Kitabı oku: «Im grünen Raum von Saint-Leu»

Yazı tipi:

Peter Lenzyn

Im grünen Raum von Saint-Leu

Roman

mitteldeutscher verlag

Inhalt

Cover

Titel

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

Dank

Impressum

1

Hélène ließ mich gar nicht zu Wort kommen. „Du hast ja Blut an den Händen.“

„Es ist meins.“

„Wieso sagst du das? Von wem soll es sonst sein?“

„Hélène, ich muss für einige Zeit verschwinden.“

„Was ist passiert?“

„Ich weiß nicht alles, ich bin ziemlich schnell abgehauen.“

Ich machte das Radio an und hoffte auf Nachrichten. Aber es kam bloß Musik. Ich nahm den großen Rucksack und begann zu packen.

„Wo willst du hin?“, fragte Hélène.

„Zurück nach La Réunion.“

„Das ist weit weg.“

„Deshalb ja.“

„Ich werde dich nicht sehen.“

Ich zögerte mit der Antwort. „Vielleicht ist das gut so.“

„Für dich vielleicht.“

„Auch für dich.“

Im Radio kamen die Nachrichten. Ich setzte mich zu Hélène aufs Bett und hörte zu.

Verschiedene Augenzeugen kamen zu Wort und rekonstruierten den Hergang. Sie sagten, der Unfall wäre im Alma-Tunnel geschehen, der Mercedes hätte einen Pfeiler gerammt, wäre außer Kontrolle geraten; er hätte die Mauer am rechten Tunnelrand berührt und sich dann mehrfach überschlagen. Der Liebhaber und der Fahrer sollten sofort tot gewesen sein, der Leibwächter in einem Krankenhaus um sein Leben ringen … und die Prinzessin: sie wurde leblos im Heck gefunden, konnte aber wiederbelebt werden – das jedenfalls behauptete jemand.

Hélène schaute mich mit geweiteten Augen an.

„Ich konnte sie im Wrack sehen“, sagte ich, „sie lebte noch, sie schaute einen von uns an, sie nahm seine Hand und fragte ‚Was ist geschehen?‘“

„Hast du ihr geholfen?“

„Jemand anderes war bei ihr. Er sagte ‚Bleiben Sie ruhig, es war ein Unfall. Alles wird gut.‘ Ein Lichtstrahl wanderte über ihr Gesicht: Es war wirklich die Prinzessin.“

„Was hast du gemacht?“

„Ich stand einfach da.“

„Hast du Fotos gemacht?“

„Ich bin abgehauen.“

„Du hättest ihr helfen müssen.“

„Es gab andere. Ein Arzt war sofort da.“

„Haben die anderen Fotos gemacht?“

„Ich weiß es nicht.“

„Und vorher? Hast du vorher Fotos gemacht?“

„Ja, natürlich, aber das ist meine Arbeit.“

„Weiß James davon?“

„Bestimmt wird er es längst erfahren haben. Alle wissen es.“

Es kamen erneut Nachrichten. Die Prinzessin war in einer Klinik auf dem linken Seine-Ufer. Nach Angaben der Ärzte litt sie unter einem schweren Schock, einer ernsthaften Verletzung der linken Herzkammer, inneren Blutungen und mehreren Knochenbrüchen.

Ich hatte das Notwendigste in den Rucksack gestopft und zog meine Lederjacke an. „Ich melde mich, wenn ich angekommen bin. Ich gebe dir meine neue Adresse durch, meine neue Telefonnummer.“

„Jetzt stiehlst du dich wirklich davon. Einfach so. Das ist doch aus einem anderen Grund. Das ist doch wegen Rambouillet.“

„Aber ich … du …“

„Wegen Rambouillet!“

„Wovon redest du?“

Hélène schüttelte den Kopf. „Du musst nicht gehen. Du hast nichts gemacht.“

„Das wird nicht jeder so sehen.“

„Das ist doch wirklich dein Blut, oder?“

„Ja.“

„Versprichst du mir das?“

„Ja.“

„Dann bleib hier!“

„Ich melde mich, wenn ich angekommen bin.“

Am Flughafen Charles de Gaulle erfuhr ich, dass die Prinzessin tot sei. Die Kriminalpolizei war eingeschaltet worden, die ersten Ermittlungen wurden aufgenommen, sieben Fotografen wurden in Gewahrsam genommen, nach zwei weiteren wurde gefahndet. Es ging um die Frage, ob der Fahrer des Mercedes von den Fotografen bedrängt wurde; auch hätten die Fotografen an der Unfallstelle fotografiert, statt Erste Hilfe zu leisten oder Hilfe zu rufen.

Ich überlegte, mich der Polizei zu stellen.

2

Ich habe im Alter von zehn bis vierzehn – also fast fünf Jahre – auf La Réunion gelebt. Wir hatten dort einen Nachbarn, über den ich sagen konnte, dass er – wann immer ich ihn sah – rauchte. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, er blies und pustete Wolken in alle Richtungen, ich habe ihn nur einmal ohne Zigarette gesehen, das war, als er mich in seinem Helikopter mitnahm und mir La Réunion aus der Luft zeigte.

Er zeigte mir La Réunion, als ich vierzehn war und die Insel wieder verlassen wollte. Er tat das, weil er mich dazu bringen wollte, zu bleiben. Denn mit mir würde auch meine Mutter bleiben.

Ich hatte meiner Mutter gesagt, was ich von unserem Nachbarn und seinen vielen Zigaretten hielt. Der Gedanke, dass so einer den Platz meines Vaters einnähme, machte den Tod meines Vaters noch viel schlimmer.

Unser Nachbar war ein kleiner Mann, dessen dicker Bauch über der Gürtelschnalle hing; sein Gesicht leuchtete puterrot unter blondweißen Haaren; er trug eine Brille mit Gläsern, die sich abhängig von der Sonneneinstrahlung verdunkelten. Hinter diesen Gläsern wirkten seine Augen, als wären sie voller zu versteckender Geheimnisse. Er sprach recht offen über seine nicht funktionierende Ehe und seine beiden missratenen Kinder. „Sie haben mich sehr enttäuscht“, sagte er immer.

„Du kriegst meine Mutter nicht.“

Ich brachte meine Abneigung gegen unseren Nachbarn ziemlich unverhohlen zum Ausdruck. Er ließ aber trotzdem nicht davon ab, mich für sich gewinnen zu wollen.

Mit seinem Helikopter landete er in unserem Garten und wehte dabei zwei Plastikstühle in den Pool. „Willst du den Piton de la Fournaise sehen?“, fragte er mich, als ich eingestiegen war. Einige Minuten später flogen wir einen Kreis durch den dampfenden Krater des Piton de la Fournaise. „Willst du das Trou de Fer sehen?“ – und gleich darauf flogen wir eine Acht durch das Trou de Fer mit den drei Wasserfällen und den im Wassernebel leuchtenden Regenbögen. Wir flogen vom Cirque de Salazie in den Cirque de Cilaos und weiter in den Cirque de Mafate – über Dörfer, die auf hohen, von der Sonne angestrahlten Bergplateaus angesiedelt waren und von denen sich silbrig glänzende Serpentinenwege in alle Richtungen wegschlängelten; durch tiefe, dicht bewaldete, von Fledermausschwärmen bevölkerte Schluchten – und über hohe, kahle Bergspitzen oberhalb der Wolkendecke. Wir flogen die springend herabkommenden Bergflüsse hinauf; über sattgrüne Zuckerrohrfelder hinweg und entlang der Strände der Hermitage; das türkise Wasser der Lagune und – weit draußen – die weiße Schaumlinie der auf das Riff schlagenden Wellen.

Unser Nachbar flog mich wieder zurück, landete bei uns im Garten, sagte: „Du musst eine sehr wichtige Entscheidung treffen, ich hoffe, du triffst sie richtig“, hob mit seinem Helikopter ab und flog zum Golfplatz du Bassin Bleu, wo er sich für den Nachmittag für achtzehn Löcher verabredet hatte.

