Kitabı oku: «Die Ewigkeit ist nur ein Augenblick»

Yazı tipi:

Für meinen Mann,

meine Töchter und meine Enkelkinder

Petra Hauser wurde 1950 in Karlsruhe geboren. Sie studierte Germanistik und Anglistik in Heidelberg und war über 30 Jahre lang als Lehrerin vor allem in der Erwachsenenbildung tätig. Ihren ersten Roman „Das Glück ist aus Glas“ veröffentlichte sie 2009 (6. Auflage, 2015). Es folgten die Novelle „Falsche Wimpern“ (2011), der Roman „Die Tage vor uns“ (2012), der Krimi „Binokelrunde“ (2014), der Roman „Heimatstadt“ (2016, 2. Auflage), „Das Geheimnis vom Weihnachtsgebäck“ (2018) sowie 2020 „Ein herrliches Vergessen“.

Petra Hauser

Die Ewigkeit

ist nur ein

Augenblick

Roman

einer badischen Familie

Lindemanns

Ein bisschen muss man immer

an der Wahrheit drehen,

wenn man sie in eine gute Geschichte

verwandeln will.

Man bricht den Lebensstoff in Stücke und fügt ihn wieder zusammen, in anderen, neuen Kombinationen, und manche sind real und manche sind es nicht, manche sind dokumentarisch und manche erfunden. Wer herausfinden will, was daran wahr ist und was nicht, muss schon ein rechter Kleingeist sein. Nichts davon ist wahr und alles davon ist wahr.

Wallace Stegner

Das Glücksgefühl meines Vaters (beim Erzählen) rettete ihn nicht nur, sondern trieb ihn zu Geschichten an und erhält ihn selbst jetzt noch in mir am Leben, wie eine zweite, geduldigere ... Seele in meiner ... Seele.

Sebastian Barry


Richard ...

... Löwenherz. Das denkt man gleich mit. Mancher tut es. Ich zum Beispiel. Weil er für mich das war: ein Mensch mit einem großen Herzen. Gutmütig. Tolerant. Seinen Mut abzuwägen, wäre mir nie eingefallen, weil ich ihn liebte. Ihn entschuldigte, wenn er etwas tat, was keiner verstand. Ihn verstand, weil ich ihn verstehen wollte, weil ich ihn liebte. Er war verschlossen, in sich gekehrt. Aber er konnte erzählen, ausführlich und detailversessen bis zur Schmerzgrenze des Zuhörers. Er legte nie das Vokabular des Soldaten ab, Kraftwörter gingen ihm glatt über die Lippen. Und gleichzeitig liebte er Gedichte, liebte Literatur, auch wenn sie schwierig war. Er liebte Heinrich Heine, Erich Kästner, Ringelnatz und Tucholsky, las alles von Arno Schmidt und Günter Grass, verstand die Theaterstücke von Samuel Beckett. Er hatte das absolute Gehör, konnte Gitarre, Banjo, Ukulele spielen, aber keine Noten lesen. Ich erinnere mich heute noch, wie gern ich ihm dabei zusah, wenn er eine Orange schälte. Geduldig, präzise, so als ob nicht der Verzehr der Orange das Eigentliche wäre, sondern die Befreiung der Frucht von der Schale. Er hasste alles Bürgerliche, musste aber tagtäglich einen Anzug mit Krawatte anziehen, weiße Hemden mit Manschettenknöpfen und zu den Kunden einer Baumaterialfirma fahren, für die er als Werkbüroleiter tätig war. Erfolgreich, denn die kleinen Bauern im Ländle vertrauten auf ihn. Wenn er zu ihnen kam, sich mit seinem schönen Anzug und den glänzend geputzten Schuhen mit den dicken Kreppsohlen auf ihre Baustellen führen ließ, sich dort die Problemzonen anschaute, stumm und aufmerksam zuhörte, wie die verzweifelten Kunden sich in Rage redeten, dann lag die Rettung schon in der Luft allein durch seine Anwesenheit, bevor er ein einziges Wort gesagt hatte. Sein Aftershave vermischte sich mit dem Duft der Reval, die er zu Dutzenden rauchte, immer und überall, auch im Schlafzimmer. Das ergab seinen unverwechselbaren wunderbaren eigenen Geruch, den ich jederzeit an jedem Ort erkannt hätte.

Als wir ihn tot in seinem Bett fanden, hielt er eine abgebrannte Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger, das fragile Aschetürmchen blieb unversehrt, so lange wir neben ihm saßen und auf den Bestatter warteten. Richard hatte Humor und Charme und wirkte auf Frauen so, dass sie an ihrer Frisur herumzupften oder schnell den Lippenstift nachzogen, wenn er sich näherte. Nie habe ich erlebt, dass er eine Frau angemacht hätte. Er bemerkte ihre Bewunderung ohne darauf einzugehen und liebte nur seine Ehefrau. Sie war die Erfüllung seiner Träume. Und noch viel mehr. Sie heilte ihn von seiner Vergangenheit: der ehrgeizigen Mutter, dem Vater, dem er nie den anderen, verlorenen Sohn hatte ersetzen können, der ganzen Verwandtschaft, die erdrückende Erwartungen hatte an ihn. Seine Liebste, die er am Tag ihres Kennenlernens schon erwählte zur Ehefrau, bis dass der Tod sie scheiden würde, war die Einzige, der er von seinen Kriegserlebnissen erzählte. Sie erteilte ihm Absolution für alles, was er ihr beichtete. Er holte sie dafür aus einem zwölf Jahre schweren Alptraum in das ganz normale Leben zurück. Machte sie zu einer Ehefrau und zu einer Mutter, zu einer Schwägerin und Schwiegertochter. Gab ihr Gelegenheit, seine große Familie anzuerkennen als ein Anhängsel, das zu ihm gehörte, ihm wichtig war, auch wenn sie eigentlich jedes einzelne Mitglied dieser Familie aus irgendeinem Grund verachtete und sich nie zurückhielt, diese Verachtung zu formulieren.

Die Urgroßmutter

1951

Wilhelmine sitzt am Küchentisch. Es wird jetzt schon sehr früh dunkel. Wenn man sich nur mit Schmerzen bewegen und bei künstlichem Licht nicht mehr richtig lesen kann, bleibt fast nichts mehr, um sich die Zeit zu vertreiben.

Vor Wilhelmine liegt ein Brief. Gerade hat sie ihn fertiggeschrieben, ins Kuvert gesteckt, adressiert, eine Marke draufgeklebt. Später wird sie ihre jüngste Tochter Sofie bitten, ihn zum Briefkasten zu tragen. Und dann kann sie sich wieder einmal auf einen Antwortbrief freuen. Es ist ein Dankesbrief an ihre Schwiegertochter Hilde. Dank für die schöne Karte zu ihrem 78. Geburtstag. Über all ihre Kinder und Enkelkinder hat sie Hilde berichtet. Denn so geht es ihr tagtäglich, ihre Gedanken wandern von einem zum andern. Es ist ein Innehalten, Erinnern, Nachdenken, Grübeln, ein Fragen: Wie ist das so gekommen und warum? Wie wird es weitergehen? Erst das, was am Ende ihrer Überlegungen bleibt, ganz zum Schluss, wenn sie sich gezwungen hat dazu, auf Distanz zu gehen, auf den Standort einer alten Frau am Ende ihres Lebens, schreibt sie darüber in ihrer ganz eigenen Weise, fast ohne Satzzeichen mit eingesprenkelten Dialektwörtern, sprunghaft bisweilen aber doch mit einer gewissen Selbstsicherheit. Sie weiß, dass Hilde sich über ihren Brief freut. Die lateinischen Schriftzeichen mit den runden Schnörkeln am großen F, B, H, S und T werden zu Arabesken. Wie gemalt sieht das aus. Sie hat ja so viel Zeit!

Immer noch fällt es Mine nicht so leicht, die lateinischen Buchstaben zu verwenden, denn in der Schule haben sie ganz andere Zeichen gelernt. Aber vor rund zehn Jahren kam eines Tages ihre jüngste Tochter Sofie nach Hause mit einer Broschüre und einem leeren Schreibheft.

„So“, sagte sie mit einem bestimmten Ton, „Mutter, es gibt was zu tun für dich. Wenn du weiter deine vielen Briefe und diese hübschen Weihnachts- und Geburtstagskarten schreiben willst und sicher sein willst, dass auch deine Enkelkinder sie lesen können, jetzt und eines Tages noch einmal, wenn sie sie in ihren Schubladen finden und sich an dich erinnern, dann musst du umlernen.“

Sofie zeigte der Mutter den so genannten Normalschrifterlass. Tja, was man damals so normal nannte. Aber man musste sich ja beugen, wenn man weiterexistieren wollte, oder nicht? Immerhin blieb diese Schrift erhalten, auch nachdem das tausendjährige Reich des Herrn Hitler zu Ende war, nachdem alles in Schutt und Asche lag. Die vielen Toten, die ganzen Verbrechen! Ach, ach! Immer wieder schweifen Mines Gedanken ab in die Vergangenheit und dann zwingt sie sich, wieder in die Zukunft zu denken, an ihre Kinder, an ihre Enkel, mit denen das Leben nun weitergeht.

Mine lebt bei ihrer Tochter Sofie und deren Mann. Sie umsorgen sie liebevoll. Den beiden geht es gut. Ihr Geschäft floriert. Versicherungen! Eigentlich versteht Mine nichts davon, aber sie sieht die zufriedenen Gesichter am Abend, wenn Sofie und Karl sich eine Zigarette anzünden und einen Cognac einschenken. Echten französischen Cognac, das kann man doch fast nicht glauben. Welcher normale Deutsche kann sich das leisten, jeden Abend solch einen Luxus? Noch hat man kaum genug Kohlen, um mehr als die Küche zu heizen. Hier auf dem Küchentisch steht Sofies Schreibmaschine, hier empfangen sie die Leute, mit denen sie zu tun haben. Und die ab und zu solche Sachen mitbringen: Cognac, Seidenwäsche, Kaffee, Pralinen.

Dass ihre jüngste Tochter wieder richtig zufrieden ist, lässt Mine aufatmen. Seit 1945 vier Fehlgeburten! Die arme Sofie. Das letzte Mal sah man es schon deutlich. Es war eine richtige Geburt. Und dann die leeren Arme, die leere Wiege. Aber nun die Entscheidung, dieses Kapitel ihres Lebens für immer zu schließen. Verschenkt wurde, was in dem hellen Eckzimmer schon bereitstand: die Wiege, der Wickeltisch, die vielen kleinen Hemden und Strampelhosen. Ab nach Karlsruhe ging alles zu Mines ältestem Enkel Richard und seiner Frau, die beide noch studierten und jede Unterstützung bitter nötig hatten. Ihr Kindchen kam nur wenige Monate nach Sofies Frühgeburt. Die Kinder wären im selben Jahr geboren worden. Zwei Kinder aus zwei verschiedenen Generationen.

Ihr erstes Urenkelkind durfte Wilhelmine also noch begrüßen auf dieser noch gräulich zugerichteten, aber hoffentlich friedlichen und bald wieder besseren Welt.

Ach, wenn ich nur mit dem Paul darüber reden könnte! Seit 21 Jahren ist Wilhelmine Witwe. Zehn Kinder hat sie geboren. Sechs sind ihr noch geblieben. Sieben Enkelkinder hat sie und schon ein Urenkelkind. Eine große Familie.

Brüderchen und Schwester

1911

Abendstille überall ... jetzt kam ihr Einsatz, zusammen mit dem Knabensopran vom Richardle, müsste sie sich zart und rein zu einer Dezime aufschwingen: „Nur am Ba-hach die Na-hachtigall“ sollten sie singen, aber die Nachtigall war verstummt in ihr. Mit dem Tod von ihrem geliebten Richardle war die Nachtigall verstummt. Helene verschloss ihre Lippen, fest presste sie sie aufeinander und die Tränen liefen ihr aus den Augen, über die Wangen, eine landete im Spalt ihrer Lippen und sie leckte sie auf, sie spürte das Salz, ein Schauer rieselte über ihren Nacken, den Rücken entlang. Der Vater und die Mutter bestanden darauf, dass sie alle zu ihrem Alltagsleben zurückkehren mögen, das hatte er gesagt, hatte den ersten Ton angestimmt, den Dreiklang folgen lassen, der Kanon begann mit der Quint, hinab zur Terz, hinauf zur None, Quint, Terz und mit einem Knicks hinunter zum Grundton. Alle anderen sangen. Zaghaft und traurig, die Mutter, Bertl, Johanna, die sechsjährige Paula, sogar der erst drei Jahre alte Walter stimmte ein; aber Helene weigerte sich mitzusingen. Warum nur, warum hatte das Richardle sterben müssen? Der lustige und schlaue kleine Kerl mit der zuckersüßen Stimme.

Als das Richardle geboren wurde, ging es der Mutter schlecht. Johanna und Helene saßen vor dem Elternschlafzimmer und warteten. Sie hörten das Jammern und Klagen der Mutter, das Geschrei. Es schien, als ob sich da drinnen ein Tier befände, das sich mit diesen irren Tönen gegen das Eingesperrtsein wehrte. Dann plötzlich war die Mutter stumm und stattdessen hörte man das dünne, aber doch schon melodische Stimmchen des Neugeborenen. Und wenige Minuten später öffnete sich die Tür, Johanna sprang weg, denn sie sollten hier nicht sitzen, man hatte sie doch in ihre Zimmer gescheucht schon am späten Nachmittag. Helene stand auf und wandte sich dem Vater zu, der mit hochrotem Kopf aus der Tür trat, das kleine Paket aus Tüchern auf dem Arm. Er sah sie kurz an, dann übergab er ihr das Kind.

„Pass auf deinen Bruder auf, Helene. Den Kopf musst du halten, das kann er noch nicht alleine. Er heißt Richard, das haben die Mutter und ich schon längere Zeit so beschlossen.“

Und Helene trug ihn vorsichtig den langen Gang entlang in das Zimmer, das sie mit Johanna teilte. Dort setzte sie sich auf ihr Bett und versenkte sich in den Anblick des winzigen verknautschten Gesichtes, beobachtete verzückt jede seiner Regungen, wie er zuerst ein, dann auch das andere verklebte Augenlid langsam hob, wie die glänzenden schwarzen Äuglein herumkullerten, unkoordiniert und wie um zu üben, die Nasenflügel sich aufblähten, der Mund sich öffnete, weit, zu einem richtigen ausgedehnten Gähnen. Da musste sie lachen und Johanna lachte mit. Als Willi im Jahr davor geboren wurde, waren sie alle einige Tage bei den Tanten geblieben. Sie kamen zurück, da lag das Baby gut verpackt, tief unter seinem Kissenberg versteckt, hinter dem duftig-zarten Voile der Wiege. Unberührbar für viele Tage und sogar Wochen. Ab und zu ließ man die drei Großen von der Türschwelle aus hinüberschauen zum Bett der Mutter. Sah von dort aus den kleinen Haarschopf. Aber jetzt, jetzt hatte der Vater ihr das neue Kind in die Arme gelegt und sie hielt es fest. Weil es leise zu wimmern begann, stand Helene auf und wiegte es hin und her, bis es ruhig wurde. Sie summte die Melodie von „Schlaf, Kindlein, schlaf ...“, immer wieder, immer wieder, bis sich die Gesichtszüge des Babys entspannten, die Fingerchen zu Fäusten ballten, die der Kleine, wie um sich aufzuräumen, dicht an sein Kinn legte, rechts und links. Da waren sie beide zusammengewachsen, das Richardle und die Helene, zu einer Einheit. Und jetzt war er tot. Es kam Helene so vor, als ob ein Teil ihres Körpers von ihr abgebrochen wäre und eine tiefe schmerzende Wunde dort klaffen würde und sie wollte eigentlich nur noch laut schreien und nie mehr aufhören. Als der kleine Bruder Karl im Jahr zuvor im Krankenhaus an Diphterie gestorben war, hatten sie alle geweint und hatten ihn vermisst und hatten im langen Flur ihrer Wohnung einen kleinen Altar aufgebaut, dort alles gesammelt, was unverwechselbar zu ihm gehört hatte. Seinen Tirolerhut, den Silberlöffel, den er von den Tanten zur Taufe bekommen hatte, auf dem sein Name eingraviert war. Seine roten Lederstiefelchen, die neuen, am Tag bevor er ins Krankenhaus kam, hatte der Lehrling von Schuster Beckmann sie abgegeben und er war den ganzen Nachmittag damit in der Wohnung herumgerannt, hatte sich an den Geräuschen gefreut, die die Metallplättchen auf Spitze und Ferse machten, herumgerannt, bis er einen roten Kopf hatte, bis die Mutter ihm an die Stirn fasste und sagte: „Um Gottes Willen, Bub, du bist ja ganz heiß, du hast Fieber, schnell ins Bett.“

In der Nacht fing er an, um Luft zu kämpfen, am nächsten Morgen wurde er ins Krankenhaus gebracht und zwei Tage später war er im Himmel.

Das war schlimm. Das verfolgte die Kinder in ihre Träume. Aber es war nichts im Vergleich zu dem Schmerz, den Helene jetzt empfand, als das Richardle unbedingt dem Karl hinterherfliegen musste, hinauf in den Himmel. Was wollte er dort denn? Er hätte doch hierher gehört, hierher in ihre Arme.

