Kitabı oku: «Operation Gold»

Yazı tipi:


Petra Gabriel

Operation Gold

Kappes 21. Fall

Kriminalroman

Jaron Verlag

Petra Gabriel, geboren in Stuttgart, ist gelernte Hotelkauffrau, Dolmetscherin und Journalistin. Sie lebt als freiberufliche Autorin in Laufenburg und Berlin. 2001 wurde ihr erster Roman «Zeit des Lavendels» veröffentlicht. Neben historischen Romanen schreibt sie Kurzgeschichten und Krimis. 2004 gründete sie das Internetmagazin 3land.info. 2010 erschien ihr Mystery-Roman «Der Klang des Regenbogens», 2011 ihr sechster historischer Roman «Die Köchin und der König». Zur Krimireihe «Es geschah in Berlin» trug sie bereits den Band «Beutezug» (2012) bei. (www.petra-gabriel.de)

Originalausgabe

1. Auflage 2013

1. digitale Auflage 2013 Zeilenwert GmbH

© 2013 Jaron Verlag GmbH, Berlin

Alle Rechte vorbehalten. Jede Verwertung des Werkes und aller seiner Teile ist nur mit Zustimmung des Verlages erlaubt. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Medien.

www.jaron-verlag.de

Umschlaggestaltung: Bauer + Möhring, Berlin

ISBN 9783955520199

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titelseite

Impressum

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

NACHWORT

Es geschah in Berlin …

KAPITEL EINS
in dem Kappe eine dicke Witwe in der Kattegatstraße aufsucht

WILMA WUTTKE unterbrach ihre Erzählung und schnaubte missbilligend. Sie hatte turbulente Zeiten hinter sich. Dabei war ihr jede Form der Aufregung ein Greuel. Sie legte Wert auf einen ruhigen, geregelten Tagesablauf. Erst waren zwei fremde Männer ins Haus in der Kattegatstraße, Ecke Sternstraße gestürmt und an ihrer Türe im dritten Stock vorbei in den vierten getrampelt. Und nun saß auch noch dieser Kommissar in ihrem Wohnzimmer. Sie mochte keine fremden Männer im Haus – keine von der Polizei und schon gar keine Männer, die finstere Mienen hatten und trampelten. Gut, die finsteren Mienen hatte sie nicht sehen können, nur die Rücken, aber inzwischen war sie davon überzeugt, dass sie finstere Mienen gehabt haben mussten. Denn als die Fremden wieder heruntergekommen waren, dieses Mal sehr leise, gewissermaßen auf Zehenspitzen, hatten sie jemanden im Schwitzkasten gehabt – der Figur nach Gerhard Schmücke, den Mieter im Vierten.

Sie verwirbelte mit ihrem wurstartigen Zeigefinger anklagend die Luft. «Ick konnt die Jeschehnisse ja bloß durch’n kleen Spalt vafolgn, als se schon vorbei warn. Wenn ick die Tür weiter uffjemacht hätt, hättn die Vabrecha mia am Ende noch bemerkt. Det warn Entführer, sach ick Ihnen!» Wilma Wuttke legte allen Abscheu, dessen sie fähig war, in diese Worte – und das war eine Menge, fand Kappe.

«Wie kommen Sie darauf, dass das eine Entführung gewesen sein könnte?», fragte er, richtete sich ein wenig auf und hätte fast geschmunzelt. Er schaffte es gerade noch, das zu unterdrücken, aber seine linke Augenbraue ging unwillkürlich nach oben. Wilma Wuttke schien daraufhin zu glauben, dass er nicht alles verstanden habe. Sie holte tief Luft, und Kappe ahnte, dass sie nun zu einer neuen weitschweifigen Erklärung ansetzte. Er wurde langsam ungeduldig, gab sich aber Mühe, sich nichts anmerken zu lassen.

«Ick denk, Sie sind ’n Kriminaler! Un Sie wolln nich wissn, was ’n Schwitzkasten is? Das is, wenn Vabrecher anständije Leute gegen ihren Willen irgendwo hinbringen wolln, wo die niemals freiwillig hinjehn würdn. Denn sind die Körper von die Vabrecher irgendwie – wie sach ick’s am bestn – anjespannt, denn sehn se aus, als wärn se ’n Schraubstock. Sie ham die Schultern hochjezogn, un der Rücken ist rund, während sie so ’n armet Opfer zwischen sich jequetscht halten, als wollten se ’ne Zitrone auspressn. Hab’s im Krieg jesehn. So wat vergisst man nich. Und nu ist der Krieg vorbei, un et jibt immer noch solchet Jesindl.»

«Wie kommen Sie darauf, dass das Verbrecher waren?»

«Na ja, man hört doch so einiges, wa? Vielleicht warn det ja noch ’n paar Versprengte von die Gladow-Bande. Berlin is ’n einzijer Sündenpfuhl. Übaall lauern die Verbrecher, ständig muss ’ne alte Frau wie ick Angst ham, übafalln und ausjeraubt zu werdn.»

Kappe nickte verständnisvoll. In seine vergissmeinnichtblauen Augen stieg ein Lächeln. «Vor der Gladow-Bande müssen Sie sich nicht mehr fürchten. Die ist geschnappt und verurteilt worden, schon letzten Monat. Auf die Anführer wartet der Henker. Aber wie ging es dann weiter? Was haben Sie noch beobachtet?»

Wilma Wuttke tat einen weiteren Schnaufer. Kappe kannte diesen Gesichtsausdruck von anderen Vernehmungen. Offenbar bereute sie es gerade, die Polizei eingeschaltet zu haben. Sie wäre nicht die Erste. Wenn er nachzubohren begann, wenn er sich nicht mit dem vagen Bauchgefühl zufriedengab, sondern die Zeugen zwang, ihre Beobachtungen zu präzisieren und zu erklären, warum sie zu einer bestimmten Schlussfolgerung gelangt waren, dann dachten die meisten Leute darüber nach, ob es nicht besser gewesen wäre sich rauszuhalten.

Wilma Wuttke drückte ihren umfangreichen Busen raus und zog den Bauch ein – worauf dieser das lila-rot-blau-grün geblümelte Küchenkleid etwas weniger ausbeulte und die Knopfleiste zwischen den Knöpfen nicht mehr ganz so weit auseinanderklaffte. Dann prustete sie durch die Nase. «So, so, der Henker! Det gloob ick erst, wenn ick det inne Zeitung lese. Die ham doch mit dem Henker-Hannes jemeinsame Sache jemacht. Erzähln Se mir nüscht vom Ferd! Is neulich im Telegraf jestandn: Man is heutzutage inne eigene Wohnung nich mehr sicher!»

Das wusste Kappe, er las nämlich dieselbe Zeitung. Der Telegraf erschien im britischen Sektor und stand, wie er selbst auch, den Sozialdemokraten nahe. Nach Kriegsende war die Lizenz glücklicherweise an Leute seines Vertrauens gegangen, an den früheren Reichstagspräsidenten Paul Löbe und Annedore Leber, die Witwe des von den Nationalsozialisten hingerichteten Widerstandskämpfers Julius Leber. Chefredakteur war Arno Scholz.

Aber Kappe hätte auch ohne die Zeitung vom Prozess gegen Gustav Völpel alias Henker-Hannes vor der 5. Großen Strafkammer des Moabiter Kriminalgerichtes gewusst. Er war an den Ermittlungen beteiligt gewesen, hatte als Erster jenen aufmerksamen Passanten befragt, der im April des letzten Jahres die Polizei auf den Überfall auf einen Neuköllner Kaufmann hingewiesen hatte. Das war einer der Überfälle, derentwegen Werner Gladow, ein achtzehnjähriges Jüngelchen, den seine Abenteuerträume zum Schwerverbrecher gemacht hatten, zum Tode verurteilt worden war. Der Zeuge des Überfalls hatte, im Gegensatz zu Wilma Wuttke, eine sehr knappe, aber genaue Beschreibung der beteiligten Personen und seiner Beobachtungen geliefert. Er war durch Schreie aufmerksam geworden, die aus dem Haus des Opfers auf die Straße drangen.

Die Polizei hatte den Tathergang so rekonstruiert: Der Henker-Hannes hatte «Doktorchen», wie sich der Möchtegern-Al-Capone Werner Gladow gerne nennen ließ, und dessen Komplizen Redzinski und Bohla zur Wohnung des Opfers geführt und sich dann vor dem Haus postiert, um Schmiere zu stehen. Das wussten die Kriminaler, weil besagter Passant mitbekommen hatte, wie der Henker-Hannes vor dem Haus auf einen anderen Mann eingesprochen und ihm erklärt hatte, die Schreie, die da zu hören gewesen seien, stammten von keifenden Weibern im Haus. Der Zeuge fand das merkwürdig, vermutete, dass der Mann mit dieser Behauptung davon abgehalten werden sollte, zur Polizei zu gehen. Er selbst hatte nämlich nur die Schreie einer männlichen Stimme gehört. Deshalb habe er erst recht Verdacht geschöpft und die Polizei alarmiert, so hatte er zu Protokoll gegeben.

Das passte zur Spurenlage im Haus und wurde später durch die Aussage des Überfallenen bestätigt. Einer der Verbrecher war dem Kaufmann an die Kehle gegangen, die beiden anderen hatten ihn niedergeschlagen, ihn dabei schwer verletzt und schließlich gefesselt. Die Beute: 500 Westmark und 1300 Ostmark. Dann waren die Täter durch den Küchenausgang und über den Hinterhof geflüchtet.

Nachdem Gladow und seine engsten Kumpanen verurteilt worden waren, standen nun die kleineren Fische vor Gericht. Montag musste Kappe als Zeuge im Prozess gegen eine Prostituierte aussagen, die mit Gladow und seiner Bande unter einer Decke gesteckt haben sollte. Kappe hatte da seine Zweifel.

Er zwang seinen Blick von dem großen Fettfleck über Wilma Wuttkes Bauch zurück auf ihr Gesicht mit den Äuglein, die so tief im Speck lagen, dass er ihre Farbe noch nicht hatte herausfinden können. Wilma Wuttkes Hängebäckchen zitterten vor schlechtverhohlener Ungeduld. Er begriff, dass sie ihn loswerden wollte. Doch nun war er da, also würde er auch alle Fragen stellen, die er hatte.

«Lassen Sie sich alles haarklein erklären! Sie sind doch ein Mann mit Erfahrung, Kappe», hatte der Chef gesagt. Seltsam, sonst regelte das zuständige Revier solche Fälle. Normalerweise schickte man bei Anrufen beunruhigter, möglicherweise gar hysterischer Witwen in fortgeschrittenem Alter niemanden von der Abteilung K des Polizeipräsidiums West. Und schon gar keinen von der Kriminalinspektion M I – M wie Mord. Er wusste außerdem noch immer nicht, was er von der ganzen Angelegenheit halten sollte. Konnte gut sein, die Witwe hatte sich getäuscht und dieser Schmücke tauchte quietschfidel wieder auf, war einfach in einer Kneipe versackt. Falls er überhaupt jemals verschwunden gewesen war. Eines war jedoch sicher: Das herauszufinden konnte unter ungünstigen Umständen lange dauern. Er musste ja alles alleine machen. Und dann noch dieser Gerichtstermin am Montag! So was kostete immer viel Zeit.

Kappe beschloss, sich in dieser Angelegenheit nicht drängen zu lassen und nicht am morgigen Sonntag zu arbeiten, denn das hätte Ärger mit Klara bedeutet, die just an diesem Tag mit ihm einen Ausflug an den Scharmützelsee machen wollte. Falls es allerdings regnete, hatten sie am Nachmittag eine Fahrt mit der Straßenbahn-Ausflugslinie von Neukölln nach Pichelsdorf geplant. Die sollte nämlich am 21. Mai von der BVG eröffnet werden. Kein Gerhard Schmücke war Ärger mit Klara wert, mochte er auch noch so verschwunden sein. Kappe löste sich vom Bild des vorwurfsvollen Blicks seiner Ehefrau und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Witwe. «Und wie ging es dann weiter?»

Wilma Wuttke zögerte, als müsse sie nachdenken, und fuhr dann in ihrem Bericht fort. «Also nich, dass Se denken, ick sei neujierieg, aba det is ma, wie jesacht, komisch vorjekomm, da hab ick ausm Fensta jekiekt un jesehn, wie se unten ausm Haus rausjekomm sind.»

