Kitabı oku: «Altes Wissen - Neuer Tod»
Nachdruck oder Vervielfältigung nur mit Genehmigung des Verlages gestattet. Verwendung oder Verbreitung durch unautorisierte Dritte in allen gedruckten, audiovisuellen und akustischen Medien ist untersagt. Die Textrechte verbleiben beim Autor, dessen Einverständnis zur Veröffentlichung hier vorliegt. Für Satz- und Druckfehler keine Haftung.
Impressum
Petra Mehnert, »Altes Wissen – Neuer Tod«
www.edition-winterwork.de
© 2020 edition winterwork
Alle Rechte vorbehalten.
Satz: edition winterwork
Umschlag: Robin Mehnert
Druck und E-Book: winterwork Borsdorf
ISBN Print 978-3-96014-734-3
ISBN E-BOOK 978-3-96014-755-8
Altes Wissen - Neuer Tod
von Petra Mehnert
Fünfter Regionalkrimi aus dem „Tal der Liebe“
edition winterwork
Als die vierzigjährige Linda Bockmeyer ein altes Büchlein aus dem Mittelalter findet, glaubt sie, anhand des darin stehenden Heilerwissens des berühmten und gelehrten Mönches Albertus Magnus, ihre Probleme endlich lösen zu können. Doch damit setzt sie Ereignisse in Gang, die sie nicht hatte voraussehen können und die dramatische Folgen nach sich ziehen. Dies alles geschieht im Frühjahr 2020 während der Corona-Krise, welche die Ermittlungen der Göppinger Kripo zusätzlich erschweren. Die junge Ottenbacher Messermacherin Nora wird durch ihren Hund Hasso in den Fall verwickelt und so kann es ihr Freund und Kommissar Joska Kiss auch diesmal nicht verhindern, dass Nora sich einmischt.
Prolog
„Bewährte und approbierte sympathetische und natürliche ägyptische Geheimnisse für Menschen und Vieh, Städter und Landleute - von Albertus Magnus“, murmelte eine Frau in den Vierzigern und versuchte dabei, die dicke Staubschicht, die sich unterhalb des Buchtitels noch hartnäckig hielt, von dem kleinen schwarzen Büchlein zu pusten. Es gelang ihr allerdings nicht, denn der Staub haftete beinahe wie ein flauschiger Einband darauf. Angewidert streifte sie die graue Schicht mit den Händen ab. „Was für ein langer und komischer Buchtitel!“, sagte sie und wollte das Buch schon zu den anderen uralten Büchern werfen, als sie doch die Neugierde packte. Konnte ja nicht schaden, mal einen kurzen Blick hineinzuwerfen ...
Dieser Albertus Magnus lebte wohl zwischen elfhundertdreiundneunzig und zwölfhundertachtzig. Geboren wurde er in Lauingen und gestorben war er in Köln. Zu seiner Zeit nannte man ihn wegen seines unglaublichen Wissens „Doctor universalis“.
„Das kann ich mir gut vorstellen“, flüsterte Linda Bockmeyer, die sich mit der alten Schrift recht schwertat. Die eigentümlichen Worte und Sätze verstand sie auch nicht alle. Doch sie konnte erkennen, dass dieser Doktor Magnus wirklich zu allem etwas beizusteuern gehabt hatte. Egal, ob Mensch oder Tier, Geister, Hexen oder Dämonen - er hatte für alle Eventualitäten ein Rezept, einen Schwur oder eine Zauberformel parat und diese waren zum Teil so hanebüchen, dass die Frau mehrmals den Kopf schüttelte und sich fragte, ob es tatsächlich damals Leute gegeben hatte, die diesen Unsinn wirklich glaubten? Manches jedoch hörte sich recht spannend an und es wäre schon interessant, herauszufinden, ob da was dran war.
Stunden später saß die nachlässig gekleidete Vierzigjährige immer noch in das alte Büchlein vertieft da, während die Sonne hinter dem Hohenstaufen blutrot unterging. Völlig fasziniert hob sie schließlich den Kopf und schaute direkt in den wunderschönen, rötlich-violetten Himmel. Obwohl sie nicht in diesem schönen „Tal der Liebe“ geboren war, hier war ihre Heimat und die würde sie niemals verlassen. Plötzlich wusste sie, was sie tun konnte und vor allem, wie sie es tun musste. Niemand hatte das Recht, sie von hier fortzujagen!
1
„Ist deine blöde Katze immer noch nicht aufgetaucht?“, fragte Bettina Bockmeyer ihren Mann, der gedankenverloren über den Lieblingsplatz seiner Karthäuserkatze strich und dabei traurig aus dem Fenster sah. Langsam drehte er sich zu seiner Frau um, die mit ihren fünfzig Jahren noch strahlend schön war (was man von ihrem Charakter nicht mehr behaupten konnte). Seit sie den Posten als Chefärztin in der Notfallambulanz der Alb Fils Kliniken in Göppingen angetreten hatte, war sie nur noch gereizt und nervlich am Ende. Nun spitzte sich auch noch die Corona-Krise seit Anfang Februar zweitausendzwanzig immer mehr zu. Was in China in der Stadt Wuhan begonnen hatte, breitete sich durch die globale Vernetzung rasend schnell über die ganze Welt aus. Jetzt Mitte März hatte es das Nachbarland Italien von den europäischen Staaten am schlimmsten erwischt. Zwar hatte Deutschland fast die dreifache Menge an Intensivbetten als zum Beispiel Italien, aber dennoch graute Bettina Bockmeyer davor, in kürzester Zeit viele Kranke auf einmal intensivmedizinisch versorgen zu müssen. Darauf waren die meisten Kliniken, zumindest noch nicht, eingerichtet und die Personaldecke zu dünn für solche Ausnahmesituationen. Nun hatte sie heute auch noch erfahren müssen, dass Toilettenpapier und Desinfektionsmittel aus der Klinik gestohlen worden waren! Auch Mundschutzmasken und Schutzanzüge wurden knapp - das durfte echt nicht wahr sein - wie egoistisch waren die Menschen denn? Insgeheim wünschte sie sich, einen von diesen Typen mal auf dem Operationstisch liegen zu haben und ihn ohne sich die Hände zu desinfizieren und ohne Schutzmaske zu operieren! Das machte sie alles so wütend und sie schaffte es nicht mehr, Arbeit und Privates zu trennen. Sie ließ ihren ganzen Frust an ihrem Mann und ihrem Sohn Luca aus. Ihr Mann Harald - im gleichen Alter wie sie, aber mit seinen kurzen grauen Haaren und dem kleinen Bauchansatz deutlich unattraktiver als seine Frau, flüchtete sich deshalb immer mehr zu seinen Tieren. Als ausgebildeter Jäger konnte er sich zu den unmöglichsten Zeiten in den Wald verkrümeln und sich der Ruhe dort hingeben. Daneben kümmerte er sich noch um das Rehgehege des Landratsamtes und hatte zuhause auf ihrem kleinen Hof am Ortsrand von Ottenbach noch Hühner, Hasen, Meerschweinchen und einen Jagdhund, sowie seine schöne graue Katze, die nun schon seit zwei Wochen verschwunden war. Das Hobby Jagen und die vielen Tiere hatte er sich erst angeschafft, als er seine Videothek hatte schließen müssen. Heutzutage lieh kaum mehr jemand Filme aus – es wurde meist nur noch „gestreamt“ - und das hatte ihn seine Existenz als Firmeninhaber gekostet. Seine Frau hatte daraufhin einen neuen, besser bezahlten Vollzeitjob bei der Klinik angenommen, damit sie ihren gewohnten Lebensstandard halten konnten. Obwohl er nichts für die Entwicklung auf dem Videomarkt konnte, nahm es ihm seine Frau übel, dass sie jetzt ganz alleine für den Unterhalt der Familie sorgen musste. Ihren gemeinsamen dreißigjährigen Sohn Luca musste sie auch weiterhin mit durchfüttern - er lebte immer noch bei seinen Eltern, war introvertiert und eigenbrötlerisch und hatte inzwischen bereits sein drittes Studium angefangen, ohne die vorhergehenden abgeschlossen zu haben.
„Nein, meine Mathilda ist noch nicht zurückgekommen, wie du siehst“, konnte sich Harald nicht verkneifen. „Und meinen Meerschweinchen geht es auch nicht gut. Sie haben Durchfall und fressen kaum noch was“, fügte er hinzu, obwohl er wusste, dass Bettina es nicht sonderlich interessieren würde. Sie sagte dann immer:
„Was interessiert mich das, ich bin doch kein Tierarzt!“
So also auch heute – hätte er sich ja denken können. Wortlos drehte er sich um und rief nach seinem kleinen Jagdhund Benno, während er im Flur nach der Leine griff.
„Kochst du heute nichts?“, rief seine Frau ihm hinterher, doch er antwortete nicht und hastete regelrecht mit offenem Mantel und ungeschnürten Stiefeln nach draußen in die kalte Frühlingsluft. An diesem Sonntagnachmittag war es jetzt schon so düster, dass man denken konnte, es wäre bereits Abend.
„Was machst du da, Luca?“, rief Harald schon von Weitem, als er seinen Sohn im Verschlag seiner Meerschweinchen und Hasen sah. Der kümmerte sich doch sonst auch nie um die Tiere! Außer vielleicht um seine Katze Mathilda, die sich auf jeden verfügbaren Schoß setzte, wenn sie gestreichelt werden wollte. Da konnte dann selbst sein eigenwilliger Sohn nicht widerstehen.
„Nichts!“, rief der junge Mann leicht panisch. In den Ohren seines Vaters musste es geklungen haben, als hätte der ihn bei etwas Verbotenem erwischt. Hastig fügte er hinzu: „Deine Tierchen benehmen sich irgendwie anders als sonst und da wollte ich bloß mal nachsehen.“
„Seit wann interessierst du dich für meine Tiere?“, fragte sein Vater übellaunig und bedeutete seinem Sohn, aus dem Gehege rauszukommen. Dieser ließ sich jedoch Zeit damit und schloss nur langsam das Gatter hinter sich. Er brauchte Zeit zum Überlegen, was er antworten sollte, denn es stimmte ja - bis vor ein paar Wochen waren ihm die Tiere seines Vaters wirklich vollkommen egal gewesen. Doch dann hatten seine Tante Linda und ihr behinderter Bruder Hugo ihn in eine verrückte Sache mit hineingezogen, die ihn zunächst sehr fasziniert hatte. Doch inzwischen war er sich nicht mehr so sicher, was er davon halten sollte ...
„Jetzt reg dich net so auf Alter!“, schnappte Luca und freute sich über das zornige Gesicht seines Vaters. Natürlich hasste der es, wenn man ihn „Alter“ nannte, aber Luca war gerade auch auf Krawall gebürstet. Dabei war er eigentlich auf seine Tante wütend, die ihm diese blöde Sache hier überhaupt erst eingebrockt hatte. Beim Hinausgehen rempelte er seinen Vater dann auch heftig an, was ihm eine gewisse Genugtuung verschaffte. Sollte sich sein Alter doch in Zukunft wieder alleine um seine Viecher kümmern, ihm war die Lust daran sowieso vergangen. Oder Linda und Hugo sollten zusehen, wie sie die Tiere wieder hinbekamen. Er war sich wirklich nicht mehr sicher, ob das, was Linda als Medizin für die Tiere gedacht hatte, denen auch tatsächlich gut getan hatte. Sein Gefühl sagte ihm ehrlicherweise genau das Gegenteil, aber warum sollte sie das tun? Sie war doch, soweit er wusste, sehr tierlieb und er konnte sich nicht vorstellen, dass Linda den Tieren absichtlich hatte schaden wollen. Vielleicht hatte sie nur das falsche Rezept ausgewählt? Egal, er war mit dieser Sache durch und würde sich heute nur noch seiner einzigen Aufgabe widmen, die ihm seine Familie aufgebrummt hatte. Danach konnte er endlich wieder in seinem Zimmer seiner Lieblingsbeschäftigung nachgehen - Online-Computer-Spiele und Serien gucken!
