Kitabı oku: «Backstagepass»
BACKSTAGEPASS
Ein Leben voller Musik
Anekdoten aus dem Backstage
von Peter O. Bischoff
Bärensong Musikverlag e.K.
Danksagungen / Credits
Der Autor bedankt sich bei Lilian Bischoff, Andrea Bischoff, Mike Wrage, Gaby Meyer, Geff Harrison, Tom Wendt, Inken Diercks (ICD-Grafik), Julia Freudenthal, Gerd Gruß, Birgit Hoffmann (H6 Agentur), Hanns Landa und Ernst Kahl.
Alle Fotos sind von Peter Bischoff persönlich aufgenommen oder in seinem Besitz außer: S.142/175/181 I. Diercks; S.110 H. Landa privat; S.176 A. Bischoff und S. 188 B. Hoffmann.
Umschlag, Bildbearbeitung, Grafiken, Layout: ICD-Grafik – Inken Diercks
Originalausgabe August 2013 Alle Rechte vorbehalten Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
ISBN 978-3-98159952-7
Copyright (c) 2013 Bärensong Musikverlag e.K.
Eulenstr.48
22765 Hamburg
bearsong@t-online.de
Datenkonvertierung E-Book:
Kreutzfeldt digital, Hamburg
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Ich steh‘ auf Berlin
50er Jahre Berlin
60er Jahre
70er Jahre Hamburg
80er Jahre
90er Jahre
2000er Jahre
Literaturverzeichnis
Index
Vorwort
Als mir Peter von seinem Buch erzählte war ich erstmal sehr überrascht. Doch als ich das Manuskript in den Händen hielt wurde ich neugierig und las es in einem Rutsch durch. Ich bekomme ja viel auf den Tisch und gebe oft schon nach den ersten Seiten auf. Anders hier: Ich kannte die Musiker und Clubs nur zu gut. Habe mich in einigen der Lokalitäten ja auch gern von der Muse küssen lassen.
Der „Jung-Autor“ Bischoff springt im Galopp durch die Jahrzehnte, schmeisst mit Künstlernamen nur so um sich. Schon fast vergessene Bands spielen vor dem geistigen Auge und die dazugehörige Zeit wird wieder lebendig: Die Gelben vom Ei, Die Trinkende Jugend oder die alten Rolling Stones. Von AC/DC bis Zappa, von Annette Humpe bis ZZTop, ein illustrer Reigen.
Ergänzt wird diese Zeitreise mit vielen Bildern, z.B. einigen exklusiven Bowiefotos aus den 70ern.
Bevor ich nun noch weiter ins Schwärmen gerate, wünsche ich viel Spaß auf den folgenden Seiten.
Heinz Damnatz
Hamburg im August 2013
Ich steh‘ auf Berlin (Ideal)
Bowie fragte mich, ob Edgar auch noch kommen würde. Ich musste noch mal nachhaken, mein Englisch war damals, 1977, noch nicht so gut. Schulenglisch eben. Nun fragt mich der englische Superstar, ob Edgar Froese von Tangerine Dream noch kommen würde. Klar, es war dessen Übungsraum, der alte Filmvorführraum von Adolf Hitler in Tempelhof auf dem alten UFA Gelände. Später hatte ich den Raum daneben für mein Schlagzeug gemietet. Für wenig Kohle. Das Gelände gehörte damals der Deutschen Post.
Wenn mir jemand Anfang der Siebziger prophezeit hätte, ich würde später mal bei David Bowie zu Hause sein, von Iggy Pop die Tür geöffnet bekommen, Udo Lindenberg in meinem 200/8 Mercedes durch die Gegend chauffieren, wenn mir jemand gesagt hätte, ich würde mal Verleger einer Inga Rumpf CD sein, Sarah Brightman würde mir ein Stück leckeren Kuchen in meinem Büro servieren, ich hätte ihn wohl für verrückt erklärt.
Aber der Reihe nach...
Gehn‘ Sie Mit Der Konjunktur (Hazy Osterwald)
Meine musikalische Früherziehung bekam ich durch das Radio & TV-Programm der 50er und den Plattenschrank meiner Eltern. Papa mochte Elvis und Mama Perry Como. Nicht zu vergessen die deutschen Schlager von Bill Ramsey „Zuckerpuppe“, Chris Howland „Häuptling der Indianer“, Billy Mo „Tiroler Hut“ plus deutschem Fernsehballett und die Kessler-Zwillinge Alice & Ellen. Am liebsten aber mochte ich die lustige Truppe von Hazy Osterwald. Insbesondere den englischen Drummer. Live sah ich Hazy erst bei einem Konzert von Joja Wendt. Da war er Special Guest. Leider konnte er keine Klarinette mehr spielen, dazu war er schon zu betagt. Zum Vibrafon aber reichte es noch.
La Paloma (Hans Albers)
Mein allererstes Konzert war 1959 mit meinen Eltern im Berliner Sportpalast. Einer jener bunten Nachmittage mit verschiedenen Künstlern. Unter anderen trat auch Brigitte Mira auf. Hauptattraktion: Hans Albers. Er sang ein, zwei Lieder und bekam danach eine Flasche Wein, die er dem Orchester überließ. Genüsse dieser Art hatte der Arzt ihm verboten. Es nützte nicht viel, denn dies war einer seiner letzten Auftritte vor seinem Tod 1960. La Paloma Adé!
Kennedy in Berlin
Als John F. Kennedy die legendären Worte „Ich bin ein Berliner“ sprach, stand ich mit meinem Vater in der Menschenmenge vor dem Schöneberger Rathaus. Der Satz wird oft aus dem Zusammenhang gerissen. Kennedy sagte nämlich eigentlich: „Dass jeder freie Mensch in Zukunft wieder stolz sagen kann „Ich bin ein Berliner“. Später standen mein Vater und ich auf dem Dach unserer Aral, der ältesten Tankstelle Berlins und bestaunten die Autokolonne des Präsidenten mit Adenauer und Willy Brandt, davor die blitzblanke Polizei-Motorradstafette.
Ein Jahr zuvor wollten wir noch gemütlich durch das Brandenburger Tor nach Ost Berlin. Es war der 13. August 1961. Man ließ nichts und niemanden mehr durch.
Let There Be Drums (Sandy Nelson)
Ja, ich wollte schon früh Drummer werden. Lange lag ich meinen Eltern damit in den Ohren. Mit 16 Jahren bekam ich endlich ein Schlagzeug der Marke Tromsa von meiner großherzigen Mutter geschenkt.