Der Sohnessohn

1941

Die Großmutter kam schon am frühen Morgen und holte ihn und seine Schwester ab. Die Mutter hatte eine Tasche gepackt, Schlafanzüge, Zahnbürsten, vielleicht Spielzeug, daran konnte er sich natürlich nicht mehr erinnern. Aber an den abwesenden starren Gesichtsausdruck der Mutter und dass er sie fragte: „Warum, Mama, warum sollen wir zur Großmutter mit den Schlafanzügen?“ Sie waren oft bei ihr, aber am Abend kamen sie immer wieder zurück in ihre eigene Wohnung, die doch nur wenige Straßen entfernt lag vom Haus der Großmutter. Die Mutter presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf, um seine Frage abzuwehren. Sie wollte nichts sagen. Im Laufe der Jahre, wenn er sich diese Szene vor Augen hielt, und das geschah oft, das geschah immer und immer wieder, als er vielleicht 15 war oder 16, da wusste er plötzlich, dass sie nicht hatte sprechen können. Sie wäre in Tränen ausgebrochen. Denn sie wusste schon, hatte doch schon am Abend zuvor erfahren, dass der Vater tot war. Gestorben. Nicht gefallen. Nicht vermisst. Nicht „im Krieg geblieben“ wie andere Väter. Er war einfach gestorben. An einer Lungenentzündung. Das sagte sie ihnen später, als sie wieder zurückkam, als die Beerdigung hastig vollzogen worden war, als die Nachbarsleute nicht mehr tagtäglich kamen um zu kondolieren, um ihm und seiner Schwester über den Kopf zu streicheln, auch sie mit fest zusammengepressten Lippen. Es war schlimm, aber ein toter Vater war nichts Besonderes. Es gab etliche Halbwaisen ringsum, so der offizielle Ausdruck, den man bei Bedarf in die Formulare eintragen musste. Nur leider brachte Hansi diese Tatsache mit den falschen Leuten zusammen. Dem Albert zum Beispiel, der so dumm war wie lang, einem derben Tölpel, mit dem keiner etwas anfangen konnte, und mit Wilhelm Preuss, dem Sohn des Zahnarztes, einem intriganten Streber, der sich nach dem Tod seines Vaters dem Lehrer, dem alten Herrn Teufel, andiente, dass dem sogar manchmal die Geduld riss und er ihn in den Senkel stellen musste. Die Mutter sprach lange überhaupt nicht mehr über ihren Mann. Sie besuchte regelmäßig sein Grab, legte dort Blumen nieder, erlaubte auch, dass die Kinder etwas zum Grab brachten, einen schönen Stein vielleicht, Hansi sammelte Schrauben, Nägel, kaputtes Werkzeug, wo immer er es fand, und einiges davon trug er zum Grab des Vaters. Die Großmutter schüttelte den Kopf darüber, aber die Mutter ließ ihn gewähren.

Bettys Mutter bestand darauf, dass ihre Tochter die Verwandten des Vaters ihrer beiden Kinder besuchte. Sie wollte wahrscheinlich, dass die Kinder spürten, sie sind nicht allein. Es gibt da eine große Familie. Drei Onkels und den Cousin Richard, der schon erwachsen war. Selbst schon Soldat. Er und der Onkel Bertel hatten die Mutter begleitet, als sie den toten Vater abholen ging in Holland. Sie waren geblieben bis zur Beerdigung. Richard hatte sich neben ihn gesetzt, Schulter an Schulter, den Arm um ihn gelegt, hatte versucht, ihm zu erklären, dass der Vater ein wirklich tapferer Mann gewesen sei. Einer, der sich vor nichts fürchtete. Eine Art Ritter sei er gewesen. Einer, der für das Gute gekämpft hatte und der das Böse hasste. Damit konnte Hansi nichts anfangen.

„Warum hat er eine Lungenentzündung gekriegt? Hatte er keine warmen Kleider?“

Mhm. Ja, vielleicht.

„Weißt du eigentlich, dass dein Vater einen Bruder hatte, der schon mit zehn Jahren an einer Lungenentzündung gestorben ist? Da hatte dein Vater Glück, dass er noch ein Mann wurde, ein Ehemann und ein Vater, bevor ihm das Gleiche passiert ist. So etwas passiert, es passiert immer wieder. Und ...“

„Und es ist Gottes Wille, wie der Pfarrer sagte?“

„Nein. Das glaube ich nicht. Es ist ein unerklärlicher Zufall. Etwas, das geschieht, ohne dass man es je verstehen wird.“

Kein besonders tröstlicher Gedanke.

„Aber ein Teil von deinem Vater ist auch in dir drin und der lebt mit dir weiter. Das spürst du. Vielleicht nicht jetzt gerade, aber du wirst lernen, es zu spüren. Du kannst mit ihm Kontakt aufnehmen und er wird dir Ratschläge geben, wenn du sie brauchst. Er tröstet dich, wenn du dich allein fühlst. Er freut sich mit dir, wenn du glücklich bist. Ich werde dich danach fragen, wenn wir uns das nächste Mal sehen. Bald schon. Ich versprech’s dir, dass wir uns ganz bald schon wiedersehen werden. Du und ich, wir sind Familie, weißt du, Hansi. Das bleibt für immer.“

So hatte ihn das Zusammensein mit Richard trotzdem getröstet. Weil er so schöne Sachen erzählt hatte. Versprechen gegeben. Die Familie beschworen. Der Richard, das war einer, von dem in der Verwandtschaft des Vaters viel geredet wurde. Der Richard dies und der Richard das. Manchmal voller Bewunderung mit leuchtenden Augen. Manchmal, indem man die Augenbrauen aufspannte und bedeutsam die Lippen kräuselte. Zu Richard wie zu jedem anderen Mitglied seiner väterlichen Familie hatte Hansi eine lange wechselhafte Beziehungsgeschichte. Immer auf der Suche nach seinem Vater, zog es ihn zu den Onkels und Tanten, den Cousins und Cousinen. Bis er einen anderen Weg fand, um dem Vater näher zu kommen. Bis er begann, Berichte über den Zweiten Weltkrieg zu lesen. Biographien von Soldaten. Dann sah er sich die Dokumentationen an, die an Jubiläumstagen im Fernsehen gezeigt wurden. Es brachte ihn nicht wirklich weiter. Es nährte jedoch den Verdacht, dass beim Tod des Vaters etwas vertuscht worden war. Etwas, was vielleicht auch die Mutter nie erfahren hatte. Vielleicht auch der Onkel und der Cousin nicht. Oder sie schwiegen aus Kadavergehorsam. Und als er so weit gekommen war mit seinen Überlegungen, fühlte er in sich große Dankbarkeit über den Zeitpunkt seiner Geburt. Er war kein Täter. Er war einer, der das Recht hatte, dieses Land, das neue Deutschland, zu bevölkern. Er war der Sohn einer Kriegerwitwe. Na und! Die Welt stand ihm trotzdem offen. Er war ein guter Schüler, machte eine Lehre als Maschinenbauer, ging dann an die Fachhochschule und studierte dort Maschinenbau. Ohne große Mühe, mit ein bisschen Rückenwind von Onkel Bertel, wurde er bei MAN eingestellt. Spezialgebiet Schiffsmotoren. Er nahm sich einen Privatlehrer für technisches Englisch, ließ sich einen Sommer lang nach Belfast versetzen, bis er alle Redewendungen drauf hatte. Dann absolvierte er ein Zusatzstudium für Betriebswirtschaft und stieg in der Firma auf bis zum Abteilungsleiter, hielt sich dort so lange, bis die jüngere Generation, die Herren Doktoren und Diplomingenieure sich ihm in den Weg oder besser gesagt vor die Nase stellten. Da sagte er Adieu mit 60 Jahren. Sein Schäfchen hatte er im Trockenen.

Nur ein Jahr später allerdings verlor er seine Frau. Sie hatten mehrere Reisen geplant gehabt, wollten ab jetzt viel Zeit miteinander verbringen, sich mehr für die Hobbys des anderen interessieren. Er blieb zurück, vereinzelt und doch nicht allein, denn er hatte seine beiden Töchter. Was für ein vitales Vermächtnis, was für ein bleibendes Glück. Zu dritt blieben sie eine Familie.

Die Wurzeln

Paul Adalbert Karl Sömmer, geboren 1867 im thüringischen Sömmerda, das damals zu Preußen gehörte. Sein Vater Karl Ludwig Sömmer war Prokurist bei der renommierten Metallwarenfabrik Dreyse und Collenbusch gewesen. Der älteste Bruder des Großvaters wurde Priester. Der zweite Bruder wurde Apotheker und starb jung während einer Grippeepidemie. Paul wurde als Nachzügler geboren, seine Brüder waren schon 17 und 15 Jahre alt. Die Eltern fühlten sich alt, zu alt jedenfalls, um sich gegen den Wunsch des jüngsten Sohnes zu wehren, Musiker zu werden. Auf verschlungenen Wegen, die ihn zunächst nach Erfurt, Leipzig und Dresden führten, gelangte er schließlich nach Mannheim ans dortige Theater. Er spielte in der ersten Geige, beherrschte jedoch auch mehrere Blasinstrumente, konnte sowohl einen katholischen als auch einen evangelischen Gottesdienst auf der Orgel begleiten und unterrichtete später am Mannheimer Konservatorium. Er war freundlich, gesellig, hilfsbereit. Bei einer Ausflugsfahrt auf dem Rhein, wo er mit einer kleinen Gruppe Musiker zum Tanz aufspielte, lernte er seine spätere Frau kennen.

Wilhelmine Walker war die jüngste Tochter des Lotsen Johann Jakob Walker. Eine zierliche, stille, zu träumerischen Absencen neigende junge Frau mit sehr hellblauen Augen und blonden feinen Haaren, die sich an der Stirn und im Nacken kräuselten und ihr einen engelhaften Ausdruck verliehen. Sie konnte sich dem Temperament des charmanten fremden Musikers nicht entziehen. Bevor sie Zeit hatte zu überlegen, war sie seine Frau. In 17 Jahren gebar sie ihm zehn Kinder. Nach 35 Jahren Ehe starb ihr Mann und sie lebte noch weitere 25 Jahre.

Als sie 1905 ihre Kinder zur Taufe ihrer dritten Tochter Paula rüstete, den vier Buben die weißen Hemden heraussuchte und die Lederstiefelchen, die Mädchen zu sich rief, um ihnen die Haare zu flechten, hatte sie einen Anfall von Verzweiflung. Sie setzte sich auf den Boden und jammerte: „Ihr seid einfach zu viele, es ist zu eng hier, ich schaffe das nicht mehr.“

Da kam ihr Mann aus seinem Zimmer, in dem er gerade einen Privatschüler betreute – die musste sie ja auch immer noch hinnehmen, die Privatschüler, die sie zwangen, das Temperament ihrer Kinder zu zügeln, ihr Gezänk, ihre Verfolgungsjagden über Tische und Stühle durch alle Räume abzufangen, mit dem schreienden Säugling auf dem Arm.

„Mine“, sagte ihr Mann, hob sie vom Boden auf und versuchte sie in den Arm zu nehmen, „meine liebe gute süße Frau, mein Ein und Alles, mein Morgen- und mein Abendstern, mein Lebenselixier, schau doch mal her.“

Er packte seine Kinder nacheinander um die Taille und setzte sie auf den Bücherschrank, so dass ihre Beine vor den Augen der Mutter zuckten und wippten, den Täufling hielt er hoch über seinen Kopf und stellte sich neben den Bücherschrank.

„Wen, meine Liebe, wen möchtest du denn hergeben? Auf wen kannst du denn am besten verzichten.“

Mine atmete ein und aus, heftig, schnell, schniefend und schluchzend. Langsam beruhigte sie sich, ihr Mund verzog sich zu einem zaghaften Lächeln, in den Augenwinkeln kräuselte sich die zarte Haut. Sie schluckte. Was sie in diesen Minuten dachte, erzählte sie nie und niemandem.

„Kommt da runter“, sagte sie.

Die Größeren konnten selbst von ihrem Hochsitz abspringen, die Kleinen wurden vom Vater befreit, nachdem Bertel, der Älteste, das Baby übernommen hatte. Mine schlang ihre dünnen Arme um sie alle und ein paar letzte Tränen fielen auf ihre immer noch strubbeligen Haare.

„Ich geb’ keinen her. Keinen von euch“, rief sie laut und deutlich. Da waren es erst sieben. Drei weitere Kinder wurden ihnen noch geboren. Aber dazwischen mussten Mine und Paul zwei ihrer Söhne zu Grabe tragen.

Zu diesem Zeitpunkt waren sie deutlich sichtbar, hörbar, fühlbar eine Familie, hatten fast keine Geheimnisse voreinander, das ging nicht, weil man auf so engem Raum zusammenlebte. Was dem einen passierte, ging alle an. Keiner konnte die Flügel aufspannen und wegfliegen, wollte es auch nicht. Dann wurden sie größer und irgendwann mussten sie fliegen, weil es das normale Leben ist, dass man den Vater und die Mutter verlässt und selbst eine Familie gründet. Alle würden es versuchen und nur manchen würde es gelingen. Aber es würde weitergehen. Eine Weile würde man sich noch einander zugehörig fühlen, würde sich Familie nennen. Dann gäbe es den Namen nicht mehr, dann wären die Fäden dünn und brüchig, die sich um sie schlangen, und neue festere Fäden hätten die Nachkommen an andere Menschen gebunden und neue Familien begründet.

Die Schwägerin

2010

Als Elfi starb, kannte Ruth Elfis Cousins und Cousinen väterlicherseits noch nicht sehr gut. Aber sie lernte sie kennen, alle kamen sie, um ihr zu helfen. Dort in München, in Elfis Wohnung, trafen sie zusammen und ertrugen die Fassungslosigkeit gemeinsam mit ihr, den Schrecken über den plötzlichen Tod ihrer geliebten einzigen Verwandten, ihrer Nichte, die wie eine eigene Tochter für sie gewesen war seit ihrer Geburt, damals mitten im Krieg. Es kamen zwei Cousins und zwei Cousinen. Bis dahin waren sie nicht viel mehr als Namen und Gesichter auf Fotografien für sie gewesen. Fotografien, denen Elfi nach und nach mit einzelnen Erzählungen ein bisschen Leben eingehaucht hatte. Hansi, der älteste Cousin. Dann Theo, dann Margot, nur zwei Jahre jünger als Elfi selbst, und Beate.

Ruth hatte stets Vorbehalte gehabt gegen diese Familie. Wenn sie heute überlegte, warum, dann musste sie sich eingestehen, dass sie dieses Misstrauen unreflektiert von ihrer Schwester Lilli, Elfis Mutter, übernommen hatte. Elfi und ihre Tante Ruth waren nach Lillis Tod eine Familie gewesen, vertraut und einander voller Liebe und Fürsorge zugetan. Die eine immer in den Gedanken der anderen präsent. Alles, was man tat, wog man ab in Bezug auf die andere.

Sie waren übrig geblieben, einander geblieben, füreinander da geblieben. Miteinander hatten sie viel Zeit verbracht, Anteil aneinander genommen, einander vertraut, aber sich nicht alles anvertraut, aus Rücksicht aufeinander, aus Liebe zueinander. Jeder hatte auch sein eigenes Leben gelebt.

Als Elfi geboren wurde, da existierte die Ehe ihrer Eltern praktisch nur noch auf dem Papier. Der Vater Walter Soldat, die Mutter Lilli zurückgekehrt in ihr Elternhaus, oder besser gesagt, in das Haus ihrer Mutter und ihres Stiefvaters und zu ihr, zu Ruth, der vier Jahre jüngeren Schwester. Lilli war 21 Jahre alt, als sie Mutter wurde. Nachdem Elfis Vater aus sowjetischer Gefangenschaft zurückkam, erst 1949, müde, dünn, krank, stumm, lebte die kleine Familie noch einmal zwei Jahre mehr schlecht als recht zusammen und dann reichte Ruths Schwester die Scheidung ein. Die elfjährige Elfi verlor den Kontakt mit ihrem Vater. Lilli trennte sich nicht nur von ihrem Ehemann, sondern auch von seiner Familie, wollte nichts mehr mit ihnen zu tun haben, erklärte sie alle zu Unpersonen. Schwiegermutter, Schwäger und Schwägerinnen, auch deren Ehepartner und Kinder. Energisch, kompromisslos, so wie sie eben war. Das letzte Zusammensein mit der Familie war die Hochzeit von Walters Nichte Inge, Tochter seiner älteren Schwester Helene. Ruth hatte die Fotos gefunden, die eine strahlende Braut zeigten, vor dem frisch vermählten Paar drei Blumenkinder, der elfjährige Theo, die achtjährige Elfi und die sechsjährige Margot. Hinter ihnen ihre Großmutter Wilhelmine, eine zierliche Person mit Brille, und leicht distanziertem Blick, neben der Schwiegermutter die strahlende Lilli und Walter mit seinem schönsten Lächeln, ein glückliches Paar? Wenn man genau hinsah, bemerkte man, dass die beiden dicht bei dicht standen, ihre Hände berührten einander fast, aber nur fast. Hätte sich bei einem glücklichen Paar nicht eine Hand in die andere geschmiegt angesichts der Rührung, die doch nahezu jeden überkam, wenn man gerade in einer Kirche war, wo ein Pfarrer die Macht der Liebe und Treue bis in den Tod beschworen hatte?

