Kitabı oku: «Die Messermacher»

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Impressum
Petra Mehnert, »Die Messermacher«
2. Auflage
www.edition-winterwork
© 2020 edition-winterwork
Alle Rechte vorbehalten
Satz: Petra Mehnert
Umschlaggestaltung und Foto: Robin Mehnert
Druck/E-BOOK: winterwork Borsdorf
ISBN Print 978-3-96014-763-3
ISBN E-BOOK 978-3-96014-795-4
Die Messermacher
Ein Regionalkrimi aus dem "Tal der Liebe"
Petra Mehnert
edition winterwork
Prolog
Er kauerte wimmernd in der Ecke seines kleinen Schlafzimmers und starrte unverwandt auf das blutverschmierte Messer. Seine Hand zitterte unkontrolliert, als wäre sie ferngesteuert.
Was hatte er nur getan?
Vor ihm lag in einer sich immer weiter ausbreitenden Blutlache ein älterer Mann, mit weißem, längerem Haar, das in wirren Strähnen die Hälfte seines Gesichtes verdeckte. Der Mund halb geöffnet, das eine Auge starr und weit aufgerissen, als könne er selbst noch im Tod nicht glauben, was gerade geschehen war. Der hölzerne Griff eines Messers ragte ihm aus der Brust und es sah aus, als wäre er mit der weiß behaarten Brust verwachsen. Nur das inzwischen kleine Rinnsal aus Blut zeugte davon, dass dieser Mann vor ein paar Minuten noch gelebt hatte. Aber sein Herz hatte aufgehört zu schlagen und der Körper, der zwar alt, doch noch gesund und durchtrainiert gewesen war, hatte seine Funktionen eingestellt.
Der deutlich jüngere Mann zitterte immer noch – wie in
Trance saß er da und wiegte sich vor und zurück – vor und zurück. Er konnte nicht damit aufhören und wusste längst nicht mehr, wie lange er schon so dasaß. Seine langen pechschwarzen Haare hingen genauso schlaff herab, wie er sich fühlte. Er war heute noch nicht einmal dazu gekommen, seinen obligatorischen Zopf zu flechten. Hätte er in diesem Augenblick in den Spiegel geschaut – ihm hätten zwei stahlblaue Augen entgegengeblickt, aus denen jede Lebensfreude gewichen war. Sein sonst vor Energie strotzender Körper war nur noch eine kraftlose Masse, als hätte man aus ihm den Stecker gezogen. Nun war er nur noch eine leblose Marionette. Es schien ihm, als sei es schon Jahre her, dass er sich mit seinem Freund gestritten hatte. Worum war es eigentlich gegangen bei diesem ersten handfesten Streit? Nur ein einziger Moment in einem Leben konnte alles verändern.
1
Im abgelegenen Örtchen Ottenbach, im „Tal der Liebe“ am Fuße des Kaiserberges Hohenstaufen, schien die Welt an diesem sommerlichen Junitag noch in Ordnung. Doch war dieser Schein der „heilen Welt“ nicht allzu trügerisch?
„Oma! Opa! Nun macht doch endlich auf!“, jammerte Nora, denn die zierliche Achtzehnjährige hatte wie üblich ihren Werkstattschlüssel nicht dabei. Sie war zwar als quirlige Frühaufsteherin stets die Erste, die im großelterlichen Messermacher-Betrieb an der Werkbank oder am Computer saß, doch ihre Großeltern waren immer schon wach und schlossen jeden Tag die Wohnungstüre auf, denn die Werkstatt befand sich in einem Anbau gleich neben dem Wohnzimmer. Normalerweise trudelten dann nacheinander Noras sechsundfünfzigjähriger Vater Jakob, dessen zehn Jahre jüngerer Bruder Tobias und schließlich, meist erst gegen zehn Uhr, die gemeinsame Schwester Marianne ein. Mit ihren vierzig Jahren war Marianne immer noch überzeugter Single und kostete das mit einem ausschweifenden Lebensstil auch weidlich aus. Als Nachtmensch schaffte sie es einfach nicht, wie die anderen Familienmitglieder um sieben Uhr in der Firma anzutanzen. Seit ein paar Monaten hatte die Familie nun für das jüngste Mitglied, Noras sechzehnjährigen Bruder Felix, auch einen Ausbildungsplatz eingerichtet, was in der doch recht kleinen Werkstatt zu einigen Umräum- und Erweiterungsaktionen geführt hatte. Delfina, Jakobs Frau und die Mutter von Nora und Felix, kümmerte sich stundenweise um das Büro und so war das Familienunternehmen komplett. Die gute Auftragslage ermöglichte es, allen Angehörigen der Familie Angerer ein Auskommen zu sichern. Die Großeltern Reno und Adele, beide vierundsiebzig, führten die Firma immer noch mit strenger Hand und waren bisher nicht dazu bereit, dies in die Hände ihrer Kinder zu legen. Was zumindest einem Familienmitglied immer weniger behagte.
An diesem Montagmorgen wunderte sich Nora sehr, dass die Wohnungstüre verschlossen blieb. Ob Opa mal wieder eine anstrengende Nacht hinter sich hatte? Seit seine Frau an Lungenkrebs erkrankt war (Nora hatte auf so was nur gewartet, denn ihre Oma rauchte schon immer sehr viel), musste Reno des Öfteren nachts aufstehen und seiner Frau auf die Toilette helfen. Adele war schon seit Wochen zu schwach, um dies alleine zu tun. Das Atmen fiel ihr zusehends schwerer und ihr Kreislauf spielte oft verrückt, da sie meist den ganzen Tag nur noch im Bett lag.
„Wahrscheinlich schnarcht Opa noch und Oma schläft ja morgens immer so fest, dass sie kaum wach zu kriegen ist. Jetzt muss ich halt warten, bis Papa kommt“, murmelte Nora und setzte sich in den Pavillon des großen Gartens. Wer wohl in diesem Jahr die Pflege des Grundstücks übernehmen würde, wo die Oma doch so krank war? Nora erinnerte sich noch gut an den letzten Frühling, als ihre Großmutter wieder viele herrliche Blumenbeete und große steinerne Blumentröge mit den schönsten Blumen arrangiert hatte. Seit die hohe Hecke entfernt werden musste, weil sie total morsch geworden war, konnten auch die vorbeigehenden Spaziergänger den tollen Garten der Angerers bewundern. Einerseits hatte sich Adele geschmeichelt gefühlt, wenn die Leute staunend stehen geblieben waren, aber andererseits hätte sie nun gerne wieder mehr Privatsphäre gehabt, so wie früher, als die hohe Hecke ihr Anwesen vor neugierigen Blicken bewahrt hatte. Es würde noch sehr lange dauern, bis die neu gesetzten Pflanzen wieder als Sichtschutz fungieren konnten.
Ausgerechnet heute verspätete sich Noras Vater und er kam gemeinsam mit seinem Bruder und Felix mit den Mofas angeknattert. Seit sie auf einen außerhalb des Ortes gelegenen Bauernhof gezogen waren, konnten sie aus Zeit- und Fitnessgründen nicht mehr mit den Fahrrädern zur Arbeit fahren. Die Nachbarn waren zwar über den frühmorgendlichen Lärm nicht erfreut, mussten das aber hinnehmen – es blieb ihnen nichts anderes übrig.
„Was ist denn mit dir los, Nora? Warum gehst du nicht rein? Hast du mal wieder Streit mit Oma?“, fragte ihr Vater mitfühlend, denn seine Mutter konnte manchmal sehr ungemütlich werden.
„Die Tür ist noch zu und Oma und Opa hören mich nicht.
Du weißt doch, dass ich nie einen Schlüssel dabei hab – bisher brauchte ich ihn ja auch nicht“, rechtfertigte sich Nora und stapfte dann hinter ihrem Vater her. Eigentlich wäre sie bei diesem herrlichen Sommerwetter lieber draußen im Garten geblieben, aber leider kannte ihre Familie, was die Arbeitszeiten anging, kein Pardon. Nur in ganz seltenen Ausnahmefällen durfte jemand mal später kommen oder früher gehen. Allein ihre Tante Marianne hatte es durchgesetzt, dass sie erst um zehn Uhr anfangen durfte. Sonst hätte sie gekündigt und das wollte die Familie dann doch nicht, denn Marianne war eine hervorragende Designerin von Messerformen und –griffen, die keiner missen wollte. Und Marianne wusste das.
Nachdem Jakob aufgesperrt hatte, drängte sich Nora an ihm vorbei, und während sie die Treppe nach oben zu den Schlafzimmern hinaufstürmte, rief sie:
„Oma! Opa! Was ist los, ihr Schlafmützen?“
Sie erhielt keine Antwort und so blieb sie vor dem Schlafzimmer ihres Großvaters ratlos stehen. Da ihr Opa so schrecklich schnarchte und seit Oma so krank war, schliefen sie in getrennten Zimmern. Einfach reinplatzen wollte das Mädchen aber doch nicht und so klopfte sie energisch an die Türe. Es kam aber immer noch keinerlei Reaktion. Kopfschüttelnd stand sie nun da, als ihr Vater ihr zurief:
„Lass sie doch schlafen, Nora. Wahrscheinlich hatten sie wieder eine anstrengende Nacht. Reno wird schon runter kommen, wenn ihn der Hunger plagt. Du weißt doch, wie ihm morgens immer der Magen knurrt.“
„O.k., wenn du meinst …“, murrte Nora, denn das bedeutete, dass sie nun an die Arbeit musste. Gerne hätte sie ihren geliebten Opa geweckt und dann mit ihm gefrühstückt. Enttäuscht drehte sich Nora um und schlich nun die Stufen vorsichtig hinunter, denn jetzt wollte sie doch, dass sich ihr Opa mal so richtig ausschlafen konnte. Seine Frau hielt ihn seit ihrer Krankheit ganz schön auf Trab, manchmal tat Nora ihr ruhiger und sensibler Opa richtig leid. Er war so ein lieber Mensch und er versuchte alles, um seiner armen Frau in ihrer schweren Krankheit beizustehen. Nora tat sich da schon etwas schwerer, denn ihre Oma war eine sehr herrschsüchtige Frau und vor allem in Firmendingen war nicht mit ihr zu spaßen.
Wie jeden Tag war es zunächst still in der Werkstatt – jeder hatte seinen eigenen Arbeitsplatz mit Blick auf den schönen Hohenstaufen. Wegen dieses Ausblicks wurden sie oft beneidet, denn wer nach Ottenbach zog, wollte, wenn möglich, diese wunderschöne Aussicht genießen können. Der kegelförmige Berg, um dessen grüne Haube sich eine kleine Ortschaft wie ein Kranz wand, sah zu jeder Jahreszeit sehr schön aus. Täglich zeigte er sich in anderen Farben und Schattierungen.
Trotz des wunderbaren Ausblicks, den sich die Handwerker zur Erholung ihrer angestrengten Augen immer wieder gönnten, konzentrierten sich die Angerers voll auf ihre Werkstücke. Jeder hatte ein Spezialgebiet, um das er sich vermehrt kümmerte, doch bei manchen Arbeitsschritten arbeiteten sie auch Hand in Hand. Es dauerte aber meist nicht lange, bis einer von ihnen irgendein Thema aufgriff, das ihn gerade besonders interessierte oder das momentan im Radio zu hören war. Solange die Seniorchefs nicht in der Werkstatt waren, wurde ein Sender eingeschaltet, auf dem viele Oldies liefen. Die Älteren liebten die alten Songs und so wurden auch die Jüngeren in diese Musik eingeführt und ständig nach den Interpreten ausgefragt. Inzwischen kannten sich Nora und Felix bestens mit den Hits ab den 50er Jahren aus. Wenn die Großeltern in der Firma waren, musste sofort auf den Klassiksender umgeschaltet werden, was der Rest der Familie zwar schon oft zu verhindern versucht hatte, aber immer an der Macht Adeles gescheitert war. Seit ihrer Krankheit war sie allerdings nicht mehr so oft in der Werkstatt und mit Reno konnte man reden. Dem hatten sie inzwischen ihren Lieblingssender auch schmackhaft gemacht.
Momentan beschäftigte sich Nora mit dem Thema Umweltschutz. Eigentlich wissen die Menschen doch, dass es höchste Zeit ist, etwas Gravierendes zu unternehmen, doch keiner will damit anfangen. Wer möchte schon von sich aus auf die liebgewonnenen Annehmlichkeiten verzichten, wenn es der Nachbar auch nicht tut? Wer lässt freiwillig sein Auto stehen, spart Strom oder vermeidet unnötige Verpackungen? Wer denkt schon genauer darüber nach?