Meine Mutter redete auf mich ein. „Er bietet uns Garantien, finanzielle Sicherheit.“

„Das ist mir egal.“

„Wir können hierbleiben.“

„Das geht auch ohne den.“

„Das geht nicht, das musst du verstehen.“

Ich schüttelte angewidert den Kopf.

„Gut“, sagte sie, „ich hoffe, du wirst es nicht bereuen.“

Ich wusste nicht, wie schwer es nach den Jahren in La Réunion sein würde, sich an eine Welt zu gewöhnen, die kein Meer hat und in der es nicht das ganze Jahr hindurch warm ist. Und weil ich es nicht wusste, sagte ich: „Dann gehen wir wieder nach Paris.“

„Ich will nur, dass du glücklich bist“, sagte meine Mutter.

„Das will ich auch für dich.“ Ich war von meiner ausgedrückten Liebe zu meiner Mutter so überrascht, dass ich sie gleich zu überspielen versuchte. „Mit dem hätte ich dir das nämlich verdorben.“

Ich stellte mir vor, wie sich unser zigarettenrauchender Nachbar mit meiner Mutter in den Freiluftjacuzzi gesetzt und mit einer Flasche Champagner auf den Sonnenuntergang angestoßen hätte; auch hätte er die in unseren Pool gefallenen Kokosnüsse herausgefischt, ein Loch reingehackt, einen Strohhalm hineingesteckt und sie mir mit einem Augenzwinkern hinter den dunklen Gläsern gegeben. Und wenn wieder ein Zyklon durch unseren Garten gefegt und eine Palme umgelegt hätte, wäre er wieder mit einer Machete gekommen, hätte die Palme zerhackt, das Palmenherz herausgenommen und daraus einen Salat gemacht. Wir würden den Palmenherzsalat gemeinsam und in großer Trauer um den vom Zyklon umgewehten Baum essen – und bald würde der Mann erneut von seiner nicht funktionierenden Ehe sprechen und von seinen Kindern, die ihn wirklich schwer enttäuscht hätten.

Der Mann hatte sich in den ersten Wochen, die mein Vater tot war, von seiner besten Seite gezeigt, und da er mit seiner die Inseln von La Réunion, Mauritius und Mayotte beliefernden Offsetdruckerei sehr gut im Geschäft und also sehr vermögend war, stand er bei meiner Mutter hoch im Kurs. Es wäre nicht die schlechteste Wahl gewesen. Meine Mutter wäre mit mir auf La Réunion geblieben. Ich wäre mit Pierre-Yves, Guy und den anderen – vielleicht auch mit Abasse – weiter auf den Wellen von Roches Noires, Boucan Canot und Trois Bassins gesurft, ich hätte die Angst vor der Welle in Saint-Leu verloren und wäre sie mit größerer Regelmäßigkeit gesurft; ich hätte mein Abitur am Lycée Plateau Caillou gemacht, diesen Nachmittag mit Joëlle am Strand von Petit Boucan vergessen – und ich wäre mit einer hübschen, weißen Festlandfranzösin zusammengekommen. La Réunion hätte ich vielleicht noch einmal für den Militärdienst verlassen. Aber ich wollte unseren zigarettenrauchenden Nachbarn nicht bei uns im Haus haben.

Zwei Monate nach dem Tod meines Vaters ging es nach Paris. Wir nahmen ein großes Flugzeug von Air France. Es startete in Gillot, hob ab und drehte eine Kurve über dem Meer. Wie es also schräg in der Luft lag, konnte ich ein letztes Mal auf La Réunion schauen, die hohen, grünen Berge, die Steilküste mit den schwarzen Felsen, Saint-Denis mit seinen weißen Häusern, welche um den Barachois herum dicht an dicht standen, höher in den Bergen vereinzelt weiß leuchteten und sich bald in einer Schlucht verloren, entlang eines trockenen Flussbetts – ein letztes Haus dort irgendwo hingeworfen wie ein Würfel, mit dem man seinen Einsatz verwettet hat.

In Paris zogen wir in eine große Wohnung mit Dachterrasse in der Rue de l’Amiral de Joinville in Neuilly. Es war eine Wohnung, die der Familie meines Vaters gehörte. Sie wurde meiner Mutter unter der Bedingung gegeben, dass ich auf das Lycée Général „Louis Pasteur“ ging. „Eines der besten Vorbereitungsschulen“, sagte mein langhaariger Onkel, „Fundament meines eigenen Erfolgs.“

Von seinem Erfolg erzählte mir mein langhaariger Onkel öfter. „Den größten Coup habe ich in Courchevel gelandet – es war bitterkalt, beim Unterschreiben der Verträge mussten wir Handschuhe tragen.“

Mein Onkel war ein Mensch, der in Paris – und über Paris hinaus – etwas hergab; man konnte sagen, er war bekannt, denn er trat im Fernsehen auf. Immer wenn er das tat und sich zu einer anstehenden Firmenfusion äußerte, fanden wir uns vor dem Fernseher ein und schauten zu, wie er darüber sprach, ob durch diese Firmenfusion Werte geschaffen würden, ob Arbeitsplätze verloren gingen, es kartellrechtliche Bedenken gäbe, nationale Interessen berührt wären und so weiter. Da saß er im Fernsehen, seine tiefdunklen Augenringe mit einem Batzen brauner Farbe überspachtelt, seine hellgrauen Haare aus der Stirn gegelt und im Nacken zu Schwanenfedern aufgeplustert, und brummte präzise, scharfe Sätze ohne „Ähs“ und „Öhs“ hervor, Sätze, die in der Tagespresse intensiv diskutiert wurden und ihm anonyme Morddrohungen einheimsten, mit denen er dann herumprahlte. Mein Onkel wurde von der liberalen Gesellschaft Frankreichs gefeiert wie ein Seher, einer, der die Verhältnisse der französischen Wirtschaft vor allen anderen begriff – und wenn man von keinen Verhältnissen sprechen konnte, legte er sie mit ein paar im Fernsehen gebrummten Sätzen fest. Er hatte so eine besondere, überzeugende Präzisionsstimme, die tief und kraftvoll war und den Nippes auf den Kaffeetischen zum Hüpfen brachte. Und wie er es schaffte, für die gesamte Wirtschaft des Landes die Verhältnisse festzulegen, meinte er, es auch für meine Mutter und mich tun zu können.

Ich ging also auf das Lycée Général, kam in die Première und sah mich umgeben von Schülern, die sich messingpolierte Brieföffner zum Geburtstag wünschten, ihren Eltern eine Freude damit bereiteten, lange Abschnitte aus den Iliaden auswendig aufzusagen – und klare Ideen darüber hatten, was sie später mal werden wollten.

Als sie erfuhren, dass ich viele Jahre auf La Réunion gelebt hatte, wussten sie erst nicht, wo das war, und als sie von ihren Eltern hörten, dass das eine der französischen Inseln im Indischen Ozean wäre, schoben sie ganz hauptstädtisch hinterher, dass ich demnach aus dem Konfetti des Imperiums stammte.

Ich hatte ziemliche Anlaufschwierigkeiten. Meine Schulnoten waren schlecht, ich ließ mich hängen. Meine Mutter wusste nicht, wie sie mit mir umgehen sollte, sie bestellte einen Nachhilfelehrer. Der Nachhilfelehrer roch so stark, dass ich es ihm sagte: „Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie sich vor ihrem nächsten Besuch gründlich waschen würden, bitte auch unter den Achseln und an den Genitalien.“

Statt sich vor dem nächsten Besuch ordentlich zu waschen, warf der Nachhilfelehrer meiner Mutter vor, sie hätte mich überhaupt nicht erzogen und würde ihrer Verantwortung als elterliche Instanz nicht nachkommen. Er beendete sein Erscheinen bei uns mit dem Zuschlagen der Wohnungstür, welches, da es sich um eine schwere Altbautür handelte, einen ziemlichen Eindruck hinterließ.

Meine Mutter glaubte wirklich, sie würde sich hinsichtlich meiner Erziehung nicht verantwortungsvoll verhalten und machte sich allerhand Gedanken, wie sie mich für die Schule begeistern könnte.