Nach all den Jahren war ich wieder zurück auf dem alten Bockmeyer-Hof - ich, der „Ostfriese“, wie sie mich damals immer genannt hatten. Schön war es hier, so hatte ich das Ottenbacher Tal gar nicht mehr in Erinnerung. Eingebettet in bewaldete Hügel, auf der einen Seite mit dem Hohenstaufen und seiner kleinen Ortschaft, die sich wie ein Gürtel um den wie ein Vulkan aussehenden Berg wand. Auf der anderen Seite der Hohenrechberg mit der imposanten Burgruine und mittendrin das kleine Örtchen mit der schönen weißen Kirche im Mittelpunkt. Es hatte sich einiges verändert, seit ich vor über dreißig Jahren weggegangen war. Vor allem die Ortsmitte war neu gestaltet worden. Statt der alten Häuser, die teilweise leer gestanden hatten oder ziemlich verfallen waren, stand nun ein stattliches neues Rathaus, daneben ein großes Mehrfamilienhaus, darunter ein neuer Bäcker inklusive Kreissparkasse und dahinter ein weiteres neues Wohngebäude. Das alles hatte ich gleich als Erstes, als ich hier hergekommen war, auf mich wirken lassen, und hinter dem Rathaus auf dem schönen Platz dem Wasserspiel dort zugeschaut.
Ich konnte kaum glauben, dass ich seit der Geburt meines zweiten Sohnes, diesem behinderten Hugo, nicht mehr hier gewesen war. Als gebürtiger Ostfriese - bin auf Norderney geboren - hatte ich mich hier im Schwabenland nie richtig wohlgefühlt. Meine Ausbildung zum Zimmermann hatte mich hierher verschlagen und durch einen One-Night-Stand war ich an der vier Jahre älteren Edith hängengeblieben, die schwanger geworden war. Ich hatte mich der Verantwortung gestellt und sie geheiratet, doch es war einfach nicht richtig. Die Arbeit auf ihrem Hof hatte mir keinen Spaß gemacht, die Liebe zu Edith war nur vorgetäuscht und von Verantwortungsbewusstsein dem kleinen Harald gegenüber geprägt. Auch vermisste ich meine alte Heimat jeden Tag mehr. Vor allem das Meer hatte mir gefehlt und meine Mutter, die mich mit einer Putzstelle im Hotel „Seesteg“ alleine durchgebracht hat, hatte ich schmerzlich vermisst. Wir hatten schon immer ein sehr enges Verhältnis und die Trennung von ihr tat mir die ganzen Jahre über weh. Auch das war ein Grund, warum ich damals zurück in die Heimat geflohen war und natürlich die Geburt des behinderten Hugo.
Ich weiß, ich bin ein beschissener Vater, aber mit der Behinderung des kleinen Jungen bin ich einfach nicht zurechtgekommen - ich konnte von Anfang an nicht damit umgehen. Auch mit der adoptierten Linda war es immer schon schwierig gewesen - also bin ich damals Hals über Kopf abgehauen. Doch nun war meine Mutter längst tot und ich pleite und deshalb war ich zu meiner Frau zurückgekehrt. Wäre sie nur hartnäckiger geblieben bei der Scheidung damals, denn nun war ich hier, um mir meinen Anteil am Hof zu sichern. Edith hatte versäumt, die Scheidungsunterlagen zu unterzeichnen und so waren wir nach wie vor verheiratet. Kontakt hatten wir seither keinen mehr gehabt, doch nun war ich wieder da ...
2
„Es gibt eine weibliche Leiche in Ottenbach. Möchtest du den Fall übernehmen, Joska? Kurze Wege - du verstehst?“, grinste die Kriminalkommissarin Magdalena Müller-Harnisch am nächsten Morgen ihren jungen Kollegen Joska Kiss an. Dieser konnte nicht glauben, dass es in seinem verträumten Heimatort schon wieder einen Mordfall geben sollte. Die neue Woche ging ja gut los ...
„Was wissen wir?“, fragte er wenig begeistert, denn momentan steckte er mitten in einer Fortbildung, auf die er sich eigentlich voll hatte konzentrieren wollen. Selbstverständlich war ihm klar, dass er als Ottenbacher (immerhin lebte er seit ein paar Monaten mit seiner Freundin Nora Angerer zusammen dort auf dem Hof ihrer Eltern), den Fall übertragen bekam. Da kam er wohl nicht drum herum und so zückte er seinen angenagten Bleistift und kramte auf seinem übervollen Schreibtisch nach einem Block, um sich gleich Notizen machen zu können.
„Leider noch nicht viel. Ihr Enkel Luca Bockmeyer fand seine Großmutter tot in ihrem Bett, als er wie immer nach dem Abendessen noch mal nach ihr schaute. Die Frau heißt Edith Bockmeyer, ist - beziehungsweise - war siebzig Jahre alt und Alkoholikerin, wie ihr Hausarzt, der auch den Totenschein ausgestellt hat, mir soeben verraten hat. Dennoch hat er ein paar Dinge entdeckt, die ihm seltsam vorkamen und uns kontaktiert. Was das genau ist, hat er noch nicht gesagt. Die Kollegen der Streife waren schon vor Ort und haben die Leiche inspiziert, konnten aber keine äußeren Verletzungen feststellen. Man hat daraufhin veranlasst, dass der Leichnam in die Gerichtsmedizin nach Ulm gebracht wird. Die Spurensicherung war auch schon dort, hat aber nichts Relevantes gefunden. Ihr solltet euch trotzdem nochmal am eventuellen Tatort umsehen, die Bilder der Toten schicke ich dir gleich auf dein Handy. Hier sind auch noch die Kontaktdaten des Hausarztes, falls du vorher noch mit ihm sprechen möchtest“, sagte die Chefin und ging bereits in Richtung Türe. „Ach ja ... nimm den Clemens mit. Der hat, soweit ich weiß, momentan nichts Wichtiges zu erledigen.“
Noch vor ein paar Monaten hätte Joska tief aufgeseufzt, wenn er den deutlich älteren Sascha Clemens aufs Auge gedrückt bekommen hätte. Doch inzwischen waren sie ein richtig gutes Team geworden und sie ergänzten sich perfekt. Alles, was der knapp dreißigjährige Joska nicht gerne tat wie zum Beispiel recherchieren und Berichte schreiben, liebte Sascha geradezu und darüber war Herr Kiss besonders froh. Also klappte er sein Buch über Forensik zu, meldete sich am Computer ab und stapfte hinüber in Saschas Büro.
„Es gibt schon wieder ne Leiche in Ottenbach!“, rief er schon von draußen und rauschte wie immer schwungvoll durch die Türe, sodass diese aufflog, jedoch im gleichen Moment wieder zurückprallte und ihn an der Nase traf. Mit einem Schmerzensschrei taumelte Joska ins Büro seines Kollegen.
„Was ist denn mit deiner Türe los, Mann!?“, jammerte er und hielt sich die Hand unter die blutende Nase. Ungerührt streckte Sascha ihm ein Taschentuch entgegen.
„Türstopper mit Gummiringummantelung“, grinste er nur und konnte sich dann beim Anblick seines geschundenen Kollegen das Lachen doch nicht verkneifen.
„Was?“, nuschelte der nur, schniefte und trocknete sich die Tränen ab, die ihm unwillkürlich in die Augen geschossen waren.
„Vielleicht ist dir das endlich eine Leere, nicht immer so temperamentvoll durch die Türen zu rauschen, sodass die jedes Mal an die Wand krachen!“, erklärte sein Gegenüber in hoffnungsvollem Tonfall, doch Joska Kiss schaute seinen Kollegen mit aufkeimendem Ärger an.
„Du brichst mir fast die Nase, nur weil ich etwas schwungvoller als andere Leute einen Raum betrete? Das kann doch nicht dein Ernst sein!“
„Der Türstopper sollte dir doch nicht deinen Riechkolben brechen, sondern die Türe und die Wand schonen! Was denkst du denn?“, sagte Sascha so ernst es ihm möglich war, denn eigentlich hatte er schon gehofft, dass seine Aktion mit dem Türstopper auch eine gewisse Wirkung auf seinen Kollegen haben könnte. Was er selbstverständlich niemals zugeben würde.
„Auch egal ... kommst du jetzt mit zu der Leiche oder nicht?“, näselte Joska mit einem Tempofetzen in der Nase.
„Natürlich - wir sind doch ein Team!“, rief Sascha, als wäre nichts gewesen, schnappte sich seinen Mantel und sein obligatorisches Notizbuch.
„Warte!“, rief Joska und bekam seinen eifrigen Kollegen gerade noch an der Kapuze zu fassen. „Wir sollten, bevor wir in die Gerichtsmedizin fahren, vorher noch mit dem Hausarzt sprechen, der den Totenschein ausgestellt hat. Der hat wohl irgendwas Seltsames bemerkt. Magdalena wusste aber leider noch nicht, was genau. Kannst du das bitte machen? Mich versteht man ja gerade etwas schlecht“, knurrte er mit einem zornigen Blick, während er sich demonstrativ auch noch ein Tempo ins zweite Nasenloch stopfte.
„Okay, ich mach das. Hast du die Nummer von dem Arzt?“, fragte Sascha und setzte sich wieder an seinen Computer. Mit einem Handzeichen bedeutete er seinem Kollegen, der ihm bereits einen Zettel mit Telefonnummer in die Hand gedrückt hatte, sich zu ihm zu setzen. „Ich stell auf laut, dann muss ich dir nachher nicht alles erzählen. Zuhören geht ja auch mit Tempo in der Nase“, konnte er sich nicht verkneifen, während er schon den Hörer in der Hand hatte.
Mit rollenden Augen fläzte sich Joska Kiss auf den Besucherstuhl und streckte seine langen, muskulösen Fußballerbeine von sich.
„Guten Tag, Herr Dr. Menrad. Sascha Clemens - Kripo Göppingen. Meine Chefin, Magdalena Müller-Harnisch hat mir Ihre Nummer gegeben. Wir wollten mit Ihnen über den Todesfall Bockmeyer aus Ottenbach sprechen. Hätten Sie kurz Zeit für uns? Ich habe Sie auf laut gestellt, damit mein Kollege Joska Kiss mithören kann“, eröffnete Sascha das Gespräch mit dem zuständigen Arzt.
„Ja, grüß Gott, die Herren. Einen kurzen Moment noch, bin gleich für Sie da“, sagte Herr Menrad und man hörte, wie er seiner Mitarbeiterin etwas zurief und sich dann gleich wieder meldete. „So, jetzt habe ich kurz Zeit für Sie ... tja, das mit der Ottenbacher Leiche ist ein bisschen merkwürdig, wenn ich das so sagen darf. Frau Bockmeyer ist, beziehungsweise war, schon seit Jahrzehnten meine Patientin. Leider konnte ich ihr bei ihrer Alkoholsucht nicht helfen und musste ihren körperlichen Verfall miterleben, ohne etwas tun zu können. Dass sie irgendwann daran sterben könnte, habe ich erwartet ... dennoch ist mir bei der Leichenbeschau etwas Seltsames aufgefallen, was ich auch gleich Ihren Kollegen und danach auch der Gerichtsmedizin in Ulm mitgeteilt habe“, erklärte der Arzt, ohne konkreter zu werden.
„Könnten Sie uns vielleicht erklären, was Sie so stutzig hat werden lassen?“, wollte Herr Clemens natürlich wissen und auch Joska beugte sich interessiert vor.
„Tja ... nun ... ich kann es gar nicht genau beschreiben, aber mir scheint, dass sie Vergiftungserscheinungen aufzeigt“, stammelte der Arzt.
„Aber die können doch von der Alkoholgeschichte herrühren - Alkohol ist ja auch ein Gift, wenn man es so will“, schaltete sich Herr Kiss in das Gespräch ein.
„Ja schon, aber so starke Anzeichen findet man da meistens nicht. Wie schon gesagt, ich habe das den Kollegen mitgeteilt und ich denke, sie werden der Sache schon auf den Grund gehen. Setzen Sie sich doch bitte mit denen in Verbindung, mehr kann ich Ihnen leider nicht sagen - tut mir leid“, entschuldigte sich der Herr Doktor.