Auch hier in der modern mit Holz und Edelstahl eingerichteten Messerwerkstatt wurde nun heftig über dieses Thema diskutiert und darüber verging die Zeit des eintönigen Arbeitens wie im Flug. Nebenbei hatte Nora noch eine Kanne Kaffee gekocht und jedem in seiner Lieblingstasse den dampfenden Muntermacher auf den Arbeitsplatz gestellt. Das mit den Tassen war eine Marotte der Angerers – aus jedem Urlaub brachten sie als Andenken welche mit und Nora kaufte immer wieder besonders schöne oder ausgefallene Tee- oder Kaffeetassen. Inzwischen war dafür sogar eine eigene Vitrine angeschafft worden. Eine weitere Eigenart Noras, die ihren Vater jeden Tag aufs Neue den Kopf schütteln ließ, war, dass sie in ihren Kaffee stets fünf Stück Würfelzucker warf – allerdings ohne umzurühren. Auf die Frage hin, warum sie nicht umrühre, antwortete sie, das wäre ihr dann zu süß. Was sollte man dazu noch sagen?
Es dauerte an diesem Tage noch über eine Stunde, bis Felix endlich auffiel, dass es im oberen Stockwerk immer noch so ruhig war.
„Immer noch nichts zu hören, da oben. Sogar unser Firmenwachhund Moritz hat noch keinen Mucks von sich gegeben“, stellte Felix fest, doch seine Schwester konterte sofort:
„Der Moritz ist doch stocktaub. Wenn die Schlafzimmertür von Opa geschlossen ist, hört der uns hier unten garantiert nicht.“
„Ich glaub, der will nur nicht hören und stellt sich taub. Aber komisch ist das schon“, meinte Felix dann mit einem seltsamen Gefühl im Bauch. Irgendwas stimmte hier nicht – ganz und gar nicht. Er stand auf und mit einem Kopfnicken gab ihm sein Vater zu verstehen, dass es nun in Ordnung war, wenn er nach seinen Großeltern sah. Doch Nora sprang ebenfalls auf und rief ihrem Bruder zu:
„Ich weck Opa!“, und schon war sie zur Tür hinaus und bereits auf der Treppe, als Felix sie einholte. Er hatte mal wieder zuerst seine fast in den Kniekehlen sitzende Jeans hochziehen müssen, die ihm trotz Gürtel immer wieder über seine mageren Hüften rutschte. Jedes Mal, wenn er das tat, schüttelten die erwachsenen Mitglieder seiner Familie über diese unmögliche neue Mode verständnislos die Köpfe. Die Jungs sollten sich mal von hinten sehen – sie sahen aus, als hätten sie die Hosen voll! Und das Treppensteigen ging auch nicht so einfach, sodass Felix hinter seiner Schwester herstolperte.
„Das ist unfair, Nora! Warum muss ich nach Oma gucken?
Seit sie krank ist, ist sie mir noch unheimlicher“, raunte Felix seiner Schwester zu, doch ihr Blick duldete keinen Widerspruch. Wenn es um ihren Opa ging, war sie gnadenlos und außerdem mochte Oma ihren kleinen Felix wesentlich lieber als ihre Enkelin. Also war es nur gerecht, dass Felix nun nach ihr schauen musste. Wieder klopfte Nora zuerst vorsichtig, und als keine Antwort kam, etwas energischer an die Schlafzimmertüre ihres Großvaters. Felix war an ihr vorbei und den Gang hinunter gegangen, um an der letzten Türe zu klopfen. Auch er bekam keine Antwort und die Geschwister sahen sich fragend an. Sollten sie einfach so hineingehen? Würde das im Falle der Großmutter nicht ein mächtiges Donnerwetter geben? Die beiden jungen Leute nickten sich zu und gemeinsam drückten sie die jeweilige Türe auf. Da die Großeltern die Angewohnheit hatten, in völliger Dunkelheit zu schlafen, sahen die Geschwister zunächst nichts. Erst als sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse des einfallenden Flurlichtes gewöhnt hatten, konnten sie die Umrisse der Zimmer und schließlich auch die Betten erkennen. Fast gleichzeitig stießen sie einen lauten Entsetzensschrei aus, wobei der von Felix wegen seines Stimmbruchs sofort überschlug und nur noch ein heißeres Krächzen übrig blieb. Während Nora unmittelbar darauf zurück auf den Flur gelaufen kam und dabei rief:
„Opa ist weg!“, rührte sich Felix nicht von der Stelle. Wie erstarrt hielt er immer noch die eiskalte und steife Hand seiner Oma fest, als wäre er an ihr festgefroren.
„Was ist mit Oma?“, fragte Nora, während sie durch den Flur schlitterte. Beinahe wäre sie auf einem der vielen kleinen Teppichläufer ausgerutscht, die ihre Oma im ganzen Haus liegen hatte.
„Ist Oma da?“, wollte Nora wissen, bevor sie überhaupt ganz im Zimmer war. Als sie dann ihre Oma schemenhaft im Bett liegen sah, raunzte sie ihren Bruder an:
„Warum schreist du denn so? Oma ist doch da, nur der Opa ist weg!“ Mit diesen Worten schubste sie ihren Bruder unsanft zur Seite, wobei der die Hand seiner Oma loslassen musste und diese dann kraftlos aus dem Bett rutschte. Nora achtete gar nicht darauf, sondern umrundete das Bett und schaute nach, ob ihr Opa neben seiner Frau kuschelte. Sie machte das ganz automatisch, ohne darüber nachzudenken, dass das Krankenbett doch viel zu schmal war, um zu zweit darin liegen zu können. Erst als sie sich davon überzeugt hatte, dass ihre Oma alleine in ihrem Bett lag und anscheinend immer noch schlief, flüsterte sie ihrem Bruder zu:
„Lass Oma schlafen und hilf mir lieber, Opa zu suchen.
Vielleicht musste er kurz weg oder er hat bei dem tollen Wetter einen ausgedehnten Gassigang mit Moritz gemacht.“
„Er würde Oma doch nie alleine lassen, bevor wir in die Werkstatt kommen und für einen längeren Spaziergang ist der arme Moritz doch schon zu alt. Immerhin muss Opa seit über einer Stunde weg sein“, stellte Felix klar und ergänzte noch murmelnd: „Da stimmt was nicht und außerdem ist Oma tot, glaub ich.“
„WAS!“, schrie Nora auf. „Was redest du da für einen Blödsinn?“ Doch nach einem Blick in Felix entsetztes Gesicht drehte sie sich zu ihrer Oma um und sah einen Arm leblos von der Bettkante hängen.
„Oh, mein Gott“, flüsterte sie und ging ganz langsam näher heran. Sie war blass geworden und ihre Sommersprossen traten noch kräftiger hervor. Um sich davon zu überzeugen, dass ihr Bruder Unrecht hatte, musste sie ihre Großmutter anfassen. Zögernd näherte sie ihre Hand dem Arm von Adele, doch kurz vor einer Berührung zog sie sie wieder zurück.
Nein! Sie konnte das nicht!
Brüsk drehte sie sich um, rannte im Hinausstürmen ihren Bruder beinahe um und stürmte hinunter in die Werkstatt.
„Papa! Tobias! Opa ist weg und mit Oma stimmt was nicht! Felix sagt, sie ist tot!“, kreischte Nora hysterisch und zog ihren Vater vom Stuhl hoch. Der kapierte zunächst gar nichts, ließ sich aber mit nach oben ziehen, gefolgt von seinem ratlos dreinblickenden Bruder. Felix hatte es inzwischen über sich gebracht und das Licht im Schlafzimmer seiner Großmutter eingeschaltet. Nach einem Blick in das bleiche Gesicht und die ausdruckslosen Augen war er sich sicher, dass seine arme, kranke Großmutter in dieser Nacht gestorben sein musste. Nacheinander betraten nun die anderen den kleinen Raum, der trotz der morgendlichen Kühle recht stickig war. Auch Jakob und Tobias brauchten ihre Mutter nicht anzufassen, um zu wissen, dass sie nicht mehr lebte. Nun hatte es der Krebs also doch schneller geschafft, die kranke Lunge dieser Frau zu zerstören, als es die Ärzte vorhergesagt hatten. Vielleicht war es besser so, nun würde ihre Mutter nicht mehr leiden müssen, und hatte hoffentlich friedlich einschlafen dürfen.
„Sie ist wirklich tot, oder Papa?“, fragte Felix leise und sein Vater nickte nur. Er ging auf seine Mutter zu, schloss mit einer sanften Bewegung ihre Augen und legte die Hände gefaltet auf ihren Bauch. Dann nahm er seine Kinder in den Arm, während sein Bruder ihm von hinten die Hand auf die Schulter legte. Traurig schauten sie in das etwas verzerrte Gesicht der Frau, die zeit ihres Lebens für die Familie und die Firma da gewesen war. Was würde nun werden, ohne das eigentliche Familienoberhaupt? Denn dass Reno der Chef war, wurde nur nach außen hin so dargestellt, die wirkliche Chefin war Adele. Geschäftstüchtig, herrisch, aber auch fürsorglich war sie gewesen. Aufgeopfert hatte sie sich für ihre Familie und nun war sie tot.
„Warum hat sie auch immer so viel gequalmt?“, entfuhr es nun Nora, denn irgendwie brauchte sie einen Schuldigen für den tragischen Tod ihrer Großmutter.
„Es bekommen auch Menschen, die nie geraucht haben, Lungenkrebs. Es muss nicht unbedingt nur am Rauchen gelegen haben. Aber die wichtigere Frage ist doch nun: Wo ist Reno?“, fragte Jakob in die Runde und sah dabei nur in ratlose Gesichter.
„Vielleicht hat ihn der Tod von Oma so erschüttert, dass er einfach erst mal allein sein musste, und er ist ohne Nachricht zu hinterlassen, aus dem Haus gestürmt“, mutmaßte Tobias und kramte dabei sein Handy aus der Tasche. „Vielleicht hat er sein neues Smartphone mitgenommen?“
2
Ich kauerte immer noch zitternd neben ihm, als es in seiner Hosentasche klingelte. Der laute Klingelton erschreckte mich so sehr, dass ich panisch aufsprang und dabei in seiner Blutlache ausrutschte. Ich konnte es nicht verhindern und knallte mit meinem ganzen Gewicht auf seinen Arm, der auf einem Stapel Bücher gelegen hatte. Es gab ein fürchterliches, knackendes Geräusch, als ich ihm den Arm brach. Das blöde Handy bimmelte immer noch mit diesem altmodischen Klingelton und mir wurde schlecht. Bevor ich mich aufrappeln konnte, übergab ich mich neben den Toten. Meine langen Haare, die ich heute noch nicht zusammengebunden hatte, hingen mir ins Gesicht und in die eklige Pfütze, ich strich sie nur angewidert zurück. Benommen und mit immer noch zitternden Fingern fischte ich nach dem Telefon und schaute auf das Display. „Anruf von Tobias“ stand da und ich warf es in hohem Bogen weg, als wäre es giftig. Leider machte das diesem modernen und anscheinend recht robusten Ding nichts aus, denn es klingelte munter weiter. Wütend warf ich ein Buch danach und als es nicht aufhören wollte, noch eins und noch eins … bis es endlich still war und ich mich wieder darauf konzentrieren konnte nachzudenken, was ich jetzt tun sollte! Ich musste den Leichnam irgendwie loswerden, aber wie, wann und wo? Wie lange es wohl dauern würde, bis der tote Körper steif wurde? Dann würde es sicher noch viel schwerer werden, ihn zu entsorgen. Ob ich ihn wohl schon mal irgendwie zusammenfalten sollte? Allein schon der Gedanke daran ließ mir die Knie weich werden und mein Magen rebellierte schon wieder. Wie sollte ich das nur alles durchstehen? Aber ich hatte niemanden, dem ich mich anvertrauen konnte. Keinem stand ich so nahe, dass ich ihm in einer solchen Situation vertrauen konnte. Wenn man es genau nahm, lag der einzige Mensch, mit dem ich befreundet war, nun tot vor mir! Ich war jetzt wirklich ganz alleine mit mir und meiner schrecklichen und sinnlosen Tat!