Zur Freude der Nachbarn übte ich in meinem Zimmer. Sozialer Wohnungsbau Friedenau, hellhörige dünne Wände. Ich hatte nie Schlagzeugunterricht. Alles selbst beigebracht oder abgeschaut bei anderen.
Peter Bischoff 1969
Immer viel geübt und viel gespielt. Wenn irgendwo Not am Drummer war, sprang ich ein. Eins zwei drei...welchen Song spielen wir jetzt eigentlich? Der Bassist Ralph „Trotta“ Schmidt (Interzone) sagte bei so einer Probe mal zu mir: „Is nich‘ so wichtich, klingt aber besser, wenn du die Betonung mitspielst.“ Ich trommelte das erste Mal bei Capitol. Drummer Fränk Hämmerle konnte den Abend nicht. Später spielte ich immer wieder bei anderen Bands und konnte meine Leidenschaft mit anderen teilen. Die ersten Übungsräume waren selbstverständlich weder in der Nähe unserer Wohnungen noch warm und trocken. Meist rochen sie feucht und muffig oder waren verqualmt. Hinterlassenschaften der anderen Bands, die die Nacht davor dort mehr gekifft als geübt hatten, in der Hoffnung, irgendwann mal reich und berühmt zu werden.
Einmal spielte ich bei Klaus Lages Band „BRE“ vor. Das passte aber nicht.
Mit meinem Bluesrocktrio The Witch trat ich dann sogar im angesagten Quasimodo auf. Aber aus Berlin kam ich als Musiker nie raus.
Ich war froh, wenn ich Mitstreiter fand, die nicht nur ihr Instrument beherrschten, sondern auch pünktlich zur Probe erschienen und diszipliniert die Songs spielen konnten. Einem Gitarristen zog ich mal den Stecker raus, weil er nicht aufhören wollte zu kniedeln, obwohl wir gerade etwas besprechen wollten. Hatte ich mal keine feste Band, so ging ich zu Sessions oder man traf sich in Jugendclubs und spielte vor Publikum einfach so drauflos. Einmal kam beim Aufbauen ein Steppke auf unseren Gitarristen zu und fragte ihn kess: „Du sollst der beste Gitarrist Berlins sein, stimmt das?“ „Kann schon sein“ meinte Bernd Gärtig cool.
Bernd machte dann später Karriere mit Lake. Für mich war er der Carlos Santana aus Friedenau. Spielte wie der Satan, aber meine Mutter sagte immer, wenn er bei uns zu Hause anrief: „Der freundliche Bernd ist dran.“
Bernd war irgendwie ein kleiner Daniel Düsentrieb. Er bastelte mit Vorliebe an seiner Gitarre rum und verbesserte sie, indem er zum Beispiel die Bünde auskehlte, um die Saiten länger ziehen zu können. Die kabellose Gitarre mit Sender war auch von ihm. Und nicht zu vergessen der elastische Gitarrengurt. Ich werde nie vergessen, wie im WDR Rockpalast der Gitarrist von Mothers Finest plötzlich mit Bernds elastischem Gitarrengurt spielte. Er ähnelte dabei einer Kopie von Bernd mit seinen Bewegungen und den langen blonden Haaren. Bernhard Kurzke von No.1 hatte das gedeichselt und sich um die Patentrechte gekümmert. Bernd hatte später in Hamburg das Gartenhäuschen neben dem Haupthaus von Udo Lindenberg und Gottfried Böttger in Blankenese, in direkter Nachbarschaft zum Anwesen von Axel Springer. Ich habe da einmal übernachtet, morgens klingelte der Wecker und automatisch gingen die Vorhänge auf, die Kaffeemaschine lief los und das Radio spielte Musik. Bernd war schon immer ein Tüftler. Auf dem Foto ist zwar sein Haus nicht gut zu sehen, aber links davor steht sein alter VW Kasten.
Haus Falkensteiner Ufer – Hamburg
Bernd Gärtig
Mein erstes Rockkonzert war Ton Steine Scherben im Westberliner Quartier Latin 1970. Rio Reiser sang voller Inbrunst seinen Szene-Hit „Macht kaputt was euch kaputt macht“. Dazu war ich leider zu kaputt.
Ich bin danach zu Fuß nach Hause. Als Auszubildender hatte ich kein Geld für Taxi und Nachtbusse gab‘s noch nicht. Das erste Auto bekam ich ein Jahr darauf zum Führerschein von meinen Eltern geschenkt. Einen 59er Käfer, der satte 80 km/h fuhr. Mein Vater hatte ihn gedrosselt, damit ich nicht durch die Stadt rasen konnte. Eigentlich wollte ich ja den Karman Ghia von meinem Arbeitskollegen kaufen. Aber Papa war dagegen: „Zu schnell für dich!“ Als ob ich mit dem simplen VW Motor von Karman hätte Rennen veranstalten können. Also gab es den Käfer von Mama. Der wurde nun blau gespritzt.
Sah echt gut aus dann. Mit dem eingebauten Radio gab es einen für damalige Verhältnisse ganz anständigen Sound. Der Lautsprecher direkt hinter dem Lenkrad hatte einen ganz schönen Wumms.
Ein riesiges Konzertereignis war das Festival unter dem Namen Pop Progressive Peace Concert am 30.3.1970 im Berliner Sportpalast mit Spencer Davis Group, Hardin & York, Deep Purple, The Nice, Keef Hartley Band, Alexis Korner und Wonderland. Am Schluss, nachdem die meisten Besucher die Halle schon verlassen hatten, gab es noch eine Session mit allen beteiligten Musikern, darunter war auch Tourneeveranstalter und Mitglied von Wonderland, Frank Dostal, den ich später in meiner Zeit im Logo als Produzent von Rosy Rosy und den Crackers kennenlernte. Während Deep Purple spielte, konnte ich direkt an die Bühne gehen (Absperrgitter und Ordner vor der Bühne gab es damals noch nicht) und aus nächster Nähe Richie Blackmoore dabei beobachten, wie er nacheinander zwei Fender Gitarren in seine Boxen bohrte. Ich war beeindruckt. Was für eine Power!