„Kein Problem, Herr Dr. Menrad. Danke, dass Sie so aufmerksam waren und uns das gemeldet haben. Bei so alten und zudem noch alkoholkranken Leuten rechnet man ja mit einem frühzeitigeren Tod und schaut dann bei der Leichenschau vielleicht nicht immer so genau hin. Gute Arbeit!“, lobte Joska, doch dann fiel ihm noch etwas ein. Wenn er schon einen Arzt an der Strippe hatte, konnte er ihn auch gleich noch etwas Privates fragen. Eventuell konnte er sich so den Gang zu seinem Hausarzt sparen.
„Ach, Herr Doktor - einen kurzen Moment noch. Ich hätte da noch eine Frage.“
„Ja bitte, aber machen Sie es bitte kurz! Mein Wartezimmer ist voll und die Leute werden immer ungeduldiger und pansicher - es ist wirklich nicht zu fassen!“, jammerte der Arzt und Joska konnte sich das sogar bildlich vorstellen - lauter Leute mit Atemschutzmasken im Wartebereich!
„Eine befreundete Apothekerin hat mir gesteckt, dass es bald zu Engpässen bei einigen Arzneien kommen könnte. Ich muss regelmäßig Schilddrüsen-Medikamente nehmen und hätte zwar noch für ein paar Wochen welche zuhause. Aber könnte man trotzdem jetzt schon ein Rezept für die nächste Ration bekommen?“
„Ihr Hausarzt wird Ihnen sicher eines ausstellen, aber vielleicht kommen Sie damit bereits zu spät! Soweit ich weiß, sind mancherorts zum Beispiel die Hunderter schon ausverkauft!“
„Oh nein, das ist nicht gut! Hoffentlich läuft das bald alles wieder normal! In China wurde doch alles wieder etwas gelockert oder?“
„Sie können ja auch zwei mal Fünfziger nehmen, die gibt es wohl noch. Wo das alles noch hinführt kann ich Ihnen leider auch nicht sagen, aber hoffen wir einfach das Beste, dass die Politiker und wirtschaftlichen Verantwortlichen es nicht zum Äußersten kommen lassen. Darf ich dann wieder an meine Arbeit gehen? Ich selbst habe Sorge, dass ich meine Praxis schließen muss, sollte es bei mir oder meiner Belegschaft zu einer Ansteckung kommen. Das ist alles nicht mehr so harmlos, wie es viele immer noch darzustellen versuchen!“, seufzte Dr. Menrad und nach einer knappen Verabschiedung legte er auf.
„Schon ganz schön bedrohlich, das Ganze! Ich habe gehört, dass sie nun auch bei uns ab nächster Woche die Schulen und Kindergärten bis nach den Osterferien schließen wollen! Da werden viele Eltern zuhause bei ihren Kindern bleiben müssen, denn zu den Großeltern, die ja potenziell gefährdeter sind, soll man sie auch nicht geben. Ob es da auch einige unserer Kollegen treffen wird?“, fragte Joska und dachte dabei an Nora und ihre Familie. Die würden in ihrem Ottenbacher Familienbetrieb, einer Messermacher-Werkstatt, zunächst ganz normal weiterarbeiten können. Vielleicht kamen nicht mehr so viele Kunden in die Firma, aber mehr würden sie wohl nicht mitbekommen.
„Ja, da bin ich auch mal gespannt. Aber zurück zu unserem Fall: Jetzt wissen wir zwar nicht viel mehr, aber ich hoffe, dass die Gerichtsmediziner das mit der angeblichen Vergiftung rauskriegen. Sollen wir gleich versuchen, dort einen Termin zu bekommen oder ist das eh noch zu früh?“, fragte Sascha und Joska bestätigte das.
„Eilt doch jetzt nicht so sehr, oder?“, meinte Joska und hoffte dabei, heute vielleicht doch noch nicht von seinen Fortbildungsunterlagen abgezogen zu werden.
„Die melden sich doch sowieso, wenn sie was Ungewöhnliches feststellen und wir dürfen dann rausfinden, ob sie sich selbst vergiftet hat oder ob jemand Anderes dahintersteckt. Warten wir einfach ab, einverstanden?“, fragte Sascha und sein Kollege nickte, klatschte sich auf die Schenkel und sprang hoch.
„Prima Idee, dann werde ich mich weiter hinter meine Fortbildung klemmen - ist ganz schön viel, kann ich dir sagen!“, seufzte er und verschwand wieder in seinem Büro.
3
„Jetzt komm schon, Hugo! Das klappt bestimmt, wir müssen es nur genau so machen, wie es in dem Buch steht!“, drängte Linda Bockmeyer ihren Stiefbruder und wunderte sich, dass er überhaupt zögerte. Bisher hatte er stets das getan, was sie von ihm wollte. Er hatte das Down-Syndrom und sie kümmerte sich, seit sie denken konnte, um ihn. Ihre Adoptivmutter Edith hatte zwei leibeigene Söhne - Harald war zehn Jahre älter als Linda und Hugo fünf Jahre jünger. Sie war adoptiert worden, nachdem das Paar nach Harald zunächst keine weiteren Kinder bekommen konnte, doch dann kam überraschend doch noch Hugo zur Welt. Die Eltern kamen mit seiner Behinderung nicht zurecht und bald machte sich der Vater aus dem Staub. Allein Linda sorgte sich von Anfang an liebevoll um den lieben Jungen, und seit seine Mutter sich wegen ihrer Alkoholsucht überhaupt nicht mehr um ihn kümmerte, lebte er bei seiner großen Schwester. Immerhin wohnte die ganze Familie gemeinsam auf dem elterlichen Hof. Die Mutter in der kleinen Erdgeschoss-Wohnung, daneben in einem großen Zimmer ihr Enkel Luca, dessen Eltern Harald und Bettina im ersten Stock und Linda und Hugo oben in der schönen Wohnung mit Dachschräge.
„Schau mal Hugo ... es ist doch ganz einfach“, fing Linda nochmals von vorne an und strubbelte ihrem kleinen Bruder durch seine roten Locken. „Die Häschen deines Bruders sind krank und wir wollen ihnen helfen, gesund zu werden. Genau dafür haben wir dieses tolle Buch hier - da steht drin, was wir tun müssen!“
„Aber das letzte mal, als wir ihnen das komische Zeug zu fressen gegeben haben, ist es doch nicht besser geworden!“, jammerte der untersetzte Mann, der mit seinen fünfunddreißig Jahren immer noch wie ein kleiner Junge wirkte. Linda nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn ganz fest.
„Das weiß ich auch, Hugo. Aber manchmal muss man mehrere Versuche machen, bis man das Richtige findet, was den armen Tierchen helfen wird. Wir versuchen es einfach nochmal, was meinst du?“, gurrte sie geradezu, doch ihr Blick war dabei eiskalt. Hugo konnte es nicht sehen, aber er schien zu spüren, wie ernst es ihr mit dieser Sache war. Trotz seines inneren Widerstrebens, drückte er seine Schwester ebenfalls so fest er konnte. Erst dann befreite er sich aus ihrer Umklammerung.
„Also gut. Was soll ich machen?“, fragte er ergeben und wollte so sehr glauben, dass seine Schwester recht hatte und es den armen Hasen bald wieder besser gehen würde. Sie lagen seit Tagen nur noch apathisch in ihrem Stall, fraßen und tranken so gut wie nichts mehr. Den Meerschweinchen schien es ähnlich zu gehen, vielleicht mussten sie sich um die auch noch kümmern? Das fragte er dann auch seine Schwester, doch die winkte ab.
„Um die kümmert sich bereits der Luca - mach dir keine Sorgen, wir drei halten zusammen und kriegen das schon hin!“, sagte sie und war sich ihrer Sache noch nie so sicher wie jetzt. Mit Hilfe des alten Heilerwissens aus dem Buch von Albertus Magnus würde ihr Vorhaben gelingen. Wie gut, dass sie eine neue Ausgabe von zweitausendacht im Internet gefunden hatte, denn das Original mit der alten Schrift war doch recht mühsam zu lesen gewesen.
4
Die Gerichtsmedizin der Universitätsklinik Ulm hatte sich inzwischen gemeldet und die Kommissare Kiss und Clemens waren auf dem Weg dorthin. Sie waren beim „Doktor der Toten“, wie sie den zuständigen Arzt Dr. Hildenbrandt insgeheim nannten, angemeldet. Von Göppingen aus waren sie über die neue B10 Richtung Geislingen gefahren und standen am Ende der zweispurigen Umgehungsstraße wie fast immer im Stau.
„Ob wir den Weiterbau der B10 wohl noch erleben werden? Was bringt diese Umgehung, wenn sie dann doch wieder in diesem blöden Nadelöhr endet?“, schimpfte Joska, der sich fragte, wohin die vielen Leute um elf Uhr am Vormittag wohl unterwegs waren.
„Den Autofahrern bringt es nicht viel, aber den Anwohnern in den Ortschaften schon. Nur die Geschäfte werden es sicher merken, dass weniger potentielle Kundschaft an ihnen vorbeifährt. Man kann halt nicht alles haben“, entgegnete Sascha, woraufhin ihr Gespräch wieder zum Erliegen kam und Joska auf dem Beifahrersitz einschlief. Kurz vor Ulm kam wieder Leben in ihn und er fuhr sich durch die verstrubbelten blonden Haare. „Mir ist immer noch nicht wohl, wenn wir in die Katakomben der Klinik runter gehen“, seufzte Joska, doch sein Kollege fand das eher spannend. Der sechs Jahre ältere Clemens war erst spät in den Polizeidienst getreten, hatte sich aber inzwischen unentbehrlich für seinen jungen Kollegen gemacht. Auch bei diesem Termin war Herr Kiss sehr froh, seinen wachsamen und wissbegierigen Mitarbeiter bei sich zu haben.
Dr. Hildenbrandt erwartete sie schon am Eingang und begrüßte sie in seiner ruhigen und besonnenen Art.
„Dort entlang, die Herren. Die Dame liegt gleich hier drüben“.
Voller Unbehagen bei dem Einen und Vorfreude bei dem Anderen folgten die Kommissare dem Arzt, der bereits das weiße Tuch von der Toten gezogen hatte. Sogleich begann er mit seinem Vortrag:
„Mein Kollege, Dr. Menrad, hatte vollkommen recht, als er die Möglichkeit erwähnte, dass die Frau hier nicht nur allein an ihrer Alkoholsucht gestorben ist. Man kann an Mund und Nase feststellen, dass sie irgendwelche giftigen Substanzen zu sich genommen hat. Daraufhin untersuchten wir auch ihre inneren Organe und auch hier haben wir Giftiges analysieren können. Allerdings ist es ein so merkwürdiger Cocktail aus allen möglichen ... Kräutern - möchte ich mal behaupten - so etwas ist uns hier noch nie untergekommen. Man kann sagen, dass es hauptsächlich Heilkräuter sind, aber in viel zu hohen Dosen und verstärkter Wirkung durch den starken Alkoholkonsum, sodass dies schließlich zum Tod geführt hat. Ob die Dame sich diese Mittelchen selbst verabreicht oder es ihr jemand untergejubelt hat ... nun, es bleibt jetzt Ihnen überlassen, das herauszufinden. Viel Erfolg!“, zwinkerte ihnen der Arzt zu und deckte die Leiche wieder ab.
„Können Sie uns bitte die Mixtur dieses Cocktails zukommen lassen?“, fragte Herr Clemens, der sich bereits darauf freute, das alles genauestens nachrecherchieren zu können.
„Selbstverständlich. Sie bekommen baldmöglichst meinen Bericht. Falls Sie sonst nichts mehr von mir brauchen - ich hab noch viel zu tun, wie Sie ja sehen können“, seufzte er und zeigte auf drei weitere zugedeckte Leichen.
„Nichts wie raus hier!“, zischte Joska seinem Kollegen zu und eilig verließen sie die gerichtsmedizinischen Räume.
