Kitabı oku: «Ein Grund zum Bleiben»

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Peter Seeberg

Ein Grund zum Bleiben

Saga

Ein Grund zum BleibenOriginaltitel: Hyrder Übersetzt von Walter Baumgartner opyright © 1972, 2019 Peter Seeberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711512647

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

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Absprache mit SAGA Egmont gestattet.

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Laubhütte

Als Leo Gray an jenem frühen Februarmorgen aus Tauben hinausfuhr, fragte er sich, weshalb er überhaupt fortgefahren sei, wo es doch so gute Gründe zum Bleiben gab. Er war betrübt, er war glücklich gewesen. Er fuhr allein. Er war mit jemandem zusammengewesen, den er mochte, den er stets mögen würde. Aber nicht dauernd um sich haben. Das Glück nagt Wunden, die im Verborgenen heilen müssen.

Die Vorortstraßen waren miserabel, das alte Kopfsteinpflaster schaute durch unzählige Löcher durch. Schaukelnd und spritzend ging es durch Pfützen, einzelne Motorradfahrer bildeten eine ständige Gefahr, wenn sie im dunklen Regenumhang aus den Lücken in den Hecken bogen und die Fahrbahn überquerten, auf dem Weg zur Stadt, zur Arbeit.

Die Milchwagen hielten vor den Molkereien, in den halbdunklen Bäckereien legten Frauen Brote auf die Regale und ins Fenster; die Busse jagten von Haltestelle zu Haltestelle, halb besetzt mit Menschen, die aussahen, als wären sie auf Holz gemalt, aufrecht, leidend, ohne Morgenzeitung.

Endlich schob die Autobahn einen breiten, schwarzen Zubringer in die Stadt hinein, und er konnte sich durch ein paar Kurven zum zukünftigen Weltwunder dieser Gegend hinaufschrauben, das später einmal eine Reihe von Industriezentren miteinander verbinden sollte. Dort draußen wurde die gelbe Vorortbeleuchtung von der Dunkelheit des frühen Morgens und von den Nebelfetzen abgelöst, die wie aneinandergereihte gotische Gewölbe auf das Fahrzeug zurollten, später, bei höherer Geschwindigkeit, wie die berühmten bandgeometrischen Figuren. Er versuchte, dem Phänomen mit den Scheinwerfern beizukommen, aber das nützte nichts. Er mußte langsamer fahren. Er mußte versuchen, ruhig zu bleiben.

Ab und zu wurde er von selbstsicheren Fahrern überholt, die den Blick starr geradeaus in den Nebel gerichtet hielten, in der Gewißheit, so vor Überraschungen gefeit zu sein.

Leo dachte an die Zukunft. Sie war nicht lang. Sie umfaßte, was ihn betraf, höchstens vierundzwanzig Stunden, im besten Fall zwei Tage. Darüber hinaus schien ihm die Zukunft eine Reihe von Stationen, zu denen man eine Verbindung herstellen mußte, solange man noch nicht in ihrer Nähe trieb. Er würde sich erst einmal krank melden, sobald er nach Hause kam, dann würde er im Kamin Feuer machen und sich den Morgenrock anziehen, schließlich würde er sich aufs Sofa legen und dem Glück auf die Spur kommen. Er würde sich das Vergnügen gönnen, die kleine Geschichte vom Tambour zu Arcole zu lesen – wieder einmal –, wo der Junge mitten in der Schlacht mit seiner Trommel durch den Fluß schwimmt, die Österreicher umgeht und dann lostrommelt, so daß sie glauben müssen, die Franzosen seien nicht nur vor, sondern auch hinter ihnen, und flüchten. Eine gute Idee, einfach eine gute Idee. Sein ganzes Leben lang erzählte der Tambour diese Geschichte, jedesmal mit ein wenig veränderten Einzelheiten.

Später würde er Rosa anrufen und sich entschuldigen. Er könne heute nicht kommen und seinen Zahn behandeln lassen. Er bitte sie, statt dessen ihn zu besuchen. Er vermisse sie. Doch sie sollte nur kurze Zeit bleiben, denn er wollte einmal einen Abend allein verbringen. Und wenn Viola plötzlich nach Hause kam? Dann mußte er eben die nächste Gelegenheit abwarten.

Leo dachte an die Vergangenheit. Die ließ sich genau umreißen. Sie war kurz, aber reich, und sie hatte ganz sicher vor zwei Tagen begonnen. Alles, was davor lag, waren Voraussetzungen.

Vorgestern, dachte er, das war dieser Februartag, an dem sich die Sonne wie eine Schußwunde am Himmel gezeigt hatte, höchstens eine halbe Stunde. Er war im Dunkeln aufgestanden, hatte das Kaminfeuer angezündet, den Frühstückskaffee gekocht, sich in die Stube gesetzt und angefangen, ein Buch zu lesen. Um diese Zeit konnte er unbegrenzt und unsichtbar mit den Menschen verkehren. Dachte er morgens an eine Frau, würde sich ihr Mann nicht einmal im Bett umdrehen, doch um den Mund der Frau würde ein hübsches Lächeln spielen. Er sprach auch mit seinen alten, fernen Freunden – alle Freunde sind fern. Morgens fiel es ihnen plötzlich leichter, sich zu vertragen. Es war, als eilten sie durch eine Stadt über die ein Ausgangsverbot verhängt war, und hätten keine Zeit zu verlieren.

Die Morgenstunde war vorgerückt. Er hatte die Glut im Kamin zusammengeschoben und seinen Kaffee getrunken, er hatte gelesen, mit vielen Unterbrechungen, wenn ihn ein Gedanke gefangennahm. Als es dämmerte, hatte sich der Himmel ein wenig aufgehellt. Es war kälter geworden, und die Nebelfetzen hatten sich zusammengezogen wie eine zornige Augenbraue. Die Sonne war hervorgekrochen, ohne daß er es bemerkte. Sie hatte plötzlich über der Fernsehantenne von Matthäus gestanden und so fremd ausgesehen, daß er hinaus auf die Terrasse gegangen war, um sie zu betrachten. Je höher sie stieg, desto dichter wurde der Nebel. Das hatte er deutlich feststellen können. Eine halbe Stunde lang war es möglich gewesen, das Wohnviertel zu betrachten. Die Autos rollten mit gezogener Starterklappe davon, und die Mütter mit dem Kleinsten auf dem Arm winkten dem wegfahrenden Erzeuger von der Treppe aus nach. Die Hochhäuser am südlichen Höhenzug standen horchend einander zugeneigt da. Die Altstadt unten im Tal mit den Schloten der unrentablen Maschinen- und Textilindustrie sah roter aus als sonst.

