Kitabı oku: «Lust aufs Alter», sayfa 4

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Wie eine Studie kürzlich herausgefunden hat, lebt man durch regelmäßige Bewegung im besten Fall zwei Jahre länger, verbraucht aber für diesen Gewinn vier Jahre an Zeit – diese Art der Lebensverlängerung ist also keine wirkliche Verlängerung, das wissen wir. Allerdings haben wir bis dahin eine schönere Zeit. Ebenso wissen wir beide, dass diese zwei Lebensjahre, die ans Ende angehängt werden, nicht die besten sein werden, so dass wir uns nicht sicher sind, ob wir sie erleben wollen.

Und doch, Sie sollen an Ihre Grenzen gehen, um von den schrecklichsten der Altersleiden so lange wie möglich verschont zu bleiben: der Ängstlich- und Furchtsamkeit. Aggressionen gegenüber der Jugend und Ärger über sich selbst, der sich dann manchmal als Fremdenfeindlichkeit oder nörgelnde Verdammung von Neuerungen zu erkennen gibt oder in einer anderen Form zutage tritt, die ihrem Wesen oder ihren Vorerfahrungen entspricht. Nur wenn Sie sich erproben, nur wenn Sie wissen, wie weit Sie gehen können, werden Sie sich spüren, sich erleben und neue Erfahrungen machen.

Als ich meine jährliche Gesundenuntersuchung im Herbst hatte, war das Auto leider nicht in Graz geblieben. Ich hatte es in Wien abgestellt und nicht wieder abgeholt. Meine Kinder wollten es mir bringen, taten es aber nicht. Es war der warme Herbst 2014, die Zeitung voll mit Ankündigungen einer Klimakatastrophe. Ein Vespa-Roller stand in der Garage. Fast neu. Die letzte Erwerbung meines Sohnes, bevor er nach Israel ging. In meiner Jugend assoziierte ich mit Mopedfahren unbegrenzte Freiheit. Leider stürzte ich oft. Gezählte einundzwanzig Mal. Immer ohne Folgen, sogar, als es mich über die Kühlerhaube eines Pkws, die in die Kreuzung hineinragte, schleuderte. Ich krümmte mich zusammen und rollte wie eine Kugel ab. Nun sagte mir ein Freund, dass er das Mopedfahren aufgegeben hätte, weil, wie er sagte, „die Straße im Alter härter“ wird. Ich wollte aber zur Gesundenuntersuchung und war zu faul für das Fahrrad, zu geizig für das Taxi und zu hochmütig für die Straßenbahn, aber nicht feig genug für das Moped. Also – richtig – stieg ich aufs Moped, rollte die steile Straße vorm Haus hinunter und kam mit einem tollen Triumphgefühl an. Das Moped wurde danach für zwei Wochen mein Transportmedium: ob es sich um Einkaufen für die Familie handelte oder darum, meinen Sohn zur Bahn zu bringen – das Moped und ich konnten täglich mehr. Als mein Ältester sagte: „Wieso fährst eigentlich du? Das ist doch eine Verkehrung der Dinge!“, war ich stolz.

Gehen Sie an Ihre Grenzen, erst dort sehen Sie, was Sie können. Und es wird Sie stolz machen!

Gehen Sie zu Ärzten, sie helfen Ihnen

Es gibt Menschen wie mich, die gehen gern zu Ärzten. Einfach, weil sie von ihnen Hilfe erwarten und bekommen. Ebenso, weil sie gern manchen Krankheiten vorbeugen. Zahnausfall zum Beispiel. Deshalb gehen sie regelmäßig zur Zahnpflege. Sicher, die Zahnpflege ist nicht alles. Aber sie fördert den Kontakt zum Zahnarzt und jede Zahnpflegerin wird ein Löchlein, das sie entdeckt, Ihnen und dem Arzt melden und so weitere Schäden verhindern helfen.