Kappe nickte ergeben und erfuhr Folgendes: Draußen hatten sich die drei Männer in einen roten Fiat 500C gequetscht. Normalerweise konnte sich Wilma Wuttke, wie sie nicht ganz ohne Stolz nachschob, höchstens die Farbe eines Autos merken. Doch bei diesem Wagen war es etwas anderes. Ihr Ernst, nach dreißig Jahren Ehe erst letztes Jahr an den Folgen seiner Kriegsgefangenschaft bei den Russen gestorben, hatte zuletzt ein solches Auto gefahren. Sie hatte sich zudem sehr gewundert, wie drei so große Männer auf der einen Sitzbank unterkamen, wo doch kaum für ihren Ernst und sie Platz gewesen war in dieser Kinderkiste. Ernst hatte auf dem Kauf dieses Wagens bestanden, mit dem Argument, er habe sich etwas Luxus verdient. Sie hatten ihn günstig von einer Kriegswitwe bekommen, deren Mann am letzten Kriegstag gefallen war.

«Man stelle sich so etwas vor!», lamentierte Wilma Wuttke. «Die arme Frau! Den janzen Kriech hat der Mann überstandn, wegen seim lahmen linken Bein ham se’n nich zu die Soldaten jezogn. Aba als denn die Russen uff Berlin zumarschiert sind, als die Artillerie eene Salve nach der anderen jeorgelt hat, da musste er doch noch seine Heimat verteidign. Un denn isser quasi inne letzte Minute, also am 2. Mai, beim Häuserkampf erschossn wordn. Is det nich ’ne Affenschande? Anner Panzersperre am S-Bahnhof Hermannstraße in Neukölln.»

Kappe nickte erneut, dieses Mal verständnisvoll, und überlegte, wie Wilma Wuttke und ihr Mann auf der Sitzbank im Fiat 500C Platz gefunden haben könnten. Sie allein hatte den Umfang von zwei normal gebauten Männern. Ernst Wuttke musste sehr dünn gewesen sein. Bei einem ehemaligen Kriegsgefangenen vielleicht kein Wunder.

Der Körper seiner Witwe nahm jedenfalls mehr als die Hälfte des dreisitzigen, ebenfalls geblümelten Sofas ein, dessen Federn unter ihrem Gewicht im Sinn des Wortes in die Knie gegangen waren, als sie sich hingesetzt hatte. Kappe selbst hockte auf einem hölzernen Küchenstuhl, den er eigenhändig in die Stube hatte schleppen müssen. Kriegsmodell, ungepolstert. Außer dem Sofa, dem dazugehörigen Tisch und einer mächtigen Schrankgarnitur hatte nämlich nicht viel mehr in der kleinen Stube Platz. Offenbar schlief Wilma Wuttke auch auf dem Sofa. Das verriet ihm das Kopfkissen, das sie noch nicht weggeräumt hatte. Kappe verstand deshalb, dass sie es vorgezogen hatte, keinen Sessel für Gäste anzuschaffen. Vielleicht hatte sie aber auch einfach die Mittel nicht. Oder normalerweise keine Gäste.

Er saß unbequem. Der Sitz war hart, der Stuhl wackelig. Verdammt, er war auch nicht mehr der Jüngste! Doch er hörte ihr so aufmerksam wie möglich zu, während sie weiterredete, und machte sich hin und wieder Notizen in seinem Block. Klara beklagte sich immer darüber, was so ein Ding kostete. Doch es erleichterte nun mal die Arbeit ungemein. Bei seinem Beruf kam es auf jede Kleinigkeit an.

Die Witwe Wuttke klang sehr bestimmt, als sie die ungebetenen Besucher auf seine Frage hin noch etwas genauer beschrieb.

Die Männer waren alle zwischen einsachtzig und einsneunzig gewesen. Dann runzelte sie die Stirn. Nein, jetzt, da der Kommissar so frage: Der mittlere, der war kleiner. Um die einssiebzig vielleicht.

«Kann es sein, dass Sie wegen des Größenunterschiedes glauben, dass die anderen ihn in den Schwitzkasten genommen haben?», hakte er nach.

«Nee, nee, wofür halten Se mir! Für ’ne verwirrte Oma? Det hab ick jenau jesehen, als ick ihn’ nachjekiekt hab. Oder glooben Se, ick hab Tomaten auf die Augen?»

«Und warum haben Sie sich erst jetzt bei Ihrem zuständigen Revier gemeldet? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, war der Besuch der Männer doch schon gestern.»

Wilma Wuttke wand sich. «Na ja, is sonne Sache, sich in anderer Leute Angelegenheiten zu mischen, wa? Det mach ick nich so gerne. Leben und leben lassen, sach ick immer. Aber denn … Also, ick konnte die janze Nacht nich schlafn. Und denn heute Morgen …»

«Was war da?»

«Denn hab ick nüscht mehr jehört. Normalerweise kann ick den Herrn Schmücke morjens hören, wenn er sich wäscht. Denn gluckert’s inner Leitung. Wir ham ja nu wieder warmes Wasser, wa? Iss’n Segen. Det könn’ hier in Berlin noch nich alle von sich sagen. Und die Heizung funktioniert ooch, ’ne richtige Etagenzentralheizung mit Therme. Det Modernste vom Modernen. Jut, bald is Ende Mai, da brauchen wir se nich, und irjendwie ziemlich warm für die Jahreszeit is et sowieso. Sind aussem letzten Nachkriegswinter außerdem ja Kälte jewöhnt. Det härtet ab. Wat wollt ick sagen? Ach ja. Der Mann muss früh raus. Wäscht sich imma umme selbe Zeit. Um sechs Uhr dreißig rauscht det Wasser inne Rohre nach untn. Kannste die Uhr nach stellen, Tach für Tach. Mich stört et nich. Als alte Frau brauch ick nich mehr so viel Schlaf. Und wat ick träume, sind sowieso Albträume.» Sie unterbrach ihre Geschichte und schaute mit jenem Blick vor sich hin, den Kappe gut kannte.

Ob sie nun als Frontkämpfer gedient hatten, unter Trümmern verschüttet oder ausgebombt worden waren – diejenigen, die überlebt hatten, litten alle unter demselben Seelenschmerz, der irgendwo tief im Innern nicht aufhören wollte zu rumoren und schreckliche Bilder aufkommen ließ, wenn man sich nicht vorsah. Er ließ sich mit einem Wort umschreiben: Krieg. Ja, auch noch fünf Jahre nach Kriegsende – und wahrscheinlich fürs ganze Leben. Kappe wartete, bis sie wieder in die Gegenwart zurückfand.

Wilma Wuttke atmete tief durch und wandte ihm dann wieder ihren Blick zu. Der war traurig und irgendwie leer, als habe jemand in ihr eine Kerze ausgelöscht. «Aber heute morjen nu nüscht. Und da dachte ick so bei mir, dass da wat nich stimmen tut.»

«Was ist der pünktliche Wäscher denn von Beruf?»

«Telegraphenbauhandwerker hatter gelernt, hatter jedenfalls jesacht, als wir bei seim Einzuch letztet Jahr zusammn ein’ getüddelt ham. Denn hatter sich aba sofort verbessert und erklärt, dass er fürn Kolonialwarengroßhandel arbeetet. Gloob ick jedenfalls, dasser so wat jesacht hat. Is’n ziemlich langet Wort, un er hat schon ein’ sitzen gehabt und genuschelt. Sie wissn, was ick meinen tu. Ick hab ihn danach nich oft gesehen. Und bis uffs Waschen ooch nich oft jehört. War ’n Ruhiger, hatte wohl Filzpuschen. Bis vor zwee Tagn, als die Männer da warn. Da hattet oben ooch ziemlich gerumpelt. Hab mir richtig erschrockn.»

Kappe sah sie nachdenklich an. «Dann werden wir uns mal die Wohnung oben anschauen. Vielleicht ist Ihr Nachbar ja nur krank. Ich geh mal klingeln. Wissen Sie, wo ich einen Schlüssel herbekommen könnte? Für den Fall der Fälle. Gibt es hier einen Hausmeister?»

Wilma Wuttke hatte Bedenken, das sah er an ihrem Blick. «Ick weeset nich. ’n Hausmeister ham wa nich.» Sie machte eine Pause und gab sich dann einen Ruck. «Also, ick hab noch ’nen Schlüssel. Hab mal in die Zweiraumwohnung da oben jewohnt. Als mein Ernst gestorben ist, letztes Jahr Anfang November, da dachte ick mir so, denn brauchste keene zwee Zimmer mit Küche und Bad mehr, denn reicht auch een Zimmer. Und irgendwann wird eim das Treppensteigen auch zu ville. Sie wissen schon, die Beene, die wolln nich mehr so. Wie’s der Zufall so will, nach die Renovierung im letzten Jahr war noch so ’ne Wohnung im Dritten frei. Nun muss ick bloß noch bis hierher. Irgendwann komm ick sicher och noch innen Ersten. Obwohl, nah an die Straße mit all die Verbrecher isset denn schon. Die steigen eim denn über’n Balkon inne Bude rin. Vielleicht zieh ick denn doch besser in’ Zweiten, wenn da wat frei wird.»

«Sie sind also einen Stock tiefer gezogen?»

Wilma Wuttke brummte zustimmend und rutschte auf dem Sofa hin und her.

«Aber Sie haben ihren Schlüssel nicht abgegeben?», half Kappe nach.

Wilma Wuttke brummte erneut, dieses Mal mit ziemlich unglücklicher Miene. «Et is nich so, wie Se denken tun. Wollte mich nich heimlich in die Wohnung von diesem Schmücke schleichn. Dachte nur, ick hätte den drittn Schüssel verlorn, und hab ihn erst neulich wiedergefundn. Hätte ihn dem Schmücke schon noch gegeben. Hat sich bloß noch nich ergebn. Die Jelegenheit, meine ick, Herr Kriminalkommissar.»

Kappe verkniff sich die Bemerkung, dass er vor zwei Jahren zum Kriminaloberkommissar befördert worden war. «Na, dann gehen wir doch mal nach oben und sehen nach Ihrem Nachbarn, gnädige Frau», erklärte er stattdessen.

«Mein’ Se wirklich? Vielleicht hätt ick ja doch nich …»

«Nein, nein, es war schon richtig, dass Sie uns gerufen haben», beruhigte Kappe sie.

Wilma Wuttke schaute nicht ganz überzeugt, stemmte sich aber hoch. «Denn will ick mal den Schlüssl holn.» Damit watschelte sie aus dem Zimmer. Sie hatte keine Filzpantoffeln.

Kappe schaute ihr nachdenklich hinterher und dachte an den Moment, als er zum ersten Mal von diesem Schmücke und seiner besorgten Hausmitbewohnerin gehört hatte.

Wachtmeister Bredow vom Revier 48 in der Koloniestraße 18 im Wedding war nach dem Besuch der Witwe Wuttke auf Befehl von Kriminalkommissar Jüterbog ins Polizeipräsidium in der Friesenstraße 16 geeilt und hatte seine Botschaft mit dem Satz eröffnet: «KK Jüterbog sacht, da is wat spanisch.» Anschließend hatte er die Vermisstenmeldung geschildert, die eine ziemlich aufgelöste, ziemlich korpulente, ältere Frau unter viel Schnaufen und Prusten bereits um acht Uhr an diesem Morgen im Revier abgegeben hatte. Zwei sehr verdächtige Männer sollten einen anderen Mieter, einen gewissen Gerhard Schmücke, besucht haben. Woraufhin besagter Schmücke sich in Luft aufgelöst habe. Der Mann sei ein Fachmann in Sachen Fernmeldewesen und stamme ursprünglich wohl nicht aus Berlin. Das sei aber schon alles, was man wisse.

Daraufhin horchte Kriminalrat Friedhelm Keunitz, seines Zeichens Leiter der Unterabteilung 1 der Kriminalinspektion M I bei der Abteilung K wie Kriminalität im Polizeipräsidium West und als solcher seit Januar Kappes Chef, auf. «Fernmeldewesen? Wo kommt der Mann her? Arbeitgeber? Waren Sie mal in der Wohnung?»