So trafen Lilli und Elfi das letzte Mal mit diesem Familienzweig zusammen. Erst nach Lillis Tod konnte Elfi sich auf die Suche nach ihrem Vater und seinen Verwandten machen und ihn in seinen letzten Lebensjahren begleiten. Dank Walters Fähigkeit, nicht zurück und nicht nach vorne zu schauen, nur den Augenblick zu betrachten, zu genießen oder an ihm zu leiden, fanden Vater und Tochter schnell zu jenem intimen Verständnis, das nur entstehen kann, wenn man den anderen kennt, weil man ihm ähnelt und weil man auf Schritt und Tritt auf diese Ähnlichkeit gestoßen wird. Wenn man sich selbst liebt, gelernt hat, die eigenen Fehler zu akzeptieren und sich der eigenen Stärken bewusst ist, dann kann man auch diesen anderen Menschen, der so oft denkt, fühlt, handelt, wie man selbst es tun würde oder tat, lieben, achten und hat die nötige Geduld mit ihm.

Als Elfi ihren Vater wiederfand, lebte er schon in einem Altersheim. Sehr zufrieden! Da er jeden Tag etwas zu essen bekam und einige seiner geliebten Bücher mitgenommen hatte, diejenigen, die seiner privaten Insolvenz entkommen waren, weil er sie rechtzeitig bei seiner ältesten Schwester Johanna untergestellt hatte. Bei ihr hatte er auch einige Jahre gelebt, bevor beide zusammen in dieses Heim zogen.

Walter hatte einen kleinen Fernsehapparat, den Elfi gleich, nachdem sie ihn das erste Mal besuchte, durch einen größeren Farbfernseher ersetzte. Außerdem legte sie eine Liste all der Bücher an, die der Vater verloren hatte und an denen er hing, aus denen er zitierte, auf die er sich immer wieder bezog in ihren Vater-Tochter-Gesprächen. Dass auch seine älteste Schwester Johanna in dem Heim lebte, war ein Trost und Rückhalt für ihn, obwohl er gerade mit ihr nie ein enges vertrautes Verhältnis hatte aufbauen können, vielleicht weil sie so verschieden waren.

Johanna glich äußerlich der Mutter und schlug ganz in deren Familie. Sie war korrekt, ehrgeizig, es lag ihr viel daran, einen seriösen Rahmen um sich aufzubauen. Sie nahm in den letzten Jahren die alte Mutter bei sich auf und pflegte sie bis in ihren Tod hinein. Damit war sie und blieb es auch über den Tod Wilhelmines hinaus das Zentrum der ganzen Familie Sömmer. Und noch im Heim hatte sie regelmäßig Besuch von ihren Nichten und Neffen, denn sie überlebte all ihre Geschwister, auch ihren elf Jahre jüngeren Bruder Walter. Sie überlebte sogar sich selbst. Am Ende ihrer lichten Tage, da war sie 92 Jahre alt und die Mauer hatte sich gerade geöffnet, freute sie sich: „Johanna und ich könnten jetzt zusammen rüber reisen nach Sömmerda, wo der Vater geboren wurde.“

Wer sie inzwischen geworden war, wusste man nicht. Hatte sie die Identität einer ihrer anderen Schwestern, die alle schon längst tot waren, angenommen? Hatte sie sich die Seele der Mutter einverleibt, war sie endlich das geworden, was sie sich so sehnlichst immer gewünscht hatte: Mutter?

Auch Ruth besuchte Elfis Tante Johanna dort im Heim, besuchte ihren Schwager Walter bis zu seinem plötzlichen, sanften Tod an einem Nachmittag im Dezember, als draußen die Glocken läuteten, weil der erste Advent bevorstand. Und von da an gewann diese Familie schnell mehr und mehr Profil. Wurde menschlicher, berührbarer. Elfi eroberte sie sich zurück, ohne Gewissensbisse. Ihre Mutter musste sich wohl im Grabe umgedreht haben vor Unmut. Dass das Kind so eigenwillig entschied gegen das von der Mutter verfügte Verdikt.

Nun kamen sie schon seit Jahren zu Ruth, die Cousinen und Cousins, an einem Sonntag im Advent. Auch jetzt noch nach Elfis Tod. In den ersten beiden Dekaden des neuen Jahrhunderts ist Ruth das neue Zentrum der Familie. Man hat sie als Mutter adoptiert. Resolut und liebevoll übernimmt sie diese Aufgabe und ist so immer noch Mutter, obwohl ihr einziges Kind sie verlassen hat, im Stich gelassen. Hat ihr den wichtigsten Grund zu leben genommen. Hat die Naturgesetze umgedreht. Das passiert. Häufiger als man denkt.

Man umarmt sich, man macht ein Gruppenphoto, man packt Erinnerungen aus, man erzählt das Erzählbare, man politisiert ein bisschen, man lacht zusammen und verspricht, dass man sich aber im nächsten Jahr auch zusätzlich noch mindestens einmal im Frühling oder im Sommer sehen wolle. Einer jener guten Vorsätze, die immer wieder nach hinten verschoben werden auf ihrer aller Listen und schließlich ganz von den Listen verschwinden. Nur im Advent, da schaffen sie es alle, so als ob das einfach so sein müsste. Es genügt auch. Diese wenigen gemeinsamen Stunden reichen aus, um sich des Bandes zu versichern, das sie alle zu einem merkwürdigen lockeren Ganzen verbindet, einer Familie.

Mütter und Töchter

2020

Zwei Urgroßtöchter von Wilhelmine sitzen an den Betten ihrer sterbenden Mütter, 700 Kilometer voneinander entfernt, halten die Hände der schlafenden Frauen und lauschen auf ihre Atemzüge.

Der Tod ist ein Hinauf- oder Hinuntergehen, ein Eintreten oder ein Hinausgehen, ins Dunkel oder ins Licht. Wir wissen nichts darüber, wir haben nur Ahnungen, Vermutungen, Phantasien.

Mit ihren letzten Atemzügen hauchen sie ihr Leben aus, unsere Mütter, und wir übernehmen ihre Atmung, atmen weiter für sie, behalten sie – vielleicht nur für eine kleine Weile – noch in uns. Ganz werden sie nicht verschwinden, weil sie so viele Menschen berührt haben und man auf deren Seelen Fingerabdrücke sehen könnte, wenn die Seelen sichtbar wären.

Die beiden Cousinen zweiten Grades trennen 20 Jahre. Parallel dazu ist die eine Mutter eine uralte Frau, die andere muss aus einem aktiven Leben heraus weggehen. Eine wird durch die Alpträume ihres langen Lebens in ihre frühe Kindheit zurückgetrieben, wo sie einmal fröhlich und glücklich war. Die andere lässt sich nicht ein auf dunkle Orte ihrer Erinnerung, weit offen sind ihre Seelenaugen auf einen fernen Punkt gerichtet, wo ihr Liebster auf sie wartet, ein großer blonder Mann mit vorsichtigem Lächeln. „Ich komme“, sagt sie, „ich komme zu dir, endlich werde ich wieder bei dir sein. Mit dir war alles immer gut.“

Schwestern

28. Juni 1914

Sie wurden zusammen konfirmiert und beide wurden mit einem guten Zeugnis von der Schule entlassen. Johanna, weil sie sehr fleißig und pflichtbewusst war, Helene, weil sie intelligent war, schnell die richtigen Antworten parat hatte, weil ihre schwarzen Augen ihre Lehrer beunruhigten auf eine Art und Weise, die sich auch die älteren unter ihnen nicht erklären konnten. Hinter diesen Augen vermutete man eine unergründliche Tiefe an Gefühlen, an Leidenschaften, rahmensprengende Gedanken. Ihre trotzig aufgeworfenen Lippen ließen Eigenwille vermuten. Man horchte auf, wenn man zum ersten Mal ihre Stimme hörte. Das rauchige Timbre. Man musste sich sofort räuspern, weil man instinktiv annahm, das sollte sie eigentlich tun, Helene sollte sich ihre Kratzer von den Stimmbändern weghusten. Dabei ging das nicht und war auch nicht nötig. Ihre Singstimme nämlich klang klar und rein, schwang sich mühelos auf und auch die tiefen Töne kamen nicht gepresst oder gezwungen.

Im Jahr ihrer Konfirmation und Schulentlassung begannen beide eine Schneiderlehre im Mode-Atelier der Madame Wawrina, vermittelt durch ihre Tante Sofie, die dort bereits ihre Lehre gemacht und von Fräulein Wawrina insgeheim als Nachfolgerin auserkoren worden war. Sofie, die seit der Geburt ihres ersten Neffen Bertel Sofietante genannt wurde, war der Wawrina unentbehrlich geworden, eine zwar nur durchschnittlich gute aber äußerst zuverlässige Schneiderin, das hieß, sie beherrschte alle Arten von Nähten, konnte Schnittmuster anfertigen und den jeweiligen körperlichen Besonderheiten der Kundinnen anpassen. Sie vertrat die Ansicht, dass das lange schon Erprobte eine Dame von Stand immer noch am besten kleidete und ihr die Möglichkeit gab, sich auf ihre Kleidung so sehr verlassen zu können, dass sie sich, wenn sie sie einmal anhatte, nicht mehr darum sorgen musste, sondern ihre Energie und ihre Weiblichkeit ganz auf die anderen nicht selten doch wirklich schwierigen Elemente ihres Lebens konzentrieren konnte: Das Repräsentieren neben ihren bedeutenden Männern, das Erzwingen von Vorteilen, überall dort, wo viele Damen in Konkurrenz zueinander standen, das Beherrschen ihres Dienstpersonals, das Regieren ihrer Kinder und nicht zuletzt das Regieren ihres eigenen inneren Wohlbefindens, das sich sodann auf ihrem Gesicht ausdrücken und sie von innen her zum Leuchten bringen würde, so wie es ihr Stand und ihre Position im Leben verlangten. Sofie Walker hatte also ein Auge für das Machbare, das Modische wusste sie einzubeziehen, wenn es erwünscht war, sie war außerdem resolut und hatte kaufmännisches Geschick, sie handelte wie auf einem orientalischen Bazar, wo es den Rahmen des Schicklichen nicht sprengte, sie konnte mit genau dem richtigen Tonfall zu einem Mantel noch Lederhandschuhe, einen kapriziösen Schlangenledergürtel, einen seidenen Schal, vielleicht sogar ein Hütchen anbieten, wie nebenher ein paar Schuhe zeigen, hatte immer einige Modelle zum Anprobieren parat und zuvor mit dem entsprechenden Hersteller eine Provision vereinbart, wenn es ihr gelänge, ihm eine neue Kundin zuzuführen. Am bemerkenswertesten war ihre Wandelbarkeit, blitzschnell stellte sie ihren Tonfall auf ihr Gegenüber ein, schmeichelte oder verbarg das Schmeicheln unter scheinbar nüchternen Fakten, schürte in den Kundinnen, was ihnen gerade ermangelte, einen Sinn für Konkurrenz, für Selbstbewusstsein, für Einsicht in die körperlichen Unzulänglichkeiten und die absoluten Fähigkeiten einer guten Schneiderin, diese zu kaschieren. Sie war redselig oder wortkarg, je nach dem Gebot der Stunde und das Gebot der Stunde erkannte sie im Bruchteil einer Sekunde. Das Fräulein Wawrina hielt ihre Angestellte für ein Multitalent mit dem Schwerpunkt auf Kundenbetreuung und Verkauf. Künstlerinnen konnte man in diesem Beruf nur wenige gebrauchen. Im Modehimmel ging es eng zu, es gab dort viel Ehrgeiz und keine kommerziellen Sicherheiten. Das Fräulein Wawrina wollte und musste sowohl sich als auch ihre Angestellten schließlich ernähren.

Von ihrer Sofietante würden die beiden Nichten sehr viel Nützliches lernen können. Und das taten sie auch. Sie wussten, dass sie der Sofietante diese Lehrstelle in einem angesehenen Schneideratelier Mannheims zu verdanken hatten, ihr allein. Die Dankbarkeit für Erleichterungen aller Art wurde Wilhelmines und Pauls Kindern eingeimpft mit den ersten über das eigene kindliche Wohl hinausgehenden Gedanken; wenn wir höher hinaus oder zumindest nicht die soziale Leiter hinunterfallen wollen, brauchen wir Hilfe, hieß das Credo der Familie, wir sind viele, bei uns geht es eng zu, wir schaffen das Leben nicht allein.

So beugten also Johanna ihren blonden und Helene den kastanienbraunen Kopf über die Kapp-, Biesen, Paspel-, Stürz-, Kräusel- und Kedernähte, stachen sich die Finger blutig, wippten mit dem rechten Fuß nach vorne, dem linken zurück auf dem breiten Pedal, lernten Knöpfe mit und ohne Füßchen anzunähen und Knopflöcher einzusetzen, jedes exakt mit der gleichen Anzahl von Knopflochstichen, die Knötchen eng aneinandergeschmiegt. Aber sie lernten auch mit den anderen Näherinnen zu schwatzen und erweiterten damit ihren Horizont, denn das behütete Leben der Töchter des Hofmusikers und seiner Frau Wilhelmine, die mit einer Reihe sehr angesehener Mannheimer Bürgerfamilien verwandt und verschwägert waren, schloss vieles aus, worüber diese Mädchen und Frauen bestens Bescheid wussten, deren Mitteilungsbedürfnis so elementar war wie Hunger und Durst.

Am Wochenende trafen sie sich, diese Mädchen, wanderten am Rhein entlang oder den Neckar aufwärts, fuhren mit der Bahn in den Odenwald, spazierten, lagerten im Wald auf mitgebrachten Decken, manche brachten einen Bruder mit und vielleicht noch dessen Freund. Es wurde gelacht, geschwatzt, geflirtet.

Johanna tat nichts, was sie nicht jederzeit Mutter und Vater hätte erzählen können, ohne deren Wohlwollen einzubüßen. Sie war sich für manches eben einfach zu gut, das alberne Flirten, das Tratschen, das von einer Zukunft Träumen, die außerhalb jeglicher realer Normen lag.

Helene aber war noch nicht mit dem zweiten Lehrjahr fertig, da hatte sie schon einen echten Verehrer, den Sohn einer guten Kundin, einen Gymnasiasten, der nur einfach mit Stubs angeredet werden wollte, nicht mit Gerold von Stein, wie er eigentlich hieß. Helene kannte ihn vom Atelier. Seit er zu der Wandergruppe gestoßen war. Warum denn eigentlich? Welche Verbindung hatte er? Hatte er ihre Nähe gesucht? Ihre Nähe? Seit er dabei war, erschien er öfter im Atelier als zuvor, vielleicht auch bemerkte sie ihn jetzt erst? Er drängte sich in Helenes Gedanken, tauchte dort auf am Abend, wenn sie müde hinüberglitt in ihre Träume. Am Tag, viele Male, sie begann sich so zu verhalten, als ob er jederzeit neben ihr stehen könnte und sie beobachten würde. Wenn er seine Mutter begleitete, dann blieb es bei kleinen, wie zufälligen Berührungen der Finger, im Vorübergehen, bei einem tiefen Blick, Auge in Auge versenkt, einem Zucken der Lippen, so als ob sie sprechen wollten, oder vielleicht küssen?

Er wartete auf Helene im Schatten der gegenüberliegenden Häuser, noch im November, begleitete sie dann nach Hause. Und im Frühling ließ sie ihn wissen, dass es am Wochenende wieder in den Odenwald gehe.

Johanna bemerkte wohl das Spiel der beiden und sorgte sich um die Schwester.

„Ob das seiner Mutter recht ist?“

„Die weiß doch gar nichts davon.“

„Ob es unserer Mutter recht wäre?“

„Die wird auch nichts davon erfahren, wenn du es ihr nicht verrätst.“

Johanna presste die Lippen aufeinander.

„Er wird dich niemals heiraten, Helene, nie und nimmer wird er das können oder gar dürfen. Sei bloß vorsichtig.“

„Was soll das denn heißen?“

„Du weißt doch, was die Männer wollen. Alle wollen das. Und du weißt auch ganz genau, wo das hinführt. Wir sehen das schließlich seit Jahren. Ich finde es grässlich, dass der Vater die Mutter nicht endlich in Ruhe lässt.“

„Glaubst du denn, dass es die Mutter nicht vielleicht auch will?“

„Immer noch mehr Kinder?“

„Nein, ich meine das andere.“

Die beiden sahen einander stumm an, denn was benannt werden müsste, war doch für sie beide unaussprechbar. Darüber spricht man nicht, hieß das Motto.

Helene und Stubs gingen bald Hand in Hand. Beim nächsten Ausflug lag Stubs Kopf in Helenes Schoß und sie beugte sich über ihn, streichelte sein Gesicht, wuschelte durch sein Haar. Die Tage wurden länger, die Luft duftete im Wald und auf den Wiesen, es wurde heiß, man war so träge beim Wandern, Helene und Stubs blieben weit hinter der Gruppe zurück. Als es bei schon anbrechender Dunkelheit zurückging, hatte Stubs den Arm um Helene gelegt, er flüsterte ihr etwas ins Ohr, oder küsste er ihr Ohr oder hatte sie eben nicht das Gesicht ihm zugedreht und hatten sich nicht ihre Lippen berührt? Das war am Sonntag, den 28. Juni, Helene würde es nicht vergessen. Niemals, denn Stubs hatte ihr an diesem Tag einen Ring an den Finger gesteckt. Ein kleines Herz mit einer Gravur: ein S und ein H ineinander verschlungen. Jedoch dieser Tag brannte sich ohnehin in das Gedächtnis der Menschheit ein. Das österreichische Thronfolgerpaar wurde an jenem Tag von einem serbischen Attentäter ermordet und daraufhin nahmen die europäischen Länder Aufstellung, um sich in die Schlachten des Ersten Weltkriegs zu stürzen.

