Kitabı oku: «Jakob der Letzte»

Yazı tipi:

Ausgewählte Werke in Einzelbänden

Mit Materialien, Kommentar und Nachwort,

herausgegeben von Daniela Strigl und Karl Wagner

Band 2

Peter Rosegger

Jakob der Letzte

Eine Waldbauerngeschichte aus unseren Tagen

Herausgegeben und

mit einem Nachwort

von Daniela Strigl


VORWORT

Dieses Werk hat einen tieferen Zweck, als den, bloß zu unterhalten. Es soll eine auffallende und wichtige Erscheinung der Gegenwart schildern, es soll ein Bild geben von dem Untergange des Bauerntums in unseren Alpen.

Ich fühle von dem, was den Bauernstand angeht, mich fast persönlich betroffen, und so zwang mich mein Herz, dieses Buch zu schreiben. Es ist ein Stück tragischer Wirklichkeit; der Dichter hatte das Gemälde nur zu gruppieren, zu runden und im besonderen die wenigen Blumen, die in Wüsten und auf Ruinen sprossen, mit Liebe zu pflegen.

Was heute vorgeht, da draußen in den Bergen, es vollzieht sich nicht so sehr von Natur wegen, es vollzieht sich durch die Schuld der Menschen.

Es ist ein an sich altes, aber in unseren Tagen vertieftes Vorurteil, daß der Bauer keine Bildung habe. Diese Anschauung kann nicht etwa darin ihren Grund haben, daß im allgemeinen der Bauer unvernünftig lebe und vielen Vorurteilen ergeben sei. Denn jene Leute, die sich vorzugsweise die Gebildeten nennen, nämlich die Städter, leben vielfach noch unvernünftiger als der Landmann und sind noch größeren Vorurteilen unterworfen. Man denke nur einmal nach und vergleiche im ganzen die Sitten des Landmannes mit den Zuständen und Angewohnheiten des Städters. Wer sich wie der Bauer an die Natur hält, der kann wohl roh, sinnlich und eigennützig sein, nie aber in solcher Weise abirren von den gesunden Wegen, als es den Leuten im Bereiche der Überkultur möglich ist und geschieht.

Der Landmann gilt vielmehr bei den Städtern für ungebildet, weil ihm das Schulwissen fehlt, weil er nicht höhere Mathematik treibt, die Naturgeschichte nicht aus Büchern gelernt hat, nicht mitsprechen kann über Politik und Theater, keine gelehrten Abhandlungen zu schreiben versteht und sich nicht fein zu gehaben weiß.

Das ist ja eben ein Zeichen von der krankhaften Verbildung vieler Weltleute, daß diese im allgemeinen nicht wissen, was Bildung ist. Wenn jemand die Meinung aufstellte, gebildet solle jeder sein, aber jeder brauche nicht das Gleiche zu wissen; die Bildung müsse erstens dem Charakter eines Menschen, zweitens seiner natürlichen Fähigkeit und seinem Berufe angemessen sein; als gebildet könne jeder gelten, der seine sittlichen Eigenschaften entwickelt habe, seinem Stande gerecht werde, indem er das Seinige leistet, der sich in seine Verhältnisse zu fügen wisse, den näheren Mitmenschen zum Wohlgefallen und sich selbst zur Befriedigung sei: Wenn jemand diese Meinung aufstellte, ich könnte nicht anders, ich müßte ihm recht geben. Jeder Beruf, jeder Stand fordert seine Kenntnisse, seine Fertigkeiten und seine besonderen Tugenden. Wenn der Bauer als Bauer tüchtig ist, nachbarlich und zufrieden in seinen engen Grenzen, dann hat’s keine Not, dann ist er in seiner Art ebenso gebildet als der Philosoph auf dem Lehrstuhl, von dem kein Mensch verlangen wird, daß er den Pflug zu führen und den Dünger zu schätzen verstehe. Das allgemeine gesellschaftliche Wohl verlange, sagt man, Teilung der Arbeit, und die schwerste Arbeit sollte die geachtetste sein.

Da möchte ich mich bedanken, wenn gerade der älteste Beruf des Menschengeschlechts und die wichtigste Arbeit für dasselbe nicht mindestens ebenso hoch bewertet würde, als die weniger wichtigen, etwa jene Beschäftigungen, die erst durch die menschlichen Gebrechen, Leidenschaften und Laster notwendig wurden, als die Arzneikunde, die Rechtskunde, oder als die Leistungen, die nur von der künstlich gezüchteten Genußsucht verlangt werden! Wenn man einwendet, daß etwa zu letzteren eine größere Fähigkeit nötig sei, als zum Bauernstande, so wäre, abgesehen von anderem, darauf zu entgegnen, daß heutzutage der Bauer schon eine sehr tüchtige Kraft sein und einen sehr klugen Kopf haben müsse, wenn er sich in seinem Stande tapfer soll behaupten können.

Denn es ist fast alles gegen ihn. Während man allerorts, vom Reichsrate bis zum letzten Winkelverein herab, die Phrasen von der Wiederaufrichtung des braven Bauernstandes hören kann, spitzen sich die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse auf das schärfste zum Nachteile unseres Bauernstandes zu. Mancher reiche Herr, der im Parlamente schöne Reden hält für den Bauer, für den Mann der Arbeit, drückt daheim auf seinen Gütern den Arbeiter so arg er kann, bringt die nachbarlichen Bauern um Haus und Hof und zwingt ihnen, wenn sie sich nicht lieber in der weiten Welt zerstreuen und verlieren, wieder die Zustände der alten Hörigkeit auf.

Aber der Bauer ist in dieser Sache auch nicht ohne Schuld, und nun kommt der Grund, aus welchem man dem Landmann von heute die Bildung absprechen muß. Er mag und will sich nicht mehr schicken in seinen Stand, er schämt sich seiner, nicht allein, weil dieser Stand gedrückt und verhöhnt wird, sondern noch vielmehr, weil auch den Bauern der Größenwahn erfaßt hat. Er will etwas „Besseres“ sein, als der Vater gewesen. Er trachtet zu lernen, aber nicht für seinen Stand, oder des Wissens wegen, sondern um möglichst ein „Herr“ zu werden. Das ist nicht ein Zeichen der Bildungsbedürftigkeit, es ist ein Zeichen von Verrohung des Gemütes, vom Schwinden der Treue, und vom Hunger nach „Ehre“ und „vornehmeren“ sinnlichen Genüssen. Es wäre einerseits kein Wunder, daß man von einem Stande abspringen will, der von allen Seiten ausgesogen, mißbraucht und übervorteilt wird. Indes, so war es mehr oder minder ja zu allen Zeiten, und dem Bauer wohnt naturgemäß eine Kraft inne, solchen Widerwärtigkeiten zu trotzen. Die Gegenwart hätte ihm vielleicht Mittel geboten, sich wahrhaft frei und geachtet zu machen. Aber er verlor seinen festen Bauerncharakter und damit seine Beharrungskraft. Die Krankheiten der Zeit haben ihn erfaßt, die Fahrigkeit, der Größenwahn. Er ist nicht mehr für seinen Stand gebildet und gestählt, und so vollzieht sich gegenwärtig eine merkwürdige Flucht. Es vollzieht sich eine Flucht vom Pfluge zum Hammer, vom Hammer etwa zum Zirkel, von diesem zur Feder, zum Doktorhut und so weiter. Nichts will im Staate mehr Grundstein bilden, alles will Dachgiebel sein – wäre es ein Wunder, wenn eines Tages der Bau das Übergewicht bekäme? Der Bauer, weil er nicht in die Höhe kann, so strebt er in das Weite aus; nach allen Richtungen der Windrose hin eilt der schollenflüchtige Landmann; von zehn Flüchtlingen versinken auf fremdem Boden neun …

Unsere hohen Herren – die lüstern nach der Scholle greifen, aber nicht um sie zu bebauen, sondern um sie verwildern zu lassen und darauf ihres Lebens höchstem Berufe, der Weidmannslust zu frönen – haben bereits die Stirn, zu behaupten, daß in den Alpen der Bauernstand nicht mehr zu halten und auch überflüssig sei. „Mit der Einfuhr von Feldfrüchten keine Konkurrenz mehr möglich.“ Das ist der Standpunkt des Händlers und nicht der des Bauers. Der Alpenbauer ist überhaupt nicht da, um zu „konkurrieren“, sondern um auf seinem Boden für sich zu arbeiten und zu leben. Zwar einfach zu leben, aber naturgemäß und als freier Mann. Es wird sich zeigen, ob bei dem steten Wachstum der Bevölkerung unsere wenn auch oft kümmerliche Erdscholle verachtet werden darf, ob der Mensch des Jagdwildes willen heimatlos sein soll, und ob das Reh und der Hirsch seine Herrschaft in unseren Bergen behaupten kann. Schon heute vollzieht sich alljährlich eine Völkerwanderung von den Städten aufs Land, ins Gebirge. Noch kehren sie, wenn die Blätter gilben, wieder in ihre Mauern zurück, aber es wird eine Zeit sein, da werden die wohlhabenden Stadtleute sich Bauerngründe kaufen und bäuerlich bewirtschaften, Arbeiter sich solche aus der Wildnis roden und reuten. Sie werden auf Vielwisserei verzichten, an körperlicher Arbeit Gefallen und Kräftigung finden, sie werden Gesetze schaffen, unter denen wieder ein festständiges, ehrenreiches Bauerntum bestehen kann, und das Schlagwort vom „ungebildeten Bauer“ wird man nicht mehr hören.

Aber das alte Bauerngeschlecht wird vernichtet sein. Wie in unserem Alpenlande der Kampf gegen dasselbe und die Vernichtung vor sich geht, das soll dieses Buch erzählen. Es sei jedoch nicht geschrieben, bloß um ein Bild von dem äußeren Wandel zu stellen, sondern vor allem, um bei Lostrennung von der Heimatsscholle die Vorgänge im Menschenherzen zu schildern; und es sei geschrieben der Treue wegen, die in meinem Jakob lebt.

Erster Teil

EIN SELTSAMES PFINGSTFEST

Das war am heiligen Pfingstsonntag nach der Mahlzeit.

Jakob, der Hausvater, saß in der wohldurchwärmten Stube und las in einem alten Buche. In weißen Hemdärmeln, wie er war – der durchnäßte Lodenrock trocknete am großen Kachelofen – stützte er seine Arme breit auf den Eschentisch, und die Finger über dem Buche ineinandergeschlungen, las er das „Besetzel“ vom heiligen Geist. Er las vielleicht nicht mit voller Andacht, wie sie sich für einen so hohen Festtag wohl geziemte, denn bisweilen hob er sein Haupt und blickte hinaus in das Schneegestöber. Die Flocken wirbelten so dicht, daß die Linde, die dort an der Wegtorschranke stand, nur als dunkle verschwommene Masse durch das trübe Grau schattete. Die hohen Fichtenbäume vor dem Hause, welche kaum über die Hälfte hinauf sichtbar waren, beugten ihre verknorrten Äste unter den Schneelasten, die jungen Lärchen auf dem Anger standen wie Zuckerhüte, und dort, wo gestern die maienhaft blühenden, duftenden Holundersträucher gestanden, waren eitel Schneeberge. Die Säulen der Torschranke hatten hohe Hauben auf, wie der Bischof, wenn er draußen zu Sandeben die Firmung hält. Die Zaunstecken hatten spitze und stumpfe Hütlein, Helme, Schnäbel, Kissen und Bänder von Schnee.

Wenn das Pfingststaat sein soll!

Jetzt kam der Wind und fegte den Schneestaub von den Bäumen, Sträuchern und Dächern des Hofes und ließ ihn tanzen und wehte ihn an die Fenster, wo er sich in die Ecken, Ritzen und an die Rahmen schmiegte.

„Gott sei Dank, daß der Wind kommt!“ sagte der Jakob, „sonst wollt’s bald Fetzen geben in den Kirschbäumen und Linden. Die Elessen-(Traubenkirschen-)Stauden hat’s schon zerrissen. Ist ein schlimmer Kamerad, der Schnee, wenn er zu solcher Jahreszeit kommt.“

Auf den Dachgiebeln und unter den Vorsprüngen der Dächer hüpften und schwirrten Vögel umher; die Finken und Drosseln waren vom Walde, die Zeischen und Lerchen von dem Felde hergekommen und mußten sich bei den Schwalben zu Gaste laden, Schutz und Unterstand suchen im Reuthofe. Aus dem Hause war ein wilder Knabe gestürmt, um mit Schneeballen nach ihnen zu werfen.

Der Jakob beobachtete den Knaben, der mit heißen Wangen und Augen im Schneegestöber umlief, von jungen Bäumen den Flaum auf sich niederschüttelte und mit Geschrei und Geschleuder das ratlose Geflügel verfolgte. Schier mit Wohlgefallen schaute der Jakob darauf hin, als dächte er: das wird auch einmal ein rechter Altenmooser Jodel! Dann öffnete er das Fenster und rief scharf hinaus: „Jackerl! Laß mir die Vögel in Ruh’ und geh’ herein, es ist zum Beten!“

Jetzt stand der Hausvater aufrecht. Was er in seiner Gebirgstracht für ein strammer stattlicher Mann war! Das frische jugendliche Gesicht glatt rasiert bis auf den Schnurrbart; die Nase scharf und kühn gebogen, die Augen unter dunkeln Brauen etwas tief liegend und freundlich blau von Farbe. Bart und Haar waren lichtblond und schimmerten schier ein wenig golden; das Haar war rückwärts kurz geschnitten und vorne quer und locker über die Stirne gelegt. An der Stirne waren, wer genau sehen wollte, einige Blatternarben. So aufrecht der Mann dastand, der Kopf war leicht vorgeneigt, das ist kein Wunder bei einem hochgewachsenen Haus- und Familienvater, der auf die Seinen immer herabschauen muß, der auch das kleinste zu seinen Füßen kniende oder an seinen Knien krabbelnde Wesen nicht übersehen darf, der seine Kraft und seine Sorge und seine Liebe aus dem Boden zieht, auf dem er steht, und von seinem Haupte wieder niederspendet auf diesen Boden und auf alles, was darauf wächst und ihn umgibt. Er ist immer der Säemann und der Erntende zugleich. Der Aufrechte, aber der Kopfgeneigte.

Nun spitzte der Jakob die Lippen und tat einen hellen Pfiff. Alsbald kamen die Hausleute aus den Kammern, aus der Küche, aus den Stallungen herbei und versammelten sich in der großen Stube zur Pfingstandacht am Nachmittage, die heute nicht wie sonst draußen in der Kapelle abgehalten werden konnte.

Es waren derbe, eckige Knechte und schäkernde Mägde; es war ein buckeliges Männlein dabei und es waren halberwachsene Jungen, gleichsam eine niedergehende und eine aufgehende Zeit. Alles harmlos munter. Es kam auch die Hausmutter herein, ein etwas schmächtiges blasses Weib, welches – so jung an Jahren es noch sein mochte – allen Übermut und alle Bausbäckigkeit den Kindern abgetreten zu haben schien. Ein Knäblein hing an des Weibes Kittelfalte, das noch blässer als die Mutter war und kreisrunde, ganz vergißmeinnichtblaue Augen hatte. Auch der Knabe Jackerl war zur Tür hereingetollt, über und über voller Schnee, wurde aber in solcher Gestalt vom Vater zurück in die Küche gewiesen, wo er – den Hut ausschlenkernd – der alten am Herde kauernden Einlegerin Schnee und Wasser ans Gewand warf. Weil die Alte sich dagegen auflehnte, so sprang er an die Hühnersteige, die unterhalb des Herdes war, sprengte Schnee hinein und trällerte:

Hendl bi bi,

Hendl bo bo,

Wannst ma koan Orl (Eierchen) gibst,

Stich ih dih oh!

In der Stube gingen die Leute zu den Sitzbänken, die ringsum an den Wänden waren, und knieten davor auf dem Fußboden nieder, so daß sie bei gefalteten Händen ihre Ellbogen auf die Bänke stützen konnten. Der Jakob nahm vom Hausaltare, der hoch in der Wandecke angebracht war, das kleine hölzerne Kruzifix herab, stellte es mitten auf den Tisch und zündete davor eine aus dem Wachsstock abgewickelte Kerze an. Dann langte er vom Wandnagel die große Rosenkranzschnur, kniete damit auf einen Schemel an den Tisch, machte unter lautem Ausruf der Worte mit dem Daumen über Stirn, Mund und Brust die Kreuzzeichen und begann zu beten.

„Jetzt wollen wir“, hub er an, „zum Heiligen Geist rufen, daß er uns erleuchte in Glück und Unglück zum rechten Tun und Lassen. Und wollen Gott bitten um ein gesegnetes Jahr in Feld und Stall für uns, unsere Nachbarn und alle Freund’ und Feind’. Wollen auch beten für alle, die aus diesem Haus hinausgestorben sind – christlich zu gedenken.“ Dann beteten sie den „glorreichen Rosenkranz“ zum Gedächtnisse an die Auferstehung, Himmelfahrt des Herrn und an die Sendung des Heiligen Geistes. Der Hausvater sprach stets den ersten Teil des Gebetes, das Gesinde sprach im Chor den zweiten Teil desselben, und es erscholl schier harmonisch wie gedämpfter Orgelklang.

Während des Gebetes wollte zwar ein vorwitziger Knecht seiner schalkhaften Nachbarin mit dem Zeigefinger ein „Bröserl“ den entblößten Arm kitzeln; der Hausvater hörte das mühsam und vergebens verhaltene Kichern der Angegriffenen, setzte einen Augenblick im Gebete aus und warf einen ernsthaften Blick auf das schäkernde Pärchen, sofort war dieses ruhig und die Andacht nahm ihren würdigen Fortgang.

Noch bevor sie zu Ende war, polterte zur Türe ein Mann herein, strampfte an der Schwelle den Schnee von den Füßen, schüttelte den Schnee von Hut und Rock, kniete dann neben einen Knecht an die Bank hin und betete mit. Er wurde weiter nicht beachtet. Als das Gebet unter nochmaliger Anrufung des göttlichen Geistes „um Weisheit und Beständigkeit“ zu Ende war und der Hausvater das Kreuz gemacht hatte, sagte dieser, sich von seinem Schemel erhebend: „Schau, der Knatschel! Wir haben dich ein wenig zum Beten gebraucht.“

„Schadet mir eh nit“, antwortete der früher Eingetretene, während auch er steif und unbehilflich aus der knienden Stellung aufstand. Der Nachbar Knatschel war’s, der auf dem Heimweg aus Sandeben im Reuthofe zusprach, um sich ein wenig von der Unbill des Wetters zu erholen.

Er war ein untersetzter Mann mit kurzem Halse und breitem, stets gutmütig lachendem Gesicht, das heute vom Frost und vielleicht auch von etwas anderem gerötet war.

„Ein sauberes Pfingstsonntagswetter, das!“ sagte der Knatschel.

„Eh hasen frei wahr“, redete der buckelige Alte in seiner ihm eigenen weitläufigen und unbestimmten Ausdrucksweise drein, „so fein weiß haben die Kirschbäum’ schier völlig lang nimmer ’blüht, als wie dasmal. Das ist richtig wahr auch.“

„Wird schon wieder aper werden“, meinte der Jakob.

„Drei Vierteljahr Winter und ein Vierteljahr kalt“, sagte der alte Knecht, „namla wohl, so geht’s hisch zu, bei uns im Gebirg.“

„Geh’ her zum Tisch“, lud der Jakob den Nachbar ein, „und schneid’ dir ein Brot ab.“ Damit tat er aus der Tischlade einen großen Laib Brot mit Schneidmesser, legte beides auf den Tisch und setzte sich auch selber hin.