Wachtmeister Bredow zuckte die Schultern. «Nee, inne Wohnung warn wir noch nich. Wolltn erst mit euch redn. Ham nämlich ’n paar Nachbarn abgeklappert. Scheint so was wie ’n Phantom zu sein, dieser Schmücke. Keener hat ihn jesehen, keener weiß, wo er herkommt. Kennen den Mann überhaupt nich. Det kam uns komisch vor. Als ob der Mann vom Mond jefalln is. Deswegn hat KK Jüterbog jesacht, ick soll zu euch inne Friesenstraße un die Angelegehnheit meldn. Det sei ihm zu heiß. Verschwundene Fernsprechfachleute seien meistens ’ne Angelegenheit für den Sektorassistenten, wenn nich gar fürn Jeheimdienst. In diesem Fall für den der Franzosen. Weil doch der Wedding im französischen Sektor liegt.»

Keunitz griff zum Fernsprechapparat, nahm den Hörer von der Gabel und begann mit der anderen Hand, die Wählscheibe zu drehen. Kappe schien es allerdings die Nummer des Sektorassistenten der Amerikaner zu sein, die er wählte. Vermutlich weil das Polizeipräsidium West in der Friesenstraße angesiedelt war. Damit lag es im Bezirk Kreuzberg, und der gehörte wiederum zum amerikanischen Sektor. Man kannte sich. Der Sektorassistent war nämlich der Verbindungsmann des Polizeipräsidenten zum jeweiligen Sektor. Deshalb hatte es ursprünglich vier davon gegeben – den Verbindungsmann zu den Amerikanern, den zu den Engländern, den zu den Franzosen und den zu den Sowjets. Letzterer fiel nun weg. Der sowjetische Sektor war inzwischen Teil des neugegründeten Staates DDR. Wie auch immer, falls Kappe die ersten Ziffern der gewählten Nummer richtig interpretierte, wollte Keunitz sich an eine ziemlich weit oben angesiedelte Person wenden. Mit übergeordneten Stellen hatte Kappe in der Vergangenheit nicht immer die besten Erfahrungen gemacht.

Die Wählscheibe ratterte noch zweimal, dann war ein lautes Tuten zu hören. Keunitz zog die Augenbrauen zusammen.

Kappe schwante Übles. Keunitz hatte ihn mit Sicherheit nicht dazugebeten, weil er die vergissmeinnichtblauen Augen eines seiner dienstältesten Kommissare so schätzte. Aber vielleicht ließ sich die Angelegenheit noch abwenden. Sollten die im Wedding sich doch damit herumschlagen! «Für mich klingt das eher nach einer verrückten Alten. Das fällt doch in die Zuständigkeit der Polizeiinspektion Wedding. Immerhin haben wir hier keinen Toten», hatte er in das Tuten hinein angemerkt, sich aber nicht allzu viel Hoffnung gemacht, dass der Kelch an ihm vorübergehen würde.

Seine Bemerkung kam bei dem Schutzmann aus dem Wedding nicht gut an. «Ach nee! Schnellmerker, wa? Da komm ick her! Hab doch allet erklärt. Ham Se Tomaten auf’e Ohren?»

«Gut gemacht», sagte Kappes Chef. Er meinte nicht Kappe.

«Denn werd ick mal wieder!», meinte der Wachtmeister, tippte sich mit zwei Fingern an die Schläfe, warf Kappe einen triumphierenden Blick zu und stapfte hinaus.

Keunitz nickte ihm gedankenverloren hinterher, während es aus dem Hörer weiterhin vernehmbar tutete. Der Sektorassistent der Amerikaner schien entweder nicht im Büro oder beschäftigt zu sein. Dann aber kam doch noch eine Stimme aus dem Hörer. Keunitz sprach kurz über das für hiesige Breiten viel zu warme Wetter, erzählte die Schmücke-Geschichte, lauschte einige Augenblicke und sagte dann: «Ja, ja, Gerhard Schmücke heißt er angeblich. Experte im Fernmeldewesen. Wie bitte? Jawohl. Ja, natürlich, einen erfahrenen Kommissar. Kappe, guter Mann, steht hier neben mir. Diskret? Selbstverständlich. Und die Franzosen? Das machen Sie? Gut. Ich warte dann auf einen Rückruf von oben. Wann? In zwei Minuten? Fein, dann kann ich meinen Mann bald losschicken.»

Anschließend legte er ganz sanft den Hörer auf die Gabel, so als befürchte er, dass der Mann am anderen Ende noch in der Leitung sein und durch ein Aufknallen erschreckt werden könnte. Dann wandte er sich erneut Kappe zu und zog die dicken Augenbrauen dabei noch weiter zusammen. «So, Sie haben mitgehört, Herr Kriminaloberkommissar? Gut. Der Fall fällt ab sofort in Ihre Zuständigkeit. Kann Ihnen aber niemanden mitgeben. Wir haben keine Leute. Kollege Rückert ist auf Lehrgang. Außerdem: Sie wissen doch selbst, dass ab 27. Mai das große Deutschlandtreffen der FDJ sowie der ›Kongress junger Friedenskämpfer‹ ins Haus stehen. Wir müssen dafür sorgen, dass es beim Frieden bleibt. Und dann noch die schrecklichen Morde in der Reichenberger Straße! Jede Menge Arbeit, da brauchen wir jeden Mann. Können doch den Kollegen Ost bezüglich der Aufklärungsquote nicht hinterherhinken. Schauen Sie sich diese Witwe mal an! Vielleicht ist nichts dran, und da will nur so eine einsame Oma jemanden zum Reden haben.»

Kappe sank in sich zusammen. Keunitz strahlte Zufriedenheit aus. Kappe konnte die Gedanken seines Chefs förmlich hören: Nun konnte ihm niemand mehr vorwerfen, er habe nicht angemessen reagiert. Immerhin, es ging um einen Fachmann im Fernmeldewesen. In Berlin, der geteilten Stadt, die zum Drehkreuz von Spionage und Gegenspionage geworden war, löste allein diese Berufsbezeichnung erhöhte Alarmbereitschaft aus. Kappe wusste, dass Keunitz Agenten jedweder Art und ganz egal, ob sie von den Sowjets, den Amerikaner, den Engländern oder den Franzosen kamen, keineswegs romantisch fand. Jedenfalls viel weniger romantisch als in diesem Film Der dritte Mann mit Orson Welles, der letztes Jahr herausgekommen war. Kappe hatte ihn zusammen mit Klara angeschaut. Gut, er spielte in Wien. Aber so anders lief es hier in Berlin auch nicht ab. Wien war ebenfalls viergeteilt, auch die Bürger der österreichischen Hauptstadt mussten sich mit dem Viermächtestatus abfinden.

Dieser Keunitz war eine bemerkenswerte Erscheinung. Er wirkte imposant. Das musste aus seinem Innern kommen, vermutete Kappe. Im Hinblick auf die Körpergröße hatte der Schöpfer ihn nämlich nicht übermäßig gut bedacht. Ähnlich war es wohl bei Napoleon gewesen, auch der musste innen imposanter gewesen sein, als er von außen aussah. Das Einzige, was an Keunitz äußerlich imposant war, waren seine mächtigen Augenbrauen und die Bartstoppeln, die seinem Gesicht schon nach einem halben Tag ein unrasiertes Aussehen gaben. Kappe hatte die Vermutung, dass Keunitz auch auf dem Kopf eine ziemliche Putzwolle spazieren tragen würde, wenn er seine Haare nicht militärisch kurz geschoren hätte. So etwas wie einen Mopp. Ansonsten wirkte er beim genaueren Hinschauen, als könne ihn der nächste heftige Windstoß umblasen, kurz und spillerig, wie er war.

«Wir haben keine Leute», hatte Keunitz gesagt. Klar, das wusste Kappe. Es gab schon seit Wochen in allen Westabteilungen einen Riesenaufstand wegen dieser FDJ-Veranstaltung. Mein Gott, das waren doch noch Kinder! Aber Kinder des Feindes. Hörte das denn nie auf?

Die Morde in der Reichenberger Straße waren wirklich eine scheußliche Sache. Am 17. Mai war im Südosten Berlins die Zigarrenhändlerin Charlotte Kunike erstochen aufgefunden worden. Sie sollte sogar ihren eigenen Tod vorausgeahnt und am Morgen ihres Todestages einem jungen Mann erklärt haben: «Ich habe etwas Furchtbares geträumt. Stellen Sie sich vor, im Traume hat mich ein Toter geküsst!» Eine halbe Stunde später war sie gefunden worden – mit einem Brotmesser im Hals. Und erst an diesem Morgen hatten sie gegenüber dem Schauplatz dieses Verbrechens die zerstückelte Leiche der viereinhalbjährigen Margit Holzhausen gefunden. Es gab Zeugen, die den Täter gesehen haben wollten. Und nun war die Jagd eröffnet. Ausnahmsweise arbeiteten in dieser Angelegenheit Kripo Ost und Kripo West mal wieder zusammen und nicht gegeneinander. Wenn es um Kinder ging, hatten die Ideologien zu schweigen. Ab und an jedenfalls.

Bei diesem Stand von Kappes Überlegungen gab der Fernsprechapparat auf Keunitz’ Schreibtisch plötzlich schrille Klingeltöne von sich, weshalb der Kriminalrat in Windeseile den Hörer von der Gabel nahm. Keunitz war noch sehr darauf bedacht, bei seinen Vorgesetzten nicht unangenehm aufzufallen. Er nickte, zog erneut die Augenbrauen zusammen und legte dann die Stirn in Falten.

In Kappe verfestigte sich die Überzeugung, dass mit diesem Gerhard Schmücke tatsächlich etwas nicht stimmte, dass die Besucher im Haus dieser Weddinger Witwe irgendwem aus den oberen Rängen im Polizeipräsidium West Unbehagen bereiteten. Und dass dieser gewisse Jemand aber lieber nicht wollte, dass der Fall an die große Glocke gehängt wurde, denn sonst stünde Kappe jetzt nicht noch immer allein im Büro des Chefs, sondern wäre längst Teil einer eiligst zusammengewürfelten Sonderermittlertruppe.

Mit wem Keunitz wohl telefonierte? Der sagte auch nach zwei Minuten noch immer nichts außer «Ja, ja ja, jawohl». Kappe vermutete, dass sich Polizeipräsident Dr. Johannes Stumm höchstpersönlich eingeschaltet hatte. Einen anderen als Keunitz hätte er einfach geradeheraus gefragt. Doch seinen neuen Chef kannte er noch nicht so gut.

Nun saß Kappe also bei dieser Witwe Wuttke. Seine Gedanken schweiften weiter. Natürlich – die Kattegatstraße lag nicht weit von der Wollankstraße entfernt, die jeden, der ihr in östlicher Richtung folgte, vom französischen in den sowjetischen Sektor Berlins führte! Und dann noch ein Fernmeldefachmann! Hatte es denn keinen anderen Kommissar treffen können? Kappes Nase juckte, und das bedeutete: Dieser Schmücke brachte Ärger.

Wilma Wuttke kam mit dem Schlüssel zurück. Kappe schreckte hoch. «Tut mia leid, Herr Oberhauptkommissar. Ick hab den Schlüssel nich gleich jefundn. Denn lassen Se uns mal nach oben gehen!»

Kappe schüttelte den Kopf. «Nein, gnädige Frau, das geht leider nicht. Sie müssten unten bleiben. Wer weiß, was ich da oben finde. Vielleicht ist Ihrem Nachbarn ja was passiert.»

«Mein’ Se? Nee, sicher nich hia. Den ham se doch mitjenomm.»

«Verstehe», sagte Kappe, der nicht sicher war, ob er das alles verstand, aber hoffte, in der Wohnung dieses Schmücke Aufklärung zu erhalten. «Jedenfalls ist es besser, ich gehe erst mal allein.»

«Na jut, wenn Se meinen, Herr Kriminaler.»

Dem Umstand, dass Wilma Wuttke ihm in der Anrede kurzerhand wieder alle Dienstränge weggenommen hatte, entnahm Kappe, dass sie sehr unzufrieden mit ihm war. Er nickte ihr zum Abschied zu und erklomm die Treppe in den Vierten. Er hörte, wie die Türe der Witwe zuknallte.