Stubs meldete sich mit den ersten Freiwilligen zum Dienst für das Vaterland. Die Ehre seiner Familie gebot es ihm. Er schrieb Helene Briefe, schickte Karten und sie trafen sich bei jedem seiner Heimaturlaube, bis er verwundet wurde und in der Zeit seiner Genesung die Freundin seiner ältesten Schwester, eine gewisse Adelheid Hattenberg, die Tochter des Kommerzienrates Hattenberg, ihm Gedichte vorlas, ihn stützte, als er seine ersten Schritte mit dem geschienten Bein versuchte, und überhaupt nicht mehr von seiner Seite wich, und die Eltern der beiden sie schließlich mit sanftem Druck vor den Traualtar lenkten. Das zahlte sich aus für alle Beteiligten, denn der seelisch und körperlich schwer beschädigte Gerold von Stein wurde von seinem Schwiegervater mit einem gut bezahlten und nicht sehr arbeitsintensiven Posten in den Mannheimer Chemiewerken dafür belohnt, die schon über 30-jährige Adelheid zur Ehefrau und Mutter eines kräftigen Sohnes zu machen. Helene blieb ein Ring und die Erinnerung an das Gefühl auf ihrer Haut, wenn Stubs sie berührt hatte, den Duft seiner Haare, den Geschmack seiner Lippen, das Kribbeln an ihrem ganzen Körper, wenn sein Blick und ihr Blick ineinander tauchten. Ihre Tränen wusste nur Johanna zu deuten und sie behielt ihr Wissen für sich: Ein Liebesbeweis unter Schwestern. Helene war unendlich dankbar dafür. Sie bewahrte ihre Dankbarkeit auf und wartete geduldig auf einen Moment, wo auch sie der Schwester einen Liebesdienst würde erweisen können. So einfach ist das allerdings nicht. Die Liebe ist kein Handel. Sie ist sehr eigenwillig, selten geht sie einen Weg hin und wieder zurück. Was sie Gutes bewirkt, kann nicht gespiegelt werden. Es verwandelt den Geliebten und befähigt ihn, auch zu lieben, aber er wird anders lieben oder sogar möglicherweise ein anderes Ziel suchen für seine Gefühle. Niemals kann der Geliebte für den Liebenden sein, was dieser ihm ist. Helene ist Johanna dankbar, aber sie liebt die kleine Paula. An sie verschwendet sie ihr kostbar und selten gewordenes Lächeln. Ihr singt sie mit ihrer warmen weichen Stimme Lieder, erzählt ihr Märchen und Geschichten, zeigt ihr, wie man Knopflöcher versäumt, Knöpfe annäht, wie man einen Hefeteig zubereitet, wie man ein Blumenkränzchen windet, es sich aufs Haar drückt, dass man aussieht wie eine Elfe. Helene wacht über Paula wie einst über das Richardle und lange Zeit braucht sie kein weiteres Liebesobjekt.

Die Großfamilie

Karl Friedrich Walker hatte drei Töchter und zwei Söhne, die das Erwachsenenalter erreichten. Wilhelmine Sömmer war seine jüngste Tochter. Die beiden anderen Töchter und die Söhne blieben ledig. Sofie, die älteste Tochter, war Schneiderin und übernahm das Atelier der Agnes Wawrina, Lene, nur ein Jahr jünger als ihre Schwester Sofie, war zunächst Angestellte im Tabak- und Zeitungsladen Knopf, der, in unmittelbarer Nähe zum Theater gelegen, vor allem die dort Beschäftigten und die Theaterbesucher anzog, eine ganz bestimmte Klientel von bürgerlich gekleideten Exzentrikern. Nach dem Tod des Besitzers übernahm Lene den Laden, versorgte die Witwe ihres Chefs, die noch im Haus wohnte, bis sie starb, und zahlte ihr als Pacht einen Betrag, der den Einkünften angepasst wurde. Das hatte ihr Chef für sie eingerichtet und testamentarisch festgelegt. Man munkelte in der Verwandtschaft, dass Lene ihrem Chef mehr gewesen sei als eine tüchtige, loyale Angestellte und das sogar mit Duldung der Ehefrau, die um einiges älter war als ihr Mann. In Lenes Umgebung jedenfalls gab es keinen anderen Mann, der von ihr als Ehemann in Betracht gezogen worden wäre. Das glaubten ihre Geschwister zu wissen und einer flüsterte es dem anderen immer wieder einmal zu, so laut und unverhohlen, dass es bis zu Wilhelmines Kindern durchdrang. Als sie die Lene-Tante geworden war – das war nach der Geburt ihrer Nichte Helene, Wilhelmines zweitältester Tochter –, war sie schon um die 40 Jahre alt und überaus zufrieden mit ihrem Status als Geschäftsfrau in so einem interessanten Milieu. Die Künstler vom Theater, ganz besonders die männlichen, wussten, dass sie ihre Lieblingstabakwaren vorhielt, die Zeitungen bei vorteilhaften Besprechungen auf der Seite mit den Theaterkritiken aufgeschlagen auf der Theke ausgebreitet hatte und die kleinen Fläschchen mit dem Hochprozentigen griffbereit, wenn man sich mal wieder mit einem Verriss auseinandersetzen musste. Den ersten Ärger darüber wurden die empfindsamen Herren gleich bei Lene los. Ganz oft folgten sie ihrem Rat und lasen gar nicht, was irgendein ignoranter Schreiberling sich aus den Fingern gesaugt hatte.

„Taugt gerade noch zum Anfeuern“, das war Lenes Standardsatz, begleitet von einer wegwerfenden Handbewegung und einem energischen Schubser auf ihren Zwicker.

Lene und Sofie versicherten einander viele Male, dass sie mit der armen Mine niemals würden tauschen wollen. Die vielen Schwangerschaften, all diese Kinder, immer den temperamentvollen Mann um sich rum, der ihr Leben bestimmte, Tag und Nacht! Aber was wollte man machen. Das normale Los einer Frau war die Ehe, das wussten auch Lene und Sofie und priesen sich glücklich, dass sie rechtzeitig abgebogen waren auf ihrem Lebensweg, bevor er in diese Sackgasse geführt hätte.

Sie bedauerten ihre kleine Schwester nicht nur, sie liebten sie auch, sie fühlten sich verantwortlich für jedes der Kinder, die da gepurzelt kamen. Und ganz besonders für die kleine Paula, nach deren Geburt es Wilhelmine so schlecht ging, dass alle fürchteten, sie werde nicht wieder gesund werden, sondern sich als Engel den irdischen Pflichten entziehen und ihren Mann mit der Kinderschar seinem Schicksal überlassen, in das sich die Schwägerinnen dann mal so richtig resolut hätten einmischen wollen. Vorerst rissen sie schon einmal das neugeborene Kindchen an sich und stritten gar darum, wer sie halten, wickeln, füttern durfte, obwohl da noch Paulas Schwestern Helene und Johanna waren, im Kinderhüten schon sehr geübt und nicht unbedingt erbaut über das Eindringen ihrer beiden Tanten in ihre Familie.

Paula lernte früh zu lächeln, sie streckte ihre Ärmchen aus nach jedem, der sich ihrer Wiege näherte, sie bezauberte mit ihren glänzenden dunklen Augen, dem ungewöhnlich dichten kastanienbraunen Haarflaum. Sie entwickelte sich zum Liebling der ganzen Familie, zog die Aufmerksamkeit auf sich und lernte deshalb schneller laufen, sprechen, singen. Sie bewegte sich wie jemand, der sich absolut wohlfühlt in seinem Körper. Jemand, der weiß, dass er nur lächeln muss und schon hat er sein Gegenüber für sich eingenommen. Jemand, der keinerlei Angst hat vor Fehlern oder Versagen. Das gab es einfach nicht in ihrem Weltbild.

Als Paula geboren wurde, war das Karlchen fünf, Willi drei und das Richardle zwei Jahre alt. Diese drei hatten einander zum Spielen, zum Streiten, um einander das Brot wegzuessen oder zuzuschieben. Das Karlchen und der Willi hatten die blauen Augen und hellblonden Lockenhaare ihrer Mutter geerbt, das Richardle schlug eher dem Vater nach, der diese Söhne „mein Glückskleeblatt“ nannte, hauptsächlich dann, wenn er gerade mit dem Geigenkasten unterm Arm und in gehobener Stimmung am späten Nachmittag aus dem Haus ging und er die drei sich selbst und ihren älteren Geschwistern überlassen konnte, weil es bei ihm ja darum ging, Geld zu verdienen, damit die Familie etwas zu essen hatte.

Zum Zeitpunkt von Paulas Geburt lag die Sorge um die Kleidung der Kinder schon ganz und gar in Händen der Sofie-Tante und die Lene-Tante hielt zum Vorteil ihrer ungebärdigen Nichten und Neffen engen Kontakt mit dem Schulrektor Knöpfle, einem Freund der Oper und der Operette, dem sie dann und wann eine Freikarte zustecken konnte, wenn sie dem Heldentenor seine Lieblings-Kuba-Zigarren besorgt und fast zum Einkaufspreis durchgeschoben hatte. Der hochverehrte Sänger wollte sich absolut nichts schenken lassen, aber für einen fairen Handel quid pro quo erwärmte er sich durchaus, nachdem er sich der Diskretion der werten Frau Walker hatte versichern können. Darauf war Lene stolz: Dass er sie wie all ihre Stammkunden stur Frau Walker nannte und das lächerliche altjüngferliche „Fräulein“ vermied. Ein Punkt, in dem die beiden unverheirateten Walker Schwestern einander uneins waren. Die Sofie-Tante wollte Fräulein genannt werden, sie betrachtete das als Ehrenbezeigung, denn konnte sie so nicht öffentlich darlegen, dass sie als niemandes Dekoration oder „bessere Hälfte“ – wer hatte sich dieses schreckliche Etikett wohl einfallen lassen? –, sondern ganz aus sich selbst heraus existierte und für ihre Existenz hart arbeitete, so hart wie ein Mann, so eigenständig und eigenverantwortlich.

Die drei Buben konnte man auch zusammen in ein Zimmer stecken und ihnen irgendetwas hinstellen, eine Kiste mit Knöpfen oder die Schublade mit den Taschentüchern des Vaters, sie wussten sich damit zu beschäftigen, sich darum zu zanken, sie zu verstecken und wieder aufzufinden. Manchmal tobten sie durch alle Räume, kletterten aufs Pianoforte und nahmen die Klaviatur als Treppenstufe, rissen Pauls Noten aus dem Regal, so dass Johanna stundelang davor kauern musste, um die Papiere mühsam wieder zu sortieren. Sie musste es nicht!

„Lass doch Hanne, das kann der Vater doch am besten wieder selbst richten“, schimpfte Helene. Aber Johanna wollte es müssen, sie wollte mit dieser Tätigkeit für den Vater etwas tun, was sonst keiner tun wollte, und wollte damit genau fühlen, wer sie war: Papas großes Mädchen. Dass er sie versonnen ansah, wenn er sich bei ihr bedankte, dass in seinem verträumten Blick eine winzige Erinnerung funkelte an seine Wilhelmine, so wie sie damals auf ihn zukam bei ihrem ersten Treffen, als er in den Bann ihrer lieben hellblauen Augen geriet ... Ach ja, längst vorbei ... das spürte Johanna mit ihrem Herzen und fühlte sich dem Vater nah und vertraut, in Liebe verbunden jenseits aller Worte.

Wilhelmine brachte die Winter, wenn das Familienleben sich auf dem für so viele Menschen doch recht engen Raum der Wohnung, allenfalls erweitert durch das Treppenhaus und verbotenerweise sowohl Keller als auch Dachboden, abspielte, hinter sich und erwartete ungeduldig den Frühling und den Sommer, wo sie ihre drei Musketiere wieder hinunter in den Hof schicken konnte. Selbst wenn sie auf Abenteuer aus waren und den Hof verließen, so taten sie es nie für lange, denn der Hunger und ihre Sehnsucht nach den anderen Geschwistern trieben sie wieder zurück, bevor ringsum die Abendglocken läuteten und es zu dämmern begann.

Der Musikus Paul Sömmer fand sein Glück bei der Arbeit, weil er sich dort nach dem häuslichen Trubel sehnen konnte während der zehnten Wiederholung einer schwierigen Passage, mit der der Dirigent nicht zufrieden war, und er fand sein Glück zu Hause im Gedanken an den Abend, an dem er sich dem häuslichen Trubel würde entziehen können. Er war der Herr in seiner Familie. Die Kinder wurden geboren, sie wuchsen heran, jedes seiner Kinder fand einen Platz im Leben, mittendrin. Solange sie klein waren, dichtete man ihnen eine strahlende Zukunft an. Je älter sie wurden, desto zufriedener war man, wenn sie einfach nur so waren wie jeder rechts und links.

Als der Erste Weltkrieg begann, waren zwei seiner Söhne tot, Kinderkrankheiten hatten sie dahingerafft, ein Schicksal, das die Sömmers mit vielen Familien ringsumher teilten. Sein ältester Sohn war 19 Jahre alt, die jüngste Tochter zwei. Es wurde von niemandem in der Familie befürchtet, dass Paul hätte in den Krieg ziehen müssen.

„Bleib, wo du bist!“, schrieb Paul seinem Sohn Adalbert, genannt Bertel, nach Windhoek in Deutsch-Südwest-Afrika, wohin es ihn zu diesem Zeitpunkt verschlagen hatte. Die Familienväter teilten durchaus nicht alle die Begeisterung der jungen Männer für die Möglichkeit, das Vaterland zu verteidigen.

Die Cousins

1954

Als am 4. Juli 1954 Deutschland und Ungarn im Endspiel der Fußballweltmeisterschaft gegeneinander antraten, hatte Bertel seine Schwester Sofie gebeten, mit ihm zusammen auch seine beiden Neffen Hansi und Theo einzuladen. Zu dem 20-jährigen Hansi und dem 15-jährigen Theo gesellte sich kurz vor dem ersten deutschen Gegentor noch Bertels ältester Neffe Richard. Mehr als 20 Männer drängten sich in Sofies schönem Wohnzimmer vor dem neu erworbenen Grundig 450 T-Fernsehgerät zusammen. Sofie und ihr Mann Karl wohnten in einer großzügig geschnittenen Neubauwohnung in der Otto-Beck-Straße. Es ging ihnen gut, sehr gut sogar. Sie hatten es geschafft, sich nach und nach mit allen Symbolen des wirtschaftlichen Aufschwungs in der noch jungen Bundesrepublik zu umgeben und ließen ihre Freunde und Familienangehörigen großzügig daran teilhaben.

Da waren sie nun alle beisammen, die neuen Männer der Familie Sömmer, Wilhelmines Enkelsöhne.

„Stimmt es, dass der Onkel Bertel mit dem Sepp Herberger befreundet ist?“ Theo wendet sich aufgeregt an seinen Cousin Hansi. Es ist eine Weile her, dass sie einander getroffen haben. Hansi kommt Theo heute wirklich wie ein Mann vor.

„Wer hat dir denn das gesagt?“

„Der Richard.“

Aha, daher weht der Wind, denkt Hansi. Er hat es inzwischen so satt, sich die Geschichten anzuhören, die der Richard immer und überall erzählt. Was hat der denn erreicht im Leben? Nichts. Aber immer eine große Klappe! Inzwischen verdient er sich anscheinend als Taxifahrer sein Brot, in Wirklichkeit wird er wohl von seiner Frau ernährt. Auf diesen einfachen Nenner wird es gebracht, wenn man die Tanten miteinander flüstern hört. Hansi verachtet Richard. Er verachtet ihn genauso, wie er ihn einstmals bewundert hat. Damals im Krieg, als Hansi mit seiner Mutter und seiner Schwester eine Zeit lang nach Mosbach evakuiert wurde, freute er sich, wenn Richard auf Urlaub kam, wenn er von seinen Flügen erzählte, nach Griechenland, nach Norwegen, wenn er ihm genau erklärte, wie er sich im Sichtflug orientieren musste, an Kirchtürmen, an Flüssen, an der neuen Autobahn entlang, über die Hornisgrinde nach Friedrichshafen hinüber zum Auftanken und von dort aus über die Alpen. Auf seinem Atlas verfolgte Hansi diese Routen. Freute sich über die Postkarten, die ihm Richard schickte. Bis man erfuhr, dass der heldenhafte Pilot inzwischen eingebuchtet worden war, weil er mutwillig eine Maschine zu Schrott geflogen hatte. Hatte renommieren wollen, das sah ihm ähnlich! Degradiert und schließlich in einen Panzer gesteckt.

Im brennenden Berlin wollte er herumgeirrt sein, während der Führer in seinem Bunker Selbstmord beging. Da war Hansi elf Jahre alt gewesen. Ein elfjähriger vaterloser kleiner Kerl, der dringend ein männliches Vorbild gebraucht hätte, um erwachsen werden zu können. Wo waren sie da, seine Onkels und auch der Richard? Wo waren die Ersatzväter? Sie kamen zurück aus dem Krieg, aber sein Vater blieb weg für immer. Sie kamen zurück und hockten in den Ecken herum bei den Geburtstagsfeiern, wenn sich die Familie traf. Hockten dort, rauchten, verständigten sich in merkwürdigen Halbsätzen und Codewörtern. Bis sich Onkel Walter schließlich ans Klavier setzte, bis sich Tante Sofie daneben stellte und zu singen begann: „O, Donna Klara, ich hab dich tanzen geseh’n ...“ So eine Familie war das!