Der Knatschel setzte sich daran, füllte aus der Tabaksblase seine Pfeife, zog ein zierliches Stahlzänglein aus dem Hosensack, hielt es einem kleinen Mädel hin (das so dastand und am Finger sog) und sagte: „Geh’ Dirndl, bring’ mir Feuer!“

Während die Kleine zur Herdglut hinauslief und bald mit einer glühenden Kohle im Zänglein zurückkam, sagte der Knatschel: „Ja, Nachbar, ich hab’ mir’s anders gemacht. – Brav’ Dirndl, kriegst zu Lohn einen sauberen Mann, wenn du groß bist.“ Blies die Kohle rotglühend und steckte sie in die Pfeife. „Ja, Nachbar“, fuhr er paffend fort, „ich hab’ mir’s anders gemacht.“

„Was meinst?“ fragte der Jakob.

„Mir ist’s zu dumm worden in Altenmoos. Wer sich’s besser machen kann – ein Lapp, der’s nit tut.“

Der Jakob sah ihn fragend an.

Der Knatschel beugte sich vor gegen ihn, gab noch ein paar Rauchstöße von sich, daß die blauen Strähnlein wagrecht in der Luft schwammen, und sagte halblaut: „Mein Haus hab’ ich verkauft.“

Dann belauerte er den Eindruck, welchen diese Nachricht auf den Nachbar machen würde. Weil aber der Jakob gar so unbeweglich dasaß, als hätte er das Wort nicht verstanden, wiederholte der Knatschel noch einmal: „Mein Haus hab’ ich heut’ verkauft.“

Jetzt zuckte der Jakob ein wenig mit den Augenwimpern, des Weiteren blieb er immer noch unbeweglich und blickte den Knatschel fragend an.

„Ich rat’ dir’s auch, Jakob“, sagte der Knatschel, „wirf’s hinter dich, das kümmerliche Altenmoos, wo der Mensch sich sein Lebtag lang rackern muß, daß er in seinen alten Tagen ohne Sorg’ verhungern kann. Laß das Fretten sein. Verkauf den Bettel. Der Kampelherr zahlt gut. Nimmt auch den Reuthof, hat er gesagt, aus Gefälligkeit nimmt er ihn, wenn du hergibst. Zahlt nit schlecht. Meinen Grund kennst. Siebzig Joch just genau, wenn man Heid’ und Weid’ dazutut. Rat’ einmal, was er mir dafür auf die Hand gelegt hat, der Kampelherr!“

„Leicht etwan gar hasen einen Hut voll Taler!“ redete wieder der buckelige Alte drein.

„Soviel gibt der Teufel für eine arme Seel’“, sagte ein anderer Knecht, wie sie sich jetzt auf die Bänke herumgesetzt hatten. Der Knatschel beachtete diese Bemerkung nicht, sondern sagte noch einmal: „Rat’, Jakob, wieviel hat er mir auf die Hand getan?“

„Gar im Ernst, Nachbar?“ fragte jetzt der Jakob, „und du hättest dein Haus verkauft?“

„Hast schon einmal einen Tausender gesehen?“ schmunzelte der Knatschel und nestelte seine stark abgenützte Brieftasche auf.

Der große nagelneue Geldschein lag auf dem Tisch, der Jakob starrte draufhin wie auf ein Gespenst, das man zuhalb mit Neugier, zuhalb mit Grauen ansieht. Die Knechte machten lange Hälse und blinzelten schier stumm vor Ehrfurcht auf die Erscheinung hin.

„Möcht’ ich’s doch frei ein klein Eichtel angucken, das Sündenpflaster“, murmelte der alte Knecht und kam ein wenig gegen den Tisch gebuckelt.

„Das Pflaster wollt’ uns nit schaden“, witzelte ein anderer, „vielleicht tät’s auch dir deine Gicht und Gall ausziehen, Luschelpeterl.“

„Selb’ kunnt eh frei sein, mir wollt’s taugen, selb’ ist eh wahr“, kicherte der Alte.

„Ist rechtschaffen gut, daß wir schon den Rosenkranz gebetet haben“, sagte eine Magd, „nach so einem Bildl da“, sie deutete auf den Tausender, „wär’s mit aller Andacht vorbei.“

„Geht’s, geht’s“, meinte ein altkluger Bursche, „immer einer kauft sich die Höll mit so einem Fetzen. Die krieg’ ich wohlfeiler, wenn ich sie haben will.“

„Selb’ wird eh leicht namla wahr sein“, gab der buckelige Luschelpeterl lachend bei und hockte sich, während die anderen noch aus achtungsvoller Ferne die unerhörte Geldnote betrachteten, in seinen Ofenwinkel.

„Wenn der Mensch gescheit ist“, sagte jetzt eine Magd, „so denke ich, wird er sich wohl auch den Himmel damit kaufen mögen. Nit?“

„Hisch wahr, namla wohl wahr. Den Himmel auf der Welt.“ So der Luschelpeterl. „Der andere Himmel – der da oben – der himmlisch’ Himmel, der kostet gar nichts, als wie das Leben, hi, hi, wohl gewiß wahr.“

„Da!“ schmunzelte nun der Knatschel und hieb mit Wucht, wie der Spieler einen scharfen Trumpf ausspielt, den zweiten Tausendguldenschein auf den Tisch, „da hab’ ich noch einen!“

„Sapperment!“ sagte der Jakob.

„Gelt!“ rief der Knatschel, „gelt, Nachbar, das ist ein gutes Jahr, trutz daß es schneit am Pfingstsonntag!“

„Zwei hat er dir gegeben für dein Haus und Grund!“ fragte der Jakob mit leiser Stimme.

„Du kannst drei haben für deines!“ sagte der Knatschel. „Besinn’ dich nit lang, Nachbar, tu’ deine Wasserstiefel an und geh’ eilends auf die Sandeben. Beim Fleischhacker sitzt er, der Kampelherr. Seine Geldtaschen hat einen schauderhaften Bauch, kann ich dir sagen. Als Winkelbauer gehst jetzo fort, als gemachter Herr kommst heim.“

„Heim?“ fragte der Jakob kopfschüttelnd, „heim? – Wie kann der Mensch sein Haus verkaufen!“

„Knatschelvater!“ sprach jetzt einer der Knechte, „geh’, steck’ dein Fliegenpapier nur wieder ein. Hergibst eh nix davon.“

Des wollte der Knatschel schier verdrießlich sein, daß die zwei Geldnoten, die er nun wieder bedächtig zusammenfaltete und in die Brieftasche schob, kein größeres Aufsehen gemacht hatten. Das Haus wollte in gewohnter Ordnung bleiben, gleichmäßig langsamen Ganges. Da war draußen plötzlich ein Prasseln und Krachen, daß die Holzwände ächzten, finstere Schneestaubwolken wirbelten an den Fenstern vorüber. Die Leute schauten sich an.

Bald jubelte der Wildfang Jackerl mit der Nachricht herein: Von der Linde sei ein großer Ast niedergebrochen und habe die Kapelle niedergeschlagen.

Als der Jakob dieses hörte, sprang er von seiner Bank auf.

„Die Kapelle!“ rief der Knatschel, „deine Jakobikapelle da draußen hat’s derschlagen? Nachbar, wenn das kein Wink vom Himmel ist!“ In die Hände klatschend rief er noch lauter: „Der heilige Sankt Jakob ist hin! Reuthofer, verkauf dein Haus!“

Der Hausvater ging in Hemdärmeln, wie er war, zur Tür hinaus und durch den wogenden Sturm der verstümmelten Linde zu.

In den Lüften tanzten die Flocken und die Schwalben.

DAS LIEBE ALTENMOOS

Am Vorabend zu Fronleichnam – das war neun Tage nach dem Schneesturm – leuchtete über den Bergen von Altenmoos der helle glühende Sommertag. Die frischgrünen Lärchen, die drüben am Hange in jungen Beständen prangten oder eingesprengt waren in die dämmernden Fichtenwälder, hatten – wer sie näher besah – auf ihren Zweigen purpurrote Kätzchen. Aber auch die Fichtenwälder waren zu solcher Zeit nicht so dämmernd als sonst, die weichen Triebe der Zweige und Wipfel, an denen auch manch rotes Blütenzäpfchen stand, hatten ein helleres Grün über die Wälder gehaucht. Auf den Wiesen, in deren Furchen unter Ampfer- und Lattichblättern klare Wässerlein dahingurgelten, standen in Gruppen Ahorne und Eschen, die erst auszutreiben begannen. An den Feldrainen und Gehöften schimmerte das weiße und rosige Geflocke der blühenden Kirsch- und Wildäpfelbäume, und der Duft von den weißen Blütenzapfen des Traubenkirschenstrauches erfüllte weithin die Luft mit seiner berauschenden Süße. Die Hafer- und Roggenfelder an den Lehnen schauten in ihrem schönen bläulichen Grün auf die Wiesengründe nieder. Dazwischen lagen Weideblößen, auf welchen weiße und scheckige Herden glockten; in eingezäunten Angern Schafe und Ziegen, die zu solcher Stunde schon satt waren und miteinander scherzten oder sich ein wenig faul auf dem Rasen sonnten.

Auf freien Höhungen und in traulichen Talmulden, aber auch an steinigen Lehnen, am Waldrande oder in geschützten Schluchten standen Gehöfte, größere und kleinere, teils von Kirschbäumen, Linden und Eschen schier überwuchert, teils frei mit ihren Bretterdächern wie Taubengefieder in der Sonne schimmernd, teils auch bestanden von einer Gruppe wuchtiger, in Stürmen starr und unbesiegbar gewordener Schirmtannen. An den Häusern kleine Gemüse- und Ziergärtlein, in welchen Reseden dufteten und Pfingstrosen flammten und inzwischen auch – selbst eine Blume, der Blumen pflegend – manch fröhlich Mägdlein. Von einem Gehöfte zum anderen führten Wege, die mit Büschen und Bäumen bestanden waren, über Feldlehnen hin zogen sich die weißen Fäden der Fußsteige, auf welchen jetzt zur Feierabendzeit junge Bursche zu zweien oder auch zu mehreren gesellt, langsam dahingingen und Jodler sangen.

Von dem Hügel aus, auf dem das Haus des Jakob, der Reuthof stand, konnte man in weiter Runde die Gegend übersehen. Man hörte aus der Ferne den Reigen der weidenden Herden und den halb in den Lüften verwehten Hall der Sänger. Man hörte auch aus dem engen Talgrunde herauf das traumhafte immerwährende Rauschen der Sandach. Diese Tiefgründe und dieses rauschende Wasser kamen aus hochgelegenen Wildschluchten, zogen sich hier im weiten Halbrund um den Hügel des Reuthofes, durchschlängelten die Gegend, Altenmoos genannt, um dann stundenlange Enggräben entlangzuziehen und bei dem Pfarrdorfe Sandeben in das Tal der Freising auszumünden. An der Sandach standen Getreidemühlen, an den höher gelegenen Halden duckten sich dort und da die grauen Hütten der Sommerstadeln und der Holzhauer.

Auf dem Hügel des Reuthofes stand man wie mitten in dem weiten felder- und wiesenreichen Bergkessel, und ein wellenliniges, in ferneren Höhen blauendes Waldrund schloß den Gesichtskreis. Wo sich so die Linie zog zwischen Erde und Himmel, da stand hier und dort aus jüngerem Waldwuchs das scharfe Zähnchen eines Tannenbaumes oder eines struppigen Lärchenwipfels in das Firmament auf, gleichsam wie Lanzen, die auf der Hochwacht die stille Berggemeinde Altenmoos einfriedeten. Von dem Dachfenster des Reuthofes aus konnte man eine Felsenspitze sehen, die hinter dem westlichen Höhenzug emporragte – ein Zeichen des nahen Hochgebirges.

Eine Kirche hatte die Gemeinde Altenmoos nicht, sie war eingepfarrt zu Sandeben. Für den Hausgebrauch hatten alle größeren Höfe ihre Kapellen oder Kreuzsäulen, davor die Leute, die nicht zur Pfarrkirche kommen konnten, ihre Andacht zu verrichten pflegten. Mit den Vorgegenden war die Gemeinde Altenmoos durch einen einzigen Fahrweg verbunden, der an den Hängen und Wänden der Sandachschluchten hin angelegt über zahlreiche Stege und Brücklein führte.

Wenn man vom Reuthofe aus der Sandach entlang aufwärts ging, so kam man durch Wald und Geschläge, an welchen manch rauchende Kohlenstätte stand, dann kam man in Haselnuß- und Erlengebüsche, und dann kam man in Sand- und Steinhalden, wo zwischen der wildwuchernden Pflanzenwelt moosige Felsblöcke lagen, die herabgekommen sein sollen von dem Hochgebirge, das sich hinter diesen Vorbergen gewaltig erhebt. An den beiden Hängen ziehen sich einengende Felsrippen nieder. Hier klettert der kümmerliche Fußsteig über einen Steinwall, der mit Wildfarn, Dornsträuchern und Schierling bewachsen ist. Das Wasser gräbt sich unten schäumend und schreiend durch eine Kluft, die tief und finster und so eng ist, daß ein Mann mit ausgespreizten Beinen zugleich an beiden Rändern stehen könnte. Heute greift hier das Geflecht der Baumwurzeln und Sträucher, das Gefilze der Moose von beiden Ufern schon so sehr ineinander, daß die unten durchfließende Sandach an dieser Stelle kein Tageslicht mehr hat.

Hinter dem Steinwall weitet sich die Schlucht und der Fußpfad schlängelt von dem rauhen Schutthügel nieder in einen stillen Grund, der von nackten Felswänden umstanden ist. In dem kleinen sandigen Tale wuchert kein Gestrüppe, stehen nur in Gruppen schlanke und üppige Fichtenbäume. Das Wasser rieselt im breiten Bette fast lautlos und so klar, daß man jedes Goldfünklein sprühen sieht in seinem Sandgrunde. In diesem Wasser ist keine Forelle zu sehen, im Gefelse kein Vogel zu hören; aber Eidechsen pfeifen, wenn man ihnen auf den Schweif tritt. Wir biegen um eine Fichtengruppe, und es liegt ein See da. Er ruht in einem Kessel und hat mehrere Buchtungen. An seinem Rande, wo bemooste Felstrümmer hervorragen, ist er durchsichtig, an tieferen Stellen grün wie der reinste Smaragd; gegen die Mitte hin dunkelt sich die Farbe, dort soll – so spricht die Sage – das Wasser unermeßlich tief sein.

Hinter dem See – wenn wir unsere Schritte weiter lenken – hebt ein dumpfes Tosen an. Schreiten wir zehn oder zwölf Minuten lang dahin in diesem kühlen Grunde, so werden unsere Kleider feucht von einem feinen Wasserstaub; auch an allen Bäumen hängen Tropfen. Dann stehen wir vor dem Wasserfall. Der springt turmhoch von einer Felsenrinne nieder, macht zwei große Absätze, in denen er schneeweiße Bänder bildet, und stürzt sich in einen Tümpel. In diesem Tümpel schäumen, kreisen und kochen die wild herabgeworfenen Wellen, daß aus den eisigen Quirlen ein Nebelqualm aufsteigt, der alles Gestein und alle Pflanzen betaut, die im Grunde stehen. Der ebene Sandgrund mit seinen grünen Säumen ist hier zu Ende, hinter dem Wasserfall heben die hohen Felswüsten an.

Das kleine Hochtal war von den letzten Häusern des Altenmoos nur eine Stunde weit entfernt, aber selten kam ein Altenmooser hinauf. Es hatte niemand dort etwas zu suchen, und wer doch einmal über das Hochgebirge mußte, der rastete wohl auf einem Stein am See, aber nicht lange. Der Grund war ihm zu leblos und zu still. Das Hochtal war benannt: Im Gottesfrieden.

Also ist das Berg- und Waldrund beschaffen, das unsere Gemeinde umgibt und in welchem der Jakob Steinreuter sein Haus hat. Das liebe Altenmoos.

DER MANN MIT DEN TAUSENDERN SIEDELT AB

An diesem Vorabende zu Fronleichnam, da zu Altenmoos der frohe Feiertag anhub und auch im Reuthofe die knechtlichen Arbeiten schon zur Ruhe gekommen waren, hielt der Jakob noch nicht Rast. Er hämmerte an der Kapelle die letzten Dachbretter fest; nun war der Schaden wieder getilgt, den der stürzende Lindenast angerichtet hatte. Die darüber aufragende Linde prangte in voller Pracht, und man merkte im finstergrünen Buschwerk kaum mehr die Scharte, wo der Ast herabgebrochen war. So hatte der Sommer rasch und ruhmreich gesiegt über jenen tückischen Eindringling zu Pfingsten, wie solcher zur Frühsommerszeit wohl manchmal anzurücken pflegt in der hochgelegenen Gegend von Altenmoos.

Zu wahrer Erhebung gereichte es dem Jakob, daß dem Bildnisse in der Kapelle nichts geschehen war. Der roh geschnitzte, mit Farben bemalte heilige Jakobus war damals unversehrt auf seinem Altar stehengeblieben, während der gebrochene Ast unter Schnee und Splittern zu seinen Füßen lag. Dieser Heilige war der Schutzpatron des Hauses. Jakobs Vater hatte Jakob geheißen, und dessen Vater hatte auch Jakob geheißen, und so der Großvater und der Urgroßvater, und jeder Hausvater auf dem Reuthofe hatte Jakob geheißen, weil vor Jahrhunderten der Mann, welcher die Ansiedlung gegründet, den Grund urbar gemacht und die Steine ausgereutet, Jakob geheißen hatte. Jakob, der Steinreuter. Von dem frommen Sinn und der kunstreichen Hand dieses ersten Jakob stammte, den Überlieferungen der Familie gemäß, das Bildnis, und so war die Statue und der Name ein besonderes Band, das sich von Geschlecht zu Geschlecht herabflocht und jeden Jakob Steinreuter enge mit seinen Vorfahren und seiner Scholle verknüpfte.

An die innere Wand der Kapelle war in aufrechtstehender Richtung eine Reihe von etwa sechs Schuh langen Brettern genagelt. In jedes dieser Bretter waren gegen den oberen Rand hin die Buchstaben J. S. eingeschnitten, und darunter eine Jahreszahl. Das waren die Leichbretter; auf jedem derselben war ein Jakob Steinreuter ausgestreckt gelegen drin im Hause, bevor sie ihn auf den Kirchhof trugen. Dann sind zum Gedächtnisse diese schmalen Läden hier aufgestellt worden in der Kapelle des heiligen Jakobus.

An diesem Tage sollte der Heilige, gleichsam zur Urständfeier, besonders geschmückt werden. Die kleine Angerl mit den langen schwarzen Haarsträhnen, die eben aus der Schule heimgekehrt war, kam und brachte ein mit Wasser gefülltes Glas, in dem zwei Pfingstrosen staken. Und es kam der kleine Friedel mit den kugelrunden Vergißmeinnichtaugen, der brachte das andere mit Wasser gefüllte Glas, in welchem zwei weitere Pfingstrosen staken.

„Brav seid ihr!“ sagte der Jakob zu seinen Kindern. Dann nahm er ihnen die Gläser aus den kleinen Händen und stellte sie zu beiden Seiten der Statue auf. Er mochte dabei vielleicht weniger an den heiligen Apostel, den das geschnitzte Bild vorstellen sollte, denken, als vielmehr an seine Voreltern, die das Bild gestiftet und bewahrt hatten und die er in ihm verehrte.

Vom Schachen herüber, barfuß, in zerfasertem Höslein, mit struppigem Haar und glühenden Wangen, kam der Jackerl, er zerrte zwei gefällte Lärchenbäumchen herbei und schrie lustig vor sich das Sprüchel hin:

Droben auf dem Kögerle

Sitzen drei Vögerle,

Oans g’hört mein, oans g’hört dein,

Oans g’hört dem Regerle.

