Kitabı oku: «Im Bann von covid-19»
Peter Wolff
Im Bann von covid-19
Impressionen einer Pandemie
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
01 Seuchen gab es schon immer
02 Was ist ein Virus?
03 Woher kommt es nur, das Corona-Virus?
04 Wie verläuft eine Corona-Erkrankung?
05 Covid-19 - eine Pensionärskrankheit?
06 - Ist am Ende alles nur eine Verschwörung?
07 - Corona-Management durch Bund und Länder
08 - Shutdown und Lockdown – die Ultima Ratio zur Pandemiebekämpfung?
09 - Corona-Maßnahmen und das Grundgesetz
10 - Versammlungsfreiheit und Demonstrationsverbot
11 - Kontrolle und Sanktionen
12 - Das staatliche Informationsgebot
13 - Mit der Bratwurst zur Herdenimmunität?
14 - Soziale Auswirkungen der Pandemie
15 - Social Distancing
16 - Die Rolle von Vorbildern für die Corona-Disziplin
17 - Emotionale Epidemiologie oder: Die Ängste vor der Seuche
18 Deutschland im Corona-Rausch
19 - Corona als Strukturkiller
20 - Die Rolle der Kirche in Corona-Zeiten
21 - Aus Solidarität wird Impfneid
22 - Gastronomie unter Druck: Essen & Trinken „to go“
23 - Kultur auf Distanz
24 - Cocooning - My home is my castle
25 - Einkaufen als Wochenhighlight
26 - Geisterspiele – einfach nur gespenstisch
27 - „Diesmal nicht“ - Köln ohne Karneval
28 - O, Du einsame – „Weihnachten light“
29 - Bleiben wir ein Volk von Heimtieren?
30 - Skypen statt Anstoßen
31 - Runder Geburtstag mit Aussicht
32 - Endlich ein Impfstoff!
33 - Die europäische Zusammenarbeit bei der Bekämpfung der Pandemie
34 - Wie verschiebt Corona die politischen Prioritäten?
35 - Wie wirkt sich Corona auf den Arbeitsmarkt aus?
36 - Welche Auswirkungen hat Corona auf Umwelt und Klima?
37 - Revolutioniert Corona das Gesundheitswesen?
38 - Bedroht die Pandemie den Weltfrieden?
39 - Nach der Pandemie ist vor der Pandemie
40 - Corona als Chance für uns alle?
41 - Schlussgedanken
42 - „Meine Damen und Herren, zum Schluss die CZI-Vorhersage“
Impressum neobooks
Vorwort
Im Bann von covid-19
Impressionen einer Pandemie
von Peter Wolff
Ausgabe 01, 2021
© / Copyright 2021 Peter Wolff
Umschlaggestaltung, Illustration: Peter Wolff
ISBN Paperback
Peter Wolff
Poller Damm 26
51105 Köln
peter.wolff@unitybox.de
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Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek
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Inhaltsverzeichnis
Oft schon „heute“, sonst die „Tagesschau“, wenn ich beides versäumt habe, dass „heute-journal“ oder die „Tagesthemen“ - die tagtägliche Dosis meist schlechter Nachrichten aus aller Herren Länder ist für mich Pflichtprogramm.
Nicht immer voll konzentriert, aber zumindest als „Beiwerk“, neben dem Kochen, dem Aufräumen, dem Spielen mit dem Hund lasse ich mich zumindest einmal am Tag mit dem Neuesten aus aller Welt berieseln.
Insbesondere intensiv in Zeiten, in denen es von Krisenherden auf diesem unseren Globus nur so wimmelt.
Neben den Ereignissen vom Tage sind es vor allem folgende Schauplätze, die die Nachrichtenformate unserer TV-Sender Anfang „Zwanzigzwanzig“ beherrschen.
Da ist zunächst das Thema Syrien. Zwar ist der Bürgerkrieg in Syrien längst entschieden, doch von einer politischen Konfliktregelung und einer Befriedung bleibt das Land weit entfernt. Denn nach wie vor verfolgen die am Konflikt beteiligten lokalen, regionalen und internationalen Akteure widerstreitende Interessen und sind entschlossen, diese auch militärisch durchzusetzen. So kommt es immer wieder zu Übergriffen auf die Bevölkerung.
Zum Jahresanfang rückt auch die islamische Terrormiliz IS wieder stärker in den Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Der „Islamische Staat“ meldet sich mit Anschlägen, Selbstmordattentaten und Feuergefechten in Syrien und im Irak verstärkt zurück.
Im März wird zudem das Thema „Flüchtlingskrise“ wieder brandaktuell. Der türkische Präsident Erdogan hat erneut die Grenzen geöffnet, tausende Menschen stehen vor der türkisch-griechischen Grenze.
Anfangs nehme ich kaum wahr, dass sich heimlich, still und leise ein weiteres Thema zu den die Nachrichtenblöcke unserer TV-Sender beherrschenden Standardthemen geschlichen hat. Kaum merklich noch, meist nur eine kurze, wenige Sekunden dauernde Meldung, aber: stetig, beinahe täglich wird von einem unbekannten, von einem geheimnisvollen Virus berichtet, das vor allem in China um sich greift und Ärzte wie Wissenschaftler vor ein Rätsel stellt.
Mich interessieren diese Meldungen aus Fernost nur am Rande, schließlich wütet das Virus in China und ist damit noch ganz weit weg.
Und als das Kind dann einen Namen hat, löst dieser zunächst durchaus positive Assoziationen in mir aus: Corona=Bier=Genuss=Sommer. Welch ein anheimelnder Name für solch' eine schlimme Bedrohung...
Was niemand zu diesem Zeitpunkt ahnt: Das mysteriöse Virus, das bereits so nah ist, obwohl es noch so weit entfernt scheint, wird in den kommenden Wochen, Monaten, ja, Jahren unser Leben in vielfältiger Weise verändern. Auf eine Art und Weise, die sich niemand, der in diesen Tagen auf der Erde wandelt, auch nur im Entferntesten hätte vorstellen können.
Die Pandemie trennt die Gegenwart von der Vergangenheit beinahe so, wie man sich durch Unfall oder Krankheitsdiagnose von einer Sekunde auf die andere aus dem bisherigen Leben gerissen fühlen kann. Die Ungewissheit trifft uns unvorbereitet. Für die breite Mehrheit der europäischen Staaten bedeutet die virale Pandemie einen Schock des Unermesslichen, der Mitte März 2020 binnen weniger Tage die Gesellschaft um Dekaden zurückwirft.
Es kommt zur Rückkehr vom Hamstern, der temporären Aufhebung von Grundrechten – namentlich der Freizügigkeit und des Demonstrationsrechts-, zum Triumph der Exklusion über die Inklusion und einer Renaissance der Grenzschließungen.
Mit dem Virus erreicht uns eine Bedrohungswahrnehmung: Dieses Corona-Virus ist für den Menschen neu, die Übertragung verläuft sehr schnell von Mensch zu Mensch, der Ausbreitungs- und Krankheitsverlauf ist schwer vorherzusagen, es entfaltet sich ausbruchsartig auch in Europa und überfordert selbst unsere Gesundheitssysteme.
Die „Corona-Krise“, die flugs ausgerufen wird, als das Virus auch in unseren Breitengraden zu unserem ständigen Begleiter wird, verursacht dabei vor allem eins: Ein Gefühl der Unsicherheit, ausgelöst durch die Ungewissheit über das, was der Erreger kurzfristig auszulösen imstande ist, über seine möglichen Langzeitfolgen und nicht zuletzt darüber, wie wir seiner Herr werden können. Die mediale Bericht-erstattung über das Virus befeuert dieses Gefühl noch zusätzlich. Sie nimmt Ausmaße an, die das Erträgliche hart auf die Probe stellen. Von morgens bis abends wird man mit Informationen bombardiert, mit konträren Meinungen von Politikern, Virologen und vielen, die sich darüber hinaus berufen fühlen, ihren Senf zum Thema abzugeben.
Wie soll man da noch den Durchblick, noch einen klaren Kopf behalten? Wie mit seinen Emotionen in dieser seltsamen Zeit umgehen?
Vielleicht hilft es, sich dem Phänomen „Covid-19“ durch grundlegende Fragen, die einen Großteil der Bevölkerung im Zusammenhang mit Corona bewegen und durch die Empfindungen, die die Pandemie-Situation in jedem Einzelnen hervorruft, zumindest anzunähern, um den Schleier ein wenig zu lüften.
Denn auch im letzten Drittel des Jahres 2021, nach gut anderthalb Jahren Covid-19, sind die Verantwortungsträger aus Politik und Medizin weit davon entfernt, sämtliche Fragen hinsichtlich des Virus und seiner möglichen Folgen für den Einzelnen und die Gesellschaft zufriedenstellend beantworten zu können.
Köln, im September 2021
Peter Wolff
I Seuchen, Viren und das Corona-Virus
01 Seuchen gab es schon immer
Es gibt Berge, über die man hinübermuss, sonst geht der Weg nicht weiter“
Ludwig Thoma (Deutscher Schriftsteller, 1867-1921)
Angesichts der aktuellen Corona-Pandemie und ihrer einschneidenden Folgen fragen sich viele Menschen, ob und welche Seuchen es früher gab, wie mit ihnen umgegangen wurde und ob der Umgang damals ein anderer war als heute.
Wie sieht es also aus mit unserer Seuchenhistorie? Und was ist das überhaupt – eine Seuche?
Das Wort „Seuche“ ist ein Abstraktum zu siech („schwach, krank“) und geht zurück auf das althochdeutsche siuhhī, unter anderem im Sinne von „allgemeine Krankheit, die den ganzen Körper schwächt oder eine Krankheit der ganzen Gegend, der ganzen Sippe oder Herde“ (01).
Als Seuche bezeichnet man früher eine „ansteckende Krankheit, die allgemeiner sich ausbreiten kann, da die Gesunden durch die an derselben Krankheit Leidenden angesteckt werden können“, ab dem 17. Jahrhundert auch den „Krankheitsstoff, der durch den ganzen Körper oder das Land geht“.
Im 18. Jahrhundert wird der Begriff als Ersetzung des Begriffes Pest beziehungsweise Pestilenz in Gebrauch gekommen, wobei letztere als Oberbegriff für massenhaftes Erkranken und Sterben dient. Dieser Seuchenbegriff beschreibt nunmehr mehr oder weniger plötzlich auftretende Massenerkrankungen, Seuche wird nicht von der Ursache her definiert, sondern durch die Intensität und Plötzlichkeit des Auftretens.
Die Kontagiosität (Übertragungsfähigkeit) und Infektiosität (Fähigkeit, bei einem Wirt eine Infektion hervorzurufen) sowie Art, Schweregrad und Letalität (Sterblichkeit) der hervorgerufenen Krankheit bestimmen dabei Art und Ausmaß einer Seuche. Typisch ist ein schwerer Verlauf solch virulenter Infektionskrankheiten, der zu „Siechtum“ oder Tod führen kann.
Heute verwendet man den Begriff Seuche im Sinne einer sich schnell ausbreitenden ansteckenden Infektionskrankheit. In einem engeren Sinne kann man sie auch als eine zeitlich und örtlich gehäuft auftretende Erkrankung zahlreicher Lebewesen an einer bedrohlichen und hochansteckenden Infektionskrankheit verstehen. Der Begriff ist in der modernen Fachsprache weitgehend durch Infektion ersetzt.
Seuchenartige Häufungen von infektiösen Erkrankungen werden in der Epidemiologie je nach Art der zeitlichen und räumlichen Ausbreitung in drei Gruppen unterteilt.
Epidemie bei zeitlich und räumlich begrenzter Häufung
Endemie bei räumlich begrenzter, zeitlich unbegrenzter Häufung
Pandemie bei zeitlich begrenzter, räumlich unbegrenzter
Schaut man sich die „Seuchengeschichte“ auf unserem Globus einmal genauer an, so stellt man fest: So einzigartig, wie es zunächst den Anschein hatte und medial transportiert wurde, ist diese weltumspannende Pandemie gar nicht, die das Gefüge der uns gewohnten Welt so heftig erschüttert.
Epidemien begleiten die Menschheit seit Jahrhunderten und üben einen nachhaltigen Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft aus. Sie machen einen unausrottbaren und beständig wiederkehrenden Teil der Menschheitsgeschichte aus. Seuchen im alten Sinn waren dabei absolut dramatische Ereignisse. Das liegt auch daran, dass die Erkenntnis der Übertragung durch Erreger erst 1876 durch die Arbeiten von Robert Koch ihren Anfang nimmt.
Einer der frühesten Hinweise auf räumliche Distanzierung stammt aus dem siebten Jahrhundert v. Chr. im Buch Levtikus, 13,46: „Und der Aussätzige, in dem die Pest ist […] er wird allein wohnen; [außerhalb] des Lagers wird seine Wohnung sein.“
Auch Thukydides beschreibt um 400 v.Chr. in seiner Geschichte des Peloponnesischen Kriegs die Wirkung einer rätselhaften Infektionskrankheit, die Athen während der spartanischen Belagerung heimsucht und am Anfang ihres langen Niedergangs steht.
Im kollektiven Gedächtnis besonders verankert ist die Pest, die seit der Antike als verheerende Seuche tradiert. Mitte des 14. Jahrhunderts führt der „schwarze Tod“, der die europäische Zivilisation in so verheerender Form heimsucht, zu einem Massensterben historischen Ausmaßes. Zwischen 1348 und 1353 fordert die Seuche vermutlich über 20 Millionen Todesopfer und rafft ein Viertel bis ein Drittel der damaligen Bevölkerung dahin. Aus Asien kommend, gelangt die Pest über die Hafenstadt Kaffa in das Handelsnetz der Genueser und verbreitete sich so über ganz Europa.
Die Auswirkungen zeigen sich in Politik und Wirtschaft, sie sind auch in Religion, Kultur und Medizin spürbar. Kurzfristig kommt es zu einem fast vollkommenen Zusammenbruch des öffentlichen Lebens, wie die Novellensammlung «Il Decamerone» des Schriftstellers Giovanni Boccaccio für Florenz bezeugt.
In längerfristiger Perspektive führen die massiven Bevölkerungsverluste zur Aufgabe schlechter und unrentabel gewordener Ackerflächen, sodass ganze Dörfer verlassen und Landstriche zu Wüstungen werden. In den Städten dagegen steigen die Löhne sowie der allgemeine Lebensstandard. Gleichzeitig fördern die höheren Arbeitskosten technische Innovationen wie den Buchdruck, um die kostenintensive Handarbeit zu mechanisieren.
Auswirkungen auf Handel und Wirtschaft hat auch die von den Städten Oberitaliens zum Schutz vor der Pest eingeführte Quarantäne von Schiffen, die für die folgenden Jahrhunderte eine der klassischen Maßnahmen zum Schutz vor Epidemien wird – Kaufleute und Schiffsbesatzungen werden für 30, später 40 Tage meist in Lazaretten isoliert.
Schwere Seuchenzüge, denen in den davon betroffenen Städten regelmäßig Hunderte und Tausende Menschen innerhalb weniger Monate zum Opfer fallen, sind im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit eine wiederkehrende Bedrohung.
Da stellt sich automatisch die Frage: Wie wurde früher mit Seuchen umgegangen?
„Anno 1562 Jar starb es Gewaldig zu / Nurremberg das kein Man gedacht es fohen / die Reichen leud alle auß der stat darinnen/Sturben 10345 Menschen den allen / Gott die frolich aufferstehung gebe.“
Mit diesen Worten verzeichnet die Nürnberger Chronik des Weinschenks Wolf Neubauer d. J. (†1621), die große Pest des Jahres 1562.
Gut dokumentiert ist, wie in der frühneuzeitlichen Bevölkerung mit Seuchen umgegangen wird und welche Maßnahmen ergriffen werden, um ihrer Herr zu werden.
Eine zuverlässig erfolgreiche Behandlung für Erkrankte ist nicht zur Hand. Bekämpfung der Pest bedeutet daher in der Hauptsache den Schutz der nicht-Erkrankten vor der Erkrankung und damit vor allem vor den erkrankten Menschen selbst sowie den Leichen der Verstorbenen.
So werden Erkrankte rasch auf Tragen aus der Stadt geschafft. Es werden Lazarette vor den Stadtgrenzen errichtet, um die Verbreitung der Krankheit durch räumliche Distanzierung zu erschweren. Besonderen Ausdruck finden die Maßnahmen des Ausschlusses Erkrankter schließlich in der Errichtung sogenannter „Pesthäuser“ weit außerhalb der Städte.