Ebenso ist es mit den anderen Untersuchungen. Sicher, eine Darmspiegelung ab dem fünfzigsten Lebensjahr alle fünf Jahre einmal wird Darmkrebs nicht verhindern, aber sie ist die einzige Chance auf Früherkennung und -behandlung. Diese Liste könnte fast unendlich fortgesetzt werden. Jede Vorsorgeuntersuchung, jeder Kontakt mit dem medizinischen System birgt natürlich auch die Gefahr einer Überdiagnose in sich, aber wahrscheinlicher ist, dass man eine entstehende Krankheit früh abfängt, so dass sie noch heilbar ist. Gegen die Gefahren der Überdiagnose kann man sich leicht schützen: Kündigen Sie Ihre Zusatzversicherung! Erstens wird Ihnen die Versicherung sehr dankbar sein, denn Sie sind ein schlechtes Risiko geworden. Am liebsten hatte die Versicherung Sie, als Sie jung waren und daher gesund. Jetzt steigt täglich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie die Versicherung in Anspruch nehmen werden. Das ist für den Profit der Versicherung schlecht. Daher werden Sie Ihre Kündigung widerspruchslos annehmen. Somit verführen Sie dann Ärzte und Ärztinnen nicht, sie aus niedrigen Motiven zu behandeln. Nicht Geld ist dann das Interesse der Mediziner, sondern ausschließlich der Wunsch, Ihnen zu helfen. Machen Sie also den für Sie guten Schritt und legen Sie sich in ein Mehrbettzimmer. Wenn Sie eine künstliche Hüfte brauchen, sind Sie dann zwar auf der Warteliste, werden aber von dem operiert, der es täglich tut, und müssen nicht einmal Danke sage. Wenn Sie dann doch Geld für Gesundheit ausgeben müssen, nehmen Sie das, das Sie sich an Zusatzversicherung erspart haben, und geben Sie es den Ärzten Ihrer Wahl.

Und dann: Haben Sie ein wenig, aber nicht zu viel Vertrauen. Der Arzt kann Sie verwechseln, inkompetent sein oder er ist einfach innerlich mit anderem beschäftigt. Daher überprüfen Sie die Empfehlungen, lesen Sie Beipacktexte, überlegen Sie selbst Vor- und Nachteile der Verschreibungen und Empfehlungen, vergleichen Sie diese mit Ihrem Lebenskonzept und schauen Sie, ob das alles zusammenpasst. Nehmen Sie zum Beispiel Tabletten gegen Bluthochdruck, sofern Sie noch Freude an Sex haben, nur mit Vorsicht, manche haben nämlich als Nebenwirkung Potenzstörungen. Überdies ist Bluthochdruck an sich keine Erkrankung, Sie nehmen die Tabletten vorsorglich, um Nachfolgeerkrankungen zu verhindern. Denken Sie über Medikamente nach, die den Fettstoffwechsel beeinflussen. Ab einem gewissen Alter kommt die Vorsorge gegen Arterienverkalkung zu spät. Überdies wird von diesen Medikamenten die Wahrscheinlichkeit, an Diabetes mellitus zu erkranken, größer. Besprechen Sie Risiken mit Ihrem Arzt und treffen Sie dann eine gemeinsame Entscheidung. Seien Sie offen, lügen Sie Ihren Arzt nicht an und schenken Sie ihm das Vertrauen, das er braucht, um Sie gut behandeln zu können. Denken Sie aber auch daran: Jeder Arzt ist geneigt, Ihnen ein Rezept zu geben. Wenn Sie schon Medikamente einnehmen, kann es sein, dass die Wechselwirkungen nur mehr schwer zu überblicken sind. Achten Sie darauf, besprechen Sie das mit Ihrem Arzt und erinnern Sie sich an die Mathematik Ihrer Schulzeit: Gleichungen mit mehr als drei Unbekannten sind fast unlösbar. Daher sollten Sie wahrscheinlich nicht mehr als drei unterschiedliche Medikamente einnehmen.