Als er mit seinen Bäumchen an Ort und Stelle war, erfaßte er schnell das Beil, hieb es in die Holzwand der Kapelle, daß es darin stecken blieb. Der Vater verwies ihm dies, und alsogleich riß der Knabe das Beil wieder an sich, schleuderte es über den Angerzaun, daß es Funken gab in den Steinen, und lief mit dem Geschrei: „Droben auf dem Kögerle sitzen drei Vögerle!“ davon.

Als endlich an und in der Kapelle alles in Ordnung war, nahm der Jakob den kleinen sanften Friedel an der Hand und sagte. „Wenn du Jakob hießest und der andere Friedel – wär’ mir lieber. Der andere Friedel? es ist zum Lachen. Unfriedel, wenn er geheißen wär’. – Komm, Bübel.“

Er ging mit dem Knaben den ebenen Fahrweg hin gegen das Nachbarhaus des Knatschel, das dort drüben am Rande des Waldes stand. Dasselbige Haus war in Aufregung. Der Knatschel tat seit acht Tagen nichts mehr, als übersiedeln. Sein Weib, sein Gesinde, seine Ochsen halfen ihm dabei, teils mit Freuden, teils mit Schmerzen, teils mit Stumpfheit; den Ochsen freilich ist es gleichgültig, woher und wohin sie müssen, überall an den Pflug und an die Fleischbank, sie sind überall Ochsen. Das ganze Haus räumte der Knatschel aus, die rußigsten Kästen und Kübel und Pfannen und Bettstätten schleppte er auf großen Karren davon.

Der kleine Friedel blickte jetzt nicht hin, sondern auf die gegenüberstehende Berglehne, an welcher Bauernhäuser in einiger Entfernung voneinander standen.

„Vater“, fragte der wißbegierige Knabe, „wie heißt es dort?“

„Dort heißt es bei den Grubbauern“, antwortete der Vater.

„Und auf der anderen Seite, ganz oben auf dem Berg, ganz oben, wo das Weiße ist, wie heißt es dort?“

„Dort heißt es beim Guldeisner“, sagte der Vater und sagte es in einem schier feierlich getragenen Tone. Der Guldeisner war der größte Bauer zu Altenmoos, sein Grund war so weit, daß man – wie der Luschelpeter sich ausdrückte – mit einem guten Schustermesser daraus fünf Bauerngüter schneiden könnte. Der Guldeisnerhof mit seinen vielen Wirtschaftsgebäuden lag oben auf der Hochfläche da wie ein kleines Dorf. Das Wohnhaus war zur Hälfte gemauert und schaute mit der weißgetünchten Wand schier hochmütig herab auf die in der Gegend weitum zerstreuten Nachbarn.

„Vater“, fragte der Friedel, „wie viele Häuser sind auf der Welt?“

„O Kind!“ antwortete der Vater, „die Welt ist weit, nur Gott kann sie durchwandern und die Häuser und die Menschen zählen. Ich weiß nur von Altenmoos.“

„Und wie viele Häuser sind in Altenmoos?“

„In Altenmoos sind – wenn du der Lunselstina ihre Höhle und andere Hütten nicht dazuzählst – genau einundzwanzig Häuser.“

„Wieviel ist das?“ wollte der Kleine wissen.

„Wenn du“, belehrte der Vater, „deine Finger zusammenzählst an beiden Händen und deine Zehen an beiden Füßen und dazu die Nase im Gesicht, so hast du einundzwanzig.“

„So viele Häuser?!“ rief der Knabe verwundert. „Und welches ist die Nase?“

„Pst!“ machte der Vater plötzlich, blieb stehen, legte die Hand dem Söhnlein auf die Achsel, beugte sich vor und flüsterte: „Siehst du? Guck’ einmal dort zwischen die Eschen durch an den Waldrand hin – siehst du?“

„Eine rote Geiß!“

„Das ist ein Reh!“ sagte der Vater.

Das Tier hatte ein wenig grasen wollen auf der Wiese, aber es witterte Menschen. Hoch hob es das Haupt, lauerte ein Weilchen und sprang dann mit großen Sätzen in den Wald zurück. Der kleine Friedel hatte sich schier seine großen Augen herausgeschaut; es war das erste Reh, das er gesehen. Selbst für Jakobs Augen waren solche Tiere eine Seltenheit. Der Guldeisner, dem die Jagd gehörte, war ein grimmiger Schütze und ließ nicht viele laufen. Drüben in den Herrschaftswaldungen soll es schon mehr Wild geben, auch schöne Hirschen darunter. Der Jakob hat sein Lebtag erst einmal einen Hirschen gesehen, und der lag draußen in Sandeben auf einem Leiterkarren, reckte noch im Tode die Herrlichkeit seiner Geweihe empor und hatte den aufgeschlitzten Bauch voll grünen Reisigs.

Den Hohlweg heraus kam etwas Holperndes, die Siedelfuhr des Knatschel. Es war die letzte. Er saß selber drauf und leitete das Ochsenpaar; hinter ihm auf einem Kornsack saßen sein Weib und seine taubstumme Schwester. Die taubstumme Schwester schaute mit Befremdung um sich, sie wußte nicht, was das bedeuten soll; jetzt wegfahren, vom Hause weg, da es doch schon bald Nacht wird! – Und die Schwägerin neben ihr, die hat das Vortuch im Gesicht und weint, und der Bruder voran, der hat eine lange Wurzen im Mund und schmunzelt. Was das bedeuten mag!

Als der Wagen herankam, redete der Jakob den Knatschel zum Gruße an: „Du hast es eilig, Nachbar. Ich denke, du kommst für heute schon zu spät und für sonst immer noch früh genug nach Sandeben.“

„Heut’ lieber wie morgen“, antwortete der Knatschel. „Bedien’ dich, Steinreuter!“

Er hielt dem Jakob vom Karren herab eine neue, fein juchtene Zigarrentasche hin. Und den Spruch dazu: „Bedien’ dich!“

Wie vornehm er sich gehaben kann! Und auch beim Schreibnamen ansprechen, wie der Amtmann! – Der Jakob ging mit seinem Knaben neben der knarrenden Fuhr des Auswanderers einher.

„Gelt, mir merkst den Altenmooser nimmer an!“ sagte der Knatschel. „Na, nimm eine. Sind amerikanische.“

„Vergelt’s Gott!“ lehnte der Jakob ab. „Mir tät’ übel werden davon. Aber schau, Nachbar, ich kann allerweil noch nicht glauben, daß es Ernst ist bei dir!“

„Reuthofer!“ rief der Knatschel, „du kommst mir bald nach. Denk’ daran, da bei der Torschranke hab’ ich dir’s gesagt: Du kommst bald selber nach hinaus!“

„In der Totentruhen“, sagte der Jakob, „sein kann’s wohl, der Mensch weiß nicht Tag und Stund’.“

„Nicht in der Totentruhen!“ rief der Knatschel. „Leicht wohl eher auf des Kampelherrn Kaleschwagen!“

„Ich wünsche dir ein langes Leben“, entgegnete der Jakob, „aber das wirst du nicht erleben.“

„Hast du schon gehört, daß der obere Nock auch fliegt?“ fragte der Knatschel. „Den vertreiben die Schulden und muß er noch froh sein, daß ihm der Kampelherr Haus und Grund abgelöst hat. Besser verkaufen, als verganten. Allemal besser.“

„Für den Nock hätte sein Schwager, der Guldeisner, was tun sollen“, meinte der Jakob.

„Der Guldeisner?“ lachte der Knatschel. „Pass’ auf, der verkauft selber!“

„Was sagst du?“ fragte der Jakob und hielt sein Haupt gegen den Fuhrmann hin.

„Verkauft selber! Der Kampelherr steht schon im Handel mit ihm. Der Jagd wegen, heißt’s. Ihr kommt mir alle nach, Altenmooserleut’. Alle!“

Der Jakob schüttelte den Kopf.

„Besuch’ mich einmal“, lud ihn der Auswanderer ein, „in der Sandeben, gleich hinter der Kirchen. Kennst es ja, das Haus, was der Kreuzbäck gehabt hat. Wirst alleweil einen guten Tropfen finden bei mir.“

„Ein Wirtshaus?“

„So was. Etwas ein Geschäftel muß der Mensch doch haben, sonst wird ihm Zeit und Weil’ lang.“

„Knatschel!“ sagte jetzt der Jakob, „gib Achting, daß du dich nicht verraitest! Auf der Sandeben ist der Tausender nicht soviel wert, wie in Altenmoos. Dort kostet der Brotlaib einen halben Gulden, dahier kannst, wenn du selber keinen backest, einen um zwei Sechser haben und einen größeren.“

„Bauernbrot gefressen hab’ ich mir genug, mein Lebtag“, lachte der Knatschel, „jetzt will ich einmal Guglhupf (Kuchen) haben.“ Und er versetzte den Ochsen eins mit der Peitsche.

„Thomas“, sagte jetzt sein Weib und stupfte den Knatschel am Rücken, „tu’ mir den Gefallen und halt’ ein bissel still. Wir sind bei unserer Rainsäulen. Schau, wenn sie eine Leich’ haben hinausgetragen vom Knatschelgut, dahier haben sie die Truhen abgesetzt zum Urlaubnehmen. Und da will ich auch absteigen und dem Heimboden behüt’ Gott sagen.“

„Dummheiten!“ schrie der Knatschel und hieb noch schärfer auf das Ochsenpaar drein. Ein Ruck, und da waren sie auf fremdem Boden.

„Fahret gut!“ rief der Jakob und hielt seine Hand über den Karren hin, „ich wünsch’ euch Glück!“

Ohne anzuhalten schüttelte der Knatschel die gebotene Rechte kurz. Das Weib hatte sie auch gefaßt und wollte sie nicht loslassen, so daß der Reuthofer noch eine Strecke nebenherlaufen mußte.

Als er endlich ledig war, stillstand und dem Gefährte nachblickte, sah er, wie das Weib des Thomas, das Gesicht in die vorgehaltene Schürze pressend, heftig schluchzte. Der Knatschel knallte mit der Peitsche, daß es widerhallte in den Wäldern.

„Ist das der Mann mit den Tausendern gewesen?“ fragte der Knabe, als das Gefährt hinter der Talbiegung verschwunden war.

Der Jakob wendete sich und ging mit dem Knaben zwischen den grünenden Haferfeldern hin. Er war verstimmt. Nun hob er eine Erdscholle auf und betrachtete sie sinnend.

„Was ist denn das?“ fragte der Friedel.

„Das ist unser Tausender, mein Kind“, sagte der Vater. „Der kann nicht zerreißen und nicht verbrennen. Zu Mehl kann ich ihn zerreiben, in die Luft kann ich ihn streuen und ist doch nicht umzubringen. Und wenn ihn der Mensch pflegt und Gott gibt Sonnenschein und Regen vom Himmel, so ist er ein wohlversichertes Gut und bringt alle Jahr’ seine Zinsen, es mag im Land Krieg oder Frieden sein.“

„So einen Tausender“, sagte jetzt der Kleine, „hat der Jackerl gestern der Kuh nachgeworfen, daß er auseinandergespritzt ist.“

Der Vater entgegnete: „Dem Erdklumpen hat das nicht geschadet, der tut sich schon wieder zusammen, aber der Kuh kann es geschadet haben. Und dem Jackerl wird es geschadet haben. Ja! Dein Bruder wird mir neuding ein so arger Wildfang, daß ich ihn morgen auf den ganzen Tag in den Moosbarren sperren muß.“

Nun war es, daß der Wildfang an jenem Abende gar nicht ins Haus kam. Zuerst wurde nach ihm gepfiffen, er kam nicht. Dann ging die Angerl hinaus auf den Hügel und schrie: „Jackerl!“ so laut sie konnte, auch der Wald half ihr schreien. Der Knabe kam nicht. Als es schon finster war, ging der Reuthofer mit einem Haselstock bei den Nachbarn um und fragte, ob sein Bub nicht gesehen worden sei. Die Dreisambäuerin schlug ihre Hände zusammen und jammerte, das arme Kind sei sicherlich ins Wasser gefallen! Ganz Altenmoos wollte sie aufstöbern, um den Knaben zu suchen. Dem Reuthofer machte der Jammer des Weibes nicht viel Herzleid, er kannte seinen Jungen.

Als der Jakob Steinreuter auch zum Stindel im Stein kam – in den Hof, der hoch am Berge unter einem massigen Felsblock stand, welcher kurzweg der Stein genannt wurde – erfuhr er zwar auch dort nichts von seinem abhandengekommenen Jackerl, hingegen eine Neuigkeit, die eigentlich keine mehr war. Der Guldeisner sei mit dem Kampelherrn in Unterhandlung und wolle sein Gehöfte denn wahrhaftig verkaufen.

In der darauffolgenden Nacht konnte der Jakob nicht schlafen. Wenn der Guldeisner verkauft, dann verliert die Gemeinde Altenmoos ihren Grundstock. Wenn die Guldeisnerleute mit Mann und Magd, mit Kind und Knecht auswandern, dann wird es langweilig werden hierum. Wenn die Guldeisnergründe zu Wald anwachsen – und die hohen Herren lassen alles Wildnis werden – dann – –

Es wird ja nicht wahr sein, tröstete sich der Jakob, es kann ja nicht wahr sein. Das Haus vertun und davonzigeunern! Nein, es ist nicht, es ist nicht. – Wenn ich nur ein Stündel schlafen könnte, bevor es tagt!

DER KIRCHGANG NACH DEM GELDE

Nun war der Morgen des heiligen Fronleichnamstages. Das stille, grünende Altenmoos lag im jungen Sonnenfrieden da. Aus den Höfen hervor, von den Lehnen und Leuthen herab, an den Wiesensteigen heran kamen die Leute in schmuckem Feiertagsgewande und gingen dem Hauptwege zu, wo sie sich in Gruppen vereinigten, um selbander unter ruhigen Gesprächen gegen die ferne Pfarrkirche zu wandern.

Es waren ihrer heute viele. Obwohl an den Werktagen arbeitend vom Sonnenaufgang bis zum Niedergang, sind sie am Feiertage doch nicht müde; gestern war es an den Händen, heute ist es an den Füßen, und die Zunge haben sie auch mit, daß sie können schwatzen unterwegs, und die Augen, daß sie den kirchlichen Aufzug sehen zu Sandeben, und die Gurgel, durch die etwelchen Trunk zu tun einige gesinnt sind. Der Weg ist hier glatt, dort steinig, die Sonntagswanderer loben weder das eine, noch beklagen sie das andere. Die jüngeren Weibspersonen haben hellrote Busentücher um, und vorne am Joppenlatz steckt ein Sträußl von Herzenstrost und Rosmarin. Oder sie tragen das Sträußchen zwischen dem Gebetbuch und dem weißen, viereckig gefalteten Taschentüchel in der Hand. Die Burschen haben grüne Zweige von Reseden und Nelken auf den Hut gesteckt bekommen – von wem, das sagt keiner, denn es kann sich’s jeder denken. Und bei dem Blüml steht die Wildhahnfeder, das Starke beim Schönen, das Kecke beim Zarten. Selbst die alten Männer tragen auf ihren schwarzen breiten Filzhüten ein helles Röslein, denn irgendwo und irgendwie muß an solchen Festtagen die Lebensfreude der Waldbergbewohner hervorblühen.

Das junge Volk gesellt sich zusammen zum Schäkern und Necken, und der frische Sandlersebast behauptet dreist, dem Bachhäuseldirndl wäre am Busen das Rosmarinstammel lose geworden, und er will ihr den Freundschaftsdienst erweisen, selbiges zu befestigen.

„Brav bist, Sebast, daß du frei soviel Nächstenlieb’ hast“, redete da der alte Luschelpeterl drein, der mit seinem wulstigen roten Regenschirm hinten nachhumpelte. Er trug ein recht altweltisches Gewand, der Luschelpeterl, einen vergilbten lodenen Frack mit Messingknöpfen und einen ausgeschweiften gelbgrünen Zylinderhut mit breitem Band und der großen Schnalle. Seit dieser Hut und dieser Kopf beisammen waren, hatten beide Farbe gewechselt, der blonde Kopf war grau und der grüne Hut gelb geworden. Das Gewand war alles hübsch mit grünem Tuche ausgebrämt; aus diesem waren allerlei Bäumchen, Schnörkeln und andere Zierraten geschnitten und auf die Ärmeln, Brustflügeln, Taschen und Schößeln genäht worden, was zu dem verwitterten Gesichte des Alten mit dem grauen Bartwisch unter der Nase gar nicht übel stand.

„Festmachen das Rosmarinstammel, eh’ wahr auch. Brav bist, Sebast“, sagte er noch einmal.

Das Bachhäuseldirndl, die Dullerl, schlug dem kecken Burschen auf die Finger: „Da hast nix herzugreifen, Bübel!“

„So wohl, so wohl!“ stimmte der Luschelpeterl bei, da sang eine Amsel. Der Gesang war so schmetternd hell, daß sich alles umsah nach dem Vogel. Und er war nirgends zu sehen, und dem Gesange nach meinte man, er müsse einem der Leute auf der Achsel sitzen.

„Aha!“ rief der Luschelpeterl plötzlich, „da haben wir den Kampel, da drinnen da! In mein Regendach hinein hat er sich verfangen. Wohl, wohl, gewiß auch noch!“

Die Kirchengeher stellten sich rings um ihn, und die Dullerl war besonders begierig, den kleinen Sänger zu sehen. Der Luschelpeterl langte mit dem Arm sorgfältig in den zusammengefalteten Schirm hinein, der Vogel kreischte, der Peterl mußte ihn gefaßt haben, als dieser nun aber den Arm langsam wieder zurückzog und den Schirm auseinander tat, war kein Vogel da. Obzwar es bekannt war, daß der Luschelpeterl mit einem Blatte, das er auf die Zunge tat, allerlei Vogelstimmen täuschend nachzuahmen verstand, saßen sie ihm doch fast allemal auf, wenn er in guter Laune seine Kunst übte.

„Jetzt ist er mir auskommen!“ murmelte der Alte mit weinerlichem Gesichte, spreitete die Finger aus und starrte in die Luft. Hierauf wandte er sich an die Dirnlein, und mit zwinkernden Augen sprach er die Vermutung aus, eine oder die andere werde den Vogel in der Tasche haben. Jede leugnete es, aber untersuchen ließ sich keine.

Weit hinter diesem munteren Völklein ging eine Gruppe von Männern, darunter der Sepp in der Grub, der Rodel, der Stindel im Stein, der Oberstöckel und der Jakob. Sie waren für einen solchen Frühsommermorgen fast zu ernsthaft. Sie führten in langsamem Takt ein angelegentliches Gespräch. Auch der Jakob redete. Er pflegte sonst außer Hause nicht viel zu sprechen, er stotterte ein klein wenig, aber man horchte doch, wenn er den Mund auftat, es war allemal der Mühe wert.

„Es darf nicht sein“, sagte der Jakob, „wir müssen es abwenden.“

„Wir müssen dem Guldeisner zureden, soviel wir können, er darf nicht verkaufen!“ so auch der Stindel im Stein.

„Seid ihr einverstanden, Nachbarn?“ fragte der Jakob, „daß wir heute abends, wenn wir von Sandeben heimkommen, miteinander zum Guldeisner gehen und ihm die Sache vorstellen? Es darf und es darf nicht sein. Wenn der Guldeisner losgeht, dann wird alles rutschend in Altenmoos.“

„Hingehen kann man“, meinte der Oberstöckel, „ob’s was hilft, ist eine Frage. Ja, wenn das viele Geld nicht wär’!“

„Das Geld und jetzt auf einmal das Geld!“ rief der Jakob völlig aufbrausend. „Haben wir Altenmooser jemals nach Geld soviel gefragt? Haben wir eins, ist’s gut, haben wir keins, leben wir auch so, arbeiten vielleicht lieber und schlafen besser. Was wir brauchen, das wachst auf unserem Grund: das Brot auf dem Feld, Milch und Butter auf den Wiesen, die Leinwand auf dem Flachsacker, die Wolle auf den Schafen und das Leder auf den Rindern. Was braucht man da Geld?“

„Ist so, ist eh so“, stimmten die anderen bei.