Dann war die Sonne in ihrem eigenen Dunst erstickt, im Hafen draußen hatten die Nebelhörner losgebrüllt, die Abblendlichter der Autos schlichen auf den Straßen dahin. Nach dem ersten Husten war er hineingegangen.

Viola war inzwischen aufgestanden. Er hatte für sie Tee aufgegossen, Brot getoastet, Eier gekocht und eine Grapefruit halbiert, er hatte die Zeitung geholt und hingelegt und sich dann fertiggemacht; er wollte gehen, sobald sie auftauchte. Da sie auf sich warten ließ, hatten sie durch einen Spalt in der Badezimmertür vereinbart, sich am Nachmittag bei einem Autohändler in der Stadt zu treffen. Viola hatte sich dort ein neues Auto gekauft, einen hellblauen Sportwagen, obwohl sie lange den großen Caravan umkreist hatte – weil er so praktisch war.

Er hatte seinen Tag begonnen. In der Toreinfahrt des Altersheims, wo er seinen Wagen geparkt hatte, standen Männer, die sich die Mäntel zuknöpften, bevor sie in Richtung Stadt davongingen; andere standen einfach da und sahen sich um. Er war an der Mauer mit den zerrissenen Wahlplakaten und den großen Kreideaufrufen entlanggegangen, am Bäcker mit den Pyramiden von Frühstücksbrötchen vorbei, am Blumengeschäft mit den grünen Kränzen und am Begräbnisunternehmen mit den stilvollen Urnen, am orthopädischen Schuhmacher mit seinem Kellerfenster voller Pornographica vorbei und am Kolonialwarengeschäft mit dem billigsten Kirschwasser- und Kaffeeangebot der ganzen Stadt. Dann war der kleine Park gekommen mit seinem dichten Rasen und den Hängebirken im Nebel, dann der gelbe Block mit den Rentnerwohnungen und den Wellblechbalkons, wo die Weihnachtsbäume, die keine Müllabfuhr holen wollte, mit den Spitzen über den Rand schauten, bis sich eine Gelegenheit ergab, sie mit aufs Land oder in einen Garten zu nehmen.

Im obersten Stockwerk links hatte er geläutet, und in der Wohnung hatte ein Mann laut: «Herein» gerufen.

«Sind Sie es, Herr . . .» hatte der Mann gesagt, Leo die Hand gereicht und ihn gemustert. Er trug eine schwarze Brille; in dem einen Glas war eine starke Lupe eingeschliffen, die es ihm ermöglichen sollte, sich durch das Buch, das vor ihm lag, zu buchstabieren, wenn er es im richtigen Abstand hielt.

«Jaja, Herr Belinsky», hatte Leo geantwortet. «Sie haben Unannehmlichkeiten gehabt mit unseren Leuten, wenn ich das richtig verstanden habe?»

«Ach, ich weiß nicht», sagte Belinsky. «Sie wollen ja alle mein Bestes, besonders nach dem Tod meiner Frau, und ganz besonders diese Dame von Ihnen: ‹Warum ziehen Sie nicht um, Belinsky? Sie würden es viel besser haben. Sie kommen alleine nicht zurecht !› Ich kann diesen Leuten einfach nicht klarmachen, daß ich mein Privatleben behalten will.

Viele glauben nicht, daß man so etwas überhaupt hat. Wenn man lange auf einer Bank sitzt, in einem Park oder auf einem Hinterhof, weil man müde ist oder bloß, um nachzudenken oder weil die Sonne scheint und wenn man nicht gut sieht, dann ist man ein Opfer. Dann setzt sich jemand auf die Bank, sag’ ich Ihnen, und aus Mitleid reden sie mit einem, und es gibt viele, die selbst schon ein bißchen ins Alter gekommen sind, die gerne etwas für einen tun. Glauben Sie bloß nicht, daß wir völlig fertig sind. Die können leicht Hilfe anbieten, weil sie die Stärkeren sind, das ist nett von ihnen, man ist der Schwächere, und man hat überhaupt nichts dagegen, wenn so eine Dame einen mit sanfter Hand am Arm nehmen und ein Stück begleiten will. Das kann leicht Folgen haben, sehr leicht.» Belinsky räusperte sich. «Es ist ja ein großes Elend, wenn man damit ganz allein ist.» Er sah sich im Zimmer um und summte dabei vor sich hin. «Gehen Sie mal in die Küche», sagte er dann.

In der Küche hatte Leo eine kleine, alternde Frau angetroffen, die eine geblümte Schürze trug und Kartoffeln schalte. Sie warf Leo einen scheuen Blick zu und trat leicht hinkend zur Seite.

«Oh», sagte Leo, «so steht es also. Aber das ist doch ausgezeichnet.»

«Ja, das ist ausgezeichnet.» Sie errötete.

Belinsky rief herüber: «Verstehen Sie nun das Ganze?»

«Nicht das Ganze», antwortete Leo und nickte der Frau zu. Er ging in die Stube zurück und wiederholte: «Nicht das Ganze.»

«Die Dame, die Sie sahen, wohnt bei mir. Wir wollen heiraten, aber das wird noch zwei, drei Monate dauern. Sie wohnt in einer anderen Wohnung des Blocks, weiter drüben und weiter unten, weil sie nicht so gut Treppen steigen kann. Nun ist es so, daß ihr Mann noch nicht gestorben ist, er liegt im Krankenhaus. Es zieht sich lange hin, aber es ist völlig hoffnungslos. Es geht mit ihm bloß so langsam. Der Arme. Und deshalb können wir noch nicht gleich heiraten, aber welche Wohnung können wir sofort bekommen? Ich kann hier als Alleinstehender nicht wohnen bleiben, heißt es.»

«Das Einfachste wäre, wenn Sie zu der Dame hinunterziehen», sagte Leo.

«Das wäre wohl nicht gerade das Richtige. Dem Mann gegenüber», sagte Belinsky. «Doch für uns? Wir leben ja auch nicht ewig, und wir mögen einander. Aber die Nachbarn haben gedroht, sie würden es dem Mann erzählen.»

«Ziehen Sie hinunter, und dann warten wir ab, was geschieht», schlug Leo vor.

«Man hätte ja gern etwas Sicheres gewußt, so daß man sich danach richten kann», hatte Belinsky gesagt.

Leo war aufgestanden und hatte sich verabschiedet. Als er hinausgegangen war, hatte Belinsky die Hand zu einem Gruß erhoben, eine Geste, die nicht zu beantworten war.