Ich war wieder einmal mit einer schlechten Note nach Hause gekommen. „Sieben!“, sagte ich und warf mein Physikheft auf den Küchentisch. Meine Mutter schaute mich an, begann zu weinen und sagte: „Ach, tu mir das doch jetzt nicht an.“ Für einen Moment bekam ich Schuldgefühle, welche mich vielleicht dazu gebracht hätten, etwas für die Schule zu tun. Aber ich bemerkte, dass meine Mutter Zwiebeln schnitt, und auch sie bemerkte, dass ich es bemerkt hatte – es waren also die Zwiebeln, die sie zum Weinen brachten –, und dann fiel uns nichts Besseres ein als zu lachen; das Lachen krampfte sich in uns fest, meine Mutter konnte sich kaum noch halten, und dann rutschte ihr auch noch das Messer aus der Hand, es fiel herunter und rammte seine Spitze ins teure Teakparkett. Wir schauten auf das dort zitternd stehende Messer und verstanden es als Symbol der so strengen Familie meines Vaters – und dann lachten wir erst recht; wir lachten und lachten, uns rollten die Tränen die Wangen herunter, ach, das tat uns gut – es war ein kurzer Moment, für den wir befreit waren von diesem wahnsinnig ernsten Paris, diesen ganzen Menschen, die sich hinter Fehlerlosigkeit und Hochpräzision verschanzten und es willig hinnahmen, für ihre gute Stellung im Leben schlecht auszusehen.

Irgendwann hörten wir mit dem Lachen auf, das Physikheft mit der Sieben lag immer noch auf dem Küchentisch.

Ich brauchte wirklich sehr lange, um in mein Pariser Leben hineinzufinden. Dass es mir am Ende doch ein wenig gelang, verdanke ich meiner Kunstlehrerin, einer sehr jungen, aber auch sehr ernsten Frau, die mich zu fördern begann. Aber sie tat es auf eine sehr ungewöhnliche Art. Zum Beispiel bat sie mich, Jacopo Tintorettos Bild „Frau mit entblößtem Busen“ vor der ganzen Klasse zu interpretieren.

„Was siehst du?“, fragte sie.

„Ich … äh“, sagte ich.

„Ja?“

„Ich sehe eine Frau, die nach rechts guckt, also von mir aus nach rechts.“

„Nach rechts?“

„Ja … äh … nach rechts.“

„Und was siehst du noch?“

„Äh … sie trägt ein blaues Kleid … äh, ja … und sie hat … mmh … ziemlich dicke … äh ziemlich dicke … dicke … Hände.“

„Das ist richtig, manche sagen, es seien Männerhände. Wenn man die Zeit berücksichtigt, in der das Bild gemalt wurde, kann das durchaus stimmen. Was schließt du daraus?“

„Äh, woraus?“

„Daraus, dass es Männerhände sein könnten.“

„Äh, weiß nich.“

„Vielleicht könnte die Person, die Modell gestanden hat, ein Mann sein.“

„Äh … klar, ein Mann.“

„Ja.“

„Aber wenn das ein Mann ist, warum … äh … warum …?“

„Warum was?“

„Naja, also … äh … die Brüste.“

„Du meinst den entblößten Busen?“

„Äh … ja … die Brüste.“

Die ganze Klasse lachte.

Wer am lautesten lachte, musste mit der Interpretation des Bildes fortfahren. Wir stotterten uns durch die anzüglichen Bilder des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, und die Kunstlehrerin tat so, als würde sie überhaupt nicht verstehen, warum wir einen roten Kopf bekamen.

Die Kunstlehrerin war fünf, höchstens sechs Jahre älter als ich. Sie hatte rotes, gewelltes Haar, das ihr bis auf die Schultern fiel, und eine weiße, glasige Haut, unter der blaue Äderchen schimmerten, dazu ein schmales Gesicht mit grünen Augen, festem Blick und einer spitzen, etwas schiefen Nase. Manchmal überkam sie ein Zittern oder Schaudern, als kämpfte sie um ein inneres Gleichgewicht oder als fröre sie, fühlte sich unbehaglich. Manchmal dachte ich, sie sei nervös; aber sie war nie nervös, im Gegenteil, von ihr ging immer etwas sehr Festes aus. Sie war klein, sehr schlank – ich überlegte, sie zu fragen, ob ich sie einmal hochheben dürfte, ich wollte wissen, wie leicht sie war, sie musste überaus leicht sein.

In der zweiten Jahreshälfte wechselten wir zur Kunst der Fotografie. Die Kunstlehrerin sprach vom Blick, den ein Fotograf hat. Sie wollte wissen, was für einen Blick wir hätten. Sie bat uns, zu bestimmten Themen Fotos zu machen – es waren Themen wie „Défense“, „Parks und Gärten“, „Champs Elysées“, „Warten“ und „Geschwindigkeit“. Ich bekam das Thema „Métro“. Ich sollte Fotos machen, die irgendetwas mit dem Thema „Métro“ zu tun hatten.

Da ich die Métro genauso wenig wie Paris als Stadt mochte, machte ich Fotos, die meine angewiderte Haltung zum Ausdruck brachten. Die Fotos zeigten schwarze Tunnelöffnungen, aus denen die Métro kam oder in denen sie verschwand. Einen Jongleur, der seine fallengelassenen Bälle wieder aufsammelte. Schilder mit aufgestellten Metallnadeln gegen die Tauben. Müll, der durch die Gänge an der Porte de la Chapelle flog. Eine im Schienenbett herumirrende Ratte. Eine Frau im verrutschten Minirock, die ihren zu Boden geschlagenen Freund umarmte und dabei weinte.

Die Kunstlehrerin beschäftigte sich mit meinen Fotos und erläuterte sie vor der Klasse. Sie sprach von der Abwendung von der Welt und der Suche nach einer neuen, sie sprach von Grenzen – verbotenen Zonen, gefährlichen Zonen – wer in sie hineintritt, erhofft sich etwas von ihnen … die Erfüllung von Sehnsüchten, eine Idee, erlösenden Tod oder belebenden Schmerz.

Ich wusste nicht genau, wovon sie sprach, das Meiste davon klang ziemlich albern. Immer wieder sagte sie: „Du hast einen besonderen Blick“, oder: „Dein Blick – so etwas ist sehr selten.“

Sie gab mir eine Neunzehn. Das war die beste Note, die sie in dem Jahr vergab. Diese Neunzehn machte meine Mutter sehr glücklich, auch wenn sie meine Fotos etwas morbide und die Kunstlehrerin ziemlich durchgeknallt fand.

Der Kunstunterricht bekam mit der Farbenlehre einen neuen Schwerpunkt. Wir besprachen Farben aus naturwissenschaftlicher Sicht und kamen zur Farbmetrik. Wir wechselten zu künstlerisch-ästhetischen Sichtweisen von Leonardo da Vinci und George Seurat und erfuhren, welche Farbtöne als kalt oder warm zu verstehen waren. Die Kunstlehrerin forderte uns auf, unserem eigenen Empfinden nachzugehen, wir schauten uns Dias an, die Farbtöne zeigten, und dann ging es darum, zu jedem Farbton etwas zu sagen.

„Dieses Gelb ist der Triumph des Hellen über das Dunkle, es ist warm, von ihm geht Signalwirkung aus, es will aufmerksam machen und warnen.“

„Dieses Rot ist das Rot des Blutes, es ist mit Leben verknüpft, es bedeutet Energie und Wärme, Freude und Leidenschaft, Liebe und Erotik, aber auch Aggression und Zorn.“

„Dieses Blau ist kalt und tief, es ist weit und klar, es vermittelt Sehnsucht, Beständigkeit, Harmonie und Zufriedenheit. Es ist das Blau des Meers.“

„Das Meer ist schwarz.“

Alle schauten zu mir herüber, auch die Kunstlehrerin. Ich war von der ziemlichen Bestimmtheit, mit der ich das sagte, selbst ein wenig überrascht. Aber ich sagte es noch einmal. „Das Meer ist schwarz.“

Die Kunstlehrerin nannte den Blauton. Es war Ultramarinblau. Ultramarin. Sie fühlte sich bestätigt.