„Wollen wir Fleisch“, fuhr der Jakob fort, „wir haben es in den Schweinen, Eier legen uns die Hühner. Die Handwerker haben wir im Haus. Salz, Tabak und sonstiges Kleinzeug, auch den Steuergulden zahlen wir von dem Erlös der paar Stückeln Vieh, die wir verkaufen, oder vom Hafer. Was brauche ich denn sonst noch?“

„Wohl, wohl, ist eh so“, sagten die anderen.

„Und die Leute jetzt alleweil nur Geld, mehr Geld, viel Geld! Verkaufen ihr Heu, ihren Wald und gar noch ihre Häuser und Hosen ums Geld. Mir graust!“

„Wirst recht haben, Nachbar, wirst recht haben“, sagte der Rodel und machte eine Bewegung mit der Hand, als wollte er etwas in der Luft fangen. Wenn er diese Geste tat, da wußte man schon, er hat was Gescheites zu sagen. Und dumm war er nicht, der schlanke, hagere, etwas gebückte Mann; obgleich einäugig, sah er doch manches klarer und richtiger, als viele andere mit zwei Augen. „Verkaufen auch ihre armen Seelen!“ rief er aus, „es ist eine verdammte Sach’, es ist gerade, als ob das Geld ansteckend wäre, wie’s Nervenfieber.“

„Rodel, das wird nicht wahr sein“, redete der Bauer Klachel drein. „Bei meinem Nachbar Knatschel sind seit vierzehn Tagen zwei Tausender gelegen. Wenn Geld ansteckend wär’, so hätt’ ich davon kriegen müssen. Ich hab’ mich nicht ausräuchern lassen und auch sonst kein Gegenmittel angewendet.“

Der Rodel tat, als habe er den Witz nicht gemerkt, faßte den Klachel am Rockflügel, blieb mit ihm stehen und sagte: „Die anderen haben meine Red’ verstanden, dir sag’ ich’s deutlicher: Die Geldgier steckt an. Dagegen magst dich wohl brav räuchern lassen mit Wacholderstauden und Johanneskraut.“

„Da laß ich mich lieber mit Tausendguldenkraut räuchern!“ darauf lachend der Klachel.

„Hat denn dieser Kampelherr gar soviel Geld?“ fragte der Stindel.

„Gottslästerlich viel soll er haben“, antwortete der Rodel, „ich hab’ gehört, wenn der seinen Reichtum in lauter Gulden hätte und tät’ nach einer guten Mahlzeit anfangen, die Gulden zu zählen, und schnell zählen, und nichts als zählen, und keinen Bissen essen, ehevor er mit dem Zählen fertig wär’, so müßte er bei seinem Geldzählen verhungern.“

„Verdammter Kerl!“ knurrte der Sepp in der Grub.

„Wer ist er denn eigentlich, dieser Kampelherr?“ fragte der Stindel im Stein.

„Soviel ich gehört habe, soll sein Vater ein ungarischer Kornlieferant oder Sauhändler, oder so was gewesen sein“, wußte der Rodel zu berichten.

„Und was hat der Sohn für ein Geschäft?“

„Kein schlechtes“, sagte der Rodel, „der Sohn ist Millionär. Von Leuteschuldbriefen Papierschnitzeln abschneiden ist das einzige Handwerk, das in Wahrheit einen goldenen Boden hat. Früher hat er Gewerkschaften besessen, der Kampelherr, und eine ganze Eisenbahn soll er gehabt haben. Aber weil die Zeiten unsicher werden, so hat er die Sachen verkauft und will sich jetzt rechtschaffen breit auf Grund und Boden hinsetzen. Grund und Boden kann nicht zerstört werden und nicht davonlaufen. Und kostet auch nicht viel, man läßt Wald wachsen und braucht keine Leute dazu und zahlt für Wildnis nicht viel Steuergulden. Der Staat verliert dabei, aber das macht nichts. Einmal wird der Wald doch was wert. Kurz und gut, es ist ein sicher angelegtes Geld. Dazu das Jagdrevier, macht auch Spaß. Anschicken können sie sich’s, die Herren!“

„Du kannst dir’s halt ausdenken, Rodel“, zollte der Sepp in der Grub dem Sprecher sein Lob.

„Wissen möcht’ ich’s doch, wie er ausschaut, so ein Millionär“, meinte der Klachel.

„Ist zu sehen“, belehrte der Sepp, „zu Sandeben beim Fleischhacker soll er sich jetzt aufhalten.“

„Was gilt’s!“ rief der Klachel, „was gilt’s, ich meld’ mich heut’ bei ihm! Kosten tut’s nichts. Vielleicht schenkt er mir was.“

„Schenken?“ lachte der Rodel, „Narr, wenn der schenken tät’, wär’ er kein Millionär geworden.“

„Einen Hunderter kunnt er mir schon schenken“, meinte der Klachel, „ein Hunderter ist bei so einem gerade soviel, wie bei unsereinem ein Groschen, wenn man ihn dem Bettelmann schenkt. Vergelt’s Gott sag’ ich gern dafür. Und wirft er mich hinaus, so macht’s nichts, denk’ mir halt: bin eher auch draußen gewesen.“

„Klachel, du bist ein Wichtling!“ rief jetzt der Jakob, „wär’ doch eine Schand’, wenn sich ein Altenmooser Bauer von so einem fremden Herlaufer bei der Tür hinauswerfen lassen tät’! Was geht uns der Kampelherr an!“

„Man wird doch reden dürfen“, brummte der Klachel.

„Wenn du glaubst, mein lieber Klachel“, sagte der Rodel, „der Kampelherr selber sitzt draußen beim Fleischhacker, so bist wieder auf dem Holzweg. Der Kampelherr weiß sich was Besseres, als in einem Dorfwirtshaus tagelang zu warten auf die Gimpel, die ihm zufliegen sollen. Der da draußen, das ist nur sein Unterhändler, mußt du wissen.“

„Unterhändler oder Kampelherr!“ rief der Klachel und schlug mit den Armen um sich, als wollte er in der Luft anfangen zu schwimmen, „ist mir alles eins, wenn er nur Geld hat.“

Unter solchen Gesprächen waren sie hinausgekommen durch den Steppenwald; dieser gehörte nicht mehr zu Altenmoos, sondern der Herrschaft Rabenberg, was man schon den schönen schlanken buschigen Bäumen ansah, die keinem Bauern wirtschaften helfen mußten. Als unsere Kirchgänger zur Hirschenklamm kamen, wo an beiden Seiten die Wände aufsteigen, mußten sie still sein. Hier führte die Sandach das große Wort. Sie war da schon ein stattlicher Fluß, sie rauschte in ihrem wilden Bette, und das Rauschen hallte in den Wänden so sehr, daß keiner sein eigenes Wort verstand. Der Jakob war des schier froh, ihm hatte das Gespräch schon lange nicht gefallen.

Weiter hin begegnete ihnen der Rabenberger Waldförster mit der Büchse. Der Klachel rückte vor ihm den Hut, der Waldmann dankte herrisch und schritt vorüber.

„Das ist mir auch einer!“ sagte der Sepp in der Grub, „an so einem Tag, wenn der Christenmensch in die Kirche geht, steigt er im wilden Wald um. Jetzt möcht’ ich erst fragen, was der Wald, wenn er wachsen soll, notwendiger braucht, den Förster mit der Büchsen, oder den Segen Gottes!“

„Das ist derselbige“, wußte der Rodel zu erzählen, „der vor kurzem im Steppenhaus gesagt haben soll, die Bauern müßt’ man totschlagen. Wo ein Bauer wär’, kunnt’ sein Lebtag kein Wald wachsen.“

„Ich bin auch für den Wald“, sprach der Jakob, „und weiß recht gut, daß der Wald für den Menschen da ist, und nicht umgekehrt. Ich zügele den Wald, daß ich ihn schlagen kann. Mein Vater hat’s auch so gemacht. Unter siebzig Jahren stocke ich keinen Baum. Meine Vorfahren haben zwei- und dreihundertjährige stehen gehabt. Der Reuthof wird’s beweisen, daß Bauer und Baum recht gut nebeneinander stehen können.“

„So ist’s!“ stimmten die anderen bei.

Endlich lichteten sich die Berge, es kam der erste Holzrechen der Sandach. Hinter einer grünen Höhe, die sich als Ausböschung des Berges ins Tal hineinbog, reckte ein ziegelroter Riesenzwiebel seine Spitze in die Luft. Das war der Kirchturm zu Sandeben. Das Dorf steht auf einer sachten Anhöhe, denn der Talgrund ist ein graues Sandmeer, über das sich die Sandach in zahlreichen Bächlein ergießt. Über den Sand hin sind Holzrechen gezogen, um das aus den Steppenwäldern hervorgeschwemmte Holz aufzufangen. Am jenseitigen Gelände stehen rauchende Kohlenstätten, die ihr Rauchen und Rußen freilich auch an diesem Fronleichnamstage nicht unterbrechen konnten. Vom Kirchturme der Pfarre zum heiligen Michael klangen jetzt drei Glocken so hell und lustig, daß der Klachel den Spaß sagte: „Schau, schau, der heilige Michel jodelt uns schon entgegen.“

Die Dorfgasse war zu beiden Seiten mit frischen Birkenreisern geschmückt, das Kirchhofstor mit einem Tannenkranz geziert. Die Treppe hinan war schwarz von Menschen, darüber wehten rote Fahnen, und auf schwankenden Stangen ragten brennende Laternen. Vom Steinbühel her knallten Pöller. Unsere Altenmooser schlossen sich der betenden Gemeinde an. Am Fronleichnamstage bittet der Bauer den lieben Gott um ein fruchtbares Jahr und um Abwendung schwerer Gewitter. Was dem Vater das Kind, das ist dem Bauer das grünende Kornfeld – eine zitternde Freude.

Nach dem Gottesdienste kam der Stindel im Stein zum Jakob, der eben auf dem Kirchhof am Grabe seiner Vorfahren eine stille Andacht verrichtet hatte, und fragte ihn, ob er nicht mitgehen wolle zum Fleischhackerwirt, dort wären heute alle Altenmooser beisammen.

„Sollen sich nichts abgehen lassen“, antwortete der Jakob kurz. Er dachte sich’s nun, warum ihrer heute so viele aus Altenmoos nach Sandeben gekommen waren. Nicht die Kirchenfahnen hatten so sehr gewinkt, als vielmehr die Tausender des Knatschel, die gestern vorausgegangen. Ein Kirchgang nach dem Gelde.

Der Jakob sollte aber an diesem Tage auch einen anderen Ärger zu verwinden haben. Trat der Knatschel aus seinem weißgetünchten Holzhäusl, das er eben erst bezogen, ging auf den Reuthofer zu und sagte, das wäre schön vom Jakob, daß er auch einmal hervorkrieche aus dem ödweiligen Graben. Er, der Knatschel, könne heute zwar noch keine Einladung machen, es sei alles drunter und drüber und das Gesuch zum Weinausschänken fange erst an, beim Amt zu liegen. Aber einen guten Bekannten, wenn er sehen wolle, der Jakob! Er solle ein wenig mitkommen!

„Ein guter Bekannter?“ fragte der Jakob, „mag ja sein. Soll sich zeigen, wenn er was will von mir.“

„Wird nichts wollen von dir, denke ich“, sprach der Knatschel. „Wir haben ihn einsperren müssen, sonst wäre er gleich, wie er dich vom Fenster aus gesehen hat, davongelaufen. Und einholen wirst du den nicht; du hast zwar längere Füße, aber er jüngere.“

„Solltest von meinem Buben reden?“ fragte der Jakob, „ist er bei dir?“

„Mußt ihm’s nicht verübeln. Ist ihm halt auch langweilig geworden drin bei den Waldbären. Ist mir gestern nachgelaufen und hat sich hinten auf den Wagen gesetzt. Er geht nimmer heim, sagt er.“

„Alsdann werden wir ihn heimtragen“, sprach der Jakob.

„Da wirst du ihm wohl früher die Knochen zerschlagen müssen.“

„Schlagen werden wir nicht. Er soll herauskommen.“

Nicht lange hernach, und aus der Haustür des Knatschel schoß der Jackerl. Als er den Vater sah, stutzte er und duckte sich an die Wand. Die langen Haare hingen ihm wüst über das Gesicht, den Blick ließ er ein paarmal wild auf den Vater springen, die Fäuste hatte er geballt – so stand er da und stemmte den Kopf seitlings an die Wand.

Der Vater trat zum Knaben und sagte freundlich: „Jackerl, wir gehen jetzt heim.“

Der Junge rührte sich nicht.

Der Jakob wollte ihn am Arm nehmen, den riß er aus und kreischte: „Ich mag nicht!“

„Sei nicht störrisch, Kind!“

„Ich mag nicht heimgehen!“

„So sage mir, warum du nicht heimgehen willst!“

„Weil Ihr mich einsperren werdet!“ stieß der Knabe hervor und begann zu gröhlen.

„Aber du zwingst mich ja, dich zu strafen“, sagte der Vater. „Und ich tu’s, so oft es sein muß – drauf kannst dich verlassen.“ Aber gleich setzte er dazu: „Schau, Jackerl, du könntest es so gut haben wie der Friedel, der folgt in Güte. Du hast mir schon viel Kummer gemacht; ich soll dir’s gar nicht sagen, Kind, wie wehe es mir tut, daß ich dich strafen muß. Jackerl, schau, gib her die Hand, ich hab’ dich lieb. Und wie kannst du deinen Eltern davonlaufen! Deine Mutter hat die ganze Nacht Angst gehabt um dich.“

Eine Träne rann dem Jungen über die Wange, er schämte sich ihrer, strampfte den Fuß in den Erdboden und schrie: „Nein! Nein! Nein!“

„Also nicht?“

„Nein!“

„Hast du es deiner Mutter nicht versprochen, daß du ihr heut’ Haushüten helfen wirst? Und du willst nicht freiwillig mit mir gehen?“

„Ich werde gehen, aber allein. Ich laß mich nicht treiben!“

„Gut, versprich mir’s, Jackerl, daß du heute abends daheim sein wirst.“

Der Knabe schwieg.

„Ich brauche jetzt keine Gewalt, mein Kind“, sagte der Vater mit gedämpfter Stimme. „Ich will dir vor aller Leut’ Augen keine Schmach antun. Aber versprich mir, daß du heimgehst!“

„Das werde ich!“ stieß der Knabe heraus und strampfte die Erde.

„So sind wir jetzt miteinander fertig“, sagte der Jakob, dann ging er seines Weges. Er hatte ja auch an anderes zu denken an diesem Tage. Der Junge blieb noch eine Weile lehnen an der Wand und schloß die Augen und schloß die Fäuste.

Plötzlich lief er die Dorfgasse hinab und davon.

Aus dem Fleischhackerwirtshause, wo heute die Altenmooser zusammengekommen waren, um zu sehen, wie ein Millionär ausschaut, hörte man einen Gesang:

Was hat mein Vater ’dacht,

Daß er kan Herrn hat g’macht!

Wia war das Ding so fein,

Wann ih a Herr kunnt sein,

Geld in mein Beutel hätt’,

Bratel zum Essen hätt’,

Trinken kunnt Wein.

Und der Chor:

Widl, widl, widl, Geldel hätt’!

Widl, widl, widl Essen hätt’!

Widl, widl, widl Wein.

FRANZ, BLEIB’ DAHEIM!

Die Schirmbäume am Guldeisnerhof warfen ihre Schatten; sie warfen solche über die Felder hinab und sogar eine Strecke jenseits der Bergblöße wieder hinan, denn es war schon am späten Nachmittage. Drei Männer stiegen den Feldweg herauf gegen den Hof. Es waren der Sepp in der Grub, der Rodel und der Jakob vom Reuthofe. Sie waren der Verabredung nach zusammengekommen und heraufgegangen, jetzt wollten sie sehen, ob sie Glück hätten.

Der Hof bestand in zahlreichen Gebäuden. Ställe, Scheunen, Schoppen, Dreschtennen, Fruchtkästen und zwei Wohnhäuser, alles stattlich und in bestem Stande erhalten. Das eine kleinere Haus, welches schier versteckt unter Kirschbäumen stand, war das Ausgedingstübel, das jetzt keine Insassen hatte, weil keine Ausnehmer, keine „Alten“ vorhanden waren. Das andere, das große Haus, welches fast mitten in dem Kranze der Gebäude stand, aber doch so, daß es mit seinen vielen Fenstern frei in die Gegend aussehen konnte, trug an einer seiner Wände weiße Schußscheiben mit schwarzem Zentrum; der Guldeisner pflegte auf Scheiben zu schießen, wenn im Revier kein Reh war; und die Scheiben mit den Meisterschüssen ließ er sich selber zu Ehren an die Wand nageln.

Vor diesem Gebäude blieben die drei Männer stehen, um sich auszuschnaufen und hinzuschauen in das weite Land. Von keinem Hause in ganz Altenmoos hatte man eine so weite freie Aussicht, als vom Guldeisnerhof. Über die Waldbäume hinweg, die unten den Gesichtskreis engten, konnte von hier aus das Auge auf ferne Berge fliegen, die mit ihren weichen Linien in der Fremde draußen standen. Wenn dort die Sonne aufging, war es ihr erstes, daß sie dem Guldeisner zu den Fenstern hineinleuchtete in sein Bett, oder in die Kaffeeschüssel, wenn solche schon auf dem Tische stand. So gut hatten es die tiefer unten liegenden Häuser nicht; der Reuthof hatte gar keine Kaffeeschüssel, und ihre saure Milchsuppe mußten die Leute dort des Morgens im Schatten essen, während hier schon der goldene Sonnenschein lag.

„Ein schöner Platz ist’s, der da heroben“, sagte der Sepp.

„Das Getreide wird halt doch um acht Tage später zeitig, als unten bei uns“, entgegnete der Rodel.

„Hingegen ist es schwerer im Körndl“, meinte der Jakob.

„’s ist alles fester und körniger, was da heroben wachst. Wär’s mein, das Gut, ich wollt’s nicht verkaufen.“

Gegenüber dem Hause, am Holzschoppen-Kobel, stand mit versilbertem Halsbande geschmückt, der große schwarze Kettenhund. Er riß nicht an seiner Kette, er keifte und bellte nicht aufgeregt, wie die kleinen Kläffer, die an anderen Häusern hingen, er rasselte nur ein wenig und ließ in gemessenen Zwischenpausen ein würdiges Knurren hören.

Die Männer traten nun in das Haus und ohne viel Umstände in die große Stube. Da war niemand. Sie setzten sich an die Wandbank und der Sepp und der Rodel stopften ihre Pfeifen an. Der Jakob rauchte nicht, er schaute für sich in der Stube umher und dachte: Schöner, als die meinige, ist sie nicht. Aber größer ist sie. Tische stehen hier zwei, weil einer für die vielen Leute zu klein wäre. An der Stubenecke sind die Heiligenbilder nicht anders, wie bei mir. An der Wand bei den Tischen in Lederheftlein herum stecken die Löffel nicht anders, wie bei mir. Nur ihrer viel mehr. Sechsundzwanzig Löffel, und große! Das braucht was, jeden Tag in so einem Haus! Sechsundzwanzig Löffel! und was sie erst mit der Gabel essen! Und mit den Fingern! Und was sie trinken! Schlecht, hört man, wird nicht gelebt beim Guldeisner. Er selber versteht’s und seinen Leuten gunnt er auch was. Soll unter seinem jungen Gesinde ja viele nahe Verwandte haben, der Guldeisner. – Na, ist recht.