Wer kann, flieht aus der Stadt und lässt sich woanders nieder. Denn eine verlässliche Überlebenschance haben insbesondere jene, die gar nicht erst erkranken. Das wiederum lässt sich nur dann halbwegs zuverlässig bewerkstelligen, wenn Pestgebiete gemieden werden. Dies möglichst frühzeitig, möglichst lange und möglichst weit.
Allerdings ist die Seuche meist schneller - den dramatischen Folgen der regelmäßig auftretenden Epidemien ist kaum zu entkommen – weder in der Ferne noch in der Heimat (02).
Die europäische Eroberung der Welt seit der Frühneuzeit beruht ganz maßgeblich auf epidemischen Faktoren. Ohne die genozide Wirkung der Krankheitskeime, die die vordringenden Europäer auf die indigene Bevölkerung übertrugen, gäbe es weder die Staatenvielfalt noch die verschiedenen Kulturkreise, in die Nord- und Südamerika sich heute gliedern.
Das Massensterben an der Pest sorgt nicht nur dafür, dass die überlebenden Bauern schließlich über größere Anbauflächen verfügen, der gleichzeitige Anstieg der Arbeitskosten lässt das Spätmittelalter auch zu einer Epoche technischer Neuerungen mit weitreichenden Wirkungen über die Erfindung des Buchdrucks hinaus werden – auf das Jahrhundert des Schwarzen Todes folgte das Zeitalter der Renaissance.
Der Seuchenausbruch bedeutete auch den Beginn der modernen Hygienewirtschaft, die zur Entstehung der städtischen Kanalisation führte und trieb mit der Einführung der Mineraldüngung die Revolutionierung der Landwirtschaft voran (03).
Seit dem Rückzug der Pest aus Europa ab dem späten 17. Jahrhundert treten Infektionen wie Ruhr, Syphilis, Typhus, Pocken und Malaria vermehrt auf.
Im 19. Jahrhundert sucht dann die Cholera die europäischen Länder heim.
Die Cholera gilt als die klassische Seuche des 19. Jahrhunderts. Eine kurze Inkubationszeit und ein schneller Verlauf begrenzen die Krankheit lange auf Asien. Dies ändert sich im Zeitalter des Welthandels, als sie sich von Indien aus entlang der Handelswege nach Westen hin ausbreitet und Europa seit den 1830er-Jahren heimsucht.
Besonders gut dokumentiert ist die Choleraepidemie der 1890er-Jahre, von der Hamburg als einzige europäische Großstadt betroffen ist. Binnen weniger Wochen fallen rund 8000 Menschen der Krankheit zum Opfer. Da in Hamburg das Trinkwasser nicht gefiltert wird, können sich die Krankheitserreger über die zentrale Wasserversorgung im ganzen Stadtgebiet ausbreiten. So hat die vom Kaufmannsgeist geprägte Stadt an der falschen Stelle gespart.
Die Cholera fungiert als Motor für bedeutende sanitäre Reformen auf dem Gebiet von Wasserversorgung und Kanalisation, die in vielen europäischen Städten ab den 1870er-Jahren systematisch in Angriff genommen werden. Die Kommunen vollbringen dabei technische und finanzielle Pionierleistungen.
Das zwanzigste Jahrhundert schließlich ist das Zeitalter der grippeartigen Epidemien.
Die Spanischen Grippe 1918–1920, die häufig in Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg diskutiert wird und mit einer geschätzten Zahl von 40 Millionen Todesfällen die Anzahl der 17 Millionen Kriegstoten weit übertrifft, sucht sich abweichend von vielen anderen Epidemien ihre Opfer nicht unter Kindern und Senioren, sondern betrifft vor allem junge Männer im besten Alter. Dies löst nach Kriegsende eine tiefgehende Sorge um die Entwicklung der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft aus.
Dass die asiatische Grippe 1957/58 über eine Million Menschen das Leben kostet, schreibt sich dem kollektiven Gedächtnis kaum ein. Sie wird noch auf ihrem Höhepunkt sowohl im Osten als auch im Westen unseres damals noch zweigeteilten Landes als eher harmlos verlaufende Krankheit charakterisiert.
Auch die Hongkong-Grippe 1968/69 scheint der seinerzeitigen Berichterstattung zufolge lange einen Bogen um Deutschland gemacht zu haben. „Keine Hongkong-Grippe in der Republik“ titelt das Neue Deutschland noch Anfang 1969.
Zusätzlich zu den grippeartigen Epidemien tauchen Ende des zwanzigsten/Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts neue Bedrohungen wie HIV, Ehec und Sars und aktuell das Coronavirus auf.
Ebenso wie die Generationen vor uns leidet die moderne Welt bis heute unter periodisch auftretenden Pandemien, die nur erst jetzt stärker in unser Bewusstsein rücken.
Was man derzeit angesichts der Corona-Krise in unseren Breitengraden dabei gerne einmal vermisst: In globaler Perspektive bedrohen nicht nur neue, sondern auch viele wiederkehrende, längst besiegt geglaubte Infektionskrankheiten wie Malaria, Tuberkulose et cetera die Gesundheit der Bevölkerung (04).
Die Weltwirtschaft, internationale Migration und Massentourismus machen neue wie wiederkehrende Seuchen zu weltumspannenden Risiken.
So fördert die Globalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft auch eine Globalisierung der Infektionskrankheiten.
Was nichts anderes heißt als das, worauf ich in Kapitel 30 zum Ende des Buches hin noch ausführlich eingehen werde: Nach der Epidemie ist vor der Epidemie. Das Corona-Virus ist nicht der erste gefährliche Erreger, der uns heimsucht, und er wird nicht der letzte sein.
02 Was ist ein Virus?
„Ein Virus kommt, ein Virus geht, bleibt nur zu hoffen, dass der Mensch den Sinn dahinter auch versteht“
(Beatrix Marth (österreichische Gesundheitsberaterin)
Im Frühjahr 2020 hetzen Deutschlands Vorzeigevirologen von einem TV-Termin zum nächsten. Das deutsche Volk lechzt nach Informationen rund um das alles beherrschende Thema Covid-19.
Dann gehen wir der Sache doch mal auf den Grund:
Was ist das eigentlich, was sich da in unserem Körper breitzumachen versucht?
Viren sind Krankheitserreger, die für ihre Vermehrung auf geeignete Wirtszellen angewiesen sind. Hierbei können sie unterschiedlichste Wirtsorganismen wie Pflanzen, Pilze, Tiere, Menschen und Bakterien befallen.
Da ihnen wichtige Zellbestandteile fehlen, Viren sind lediglich Partikel, keine Einzeller, sind Viren zu keinerlei eigenständigen Stoffwechselvorgängen fähig.
Aus diesem Grunde ist bis heute nicht einheitlich geklärt, ob es sich bei Viren um „Lebewesen“ im eigentlichen Sinne handelt.
Dadurch unterscheiden sich Viren erheblich von Bakterien, die zu den Lebewesen zählen, bis zu einhundert Mal größer als Viren sind, einen ganz anderen Bauplan haben, und vermehren sich, wie menschliche Zellen auch, in der Regel durch die Zellteilung (05).
Viren tragen in sich lediglich die Erbinformationen (DNS oder RNS), die für den Aufbau ihrer Bestandteile und so für ihre Vermehrung notwendig sind. Diese schleusen sie auf unterschiedlichen Wegen in den Stoffwechsel der befallenen Wirtszelle ein und veranlassen diese dazu, als „Virenproduktionsfabrik“ für sie arbeiten.
Die Infektion einer Wirtszelle mit einem Virus führt am Ende dazu, dass aus dem Zellinneren fertige Viren freigesetzt werden.
Dies kann generell auf zwei Wegen geschehen.
Bei der Zell-Lyse (griech. lysis = Auflösung) setzen die Viren bestimmte Enzyme frei, die zu einer Auflösung der Wirtszell-Membran führen und so eine Freisetzung ermöglichen. Die Wirtszelle geht bei diesem Vorgang unter.
Bei der Virus-Knospung (auch: budding), der vegetativen, ungeschlechtlichen Vermehrung, behalten die Viren eine Hülle aus Zellmembran, die sie vor Angriffen des Immunsystems schützt.
Die Symptome einer Virusinfektion werden durch die Veränderungen der befallenen Zellen oder durch ihre Zerstörung ausgelöst und sind entsprechend geprägt durch das jeweils befallene Organ(system).
Die Übertragung der Viren kann auf vielen unterschiedlichen Wegen stattfinden, beispielsweise über die Luft als Tröpfcheninfektion, wenn man zum Beispiel von einer Person mit Grippe angehustet wird, über den Kontakt mit Oberflächen, die zuvor ein Virusträger berührt hat oder auch über Insekten, über die Injektion mit Virus-belasteten Spritzen oder ähnlichen Materialien.
Auch gibt es Viren, die die Artbarriere überspringen und so etwa von einer Fledermaus oder einer Schlange auf den Menschen übergehen können. Dies geschieht durch zufällige Veränderungen um Erbgut, durch Mutationen, die in der Natur häufig vorkommen und oft keine größeren Auswirkungen haben.
Manchmal mutiert ein Erreger allerdings so stark, dass er neue Fähigkeiten bekommt, zum Beispiel die, in die Zellen eines neuen Wirts einzudringen.
Solche Viren, die vom Tier auf den Menschen übertragbar sind, bezeichnet man als zoonotisch. Der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) zufolge sind etwa 60% der Infektionskrankheiten zoonotisch.
Beim Corona-Virus Sars-CoV-2 könnte, so der aktuelle Stand der Wissenschaft, eine Mutation an einem Oberflächenprotein dem Erreger geholfen haben, sich leichter an menschliche Zellen anzudocken (06).
Das Virus ist also keine böse Fügung des Schicksals, nicht dem Zufall geschuldet und auch nicht „von Hand gemacht“.
Es ist ein natürliches Phänomen, zu dessen Entstehung und Verbreitung wir Menschen nicht unwesentlich beitragen, wie in Kapitel 26 noch erörtert wird.
03 Woher kommt es nur, das Corona-Virus?
„Diese Pandemie ist eine demokratische Zumutung“
(Angela Merkel, *17.07. 1954, deutsche Bundeskanzlerin, am 28.08.2020)
In der Acht-Millionen-Einwohner-Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei treten im Dezember 2019 Fälle einer bisher unbekannten Lungenkrankheit auf. Kurz vor dem Jahreswechsel meldet China die Krankheitsfälle offiziell an die Weltgesundheitsorganisation (WHO).
Anfang Januar 2020 identifizieren Wissenschaftler den Erreger der unbekannten Lungenkrankheit als neue Art aus der Familie der Coronaviren. China meldet den ersten Todesfall, zum Ende des Monats werden die ersten Infektionsfälle in den USA und Europa öffentlich konstatiert. Auch in Deutschland gibt es den ersten Fall: Im Kreis Starnberg in Bayern hat sich der Patient wohl bei einer chinesischen Mitarbeiterin seines Unternehmens Webasto angesteckt. Trotzdem sehen die Experten vom Robert-Koch-Institut für eine Ausbreitung nach Deutschland zunächst nur ein geringes Risiko (07).
Die Corona-Krise hat inzwischen große Teile der Welt erreicht - aber woher kommt er eigentlich, der neuartige Erreger?
Als sich das unbekannte Virus rasend schnell ausbreitet, schießen die Spekulationen über seine Herkunft nur so ins Land. Es wird viel gestritten über die Herkunft von Covid-19.
Ganz vorne dabei der US-amerikanische Präsident Donald Trump, der den mysteriösen Erreger flugs „China-Virus“ tauft, um sämtlichen anderslautenden Spekulationen unmittelbar den Wind aus den Segeln zu nehmen. Trump stellt Vermutungen darüber an, dass der Erreger aus einem Bio-Labor in Wuhan stammt – mutmaßlich durch einen Unfall oder durch Sicherheitslücken. So sei zunehmend fraglich, ob die ersten infizierten Personen überhaupt irgendetwas mit dem Markt in Wuhan zu tun gehabt hätten. Die Annahme, dass eine Verkäuferin die sogenannte "Patientin 0" gewesen sei, wird in Frage gestellt. Insbesondere "Fox News" spekuliert, das Virus sei aus dem Labor entwichen.
Der Konter aus Fernost lässt nicht lange auf sich warten: Nur weil China als erstes Land die Existenz des Virus gemeldet habe, müsse das nicht bedeuten, dass das Virus auch aus China stamme. Peking behauptet stattdessen, amerikanische Soldaten könnten das Virus nach China eingeschleppt haben, als sie zu einer Militärsportveranstaltung nach Wuhan gereist waren.
Die Schlacht der Supermächte ist in vollem Gange, der Propaganda-Krieg um den Ursprung des Corona-Virus läuft. Es ist ein neuer Konflikt zwischen der alten Supermacht USA und der aufstrebenden Großmacht China. Trump behauptet gleich mehrfach, dass China das Virus über drei, vier Monate hinweg verschwiegen habe. China wiederum wirft der US-Regierung vor, zu langsam auf den Krisenausbruch reagiert zu haben (08).
So ist die Frage nach dem Ursprung des Virus einerseits wichtig für die Entwicklung von Gegenstrategien, aber gleichzeitig auch eine hochbrisante politische Angelegenheit zwischen den Supermächten USA und China.
Andere Spekulationen, Berichte darüber, dass der Erreger womöglich schon früher auch anderswo auf der Welt aufgetreten sein könnte, sind angesichts des medienwirksamen gegenseitigen Anschuldigens der beiden Großmächte beinahe vernachlässigenswert.
So wird das Virus in Brasilien in Abwasserproben aus dem November 2019 und in Italien in solchen aus dem Dezember des Jahres gefunden. Einen noch früheren Fund gibt es in einer Abwasserprobe aus Barcelona aus dem März des Jahres - dieser wird wissenschaftlich jedoch stark angezweifelt.
Die Frage, woher das Virus stammt, ist bislang nicht abschließend wissenschaftlich geklärt. Verschiedene Studien legen eine natürliche Herkunft nah, ein Entstehen im Labor erscheint weniger wahrscheinlich.
Es wird zunächst angenommen, dass es von Fledermäusen stammt und über eine andere Spezies auf einem Markt für Wildtiere und Meeresfrüchte in Wuhan auf den Menschen übergegangen sei (09).
Wie spätere Studien zeigen, dürfte das Virus zwar letztendlich aus China stammen. Es existiert offenbar schon lange in einer für Menschen ansteckenden Form – befiel aber zuvor nur Fledermäuse.
Eine Entstehung im Labor hingegen gilt unter Wissenschaftlern schnell als unwahrscheinlich, weil die RNA, das Erbgut des Virus, keine Spuren einer künstlichen Manipulation aufweist.
Unklar ist aber, wann und wie das Virus die Fähigkeit erlangte, Menschen zu infizieren – und damit zu einer Zoonose wurde, einer Krankheit, die zwischen Menschen und Tieren übertragen werden kann.
Wissenschaftlern aus Shanghai gelingt es schon kurz nach dem Ausbruch, das Erbgut von Sars-CoV-2 zu entschlüsseln. Forscher an der Universität Peking vergleichen dessen Gencode mit jenen verschiedenen potenziellen Wirtstieren.
Die stärksten Ähnlichkeiten gibt es bei Fledermäusen sowie zwei giftigen Schlangenarten (die zubereitet sogar essbar wären). Die Rede ist von der Chinesischen Kobra und dem Vielgebänderten Krait, wen es interessiert...
Die größte genetische Übereinstimmung hat Sars-CoV-2 mit einem Fledermausvirus namens CoV RaTG13. Forscher hatten dieses Virus bereits 2013 bei einer Hufeisennasenfledermaus in der chinesischen Provinz Yunnan entdeckt, 1600 Kilometer von Wuhan entfernt. Die Erbinformation von CoV RaTG13 und Sars-CoV-2 ist zu 96% identisch, was einen gemeinsamen Ursprung der beiden Viren nahelegt.
Allerdings hätten sich diese, so die Wissenschaftler, seit 40 bis 70 Jahren als getrennte Linien weiterentwickelt. Sars-CoV-2 besaß die entsprechenden Gene wahrscheinlich bereits vor der Abspaltung von der anderen Fledermauslinie - also bereits vor 40 bis 70 Jahren. So war das Virus, zumindest in der Theorie, schon lange ansteckend für den Menschen (10).
Chinesische Forscher um Wie Ji von der Universität Peking berichten, dass ihren Analysen zufolge das mutierte Oberflächenprotein durch einen Genaustausch zwischen zwei Viren-Spezies entstand - einer aus Fledermäusen und einer aus noch unbekannter Herkunft.
Das rekombinierte Virus befiel dann möglicherweise zunächst Schlangen, bevor ihm in Wuhan der Sprung auf den Menschen gelang (11). Die Suche nach einem Wirtstier dauert also an.