„Was wissen Sie denn vom Meer?“, fragte ich.

„Die Farbe des Meeres spiegelt die Farbe des Himmels wider“, sagte sie. „Ist der Himmel blau, ist das Meer blau. Ist der Himmel grau, ist das Meer grau. Das Meer kann also auch grau sein. Aber schwarz? Nun ja, manchmal ist auch der Himmel schwarz.“

Ich schüttelte den Kopf und sagte: „Aber wir reden doch vom Meer, nicht vom Himmel.“

Und dann erklärte ich: „Sie haben ja recht, das Meer ist blau. Und es ist türkis, und es ist grün – für den, der am Strand sitzt und rausschaut, wer im Wasser plantscht, wer aus dem Flugzeug schaut, wer in Reisekatalogen blättert und in die Sonne will, auch für den. Aber wenn Sie weit draußen auf offener See schwimmen, dort, wo die Fische nicht bunt und klein sind und wie Spielzeug aussehen, sondern grau und groß. Wenn Sie dort in den hohen Wellen schwimmen, in denen Sie Wasser schlucken und um Hilfe schreien, dann ist das Meer schwarz, und es wird für Sie immer schwarz sein.“

Die Kunstlehrerin hörte mir zu. Die ganze Klasse hörte mir zu.

„Das Wesen des Meers ist schwarz“, sagte ich, „und wer das nicht weiß, der unterschätzt es.“

Es gongte zur Pause.

Die Kunstlehrerin war nicht so hilflos wie meine Mutter oder die neuen Freundinnen meiner Mutter, die einen kleinen Hund mit großen Augen in der Jackentasche hatten und gegenüber ihren Hausangestellten klein beigaben. Obwohl die Kunstlehrerin jung war, strahlte sie einen solitären Autoritätsanspruch aus und wusste sich gegenüber uns Schülern durchzusetzen. Ich erwartete, dass sie mich zur Rede stellte; wie ich denn dazu käme, ihr vor der gesamten Klasse zu widersprechen?

Wenn es um Autorität ging, hatte ich mir seit meiner Rückkehr nach Paris einiges anhören müssen. Insbesondere mein langhaariger Onkel hatte die Sorge, das tropische Klima von La Réunion hätte mich verdorben; es hätte mir die Fähigkeit genommen, mich in das in Paris herrschende Leben einzufinden. Sehr schnell redete er davon, dass es so etwas wie Autorität gab und dass sie nicht in Frage zu stellen sei. Er vermittelte mir das auf eine sehr freundliche Art, er wollte mir bloß helfen, es sei nur zu meinem Besten und so weiter. Und eigentlich redete er weniger von der Autorität als der Idee, die in Paris so ziemlich alles zusammenhielt, sondern er redete von einer sublimen, einer vorauseilenden Form. Er holte etwas aus, sprach über seine Arbeit, über die Leute, für die er arbeitete, oder die Leute, die für ihn arbeiteten, und feierte diese so sublime und vorauseilende Form als etwas, das er selbst erst hatte verstehen müssen. Wovon er sprach, das benannte er dann mit ausgebreiteten Armen und großer Hingabe als Loyalität. Loyalität, das war es, was er mir vermitteln wollte, und Loyalität sei etwas, was man zu leisten hatte.

„Kannst du kurz dableiben?“, sagte die Kunstlehrerin zu mir, als alle anderen den Klassenraum Richtung Pausenhof verließen.

Ich meinte, sehr genau zu wissen, was kommen würde.

„Ich möchte dich um einen Gefallen bitten“, sagte sie. „Ich möchte, dass du mir das Meer erklärst.“

Das überraschte mich ein wenig. „Wie soll ich das denn machen?“

„Vielleicht beschreibst du mir, wie du mit dem Meer aufgewachsen bist. Vielleicht schreibst du es auf.“

„Eine Strafarbeit also?“

Die Kunstlehrerin lachte. „Nein, es ist keine Strafarbeit.“

„Was ist es dann?“

„Es ist Neugier.“

„Neugier?“

„Ich möchte wissen, was genau du verloren hast.“

3

Mit dem Schreiben begann ich sehr widerwillig, fand aber bald in die Zeit hinein, die ich in La Réunion verbracht hatte – und schrieb dann mit immer größerer Freude. Die Kunstlehrerin half mir anfangs; sie suchte in dem, was ich ihr etwas ratlos erzählte, nach einem größeren Ereignis – und fand es mit dem Zyklon Firinga, der zweimal auf La Réunion zugekommen war. Damit sollte ich beginnen – und ich tat es.

Im Radio hatten sie seit Tagen von Firinga geredet; auch der „Quotidien“ und das „Journal de l’Île“ hatten ihre Titelseiten vollgedruckt mit Satellitenbildern und Artikeln, die den Sturm als einen meteorologisch seltenen Zyklon beschrieben. Firinga war südlich an La Réunion vorbeigezogen, hatte sich gedreht, auf die Westküste zugehalten und riesige Wellen herangeschoben. Die Vögel waren verstummt, aber der Himmel war noch blau, und der Wind blies ablandig in die herankommenden Wellen hinein, sodass sie hohl wurden und sich als große Röhren brachen, an die man sich bis heute erinnert als ‚epische Firinga-Wellen‘.

Das war, als Firinga ein erstes Mal auf La Réunion zugekommen war.

Surfer waren die Berge der Insel heruntergekommen, reisten aus Mayotte und Mauritius, Frankreich und Spanien an und nahmen die Surfspots ein. Alle wollten sie auf diesen Wellen reiten.

Nach zwei Tagen bewegte sich Firinga wieder von der Insel weg, der Zyklon wanderte nach Südwesten, würde sich dort abschwächen und verlieren. Das zumindest sagten alle. Je weiter sich der Sturm von La Réunion entfernte, desto kleiner wurden die Wellen. Bald kamen die Surfer wieder an Land, lungerten noch einen Tag in den Cafés herum und verschwanden dann.

Die Surfshops waren leergekauft – kaum noch etwas lag in den Regalen oder hing an den Kleiderständern; auch gab es kein Surfwachs mehr. Die einen sagten, ein Importeur hätte vergessen, die Bestellung dafür aufzugeben, die anderen sagten, irgendwo in der Welt sei eine Surfwachsfabrik abgebrannt und deshalb gäbe es für eine sehr lange Zeit keinen Mr. Zog, keinen Sex Wax und keinen Sticky Finger mehr.

Aber dann hatte sich Firinga noch einmal gedreht und hielt ein zweites Mal auf La Réunion zu. Die Firinga-Wellen würden noch einmal kommen, und wir würden sie noch einmal surfen.

Alle begannen, nach Wachs zu suchen. Wir klauten Kerzen bei unseren Eltern, bei unseren Tanten und Onkeln, im Supermarkt, in der Kirche und auf dem Friedhof. Taufkerzen, Trauerkerzen, Lebenskerzen.

Die Knappheit an Wachs war für mich ganz besonders dramatisch, denn dieses Mal würde ich die Firinga-Wellen in der Bucht von Saint-Leu surfen können.

Pierre-Yves hatte mir das versichert. „Ich habe mit Abasse gesprochen. Du kannst mitkommen.“

„Wann?“

„Dieses Wochenende.“

„Firinga wird bis dahin zurück sein.“

„Genau das hast du eigentlich nicht verdient.“

Mir war egal, was Pierre-Yves von mir dachte. Mir war auch egal, was Abasse von mir dachte. Ich wollte nach Saint-Leu – mir ging es einzig darum. Ein bisschen Wachs würde ich schon finden.

Ich hatte versucht, Abasse direkt zu fragen.