„Und jetzt? Fahren wir sofort zu den Angehörigen?“, wollte Sascha wissen und setzte sich wieder aus Rücksicht auf die immer noch geschwollene Nase seines Kollegen hinters Steuer von dessen kleinem Mini Cooper.
„Ja, würde ich sagen. Fühlen wir denen doch gleich mal auf den Zahn!“, kommandierte Joska Kiss mit neuem Elan, denn Zeugenbefragungen und das Einkreisen Verdächtiger war seine Spezialität. Während sie über Geislingen, Salach und Krummwälden Richtung Ottenbacher Tal fuhren, merkte Joska mal wieder, um wie viel kälter es dort war. Während im Filstal kaum Schnee gefallen und sofort wieder weggetaut war, lag das sogenannte Göppinger Allgäu mit weißem Schleier vor ihnen. Der Wald auf dem Hohenstaufen hatte eine zarte pudrige Krone und auch die Dächer der rund um den Berg gelegenen Häuser waren weiß. Lange würde das bisschen Schnee allerdings nicht liegen bleiben, es wurde bereits warmes Frühlingswetter angekündigt.
„Immer wieder schön, nach Hause zu kommen“, stellte Joska fest und es überraschte ihn selbst, wie gerne er inzwischen in dem beschaulichen Örtchen Ottenbach mit seinen knapp zweitausendfünfhundert Einwohnern lebte. Natürlich lag das hauptsächlich an seiner Freundin Nora Angerer und ihrer Familie, aber auch an ihrem schönen Außenhof, auf dem er nun wohnte.
„Die Bockmeyers wohnen auch auf einem der außerhalb der Ortschaft liegenden Höfe, stimmts?“, wollte Sascha wissen und Joska nickte.
„Ja, auf einem der insgesamt an die vierzig, soweit ich richtig informiert bin. Deshalb ja auch der Ausdruck ´Göppinger Allgäu`. Allerdings bin ich gespannt, wie lange diese Höfe noch so erhalten bleiben können. Bei einigen steht ein Generationenwechsel an und die meisten sind heutzutage zu klein, um noch eine Landwirtschaft betreiben zu können. Andere Nutzungen sind aber problematisch und es wird vieles nicht genehmigt. Da fragt man sich schon, was man dann mit so einem Hof anfangen soll? Einige sind zudem noch unter Denkmalschutz und du weißt ja selbst, was das bedeutet - so viel Geld, das entsprechend zu renovieren, hat doch meist niemand!“, echovierte sich Joska, der durch die Gemeinderatsarbeit seines Schwiegervaters in spe einiges mitbekam.
„Der Bockmeyer-Hof liegt ganz weit oben in Richtung Hohenstaufen, ziemlich versteckt im Wald. Wir müssen die für den Verkehr gesperrte Anrainerstraße hochfahren“, erklärte Herr Kiss und wies Sascha den Weg. Kaum waren sie ein Stück gefahren, kam ihnen ein großer Mann mit Hund entgegen.
„Na toll! Der Herr Bürgermeister - der wird mich gleich verseckeln, weil man hier nicht langfahren darf“, seufzte Joska und drehte das Fenster herunter.
„Tag Herr Bürgermeister! Bevor Sie mich tadeln ... wir sind dienstlich hier!“, wollte der Kommissar dem Ortsvorstand den Wind aus den Segeln nehmen, doch dieser winkte nur ab.
„Dachte ich mir schon, Herr Kiss. Sie sind sicher auf dem Weg zum Bockmeyer-Hof, nehm ich an?“
„Sie wissen es also schon? Das geht hier im Dorf aber schnell“, bemerkte Joska, während er den Hund streichelte, der seine Vorderpfoten auf den Fensterrahmen gestellt hatte. Dem jungen Tierfreund kam gar nicht in den Sinn, dass die Krallen des Hundes Kratzer auf dem Lack seines ihm äußerst wertvollen Autos hinterlassen könnten.
„Runter mit dir! Nicht, dass uns die Kommissare noch wegen Sachbeschädigung anzeigen“, grinste der Bürgermeister und zog seinen Hund vorsichtig vom Wagen weg. „Aber ja, Todesfälle sprechen sich immer schnell rum. Das Negative geht deutlich schneller als das Positive - leider. Allerdings war mir nicht bewusst, dass die Kriminalpolizei gerufen wird, wenn eine alte Frau - noch dazu eine Alkoholikerin - stirbt. Was veranlasst Sie, zu den Bockmeyers zu fahren, wenn ich fragen darf?“
„Fragen dürfen Sie, aber eine Antwort dürfen wir Ihnen leider nicht geben. Laufende Ermittlungen - Sie verstehen?“, schaltete sich Herr Clemens ein und Herr Kiss nickte bestätigend.
„War ja klar - dumme Frage. Aber man kann es ja mal versuchen“, lächelte der Gemeindevorstand und verabschiedete sich von den beiden.
„Sympathischer Typ, euer Bürgermeister und als Chef einer Gemeinde ne imposante Erscheinung“, stellte Sascha fest und wieder nickte Joska nur. Er war mit seinen Gedanken bereits bei der bevorstehenden Befragung.
„Haben wir eine besondere Strategie, Sascha?“
„Nein, wir wissen ja noch gar nichts. Lassen wir es erstmal auf uns zukommen und schauen, mit wie vielen Familienmitgliedern wir es überhaupt zu tun haben. Dann sehen wir weiter, einverstanden?“, fragte Sascha, denn eigentlich war Joska sein Vorgesetzter und traf normalerweise die Entscheidungen. Dass er ihn heute in seine Überlegungen mit einbezog, freute den Älteren sehr. Wenn auch ihr Start als Team etwas holprig gewesen war - inzwischen kamen sie immer besser miteinander aus, ergänzten sich und konnten sich aufeinander verlassen.
Der Hof der Bockmeyers lag wirklich versteckt im Wald auf der Anhöhe fast schon oben bei der Ortschaft Hohenstaufen.
„Da hätten wir ja gleich von oben her reinfahren können“, stellte Sascha fest, doch Joska murmelte nur:
„Macht der Gewohnheit. Auf geht`s - ran an die Zeugen oder Verdächtigen!“, zischte er seinem Kollegen zu und stieg wie immer schwungvoll aus seinem Wagen. Herr Clemens folgte ihm auf dem Fuße mit bereits gezücktem Notizblock.
„Sie kommen!“, flüsterte Linda ihrem Stiefbruder Hugo zu. „Du sagst am besten gar nix, hörst du?“, bekräftigte sie unnötigerweise, denn ihr kleiner Bruder war ihr hörig und tat stets, was sie von ihm verlangte. Bei ihrem Neffen Luca war sie sich da nicht so sicher, doch der wusste eh nichts Wesentliches. Während sie die Beamten beobachtete, wie sie aus dem Wagen stiegen und aufs Haus zusteuerten, überfiel sie wieder dieses merkwürdige, unkontrollierbare Zittern. Verzweifelt bemühte sie sich, es zu unterdrücken, doch es wurde von Mal zu Mal schwieriger. Ein wachsendes Gefühl der Panik, das jedes Mal stärker wurde, ergriff sie und raubte ihr den Atem. Was war nur seit ein paar Wochen los mit ihr? Sie versuchte, durch tiefes Ein- und Ausatmen zur Ruhe zu kommen - sie musste sich in den Griff kriegen! Die Bullen durften nicht merken, dass etwas mit ihr nicht stimmte! Ganz langsam und unter Aufbringung ihres ganzen Willens schaffte sie es immerhin, das Zittern zu kontrollieren, die Panik jedoch blieb.
Nach dem Klingeln ließ sie die Beamten eine Weile warten, ehe sie die Türe öffnete. Sie kannte Joska Kiss vom Sehen und wusste, dass er bei der Kripo war. Linda war klar, dass nach der Spurensicherung nun auch noch die Kripo kommen würde, um Fragen zu stellen. Ihr Hausarzt hatte angedeutet, dass er bezüglich der Todesursache nicht sicher war und das hatte er melden müssen. Nun war sie gespannt, was er bemerkt hatte und welche Konsequenzen daraus erfolgen würden.
„Ah, guten Tag Herr Kiss. Und Herr ... ?“, fragte sie freundlich und bat die Herren ins Haus. Sie führte sie der Einfachheit halber gleich im Untergeschoss in die Räumlichkeiten ihrer verstorbenen Adoptivmutter. Beim Anblick der beiden gut gekleideten Männer kam sie sich in ihrer löchrigen Kittelschürze, dem langen Faltenrock und den dicken Wollsocken in ihren alten Gummi-Schlappen äußerst schäbig vor. Hätten die sich nicht vorher anmelden können? Dann hätte sie sich etwas zurechtgemacht und ihre langen Haare zu ihrem gewohnten Dutt hochgesteckt. Nun stand sie hier mit offenen, hüftlangen Haaren vor ihnen - der erste Eindruck war entscheidend und der war nun sicher nicht gerade positiv. Aber egal - sie war hier zuhause und durfte darin herumlaufen, wie sie wollte. Energisch straffte sie die Schultern und wappnete sich für das kommende Gespräch.
„Clemens. Sascha Clemens. Sie kennen meinen Kollegen?“
„Oh ja! Wer kennt ihn nicht nach der Sache mit dem alten Messermacher und all den anderen Fällen, in denen auch seine Freundin Nora Angerer verstrickt war. Weiß doch das ganze Dorf!“, hielt sie ihm entgegen und führte sie dabei in die große Wohnküche, wo ein alter Kochherd sonst sicher für gemütliche Wärme sorgte. Doch heute war es ungemütlich kalt und es roch abgestanden.
„Dann sind Sie Linda Bockmeyer, die Tochter der Toten Edith Bockmeyer?“, fragte Joska Kiss, der diese Frau bisher noch nie bewusst wahrgenommen hatte.
„Ja, die Stieftochter, und das hier ist mein Stiefbruder Hugo. Sag guten Tag zu den zwei Polizisten!“, forderte sie ihn auf und gehorsam hielt er den beiden Männern, wenn auch sehr zögerlich, seine Hand hin.
„Guten Tag Herr Bockmeyer. Wie geht es Ihnen nach dem plötzlichen Tod Ihrer armen Mutter?“, fragte Joska mitfühlend und war sich nicht sicher, wie man mit einem erwachsenen Mann umging, der das Down-Syndrom hatte.
„Ein bisschen traurig, aber ich bin ja nicht oft bei ihr. Ich bin lieber bei Linda“, sagte er sehr leise mit einem ängstlichen Blick zu seiner Schwester. Hatte er jetzt doch etwas Falsches gesagt?
„Wessen Wohnung ist das hier? Die Ihrer Mutter?“, wollte Sascha wissen und beide nickten. „Wir werden uns später noch ein wenig hier umsehen. Die Spurensicherung war zwar schon da, aber wir machen uns immer gerne selbst ein Bild.“
„Ich nehme an, Sie wissen bereits, dass unsere Mutter alkoholsüchtig war?“, schaltete sich Linda Bockmeyer ein. Sie wollte nicht, dass ihr Bruder weiterhin befragt wurde, und wollte das Gespräch an sich reißen. Ob ihr das gelingen würde, war ihr zwar nicht klar, versuchen musste sie es jedoch. Wieder fingen ihre Hände zu zittern an, schnell schob sie sie in die Taschen ihrer Schürze und hoffte inständig, dass die Beamten nichts mitbekommen hatten.
„Das wissen wir. Aber daran ist sie nicht gestorben“, sagte Joska Kiss kurz angebunden und wartete auf eine Reaktion der beiden.
„Nicht? An was denn dann?“, rief die Tochter auch sofort und riss dabei die Augen erschrocken auf. Merkwürdigerweise ließ sie dabei ihre Hände in den Taschen, was den Beamten zwar auffiel, sie es aber nicht weiter beachteten. Ihr Bruder konnte dem Ganzen wohl nicht recht folgen, denn er schaute nur weiterhin traurig drein.