In jedem Fall ist es nun da, das Virus. Höchste Zeit, sich genauer mit dem ungebetenen Eindringling in unsere scheinbar doch so heile Welt zu befassen.
Coronaviridae ist eine Virusfamilie innerhalb der Ordnung Nidovirales. Die Viren innerhalb der Familie werden (fach)umgangssprachlich Coronaviren genannt, gehören zu den RNA-Viren mit den größten Genomen und können sowohl Tiere als auch Menschen befallen.
Die ersten Coronaviren wurden bereits Mitte der 1960er-Jahre beschrieben. Als Entdeckerin gilt die britische Virologin June Almeida, der 1966 eine Aufnahme mittels Elektronenmikroskops gelang (12).
Die im elektronenmikroskopischen Bild grob kugelförmigen Viren fallen durch einen Kranz blütenblattartiger Fortsätze auf, die an eine Sonnenkorona erinnern und die ihnen ihren Namen gaben (Lateinisch "corona": Kranz, Krone) (13).
Das „Sars-Coronavirus 2“, abgekürzt Sars-CoV-2, gehört zur Gruppe der Coronaviren und wurde zum ersten Mal Ende Dezember 2019 in Wuhan in China festgestellt, was -siehe oben- nicht heißt, dass es dort auch seinen Ursprung nahm. Die durch das Virus hervorgerufene Erkrankung heißt „Coronavirus Disease 2019“, kurz: Covid-19 (14).
04 Wie verläuft eine Corona-Erkrankung?
“Virus = ein lateinisches Wort, das die Ärzte verwenden, wenn sie sagen wollen: Wir wissen es auch nicht “
(Bob Hope, *1903, amerikanischer Komiker)
Nach so vielen Hintergrundinformationen rund um Covid19 kommen wir nun zu einer der wesentlichsten Fragen. Wenn es einen denn, aller Schutzmaßnahmen zum Trotz, doch erwischt – wie verläuft dann eine Corona-Erkrankung?
Das Wichtigste direkt am Anfang: Einen "typischen" Krankheitsverlauf gibt es nicht! So sind auch die Symptome der neuen Lungenkrankheit eher unspezifisch, vielfältig und variieren stark.
Viele Menschen spüren nur leichte Beschwerden, manche bemerken gar keine Krankheitszeichen. Daher lassen sich keine allgemeingültigen Aussagen zum „typischen“ Krankheitsverlauf machen, vielmehr erweist er sich als sehr unterschiedlich.
Am häufigsten löst die durch das Coronavirus ausgelöste Erkrankung Husten und Fieber aus. Aber auch Kurzatmigkeit, Muskel-, Gelenk- und Halsschmerzen kommen vor. Manche Menschen haben eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen. Mitunter können Patienten auch Kopfschmerzen oder Durchfall haben.
Des Weiteren ist das Auftreten von Krankheitszeichen wie Schnupfen, eine Störung des Geruchs- und/oder Geschmackssinns, Kopf- und Gliederschmerzen sowie allgemeine Schwäche möglich.
Es können also nicht nur die Atemwege, sondern auch andere Organsysteme von einer Infektion mit dem Coronavirus betroffen sein.
Etwa 13% der gemeldeten Erkrankten in Deutschland werden im Krankenhaus behandelt.
Eine Infektion kann völlig ohne Krankheitszeichen bleiben, es sind aber auch Krankheitsverläufe mit schweren Lungenentzündungen bis hin zu Lungenversagen und Tod möglich.
Zu Langzeitauswirkungen und möglichen bleibenden Folgeschäden lassen sich aufgrund der Neuartigkeit des Krankheitsbildes noch keine zuverlässigen Aussagen treffen. Es gibt jedoch Hinweise, dass Erkrankte auch Wochen und Monate nach der akuten Erkrankung noch Krankheitszeichen aufweisen können.
Es wurden bisher verschiedene, allerdings eher selten auftretende Komplikationen und Folgeerkrankungen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung beobachtet.
Erkrankungen der Atemwege: Das Coronavirus SARS-CoV-2 verursacht sehr häufig Infektionen der Atemwege. Daraus kann sich eine Lungenentzündung entwickeln, die meist in der zweiten Krankheitswoche auftritt und die bis zum Versagen der Atem- und Kreislauffunktion fortschreiten kann.
Erkrankungen des Nervensystems: Als neurologische Krankheitszeichen werden Kopfschmerzen, Schwindel und andere Beeinträchtigungen beschrieben, die vermuten lassen, dass das Virus auch das Nervensystem befallen kann. In einzelnen Fällen werden auch entzündliche Erkrankungen des Nervensystems, des Gehirns oder der Hirnhaut beobachtet, die möglicherweise mit der SARS-CoV-2-Infektion in Zusammenhang standen.
Magen-Darm-Beschwerden: Eine Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann auch mit Übelkeit, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Bauchschmerzen, Durchfällen und Leberfunktionsstörungen einhergehen.
Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems: Bei einem Teil der Erkrankten ließ sich eine Mitbeteiligung des Herzens nachweisen. Vor allem bei schweren Infektionen der Atemwege kann es zu Schädigungen und Entzündungen des Herzmuskels, Herzschwäche, Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen kommen. Bei schwerem Verlauf von Covid-19 besteht aufgrund einer krankhaft vermehrten Blutgerinnung zudem ein erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel (Embolien) in den unteren Extremitäten, in der Lunge sowie im Gehirn.
Nierenerkrankungen: Insbesondere bei schwer an Corona erkrankten Personen, die beatmet werden müssen, kann ein akutes Nierenversagen auftreten, was eine Dialyse erforderlich machen kann.
Erkrankungen der Haut: An der Haut kann es unter anderem zu juckenden Ausschlägen, Bläschen, Knötchen und Rötungen kommen. In seltenen Fällen sind schwere Durchblutungsstörungen in den Körperspitzen wie Nase, Kinn, Finger oder Zehen beschrieben.
PIMS: Mehrere Länder berichten von Fällen eines sogenannten Pädiatrischen Inflammatorischen Multisystemischen Syndroms (PIMS) - einer Entzündungskrankheit mit Fieber, Magen-Darm-Beschwerden und Herzproblemen - in Kombination mit einem Schocksyndrom (toxic shock syndrome, TSS), bei dem unter anderem ein Blutdruckabfall hinzukommt.
Schwere Entzündungsreaktion: Einige schwer Erkrankte entwickeln acht bis 15 Tage nach Erkrankungsbeginn eine Verschlechterung ihres Krankheitszustandes infolge schwerer Entzündungsreaktionen (Hyperinflammations-syndrom). Dabei können mehrere Organe versagen; viele der Betroffenen versterben (15).
Die Schleimhäute von Mund und Nase sind das Einfallstor für das neuartige Coronavirus. Es vermehrt sich zunächst in Nase und Rachen. Darum ist es auch ansteckender als sein Verwandter SARS-CoV, weil es sich aus Nase und Rachen leichter verbreiten kann (16).
Die Inkubationszeit, das heißt die Dauer von der Ansteckung bis zum Beginn der Erkrankung, beträgt beim Coronavirus SARS-CoV-2 im Mittel fünf bis sechs Tage. In verschiedenen Studien wurde berechnet, dass bei 95% der Infizierten, die Krankheitszeichen entwickelten, diese spätestens nach 10 bis 14 Tagen aufgetreten waren. Und: Jeder Infizierte kann Überträger sein und das Virus an die Risikogruppe weitergeben. An die Menschen also, die ein deutlich höheres Risiko haben, schwer zu erkranken und eventuell sogar zu sterben.
Nach Angaben der WHO nehmen rund 80% der Fälle einen milden Verlauf. Knapp 14% der Betroffenen entwickeln schwere Symptome wie Atemnot, nur knapp 5% lebens-bedrohliche Auswirkungen wie Atemstillstand, septischen Schock oder Multiorganversagen.
Schwere Verläufe sind also eher selten. Sie können jedoch auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung und bei jüngeren Menschen auftreten. Bei folgenden Personen- gruppen werden schwere Krankheitsverläufe häufiger beobachtet:
ältere Personen (stetig steigendes Risiko für schwere Verlauf ab etwa 50 bis 60)
Raucherinnen und Raucher (schwache wissenschaftliche Datenlage)
Menschen mit sehr starkem Übergewicht.
Personen mit bestimmten Vorerkrankungen:Besonders gefährdet sind Personen mit chronischen Atemwegserkrankungen, Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems wie einer koronaren Herzerkrankung oder erhöhtem Blutdruck, chronischen Lungenerkrankungen wie COPD, Diabetes, chronischen Nieren- und Lebererkrankungen, Krebspatienten und solche, deren Immunsystem durch eine Therapie geschwächt ist. Bei diesen Personen kann Covid-19 einen lebensbedrohenden Verlauf nehmen. Schätzungsweise 22 Millionen Menschen in Deutschland haben mindestens eine relevante Vorerkrankung. Diese Personen entwickeln häufiger eine Lungenentzündung und müssen auf der Intensivstation beatmet werden.
Das Risiko wird außer von der Art der Vorerkrankung auch von deren Schweregrad und einer adäquaten therapeutischen Einstellung sowie von zusätzlichen Begleiterkrankungen und weiteren Einflussfaktoren beeinflusst (17).
Menschen mit milden Symptomen erholen sich der WHO zufolge in zwei Wochen, solche mit schweren Symptomen brauchen drei bis sieben Wochen. Es gebe zudem relativ wenige Fälle bei Kindern, ergänzt der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus. Noch sei aber unklar, warum das so sei (18).
Soviel zu den kurzfristigen Symptomen einer Infektion mit dem Corona-Virus. Wie aber sieht es mit den Langzeitfolgen aus, die, wen wundert's, mittlerweile als „Long Covid“ bezeichnet werden. Genesen, aber nicht gesund?
Nach der Genesung ist Covid-19 längst nicht überstanden. Zehn bis 20% der Patienten leiden unter Langzeitfolgen – und zwar auch jene, die einen milden Krankheitsverlauf hatten.
Auch Monate, nachdem der Sars-CoV-2 Erreger bei Patienten nachgewiesen wurde, leiden viele Erkrankte an langfristige Folgeschäden, dem sogenannten "Long Covid" - und das längst nicht nur im Bereich der Lunge.
"Die Beine vieler Patienten, die zu uns in die Klinik kommen, sind wie Wackelpudding", sagt Per Schüller, Chefarzt der Abteilungen Kardiologie und Pneumologie der Median-Klinik Flechtingen, dem rbb im November 2020.
Bei allen Patientinnen und Patienten, die in der Pneumologie behandelt werden, ist die Lunge betroffen, meistens in Form einer Gasaustauschstörung. Doch auch ausgeprägte Muskelschwächen seien eine häufige Begleiterscheinung, erklärt Schüller. "Wir haben auch Hinweise auf eine neurologische Beteiligung am Krankheitsbild unserer Patienten gesehen", sagt Schüller. Diese Patienten hätten neurologische Symptome wie ataktische Gangstörungen, Geruchs- und Geschmacksstörungen, Konzentrationsstörungen und Einschränkungen der Merkfähigkeit.
"Diese Folgen hatten wir aber auch bei jüngeren Patienten", betont Schüller. Ebenfalls falle auf, dass neurologische Folgen nicht von der Schwere der Covid-Erkrankung abhängen. Auch bei milden Krankheitsverläufen könne es neurologische Begleiterkrankungen geben.
Schon länger häufen sich Berichte, dass Covid-19-Patienten einen Verlust ihres Geruchssinns erleiden. Dieser kann wochenlang andauern - und ist auch ein Hinweis darauf, dass das Virus das Nervensystem angreift. Ob hinter dem Verlust des Geruchssinns auch schwerwiegendere Folgen für das Gehirn liegen, ist noch nicht abschließend geklärt.
Manche Betroffene mit leichten Verläufen leiden noch Monate nach einer Covid-19-Erkrankung an anhaltender Erschöpfung und Müdigkeit, Atembeschwerden und Konzentrationsschwäche.
Laut einer Studie des St.James's Hospitals in Dublin vom November 2020 leiden rund 52% der Befragten auch zehn Wochen nach ihrer Genesung noch unter Müdigkeit und Konzentrationsschwäche – ganz unabhängig von der Schwere der Corona-Erkrankung. Ähnliche Erkenntnisse gewinnt man bereits im Juli des Jahres. 87% der 143 genesenen Patienten eines Krankenhauses in Italien leiden noch zwei Monate nach ihrer Behandlung unter Müdigkeit.
Studienergebnisse wie diese haben auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) alarmiert. "Für eine bedeutende Zahl von Menschen hat dieses Virus eine Reihe ernsthafter Langzeitfolgen", sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus im Oktober 2020. Berichte über anhaltende Komplikationen nach Covid-19 gebe es von Krankenhauspatienten ebenso wie von daheim behandelten, jungen sowie alten Menschen. "Besonders besorgniserregend ist die große Bandbreite an Symptomen, die sich im Laufe der Zeit verändern, oft überschneiden und jedes System im Körper betreffen können", sagte Tedros.
Pneumologische und neurologische Folgen sind die häufigsten Langzeitfolgen, sagt Wolfgang Galetke, Ärztlicher Direktor und Chefarzt Pneumologie der auf Covid-19 spezialisierten Rehaklinik Hagen-Ambrock. Dabei seien die neurologischen Folgen überrepräsentiert. "Bei vielen Patienten bleibt die Störung im Geruchssinn über Monate persistierend.", so Galetke im November 2020. Auch Schwindel und Gangstörungen seien bei Patienten, die keine Lungenschäden hätten, auffällig. "Auf der anderen Seite beobachten wir Lungenveränderungen bei Patienten, bei denen Geschmacksstörungen nicht im Vordergrund stehen", fügt Galetke hinzu.
Das lässt darauf schließen, dass bei Betroffenen mit einem milden Krankheitsverlauf häufig neurologische Folgen im Vordergrund stehen - bei Patienten mit schwerem Verlauf pneumologische Folgen. "Bei einigen scheint das Virus durch den ACE-Rezeptor in der Zunge und im Rachenbereich in das Nervensystem einzudringen, das Geruch und Geschmack meldet", erklärt Galetke. Bei einem Drittel der Patienten bleibe es jedoch nicht dabei, sondern das Virus könne neben Gangstörungen oder kognitiven Beeinträchtigungen beispielsweise auch Schlaganfälle hervorrufen.
Ob sich die Langzeitfolgen erfolgreich behandeln lassen, kann Galetke noch nicht sagen. Bei den Krankheiten Mers und Sars, die ebenfalls durch ein Coronavirus hervorgerufen werden, habe jedoch die Hälfte der Patienten ein halbes Jahr nach der Erkrankung immer noch unter neurologischen Folgen gelitten - aber auch unter psychischen.
Psychische Folgen beobachtet Mediziner Schüller in Flechtingen auch bei Covid-19. "Sehr viele Patienten leiden unter einer enormen Angst, das nicht noch einmal mitmachen zu müssen“ (19).
Wie sieht es nun aus mit dem schlimmstmöglichen Verlauf der Erkrankung – hat die Pandemie einen signifikanten Einfluss auf die Sterbefälle in Deutschland?
Der erste Fall des neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) wird in Deutschland am 28. Januar 2020 in Bayern registriert.
Der ersten beiden Todesfälle in Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) meldet Deutschland am 9. März 2020.
Bundesweit steigt die Zahl der Corona-Infektionen bis zum 11. Januar 2021 auf über 1,9 Millionen Fälle. 40.936 Todesopfer im Zusammenhang mit dem Virus gibt es zu beklagen.
Weltweit beläuft sich die kumulative Zahl bestätigter SARS CoV-2-Infektionen Stand 11.01.21 auf über 90,3 Millionen, die Zahl der Todesopfer im Zusammenhang mit dem Virus auf mehr als 1,9 Millionen.
Das zugrunde liegende Coronavirus hat sich mittlerweile in mehr als 190 Ländern ausgebreitet.
Derzeit werden aus den USA, Brasilien, Indien und Russland die höchsten Fallzahlen gemeldet. In Europa verzeichnen Italien, Spanien, Frankreich, Deutschland und das Vereinigte Königreich die meisten Corona-Infektionen (20).
Übersterblichkeit, häufig auch als „Exzess-Mortalität“ bezeichnet, ist ein vor allem in der Epidemiologie und der Public-Health-Forschung, aber auch in der Demografie genutzter Begriff. Es handelt sich hierbei nicht um ein konkret definiertes wissenschaftliches Konzept.