Die Eintrittpreise waren viel niedriger als heute. Ich zahlte 9,80 DM im Vorverkauf, also keine 5,- €. Was für mich als Lehrling mit 130,- DM Lohn trotzdem eine Menge Geld war. Die Mitglieder von Wonderland sollte ich später in Hamburg übrigens alle noch persönlich kennenlernen:
Dicky Tarrach mit den Rattles, Kalle Trapp als Produzent für eine der Bands, die ich als Manager vertrat, Claus Robert Kruse spielte mit Känguru oft bei mir in der Hamburger Fabrik und Achim Reichel fand sich bei Konzerten seiner Labelkünstler (Ahorn) bei mir im Logo ein. Mein Traum vom ersten eigenen Auftritt wurde dann irgendwann wahr.
Als wir im Spätsommer 1973 mit einem ausgemusterten Polizei-VW-Bus aus einer Versteigerung der Berliner Polizei zu unserem Auftritt bei einem Festival in Neukölln durch die Stadt fuhren, fielen wir wegen dem Bus und unserer langen Haare an jeder Ampel auf. Bei dem Festival „Artmeeting 73“ spielten nur kleine lokale Bands wie z.B. Rockcypfel und Tontransport. Vor jedem Auftritt wurde ein kurzes Filmchen der Band aus dem jeweiligen Übungsraum gezeigt. Da wir auf der Empore einer Kirche in Kreuzberg geprobt hatten, boten wir mit Abstand die beste Filmkulisse. Leider hörten und sahen uns dann nur die wenigsten, da wir als erste Band schon um 15 Uhr auftraten.
Dafür bekamen wir von den ca. 50 Leuten recht wohlwollenden Applaus. Wenig später stellten wir fest, dass sogar ein Bootleg-Tape von unserem Auftritt existierte. Unsere hoffnungsvolle Band hieß übrigens Hope.
Hope: Klaus Wolf und Peter Bischoff
Wir verstanden uns als Hobbymusiker ohne größere Ambitionen. Nur unser Bassist Eddy war später bei Bands wie The Twins (für deren Vorläufer-Band Chippendale ich mit ihm mal vorgespielt hatte). Seine damalige Freundin Beate Bartel zupfte später auch den Bass, gründete Mania D, Einstürzende Neubauten und Liaison Dangereuses.
Beate Bartel
Bei Sessions in Neukölln und Kreuzberg trafen wir Alex Conti und Bernd Gärtig; die gingen später nach Hamburg und spielten beide u.a. bei Neil Landon, Rudolf Rock und die Schocker und Lake. Eddy legte mal bei einer Session mit den beiden seinen Bass beiseite und kam völlig fertig zu mir ans Schlagzeug. Er könne nicht spielen, wenn die beiden „so geil Gitarre ablassen“.
Alex wurde von Inga Rumpf zu Atlantis nach Hamburg geholt. Später bei Lake, während der USA-Tournee als Vorgruppe von Lynyrd Skynyrd, versuchte die Band Chicago ihn anzuwerben. Er lehnte ab. Als das Angebot eines US-Agenten kam, anschließend 365 Tage in den USA allein zu touren, dachte Lake etwas zu lange darüber nach. „OK dann nicht“, sagte der Agent.
Zurück in Hamburg fehlte Alex nach durchzechter Nacht das Geld fürs Taxi. Kurzentschlossen überließ er dem verdutzten Fahrer seine teure Rolex Uhr. Alex wohnte in einer WG in Pöseldorf im Haus von Uli Salm (Rudolf Rock). Als er einmal Damenbesuch hatte, brauchte sein Mitbewohner Bernhard Kurzke (Music Center No.1) dringend das einzige Telefon der Wohnung, welches sich unter Alex‘ Bett befand. Leise öffnete Bernhard die Tür zum Schlafgemach und zog vorsichtig an der Telefonschnur, um das Ding behutsam herauszuziehen. Alex war ja mit dem Groupie beschäftigt und bekam nichts mit. Plötzlich fiel der Hörer von der Gabel und Alex schimpfte unflätigst Richtung Tür. Schnell nahm Bernhard das Telefon und schloss eiligst die Tür. Gut so, denn Alex warf jetzt mit seinen Stiefeln nach ihm.
Jim Rakete lehnte später ähnlich dumm wie zuvor Lake das US-Tourangebot für Nena ab. Nach ihrem Nr. 1 Hit „99 Luftballons“ meinte er: „Bei der nächsten Nr. 1 kommen wir.“ Das ist erfahrungsgemäß so unwahrscheinlich wie mehrmals einen Sechser im Lotto. Man muss bedenken, dass bis dato nur Bert Kämpfert, Kraftwerk und Silver Convention als deutsche Künstler einen Nr. 1 Hit in den USA hatten. Danach in den 80ern nur noch einmal der Wahl-Hamburger Taco mit „Puttin on the Ritz“.
Seitdem hat es keiner von hier mehr geschafft.
Moment! Eine deutsche Band feierte auch im Ausland große Erfolge: Tangerine Dream aus Berlin Schöneberg.
Wish You Were Here (Pink Floyd)
Chris Franke von Tangerine Dream interviewte ich für die Berliner Zeitung „Nur Musik“ im Audio Tonstudio. Mit meinem Uher-Tonbandgerät machte ich davon einen Mitschnitt. Chris berichtete von den Aufnahmen des Albums, bei dem sie Nick Mason, den Drummer von Pink Floyd, als Produzenten dazu holten, aber bald wieder nach Hause schickten, weil es sie nicht wirklich weiterbrachte.
In der Toilette traf ich Georg Danzer, der hatte auf dem Spiegel mit Filzstift „Danzer was here“ hinterlassen und grinste mich beim Rausgehen triumphierend an. Der Studiobesitzer Jörg verriet mir einiges über die Aufnahmen, die David Bowie dort gemacht hatte, bevor er ins Hansa Studio wechselte:
„Let‘s make a hit tonight“ soll Bowie gesagt haben. Dort entstanden also die ersten Demos zu Heroes.
Danach in unserem Jugendheim war ich regelmäßig bei der Band A 33 (Buslinie in Berlin), später Firma 33, im Übungsraum und guckte mir die ersten Tricks am Schlagzeug ab. Die spielte überwiegend Titel nach und war perfekt im Beatles nachsingen. Der Schlagzeuger Rüdiger Selle besaß eine Stimme wie Paul und John zusammen. Ich half bei einigen Auftritten beim Aufbau, war also schon Roadie, bevor ich wusste was das bedeutete.