Jeder am Collège des Aigrettes kannte Abasse. Abasse verdiente sich sein Geld mit täglichen Spaziergängen die trockenen Flussbetten hoch und in die Berge, wo er ausgewachsene Zamal Pflanzen pflückte, sie zum Trocknen auslegte und dann zu guten Preisen an die Schüler des Collège des Aigrettes verkaufte. Er war uns aber nicht nur als Dealer bekannt, sondern auch wegen seines VW Bullys, mit dem er den einen oder anderen von uns nach Saint-Leu mitnahm.

Ich hatte anfangs wirklich geglaubt, Abasse einfach fragen zu können, ob er mich mit nach Saint-Leu nehmen würde. Er könnte mir zeigen, wie ich die Welle nehmen müsste und so weiter. Ich sah ihn in Les Aigrettes surfen und wartete am Strand darauf, dass er herauskommen würde und ich ihn ansprechen könnte. Das war, als ich mit meinen Eltern gerade nach La Réunion gekommen war und noch gar nicht richtig surfen konnte.

Abasse surfte dort mit seinem regenbogenfarbenen Surfbrett, das er sich bei Mark Richards in Australien gekauft hatte. Abasse hatte wahnsinnig dicke Oberschenkel – und alle sagten, er schneiderte sich seine Surfshorts wegen dieser Schenkel selbst. In jedem Fall wusste er die Muskeln darin einzusetzen, denn er surfte in einer tiefen Hockstellung, aus der heraus er kraftvolle Wenden und hohe Sprünge machte.

Wenn Abasse das Wasser pflügte, war sein Gesicht immer wutverzerrt, seine Augen waren aufgerissen, sprangen fast aus den Höhlen; immer fletschte er die zusammengebissenen Zähne, und fast jeder Ritt endete damit, dass er laut fluchte, aufs Wasser schlug und sich nach jemandem umschaute, dem er die Schuld für irgendetwas geben konnte, was ihm nicht gelungen war.

Dann nahm Abasse wieder eine Welle, surfte sie ab, kam aber nicht weit, weil ein Anfänger von der Wellenschulter in die Gleitlinie rutschte und mit ihm zusammenstieß. Abasse fiel ins Wasser, tauchte auf, schaute sich nach diesem Anfänger um, schwamm zu ihm hin und ohrfeigte ihn mehrfach. Der Anfänger war ein Junge, vielleicht vierzehn oder fünfzehn Jahre alt – Abasse ohrfeigte ihn und brüllte ihn an, ihm nicht noch einmal in die Quere zu kommen. Nicht nur ich sah, wie er ihn schlug, auch der Vater des Jungen sah es. Er ging am Strand auf und ab und wartete genauso wie ich darauf, dass Abasse herauskommen würde.

Abasse kam heraus und wurde von diesem Vater angesprochen. Wie könne er seinen Sohn schlagen, er müsse sich entschuldigen, ansonsten dürfe er mit einer Anzeige rechnen. Aber Abasse ging an ihm vorbei, lief den Strand hinauf und auf die Straße. Der Vater lief hinter ihm her und begann, ihm immer deutlicher mit einer Anzeige zu drohen. Direkt vor der Gendarmerie drehte sich Abasse zu dem Vater um, stellte sein Surfbrett ab, umgriff den Kopf des Vaters mit beiden Händen, riss ihn herunter und rammte ihm das Knie ins Gesicht. Der Vater taumelte mit blutüberströmtem Gesicht zurück und fiel auf den Rücken. Sein Sohn kam zu ihm hin.

Zur gleichen Zeit spielten zwei Gendarmen mit einem Schlauch im Garten der Gendarmerie. Der eine spritzte den anderen nass, und der, der nass wurde, kreischte laut und rannte in voller Montur und mit hohen Stiefeln hinter das Gebäude.

Mir wurde klar, dass ich Abasse nicht so einfach fragen könnte, ob er mich mit nach Saint-Leu nehmen würde.

Es verging ein ganzes Jahr. Ich surfte in Les Aigrettes, in Roches Noires, in Boucan Canot, manchmal in der Bucht von Saint-Paul, aber nie kam ich weiter in den Süden, nie kam ich nach Saint-Leu.

Ich wurde auf dem Brett immer sicherer, mir gelangen Gleitphasen, ich erlernte Figuren, ich wechselte von einer Figur in die nächste; einen besonders schönen Stil entwickelte ich aber nicht, dafür wackelte ich zu viel mit den Armen, bog die Knie zu weit nach außen und drehte meinen Kopf viel zu häufig nach hinten.

Es verging noch ein Jahr. Und noch eins.

Als mir Pierre-Yves einen Platz bei Abasse im VW Bully verschaffte und ich also nach Saint-Leu kam, tat Pierre-Yves das nicht, weil er ein Freund von mir war.

Pierre-Yves lebte genauso wie ich in der Rue d’Anjou, in diesen schicken Häusern, die auf der Bergkuppe gebaut waren und einen Blick in die Bucht von Saint-Gilles-les-Bains boten; wir waren Nachbarn; unsere Eltern verstanden sich gut und trafen sich manchmal. Pierre-Yves war ein weißer Festlandfranzose, er war klein und drahtig, er hatte lange, sehr blonde Haare, er war ziemlich intelligent – und einer der besten Surfer, die ich kannte. Zumindest in kleinen und mittelgroßen Wellen. Er war schnell, geschmeidig, gelenkig, ideenreich – er hatte ein ausgesprochen robustes Gleichgewichtsgefühl und bei weitem die besten Reflexe.

Pierre-Yves gehörte zu einem Kreis von Surfern, zu denen ich keinen Zugang hatte. Ich würde ihn erst ansprechen können, wenn ich richtig surfen könnte … und ich würde nie richtig surfen können, weil ich mit dem Surfen viel zu spät begonnen hatte. Das Gefühl für das brechende Wasser hätte ich als Kind entwickeln müssen, um mit Pierre-Yves und seinen Kreisen mithalten zu können.

Aber es gab etwas anderes, das ich besser konnte als Pierre-Yves, und ich spielte es zu meinem Vorteil aus, als sich die Gelegenheit bot.

Das war auf der Welle vor der Lagune der Hermitage, die einen linken Teil hat und einen rechten Teil. Nur der linke kann gesurft werden, der rechte dagegen klappt mit einem Mal und dann insgesamt zu. Die Welle ist schnell und sehr steil und bricht direkt auf dem Korallenriff. Wer dort surft, kann von einer sehr plötzlich aus dem Wasser aufschießenden Wand erfasst und mit der schweren Lippe auf die Korallen geworfen werden. Um das zu vermeiden, ist es am besten, sich zwischen den Teilen zu positionieren, dort, wo eine Lücke im Korallenriff ist, das Wasser von der Lagune hinaus ins Meer strömt und sich die Welle nicht aufbauen kann.

Genau dort waren Pierre-Yves und ich an einem sonnigen Freitagnachmittag. Wir surften zu zweit, ohne miteinander zu reden. Wir waren wirklich keine Freunde. Mich hätte nicht gewundert, wenn Pierre-Yves mir gesagt hätte, er wolle die Welle für sich alleine haben, ich hätte als Anfänger, der ich immer noch war und auch immer bleiben würde, kein Recht, hier zu surfen. Wenn er es gesagt hätte, hätte ich mich daran halten und das Wasser verlassen müssen. Ich kannte die Regeln.

Die Strömung wurde überraschend stärker, wir trieben durch die Lücke im Korallenriff hinaus und waren auf dem offenen Meer. Dort kam uns eine Welle entgegen, die wesentlich größer war als die Wellen, die wir bis dahin gesurft waren. Vielleicht war sie vier Meter hoch, vielleicht fünf. Die Welle brach sich nicht als linker Teil und als rechter Teil auf dem Korallenriff, sondern schob sich als eine durchgängige Wand heran, kippte ihre Lippe über uns aus und schob uns weit zurück in die Lagune. Wir tauchten in dicken Schaumschichten auf und wurden mit der reißenden Strömung sofort wieder hinausgetrieben. Es fiel uns eine zweite Wasserwand auf den Kopf und wirbelte uns in die Lagune zurück. Das geschah noch ein drittes Mal, dabei riss die Leine von Pierre-Yves, sein Surfbrett löste sich von ihm, sprang auf der Welle umher und wurde bis an den Strand getragen. Wieder trieb uns die Strömung hinaus aufs offene Meer. Ich meinte zu Pierre-Yves: „Wir können nicht rein, die Strömung zieht uns immer wieder raus.“

Pierre-Yves sagte nichts.