Das war überstanden, und er war wegen der Wurzelbehandlung zu Rosa gegangen; danach ins Büro, um den Bericht über die Belinsky-Sache zu diktieren, der bei einer Abteilungskonferenz vorgelegt werden sollte, damit man in Zukunft etwas beweglicher vorgehen konnte. Danach hatte er mit Viola das Auto gekauft. Am späten Nachmittag hatte sie angerufen und ihm mitgeteilt, sie reise in die Winterferien, um das Auto einzufahren. Sie habe noch ein paar Ferientage zugut, und die Firma habe sie gebeten, die jetzt zu nehmen. Er hatte entgegnet, das sei doch eine völlig idiotische Zeit, um Ferien zu machen, aber sie könne ja wohlnichts dafür. Er wünsche ihr jedenfalls alles Gute. Sonst hatte er den Mund gehalten. Sie verdiente seit langem mehr als er, und sie ließ keine Gelegenheit ungenutzt, ihm zu zeigen, daß sie ihr eigener Herr war, auch in Gefühlsdingen.

Abends hatte er Rosa und Connie besucht. Connie sah ganz vernünftig aus, obwohl er in der letzten Zeit mehrere Anfälle von Verfolgungswahn gehabt hatte. Auch Rosas Vater war dort gewesen. Connie ging nach dem Essen zu einer Versammlung, der Vater blieb noch ein wenig, und schließlich hatte er, Leo, allein in einer Sofaecke gesessen, halb schlafend über eine Illustrierte gebeugt, die einen verwegenen Artikel über die Zukunft brachte, in der die Menschen gezwungen sein würden, sich das Dasein als ein großes Spiel einzurichten, an dem man teilnahm. Das würde nicht völlig gefahr- und risikolos sein.

Rosa war mit zu ihm nach Hause gegangen. Anfangs hatte sie der Gedanke geplagt, ihre Tochter allein gelassen zu haben. Sie war aber völlig verwandelt, als sich herausstellte, daß er seine Schlüssel vergessen hatte; sie mußte durch ein rasch eingeschlagenes Fenster einsteigen, wobei sie das Regal mit den Haferflocken und dem Scheuerpulver umstieß. Sie hatte sich köstlich amüsiert und war erst spät am Morgen nach Hause gegangen, nachdem sie sich mehrere Stunden im Badezimmer eingeschlossen hatte, weil er sie einmal seine Schwester genannt hatte.

Am Tag darauf war er dann zu dem Kurs nach Tauben gefahren, bei miserablem Wetter und auf schlechter Straße, genau wie jetzt, bei der Rückefahrt.

Leo Gray hielt nicht viel von seinen Kollegen; sie waren ihm zu eifrig bei der Arbeit, und sie hatten ihr ganzes Leben nur auf eine einzige Idee gesetzt, an der sie auch festhielten, als sie längst keine Funktion mehr erfüllte. Die Methoden der Werbe- und Militärpsychologie hatten angefangen, sich bei den smartesten Ideologen der Sozialfürsorge durchzusetzen. Das Gute war eine Ware, die ansprechend verpackt werden wollte.

Entrüstung war stets ein gutes Zeichen für Leben und Wärme, das er bei anderen nicht missen wollte, bei sich selbst aber kaum fand. Doch er freute sich auf den Kurs, ganz einfach, weil er dort Erna treffen würde. Er hatte den Blick über die Stuhlreihen gleiten lassen, sie aber nicht entdecken können. Er hatte dann ganz hinten Platz genommen und ein sommersprossiges Lächeln und einen raschen Händedruck erhalten, als sie – ein wenig verspätet – an ihm vorübereilte, nach vorn, zu den ersten Stuhlreihen, wo sie immer saß, damit sie nicht so weit zu laufen brauchte, wenn sie opponierte.

Die ersten Redner hatten seltsame Vorschläge unterbreitet, und Erna hatte einem der Referenten sogar Ohrfeigen angeboten; dann aber war es doch recht gemütlich geworden. In der Mittagspause hatte er am Ausgang auf Erna gewartet. Sie war fröhlich auf ihn zugekommen, hatte seinen Kopf in die Hände genommen, ihm die Ohren gerieben wie einem kleinen Kind.

«Hallo, du langweiliger Kerl! Muß ich denn immer alles alleine sagen?»

Sie setzten sich an einen Tisch. Er legte seine Hand auf die ihre, und sie legte ihre zweite Hand darüber, und er vollendete den Turmbau mit einem Klaps und sagte: «Erna . . .» Sie machte ihre linke Hand frei, um Bier einzuschenken. «Kennst du das neue Spiel?»

«Ja, Leo, ich kenne es.»

«Donnerwetter, Erna. Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. Hast du es mit jemandem gespielt?»

«Ja», antwortete sie. Er hielt ihr seine Hand entgegen, und sie schlug ihm mit der geballten Faust auf die Handfläche.

Als das Nachmittagsprogramm abgewickelt war, warfen sie die Taschen in ihre Wagen und gingen in die Stadt. Es war dunkel geworden. Die Straßenbeleuchtung spiegelte sich fett auf Gehsteig und Fahrbahn, Menschen mit schmalen oder breiten Gesichtern kamen ihnen entgegen und sahen sie nicht an; sie gingen vorbei nach links und rechts, mit einer langen Liste von Punkten im Kopf, nach denen der Heimweg ablaufen würde.

«Wir haben Glück, Leo», sagte Erna, legte den Arm um seine Hüfte und griff nach seiner Hand.

«Alle haben Glück, Erna. Es landet ein grünes Blatt auf deiner Hand, und das kann genug sein.»

«Das ist nicht genug», sagte sie.

«Nein», sagte er. «Aber es nützt nichts, etwas verlangen zu wollen. Das ist es.»

«Tja», murmelte sie.

Sie aßen gemeinsam, tanzten gemeinsam, bummelten gemeinsam durch die Stadt und gingen gemeinsam ins Hotel.

«Das wird allmählich zur schlechten Gewohnheit», hatte Erna gesagt und ihm das Haar zerzaust.

«Zweimal im Jahr!»

«Eine kleine Selbsttäuschung, Erna», entgegnete er und freute sich über die Haut ihres Rückens, die glatt war und duftete. «Es ist gegen die Weltordnung.»

«Nein, Leo. Dann hast du überhaupt nichts begriffen.»

Mit ihr zusammen wurden die Zärtlichkeit und die Wärme zu dem, was ihnen die geflohene Liebe zum behutsamen Gebrauch zurückgelassen hatte. Sie hörten die Flügel in der Ferne, sie sahen das Licht, es war, als besäße jeder die Stimme des anderen.

Erna hatte ein paar Tränen vergossen, als er am Morgen aufgebrochen war. Sie wußten nicht, wann sie sich wieder einmal treffen würden, es gab zwischen ihnen keine Verabredungen.