„Sie wurde vergiftet“, erklärte der Kommissar und wartete geduldig und aufmerksam darauf, wie vor allem die Tochter reagieren würde. Doch Frau Bockmeyer schüttelte nur den Kopf und sagte nichts.
„Es war ein hübscher Heilkräuter-Cocktail - zu viel von allem Möglichen auf einmal, den ihr alkoholgeschwächter Organismus letztendlich wohl nicht verkraftet hat“, ergänzte Herr Clemens und Joska fügte hinzu:
„Jetzt stellen sich uns folgende Fragen: Woher hatte sie die Kräuter? Hat sie sich das Zeug selbst zusammen gemischt oder hat sie es von jemandem verabreicht bekommen? Ging das über einen längeren Zeitraum oder war es ein einmaliger Giftcocktail, um sie umzubringen? Selbstmord oder Mord? Also jede Menge Fragen, auf die wir gerne von Ihnen eine Antwort hätten!“
„Von mir?“, rief die Frau entsetzt und starrte die Beamten mit ihren hellgrünen Augen an. Das lange, graumelierte Haar hing ihr strähnig herab und in ihren schlabbrigen Klamotten sah sie ziemlich heruntergekommen aus. Dennoch wirkte sie durch ihre Größe von knapp einem Meter achtzig und ihrem fülligen Körper recht einschüchternd.
„Ich kann Ihnen dazu nichts sagen. Ich wüsste auch nicht, dass sich meine Mutter großartig mit Heilkräutern ausgekannt hätte. Wirklich keine Ahnung, wie das Zeug in ihren Körper gekommen ist“, erklärte sie mit solcher Bestimmtheit, dass die Kommissare ihr zunächst glauben mussten.
„Und Sie, Herr Bockmeyer wissen natürlich auch von nichts?“, fragte Joska der Form halber, denn er war sich sicher, auch von ihm keine Auskunft zu bekommen und so war es dann auch. Der behinderte Mann schüttelte nur den Kopf und schaute weiterhin auf den Boden.
„Wohnt sonst noch jemand hier auf diesem Hof?“, schaltete sich Sascha Clemens ein.
„Ja, mein Stiefbruder Harald mit seiner Frau Bettina und ihr Sohn Luca. Aber Harald ist auf der Jagd und seine Frau in der Klinik. Sie ist Ärztin. Luca müsste aber da sein. Soll ich ihn holen?“
„Wir bitten darum“, antwortete Joska, wobei er Frau Bockmeyer anmerkte, dass sie ihren Bruder ungern alleine bei den Kommissaren ließ. Ihn mitzunehmen, wäre aber auch sehr verdächtig gewesen und so ging sie zögernd aus dem Raum. Natürlich ließen sich die Ermittler diese Gelegenheit nicht entgehen.
„Sie leben bei Ihrer Schwester, Herr Bockmeyer? Oder darf ich Hugo sagen?“, fragte Joska freundlich.
„Ja, Hugo wohnt bei Linda. Schon lange. Sie mag mich lieber als Mutter und Mutter war ja auch krank. War immer genervt und böse und da wollte ich auch lieber bei Linda sein“, antwortete er leise.
„Das kann ich gut verstehen. Wenn man krank ist, will man seine Ruhe haben. Aber wer hat sich denn um deine Mutter gekümmert, wenn sie krank war?“, wollte Joska wissen.
„Eigentlich niemand so richtig. Nur Luca musste ein Mal am Tag nach ihr schauen, ob alles in Ordnung ist und so“.
„Er musste es? Wer hat ihm das befohlen?“
„Die Bettina, glaub ich. Sie hat gesagt, dass er wenigstens diese eine Aufgabe erledigen soll, wenn er schon sonst nix macht“.
„Aha ... na, da hat sie ja vielleicht sogar recht gehabt, oder meinst du nicht auch?“, lächelte Joska, doch Hugo zuckte nur mit den Schultern.
„Du warst also schon länger nicht mehr bei deiner Mutter?“, hakte Sascha nach.
„N ... nein! Ich war laaaange nicht bei ihr. Sie wollte mich ja auch nicht sehen. Sie ... mag mich nicht“, stotterte er und schaute wieder verlegen zu Boden. Die beiden Beamten sahen sich an und gaben sich mit einem Blick zu verstehen, dass sie ihm nicht glaubten. Leider konnten sie nicht weiter in ihn dringen, denn Frau Bockmeyer kam mit ihrem Neffen zurück. Es war etwas seltsam, aber Hugo und sein Neffe Luca schienen fast im gleichen Alter zu sein.
„Guten Tag. Sie wollen mich sprechen?“, fragte Luca Bockmeyer und ließ sich gelangweilt auf einen Stuhl fallen.
„Guten Tag Herr Bockmeyer. Ja, wir hätten ein paar Fragen zum Tod Ihrer Großmutter Edith Bockmeyer“, eröffnete Joska das Gespräch mit diesem weiteren Familienmitglied, welches ihm sofort unsympathisch war. So stellte er sich einen Computer-Nerd vor: schlacksig, strähnige schwarze Haare, schlapprige Jeans und ein schwarzes T-Shirt mit Monsteraufdruck. Dieses Exemplar hatte dazu noch stahlblaue Augen und war fast zwei Meter groß.
„Bevor Sie fragen ... ich hab sie nur gefunden - sie lag einfach tot in ihrem Bett! An dem Tag war ich etwas spät dran gewesen, um nach ihr zu gucken - muss so gegen einundzwanzig Uhr gewesen sein - und da lag sie schon im Bett. Normalerweise geht sie immer erst kurz vor Mitternacht schlafen und ich schaue meist zu den Zwanzig-Uhr-Nachrichten bei ihr vorbei und die sehen wir uns dann gemeinsam an ... äh ... haben sie uns angeschaut“, verbesserte er sich mit traurigem Blick. Ob er tatsächlich traurig über den Verlust seiner Großmutter oder aber ein guter Schauspieler war, konnten die Kommissare nicht erkennen.
„Danke für Ihre Auskünfte. Hat jemand von Ihnen an diesem Tag Kontakt mit ihr gehabt?“, wollte Herr Kiss wissen, doch alle schüttelten die Köpfe. „Und die anderen beiden, Harald oder Bettina?“ Nochmals Kopfschütteln. „Oder in den Tagen davor etwas Ungewöhnliches an ihr bemerkt?“ Wieder einhelliges Kopfschütteln. So kamen sie also nicht weiter ...
„Wir werden dennoch mit Ihren Eltern sprechen müssen, Herr Bockmeyer“, wandte sich Joska an Luca und der zuckte nur mit den Schultern.
„Wann kann man die beiden erreichen?“, fragte Herr Clemens und wartete mit gezücktem Stift.
„Keine Ahnung, ehrlich! Mama schichtet und macht dauernd Überstunden, ich kenne ihren Dienstplan wirklich nicht und Papa ist ja arbeitslos und Jäger, also hat er auch keinen festen Zeitplan - der kommt und geht, wie es ihm passt und außerdem hat er tausend Tiere zu versorgen und ist wenig hier im Haus“, ratterte Luca Bockmeyer herunter.
„Dann muss ich Sie bitten, Ihren Eltern auszurichten, dass wir sie auf dem Präsidium befragen müssen. Hier ist meine Karte. Sie sollen sich bei uns melden und einen Termin ausmachen. Wir werden sie zeitgleich, aber getrennt voneinander vernehmen ... bitte so bald wie möglich!“, ordnete Joska Kiss an. Luca nahm die Karte wortlos entgegen und steckte sie in seine Hosentasche.
„War`s das jetzt?“, wollte er wissen und stemmte sich von seinem Stuhl hoch.
„Fürs Erste ja. Die Gerichtsmedizin wird sich bei Ihnen melden, wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind und der Leichnam freigegeben wird. Wir werden Ihre heutige Aussage noch schriftlich festhalten und haben sicher im Rahmen der weiteren Ermittlungen noch Fragen. Dazu werden wir Sie demnächst ebenfalls auf die Wache einladen. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, meine Karte haben Sie ja. Wir brauchen Sie hier nun nicht mehr und würden uns gerne in Ruhe noch etwas umsehen. Auf Wiedersehen!“, sagte Joska und auch Sascha verabschiedete sich. Aus den Augenwinkeln sah dieser, wie Linda Bockmeyer ihre Hände endlich aus den Taschen nahm - sie zitterten unkontrolliert, und sie versteckte sie schnell hinter ihrem Rücken.
Als Hugo und Linda Bockmeyer hinausgegangen waren, sprach Sascha das sofort an.
„Hast du gesehen, wie die Hände der Frau gezittert haben?“
„Nein, die hatte sie doch fast die ganze Zeit in den Taschen ihrer fürchterlichen Kittelschürze! Dass Frauen in ihrem Alter - die wird doch so um die Vierzig sein - sowas überhaupt noch anziehen! Sehr sexy, oder?“, witzelte Joska, doch sein Partner ging nicht darauf ein.
„Ist doch egal - mit der stimmt auf jeden Fall was nicht! Du hättest ihre Hände sehen sollen! Die haben wirklich total unkontrolliert gezittert! Dem müssen wir neben allem anderen auch noch auf den Grund gehen, meinst nicht?“
„Wenn das tatsächlich so schlimm war, sollten wir das wohl tun, aber zuerst widmen wir uns der Wohnung hier!“, bestimmte Joska und fing an, sich in der kleinen Küche umzuschauen. Irgendwie schien hier die Zeit stehen geblieben zu sein. Sascha erinnerte sich, draußen an der Hausmauer ein Schild mit der Aufschrift „1823“, gesehen zu haben. Hier drin sah es in manchen Bereichen wirklich noch so aus wie vor zweihundert Jahren. Vor allem in der Küche der alte Holzofen-Kochherd, die alten Möbel und Regale schienen noch aus dieser Zeit zu stammen. Auch das Sofa war alt und schäbig.
„Wie in einem Bauernmuseum“, murmelte Sascha, während er alle Schubladen inspizierte und sich Joska derweil im Schlafzimmer umsah. Aber alles, was sie fanden, war wohl der Beweis für die Trunksucht der alten Frau: jede Menge Schnapsflaschen, allerdings ohne Etikett. Joska schraubte eine auf und roch daran.
„Eindeutig Schnaps, wahrscheinlich selbst gebrannt“, stellte er fest.
„Vielleicht auch mit mehr Prozenten als üblich. Ist hier keine volle Flasche mehr?“fragte Sascha und schnupperte ebenfalls daran. „Wir sollten alle Flaschen mitnehmen - eventuell ist in einer doch noch ein Rest drin, den man analysieren lassen könnte? Auf die Idee hätte die Spusi ja eigentlich auch kommen können, oder?“
„Hätten sie machen können beziehungsweise müssen, aber die sind halt auch nicht unfehlbar. Vielleicht findet sich in einer der Flaschen ja auch ein Rest dieses Giftcocktails?“, bemerkte Joska mit aufkommender Erregung. Womöglich hatten sie einen ersten Hinweis gefunden?
„Los, packen wir die Flaschen ein! Handschuhe hab ich im Auto und auch ein paar Klappboxen - ich wäre heute mit Einkaufen dran gewesen“, erklärte Joska und lief dabei hinaus in den matschigen Hof.
Als sie eine Stunde später endlich in ihrem Wagen saßen, hatten sie vierzig Flaschen im Kofferraum. Außer den Flaschen hatte ihre Durchsuchung der kompletten Wohnung keine weiteren Anhaltspunkte geliefert. Für die Rückfahrt wählten sie diesmal tatsächlich den Weg nach oben über den Hohenstaufen.