Ich schaute zu ihm rüber und sah, dass er Schwierigkeiten hatte, sich ohne Brett über Wasser zu halten, er hustete und schluckte, er verschwand im Schaum und kam panisch wieder hervor – es sah aus, als würde er um sein Leben schwimmen. Er rief um Hilfe und schaute mich mit völlig entsetzten Augen an, ging wieder unter, kam wieder hoch, schrie noch einmal „Hilfe!“, hustete und spuckte. Ich verstand nicht, was mit ihm los war, vielleicht hatte er einen Krampf, vielleicht hatte er sich verletzt, vielleicht hatte ihn etwas gestochen, vielleicht hatte ihn ein Hai attackiert. „Hilfe!“, schrie er wieder mit sich überschlagender Stimme und geweiteten Augen: „Ich kann nicht schwimmen!“

Ich paddelte zu ihm hin und wollte ihm helfen, zögerte aber und schaute ihm noch ein wenig zu, wie er dort im Wasser zu ertrinken begann. Er schrie wieder. Er schaute mich völlig verzweifelt an. Ich lag auf meinem Brett und tat nichts. Dann sagte ich: „Ich helf’ dir, wenn ich mit nach Saint-Leu kann.“

Er kämpfte weiter darum, über Wasser zu bleiben. Er versuchte, in meine Richtung zu schwimmen, an mein Brett zu kommen und sich daran festzuhalten. Ich paddelte ein Stück zurück und sagte: „Ich will nach Saint-Leu.“

„Ja, ja“, sagte Pierre-Yves, „Saint-Leu, ja, ja.“

Ich ließ es ihn noch ein paar Mal sagen, und anstatt dass er „Hilfe!“ rief, rief er „Ja, ja.“ Dann paddelte ich zu ihm hin und ließ ihn nach meinem Brett greifen. Er grunzte und spuckte, er war vollkommen außer Atem, er war vollgepumpt mit Angst, er brauchte Minuten, bis er das Brett nicht mehr verzweifelt umklammerte. In der Zeit trieben wir weiter aufs offene Meer. „Wir kommen vielleicht woanders an Land“, sagte ich.

Wir trieben in tiefen Wellentälern und auf hohen Wellenbergen. Ich überließ Pierre-Yves mein Brett und schwamm im Wasser. Wir versuchten, in den Norden zu kommen und den Hafen von Saint-Gilles zu erreichen. Wir paddelten und schwammen eine Ewigkeit und hatten nicht das Gefühl, überhaupt irgendwohin zu kommen. Irgendwann sagte Pierre-Yves: „Wir packen das nicht.“

Aber wir kamen in den Hafen von Saint-Gilles. Es war ein Jetski-Fahrer, der uns fast überfahren hatte. Er nahm uns mit.

Pierre-Yves wurde an dem Tag nicht mein Freund, aber er verschaffte mir einen Platz bei Abasse im VW Bully.

An einem Samstag sollte ich sehr früh über die Hügel zur Zuckerfabrik von Bruniquel hochkommen und beim Haus Nummer zwölf in der Rue du Grand Natte klingeln. Abasse würde sich aus den Armen seiner reifen Liebhaberin lösen und mit dem VW Bully nach Saint-Leu fahren. Sollte ich zu spät kommen, könnte ich gleich wieder nach Hause gehen, warten würde Abasse nicht. Zu spät kommen würde ich allerdings nicht, ich hatte viel zu lange darauf gehofft, nach Saint-Leu zu fahren. Nun war es allerdings noch nicht Samstag, es war Freitag; und am Freitag geschah etwas, was mit Joëlle zu tun hatte.

Von Joëlle wusste ich, dass sie mit ihrer Familie in einem ziemlich heruntergekommenen Haus im Schwemmland von Saint-Gilles-les-Bains lebte. Das war dort, wo die Kröten am größten wurden und in manchen Monaten so laut quakten, dass man sich schreiend unterhalten musste. Es gab dort auch eine kleine Siedlung mit Wellblechhütten, in der illegale Einwanderer von den Komoren lebten, dürre, schwarzafrikanische Männer mit dicken, schwarzafrikanischen Frauen, die sich starkbunte Tücher um die Köpfe und mächtigen Körper wickelten und sich gelbe Erde ins Gesicht rieben. Mir wurde von meiner Mutter gesagt, mich nicht in dieses Schwemmland zu begeben, aber das hätte ich sowieso nicht getan, weil mich dort schon die vielen herumstreunenden Hunde abschreckten.

Über die Leute von den Komoren redete man viel:

Es sei vollkommen unmöglich, jemandem die französische Staatsbürgerschaft zu geben, nur weil er auf französischem Boden geboren worden sei und so weiter. Denn aus diesen dicken, bunt umwickelten, mit gelber Erde im Gesicht herumlaufenden Frauen kamen sehr viele Kinder heraus, und diese vielen Kinder kamen auf französischem Boden heraus und spazierten deshalb als Neufranzosen herum. Als Neufranzosen aber hatten sie nichts Besseres zu tun als im Schwemmland von Saint-Gilles-les-Bains herumzulungern, sich mit Steinschleudern zu bewaffnen und irgendwelche unter Artenschutz fallenden Vögel aus den Palmen zu schießen. Wurden diese Kinder älter, übten sie sich auf den Müllhalden hinter den Wellblechhütten im Kickboxen. Irgendwann kamen sie an die Strände, machten Lagerfeuer und suchten Streit. Das war so ungefähr das, was man über die Leute aus den Komoren sagte. Und das traf Joëlle ebenso. Dabei hatte Joëlle mit diesen Komoren-Familien nichts gemein, abgesehen einmal davon, dass sie mit ihnen das Schwemmland teilte und ihr Haus zusammen mit den Wellblechhütten nach jedem Zyklon im Wasser stand.

Jedes Mal, wenn das der Fall war, kam ein Kameramann von Antenne Réunion auf einem Jetski in die Vorgärten geglitten und drehte Videos davon, wie die Leute das Wasser aus ihren Küchen und Wohnzimmern schöpften und dabei verzweifelt dreinschauten. Der Mann stieg dabei nicht einmal von seinem Jetski runter. Das erzählte Joëlle uns in der Klasse. Auch, dass ihr Vater den Kühlschrank vor jedem Zyklon auf den Küchentisch stellte, weil er im Wasser sonst kaputtgehen würde.

Joëlle hatte mir sehr häufig beim Surfen in Roches Noires zugeschaut. Das war, als ich gerade nach La Réunion gekommen war und noch überhaupt nicht richtig auf dem Brett stehen konnte. Ich benahm mich ziemlich ungeschickt, fiel immer wieder ins Wasser, trat in einen Seeigel, humpelte an den Strand und setzte mich dort hin. Joëlle kam zu mir, sah sich meinen blutenden Fuß mit den darin steckenden Seeigelstacheln an und fragte: „Tut das weh?“

„Wonach sieht es denn aus?“

Joëlle schaute sich jeden einzelnen der Stacheln an und sagte: „Den hier und den kannst du rausziehen, den hier auch. Die anderen musst du drin lassen, wenn du versuchst, sie auszugraben, machst du dir die Haut noch mehr kaputt.“

Es war Guy, der herausbekam, dass ich mit Joëlle geredet hatte, und sofort behauptete, ich würde mit ihr gehen, ihr Vater würde ganz große Stücke auf mich halten und so weiter. Er fragte mich vor allen anderen, ob ich Joëlle beim Wasserschöpfen helfen wolle und sorgte damit für großes Gelächter.