So waren sie da und dachten ihr Teil und warteten in der geräumigen Stube. Alle Fenster waren geschlossen, und daß die Luft in solchem Raume etwas mürfelt, das bemerkt ein Bauer nicht. Die alte langweilig tickende Wanduhr hinter dem massigen Kachelofen zeigte schon die siebente Abendstunde. Von den gegenüberliegenden Waldbergen leuchtete das Sonnengold noch so hell zurück und zu den Fenstern herein, daß in der Stube eine grünliche Dämmerung war.

Jetzt kam von der Küche herein eine runde Magd mit feingeflochtenen Haarzöpfen, freundlichen Augen und frischer Gesichtsfarbe. Sie bedeutete den Männern, wenn sie etwa bei dem Guldeisner was zu schaffen hätten, so sollten sie so gut sein und ein klein wenig warten, dann möchten sie ins Stübel kommen. Er sei just aufgestanden.

Als die Magd hernach wieder zu ihrem prasselnden Herdfeuer hinausgegangen war, schmunzelte der Sepp, und sein Schmunzeln sagte mehr als sein Wort: „Das ist sie gewesen.“

„Schau einmal zum Fenster hinaus“, sagte der Rodel und tastete in die Luft hinein, „dort beim Brunnen steht auch eine!“

„Richtig!“ sprach der Sepp, „eine säuberer, wie die andere. Diese schwarzen Augen! Die sind schwärzer wie der Teufel!“

„Und leicht auch gefährlicher!“ meinte der Rodel.

„Und im Garten dort steht auch noch was!“ sagte der Sepp.

„Meiner Seel’!“ rief der Rodel, „das ist erst die Schönste! Salat begießen tut sie. Herrschaft, bei der ihrem Begießen muß es gut wachsen sein!“

„Ihre Kittel tragen da heroben die Weibsbilder nicht allzu lang. “

„Macht aber nichts, haben keine zerrissenen Strümpfe an.“

„Haben halt gar keine an.“

„Der Guldeisner hat’s gern so, essen mögen seine Weiberleut’, so viel sie wollen, aber mit dem Gewand sollen sie sparsam sein, wird er halt meinen.“

„Tut’s eh leicht, wenn’s schön warm ist.“

So tratschten sie, auch Männer können es, wenn sie Langweile haben. Der Guldeisner war unverheiratet, wußte die fleißigsten und frischesten Dienstboten in seinem Hof zu versammeln, und so ging die Arbeit allzeit munter von statten.

„Das ist halt das Schlimme!“ sagte nun der Jakob mit einem schwermütigen Atemzug.

„Was meinst, Nachbar“, fragte der Rodel, „der Sparsamkeit mit dem Gewand wegen?“

„Wenn er Kinder tät’ haben, der Guldeisner, rechtmäßige Kinder, er wäre festgenagelt an sein Haus und Grund.“ So der Jakob.

Dann kam die Magd wieder: Jetzt könnten sie schon ins Stübel gehen.

„In Gottesnamen!“ sagte der Rodel und zwinkerte mit dem einen Auge, das er hatte, „packen wir ihn an.“

Und sie gingen in das Nebenstübel, das voller Sonnenlicht war, weil das große blanke Fenster gegen Sonnenuntergang hin stand. Und wie vornehm eingerichtet! Am Fenster rosenrote Vorhänge, die an einem Eisenspänglein zum Verschieben waren. An den Wänden, über alten kunstvoll geschnitzten Schränken, Porzellankrüge und Teller, gegenüber der Tür ein Spiegel übergeneigt an der Wand hängend, so daß die Eintretenden darinnen ihre eigenen Füße wie über einen schiefen Fußboden herabsteigen sahen. Ferner an der Wand ein paar vielgabelige Hirschgeweihe, ein Schießgewehr und ein Weidmesser. Auf Bett und Stühlen war die grauenhafteste Unordnung, und der Guldeisner saß in Hemd und Unterhose an dem unbedeckten braunen Tischchen und schlürfte just seinen Morgenkaffee, wobei er das Gesicht in die Schale steckte, so daß die Eintretenden von seinem Kopfe nichts sahen als den schwarzen wirren Haarwust.

„Geht’s nur her, Nachbarn!“ rief er mit schnarrender Stimme noch zuhalb in das Kaffeegefäß hinein. Als er dieses endlich pfusternd auf den Tisch gestellt hatte, sah man den Altenmooser Großbauer von Angesicht zu Angesicht. Auf breiten Achseln saß kurz- und dickhalsig ein runder Kopf. Üppiges verfilztes Haar, kleines Gesicht mit stark vorstehenden Wangen- und Backenknochen, buschige Augenbrauen, große schwarze und unruhige Augen, plumpe Stumpfnase, an der sich die Nüsternflügel weit aufzogen, wenn er in Erregung kam. Das einzige, was an dem Manne wohlgepflegt war, mußte wohl der Schnurrbart sein; der war so kohlrabenschwarz, daß man ihn für gefärbt hätte halten können, war so dicht und kurzgeschnitten und mit dem Schermesser scharf abgegrenzt, daß es aussah, als hätte der Guldeisner zwischen Mund und Nase ein wulstiges Filzlein geklebt. Alles übrige war sorgfältig rasiert, was an der sonst ungefügen und verwahrlosten Gestalt das einzige Anzeichen gab, daß der Mann kein gewöhnlicher Waldbär sei. Er war in der Tat ein ungewöhnlicher.

„Geht’s her, geht’s her!“ schnarrte er mit seiner breiten, fast schmetternden Stimme; man merkte gleich, der Mann war gewohnt, scharf in die Welt hinein zu reden, ohne die Worte viel zu mustern.

„Man kennt sich frei nicht aus“, bemerkte der Sepp in der Grub, „stehst erst auf, Nachbar, oder gehst schon schlafen.“

Er stand freilich erst auf, und ein Guldeisner kann die Tageszeiten umkehren wie er will, darüber hat er niemandem Rechenschaft abzugeben. Er überhörte also die Bemerkung. Sie sollten die Hosen, Leibeln und Pfaiden von den Stühlen werfen und sich selber draufsetzen, war sein Rat, den die drei Männer sofort auch befolgten. Hierauf griff er, ohne sich von seinem Sitze zu heben, mit einer langen Hand ins Wandkastel, nahm einen Tonplutzer hervor, schenkte daraus drei Stengelgläschen voll und rief: „Mögt’s ein’ Schnaps?“

„Du kannst dir’s halt anschicken, da heroben“, sagte nun der Rodel einlenkend, nachdem er ein paarmal mit der Hand in die Luft gefahren war, als wollte er Fliegen fangen, „du laßt dir nichts abgehen auf deinem Berg, und recht hast. Ich tät’s auch an deiner Stell’, gunn’ dir’s. Du kannst besser leben, als wie etwan so ein Kampelherr, der im Land umfährt, um sein Geld loszukriegen, sich damit wohl Bauernhäuser kaufen kann, aber nicht das Ansehen und die Altgesessenheit vom Guldeisnerhof!“

„Hei, der Kampelherr!“ schmetterte der Guldeisner lachend hervor.

Der Sepp blies von seiner Pfeife rasch nacheinander Rauch aus. „Die neueste Lug’“, sagte er dann und paffte wieder, „die neueste Lug’, die in Altenmoos umgeht, hast sie schon gehört, Nachbar? Wird dir Spaß machen.“

„He, Lug’? So!“ schnarrte der Großbauer.

„Ja, ja! Sie sagen, der Guldeisner wollt’ sein Haus verkaufen, sagen sie.“

„Sagen sie das?“ lachte der Guldeisner laut.

„Es wird nicht wahr sein“, sprach nun der Jakob.

„Warum soll’s nicht wahr sein?“ schnauzte ihn der Großbauer an. „Morgen laß ich einspannen und fahr’ nach Sandeben zum Kampelherrn. Ein Narr müßt’ einer sein!“

„Nachfahren?“ sagte der Sepp, „nachfahren wollt’ ich ihm nicht. Wenn ich Guldeisner wär’, schon gar nicht. So viel ich weiß, ist der Guldeisner noch keinem Bauern und keinem Herrn nachgefahren. Wenn der Herr was will, so wird er schon selber kommen.“

„Ein Guldeisner weiß, was sich schickt“, sagte der Großbauer, erfaßte eines der Gläschen, die er für die Gäste vollgeschenkt hatte und goß dessen Inhalt in seine eigene Gurgel.

Jetzt nahm der Jakob das Wort und sprach: „Nachbar, du machst Spaß. Deinen Hof verkaufst nicht. – Wenn unsereiner Kleinbauer sein klemmiges Gütel weghaben wollt’ – Gott hüt’ mich vor dem Gedanken! – es wär’ zu begreifen. Aber du, der in diesem Gebirg seit altersher angestammt besser und freier lebt, als wie ein Graf; du, den alle gern haben weit um, dem alles nach Wunsch und Willen geht, vor dem sich – ich möcht’ sagen – jeder Baum voll Achtung neigt und jeder Stein schier selber aus dem Weg springt – du dein Gut verkaufen, auswandern! Nein, Guldeisner, das ist nicht. Das ist nicht.“

„Das ist nicht?“ fragte der Großbauer und trommelte mit den Fingerknöcheln auf dem Tisch. „Es wird wohl doch schier sein. Ein Bauerngut mag noch so gut stehen, es macht Sorg’ und Ärger. Was soll ich mich sorgen und rackern im Gebirg? Ich hab’s nicht not. Ich zieh’ mich ins Freisingtal hinaus, hab’ keine Scherereien mit den Dienstboten und Nachbarsleuten, wo doch alle Augenblick einer betteln kommt, der eine um Holz, der andere um Kornsamen, der dritte um Heu oder Stroh, der vierte um Fuhrwerk, der fünfte um Handwerker, was weiß ich! Und die Plackereien mit dem Steueramt – alle Jahr anders, alle Jahr mehr ohne Ziel und End’. Und fortweg die Kümmernis: im Frühjahr um Regen, zur Mahdzeit um schön’ Wetter, zum Krautsetzen wieder um Naß, nachher um Wind, daß das niedergeweikte Korn wieder aufsteht; und blüht das Korn, soll Windstille sein, ist der Schnitt, soll die Sonne scheinen, ist im Herbst das Winterkorn im Keim, soll gleich Schnee drauf fallen, ist’s im Winter zum Holzschleifen, will man Schlittenbahn haben – alleweil ganz und gar abhängig vom wetterwendischen Herrgott! Ein Narr müßt’ einer sein!“

In der Hitze seiner Rede trank er das zweite Gläschen aus.

„Was du da sagst, das ist freilich wahr“, gab der Jakob bei, „vom Herrgott ist der Mensch allemal abhängig.“

„Wenn ich nachher draußen in meinem Schlössel sitze und Kupons abschneide, da kümmere ich mich den Teufel um Wind und Wetter!“ rief der Guldeisner.

Der Rodel neigte sich ein bißchen vor: „Darf man fragen, wieviel er dir geben will?“

„Ist kein Geheimnis“, sagte der Guldeisner kurz und bestimmt. „Wie es liegt und steht – dreißigtausend Gulden kugelrund.“

Die Bauern schauten sich an.

„Guldeisner“, sagte hernach der Rodel, „jetzt hab’ ich keine Schneid mehr, daß ich dir abrate. Es ist viel Geld!“

„Ein Narr müßt’ einer sein!“

„Es ist verflucht viel Geld!“

Der Jakob legte seine Hand auf den Arm des Guldeisner hinüber und sagte: „Ich rate doch ab. Nachbar, bedenk’s. Wenn du von deinem Hochwald einen frischen Lärchbaum versetzest hinaus ins Tal, mitsamt der Wurzel versetzest, und ihm dort die beste Erden gibst und den fettesten Dung, und Naß und Sonne wie du willst – der Lärchbaum geht zugrund. Ein Gebirgsbaum laßt sich nicht versetzen, wenn er ausgewachsen ist, schon gar nicht. Ein Gebirgsmensch auch nicht.“

„Larifari!“ lachte der Guldeisner. „Vom Schlechtern aufs Bessere, das hat der Mensch noch allemal ertragen. Wenn unsere Buben Soldaten werden und gehunzt von den Obristen, da gefällt’s ihnen freilich nicht draußen, das glaub’ ich. Der Holzknecht Simon ist auch vierzig Jahre alt geworden zu Altenmoos; jetzt ist er Werksverwalter in der Krebsau. Der verdorrt gar nicht dorten wie ein versetzter Lärchbaum, der wird dick und fett und verlangt sich nicht mehr zurück ins Altenmoos. Ein Narr müßt’ einer sein!“

„Wer sich’s besser machen kann“, sagte der Rodel achselzuckend, „ein jeder tut’s. Aber gefährlich ist’s. Wohl überlegen, Nachbar, wohl überlegen!“

„Wenn der Guldeisnerhof eine Herrenhub sollt werden, dann möcht’s traurig ausschauen zu Altenmoos“, sagte der Jakob nicht ohne Beklommenheit.

Darauf antwortete keiner etwas.

„Nachbar“, fuhr der Jakob fort und legte seine Hand auf den Tisch hin gegen den Großbauer, „Nachbar, bleib’ da! Du gehörst zu uns. Deine Vorfahren sind auf diesem Fleck geboren worden und gestorben, haben ein zufriedenes Leben geführt, sind alt geworden, wie draußen selten einer wird. Mit Geld und Herrenhuld hat sich kein Guldeisner wenden lassen seit die Schirmtannen stehen da draußen vor deinem Haus. Weit und breit ist dieser Hof bekannt und geachtet als erbgesessen und ehrenfest! Das Guldeisnerblut wär’ ein frischer Brunnen, draußen tät’ er in Sand verrinnen. Und auch unsertwegen, Franz, verlaß’ uns nicht. Viele Verwandtschaft hast in Altenmoos; Leute, die sich bei dir anlehnen müssen, ihnen bist ein Halt, dir macht’s nichts, du bist stark. Dir geht’s gut, bleib’ bei uns. Schau, wir halten alle zusammen, und sollt’ dich auch einmal was Hartes treffen – Gott verhüt’ es! – so sind wir dir brave Kameraden, wie du uns bist.“

„Laß das sein, Reuthofer!“ unterbrach ihn der Guldeisner in gleichgültigem Tone.

„Nein, es ist nicht möglich“, fuhr der Jakob fort, „du kannst nicht davongehen, versuch’s, du kannst nicht. Du wirst sehen, wie der Mensch verwachsen ist mit seiner Erden, mit allen Kräutern und Bäumen, die darauf stehen, selbst mit dem Käfer auf dem Grashalm und mit dem Vogel auf dem Wipfel, geschweige mit dem Vieh auf der Weide. Du wirst es sehen! In den besten Jahren, wie du bist, kannst du die Arbeit nicht entbehren und die Arbeit dich nicht. Ohne Arbeit stirbt der Bauersmensch ab, glaub’ es mir. Wenn du schon was ändern willst, Guldeisner, eine brave Hausfrau nimm dir. Du hast die Wahl weitum. Mit lieb’ Weib und Kind wirst es erst erkennen, was dein festgrundiger Hof bedeutet. – Franz, versprich es uns! Bleib’ daheim!“

Der Großbauer hatte während dieser Worte des Jakob auch das dritte Gläschen Schnaps ausgetrunken. Jetzt stauten sich seine Nasennüstern auf. „Bedank’ mich!“ keuchte er, „keinen Vormund brauch’ ich nicht. Ob ich ledig bin oder verheiratet, das geht dich nichts an, Grabendodl, verdammter! Der Zimmermann, dort hat er das Loch gemacht.“

„Na, na, Guldeisner“, sprach der Sepp, während die drei Bauern aufstanden, „brauchst dich nicht so anzustrengen mit dem Hinauswerfen, wir gehen schon freiwillig. Gute Nacht oder guten Morgen! wie du’s brauchst.“

So viel hatten sie ausgerichtet, die Bauern beim Guldeisner.

„Verdorben hab’ ich’s“, sagte der Jakob, als sie aus dem Hause traten, „ich hab’ ihn zu scharf getroffen.“

„Getroffen oder nicht, es ist ein Stierkopf“, antwortete der Rodel.

Als sie die bezäunte Gasse zwischen Gemüsegarten und Hauswiese hinabgingen, sahen sie ein junges wohluntersetztes Weib, das beschäftigt war, die zum Bleichen über die Wiese hin aufgespannten Leinwandfächer zusammenzurollen.

„Auch eine Guldeisnerin“, murmelte der Sepp, „ob er sie mitnehmen wird in sein Herrenschloß?“

„Ich denk’“, schmunzelte der Rodel, „die laßt er uns da. Daß doch die Gattung nicht ganz ausgeht in Altenmoos.“ –

Sie schritten kopfschüttelnd talwärts. Unten, wo der Weg durch jungen Anwuchs ging, begegnete ihnen der Förster, oder Waldmeister, wie er in der Gegend genannt war. Das war ein großer, stämmiger Mann in Jägertracht und stets mit dem Gewehr auf dem Rücken. Die Gebirgstracht, die er trug, schien aber nicht auf dieser Figur gewachsen zu sein, sie stand nicht ganz zu den manchmal fremdartigen Bewegungen des Mannes. Das Gesicht? Ein schöner roter Vollbart machte alles gut, was etwa die kleinen stechenden Augen und die unförmig lange Nase verdarben. Er war ein Ausländer. Seit wenigen Jahren bei der Herrschaft Rabenberg angestellt, ging er jetzt viel in Angelegenheit des Kampelherrn um, von dem es hieß, daß er auch die Rabenbergischen Waldungen ankaufen wolle.

„Ob der Guldeisner zu Hause ist!“ fragte er die Bauern mit seiner eigentümlich scharfen, dabei etwas näselnden Aussprache.

„Nein“, antwortete der Rodel, „da geht der Waldmeister umsonst hinauf.“

„Will ich lieber umkehren“, knurrte der Förster und schlug seitab einen Waldsteig ein.

„Warum hast du ihn angelogen?“ fragte der Jakob seinen Nachbarn.

„Der wäre jetzt schnurgerad’ hinaufgegangen und hätte ihm das Gut abgekauft“, antwortete der Rodel.

„Mit der Lug’ werden wir’s nicht hintertreiben“, sagte der Jakob. „Schlecht’ Sach’ muß man mit gut’ Sach’ totschlagen. Ich denk’ aber, er verkauft nicht, ’s ist lauter Trutz, was er sagt.“

„Und auch Trutz, was er tut. Nachbarn, der Guldeisnerhof ist hin.“ So der Rodel.

Bald darauf trennten sich ihre Wege. Der Reuthofer dachte auf dem seinen noch lange: Nein, der Franz ist gescheit, er tut’s nicht.

WIE DER JACKERL AUS ANHÄNGLICHKEIT DAHEIM BLEIBT

Als der Jakob Steinreuter nach Hause kam in seinen Reuthof, funkelten am Himmel schon etliche Sterne, und über den schwarzen Baumzacken des Nockwaldes ging der Mond auf.

An der Haustür stand der Jackerl.

„Geh’ hinein!“ befahl der Vater.

„Nein“, antwortete der Knabe.

„Alsdann bleib’ da stehen, so lang’ du willst.“

„Nein!“ knirschte der Knab’. „Ich will Schottensterz haben, dann geh’ ich fort. Ganz fort. Ich bleib’ nimmer da!“

„Warum bist du denn nachher von Sandeben her heimgegangen?“

„Weil ich’s versprochen hab’.“

„Alsdann muß auch ich mein Versprechen halten“, sagte der Jakob, ergriff mit festem Arm den Jungen und führte ihn in den Moosbarren.