„Es ist jetzt bereits sechzehn Uhr. Machen wir erstmal Feierabend? Bevor wir die anderen beiden nicht befragt haben, wüsste ich jetzt auch nicht, was wir weiter tun könnten oder hast du ne Idee?“, fragte Joska gähnend, während er seine Whatsapp-Nachrichten checkte. Nora machte in der Messerwerkstatt meist auch immer um sechzehn Uhr Schluss und danach gleich einen Spaziergang mit ihrem Schäferhund Hasso. Vielleicht konnte er sich da heute endlich mal einklinken und mitlaufen - würde ihm guttun und er konnte den Kopf frei bekommen. Der Fall schien komplizierter zu werden, als er anfangs gedacht hatte. Da sein Kollege nur mit den Schultern zuckte, war also Feierabend angesagt. Eigentlich wäre Joska ja schon fast zuhause gewesen, aber Saschas Wagen stand auf der Wache in Göppingen und so mussten sie zuerst dorthin fahren. Außerdem wollte er heute noch die Schnapsflaschen ins Labor bringen, beziehungsweise bringen lassen, denn das würde er seinem geschätzten Kollegen Sascha aufs Auge drücken.
5
Als die Beamten weg waren, fiel Linda in sich zusammen. Das unkontrollierbare Zittern steigerte sich in ein Schütteln des ganzen Körpers, das sie in die Knie zwang. Auf dem Boden kauernd ließ sie es geschehen. Sie hatte einfach keine Kraft mehr, sich dagegen zu wehren. Hugo schaute alles mit weit aufgerissenen Augen an, er traute sich weder, seiner Schwester näher zu kommen, noch sie aus den Augen zu lassen und abzuhauen. Reglos stand er mit hängenden Schultern da und beobachtete, wie der seltsame Anfall zuerst an Stärke gewann, dann jedoch ganz langsam wieder abebbte. Nach gefühlten endlosen Minuten rappelte sich seine Schwester endlich schweißgebadet hoch in die Hocke. Dort blieb sie zunächst, denn ihr wurde schwindlig und sie musste mehrmals blinzeln, bis sie sich wieder einigermaßen im Griff hatte. Als sie draußen ein Auto vorfahren hörte, zischte sie ihrem Bruder zu:
„Hilf mir aufzustehen! Die sollen mich nicht so sehen!“
Doch Hugo schien wie versteinert und rührte sich immer noch nicht.
„Nun mach schon! Bitte! Ich lese dir auch gleich was vor!“, rief sie drängend und wie gehofft, zeigten diese Worte sofort ihre gewünschte Wirkung. Hugo eilte zu seiner Schwester und zog sie hoch. Er war erstaunlich kräftig für seine kleine Statur und wäre Linda nicht so groß gewesen, ihr kleiner Bruder hätte sie getragen, da war sie sich sicher. Auf ihn gestützt führte Hugo sie nach oben in ihre Dachwohnung, wo Linda sich erschöpft und verängstigt auf ihr Bett fallen ließ.
Was war nur los mit ihr?
Sie musste unbedingt ein außerordentliches Treffen ihres „Kreises“ einberufen, vielleicht konnten ihre „Schwestern“ ihr helfen oder ... das Buch! Sie riss es vom Nachttisch herunter und umklammerte es ganz fest wie einen Schatz. Bald darauf war sie eingeschlafen. Hugo hielt Wache und rührte sich nicht von der Stelle. Auch nicht, als er seinen Bruder Harald hatte heimkommen hören und auch nicht spät in der Nacht, als dessen Frau Bettina nach Hause gekommen war. Manchmal ging er zu ihnen hinunter und fragte sie nach ihrem Tag, aber heute nicht - heute musste er auf seine Linda aufpassen. Irgendwas war nicht so wie immer, aber er wusste nicht, was es war und das machte ihm Angst.
6
Am nächsten Vormittag erschienen Bettina und Harald Bockmeyer gemeinsam im Polizeipräsidium. Lola Amati, die Kripo-Sekretärin mit afrikanischen Wurzeln, begrüßte das Paar und bedeutete ihnen, noch kurz zu warten. Die Beamten Kiss und Clemens wären gleich zur Stelle. Frau Bockmeyer stieß ihren Mann unsanft in die Seite und zischte ihm zu:
„Mich nervt das Ganze jetzt schon! Was können wir denen denn schon sagen? Wir wissen doch auch nicht, was mit deiner Mutter passiert ist!“
„Richtig, aber das weiß die Polizei ja noch nicht und deshalb werden wir ihnen das jetzt sagen“, meinte ihr Mann nur gelangweilt und fügte noch mit einem wohlwollenden Blick auf die rassige Schönheit, die sie in Empfang genommen hatte, hinzu: „Schon witzig, wenn so eine dunkelhäutige Frau mit schwäbischem Akzent spricht und diese knallroten langen Fingernägel ... echt Hammer, die Frau!“
„Jetzt lenk nicht ab und schau die nicht so gierig an, Mensch!“, wetterte Bettina leise. „Die Frage ist doch, ob die uns glauben werden! Was is, wenn sie irgendwie rausfinden, wie sie vergiftet wurde und wir nicht beweisen können, dass wir damit nix zu tun haben? Ich bin Ärztin, Habo!“, zischte sie und benutzte aus reiner Gewohnheit den Spitznamen ihres Mannes. Früher hatte sie ihn aus Liebe gerne verwendet, doch das war lange her. „Die werden doch vermuten, dass ich Anzeichen einer Vergiftung hätte bemerken müssen. Aber ich war doch seit Wochen nicht mehr bei ihr!“, jammerte Bettina, doch ihr Mann zuckte nur die Schultern.
„Dann sag denen das doch, Bettina und jammer mir nicht die Ohren voll! Wir haben damit nix zu tun und damit basta!“
„Dein Wort in Gottes Ohr!“, flüsterte die nervöse Frau und strich sich durch ihre weißblonden, kurzen Haare. Mit starrem Blick fixierte sie die Türe, durch die sie demnächst würden gehen müssen.
Welche Fragen man ihnen wohl stellen würde?
Welche Familiengeheimnisse würden vor Fremden ausgebreitet werden?
Warum musste ihre blöde Schwiegermutter auch dauernd zur Flasche greifen und warum hatte sie als Ärztin das nicht verhindern können?
Ihr wurde übel bei dem Gedanken, dass man sie für alles verantwortlich machen könnte! Dabei hatte sie von Anfang an nicht den geringsten Einfluss auf Edith gehabt! Ihre Schwiegermutter hatte sie, Bettina, noch nie leiden können und hatte sie nie zur Familie gezählt. Aber das würde sie der Polizei sicher nicht auf die Nase binden, das wäre zu verdächtig und vielleicht sogar das Mordmotiv, nach dem die suchten. Gerade wollte sie ihrem Mann eintrichtern, ja nichts vom schlechten Verhältnis zwischen ihr und seiner Mutter zu erzählen, da wurde die Türe schwungvoll aufgerissen und ein junger, gut aussehender Mann kam auf sie zu.
„Guten Tag, Frau Bockmeyer? Und Herr Bockmeyer, nehme ich an?“, fragte Joska Kiss und streckte zuerst der attraktiven Frau die Hand entgegen. Ihr fester Händedruck bestätigte seinen ersten Eindruck - diese zierliche, aber sehr durchtrainierte Dame hatte eine ausdrucksstarke Persönlichkeit. Sie strahlte einerseits durch ihre aufrechte Haltung Selbstsicherheit aus, ihr Gruß fiel jedoch sehr leise, fast schüchtern aus - sie wirkte, als wäre sie jetzt schon auf der Hut. Joska war sehr gespannt, wie das Gespräch mit Bettina Bockmeyer verlaufen würde. Denn dass er die Frau übernahm, hatte er im ersten Moment schon entschieden. Sascha durfte gerne den dürren Jägersmann übernehmen, der einen laschen Händedruck hatte, aber nicht so nervös wie seine Frau wirkte.
„Ja, guten Tag. Ich bin Bettina Bockmeyer und das ist mein Mann Harald. Mein Sohn sagte uns, dass Sie uns sprechen wollen? Wenn es um die Vergiftung meiner Schwiegermutter geht, darüber wissen wir wirklich gar nichts!“, hob die gehetzt wirkende Frau an, doch Joska ging nicht darauf ein. Inzwischen war auch sein Kollege Clemens zu ihnen getreten und sie wurden einander vorgestellt.
„Frau Bockmeyer - wenn Sie mir bitte folgen würden? Herr Clemens kümmert sich um Ihren Mann.“
„Wir werden nicht zusammen vernommen?“, fragte Frau Bockmeyer fast schon panisch, hatte sich dann aber sofort wieder im Griff. Sie hatte selbst bemerkt, wie verdächtig das rübergekommen war und so fügte sie noch hinzu: „Alles klar, schon in Ordnung. Müssen Sie ja so machen, nehm ich an“.
„So ist es, gnädige Frau und nun kommen Sie bitte mit. Möchte jemand Kaffee oder sonst etwas?“, fragte Herr Kiss und orderte dann für alle Kaffee bei seiner Assistentin Lola.
„Nehmen Sie bitte Platz, Frau Bockmeyer. Ich werde das Gespräch aufzeichnen“, eröffnete Herr Kiss die Vernehmung und deutete auf einen Stuhl ihm gegenüber.
„Brauche ich einen Anwalt?“, fragte Bettina Bockmeyer, rügte sich im Stillen aber sofort für diese unbedachte Äußerung. Natürlich brauchte sie noch keinen Rechtsbeistand, sie war ja nur eine Zeugin und keine Verdächtige (noch nicht!). Das erklärte ihr dann auch der Kommissar und begann nach der üblichen Einführung und des Einschaltens des Aufnahmegerätes mit der Befragung:
„Ihre Frau Schwiegermutter ist im Laufe des Sonntags, achter März zweitausendzwanzig an einer Vergiftung gestorben. Man kann in einem solchen Falle nicht von einer genauen Tatzeit sprechen - wir wissen inzwischen zwar die Zusammensetzung des Giftcocktails - jedoch können wir keine exakte Zeit herleiten, wann Frau Edith Bockmeyer das Mittel zu sich genommen hat. Somit ist es etwas müßig, Sie zu fragen, wo Sie zur Tatzeit waren. Ich kann Sie also nur fragen, ob Sie etwas über gewisse Heilkräuter wissen, die man Ihrer Schwiegermutter in zu hoher Dosis verabreicht hat?“
„Woher wollen Sie denn wissen, ob sie sich das Zeug nicht selbst einverleibt hat?“, kam es trotzig zurück und wieder rief sich Bettina Bockmeyer zur Besonnenheit auf. Sie musste wirklich aufpassen, dass sie nicht doch zum Kreis der Verdächtigen befördert wurde.
„Das wissen wir natürlich nicht und genau das gilt es ja, herauszufinden. Sie waren es also nicht und wissen auch gar nichts darüber?“
„Ich war es nicht, das können Sie mir glauben!“, rief die Befragte und bekam wieder Oberwasser. „Ich hasse Heilkräuter und das ganze Drumherum geradezu! Als Ärztin sind mir diese Quacksalber zuwider und ich kenne mich mit diesen ganzen Mittelchen und Kräutern überhaupt nicht aus. Niemals hätte ich meiner Schwiegermutter so etwas verabreicht! Im Gegenteil! Wenn ich davon gewusst hätte, hätte ich natürlich versucht, es ihr auszureden!“
„Hätten Sie es denn überhaupt mitbekommen und falls ja, hätte Ihre Schwiegermutter auf Sie gehört? Wie war Ihr Verhältnis zueinander?“, wollte der Kommissar wissen und augenblicklich kam Bettinas Nervosität wieder zum Vorschein. Das hatte der gewiefte Polizist bestimmt bemerkt - sie musste wirklich vorsichtiger sein!
„Unser Verhältnis war weder gut noch schlecht. Wir wohnten zwar im selben Haus, aber gesehen haben wir uns nur manchmal kurz im Treppenhaus und an Weihnachten. In einem haben Sie natürlich recht: Ich hätte es nicht mitbekommen, wenn sie das Zeug genommen hätte, beziehungsweise, ich hätte vielleicht gemerkt, dass sie schneller als durch Alkohol üblich abgebaut hätte, wenn sie das Gift über einen längeren Zeitraum eingenommen hätte. Aber da ist mir nichts aufgefallen, also muss sie es eher in einem oder wenigstens in sehr kurzen Abständen kurz vor ihrem Tod getrunken haben. Ich gehe als Ärztin von Letzterem aus, denn wenn die ganzen Substanzen noch im Blut nachweisbar waren, muss sie sie auf einmal genommen haben. Oder wie sieht das die Gerichtsmedizin?“, fragte sie herausfordernd und wieder in ihrer alten Selbstsicherheit.