Legen Sie sich nur ein Mal wirklich ins Bett – zum Sterben

„Im Bett sterbn d’ Leut“, sagt der Volksmund. Das stimmt. Sie brauchen das Bett zum Schlafen, sonst nicht. Weder werden grippale Infekte erträglicher oder heilen mit weniger Nebenwirkungen ab, wenn Sie im Bett liegen, noch wird eine Herzkrankheit vom Liegen besser. Das Bett ist gut zum (Bei-)Schlafen und für sonst nichts. Sicher, Sie sollen ein gutes Bett haben, denn im Bett und in den Schuhen verbringt man sein ganzes Leben – sagt ein Sprichwort. Daher müssen beide so gut wie möglich sein. Aber sonst meiden Sie das Bett, besonders wenn sie schon älter sind. Es macht Sie eher krank als gesund. Von der Entwicklung von Blutgerinnseln über allgemeine Schwäche bis zur empfundenen Schlafstörung – all das entsteht im Bett. Es wird Ihr Begleiter, wenn es dann so weit ist. Bis dahin ist es von Schaden. Das wussten die Menschen immer schon. Deshalb machten sie das Bett zwar weich und warm, aber sie stellten es in den dunklen Räumen auf, verhängten die Fenster und heizten den Raum oft nicht. All das, um die Anziehung des Bettes zu verringern und dessen Benützung auf die Nacht zu konzentrieren. Nehmen Sie das als Richtschnur. Wenn Sie das Bett brauchen, dann benützen Sie es. Ich warne aber vor der Idee, das Bett zu „hüten“. Das Bett hütet sich selbst. Es zieht Sie nur an, wenn Sie sich vor der Welt verstecken wollen oder weil Sie traurig sind oder weil es Ihnen bequem ist. Für Bequemlichkeit ist im Alter wenig Platz. Denken Sie immer daran, dass Sie – selbst wenn Sie römisch-katholischen Glaubens13 sind – die Ewigkeit haben, um sich auszuruhen. Das muss doch genügen. Die wenigen Stunden, die Sie auf Erden haben, sollten Sie sich nicht allzu viel ausruhen. Bleiben Sie in Bewegung, denken Sie an andere, achten Sie moderat auf Ihre Gesundheit, aber meiden Sie das Bett. Es darf ruhig einen Morgen geben, an dem Sie sich einen Morgenschlaf gönnen, zum Beispiel nach dem Sport, aber an sich reicht das. Je stärker es Sie anzieht, desto mehr gehen Sie in die andere Richtung! Vermeiden statt aufsuchen, weggehen statt hüten, wachen statt schlafen – das ist die Devise.

Lebensführung

Im Kurier, einer der größten österreichischen Tageszeitungen, erschien am 1. Februar 2015 ein Artikel mit dem Titel: „Die 5-L-Formel: Einfach gesund“. Der renommierte Altersforscher Georg Wick14 zeigt darin Strategien für ein besseres Leben auf.

Zehn bis fünfzehn Jahre, so heißt es im Bericht, könne man sein Leben verlängern. Die Ingredienzien dieses Rezepts sind: Leben (bewusst auf sich achten), Laufen (als Synonym für einen aktiven Lebensstil), Lernen (nicht nur in der Schule), Lachen (eine positive Grundeinstellung) und Lieben (nicht nur den Partner). Klingt gut, ist aber sicher für viele nicht ganz leicht umzusetzen. Aber: Alles, was man davon beherzigt, hilft. Wick erzählt, dass seine Mama achtundneunzig Jahre alt geworden ist, was ihm „gute“ Gene verheißt. Er behauptet aber, dass nur dreißig Prozent durch die Gene bestimmt seien. Das macht das Verkaufen seiner Ideen natürlich leichter, ob es stimmt, kann man nicht so genau sagen. Er jedenfalls wird alt und älter. Liegt es nun an seiner Lebensführung oder an den Genen? Eher, so meint man heute, an den Genen.