Warum hatte das nur alles so kommen müssen? Wir waren doch bis vor kurzem noch so glücklich gewesen. Reno kam mindestens einmal im Monat unter einem geschäftlichen Vorwand zu mir in meine kleine Werkstatt. Früher hatten wir uns jeden Tag sehen können, als Reno noch hier im Osten wohnte und bei seinem Vater arbeitete. In der Berufsschule, in der Reno und mein Vater das Messermacher-Handwerk lernten, freundeten sich die beiden an und Reno kannte mich schon als Baby, denn mein Vater war erst achtzehn, als seine damalige Freundin mit mir schwanger war. Doch gleich nach meiner Geburt hatte sie uns verlassen und mein Vater musste mich alleine aufziehen. Reno spielte oft den Babysitter und wurde mit den Jahren mein bester Freund. Wann wir uns ineinander verliebt hatten, weiß ich nicht mehr. Es ist einfach passiert. Ich lernte das Messermacher-Handwerk auch bei meinem Vater, machte aber auch ein Praktikum bei Renos Firma. Reno arbeitete damals ja noch bei seinem alten Vater in der Firma mit, doch ich, Rüdiger Haupt, wusste schon sehr früh, dass ich mich selbstständig machen wollte. Dass ich was drauf hatte, bestätigten mir meine Lehrer immer wieder und als Messermacher braucht man ja auch nicht allzu viele teure Maschinen. So konnte ich meinen Traum nach der Schule rasch in die Tat umsetzen und Renos Firma verschaffte mir auch gleich ein paar lukrative Aufträge. Leider wollte Renos Alter die Firma einfach nicht in die Hände seines Sohnes geben und so überwarf sich der bereits Fünfzigjährige Reno mit seinem alten Vater und fing mit nur ein paar Werkzeugen und einer Holzkiste in einem kleinen Zimmer in Stuttgart ganz von vorne an. Ich flehte Reno an, doch hier zu bleiben und die Sache vollends auszusitzen. Sein Vater war ja schon über achtzig, aber mein sensibler Reno verkraftete es einfach nicht mehr, sich ständig von seinem immer seniler werdenden Vater in die Firmenangelegenheiten reinreden zu lassen und dessen Fehler ausbügeln zu müssen. Mit der Kundschaft ging der Alte auch mehr als ruppig um und so manchen hatte er schon zur Werkstatt hinausgejagt. So konnte man heutzutage nicht mit seinen wertvollen Kunden umgehen, aber sag das mal einem so alten Mann und deinem eigenen Chef! Eigentlich war klar, dass es irgendwann knallen würde und eines Tages ist der arme Reno dann einfach sang- und klanglos gegangen. Als sein Vater mal ein paar Tage im Urlaub war, was er höchst selten tat, packte Reno seine liebsten Werkzeuge und zog um nach Stuttgart. Seine Familie hat er erst zu sich geholt, als es mit seiner Firma einigermaßen lief. Ich war damals wirklich geschockt, denn Reno war mein einziger Freund und ich hatte tagelang geheult. Bei diesen Gedanken sammelte sich schon wieder Wasser in meinen Augen, denn nun war mein Geliebter tot! Und ich hatte ihn umgebracht!
3
„Wir haben hier eine Vermisstenanzeige!“, rief Hauptkommissarin Magdalena Müller-Harnisch durch die angelehnte Türe, die ihr Büro von dem ihres jungen blonden Assistenten Joska Kiss trennte. Wie üblich machte sie sich nicht die Mühe, aufzustehen und ihrem Angestellten gegenüberzutreten. Wusste sie doch, dass Joska sowieso zu ihr kommen würde, um weitere Instruktionen abzuholen. Heute jedoch war der junge Mann so vertieft in die Recherchearbeiten, die man ihm kurzfristig aufgebürdet hatte, dass er den Ruf seiner Chefin nicht gehört hatte. Erst nach einem lauten Kreischen seines Namens fuhr er erschrocken zusammen und stieß dabei seine Kaffeetasse um. Die schon längst kalt gewordene Brühe ergoss sich komplett über die Tastatur seines Computers.
„Verdammte Scheiße!“, zischte der jüngste Assistent der Göppinger Kripo und versuchte verzweifelt, das Malheur mit seinem Ersatz-T-Shirt aufzuwischen. Dabei warf er auch noch sein Nutella-Glas um, das jetzt so früh am Morgen noch fast voll war. Bis zum Feierabend jedoch würde er es wie jeden Tag wohl wieder ausgelöffelt haben. Ohne diese Ration „Glücklichmacher“ lief bei ihm gar nichts! Während seiner kläglichen Säuberungsversuche legte sich plötzlich eine dunkelbraune Hand mit langen, rot lackierten Fingernägeln auf seinen hektisch wischenden Arm und er fuhr wie ertappt herum. In seiner Aufregung hatte er gar nicht registriert, dass diese wundervollen Hände gar nicht seiner Chefin gehörten, sondern ihrer gemeinsamen Sekretärin Lola Amati, einer rassigen achtundzwanzigjährigen Afrikanerin, deren halblange, dichte und krause Haarpracht stets wirr von ihrem Kopf abstand. Wenn sie nicht im Dienst war, sprach sie breitestes Schwäbisch, was ihre Mitmenschen stets sehr befremdlich fanden. Denn in ihrem Wohnort Krummwälden, einem kleinen Örtchen zwischen Salach und Ottenbach, war sie immer noch etwas Außergewöhnliches, obwohl sie nun schon drei Jahre dort lebte. Auf der Polizeiwache jedoch wurde sie als äußerst zuverlässige Mitarbeiterin von allen geachtet. Wegen ihres exotischen Aussehens verehrten sie die männlichen Mitarbeiter und von den weiblichen wurde sie beneidet. Aber um ihren jungen Kollegen sorgte sie sich besonders und gerade heute zeigte sich wieder, wie sehr er sie brauchte.
Erleichtert ließ sich ihr junger Vorgesetzter gerade auf seinen Stuhl fallen und hätte Lola nicht aufgepasst, hätte er sich wohl danebengesetzt. So landete er wenigstens noch knapp auf der Stuhlkante, doch der inzwischen schon recht heisere und wütende Schrei seiner Chefin ließ ihn augenblicklich wieder in die Höhe schießen. Hektisch fuhr er sich durch seine strubbelige Mähne. Seine bernsteinfarbenen Augen huschten nervös zwischen seinem Chaosschreibtisch und dem Chefbüro hin und her.
„Nun geh schon“, drängte Lola ihn mit ihrer rauchigen Stimme sanft in Richtung Chefbüro. „Ich mach das schon“, setzte sie noch liebevoll hinzu und es klang, als würde eine Mutter mit ihrem kleinen Kind sprechen. Doch der kecke Augenaufschlag und das herzliche Lächeln sprachen eine ganz andere Sprache. Verwirrt schnappte sich der junge Assistent seinen Notizblock, der ganz knapp dem Nässeattentat entgangen war und hastete mit Schwung durch die Türe, sodass diese mit einem lauten Knall gegen die Wand krachte.
„Herrgott Joska!“, wetterte Frau Müller-Harnisch augenblicklich los. „Können Sie nicht wie jeder normale Mensch durch eine Türe gehen?“
Joska jedoch wagte sich keinen Schritt näher und so musste seine Chefin, deren Zorn beim Anblick ihres äußerst hübschen und zerknirscht dreinblickenden Angestellten sofort wieder verraucht war, ihn nun wesentlich freundlicher auffordern, sich doch endlich zu setzen. Erleichtert ließ sich Joska auf seinen angestammten Platz der Chefin gegenüber plumpsen, lehnte sich erwartungsvoll zurück, wobei er seine langen, muskulösen Fußballerbeine von sich streckte, und erst einmal abwartete. Als ihr Assistent nichts sagte, schüttelte die Kommissarin genervt den Kopf und fragte unwirsch:
„Ja, wollen`s denn gar nicht wissen, wer vermisst wird?“
„Sie werden es mir doch sowieso gleich sagen“, antwortete der junge Mann frech, denn es machte ihm Spaß, seine Chefin ab und zu zu necken. Sie war zwar doppelt so alt wie er, doch mit ihren vierundvierzig Jahren sah sie immer noch verdammt knackig aus. Obwohl sie ihre pechschwarzen Haare (die ganz sicher gefärbt waren) stets zu einem strengen Dutt hochgesteckt hatte, konnte ihr junger Angestellter sie sich sehr gut mit offenen, wallenden Haaren und sich lasziv auf ihrem Schreibtisch räkelnd vorstellen.
„Haben Sie nicht gehört, was ich Ihnen gerade gesagt habe, Herr Kiss!“
Oha! Wenn sie ihn mit seinem Nachnamen ansprach, wurde es ernst. Normalerweise sprach sie ihn mit seinem Vornamen, aber dennoch mit „Sie“ an. Was hatte sie gesagt? Hatte er schon wieder einmal von ihren katzenartigen, grünen Augen geträumt und über seine Schwärmerei für seine Chefin nicht richtig zugehört? Nur gut, dass sie nicht wusste, warum er gerade so unaufmerksam gewesen war!
„Äh … es ist eine Vermisstenanzeige eingegangen?“, fragte er leise und versuchte sein unschuldigstes Lächeln, was ihm anscheinend nicht ganz gelang, denn seine Chefin sprang auf und ging langsam – wie eine Raubkatze – auf ihn zu. Joska wurde auf seinem Stuhl immer kleiner und er musste aufpassen, dass er nicht herunterrutschte. Dieser Besucherstuhl hatte in voller Absicht keine Polster, damit sich die Leute, die der Kommissarin gegenübersaßen, beziehungsweise gegenübersitzen mussten, nicht zu wohl fühlten.
„Nun … wer wird vermisst?“, fragte Frau Müller-Harnisch
nochmals drohend und kam ihrem nun doch recht eingeschüchterten Untergebenen so nahe, dass er ihr teures Parfüm riechen konnte.
Mist! Nur nicht noch mehr ablenken lassen! Er hatte wirklich nicht richtig zugehört, aber das wollte er natürlich nicht zugeben und so riet er einfach ins Blaue hinein:
„Ein alter Mann?“
„Ja – Herrschaftszeiten!“, fluchte die Kommissarin, wobei sie als gebürtige Augsburgerin in ihren alten Dialekt verfiel.
„Aber wer genau, will ich von Ihnen wissen!“
„Ich weiß es doch nicht, Chefin! Ich war grad nicht ganz bei der Sache. Sorry – wirklich!“ Und diesmal kriegte er es doch hin, dass die Wut seines Bosses endlich verflog. „Sagen Sie`s mir nochmal … bitte!“, schnurrte er geradezu.
„Bleibt mir ja auch nix anderes übrig“, knurrte Frau Müller-Harnisch, allerdings immer noch etwas widerwillig.
„Na gut – der berühmte Messermacher aus Ottenbach wird vermisst“.
„WAS? Der Jakob?“, entfuhr es Joska, denn er war ein großer Bewunderer der Familie Angerer und deren Handwerkskunst.
„Nein, nicht der Sohn. Der Alte ist weg und seine Frau lag heute Morgen tot im Bett!“, klärte ihn seine Chefin nun endgültig auf. Bevor Joska jedoch darauf reagieren konnte, kam ein Kollege nach kurzem Klopfen und ohne auf Antwort zu warten, ins Zimmer gestürmt. Doch bevor seine Chefin ihn diesbezüglich rügen konnte, plapperte er (es war der Dienstälteste, der Herr Maier) sofort los:
„Wer kümmert sich eigentlich um den Mordfall, wo eine
gelähmte Schlaganfallpatientin ihren Ehemann mit einer Vase erschlagen hat?“
„Das werde ich gemeinsam mit Herrn Kiss übernehmen, wenn das mit der Vermisstenanzeige von dem Angerer läuft. Kümmern Sie sich bitte inzwischen um die Sache mit dem Hofbrand in Ottenbach“.
Mit diesen neuen Instruktionen zog der Dreiundsechzigjährige und somit kurz vor der Pension stehende Hartmut Maier wieder ab. Joska Kiss sah sich schon in den nächsten Tagen derart mit Arbeit zugemüllt, dass er sicher keinen normalen Feierabend machen, und bis spät in die Nacht zu tun haben würde. Kaum war die Türe hinter Maier wieder geschlossen, rückte seine Chefin auch schon mit ihren Anweisungen heraus, die dem jungen Polizisten gar nicht gefielen.
„Sie werden heute sofort zu den Angerers fahren und zuerst mit dem Arzt sprechen, um zu klären, ob es eine natürliche Todesursache war. Es ist davon auszugehen, da die alte Dame sehr krank war. Wenn das abgeklärt ist, kümmern Sie sich um die Vermisstenanzeige. Aber warten Sie damit noch zwei Tage. Immerhin ist dieser Reno Angerer ein erwachsener Mann und kann auch mal ein paar Tage verschwinden, ohne allen gleich Bescheid zu sagen. Der taucht bestimmt bald wieder auf oder meldet sich – Sie werden sehen! Ich hab heute einen Termin beim Staatsanwalt und kann Sie somit leider nicht begleiten. Ich weiß schon, dass das Ihr erster Einsatz ist, den Sie alleine führen“, sagte sie mitleidig, als Joska die Augen entsetzt aufgerissen hatte, „Aber ich gebe Ihnen zur Unterstützung, und damit Sie ihm zeigen können, was Sie schon alles gelernt haben, unseren neuen Praktikanten an die Seite“.