Später machte ich eine Zeitlang den Aushilfsroadie bei Tangerine Dream, transportierte die riesigen Synthesizertürme durch Berlin, Peter Baumanns amerikanischen Straßenkreuzer LTD, bei dem der Auspuff fehlte und der wie ein Panzer klang, durfte ich in die Werkstatt fahren (zur Sicherheit fuhr der Truck hinter mir), man ließ mich Edgar Froeses‘ Garage ausmisten usw. Ich machte das, was für‘ n Aushilfsroadie eben so anfiel.
Bei dem Garagenjob machte ich einen Fehler, den ich heute noch bereue. Da standen ein alter Sessel und ein paar Lautsprecherboxen aus dem Besitz von John Lennon, die mir Chefroadie Roli anbot. Weshalb ich da nicht zuschlug, weiß ich bis heute nicht. Wahrscheinlich fehlte mir das nötige Kleingeld.
Bei einem Auftritt von Tangerine Dream in der Philharmonie fotografierte ich den kompletten Aufbau der beindruckenden Anlage.
Peter Baumann 1978
Where Are We Now? (David Bowie)
Einige Tage später kam der Auftrag, Equipment aus Bowies Wohnung in der Hauptstraße 155 in Berlin Schöneberg abzuholen und zum Übungsraum von TD nach Tempelhof zu transportieren. Roli und ich fuhren hin und klingelten unten.
Coco Schwab und David Bowie – Hauptstraße Berlin
David Bowie – Hauptstraße Berlin
Ein leicht angetrunkener Ami öffnete und stellte sich als Jimmy vor. Es war Iggy Pop (James Osterberg). Der wohnte bei Bowie. Später hatte er eine eigene Wohnung im Hinterhaus.
Im 1. Stock begrüßte uns ein blonder Engländer mit Schnauzbart: „Hello, I‘m David“. Er trug blaue Jeanshose und schwarze Lederjacke, schwarze Clogs und eine graue Schiebermütze. Sah überhaupt nicht aus wie ein Popstar. David war sehr nett und zeigte uns die Anlage, die wir mitnehmen sollten. Wir luden seine Sachen aus der 6-Zimmer-Wohnung in den Truck und fuhren Richtung Übungsraum nach Tempelhof. Übungsraum ist leicht untertrieben: Es handelte sich um einen Saal von ca. 1000 qm. Heute befindet sich an dieser Stelle ein Teil der UFA Fabrik. Später probte Iggy hier mit seiner Band für die Welttournee mit Bowie am Piano. Später kam dann noch Brian Eno dazu. Bei der Session mit ihm war ich leider nicht mehr dabei. Hatte ‘nen Termin beim Zahnarzt. Auch schöne Musik.
Da ich nun wusste, wo Bowie wohnte, lauerte ich ihm eines Tages so lange vor der Haustür auf, bis es mir gelang, nachfolgende Schnappschüsse zu machen. Ich postierte meinen VW Bus gegenüber des Hauseingangs und hatte das Glück, dass Bowie bald mit seiner Assistentin Coco Schwab, die heute noch für ihn arbeitet, herauskam und geradewegs auf mich zulief. Meine Canon AE1 mit Winder ratterte los. Sie gingen dicht an meinem Auto vorbei und kamen kurze Zeit später auf der anderen Straßenseite zurück. Beide trugen fast die gleichen Klamotten: blaue Jeans, schwarze Clogs und graue Schiebermütze. Bowie in kurzer schwarzer Lederjacke und hellem Hemd. Unauffälliger gings nicht.
Coco Schwab und David Bowie
Die Fotos verkaufte ich später an den Musik Joker, um mein eigenes kleines Fotolabor zu finanzieren. Als das publik wurde, nannten einige mich nur noch Lokalmafia.
Natürlich besuchte ich auch Bowies Konzerte in der Berliner Deutschlandhalle. Mit Gratistickets von der Plattenfirma, dank meiner Tätigkeit in der Schallplattenabteilung bei Montanus am Kurfürstendamm. Es war die Station to Station Tour, wo Bowie, angestrahlt von weißem Neonlicht, auf der Bühne stand, bei dem es einen kleinen Zwischenfall gab.
David Bowie – Deutschlandhalle Berlin 1976
Während eines Gedrängels vor der Bühne unterbrach Bowie das Konzert. Nachdem sich alles beruhigt hatte, setzte er den Song noch mal an, brach dann abermals ab, kam nicht mehr rein. Dieser Zwischenfall hatte ihn aus der gewohnten coolen Fassung gebracht. Mit „Rebel Rebel“ gings dann weiter.
Riesig das Interesse an Bowie hier in Berlin. Eines Tages erhielt ich sogar einen Anruf aus London vom Melody Maker, die alles Mögliche über ihn von mir wissen wollten. Der Musik Joker hatte meine Fotos geschickt. Sogar Bowie-Edel-Groupie Sarah aus Berlin rief bei mir an, um mich auszuquetschen.
David Bowie 1978
Ich erlebte Bowie dann noch mal Backstage bei einem Zappa-Konzert in der Deutschlandhalle, wo er und Iggy Pop die ganze Zeit hinter der Bühne saßen, während vorne Zappa sich in einem Song über den „white english popstar“ ausliess und Bowie kräftig durch den Kakao zog. Niemand vorne wusste, dass Bowie anwesend war.
David Bowie und Iggy Pop Backstage beim Zappa-Konzert
Dieses Foto hatte ich mit meiner kleinen Agenten-Kamera gemacht: die Neu-Berliner Iggy und Bowie auf der Hinterbühne. Nach dem Konzert standen sie vor Zappas Garderobe: Presse, Freunde, Bowie, Iggy warteten darauf ins Allerheiligste gebeten zu werden. Kurze Zeit später linste John Smuthers – Zappas glatzköpfiger Leibwächter – durch die Tür und winkte Iggy rein. In Bowies Gesicht war die Enttäuschung geschrieben. Ich weiß nicht, ob das vielleicht der Grund dafür war, weshalb er Zappas Gitarristen Adrian Belew für seine nächste Tour abwarb.
John Smuthers hatte während des Konzerts jemanden zusammengeschissen, weil der seinen Backstage-Pass nicht sichtbar trug. Er zeigte auf mich und sagte, dass man das Ding so zu tragen hätte. Ich hatte ihn professionell, wie es sich gehört, gut sichtbar auf den Oberschenkel meiner Jeans geklebt und fühlte mich jetzt außerordentlich gebauchpinselt.
