat, steht vor seiner Trainerbank, die in diesem Fall nur ein simpler Biergartenstuhl ist, und fuchtelt herum. Hermann leitet jetzt artistisch einen Ball mit der Hacke weiter, ein Mitspieler nimmt ihn dankbar an, will zeigen, dass er nicht schlechter als Ballwuseler Hermann ist, bleibt aber prompt an der gegnerischen Abwehr hängen. Doch da ist erneut Hermann zur Stelle, erobert den Ball zurück und schlägt eine weite Flanke in Richtung Sparta-Strafraum. Zwei FC-Spieler recken die Hälse. Weil zu klein und sichtbar übergewichtig, erreichen sie das Spielgerät nicht wie erhofft mit dem Kopf. Aber auch der gegnerische Torwart fliegt darunter durch und der Ball landet für alle überraschend im Tor. Die paar erschienenen FC-Fans recken die Bierdosen in die Höhe und umarmen sich. Hermann kriegt wieder Küsse.

Das 3:3 erzielt nicht Hermann, sondern der schon genannte Goltz, nach zwei Spielzeiten sein erstes Tor in der Liga! Hermann küsst jetzt zurück und die FC-Fans tanzen Sirtaki. Noch mal Hermann, der einen schwach geschossenen Eckball seiner Mannschaft so gerade noch erreicht, den herausgelaufenen Torwart umkurvt, nun alleine vor dem Tor steht, aber anstatt den Ball humorlos ins Drahtgehäuse zu hauen, erst noch auf seine Stirn lupft und dann einköpft. Eine Showeinlage, wie man sie auf diesem Platz noch nie erlebt hat, es ist der helle Wahnsinn. Aber Sparta, zornig und gefrustet, kommt noch einmal vor das FC-Gehäuse. Der Sparta-Mittelstürmer steht jetzt zwei Meter vor der Torlinie und muss nur noch einschieben, doch Hermann, immer wieder Hermann, rauscht von hinten heran und holt ihn brutal von den Beinen. Die Entscheidung ist klar: Elfmeter und glatt Rot für den Übeltäter. Ein Schrank von Mittelstürmer aufseiten der Spartaner tritt an. Der FC-Torwart hechtet in die rechte Ecke. Der Schuss wäre jedoch in der linken gelandet. Wäre – hätte ihn nicht irgendein Fußballgott um den Pfosten gelenkt.

Leider sind die FC-Spieler bei dieser Aktion zu früh in den Strafraum gesprintet, der Elfer muss wiederholt werden. Der Wind, möchte man poetisch einfügen, wirbelt die verzweifelt ausgerissenen Haare der FC-Anhänger über das Spielfeld, kann aber noch mehr, denn er bläst den zweiten Strafstoß erneut am linken Torpfosten vorbei. Schlusspfiff.

Den FC Viktoria kostet dieser 4:3-Sieg fünfundsiebzig Euro für Hermanns drei Tore und die Mannschaft gibt sich einer bierseligen Siegesfeier hin. Jetzt fragen natürlich alle, wo Hermann, der unbestrittene Held des Tages, sich aufhält. Musste dringend weg, erklärt Molka. In Wahrheit verwandelt Hermann sich auf dem Dixi-Klo für Damen gerade wieder in Gabi Sonnenstern.

Sie hat tatsächlich noch einen Termin, muss in einem Flutlichtspiel mit ihren »Mädels« antreten. Drei Tore benötigt sie noch, um ewige Rekordhalterin in ihrer Liga zu werden. Aber dort werden die Tore, wenn überhaupt, schlechter bezahlt. »Männer« lohnt sich deswegen eher. Eine Geschlechtsumwandlung, fügt sie scherzhaft an, wäre trotzdem zu teuer für einen Nebenjob bezahlt. Von ihrem Freund, den ihre Mannschaftskolleginnen gern ihr kleines Schoßhündchen oder einfach Idefix nennen, lässt sie sich verwöhnen. Er liebt nun mal ihren Schweißgeruch, ihre fabelhaft muskulösen Schenkel, ihre Härte, ihre blauen Flecke.

Der FC Viktoria, der auch nach dem Sparta-Spiel weiterhin mit großem Abstand das Schlusslicht in der Tabelle bildet, lässt es sich in Gestalt von Masch, Bommerland und Künzing dennoch nicht nehmen, mit Hermann, ihrem Racheengel, bereits munter von einem kommenden Aufstieg zu träumen. Man überlegt, ob man die grün-weißen Vereinsfarben nicht verändern soll, um Blauweiß, den Großbauern, an dessen Tür man zuvor vergeblich geklopft hat, vielleicht doch noch als Sponsor zu gewinnen. Molka steht nun freilich die schwierige Aufgabe bevor, seinen Spielern zu erklären, wer Hermann in Wahrheit ist. Viel Freibier wird fließen müssen.

Masch, Bommerland und Künzing überlegen, was passieren wird, wenn der Schwindel auffliegt, wiegen wieder die Köpfe und kommen zu dem Ergebnis, dass in diesem Fall die überregionale Presse erschiene und genüsslich über Viktoria, den Skandalclub, berichten würde. Sie selbst würden es ebenfalls genießen, denn der Name des Clubs könnte angesichts der aktuellen Genderdebatte in die Annalen des Fußballsports Eingang finden. Das wiederum schlüge positiv bei den Einnahmen, zumal den möglichen Werbegeldern, zu Buche und man könnte eines nicht so fernen Tages mit seiner Vorreiterrolle Berühmtheit erlangen.

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Yaş sınırı:
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190 s.
ISBN:
9783957658456
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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