Im Kontext der Covid-19-Pandemie wird der Begriff allerdings nicht angewandt, um die Mortalität zwischen Gruppen zu vergleichen, sondern um eine im Zeitverlauf auffällig erhöhte Sterblichkeit zu identifizieren und die Frage zu klären: Wie groß sind die Auswirkungen der Pandemie auf die Gesamtzahlen der Sterbefälle in Deutschland im „Corona-Jahr 2020“ ? Führt Covid-19 zu einer Übersterblichkeit? Um diese Frage zu beantworten betrachten wir die Sonderauswertung der vorläufigen Sterbezahlen in Deutschland.
982.489 Menschen sind bis einschließlich der 52. Kalenderwoche 2020 in Deutschland gestorben. Das sind fast 48.100 Tote mehr als im Schnitt der Jahre 2016 bis 2019. Und es sind auch rund 27.000 mehr als 2018, im Jahr mit der schlimmsten Grippewelle seit 30 Jahren, verstorben sind. Eine erhöhte Sterblichkeit lässt sich anhand der Daten des Statistischen Bundesamtes für Ende März bis Anfang Mai, im August und ab dem letzten Oktober-Drittel feststellen. Just in diesen Zeiträumen ist, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) meldet, auch ein Anstieg der Todesfälle zu beobachten, die mit dem Coronavirus in Zusammenhang stehen.
Dass Corona für diese Übersterblichkeit wenigstens mitverantwortlich ist, liegt auf der Hand.
Decken sich doch in der Tendenz die Befunde zur Übersterblichkeit mit den beim Robert Koch-Institut gemeldeten Daten zu Covid-19-Todesfällen.
Die saisonale Entwicklung der Sterbefallzahlen im Jahr 2020 mit einem Anstieg Ende März und Anfang April ist zudem auffällig, weil sie aufgrund der ausklingenden Grippewelle üblicherweise in dieser Jahreszeit von Woche zu Woche kontinuierlich abnehmen (21).
Das folgende Schaubild veranschaulicht die Entwicklung der Sterbefallzahlen in Deutschland anno 2020.
https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1104173/umfrage/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht/#professional
Im Zuge der zweiten Corona-Welle ist der Anteil der an Covid-19 verstorbenen Menschen an der Gesamtheit der Todesfälle deutlich niedriger als während der ersten Welle im Frühjahr. Registrierte das RKI Mitte April (KW16) noch einen Anteil von Verstorbenen von 6,98%, so liegt dieser Ende Oktober bei gerade noch 0,94%. Hier gilt es jedoch zu berücksichtigen, dass die Bezugsgröße die Gesamtzahl der erfassten Fälle ist und diese durch die erhöhten Testkontingente höher liegt. Doch selbst vor diesem Hintergrund liegt der Anteil der am Virus Verstorbenen niedriger als im Frühjahr. Dies könnte auch dem besseren Schutz von Risikogruppen geschuldet sein (22).
Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache: Offensichtlich verhält es sich so, dass Covid-19 die Sterbezahlen signifikant erhöht.
Und dennoch gibt es noch immer unverbesserliche Zeitgenossen, die die Gefährlichkeit des SARS-CoV-2-Virus anzweifeln und behaupten, an und mit Corona würden angeblich ähnlich viele Menschen sterben wie im Zuge einer schweren Grippewelle. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie halten sie deshalb für überzogen.
Haben diese Menschen Recht? Oder ist die Sterblichkeit am Virus höher als jener an der Grippe? „Ja. Die ist definitiv höher. Wir haben noch nie einen solchen Anfall an so schwer erkrankten Patienten auf den Intensivstationen erlebt. Da spreche ich nicht nur für Dresden. Dass wir so viele Patienten mit schwerstem Lungenversagen auf den Stationen haben, ist für uns ein Novum, das war zu keiner Influenza-Epidemie der Fall. Das ist wirklich nicht vergleichbar“, sagt dazu Prof. Dr. Thea Koch von der Uniklinik Dresden auf Nachfrage des Senders MDR im Dezember 2020.
Die Case Fatality Rate (CFR) oder Letalitätsrate beziffert den Anteil der Personen mit einer bestimmten Erkrankung, die an eben dieser sterben. Bei der Grippewelle von 2017/2018 lag die dem RKI zufolge bei 0,5 %.
Und wie sieht es bezüglich Covid-19 aus?
Die Daten sagen: Etwa 1,8% der gemeldeten Covid-Erkrankten in Deutschland sterben. Langzeitdaten, die CFR betreffend, fehlen noch. In konkreten Fallzahlen: bei der besonders schlimmen Grippewelle in der Saison 2017/2018 gibt es laut RKI knapp 1700 laborbestätigte Todesfälle. Bei Covid-19 sind es - Stand Mitte Dezember 2020 - rund 23.500 (23).
Um diese Zahlen einzudämmen, läuft die Forschung nach Medikamenten gegen das Virus seit dessen Ausbruch und Identifizierung auf Hochtouren.
Während für zahlreiche Viruserkrankungen durch eine Impfung eine aktive Erkrankung vermieden werden kann, ist die Therapie einer einmal ausgebrochenen Viruserkrankung häufig schwierig und stellt die Medizin immer wieder vor schwierige Aufgaben, da Viren nicht wie Bakterien durch Antibiotika abgetötet werden können.
Die einzige Möglichkeit, ihrer Herr zu werden, besteht im Einsatz sogenannter Virostatika, also von Medikamenten, die eine Virusvermehrung hemmen. Die Medikamente können hierbei ein Eindringen der Viren in die Wirtszelle oder das Austreten der neuen Viren aus der Zelle verhindern, ferner in den Stoffwechsel der Wirtszellen so eingreifen, dass die Virusvermehrung benachteiligt wird.
Da die Wirkstoffe hierbei zwangsläufig in die empfindlichen Prozesse der Körperzellen eingreifen, ist das Nebenwirkungsrisiko vieler Virostatika relativ groß.
Außerdem sind die Vermehrungsstrategien der Viren auf biochemischer Ebene sehr vielfältig, sodass keine „Breitband-Virostatika“ existieren (24).
Verschiedene spezifische Therapieansätze wurden und werden im Verlauf der SARS-CoV-2-Pandemie in Studien untersucht. Dabei erwiesen sich insbesondere zwei Arzneimittel als wirksam.
Direkt gegen das Virus richtet sich Remdesivir (Veklury®), das am 03. Juli 2020 eine bedingte Zulassung durch die Europäische Kommission zur Anwendung bei schwer erkrankten Patientinnen und Patienten erhielt.
Auch Dexamethason, welches immunmodulatorisch, also über das körpereigene Abwehrsystem wirkt, erhielt eine positive Bewertung durch die Europäische Kommission für die Anwendung bei bestimmten Patientengruppen mit einer Infektion durch SARS-CoV-2. Weitere Hinweise dazu finden Sie auf den Internetseiten des Bundesinstitutes für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) (25).
Viel diskutiert wird in letzter Zeit auch die Frage, ob einmal erkrankte Personen eine Immunität gegen das Virus entwickeln.
Bei einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 kann der Körper Antikörper bilden, die in der Lage sind, das Virus zu neutralisieren und zu Immunität führen können. Antikörper sind meist ab der zweiten Woche nach Beginn der Erkrankung nachweisbar, jedoch ist dies nicht bei allen Infizierten der Fall.
Unklar ist bislang auch, wie robust und dauerhaft eine aufgebaute Immunität ist und ob Ausprägung und Dauer dabei von Mensch zu Mensch variieren.
Die Erfahrungen mit anderen Coronavirus-Erkrankungen wie SARS (Schweres Akutes Respiratorisches Syndrom) und MERS (Middle East Respiratory Syndrome) lassen vermuten, dass eine aufgebaute Immunität bis zu drei Jahre anhalten kann. Ob dies auch bei Covid-19 der Fall ist, lässt sich noch nicht abschließend beurteilen. Weitere Studien sind erforderlich, um den Verlauf der Abwehrreaktionen im Körper über einen längeren Zeitraum zu beobachten.
Antikörper können im Blut mittels ELISA-Labortest (Enzyme-linked Immunosorbent Assay) nachgewiesen werden. Sind Antikörper vorhanden, beweist dies, dass eine Patientin oder ein Patient eine Infektion mit SARS-CoV-2 im Körper hatte – auch wenn er dies womöglich gar nicht bemerkt hat, weil nur milde oder gar keine Krankheitszeichen aufgetreten sind.
Ob die Person dann auch dauerhaft immun ist, sich also nicht erneut anstecken und das Virus folglich nicht an andere übertragen kann, ist zurzeit nicht zufriedenstellend wissenschaftlich belegt. Allerdings mehren sich die Stimmen, dass dem nicht in jedem Fall so ist.
In Hongkong ist es ein 33-jähriger IT-Spezialist, der im April an Covid-19 erkrankt und wenig später genesen ist. Bei ihm fällt ein neuer Coronatest nach der Rückkehr aus Spanien im August positiv aus.
In den Niederlanden geht es um einen älteren Patienten mit einem schwachen Immunsystem.
In Belgien erkrankt eine nicht näher beschriebene Patientin nach drei Monaten erneut.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) betont, dass es sich nach bisherigen Erkenntnissen um Einzelfälle unter 23 Millionen weltweit bekannten Fällen handelt.
"Es scheint kein gängiges Vorkommnis zu sein, sonst hätten wir mehr Fälle gesehen", sagt WHO-Sprecherin Margaret Harris im August des Jahres.
Allerdings wurde der Hongkonger Patient auch nur entdeckt, weil er im August wegen einer Reise routinemäßig getestet wurde. Er hatte keinerlei Symptome. Denkbar ist, dass auch andere Patienten sich neu infizierten, dies aber gar nicht merken.
Sind solche Neuinfektionen überraschend?
Nein, sagt die Virologin Isabella Eckerle im Interview mit Zeit Online am 26.08.2020.
"Wir wissen es von anderen respiratorischen Viren wie Erkältungsviren, dass sie unser Immunsystem immer wieder überlisten und wir uns immer wieder infizieren können."
So sieht es auch der Leiter der medizinischen Virologie der Universität Gießen, John Ziebuhr: "Es ist bekannt, dass die Immunität im Nasen- und Rachenbereich nicht besonders langlebig ist", sagt er der dpa im August 2020.
"Man darf sich nicht der Hoffnung hingeben, dass das Problem gelöst ist, wenn alle einmal durchgeimpft sind", sagt er. Man müsse sich darauf einstellen, dass das Virus dauerhaft zirkuliere (26), am ehesten vergleichbar wohl mit dem Grippevirus.
Genau darum ist es auch so eminent bedeutsam, die allseits empfohlenen Hygienemaßnahmen und Verhaltensregeln einzuhalten, um sich und andere bestmöglich vor einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu schützen.
Denn von effektiven, dazu zielgerichteten und nebenwirkungsarmen Medikamenten zur Bekämpfung von Covid-19 sind wir zur Mitte des Jahres 2021 leider noch ein gutes Stück entfernt.
05 Covid-19 - eine Pensionärskrankheit?
„Es geht um Leben und Tod, so einfach ist das und auch so schlimm“
(Armin Laschet, *18.02.1961, Ministerpräsident Nordrhein- Westfalen, im März 2020 )
Im letzten Kapitel haben wir erfahren, dass es sich bei einer Infektion mit Covid-19 um eine durchaus gefährliche Erkrankung handelt.
Aber gefährdet die Pandemie wirklich alle Menschen in unserem Lande? Muss sich die jüngere Generation überhaupt vor dem Virus fürchten?
Sind nicht nur ältere Menschen in bedrohlicher Weise betroffen?
Die Infektion mit dem Corona-Virus wird nicht selten als „Rentner-Krankheit“ bezeichnet. Stimmt das?
Schauen wir uns die demografische Verteilung der bekannten Corona-Fälle in Deutschland bezüglich des Sterbealters doch einmal genauer an.

https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1104173/umfrage/todesfaelle-aufgrund-des-coronavirus-in-deutschland-nach-geschlecht/
Betrachtet man die Grafik, so fällt auf, dass alte Menschen, was die Gesamtzahl der Sterbefälle betrifft, deutlich überrepräsentiert sind (27).
Die Grafik scheint also auf den ersten Blick Entwarnung für die „jüngere Generation“ zu geben.
Auch die Daten des Robert-Koch-Institutes (RKI) bestätigen, dass vornehmlich Ältere und Menschen mit Vorerkrankungen von schweren Krankheitsverläufen der durch SARS-CoV-2 ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 betroffen sind.
Allerdings zeigt sich im Verlauf der Pandemie immer wieder: Auch junge Menschen ohne (bekannte) Vorerkrankung können schwer am Corona-Virus erkranken, ja, daran sterben.
In London verschied ein 13-jähriger Junge namens Ismail an Corona, die jüngste Tote in Frankreich war 16 Jahre alt. Das bisher jüngste Todesopfer der Corona-Krise in Europa war ein 12-jähriges Mädchen aus Belgien (28).
. Und wenn Sie jetzt denken, in Deutschland kann so etwas nicht passieren: Ein erst 26-Jähriger ist in unserem Lande an den Folgen seiner Coronavirus-Infektion gestorben. Der junge Mann war anlässlich einer bestätigten Infektion mit Sars-CoV-2 ins Uniklinikum Essen eingeliefert worden. Wie es weiter heißt, habe der Mann "keine nennenswerten Vorerkrankungen" gehabt (29).
Wissenschaftler und Mediziner weltweit versuchen nun zu erklären, warum auch junge Menschen ohne sichtbare Vorerkrankungen an Corona sterben können.
Einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Virologie in Deutschland ist der mittlerweile durch seine medialen Auftritte im Lande bestens bekannte Professor Christian Drosten, seines Zeichens Institutsdirektor an der Charité in Berlin.
In seinem NDR-Podcast stellt er die Vermutung an, dass auch jüngere Menschen dann eine schweren Krankheits-verlauf zeigen und an Corona sterben können, wenn die Viren beim Einatmen direkt in die Lunge geraten. Im Normalfall befällt das Virus nämlich zunächst den Rachen, wo es sich vermehrt – in dieser Zeit bildet das Immunsystem bereits Antikörper, um Covid-19 zu bekämpfen. Gelangt das Corona-Virus aber direkt in die Lunge, fehlen diese Antikörper, der oder die Betroffene erkrankt.
Eine zweite Theorie Drostens besagt, dass gewisse Menschen zum Zeitpunkt ihrer Ansteckung einer höheren Dosis Corona-Viren ausgesetzt seien als andere, was dann zu einem ungünstigen Covid-19-Verlauf führen kann. Ähnliche Beobachtungen konnten Wissenschaftler bereits beim Ebola-Virus machen: Je höher die Dosis, desto wahrscheinlicher war ein schwerer bis tödlicher Krankheitsverlauf.
Drosten vermutet weiter, dass sich jüngere Menschen bisweilen bestimmter Vorerkrankungen nicht bewusst seien und sich deswegen in Sicherheit wiegen.
Der Arzt Georg-Christian Zinn bestätigt diese Theorie gegenüber "n-tv" und nennt als Beispiel den Fall eines Fußballtrainers in Spanien, der mit 21 Jahren an Corona gestorben ist. Die Ärzte stellten im Nachhinein fest, dass er unwissend an Leukämie gelitten hatte.
Vorerkrankungen sind wohl der größte Risikofaktor für junge Menschen, an Corona zu sterben (30).
Tatsächlich jedoch beobachten Ärzte immer öfter ein schweres Krankheitsbild bei jungen Menschen ohne Vorerkrankung.
Leider sind sich viele unserer jüngeren Mitbürger dessen nicht bewusst oder, schlimmer noch, sie ignorieren entsprechende Warnungen.
Vielleicht hilft es in Zeiten von Reality-TV, von Casting-Shows, Bloggern und Influencern daran zu erinnern, dass covid-19 durchaus auch Prominente und solche, die es einmal werden wollen, dahinzuraffen in der Lage ist.
Im Alter von 41 Jahren ist Broadway-Star Nick Cordero nach einer Corona-Virus-Infektion gestorben. Cordero erleidet eine septische Infektion, muss einmal wiederbelebt werden. Es folgen eine Reihe kleinerer Schlaganfälle und Blutgerinnsel. Cordero braucht einen Luftröhrenschnitt und zeitweise einen Herzschrittmacher. Wochen liegt er auch in einem künstlichen Koma. Sein rechtes Bein muss amputiert werden, eine Lungentransplantation wird erwogen.
Nach 95 Tagen in der Notaufnahme ist der junge Schauspieler tot. Cordero hatte keine Vorerkrankungen, wie seine Ehefrau mehrfach betont. Es war ein monatelanger Kampf. Am Ende verlor der Broadway-Star Nick Cordero sein Leben im Ringen mit Covid-19 (31).