„Nein!“, entfuhr es Joska. „Nicht den! Das können Sie mir nicht antun!“, jammerte er, und es klang wirklich sehr verzweifelt. Seine Chefin schaute ihn amüsiert an und Joska sah ihr an, dass sie sehr gut wusste, warum. Dennoch fragte sie süß lächelnd:
„Warum denn nicht? Herr Clemens ist doch ein tüchtiger Kerl.“
„Aber er ist fast zehn Jahre älter als ich! Der lässt sich doch von mir nichts sagen!“, klagte Joska weiter, obwohl er wusste, dass es nichts nützen würde. Er war in seinem letzten Ausbildungsjahr und der Clemens hatte erst nach zwei Studiengängen entdeckt, dass er eigentlich zur Polizei gehen könnte und nun war er ein ziemlich alter Praktikant. Ständig ließ er das heraushängen und auch, wie viel ungeheuer wichtiges Wissen er sich in seinen Studiengängen angeeignet hatte. Das nervte derart, das konnte man sich gar nicht vorstellen. Aber was sollte er machen? Er musste diesen Idioten mitnehmen, sie hatten niemand anderen zur Verfügung. Das konnte ja heiter werden! Missmutig erhob sich Joska und knurrte seiner Chefin entgegen:
„Ich geh dann mal und such den Clemens. Sicher hängt er wieder irgendwo im Archiv herum“.
Er sah nicht mehr, wie seine Chefin ihm liebevoll hinterherlächelte und das war gut so. Sonst hätte er sich nur noch mehr darüber aufgeregt. Und wenn sich dieser junge ungarisch stämmige Mann aufregte, konnte das ziemlich laut und temperamentvoll werden.
4
Während in dem kleinen beschaulichen Örtchen Ottenbach mit seinen knapp zweitausendfünfhundert Einwohnern der Alltag ganz normal weiterging, stand in der Messerwerkstatt Angerer die Zeit still. Nachdem Jakob die Polizei verständigt hatte, brachte es niemand fertig, zur alltäglichen Arbeit zurückzukehren. Tobias wollte unbedingt noch eine Weile bei seiner toten Mutter sitzen, während sein Bruder seine Kinder tröstete und nebenbei versuchte, seine verschlafene Schwester zu erreichen. Inzwischen war es kurz nach neun und sie müsste eigentlich schon auf sein. Marianne besaß aber nur ein Handy und das schaltete sie meist erst ein, wenn sie um zehn Uhr in die Werkstatt kam. Dennoch war es Jakob den Versuch wert gewesen, sie wegen der schrecklichen Vorkommnisse an diesem Morgen so schnell wie möglich zu informieren. Hätte er es nicht versucht, hätte sich seine Schwester sicherlich beschwert, ob sie es nicht wert sei, dass man sie informierte. So war sie nun selbst schuld, dass sie von alldem, was geschehen war und in der nächsten Stunde noch passieren sollte, nichts mitbekam. Vielleicht war es auch gut so, denn Marianne konnte ziemlich hysterisch werden und darauf konnte die Familie nun ganz sicher verzichten. Vor allem in letzter Zeit war sie oft mürrisch und ungeduldig, was sonst eigentlich gar nicht ihre Art war.
„Wann kommt denn nun endlich ein Arzt?“, ereiferte sich Nora nach einer halben Stunde angespannten Wartens.
„Welchen Arzt die wohl bestellt haben? Hoffentlich nicht die neue Ärztin, die seit ein paar Monaten die Praxis unseres geschätzten Doktors hier in Ottenbach übernommen hat. Die kann ich nämlich gar nicht leiden!“
„Aber Nora, so was sagt man doch nicht“, maßregelte sie ihr Vater. „Sie hat es auch nicht leicht und gibt sicher ihr Bestes, um die Patienten ihres Vorgängers gut zu versorgen“, versuchte Jakob die neue Ärztin in Schutz zu nehmen. Er war bisher nur einmal kurz mit Felix bei ihr gewesen, um ihn vor dem Ausbildungsantritt untersuchen zu lassen. Zugegeben – besonders sympathisch war sie nicht, aber sie hatte Felix gewissenhaft untersucht und ihm dann auch gleich sein Attest ausgestellt. Dass sie ihrem Sohn wegen seiner gelegentlichen Knieschmerzen, die sicherlich vom Wachstum her kamen, gleich eine Akupunktur-Therapie verpassen wollte, verbuchte er unter der Rubrik: geschäftstüchtig. Natürlich hatten weder er noch sein Sohn zugestimmt und sie war dann auch nicht weiter darauf eingegangen. Außerdem hatte Jakob im Ort munkeln hören, dass sie die Praxis demnächst schon wieder aufgeben wollte, weil sie sich angeblich nicht rechnete. Woran sie ganz sicher auch selbst Schuld hatte, denn nur wenige waren nach dem Weggang ihres beliebten Vorgängers zu ihr gekommen.
„Wenn diese Tante kommt, bin ich weg!“, meinte dann auch Felix und erntete von seinem Vater ein genervtes Kopfschütteln. Tobias kam dann einige Minuten später ebenfalls herunter ins Wohnzimmer, wo die anderen in Gedanken versunken oder unruhig herumsaßen. Nora kaute zum ersten Mal seit langem wieder auf den Fingernägeln, obwohl ihre Hände von der Arbeit schmutzig waren. Felix hatte seinen iPod herausgeholt, obwohl sein Vater eigentlich verboten hatte, dass er ihn mit in die Arbeit brachte. Doch heute achtete Jakob gar nicht darauf, er war viel zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Nicht nur der Tod seiner Mutter erschütterte ihn, viel mehr Sorgen machte er sich momentan um seinen Vater.
Wo war Reno?
Wo war er nur hin und hatte sogar den Hund mitgenommen? War er nach Adeles Tod so geschockt gewesen, dass er in Panik einfach davongelaufen war? Bei dieser Überlegung sprang er plötzlich auf und rief:
„Ist Renos Auto überhaupt weg?“ Niemand war bisher auf den Gedanken gekommen, nachzusehen. Nora erbot sich sofort, einen Blick in die Garage zu werfen und rannte mit ihren langen rotblonden Haaren, die wie ein Schal hinter ihr her wehten, aus dem Haus. Sobald klar gewesen war, dass sie heute nicht mehr arbeiten würden, hatte sie sofort ihren Zopf aufgeflochten. Während der Arbeit war es Pflicht, die Haare wenigstens zusammenzubinden … Betriebssicherheit!
Wenig später kam sie keuchend zurück und schrie noch von der Haustüre her:
„Opas Auto ist da, aber sein Motorrad ist weg!“
„WAS?“, schrien alle fast gleichzeitig. „Aber wo ist dann der Hund?“, fragten sich die entsetzt dreinblickenden Angerers. Auf gar keinen Fall konnte man einen so großen Schäferhund auf einem Motorrad mitnehmen!
„Vielleicht ist Moritz mal wieder ausgebüchst und Opa sucht ihn mit dem Motorrad“, warf Nora in den Raum, doch ihr Vater schüttelte sofort den Kopf.
„Das ergibt doch keinen Sinn, Nora. Moritz läuft nicht mehr so weit weg und im Sommer gibt es keine läufigen Hündinnen, oder? Sind die nicht nur im Frühjahr und im Herbst läufig, sodass sie unserem armen Rüden den Kopf verdrehen können?“
„Keine Ahnung. Vielleicht hat sich eine damit verspätet“, meinte Nora und setzte nach einem Augenverdrehen ihres Bruders noch hinzu: „Könnte doch sein, oder nicht?“
„Ich weiß das wirklich nicht – aber wie gesagt, mit dem Motorrad nach ihm zu suchen, ist doch idiotisch. Reno kennt die Freundinnen seines Hundes und sucht ihn immer zu Fuß. Da steckt irgendwas anderes dahinter!“, sagte Jakob mit Überzeugung, obwohl er momentan keine Idee hatte, wo sein Vater abgeblieben sein könnte. Während die ganze Familie nun weiter vor sich hin grübelte, nur ein paar Mal durch geschäftliche Telefonate unterbrochen, die allerdings äußerst knapp gehalten wurden, was sonst gar nicht ihre Art war, knallte plötzlich kurz vor zehn Uhr die Haustüre und Marianne kam hereingestürmt. Ohne guten Morgen zu sagen, fragte sie außer Atem:
„Was ist denn passiert, dass ihr mich gleich fünf Mal versucht habt, anzurufen. Ich hab mein Handy grad erst eingeschaltet, als ich aus dem Auto gestiegen bin“. Marianne wohnte in einem hübschen kleinen Loft in Salach, natürlich ebenfalls mit Blick auf den Hohenstaufen und sie kam jeden Tag mit ihrem schwarzen Porsche 911 Carrera in die Arbeit.
„Setzt dich erst mal hin, Marianne“, sagte Jakob behutsam und seine sonst so resolute Schwester ließ sich beim Blick in die traurigen Augen ihrer Familienmitglieder folgsam zum weißen Ledersofa geleiten. Erst als sie saß, erzählte Jakob ihr die ganze Geschichte. Doch bevor sich Marianne dazu äußern konnte, klingelte es laut an der Türe. Wie seltsam sich das anhörte, wenn der Hund nicht augenblicklich zu bellen anfing.
„Das wird die Ärztin sein“, meinte Tobias und ging hinaus, um diese zum Haus zu begleiten, denn auf einem Schild vorne an der Türe stand neben einem abgebildeten Hund:
Ich brauche 2 Sekunden bis zur Türe und du?
Deshalb traute sich auch niemand, alleine durch den Garten zu gehen. Nur diejenigen, die bereits Bekanntschaft mit dem liebevollen alten Schäferhund gemacht hatten, kamen an die Haustüre, um zu klingeln.
Wie befürchtet, brachte Tobias eine mürrisch dreinblickende Frau Doktor Zeitler mit, die sich auch sofort beschwerte, dass sie ihre Praxis hätte verlassen müssen, ihre Patienten nun warten müssten und sie eigentlich für so was gar nicht zuständig sei.
„Wo ist denn nun die Tote?“, fragte sie genervt und ließ sich im Hinaufgehen die Krankheitsgeschichte von Adele Angerer kurz schildern. Sie untersuchte Adele dann auch nur flüchtig und stellte ohne Umschweife den Totenschein mit einer natürlichen Todesursache aus. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass es anders sein könnte.
Kaum war Frau Dr. Zeitler damit fertig, klingelte es erneut an der Türe. Diesmal erbot sich Nora, nach draußen zu gehen. Wie immer rannte sie durch den Garten, denn normales Laufen war ihr zu langsam. Doch als sie von weitem zwei Männer vor dem Zaun stehen sah, verlangsamte sie ihr Tempo – warum, wusste sie auch nicht. Vielleicht, weil der eine von ihnen so verdammt hübsch war und der andere so streng dreinblickte? Ob das Kunden waren oder etwa ein paar von den Zeugen Jehovas? Was wirklich sehr bedauerlich gewesen wäre, denn für diesen Schwachsinn einen so gutaussehenden jungen Mann zu missbrauchen, wäre geradezu eine Verschwendung gewesen. Doch zu ihrer Freude stellten sich die beiden als Mitarbeiter der Göppinger Kripo vor und Nora atmete erleichtert aus. Amüsiert lächelte der jüngere Polizist und sagte verschmitzt:
„Kommt nicht oft vor, dass die Leute so erfreut sind, die Vertreter des Gesetzes zu sehen“.
„Nun ja …“, stammelte Nora. „Immerhin ist mein Opa weg und Sie werden uns hoffentlich helfen, ihn zu finden, nicht wahr?“, fragte sie hoffnungsvoll, denn das war im Moment ihre größte Sorge. Ihrer Großmutter konnte niemand mehr helfen und sie dachte keine Minute daran, dass jemand ihre Oma umgebracht haben könnte.
„Das hoffen wir natürlich auch, junge Dame“, mischte sich nun der Ältere ein und Nora ging sofort davon aus, dass dieser hier das Sagen hatte und der junge nur der Assistent war.