Die Ansicht, dass man arbeiten soll, um gesund zu bleiben, bis man es nicht mehr kann, ist strittig. Es hängt vom Beruf ab und von den eigenen Möglichkeiten. Unumstritten scheint, dass es falsch ist, Geistesarbeiter in Pension zu schicken. Kein Land, das erfolgreich ist, macht das. US-amerikanische Präsidenten bleiben selbstverständlich im Dienste der amerikanischen Diplomatie; emeritierte Professoren der besten europäischen technischen Universität, der ETH Zürich, bleiben, wenn sie es wollen, der Forschung, Beratung und Lehre bis ins hohe Alter erhalten; sie geben den jungen Forschern Ratschläge, edieren wissenschaftliche Journale und halten Vorträge in aller Welt. Natürlich sollte auch der Geistesarbeiter den Moment erkennen, an dem er die Weiterentwicklung der Forschung zu behindern beginnt. Er sollte wissen, wann er sich ausschließlich zu wiederholen beginnt und die Ideen der Jugend abzulehnen anfängt, oft einfach deshalb, weil er sie nicht mehr versteht. Rudolf Virchow (1821 – 1902) war so ein Mann: Seine Zellularpathologie hatte die Entwicklung seines Faches beflügelt, seine Mikroskopie zu großem Fortschritt beigetragen, wie man in dem ihm gewidmeten Museum an der Charité in Berlin sehen kann. Seine Ablehnung der Keimtheorie, die besagt, dass Bakterien und Viren Krankheiten auslösen, behinderte aber den Fortschritt, dem er sich mit seiner Macht als Geheimrat vehement entgegenstellte. Die sich daraus ergebende Feindschaft gegenüber dem Entdecker des Tuberkelbazillus, Robert Koch (1843 – 1910), hat ihn nicht nur lächerlich gemacht, sondern eine positive Entwicklung behindert.

Einzelfälle, die nicht ins Gewicht fallen, sind zum Beispiel der italienische Präsident Giorgio Napolitano (* 1925), der erst mit neunzig in Pension gegangen ist, der Papst und allenfalls mein Schwiegervater Jack David Dunitz (* 1923), Emeritus der ETH Zürich.

Jeden der Ratschläge von Wick sollte man befolgen. Aber nicht, um sein Leben zu verlängern, sondern um es währenddessen schöner zu haben. Die Zeit, wo noch vieles geht und möglich ist, muss man nützen. Jack Lemmon und Walter Matthau haben in drei Filmen (z. B. „Ein verrücktes Paar“, 1993) darüber „diskutiert“: Es sind immer zwei „Alte“, die miteinander streiten, sich versöhnen, sich verlieben und aus dem Leben noch etwas machen – oder eben nicht. Berührend ist der Auftritt von Jack Lemmons „Vater“, der auf die Frage seines Sohnes, ob er sich noch einmal auf eine Liebe einlassen soll, etwa so antwortet: „Wann denn, wenn nicht jetzt? Du kannst nichts nachholen!“

Es muss keine schwere Erkrankung kommen, um sich bewusst zu sein, wie es um einen steht. Man muss keinen Herzinfarkt haben oder Krebs, um zu wissen, dass das Leben endlich und vermutlich bald vorbei ist. Statistiken, der Blick auf die Geburtsurkunde und in die eigene Seele reichen völlig. Erinnerungen können dabei helfen: Wann sind meine Großeltern gestorben? Wie sehe ich aus der Sicht meiner Enkel aus? Welche Einschränkungen habe ich bereits? All das gibt ausreichend Auskunft über das unaufhaltsame Nachlassen der Kräfte und den baldigen Tod.

„Ein kleiner Kommentar gegen das Aufkommen von Reue wäre hilfreich, wenn man darüber nachzudenken beginnt, was man schon früher hätte machen müssen, was Reue impliziert, die sicher nicht gesund ist“, sagt mein Sohn Aaron, nachdem er mein Manuskript gelesen hat. Recht hat er. Nachholen geht nicht, das Leben bewegt sich vorwärts. Was versäumt ist, ist versäumt. Besser jetzt keine Zeit mit Wehmut und Trauer über die verlorenen Stunden vergeuden, sie werden nur, wie bei einer schlechten Investition, dem schon Verlorenen nachgeworfen und verhindern, dass man noch ein wenig Freude hat.