Weitere keineswegs betagte Corona-Opfer aus dem öffentlichen Leben, die es zu beklagen gilt: Fred the Godson, US-amerikanscher Rapper (35), Caio Narcio(33), brasilia-nischer Politiker, Nashom Wooden (50), US-amerikansiche Dragqueen, Chris Tousdale (34), US-amerikanischer Schauspieler. Zororo Makamba (30), Journalist aus Simbabwe, Li Wenliang (33), chinesischer Mediziner, Danil Chalimow (42), kasachischer Ringer, Adam Alsing (51), schwedischer Rund-funk- und Fernsehmoderator (32).
Fälle wie die erwähnten zeigen die Unberechenbarkeit des Corona-Virus. Sie machen deutlich, dass auch jüngere Menschen schwere Komplikationen nach einer Infektion mit dem Virus erleiden können.
Die Sterblichkeit gemessen an allen Infizierten kann nur annähernd bestimmt werden. Sie liegt bei Menschen über 80 Jahren bei etwa 10 Prozent. Pro 20 Lebensjahre weniger sinkt vermutlich auch die Sterblichkeit um den Faktor10 (33).
Da auch junge Menschen an Sars-CoV-19 erkranken und sogar sterben, warnen Experten weltweit mit zunehmendem Nachdruck davor, Covid-19 als junger, gesunder Mensch zu unterschätzen: Ein schwerer Krankheitsverlauf ist nach aktuellen Erkenntnissen zwar unwahrscheinlicher als bei älteren Erkrankten, aber keineswegs unmöglich.
Leider, so hat man im März 2021 den Eindruck, ist diese unbestrittene Tatsache jedoch bei vielen von uns noch nicht angekommen
Ich kann mich da zunächst nicht ausnehmen. Obwohl ich mittlerweile ein Alter erreicht habe, in dem ich mich schon beinahe der „Corona-Hochrisikogruppe“ zugehörig fühlen kann.
Zwar beobachte ich das Corona-Geschehen kontinuierlich und überaus interessiert, aber lange auch mit einer gewissen Distanz.
Die nackten Zahlen der Infizierten und Toten, die schrecklichen Bilder aus Italien, die nicht enden wollenden Warnungen der Virologen und Politiker vor dem Virus, nehme ich zwar wahr, aber wirkliche Furcht vor Covid-19, Angst vor einer möglichen Infektion, löst all' dies in mir nicht aus.
Das ändert sich erst, als die Einschläge näherkommen. Innerhalb kürzester Zeit erkranken zunächst eine mir dem Namen nach bekannte langjährige Kollegin meiner Frau, dann ein Herr in den 60ern aus dem Freundeskreis an Corona.
Und plötzlich ist sie da, die Angst, mich selbst zu infizieren. Die Bedrohung ist realer geworden, sie ist nunmehr greifbar für mich, kann ich die Seuche doch nun mit mir bekannten Personen assoziieren.
Es ist schon eine seltsame Laune der menschlichen Natur, dass man eine Gefahr meist weit weg wähnt, wenn sie nicht bereits im unmittelbaren Umfeld Opfer gefordert hat.
Was dieses Empfinden betrifft, ärgere ich mich doch ein wenig über mich selbst, bin ich doch in dieser Hinsicht Serientäter.
Mit dem Begriff Demenz konnte ich kaum etwas anfangen, bis meine Mutter urplötzlich an der unheilbaren Störung der Gehirnfunktionen erkrankte.
Krebs bleibt für mich ein Abstraktum, eine „Krankheit der Anderen“, bis in mir selbst Zellen mutieren.
Und Corona? Alles scheint so weit weg, wenn es nicht einen selbst oder das unmittelbare Umfeld betrifft.
An diesem Punkt scheint die Lernfähigkeit des Menschen begrenzt.
Corona ist nicht ausnahmslos eine „Krankheit der Alten“. Das Virus bedroht uns alle, zumindest mittelbar. Und so sollte jeder von uns alles dafür tun, die Ausbreitung der Pandemie nach besten Kräften zu verhindern. Nicht erst WENN, sondern BEVOR man selbst oder das persönliche Umfeld unmittelbar betroffen sind.
06 - Ist am Ende alles nur eine Verschwörung?
“Nehmen Sie es ernst. Es ist ernst"
Angela Merkel, (*17.07.1954, deutsche Bundeskanzlerin, im Juni 2020)
Die Theorie, dass Covid-19 eine reine Pensionärskrankheit sei, ist also schon einmal widerlegt. Leider kursieren im Netz noch weitaus abstrusere Behauptungen, das Corona-Virus betreffend.
Als wenn es nicht schon schwer genug wäre, die Bevölkerung in Zeiten von „Corona-Maßnahmen“ im Zaum zu halten, wird dieses Bestreben zusätzlich dadurch erschwert, dass, je länger die Pandemie andauert, immer mehr Verschwörungstheorien die Runde machen, die die Bevölkerung zusätzlich verunsichern.
Verschwörungstheorien bezeichnen im weitesten Sinne den Versuch, einen Zustand, ein Ereignis oder eine Entwicklung durch eine Verschwörung zu erklären, also durch das zielgerichtete, konspirative Wirken einer oftmals kleinen Gruppe von Akteuren zu einem meist illegalen oder illegitimen Zweck.
Verschwörungshypothesen machen rationale, überprüfbare und dadurch falsifizierbare oder verifizierbare Aussagen über angenommene Verschwörungen (34).
Sie treten insbesondere in Krisensituationen verstärkt zu Tage.
Zu Beginn der “Corona-Krise“ rätselt die Welt über die Herkunft des bisher unbekannten Virus. Schnell zirkulieren Thesen im Internet, wonach das neuartige Sars-CoV-2 eine im Labor entwickelte biologische Waffe sei.
Wahlweise stammt das neuartige Virus aus einem Labor im chinesischen Wuhan oder den USA. Zumeist russische Medien verbreiten Spekulationen, das Virus könnte als Biowaffe im "Lugar Centre for Public Health Research" in Georgien entwickelt worden sein. Die USA haben dieses Labor aufgebaut und ausgestattet.
In der Angelegenheit erweist sich der Gencode-Vergleich als nützlich: Ein Forscher-Team aus La Jolla im US-Bundesstaat Kalifornien widerspricht im Fachmagazin Nature Medicine Ende März vehement. Sie vergleichen Sars-CoV-2 mit bereits gut untersuchter Corona-Spezies und kommen zu dem Schluss: Ausgeschlossen. Der Erreger kommt nicht aus dem Labor (35).
Richtig ist: In Wuhan wurde Anfang 2015 das Wuhan Virologie-Institut eingeweiht - das bislang einzige offizielle chinesische Labor der biologischen Schutzstufe 4. Nur diese Hochsicherheitseinrichtungen dürfen mit Biostoffen der höchsten Risikogruppe arbeiten.
Bislang wird aber davon ausgegangen, dass das neuartige Corona-Virus keinesfalls aus einem Labor stammt, sondern seinen Ursprung auf dem Wildtiermarkt in Wuhan hatte.
Wenn das Virus schon einmal da ist, tut man gut daran, es zu verharmlosen, denken sich die Vertreter einer weiteren Verschwörungstheorie. Die Idee von einer "normalen" Grippe beziehungsweise einer Erkältung hält sich am Anfang der Pandemie, im Januar und Februar 2020. Alles nur Hysterie, heißt es.
Leider jedoch sind die verstorbenen Patienten und die Todesfälle unter dem medizinischen Personal nicht erfunden. Noch steigen die Infiziertenzahlen weiter an, es gibt keinen Impfstoff und kaum eine Therapie außer intensiv-medizinischer Beatmung. Eine Infektion mit dem Corona-Virus kann tödlich enden – vor allem, weil der menschliche Körper den Erreger noch nicht kennt. Niemand auf der Welt ist gegen Sars-CoV-2 gottgegeben immun.
Unklar auch, warum die Eliten eine Pandemie erfinden sollten. Denn der wirtschaftliche Schaden durch einen Lockdown, welcher die Verbreitung des Virus verhindern soll, geht in die Milliarden.
Flugs zur nächsten Theorie: Ist Covid-19 am Ende das Ergebnis einer geheimen Zusammenarbeit mehrerer Mächtiger dieser Welt zum Nachteil der Weltbevölkerung?
Wollen Geheimgesellschaften die Krise ausnutzen, um eine autoritäre, supranationale Weltordnung zu errichten?
Und dies durch Militärpräsenz, den Zusammenbruch des Finanzsystems und eine Abschaffung der Bürgerrechte, um völlige Kontrolle über die Bürger zu erlangen?
Keine Angst: Was nach einem durchaus interessanten Roman oder Science-Fiction-Reißer klingt, hat mit der Realität zum Glück nichts zu tun.
Denn die Idee einer "Neuen Weltordnung" (NWO) ist nichts Neues. Sie ist ein beliebter Verschwörungs- und Esoterikermythos in rechtsextremen Kreisen und besteht seit den 1990er-Jahren. Zumeist sind "die Juden" das Feindbild. Je nach Auslegung wollen aber sogar Vampire oder-Außerirdische die Menschheit versklaven!
In hiesigen Gefilden sind es auch die selbsternannten Reichsbürger, die Deutschland nicht anerkennen, weil sie es für eine GmbH halten, die diese "neue Welt" propagieren (36).
Wer IN WAHRHEIT hinter Corona steckt, will auch der ehemalige RBB-Journalist Ken Jebsen alias KenFM in Erfahrung gebracht haben.
Auf Youtube verbreitet er Halbwahrheiten und Verschwörungsmythen, Covid-19 betreffend.
Mit einem Video zu angeblichen Machenschaften der Bill und Melinda-Gates-Stiftung in der Corona-Krise feiert Ken Jebsen großen Erfolg: Innerhalb von drei Tagen hat das Video mehr als fünf Millionen Aufrufe auf verschiedenen Plattformen gesammelt.
Jebsen spricht davon, dass Gates Politik, Medien und Forschung komplett kontrolliert: "Der Lockdown der Republik wäre ohne die von Gates finanzierten Berater im Hintergrund so nie über die Bühne gegangen und wird erst beendet, wenn Gates sein Go gibt" (37).
Dieser Theorie zufolge soll die Bevölkerung dazu gezwungen werden, sich impfen zu lassen. Geldgierige Geschäftsleute rund um Microsoft-Gründer Bill Gates hätten bereits ein Patent auf den Impfstoff angemeldet. Praktisch: Auf diese Weise könne man auch gleich einen winzigen Microchip in den Körper injizieren, um die „totale Kontrolle“ über die Menschen zu erhalten. So könnte Gates seinen lange vorbereiteten Plan zur Entvölkerung der Welt umsetzen.
Die Behauptungen über Bill Gates als alleinigen Drahtzieher der Pandemie basieren zumeist auf wenigen Zitaten, die aus dem Kontext gerissen oder bewusst falsch interpretiert werden. Gates schreibt im März, dass irgendwann "digitale Zertifikate" Auskunft darüber geben könnten, wer eine Infektion mit dem Coronavirus bereits durchgestanden hat oder dagegen geimpft ist.
Fakt ist: Bill Gates und seine Frau unterstützen über ihre Stiftung die Forschung an einem Corona-Impfstoff. So wie sie schon seit Jahren Impfstoffe auch gegen andere Krankheiten erforschen lassen. Zudem hat Gates große Summen an die Weltgesundheitsorganisation WHO gespendet. Die lebt aber ohnehin zuvörderst von Privatspenden.
Auch in Deutschland braucht man keinen Impfzwang zu fürchten. Niemand wird betäubt, gefesselt und dann gegen seinen Willen gepiekt. Eine Impfpflicht gegen das Corona-Virus steht (zunächst?) auch nicht zur Debatte –auch nicht Anfang 2021, obwohl es nunmehr Impfstoffe gibt.
Andere machen das neue 5G verantwortlich, auch, wenn man sich ein Leben ohne das Drahtlostelefonieren und -surfen kaum mehr vorstellen mag. 5G bedeutet bereits die fünfte Generation der drahtlosen Netzwerktechnologie. Diese wird in gewissen Kreisen für die Verbreitung des Corona-Virus verantwortlich gemacht. In Großbritannien wird sogar unter vielen Masten Feuer gelegt. Auch die Menschen in Wuhan sollen an der Strahlung von 5G erkrankt und gestorben sein, nicht aber am Virus. Wahlweise aktiviere die Strahlung das Virus auch erst. In Afrika gebe es keine Corona-Toten, so die Behauptung, weil es dort kein 5G-Netz gibt.
Die Theorie ist leicht zu entkräften: Die 5G-Technologie wird über Mobilfunkmasten durch Funkwellen übertragen. Diese sind aber nicht-ionisierend, sprich: sie schädigen nicht die DNA im Zellinneren des menschlichen Körpers.
Außerdem gilt mittlerweile als ziemlich gesichert, dass Sars-CoV-2 in Wuhan ausbrach. 5G allerdings wurde zuerst in Südkorea und in Teilen der USA aktiviert. Gerade einmal zehn Prozent von Wuhan sind zudem mit 5G ausgestattet! Und Corona-Tote, die gibt es mittlerweile leider auch zahlreich in Afrika zu beklagen.
Wenn die anderen Theorien bei näherem Hinsehen schon nicht greifen - kontrollieren am Ende finstere Mächte unsere Gedanken?
Auf Demonstrationen gegen Einschränkungen in der Corona-Krise tragen einige Teilnehmer eine aus Alufolie geformte Kugel an einem Band um den Hals oder am Revers, andere haben sich aus der Folie einen Hut gebastelt. Die Alukugel-Kette ist ein Verweis auf den sogenannten Aluhut. Der soll, so glauben manche Verschwörungstheoretiker, den Kopf des Trägers vor schädlicher Strahlung oder einer Kontrolle der Gedanken durch finstere Mächte schützen.
Was die Herrschaften offenbar nicht wissen: Selbst gestandene Neurologen befinden sich in Sachen Gedankenlesen noch im Anfangsstadium. Außerdem wäre die ganze Angelegenheit dann wohl doch ein wenig zu aufwendig: Man benötigt selbst dafür Hunderte Elektroden, die am Gehirn angeschlossen werden.
Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Aluhut längst zu einer abwertenden Bezeichnung für Verschwörungsgläubige geworden (38).
Beruhigend hier also festzuhalten: Die Verschwörungstheorien - alle haltlos.
Schlimm nur, dass zunehmend Prominente auf den Plan treten, die der Publicity wegen auf den Verschwörungszug aufspringen. Sie nutzen Ihren Promistatus, um die wirren Theorien zu unterstützen und die Bevölkerung aufzuwiegeln.
Traurig, dass dies (siehe Kapitel 07 – Vorbilder) mitunter durchaus zu gelingen scheint.
Viele Stars haben in den letzten Monaten mit Theorien rund um das Corona-Virus auf sich aufmerksam gemacht, haben sich als Unterstützer von Verschwörungstheorien geoutet oder verbreiten selbst krude Thesen im Netz
Schlagersänger Michael Wendler wirft der Regierung vor, mit den Corona-Regelungen gegen die Verfassung zu verstoßen. Außerdem beschuldigt er diverse Fernsehsender, insbesondere RTL, „gleichgeschaltet“ und „politisch gesteuert“ zu sein.
Der Rapper Fler verbreitet die Theorie der „Neuen Weltordnung“ über soziale Netze wie Telegram.
Der Messengerdienst Telegram dient auch Sänger Xavier Naidoo als Plattform, um verschiedenste Corona-Verschwörungstheorien zum Besten zu geben. Oftmals zweifelt er die Existenz des Virus an, außerdem behauptet er, die Regierung würde das Corona-Virus als Waffe gegen alte Menschen nutzen.
Mit der Lauteste unter den prominenten Verbreitern von Verschwörungstheorien ist Vegan-Koch Attila Hildmann. Er spricht über „Hochverrat am deutschen Volke“, erwartet ein „Ermächtigungsgesetz“ und ist prominenter Gast auf Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen, auf denen er auch schon einmal festgenommen wird.
Schauspieler Til Schweiger, zu Beginn der Pandemie noch ein Befürworter der Einschränkungen, hat sich mittlerweile dem Team „Naidoo/Hildmann“ angeschlossen.
Die ehemalige Tagesschausprecherin Eva Hermann verbreitet Thesen über eine bevorstehende Impfpflicht im Internet und meint, die Wahrheit werde in Zeiten wie diesen ziemlich verdunkelt (39).
Verschwörungstheoretiker wollen die Bevölkerung gezielt manipulieren.