„Wegen eures Wachhundes müssen wir uns in Ihrem Beisein wohl keine Gedanken machen, oder?“, fragte der Jüngere und stellte sich als Joska Kiss und seinen Kollegen als Sascha Clemens vor.
„Nein, natürlich nicht. Der ist ganz lieb“, fing Nora an, doch dann schaute sie plötzlich ganz traurig drein und fügte hinzu:
„Der Moritz ist übrigens auch weg!“
„Wer ist jetzt der Moritz?“, fragte Herr Clemens dümmlich, doch Joska erwiderte sofort, als wüsste er das ganz genau:
„Das ist der Hund. Stimmt doch, oder?“
„Ja. Das ist unser Schäferhund und der ist schon zwölf, aber immer noch hinter den Weibern her. Wahrscheinlich ist er mal wieder ausgerissen. Weil … also … mein Opa ist mit dem Motorrad weg und da kann er ja schlecht den Hund mitgenommen haben.“
„Das ist wohl richtig. Also sollte man vielleicht zuerst nach dem Hund suchen?“, meinte Joska mehr zu sich selbst und bekam jetzt zu Anfang seiner ersten eigenen Befragung schon Herzrasen und Schweißausbrüche. Welche Reihenfolge wohl seine Chefin gewählt hätte? Zuerst den Tatort und die Tote begutachten, dann mit der Familie sprechen (sind das nicht meist die Hauptverdächtigen?) und dann erst nach dem Hund suchen und danach die Vermisstenanzeige aufnehmen? Oder doch lieber andersherum? Der arme Joska kam immer mehr ins Schwitzen und dieser oberschlaue Clemens hielt heute mal ausnahmsweise den Mund und hielt sich zurück mit guten Ratschlägen. Ob er wohl merkte, wie unsicher Joska war und ob er ihn vor der jungen Dame nicht brüskieren wollte? Oder fand er es ganz amüsant, den lieben Herrn Kiss so zappeln zu sehen?
Jedenfalls rang der jugendliche Kriminalassistent noch mit sich, doch unerwartet kam die junge Frau ihm zu Hilfe:
„Ich glaube ganz sicher, dass Moritz nur seine Freundinnen besucht und da kommt er meist von selbst wieder. Sie sollten sich zuerst meine Oma … äh … die Leiche ansehen, denn die Ärztin ist gerade fertig und schon wieder auf dem Sprung in ihre Praxis. Sie möchten doch sicher noch kurz mit ihr sprechen? Außerdem kommt bald der Leichenwagen“, sprudelte Nora nur so vor Aufregung und Joska hätte sie umarmen mögen, weil sie ihm so einen genauen Ablauf der nächsten Minuten gegeben hatte … und vielleicht auch, weil sie so toll aussah und so voller Energie war? Dankbar lächelte er sie an, doch sogleich setzte er wieder eine gewichtige Miene auf und sagte:
„Selbstverständlich werden wir noch mit der Ärztin sprechen und der Leichenwagen wird schon warten müssen, bis wir mit der Inspektion und Freigabe der Leiche fertig sind.“ Auch Herr Kiss und sein Kollege kamen nicht auf die Idee, dass die Firmenchefin nicht eines natürlichen Todes gestorben sein könnte.
Während Nora draußen mit den Polizisten sprach, fiel Jakob plötzlich ein, dass sie in dem ganzen Trubel vergessen hatten, seine Frau anzurufen. Diese weilte seit vorigem Wochenende in Irland, wo sie einen Malkurs belegt hatte. Nach einer Woche nur mit malen beschäftigt, wollte sie eigentlich noch ein paar Tage durch dieses schöne Land fahren und nach weiteren tollen Motiven Ausschau halten. Jakob erreichte sie dann auch, als sie gerade auf dem Fußweg zu den „Cliffs of Mohair“ war. Er konnte seine Frau kaum verstehen, denn es rauschte ziemlich stark im Hintergrund. Besorgt fragte er:
„Wo bist du denn gerade und was rauscht da so?“
„Du hast ja keine Ahnung, mein Lieber, wie es hier stürmt!“, rief Delfina, die trotz portugiesischer Herkunft fast akzentfrei Deutsch sprach. Jakob kam gar nicht zu Wort, überschwänglich berichtete sie zunächst von ihrem erfolgreichen Abschluss des Kurses. Dann erzählte sie weiter.
„Auf der Fahrt hier rüber zu den Cliffs sind wir auf der
Autobahn an Tara vorbeigefahren und stell dir vor! … Dort steht ein kleiner, unscheinbarer Baum, der angeblich ein Feenbaum sein soll und deshalb haben die irren Iren die Straße um den Baum herum gebaut – ist doch unglaublich, oder?“
Ja, das war wirklich kaum zu fassen, aber in solchen Sachen verstanden die Iren anscheinend keinen Spaß. Jakob rang nun mit sich, ob er seiner offensichtlich sehr gut gelaunten Frau ihren Urlaub verderben und ihr die traurige Nachricht per Handy überhaupt überbringen sollte. Während er noch überlegte, schrie Delfina geradezu ins Handy:
„Ich bleibe noch bis Mittwoch. Eine ganze Woche alleine durch Irland zu fahren ist mir doch zu anstrengend. Dieses Linksfahren bei den engen Straßen ist wirklich nichts für mich. Wenn da auf manchen Schildern steht, man dürfe hundert km/h fahren, dann fahre ich höchstens sechzig und rechne jeden Moment damit, dass ich aus der Kurve fliege! Ich wollte nur unbedingt zu den Cliffs, aber die haben hier alles mit Zäunen versehen und buddeln da gerade mordsmäßig herum – soll wohl eine Aussichtsplattform mit einem Gebäude in die Felsen gebaut werden. Echt schade … das ursprüngliche und schroffe Landschaftsbild wird da total zerstört!“
„Ja, wirklich schade, dass ich das vorher noch nie persönlich gesehen habe … du … ich freu mich, wenn du wieder nach Hause kommst“, fügte Jakob noch schnell an, als er merkte, wie die Verbindung immer schlechter wurde.
„Ist irgendwas?“, fragte die sensible Delfina, als sie trotz des Sturms hörte, wie die Stimme ihres Mannes brüchig wurde. Oder lag das nur an der schlechten Verbindung? Nun ja, in zwei Tagen war sie ja wieder zu Hause, solange würde er es schon noch ohne sie aushalten. Wahrscheinlich fehlte sie eher Marianne, weil die nun alleine das Haus und die Werkstatt sauber halten musste. Denn wegen der vielen herumliegenden Messer wollten die Angerers keine Reinigungskraft einstellen. Das war ihnen dann doch zu gefährlich, denn die teuren Messer wären auch schnell mal zu klauen gewesen. Beim Kochen für die ganze Familie Angerer hatte Marianne gerade auch keine Hilfe. Außer sie konnte Nora und Felix ein bisschen dazu einspannen. Aber das war schon ganz gut so – so würde die Familie ihre Arbeit vielleicht mal mehr würdigen, wo sie jetzt eineinhalb Wochen ohne sie auskommen mussten.
Bevor die Verbindung nun gänzlich abriss, rief Delfina noch:
„Grüß die Kinder und den Rest der Familie von mir und einen dicken Kuss für dich!“ Dann noch ein heftiger Windstoß und das Telefon war tot. Verstohlen wischte sich Jakob eine Träne aus dem rundlichen Gesicht, das neuerdings ein Dreitagebart zierte. Jakob vermisste seine Frau sehr, nicht nur ihre Kochkünste. Obwohl es für ihn vielleicht doch vorteilhaft war, dass er momentan etwas weniger aß – hatte er doch die Chance, etwas abzunehmen. Sein runder Bierbauch war nicht mehr zu übersehen und das missfiel ihm sehr. Doch sich beim Essen zurückzuhalten, schaffte er meist nicht.
Ob es klug gewesen war, seiner Frau die Wahrheit verschwiegen zu haben? Würde sie das verstehen oder ihm Vorwürfe machen? Sie hätte doch sowieso nicht früher zurückfliegen können, also warum sollte er ihr die letzten Tage dieses tollen Urlaubs noch verderben?
5
Während zur gleichen Zeit ein paar Häuser weiter in der Nachbarschaft der Angerers ein alter Schäferhund sabbernd vor einem Gartenzaun saß und sehnsüchtig zu seiner Lieblingshündin starrte, saß im fernen Görlitz ein völlig verstörter alter Mann mit langen, weißen Haaren auf einem Baumstamm. Mit hängendem Kopf zeichnete er mit einem Stock Kreise in den Sand zu seinen Füßen. Er hatte keinen Blick für die Schönheiten der Natur, die sich hier an diesem kleinen See inmitten eines großen Campingplatzes zeigten. Zu dieser frühen Jahreszeit war hier noch nicht viel los, nur ein paar Dauercamper in ihren Holzhütten waren anwesend. Er war erst seit ein paar Minuten hier, obwohl er wie ein Wahnsinniger gefahren war. Noch jetzt wunderte er sich, dass ihn niemand angehalten hatte. Mit seinem knallroten Mercedes fiel er doch recht auf und es passierte ihm des Öfteren, dass er in Polizeikontrollen geriet. Zwar hatte er das Typenschild mit den verräterischen Zahlen E 500 abnehmen lassen, dennoch sah man seinem schnittigen Wagen an, dass er einiges unter der Haube hatte. Trotzdem war es ihm wegen dem Gerede der Leute im Dorf wichtig gewesen, dass niemand wusste, welchen Typ er genau fuhr. Er wollte nicht noch mehr Getratsche über sich und seine Familie. Es reichte schon, wenn seine Tochter mit einem neuen Porsche und seine Söhne mit teuren Oldtimern herumfuhren. Doch die Gedanken um die familiären Fahrzeuge hatten ihn nur kurzfristig von seinem eigentlichen Problem abgelenkt – er hatte vor ein paar Stunden seine Frau verloren und war Hals über Kopf geflüchtet!
Wie hatte es nur dazu kommen können?
Warum hatte er sich schon wieder so von seiner Frau drangsalieren lassen? Er hatte es kaum noch ertragen können. Dabei wusste er gar nicht mehr, was sie gesagt oder getan hatte, um ihn derart in Rage zu versetzen, dass er … was?
Was hatte er gemacht? Hatte er überhaupt etwas getan?
Er konnte sich nicht mehr genau daran erinnern – nur noch, dass ihre Atmung plötzlich ausgesetzt hatte! Dass es noch dunkel war, das wusste er noch. Der Vollmond hatte den Garten erhellt, das hatte er unbewusst wahrgenommen, als Adele mitten in der Nacht nach ihm gerufen … nein … geschrien hatte und er aus seinem Fernsehsessel aufgefahren war, in dem er wohl eingeschlafen sein musste. Was hatte sie gewollt? Musste sie zur Toilette oder hatte sie nur schlecht geträumt, so wie fast jede Nacht und bei Vollmond am schlimmsten? Auch das wusste er nicht mehr.
Wütend schleuderte er seinen Stock ins Wasser, nicht merkend, dass der Hund von nebenan schon die ganze Zeit dieses für ihn so interessante Spielzeug nicht aus den Augen gelassen hatte. Kaum schlug das Holzstückchen auf dem Wasser auf, war der Hund auch schon hinterhergesprungen und paddelte nun darauf zu. Es war ein mittelgroßer schwarz-weiß gepunkteter Rüde mit einem schwarzen Ohr und athletischer Figur. Mühelos schwamm das anmutige Tier zu seiner Beute, schnappte sie und brachte sie zum Werfer zurück.
„Amigo!“, rief eine weißhaarige Frau neben ihm. „Aus!
Lass den Herrn in Ruhe!“ Mit diesen Worten nahm sie ihrem hübschen Hund das Stöckchen aus dem Maul und reichte es dem ebenfalls weißhaarigen Mann mit der kleinen Nase und den kleinen, traurigen braunen Augen, der es gedankenverloren entgegennahm.
Was sollte er mit dem Ding? Er hatte es doch loswerden wollen. Warum gab die Frau es ihm zurück? Missmutig schaute er auf und blickte in zwei ungewöhnliche Augen! Eines war hellbraun und das andere eher grün und die Haare der etwas älteren Frau waren wirklich schneeweiß. Sie war braun gebrannt und sah trotz ihres Alters noch sehr attraktiv aus.