Ergreifen Sie die Ratschläge von Wick. Vielleicht verlängern sie das Leben, vielleicht aber machen sie auch nur den verbleibenden Teil besser. Sicher, man hätte vielleicht schon früher damit beginnen können: Lebenslanges Lernen fängt schon in der Schule an. Es ist die Einstellung zum Lernen, die es spannend und erfreulich erscheinen lässt. Intrinsische Motivation eben, lernen macht Spaß. So scheint es Wick ergangen zu sein, deshalb hat er Schüler herangebildet, Neues gelernt und seinen Beitrag geleistet. Diese Einstellung verlässt einen im Alter nicht. Selbst wenn man seine Interessen ändert, wie der kürzlich verstorbene Erfinder der Pille und erste Hersteller des Cortisons Carl Djerassi (1923 – 2015), und zum Beispiel Dichter und Kunstsammler wird, hat man immer noch dieselbe Einstellung zum Leben und zum Lernen. „So wenig Zeit und noch so viel zu tun!“, sagte Djerassi gern und zitierte dabei Gustav Klimt, von dem er Bilder in aller Welt kaufte. Dann schenkte er seine Sammlungen der Albertina Wien und dem Museum of Modern Art in New York und wurde sogar noch zum Benefaktor. Nun ist er tot, aber sein Geist lebt in seinen Entdeckungen, seinen Büchern und seinen Kunstsammlungen weiter. Wahrnehmen und einen Beitrag leisten macht das Leben schöner. Dann ist es vielleicht nicht so wichtig, wie lang es dauert.

Daher noch ein paar Bemerkungen zu den anderen Ratschlägen:

Leben heißt, dass man achtsam mit sich umgeht. Leben heißt, dass man sich gern hat, dass man sich mit Freude nach dem Baden eincremt, weil die Haut im Alter weniger Fett produziert, oder sich schön anzieht, weil man dann besser aussieht. Es heißt auch, dass man gern gut isst und meistens nicht mehr, als man verträgt. Das macht jeden Tag Spaß und muss nicht damit begründet werden, dass man dadurch sein Leben verlängert. Ich erinnere mich an eine Studie, in der die Vorteile der exakten Einstellung der Zuckerkrankheit ermittelt wurden. Die Vorteile der Reduzierung der Folgeerkrankungen des Diabetes mellitus wurden durch die damit einhergehende höhere Frequenz der Hypoglykämien mehr als aufgehoben. Die durch Unterzuckerung ausgelösten epileptischen Anfälle führten zu weit mehr Todesfällen, als es eine schlechte Einstellung zur Folge gehabt hätte. Den Zuckerkranken machte die strenge Einstellung keine Freude. Sie mussten sich bis zu sechsmal am Tag stechen, danach Insulin spritzen und erreichten doch keinen der Funktion der gesunden Bauchspeicheldrüse ähnlichen Verlauf des Blutzuckers. Das ist für mich ein Beispiel für eine optimale medizinische Versorgung, die leider für den Kranken einen nachteiligen Effekt hat.

Ob man nun Diabetiker ist oder einfach nur älter wird: Bewegung hilft in jedem Fall. Und das in zweierlei Hinsicht. Einerseits ist man hier und heute beweglicher, als man es morgen sein wird, und noch zu Aktivitäten fähig, die einem sonst verschlossen bleiben. Im Winter 2015 habe ich beim Skifahren viele ältere Menschen gesehen, die sich und andere gefährdeten. Einfach deshalb, weil die Technik noch in den körpereigenen Reflexen gespeichert war, aber die Durchführung der an sich richtigen Bewegungen bei schwierigeren Passagen, bei steileren Hängen nicht mehr funktionierte. Sie hatten nicht genügend Muskelkraft, nicht genügend Beweglichkeit, und so geriet die Bewegung schwach und die Skier gehorchten ihnen nicht. Stürze, Unfälle waren die Folge. Rudolf Hundstorfer (* 1951), von 2008 bis 2016 österreichischer Sozialminister, der einen sehr guten Job machte, ist ein Beispiel dafür. Die Arbeit ließ ihm wenig Zeit zum Training und er hat vielleicht auch vergessen, in der Zeit vor dem Skiurlaub zu trainieren. So kam es, dass er stürzte und sich das Becken brach.