Der Moosbarren war ein Hintergelaß des Wirtschaftsgebäudes, eine kleine Kammer, in welcher Stallstreumoos getrocknet und aufbewahrt zu werden pflegte. Es hatte zwei kleine glaslose Fenster und eine feste Brettertür, die von außen durch ein Kettlein angehängt werden konnte, so daß sie von innen nicht zu öffnen war. Dieser Barren war im Reuthofe das Zuchthaus.

Und da drinnen lag der wilde Jackerl nun wieder auf dem Mooshaufen, wo er schon recht oft gelegen war. Die Tür von innen aufzubrechen, zu einer Fensterluke hinauszukriechen, ein Fletzbrett zu heben, um unterhalb hinauszukommen, diese unfruchtbaren Versuche waren längst aufgegeben worden. Jetzt lag er rücklings auf dem Moos, ließ den Mond auf sein Gesicht scheinen und war ganz ruhig. Es war ihm ja nichts Neues, im Kriege mit seinem Vater zu unterliegen, und er fand es eigentlich auch in Ordnung so. Er hielt den Vater im ganzen für einen braven Mann, dem man nun eben einmal zu gehorchen hätte, aus dem dummen Grunde, weil man der Schwächere ist. Der Jackerl will aber nicht gehorchen, solchen just am wenigsten, die es scharf von ihm verlangen. Schlecht genug, daß es fast allemal was Vernünftiges ist, was der Vater begehrt. Das jedoch ist nichts Vernünftiges, für alle Ewigkeit im Altenmooser Winkel sitzen zu bleiben, und die Welt ist so weit und ist so schön und hat so viel Sach’! Wir – der Jackerl – sind nun einmal zwölf Jahre alt. Leichter lauft der Mensch sein Lebtag nie, als in diesem Alter, und wenn er da nicht davonlauft, wann soll er’s denn tun? – Einstweilen möchten wir einen Schottensterz haben.

„Jackerl!“ rief draußen in der Nacht jemand, es war die Stimme der Schwester Angerl, „da greif an, wenn du hungrig bist!“ Sie hielt ein Stück Brot zur Fensterluke herein. „So greif an, Jackerl!“

„Nein!“ knirschte der Junge.

Das Dirndl hielt immer noch geduldig hinein, weil aber der Jackerl fürchtete, daß sie die Hand doch zurückziehen könnte, nahm er seinen Filzhut und hieb ihn fest auf die Hand los. Das Brot fiel in der Kammer zu Boden, das Schwesterl draußen ging schluchzend davon. Der Jackerl hob das Stück Brot auf, als er jedoch ihr Weinen hörte, schleuderte er es wieder in den Winkel. „Ich will dich nicht. Sie soll still sein. Ich mag sie nicht weinen hören, ich mag nicht!“ So wimmerte er zornig. Ein gutes Wort wollte er ihr nachrufen, aber statt dessen schrie er zur Luke hinaus: „Du Tretsch, du dumme Tretsch!“ und schlug mit den Fäusten auf die Wand los und ächzte vor Wut.

Durch die Wandfugen strich kühle Luft. Der Knabe grub sich in das Moos bis an den Hals und schlief ein.

Am nächsten Morgen kam seine Mutter zur Tür und rief: „Bist schon wach, Jackerl?“

Er war freilich schon wach, gab aber keine Antwort. Mit einem Tone, der voller Güte war, sagte draußen die Mutter: „Kind, die Suppe steht auf dem Tisch, und du mußt was Warmes essen. Der Vater laßt dir sagen, wenn du brav bist, so darfst du kommen, wenn du aber trutzig wärst, so sollt’ ich nicht aufmachen. Ich bitte dich, mein liebes Kind, tu’ mir das Leid nicht an, sei wieder ordentlich und folgsam wie deine Geschwister, wir haben dich ja lieb und alles ist wieder gut. Geh’, komm her, sei gescheit!“

Kein Lebenszeichen im Barren. Jetzt kam ihr die Angst, es möchte dem Knaben etwas widerfahren sein. Sie ging um die Ecke und schaute zur Luke hinein. Dort im Winkel stand er, strampfte jetzt den Boden und rief: „Nein! Nein!“

„So kann ich dir nicht helfen“, sagte das Weib, „der Trutz ist noch immer stärker wie du, den müssen wir so lange aushungern, bis du ihn unterkriegst. Bleib’ drinnen.“ Sie ging davon.

Der Junge fügte sich ins Unvermeidliche. Er sann auf Zeitvertreib. Auf dem Rücken lag er im Moos und hub an, allerlei Liedchen zu trällern, wie er sie von den Knechten gehört hatte. „Hi, ho! hi ho!“ begann er und:

Tulli ho!

Follt ma da Huat in Boch,

Tulli ho!

Ih lauf eahm noch im Boch,

Tulli ho!

Er is scha weit, viel z’weit,

Tulli ho!

Hon gor ka Freud!

Dann spitzte er die Lippen und pfiff, und bald darauf – der Junge mußte sich in einer recht humoristischen Stimmung befinden – sang er ein anderes Liedl, wovon ihm besonders der letzte Teil anzuklingen schien:

Vormittog buß’ ih –

Wos buß’ ih?

Mei Dirndl in da Ghoam (im Geheimen),

Nochmittog bin ih –

Wo bin ih?

Auf n Tonzbod’n dahoam.

Aft, wann mih mei Voder

Z’an Koder

In d’ Schupfn einspirt,

Tulli, do flick ih –

Wos flick ih?

Mei Hosn ban Knia.

Und daß ma,

Jo, daß ma

Die Zeit nit long wird.

Darauf hub er an zu jodeln, bis er heiser war und sann auf neuen Zeitvertreib. Flink sprang er auf, kletterte an der Wand empor und hüpfte wieder auf das Moos herab; dann stellte er sich auf den Kopf und spreizte die Beine in die Luft. Dann begann er mit Händen und Füßen das Moos aufzumischen, daß die Fetzen nach allen Richtungen an die Wand und bis zur Decke flogen. Dann fiel er ins Gestreu, reckte alle Viere von sich und stellte sich tot.

Die Moosbarrentür blieb von außen angehängt und so lief der Jackerl aus Anhänglichkeit nicht davon.

DER WALDMEISTER SCHÜTTELT DEN BAUM

In Altenmoos begann sich sachte manches zu ändern. Früher hatten die Bauern im Sommer ihre Herden – für die auf den eigenen Grundstücken zu wenig Futter wuchs – gegen mäßiges Entgelt auf die Hochweiden der angrenzenden Großgrundbesitzer getrieben, besonders auf die Rabensteiner Almen. Es war altes Herkommen, das sowohl den Hochweidbesitzern, als auch deren Pächtern, den Bauern, zugute kam. Seit einiger Zeit war das abgestellt worden, der Waldkulturen wegen, wie es hieß. Der Oberförster, Oberjäger und Waldmeister Ladislaus war aber zu leidenschaftlich, um lange ein Hehl daraus zu machen, daß den Bauern die Viehweiden nicht der Waldkulturen, sondern der Wildhegung wegen versagt wurden. Man rechnete so: Bekommen die Bauern von uns die Almweiden nicht, so können sie nicht Viehzucht betreiben, wirtschaften ab, müssen uns gut oder übel ihre Güteln verkaufen, und Herr im Lande ist der Hase und der Hirsch, die wieder unserem Vergnügen dienen. Zur Hälfte betreibt man’s, zur Hälfte geht’s selber. Der Bauer war von jeher ein Feind des Wildes, der Bauer muß ausgerottet werden.

Mit solchen Gedanken und Plänen ging der Ladislaus um. Ging um in der Gegend in Sachen seines „gnädigen Herrn“, des Kampelherrn, und daß er sehe, was schon reif war zum Abfallen und was noch gesengt und gerüttelt werden mußte.

In denselben Tagen war’s, daß er und der Bauer Dreisam zu Altenmoos aneinander gerieten.

Der Waldmeister war mit der Herrschaft Rabenberg käuflich an den Kampelherrn übergangen, er hörte seither nur mehr auf den Titel: Herr Oberförster.

Der Dreisam arbeitete an seinem Waldrain, wo er dran war, mit der Haue den zähen Rasen umzukehren, dem man mit dem Pfluge hier nicht beikonnte und der doch auch als Kornacker urbar gemacht werden sollte. Der Dreisam hatte eine große Glatze, dafür aber einen sehr langen flachsfalben Bart, der schier bis an den Gürtel hinabhing. Damit dieser Bart beim Rasenumgraben nicht hindern konnte, so steckte er ihn am Halse hinter den braunen Brustfleck hinab.

Da kam der Waldmeister gegangen.

„Ihr Altenmooser Bauern seid Trotteln!“ mit diesem schönen Wort grüßte er den arbeitenden Mann.

„Auch so viel, Herr Waldmeister!“ dankte der Dreisam. „Gescheiter wäre es freilich, alleweil im Feiertag umzugehen mit der Büchsen und sich das Futter von anderen Leuten bringen zu lassen, als selber sein Brot mit harter Müh’ aus dem Boden zu graben.“

„Korn bauen, das ist dumm“, belehrte der Waldmeister, „seit durchs Land draußen die Eisenbahn geht, könnt ihr Bergbauern im Getreidebau mit den Ungarn und Kroaten nicht mehr konkurrieren.“ „Die Kroaten wollen wir auch nicht kurieren“, verdrehte der Dreisam, „wir wollen unseren Magen kurieren.“ „Viehzucht!“ rief der Waldmann, „Viehzucht müßt Ihr betreiben.“

„Ja, und Ihr versagt uns dafür die Hochweiden!“

„Den Pflug in Scherben schlagen. Das Korn kaufen. Brauchst keine Dienstboten. Das Gras wächst von selber auf dem Boden.“

„Schau“, meinte der Bauer so halb für sich und stützte sich breit auf seinen Haustiel, „das wissen meine Ochsen besser wie der Herr Waldmeister. Die Ochsen wollen kein Gras fressen von einer Trift, die jahraus, jahrein nicht umgebrochen wird mit dem Pflug, und nicht manchmal Hafer oder Korn darauf angebaut. Die Ochsen sagen, so ein Ödgartgras wäre sauer und voller Moos. Nun, dem Herrn schmeckt’s vielleicht besser.“

„Mein lieber Bauer“, entgegnete der Waldmeister nun in sehr höflicher, aber sehr überlegener Weise, „wenn Ihr über Landwirtschaft mit mir reden wollt, da müßt Ihr ein wenig weiter in der Welt herumgekommen sein, als von Altenmoos bis Sandeben. Ein wenig weiter, mein lieber Bauer!“

„Glaub’s schon“, sagte der Dreisam, „daß der Herr recht weit gelaufen ist.“

„Gott sei Dank, ja. Ich bin an einem einzigen Tag weiter gekommen, als so ein Waldbauer sein Leben lang springt!“

Dachte bei sich der Dreisam: Mit dem ernsthaft zu streiten, ist mir zu dumm. Er schaukelte sich auf seinem Haustiel und warf plötzlich das Wort hin: „Weiter, als der Herr Waldmeister an einem Tag laufen kann, weiter ist mein Bart schon gewachsen.“ Er riß den langen Bart aus dem Brustfleck hervor.

Wie das gemeint sei?

„Nicht schlecht. Wetten wir eins miteinander, Herr, mein Bart ist länger gewachsen, als er an einem Tag laufen kann!“

„Ist ein Unsinn!“ sagte der Waldmeister.

„Gilt’s?“ rief der Bauer. „Abgemacht. Am Sonntag beim Steppenwirt unten messen wir. Mit Zeugenschaft, Herr Waldmeister! Zehn Maß Unterländer, wenn’s dem Herrn nicht zu viel ist?“

„Zwanzig Maß!“ schrie der Waldmeister, „abgezapft muß er einmal werden, Euer Übermut.“

„Vielleicht zapfen wir auf dreißig Maß“, meinte der Dreisam.

„Gut, auf dreißig! Sehrrr gut!“ schnarrte der Oberförster. „Am nächsten Sonntag beim Steppenwirt. Und jetzt adieu, Bauer. Es tut mir eigentlich leid.“

„Was tut ihm?“ fragt der Dreisam.

„Leid tut es mir, daß ich das Geld wieder davontrage, welches ich für Euch im Sack hab’. Vielleicht mag’s der Nachbar Reuthofer.“ „Ja, ist schon recht“, sagte der Bauer und grub emsig weiter.

Der Oberförster ging davon. Fast unmutig packte er einen Fichtenbaum, schüttelte ihn, daß dürre Zapfen herabfielen und knirschte: „So muß man es schütteln, dieses Altenmoos. Was reif ist, fällt, was heut’ nicht fällt, fällt morgen. Fest anpacken.“ – Er ging gegen den Reuthof.

Der Jakob war eben dabei, seinen Angerzaun, der das Gehöfte umfriedete, auszubessern. Er trieb frische Stecken je zu zweien in den Boden, legte lange Querstangen dazwischen und befestigte sie mit Weidenbändern. Er rüttelte nun an einem solchen Steckenpaar und sagte: „Halten mußt!“ Da stand der Waldmeister vor ihm.

Dieser reichte ihm sogleich biedermännisch die Hand, in die der Jakob die seine ohne viel Gegendruck legte.

Zaun machen, das könne der Reuthofer, lobte der Oberförster, indem auch er einmal und mit Kennermiene an den Stecken rüttelte. Und er denke, der Reuthofer würde auch in anderen Stücken klüger sein, als manch’ anderer Altenmoos-Bauer.

„Ja“, sagte der Jakob, „ich will’s probieren und gleich die Gelegenheit beim Schopf packen.“

„Recht hast“, entgegnete der Waldmeister rasch und griff nach seiner Geldtasche.

„Ah na“, sagte der Jakob abwehrend, „zahlen werd’ schier ich müssen. Um die Viehweide auf der Breitalm, wenn ich wieder bitten dürfte.“

„Mit dem besten Willen nicht, Reuthofer“, beschied der Waldmeister. „Es ist unglaublich, was die Viecher den jungen Baumpflanzungen schaden.“

„Ich treibe ja keine Ziegen und keine Schafe hinauf“, sagte der Jakob, „und die Rinder rühren kein Bäumel an, wenn sie Gras haben. Ehrlich sein, Herr Waldmeister. Er hat’s ja selber schon gesagt, daß wir der Hirschen wegen abgewiesen werden.“

„Nun, wenn du’s weißt, wozu noch anfragen?“ lachte der Oberförster. „Es ist so, die Ochsen sprengen uns den ganzen Wildstand. Können nichts mehr verstatten. Sei klüger, Steinreuter, wie dein Nachbar, der Dreisam, der Narr hat mich mit dem Gelde wieder davongehen lassen. Mußt wissen, ich habe Geld bei mir!“

Er solle es nicht verlieren, meinte der Jakob.

Ob er es nicht da lassen dürfte? fragte der Waldmeister.

„Bedank’ mich schön“, sagte der Jakob, „wir brauchen keins.“

Der Waldmeister stutzte. Er begriff nicht, wie auf der weiten Welt ein Mensch leben könne, der kein Geld braucht. Ja nicht einmal welches haben wolle! Das müsse doch schon eine ganz verkommene Kreatur sein.

Für den Kampelherrn gehe er um, erklärte der Förster. Vorhin sei er auch beim Klachel-Bauer gewesen. Der sei ein kluges Köpfel, der Klachel, und verstehe seinen Vorteil. Dem habe er das Haus abgekauft.

„Der Reuthof ist nicht feil. Behüt’ Gott!“ Mit diesen Worten des Jakob war der Mann abgefertigt, der nun kopfschüttelnd wieder seines Weges ging. Ging diesmal aber nicht weit, ging nur ins Haus hinein, wo Maria, die Bäuerin, am Herde stand und das Mittagsmahl kochte. Zum Vorwand nahm er, daß er am Herd eine Zigarre anbrennen wolle, sagte hierauf der Bäuerin einige Artigkeiten über ihr junges gesundes Aussehen. Es wäre erstaunlich, schon so große Kinder und noch so glatt beisammen! Na, draußen auf der Ebene erst, wenn sie von harter Arbeit frei wäre und sich nichts abgehen lassen müsse, da würde sie erst sehen! – Sie, die Frau, würde diesmal hoffentlich vernünftiger sein als der Mann, der sich eben einmal in den steinigen Boden hinein verbissen habe. Der Jakob würde sich noch alle Zähne ausbeißen, und es sei schade drum.

„Bei so was red’ ich nichts drein“, sagte die Maria, „er wird schon selber wissen, was ihm taugt oder nicht.“

Es seien andere Zeiten, fuhr der Waldmeister unbeirrt fort, Vieh und Hafer werde von Tag zu Tag billiger, Holz habe gar keinen Preis, besonders nicht im entlegenen Altenmoos, die Dienstboten seien kostspieliger und ungebärdiger als je. Früher habe Haus und Grund den Besitzer von dem Soldatenleben befreit, das sei nicht mehr. Früher habe ein Bauerngut beisammenbleiben müssen und hätten die Kinder des Hauses ihr Lebtag daran ein Heim gehabt; heute dürfe jedes Bauerngut zerrissen werden, wie man einen Papierwisch zerreißt, der nichts mehr gilt. Dazu die hohen Steuern, und wer sie rechtzeitig nicht zahlen könne, dem lasse der Staat das Haus verganten ohne Barmherzigkeit. Früher sei der Bauernstand ein Ehrenstand gewesen, heute mache sich über den Bauern jedermann lustig, weil er ja wahrhaftig ein Tor wär’, wenn er es nicht einsehe, daß für ihn die Zeit aus ist.

Wenn der Reuthofer – fuhr der Waldmeister in seinen Auseinandersetzungen fort – sein Gütl verkaufe, so könne er das Geld in die Sparkasse oder auf Wertpapiere anlegen und davon alle Jahre seine Fexung machen ohne Müh’ und Sorge. Wolle er sich nebenbei ’was erwerben oder wollen es die Kinder, so stünden Eisenwerke und hundert Fabriken in der Welt, wo der Mensch glänzenden Verdienst finde. Der Kampelherr meine es nur gut mit den Leuten und gebe ihnen Gelegenheit, das Glück zu ergreifen. Er wolle einen größeren Fleck beisammen haben und zahle die Häuser besser als gut. Das möge sie – die brave Frau – ihrem Manne begreiflich machen. Komme der Kauf zustande, so lege er, der Oberförster, ihr extra zehn nagelneue Dukaten auf die Hand.

„Sagen will ich ihm’s schon“, entgegnete die Maria, „aber bestechen laß ich mich nicht.“

Damit war der Oberförster auch hier fertig. Überlaut ein munteres Liedel pfeifend, insgeheim über den „dummen Bauernstolz“ knirschend, so ging er von hinnen.

Als er hinter dem Gehöfte am Moosbarren vorüberschritt, hörte er sich rufen. Aus der Fensterluke schaute ein schöner, aber verwilderter Knabenkopf.

„Lieber Herr Waldmeister!“ rief der, „lasse mich aus. Sie haben mich dahier eingesperrt!“

Der Oberförster blieb stehen. „Was?“ fragte er, „eingesperrt? Was hast du nur angestellt?“

„Fort will ich. Bleiben will ich nicht mehr in diesem Altenmoos. Die Welt will ich sehen. Deswegen haben sie mich eingesperrt. Geh’, laß mich aus!“

„Da hört sich doch alles auf!“ murmelte der Waldmeister.