«Können wir nicht noch gemeinsam frühstücken?» hatte sie gefragt. Doch das wäre zuviel gewesen für ihn. Er hatte fortgewollt. Und nun war er auf dem Weg nach Hause.

Die Scheinwerfer zählten rhythmisch die Katzenaugen am Straßenrand und lasen ab und zu blitzschnell die kleinen Schilder: «Unbefestigter Randstreifen», die dem modernen Straßenbau folgten, wohin man auch kam, während die großen Verkehrsschilder zu spät bemerkt wurden und unentziffert wieder in das Dunkel tauchten.

Was er während der letzten vierzig Kilometer noch tun konnte, war, wie schon so oft, über seinen Platz im Weltmodell nachzudenken, das er als ein nicht ausbalanciertes System von unermeßlichen, meistens nicht direkt gegenseitigen Hilfeleistungen ansah. Sich selbst treu bleiben, könnte die Voraussetzung sein, um richtig helfen zu können, in der letzten Konsequenz aber würde das eine Verarmung der Hilfsmöglichkeiten bedeuten, und immer weniger konnte dann denen geholfen werden, die sich nicht selbst halfen. Die innere Freiheit flammt auf in der gegenseitigen Abhängigkeit, die alle miteinander verbindet. Alles war Hilfe und Hilflosigkeit, das würde sich nie ändern. Er war an dem Punkt angelangt, wo er seine eigene Situation nicht mehr verbessern konnte, ohne einen moralischen Einsatz, den er von vornherein als zwecklos ansah. Er dachte daran, daß er Viola gegenüber freundlicher sein sollte, vielleicht sogar liebevoller. Sie waren nicht verheiratet, er war ihr im Grunde nichts schuldig, sie hatten jedenfalls nichts abgemacht. Doch es war klar, daß es netter wäre, wenn sie einander mehr Wärme entgegenbrachten, wo sie nun schon zwölf Jahre zusammen lebten. Nur war der Zeitpunkt schlecht gewählt. Was wollte er eigentlich? Viola war ihre eigenen Wege gegangen, vielleicht war sie eben dabei, auf einen Seitenpfad ihres gemeinsamen Schicksalsweges einzubiegen, wo sie einen anderen traf, und er es ihr um so leichter machte, je weniger Verstehen er ihr entgegenbrachte. Er hätte selbst seiner Wege gehen können, das wäre fair gewesen; doch das hatte er nie fertiggebracht, aus Furcht davor, in dieser kleinen Gruppe von Männern und Frauen zu landen, die von zu Hause weggelaufen waren, in einem bestimmten Restaurant in der Stadt zusammensaßen und abwechselnd beieinander wohnten, um herauszufinden, ob sie den einen oder anderen mehr als nur ein paar Stunden ertragen könnten. Eigentlich gehörte er zu ihnen. Die Männer rauchten und tranken zuviel, sie waren die halbe Woche unrasiert, trugen blaue Hemden mit weißen Streifen, bekamen Bierbäuche und aufgedunsene rote Köpfe. Aber es war gut, daß sie nicht allein waren.

Er sollte sich vielleicht auch etwas mehr für seinen Sohn Mark interessieren, der an irgendeiner Universität studierte, auf Kuba gewesen war und nun mit aller Kraft die Revolution vorbereitete. Das war beeindruckend. Er schrieb fast nie, doch war das begreiflich, da Viola nicht seine Mutter war und sein eigenwilliges Wesen nur mit Mühe akzeptierte. Doch es hatte keinen Sinn, an diesem Punkt anzusetzen. Mark würde auf sein Interesse pfeifen und ihn bitten, auf sich selbst aufzupassen. Und ihn darauf aufmerksam machen, daß er so sehr in eine hoffnungslos wahnwitzige Menagerie verstrickt war, daß er nur in einer Ausnahmesituation vielleicht eine Chance hätte, ein ehrbarer Mensch zu werden, indem er sich für ein echtes Ziel opferte oder – um das Ganze wahrscheinlicher zu machen – geopfert würde. Wenn er diesen Gedanken nachhing, hatte er schon oft daran gedacht, als Experte in ein Entwicklungsland zu gehen, doch ihm war, je mehr die Entwicklungshilfe Form annahm, immer klarer geworden, daß all die unterentwickelten Länder bestimmt viel größere Aussichten hatten zurechtzukommen, wenn er sie nicht mit seiner impertinenten Selbstrechtfertigung behelligte.

Sich selbst sah er so: moralisch sensibel, doch ohne die Fähigkeit zu handeln. Er bevorzugte das Unauffällige, Taktvolle, Rücksichtsvolle. Er besaß ein umfassendes Solidaritätsgefühl, war aber ohne jede Dynamik; er operierte im Rahmen des Gegebenen.

Er war völlig einverstanden mit der Behauptung, man teile die grundsätzlichsten Vorurteile der Gesellschaft, doch dieser Gedanke lähmte ihn nicht, ein gewisser Spielraum zur freien Orientierung blieb immer. Das befreite ihn jedoch nicht von dem entscheidenden Merkmal seiner Existenz: daß er mit festem Gehalt fest angestellt war und daß er sich unter anderen Bedingungen kaum zurechtfinden würde. Es war keine unbillige Abhängigkeit, aber sie prägte seine Einstellung zu dem, was Voraussetzung war für die Aufrechterhaltung dieser Bedingungen. Für ihn war es am besten, wenn alles beim alten blieb: beim Status quo. Das war der eine Glaubenssatz. An wen – außer an sich selbst – dachte er mit einer solchen Selbstverständlichkeit, wenn er für den Status quo eintrat? Nicht an viele. Das war der andere Glaubenssatz. Die Welt, das war er selbst, sein Job, der groß und progressiv war, und ein Geschäft, in dem er bedient wurde.

Als er das vorläufige Ende der Autobahn erreichte, war sein moralisches Dilemma noch nicht völlig beschrieben, seine Kraft jedoch, es zu überwinden, war nicht gerade imponierend, und er zweifelte stark daran, daß er es je schaffen würde. Viel eher würde er sitzen bleiben, still, wie eine Schnekke an der Mauer, die eintrocknet und im Winter schließlich herunterfällt.

Es war noch immer dunkel, die Sicht nach wie vor schlecht, und das Fahren auf der alten Hauptstraße mit ihren schmalen Brücken und langen Baumreihen strengte an. Beim ersten Motel wurden sein Kaffeedurst und das Bedürfnis, unter Menschen zu kommen, stärker als der Wunsch, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Er lenkte den Wagen durch die große Pfütze in der Einfahrt und hielt vor dem Restaurant.