Ich schlage vor, dass jeder einen Berg in seiner Nähe bezwingt oder eine halbe Stunde läuft oder eine vergleichbare Aktivität unternimmt, bevor er einen Skilift besteigt, um sicherzustellen, dass er körperlich fit ist. (Motto: „Fahr nur einen Berg hinab, den du auch hinaufgehen kannst!“) Gelingt diese Anstrengung mühelos, wird man auch die viel härteren Bedingungen auf der Piste bewältigen. Denn dort kommen hinzu: das neue Material, die schweren Schuhe, die Kälte und nicht zuletzt die Höhe. Diese Belastungen, vielleicht noch in Kombination mit Brillen, die sich beschlagen, schlechter Sicht durch Nebel oder Wolken, erhöhter UV-Strahlung und eventuell etwas Alkohol, der in der Skihütte konsumiert wurde, sind da noch nicht berücksichtigt. Aber wenn man sieht, wie schwer ältere Menschen nach einem Sturz aufstehen oder welche Probleme es ihnen macht, einige Schritte mit Skiern den Hang hinaufzugehen, wenn sie sich verfahren haben, dann kann man den Grad der Notwendigkeit einer guten Vorbereitung ermessen. Also: Regelmäßiges Ausdauertraining hilft, vor allem, wenn man sich in der Natur bewegen will.

Es ist auch förderlich, wenn man sich Partner dafür findet. Nichts ist so motivierend wie eine Partnerschaft am Berg oder im Tal. Allein nimmt die Motivation schnell ab und nach wenigen Trainingseinheiten wird man faul und müde. Jemandem verpflichtet sein, hinter ihm/ihr hergehen oder sie/ihn überholen, hilft. Ob es dabei unbedingt der Lebenspartner sein muss, sei dahingestellt. Viele Ehepartner sind über die Performance des anderen nicht erfreut, schimpfen dann aufeinander und statt Ausdauersport wird üble Beziehungsarbeit geleistet. Das soll nicht sein.

In einer Hütte auf der Mugl bei Niklasdorf in der Nähe von Bruck an der Mur trifft ein Ehepaar mit Tourenskiern ein. Sie kommen in die Hütte. Beide haben ein Aufspürgerät, für den Fall, dass jemand in eine Lawine gerät, der Mann außerdem eine Pulsuhr, sie sind perfekt ausgerüstet. Mein Freund und ich essen Eierspeise und Käsekrainer. Der Hund meines Freundes liegt unterm Tisch. Der Geruch erfüllt den warmen Hüttenraum, der Wirt bringt Bier und sogar noch eine zweite Wurst, weil sowohl ich als auch der Hund diese gerne und mit Genuss essen. Das Ehepaar am Nachbartisch bestellt gegen den Rat des Wirts Spinatschafkäsestrudel mit Salat. Dazu trinkt der Mann alkoholfreies Bier. Der Wirt sagte, dass er Spinat nicht leiden könne, weshalb er dieses Gericht, das bei seinen Gästen sehr beliebt ist, bei seiner Frau nur mit dem Namen „Was Grausliches!“ bestellt. Das hält das Ehepaar von der Bestellung nicht ab. Als der Strudel, der im Mikrowellenherd gewärmt wurde, serviert wird, ist schnell klar: Die Frau isst ihn gern, der Mann hingegen quält sich damit ab und schaut immer wieder zu uns und unserer Wurst herüber. Mir scheint, dass er sogar den Hund beneidet, der zwei Drittel der Wurst in kleine Stücke geschnitten bekommt, die er mit Genuss verschlingt. Das Ehepaar spricht während des Essens nicht, die Frau trinkt zwei Mal je einen halben Liter Apfelsaft mit Wasser verdünnt, der Mann bleibt bei seinem alkoholfreien Weizenbier.