„Sie haben als Ärztin genau richtig kombiniert, Frau Bockmeyer. Auch die Rechtsmediziner gehen davon aus, dass der Giftcocktail auf einmal oder zumindest in sehr kurzen Abständen eingenommen wurde. Wenn Sie uns bei dieser Frage nicht helfen können ... nun gut ... wir sind ja erst am Beginn unserer Ermittlungen. Wir werden es schon noch herauskriegen - auch ohne Ihre Hilfe“, verkündete der Kommissar zuversichtlich, was die Ärztin wieder in Aufregung versetzte.
„Es ist doch nicht so, dass ich Ihnen bei der Aufklärung nicht helfen will, Herr Kiss!“, polterte sie los. „Ich kann Ihnen nicht behilflich sein, weil ich nichts weiß und auch nichts getan habe!“
„Das glaube ich Ihnen ja, zumindest so lange, bis wir nichts Genaueres herausgefunden haben. Themenwechsel: Erzählen Sie mir etwas über Linda Bockmeyer“, forderte Joska sein Gegenüber auf.
„Was gibt es über die schon zu sagen? Sie ist eine alte Jungfer, die sich aber liebevoll um ihren behinderten Stiefbruder kümmert. Sie ist Altenpflegerin und wohnt seit ihrer Adoption als Dreijährige auf dem Bockmeyer-Hof. Leider haben Harald und Linda kein gutes Verhältnis zueinander, aber warum das so ist, weiß ich nicht. Das war wohl schon immer so, aber da müssen Sie meinen Mann fragen.“
„Das werden wir tun, Frau Bockmeyer. Aber gesundheitlich ist bei Linda alles in Ordnung?“
„Warum fragen Sie das? Ich weiß zumindest nicht, dass sie irgendwelche Probleme hätte. Außer vielleicht Rückenschmerzen - aber wer hat die nicht und bei dem anstrengenden Beruf als Altenpflegerin ist das ja auch kein Wunder!“
„Reine Routine“, sagte Herr Kiss darauf nur, denn er würde ihre Beobachtung bezüglich des Zitterns nicht ansprechen, wenn es Bettina Bockmeyer bisher nicht aufgefallen war. Oder sie wollte es nur nicht erwähnen? Irgendwie kam er bei dieser Befragung nicht weiter und er wollte sie gerade beenden, als Frau Bockmeyer doch nochmal das Wort ergriff:
„Ich weiß zwar nicht, ob es etwas mit Ihrem Fall zu tun hat, aber mein Mann klagt in letzter Zeit ständig darüber, dass es fast all seinen Tieren so schlecht geht. Er kann es sich nicht erklären und seine Katze ist auch schon längere Zeit nicht mehr aufgetaucht.“
„Tja, keine Ahnung, ob es da einen Zusammenhang gibt. Aber gut, dass Sie es mir gesagt haben. Wir werden Augen und Ohren offen halten und das sollten Sie zuhause auch tun, falls Ihnen weiterhin etwas verdächtig vorkommt“, forderte der Kommissar die Ärztin auf und beendete damit die Befragung. Er begleitete die Frau nach draußen und bat sie, noch kurz zu warten. Er wolle kurz zu ihrem Mann und seinem Kollegen gehen.
„Wir sind doch eh getrennt gekommen und ich muss auch gleich wieder in die Klinik“, verkündete Frau Bockmeyer und rauschte davon. Kopfschüttelnd ging Joska zu Sascha ins nächste Vernehmungszimmer.
„ ... keine Ahnung, ob sich meine Schwester mit Heilkräutern auskennt“, schnappte Joska auf, als er eintrat. „Möglicherweise hat sie da etwas in ihrer Ausbildung zur Altenpflegerin gelernt, aber echt ... darüber haben wir nie gesprochen. Das müssen Sie sie schon selbst fragen!“, sagte Harald Bockmeyer inzwischen doch leicht genervt. Von seiner anfänglichen Coolness war nicht mehr viel übrig.
„Mit Ihrer Frau bin ich schon fertig und hätte auch noch ein paar Fragen an Sie, falls sie mein Kollege nicht bereits gestellt hat“, eröffnete Herr Kiss sein Gespräch mit dem Zeugen.
„Und welche wären das?“, schnappte Herr Bockmeyer und verschränkte demonstrativ die Arme vor der Brust.
„Mich interessiert, warum Sie und Ihre Schwester kein gutes Verhältnis zueinander haben“, fragte er geradeheraus, was seine Gegenüber, ihren Minen nach zu urteilen, in Erstaunen versetzte. Also hatten sie wohl noch nicht darüber gesprochen.
„Woher wollen Sie wissen, wie unser Verhältnis ist?“, knurrte Harald Bockmeyer und biss die Zähne zusammen.
„Ihre Frau hat das angedeutet“, sagte Joska nur.
„Aha ... die muss es ja wissen. Aber was hat das alles mit dem Tod unserer Mutter zu tun?“, fragte er herausfordernd.
„Bis jetzt noch nichts, aber das versuchen wir ja, herauszufinden. Es kann also nicht sein, dass Sie und Ihre Schwester gemeinsam geplant haben, Ihre Mutter umzubringen? Nur so als Idee?“, warf Joska in den Raum und beobachtete den Zeugen dabei ganz genau.
„Wir beide zusammen? Das ist wirklich lächerlich!“, rief Herr Bockmeyer und fing tatsächlich zu lachen an.
„Für uns ist das nicht lächerlich, aber wenn Sie also wirklich so ein schlechtes Verhältnis zu Ihrer Schwester haben, dann haben entweder Sie oder Linda alleine Ihre Mutter vergiftet?“, fragte Joska herausfordernd, was Herrn Bockmeyer aufspringen ließ.
„Ich habe es Ihrem Kollegen schon gesagt - niemand aus meiner Familie hat etwas mit dem Tod unserer Mutter zu tun! Keine Ahnung, woher sie das Gift hatte und warum sie es genommen hat! Vielleicht hatte sie einfach die Schnauze voll von ihrem Säuferleben, was weiß denn ich!?“, rief er aufgebracht und starrte die beiden Kommissare wütend an.
„Bitte setzen Sie sich wieder, Herr Bockmeyer! Sie sind hier nur als Zeuge, aber wenn Sie sich weiterhin so aufführen, kann sich das auch schnell ändern!“, befahl Joska Kiss und Harald Bockmeyer setzte sich widerstrebend wieder auf seinen Stuhl.
„Tut mir leid, wirklich! Aber verdächtigt zu werden, die eigene Mutter umgebracht zu haben, ist schwer zu verdauen! Zumal ich in letzter Zeit mit den Nerven etwas runter bin“, entschuldigte sich Herr Bockmeyer, worauf Sascha sofort einhakte:
„Warum denn, Herr Bockmeyer?“
„Na ja ... seit ein paar Wochen hab ich ständig Probleme mit meinen Tieren! Zuerst ist meine Katze verschwunden, dann haben die Hasen und Meerschweinchen nichts mehr gefressen und meinen Hirschen und Rehen geht es irgendwie auch nicht gut. Ich kann mir das alles nicht erklären und mache mir allmählich große Sorgen!“
„Meinen Sie, es gibt da einen Zusammenhang zwischen diesen Vorfällen und dem Tod Ihrer Mutter?“, wollte Joska wissen.
„Keine Ahnung, aber das erscheint mir schon etwas weit hergeholt. Warum sollte das jemand tun? Wenn man mir schaden wollte, dann würde er doch meiner Mutter nichts tun. Wir hatten doch kein inniges Verhältnis zueinander“, erklärte der Zeuge.
„Außer, der Täter wusste davon nichts und hat es wirklich auf Sie abgesehen“, murmelte Joska mehr zu sich selbst, versetzte Herrn Bockmeyer damit aber in Panik.
„Auf mich abgesehen? Aber warum denn? Ich habe keine Feinde!“, bekräftigte er, doch das kam für die Kommissare etwas zu schnell.
„Wirklich keiner, dem Sie mal auf die Füße getreten sind?“, fragte Joska, was Herrn Bockmeyer schon wieder aufspringen ließ.
„Aber deshalb bringt man doch niemanden um und vergreift sich an wehrlosen Tieren!“, brauste er auf.
„Also haben Sie sich doch mal bei jemandem unbeliebt gemacht?“, hakte der Kommissar nach.
„Nein, hab ich nicht!“, schrie der Mann jetzt beinahe, was den Beamten doch etwas verdächtig vorkam. Beide schienen jedoch diese Befragung nicht weiterführen zu wollen, denn Joska sagte in ruhigem Tonfall:
„Das war´s fürs Erste, Herr Bockmeyer. Halten Sie sich aber bitte weiterhin zu unserer Verfügung. Sie finden alleine hinaus?“
„Ja. Guten Tag die Herren!“, sagte Harald Bockmeyer erleichtert und rauschte hinaus.
„Der Typ hat was zu verbergen, da bin ich ganz sicher. Aber was und wie kriegen wir das raus?“, fragte Joska und sah seinen Kollegen herausfordernd an. „Wen außer den Familienmitgliedern könnten wir noch befragen? Edith Bockmeyer hat ja anscheinend sehr zurückgezogen gelebt, hatte keinerlei Kontakt zu irgendwem - außer zu ihrem Arzt, aber der konnte uns ja auch nichts weiter sagen. Es ist zum Verrücktwerden!“
„Und selbst wenn das Labor herausfinden sollte, dass in einer der Flaschen das Gift drin war, hilft uns das auch nicht viel weiter. Außer sie finden noch andere Fingerabdrücke auf den Flaschen als die der alten Bockmeyer, aber daran glaub ich nicht“, seufzte auch Sascha und beide verfielen in grüblerisches Schweigen. Da hinein platzte ausgerechnet ihre Chefin.
„Was ist denn mit euch los? Ihr seht ziemlich niedergeschlagen aus! Der Fall aus Ottenbach?“, fragte sie und setzte sich zu ihnen.
„Jap!“, sagte Joska und setzte seine Vorgesetzte schnell in Kenntnis der momentanen Lage. „Alle Familienmitglieder haben wir befragt und keiner will es gewesen sein und keiner weiß was. Wenn auf den Flaschen keine weiteren Fingerabdrücke drauf sind, weiß ich gerade auch nicht, wie wir da weiterkommen sollen!“, bekannte Joska und seufzte vernehmlich.
„Dann wartet doch erstmal dieses Ergebnis ab. Vielleicht ergibt sich daraus dann eine erste Spur. Falls nicht, solltet ihr mal in der Vergangenheit von Edith Bockmeyer nachforschen. Vielleicht findet ihr da ein Motiv für den Mord. Bevor wir nicht alles versucht haben, lege ich den Fall nicht als Selbstmord zu den Akten!“, bestimmte die Chefin und ließ ihre beiden jungen Kollegen wieder alleine.
„Nachforschungen in die Vergangenheit - das ist doch dein Metier, Sascha“, sagte Joska hoffnungsvoll, denn dazu hatte er überhaupt keine Lust. „Ich höre mich in der Gegenwart bei den Ottenbachern noch ein bisschen um. Mit irgendjemandem muss die Frau doch Kontakt gehabt haben!“
„Guter Plan, ich klemm mich gleich dahinter. Du fährst auch gleich nach Ottenbach?“
„Nein, ich gehe erst nochmal meine Fortbildungsunterlagen durch. Zur Mittagspause fahre ich dann nach Hause zu Noras Familie zum Essen und danach versuche ich was rauszufinden“, entschied Joska und ging nicht ganz so schwungvoll wie sonst in sein Büro. Eigentlich hatte er heute keinen Elan mehr zum Lernen, aber er musste! Die Prüfungen standen bald an und wegen des neuen Falls würde er noch weniger Zeit zum Büffeln haben. Seufzend setzte er sich an seinen Schreibtisch, jedoch nicht ohne sich vorher bei Lola einen Kaffee bestellt zu haben.