Immerhin hat Hansi ja noch eine andere Familie, eine Mutter, eine Großmutter, eine Schwester. Das ist seine eigentliche Familie, seine tägliche Familie. Wo sie wohnen, ist auch seine Heimat, dort stehen sein Bett und der Tisch, an dem er ernährt wird. Die Mutter ernährt und kleidet ihn, lobt ihn, tadelt ihn, hält ihn auf dem rechten Weg in eine lebenswerte Zukunft. Eines muss er zugeben, hier in Mannheim geht es wesentlich lustiger zu als zu Hause in Mainz-Kastel. Hier flimmert die Luft, er kann nicht gleichzeitig überall hinschauen, wo sich etwas Merkwürdiges, Interessantes ereignet. Musik fließt um diese Tanten und Onkels wie ein lebenslustiger Wasserfall, wischt und wäscht alle Sorgen weg für die Zeit ihres Klingens und manchmal auch Dröhnens, Klopfens, es zittern die Stühle, der Tisch wackelt, sogar die Vorhänge schweben auf und nieder, hin und her. Mitten im Getöse das winzig kleine Omale mit leicht abwesendem Lächeln, die Mutter von all diesen Leuten, die nun mal seine Blutsverwandten sind, deren Namen er trägt, und so wie es aussieht, ist er der einzige männliche Träger in der nächsten Generation.

Theo weiß nicht, ob er sich neben Hansi oder neben Richard stellen soll. Hansi hat ihn ziemlich abblitzen lassen. Der hängt immer den Älteren raus, der schon weiß, was er werden will. Ingenieur! Das klingt wie Hexenmeister, wenn Hansi es ausspricht. Und einmal hat er sogar gesagt: Flugzeugingenieur. Theo vermutet, dass Hansi sich den Richard zum Vorbild nimmt, der war doch Testflieger gewesen im Krieg. Und ausgebildeter Funker. Theo erinnert sich daran, wie Richard im Kreis der Tanten und Onkels einmal diese Geschichte erzählte aus seiner Grundausbildung: Er hatte den Auftrag, ein Funkgerät so geschickt zu positionieren, dass kein Feindeinblick möglich gewesen wäre. So ging er hin und her, brauchte stundenlang, fand schließlich eine Art Höhle unter einer riesigen Baumwurzel, dort baute er das Gerät auf. Als er nach Stunden immer noch auf einen Funkspruch wartete, den er hätte erwidern können, dämmerte ihm, dass er sich wohl in ein Funkloch begeben hatte und von dort aus überhaupt kein Kontakt möglich war. Da lachten alle, lachten glücklich über diese lustige Geschichte, klopften Richard auf die Schulter, schüttelten

den Kopf, staunten und er, der kleine Theo, staunte auch, dass Richard nicht darauf bestand, der zu sein, für den sie ihn alle hielten: ein Held.

„Stimmt das alles Richard?“, fragte er ihn schließlich.

„Oder ist es nur eine Geschichte?“

„Es ist eine Geschichte und es stimmt. Im Wesentlichen jedenfalls. Ein bisschen muss man immer an der Wahrheit drehen, wenn man sie in eine gute Geschichte verwandeln will.“

Theo geht hinüber, stellt sich neben Richard und schnüffelt nach dem Duft seiner Reval.

„Stimmt das, Richard, dass der Onkel Bertel den Sepp Herberger persönlich kennt?“

„Das stimmt. Aber darauf kann man sich nichts einbilden, weißt du, Kleiner. Der Herberger, der war ein verdammter Nazi, und heut’ will das keiner mehr wissen. Das ist die Wahrheit.“

Richard hatte seine eigene kleine Familie, seine Frau Isa und die vierjährige Tochter Beate bei seiner Tante Johanna und dem Omale Sömmer abgegeben, bevor er zu den Männern gestoßen war, um teilzunehmen an diesem Sportereignis.

Unterwegs war er seiner Tante Sofie begegnet, die sich zu den Frauen gesellen wollte, nachdem sie die Männer mit allem versorgt hatte, was sie brauchen würden: Zigaretten, Bier und Schinkenbrote.

„Bitte sorge dafür, dass Tante Johanna nichts Dummes sagt. Du kennst doch die wunden Punkte meiner Frau und weißt, wie leicht man sie verletzen kann.“

„Du kannst dich auf mich verlassen.“

Die besonderen Kinder:

Der Älteste und das Nesthäkchen

Sofie verstand sich gut mit Richards Frau. Seit der Hochzeit der beiden schon waren sie einander zugetan. Hatten einander immer etwas zu erzählen. Aber in Wirklichkeit hatte sich Sofie in Isas Herz geschlichen, weil sie sich mit ihr verbündete gegen ihre eigene Schwester Helene, Isas Schwiegermutter. Prangerte Helenes Hochmut an, bezeichnete das, was man im Allgemeinen Helenes Stolz nannte, als großes Unrecht, das als Bürde zentnerschwer auf dem armen Richard lastete. Ständig diese Erwartungen, dass er etwas Besonderes sei, ein guter Schüler, ein begabter Musiker, ein treuer Nationalsozialist, ein tapferer Soldat, ja, Helene hatte ihn in die Rolle des Ritters Richard Löwenherz drängen wollen, das musste doch einmal ausgesprochen werden! Sofie hielt nichts davon, immer alles unter den Teppich zu kehren, was nicht in Ordnung war.

Hinter Helenes wahnwitzigem Ehrgeiz stand, das wusste jeder in der Familie, dass sie die Vorstellung hegte, Richard, ihr Sohn, müsste das großartige Leben führen, das eigentlich auf das Richardle gewartet hätte, das liebe, temperamentvolle Richardle mit der schönen Singstimme, den flinken Fingern, den schnellen Beinen und dem hellen Kopf. Immer wieder beschwor Helene ihr totes Brüderchen herauf, so, als ob sie die Einzige gewesen wäre, die seiner nach wie vor voll inbrünstiger Treue gedachte. Sofie hatte diesen Bruder nie kennengelernt, er starb ein Jahr vor ihrer Geburt. Deshalb schmerzte sie diese Lücke im Familiengeflecht nicht. Aber Sofie wusste von Johanna, dass sie sich auch oft an das Brüderchen erinnerte, dass sie es mindestens ebenso geliebt hatte wie Helene, stiller eben, sie war auch in ihrer Trauer gefasster als Helene und versteckte ihren Unmut darüber, dass man sie oft falsch einschätzte, hinter ihrem melancholischen hellblauen Blick und den fest aufeinandergepressten Lippen.

Sofie hatte ein besonderes Verhältnis zu all ihren Geschwistern. Sie wuchs auf wie die Made im Speck, das sagten die Lenetante und die Sofietante immer wieder und sogar Bertel übernahm eines Tages genüsslich diese Formulierung.

„Keiner hat dich jemals ausgeschimpft, keiner war jemals böse mit dir, nicht einen einzigen Augenblick lang. So ein verwöhntes Nesthäkchen. Dabei bist du deinen Geschwistern ab und zu ganz schön auf die Nerven gegangen.“

Das lachte Sofie weg. Ja, sie wusste es, sie konnte jedem von ihnen alles sagen, ohne jemals negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Aber fragen konnte auch sie längst nicht alles.

Manch einer mochte Bertel gerne fragen, was er denn eigentlich dort im Schwäbischen arbeitete, wo er jetzt schon so lange wohnte. Warum brachte er seine Frau so selten mit, wenn er kam? Und wer war dieser merkwürdig ernste Junge wirklich, der zu Li „Mutter“ sagte und von Bertel als „dem Vater“ sprach? Jeder in der Familie wusste doch, dass Bertel und Li keine Kinder hatten. Keine „eigenen“ Kinder jedenfalls. Woher stammte dieser Kurt also? War er ihnen einfach so zugelaufen wie ein Hund oder eine Katze oder gab es eine Geschichte zu dieser merkwürdigen Elternschaft?

Hier wusste allein Sofie mehr als die anderen und hatte einmal, das war doch an Inges Hochzeit? flüsternd einen Hinweis gegeben, an Isa, weil ihr das richtig schien.

Inzwischen war Kurt in Schottland und studierte dort Theologie, wollte also Pfarrer werden. Und Bertel und Li bereiteten ihren endgültigen Umzug nach Mannheim vor.

In Bertels Leben gab es zwei unbezweifelbare Konstanten: seine geliebte Frau Li und den Fußball. An diesem Tag stand eindeutig der Fußball im Zentrum seines Interesses.

„Bist du eigentlich für Waldhof oder für den VfR, Onkel Bertel?“, fragte der 15-jährige Theo aufgeregt.

Bertel war immer für Waldhof gewesen. Dort hatte sein Interesse, seine Leidenschaft für den Fußball begonnen. Dort hatte er gekickt als junger Bursche, dorthin hatte ihn der Sepp gelockt, nachdem sie sich immer wieder am Bonadiehafen getroffen hatten und Freunde geworden waren. Bertel verbrachte die ersten Jahre seines Lebens noch in der Löwitstraße. Paul und Wilhelmine wohnten im kleinen Haus des Rheinschiffers und Lotsen Walker und seiner Frau, das waren Wilhelmines Eltern. Erst im Krieg zog die inzwischen größer gewordene Familie um in die Boeckstraße. Zu diesem Zeitpunkt war Bertel schon in Afrika. Dass ihn der Liebhaber der Koloratursopranistin Emilie Lautenschläger, der Herr von Klingenberg, dorthin mitgenommen hatte, wusste man, sprach aber nicht davon. Dass er dort nicht das hatte leisten können, wofür er vorgesehen war, drang immer mal wieder durch, geflüstert als Andeutung. Aber was? Was hätte er denn dort tun sollen? Soldat sein! Aber es gab keine Bilder von ihm, auf denen er eine Uniform trug. Nach seiner Lehre zum Feinmechaniker in der kleinen Maschinenfabrik der Familie Hartung, hatte er sich spezialisiert, dazu war er von seinen Chefs zum ersten Mal nach Oberndorf ins Schwäbische geschickt worden, da gab es eine Waffenfabrik. Als er zurückkam, folgte unmittelbar das Angebot des Herrn von Klingenberg, ihn nach Deutsch-Südwestafrika mitzunehmen. Schon im Sommer 1915 kehrte er heim nach Deutschland und ließ sich in Berlin nieder. Er arbeitete als Feinmechaniker in einer Fabrik für Kleinteile, Federn, Schrauben, Bolzen, wie er umständlich erklärte, verdiente gutes Geld und kam, so oft er konnte, zu Besuch. In Berlin hatte er damals seine Li kennengelernt. Eine schöne Frau mit dunklem Teint und fast schwarzen dicken Haaren. Sie stammte aus einer deutsch-russischen Familie aus Odessa, als einziges Familienmitglied lebte sie schon seit 1916 in Berlin, zunächst bei einer Freundin ihrer Mutter, übernahm dann deren kleinen Hutladen direkt auf der Friedrichstraße mit mehreren Angestellten und Kundinnen aus allen Gesellschaftsschichten.

Diese Informationen konnte man immerhin erhalten, wenn Wilhelmine mal einen Eierlikör oder zwei getrunken hatte, wenn ihre Gelenke nicht schmerzten, wenn sie mit einem dicken Schal umhüllt, die Füße auf einem Schemel bequem aufgestellt in ihrem Lieblingssessel saß. Vielleicht noch Kerzenschein und eine gute Tasse englischen Tee, dazu diese wunderbaren Kekse, die Johanna immer auf Vorrat in einer Blechdose aufbewahrte.

Bertel, Wilhelmines erstes Kind, das größte Wunder, das ihr widerfahren war, genoss ihre uneingeschränkte Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit jederzeit. So sehr, dass er sich davor hüten musste und dass er genau überlegte, wieviel er ihr jeweils erzählte von seinem eigenen Leben.

Erst nach dem Tod der Mutter fühlte er sich freier. Da war er 58 Jahre alt, hatte noch mehr als 30 Lebensjahre vor sich und würde am Ende seines Lebens noch einmal zurückfallen in Geheimnisse, die sich erst nach seinem Tod enthüllten.

Wilhelmine hielt sich, so lange sie lebte, bereit für ihre Kinder. Wenn sie zu ihr kamen, öffnete sie ihre Arme. Sie durften sich bei ihr aussprechen, wenn sie wollten, was allerdings sehr selten vorkam. Meistens wurden die Fakten poliert und verpackt, bevor man sie der Mutter servierte. Man wollte sie schonen, sie sollte doch stolz sein können auf ihre Kinder, man wollte, dass sie ruhig schlafen konnte, dass sie der Zukunft vertraute bis über ihren Tod hinaus. Als ihr Mann noch lebte, hatte sie mit ihm über all ihre Sorgen und Zweifel sprechen können. Als er starb, musste sie versuchen, sich wechselnde Gesprächspartner zu suchen. Eine Zeit lang hatte sie ihre Schwestern Lene und Sofie. Die drei wuchsen im Alter enger zusammen, als sie sich je zuvor gefühlt hatten. Sie hegten und pflegten den Schatz der gemeinsamen Erinnerungen.

Wilhelmine begann das Briefeschreiben. Was sie vom einen erfuhr, gab sie an andere weiter, hoffte, im Gegenzug dafür mit einer Enthüllung belohnt zu werden, einem kleinen Blick hinter die schönen dichten Vorhänge, die ihre Familie ringsum sie her raffte und rüschte wie Theaterkulissen in einer Operette. So war das Leben nicht, es konnte so nicht sein, so harmonisch, voller Erfolge, Glück und Liebe! Aber was will man machen?

Ihre zwei letzten Lebensjahre lebte Wilhelmine bei ihrer ältesten Tochter Johanna und deren Mann. Die beiden ließen es ihr an nichts fehlen. Mine konnte diese Zeit genießen, manchmal jedenfalls. Sie liebte die Besuche ihrer Kinder, Schwiegerkinder, Enkelkinder. Und stolz ließ sie sich ihr erstes Urenkelkind, die kleine Beate, Richards Tochter, auf den Schoß setzen. Sah ihr in die dunklen Augen und meinte, dass es die Augen von ihrem Paul sein könnten, mandelförmig, ein bisschen eng beieinander stehend. Zwei Schlitze, wenn es ihr gelang, die Kleine zu erheitern, nicht durch Kitzeln, das wäre zu plump, sondern durch einen kleinen Vers, ein leise gesummtes Liedchen, einen Aufzählreim, einen unerwarteten Ton, einen Gickser vielleicht und eine lustige Grimasse dazu.

All das hatte sie in sich aufbewahrt für diese Zeit, die Zeit des Zurückblickens, die Zeit der Vorbereitung auf das Nicht-mehr-Sein. Immer leichter wurde ihr beim Blick in die Zukunft. Der Tod würde nicht in ein schwarzes Loch führen, sondern in ein helles Licht, das alles Gewesene ausblendete. Diese Gewissheit nahm allmählich zu.

Die Urenkelin

Irgendwann zwischen dem

3.10.1997 (Richards Todestag)

und 20.1.2020 (heute)

Richard findet schnell und problemlos ins Rauchereck. Man winkt ihm schon von Ferne: „Komm zu uns herüber, hier gehörst du hin.“

Männer und Frauen jeden Alters sitzen und stehen beieinander. Sie halten den Glimmstengel zwischen ihren Zeigefingern und Mittelfingern, manche auch so wie beim Kommiss, die Glut dem Handrücken zugedreht, eingeklemmt zwischen Mittelfinger- und Daumennagel. Die dort mit der Zigarettenspitze, das ist doch ... Marlene? Hinter dem Dunst der Zigarette changiert ihr Gesicht, ist jung, ist alt, ist unschuldig, neugierig, traurig, enttäuscht, lockt lasziv. Direkt neben ihr sitzt auf einem schweren Samtsessel ein dicker Mann mit selbstgefälligem Grinsen, aber aus den Augen blitzt es eher verschmitzt als maliziös und gleich darauf ist das Lächeln verflogen, Zigarrenrauch vernebelt ihn, es scheint, als ob seiner prallen Silhouette Luft entweicht und seine Haare verwandeln sich, werden voller, dunkelblond ...

„Na, was ist, willst du eine rauchen?“

Richard nickt.

„Du bist neu hier?“

Er nickt wieder.

„Bist du überrascht?“

„Ich habe den Eindruck, es ist gar nicht so viel anders als früher ...“

„Früher, später, diese Kategorien gibt es hier nicht. Genauso wenig gibt es Nähe und Ferne. Wir sind immer überall. Wenn wir es wollen. Oder jederzeit an einem beliebigen Ort und zugleich anderswo, jeder von uns. Die Ewigkeit ist nur ein Augenblick.“

„Sind auch die schon hier, die eigentlich noch nicht ...“

Der andere nickt.

„Irgendwo immer.“

„Sind wir auch selber mehrfach hier? Können wir uns selbst begegnen?“

„Du bist neugierig. Hast du dich schon lange auf diesen Augenblick vorbereitet?“

„Immer wieder einmal.“

„Jetzt hast du erst einmal einen Wunsch frei.“

„Hinunterschauen.“

Der andere lacht: „Es ist nicht unten, wir sind nicht oben, wir sind mittendrin.“

Richard dreht sich langsam um, wendet sich ab von den anderen Rauchern, sieht nah oder fern, er wüsste es nicht zu sagen, eine ältere Frau an einem Schreibtisch sitzen. Er deutet mit dem Finger auf sie.