Diesem Credo folgend, belassen sie es bisweilen nicht dabei, ihre abstrusen Theorien zu verbreiten, sondern propagieren bewusst Fake-News und -Videos.
Mit Blick auf manche dieser wirren Gestalten erklärt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in einem Fernsehinterview im Mai 2020, «dass unter den Gesichtspunkten des Virusschutzes der vielleicht manchmal unbequeme und lästige Mundschutz empfehlenswerter ist als der Alu-Hut».
Die Antwort der Verschwörungstheoretiker lässt nicht lange auf sich warten: Im Netz kursiert schnell eine manipulativ zusammengeschnittene Sequenz des Auftritts zusammen mit dem grotesken Vorwurf, Steinmeier habe den Mundschutz nur für Fotografen und Kameraleute getragen (40).
Menschen werden manipulierbar, wenn man ihnen ausreichend und lange Zeit Angst macht. Umso wichtiger ist es in Zeiten wie diesen, sich umfassend und vor allem in seriösen Quellen bestmöglich über die Pandemie mit all‘ ihren Facetten zu informieren.
Denn so entzieht man denen, die die Krise für ihre üblen Machenschaften nutzen wollen, sowie gutgläubigen Opfern, die bereits darauf hereingefallen sind, den Nährboden für ihre abstrusen Theorien.
II Politik und Gesetz
07 - Corona-Management durch Bund und Länder
"Niemand von uns, die wir in einer Demokratie politische Verantwortung tragen, hat sich gewünscht je mit solchen Regelungen vor die Bürger treten zu müssen"
(Angela Merkel *17.07.1954, deutsche Bundeskanzlerin, am 22.03.2020)
Wenn in unserer Bevölkerung schon Verschwörungstheorien bezüglich der Covid-19-Pandemie und den Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung die Runde machen, macht es Sinn, sich einmal anzuschauen, wer die Regeln für den Umgang mit der Seuche überhaupt bestimmt.
Der Föderalismus ist das staatliche Organisationsprinzip in der Bundesrepublik Deutschland, 1949 wurde er im Grundgesetz verfassungsrechtlich verankert. Kennzeichen des deutschen föderalen Systems ist die enge Zusammenarbeit zwischen Bund und Ländern.
Die Bundesrepublik Deutschland ist ein Bundesstaat mit 16 Ländern als Gliedstaaten. Die Ausübung der Staatsgewalt ist durch das Grundgesetz zwischen Bund und Ländern aufgeteilt.
Sowohl die Länder als Gliedstaaten wie auch der Bund als Gesamtstaat besitzen eine eigene Staatsgewalt und können Gesetze erlassen. Die Länder sind Staaten mit eigenen Landesverfassungen, Parlamenten, Verwaltungsstrukturen und Zuständigkeiten.
Die Ausübung der Staatsgewalt ist durch das Grundgesetz zwischen Bund und Ländern aufgeteilt. Dabei geht das Grundgesetz grundsätzlich von einer Zuständigkeit der Länder aus (Art. 30, 70, 83 GG).
In den Bereichen Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtsprechung besitzt der Bund nur dann Kompetenzen, wenn sie ihm im Grundgesetz ausdrücklich zugewiesen werden. Der Bund ist zudem dann zuständig, wenn sich durch die Auslegung der Verfassung eine ungeschriebene Zuständigkeit des Bundes ergibt.
Die im Grundgesetz realisierte föderale Ordnung ist in der Tendenz nicht auf Trennung, sondern auf Kooperation zwischen Bund und Ländern angelegt. Das Bundesstaatsprinzip des Grundgesetzes verpflichtet Bund und Länder zu wechselseitiger Rücksichtnahme und Hilfeleistung (Grundsatz der Bundestreue beziehungsweise des bundesfreundlichen Verhaltens).
Der kooperative Charakter des deutschen Föderalismus kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Länder durch den Bundesrat an der Bundesgesetzgebung, an der Verwaltung des Bundes sowie in Angelegenheiten der Europäischen Union mitwirken (41).
Der Grundsatz der Bundestreue wird auch im „Corona-Management“ unserer obersten Politiker deutlich. So haben Bund und Länder die Leitlinien zur Bewältigung der Corona-Pandemie gemeinsam beschlossen. Sie gelten einheitlich in allen Bundesländern.
Nach dem föderalen Prinzip erlassen die Länder in ihrer Zuständigkeit die konkreten Regelungen. Für den Vollzug wiederum sind dann die örtlichen Verwaltungsbehörden zuständig. Regionale Besonderheiten und epidemiologische Lagen - nicht alle Regionen sind gleich stark vom Virus betroffen - machen es notwendig, dass die Länder und Landkreise bedarfsgerecht und zügig auf die jeweilige Situation vor Ort reagieren. Darum kann es in den verschiedenen Bundesländern unterschiedliche Regelungen geben.
Rechtliche Grundlage des Handelns ist dabei das Grundgesetz. Artikel 30 besagt, dass die Ausübung staatlicher Befugnisse und die Erfüllung staatlicher Aufgaben Sache der Länder ist, soweit das Grundgesetz keine andere Regelung trifft (42).
Das macht eine einheitliche Linie bei der Bekämpfung der Pandemie schwierig. So oft Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten überwiegend virtuell über weitere Schritte im Kampf gegen die Corona-Pandemie auch beraten – ein echter Konsens ist schwer zu erreichen.
Zu unterschiedlich ist die Herangehensweise in den einzelnen Bundesländern, als das von einer gemeinsamen Strategie gesprochen werden könnte.
So fordert Bayern ein zu Beginn der Krise Regelwerk für alle, das Saarland und Berlin wollen eine strengere Maskenpflicht, Sachsen und Sachsen-Anhalt lehnen das ab. Während Bayerns Ministerpräsident Söder im März 2020 "ein einheitliches, verbindliches, verhältnismäßiges und verlässliches Regelwerk, das dann in ganz Deutschland gelte", fordert, stellen manche seiner Kollegen klare verbale Stoppschilder auf.
Sowohl CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer aus Sachsen als auch sein Parteifreund, Reiner Haseloff aus Sachsen-Anhalt, halten nichts von generellen Maßnahmen (43).
Und der Bundesgesundheitsminister? Jens Spahn kann nicht viel mehr als appellieren. Der nationale Pandemieplan seines Robert-Koch-Instituts liefert zuvörderst Empfehlungen und dient der Synchronisierung. Denn letztendlich- siehe oben- haben die Länder das Recht, selbst über die Absage von Veranstaltungen oder weitergehende Verbote zu entscheiden.
Die Bundesregierung hätte juristisch gar nicht die Möglichkeit dazu. Das föderale System überlässt die Ausführung des Krisenmanagements weitgehend den Ländern.
Direkt eingreifen könnte der Bund lediglich an den Grenzen. "Nach dem Schengener Abkommen können Kontrollen eingeführt werden, wenn das für Sicherheit und Ordnung nötig ist", sagt ein Sprecher des Bundesinnenministeriums. Ähnlich wie Österreich, das Einreisen aus Italien nur noch mit ärztlichem Attest erlaubt, könnte auch Deutschland zusätzliche Dokumente bei der Einreise verlangen - theoretisch. Geplant sei dies derzeit aber nicht. "Das würde sehr viel Aufwand bedeuten", sagt der Sprecher.
Auch die Notstandsregelungen des Grundgesetzes greifen im Gesundheitskatastrophenfall nicht. Sie erlauben eine Einschränkung von Grundrechten - allerdings nur bei Krieg, inneren Unruhen oder einer Naturkatastrophe.
"Für eine Pandemie sind die Gesetze nicht ausgelegt", heißt es im Bundesinnenministerium. Einen Grund, das ändern zu müssen, sieht man bislang nicht. „Ich bin ein überzeugter Föderalist, aber ich glaube, dass der Föderalismus zunehmend an seine Grenze stößt“, sagt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) im Oktober 2020.
Er ist dafür, dem Bund dauerhaft mehr Rechte beim Infektionsschutz zu übertragen, um das Dilemma zu lösen (44).
Mit dieser Ansicht steht er sicher nicht alleine.
Noch ist es jedoch nicht so weit. Und so haben die Landeschefs nach wie vor die Möglichkeit, sich durch politische Alleingänge in ihren Bundesländern bundesweit zu profilieren. Die „Corona-Krise“ bietet hierfür beste Voraussetzungen. Ist sie doch für Politiker eine hervorragende Möglichkeit, sich als Krisenmanager zu profilieren.
So versuchen auch potenzielle Kanzlerkandidaten, sich ins rechte Licht zu rücken. Bisweilen hat es dabei den Anschein, als würden bestimmte Politikerinnen und Politiker im Frühjahr in den Bundesländern besonders nur deshalb eine harte Corona-Linie führen, um sich zu profilieren. Oder im Frühherbst eine auffallend weiche. Dabei sollte gerade in Krisensituationen wie der aktuellen der Eindruck vermieden werden, eine bestimmte politische Agenda stünde hinter den Maßnahmen“.
Stattdessen schwingt Machtpolitik bei den Corona-Maßnahmen mit. Das Rennen um den CDU-Vorsitz, wahrscheinlich gleichbedeutend mit dem um eine Kanzlerkandidatur, ist allgegenwärtig. Die politischen Kontrahenten beäugen sich – auch oder gerade in der Krise.
Als die Infektionszahlen steigen und es um die Beschränkungen des öffentlichen Lebens zur Eindämmung der Neuinfektionen geht, fällt vor allem Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) als Antreiber auf. Er hält langanhaltende Einschränkungen für notwendig, um das Virus dauerhaft in die Schranken zu weisen. Seien es Schulschließungen oder Kontaktbeschränkungen – Söder prescht vor, spekulierend darauf, dass die anderen Bundesländer folgen werden. Als omnipräsenter Coronabekämpfer steigen seine Beliebtheitswerte auf ungeahnte Höchststände. Und prompt wird nicht nur in der Union wieder gemunkelt, ob nicht Söder der beste Kanzlerkandidat sei, auch wenn dieser stoisch wie eh und je jede Ambition von sich weist.
Sinken die Infektionszahlen, geht es nicht mehr um Beschränkungen, sondern dann stehen Lockerungen zur Debatte.
Hier gibt NRW-Chef Laschet den Ton an. Er drängt auf Lockerungen, will „verantwortungsvolle Normalität“ installieren.
„Wir brauchen einen klaren Fahrplan, durch den das öffentliche und wirtschaftliche Leben wieder ins Laufen kommt.“, macht er seine Position im April deutlich
Die Söder gerne umgehend kontert: „Bayern war und ist vorsichtiger als andere Bundesländer“. Man führe keine „schnellen und überstürzten“ Exitdebatten wie „der ein oder andere“. Ein deutlicher Seitenhieb in Richtung Laschet.
Das Geplänkel zwischen den Antipoden Söder und Laschet bleibt den anderen Parteien nicht verborgen. Die Sozialdemokraten kritisieren die Nickligkeiten beim Koalitionspartner heftig. Der „Wettbewerb zwischen München und Düsseldorf“ laufe so langsam aus dem Ruder, so SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. „Das wirkt manchmal wie ein Hahnenkampf um das Merkel-Erbe, bei dem sich die Beteiligten gegenseitig belauern und beinahe zwanghaft versuchen, schneller zu sein als der andere (45).
Und der Wettstreit der Gockel um Parteivorsitz und Kanzlerkandidatur, ausgetragen auf dem Rücken des Corona-Virus, zeigt tatsächlich Wirkung.
Im Politiker-Ranking des RTL/ntv-Trendbarmeters gewinnt Markus Söder über die Monate deutlich an Zustimmung. Im Vergleich zur letzten Untersuchung, die im Januar und damit vor Beginn der Pandemie stattfand, ist das Vertrauen im August 2020 um stolze 17 Punkte gewachsen.
Im vom Forschungsinstitut Forsa ermittelten Ranking gehört NRW-Ministerpräsident Armin Laschet mit einem Verlust von 6 Punkten zu den größten Verlierern (46).
Auch, was die „K-Frage“ betrifft, die Frage nach dem neuen Bundeskanzler, erhält der bayerische Ministerpräsident Söder konstant gute Noten. In der Sonntagsfrage vom 03.09.2020 können sich 56% den gebürtigen Nürnberger als zukünftigen Bundeskanzler vorstellen, der Aachener Armin Laschet muss sich mit 24% begnügen (47).
Ehre, wem Ehre gebührt. Dadurch, dass er sich quasi als „Frontmann“ der „Corona-Fraktion“ etabliert, hat sich Markus Söder meiner Meinung nach diese Pole-Position durchaus verdient.
08 - Shutdown und Lockdown – die Ultima Ratio zur Pandemiebekämpfung?
„Die reinste Form des Wahnsinns ist es, alles beim Alten zu belassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich etwas ändert“
(Albert Einstein, *14.03.1879, + 18.04.1955, deutscher Physiker)
2020 wird als das „Corona-Jahr“ in die Geschichtsbücher eingehen – so viel steht fest.
Und im März wie im Oktober des Jahres dreht sich in Alemannia dabei beinahe alles nur um zwei Begriffe, die beinahe das Gleiche meinen: „Shutdown“ oder, mittlerweile fast immer benutzt, „Lockdown“. Menschen und Medien nutzen seit Ausbruch der Corona-Seuche fast inflationär die beiden englischen Begriffe, gern auch als deckungsgleiche Synonyme.
Auch, wenn sich Politiker, wie wir im vorigen Kapitel 07 gesehen haben, alles anderes als stets „coronakonform“ verhalten – sie entscheiden letztendlich darüber, wie wir der Seuche entgegentreten. Dabei bedienen sie sich vor allem des Instruments mit den zwei Namen, bei dem es eigentlich nur um eine Strategie geht.
Höchste Zeit also, die Frage zu klären: was ist das eigentlich genau, ein Lockdown? Und wie grenzt er sich ab vom Shutdown, jenem Synonym für Verhaltensmaßregeln, welches zu Beginn der Corona-Krise häufig ins Feld geführt wurde, inzwischen, so hat man den Eindruck, aber vom Lockdown beinahe verdrängt wurde?
Eines vorweg: Die beiden Begriffe Lockdown und Shutdown haben in ihrem ursprünglichen Sinne mit der Bekämpfung einer Pandemie rein gar nichts zu tun.
Das Wort Shutdown bezeichnet „die Schließung einer Fabrik, eines Geschäftes oder anderen Unternehmens, entweder für kurze Zeit oder für immer“. So steht es im renommierten Wörterbuch „Collins Dictionary“. Das Wort bezieht sich nach dieser Deutung also allein auf die Wirtschaftswelt – oder das Herunterfahren eines Computers.
In den USA beschreibt das Wort Shutdown zudem das Herunterfahren von Politik und öffentlicher Verwaltung, wenn sich der US-Präsident und das Repräsentantenhaus im Streit um einen neuen Haushalt wieder einmal hoffnungslos emotional verkantet haben und hunderttausenden Behördenmitarbeitern Lohnausfälle drohen.
Lockdown hingegen bedeutet im Englischen einen „Zustand der Isolation, Eindämmung oder des eingeschränkten Zugangs, der normalerweise als Sicherheitsmaßnahme eingeführt wird“, lesen wir im „Oxford English Dictionary“. Mithilfe dieser Sicherheitsmaßnahmen werden bestimmte Zonen abgeriegelt, sodass die Bevölkerung sich dort nicht mehr frei bewegen kann.
Als Beispiel mag die Absperrung eines Gebiets nach einem Anschlag oder einer Naturkatastrophe zum Schutz der Menschen dienen. Es ist im Wortsinne also eher eine Grenzziehung, eine Barriere um eine definierte Zone herum als eine Stilllegung des öffentlichen Lebens in einer Zone.
In der Corona-Pandemie erhielt Lockdown im englischen Sprachraum zusätzlich die Bedeutung einer „Ausgangssperre“ (48).
Solch eine Bewegungseinschränkung durch Zwangsmaßnahmen gibt es beim „Shutdown“ nicht (49).
Wir rekapitulieren: Am 11. März 2020 ruft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Pandemie aus.
Als am 22. März der erste Lockdown in der Corona-Krise verkündet wird, beginnt die Zeit des Reproduktionswertes (R-Wert). Haben wir nicht alle wie gebannt jeden Tag auf die Entwicklung des Wertes, vor allem in unseren Heimatstädten und -dörfern, geschaut?
Der R-Wert sagt aus, wie viele Personen eine infizierte Person im Schnitt ansteckt.
Liegt er über 1, werden die Infektionen von Tag zu Tag mehr. Ist er gleich 1, bedeutet dies, dass die Zahl der Neuinfektionen ungefähr gleichbleibt.