Ich hatte Zappa mit Supergroupie Sarah am Flughafen abgeholt und mir bei der Gelegenheit ein Autogramm geben lassen. Er kam als erster durch das Gate, links eine aufgeschlagene Illustrierte, rechts das Handgepäck. Seine Band dackelte hinter ihm her. Dann ins Hotel – Sarah und ich im VW Variant vorne weg. Er mit Band im Kleinbus hinterher.
Frank Zappa 1978
Ein Soundcheck ist für alle Beteiligten und auch für Nicht-Beteiligte das Langweiligste und zuweilen Nervigste, was man sich vorstellen kann. OK, es gibt Ausnahmen. Beim Zappa-Konzert wurde der Saal für das Publikum schon beim Soundcheck geöffnet, und das platzte mitten hinein.
„Welcome to the Mothers of Invention Soundcheck“ begrüßte er alle. Nach ca. 20 Minuten verließen er und Band die Bühne, um dann präzise 20 Uhr mit dem Konzert loszulegen.
Lust For Life (Iggy Pop)
Das nächste Konzertereignis ließ nicht lange auf sich warten. Beim Konzert von Iggy Pop in der Hochschule Der Künste stand der erste Punk Berlins vor mir, Jäki, der Iggy vor Begeisterung ins Bein biss.
Jäki Eldorado (Jochen Hildisch) sollte ich Jahre später in Hamburg, ein wenig disziplinierter, als Tourneeleiter von diversen Bands (Die Toten Hosen, Robbie Williams etc.) wiedertreffen.
Fotos von Iggy vor seinem Übungsraum gemacht – Schnappschüsse, wie er mit seiner Band ankam – ließ ich wie auch andere von einem Freund entwickeln. Dummerweise verschwanden diese genauso mysteriös wie viele Bowiefotos.
Ich hatte meine Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel bei Herlitz mit Ach und Krach abgeschlossen und noch ein halbes Jahr in meiner Lehrstelle verbracht, als es mich drängte, endlich auch mal was anderes zu tun. Neben der Band fuhr ich fortan Parfüm durch Berlin und hörte dabei Musik auf AFN.
Iggy Pop – Hochschule Der Künste Berlin 1977
Der US Sender brachte ‛ne Menge Pop & Soul, und ich verbesserte ganz nebenbei meine Englischkenntnisse. Die Lektüre von Melody Maker und New Musical Express bereicherte zudem mein Wissen um die Musikbranche. Deshalb bezeichnete man mich wohl damals schon als wandelndes Rocklexikon.
Apropos Rocklexikon: Mal nachschlagen bei Fela Kuti
Mein Bandkollege Uli rief an, hatte einen interessanten Job für mich. Fela Kuti und Ginger Baker sollten abends zusammen in der Berliner Philharmonie auftreten. Am Nachmittag gab es eine Presseparty in Joes Bierhaus und ich durfte die Fotos machen.
Fela Kuti
Der Nigerianische Afrobeat Superstar kam mit großem Gefolge. Er hatte, schätze ich, 27 Frauen dabei plus Nachkommenschaft und sonstige Verwandte. Ginger erschien ohne Verwandschaft und selber auch nicht. Er spielte abends auch nicht wie angekündigt mit Fela, sondern vor ihm. Da hatte es wohl Stress zwischen den beiden gegeben. Ginger begann mit einem langen Drum-Solo, ich fotografierte ihn dabei und später auch Fela mit Band und Tänzerinnen.
Ginger hatte ich in den 80ern für die Fabrik mit der neuen Band Energy engagiert. Er verschwand nach einer Stunde Spiel mit seinen Leuten von der Bühne. Und harrte in der Garderobe der Zugaberufe. Nichts zu hören. Das Publikum meinte wohl, dass Pause sei. Man ging zum Tresen, um Getränke zu bestellen und wartete danach geduldig. In der Garderobe verklickerte ich Ginger das Missverständnis. Nach dreißig Minuten wurde das Konzert fortgesetzt. Uneingeladen kam dann die Polizei, die wegen der Lautstärke von aufgebrachten Nachbarn alarmiert worden war. Gottseidank konnte ich die Beamten gerade noch überzeugen, nicht einzuschreiten. Das Konzert sei ohnehin gleich zu Ende.
Ginger Baker – Berlin Philharmonie 1978
Konzerte blieben ein wichtiger Teil meiner Freizeit. Leider fehlte mir oft das Geld dafür und ich konnte mir z.B. Led Zeppelin nicht leisten. Bei anderen Konzerten versuchte ich, mich rein zu mogeln.
Als ich bei anderer Gelegenheit wieder mal abgebrannt vor dem Bühneneingang der Deutschlandhalle herumlungerte, um irgendwie umsonst rein ins Konzert zu kommen, haute mich ein Typ um einen Job an. Als ich ihn fragte, wieso er ausgerechnet mich um einen Job fragte, sagte er, ich würde so aussehen als wäre ich hier für so was zuständig. Da ahnte ich noch nicht, dass mir eine glänzende Karriere als Konzertveranstalter in Hamburg winkte.
Don‘t Be Cruel (Elvis)
Im Peter Jahnel Musik Shop war ich als Aushilfe beschäftigt. Ich half im Verkauf oder sortierte Ware in die Regale. Ich hatte einen VW-Bus, fuhr zur Metro oder holte Pakete von der Post ab. Einmal fand eine Produktpräsentation einer Gitarrenverstärkerfirma statt. Mit dem Elvis Presley-Gitarristen James Burton. Ich war wenig beeindruckt, weil Elvis mich nie interessiert hatte und den Gitarristen kannte ich auch nicht. Danach bei der Session, setzte ich mich ans Schlagzeug und spielte mit. Mit meiner Spielpraxis war‘s nicht so doll, und so wurde ich bald ausgetauscht. Immerhin hatte ich mal mit James Burton gespielt. Interessant, nicht?
Interessanter aber waren die Gespräche mit dem Techniker im Laden, Bernd Koschmidder, ehemals Bassist bei Birth Control.