„Du willst wissen, wer das ist und was sie tut? Das ist Beate, deine Tochter. Sie schreibt gerade an ihrem neuen Roman.“

Richard kann über die Schulter der Frau auf den Bildschirm schauen und schnell fast gleichzeitig alles lesen, was sie schreibt.

Er nickt und grinst.

„Sie schreibt von mir.“

„Nicht nur das. Sie schreibt die Geschichten, die du damals aufgeschrieben hast, und da lag eine Zukunft für dich drin ...“

Richard lächelt. Es tut nicht weh und es tut nicht gut. Es ist einfach so, wie es ist.

Nach dem Triumph bei den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin, wo er oben stand mit den anderen Trompetern, er war 13, breitbeinig und siegesgewiss, blieb ihm etwa ein Jahr, um sich endlich angekommen zu fühlen in der Rolle, die seine Mutter für ihn vorgesehen hatte: Er war ein strahlender Held. Einer, dem etwas gelungen war. Ein Jahr später hatte das Schicksal ihm eine andere Rolle zugedacht.

„Er ist ein Krüppel und er wird es bleiben. Ein Hinkebein, ein Verlierer.“

Das hörte er den Vater sagen, als er wenige Tage nach seiner Rückkehr aus dem Krankenhaus am Abend vor der Küchentür stand und durch den schmalen Spalt hineinspickelte. Da der Vater gleich darauf zu seinem Taschentuch griff und sich heftig schnäuzte, glaubte Richard zu wissen, dass er geweint hatte. Der Vater hatte über seinen Sohn, den Krüppel, geweint.

Ein Felgaufschwung! Er selbst hatte auf den 2,60-m-Wettkampfhöhe der Reckstange bestanden, seit Berlin fühlte er sich wie Richard Löwenherz, stark, unbesiegbar. Dann abgerutscht, ungut aufgekommen, das Bein verdreht. Erste Operation, zwei Wochen liegen, zweite Operation, drei Wochen liegen, Mobilisation mit zwei Krücken, dritte Operation, eine „kleine“, wie man ihm versicherte, eine weitere Woche im Krankenhaus, dann Entlassung mit Krücken. Zuerst zog er ein bei der Großmutter, weil sie inzwischen im Erdgeschoss wohnte. Zwei Wochen später durfte er wieder hinauf in sein eigenes Zimmer unterm Dach. Er konnte kaum gehen mit dem steifen Bein, hatte zugenommen, hatte keine Lust mehr auf lateinische Vokabeln und das Nibelungenlied. Im Geschichtsunterricht wurde wieder und wieder die Demütigung des Versailler Vertrages breitgetreten und der Revanchismus beschworen, die Notwendigkeit, sich aus der Knebelung fremdbestimmter Friedensverträge zu befreien. In Erdkunde die „Volk-ohne-Raum“-Ideologie erläutert. Er hasste Cäsar, Erbsen blieben ihm im Hals stecken, wenn er an den Augustiner Abt aus Brünn und seine Samenkreuzungen dachte. Das Mittelalter mit seinem verdammten Minnedienst konnte ihm gestohlen bleiben, einzig Schillers Dramen vermochten es noch, seine Aufmerksamkeit an sich zu ziehen, trotzdem wurden seine Zensuren immer schlechter. An Tagen, an denen er keinen Deutschunterricht hatte, ging er gar nicht erst zur Schule, lag stattdessen im Bett und las. Nur seinem Deutschlehrer hörte er noch zu, ihm gab er keine frechen Antworten. Der hatte den Mut, manchmal vom Lehrplan abzuweichen und wirklich Interessantes aufs Tapet zu bringen. Kerle wie den Karl Mohr, mit dem man sich identifizieren konnte, zum Beispiel. Wenn der Oberstudienrat Körner von Schiller sprach, dann war er nicht der Weimarer Dichterfürst, dann war er ein junger aufsässiger Deserteur, der vor seinem Vater und dem König floh, um seine Seele zu retten. Wie die Auflehnung sich breitmachte in seinem Kopf und seinem Herzen. Wie er darum kämpfte, dass seine „Räuber“ aufgeführt werden konnten, hier in Mannheim. Eines Tages bestellte der Dr. Körner Richard dann zu sich und redete ihm ins Gewissen, ermahnte ihn ernsthaft, dass seine Versetzung gefährdet sei, wenn er so weitermache.

„Deine Noten fordern meine mathematischen Fähigkeiten heraus. Zweimal Mangelhaft im Hauptfach, wie wäre das auszugleichen? Eine Drei in Deutsch reicht nicht und mehr hast du im Augenblick nicht verdient.“

Er unterbreitete Richard ein Angebot. Mit einer zusätzlichen Fleißarbeit könnte er seine Note bei ihm verbessern, könnte ein Gut erreichen, mit dem das zusätzliche Mangelhaft in Latein ausgeglichen werden sollte. In Sport würde seine alte Note übertragen, das Gut im Sport könnte zusammen mit einem

Gut – in Physik vielleicht, da habe er ja wenigstens die beiden Praktika mit gutem Erfolg absolviert – die andere mangelhafte Note abfangen. Richard empfand eine Art Verpflichtung, auf dieses Angebot einzugehen. Dr. Körner schien seine Situation zu verstehen und seine stille Rebellion anzuerkennen. So begann Richard die Geschichte seiner Familie aufzuschreiben. Vom Urgroßvater Walker erzählte er, dem Lotsen, vom Großvater Sömmer, dem Musiker, vom Urgroßvater Klumpp, dem Goldsucher, vom Vater, der Heizer gewesen war an Bord der SMS „Prinz Adalbert“. Doktor Körner behielt das Heft und rettete ihm mit seiner guten Zensur den Arsch. Er versprach Richard darüber hinaus, dass er dafür sorgen wolle, den Text zu veröffentlichen.

„Du hast Talent zu erzählen. Sprache, das ist dein Stoff. Bleib dran. Darin sehe ich deine Zukunft.“

Aber dann, dann war das Heft mit allem, was der Körner in seinem Schreibtisch hatte, konfisziert und vernichtet worden, als man ihn staatsfeindlicher Umtriebe verdächtigte, weil er ein Sozi war, insgeheim. Hätte die Schulbehörde das geahnt, hätte er schon lange vorher seine Stellung eingebüßt. Ein Glück für seine Schüler, ein Glück für Richard, dass das nicht passierte. Der arme Körner landete schließlich bei der Organisation Todt und musste irgendwie überlebt haben, denn Ende der 50er-Jahre kam ein Luftpostbrief aus Amerika. Immerhin Herr Körner hatte dort eine neue Existenz gegründet, verdiente sein Brot als Farmhelfer in Iowa und arbeitete am Abend seine Vergangenheit auf, schrieb Briefe nach Deutschland, um sein Heimweh erträglich zu machen, vielleicht, oder weil er nicht mit offenen Rechnungen im Gepäck sterben wollte. Hatte eine Frau geheiratet und eine Tochter bekommen, die dem Vater versprach, diese Briefe nach seinem Tod abzuschicken und die ihr Versprechen hielt. Das Schreiben irrte eine Weile bei der Mannheimer Post hin und her, bevor es bei Tante Johanna landete und diese gab es ihm bei einem seiner Besuche, das musste schon in den 60er-Jahren gewesen sein. Er war längst in einem anderen Leben gelandet. Es war ein gutes Leben zu dieser Zeit und er hatte keinen Grund, den unerfüllten Möglichkeiten nachzujammern. Oder hatte er es doch einmal getan? Hatte er ihr davon erzählt? Seiner Tochter? Ihr ein Versprechen abgerungen? Er konnte sich nicht erinnern.

„Bist du ein Geschichtenerzähler?“

Richard seufzt. Er würde seufzen, wenn er noch dort wäre. Er nickt. Aber er hat nicht den Eindruck, dass das jemanden interessiert.

Da liest er es auf dem Bildschirm: „Er konnte erzählen, ausführlich und detailversessen bis zur Schmerzgrenze des Zuhörers.“

Es ist vorbei und doch nicht. Wie lange wird sich noch irgendjemand erinnern?

Die „anderen“ Großeltern

Antons Vater Bertold stammte aus dem Murgtal, die Mutter aus Bruchsal, der Stadt mit dem schönen Barockschloss und dem Gefängnis. Sie war die Tochter des örtlichen Henkers, hatte rote Haare und eine flinke Zunge. Aus ihren grünen Augen blitzte es immer, man wurde das Gefühl nie los, auf einem Pulverfass zu sitzen mit ihr, gleich würde sie hochgehen, sich an irgendetwas stoßen, sich aufplustern zu einer wütenden Reaktion. Ob der Beruf ihres Vaters, ihr Aussehen oder ihr Wesen sie an den Rand der Gesellschaft getrieben hatten, ist bis heute schwer zu sagen. Ihre hartnäckigen Versuche, dabei zu sein, wenn sich die jungen Leute aus der Nachbarschaft trafen, um zu tanzen, oder sich gemeinsam aufmachten in die Kraichgauer Weinberge, um in den goldenen Herbstnachmittagen der Septemberwochenenden den ersten neuen, leicht bitzelnden Wein zu kosten, waren der Einsicht geschuldet, dass sie diesen Kontakt brauchte, dass sie eigentlich dazugehören wollte, dass sie wie andere junge Mädchen darauf aus war, einen zu finden, der sie zur Frau nähme. Es schien hoffnungslos, bis einer kam, der auch nicht dazugehörte, ein Fremder, der anders sprach und anders angezogen war. Er sah sie direkt an, nahm keinen Umweg über die blonden anschmiegsamen Kichererbsen oder irgendeine reiche Weinbauerntochter, er holte SIE zum Tanzen auf die Holzplanken, die man auf der Burg Ravensburg unter die alten Kastanienbäume gelegt hatte, damit es schön knallte, wenn man bei der Polka mit den Fersen aufstampfte. Im abnehmenden Licht setzten sie sich in einer Tanzpause auf die Mauer und sahen einander in die Augen, nachdem sie sich vollgetrunken hatten mit der Schönheit der umliegenden Rebenhänge. Wo kommt er denn her, will sie wissen, was macht er, womit verdient er sein Geld?

Er ist nur zu Besuch hier in Bruchsal bei seiner Patentante, kommt eigentlich von weither, von Amerika, da lebt er schon einige Jahre.

Und warum lebt er in Amerika und warum ist er jetzt heute hier?

Ursprünglich stammt er aus dem Murgtal, ist der ledige Sohn einer Bauerstochter, die von ihrem Vater aus dem Haus gejagt worden war, als sie ihn erwartete, die dann unterkam in Gernsbach in einem großen Haus, bei einer feinen Familie, einem Juden, der ein Menschenfreund war und sie sogar in seine Küche ließ, ihr erlaubte, das für sich und ihr Kind mitzunehmen, was nicht aufgegessen wurde. Sie lebten ganz gut, bis seine Mutter starb. Er war gerade 14 geworden und dem zunehmend komplizierten Leben noch kaum gewachsen. Schließlich kam er unter bei den Flößern im Kinzigtal, lernte mit der Axt und dem Löffelbohrer, sämtlichen Flößerhaken und Krempen umzugehen und schlief mal da und dort, wohin einer ihn mitnahm, manchmal einfach nur in einer der kleinen Tiroler Heuhütten. Das Flößen ist eine verflucht gefährliche Sache und er wäre darin stecken geblieben, immer nur die Drecksarbeit zu machen. Die einträglichen Positionen blieben in der Hand weniger Familien, dazu gehörte er nicht. Deshalb ging er mit, als einer seiner Kumpels ihm vom Gold erzählte, das man in Amerika finden konnte und das einen armen Mann dann über Nacht reich macht.

Lina hörte ihm gebannt zu, dem Fremden. Als er die Stadt beschrieb, in der er jetzt wohnte, die Forty Mile hieß und an einem wunderschönen Fluss gelegen war, in der es ein Theater und Restaurants, sogar eine Bücherei gab und vor allem Gesetze, die das Zusammenleben der Menschen dort sicherten, leuchteten ihre Augen. Jetzt war er zurückgekommen, um sich eine Frau zu suchen. Die Patin hatte ihm in all ihren Briefen die Bruchsaler Mädchen angepriesen. Wie tüchtig sie seien und wie schön. Ihm stand nicht der Sinn nach einer Indianerin, er wollte jemanden neben sich haben, mit dem er sich in seiner Muttersprache unterhalten konnte und der wusste, wovon er sprach, wenn er „Weihnachtsbaum“ und „Butterbackes“ sagte.

Sie waren sich schon an diesem Abend einig. Waren verlobt, bevor sie hätten ein Liebespaar werden können.

Lina packte ihre Sachen und stand bereit, als Bertold einige Tage später im Morgengrauen zum Haus kam, das sie ihm beschrieben hatte, um sie abzuholen, da wusste er noch nicht einmal ihren Nachnamen. Die Tochter des Henkers sah hier ihre Chance, alles hinter sich zu lassen, was sie einengte und verbitterte. Den Vater und seinen Ruf, den Blick auf ihre ungute Haarfarbe, das Gezeter über ihren Widerspruchsgeist. Noch leuchteten die Augen des Fremden, wenn er sie ansah, das musste man nutzen.

Drei Tage waren sie unterwegs mit verschiedenen Kutschen, bevor sie in Bremerhaven ankamen. Lina hatte Hunger und Durst, aber sie freute sich darauf, bald eine verheiratete Frau zu sein und weg von allem, was sie zu Hause ihr Leben lang beschämt und enttäuscht hatte. Der Kapitän ihres Schiffes würde sie trauen, das hatte Bertold ihr erklärt, und so fand eine kleine Feier auf dem Schiff statt. Mit salbungsvollen Worten, einem Abschnitt aus der Bibel und einem Glas Schnaps hinterher wurde aus Lina Reinhard Lina Klumpp. Bertold übergab dem Kapitän dafür einen Großteil seiner Ersparnisse, in der Gewissheit, dass er dieses Loch im Beutel drüben überm Teich bald wieder würde füllen können.

Das Schiff lief aus und steuerte auf die englische Südküste zu. Im Kanal allerdings wurde es in einen Sturm hineingetrieben, man sah nur das tobende Wasser ringsum, die schäumenden Riesenwellen schlugen übers Deck, keiner der Passagiere durfte seine Kabine verlassen. In Linas Kabine lagen in mehrstöckigen schmalen Kojen 16 Frauen, wenn sie sich nicht um die Eimer drängelten, in die sie sich erbrachen, die sie einander wegrissen oder auch zuschoben, denn es gab dort die einen und die anderen wie überall auf der Welt und immer im Leben: diejenigen, die neidisch das eigene Wohl in den Vordergrund schieben und die, die sich auch umsehen nach denjenigen, die neben ihnen stehen und deren Bedürfnisse anerkennen. Lina hatte genug von Schiffsreisen.

Als sie mit Verzögerung nach vier Tagen und Nächten, in denen sie sich in der Hölle gewähnt hatte, in Plymouth ankamen, erklärte Lina ihrem neuen Ehemann – das war er vorerst nur auf einem Papier –, sie gehe von Bord und mit dem nächsten Schiff zurück nach Hause.

Vielleicht deshalb, weil er sie ja so sehr hatte haben wollen und noch nicht gehabt hatte, weil er sich mit Leib und Seele nach ihr sehnte und genau wusste, dass sie die Richtige für ihn war, die einzige Richtige, die es jemals für ihn geben würde, und weil er sie eben für immer haben wollte, ging er zurück mit ihr und blieb. Zog ein in eine kleine Stube unterm Dach in das Haus des Henkers, der längst schon ein Taglöhner geworden war, einer, den man jederzeit rufen konnte, wenn etwas repariert werden musste.

Bertolds Schwiegervater war ein anständiger und grundgütiger Zeitgenosse. Er nahm ihn mit auf seine Einsätze und half ihm, eine Reputation als geschickter Mann fürs Grobe und Feine aufzubauen. Lina und Bertold bekamen nacheinander sechs Kinder. Nur zwei davon wurden erwachsen. Die bösen Nachbarn behaupteten, Lina habe sich am Geschrei der Säuglinge so sehr gestört, dass sie versucht habe, sie mit Schnapswickeln ruhigzustellen. Nur Sohn Anton und seine Schwester Karoline hätten diese Rosskur ausgehalten und somit die Feuertaufe fürs Weiterleben bestanden.