Solche Sportpartnerschaften machen traurig. Meinem zehn Jahre älteren Bergkameraden ist es ziemlich egal, was ich esse, oft freut er sich aber, etwas abzubekommen, weil er selbst selten etwas bestellt. Da ich zur Eierspeise Butter und Marmelade ordere, nimmt er zur Wurst gerne von der Butter aufs Brot und als süßen Abschluss ein kleines Stück Brot mit Marmelade. Er ist ein wahrer Gentleman. Er würde nie eine Essensbestellung meinerseits mit dem Hinweis kommentieren, dass diese im Widerspruch zu meinem Wunsch stünde, abnehmen zu wollen. Er sieht zwar, dass ich keinen Gürtel mehr brauche, um die Hose an ihrem Platz zu halten, aber einen Kommentar dazu wird man von ihm nie hören. Ginge ich mit meiner Frau, ich könnte nicht garantieren, dass ich oder sie nicht die eine oder andere Bemerkung fallen ließen. So wird es auch bei den Nachbarn im Speiseraum der Hütte sein: Jeder würde das Essen des anderen kommentieren, und so essen sie das Gleiche, womöglich traut sich der Mann gar nicht, etwas anderes als seine Frau zu bestellen. Das ist kein Genuss, sondern Terror. Dementsprechend telefoniert der Mann auch während der kleinen Mahlzeit. Was keinen Spaß macht, kann ruhig unterbrochen werden.

Das bringt uns zum Lachen. Ja, lachen – das ist immer gut. Das gesamte Leben wird leichter, wenn man sich selbst nicht ernst nimmt und über sich lachen kann. Weil man seiner Umgebung mit Freude begegnet und sich selbst durch Humor und Reflexion das Leben erträglicher macht. Die Voraussetzung dazu ist, dass man wenig ernst nimmt. Das ist ziemlich einfach, weiß man doch, dass alles, was man heute ernst nimmt, morgen schon unwichtig ist. Dass alles, was man macht, bald durch den Tod relativiert wird und dass selbst eine simple Krankheit vieles abschwächt. Dazu kommt, dass der Mensch zwar die grundlegenden Fragen nach dem Woher, dem Warum und dem Wozu stellt, aber nicht beantworten kann. Diese Unfähigkeit, die das Schicksal des Menschen ist, zwingt uns zum Lachen. Wie kann man sich nur ernst nehmen? Kränkungen ergeben sich schnell. Das beginnt im Kleinen, wenn der fröhliche Pensionist zum Beispiel Wäsche aufhängt und die Frau die Art des Aufhängens kritisiert. Dann hört der kluge Mann auf, Wäsche aufzuhängen. Oder im so genannten Großen hat das zur Folge, dass man in Zeiten fallender Zinsen, wo man für Geld, das man auf der Bank hat, sogar noch zahlen soll, Angst bekommt, ja sogar Angst zu verhungern. Wenn sich der Pensionist sozial engagiert oder in kleinen Vereinen mitmacht, dann hoffentlich immer mit innerem Abstand, mit lichter Distanz, die es ihm ermöglicht, Freude zu empfinden und nicht leicht gekränkt zu sein. Denn die einfachsten Umstände können zur Kränkung führen: Nichtbeachtung von Vorschlägen; Berücksichtigung anderer statt ihm; zuletzt sogar eine Abwahl, die er nicht wollte. Es ist doch wunderbar, wenn andere es anders machen. Es ist fein, wenn andere etwas besser wissen und danach handeln. Es ist gut, wenn man wieder in die zweite Reihe treten und zuschauen kann, wie andere es machen. Das alles muss und soll doch nicht kränken. Nehmen Sie sich nicht so wichtig. Es war doch eine Tätigkeit, die nicht unbedingt gebraucht wurde, ob es im Kegelverein oder bei den Rotariern war. Jeder soll einmal Obmann sein dürfen, seine Ideen einbringen, und die Tatsache, dass man selbst ersetzbar ist, kann einen nun wirklich nicht mehr überraschen. Daher: Genießen Sie, solange es geht, lassen Sie leichten Herzens los und erfreuen Sie sich an der Weiterentwicklung der Sache.