„Entschuldigen Sie, gnädige Frau. Ich wollte Ihren Hund nicht aufscheuchen. Tut mir leid.“ Damit wollte er sich schon wieder abwenden, doch die Frau sagte beschwichtigend:
„Sie können doch nichts dafür, dass mein Amigo hinter allem herrennt, was vor ihm wegläuft oder –fliegt. Seinen Jagdtrieb krieg ich einfach nicht aus ihm raus! Wer weiß, welche Rassen sich in ihm vereinigt haben?“, lachte sie und wuschelte ihrem Mischling dabei den Kopf. Sofort begann dieser, wie aufgezogen um sie herum zu hüpfen. Es gab nur eine Möglichkeit, ihn loszuwerden und so warf Reno den Stock nochmals in Richtung See, diesmal aber so weit, wie er nur konnte. Das sollte diesen verrückten Hund eine kurze Weile beschäftigen. Die wollte er nutzen, um sich vorzustellen, denn seine gute Erziehung war stärker, als der Wunsch, endlich allein zu sein und mit seinem Schicksal zu hadern.
„Darf ich mich vorstellen? Mein Name ist … Re … äh … Renato … Delfi. Ja … Renato Delfi“, sagte er nach seiner Stotterei nochmals bekräftigend. Warum er nicht seinen richtigen Namen gesagt hatte, wusste er nicht genau. Irgendwie erschien es ihm in seiner momentanen Lage besser so. Vielleicht suchte die Polizei bereits nach ihm? Als Vermissten oder sogar schon als Mörder seiner Frau? Wer konnte das wissen? Doch sofort gab er sich selbst die Antwort: Seine Familie würde es wissen – sicher war die Polizei und der Arzt und wahrscheinlich auch schon der Bestatter in seinem Haus gewesen. Oder waren die nicht so schnell? Immerhin war es erst kurz vor elf Uhr. Über diese Grübeleien hatte er den Namen gar nicht mitbekommen, mit dem sich sein Gegenüber gerade vorgestellt hatte.
„Entschuldigen Sie bitte, wie war Ihr Name? Ich habe ihn nicht richtig verstanden“, versuchte er sich rauszureden, doch die Dame war sehr feinfühlig. Längst hatte sie gemerkt, dass dieser feine Herr mit seinen Gedanken ganz woanders war. Sie wiederholte nur kurz ihren Namen und so erfuhr er nun doch noch, dass sie Helene Maiers hieß und hier auf diesem Campingplatz ihren einzigen Wohnsitz hatte.
„Ich lasse Sie nun in Ruhe, damit Sie weiterhin Ihren Gedanken nachhängen können. Ich sehe doch, dass Sie nicht ganz bei der Sache sind, und will Sie nicht länger stören. Und mein Amigo auch nicht“, fügte sie hinzu und packte ihren pudelnassen Hund am Halsband, kaum dass er die Pfoten ans Ufer gestellt, sich ausgiebig geschüttelt hatte und das Stöckchen dem netten Herrn in die Hand drücken konnte.
„Entschuldigung …“, hob Reno an, doch Frau Maiers schüttelte nur lächelnd den Kopf.
„Entschuldigung ist wohl Ihr zweiter Vorname, was? Machen Sie sich keine Gedanken. Hier kommen viele Leute her, um mit sich alleine zu sein und ihre Ruhe zu haben. Das bin ich gewohnt. Ich liebe ja auch meine Einsamkeit hier. Melden Sie sich doch einfach, wenn Sie etwas brauchen, ja?“, fragte sie freundlich und ihr Lächeln zauberte doch tatsächlich ein kleines, schiefes Grinsen in Renos Gesicht.
„In Ordnung, Frau Maiers. Ich komme ganz bestimmt auf Ihr Angebot zurück“, murmelte Reno immer noch etwas zerknirscht, doch sein Gegenüber lächelte und streckte ihm ihre sonnenverwöhnte Hand entgegen.
„Ich bin die Helene. Hier duzen sich alle.“
„Reno … ato. Entschuldigen Sie … schon wieder … aber meine Freunde nennen mich Reno, deshalb verplappere ich mich andauernd“, stammelte er und wurde rot wie ein kleiner Schuljunge, während er das Holzstück unbeholfen in seinen Händen hin und her wandern ließ. Der Hund ließ ihn dabei keine Sekunde aus den Augen, so als wolle er den Zeitpunkt des Wurfes auf keinen Fall verpassen.
„Kein Problem … Reno. Wenn ich Sie auch so nennen darf?“, fragte Helene und auch ihre Wangen zeigten eine leichte Röte, die man wegen ihrer braungebrannten Haut aber kaum wahrnahm.
„Selbstverständlich können Sie … äh … kannst du mich Reno nennen. Wenn hier alle per Du sind …“, sagte Reno, war jedoch mit seinen Gedanken schon wieder ganz woanders. Immer wieder schweifte er ab, was man ihm wohl erneut ansah, denn Helene winkte ihm lächelnd zu, während sie ihren Hund am Halsband schnappte und mit ihm in ihren kleinen Bungalow ging. Widerwillig ließ sich Amigo mitziehen, denn eigentlich wollte er viel lieber mit seinem neuen Freund Stöckchenwerfen spielen. Das Holzstück hatte Reno inzwischen, ohne es bemerkt zu haben, fallen gelassen und so kostete es Helene einige Mühe, ihren Hund davon zu überzeugen, dass das Stöckchen nicht mehr für ihn bestimmt war.
Gebeugten Hauptes ging der Vierundsiebzigjährige nun zurück zu seinem gemieteten Häuschen. Mit seinem schlurfenden Gang sah er um Jahre älter aus. Gerade so, als müsse er alle Last der Welt alleine tragen. Helene schaute nochmals kurz zu ihm herüber und fragte sich, was diesen eigentlich noch recht attraktiven Mann wohl so bedrückte. Kopfschüttelnd ließ sie sich in ihren Liegestuhl fallen, schnappte sich einen dicken Wälzer und begann zu lesen. Schnell war sie in der Geschichte versunken und hatte fürs Erste ihren neuen Nachbarn vergessen. Ihr Hund aber nicht. Er lag zwar ganz artig neben seiner Herrin, ließ Reno dabei aber nicht aus den Augen. Wann würde dieser wohl wieder mit ihm spielen?
Ans Spielen dachte Reno jedoch überhaupt nicht mehr, vielmehr rang er mit sich, ob er seine Familie nun endlich anrufen sollte. Er musste ihnen sagen, warum er abgehauen war, sonst kamen sie womöglich noch dazu, falsche Schlussfolgerungen zu ziehen. Er war einfach auf und davon, als er Adele nachts tot in ihrem Bett liegen sah. So banal war das! Jeder Mensch reagierte unterschiedlich und völlig unberechenbar in so einer Situation, oder nicht? Jeder verarbeitete seine Trauer anders, dafür gab es keine Richtlinien und keine Regeln. Er musste allen nur erklären, dass er einen Schock bekommen und auch immer noch hatte und darum konnte er auch heute nicht mehr zurückfahren. In seinem Zustand nochmal ins Auto zu steigen wäre sehr fahrlässig. Andererseits … wäre es nicht das Beste, wenn er durch einen Autounfall ebenfalls ums Leben käme? Wie konnte er ohne Adele weiterleben und vor allem mit seiner Schuld? Entweder hatte er sie umgebracht oder sie hatte sich über ihn so aufgeregt, dass sie gestorben war. So oder so hatte er sie auf dem Gewissen! Nur verurteilt werden konnte er nur für Ersteres und das musste man ihm erst mal nachweisen. Er würde zu Hause anrufen und einfach fragen, was inzwischen geschehen war. Vielleicht kam der Arzt ja zu dem Schluss, dass es eine natürliche Todesursache war und er war dann aus dem Schneider? Falls nicht, konnte er immer noch untertauchen. Doch wo sollte er hin? Zu Rüdiger konnte und wollte er nicht mehr – nie mehr! Das war aus und vorbei!
6
Inzwischen hatte ich mich etwas beruhigt und war über meine plötzliche Nüchternheit selbst erstaunt. Nur noch rational denkend hatte ich im Internet nachgelesen, dass die Leichenstarre bei Raumlufttemperatur meist vom Kopf abwärts nach etwa ein bis zwei Stunden einsetzt. Bei Hitze geht das schneller, bei Kälte dementsprechend langsamer. In diesem Zimmer hatte es so um die zwanzig Grad. War das nun eine normale Zimmertemperatur? Ach was – das war ja auch egal, denn ich wollte Reno so schnell wie möglich „entsorgen“. Da die Starre nach sechs bis zwölf Stunden voll ausgeprägt war und sich zwischen vierundzwanzig und achtundvierzig Stunden wieder löst, musste ich jetzt schnell handeln. Da der Prozess bei Menschen, die vor dem Tod noch sehr aktiv waren, schneller in Gang kommt, musste ich mich jetzt echt beeilen. Denn vor Renos Tod hatten wir ja einen heftigen Streit und haben miteinander gerungen – also los jetzt! Reiß dich zusammen und fang endlich an! Mit diesen Gedanken trat ich mir selbst in den Hintern und ging hinunter in den alten Gewölbekeller, wo ich eine große Gefriertruhe stehen hatte. Als Hobbyjäger braucht man so was ab und zu, wenn die Jagd erfolgreich war. Zum Glück hatte ich in diesem Jahr noch keine Zeit zum Jagen gefunden und somit war die Truhe leer. Wenn ich meinen (ehemaligen) Freund etwas zusammenfaltete, würde ich ihn sicher dort hineinlegen können. Es war wirklich von Vorteil, wenn man alleine lebte und keine Freunde hatte. Zumindest war das fürs Erste eine gute Lösung und verschaffte mir Zeit, darüber nachzudenken, wie ich die Leiche noch ganz wegschaffen konnte.
Zunächst vergewisserte ich mich, dass niemand in der Nähe war. Ich ging nach draußen in meinen großen Garten und spähte die lange Auffahrt hinunter. Beruhigt sah ich, dass wirklich niemand zu sehen und auch kein Motorgeräusch von einem sich eventuell nähernden Fahrzeug zu vernehmen war. Mit dem Fahrrad kam in diese abgelegene Gegend sowieso nie jemand und zu Fuß eigentlich auch nicht, denn mein Haus stand weit außerhalb von Dresden. Heute, an diesem Montagvormittag hatte ich auch keinen Kundentermin und ohne vorherige Anmeldung kam keiner zu mir in die Werkstatt.
Wieder zurück in meinem Schlafzimmer überkam mich jedoch beim Anblick meines toten Freundes plötzlich eine so tiefe Trauer, dass ich laut aufschluchzen musste und mich neben Reno auf die Knie fallen ließ. Hemmungslos heulte ich nun Rotz und Wasser und wiederholte immer den gleichen Satz:
„Es tut mir so leid – ich wollte das nicht!“
Als meine Beine langsam zu schmerzen begannen und ich feststellte, dass Renos Hals bereits steif war, geriet ich wieder in Panik und fing an, ihn durchs Zimmer zu schleifen und über die engen Holzstufen nach unten zu zerren. Da ich ihn in meinem Wahn einfach an den Füßen gepackt hatte, rumpelte sein Kopf auf jeder Stufe und machte dabei ein so scheußliches Geräusch, dass es mir schon wieder schlecht wurde. Auf die Blutspur, die er hinter sich herzog, achtete ich nur am Rande – mir war nur wichtig, ihn so schnell wie möglich in die Truhe zu packen und am liebsten nie wieder sehen zu müssen. Bereits im Erdgeschoss schwitzte ich wie ein Schwein, ich schlitterte fast um die Ecke und die Steintreppe hinunter, die zum Keller führte. Die holpernden Schleifgeräusche blendete ich einfach aus, sonst hätte ich mich wirklich nochmal übergeben. Die Sauerei mit der Blutspur reichte mir schon, mehr würde ich heute nicht mehr ertragen können. Unten angekommen, riss ich den Deckel der Truhe auf, hievte und zerrte den schweren Körper über den Rand und ließ ihn zunächst unkontrolliert hineinplumpsen. Natürlich ging der Deckel so nicht mehr zu und ich musste den armen Toten regelrecht zusammenfalten, damit ich die Gefriertruhe schließen und das Schnellfrostprogramm einstellen konnte. Dabei sah ich einen kleinen Leberfleck hinter Renos linkem Ohr, der mir bisher nie aufgefallen war. Komisch – ich dachte, jeden Zentimeter seines Körpers genauestens zu kennen. Na egal – das hatte jetzt sowieso keine Bedeutung mehr, oder?
Nachdem das erledigt war, sank ich auf den kalten Steinboden und ließ meinen Tränen abermals freien Lauf. Bevor ich mich nicht gänzlich beruhigt hatte, konnte ich auch bei den Angerers nicht anrufen und mit Reno sprechen wollen. Das hatte ich auf jeden Fall vor, um zu erfahren, ob die Familie wusste, dass er verschwunden war.