„Die Jugend versteht ihre Zeit. Mit Gewalt aber wird sie gefangen gehalten in Gebirgswinkeln. Mit Gewalt! Alsdann bleibt sie freilich hocken und rostet ein. Und das nennen sie Heimatsliebe! Hundsfötter sind’s! – Bist du dem Reuthofer sein Sohn, Kleiner? Gut ist’s. Ich will den Kerl so lange würgen, bis er dich ausläßt.“

„Mein Vater ist kein Kerl, und dem wirst du nichts tun!“ rief der Knabe, „auslassen sollst mich.“

„Habe ich den Schlüssel?“

„Geh’ nur um die Ecke herum, dort ist die Tür. Die ist auswendig mit einer Kette angehängt. Die Kette mußt du abhakeln, sonst hast du nichts zu tun.“

Der Waldmeister kam dem Auftrage nach, wie ein Knecht dem Befehl des Herrn. Als er das Kettlein losgehakelt hatte, wurde die Tür von innen aufgerissen, der Knabe fuhr heraus, rannte dem Oberförster den Kopf an die Beine und lief gegen den Wald hin.

Der Herr Oberförster-Oberjäger-Waldmeister war durch den plötzlichen, so unvorhergesehenen Anprall zu Boden gestürzt. Als er sich fluchend erhob, um den wilden Knaben zu züchtigen, war dieser freilich schon verschwunden in den Strüppen des Abhanges.

Übrigens ward dem Manne für die Unbill, die er an diesem Tage von den Altenmooser Leuten erfuhr, eine Genugtuung, noch bevor die Sonne überging. Er war ärgerlich seinen Wäldern zugeeilt und seinen Rehböcken, Hirschen und Auerhähnen. Die lieben Tiere, die sich so brav hegen, jagen und totschießen lassen! „Und diese kreuzverwindierten Bauern wollen hocken bleiben in den Waldbergen und möchten leben. Wollte man so einem einmal seinen Laufpaß auf den Buckel brennen, was das für ein Geschrei wäre! Wollte nur ich einmal ein Gesetz machen! Ausgepeitscht müßt’ es werden, das ganze Bauerngesindel, aus der Gegend, wenn’s nicht freiwillig ginge! Bauernwirtschaften! Das könnt’ mir einfallen! Wie soll da der Wildstand aufkommen! Kostet ohnehin genug. Anstatt Hirschen – Ochsen, anstatt Jäger – Wildschützen! Das wäre sauber! Glauben denn diese Poppel, der Herrgott hat die Welt für die Bauern erschaffen? Das wollen wir ihnen anders beweisen, Gott sei Dank!“

Solche Gedanken der Entrüstung wurden unterbrochen durch ein Geschrei, das aus dem Waldstuberhäusel drang, an dem der Waldmeister eben vorübergehen wollte.

Die Waldstuberleute bestanden in acht Personen, welche auf dem kaum zwanzig Joch großen Gütel leben mußten. Da war der Waldstuber und sein Weib, so viel als der Altknecht und die Altmagd, da waren die zwei ältesten Kinder, die schon Jungknecht und Jungmagd abgeben mußten. Das dritte, ein achtjähriges Mädchen, hegte und pflegte die drei jüngsten Kinder, welche im Waldstuberhäusel so recht die Herrschaft spielten, die alles umsonst hatten und tun konnten, was sie wollten.

Die Waldstuberleute hatten kein gutes Jahr gehabt. Ihre Äcker, die hoch auf dem Berge am Waldrande lagen, waren dem frühen und späten Schnee und dem Hirschenhunger ausgesetzt. Die Kartoffeln, die von solchen Plagen über der Erde geschützt waren, verfielen unter derselben der faulenden Krankheit, der Kohl wurde auf dem Stengel von den Würmern gefressen. Da die Kinder keine Schuhe hatten, so liefen sie barfuß umher draußen im nassen oder bereiften Grase, sie wurden krank, und der Arzt kostete mehr, als die Schuhe gekostet hätten. Die Sache aber war die: der Schuster konnte nicht borgen, der Arzt gab die Medizinen ohne Geld, schickte aber nach Verlauf des Jahres einen drohenden, Zahlung heischenden Brief.

So war viele Bekümmernis im Waldstuberhäusel, aber nun konnte es besser werden. Die junge Feldfrucht stand sehr hoffnungsvoll, die Kinder waren wieder frisch und munter, und ein Holzkohlengeschäft hatte einen größeren Geldbetrag abgeworfen, den zu holen der Waldstuber eben in Sandeben gewesen war. Froh gestimmt kam er heim, brachte den Kindern Wecken mit und dem Weibe ein Glas Wein mit Zucker und zeigte ihr schmunzelnd auch die mit Fünfguldenscheinen gespickte Brieftasche, welche Scheine nun alle Sorgen dämpfen sollten. Es waren nicht weniger als vierzig Gulden darin. Vor Vergnügen knickte der Waldstuber seine Knie ein und duckte sich zusammen, so daß der ohnehin kleine Mann noch kleiner wurde.

Zur selben Stunde trat ein halb „herrisch gewandeter“ Mann in die Stube. Als der Waldstuber ihn sah, fühlte er urplötzlich eine Herzbeklemmung, denn für den Bauer ist es nie ein gutes Zeichen, wenn ein „Herr“ in sein Haus tritt.

Der Fremde grüßte kühl, zog den grauen Hut vom Kopf und trocknete sich mit dem Taschentuch die Stirne, weil ihm heiß geworden war den Berg herauf. Es war im ganzen Wesen des Mannes etwas wie ein Vorwurf gegen die Waldstuberleute, dererwegen er an diesem Tage so sehr in Schweiß geraten war. Es währte gar nicht lange, so zog er einen Papierpack aus dem Sacke und löste von ihm mit kundigen Fingern einen grauen, länglich gefalzten Bogen.

„Michael Waldstuber, nicht wahr?“ fragte der Fremde leichthin, man wußte aber nicht, fragte er den Genannten oder den Papierbogen. „Für den Waldstuber habe ich etwas.“

„So“, antwortete der Waldstuber, „wär’ mir schon recht, wenn ich was tät’ kriegen.“

Die Kinder, die auf dem Fletz umherkrochen, machten lange Kragen auf den Tisch hin. Die Bäuerin ging in die Küche hinaus, sie ahnte schon, was da kommen würde.

„Da, leset!“ der Fremde überreichte den Bogen.

„Oh, zum Lesen was“, sagte der Waldstuber, „ich kann nicht lesen.“

„So! na, das ist ja wieder einmal recht erfreulich.“

„Mein Vater hat immer gesagt, der Bauer kriegt nicht viel Schönes zum Lesen, er soll’s lieber gar nicht lernen.“

„Steuerrückstände!“ brummte der fremde Herr, denn es war der Steuerbote aus Krebsau.

„Hab’ mir’s gedacht“, murmelte der Bauer, „hab’ mir’s eh’ gleich gedacht. – Wie viel denn?“

„Fünfundzwanzig Gulden dreiundneunzig Kreuzer.“

„Oh, wieso denn?“ fuhr der Bauer erschrocken auf.

„Und fünfzehn Gulden einundfünfzig Kreuzer Zuschläge.“

„Ei, doch nicht, doch nicht!“ rief der Bauer entsetzt.

„Macht zusammen einundvierzig Gulden vierundvierzig Kreuzer, welcher Betrag binnen drei Tagen bei sonstiger Pfändung im Steueramt zu bezahlen ist.“

Der Waldstuber schwieg, ging aber mit über den Rücken gelegten Armen rasch die enge Stube auf und ab, einmal das eine, einmal das andere Kind mit den Füßen von sich stoßend.

„Himmelgottverflucht!“ stieß er plötzlich hervor und begann ein schauderhaftes Schelten und Wettern gegen die Bauernabtrenner und besonders gegen den Steuerboten, der manches scharfe Wort schon gewohnt, verblüfft stillschwieg und zuhörte.

„Kann ich dafür?“ sagte er endlich. „Glaubt Ihr, es ist mir ein Vergnügen, zu den Nestern im Gebirg herumzuklettern und Grobheiten einzustecken? Ich habe Kinder daheim, wie Ihr, aber schaut sie einmal an, ob sie so gesund und vollwangig sind, wie die Euren. Wir vom Amt sind dieselben armen Teufel, wie Ihr, oder ärmer! ärmer! Die Boshaften von uns haben wenigstens den Trost, daß sie andere ums Geld bringen können.“

„Höllvermaledeite Zustände das!“ schrie der Waldstuber, und sein Haar sträubte sich auf, und seine Wangen waren erdfahl, „ich hab’ das Geld nicht. Ich muß Mehl kaufen, daß wir was zu essen haben, den Kindern Gewand kaufen, den Arzt bezahlen, das Steueramt soll warten. – Ich laß bitten!“ setzte er kleinlaut bei.

Der Bote schüttelte die Achseln. „Nichts zu machen“, sagte er, „der Kloiber-Franz in Sandeben hat auch so geredet, just so, ist gestern vergantet worden.“

Der Bauer schlug zum Boten gewendet die Hände zusammen und rief: „Seid Ihr denn nicht auch Menschen?“

„Wieso?“ fragte der Steuerbote. „Wir sind Staatsbeamte.“

„Und der Staat?“

„– ist kein Mensch.“

„Der Teufel hol’s!“ schrie der Bauer.

In diesem Augenblicke trat der Waldmeister Ladislaus ein, um zu sehen, worüber denn hier so scharf gestritten würde. Als er die Sache begriff, und er begriff sie bald, sagte er lächelnd zum Waldstuber: „Du mußt heute andächtig zu deinem Schutzengel gebetet haben.“

„Warum das wieder?“ fuhr der Bauer, der sich gehöhnt glaubte, drein.

„Weil er dir einen Retter schickt zu rechter Zeit“, sagte der Waldmeister, und hielt ihm seine Brieftasche hin: „Da drinnen sind deine fünfhundert Gulden.“

Der Bauer trat erschrocken einen Schritt zurück und starrte auf die Ledertasche, die der Waldmeister vor ihn hinhielt. „Nimm’s nur“, sagte er freundlich, „nimm’s, es gehört dein. Der Kampelherr schickt dir’s für dein Haus und Grund.“

„In Gottesnamen!“ sagte der Waldstuber und nahm das Geld.

Da war er fremd im Hause seiner Väter.

DER GULDEISNER FÄLLT

Unten an der Sandach, wenn man gegen Sandeben hinausging, das letzte Haus hieß der Steppenhof. Es war der stattlichsten eines in Altenmoos. Es hatte ein großes Gehöfte, das aber zum Teile leer stand. An der glatten Wand des Hauses, deren Zimmerbäume nicht mit Äxten behauen, sondern mit der Brettersäge geschnitten worden, waren große längliche Fenster mit hellen Glastafeln, blau angestrichenen Balken und Fensterkränzen. Es hatte große Stuben, wovon eine sogar mit Eschenholz ausgetäfelt, braun, und mit roten Falzrändern bemalt war. An der äußeren Seite der Tür stand oben als schlauer Herbergsspruch: „Herr, bleib’ bei uns, denn es will Abend werden!“; an der inneren Seite, gerade über dem Weihbrunngefäß, war zu lesen: „Heute zahlen, borgen morgen“, worunter allerdings ein Gast mit Kreide die Verbesserungen angebracht hatte: „Heute borgen, zahlen morgen.“

Der Steppenhof war nämlich ein Wirtshaus. Er hatte ja ursprünglich, wie jedes andere Haus zu Altenmoos, seine Felder, Wiesen und Waldbestände gehabt, aber weil er gar so nahe am Wege stand und so bequem am Wasser, so war allmählich ein Wirtshaus daraus geworden. Da mußte der Stepper bei den Gästen sitzen, oder in anderen Wirtshäusern zu Sandeben selbst Gast sein, damit die Wirte gelegentlich wieder bei ihm einkehren sollten. Und so ward vor lauter Wirt- und Gastsein der Bauernwirtschaft vergessen. Also gab’s im Steppenhause nun Apfelmost, Branntwein und sogar zwei Gattungen echten Traubenweines, wovon die eine Gattung „der Ordinari“, die andere „der Bessere“ genannt wurde. Jeden Gast, der Wein verlangte, fragte der Wirt: „Einen Besseren?“ und wenn das ja zumeist von den sparsamen Altenmoosern verneint wurde, so hatten diese sich alle Schuld selber beizumessen. Indes hatte selbst der „Ordinari“ keine weiteren Untugenden, als daß er eben ehrlich sauer war.

Auch Eierspeise und Kaffee konnte man haben beim Steppenwirt, und an Sonn- und Feiertagen Hammel-, Hasen- oder gar Schweinsbraten. Einer oder der andere der guten Altenmooser saß immer in der Wirtsstube, trank, rauchte oder „duselte“. Wenn’s zu Hause Verdruß gegeben, war es hier höllisch fein zu sitzen. Und wenn zu Hause alles gut ging, sah mancher nicht ein, warum er sich nicht ein „Seidel gunnen“ solle. War ein vorteilhafter Viehhandel abgeschlossen, so saß sich’s wie angegossen am Ahorntisch, und hatte einer Holz oder Hafer verkauft, so war gewiß die trockengeredete Kehle anfeuchtungsbedürftig. Auch gab es in Altenmoos Quartallumpen; das waren solche, die monatelang brav zu Hause blieben und arbeiteten, wenn sie endlich aber einmal ins Wirtshaus kamen, dann hockten sie tagelang darin fest, schliefen den einen Rausch auf der Ofenbank aus und tranken den anderen am Tische, bis ihr Geld, ihre Sackuhr und manchmal auch ihr Rock vertan war. Dann kehrten sie heim und war ihnen wieder wohl auf ein Vierteljahr.

An den Sonntagen nachmittags waren die drei Tische der Gaststube stets voller Leute. Der Stepper hatte seine weiße Schürze umgebunden, sein grünes Samtkäppchen auf die Kopfglatze gestülpt und sein Gesicht zu einer behaglichen Gemütlichkeit auseinandergezogen – da war der Wirt fertig. War er bei Humor, so brachte er allerlei Sprüchlein und Schalkheiten vor, mit denen er bisweilen andere, öfter aber sich selbst verspottete. So sagte er: „Nachbar! Hautschlechter Mensch! Für dich ist das frisch Wasser viel zu gut, du mußt heute Steppenwirts Wein trinken, damit du deine Sünden abbüßest.“ Oder: „Nein, Brüderl, gesoffen wird nicht, aber trinken, so viel du magst.“ Oder: „Müller, Schneider und Wirte werden nicht gehenkt, sonst ginge das Gewerbe leer aus.“ Oder: „Geh’, gunn dir ein Stündel Rast bei mir, besser nicht arbeiten, als müßig gehen.“

Wenn einer seinen Rock auszog, so eilte der Stepper dienstfertig herbei und sagte: „Laß mich dazu. Das Leutausziehen können wir Wirte am besten.“

„Der Dreisam kommt, ein braver Mann, Christenheit ausgenommen!“ Mit diesen Worten grüßte er an unserem Sonntage den Genannten, der heute langsam, wie unentschlossen in die Stube trottete. „Was magst, Dreisam?“

„Heut’ fragst du mich umsonst, Wirt“, sagte der Eingetretene. „Heut’ soll mir deine Alte ein feistes Pfannkoch machen, und Pfeffer drauf.“ Dann setzte er sich an den Tisch, hob mit der umgekehrten flachen Hand seinen Bart von der Brust weg, weil er unterhalb desselben aus der Brusttasche sein Pfeifenzeug hervorsuchen mußte.

„Pfannkoch und Pfeffer drauf?“ fragte der Wirt.

„Heut’ brauchen wir Durst“, sagte der Dreisam.

„Das ist brav, das ist brav“, schmunzelte der Wirt, „Durst ist der flinkste Kellner.“

„Geht dein Besserer wohl nicht etwan auf die Neige?“

„Ich will die drei größten Altenmooser Stockfische damit ersäufen, was ich noch im Keller hab’“, antwortete der Stepper.

„Alsdann werden wir halt eins trinken“, sagte der Dreisam und schlug Tabaksfeuer.

„Sakerment noch einmal!“ knurrte am anderen Tisch ein Holzknecht, „Durst braucht der heut’! Geld gibt’s jetzt in Altenmoos, als ob die Guldenhäuteln auf den Haselstauden täten wachsen. Sonst ist uns alleweil der Durst zu stark und das Geld zu schwach worden. Heutzutag’ geht’s verkehrt.“

„Eh’ wahr auch“, stimmte der alte Luschelpeterl bei, der an der Ofenbank saß. Auch er war heute ins Wirtshaus gegangen. „Bring’ mir ein Stamperl Branntwein“, hatte er vorhin zum Wirt gesagt, „aber Geld hab’ ich keins.“

„Tut nichts“, darauf der Wirt, „Geld macht nicht glücklich, wenn man keins hat.“

„Die Gimpeln und die Amseln werden nachher bezahlen, du weißt schon.“

„Gut ist’s, sagt der Teufel und dreht dem Pfaffen den Hals um!“ rief geschäftig der Wirt und brachte nach allen Seiten hin das Verlangte.

Für die Stubengäste konnte sich übrigens der Steppenwirt heute wenig Zeit nehmen. Draußen am Bachrande, auf grünem Anger unter der Linde, waren Tische und Bänke aufgeschlagen noch vom Viehmarkt her. Dort war es an diesem Nachmittage verwunderlich überfüllt. Der Bauer, der die ganze Woche im Freien ist, sitzt sonst Sonntags gern in der Stube, auch bei schönstem Wetter, ja vergißt sogar manchmal ein Fenster aufzumachen; die dumpfige, rauchige und von Wein- und Menschendunst durchsetzte Luft mutet ihn sonntägig an. Aber heute war alles draußen. Es war nämlich dort das Unerhörteste zu sehen, was je in Altenmoos sich ereignen konnte. Der Guldeisner verkaufte sein Haus.

Breit an den Lindenbaum hingelehnt saß der Großbauer da und stemmte die Fäuste auf den Tisch. Er hatte eine kohlschwarze Fellhose an, die von den Knien ab mit steifem Leder besetzt war bis nieder zu den beschlagenen Bundschuhen; dann eine schwarze Weste mit einer Reihe großer Silberknöpfe. Und er hatte eine kurze Jacke aus dunkelbraunem Tuche an und einen schwarzen seidenwolligen Hut mit schmaler eingeringelter Krempe auf. An seinen Ohrläppchen blinkten zwei goldene Scheiblein. Um den Bauch trug er einen breiten, mit weißer Seide ausgesteppten Ledergurt, auf dessen Schild unter vielem Zierrat die Buchstaben F. G. standen. Das war der Franz Guldeisner in seiner Großbauerntracht.

Ihm gegenüber saß ein Herr mit blondem, gutmütig lächelndem Gesicht, kurzgeschnittenem Vollbart und Augengläsern. Er hatte ein graues Tuchgewand am Leibe und feine Wäsche, die an Hals und Ärmeln weiß und glatt hervorblinkte. Er war noch nicht alt, tat recht behaglich und gab sich schlicht und zuvorkommend gegen jeden. Dort unter dem Vordache der Stallung stand sein Wagen, an dem alles funkelte und der voran zwei Laternen aufgesteckt hatte. Ein Bauer bemerkte darüber, da wäre es leicht, bis in die Nacht im Wirtshaus sitzen, wenn man nachher in einem Wagen, der zwei Augen habe, heimfahren könne. Da glaube er schon, daß kein rauschiger Herr in den Bach falle.

Die beiden Männer, der Guldeisner und der graue Herr, hatten vor sich auf dem Tisch hohe schmale Flaschen stehen, „herrische Röhrln“, wie der Wirt dartat, aus dem der Herr dem Bauer das Trinkglas füllte, so oft es hohl war.