Der Schlüssel verschaffte ihm ohne Probleme Zutritt zur Wohnung dieses Schmücke. In der nächsten Sekunde stockte er in der Bewegung. Im Flur lag Papier herum. Ein Schränkchen war umgekippt, eine Schublade herausgerissen, die beiden anderen gähnten ihm geöffnet entgegen. «Hallo, ist hier jemand? Herr Schmücke? Kappe, Kriminaloberkommissar. Ist Ihnen etwas passiert?»

Keine Antwort.

Er ging vorsichtig weiter und spähte um die Ecke in die Stube. Nein, hier war niemand. Aber es war ganz sicher jemand da gewesen. Und dieser Jemand hatte in der Wohnung gewütet wie ein Berserker. Die Kommode, der Schrank, der Tisch und die Stühle waren nur noch Sperrmüll. Aus der Sofapolsterung und der Matratze im Schlafraum quollen die Gedärme in Form von Putzwolle und alten Lappen. Die Bilder an der Wand, zwei Drucke von Miró, hingen schief. Die Anrichte in der kleinen Küche bestand nur noch aus herumliegenden Brettern, das Geschirr war zerschlagen worden.

Es knirschte unter Kappes Füßen. Er bückte sich und hob einen silbernen Bilderrahmen hoch. Silber – oho! Das Glas war zersplittert, doch zwei der Personen auf der Fotografie waren noch gut zu erkennen. Eine ältere Frau, um die vierzig vielleicht, sowie ein junges Mädchen, beide mit lockigen blonden Haaren und hellen Augen, soweit er das auf der Schwarzweißaufnahme erkennen konnte. Offenbar Mutter und Tochter. Sie standen in Wintermänteln, dem Anschein nach umgeschneidert aus Wehrmachtsbeständen, vor dem Zaun eines gutbürgerlichen Einfamilienhauses mit Garten in einer Gegend, die Kappe nicht erkannte. Zwischen ihnen, den rechten Arm um die Schulter der Frau gelegt, stand ein Mann in der Uniformjacke der Geheimen Feldpolizei. Kappe vermutete, dass er etwa gleich alt sein könnte wie die Frau, konnte es jedoch nicht genau erkennen. Sein Gesicht war etwas zerkratzt, wahrscheinlich von den Glasscherben. Kappe nahm an, dass das Schmücke war.

Das Gefühl, dass dieser Schmücke Ärger machen würde, wurde noch intensiver. So, so, Geheime Feldpolizei … Das war die «Ordnungstruppe» der Nationalsozialisten innerhalb der Wehrmacht gewesen. Sie hatten spioniert, denunziert, Partisanen verfolgt, gefoltert und getötet. Insbesondere in den von den Deutschen besetzten sowjetischen Gebieten und kommandiert von Angehörigen der Gestapo oder der Kriminalpolizei. Wenn er es recht überlegte, wusste er nicht allzu viel über diese Leute. Alle Mitglieder der Geheimen Feldpolizei und auch ihre zivilen Helfer waren beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst zu absolutem Stillschweigen verpflichtet worden. Kappe vermutete, dass diese Mauer des Schweigens bis heute mehr als nur einen fanatischen Nationalsozialisten schützte. Man redete nicht, auch nicht übereinander. Es war eine verschworene Gemeinschaft.

So, und dieser Schmücke war angeblich Fernmeldefachmann, hatte also mit Nachrichtenaustausch zu tun, und trug früher die Uniform der Geheimen Feldpolizei. Was für eine Mischung! Das konnte ja heiter werden! Kappes Blick wanderte zwischen der Frau und dem Mädchen auf dem Foto hin und her. Schmücke hatte also Familie. Nun mussten sie nur noch herausfinden, wo sie lebte. Und wo er selbst steckte.

Offensichtlich hatte der Mann Feinde, was bei der Vergangenheit eigentlich nicht weiter verwunderte. Möglichkeiten gab es da genug. Es konnte sich zum Beispiel um ehemalige Partisanen handeln, die es ins Nachkriegsberlin verschlagen hatte, oder um Bewohner von ehemals besetzten Gebieten, die nach Rache dürsteten. Wer auch immer in Schmückes Wohnung eingedrungen war, er musste sehr zornig gewesen sein. Wenn die Eindringlinge schon den Möbeln mit einer derartigen Brachialgewalt begegnet waren, bedeutete das nichts Gutes für die körperliche Unversehrtheit des Bewohners. Kappe überlief es siedend heiß. Und wenn gar die Familie zu Besuch gewesen war? Nein, die Witwe Wuttke hatte nichts dergleichen erwähnt. Er durfte aber nicht vergessen, sie demnächst danach zu fragen.

Doch zunächst war das hier ein Fall für die Spurensicherung. Hoffentlich konnte er Klingbeil von der Kriminaltechnik loseisen, einen etwas weichlich wirkenden Mann, aber einen der detailversessensten und stursten im Bereich Spurenauswertung, die er kannte. Er brauchte auch Gerhard Piossek, mit dem er sich das Büro teilte. Kappe arbeitete gerne mit dem Kollegen. Er hielt ihn für einen kompetenten Mann. Ansonsten betrachtete er Piossek eher mit zwiespältigen Gefühlen. Der Sohn eines Bäckermeisters aus der Lichtenberger Pfarrstraße galt bei vielen Kollegen als arrogant. Er konnte sehr hochfahrend sein und war einst mit einiger Begeisterung in die NSDAP eingetreten. Zum Glück hatten ihn gnädige amerikanische Offiziere beim Entnazifizierungsverfahren als «Mitläufer» eingestuft, deshalb hatte er seine Laufbahn bei der Berliner Kriminalpolizei fortsetzen können. Vermutlich war es hilfreich gewesen, dass bei den Kämpfen in Polen seine rechte Hand durch einen Granatsplitter verstümmelt worden war. Kappe akzeptierte Gerhard Piossek als Kollegen. Doch dass sie einmal Freunde würden, hielt er für ausgeschlossen, obwohl sie schon etliche gefahrvolle Situationen miteinander durchgestanden hatten.

Während Kappe die Treppen hinunterstürmte, vorbei an der Wohnungstüre von Wilma Wuttke, fiel ihm noch etwas auf. Seltsam, das Wüten in Schmückes Wohnung musste einen Heidenlärm gemacht haben. Normalerweise aber vermieden es Verbrecher, auf sich aufmerksam zu machen. Hatten sie es in diesem Fall vielleicht darauf angelegt, dass jemand aufmerksam wurde? Jemand wie Wilma Wuttke?

Kappe war schon an der Wohnungstür der Witwe vorbei, als diese geöffnet wurde und die Frau ihm hinterher schaute. Sie hätte ihm von dem Hintereingang erzählen sollen, von dem aus man durch den Hinterhof in den Keller des angrenzenden Trümmerhauses kam, dachte sie. Das hatte sie bei all der Aufregung vergessen. Nun ja, bei nächster Gelegenheit würde sie das nachholen.

KAPITEL ZWEI
in dem Marie Palmer kurzen Prozess macht

GEGEN MITTAG war Marie Palmers Selbstbewusstsein zur Größe eines Staubkorns zusammengeschnurrt. Was war sie heute Morgen noch stolz und glücklich gewesen! Nicht nur, dass sie es geschafft hatte, einen Platz als freie Mitarbeiterin der Redaktion des Berliner Tagesspiegel zu bekommen. Darüber hinaus hatte sie noch einen Auftrag als Gerichtsreporterin bei ebendieser Zeitung ergattert. Und nicht irgendeinen Auftrag, sondern diesen.

Chefredakteur Erik Reger höchstselbst hatte gestern das Bewerbungsgespräch mit ihr geführt. Dabei war sie doch ein Niemand, eine von vielen jungen Menschen, die derzeit nach Berlin strebten und hofften, dort trotz der Teilung der Stadt ihr Glück zu finden. Vielleicht weil er wie sie selbst aus dem Rheinland kam. Nach einem ersten kritischen Blick auf ihre kurzen, karottenrot gefärbten Haare und einem anschließenden, sehr positiv verlaufenen Gespräch hatte er ihr eine Broschüre in die Hand gedrückt, quasi als Begrüßungsgeschenk.

Im Vademecum waren die strengen Sprachregeln des Hauses aufgelistet. Verpönt waren unter anderem die Worte vornehmen und durchführen. Alle aus dem Griechischen stammenden Begriffe mussten mit ph und durften nicht mit f geschrieben werden.

Danach hatte Reger sein Asketengesicht leicht zu etwas verzogen, von dem Marie annahm, dass es ein Lächeln sein sollte, ihr auf die Schulter geklopft und gesagt: «Dann mal los, Mädchen!» Darüber hinaus hatte er sie auf ihre flehentliche Bitte hin als «Aushilfe zur Probe» zu dem Prozess ins Moabiter Kriminalgericht abgeordnet. «Also gut, wenn Sie das derart interessiert! Ist vielleicht nicht mal schlecht. Corvus ist unser Mann für die GladowProzesse. Passen Sie gut auf, von dem Können des Kollegen können Sie sich eine Scheibe abschneiden!»

Erst Tage später begriff Marie, dass der Tagesspiegel wegen der Insellage West-Berlins in diesen Tagen ums Überleben kämpfte. Die Anzahl der Abonnements war seit der Gründung der beiden deutschen Staaten und wegen der Schwierigkeiten während der Berlin-Blockade in den Keller gerauscht, im Osten lasen sie andere Blätter. Einige gute Leute waren gegangen, im Ullsteinhaus auf dem Tempelhofer Feld herrschte nicht nur ein finanzieller, sondern auch ein personeller Engpass. Sie war gerade im richtigen Moment aufgetaucht – eine Anfängerin zwar, deswegen aber auch nicht zu teuer. Und vor allem keine Festangestellte, sondern eine Freiberuflerin.

Hans Corvus war an diesem Morgen jedoch verhindert. Plötzlicher Zahnarzttermin, hatte er ausrichten lassen. Er würde aber bald nachkommen. Marie gestand sich ein, dass sie froh darüber wäre, wenn er endlich eintrudelte. Denn sie schwamm gehörig, obwohl sie sich gestern im Archiv noch schnell in die Fakten eingearbeitet hatte. Es war nämlich schon der zweite Prozesstag, auf der Tagesordnung standen Zeugenvernehmungen. Und sie verstand fast nichts. Wegen der schlechten Akustik im Gerichtssaal verrauschte jedes gesprochene Wort zu einem Raunen. Sie musste sich zusammenreißen. Vielleicht würde sie heute dem Mann begegnen, nach dem sie schon so lange suchte – ihrem Stiefvater, Dieter Krug, der heute als Zeuge aussagen sollte.

Die Angeklagte in diesem Verfahren hieß Sigrid Dehne. Ihr wurde schwerer Raub in Tateinheit mit versuchtem Mord vorgeworfen. Sie sollte Mitglied der berüchtigten Gladow-Bande gewesen sein und im April 1949 beim Überfall auf einen Kaufmann mitgemacht haben, zusammen mit dem Bandenchef Werner Gladow und drei Komplizen, darunter dem Henker-Hannes.

Inzwischen war es bald zwölf, und Marie wusste aus den laufenden Zeugenbefragungen immerhin, die junge Frau mit dem ziemlich unerotischen Namen Sigrid Dehne nannte sich im Berufsleben Jane, nach ihrem großen Vorbild, der US-Schauspielerin Jane Wyman, und war Prostituierte. Und zwar trotz ihrer Jugend – oder vielleicht gerade deswegen – eine Prostituierte der besseren Art und zudem sehr beliebt bei ihren Kolleginnen, von denen drei Stein und Bein schworen, dass die Jane so was nie und nimmer getan habe. Sie sei die Sanftmut in Person. So viel zumindest hatte Marie mitbekommen.

Sie starrte auf ihren Block. Da stand bisher nichts. Hoffentlich war dieser Hans Corvus nicht allzu streng. Sie kannte ihn noch nicht. Du liebe Güte – wenn er sah, dass sie bisher nichts notiert hatte, dann musste sie sich ja zu Tode schämen.

Sigrids Freier aus den gehobenen Kreisen, von denen an diesem Morgen immer mal wieder die Rede gewesen war, würden erst am Nachmittag aussagen, natürlich nicht öffentlich, damit die Herren nicht kompromittiert würden. Das galt auch für Dieter Krug. Bei diesem Namen krampfte sich wie immer ihr Magen zusammen. Irgendwann würde sie dem Mann heimzahlen, was er ihrer Mutter angetan hatte.