Eine andere Hand

Leo Gray hat seinen Wagen vor dem Restaurant eines Motels geparkt, etwa einhundertzwanzig Kilometer von Tauben entfernt, wo er früh am Morgen eine geliebte Frau verlassen hat. Während der Fahrt hat er eine moralische Krise durchgemacht, die um ein Haar dazu geführt hätte, seine Existenz in seinen Augen überflüssig zu machen, eine Auffassung, die wir nicht zu teilen brauchen. Wir können behaupten, daß Leo Gray, solange er sich selbst etwas bedeutet, für uns andere genug Bedeutung hat. Ja, auch wenn er sich selbst nichts bedeuten würde, für jemanden von uns könnte er trotzdem von Bedeutung sein.

Das Restaurant hatte eine Veranda, die er durchqueren mußte, bevor er ins eigentliche Lokal kam. Es war wie ein kanadisches Blockhaus eingerichtet : Hirschgeweihe und Hirschfelle an den Wänden und große Zielscheiben zum Bogenschießen und Pfeilwerfen. Eigentlich toll zu so früher Morgenstunde.

Obwohl es noch unchristlich früh war, saßen schon Gäste im Restaurant: vier Lastwagenfahrer, die ihre Mäuler über belegten Broten aufrissen, eine Dame, bereits etwas über das beste Alter hinaus, die offensichtlich darauf wartete, daß ihr Ehemann herunterkam, und eine Anzahl zierlicher Papiermenschen, die Akten durchsahen, während sie ihr englisches Frühstück verzehrten, Spiegeleier mit Schinken, Salami, Käse, Konfitüre, Butter und diverse Brotsorten; dazu tranken sie Kaffee. Der Duft vermochte Leo völlig zu überzeugen.

Der Kellner hatte leichtes Spiel.

Das Glück ist die beste Versicherung gegen Selbstvorwürfe, zitierte Leo bitter einen älteren Schriftsteller, auf den sein Vater in seiner langen Rentnerzeit immer wieder zurückgekommen war. Er griff nach der Zeitung vom Vortag, die zerknittert auf einem Stuhl neben ihm lag, und blätterte sie aufs Geratewohl durch, während er auf das Frühstück wartete.

Beim Essen bekam er Lust, zu Hause anzurufen, um zu hören, ob Viola schon zurück sei – dieser Anruf stand fest –, und Lust, Erna anzurufen, die bestimmt noch nicht aufgestanden war, auf keinen Fall aber das Hotel bereits verlassen hatte. Dieser Anruf wäre ein Verstoß gegen ein Prinzip, und fast alles sprach dagegen: Er hatte Erna noch nie angerufen; die vorbehaltslose Ergebenheit füreinander hing vielleicht an sehr dünnen Ketten, die bei der geringsten Belastung reißen konnten; er wußte nicht, was er mit dem Anruf beabsichtigte, abgesehen davon, daß ihm vorschwebte, er könne zurückfahren und mit Erna frühstücken, mit ihr sprechen, sich vielleicht von ihr helfen lassen, obwohl er noch nie mit ihr über solche Fragen gesprochen und ihm noch nie jemand geholfen hatte. Es würde sie sicherlich erstaunen, daß er eine Ermunterung gebrauchen konnte, so wie sich Schneider Belinsky wundern würde, wenn er zu ihm kommen und ihn um Rat und Hilfe bitten würde. In solchen Fällen war eine überzeugende Katastrophe nötig, um die Rollen zu vertauschen zwischen denen, die berufen waren zu helfen, und denen, die Hilfe brauchten, obwohl im Grunde niemand entscheiden kann, wer hilfsbedürftig und wer Helfer war.

Er ging in die Telefonzelle und rief dreimal seine eigene Nummer an: keine Antwort. Dennoch fühlte er sich irgendwie verbunden. Sein ungemachtes Bett kam ihm in den Sinn, die schmutzigen Teller und die Haferflocken, die in der ganzen Wohnung verstreut lagen, weil Rosa so viel darin herumgelaufen war.

Er überlegte ein Weilchen, spielte mit der Münze auf dem Tablar, dann rief er das Hotel an und bat, mit dem und dem Zimmer verbunden zu werden. Würde Erna antworten?

Sie meldete sich sofort – ein wenig verwirrt – mit einem «Hallo».

Er mußte sich räuspern; es war, als hätte er noch nie mit ihr gesprochen.

«Erna, hier ist Leo.»

«Donnerwetter, du bist's! Das ist wirklich schön.

Es ist wunderbar, daß du anrufst. Ich liege noch im Bett und habe eben an dich gedacht. Glaub mir, hier ist es nicht die Spur gemütlich, wenn du nicht da bist.»

Er räusperte sich abermals.

«Erna, mir geht es verflucht schlecht.»

«Was ist denn mit dir los, Leo? Wo bist du?»

«Hundertzwanzig Kilometer von dir entfernt. In einem Restaurant an der Landstraße.»

«So ein Pech. Stell dir vor, du säßest jetzt unten in der Hotelhalle!»

«Genau das habe ich auch gedacht.»

«Was?»

«Daß es praktischer wäre.»

«Du bist wohl verrückt.»

«Ich brauche anderthalb Stunden, wenn ich zügig fahre. Hast du es eilig? Es ist ja erst halb acht.»

«Leo, ich fürchte, wir können nicht mehr aufhören.»

«Ich hatte immer geglaubt, es könnte nicht länger dauern, als – nun, als es eben dauerte.»

Sie schwieg ein Weilchen, dann sagte sie leise:

«Du bist ein Dummkopf, Leo.»

«Ich weiß, ich hätte nicht anrufen sollen.»

«Wir werden nie mehr Ruhe finden, Leo.»

«Warum nicht, Erna?»

«Es geht wie immer, Leo: ewig oder gar nicht, das weißt du genau.»

«Machst du mir Vorwürfe, daß ich angerufen habe, Erna?»

«Komm nur, Leo», sagte sie ruhig. «Ich freue mich darauf. Ich gebe Bescheid, daß ich heute nicht zur Arbeit komme.»

«Ich fahre in zehn Minuten, und in spätestens zwei Stunden hast du mich.»

«Gut, Leo. Ich freue mich. Du bist verrückt.»

Er legte den Hörer behutsam auf und ging zurück zu seinem Frühstück. Als er sich eben setzen wollte, kam Connie in seinem grünen Lodenmantel zur Tür herein. Er war offenbar auf dem Weg nach Tauben und nur ausgestiegen, um rasch eine Tasse Kaffee zu trinken.

Leo Gray winkte ihm, zeigte auf den Stuhl neben sich und ärgerte sich zugleich darüber, daß er nun erst später würde abfahren können. Connie nickte abweisend; er ging zu einem der Fenstertische, legte den Mantel über einen Stuhl und setzte sich, den Blick unverwandt auf die Straße gerichtet, wo die Karawane der Tankwagen aufs Land hinausrollte. Er war nicht zu sprechen, das war deutlich, und Leo mußte an Rosa denken, die Connies giftige Bemerkungen nun schon mehr als zwei Tage lang hatte erdulden müssen, weil sie sich endlich einmal einen Abend frei gemacht und alle fünf hatte gerade sein lassen.