Die übrigen Bauern hielten sich in gemessener Entfernung, plauderten halblaut unter sich über Feld und Vieh, Wind und Wetter, spitzten aber insgeheim die Ohren den beiden Männern unter der Linde zu. Der Guldeisner und der Kampelherr! – Unter den Bauern war auch der Waldmeister, was der Dreisam durch das Fenster hinein mit Wohlgefallen wahrnahm. Es sollte hernach ja an den Bart gehen. Der Waldmeister hatte eine kleine Gruppe um sich, der er allerhand Unterhaltung vormachte. Er konnte einen Silbertaler durch die Tischplatte stecken, ohne daß ein Loch war. Er konnte durch zwei Zauberworte ein entzweigeschnittenes Schürzenband wieder zusammenfügen, ohne daß eine Spur des Schnittes zurückblieb. Er konnte einen langen Karrenstrick verschlucken und bei den Ärmeln wieder herausspinnen. Mit Spielkarten machte er unzählige Künste, und allemal bedurfte er nur ein paar Beschwörungsformeln in der Kirchensprache (im Lateinischen), um die Zaubereien zu vollführen. Einige Zuschauer waren von diesen Dingen vollends gefangen genommen; mit schallender Verwunderung oder nachdenklichem Kopfschütteln begleiteten sie die unheimlichen Taten des Waldmeisters. Anderen jedoch waren und blieben die Vorgänge am Lindentisch wichtiger, als der „Leutzumbestenhaber“. Aus der Stube waren sie hervorgekommen, und sie rückten sachte um die beiden Männer zusammen.

Der Guldeisner hatte seinen schwarzen struppigen Kopf noch tiefer als sonst zwischen seine Schultern eingezogen. Der Hut lag neben ihm auf der Bank. Manchmal fuhr er sich mit der Hand rasch ins Haar, zauste an ihm, ergriff dann ebenso hastig das Trinkglas und goß dessen Inhalt in die Gurgel.

„Teufel!“ brummte er jetzt, „es steigt mir der Graus auf!“ Es war ihm verdächtig geworden, daß der Kampelherr für sein Gut eine so hohe Summe geboten hatte. Er schloß daraus, daß es noch weit mehr wert sein müsse und daß ihn der Herr überlisten wolle.

„Ich habe niemals“, sagte der Kampelherr überaus gelassen, „auch draußen im Flachlande nicht, das Joch durchschnittlich teurer als mit sechzig Gulden bezahlt. Aber ich habe es bezahlt mit dreißig Gulden und habe es bezahlt mit fünfundzwanzig. Ihr Nachbar, der Knatschel, hat zweiundzwanzig Gulden bekommen und steht noch im Vorteil. Das Joch zu fünfundzwanzig trägt mir als Waldboden kaum anderthalb Prozent, kaum! Auf den Guldeisnergrund dreißigtausend Gulden zu dreiviertel Prozent anzulegen ist eine Torheit. Nur der Jagd wegen, offen gesagt, hätt’s mir dafür gestanden. Mit Feldbau und Viehzucht haben Sie drei Prozent; so gut wie der Bauer verwertet den Boden keiner. Behalten Sie Ihren Hof, Guldeisner, ich rate Ihnen gut, behalten Sie ihn! – Gefällig?“

Das Zigarrentäschchen hielt er dem Bauer hin, er selbst hatte sich während der Auseinandersetzungen eine frische in den Mund gesteckt.

Die Umsitzenden hatten mit gemischten Empfindungen und Gebärden zugehört. Einerseits waren sie überrascht von den hohen Preisen, die sie hier nennen hörten, dann wurmte es sie, daß der Fremde ihre Grundstücke doch so wegwerfend abtat; anderseits hofften sie, daß deswegen der Handel nicht zustande kommen würde.

„Herr!“ sagte nun der Guldeisner hastig, „da mögen Sie weit umgehen, einen Hof, wo alles so beisammensteht, das Vieh, die Fahrnisse doppelt und dreifach, die Gebäude in gutem Zustand, so was finden Sie nicht mehr.“ Fast im Flüstertone sagte er es, denn er war nicht gewohnt, sein Besitztum mit Worten zu loben, er wußte zu gut, es lobte sich selbst.

„Die Gebäude“, antwortete der Kampelherr, „schätze ich nach dem Holzwert. Ich würde sie zu Kohlen verbrennen lassen.“

Das wollte dem Guldeisner schier ans Herz zucken. Seinen stattlichen Guldeisnerhof zu Kohlen brennen! – Allein das Herrenschlössel draußen in Krebsau, das er sich bereits beschaut hatte, ist noch vornehmer, als das alte Bauernhaus da oben, es ist aus Backsteinen gebaut und mit Schiefern gedeckt, das kann nicht zu Kohlen gebrannt werden. Holz ist Holz, und Geld ist Geld. Jeder ein Narr, der sich’s besser machen kann und tut’s nicht …

„Herr Kampelherr“, sagte der Großbauer und seine Stimme bog sich weicher, als es ihm selber lieb war, „das einunddreißigste Tausend machen Sie voll! Werden nachher mit der Wirtschaft um so mehr Glück haben.“

„Dreißigtausendsiebenhundert Gulden und keinen Kreuzer mehr“, sagte der Kampelherr gleichmütig.

„Wenigstens“, flüsterte der Guldeisner und legte sich mit dem Oberkörper über den Tisch hin, „wenigstens einen guten Leihkauf dazu!“

„Pfui Teufel!“ brummte einer am Nebentische, „der Großbauer bettelt!“

„Leihkauf?“ fragte der Kampelherr, „für wen denn? Der Guldeisner hat ja, so viel ich weiß, keine Frau.“

„Das nicht, Frau nicht. Ist eh’ so“, stotterte der Bauer und trank.

„Ich bitte Sie, Stepper!“ rief der Kampelherr dem vorübergehenden Wirt zu, „sagen Sie meinem Kutscher, daß er einspannen soll.“

„Geschwind wie der Wind“, entgegnete der dienstfertige Mann und eilte davon.

Der Guldeisner hatte sehr rote Wangen bekommen, seine Nasennüstern zuckten stark, seine Augen rollten lebhaft hin und her, und mit den Fingernägeln trommelte er auf dem Tische. Plötzlich riß er sein rotes Taschentuch aus dem Sack und rieb sich damit von der Stirne die Schweißtropfen. Hoch vom Bergesrücken herab winkten ihm die alten Tannen und Lärchen seines Waldes. Hinter jungem Anwuchs ragten die Kronen auf, von den Schirmbäumen seines Hauses. Einen Augenblick war ihm, als ob eine Stimme durch die Luft weine: Franz! Franz, bleib’ uns getreu! – Die Stimme der Vorfahren, die im Grabe schliefen. – Der Kampelherr zog die Geldtasche hervor, um dem Wirte die Zeche zu bezahlen, und als der Guldeisner die großen Banknoten sah, die ganz unordentlich in das Lederfach hineingepfercht waren, da verlor er die Besinnung. „Gottswill, Kampelherr, der Guldeisnerhof gehört dein!“ rief er und schlug in die Hand.

Mehrere der Umsitzenden sprangen von ihren Bänken auf.

„Schade um die braven Eltern, die du gehabt hast!“ sagte einer halblaut. Das hörte der Guldeisner; sonst hätte er derlei Anzüglichkeiten mit stiller Verachtung bestraft, jetzt fühlte er die Notwendigkeit, sich zu verteidigen.

„Meine Eltern!“ schmetterte er scharf auffahrend, „was habt ihr mit ihnen?“ Dann sagte er gemütlicher: „Unsere Vorfahren – euere wie meine – sind selbst nicht in Altenmoos geblieben. Keiner! Kein einziger.“

„Freilich sind sie nicht in Altenmoos geblieben“, lachte der jetzt herbeigekommene Dreisam, „weil man sie hat hinausgetragen auf den Sandebener Kirchhof.“

„Schon gut. Ganz gut“, sagte der Guldeisner, aber jetzt war er heiser, „die mögen nicht einmal begraben liegen in Altenmoos. Und unsereiner sollt’ da lebendig versauern? Ein Narr müßt’ einer sein!“

Der Kampelherr brach eine frische Flasche an. Der Guldeisner hieb mit der Faust auf den Tisch, daß die Bretter surrten. „Aus ist’s und gar ist’s!“ rief er. „Jetzt haben wir Feierabend. Jetzt ist’s lustig, jetzt hebt der Festtag an!“

Der Kampelherr zählte ihm gleichgültig, als wären es Spielkartenblätter, die Banknoten vor. Dabei wollte sich der Wind einmischen, dieser war der Meinung, so viel Geld sollte nicht einem einzigen Menschen zufallen, und er suchte die Tausender ein wenig unter der Gesellschaft zu zerstreuen. Aber der Kampelherr beschwerte das gezählte Banknotenbüschel mit seinem Taschenmesser, daß er dem Bauern nun auch die Hunderter vorziffern konnte. Der Guldeisner nahm die Zigarre aus dem Mund, klemmte sie aber sofort wieder zwischen die Zähne; die Leute sollen sehen, daß ein Guldeisner wegen des Indensacksteckens von dreißigtausend Gulden das Tabaksfeuer nicht ausgehen läßt. Er bog den Papierbuschen mit scheinbarer Gleichgültigkeit zusammen und schob ihn in seine Brusttasche.

Da hieb ihm auf einmal der Altknecht des Reuthofers, der Luschelpeterl, die Hand auf die Achsel: „Franzel, namla wohl wahr, heut’ zahlst eins!“

„Seit wann?“ fragte der Guldeisner und wendete sich um, „seit wann sind denn wir zwei so gute Kameraden miteinand’?“

„Gute Kameradschaft ist alleweil schön. Gewiß auch“, versetzte der Knecht, „wenn ich auch frei ein bissel älter bin als du, und ein Bauernknecht, desweg bin ich nicht hochmütig und verachte niemand. Bist auch einmal wer gewesen, Franzl. Wohl wahr ist’s!“

Der Mann wußte nicht, wie ihm geschah. War er denn der Guldeisner nicht mehr, vor dem alle Altenmooser Leute Ehrerbietung oder Furcht hatten? – Er war es nicht mehr. Der Boden, auf dem er so fest und stolz gestanden, war plötzlich weggezogen unter seinen Füßen, er zappelte in der Luft. Aber er wollte zeigen, wo jetzt seine Stärke lag, nicht mehr auf dem Erdboden, sondern in der Tasche. Das Geld riß er heraus und schrie: „Steppenwirt! Das große Faß vom Besten zapf an! Die Altenmooser Leut’ sollen trinken! Trinken, so viel sie mögen! Ich zahl’ alles!“

Beugte sich nun der Sepp in der Grub vor von seinem Sitz und sagte: „Wir Altenmooser Bauern können freilich trinken, so viel wir mögen, das wissen wir. Und daß wir unsere Sach’ auch selber zahlen können, das sollst du wissen.“ Er stand auf und ging in die Stube hinein. Mehrere machten es ihm nach, darunter der Dreisam und der Luschelpeterl.

Der Dreisam sagte: „Wir brauchen den abgehausten Guldeisner nicht dazu. Das größte Faß vom Besten wird sowieso angezapft. Der Herr Waldmeister soll hereinkommen, wir wollen jetzt ein anderes Zauberstückel miteinander probieren.“

Der Waldmeister ließ nicht auf sich warten, und jetzt ging in der Stube die Geschichte mit dem Bart an.

„Wer hat den stärksten Bart?“ fragte der Wirt seine Gäste.

„Der Dreisam!“ riefen sie.

„Glaub’ nicht“, sagte der Wirt und zog einen Schlüssel aus dem Sack, „der da, denn er sperrt mit dem Bart das Kellerschloß auf.“

„Ernsterweise!“ rief der Waldmeister schnarrend und zeigte auf den Dreisam. „Der Kerl sagt, sein Bart wäre länger gewachsen, als ich an einem Tag laufen könnte. Er soll den Ausspruch wiederholen!“

„Mein Bart ist länger gewachsen, als der Herr an einem Tag laufen kann“, sagte der Dreisam und zog seinen Bart mit den Händen auseinander, daß man dessen ganze Länge und Üppigkeit sehen konnte. Hinter dem Ofen schlug eine Amsel.

„Altes Lügenmaul!“ begehrte der Waldmeister auf. „Der Rauber in Grätz hat den längsten Bart gehabt, und hat ihm der nicht weiter, als bis an die Zehen gelangt! Der Friedrich Barbarossa, liest man, hat einen übernatürlichen Bart und ist doch nicht länger, als dreimal um den steinernen Tisch gewachsen. Und so ein lumpiger Bauernfant will sich prahlen mit seinem Fuchsschweif am Kinn.“

„Schrei wie du willst“, sagte der Dreisam, „mein Bart ist halt doch länger gewachsen, als du laufen kannst in einem Tag. – Sagt einmal, Männer, wie lang trag’ ich schon den Bart?“

„Dreißig Jahr und länger“, riefen sie.

„Wie voll? Wenn man die Haar’ zählen will?“

„Die Haar’? Gewiß über zweitausend.“

„Wie lang?“

„Eine halbe Elle im Durchschnitt das Haar“, stimmten sie.

„Gut“, sagte der Dreisam und schmunzelte, „zweimal im Jahr abschneiden, macht zweitausend Ellen Haar, in dreißig Jahren sechzigtausend Ellen. Kann der Herr an einem Tage sechzigtausend Ellen weit laufen?“

Hinter dem Ofen zwitscherte ein Gimpel.

Jetzt brach das Gelächter los.

„Ja“, rief der Waldmeister, „wenn Ihr die Haare hintereinanderlegt! Ah, da glaube ich’s!“ Er lachte auch, aber sein Lachen war säuerlich. Übertölpelt! Bauernwitz! Es ließe sich – dachte er – schon was entgegnen, aber die Lümmel sind zu schlagfertig.

„Dreißig Maß, hat der Herr Waldmeister gesagt?“ fragte der Dreisam mit einer ganz niederträchtigen Geschmeidigkeit.

„Sauf dich zu tot!“ knirschte der Oberförster und verlor sich in der Menge. Der Gimpel hinter dem Ofen zwitscherte so lange, bis man dem Luschelpeterl sein Recht antat – einen guten Trunk, in welchem die Vogelstimmen denn auch bald erstickten.

Auf der Ofenbank neben dem Vogelpfeifer saß auch der Bauer Wegerer. Er hatte den Verlauf der Wette mit großer Aufmerksamkeit verfolgt, nun schüttelte er den Kopf und sagte: „Schau, schau! Hätt’ mir’s nit gedacht, daß es so ausgeht. Ist ihm rein aufgesetzt, dem Herrn Waldmeister, daß er den Wein muß zahlen.“

Bei dem Wegerer war nämlich alles „aufgesetzt“, das heißt angeboren, vorausbestimmt. Man soll sich bei dieser Anschauung nicht schlecht stehen: Man läßt alle viere gerad’ sein, oder auch krumm, läßt den Herrgott einen guten Mann sein, oder auch einen schlimmen, und hat, was auch geschehen mag, keine Pflicht und keine Schuld. Jeder Hagelschlag aufgesetzt. Jede Faulheit aufgesetzt. Als man einige Zeit vor diesem Tage dem Wegerer den feisten Widder aus der Halde gestohlen hatte, verzichtete er auf die Verfolgung des Diebes. „Dem Widder ist’s halt schon so aufgesetzt gewesen, daß er gestohlen werden muß.“

Und als vorhin die Verhandlung gewesen war zwischen dem Kampelherrn und dem Guldeisner, hatte der Wegerer zwischen der Leut’ Köpfe hingelugt und gemurmelt: „Wird er? Wird er nit?“ Und als der Guldeisner gefallen war, klatschte der Wegerer erregt in die Hände und rief: „Gedacht hab’ ich mir’s! Ist ihm schon so aufgesetzt gewesen, daß er sein Haus muß vertun!“

Dem Guldeisner war nicht behaglich. Er saß immer noch am Lindentisch, wollte sich nun aber zum Heimgang rüsten. Heimgang? Er stand auf und ging. An der Brücke blieb er stehen und tat, als ob er in den Fluß hinabschaue, was die Forellen machten. Heimgang? – Einen Holzknecht, der des Weges kam, rief er an, ob sie zwei nicht miteinander gehen wollten?

„Wahr ist’s“, sagte der Holzknecht, „haben eh’ einen Weg selbander.“ Er war geschmeichelt, daß ihn der Großbauer heute so freundlich angesprochen. Dem Großbauer aber war bange um sein Geld und darum wollte er den einsamen Weg nicht allein machen. Was war denn vorgegangen, daß er jetzt auf einmal die Furcht wahrnahm? Er war bisher alle diese Wege gegangen bei Tag und bei Nacht, daß ihn jemand anpacken und berauben könne, war ihm nie eingefallen. Den Guldeisnerhof und das weite Gelände konnte ihm keiner wegnehmen, forttragen. Und jetzt war jeder Wicht imstande, den Griff nach seinem Vermögen zu tun und ihn zum Bettler zu machen. So schwach war er geworden.

Die Unterhaltung unterwegs war einsilbig, und der Holzknecht dachte: Für deine Langweiligkeit hättest du dir just keinen Wegkameraden aufzugabeln gebraucht, die hättest du für dich allein heimtragen können. Bei dem Hofe angekommen, verabschiedete sich der Guldeisner von dem Begleiter kurz und herrisch; es wurmte ihn, daß er seiner bedurft hatte. Herrische, selbstmächtige Leute haben vor jedem Abneigung, von dem sie einmal eine Wohltat nehmen mußten; sie fühlen sich am behaglichsten bei Leuten, die sie je nach Belieben aufrichten oder niederdrücken können.

Im Guldeisnerhofe versammelte der Bauer noch an demselben Abend sein Gesinde. Er teilte den Knechten und Mägden mit, daß er den Hof verkauft habe, daß sie im Spätherbst nach eingeheimster Ernte ihren Jahrlohn erhalten würden und dann ihres Weges gehen könnten.

Die Leute schauten einander verblüfft an. Wenn der Winter kommt, sind sie obdachlos.

Müßten sich halt umsehen, war sein Rat, der Kampelherr brauche vielleicht Holzleute. Oder draußen in den Fabriken. Oder in den Lettenbacher Kohlenbergwerken. Wer arbeiten wolle, der finde überall Erwerb.

„In den Kohlenbergwerken“, sagte ihm einer der Knechte halbsingenden Tones nach. „Na, wenn der Bauernknecht über der Erden keinen Platz mehr hat, muß er halt unter die Erden hinab.“

„Schäm’ dich, Bauer!“ Dieses Wort schleuderte der zweite Knecht dem Guldeisner ins Gesicht. Dieser bäumte sich auf und warf dem Frechen einen finsterstolzen, drohenden Blick zu, einen Blick, der sonst die Keckheit und Widerhaarigkeit des Gesindes, wenn sie sich doch einmal herfürtat, sofort in den Grund zu bohren pflegte. Heute lachten sie ihm ins Gesicht. Die Knechte hatten besser lachen, als die Mägde.

Ärgerlich zog der Bauer sich in sein Zimmer zurück. Aber als er hinter sich die Tür zuschlagen wollte, klemmte sich ein Ellbogen dazwischen. Die Küchenmagd folgte ihm in die Stube und fragte, ob sie auch unter die Holzschläger oder Bergknappen gehen müsse?

„He, he“, lachte er überlaut, „ist eh’ in Altenmoos auch noch schön.“

„Was soll denn geschehen mit mir?“ fragte sie mit einer Stimme, die vor innerer Erregung heiser und tonlos war.

„Sepherl!“ entgegnete der Bauer geschmeidig und drückte ihr die Hand. „Laß heute die Küchentür offen, ehevor du schlafen tust, wir wollen noch reden davon.“

Spät abends, während die beiden in der Küche davon redeten, lehnte im Stalle am Futterbarren die Kuhdirn und schluchzte: „Dieser Guldeisnerhof ist mein Verderben.“

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
392 s. 5 illüstrasyon
ISBN:
9783990404843
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