Anton war ein braves, aufgewecktes Kerlchen, geschickt mit den Händen, folgsam und bedächtig. Er schlug sowohl dem geduldigen und sanftmütigen Vater als auch dem umgänglichen Großvater nach. Er las gerne und hatte eine schöne Singstimme. Die einzige Lehrstelle, die sich für ihn fand, als er seine Schulzeit beendete, war in der Schreinerei vom Gefängnis. Dort lernte auch er wieder mit Holz und den zu seiner Bearbeitung geeigneten Werkzeugen, der Stich-, Kapp- und Kreissäge, dem Hammer, der Feile und sogar mit dem Hobel umzugehen. Er lernte Tisch- und Stuhlbeine zu drechseln, Leim und Schellack mit einem Pinsel aufzutragen, wo sie gebraucht wurden, gerade so dick und so flächig wie nötig. Er war anstellig, fleißig, zuverlässig. Hatte außerdem eine gut leserliche Handschrift und ein außergewöhnliches Gespür für Orthografie und Grammatik. Das kam vom vielen Lesen. Wann immer er Zeit dafür hatte, hielt er sich ein Buch vor die Nase und verschwand in fernen Welten. Er wusste mehr über die Goldgräberstädte in Amerika und Kanada als sein Vater. Das Abtauchen in erfundene Wirklichkeiten brauchte er, denn es fiel ihm schwer mitanzusehen, wie man zuweilen mit den Gefängnisinsassen umsprang. Wenn einer nicht spurte, dann brachte man ihm die Flötentöne bei, wie es die breitschultrigen Wärter mit den kantigen Kieferknochen nannten. Die Häftlinge wurden gestoßen, getreten, in den Bauch geboxt und alle wandten das Gesicht ab, wollten nichts gesehen haben. Das verletzte Antons Gerechtigkeitsgefühl, es machte ihn krank zu sehen, wie sich jeder Nicht-Gefangene das Recht herausnahm, die Einsitzenden wie ein Stück Dreck zu behandeln. Hätte man nicht erst einmal ihre Geschichte anhören müssen, hätte man sich nicht erst einmal ein Bild machen müssen, wie es dazu gekommen war, dass sie gestohlen oder betrogen hatten? Auch den Mördern war es manchmal möglich, eine plausible Erklärung für ihr Verbrechen zu geben. Hätte man sich nicht erst einmal dafür interessieren müssen, bevor man sich dem Urteilsspruch der Justiz einfach nur anschloss? Schuldig. Verloren. Unmensch. Abschaum.

Anton wollte, er konnte das nicht ein Leben lang weitermachen. Er würde daran zugrunde gehen. So kam ihm zugute, dass er sich frei und ungebunden fühlte, als er erfuhr, dass der deutsche Kaiser zunehmend aufrüstete und sein Lieblingskind, die Kriegsmarine, mit Nachdruck ausbaute. Anton hatte sich zu der Zeit mit einem Häftling angefreundet, der kurz vor der Entlassung stand und ihm zuflüsterte, wohin er vorhabe zu gehen, ans Meer, hinauf in den Norden, wo die großen Werften jeden brauchen konnten, der ein bisschen mit Holz und Werkzeugen umgehen könne, denn alles andere lerne man vor Ort.

Das eine ergab das andere. Nach drei Jahren schwerer Arbeit auf den Werften, wo er wirklich schuften lernte, bis die Haut in Fetzen von seinen Händen riss, wo er außerdem genug Geld verdiente, um sich eine schöne Gitarre und eine echt silberne Mundharmonika zu kaufen, heuerte Anton auf der SMS „Prinz Adalbert“ an, einem großen Kreuzer der Kaiserlichen Marine. Die Baukosten dieses stattlichen Schiffes hatten zehn Jahre zuvor rund 16 Millionen Goldmark betragen. Es war eine Ehre für Anton, nun dem kaiserlichen Heer anzugehören, die Matrosenuniform stand ihm gut, wenn er als Heizer auch nur selten irgendjemanden damit beeindrucken konnte. Trotzdem wuchs seine Beliebtheit in der Mannschaft stetig, sicherlich auch, weil er so schön Gitarre spielen konnte, dazu mit seiner warmen Baritonstimme in jeder Stimmung die richtigen Lieder sang, dazwischen sehnsuchtsvolle Melodien aus der Mundharmonika saugte und ansonsten nur auffiel durch ein hohes Maß an Verlässlichkeit und Pflichtbewusstsein. Anton schaufelte Kohlen im Bauch des Schiffes, als die „Prinz Adalbert“ die Minenkreuzer Nautilus und Albatross beim Legen einer Minensperre unterstützte. Er schwitzte im Bauch des Schiffes, als es nach Kriegsbeginn vor der baltischen Küste operierte, vom britischen U-Boot E9 torpediert und beschädigt wurde, aber wieder freikam und nach Kiel zurückkehren konnte. Nicht durch den Beschuss, sondern durch ein unglückliches Hantieren beim notdürftigen Versorgen der lecken Außenwand, hatte Anton sich eine tiefe Fleischwunde am rechten Oberschenkel zugezogen, so dass er beim erneuten Auslaufen des Schiffes nicht mehr mit an Bord war. Es wurde ihm das Eiserne Kreuz verliehen und dazu wurde eine entsprechende Nachricht in der lokalen Zeitung eingerückt. Sein Vater klebte den Zeitungsausschnitt von hinten auf einen rechteckigen Glasquader, den er von nun an als Briefbeschwerer verwendete, den der Sohn später in seinen eigenen Haushalt übernahm, den Antons Tochter schließlich nach dem Tod des Vaters zu ihren Preziosen in ein hölzernes Kästchen legte.

Anton befand sich also in Bruchsal auf Heimaturlaub, als die „Prinz Adalbert“ am 23. Oktober 1915, wieder im baltischen Teil der Ostsee, erneut von einem britischen U-Boot aus beschossen wurde. Dieses Mal wurde das Munitionsmagazin getroffen. Die Explosion riss das stolze Schiff entzwei, nur drei der 675 Mann Besatzung wurden gerettet. Eigentlich vier, denn Anton hatte sich immer noch zugehörig gefühlt. Er war außer sich, als er vom Schicksal seines Schiffes hörte, er weinte still in sein Kopfkissen, stundenlang verweigerte er die Nahrung, schlug mit beiden Fäusten an die Wand seines Zimmers, bis er den Schmerz der blutenden Risse spürte, bis er sich von seinem Vater einfangen und in sein Bett bringen ließ. Die Mutter kippte ein ganzes Fläschchen Baldrian in einen Schnaps und der Vater wendete nach langer Zeit wieder einmal einen Griff an, den er einstmals gelernt hatte zur Verteidigung im Fall einer Gefängnisrevolte, so zwangen die beiden ihren Sohn, den 192 cm langen und muskulösen Marinematrosen in sein Bett und hielten ihn fest, bis er in einen unruhigen zehnstündigen Schlaf absacken konnte. Als der Krieg zu Ende war, hatte für Anton längst ein neues Leben begonnen. Er landete auf dem Posten eines Grenzaufsehers in der Waldshuter Gegend, begann wieder Gitarre zu spielen, zog am Wochenende die Uniform aus und ging von Dorf zu Dorf, spielte und sang, nahm auch die Mundharmonika aus der Hosentasche und entlockte ihr die klagenden Melodien von einst. Zu allem, was man hörte aus Berlin, aus Hamburg, aus Kiel nickte er nur ein kleines bisschen mit dem Kopf. Er befand sich in einer Art Zwischenreich, war nicht tot, nicht lebendig, inzwischen Mitte 20 und ahnte, dass er etwas ganz Bestimmtes brauchte, um wieder an die Zukunft glauben zu können.

Neujahr

1919

Johanna hat die glitzernden Perlenohrringe eingesteckt. Sie trägt ein wunderschönes von Helene entworfenes wadenlanges Kleid, schwarzer Tüll über einem weißen Crêpe-de-Chine-Unterrock, die blonden Haare mit Eigelb gespült. Sie hat einen Beau-Jour, denkt die Mutter. Auch Helene, Gott sei Dank, lächelt zumindest jetzt für das Foto, obwohl ihre Augen ganz verhangen sind. Diese ungute Sache mit dem jungen Mann, den sie sich so sehr in den Kopf gesetzt hat, schwebt immer noch wie eine dunkle Wolke über ihr.

Die Kleinen sind im Bett oder jedenfalls in ihren Zimmern. Paul kommt erst später nach der Silvestergala, dann soll noch ein Freund von Johanna erscheinen. Willi zappelt herum. Er wirkt immer so, als ob er die anderen beiden suchen müsste. Sie waren halt immer wie zusammengewachsen, der Karl, der Willi und das Richardle. Mit seinen 17 Jahren ist der Willi nun kein Bub mehr und noch kein Mann. Da sitzt er, mittendrin und lacht über die zum Teil doch schon sehr anzüglichen Scherze, man hat einfach zu viel Wein getrunken; kaum zu glauben, wo der herkommt, man war es jetzt so lange nicht mehr gewöhnt. Mein Gott, dass wir wieder aufatmen können, dass auch der Bertel heil aus dem Krieg zurückgekommen ist, wo immer er wohl war, er sagt es ja nicht, er kann es nicht sagen, jedoch es halte jemand eine mächtige Hand über ihn, so drückt er es immer aus, wenn die Mutter ihm weinend die Wange streichelt zum Abschied, nachdem er wieder einmal vorbeigeschaut hat, aber nur kurz und wieder verschwindet nach Berlin in dieses Babylon! Der Kaiser fort, überall Aufruhr, nur nicht hier, hier in meinen vier Wänden. Wilhelmine atmet auf.

Das Vorbeischauen ist das übliche Beziehungsmuster geworden in dieser Familie. Wenn sie nicht die vier Kleinen hätte! Die sind noch ganz bei mir, hier unter meinen Fittichen. Bei Sofies Geburt war Wilhelmine fast schon 40 Jahre alt. Es war trotzdem eine gute, eine leichte Geburt und gleich konnte sie sich über das Kindchen freuen, seine Pflege übernehmen ohne fremde Hilfe, es stillen, baden, wickeln, es auf dem Arm hin- und herschaukeln in den ersten Wochen, bis Sofies schreckliche Bauchkrämpfe vorüber waren und das Kindchen so richtig auf dieser Welt angekommen war. Jetzt ist ihre Jüngste immerhin schon fünf. Eine süße quirlige Prinzessin mit sehr viel Selbstbewusstsein, der Liebling ihres Vaters, er schaut in sie hinein wie in einen Spiegel. Dabei ist sie ganz bestimmt nicht so musikalisch wie die 15-jährige Paula oder gar wie Helene, die sogar in der Schule immer eine Eins gehabt hat in Musik, immer! Walter, der elfjährige Gymnasiast, auf dem besten Weg zum Professor. In Mathematik und Latein eine glatte Eins. Wo haben sie das nur her, meine Kinder? Und Hans, der groß gewachsene siebenjährige Hans, der ein bisschen dem Bertel ähnelt, so ernsthaft ist er, auch charmant mit seinen Grübchen in den Wangen und diesem Blick, den slawischen Schlitzaugen seines Vaters, aber blau sind sie, so grünblau wie meine, Wilhelmine schmunzelt stolz. Überall ist er sofort zu erkennen mit seinen flachsblonden Haaren. Wenn das so bleibt, dann wird er wohl ein Herzensbrecher werden, eines Tages.

Ach ja, es ist leichter geworden, mein Leben, denkt Wilhelmine dankbar. Der Paul hat mit seiner Gesundheit zu tun, längst hat er nicht mehr so viel Energie wie früher. Seine Leidenschaft verwandelt sich allmählich in eine sanfte innige Zärtlichkeit. Bald sind wir 50. Dann sind wir ganz und gar auf der anderen Seite des Flusses angekommen, wie man so schön zu sagen pflegt, weil man diese Dinge ja nicht anspricht. Sie gehören in die Dunkelheit der Nächte.

Bertel also aus dem Haus und der Willi hat gerade seine Lehre angefangen, kommt nur noch zum Schlafen nach Hause und hat ein Angebot für einen Platz im Lehrlingsheim. Lebt dort zusammen mit gleichaltrigen Burschen, da kann er sich messen und orientieren, das braucht er jetzt mehr als den elterlichen Schutz. Auch Johanna und Helene nur noch zum Schlafen hier. Vier verköstigen sich selbst, vier muss ich noch ernähren.

Wilhelmine wird aus ihren Gedanken gerissen durch ein stürmisches Klingeln an der Eingangstür. Kurz darauf erscheint Johanna Hand in Hand mit einem sehr hübschen jungen Kerl, der direkt auf Wilhelmine zugeht:

„Mein Name ist Willi Gilles“, sagt er. „Ist denn auch Ihr Mann da, Frau Sömmer? Ich möchte mit ihm sprechen.“

Da weiß Wilhelmine Bescheid. Sie freut sich, oh, sie freut sich so sehr. Es wird eine Hochzeit geben, bald, das sieht man in seinen Augen. Da ist Ungeduld und noch etwas, was Wilhelmine sehr gut kennt. Ein bestimmter Hunger nach Nähe ist da. Es wird ein Brautpaar geben und bestimmt ganz bald auch ein Enkelkind. Ein kleines Kindchen in ihren Armen. Eins zum Liebhaben, das sie nicht stillen muss, für das sie nachts nicht immer wieder aus dem Bett aufstehen muss, über das sie nicht wachen muss, wenn es fiebert, hustet, sich erbricht. Nur liebhaben darf sie es. Wie ist das Leben gut zu ihr! Was ist das für ein wunderbares neues Jahr, und auch ein neues Jahrzehnt, das hell und froh vor ihr liegt. Sie kann es kaum abwarten, ihr Glück mit Paul zu teilen.

Der Zollinspektor

1920

Die Oper Carmen hatte für Anton ein Leben lang eine besondere Bedeutung. Lioba Winter eine Carmen? Sicher nicht. Sie war ein ganz normales Mädchen, die Tochter eines Bodenseefischers, tätig als Hilfe im Haushalt des Stühlinger Wein- und Spirituosenhändlers Salzmann. Lioba liebte Musik, Antons Baritonstimme hatte es ihr angetan, als sie mit anderen jungen Leuten in Meersburg in den Weinbergen unterwegs waren und einander begegneten. Anton und Lioba waren einander schnell einig zu heiraten, sobald der Krieg zu Ende wäre. Aber erst einmal wurde Lioba schwanger und der kleine Hugo wurde geboren. Anton hätte sie gerne vor der Geburt geheiratet, so dass das Kind schon seinen Namen gehabt hätte. Da druckste sie herum, sie will in ihrer schönen Tracht zum Altar gehen, so wie ihre Mutter und ihre Großmutter und ihre Schwester und da passt sie jetzt doch nicht hinein ... Ja, ja, das sah Anton ein, es wäre sicherlich schnell zu regeln, der Hugo Winter würde am Tag ihrer Hochzeit ein Hugo Klumpp werden und dann könnte alles seinen Gang nehmen. Der Mensch denkt, Gott lenkt, das blieb Antons Spruch, immer wenn er Hugos Geschichte erzählte. Warum hatte ausgerechnet er, der fadengerade, fast treudoofe Grenzer Klumpp Dienst in jener unglückseligen Sturmnacht, als man das Schiff seines zukünftigen Schwiegervaters bergen musste und ihn dazu rief, weil es voll war mit Schweizer Uhren, kleinen, großen, aus Holz, aus Metall, kaum verpackt, sie quollen den Zöllnern entgegen und Antons Kollegen starrten stumm auf die Bescherung, ihr Blick wanderte zum alten Winter und seinen Söhnen, dann zu Anton. Es wurde nichts geredet.

Schließlich fand Anton seine Sprache, seine Haltung, sein Pflichtgefühl wieder. „Ich muss das melden.“

Das war’s. Lioba verzieh ihm nicht. Eine Heirat kam nicht mehr in Frage. Obwohl er sich korrekt verhalten hatte, empfahl man ihm eine Versetzung, so landete er in Mannheim beim Warenzoll. Das Heimweh nach dem Kleinen zermürbte sein Herz. Viele Male hatte er das Gefühl, er müsste wie der Sergeant Don José Zoll Zoll sein lassen und zurückgehen an den See, es drauf ankommen lassen, ob man ihn dort aufnehmen würde, sich Arbeit suchen und Lioba wieder zurückzugewinnen, so hätte er dabei sein können, wenn sein Sohn lachen, laufen und sprechen lernte. Aber das war Oper, nicht Wirklichkeit.

Dann traf er an einem Wochenende auf eine fröhliche Gruppe junger Leute, die sich am Bahnhof zusammenfanden, um in den Odenwald zu fahren, wo sie wandern wollten. Statt in Heidelberg den Zug zu verlassen, was er vorgehabt hatte, blieb er bei ihnen sitzen, stieg erst mit ihnen aus und wanderte mit ihnen durch den Wald, die Bänder flatterten von seiner Klampfe, seinen Hut hatte er in den Nacken geschoben, seine dunklen Haare quollen darunter hervor, eine Locke fiel ihm ins Gesicht, er sah verwegen aus. Mitten im Odenwald sang er von St. Pauli und der Reeperbahn, vom Los des Matrosen, immer wieder Abschied nehmen und diejenigen, die er liebte, zurücklassen zu müssen. Dabei ging es ihm vor allem darum, die Aufmerksamkeit einer jungen Frau mit einem traurigen Gesicht, trotzig geschürzten Lippen, dicken kastanienbrauen Haaren und langen gelenkigen Fingern auf sich zu ziehen, deren Blick, das bemerkte er wohl, immer wieder auf ihn fiel und länger und länger auf ihm verweilte und die ihn am Abend, als sie sich in Mannheim voneinander verabschiedeten, zögerlich anlächelte, zuerst mit geschlossenen Lippen, dann blitzten sogar ihre schönen weißen Zähne hervor. Sie verschwand, bevor er sie hätte fragen können, wo sie wohnte. Er wusste nur, dass sie Helene hieß, dass sie gerade die Meisterprüfung als Schneiderin bestanden hatte, aber erst mit 24 würde sie auch die Anerkennung der Kammer erhalten, so lange müsste sie warten und als Verkäuferin arbeiten. Sie hatte eine Stimme wie Samt und Seide, sang jedes seiner Lieder mit, mühelos fand sie eine zweite Stimme, über der Melodie, unter der Melodie, so etwas hatte er noch nie erlebt. Solch ein Zusammenklang! Einer im anderen geborgen, einer um den anderen herumverschlungen, verbunden, dann sich schwebend wieder entfernend, aber doch immer einer nicht ohne den anderen komplett. Er wusste, er musste sie wiedersehen und er würde sie finden, auch wenn er alle Läden Mannheims nach ihr absuchen müsste.