Da es sich bei der 5. Großen Strafkammer nicht um ein Jugendgericht handelte, musste diese Sigrid Dehne mindestens achtzehn Jahre alt sein. Sie sah jedoch aus wie sechzehn, ein halbes Kind. Vielleicht hatte sie sich auch älter gemacht, um zum Anschaffen gehen zu können, und kam nun aus der Nummer nicht mehr heraus. Arme Kleine. Zierlich und völlig ungeschminkt saß sie da auf ihrem Armesünderstühlchen und wirkte, als könne sie kein Wässerchen trüben. Marie betrachtete die junge Frau. Unvorstellbar – diese so verletzlich wirkende Jane sollte an einem derart brutalen Überfall beteiligt gewesen sein? Ob sie wohl die Gelegenheit erhielt, mit ihr zu reden? Wenn sie ihre Sache gut machte, würde sie vielleicht weitere Aufträge für diesen Prozess und andere Themen bekommen. Und die brauchte sie unbedingt, um in Berlin bleiben und mit Hilfe ihrer Stellung als Tagesspiegel -Reporterin auch noch ihre eigenen Nachforschungen anstellen zu können.

Marie wurde zunehmend nervös. Ob dieser angekündigte Zeuge wirklich der Dieter Krug war? Ob sie ihn trotz der nichtöffentlichen Vernehmung irgendwie zu Gesicht bekommen konnte? Sie musste in der Mittagspause unbedingt versuchen, den Referendar zu erwischen, den der Staatsanwalt mitgebracht hatte. Er sah nett aus.

Der Vorsitzende Richter donnerte mit dem Hammer auf den Tisch, Marie schreckte hoch. Mittagspause. Vielleicht kam jetzt eine Gelegenheit, etwas mehr zum Fall und zu den Zeugen zu erfahren.

«Na, Schwierigkeiten? Keine Bange, das wird schon. Das geht anfangs vielen so. Besonders bei Fällen wie diesem.»

Marie hatte ihren Sitznachbarn bisher nicht beachtet. Sie drehte den Kopf zu ihm. «Wie kommen Sie darauf?», erwiderte sie eisig.

Er ließ sich nicht beirren und tippte mit dem Finger auf ihren leeren Block. Dann grinste er. «Nun, da steht herzlich wenig.»

«Kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram!», fauchte Marie zurück.

«Oh, entschuldigen Sie, gnädiges Fräulein! Ich wollte nicht aufdringlich werden. Nur helfen. Gestatten Sie, John, John Weißbrot. Ich bin Amerikaner, Mitarbeiter von Generalmajor Maxwell Taylor, Sie wissen schon, dem Kommandanten des amerikanischen Sektors und der alliierten Truppen in Berlin. Ich kenne hier viele der Juristen. Ich hätte Sie mit einigen bekannt machen können, die Ihnen weiterhelfen. Aber wenn Sie keinen Wert darauf legen …»

Doch! Das war genau die Hilfe, die sie brauchte. Dafür würde sie sogar diesen unverschämten Kerl in Kauf nehmen, dachte Marie und schaute genauer hin. Eigentlich sah er ganz gut aus, trotz der GI-Frisur. Das spitzbübische Grinsen gab ihm etwas Jungenhaftes. Und ein Grübchen im Kinn hatte er auch. Sie schmolz in schöner Regelmäßigkeit dahin, wenn ein Mann ein Grübchen im Kinn hatte. «Doch, doch», sagte sie schnell und versuchte sich in einem versöhnlichen Lächeln.

«Na, dann wollen wir mal! Viele Anwälte, Referendare und Zeugen stehen in der Pause vor dem Saal auf der Galerie oben in der Haupthalle, nahe dem Scheitel der schönen Kuppel, you know. Dort, wo die Tierkreiszeichen weiß und golden blinken – sozusagen als Mahnung, dass über diesem irdischen Jammertal allein der Himmel regiert.»

«Auch noch ein Romantiker», erwiderte sie trocken und wunderte sich, dass er so gut Deutsch sprach. Das ließ in Verbindung mit seinem Nachnamen nur einen Schluss zu. Doch sie kannte ihn nicht, und sie konnte ihn wohl kaum fragen, ob er aus einer ausgewanderten jüdischen Familie stammte.

Vor dem Saal steuerte Maries neuer Bekannter auf den Verteidiger der Prostituierten Jane zu. Der stand auf einer der grünblau belegten, messinggefassten Steinstufen, hatte sich zur Saaltür hin ans Geländer gelehnt und sagte gerade zu einem kompakt wirkenden älteren Herrn: «Was meinen Sie, wie’s ausgeht, Herr Kriminaloberkommissar?»

Der Angesprochene zuckte die Schultern. «Selbst unsereiner hat es schwer, so was einzuschätzen. Ich kann nur sagen, was ich von diesem Zeugen, diesem Schlüter, gehört habe. Vielleicht hilft das ja Ihrer Mandantin.»

«Sie auch hier, Kappe? Lange nicht gesehen!», orgelte Maries neuer Bekannter und tippte dem untersetzten Kriminaloberkommissar auf die Schulter.

Der drehte sich um. «Ah, der Pilot! Schön, Sie mal wieder zu sehen. Schnieke Bomberjacke!» Eines seiner vergissmeinnichtblauen Augen zwinkerte dem Amerikaner zu.

Dieser Kappe musste um die sechzig sein, schätzte Marie. Aber das war schwer zu sagen, er hatte ein fast faltenloses, noch immer rundes Kindergesicht, und seine Nase war wie ein kleiner Knubbel. Der Mann wirkte gemütlich. Nur der Blick verriet, dass er schon viel gesehen haben musste. Marie hatte den Eindruck, dass diesen wachen Augen nichts entging.

Moment, wie hatte Kappe ihren Begleiter genannt? Pilot. Marie registrierte jetzt, was sie in der Aufregung übersehen hatte. Der Mann trug eine dieser Bomberjacken aus Schaffell der United States Air Force. Bomberjacke – das Wort schwang in ihr nach. Besonders der erste Teil. Sie bekam eine Gänsehaut. Den Schrecken der Bombennächte, als sie und die Mutter zum zweiten Mal vor dem Nichts gestanden hatten, mit vom Phosphor verbrannten Haaren, abgesengten Augenbrauen und nur noch im Nachthemd, hatte sie noch deutlich vor Augen. Die Haare waren nachgewachsen, aber die Alpträume geblieben. Sie rückte ein wenig von ihrem neuen Bekannten ab.

Der gab sich den Anschein, nichts zu bemerken. «Was höre ich da, der Arm des Gesetzes hilft heute der Angeklagten?», fragte er den Kommissar.

«Ich versuche nur, der Wahrheit auf die Sprünge zu helfen», erwiderte Kappe knapp.

«Im Zweifel für den Angeklagten», ergänzte der Verteidiger, ein noch recht junger Mann, hoch aufgeschossen, fast schlaksig, mit ziemlich langen Armen. Marie hatte das Gefühl, dass er nicht wusste, wo er seine Hände lassen sollte. Vermutlich ein Pflichtverteidiger, der versuchte, sich die ersten Sporen zu verdienen und Erfahrungen zu sammeln, dachte sie.

«Das ist der Doktor der Rechte Peter Ostertag. Peter, das ist … eine junge Dame, deren Namen ich nicht kenne, die aber offenbar den Auftrag hat, von diesem Prozess zu berichten. Doch sie ist neu hier und schwimmt. Zumindest habe ich das ihrer Art zu beobachten und ihrem leeren Block entnommen. Sie braucht einen Ansprechpartner, der ihr weiterhilft. Stimmt doch, oder, Fräulein …»

«Marie, Marie Palmer. Ich schreibe für den Tagesspiegel.» Es erfüllte sie mit – wie sie fand, albernem – Stolz, das sagen zu können. Dass sie in Sachen Gerichtsberichte eine vollkommene Anfängerin war, brauchte sie den Herren nicht unbedingt auf die Nase zu binden. Dann gab sie sich einen Ruck und strahlte den jungen Pflichtverteidiger an. «Es ist wahr, ich könnte wirklich Hilfe gebrauchen.»

Weißbrod grinste. «Der Tagesspiegel residiert doch im Ullsteinhaus im amerikanischen Sektor, da unterliegen Sie sozusagen meinem Zuständigkeitsbereich. Grüßen Sie Reger und Karsch von mir!»

Marie nickte nur. Mit dem Namen Karsch konnte sie noch nichts anfangen. Sie sollte den bekannten Theaterkritiker und Kulturjournalisten des Tagesspiegel erst noch kennenlernen.

«Ich lese den Telegraf », warf Kappe ein. «Aber wenn ich Ihnen weiterhelfen kann, mache ich das natürlich trotzdem. Sehen Sie, da hinten, das ist Medizinalrat Doktor Waldemar Weimann. Eine Koryphäe sozusagen. Soll heute Nachmittag sein Gutachten zu unserer Jane abgeben. Er hat beim großen Prozess gegen Bandenchef Werner Gladow und seine Spießgesellen ausgesagt, das ›Doktorchen‹ sei ein armer, erblich belasteter Mensch. Und dass er es unter anderen Umständen weit hätte bringen können, hochintelligent und vielseitig begabt, wie er ist.» Kappe kniff die Lippen zusammen.

«Sie sind mit seinen Einschätzungen nicht einverstanden?»

«Mein liebes Fräulein, hier geht es nicht um Kinderspiele, auch wenn manche die Verbrechen der Gladow-Bande wegen dieses Robin-Hood- und Al-Capone-Gehabes sogar ein wenig romantisch fanden. Aber dieser Gladow ist kein von den Räuberpistolen über Al Capone fehlgeleitetes Jüngelchen, sondern ein kaltblütiger Mörder und Räuber. 127 schwere und schwerste Straftaten, brutal ausgeführt, waren in der Anklage aufgelistet. Einem der Opfer wurden zum Beispiel die Füße angesengt, damit es sein Geldversteck preisgab. Das hat mit Romantik nichts zu tun. Insgesamt 60 Beteiligte gab es, die mit der Bande zusammengearbeitet haben. 26 wurden wegen geringerer Delikte vorerst freigelassen. Es blieben 34, darunter 7 Frauen. Das hier ist eines der vielen Anschlussverfahren, die derzeit noch laufen. Und meiner Meinung nach hat die Kleine, die sie hier vor Gericht gezerrt haben, nichts mit alldem zu tun gehabt. Jedenfalls deuten meine Ermittlungen darauf hin. Sie wissen, dass Gladow im Ostsektor lebte?»

Marie war verwirrt. «Warum betonen Sie das so?»

John Weißbrod antwortete an Kappes Stelle: «Vor der Teilung der Stadt, das war eine andere Zeit. Während der Verbrechen der Gladow-Bande und in den sieben Monaten, in denen die Staatsanwaltschaft unter Generalstaatsanwalt Berg die Anklageschrift zusammengestellt hat, sind immerhin zwei Staatsgründungen vollzogen worden. Einmal mit der Verkündigung des Grundgesetzes fast genau vor einem Jahr die der Bundesrepublik mit West-Berlin. Und dann die der DDR am 7. Oktober ’49, als unter Führung von Wilhelm Pieck in Ost-Berlin der Volksrat zusammentrat. Das hat natürlich auch Auswirkungen auf die Justizbehörden. Jeder will den anderen mit noch besseren Ergebnissen und einer noch höheren Zahl an verurteilten Verbrechern übertrumpfen. Da kann es schon sein, dass einer in der Bewertung von Zeugen und Indizien übers Ziel hinausschießt. Auch Juristen sind nur Menschen.»

Kappe holte Luft, wollte offenbar etwas sagen, entschied sich dann aber anders.

«Natürlich weiß ich, dass Gladow aus dem Osten ist», erwiderte Marie. «Ich komme ja nicht vom Mond.» Der Mann schien ein Besserwisser zu sein, einer, der andere gerne belehrte. Besonders Frauen. Das ging ihr gegen den Strich. Sie lächelte bemüht verbindlich.

«Damals, als es um die Gladow-Bande ging, haben wir mit den Kollegen Ost noch gut zusammengearbeitet. Da konnte uns niemand so schnell gegeneinander ausspielen», schob Kappe jetzt doch noch düster nach. «Das gilt auch für angebliche Zeugen.» Er kniff erneut die Lippen zusammen. Offenbar war er der Meinung, er habe schon zu viel gesagt.