Leo nutzte die Zeit und telegrafierte seinem Büro, er sei krank geworden und komme an diesem Tag nicht mehr. Dann rief er noch ein paarmal zu Hause an, um sich zu vergewissern, ob Viola zurückgekommen sei, doch niemand meldete sich. Nun, er gönnte ihr diese freien Tage. Er las die Zeitung und beobachtete Connie, der nur eine Tasse Kaffee und Gebäck bestellt hatte und es ziemlich eilig zu haben schien. Wenig später stand er taumelnd wieder auf, es war, als brauchte er Wände, um sich zu stützen, er ging vornübergebeugt – wie bei Gegenwind und in hohem Schnee – an der Tür nickte er Leo flüchtig zu. Leo winkte zurück. Es schien Connie ziemlich mitgenommen zu haben. Leo sah, daß er in seinen alten schwedischen Wagen stieg, mit dem er vor einigen Jahren bei der Rallye Monte Carlo Nr. 21 geworden war. Er fuhr verdammt gut, das wußte Leo aus der Zeit, da sie sich noch häufig getroffen und gemeinsam Ausflüge unternommen hatten.

Leo wollte aufbrechen. Er bezahlte. Er zog den Mantel an. Er ging hinaus und startete den Motor. Er fuhr zur Tankstelle, ließ Benzin auffüllen, das Öl kontrollieren, den Reifendruck prüfen und die Scheiben putzen, so daß alles klar war für die Hinund Rückfahrt. Er zahlte, rollte zur Ausfahrt und fuhr in Richtung Tauben davon. Einhundertzwanzig Kilometer.

Das Zukunftsbild, das er auf der Hinfahrt für sich entworfen hatte, mußte er nun revidieren. Er fuhr zurück zum Glück, zu Erna, doch die Freude verminderte nicht die Unruhe über den Kurs, den er nun eingeschlagen hatte. Im Gegenteil, er spürte, daß er die Sache auf die Spitze getrieben hatte, daß er im Begriff war, das letzte Brot aufzuessen. Dahinter wartete der alte Hunger.

Er fuhr gleichmäßig, ging kein Risiko ein. Er ließ sich überholen, wich aus bis an den bröckelnden Straßenrand und den Grasstreifen zwischen der Fahrbahn und den Alleebäumen. Der Verkehr war noch ungleichmäßig und vom Temperament des einzelnen geprägt, ein paar Hitzköpfe jagten mit Höchstgeschwindigkeit auf dem Mittelstreifen entlang und ließen alles hinter sich. Sie hatten eine Agentur zu betreuen oder irgendwelche Waren abzuliefern. Schlimmer waren die großen Landwirtschaftsmaschinen, die ohne Licht und Signal daherfuhren, und die breiten Bautransporter – mit verschlafenen Fahrern –, die unvermittelt nach links abbogen. Leo ging kein Risiko ein.

Er sah auf die Uhr. Es war zwanzig nach acht.

Kurz vor zehn konnte er in Tauben sein.

Allmählich würde es hell werden, dann konnte er ein wenig schneller fahren. Sobald er die Autobahn erreicht hatte, würde es ohnehin besser werden.

Er näherte sich, bedrückt, dem Glück, das ihn erwartete.

Ein Autofahrer richtet sich in seinem Sitz auf – ohne sich dessen bewußt zu sein, hat er plötzlich weniger Bedenken. Genau dies passierte Leo. Im gleichen Augenblick gab er seine Vorsicht auf. Er spürte geradezu, wie er sich zusammenriß. Er richtete sich auf und setzte sich zurecht. Er steigerte die Geschwindigkeit um zwanzig Kilometer und fühlte sich klar, konzentriert, gefaßt. Die Abstände zwischen den Bäumen am Straßenrand wurden kleiner, die Leitlinie floß zusammen, die Fahrbahn lebte in den Rädern und im Lenkrad, wurde zur Herausforderung, die beantwortet werden wollte. Er fuhr hundertzwanzig. Es waren weder Landwirtschaftsmaschinen noch Bulldozer auf der Straße, der Weg wurde für ihn freigehalten.

Unter solchen Umständen greift das Schicksal nicht unmotiviert ein. Die Möglichkeiten für eine Erklärung werden offengehalten.

Leo Gray sah eine Gestalt auf der Straße. Seine erste Reaktion war Zweifel an ihrer Existenz, die zweite, es sei doch besser, sie nicht zu überfahren. Diese zweite Reaktion war noch nicht artikuliert, als er schon voll auf die Bremse trat. Der Wagen schleuderte mit blockierten Rädern, Leo versuchte, ihn durch Loslassen der Bremse wieder unter Kontrolle zu bringen, doch der Wagen gehorchte nun eigenen Gesetzen. Er schlitterte über das fette Gras, prallte schräg gegen einen Baum. Leo Gray wurde gegen die Frontscheibe geschleudert und verlor das Bewußtsein. Der Wagen glitt seitwärts die Böschung hinunter, überschlug sich zweimal und blieb – auf allen vier Rädern – auf einem gepflügten Acker stehen. Der Motor war verstummt.

Das Fahrzeug stand in seiner ursprünglichen Fahrtrichtung ungefähr zehn Meter von der Straße entfernt. Wegen des Nebels war die Sicht schlecht, aber da und dort schimmerte ein Stallfenster, und manchmal drang das Licht eines Scheinwerfers durch ein Loch im Nebel. In der rieselnden, dampfenden Stille war das langsame Klopfen der Pumpenmotoren zu hören, das Poltern der Scheunentore, die zugeschlagen oder aufgerissen wurden und ewig klemmten, eine Stimme, die jemandem etwas zurief, Autos und Traktoren, die angelassen wurden und auf Seitenwegen davonfuhren. Die Tiere schwiegen.

Nichts roch. Das alles überschattende Phänomen dieses Monats war diese feuchte Kälte. Roch es dennoch, dann nach Wasser. Die Ackererde hatte sich vollgesogen mit Wasser, und der Druck des Wagens preßte ab und zu eine Blase hervor, die mit einem leichten Seufzer zerplatzte.