Aus Kindern werden Leute

1929

Paula und Walter waren auf dem Sprung in eine eigene Zukunft, die mehr bedeutete als nur ein Entwurf, als der Vater starb. Sofie 17 und auf der Handelsschule.

Johanna immer noch bei der Sofietante im Atelier Wawrina beschäftigt, in dem es inzwischen weniger und weniger zu tun gab, leider. Zunächst hatte der Krieg den Menschen Zurückhaltung auferlegt, welche Frau brauchte denn dringend ein neues schickes Kleid, wenn in den Schützengräben die Männer starben? Dann wurde bei Schmoller oder Wronker Damenkonfektion angeboten, in mehreren Größen der gleiche Schnitt, das gefiel den Damen, da konnten sie sich die passende Größe aussuchen, anprobieren ohne Kaufverpflichtung und sich fühlen wie in Amerika, wo man als normal gewachsene Frau schon lange nicht mehr zu einer Schneiderin ging, bei der man ewig auf die Fertigstellung seiner Kleider hätte warten müssen, die man dann vielleicht doch nicht mochte, weil sie mit der Vorstellung, die man gehabt hatte, so gar nicht übereinstimmten. Die Sofietante und Johanna zusammen mit einem Lehrling im ersten und einem weiteren Lehrling im zweiten Jahr also hielten im Atelier „Wawrina Nachfolger“ die Fahne hoch, wer wusste wie lange noch. Helene, inzwischen Mutter von zwei Kindern, hatte sich in ihrer Wohnung im zweiten Stock in der Böckstraße sieben ein Schneideratelier eingerichtet und beschäftigte ebenfalls ein Lehrmädchen. Sie hatte sich auf Brautkleider und Abendroben spezialisiert, ihre Modelle, Modifikationen gekaufter Schnitte, stattete sie mit raffinierten Details aus und verwandelte sie in traumhafte Einzelstücke. Einmal hatte sie sich sogar mit Kolleginnen zusammengetan, einen Saal im Bürgerkeller gemietet und Paula und ihre Freundinnen führten die schönsten Modelle der letzten Saison vor, gerade so wie es einstmals Helene, Johanna und einige der gut gebauten jungen Schneiderinnen bei Wawrina gemacht hatten. Stubs stand damals am Eingang, begrüßte die Gäste und seine Mutter fiel fast in Ohnmacht, als sie auf ihn traf. Er lachte über ihre Entrüstung und schwor Helene tausend Eide, wie sehr er sie liebe bis in alle Ewigkeit hinein, die Mutter könne nie und nimmer etwas dagegen unternehmen, das sei ja lachhaft, einfach nur kalte Luft.

Ja, alles längst vorbei! Nun musste Johanna ihrer Schwester Helene manchmal nächtelang bei der termingerechten Fertigstellung ihrer Aufträge helfen, weil Helene immer wieder von Migräne und Gelenkschmerzen geplagt wurde. Dann half ihr nur eines, sie verzog sich ins dunkle Schlafzimmer und schlief den ganzen Tag und die Nacht. Ihre Mutter holte die Kinder zu sich, ließ sie im Hof unter ihren Augen spielen und kochte ihnen ihre Lieblingsgerichte. Richard war ein lieber, ruhiger Bub, der sich stundenlang mit den Katzen beschäftigte, kleine Rinnen, Hügel und Brücken baute für seine Murmeln, in einer schönen Zigarrenkiste, die die Lenetante ihm geschenkt hatte, Insekten sammelte und beobachtete, wer es mit wem aushielt, wer wen bedrohte, fraß, erwürgte und wie lange diese Duelle dauerten. Abends ging er von Wohnung zu Wohnung, von der Großmutter hinüber zu Tante Johanna, dann zurück zur Mutter und wenn Tante Paula da war, um nach der Familie zu schauen, bettelte er sie an, ob sie ihn mitnähme in ihren „Hühnerstall“, wie Walter die Wohnung von Paula und ihren Freundinnen bezeichnete. Aber Richard blieb auf jeden Fall da, wenn Walter auf der Bildfläche erschien, wenn Hans dazu stieß und wenn die beiden im Hof mit ihm Ball spielten. Manchmal auch hießen sie ihn, sich zur Kugel rund zu machen, und dann war er der Ball, den sie einander zuwarfen. Dabei quietschte er so laut, dass sich alle Hoffenster nacheinander öffneten, schließlich auch das Omale rausschaute und einen schrillen Schrei ausstieß: Nein! Nur das nicht! Nur den Richard nicht in Gefahr bringen! Das darf nicht sein, das ist ein besonders schweres Tabu! Es wäre schlimmer als das Schlimmste, was uns allen passieren könnte! Helene würde uns umbringen, wenn ihrem Richard etwas zustöße!

Nach dem Tod des Vaters begann wahrscheinlich bei Walter das Über-die-Stränge-Schlagen. Trinken, Rauchen, Wetten, Pokern. Ein Vater, auch wenn er nie alles von seinen Kindern weiß, ist eine Art Gewissen, eine moralische Instanz. Allein durch seine Existenz oder durch die Erinnerung an all die innigen Momente der Verbundenheit mit ihm, das Leuchten in seinen Augen, wenn man etwas gut gemacht hat, die Traurigkeit, wenn man etwas richtig versiebt hat, durch Mangel an Rückgrat und Charakter, durch Leichtsinn oder durch dieses teuflische Begehren in einer jungen Seele, wenn man einfach nur ausprobieren will, wie weit man gehen kann.

Drei Tage nach Walters 21. Geburtstag war Paul Sömmer, der Musiker, gestorben. War längere Zeit davor schon hinfällig gewesen, von mehreren Schlaganfällen gezeichnet. Walters Lehre beim Anwaltsbüro Lanzmann Kreisler und Söhne – Fachleute für Steuerfragen – hatte er da schon abgeschlossen. Mit einem hervorragenden Zeugnis erhielt er das Angebot einer finanziellen Unterstützung für weitere zwölf Monate, um sich auf einer privaten Fachschule fortbilden zu lassen. Wohnen oder schlafen und essen sollte er nach wie vor bei der Mutter und den jüngeren Geschwistern, zumal Paula gerade mit drei Freundinnen zusammen eine Wohnung in der Lenaustraße in Mannheim-Neckarstadt gemietet hatte, oben unterm Dach, um die Selbständigkeit auszuprobieren. Das sind halt die 20er-Jahre, die jungen Frauen sind heute anders als früher, dachte Wilhelmine, weil sie eben immer alles verstehen wollte, was ihre Kinder taten.

Walter war befreundet mit dem jungen Lanzmann, er poussierte ein bisschen mit seiner Schwester, jedenfalls gingen sie zusammen ins Kino, zum Tanzen, ganz manierlich.

„Mutter, da ist nichts dabei!“

Sicher war nichts dabei. Walter beherrschte die Kunst des Flirtens mit 21 so gut wie der jeweilig begehrteste jugendliche Liebhaber am Theater. Er hatte diese besondere Zurückhaltung im Umgang mit Mädchen. Verstohlene Blicke, ein Aufspannen der Augenbrauen, ein winziges Zucken in den Mundwinkeln, dann ein schneller Griff, um aus dem Mantel zu helfen, die Tür aufzureißen, gerade rechtzeitig, zurückzutreten, sich hinter das Mädchen zu stellen, so dass sie sein Rasierwasser riechen konnte und vielleicht sogar die Wärme seines Atems an ihrem Ohr spürte, weil die Bewegungen einander entgegengekommen waren, ihre und seine, ganz unvorhergesehen, man musste „Oh, Pardon“ sagen und beschämt schauen, dass man so nah an die Verehrte, Bewunderte herangetreten war, denn man wollte ihr doch nicht zu nahe treten, allenfalls ein bisschen näher kommen, wenn’s denn auch willkommen wäre, dessen versicherte er sich mit einem Fragen in den Augen und schließlich einem kessen Zwinkern, einer klitzekleinen Drehung des Kopfes. Walter hatte eine leise Stimme, ein bisschen rauchig, mit Timbre. Der Klang seiner Sätze war immer melodiös, immer freundlich. Er fand Formulierungen, die ein Nein oder gar ein Niemals klingen ließen wie ein Ja auf immer und ewig und überall. Man konnte keinen Streit mit ihm kriegen. Man konnte ihn nicht brüskieren, beleidigen, zurückweisen. Sein Lächeln, sein Zwinkern, der kleine Dreh seines Kopfes verwandelten alles ins Spielerische, nahmen dem Ernsten das Endgültige und ließen es verfließen ins Vage, Nebelhafte, Flüchtige.

Für Walter hatte der Vater ursprünglich eine Karriere als Musiker vorgesehen gehabt. Vor langer Zeit. Weil keiner so gut Klavier spielte wie er. Alles konnte er spielen, Weihnachtslieder, Kirchenlieder, Arien aus den bekannten Opernaufführungen der Saison, Melodien aus den Lieblingsrevuen seiner Schwestern, die frechen Schlager der neuen Stars am Berliner Musikhimmel, „Veronika, der Lenz ist da“ oder „Mein kleiner grüner Kaktus“.

„Walter, spiel doch mal“, bettelten seine Schwestern.

„Was soll ich spielen?“, erwiderte er grinsend.

Da begannen sie etwas zu summen, wippten mit den Fußspitzen dazu oder wiegten sich in den Hüften. Manchmal pfiffen sie auch und klatschten, aber nie lange, denn er wusste im Handumdrehen, was sie meinten und nahm die Melodienfetzen auf, verlegte sie in die Mitte des Klaviers, so dass jeder mühelos einstimmte. Aber Noten lesen konnte er nicht. Brauchte er doch nicht, wozu auch? Und das hatte den Vater sehr geschmerzt. Dass die vielleicht stärkste musikalische Begabung unter seinen Kindern mit so viel Leichtsinn und einem solchen Mangel an Fleiß und Ehrgeiz verbunden war. Und Sturheit. Es war Walters Art, sich jedem Einwand zu entziehen, indem er sein charmantes Lächeln aufsetzte, mit dem Kopf nickte und sich dann einfach verzog, einfach verschwand, dem Zugriff entwand wie ein glitschiger Fisch, ein weicher Körper ohne Anhalt und Profil, was Paul zum Kochen gebracht hatte.

Wenn Hans nicht gewesen wäre, der helle heitere Bub, der jüngste von Pauls Söhnen! Auch er war durchaus musikalisch, konnte schön und richtig singen, schon als Fünfjähriger spielte er Schumanns wilden Reiter flinkfingrig vom Blatt, ohne auch nur einmal mit den Augen nach unten zu spickeln.

Eines Tages erschien er beim Vater und sagte, er wolle eine eigene Geige haben, eine, die ihm gehöre, nur ihm. Paul ging auf diese Bitte ein, im Hinterkopf dachte er, Kinderwünsche sind ja doch so flüchtig wie ein lauer Sommerwind. Spätestens in vier Wochen hängt er das Instrument wieder zurück an meine Wand. Es dauerte dann doch länger, bis sein jüngster Sohn ihm die Geige wieder zurückbrachte. Als Paul sie genau ansah, bemerkte er kleine Ritzen im Holz. Hans hatte sich Markierungen für seine Finger gemacht, damit er die Töne schneller greifen konnte. Aber selbst das hatte ihn nicht mit der Geige auf immer und ewig verbinden können, wie er es sich wohl gewünscht hätte.

„Ich gebe sie dir zurück und möchte jetzt eine Trompete ausprobieren“, sagte Hans. Da war er acht. Der Vater empfahl ihm, zunächst ein Kornett zu versuchen, da es sich besser greifen lasse. Kurz darauf erschien sein Sohn wieder mit ernster Miene in seinem Studierzimmer.

„Es hat sich gezeigt, dass die Trompete das richtige Instrument für mich ist. Ich brauche jetzt einen guten Lehrer.“

„Den kriegst du, Bub, den werde ich dir suchen, das ist leicht, das verspreche ich dir, das machen wir.“

Für Paul war das eine Offenbarung, die allen Ärger, den er mit Walter je hatte aushalten müssen, wegwischte wie nie geschehen. Und wenigstens die letzten Jahre seines Lebens hatte er sich an den Fortschritten von Hans erfreuen können.

Mit 15 wurde Hans bereits zum Theaterorchester hinzugenommen, wenn man die Kapazität erweitern musste, zur Matthäuspassion, zur Neunten von Beethoven, zur 1812-Ouvertüre wieder mit dem Kornett oder auch, wenn im Winter Krankheitsausfall bestand, aber auch zum Beispiel, wenn einer der Herren Opernregisseure die verrückte Idee hatte, eine Trompete auf einem hohen wackeligen Gerüst zu platzieren, um sich einen Namen zu machen im Feuilleton und in den Zirkeln der musikverrückten Mannheimer Gesellschaft.

„Ja, das ist mein Neffe“, konnte die Lenetante dann sagen, wenn sie die Theaterkritik aufgeschlagen auf die Theke legte: „Akrobatisches Talent aus dem Mannheimer Orchestergraben begeistert das Opernpublikum“ stand da in fetten Lettern.

Wie nebenher nahm Lene Walker die Huldigungen ihrer Kunden entgegen beim Verkauf von Zigarren, Zigaretten, Zigarillos und Pfeifentabak, Schnapsfläschchen und Abziehbildern, Magazinen und Zeitungen aller Couleurs; sie führte inzwischen auch durchaus solche, die man nur mit einem Zwinkern der Lider erhielt, erst, wenn alle anderen Kunden den Laden verlassen hatten und sie sie verstohlen aus der untersten Schublade, die sie danach wieder mit einem Schlüssel sicherte, den sie immer an einer langen Kette um den Hals trug, hervorgeholt hatte. Sie war ja nicht prüde, sie war vor allem Geschäftsfrau und im Gegensatz zu ihrer Schwester Sofie wirtschaftete sie immer noch oder vielmehr wieder so erfolgreich, dass sie auch weiterhin ihre Schwester Wilhelmine bei der Aufzucht ihrer vielen Kinder unterstützen konnte, besonders nachdem diese Witwe geworden war.

Als der Vater starb, hatte Paula gerade die Hauswirtschaftsschule abgeschlossen und außerdem einen Kurs für Stenografie und Schreibmaschine erfolgreich absolviert gehabt, denn die Lenetante unterstützte nur ausschließlich dieses Projekt, weil sie in anderen keine Zukunft sah für ein Mädchen. Danach hatte sie im Kaufhaus Schmoller auf dem Büro ihre erste Anstellung bekommen, die es ihr ermöglichte, die anteilige Miete in der Lenaustraße zu bezahlen, denn für ihre Kleidung sorgte die Sofietante. Die Lenetante wollte sich daraufhin nicht lumpen lassen, sie ließ ihre Verbindungen zum Theater spielen und vermittelte Paula als Aufsichtsperson für den Kinderchor, der bei der derzeitigen Carmen-Inszenierung eingesetzt wurde und die Nerven des Chorleiters so sehr strapazierte, dass er sich bei der Lenetante ausheulen musste. Ein Zubrot für Paula, eine Unterhaltung, eine Erfahrung. Lene Walker stellte sich vor, dass ihre Nichte, so intelligent und charmant wie sie war, sich ausgezeichnet ausnehmen würde an der Seite eines Chefs, dem sie eine unentbehrliche Assistentin werden könnte. Die Stelle als Stenotypistin bei Schmoller war als Sprungbrett gedacht, denn vor Paula lag eine glänzendere Zukunft, daran glaubten alle. Sie war nicht nur hübsch, sie hatte diese unnachahmliche Anmut, diese Herzlichkeit, das Strahlen von innen raus, dem keiner widerstehen könnte.

Wilhelmine Sömmer freute sich natürlich sehr, dass ihre Tochter Paula so gelobt wurde von allen, noch mehr allerdings beruhigte sie die Tatsache, dass Paula sich im Glanz dieses Lobs nicht zu ihrem Nachteil zu verändern schien, wie man hätte befürchten können. Sie ging hindurch und blieb, wer sie immer gewesen war. Der angeheiratete Onkel Willi Gilles, Johannas Ehemann, beschäftigt im Finanzamt und dort bereits schon einige Stufen aufgestiegen, nahm nicht geringen Anteil an der Entwicklung der jungen Schwägerin. Er wollte sich umhören nach einem Posten mit Aussichten und hatte zur Bekräftigung seiner Bereitschaft in letzter Zeit öfter mal ein Gespräch mit Paula vereinbart, das partout weder in der Böckstraße sieben noch in seiner und Johannas Wohnung in der Böckstraße zehn hätte stattfinden können, zu dem man sich vielmehr in einer jener Kneipen hatte treffen müssen, von denen aus Paula nicht allein hätte nach Hause gehen können, sondern eines männlichen Schutzes bedurfte. Der Schwager musste tatsächlich zur Bekräftigung dieses Schutzes auch ab und zu den Arm um sie legen. Um die Schultern, manchmal auch um die Taille. Paula wurde das immer unheimlicher, aber sie wusste nicht recht, mit wem sie darüber hätte sprechen sollen. Deshalb behielt sie ihr Unbehagen vorerst für sich.

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