Ein Wert kleiner 1 ist verbunden mit der erfreulichen Erkenntnis, dass es von Tag zu Tag weniger Neuinfektionen gibt.
Die Reproduktionszahl liegt zu Beginn des ersten Lockdowns bei 1,0. Es gibt an diesem Tag 2509 Neuinfektionen, und 18610 bestätigte Fälle. 55 Menschen sterben am Corona-Virus (50).
Hierzulande einigen sich Bund und Länder auf strenge Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes wird ein „Lockdown“ verkündet. Millionen Deutsche können nicht mehr arbeiten oder arbeiten im Homeoffice. In den meisten Bundesländern werden Schulen und Kitas bereits geschlossen, andere folgen. An den Grenzen zu Frankreich, Österreich, Luxemburg, Dänemark und der Schweiz setzt die Bundesregierung umfassende Kontrollen und Einreiseverbote in Kraft.
In Deutschland bricht im März die Industrieproduktion ein. Sie sinkt um 9,2% gegenüber dem Februar.
Die Umsätze vieler deutscher Unternehmen halbieren sich, fast jedes fünfte Unternehmen sieht sich akut von der Insolvenz bedroht.
Die deutschen Exporte sinken im März gegenüber dem Vorjahresmonat um 7,7%, die Importe um 4,4% (51).
Streng genommen handelt es sich beim ersten Maßnahmepaket der Bundesregierung gar nicht um einen wirklichen Lockdown.
Denn anders als in Spanien oder Italien gibt es keine Ausgangssperre. Es findet keine flächendeckende Einstellung des öffentlichen Nahverkehrs statt, und man beklagt keine ausnahmslos geschlossenen Unternehmen und Fabriken.
Die Landwirtschaft, die Paketdienste, Busse und Bahnen, Feuerwehr und Polizei, die Medien, Ärzte wie Krankenhäuser, Speditionen und Millionen Mitarbeiter im Homeoffice – sie alle blieben aktiv.
Aber was war es denn dann, diese Mischung aus Kontaktbeschränkung, Schließung kommerzieller Betriebe mit erhöhtem Publikumsverkehr und direktem Körperkontakt, Stilllegung zwar vieler, aber eben nicht aller Betriebe, Schließung des Einzelhandels, Einstellung des Kulturtreibens, Verbot von Veranstaltungen, Verzicht auf Begegnungen und ortsgebundener Maskenpflicht? Es gibt bislang im deutschen Sprachgebrauch kein Wort, welches das, was Deutschland im März erstmals erlebt, wirklich zutreffend beschreiben kann (52).
Und somit werden wir uns an den „Lockdown“ bzw. „Teil-Lockdown“, der die Nachrichtensendungen anno 2020 so beherrscht wie der FC Bayern München die Fußballbundesliga, gewöhnen müssen.
Im Zuge der Covid-19-Pandemie wird im Frühjahr 2020 in vielen Ländern das wirtschaftliche Leben weitgehend heruntergefahren. Gastronomiebetriebe und Ladengeschäfte werden weltweit geschlossen.
Die wirtschaftlichen Auswirkungen des sogenannten „ersten Lockdowns“ vom März 2020 lassen nicht lange auf sich warten.
In der Folge brechen die Börsen ein, sinkt weltweit die Wirtschaftsleistung, steigt die Arbeitslosigkeit, und zahlreiche Staaten bitten um internationale Kredithilfe.
Die Corona-Wirtschaftskrise, auch Corona-Rezession genannt, hält die Welt im Griff. DIHK-Präsident Eric Schweitzer warnt vor wirtschaftlichen „Schäden von historischem Ausmaß“ (53).
Anfang April 2020 dürfen rund ein Drittel der Beschäftigten weltweit nicht mehr arbeiten.
Der IWF erwartet „vermutlich die schlimmste Rezession seit der Großen Depression in den 1930er Jahren“. Die Krise sei „wie keine andere bisher.“ Die Weltwirtschaft werde 2020 um etwa 3% schrumpfen (54).
Gründe genug eigentlich, um alles dafür zu tun, um einen zweiten Lockdown unter allen Umständen zu verhindern. Aber die weltweiten Corona-Maßnahmen reichen nicht aus, um das Virus entscheidend einzudämmen. Nach einer vorübergehenden Beruhigung in den Sommermonaten, steigt die Zahl der Neuinfektionen im Herbst 2020 wieder dramatisch an, die Welt befindet sich in einer zweiten Welle der Pandemie.
Am 28. Oktober startet die Bundesregierung den zweiten Versuch, mittels eines Lockdowns das Corona-Geschehen in den Griff zu bekommen. An diesem Tag beklagt Deutschland 14964 Neuinfektionen, 464239 bestätigte Fälle und 10183 Todesfälle. Der R-Wert liegt bei 1,17 (55).
Die Situation ist also noch um einiges prekärer als jene, die im März Anlass zum ersten Lockdown war. Trotzdem fallen die Beschränkungen, die Verbote der politischen Entscheidungsträger, dieses Mal glimpflicher aus, ein „Lockdown light“ wird ausgerufen, der Einzelhandel darf weiter seine Geschäfte offenhalten, Schulen und Kitas werden dieses Mal nicht geschlossen. Ein Stufenplan, der recht komplex und für viele Menschen in unserem Lande nur schwer nachvollziehbar ist, tritt in Kraft.
Da fragt man sich unweigerlich: Alles diesmal nur halb so schlimm?
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich Merkel. Söder und Co. dem zunehmenden Druck aus Bevölkerung und Wirtschaft beugen. Jetzt, wo, bedingt durch die zunehmenden Lockerungen und die neuen, aggressiveren Virusmutationen die Zahl der Neuinfektionen und die 7-Tage-Inzidenz wieder leicht ansteigen, werden, wenn auch von mehreren Landesvätern offenkundig nur widerwillig, erste Fesseln gelöst.
Dass der ein' oder andere die Lockdown-Maßnahmen der Bundesregierung, so nötig sie auch sein mögen, mehr als kritisch sieht, wird zunehmend nachvollziehbar.
Es hat den Anschein, als wäre in Deutschland nicht früh, nicht konsequent genug gehandelt worden.
Wäre man im Frühjahr ein wenig rigider gewesen, ginge es unserem Land im Frühjahr 2021 womöglich um einiges besser.
Die Ansicht, dass es besser gewesen wäre, direkt für einen längeren Zeitraum „alles dicht“ zu machen, anstatt die Bevölkerung durch stets von neuem verlängerte Lockdown-Perioden einem monatelangen Wechselbad zwischen Hoffnung und Ernüchterung auszusetzen, darf man durchaus vertreten.
Die Kanzlerin hätte einen von Beginn an längeren Lockdown dem Vernehmen nach wohl bevorzugt, die Länderminister lehnen dies infolge der unterschiedlichen regionalen Gegebenheiten jedoch ab.
Auch fragt sich manch einer: Ist das, was die Staatsoberen da beschließen, wirklich geeignet, um das Ziel zu erreichen? Sind die Gebote und Verbote in sich stimmig?
Vielleicht sollten die „Corona-Entscheider“ hier und da noch einmal nachjustieren. Denn die Akzeptanz von Maßnahmen, die nicht ausgewogen erscheinen, ist in der Bevölkerung erfahrungsgemäß durchaus überschaubar.
Möglicherweise liegt der eigentliche Sinn des "Lockdowns" letztlich auch nicht allein darin, das Virus zu bekämpfen, sondern zudem darin, die Krise wieder für jedermann sichtbar zu machen.
Denn die Angst vor Corona hat Umfragen zufolge in den Sommermonaten deutlich nachgelassen.
Die Langzeit-Studie „Cosmos“ von Uni Erfurt und Robert Koch-Institut aus dem Oktober 2020 zeigt, das "gefühlte Risiko" sei der wichtigste Anhaltspunkt dafür, ob und wie diszipliniert sich Menschen an Corona-Regeln halten (56).
Geschlossene Kneipen könnten dieses Risikobewusstsein möglicherweise steigern.
Nicht vergessen sollte man bei aller Kritik am Lockdown aber auch, dass wir im Vergleich zu unseren europäischen Nachbarn noch ziemlich gut dastehen.
Bayern Ministerpräsident Söder wird nicht müde zu betonen, dass wir uns anno November 2020 durchaus glücklich schätzen dürfen, weil wir uns in Deutschland im November 2020 im „mildesten Lockdown, den es derzeit in Europa gibt“, befinden (57).
Die fürchterlichen Impressionen aus anderen Teilen der Welt haben wir wohl alle noch im Kopf. Glück im Unglück sozusagen. Wir tun gut daran, uns dies regelmäßig ins Bewusstsein zu rufen.
Tun wir das nicht, indem wir die Corona-Verhaltensregeln ignorieren oder vernachlässigen, kann es schnell dazu kommen, dass das, was so „weit weg“ scheint, schon bald unsere eigene tagtägliche Realität wird.
09 - Corona-Maßnahmen und das Grundgesetz
„Das Wichtigste ist die Gesundheit. Danach kommen soziale Sicherheit und Arbeitsplätze“
(Hubertus Heil. *03.11.1972, Bundesminister für Arbeit und Soziales, im März 2020)
Wissenschaftler und Ärzte sind sich einig, dass nur die Minimierung von Kontakten die zunehmende Verbreitung des Erregers Covid-19 bremsen kann.
Die im Rahmen der Corona-Pandemie beschlossenen Maßnahmen der Bundesregierung haben somit ein klares wissenschaftliches Fundament: Es geht darum, für eine bestimmte Zeit die Kontakte zwischen den Menschen herunterzufahren. Denn dann sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Infektion.
“Ohne solche Beschränkungen würde das weitere exponentielle Wachstum der Infiziertenzahlen unweigerlich binnen weniger Wochen zu einer Überforderung des Gesundheitssystems führen und die Zahl der schweren Verläufe und der Todesfälle würde erheblich ansteigen“, heißt es im Bund-Länder-Beschluss vom 28.10.2020.
Sich an bestimmte Regeln zu halten, um die Mitmenschen und sich selbst so gut wie möglich zu schützen, dürfte angesichts der Corona-Epidemie und ihrer Gefahren absolut sinnvoll sein – wenn damit die Ausbreitung des Virus verlangsamt, das krank gesparte Gesundheitswesen vor Überlastung bewahrt und das Leben besonders gefährdeter Personen geschützt werden kann.
Dennoch: Es hat, seit das Grundgesetz in Kraft getreten ist, noch nie so starke Grundrechtseinschränkungen gegeben wie es jetzt in Zeiten der Corona-Pandemie der Fall ist.
Und darum macht es Sinn, die gegenwärtige Situation im Gefolge des Corona-Virus kritisch zu hinterfragen sowie im Hinblick auf Verhältnis- und Verfassungsmäßigkeit zu evaluieren.
Dann mal los: Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit spielt in der deutschen Gesetzgebung eine bedeutende Rolle. Als allgemeines Abwägungsprinzip besagt er:
„Kollidierende Interessen, Freiheiten oder Rechtsprinzipien werden nur dann in ein angemessenes Verhältnis zueinander gesetzt, wenn und soweit das zu wahrende Interesse, Freiheitsrecht oder Rechtsprinzip schwerer wiegt als das ihm aufgeopferte“ (58).
Verhältnismäßig, das heißt im Juristendeutsch: Ein staatlicher Eingriff in ein Grundrecht ist nur erforderlich, wenn kein milderes Mittel zur Verfügung steht, das den Zweck ebenso erfüllt und den Betroffenen weniger schädigt.
Einfacher gesagt: In eine Waagschale der Justitia werden das Corona-Virus, die Ansteckungsgefahr für die gesamte Bevölkerung und das Risiko des Zusammenbruchs des Gesundheitswesens gelegt, in die andere die beeinträchtigten Freiheitsrechte und die Existenzgefahr für den demokratischen Rechtsstaat (59).
Verhältnismäßigkeit verlangt, dass jede Maßnahme, die in Grundrechte eingreift, einen legitimen öffentlichen Zweck verfolgt.
Überdies muss die Maßnahme geeignet, erforderlich und verhältnismäßig im engeren Sinn, also angemessen sein.
Geeignet ist sie dann, wenn die Maßnahme die Erreichung des Zwecks kausal bewirkt oder zumindest fördert. Zur Verminderung des Schadstoffausstoßes eines Industrie-betriebes etwa ist der Einbau einer Rauchgasreinigungsanlage oder die Schließung des Betriebes möglich. Nicht geeignet dagegen wäre die Schließung des Unternehmensparkplatzes.
Die Maßnahme ist erforderlich, wenn kein milderes Mittel gleicher Eignung zur Verfügung steht, genauer: wenn kein anderes Mittel verfügbar ist, das in gleicher (oder sogar besserer) Weise geeignet ist, den Zweck zu erreichen, aber den Betroffenen und die Allgemeinheit weniger belastet. Die Schließung des Betriebs aus dem obigen Beispiel ist daher in der Regel nicht erforderlich, weil die Verminderung des Schadstoffausstoßes auch durch die Rauchgasreinigung erreicht werden kann.
Der Grundsatz der Angemessenheit besagt, dass eine Maßnahme nur dann verhältnismäßig im engeren Sinn ist, wenn die Nachteile, die mit der Maßnahme verbunden sind, nicht völlig außer Verhältnis zu den Vorteilen stehen, die sie bewirkt.
An dieser Stelle ist eine Abwägung sämtlicher Vor- und Nachteile der Maßnahme vorzunehmen. Dabei sind vor allem verfassungsrechtliche Vorgaben, insbesondere Grundrechte zu berücksichtigen.
Geht es beispielsweise um die Frage, ob zur Bekämpfung schwerer Bandenkriminalität die Videoüberwachung von Wohnräumen zugelassen werden soll, ist vor allem das Grundrecht des Überwachten auf Unverletzlichkeit seiner Wohnung gegen das Interesse der Allgemeinheit an der Erhaltung und Verteidigung der Rechtsordnung abzuwägen (60).
Als rechtsstaatliches Prinzip ist der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit für jede hoheitliche Gewalt verbindlich. Er gilt grundsätzlich im Verfassungsrecht im ganzen Bereich des öffentlichen Rechtes, im Strafrecht sowohl auf der Normebene (Strafbewehrung, Strafmaß) als auch hinsichtlich der Strafverfolgung (Ermittlungsverfahren) und des Straferkenntnisses sowie bei Verbraucherschutzrechten. In vielen dieser Bereiche gilt es als ungeschriebene Voraussetzung (61).
Eine Maßnahme, die den Anforderungen des Verhältnismäßigkeitsprinzips nicht entspricht, ist rechtswidrig.
Wie sieht es nun mit den Corona-Beschränkungen vor dem Hintergrund der Beachtung des Verhältnismäßigkeitsprinzips aus? Halten die Maßnahmen, die die Bundesregierung im Frühjahr und Herbst des Jahres 2020 ergriffen hat, einer Überprüfung der drei Bedingungen stand?
Mit anderen Worten: Sind die in Deutschland geltenden Corona-Regeln geeignet, um das Ziel, die Infektionszahlen zu reduzieren, zu erreichen?
Die Antwort auf diese Frage ist relativ einfach. Dass die Reduzierung sozialer Kontakte, dass Distanz zwischen potenziell infizierten und gesunden Menschen tendenziell Neuinfektionen entgegenwirkt – wer wollte das bestreiten? Zumal vor dem Hintergrund, dass es schlicht und ergreifend keine anderen Maßnahmen, keine vorbeugenden Impfungen und bislang auch keine Medikamente gegen den Erreger gibt.
Zudem wissen wir noch längst nicht alles über den Verlauf der Krankheit, über die Frage einer Immunität ehemaliger Betroffener und abschließend auch noch nicht darüber, ob man sich ein zweites Mal anstecken kann. Leider erhärtet sich der Verdacht, dass dies, entgegen erster Vermutungen, in manchen Fällen doch möglich ist (siehe Kapitel 04).
Kommen wir also nun zu der Frage: Sind die Corona-Maßnahmen angemessen? Hier sind vor allem die Grundrechte der Bürger von Bedeutung. Greifen Corona-Maßnahmen also in die Grundrechte ein?
Im Grundgesetz, das 1949 erlassen wurde, sind die Grundrechte, die Regeln für unser Zusammenleben, aufgeführt. Im Mittelpunkt der Grundrechte steht der Mensch. Die Grundrechte schützen die Menschenwürde und das Recht auf Leben aller Menschen.
Das Grundgesetz beschreibt die wichtigsten Regeln für den Staat, es grenzt dessen Macht ein und formuliert Bürger- und Freiheitsrechte.
Auch bei einer schweren Krise wie der Corona-Pandemie muss der Staat sich an das Grundgesetz halten und die Grundrechte seiner Bürger schützen.