Marie schluckte. Die Träume der Menschen von einem friedlichen Miteinander nach dem Krieg waren ziemlich schnell zerstoben. Es gab schon wieder die Unterteilung der Welt in Freund und Feind, in «wir» und «die». Und schon wieder gab es eine Front. Sie zog sich mitten durch Berlin. Marie zwang ihre Gedanken zurück in die Gegenwart. «Und wie lauteten die bisherigen Urteile im Gladow-Prozess?»

«Drei Todesurteile», meldete sich jetzt der junge Jurist zu Wort. Wie hieß er noch mal? Irgendwas mit Pfingsten. Ach nein, Ostern. Dr. jur. Peter Ostertag. «Für Werner Gladow sowie seine Komplizen Gaebler und Rogasch. Und die werden auch vollstreckt, das garantiere ich Ihnen. Für die anderen gab es Zuchthausstrafen zwischen fünf Jahren und lebenslänglich.»

Marie war erschüttert. «Ist in der Bundesrepublik die Todesstrafe nicht abgeschafft?»

Kappe betrachtete sie nachdenklich. «Eher … ausgesetzt, würde ich sagen. Es gibt immer wieder Bestrebungen einflussreicher Leute, die Todesstrafe erneut aufleben zu lassen. Allerdings wird sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr vollstreckt.»

«Und in der Zone ist das anders? Haben Sie deshalb so betont, dass Gladow aus Ost-Berlin stammt?»

«Ja, im Osten ist das anders, da gibt es immer wieder Hinrichtungen», bestätigte Kappe.

Sie atmete tief durch und lächelte zaghaft. «Gut, dass Sigrid Dehne vor einem Westgericht steht. Also ist es wohl besser, Verbrechen im Westen zu begehen, was? Tut mir leid, das war eine dumme Bemerkung. Was hat die junge Frau denn nun genau getan?» Sie zückte Block und Bleistift.

«Sie soll an einem Überfall auf einen Kaufmann beteiligt gewesen sein», antwortete Ostertag. «Und der Herr Kriminaloberkommissar ist heute einmal Zeuge der Verteidigung.» Er warf Kappe einen kurzen Seitenblick zu.

Dieser nickte. «Ja, ich habe damals bei dem Überfall auf den Neuköllner Kaufmann den Passanten vernommen, der das Verbrechen gemeldet hat, einen gewissen Schlüter. Der hat aber nur männliche Täter beobachtet. Er hat mehrfach beteuert, dass keine Frau an dem Überfall beteiligt gewesen sei. Allerdings glaubt die Staatsanwaltschaft aufgrund der eidesstattlichen Versicherung eines wie aus dem Nichts aufgetauchten anderen Zeugen, dass sie doch dabei war.»

«Wann sagt dieser Zeuge aus?»

«Das tut er nicht, zumindest nicht öffentlich», antwortete Kappe. «Er kommt überhaupt nicht hierher. Es wird nur die eidesstattliche Erklärung von ihm verlesen.»

«Und wieso nicht? Ist er einer dieser ehrenwerten Herren, die nicht kompromittiert werden dürfen?»

Kappe warf dem Verteidiger einen hilfeheischenden Blick zu. «Es handelt sich wohl um eine Art V-Mann. Aber mehr weiß ich nicht.»

Marie erkannte, wie unangenehm ihm die Angelegenheit war. Dieser Mann schien sympathisch zu sein. Sachlich und sympathisch. «Einen Namen wird es doch wohl geben, wenn schon kein Gesicht dazu.»

«Krug, Dieter Krug. Der Name steht jedenfalls auf der Tagesordnung, die neben der Tür zum Gerichtssaal aushängt», meldete sich der Verteidiger zu Wort. «Das ist aber sicher ein Deckname. Der Herr Kriminaloberkommissar hat recht, es wird nur seine eidesstattliche Aussage verlesen. Krug behauptet darin, er kenne Sigrid Dehne und habe sie mit Gladow und seinen Leuten ins Haus des Kaufmanns gehen sehen. Das heißt, er müsste vor Ort gewesen sein. Der Zeuge, den Kriminaloberkommissar Kappe vernommen hat, hätte ihn also ebenfalls sehen müssen. Hat er aber nicht. Außerdem fragen wir uns, warum dieser Krug nicht schon für den Hauptprozess gehört worden ist, da er doch alles so genau beobachtet haben will.»

Krug, tatsächlich Dieter Krug. Maries Gedanken überschlugen sich. Also stimmten ihre Informationen, dass der Stiefvater in Berlin war? Sie war allen Hinweisen nachgegangen, die ihre Mutter ihr hatte geben können, war mit dem Foto von ihm, dem einzigen, das sie hatten, von Pontius zu Pilatus gelaufen. Niemand wusste etwas über den Mann zu sagen. Vielleicht auch, weil er auf dem Foto unter einem Baum stand und sein Gesicht im Schatten lag. Marie hatte manchmal das Gefühl gehabt, sie fahnde nach einem Geist. Sie hatte dennoch beim Roten Kreuz eine Suchanfrage aufgegeben. Manchmal geschahen ja Wunder. Doch nichts passierte. Immer wieder hatte sie der Mutter erklären müssen, dass sie ihren Stiefvater noch immer nicht gefunden hatte.

Nach Monaten des vergeblichen Suchens war sie schließlich an einen ehemaligen Kriegskameraden ihres Stiefvaters geraten, einen, der ihm unlängst bei einem Ehemaligentreffen in Berlin wiederbegegnet war. Der mochte den zweiten Mann ihrer Mutter nicht, wollte aber nicht damit herausrücken, weshalb. Nein, hatte er gesagt, die Berliner Adresse kenne er nicht, wolle sie auch nicht kennen. Er könne ihr nur noch einen Tipp geben: Demnächst stehe vor einem Berliner Gericht – vor welchem genau, wisse er nicht – ein Prozess gegen eine Prostituierte an, in den ihr Stiefvater irgendwie verwickelt sei. Der habe bei dem Treffen davon erzählt. Aber nur ganz am Rande. Mehr könne er wirklich nicht sagen. Und wenn er ihr einen guten Rat geben dürfe: Sie solle froh sein, mit diesem Mann nichts mehr zu tun zu haben, und ihn lieber aus ihrem Leben streichen.

Doch das ging nicht. Nicht mit einer Mutter, die sich vor Sehnsucht verzehrte, vor Gram halb verrückt geworden war, Wahnvorstellungen bekommen hatte und nun in einer Heilanstalt dahinvegetierte, mit irgendwelchen Mitteln ruhiggestellt, weil sie mehrmals versucht hatte sich umzubringen. Denn mit diesem Dieter Krug war all ihre Hoffnung, dieses nach dem Tod des ersten Mannes und den Bombenangriffen so mühsam aufrechterhaltene Fünkchen, verschwunden.

Marie hatte ihr Germanistikstudium kurzerhand abgebrochen, ihre Koffer gepackt, ihre kleine Wohnung hinter sich abgeschlossen, war letzten Monat aufs Geratewohl nach Berlin gereist und hatte sich bei verschiedenen Zeitungen beworben. Denn bei einer Zeitung, so ihre Hoffnung, hätte sie gute Möglichkeiten, den Spuren dieses Mannes zu folgen. Da gab es ein Archiv, da gab es Leute, die Gerichtsberichte schrieben, vielleicht sogar über jenen Prozess, von dem der Kriegskamerad ihres Stiefvaters gesprochen hatte. Der Tagesspiegel hatte sie genommen. Deshalb war sie hier. Als sie dann die Prozessankündigung und seinen Namen gelesen hatte, der auf der Zeugenliste stand, hatte sie Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um zu diesem Prozess geschickt zu werden. Und nun, nach all den Mühen, sollte sie ihn nicht zu Gesicht bekommen? Moment, hatte der Verteidiger nicht gesagt, Dieter Krug war ein Deckname? Es konnte trotzdem derselbe Mann sein. Vielleicht hatte er diesen Namen schon bei der Heirat mit ihrer Mutter benutzt. Gab es eigentlich viele Männer namens Dieter Krug in Berlin? «Krug? Dieter Krug, sagten Sie?», sagte sie gedehnt.

«Wieso fragen Sie so seltsam?», erkundigte sich Weißbrod. Da läutete der Gerichtsdiener. «Ah, es geht weiter.»

Marie schaute sich um. Wo blieb Corvus nur?

Ostertag lächelte. «Machen Sie sich keine Sorgen, das schaffen Sie! Was ist, John, treffen wir uns nach Abschluss des heutigen Prozesstages mit der jungen Dame in der Gerichtslinde? Schräg gegenüber in der Turmstraße. Dann kann ich ihr alle Fragen beantworten. Sie zieht ein Gesicht, als habe sie noch viele.»

John Weißbrod grinste. «Aber klar doch!»

In Marie machte sich trotz der Enttäuschung, dass sie den Mann, der Dieter Krug hieß, nun doch nicht sehen würde, eine gewisse Erleichterung breit. Wenigstens würde sie alles erfahren, was sie wissen musste, um einen guten Bericht zu schreiben. Und das auch noch aus erster Hand. Vielleicht konnte sie den Verteidiger auch bitten, für sie ein Gespräch mit seiner Mandantin zu arrangieren. Krug und Sigrid Dehne kannten sich angeblich. Also konnte diese ihr vielleicht weiterhelfen.

Der Saal, in dem die 5. Große Strafkammer tagte, war bis auf den letzten Platz besetzt. Aber auch eine halbe Stunde nach Weiterführung der Verhandlung war noch immer kein Corvus erschienen. Marie musste an den Rat denken, den ihr der Kolumnist Hans Neuhaus von der Redaktion des Berlin-Teils des Tagesspiegel gestern mit auf den Weg gegeben hatte: «Sie sollten sich mal im Archiv schlaumachen, Fräulein Palmer! Damit Sie wissen, wohin Sie müssen. Das ist schon ein besonderes Haus, das Moabiter Kriminalgericht. Fragen Sie den Kollegen Corvus, der kann Ihnen allerhand erzählen. Aber damit das klar ist: Sie arbeiten ihm nur zu! Sie können ja schon mal ’n bisschen texten, und wenn der Corvus sagt, es ist gut, dann stimmen Doktor Ewald Weitz als Leiter des Berlin-Teils und Chefredakteur Reger – ich meine das genau in dieser Reihenfolge – vielleicht zu, dass wir Teile ihres Geschreibsels in Corvus’ Bericht übernehmen. Versprechen Sie sich jedoch nicht zu viel!»

Geschreibsel! Hielt dieser Neuhaus sie für eine Analphabetin? Marie schwor sich, dass sie es allen beweisen würde. Sicherheitshalber war sie tatsächlich gestern noch nach Moabit gefahren, um sich das Gebäude des Kriminalgerichtes anzuschauen. Sie wollte wissen, in welchen Saal sie am nächsten Morgen musste, damit sie nicht zu spät kam, weil sie sich in dem riesigen Gebäude verlaufen hatte. Schon als sie durch die kolossale Haupthalle gegangen war, 29 Meter hoch, 3 Meter höher als das Brandenburger Tor, wie sie inzwischen wusste, hatte sie sich eingeschüchtert gefühlt. Ein netter Gerichtsdiener, den sie zufällig im Gang traf und der Corvus gut zu kennen schien – «Na, denn grüßen Sie den Meesta ma von mir!» –, hatte nämlich den Aktenstapel, mit dem er unterwegs war, schnell wieder in seinem Büro deponiert und sich Zeit genommen, der neugierigen Besucherin freimütig Auskunft zu geben. Er war unverkennbar stolz auf seinen Arbeitsplatz. Marie blätterte in ihrem Block zurück. Sie hatte eifrig stenografiert. «Wenn das größte Gericht Europas werktags gegen acht Uhr erwacht, treten unzählige Wachtmeister, Schreibkräfte, Putzfrauen, Kanzleiangestellte, Sachverständige, Archivare, Dolmetscher, Köche, Pförtner und viele, sehr viele studierte Juristen, Richter, Staatsanwälte, Verteidiger, Nebenkläger ihren Dienst an.»