Peter Jahnel und Bernd Koschmidder
Silver Machine (Hawkwind)
Silver Machine war der Hit der englischen Psychedelic Band Hawkwind. Ich genoss sie 1973 im Amsterdamer Paradiso. Ein langhaariges Mädchen saß im Schneidersitz auf der Bühne und baute einen imaginären Riesenjoint, den sie dann auch später theatralisch rauchte. Am Bass Lemmy Kilmister, der später bekanntlich Motörhead gründen sollte. Wir waren nachmittags aus Berlin gekommen und hatten unser Zelt in der Nähe von Amsterdam, in Alkmaar, auf einem Zeltplatz errichtet. Wer aber stammt ursprünglich aus Alkmaar? Rudolf Wijbrand Kesselaar, besser bekannt als Rudi Carrell.
Beim Bob Dylan-Konzert kam ich auch irgendwie so rein:
Blowing In The Wind (Bob Dylan)
Ich war mit ‘ner Freundin bei einem Bob Dylan-Konzert in der Deutschlandhalle, als sie Elvis Costello erspähte. Sie wollte ihn gleich fotografieren, aber Costello verwies sie an seinen Manager, der sie mit den Worten: „I‘m busy!“ abwies. Dabei zerriss er seine Eintrittskarte in zig kleine Schnipsel, drehte sich und verschwand in der Menge. Arroganter Sack.
Meine erste Single war Cadillac von The Renegades „My baby grew up in a brandnew ... Cadillac!“ Ich wollte eigentlich „Poor Boy“ von den Lords, aber die war in dem kleinen Plattengeschäft am Innsbrucker Platz in Friedenau ausverkauft. Das war so ‘n Geschäft, wo man am Tresen mit einem einzigen Hörer direkt vom Plattenspieler reinhören konnte in die Musik. Eine Single kostete damals fünf Mark.
Viel Geld für einen Schüler. Da musstest du lange sparen, bei ‘nem Taschengeld von 5,- Märkern die Woche. Wenn man außerdem noch ins Kino wollte und ab und zu Prickel Pit oder Mr.Tom naschen...
Einen eigenen Plattenspieler besaß ich da natürlich auch noch nicht; ich durfte die fette Musiktruhe meiner Eltern benutzen. Deren Platten waren nicht so nach Sohnemanns Geschmack. Elvis mochte ich nicht, weil mein Vater den gut fand. Seiner Meinung nach war das Urwaldmusik, die ich mochte. Meine zweite Platte war „When I was young!“ von The Animals. Nachdem ich die Platte fünfmal hintereinander gehört hatte, rannte ich vier Treppen runter ziellos durch die Straßen. Ich wusste gar nicht, wohin mit mir und der ganzen Energie...
Später ging ich dann in einen Plattenladen mit Stereokabinen. Da hockte ich oft, hörte LPs von Deep Purple oder die Rolling Stones mit „Let it Bleed“. Oft war ich da mit einem Freund, nur um Musik zu hören. Ich kriegte als Lehrling monatlich 130,- Mark. Da verplemperte ich die Kohle meist doch lieber woanders.
Als ich eines abends auf dem Weg nach Hause war, taumelte Udo Jürgens mit Lord Knud aus der Kneipe nebenan. Udo lallte zu Knud: „Du musst mehr humpeln, sonst erkennt dich keiner.“ Lord Knud hatte bei einem Autounfall mit den Lords ein Bein verloren. Beide lachten und wankten an mir vorbei Richtung Kudamm. Ich glaube, nüchtern waren die nicht.
Zuerst hatte ich ein simples Tonbandgerät, um Musiksendungen im Radio aufzunehmen. Ein altes Grundiggerät, später dann eine Akai und dann ein Uher Report. Lange davor weckte ein Transistorradio mit Kurz- und Langwelle mein Interesse an Beatmusik. Da wurde nur Radio Luxemburg gehört. Oder die Schlager der Woche. Mit Götz Kronburger und Lord Knud als Moderatoren. Später SFBeat mit Wolfgang Kraesze, Rock over Rias, präsentiert von Burghard Rausch (Bel Ami) – kompetente Moderatoren. Keine Werbung. Das waren Leute, die die Musik liebten, die sie da spielten. Da wurde sogar das ellenlange „Tubular Bells“ von Mike Oldfield komplett gebracht. Mit dem Kofferradio ging ich im Sommer oft in den Park und drehte zur Freude der Hörgerätebenutzer richtig auf.
Dann der Beat Club von Radio Bremen und die Monkees-Serie am Samstagnachmittag im Ersten. Durfte man auf keinen Fall verpassen, denn Video kannte man noch nicht. Den ersten Betamax-Videorecorder kaufte ich Ende der 70er. Dieses Gerät hatte noch keinen Timer, man musste bei der Aufnahme stets dabei sein. Neben Musiksendungen nahm ich auch Spielfilme und Serien auf. 82 Folgen habe ich von der Muppetshow. Dann all die Rockpaläste. Mothers Finest, Mitch Ryder, Little Feat, ZZTop, besitze ich alles noch und die Tonbänder mit den LPs, den Musik-Radiosendungen der 70er. Die LP-Sammlung habe ich irgendwann komplett verkauft, da ist jetzt nur noch ein kleiner Restbestand mit persönlichen Erinnerungen – Weißmuster und Anpressungen. Und natürlich Kassetten mit Konzertmitschnitten von Level 42, Herman Brood und Wilson Pickett. Fehlt noch die Erwähnung der Schellacksammlung aus den 50ern mit Elvis, Buddy Holly, Bill Haley, Nat King Cole, Marlene Dietrich, Gene Krupa und Frank Sinatra, die ich erst in den letzten Jahren zusammen getragen habe. Meine erste LP war Revolver von den Beatles. Ein Schulfreund fragte mich, wie denn das Titelstück „Revolver“ sei. Es war ungewöhnlich, ein Album nicht nach einem darauf enthaltenen Song zu nennen (einen Song namens „Revolver“ von den Beatles gibt es nicht).
Im christlichen Gemeindehaus befand sich neben dem Tischtennisraum ein Raum zum Abhängen. Ein Plattenspieler stand da mit genau einer einzigen LP: „Abbey Road“. Jeder, der reinkam, sagte: „Oh schön, „Abbey Road!“ und wenn die Platte abgespielt war, legte man die Nadel wieder rauf. Das ging den ganzen Abend so.
Die Konzerte waren vergleichsweise billig, wenn man die heutigen Eintrittspreise als Vergleich nimmt. Die ersten Konzertbesuche kosteten um die 10,- DM. Trotzdem ließen wir uns öfters was einfallen, um günstig reinzukommen.