7
Die sechsundzwanzigjährige Messermacherin Nora Angerer hatte sich sehr gefreut, als ihre Mutter verkündet hatte, dass ihr Freund Joska heute mit ihnen zu Mittag essen würde. Delfina Angerer kochte jeden Mittag für die ganze Familie und so saßen sie nun zu sechst in der großen Küche des alten Wohnhauses von Noras Großeltern, in dem sich auch die Messerwerkstatt befand. Nach deren Tod war nun nur noch die Werkstatt in dem Einfamilienhaus, wohnen wollte darin momentan noch niemand. Nora und ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Felix und seine kleine Tochter wohnten lieber noch bei ihren Eltern auf dem Hof, denn keiner von beiden hatte Lust, in dem Haus zu wohnen, in dem sich auch die Firma befand. Wer da wohnte, hatte auch die meiste Arbeit mit allem, da waren sie sich einig. Es war dann bestimmt schwer, Arbeit und Privates zu trennen. Man hatte aus Sicherheitsgründen eine stabile Tresortüre in einen der Kellerräume eingebaut, wo die wertvollsten Materialien und Messer gelagert wurden. Als das Haus noch bewohnt und ein Hund da war, hatten sich die Angerers noch sicher gefühlt. Aber jetzt stand das Haus nach Feierabend, nachts und an den Wochenenden leer und deshalb hatte man auch noch eine Alarmanlage installieren müssen. Leider hatte es in der letzten Zeit immer mal wieder Einbrüche im beschaulichen Ottenbach gegeben - die angebliche „Heile Welt“ bekam auch hier erste Risse.
„Da es sich im Dorf ja wahrscheinlich eh schon rumgesprochen hat, dass die Edith Bockmeyer gestorben ist, kann ich mit euch ja drüber reden“, fing Joska nach dem Essen an. „Ach ja, Delfina - dein Essen war wieder wunderbar, wie immer! Danke, dass ich so kurzfristig noch was abgekriegt hab!“, fügte er noch schnell hinzu, da er wusste, wie sehr sich seine Schwiegermutter in spe über ein Kompliment freute. Der inzwischen Dreißigjährige staunte immer wieder über die aus Portugal stammende Delfina. Mit ihren vierundfünfzig Jahren, ihren pechschwarzen langen, gewellten Haaren und ihren weiblichen Kurven war sie auch heute noch sehr attraktiv. Besonders auffallend waren ihre stahlblauen Augen mit den dichten Wimpern, ihr herzförmiger Mund und die leicht aufstrebende kleine Nase. Die letzten beiden Eigenschaften hatte sie an ihre Tochter weitergegeben, auch die Dichte der Haare, jedoch nicht ihre Farbe - Nora hatte lange, feuerrote Locken, wunderschöne, moosgrüne Augen und jede Menge Sommersprossen, die Joska besonders an ihr liebte.
„Danke dir, Joska! Ich freue mich doch immer, wenn du mal ein bisschen Zeit für uns hast! Wir wohnen zwar im selben Haus, aber wir sehen uns viel zu selten und wenn, dann nur kurz“, seufzte die rassige Mittfünfzigerin, die ihre portugiesischen Wurzeln nicht verleugnen konnte. Familie war für sie das Wichtigste und sie hielt mit ihrer mütterlichen Art alles zusammen.
„Das stimmt wohl, aber was will man machen?“, entgegnete Joska und schaute dennoch schuldbewusst drein. Nora ging darauf jedoch nicht ein, sie interessierte natürlich etwas ganz anderes.
„Warum ist der Fall Bockmeyer auf eurem Tisch gelandet?“
„Ach Noralein ...“, fing ihr Freund aufseufzend an, doch seine Freundin beantwortete sich ihre Frage gleich selbst:
„Das darfst du mir aus ermittlungstechnischen Gründen nicht sagen, ja ... ja ... ich weiß! Tut mir leid, dass ich überhaupt gefragt hab“, schnappte sie und war nicht sauer auf Joska, sondern auf sich selbst. Nach inzwischen vier Kriminalfällen, in die sie jedesMal irgendwie verwickelt gewesen war, sollte sie doch wissen, wie der Hase lief. Ihr Mundwerk war halt wie so oft mal wieder schneller gewesen als ihr Verstand. „Du weißt doch, wie das läuft Nora. Allerdings ist es im Fall Bockmeyer noch nicht erwiesen, ob es Mord oder Selbstmord war und genau das müssen wir jetzt herausfinden. Dafür werde ich mich hier im Ort umhören und da kann ich ja auch gleich mit euch anfangen, wenn ihr kurz Zeit dafür hättet?“, meinte Joska und schaute die Messermacher nacheinander an: Noras Vater, den Firmenchef Jakob Angerer, der inzwischen eigentlich schon in Rente gehen könnte, sein zehn Jahre jüngerer Bruder Tobias und Noras Bruder Felix, der mit seinen vierundzwanzig Jahren bereits Vater war. Seine kleine Tochter Malina war gerade in der Obhut seiner Freundin, die momentan Semesterferien hatte.
„Du kannst uns gerne während der Arbeit befragen, Joska. Wir müssen für die nächste Messe noch einiges fertigmachen und sollten gleich wieder an die Arbeit“, bestimmte das Familienoberhaupt und ohne zu murren begaben sich alle wieder in die Werkstatt, deren Räume direkt neben dem Wohnbereich waren. Die familiäre Atmosphäre gefiel den Kunden immer sehr gut, wurden die Gespräche und die Präsentationen der Messer doch im gemütlichen Wohnzimmer abgehalten.
„Also, dann legen wir mal mit der Befragung los!“, verkündete der junge Kommissar und setzte sich auf einen kleinen Hocker neben Noras Arbeitsplatz. „Kanntet ihr die Edith Bockmeyer?“
„Nein“, kam es einstimmig, was Joska sofort entmutigte. Dennoch fragte er weiter:
„Und den Rest der Bockmeyers?“
„Wer ist das denn alles? Ich kenne nur den Harald und den Hugo“, sagte Nora und nun keimte doch Hoffnung in ihrem Freund auf. Joska wollte natürlich nicht, dass seine Freundin schon wieder in einen seiner Fälle verwickelt wurde. Aber wenn sie Informationen darüber hatte, musste er sie sich zumindest anhören.
„Fangen wir mit Harald an. Den kennst du also - woher?“, fragte er in polizeilichem Interesse und versuchte zu verhindern, dass sich seine private, eifersüchtige Neugier allzu offensichtlich zeigte.
„Vom Gassigehen und den Hugo auch, der steht immer an der Bushaltestelle“, knurrte Nora beinahe, denn ihr war der argwöhnische Unterton natürlich nicht entgangen.
„Ach ja, der Harald hat ja auch einen Hund. Wo ist eigentlich dein Hasso?“, wollte Joska nun wissen, denn er hatte den großen Schäferhund heute noch gar nicht gesehen.
„Der liegt leidend in seinem Korb“, sagte Nora lächelnd, was Joska sehr verwirrte. Wie konnte sie lächeln, wenn es Hasso so schlecht ging? Nora musste seine Gedanken wohl gelesen haben, denn sie fügte immer noch grinsend hinzu: „Die Nachbarshündin ist läufig.“
„Oh je, der Arme! Jetzt frisst er wieder tagelang nix. Irgendwie isses schon Tierquälerei, wenn man die Hunde nicht kastriert. Wie würden wir Männer uns fühlen, wenn wir unsere Triebe nicht ausleben dürften?“, fragte Joska in die Runde der Herren, erwartete aber keine Antwort. „Zurück zu unserem Fall: Was weißt du über Harald und seine Familie, Nora?“
„Eigentlich nicht viel. Er hat mir nur letztens von seinen Tieren erzählt und dass es denen nicht gut geht. Seine Katze ist auch verschwunden. Über andere Themen haben wir nicht gesprochen. Wir reden immer nur über die Tiere, wenn wir uns zufällig beim Gassigehen begegnen“, konnte sich Nora nicht verkneifen, nochmals zu betonen.
„Schon gut Nora, ich glaube dir ja“, sagte Joska nun doch etwas genervt. „Die anderen Bockmeyers kennt ihr also nicht?“
„Nein, das heißt ... die Tochter ... Linda heißt sie, richtig?“, hakte Delfina nach und Joska nickte. „Die hab ich beim letzten Treffen der Landfrauen gesehen, glaub ich. Mit ihr gesprochen hab ich allerdings nicht. Ihre ganze Erscheinung hat mich irgendwie ... wie soll ich sagen? ... eingeschüchtert - das trifft es wohl am Besten“, sinnierte Delfina, die sich im Nachhinein auch nicht erklären konnte, warum das so war. Diese zwar deutlich jüngere Frau hatte ihr durch ihre Größe, ihre bäuerliche, etwas schmuddelige Kleidung und die stechend hellgrünen Augen sogar ein wenig Angst eingeflößt. Joska konnte das nachvollziehen, würde es aber hier nicht zugeben.
„Einen besonders liebreizenden Eindruck macht die Dame tatsächlich nicht, aber das soll ja nichts heißen, nicht wahr? Nach Äußerlichkeiten darf ich gar nichts bewerten - ich brauche Beweise und damit sieht es momentan sehr düster aus“, jammerte der junge Kommissar und raufte sich die Haare.
„Jetzt weißt du doch immerhin, dass sie bei den Landfrauen dabei ist. Quatsch doch mal mit denen“, schlug Nora vor und Joska schüttelte über sich selbst den Kopf - darauf hätte er ja auch selber kommen können.
„Natürlich spreche ich mit den Landfrauen. Wann ist das nächste Treffen der Ottenbacherinnen?“, fragte er an Delfina gewandt, die sogleich ihr Smartphone zu Rate zog.
„Du hast Glück, mein Lieber. Morgen ist der Kaffeenachmittag mit Vortrag im Gasthaus Buchs. Da werden zwar nur Frauen sein, aber da hast du wahrscheinlich den Großteil unserer Ortsgruppe beieinander. Allerdings weiß ich nicht, ob Linda auch da sein wird. Du kannst die anderen ja schlecht befragen, wenn sie danebensitzt“, stellte Delfina fest.
„Das werde ich dann wohl drauf ankommen lassen müssen. Falls sie doch da ist, merkt sie jedenfalls, dass wir in alle Richtungen recherchieren, und sollte sie doch etwas mit dem Tod ihrer Adoptivmutter zu tun haben, wird sie mein Erscheinen hoffentlich nervös machen“, sagte Joska und erhob sich von seinem Hocker. Er gab Nora einen flüchtigen Kuss und wollte sich gerade von den Messermachern verabschieden, als Felix noch etwas fragte.
„Ich hab vorhin in den Nachrichten gehört, dass die ersten Messen wegen dem Corona-Virus abgesagt werden. Ich kann mir vorstellen, dass das dann seine Kreise zieht und auch unsere in zwei Wochen gestrichen wird. Meint ihr nicht auch?“
„Bis jetzt gibt es noch nichts Offizielles, aber wenn ich ehrlich sein soll, hab ich mir bereits schon selbst darüber Gedanken gemacht und bin versucht, die Messe von uns aus abzusagen. Der Gedanke an diese ganzen Menschenmassen ist mir jetzt schon unangenehm“, sagte das Familienoberhaupt, worauf ihm alle zustimmen mussten. Wenn sich das Virus wirklich so schnell ausbreitete, war es sicher ein guter Weg, das mit allen Mitteln zu verlangsamen.
„Ich hab gestern auch schon auf allen möglichen Kanälen recherchiert und mir einige Talkrunden angeschaut. Leider gehen die Meinungen der Experten bei einigen Fakten ziemlich auseinander, was das Ganze nicht einfacher macht. In der Haut der Politiker möchte ich jetzt nicht stecken! Wem sollen sie glauben und welche Entscheidungen sind die richtigen?“, vermeldete Nora, die das ganze Ausmaß dieser Krise bisher noch nicht hatte wahrhaben wollen.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.