Jedenfalls war das Gebäude imposant. Das Haus blickte aus 158 Fenstern auf die Berliner Turmstraße. Als es um 1906 fertig dagestanden hatte, war es laut Maries Fremdenführer eines der ersten offiziellen Gebäude Berlins mit elektrischem Licht gewesen. «Fünftausend Glühlampen, sach ick Ihnen, da ist immer eine hin», hatte der Gerichtsdiener gesagt. Und es gab offenbar nichts zwischen Betrügereien, Sexualdelikten sowie Mord und Totschlag, was hier nicht schon vor den Richter gekommen wäre. Die Delinquenten wurden sauber abgeschirmt von der Welt, durch Geheimgänge vorgeführt, die das Gebäude wie Innereien durchzogen. Die riesige Haupthalle war von einem Reigen allegorischer Skulpturen bevölkert. Besonders die Figur der Lüge rechts in der Halle war Marie aufgefallen, wie sie, in Sandstein geschlagen und mit dem Fuchskopf bekrönt, hinter vorgehaltener Hand zur Streitsucht hinüberzischte. Aus deren Kopf hatte der kaiserliche Bildhauer Schlangen mit aufgesperrten Rachen wachsen lassen.

Maries Gedankenfluss wurde unterbrochen, denn der Gerichtsdiener rief jetzt diesen netten Kommissar Kappe als Zeugen auf. Corvus war noch immer nicht aufgetaucht. Ah, wenigstens redete der nette Kommissar laut und deutlich. Er sagte aus, was Marie schon vorher persönlich von ihm gehört hatte.

«Was ist Ihre Einschätzung? Glauben Sie, dass die Angeklagte etwas mit der Gladow-Bande zu tun hat?», fragte der Verteidiger.

«Einspruch!», meinte der Staatsanwalt. «Was Kriminaloberkommissar Kappe glaubt, ist hier nicht von Belang. Hier zählen nur Fakten.»

Der Vorsitzende Richter beugte sich vor. Marie notierte sich, dass sie noch nach seinem Namen fragen musste. «Namen sind wichtig, Regel Nummer eins», hatte Neuhaus ihr gestern in seinem Schnellkurs in Sachen Journalismus noch eingebleut und hinzugefügt: «Richtig geschriebene Namen. Lassen Sie sich alles buchstabieren! Immer! Auch wenn Sie meinen, Sie wissen, wie ein Name geschrieben wird. Das sind wir unseren Lesern schuldig. Da fängt die Glaubwürdigkeit einer Zeitung an, an solchen Sachen wird sie gemessen.»

«Einspruch abgelehnt», meinte der Richter. «Ich kenne Kriminaloberkommissar Kappe als erfahrenen Ermittler und vertraue seinen Einschätzungen. Haben Sie noch etwas dazu zu sagen, Herr Kriminaloberkommissar?»

Der Staatsanwalt zog ein beleidigtes Gesicht, der Verteidiger ein zufriedenes, und Kappe antwortete: «Ich habe jedenfalls nichts Nachteiliges und schon gar keine solche Vorgeschichte über die junge Dame herausfinden können. Gut, sie trifft in ihrem Beruf viele … Herren. Darunter sind sicherlich auch solche, die es mit unseren Gesetzen nicht so genau nehmen. Aber so, wie ich sie kennengelernt habe, ist sie ein anständiges Mädchen.»

«Ein anständiges Mädchen – dass ich nicht lache!» Die Stimme des Staatsanwaltes klang sarkastisch.

«Im Zweifel für die Angeklagte, Herr Kollege», meinte Verteidiger Peter Ostertag.

«Die Plädoyers sind jetzt noch nicht an der Reihe, Herr Doktor Ostertag», pfiff ihn der Richter zurück. «Außerdem fälle ich das Urteil. Und Sie werden mir wohl die Kenntnis der Gesetze zugestehen, oder?»

Peter Ostertag lief hochrot an. Marie begriff, dass er gerade gehörig in den Senkel gestellt worden war. Offensichtlich sah es der Richter als seine Aufgabe an, den Jungspunden vor Gericht gleich klarzumachen, wo hier der Hammer hing.

Gerade als sie das dachte, riss ein Gerichtsdiener die Türe auf. «Kommissar Kappe soll sofort kommen, ein aktueller Fall!», rief er in den Saal, ging dann zum Richtertisch und überreichte ein Schreiben. «Das kommt direkt aus der Friesenstraße.»

Der Vorsitzende Richter überflog es und nickte. «Dringliche Bitte des Polizeipräsidenten. Herr Kriminaloberkommissar, draußen warten zwei Herren auf Sie. Dann vertagen wir auf morgen. Acht Uhr, selber Ort. Und seien Sie bitte pünktlich, damit wir gleich als Erstes mit Ihrer Zeugenvernehmung weitermachen können!»

Marie schaute nachdenklich zu, wie der Kommissar aus dem Saal stapfte. Sie musste unbedingt noch einmal mit diesem Kappe reden. Vielleicht konnte er ihr in eher privatem Rahmen mehr zu diesem unvermittelt aufgetauchten Belastungszeugen namens Krug sagen. Andererseits – wieso auf morgen warten? Hier tat sich etwas Ungewöhnliches mehr. Und war sie nicht seit Neuestem Reporterin beim Tagesspiegel? Den Verteidiger konnte sie auch morgen noch treffen. Sollte doch dieser Corvus die notwendigen Fakten zusammensammeln! Irgendwann musste der ja vom Zahnarzt zurückkommen. Sie würde später versuchen, beim Tagesspiegel anzurufen und zu sagen, dass der Prozess vertagt worden war. Marie stand auf, warf John Weißbrod einen unschuldigen Blick zu und eilte aus dem Saal.

KAPITEL DREI
in dem Kappe sich mehrfach wundert

KAPPE besah sich den Toten auf dem Trümmergrundstück an der Wollankstraße. Die Haut hing ihm in Fetzen vom Gesicht, die Züge waren völlig entstellt, als habe jemand Säure darübergegossen. «Haben Sie den Mann schon mal gesehen, Jüterbog?»

Der Kollege vom Kriminalkommissariat Wedding war äußerlich der Typ Peter Pasetti. Immer wenn er ihn sah, musste Kappe an einen Film denken, den er letztes oder vorletztes Jahr zusammen mit Klara gesehen hatte: Die kupferne Hochzeit. Die Hauptrollen hatten Hertha Feiler und Hans Nielsen gespielt. Doch die Ähnlichkeit hörte auf, sobald Jüterbog den Mund aufmachte.

«Wie soll ich det sagn? So wie der aussieht, erkennt den selbst die eigene Mutter nich. Aber dit jibt Probleme. Wir ham mal so über’n Daumen jepeilt. Der liecht vamutlich halbe-halbe, die Sektorengrenze muss irgendwo zwischn Kopf und Beene verlaufn. Dabei ham wa schon Demse jenuch mit die vom Ostn.»

Kappe nickte gedankenverloren. Ja, dicke Luft herrschte schon eine ganze Weile zwischen ihnen und der Polizei Ost. Falls der Tote tatsächlich mit dem Kopf im französischen Sektor und mit den Beinen im russischen Sektor lag, würden die Kollegen aus dem Osten die Leiche auf jeden Fall für sich beanspruchen. Schon um den West-Berliner Kollegen eins auszuwischen. Aber abwarten. Erst mal musste die Frage geklärt werden, wo genau die Sektorengrenze verlief. In der Höhe des Brustkorbs, des Bauchs vielleicht oder weiter unten? Diejenigen, auf deren Staatsgebiet das größere Stück der Leiche lag, waren am Ende vermutlich die Zuständigen. Bis zur Klärung der Zuständigkeiten würden sie den Leichnam erst mal mitnehmen. Denn das konnte dauern.

Und so lange konnte der Tote ja nicht auf diesem Trümmergrundstück vor sich hin verwesen.

Kappe kannte und schätzte den Kollegen Jüterbog. Er hatte schon früher gut mit ihm zusammengearbeitet, unter anderem im Fall des Frauenmörders Kimmritz, der schließlich in der Badstraße gefasst worden war. «Dann ist er wohl aus dem Osten fortgelaufen und zumindest mit dem Kopf im Westen angekommen. Wissen wir schon, wann, woran oder wie der Mann gestorben ist? Und wer hat ihn gefunden?»

«Wie er gestorben ist? Vermutlich erschossen. Zwee Bengels ham ihn beim Spieln entdeckt. Wir ham sie schon vernommen. Stehn jetzt da drübn beim Kollegen Drewitz aus’m Osten. Sind völlig jeplättet. Ja, ja, die Ostler sind auch schon da. Der andere ist kurz wech, mal eben umme Ecke für, na, Sie wissen schon, nichtöffentliche Sitzung. Kommt aber gleich wieder.»

Warum sagte Jüterbog das so seltsam? Aber Kappe hatte jetzt andere Probleme, danach würde er sich später erkundigen. «Lassen wir die Jungs erst mal nach Hause gehn, wenn die Ostler mit ihnen fertig sind. Habt ihr denn schon damit angefangen, die Nachbarschaft zu befragen? Vielleicht hat der Mörder hier auf sein Opfer gewartet und ist dabei beobachtet worden. Wenn der Mann in den Westen wollte, wovon wir nach Lage des Körpers wohl ausgehen können, dann wohnt er vielleicht sogar hier im französischen Sektor.» Kappe sah sich um. «Nun ja, viel is hier nich mehr mit Nachbarschaft, wenn ich von den Ratten im Schutt mal absehe.»

Die Männer schauten sich einen Moment lang schweigend an, jeder mit seinen eigenen Erinnerungen beschäftigt. Der Bezirk Wedding hatte während des Krieges ziemlich gelitten. Und da 1945 bei der Schlacht um Berlin Schul-, See- und Badstraße tagelang die Hauptkampflinie gebildet hatten, waren am Ende des Krieges viele der Weddinger Gebäude zerstört oder schwer beschädigt.

Jüterbog schüttelte schließlich den Kopf. «Nee, hab noch niemanden losjeschickt. Ham uff Ihnen jewartet. Anordnung von oben.»

«Na, dann machen Sie mal! Ich denke, wir sollten auf jeden Fall die Nachbarn bis Stern- und Kattegatstraße befragen.»

Jüterbog nickte und sprach mit einem seiner Leute, der unverzüglich aufbrach.

Kappe und Jüterbog gingen hinüber zu den Kollegen aus der Friesenstraße. Piossek und Klingbeil, die ihn mit dem Mordauto vom Gericht abgeholt hatten, hatten sich, nachdem sie am Tatort angekommen waren, sofort an die Spurensicherung gemacht. Klingbeil von der Kriminaltechnik stellte gerade umständlich sein Stativ für die Tatortfotos auf.

Piossek untersuchte die Taschen des Toten und förderte eine Brieftasche zutage. «Na, da ham wir ja doch noch Papiere, wie es scheint. Komisch – jemand schüttet dem Mann erst Säure übers Gesicht, damit man ihn nicht so schnell erkennt, und vergisst dann, ihm die Papiere abzunehmen?»

Kappe ging in die Hocke, um sich den Fund anzusehen.

Ein Mann näherte sich der Leiche aus Richtung Osten und blieb bei den Füßen des Toten stehen. «Was machst denn du hier, Papa?», fragte er. «Das ist unser Fall.»

Kappe zuckte zusammen und richtete sich auf. «Haben sie dich jetzt strafversetzt in die Polizeiinspektion Pankow, ich meine das Polizeirevier 282 in der Breite Straße 41 a?», fragte er seinen Sohn, um Zeit zu gewinnen.

Hartmut Kappe blieb stumm.

«Was ich hier mache? Dasselbe könnte ich dich auch fragen, Hartmut», fuhr Kappe schließlich fort. Musste ausgerechnet sein Ältester hier auftauchen? Konnte es keiner der anderen ehemaligen Kollegen sein, die Dienst im Polizeipräsidium Ost taten? Doch es half nichts. «Das ist nämlich eindeutig unser Fall», fügte er dann energisch hinzu.

«Das sehe ich aber ganz anders! Nach Lage des Toten kam der Mann aus dem Osten. Also ist es ein Fall der Polizei Ost!»

«Aber Beine laufen nun mal nicht ohne einen Kopf. Also ist es ein Fall für die Polizei West, Junge. Das ist doch wohl klar!»