7
Währenddessen gingen die Ermittlungen im Falle der Familie Angerer ihren gewohnten Gang. Nachdem die Herren Kiss und Clemens mit der Ärztin gesprochen und sich von der natürlichen Todesursache hatten überzeugen können, saßen sie nun im Wohnzimmer der Angerers beisammen. Der junge Kommissar führte die Befragung durch, was Nora etwas erstaunte, denn in ihren Augen war der ältere der Chef. Zunächst wollte Herr Kiss wissen, was Reno Angerer für ein Mensch war. Ohne direkt angesprochen zu werden, ergriff Nora sofort das Wort. Sie wollte ihren geliebten Großvater in einem guten Licht erscheinen lassen.
„Mein Opa ist der ruhigste, freundlichste und hilfsbereiteste Mensch, den ich kenne“, fing sie an und bei ihren Worten musste Joska grinsen. Dieses Mädchen musste ihren Opa wirklich sehr gerne haben. Das erlebte man heutzutage nicht mehr so oft, dass sich die Generationen so gut verstanden. Er freute sich für die Familie, dass es hier offenbar so harmonisch zuging. Dennoch fragte er in die Runde:
„Sehen Sie das auch so?“
Nach einem kurzen Seitenblick auf ihre Brüder, der den Polizisten jedoch entging, weil sie gerade auf die Kuckucksuhr geschaut hatten, deren Vogel beim Zwölfuhrschlagen herausgekommen war, antwortete Marianne bedächtig:
„Ja, meine Nichte hat da vollkommen Recht. Mein Vater ist ein rundum glücklicher Mensch und sehr harmoniebedürftig. Mit ihm kann man gar nicht streiten, und dass er jetzt einfach so weg ist, kann ich mir nur damit erklären, dass er einen Schock bekommen hat, als er Adele tot aufgefunden hat. So muss es gewesen sein, etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen! Ihr etwa?“, fragte sie mit eindringlichem Blick ihre Brüder, als wolle sie ihnen nachdrücklich raten, nur ja nichts anderes zu sagen. Diesen Blick hatten die Beamten nun aber doch registriert – Nora ebenso und sie hoffte inständig, dass der junge Kommissar nicht auf die Idee kam, sie getrennt voneinander zu befragen. Doch genau das ordnete er nun an, weil er glaubte, so etwas mehr über diesen Reno erfahren zu können. Irgendwas stimmte hier nicht und er wollte sichergehen, alles versucht zu haben, um dahinter zu kommen. Würde er das nicht tun, wäre seine Chefin erstens stinksauer auf ihn und zweitens auch unzufrieden mit seiner kriminalistischen Arbeit, denn sie hielt große Stücke auf ihn. Joska wollte sie auf keinen Fall enttäuschen. Außerdem wollte er diesem Clemens zeigen, dass er sehr wohl in der Lage war, eine Befragung korrekt und ergebnisorientiert durchzuführen.
Also wurde das Wohnzimmer zum Vernehmungszimmer umfunktioniert und der Rest der Familie begab sich entweder zur Ablenkung in die Werkstatt oder in die Küche, denn trotz der ganzen Aufregung hatten sie jetzt um die Mittagszeit doch Hunger bekommen. Auf Mariannes freundliche Nachfrage, ob sie auch Maultaschen mit Ei mitessen wollten, lehnten die Beamten jedoch ab. Sie mussten diese Befragung schnell hinter sich bringen, da ihre Chefin sie zur nachmittäglichen Besprechung wieder sehen wollte. Also wurde Jakob als Erster gebeten, im Wohnzimmer zu bleiben. Unbehaglich rutschte der Sechsundfünfzigjährige, der zwar schon ziemlich ergraut, aber immer noch mit dichtem, welligem Haar gesegnet war, in seinem Sessel hin und her. Es war das erste Mal, dass er polizeilich vernommen wurde und somit war er sehr nervös. Wie viel sollte er von den Problemen in der Familie erzählen, ohne ein schlechtes Licht auf Adele oder Reno zu werfen? Er würde erstmal abwarten, welche Fragen sie ihm stellen würden. Doch gleich die Erste brachte ihn schon in Bedrängnis.
„Wie gut verstanden sich Ihre Eltern?“, wollte Herr Kiss wissen und Herr Clemens zückte seinen Notizblock, um mitzuschreiben.
„Sie haben gemeinsam unsere Firma aufgebaut, nachdem mein Vater sich mit fünfzig Jahren von seinem Vater und Firmeninhaber losgesagt hat, um nochmal alleine von vorne anzufangen. Meine Mutter kam dann erst später mit uns Kindern nach Stuttgart. Vorher haben wir im Osten gelebt, in der Nähe von Görlitz“, erklärte Jakob und hoffte, damit die Frage hinlänglich beantwortet zu haben. Doch Herr Kiss war nicht zufrieden.
„Das erklärt aber noch lange nicht, ob die Ehe Ihrer Eltern nun gut war oder nicht“.
„Nun ja – was soll ich dazu sagen?“, fing Jakob an und knetete dabei unruhig seine Finger. „Sie haben sich respektiert, und wie meine Schwester bereits erwähnte, mit Reno konnte man nicht streiten. Er hat immer versucht, es allen recht zu machen.“
„Bedeutet das, dass Ihre Mutter das Sagen hatte?“, warf nun Herr Clemens ein und Joska Kiss, der diese Frage vermutlich etwas später im Verlauf dieses Gespräches angebracht hätte, biss sich auf die Lippen, um seinen Assistenten nicht zu rügen. Vor den Augen eines Zeugen wollte er das nicht tun und so war er nun selbst gespannt auf die Antwort des Messermachers.
„Wenn Sie mich so direkt fragen … ja. Meine Mutter war die Herrin im Haus und auch in der Firma. Sie stammt auch aus einer Messermacherei und die beiden Firmen wurden irgendwann, nachdem wir hierher nach Ottenbach gezogen waren, zusammengelegt. Da mein Vater einfach zu sensibel und nicht streng genug war, hat meine Mutter automatisch das Ruder in die Hand genommen. Ihm schien das nichts auszumachen – im Gegenteil. So konnte er sich ganz auf sein Handwerk und auf uns Kinder konzentrieren und die anstrengenden Gespräche mit Kunden und Lieferanten führte meine Mutter. Das lief alles hervorragend und Sie können sich ja vorstellen, welch ein Schock es für uns alle war, als wir erfahren mussten, dass Mutter Lungenkrebs hat!“ Jakob schluckte schwer und schaute verlegen aus dem Fenster. Die Polizisten sollten nicht sehen, wie nahe ihm diese ganze Sache ging. Behutsam stellte Joska nun seine nächste Frage:
„Was glauben Sie, ist in der gestrigen Nacht passiert?“
„Ich hab natürlich keine Ahnung, aber wahrscheinlich hat Vater wie jede Nacht nach seiner Frau geschaut und hat sie tot aufgefunden. Das muss ihn so geschockt haben, dass er in Panik davongefahren ist.“
„Und der Hund?“, fragte Sascha Clemens schon wieder dazwischen, doch Joska schaute nur gespannt auf Jakob.
„Nun ja – ich nehme an, dass der gute alte Moritz seinem Herrchen hinterher gelaufen ist und da der völlig von der Rolle war, hat er auf seinen Hund gar nicht geachtet und der ist dann zum Tor hinausspaziert. Der wird sicher bald zurückkommen, wenn er Hunger kriegt“, meinte Jakob hoffnungsvoll, denn etwas anderes konnte er sich einfach nicht vorstellen.
„Nun gut. Belassen wir es vorerst dabei und hoffen, dass beide – also Hund und Herrchen – bald wieder auftauchen. Würden Sie uns dann bitte Ihren Bruder Tobias hereinschicken?“, fragte Herr Kiss freundlich, fügte aber noch bestimmend hinzu: „Herr Clemens wird Sie begleiten. Ich möchte nicht, dass Sie vorher mit Ihrem Bruder sprechen.“
Es war dem jungen Polizisten sehr unangenehm, diesem ehrenwerten Handwerker etwas unterstellen zu müssen, aber die Vorschriften waren diesbezüglich eindeutig. Seufzend ließ sich Joska in die Polster sinken. So eine Befragung war ganz schön anstrengend. Man musste jederzeit wachsam sein, jede Gefühlsregung seines Gegenübers registrieren und (hoffentlich richtig) deuten. Das Schwierigste war aber, immer die richtigen Fragen zu stellen. Er hätte es nicht für möglich gehalten, aber in diesem Moment hätte er seine Chefin schon sehr gerne an seiner Seite gehabt. Aber das hatte ja nun alles keinen Sinn, er musste da alleine durch und hoffen, dass Herr Clemens sich zurückhielt und nichts Falsches sagte.
Doch auch die Befragung von Tobias Angerer, der rein äußerlich das genaue Gegenteil seines Bruders war, ergab nichts Neues. Tobias war schlank, knapp zwei Meter groß mit langen Beinen und kurzem Oberkörper, sowie schütterem, blondem Haar – allein an den grauen Augen konnte man erkennen, dass Jakob und Tobias Brüder waren. Von ihrer Schwester Marianne, die ebenfalls diese grauen Augen geerbt hatte, erfuhren sie nur noch, dass ihre Mutter mit der Frau von Jakob nicht zufrieden war. Die aus Portugal stammende Delfina war Adele von Anfang an ein Dorn im Auge gewesen. Diese gutaussehende Südländerin war in Adeles Augen eine schlechte Hausfrau und mit ihrer Malerei konnte die alte Dame auch nichts anfangen. Für Adele war das alles nutzlose Zeitverschwendung. Das einzig Gute, das diese Frau hervorgebracht hatte, waren ihre Kinder: Nora und Felix.
Die beiden Beamten hatten sich gewundert, dass Marianne ihnen diese Umstände erzählt hatte, denn danach gefragt hatten sie nicht. Wollte sie damit andeuten, dass Delfina einen Grund gehabt haben könnte, ihre Schwiegermutter umzubringen? Danach gefragt, meinte Marianne nur:
„Natürlich nicht! Delfina weilt zurzeit in Irland. Sie hätte eine solche verabscheuungswürdige Tat gar nicht begehen können und außerdem ist meine Mutter doch eines natürlichen Todes gestorben. Ich wollte Ihnen nur alles über unsere Familie sagen, damit Sie uns besser kennenlernen“, fügte sie noch hinzu, da sie sich insgeheim nun doch ärgerte, das über Delfina erzählt zu haben. Sie mochte ihre Schwägerin sehr gerne und kam gut mit ihr aus. Immerhin half diese ihr bei der täglichen Kocherei und beim Sauberhalten der Werkstatt und des Hauses. Auch in ihrer ehrenamtlichen Bücherei, die sie zwei Mal in der Woche, nach der Arbeit in der Werkstatt, zusammen mit ihrer Freundin Carmen und deren Zwillingsschwester Carolin führte, half die gute Delfina aus, wenn Marianne mal keine Zeit hatte. Marianne hoffte inständig, dass ihre unbedachten Worte die Kommissare nicht auf die Idee brachten, die natürliche Todesursache infrage zu stellen. Es war für sie von größter Bedeutung, dass bald wieder alles seinen gewohnten Gang nahm, und die Familie nach Adeles Tod so bald wie möglich wieder in Harmonie leben konnte. Marianne lag sehr viel an ihrer Familie und vor allem auch an der Firma, denn durch diese hatte sie in finanzieller Hinsicht keine Sorgen und so musste es auch bleiben! Wenn Reno dann endlich die Firma in die Hände seiner Kinder legen würde (Marianne zweifelte nicht daran, dass sie ihn nun, nach Adeles Tod, dazu bringen konnten), dann wäre ihr Glück perfekt! Ihre Bemühungen der letzten Zeit durften einfach nicht umsonst gewesen sein!
Erleichtert stellte sie daher fest, dass dieser junge Polizist
die natürliche Todesursache wohl nicht infrage stellte, denn Herr Kiss entließ sie mit den Worten, nun den jüngsten Spross der Familie sprechen zu wollen. Zu seiner Überraschung kam jedoch auch Nora mit den Worten herein:
„Mein Bruder ist erst sechzehn, den dürfen Sie nur gemeinsam mit einem erwachsenen Familienmitglied befragen und so bin ich gleich mitgekommen. Das ist doch in Ordnung, oder?“, fragte sie selbstbewusst und ließ sich in einen freien Sessel fallen. Die Beamten waren derart überrumpelt, dass sie nur nicken konnten. Doch Joska hatte sich gleich wieder gefasst und sagte:
„Sie kennen sich ja gut aus in unseren Gesetzen, muss ich feststellen.“
„Ich lese sehr viele Krimis und schaue solche Serien im Fernsehen an. Da lernt man eine Menge“, erklärte Nora nur und beugte sich interessiert vor.