Joëlle hatte auffallend helle, grüne und dann auch irgendwie braune Augen in einem ansonsten dunklen Gesicht. Die Farbe ihrer Augen musste irgendwo aus Europa kommen, anders als die Farbe ihrer Haut. Ich hatte Joëlle einmal mit ihrer Mutter beim Bäcker in La-Saline-des-Bains gesehen. Joëlles Mutter trug einen Punkt auf der Stirn und kleidete sich in indische Gewänder – das Meiste von Joëlle kam wohl aus Indien.

Auch wenn Joëlle schöne und helle Augen hatte, schwärmte ich genauso wie die anderen Jungs für Daniella und Maryse und für ein paar andere der Festlandmädchen, deren Eltern braungebrannt und gutgelaunt waren, in großen Autos vorfuhren, nette Gesellschaften in ihren mit geputzten Lavasteinen schön dekorierten Gärten gaben und auch sonst ein Bild vermittelten, bei dem einfach alles stimmte.

Dann aber wurde Joëlle fünfzehn und verteilte Einladungen für ihre Geburtstagsfeier in der Klasse. Sie drückte auch mir eine solche Einladung in die Hand und fragte mich mit ihren hellen Augen: „Kommst du?“

Joëlles Geburtstagsfeier war genau an dem Samstag, an dem ich mit Abasse und den anderen nach Saint-Leu fahren wollte. Doch auf Joëlles Geburtstagsfeier wäre ich auch so nicht gegangen, dort ging niemand hin, der etwas auf sich hielt. Dann allerdings fiel mir ein, dass ich immer noch nicht genug Surfwachs hatte.

Ich fragte Joëlle: „Kriegst du auch einen Geburtstagskuchen?“

„Eine Torte!“

„Mit Kerzen?“

„Fünfzehn Kerzen muss ich dieses Jahr ausblasen.“

„Hast du Lust, mit mir zu surfen?“

Diese Frage überraschte Joëlle, sie schaute mich mit staunenden Augen und offenem Mund an – beinahe so, als hätte ich ihr einen Heiratsantrag gemacht.

Ich fragte: „Freitag, nach der Schule, in Petit Boucan?“

„Ja!“, sagte Joëlle sofort. Dann sagte sie es noch einmal fröhlich. Und dann noch einmal.

„Ich habe aber kein Surfwachs. Du müsstest ein paar Kerzen mitbringen, es müssen nicht gleich fünfzehn sein.“

„Ich bringe eine mit.“

„Fünf oder sechs wären besser.“

Wir trafen uns am Freitagnachmittag in Petit Boucan zum Surfen.

Der Strand von Petit Boucan liegt ziemlich versteckt hinter Felswänden, durch die ein schmaler Weg führt, welcher am Ende steil hinabfällt und an einem Vorsprung endet, von dem man in den Sand hinunterspringen muss.

Joëlle spazierte mit ihren ziemlich abgelaufenen Plastik-Flipflops vor mir her, war geschickt und schnell und stieß sich nicht die Zehen hier und da an den Felskanten, wie mir das gleich dreimal passierte. Sie trug kurze, etwas ausgefranste Jeans und zeigte Beine, die fest und athletisch waren von den langen Wegen, die sie täglich zu Fuß ging.

Ich sah sie immer morgens, wenn sie zum Collège des Aigrettes ging, sich mit einem Regenschirm vor der Sonne schützte und eine große Zahl Hunde um sich herum hatte. Die Hunde begleiteten sie solange, bis sie auf einen größeren, am Straßenrand liegenden Hundekadaver stießen, verschreckt umkehrten und zurück ins Schwemmland rannten. Weil Joëlle jeden Morgen durch die beginnende Hitze spazierte, kam sie immer etwas verschwitzt im Collège an. Ihr Gesicht glänzte, die bunten Kunststoffblusen, die sie von den Marktständen in Saint-Paul hatte, klebten ihr am Rücken, und den ganzen Tag hindurch roch sie nach Schweiß. Für den Schulbus hatten ihre Eltern kein Geld.

Am Strand gab mir Joëlle ein ganzes Zehnerpack Kerzen. Ich nahm es sofort an mich, tat aber so, als ginge es mir um Joëlle und darum, ihr das Surfen beizubringen. Ich nahm eine der Kerzen, zündete sie an, tropfte Wachs aufs Surfbrett und verrieb die Tropfen mit der ganzen Länge des Kerzenschafts. Bald war der Schaft bis zur Hälfte abgerieben, der Docht lag frei und baumelte heraus. Ich hatte mich so sehr auf das Einwachsen des Surfbretts konzentriert, dass ich gar nicht bemerkt hatte, wie Joëlle sich die Jeans und die Bluse ausgezogen hatte und in einem goldenen Bikini vor mir stand. Er war noch mit goldenen Plastikpailletten verziert und für eine Zirkusnummer besser geeignet als für den Strand von Petit Boucan. Auch war er ihr etwas zu groß.

Ich legte das Surfbrett in den Sand, bat Joëlle, sich mit dem Bauch draufzulegen, und gab ihr Anweisungen, wie sie auf dem Brett liegen und paddeln müsste. Dann gingen wir ins Wasser. Ich schob sie in eine kleine Welle hinein, sie nahm an Fahrt auf und versuchte, aufs Brett zu springen. Das gelang ihr auch, und für einen Moment stand sie. Ich war überrascht, mit welcher Schnellkraft sie aufgesprungen war, ich sah ihre festen Arme und Beine, ihren festen Bauch und die kleinen, hohen Brüste. Nach einigen Metern fiel sie ins Wasser und fluchte energisch – und als sie wieder zu mir zurückgepaddelt kam, sah ich ihre großen und kräftige Hände mit den langen Fingern. Sie versuchte es noch einige Male, ich gab ihr Anweisungen, und jedes Mal, wenn sie wieder aufs Brett gesprungen war und um ihr Gleichgewicht kämpfte, schaute ich ihren Körper an, aus dem intakte Sehnen und gesunde Muskeln schnellten und ihren Willen zum Surfen überdeutlich lebendig machten. Immer wenn sie aufs Brett sprang, hing der goldpaillettierte Bikini-Slip hinten herunter, er war gefüllt mit Wasser und wabbelte und zitterte, bis das Wasser abgelaufen war. Einmal war in diesem Bikini-Slip so viel Wasser drin, dass er herunterrutschte und ein kleines Bisschen von ihrer Pospalte zeigte. Ich begann, ihren Körper immer unverhohlener anzustarren.

Joëlle kam immer wieder zu mir zurückgepaddelt und wartete, dass ich das Surfbrett so herummanövrierte, dass es wieder in Richtung Strand zeigte und in die nächste Welle geschoben werden konnte. Wenn ich das tat, stand ich am Fußende des Surfbretts und starrte über Joëlles helle Fersen hinweg an ihren braunen Beinen hinauf und auf ihren festen Po, so dass ich mir vorzustellen begann, wie das wäre, wenn ich mich jetzt auf sie drauflegen würde und plötzlich ihr Bikini und meine Surfshorts nicht mehr da wären und wir dann draußen auf dem Meer trieben und dort ganz nackt und nur mit ganz wenig Platz auf dem Brett und ich auf ihr drauf … und dann umgekehrt sie auf mir drauf … und so weiter.

Nachdem ich Joëlle noch ein paarmal angeschoben und dabei auf ihren Po gestarrt hatte, meinte sie, sie wolle wieder an den Strand gehen.

Wir setzten uns in den Schatten einer Palme und schauten auf das Meer. „Surfen ist nicht einfach“, sagte ich, „manchmal braucht es Jahre.“

„Das habe ich an dir gesehen.“ Sie wandte sich mir zu, suchte meinen Blick und sagte „Seitdem du nach La Réunion gekommen bist, habe ich mir das hier gewünscht.“

„Was?“

„Dass wir hier nebeneinander in Petit Boucan sitzen und aufs Meer schauen. Warum hast du mich nicht früher angesprochen? Morgen ist mein Geburtstag – ich hatte geglaubt, fünfzehn zu werden, ohne etwas mit einem Jungen gehabt zu haben. Aber noch bin ich nicht fünfzehn. Und jetzt sitzen wir hier zusammen.“

Petit Boucan ist ein sehr kleiner Strand, der sich zu einer unruhigen Meeresstelle hin öffnet. Es gibt hier eine Strömung, die einen rasch erfassen kann und den weiten Weg hinüber bis nach Boucan Canot treibt. Der Strand ist nicht überwacht, und wer hier ins Wasser geht, tut es auf eigenes Risiko. Mehrere Schilder weisen darauf hin. Aus genau dem Grund kommt eigentlich kaum jemand nach Petit Boucan, und wenn doch, dann kommt er, um allein zu sein – oder eben zu zweit.