Beide Männer starrten einander schweigend an. Die anderen Kollegen hielten inne und beobachteten dieses außergewöhnliche Vater-Sohn-Duell. Vater und auch Sohn Kappe wussten, dass die Situation ihnen Probleme bereiten konnte. Weder im Osten noch im Westen sah man es gerne, wenn Kommissare Beziehungen zum Feind unterhielten – und schon gar nicht familiäre. Kappe senior war allerdings durch seine langjährige Polizeizugehörigkeit geschützt, während derer er seine dienstliche und politische Zuverlässigkeit mehr als einmal unter Beweis gestellt hatte. Er war nie in der NSDAP gewesen. Und mit Kappe junior, Kommissar bei der Kripo Ost, legte sich auch niemand gerne an. Ihm wurden besonders gute Beziehungen zu «seinem» Polizeipräsidenten nachgesagt.

Das Präsidium Ost residierte im Karstadthaus in der Neue Königsstraße unter Leitung von Paul Markgraf – die Westalliierten hatten ihn als Polizeichef abgesetzt, doch die Sowjets hatten ihn gehalten. Die Kriminalpolizei Ost war vorläufig noch in der Dircksenstraße geblieben, doch der Umzug war bereits abzusehen. Das Präsidium West in der Friesenstraße unter der Führung des früheren Markgraf-Stellvertreters Dr. Johannes Stumm hatte 1948 als eigenständige Institution die Arbeit aufgenommen, mit 9491 Polizeibeamten, 971 Hilfskräften und 2200 Wachpolizisten.

Inzwischen hatte sich Peter Drewitz demonstrativ zu Hartmut Kappe gesellt. Kappe senior nickte ihm zu. «Ah, Drewitz, Sie auch da! So sieht man sich wieder.»

Früher waren sie ebenfalls Kollegen gewesen, wenn auch nicht lange. Drewitz war im Bezirk Tiergarten aufgewachsen, dann aber zu seiner großen Liebe in den russischen Sektor gezogen. Cherchez la femme, wie die Franzosen sagten. Sie hatten letztes Jahr geheiratet. Das war der Grund dafür, dass er nun ebenfalls zur Markgraf-Truppe gehörte – und nicht etwa, dass er ein besonders linientreuer SEDler gewesen wäre. Soweit Kappe gehört hatte, war der langersehnte Sprössling unterwegs. Doch man wusste nicht mehr so viel voneinander wie früher.

Kappe betrachtete seinen Ältesten. Hartmut fühlte sich ebenso wenig wohl in dieser Situation wie er selbst. Kein Wunder, sie standen auf feindlichen Seiten. So weit war es gekommen. Es wurde unter der Hand erzählt, in Ost-Berlin, nun Hauptstadt der DDR, seien die Kommunisten dabei, ihre Polizei den «Oststrukturen» anzupassen. Das hieß, es entstanden militärisch geführte Einheiten.

Kappe dachte wieder einmal, wie leid er dieser ständigen Animositäten war. Anfangs hatten sich die altgedienten Kollegen hüben wie drüben noch ausgetauscht und die Köpfe geschüttelt über die Politiker. Inzwischen aber hatte sich die Beziehung zwischen Ost und West bis auf Eiskellernivau abgekühlt. Es galt, wachsam zu sein, denn der Osten sollte ins Präsidium Friesenstraße mehr als nur einen Spion eingeschleust haben. Umgekehrt natürlich auch. Da tröstete es Kappe nicht, dass er als Kriminaloberkommissar, sehr zur Freude seiner Klara, 150 Mark mehr im Monat verdiente als vorher. Denn dafür zog sich der durch die Teilung verursachte Graben nun durch die eigene Familie. Er freute sich inzwischen sogar auf seinen Ruhestand. Kappe hasste es, innerhalb des eigenen Präsidiums jedes Wort auf die Goldwaage legen, genau bedenken zu müssen, wem er was mitteilte. Von den alten Gewissheiten und der früheren Gemeinschaft war nicht mehr viel übrig geblieben. Sogar Kollegen, die früher lange und gut zusammengearbeitet hatten, vertrauten einander nicht mehr. Das gegenseitige Misstrauen hatte jedoch nicht nur mit der Teilung zu tun. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele bei der Polizei aufgenommen worden, die dort eigentlich nichts verloren hatten. Man hatte praktisch jeden nehmen müssen, auch völlig Berufsfremde, um die Reihen wieder aufzufüllen. Und das in vielen Fällen ohne große Überprüfung, denn anfangs waren zahlreiche Akten einfach verschwunden gewesen, irgendwohin ausgelagert. Dann waren die Akten jedoch nach und nach aufgetaucht, und sie hatten feststellen müssen, dass auch der eine oder andere Verbrecher die Gunst der Stunde zu nutzen versucht hatte, um auf diese Weise eine weiße Weste zu bekommen. Das alles erschwerte die Arbeit ganz erheblich – ganz zu schweigen davon, dass die Möbel im Büro zusammengewürfelt waren und Papier auch nach Aufhebung der Berlin-Blockade noch immer Mangelware war und ihnen jedes Blatt vorgezählt wurde.

Kappe wusste, dass das nicht ging, aber er hätte seinen Sohn am liebsten in den Arm genommen, um die vergangenen Jahre zu überbrücken, die lange Zeit des Schweigens und der Angst, während sein Ältester in russischer Kriegsgefangenschaft gewesen war, und auch diese unglückselige Grenze, die sie noch weiter voneinander entfernte. Ihm tat das Herz weh. Doch Hartmut würde sich nicht erweichen lassen. Er brauchte seine Arbeit. Seine Frau, die blondgelockte Straßenbahnschaffnerin Ingeborg, geborene Kramer, machte zwar gerade eine Ausbildung zur Straßenbahnführerin, hatte also beste Aussichten, doch die beiden erwarteten Nachwuchs. Und der kostete bekanntlich eine Stange Geld.

Sie sprachen miteinander nicht über Politik, blendeten das Thema aus, so gut es ging. Kappe empfand es als Tragik, dass er während der Zeit des Nationalsozialismus mit seiner Familie wegen deren Sympathie für Hitler nicht über seine Abneigung gegen die Nazis hatte sprechen können. Jetzt musste er sich schon wieder linientreu geben. Ebenso wie Hartmut. Nur die Linien waren andere. Man musste sich wieder einmal durchlavieren, sich irgendwie arrangieren. Privat Vater und Sohn, dienstlich … ja, was?

«Halt! Das geht so nicht! Das wird Folgen haben!», protestierte Drewitz lauthals in seine Gedanken hinein.

Kappe sah sich um. Klingbeil und Piossek waren dabei, Fakten zu schaffen. Zusammen mit Kommissar Jüterbog luden sie den Toten kurzerhand in das Mordauto. Kappe schaute seinen Sohn und den ehemaligen Kollegen traurig an und wandte sich dann ohne ein weiteres Wort ab. Das würden sie später klären. Wer die Leiche hatte, hatte den Fall.

Plötzlich eine weibliche Stimme: «Was ist hier los? Ist das ein Mord?»

Kappe fuhr herum. «Was tun Sie denn hier, Fräulein Palmer?»

Marie machte ihr unschuldigstes Gesicht. «Ich bin doch Berichterstatterin beim Tagesspiegel. Deshalb interessiert mich das hier …»

«Und woher wussten Sie, wo Sie mich finden?»

Sie deutete auf Piossek. «Der Mann, der Sie im Gericht abgeholt hat, hat es einem Gerichtsdiener gesagt, und von dem habe ich es erfahren. Ein netter Mann, dieser Gerichtsdiener, sehr auskunftsfreudig. Schicken Sie mich jetzt weg?», fragte sie mit einem treuherzigen Augenaufschlag.

Kappe schmunzelte in sich hinein. So unlieb war ihm die Gegenwart einer Berichterstatterin gar nicht. Solange sie hier war, würde es sicher keine verbissene Ost-West-Auseinandersetzung um diesen Toten geben. Auch Hartmut und Drewitz wussten natürlich, dass die Westzeitung Tagesspiegel daraus eine böse Schlagzeile gemacht hätte. «Nun ja, da Sie schon mal da sind … Aber das darf nicht zur Gewohnheit werden, Frolleinchen!»

Sie nickte. «Wo wollen denn die anderen hin?»

«Welche anderen?»

«Die, die gesagt haben, dass das ihr Fall sei.»

Kappe wandte sich wieder um. Er sah von Hartmut und Drewitz nur noch die Rücken. Das bedeutete keineswegs, dass sie aufgeben würden. Wahrscheinlich lag bei ihnen in der Friesenstraße demnächst ein Auslieferungsgesuch für die Leiche auf dem Tisch. Aber bevor sie wussten, wer der Tote war, lief da gar nichts. Sie würden den Ostkollegen ganz sicher keinen Westbürger ausliefern, egal, ob tot oder nicht. Moment, da waren doch diese Papiere … Kappe ging zu dem Kollegen Piossek, der nach vollbrachter Leichenentführung wartend neben dem Mordauto stand. «Und – was steht in den Papieren?»

«Ein Ausweis aus der Zone, leider. Wollte nur vorhin nichts sagen. Der Ausweis ist neu, aber das Foto ziemlich unterbelichtet. Vermutlich stammt es noch aus Kriegstagen. Es wundert mich, dass die Behörden das haben durchgehen lassen. Da steht, der Mann heißt Krug, Dieter Krug. Wir haben auch noch einen aufgerissenen frankierten Briefumschlag gefunden, leer, adressiert an ebendiesen Dieter Krug. Der Mann lebt demnach trotz Ausweis aus der Zone hier im Wedding. In der Siedlung des Spar- und Bauvereins Eintracht, am Nachtigalplatz. Da baun se derzeit, was das Zeug hält. Durch Fliegerbomben is da ’44 viel von den Häuserzeilen kaputtgegangen. Sie wolln die Siedlung sogar erweitern, hab ich gehört.»

Kappe atmete tief durch. «Die Siedlung heißt doch seit letztem Jahr wieder nach Friedrich Ebert und nicht mehr ›Eintracht‹ wie unter den Nazis, soweit ich weiß. Und das ist Jüterbogs Baustelle. Also nix mit ausliefern, ehe wir nicht mehr wissen», knurrte Kappe. Dann hielt er inne. Dieter Krug? Der Tote sollte genau so wie der Zeuge heißen, der die Prostituierte Jane dabei beobachtet haben wollte, wie sie sich an dem Überfall auf den Kaufmann beteiligt hatte? Konnte das ein Zufall sein? «Moment! Kann ich den Mann noch mal sehen?»

«Da die beiden Ostler weg sind, können wir ihn wieder ausladen und den Leichenwagen bestellen», antwortete Piossek. «Muss schwierig sein für Sie mit einem Sohn bei den Kollegen im Osten.»

Kappe sagte nichts dazu. Aber seine Kiefer mahlten.

Klingbeil gesellte sich zu ihnen. «Kappe, was ist los?»

«Ich muss den Mann noch mal sehen.»

«Aber das Gesicht ist doch völlig unkenntlich.»

«Nu macht schon!»

Kollege Jüterbog half beim Ausladen. Sachte, als könnten sie ihn verletzen, legten sie den Toten auf den Trümmerschutt.

«Hm», brummte Kappe und ging um den Körper herum. Dann schüttelte er den Kopf. «Ich glaube nicht, dass der Mann Dieter Krug heißt. Das ist ein anderer.»

«Stimmt», erklärte jetzt auch Marie Palmer und schlug gleich darauf die Hand vor den Mund.

Kappe fuhr herum. «Woher wollen Sie das denn wissen?»

Marie Palmer biss sich auf die Unterlippe.

Kappe schaute sie einen Moment lang an und nickte dann bedächtig. «Nun, ich denke mal, wir ham da einigen Gesprächsbedarf, kleines Frollein. Ich muss jetzt hier weitermachen. Aber morgen will ich Sie bei mir im Präsidium sehen!»

«Ich kann aber erst am späten Nachmittag. Ich muss doch in die Redaktion.»

«Ich werde Sie wohl nicht davon abhalten können, über die Geschichte hier zu schreiben, was?»

Marie lächelte zuckersüß. «Nein, das werden Sie wohl nicht können.»

Kappe grinste. «Dann will ich aber ganz genau wissen, was das für ein Dieter Krug ist, den Sie kennen, junge Dame.»

«Versprochen», sagte Marie.

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