Es kann kein Zweifel bestehen - die uns auferlegten Regeln in der Corona-Krise schränken teilweise unsere Grundrechte ein.
Nehmen wir das Recht auf Freizügigkeit (Art.11 GG), gleichbedeutend damit, dass man sich auch außerhalb der eigenen Wohnung bewegen kann, wohin man will.
Angesichts der bundesweiten „Lockdowns“ wird beschlossen, dass die Menschen nicht mehr überall hinfahren dürfen. Urlaub an der Nordsee – vorübergehend gestrichen. Auch Grenzen zu anderen Ländern werden geschlossen. Das Grundrecht auf Freizügigkeit ist damit eingeschränkt.
Der Freiheit der Person (Art.2 GG) sind deutliche Grenzen gesetzt, wenn infizierte Personen 14 Tage Haus oder Wohnung nicht verlassen dürfen und in Quarantäne müssen.
Die Unverletzlichkeit der Wohnung (Art. 13 GG) ist nicht mehr gewährleistet, wenn Wohnungen von infizierten Personen vom Amtsarzt unter bestimmten Umständen ungefragt betreten werden dürfen.
In Art.2 GG ist das Recht auf Entfaltung der Persönlichkeit beschrieben. Wenn viele Dinge im Alltag - Kinos, Museen, Theater, Schwimmbäder und viele weitere Einrichtungen sind geschlossen - nicht mehr möglich sind, sind der freien Entfaltung der Persönlichkeit Grenzen gesetzt.
Das Grundrecht auf freie Religionsausübung (Art.4 GG) ist tangiert, wenn religiöse Stätten vorübergehend geschlossen bleiben.
Nicht zuletzt wird auch das Recht auf Berufsfreiheit (Art.12 GG) tangiert: Während der Lockdowns müssen viele Geschäfte und alle Gaststätten sowie Bühnen schließen. Somit können die in diesen Wirtschaftseinheiten beschäftigten Personen staatsverordnet ihren Beruf nicht ausüben.
Auf das Recht auf Versammlungsfreiheit (Art. 8 GG) komme ich im nächsten Kapitel gesondert zu sprechen
Es wird deutlich: Die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung schränken verschiedene Grundrechte der Bevölkerung entscheidend ein. Dies ist jedoch nicht per se gleichbedeutend damit, dass diese Drangsalierungen verfassungsinkonform wären. Denn im Zusammenhang mit den Corona-Regeln ist das Infektionsschutzgesetz von Bedeutung, das ausdrücklich die Einschränkungen von Grundrechten erlaubt. I
In § 28 (1) steht zu lesen: Behörden in Deutschland dürfen Notwendiges tun, soweit und solange es dabei hilft, die Verbreitung einer Krankheit zu verhindern.
Dann nämlich, und so kommen wir zum dritten Aspekt der Verhältnismäßigkeit, können temporäre Grundrechtseinschränkungen durchaus verfassungskonform sein.
Denn die Einschränkungen in der Corona-Krise sollen das Grundrecht auf Leben und körperliche Unversehrtheit (Art.2(2) GG) schützen (62).
Die Frage nach der Verhältnismäßigkeit der Corona-Regeln hat viel damit zu tun, ob die Beschränkungen als ausgewogen, als gerecht empfunden werden.
Manche Lockdown-Maßnahmen scheinen widersinnig, unlogisch und letztlich nicht wirklich fair, wie der folgende Fragenkatalog zeigt:
Warum müssen Tattoo- und Massage-Studios schließen, während Friseure weiter öffnen dürfen?
Warum dürfen Gottesdienste stattfinden, aber Lesungen nicht?
Warum darf man sich einen Film nicht im Kino (mit Abstand zueinander) ansehen, wohl aber die DVD aus der Bibliothek holen?
Warum dürfen Restaurants Speisen außer Haus verkaufen, alkoholische Getränke wie Cocktails aber eher nicht?
Warum dürfen größere und mittlere Wirtschaftsunternehmen ihr Geschäft weiterführen, während Solo-Selbstständige aus dem Kulturbereich durch die aktuellen Regeln keine Chance dazu haben?
Warum dürfen sich mancherorts ein oder zwei Menschen nicht auf einer Parkbank ausruhen? Warum dürfen sie nicht auf der Grünfläche eines Parks in gebührendem Abstand zu anderen in der Sonne sitzen?
Warum sollten sich Menschen nicht in Restaurants, in einer Bar, in einer Kirche, Synagoge, Moschee oder sogar in einem Kino treffen und vergnügen können, wenn zwischen Stühlen, Tischen und Sitzreihen genügend Raum bleibt und ein geordneter Einlass und Ausgang möglich ist?
Warum wird jede touristische Beherbergung untersagt, während »notwendige Auswärtsübernachtungen erlaubt bleiben.
Warum müssen Restaurants, Kinos, Theater schließen, während man am Arbeitsplatz, zu dem man in vollen Bahnen und Bussen fährt, weiter acht Stunden täglich mit den Kollegen verbringen darf bzw. muss.
Warum wird der Amateursportbetrieb ausgesetzt, die Profis hingegen dürfen weiterhin sporteln, wenn auch ohne Publikum?
Warum soll auf “unnötige” private Reisen verzichtet werden, auf Geschäftsreisen und andere angeblich notwendige Reisen nicht?
Warum dürfen Händler mit Mischwarensortiment weiter Spielzeug verkaufen, während für Spielwarenläden ein Verkaufsverbot gilt?
Das sind eindeutig zu viele „Warums“, wenn Sie mich fragen. Eine wissenschaftliche Erklärung gibt es für all das nur in wenigen Fällen. Dem Virus ist es im schlimmsten Fall egal, ob es sich beim Hairstylisten verbreitet oder beim Tattoo-Künstler. Es macht leider auch keinen Unterschied zwischen Gottesdienst und Horrorfilm.
Es drängt sich die Vermutung auf, dass die „schwarze Liste“, auf die sich Bund und Länder geeinigt haben, das Ergebnis vor allem politischer, und nicht in erster Linie wissenschaftlicher Erwägungen ist (63).
. So tut man sich augenfällig mit der Schließung von Kleinbetrieben leichter als mit dem Lockdown in wirtschaftskräftigen Großunternehmen.
Es ist zwar nicht gerecht, aber auf den ersten Blick scheint es durchaus logisch zu sein, dass die Beschränkungen die Gastronomie, das Hotelgewerbe und die Veranstaltungsbranche stärker treffen als etwa den Einzelhandel. Denn diese Branchen leben von der sozialen Interaktion und der Geselligkeit – und diese sind derzeit riskant, egal wie gut Hygienekonzepte befolgt werden.
Unverhältnismäßig erscheinen die Maßnahmen dann, wenn man diese Branchen weiter temporär stilllegt, obwohl zwischen Kunden ein notwendiger Sicherheitsabstand gewahrt werden könnte. Gastronomen, Veranstalter von Kulturevents, Kinobetreiber und Hoteliers werden so doppelt bestraft, denn sie haben mehrheitlich teure – und wirksame – Hygienekonzepte umgesetzt. Auch sind eben diese Bereiche, ebenso wie gastronomische Betriebe, bislang nicht als häufige Ansteckungsorte in Erscheinung getreten. Im Gegensatz zu Schulen oder dem Arbeitsplatz.
"Die Gastronomie ist bisher nicht als ein Hotspot erkannt worden", erklärt dazu der Kölner Virologe Rolf Kaiser im Oktober 2020.
Ob der drastische Schritt wirklich großen Einfluss auf die Infektionszahlen haben werde, sei zumindest zweifelhaft. Er könne sogar einen gegenteiligen Effekt haben, wenn sich das gesellige Leben wieder vollständig in den privaten Bereich verlagert.
Die Betroffenen fühlen sich völlig zurecht schikaniert.
Obgleich man in vielen Restaurants, Kinos, Konzertsälen oder Theatern Hygiene- und Abstandsmaßnahmen vortrefflich umgesetzt hat und bislang auch nicht bekannt wurde, dass sich hier Infektionen ausbreiten, werden Orte, die der Kultur, der Freizeit dienen, geschlossen, Geschäfte aller Art, von Baumärkten bis hin zu Modegeschäften oder Möbelhäusern hingegen bleiben zunächst geöffnet. Immerhin ist es ja kurz vor Weihnachten.
Schon jetzt stünden rund ein Drittel der Betriebe vor dem Aus, warnt der Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga). Eine weitere Zwangspause werde unzählige Existenzen zerstören (64).
Auch in anderen Bereichen, so wird man das Gefühl nicht los, wären eventuell mildere Maßnahmen denkbar. Statt die Schließung eines Fitnessstudios anzuordnen, könnte man die Zahl gleichzeitig Trainierender begrenzen, regelmäßig alle Sportgeräte desinfizieren und einen Mindestabstand zwischen eben diesen einhalten.
Selbst die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) spricht sich – gleichfalls im Oktober- in einem Positionspapier deutlich gegen "reflexhafte" Schließungen ausgesprochen. Sobald sich Verordnungen als "widersprüchlich, unlogisch und damit für den Einzelnen als nicht nachvollziehbar" darstellten, entstehe ein Akzeptanz- und Glaubwürdigkeitsproblem.
"Wir könnten diejenigen verlieren, die wir dringend als Verbündete im Kampf gegen das Virus brauchen", heißt es in dem Papier, zu dessen Unterzeichnern auch der Bonner Virologe Hendrik Streeck gehört (65).
Auch für die Potsdamer Soziologin und Risikoforscherin Pia-Johanna Schweizer sind die wichtigsten Faktoren im Kampf um die Akzeptanz: Transparenz und Nachvollziehbarkeit. In den Bundesländern werde zum Teil ein und dieselbe Faktenlage unterschiedlich ausgelegt. „Das verwirrt die Leute und führt zu Verdruss.“ Sie plädiert etwa für einen einheitlichen Umgang mit Risikogebieten.
Negativ auf die Akzeptanz wirkt sich auch aus, wenn Menschen das Gefühl haben, es werde mit zweierlei Maß gemessen. Ein Laienschauspieler beteuert, dass er kein Verständnis dafür hat, dass Fußballspielen im Verein erlaubt ist, aber das Theaterspielen nicht. „Solche Dinge sind unlogisch. Da wäre eine Vereinheitlichung dringend notwendig“, meint Schweizer (66).
Dem Gefühl, dass anlässlich der Corona-Beschränkungen bisweilen mit zweierlei Maß gemessen wird, kann man sich manchmal wirklich kaum entziehen.
Der zweite Lockdown im November fällt zunächst deutlich milder aus als der erste im März.
Zwar müssen wir wieder auf kulturelle Veranstaltungen, auf Pizza und Kölsch (es sei denn, man holt beides am unscheinbaren, aber vorzüglichen Stehimbiss „Pinocchio“ auf der Siegburger Straße in Köln-Poll, wärmstens zu empfehlen...) verzichten, aber die Geschäfte dürfen weiterhin ihre Kunden bedienen, Schulen und Kitas bleiben geöffnet.
Bei den Gaststätten hingegen bleibt man hart. Auch gut ausgetüftelte und stimmige Hygienekonzepte stimmen die Entscheider nicht gnädig und nutzen den vielen Gastronomen, die sich um eben diese bemüht haben, nichts. Weil gastronomische Betriebe, so die Argumentation, in besonderer Weise soziale Kontakte fördern.
Im überfüllten Bus, „Maske an Maske“, zur Arbeit fahren dürfen wir, aber abends mit der Frau oder dem Mann des Herzens „maskiert“ ein Lokal betreten und dann ganz in der Ecke sitzen und die Maske nur bei Tisch abnehmen – keine Chance.
Das muss man nicht verstehen, oder?!
Selbst aus der Politik gibt es Zweifel an dem "Lockdown" für die Gastronomie.
Die FDP hält die Schließungen gar für verfassungswidrig.
"Das halte ich für unnötig und deshalb auch für verfassungswidrig", erklärt FDP-Chef Christian Lindner. Sein Parteikollege Wolfgang Kubicki spricht im Deutschlandfunk von "Alarmismus". Die Beschlüsse würden einer gerichtlichen Überprüfung wahrscheinlich nicht Stand halten (67).
Es hat den Anschein, dass es vor allem politische Prioritäten sind, aufgrund derer man zunächst das Wirtschaftsleben nicht unterbrechen (und auch Schulen und Kitas im November 2020 nicht wieder schließen) will. So müssen die Menschen die Opfer im Privat- und Freizeitbereich bringen, eben dort, wo es am wenigsten Lobbymacht gibt. Es darf nicht sein, dass die Ökonomie definiert, wer Opfer bringen muss, dass vornehmlich jene Branchen schließen müssen, deren Umsätze überschaubar sind.
Grundrechte gehören nicht in Quarantäne. Darum muss jede Maßnahme, die wegen der Pandemie Grundrechte einschränkt oder ihre Geltung aussetzt, kritisch beäugt, jede Einschränkung für sich begründet werden.
Auch sollten alle Maßnahmen zunächst einmal zeitlich befristet werden. Jede weitere Verlängerung bedarf einer neuen Begründung. In kurzen Zeitabständen gilt es demokratisch zu prüfen, ob die ergriffenen Maßnahmen zur Erreichung des angestrebten Ziels noch das geeignetste und mildeste Mittel sind, ob sie noch angemessen sind. Dazu gehört auch die transparente und sorgfältige Abwägung der mit der Grundrechtseinschränkung verbundenen Risiken für Körper und Seele, auf die ich in einem späteren Kapitel noch eingehe.
Denn die Freiheitsrechte sind zu wichtig, um sie einer Pandemie unterzuordnen. Im Kampf gegen das Virus jedoch werden sie außer Kraft gesetzt. Wenn dies schon als alternativlos bezeichnet wird, müssen diese Eingriffe bestmöglich begründet und wirklich unvermeidlich sein. Und genau darum muss jeder einzelne Freiheitseingriff verhältnismäßig, dazu transparent, bleiben. Das ist im Rahmen der beiden so genannten Lockdowns in Deutschland anno 2020 sicher nicht immer der Fall.
Eine nicht nachvollziehbare, eine willkürlich scheinende Mischung von Maßnahmen zerstört das bislang noch relativ starke Vertrauen einer Mehrheit in die politisch Verantwortlichen und ist ganz nebenbei Wasser auf die Mühlen jener, die in Lockdown und Konsorten ein großes Experiment zur Unterjochung ganzer Völker für eine kleine globale Oligarchie sehen
Die derzeitige Pandemie verlangt uns als Gesellschaft einiges ab.
Es gibt Kontaktverbote, Grundrechte werden eingeschränkt, Regeln aufgestellt und durchgesetzt.
Argwöhnisch beäugen Nachbarn, wer wann mit wem warum vor die Tür geht. Und vielleicht mal hustet.
Wildfremde Menschen werfen demjenigen böse Blicke zu, der sich an der frischen Luft körperlich ertüchtigt.
Bei all den Regeln kann der Überblick verlorengehen, können Nachbarn, Passanten auf der Straße oder auch Behörden durchaus das Maß der Verhältnismäßigkeit verlieren.
Weil auch sie mit der Situation bisweilen überfordert sind.
Vielleicht verhält es sich einfach so, dass das Virus mit Gerechtigkeit nicht zu bekämpfen ist.
Niemand kann vorhersagen, ob die Gesetze und Regelungen in Deutschland die Corona-Krise effektiv und ausreichend bekämpfen.
Weil niemand vorhersagen kann, wie sich die Infiziertenzahlen entwickeln werden. werden.
Wenn auch die sinkenden Inzidenzzahlen bis Mitte Februar 2021 dem zweiten Lockdown wirksam aussehen lassen.
Doch wie soll es – auch angesichts der neuen Mutationen – danach weitergehen? K
Keiner weiß genau, was verhältnismäßig ist.
Dies liegt auch daran, dass man immer noch zu wenig über das Corona-Virus und die neuen Varianten weiß.
Manche finden die Gesetze und Regeln pas end, andere nicht. Einige sind mehr, andere weniger betroffen von den Verhaltensmaßregeln.
Und so gibt es Menschen, die relativ gut mit den Regeln leben können und solche, die sich beschweren, die Probleme haben, die Beschränkungen zu akzeptieren.
Die neuen Corona-Regeln sind ein Kompromiss. So ist das halt in einer Demokratie.
Es mag kein perfekter sein, aber er scheint derzeit unvermeidlich.
Schlicht und ergreifend deswegen, weil es keine Alternative dazu gibt, dass wir uns alle ein wenig zurücknehmen und es akzeptieren, temporär mit Einschränkungen unserer Freiheit und Grundrechte zu leben.
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