Ich hatte Joëlle nach Petit Boucan eingeladen, weil ich von niemandem gesehen werden wollte. Ich wollte nicht, dass Guy wieder ein peinliches Gerücht in die Welt setzt und am besten noch den Goldpailletten-Bikini erwähnt. Aber weil Petit Boucan dafür bekannt war, dass man hier weitgehend allein sein konnte, kamen eben auch viele Liebespaare hierhin. Das wusste ich, nur hatte ich nicht mehr daran gedacht.

„Zwischen uns gibt es einen Riesenunterschied“, sagte ich, „und dabei wird es auch bleiben. Danke aber für die Kerzen.“

Ich stand auf, nahm mein Surfbrett und meine Sachen und verließ den Strand. Als ich durch den engen Weg zwischen den Felswänden lief, an die Straße kam und hinunter zum Kreisverkehr ging, dachte ich an ihren Körper, den ich immer unverhohlener angestarrt hatte; und ich stellte mir wieder vor, mit Joëlle nackt auf dem offenen Meer herumzutreiben.

Bevor ich unten angelangt war, drehte ich um, ging die Straße wieder hinauf, den Weg durch die Felswände hindurch und ein zweites Mal hinunter zum Strand.

Als ich vom Felsvorsprung auf den Sand sprang, wandte Joëlle den Kopf, sah mich und stand von ihrem Handtuch auf. Sie trug immer noch diesen goldenen Bikini.

„Kannst du den nicht ausziehen?“, fragte ich sie.

Joëlle schaute sich um. Es war niemand da. „Ziehst du deine Shorts auch aus?“

Ich ging zu ihr hin und küsste sie auf die Wange und auf den Hals und nochmal auf die Wange und dann in Richtung Mund und auf den Mund und dann noch mal auf den Mund und dann mit offenem Mund und so weiter. Dabei verhielt ich mich sehr ungeschickt. Joëlle erwiderte meine Küsse, aber sie verhielt sich dabei genauso ungeschickt. Mit meinen Händen fuhr ich an ihr hinauf und hinunter, glitt über ihre Brüste und schob das Bikiniteil über ihren Kopf. Ihre Brustwarzen waren spitz und hart und standen weit hervor – sie waren ganz schwarz. Dann zog ich Joëlle hinunter auf ihr Handtuch, legte sie hin, schob mich auf sie drauf und begann, sie überall zu befassen. Joëlle zitterte und schwitzte, überall pappte Sand an ihr, auch an ihrem Hals und in ihrem Gesicht. Ich zog ihr den Bikini-Slip herunter, dann zog ich auch meine Shorts aus.

Wenn wir uns doch nur ein wenig Zeit genommen hätten, wenn wir ein wenig nebeneinandergelegen hätten, wenn wir uns ein wenig nah gewesen wären, wenn wir uns das eine oder andere zugeflüstert hätten, uns zum Beispiel Versprechungen für die Ewigkeit gemacht, einen Plan geschmiedet hätten –; von dem Gesagten wäre vielleicht nichts geblieben, geblieben aber wäre ein schöner Moment, den wir gemeinsam erlebt hätten während der verletzlichsten Phasen unseres Heranwachsens.

Aber am Strand von Petit Boucan ist man dann doch nicht völlig allein. Etwas weiter die Straße hinauf gibt es ein Hochhaus, das einen Blick nicht nur aufs Meer bietet, sondern – wenn man in den höheren Etagen wohnt – auch auf den Strand von Petit Boucan. Dort wohnte jemand, der seine Freunde angerufen und ihnen gesagt hatte, sie sollten kommen.

Ich zählte insgesamt drei Männer, die auf den Felswänden standen, Joëlle und mir zuschauten, dabei die Hose heruntergelassen hatten und sich emsig mit der Faust auf den Bauch schlugen.

„Die holen sich einen runter“, sagte ich zu Joëlle.

Aber Joëlle war ganz verwirrt und wusste nicht, wovon ich sprach.

Ich sprang auf, zog meine Shorts an, nahm mein Surfbrett und meine Sachen, lief ins Wasser, paddelte in die Strömung und trieb hinüber nach Boucan Canot.

Joëlle ließ ich mit den Spannern allein.

Ich sah sie erst sehr viele Jahre später wieder.

Am Tag darauf fuhr ich mit Abasse und Pierre-Yves, mit Guy und Simon, und mit Thierry und Bernard die Route Nationale hinunter in die Bucht von Saint-Leu.

Pierre-Yves hatte den anderen erzählt, wie ich an meinen Platz in Abasse’ VW Bully gekommen war. Niemand sprach auch nur ein Wort mit mir.

Wie wir mit dem VW Bully über den letzten Hügel hinüberfuhren und in die Bucht von Saint-Leu kamen, sahen wir, dass die Verhältnisse schlecht waren. Wir fuhren in die Rue de la Compagnie des Indes hinein, bogen auf den direkt am Strand angelegten Parkplatz, stiegen aus, schauten aufs Meer und versuchten, uns die ungünstigen Bedingungen zu erklären.

„Firinga ist noch nicht zurück“, sagte Pierre-Yves.

Die Strömung kam aus Südost statt Südwest, der Wind aus Nordwest statt Nordost – das Meer war unruhig und wirr, schwarze Wasserbuckel hoben und senkten sich, manchmal schwappten kleine Kämme aus ihnen heraus; eine sich aufbauende Welle flachte wieder ab und verschwand in einer anderen, ohne ihr glattes Gesicht gezeigt zu haben, hohl geworden zu sein, ohne rund abzurollen. Nirgends fanden sich große und geeignete Flächen zum Abspringen und Gleiten. Keine der sich auf- und abbauenden Formen hatte auch nur irgendetwas an sich, was jemand als jene legendäre Welle von Saint-Leu hätte bezeichnen können.

Ich schaute eine lange Zeit aufs Meer, und je länger ich das tat, desto mehr erkannte ich aber doch einige sich wiederholende Formen, die, wenn man sie irgendwie hätte verbinden können, vielleicht eine Welle ergaben. Es waren Fragmente, aber sie lagen an den richtigen Stellen. Ganz weit links baute sich das Wasser einigermaßen regelmäßig auf und fiel aufs Riff, und auch direkt vor mir schwoll es an und fiel aufs Riff; und es gab rechts und gar nicht weit vom Strand einen Abschnitt, an dem sich einige Surfer versuchten. Es war ein rascher, steil sich herausschiebender Abschnitt, der sehr schnell wild schäumend und vollständig kollabierte. Wenn man nun diese drei Stellen zusammenfügte, hätte man eine Welle, die sich durch die ganze Bucht von Saint-Leu ziehen und einem Surfer einen endlosen Ritt gewähren würde.

„Das ist die Welle von Saint-Leu“, bestätigte Pierre-Yves mir, „von dort links, weit draußen, bis hierhin, rechts, bis an den Strand.“

Die Stellen links, vor mir und rechts fügten sich aber nicht zusammen. Vielleicht hatte Firinga erneut gedreht und entfernte sich wieder von La Réunion. Und wenn dem so war, dann wäre meine Reise umsonst gewesen. Meine Hoffnung, die Welle von Saint-Leu zu reiten, würde sich nicht erfüllen, nicht jetzt, nicht morgen und vielleicht niemals. Wenigstens würde sich alles um einige Wochen verschieben … Aber das wäre genauso schlimm.

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Litres'teki yayın tarihi:
25 mayıs 2021
Hacim:
161 s. 2 illüstrasyon
ISBN:
9783954628575
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