Hin und wieder fuhr ein Auto vorbei. Die Fahrer hatten alle eine Hand vor dem Gesicht, wenn sie in regelmäßigen Abständen gähnten. Ein riesiger Feuerschein erfüllte die Wagen, wenn sie mit einem Streichholz oder Feuerzeug sich eine Zigarette oder Pfeife anzündeten. Kein Fahrer war so wach, daß er die große, frische Rindenwunde an der hundertjährigen Ulme bemerkte, gleich beim Kilometerstein fünfundachtzig, keiner bemerkte die lange Schleuderspur am Straßenrand, keiner die Furchen in der Böschung, keiner das stille Auto auf dem Acker. Privat hatte Leo Gray zu diesem Zeitpunkt beinahe aufgehört zu existieren, und auch öffentlich erhob er keinen Anspruch auf ein Dasein. Er war fast ein Nichts.

Das Licht wurde weißer. Die Bäume knackten ein wenig in den Kronen, als es Tag wurde, und hätte jemand den Kopf zu der großen Rindenwunde herabgeneigt, hätte er den Duft verborgenen Frühlings, ja beinahe des Sommers unter den Bäumen verspürt.

Mittlerweile war ein großes Milchauto – ein Aluminiumtankwagen – unterwegs nach Tauben, der Fahrer saß hellwach am Steuer. Es näherte sich mit gleichmäßiger Fahrt dem übel zugerichteten Baum, der nicht übersehen werden wollte. Alles wird umgehend gesehen werden, und der große Wagen wird anhalten. Hilfe wird kommen.

Gregor kannte den Weg wie seine Westentasche. Die Katze an der Böschung, den Vogel im Baum, jede Stelle kannte er; die Menschen, die aus einem Seitenweg herauskommen oder an einer Haltestelle warten und ihm mit der Hand ein Zeichen geben konnten.

Schon aus etwa hundert Meter Entfernung machten die Scheinwerfer den hellen Fleck in der Rinde aus, und Gregor begann zu verstehen. Ein Auto war ins Schleudern geraten, war gegen den Baum geprallt. Er sah die große Wunde, die im Licht der Scheinwerfer und des bescheidenen Tages schimmerte. Er drehte den Kopf zur Seite, setzte die Geschwindigkeit herab und sah das Auto auf dem Acker stehen. Ein Stückchen weiter, das wußte er, verbreitete sich die Fahrbahn, eine Haltestelle. Dorthin ließ er den Wagen rollen; er stellte den Motor ab, schaltete das Standlicht ein und kletterte hinaus. Sein kleines Maskottchen, ein Gummitroll, drehte sich eifrig an seiner Schnur. Er ging langsam am Straßenrand entlang, blieb vor dem Baum stehen, betrachtete die nackte Wunde und die Rinde, die in Fetzen herabhing. Dann blickte er zum Wrack hinüber. Er stieg vorsichtig die Böschung hinunter, blieb ein paar Meter vor dem Auto stehen und schob die Hände in die Hosentaschen. Er wollte es nicht glauben, doch dort saß noch jemand hinter den geborstenen Scheiben. Er ging um das Auto herum und sah die Gestalt gegen die Frontscheibe gepreßt daliegen, wie dikker Rauch, der sich an dem Glas vorbeiwälzte. Er ging auf die andere Seite. Dort war die Scheibe einen Spalt heruntergekurbelt, so daß er hineinsehen konnte. Es hatte den Motor in das Wageninnere gestaucht, gegen die Beine des Mannes, dessen Arme herabhingen, der eine schräg über das Lenkrad.

Gregor trat hinter das Auto. Es war mühsam zu gehen. Er schüttelte den Kopf, sah sich um, und dann rannte er los, schräg über das Feld, so daß ihm der Atem knapp wurde und er für sein Herz zu fürchten begann. Hinauf zu seinem Auto, Motor an, Blinker’raus, sorgfältige Rückspiegelkontrolle, und nun fuhr er davon, fast einen Kilometer weit, wo ein Hof lag. Er bedauerte, daß er keine Funkanlage hatte. Er bog in den Hof ein, wo der Mann eben den Traktor vor einen Anhänger spannte, stellte den Motor ab und sprang heraus.

«Was willst du denn so früh am Morgen?» rief der Mann und kam ihm auf dem Traktor ein Stück entgegen.

Gregor zögerte und sah den Mann an, so daß der unwillkürlich den Traktor abstellte.

«Ich muß telefonieren», sagte Gregor. «Ein Auto ist von der Straße abgekommen, nicht weit von hier.»

Der Mann kletterte vom Fahrzeug und ging voraus. Er zog die Stiefel an der Küchentreppe aus.

«Komm mit», sagte er und drehte sich nach Gregor um, «komm schon», sagte er und schaute auf die Stiefel.

Die Frau stand in der Küche und wusch ab. Dampf wogte ihr ums Gesicht.

«Es ist ein Unglück passiert», sagte der Mann. «Er will bei uns telefonieren.»

Sie nickte Gregor zu.

«Das muß es gewesen sein, was wir vor einer halben Stunde gehört haben», sagte sie. «Der Kleine fing an zu schreien, die merken so etwas.»

Der Mann zeigte auf das Telefon. «Dort ist es, du brauchst nur dreimal die Null zu wählen.»

Gregor nahm den Hörer ab und wartete auf den Summton.

«Stimmt etwas nicht?» fragte der Mann. «Soll ich?»

Gregor schüttelte den Kopf, der Summton war zu hören. Er wählte dreimal die Null, es knarrte und knackte in den Relais, dann meldete sich die Stimme des Wachhabenden.

«Ja», sagte Gregor. «Es ist beim Kilometerstein fünfundachtzig in Richtung Stadt. Ein Mann ist dort von der Straße abgekommen. Es sieht böse aus. Sie müssen sofort kommen.»

Der Wachhabende stellte eine Frage.

Der Mann stand in der Mitte des Zimmers und beobachtete Gregors Gesicht. Der Frau wischte den Tisch ab und hängte den Abwaschlappen an seinen Platz.

«Das weiß ich nicht», sagte Gregor. «Ich habe nicht nachgeschaut. Es sieht böse aus, sehr böse. Sie müssen sofort kommen.»

Der Wachhabende sagte etwas.

«Ja, ich warte», sagte Gregor. «Ich warte, bis Sie kommen.» Er legte den Hörer auf.

«Das kostet nichts», sagte der Mann. Gregor blickte in das Gesicht der Frau, ein Gesicht mit kleinen Augen hinter Brillengläsern.

«Sie kommen gleich», sagte er.

Er ging zur Tür. Der Mann folgte ihm.

«Hole lieber erst die Rüben vom Feld», sagte die Frau.