Das führt unmittelbar zum vierten Punkt von G. Wick: der Liebe. Diese soll und muss nicht mehr ausschließlich sexuell, sondern umfassender verstanden werden. Sie bezieht sich nun auf die immer weiter wachsende Familie, auf die Kinder und Kindeskinder, deren Partner und nicht zuletzt auch auf Freunde und Bekannte.

Wer geliebt werden will, „sollte“ selbst lieben. Und bekanntermaßen so, wie es die Bibel vorschlägt: den anderen wie sich selbst. Das klingt einfacher, als es ist. Denn man ist weder schöner noch attraktiver noch agiler geworden. In der Tat zerstreiten sich manche Menschen im Alter mit sich selbst. Sie mögen sich so, wie sie sind, immer weniger. Bisweilen haben sie nie ihren Frieden mit sich gemacht und diese innere Zerrissenheit wurde nur von Arbeit oder Partnerschaftsproblemen überdeckt. Jetzt, da sie gesellschaftlich gestorben sind, jetzt, da sie sozial unnötig sind, deckt nichts mehr die Selbstaggression, das Auf-sichböse-Sein zu. Stattdessen wird die Selbstaggression sichtbar. Symptome dessen können sein: (Selbst-)Verwahrlosung, mangelnde Pflege, Griesgrämigkeit, starker Wunsch, gebraucht zu werden, Pessimismus und Zorn auf die Welt.

Es wird oft gesagt, dass man alte Menschen nicht mehr ändern kann, was so nicht stimmt15. In Krisen und unter Druck ändern sich Menschen oder sie brechen. Mit sich selbst Frieden zu machen, sich zu verzeihen, dass man so ist, wie man ist, lässt einen für sich und dann für andere erträglicher werden. Denn solange man sich böse ist, wird man andere eher be- und verurteilen. Hat man selbst eine bescheidene Karriere gemacht und ist damit unzufrieden, wird man von seinem Sohn oder der Tochter gesellschaftlichen Aufstieg verlangen; leidet man unter seinem sozial wenig verträglichen Wesen, wird man entweder noch unverträglicher oder man verlangt von anderen ein Entgegenkommen, das man selbst nicht anbietet. In Summe geht es darum, mit sich selbst auszukommen, jetzt, da die Ablenkungen weniger werden und die Anforderungen geringer.

Es mag überraschen, dass man das völlig selbst in der Hand hat. Niemand braucht einem dreinzureden, niemand muss einem helfen oder kann einen behindern. Man geht in die Natur, setzt sich auf eine Bank und freut sich, dass man die blühenden Bäume des Frühlings sieht, weiß, dass man nicht mehr viele Frühlinge sehen wird, und lacht, wenn kleine Kinder lachen. Dann kommt man fröhlich nach Hause. Jeder ist froh, die Frau, die Kinder, die Freunde. Das andere, leider häufig gelebte Modell sieht so aus: Man sitzt im Garten, ärgert sich über die Hunde, die ihre Notdurft verrichten, findet die Kinder zu laut und schlecht erzogen, ärgert sich über den Staub, der von den Bäumen fällt – im Schatten ist einem zu kalt, in der Sonne zu heiß. Man kommt übellaunig nach Hause, vom Spazierengehen schmerzen die Glieder, das angebotene Essen wird widerwillig an- und eingenommen, es wird geschimpft und Anrufe werden nicht getätigt bzw. nicht angenommen. Man ist allein, die Stimmung ist schlecht und bei einem Arztbesuch, der mit langer Wartezeit und Ärger verbunden war, bekommt man Antidepressiva verschrieben, die man aber nicht nimmt, weil man ja nicht geisteskrank ist. So könnte man im eigenen Saft schmoren, über die anderen im Stillen schimpfen und eine doch recht stabile Pseudobalance finden.

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22 aralık 2023
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