Bei John Mayall sammelten wir die Kartenabschnitte vor der Kasse ein und versuchten, sie wieder zusammen zukleben. Mit dem bloßem Auge nicht zu erkennen, aber wenn man mit der Hand rüberstrich, fühlte man das mitunter schon. Einer von uns hatte die Technik wirklich perfekt raus. Bald aber wurden die Tickets fälschungssicherer, die Abreißer aufmerksamer, sodass der Aufwand sich nicht mehr lohnte.
Eine geklebte Karte von 1971 habe ich noch. Am 13.6. spielten MAN, Alexis Korner, Atomic Rooster und Status Quo im Sportpalast. Einer von unserer Gang kannte jemandem vom Einlass, weshalb wir schnell durchgewunken wurden. Jedenfalls brauchten wir unsere Fake-Karten nicht.
Crosstown Traffic (Jimi Hendrix)
Beim völlig ausverkauften Jimi Hendrix Konzert, half nur noch Bestechung. Der Ordner bekam 20,- DM und ließ uns drei Schnorrer durch einen Seiteneingang rein. Oben im Rang waren noch Plätze frei. Wer ahnte da schon, dass es Jimis vorletztes Konzert sein würde. Danach noch ein Gig auf Fehmarn. Und zwei Wochen später finito.
Seinen Tourneebetreuer damals, Gerd Augustin, lernte ich Jahre später durch seinen Cousin Hans Riebe kennen. Wir besuchten ihn in seinem Haus in Bremen.
Gerd wusste ‘ne Menge über Hendrix zu erzählen und über Patrick Gammon, (Pianist von Ike & Tina Turner, Duopartner von Tommy Fuchsberger bei PATTO), da hatte er eine ganze Kammer voll mit Stücken der Erinnerung, Fotos etc. Interessant auch Geschichten über die Arbeit mit Amon Düül. Sein Buch „Der Pate des Krautrock“ ist sehr empfehlenswert. Und „Klartext/Voll daneben“ von ihm und Olaf Kübler. Das von ihm handsignierte Buch habe ich blöderweise verbummelt bzw. verliehen und nie wiederbekommen.
Später schenkte es mir Mike Wrage. Und wieder war es kurze Zeit später verschwunden.
Dann ersteigerte ich es bei Ebay. Witzigerweise von Birte, der Frau Joja Wendts. Eben gucke ich ins Regal und kann es wieder nicht finden. Müsste aber eigentlich da sein. Geht die Suche schon wieder los.
Olaf Kübler war als Saxophonist lange bei Udo Lindenberg. Später hat er Udo verklagt, weil der ihm wohl all die coolen Sprüche geklaut hatte, wie „Alles klar auf der Andrea Doria“. Etwas hat der verrückte Olaf wohl bekommen, nur 500.000 DM, seine anfängliche Forderung, waren es nicht.
Gypsy Queen (Uriah Heep)
Uriah Heep und Edgar Broughton Band auf Tournee?! Das konnte ich mir nicht entgehen lassen. Im Vorverkauf hatte ich mir einen Gutschein für eine Konzertkarte bei der Neuen Welt in der Hasenheide Berlin gesichert. Und schon war ich drin.
Die Berliner Band The Twangy Gang war die Vorgruppe. Mit Hübi an den Drums. Ihm sollte ich später mal mein Becken-Set für einen Auftritt leihen.
Lange Pause nach The Twangy Gang. Erst Ratlosigkeit, dann kribblige Ungeduld im Publikum. Probleme mit den englischen Bands? Endlich brachte die Edgar Broughton Band eine Acapella Nummer und verschwand gleich wieder. Feierabend. Grund: die Anlage war nicht rechtzeitig in Berlin angekommen, Uriah Heep tauchte erst gar nicht auf. Sowas passierte früher öfters mal, dass Bands Probleme hatten, sich und ihren Kram über die Grenze durch die DDR zu kriegen. Gewaltiger Unmut. Lautstark machten wir unserem Ärger Luft, bis einige Catcher auf der Bühne auftauchten und uns mit ihren Muskelspielen klar machten, dass die Veranstaltung jetzt beendet sei. Ich ging enttäuscht nach Hause und wusste, dass mir das mit dem Gutschein nicht noch einmal passieren würde.
Wenn ich den gegen ein Ticket eingetauscht hätte, wäre eine Reklamation verbunden mit Rückerstattung möglich gewesen. Mein Lehrlingsgehalt war nämlich nicht so üppig, was man nicht oft genug wiederholen kann.
Als Uriah Heep Jahrhunderte später in Stuttgart spielten und der kleinwüchsige Stuttgarter Tourveranstalter Henning Tögel sie zuvor besuchen wollte, klopfte er an die Garderobentür. Tür ging auf und nach einigen Sekunden wieder zu. Henning Tögel, abgehärtet durch jahrelange Tourerfahrung, klopfte erneut und wieder wurde geöffnet. Diesmal nahm man ihn zum Glück wahr, der Gitarrist Mick Box meinte allerdings nur „Oh, I‘m sorry, but snowwhite is not in“ und schloß prustend die Tür wieder zu. Uriah Heep fanden das witzig, Henning, mit dem ich später einige Male zu tun hatte, weniger.
In den Sechzigern und frühen Siebzigern gab es nicht annähernd so viele Informationsmöglichkeiten über Musik wie heute. Im Radio nur wenige Sendungen zum Thema Pop/Rock. Im TV nur den Beatclub und dann war da natürlich die Bravo. Erst in den 70er kamen mehr Zeitschriften wie Sounds, Musikexpress, Pop u.a., Riebes Fachblatt sei hier gerne mit erwähnt. Im TV war später nur noch der WDR Rockpalast mit seinen Live-Sendungen innovativ. Unvergessen, wie Albrecht Metzger der Moderator, in der Garderobe nach kurzem beeindruckenden Gekniedel auf der Slidegitarre von Lowell George, dem Gitarristen von Little Feat, diesen fragte, ob das Instrument schwer zu spielen sei. (sic). Albrecht Metzger war auch Kunde bei Montanus Aktuell am Kudamm, wo ich ihn mal mit „Mr. Rockpalast“ ansprach, was er genervt überhörte.