Gregor hob die Hand und winkte, als er vom Hof rollte. Der Mann stieg eben wieder in seine Stiefel. Gregor fuhr zur Haltestelle zurück und parkte dort, ohne den Wagen zu wenden. Er ging zum Baum und blieb an dessen unbeschädigter Stelle stehen, etwa einen Schritt vor dem Stamm, so daß die Ambulanz ihn rechtzeitig sah und anhalten konnte. Er hielt die Hände anfangs auf dem Rücken verschränkt, dann vorn, zur Faust geballt, schließlich ließ er sie seitlich hängen. Er wußte nicht mehr wohin mit den Händen. Es ging ja nicht an, sie in die Taschen zu stecken.

Nach einer Weile verschränkte er sie wieder auf dem Rücken und setzte den linken Fuß einen halben Schritt zurück. Er beobachtete den Verkehr von und zur Stadt. Alle Fahrer warfen ihm einen hastigen Blick zu, doch alle fuhren weiter, jeder hatte auf sich selbst aufzupassen. Gregor lauschte angestrengt, um die Sirene der Ambulanz schon von weitem zu hören. Er hörte sie oft, doch ihr Ton verhallte immer wieder. Es hatte noch andere Unfälle gegeben.

Gregor blies große weiße Fahnen aus den Nasenlöchern. Er bemerkte es, und es schien ihm irgendwie unpassend. Er putzte sich die Nase, und die Fahnen blieben eine Weile aus; dann kamen sie wieder: große Signale seiner Anwesenheit. Das war ihm nicht recht. Er hob den Kopf ein wenig, doch sie bildeten sich auch über seinem Kopf. Sie verflogen, aber andere, fast genau gleiche, bildeten sich, sobald er ausatmete. Er atmete weniger kräftig und ließ den Atem behutsam seitlich ausströmen.

Nun tat sich etwas, kein Zweifel, er blickte auf die Uhr. Seit er telefoniert hatte, waren zwanzig Minuten verstrichen. Die Sirene der Ambulanz ertönte weit hinter den Hügeln; der Ton kam näher, Gregor hörte, daß er sich die Hügel hinaufbewegte, sich oben ausbreitete, dann wieder in die Täler tauchte und nur noch gedämpft herüberklang. Endlich kam er geradenwegs auf ihn zu. Im Nebel fing es an zu flammen und zu flimmern, das Auto verringerte hörbar die Geschwindigkeit, und langsam, in einer Lichtorgie, mit verklingenden Signalen, tauchte es aus den Nebelschwaden auf. Gregor trat vor, winkte mit weit ausholenden Armbewegungen, und die Ambulanz fuhr an den Straßenrand. Der Beifahrer hatte die Scheibe heruntergedreht und nickte ihm unter seiner Mütze zu, sagte jedoch kein Wort. Auch der Fahrer hatte das Wrack auf dem Acker gesehen; er wendete den Wagen, und die beiden stiegen aus.

Gregor blieb abwartend stehen.

Die zwei Männer in den langen Mänteln kletterten die Böschung hinunter.

Er wollte ihnen nicht nachschauen. Die beiden sprachen miteinander, es klang nicht gerade zuversichtlich. Etwas später redeten sie abermals, jeder stand auf einer Seite des Autos. Gregor hörte das Glas klirrend zu Boden fallen, als einer der Männer an der Tür zerrte. Dann herrschte abermals Stille. Die beiden dachten nach. Schließlich war ein entschlossener Ausruf zu hören: Sie wußten, was sie zu tun hatten.

Der Beifahrer kam zur Ambulanz gelaufen, klappte die Tür auf und zog die Tragbahre heraus. Er warf die Wolldecken in den Wagen, nahm ein Extralaken und hastete mit der leichten Tragbahre die Böschung hinunter. Sie arbeiteten in kleinen Etappen. Daran merkte Gregor, daß sie den Mann herausholten. Ihn schauderte. Er sah zu seinem Wagen hinüber.

Ein Auto auf dem Weg nach Tauben hielt hinter ihm. Der Fahrer kam, eine kalte Zigarette im Mund, mit wiegenden Schritten heran und fragte, was geschehen sei. Gregor deutete hinter sich, und der Fremde sah selbst. Er stand neben Gregor und atmete sehr langsam. Nach einer Weile steckte er die Zigarette in die Jackentasche. «Das sieht nicht gut aus», sagte er.

Gregor drehte sich zu ihm um.

Der Fremde war etwas größer. Er beobachtete die Sanitäter. Dann ging er umher und sah sich die Spuren und die Wunde am Baum an.

«Der ist mindestens achtzig gefahren», sagte er. Gregor merkte, daß die beiden über den Acker kamen, der Fremde wich bereits zur Seite. Die beiden stiegen seitwärts die Böschung hinauf, sie hatten Angst auszugleiten.

Der Fremde fuhr sich mit der Zungenspitze hastig über die Lippen.

Aus dem Nebel war ein Traktor zu hören, und wenig später hielt der Bauer auf der anderen Straßenseite, ein Radpaar schon auf der Böschung. Er kletterte herunter und überquerte vorsichtig die Straße, eine Hand in der Tasche.

Die Sanitäter schoben behutsam die Bahre in den Wagen.

Gregor hatte sich entschieden; er würde bleiben, bis das Polizeiauto kam.

Der Bauer stand ihm gegenüber, ohne ihn anzusehen. Er ließ den Blick von der Ambulanz hinunter zum Wrack auf dem Acker wandern und sagte: «Wird nicht leicht sein, das wieder’raufzubekommen, was?»

Der Fremde schlenderte zu seinem Wagen.

«Er lebt noch», sagte Gregor plötzlich.

«Lebt noch», sagte der Bauer überrascht und ging auf die Böschung zu, um sich genauer umzusehen. Die Ambulanz brauste bereits durch den Nebel davon, ihr entgegen kam ein anderes Auto mit einer anderen Sirene, das Polizeiauto. Die beiden Sirenen begegneten sich irgendwo im Nebel, und dann war das Polizeiauto heran. Gregor gab ein Handzeichen, und man bremste. Die Türen klappten. Sie kamen zu ihm herüber, morgenwach, mit Bandmaß, Papier und Kamera, auf das beste vorbereitet. Sie verschafften sich rasch einen Überblick und sahen sich gemeinsam die große Wunde am Baum an. Der Bauer blickte durch die offene Vordertür in das Wrack, zog sich aber sofort zurück, und ging zu den anderen hinauf.

«Das sieht nicht gut aus», sagte er zu Gregor. Gregor holte tief Atem.

«Ich muß jetzt fahren», sagte er. «Die glauben sonst noch, daß mir was passiert ist.»

Er ging langsam am Straßenrand entlang, kletterte in die Fahrerkabine, sah einen Moment die eigenen Augen im Rückspiegel, startete den Motor und lenkte den Wagen behutsam auf die Straße hinaus. Heller als es nun war, wurde es an diesem Tag nicht mehr.

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