Immer wieder Überraschungen! Auch in Discos spielten damals Bands wie The Pretty Things (Big Eden) und in der Dachluke waren Ash Ra Tempel (noch mit Klaus Schulze am Schlagzeug) ohne Technikchikimicki. In den kleineren Discos gab es progressivere Musik von Platte oder Band zu hören.In der Tube brachten sie mal das komplette Pink Floyd Konzert vom gleichen Abend aus der Deutschlandhalle ein zweites Mal über die megagroßen Boxen. Im Milli Vanilli u.a.Titel von Alan Parsons „Tales of Mystery and Imagination“ und progressive Songs wie „In A Gadda Da Vida“ auf die Ohren. Bevor ich ins Schwärmen gerate, beende ich das jetzt. Ich selbst legte dann im Softrock Cafe auf.
Vier Mal die Woche. Immer ab 22 Uhr, gegen 4 Uhr wurde es nochmal richtig voll, weil alle anderen Discos Feierabend machten. Teilweise ging‘s bis morgens um 9 Uhr, dann übernahm ein anderer DJ bis mittags. Frühclubs gab es schon in den 70ern.
Als ich schon in Hamburg lebte, ging ich wieder mal hin, und klingelte. Neuer Name, anderes Personal. Die Türsteherin blickte meinen Kumpel und mich kurz an: „Heute ist geschlossene Gesellschaft“ und schloss die Tür. Ich klingelte noch mal und fragte nach Anette. Die kam auch. „Du kannst doch nicht unseren alten DJ einfach abweisen“ sagte sie zu der konsternierten Tante.
Geh Zu Ihr (Puhdys)
Mein damaliger Bandkollege und frischgebackener Anwalt Ulrich Schulze-Rossbach berichtete mir, die Fabrik in Hamburg sei auf der Suche nach einem Programmmacher. Das machte mich hellhörig.
Ulrich arbeitete als Syndikus für die neugegründete Berliner Plattenfirma Pool, die DDR-Bands wie Puhdys und Karat im Westen rausbrachte. Der Chef hieß Franz Hamann, war außerdem Steuerberater der Hamburger Fabrik und fuhr einen frechen kleinen Porsche, der am Hamburger Flughafen immer bereit stand. Den konnte er sich schon leisten, bevor Karat mit „Über sieben Brücken“ ihren ersten West-Erfolg haben sollte und lange bevor Peter Maffay diesen Titel coverte. Hamann war nebenbei auch noch Inhaber vom Musikverlag, Geschäftsführer war der legendäre Peter Schimmelpfennig. Übrigens fuhr damals jeder leitende Fabrik-Angestellte Porsche, inklusive Chef Horst Dietrich. Den traf ich und wurde nach kurzem Gespräch für die Fabrik, Hamburgs Kulturzentrum, engagiert. Die nervenaufreibende Tätigkeit als DJ in der In-Disco Softrock Cafe in Berlin kündigte ich, machte erst mal verdientermaßen Urlaub in Kalifornien und fing Mitte September in der Fabrik an, die 1977 durch einen verheerenden Brand zerstört worden war und Ende September 1979 groß Wiedereröffnung feierte.
Lets Go To San Francisco (Flowerpot Men, Gesang Neil Landon)
Als ich 1979 in den USA Urlaub machte, suchte ich den größten Plattenladen von San Francisco, Tower Records, auf. Wer hatte dort just an dem Tag Autogrammstunde? Nicht zu glauben: Nana Mouskouri! Mit Magical Mystery Tour unterm Arm verließ ich den Laden. Vor dem Airport hatte ich noch das unerwartete Vergnügen, Herman Brood nebst Crew zu treffen. Die hievten gerade ihre Anlage ins Auto für die US Tour.
Big Yellow Taxi (Joni Mitchell)
Pat Metheny, Jaco Pastorious, Michael Brecker, Don Elias, Lyle Mays. Was für eine Besetzung! Das war die Begleitband von Joni Mitchell, die ich 1979 in San Francisco bewundern durfte. Ich machte Urlaub in Santa Cruz, 30 Autominuten von San Francisco entfernt. Das Konzertticket kaufte ich in einem Plattenladen, die das Ding direkt am PC ausdruckten. 1979 gab es bei uns in good old Germany noch keine PCs. Ich dann mit Mietwagen nach SF und das Civic gesucht, wo das Konzert stattfinden sollte.
Eine Stunde vor Einlass standen da außer mir nur 10 Leute. Unglaublich. Nach und nach gesellten sich dann doch einige mehr dazu, kein Wunder bei dem sonnigen Wetter.
Die wenigen stellten sich ziemlich entspannt an und pflegten Smalltalk. Das war mir schon an der Greyhoundstation aufgefallen: In der Reihe anstellen und sich mit Fremden unterhalten.
American Way of Life?
Im Vorprogramm sang die Acapella-Gruppe The Persuasions Soul und Gospel. Die absolvierte zwischendrin noch einen Gastauftritt bei Joni. Unglaubliche Stimmen! Ich hatte vergessen, meine Brille einzustecken. Trug also Sonnenbrille. So‘n Typ mit Sonnenbrille im Konzert, ich kam mir komisch vor, wo‘s außerdem noch ziemlich dunkel war. Und ich auch noch stark weitsichtig. Trotzdem gelang es mir, noch ein paar gute Fotos zu schießen, die nicht zu dunkel waren.
Pat Metheny, Joni Mitchell und Jaco Pastorious
Einen Konzertmitschnitt von dieser Tour gab es im darauf folgenden Jahr auch als Doppel LP. Am beeindruckendsten fand ich damals Jacos Bass-Solo. Er spielte mit sich selbst im Quartett und machte schlussendlich einen Salto mitsamt Bass über seine Effektgeräte.
Mit Joni Mitchells Musikverlag hatte ich Jahre später zu tun, weil Carolin Fortenbacher eine deutsche Version von „Both Sides Now“ aufnehmen wollte, und das genehmigt werden musste. Leider sagte der Verlag in Jonis Namen ab. Es gab eine Version aus den 1960ern, danach hat sie nie wieder einer zugestimmt. Ihre Songs sind inzwischen weltweit hundertfach gecovert worden, aber Bearbeitungen lehnt sie nach wie vor kategorisch ab. Frank Peterson, Carolins Produzent, wollte sich nicht damit abfinden und versuchte alles Mögliche, um an sie ranzukommen. Aber Frau Mitchell ist weder über Handy noch über E-mail zu erreichen. Aussichtslos.
Es blieb dabei: Die Version kam nicht mit auf Carolins Album.
Joni Mitchell
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