„Was wollen Sie noch wissen?“
„Wer hat die Leiche entdeckt?“, fragte Herr Clemens, doch Joska winkte sofort ab.
„Das wissen wir doch schon. Der alte Angerer hat sie entdeckt.“
„Davon gehen wir aus, aber wissen tun wir das nicht. Ich wollte eigentlich wissen, wer von den hier Anwesenden heute früh die Leiche zuerst gesehen hat“, berichtigte sich Herr Clemens und schaute die beiden Jugendlichen fragend an.
„Das war ich“, sagte Felix leise und sah im gleichen Augenblick wieder die starren Augen seiner toten Großmutter vor sich.
„Hat sie da schon so dagelegen, wie ich sie vorhin vorgefunden habe?“, wollte Joska wissen.
„Nein … äh … das heißt ja“, fing Felix stotternd an, doch seine Schwester kam ihm zu Hilfe:
„Dagelegen hat sie genauso, wie sie bis vorhin gelegen hat, bevor die Bestattungsfirma sie mitgenommen hat. Als wir sie gefunden haben, hatte sie aber die Augen noch offen. Mein Vater hat sie dann zu gemacht“, antwortete Nora nun sachlich, doch ihrem Bruder lief dabei ein kalter Schauer über den Rücken. Nora bemerkte es und legte fürsorglich einen Arm um ihren zitternden Bruder.
„Sie hat so gestarrt“, murmelte Felix mehr zu sich selbst und die Kommissare wollten nun nicht noch mehr in den Jungen eindringen. Nach dem Verhältnis ihrer Großeltern untereinander gefragt, antworteten beide, dass es ganz normal gewesen wäre. Jeder hatte seine Aufgabe und seine Stellung in der Familie und niemand hätte daran etwas ändern wollen.
„Hat eure Oma Unterschiede zwischen euch gemacht?
Hatte sie einen von euch mehr lieb als den anderen?“, fragte Herr Clemens und Joska sah ihn ob dieser Frage entsetzt an. Was sollte das nun schon wieder?
Bevor Felix allerdings den Mund aufmachen konnte, kam Nora ihm zuvor:
„Nein. Unsere Oma hatte uns beide gleich lieb und wir sind sehr traurig, dass sie nun nicht mehr bei uns ist. Nicht wahr, Felix?“, fragte die junge Dame und drückte ihren Bruder fest an sich. Der schaute mit einem eigenartigen Blick zu seiner Schwester auf, nickte dann aber bestätigend.
„Also alles in allem eine rundum glückliche und harmonische Familie, nicht wahr?“, stellte Herr Clemens fest, aber es klang ironisch, obwohl es eher eine Feststellung als eine Frage war. Doch Nora fühlte sich sofort angegriffen und sagte mit Nachdruck:
„Ob Sie`s nun glauben oder nicht! Wir sind eine glückliche Familie! Meine Oma war krank und ist eben gestorben und mein Opa meldet sich bestimmt nach dem ersten Schock wieder bei uns, da können Sie sicher sein!“ Sie brachte das mit so viel Überzeugung vor, dass es den beiden Polizisten zunächst die Sprache verschlug. Darauf wussten sie einfach nichts zu erwidern – es klang alles so logisch und perfekt.
Oder fast zu perfekt?
Ein leiser Zweifel nistete sich bei Joska Kiss ein, doch noch konnte er diesen Gedanken nicht weiterverfolgen und ihm fielen dazu auch keine passenden Fragen ein. Vorerst zumindest nicht – er wollte die Sache zunächst auf sich beruhen lassen. Vielleicht meldete sich der Reno Angerer ja wirklich in den nächsten Stunden oder Tagen – dann konnte er befragt werden und hoffentlich alles aufgeklärt werden. Oder es taten sich neue Fragen auf.
„Nun gut, liebes Fräulein Angerer“, meinte Joska und erhob sich aus seinem weichen Polster. „Lassen wir es für heute gut sein. Wir warten noch bis Mittwoch ab. Wenn sich Ihr Großvater bis dahin nicht gemeldet hat, werden wir die Vermisstenanzeige aufnehmen und eine Fahndung nach ihm einleiten. Melden Sie sich bitte umgehend, sollten Sie etwas von ihm hören – aber wirklich sofort! Haben Sie das verstanden?“
„Natürlich – das versteht sich doch von selbst, lieber Herr Kiss“, antwortete Nora etwas zickig. Was dachte der Kerl denn von ihr?
„Ich werde das den anderen Familienmitgliedern auch noch einschärfen, falls sich Herr Angerer senior aus irgendeinem Grund nur mit einem von Ihnen in Verbindung setzen sollte. Kann man ja nie wissen, stimmt`s Herr Clemens?“, fragte Herr Kiss seinen Kollegen und hoffte auf dessen Zustimmung. Doch der murrte nur:
„Wenn Sie meinen, Herr Kiss. Ich sehe zwar keinen Grund,
warum er das tun sollte, aber …“.
Weiter kam er nicht, denn Joska unterbrach ihn forsch:
„Man muss alle Möglichkeiten durchdenken, das haben Sie doch sicher schon bei uns gelernt. Aber lassen wir das jetzt. Wir gehen und … ach ja. Falls der Hund auftauchen sollte, wüssten wir das auch gerne umgehend!“, versetzte er streng und ging dann den klappernden Tischgeräuschen nach. Für seine Ansage brauchte er gar nicht nach allen anderen zu suchen, denn sie saßen einhellig beim Mittagessen beisammen, wozu sich nun auch die zuletzt befragten Jugendlichen setzten. Allerdings hatten diese keinen Hunger, sie stocherten nur traurig in ihrem Essen herum. Beim Anblick der schwäbischen Maultaschen lief Herrn Clemens nun doch das Wasser im Munde zusammen, während Herr Kiss angewidert das Gesicht verzog. Seine ungarischen Wurzeln machten sich breit und ließen es nicht zu, dieses urschwäbische Mahl als lecker zu befinden. Sofort drängte sich ihm das Bild eines dampfenden, scharfen Gulaschs auf und auch er bekam augenblicklich Hunger.
„Nun denn … wir sind fürs Erste mit unseren Fragen durch. Sie melden sich, wenn es irgendetwas Neues gibt – egal was es ist. Hier sind meine Karte und die meiner Chefin. Einen guten Appetit noch und ich hoffe für Sie alle, dass Herr Angerer Senior sich bald meldet und dass es ihm gut geht.“
Mit diesen Worten ging Herr Kiss hinaus, doch Herr Clemens nickte den Angerers nur zu und folgte seinem Kollegen nach draußen. Als die beiden Polizisten fort waren, atmeten die Angerers hörbar auf und Nora sagte:
„Der Herr Kiss ist ja ein netter, aber der andere hat echt keine Manieren. Nicht mal verabschiedet hat der sich!“
„Ja, der Kiss ist ein richtig hübscher Goldjunge, das muss man schon sagen“, meinte Marianne süffisant und fügte noch hinzu: „Leider nicht meine Altersklasse … obwohl … so einen jungen hatte ich noch nicht!“
„Marianne!“, riefen ihre Geschwister im Chor, doch diese winkte nur lässig lächelnd ab.
„War doch nur Spaß, ihr alten Spielverderber. Der ist doch im Dienst und wir sind außerdem Verdächtige – da dürfte er sowieso nichts mit mir anfangen“.
Daran hatte Nora noch gar nicht gedacht – dass sie ja alle zu dem Kreis der Verdächtigen zählten. Es wäre doch möglich, dass die Beamten auf die Idee kämen, dass ihre Familie mit dem Verschwinden von Reno etwas zu tun haben könnte. Ein sehr beunruhigender Gedanke! Dass der junge Herr Kiss in ihrer Liga spielte und sie für ihn interessant sein könnte, daran verschwendete sie momentan keinen einzigen Gedanken. Sie wollte nur endlich wissen, was mit ihrem Opa geschehen war. Ihm durfte nichts passiert sein!
Warum meldete er sich denn nicht?
Vielleicht musste sie nur ganz fest an ihn denken – das hatte doch schon oft geklappt zwischen ihnen beiden. Eigentlich glaubte sie ja nicht an Telepathie, doch bei ihr und ihrem Großvater hatte das wirklich schon einige Male funktioniert.
„Ich geh mal kurz raus in die Sonne. Wie lange machen wir noch Mittagspause? Arbeiten wir heute überhaupt noch?“, wollte das Mädchen wissen und schnappte sich ihre moderne, großrandige Sonnenbrille.
„Ich denke, wir sollten so schnell wie möglich wieder zum Alltag zurückkehren. Das lenkt ab und wir haben doch so viele Aufträge, die termingerecht erledigt werden sollten. Noch ne halbe Stunde, dann gehen wir wieder an die Arbeit“, entschied Jakob, der sich als Ältester nun berufen fühlte, Entscheidungen zu treffen. Marianne und Tobias schauten sich zwar seufzend an, doch im Moment wollten sie ihrem Bruder auch nicht widersprechen. Er hatte ja in allen Punkten Recht – so würde die Wartezeit, bis Reno sich endlich melden würde, schneller vorübergehen. Dass er sich melden würde, war irgendwie allen klar. Einen anderen Gedanken ließen sie gar nicht zu.
Der schlacksige Felix, bei dem alles etwas blasser als bei seiner Schwester war – hellere Haut, hellere rotblonde Haare und hellere grüne Augen, war Nora in den Garten gefolgt. Doch als er sich zu ihr setzen wollte, wimmelte sie ihn unfreundlich ab, was eigentlich gar nicht ihre Art war. Beleidigt zog der Junge wieder ab, doch er wollte seiner Schwester nicht lange grollen, denn in dieser Ausnahmesituation reagierten alle nicht so wie gewohnt. Er selbst war ja normalerweise auch nicht so anhänglich, doch heute wäre er Nora am liebsten überallhin gefolgt. Wenn seine Mutter nicht da war, hielt er sich meistens an Nora. Mit seinem Vater zu kuscheln fand er dann doch etwas abwegig, ebenso wollte er sich nicht an Tobias oder Marianne hängen. Er mochte die zwei zwar sehr gerne, doch körperliche Nähe hatte er nur als Kleinkind zugelassen. Jetzt war er dafür doch schon zu alt, nur seine Mutter durfte ihn noch in den Arm nehmen und zu einer abendlichen Rückenmassage sagte er auch selten nein. Wenn er an Delfina mit ihrem weichen Körper und den immer nach Kokos duftenden Haaren dachte, überfiel ihn eine fast körperlich schmerzende Sehnsucht nach seiner Mutter. Nur noch zwei Tage, dann konnte er sie wieder in die Arme nehmen und sich von ihr trösten lassen (wenn es niemand sah!).
Nora unterdessen hatte sich in die Hollywood-Schaukel gesetzt, ließ sich hin und her wiegen und dachte mit allen Fasern ihres Körpers an ihren Opa. Immer wieder murmelte sie: „Opa, bitte ruf an … bitte melde dich … Opa bitte!“ Eine halbe Stunde lang, bis ihr Vater zur Arbeit rief, hatte sie vor sich hingemurmelt und gerade, als sie resigniert und traurig aufstand, um ins Haus zu gehen, läutete das Telefon.
8
Während der Befragungen im Hause Angerer war Reno in sein Campinghäuschen gegangen und hatte sich ins Bett gelegt. Obwohl er total erschöpft war und sich seine Gedanken weiterhin im Kreis drehten, hatte er zunächst nicht einschlafen können. Der blöde Köter von nebenan hatte auch immer mal wieder gebellt und so hatte es eine Weile gedauert, bis sich der erlösende Schlaf endlich eingestellt hatte.
Unruhig warf der alte Mann sich im Schlaf nun hin und her – es war nicht verwunderlich, dass er nach den nächtlichen Erlebnissen von Albträumen geplagt wurde. So wachte er nach zwei Stunden auch völlig schweißgebadet auf und wusste zunächst nicht, wo er sich befand. Erst als er Amigo, diesen ollen Kläffer, vom Nachbarhaus her bellen hörte, erinnerte er sich wieder. Doch was hatte er da gerade geträumt? Konnte es wirklich so gewesen sein, dass jemand anderes im Haus gewesen war und Adele mit einem Kissen erstickt hatte? In seinem Traum hatte er so etwas gesehen, aber nicht, wer es gewesen war. Wie konnte er das herausfinden? War es wirklich so gewesen oder hatte er einfach nur irgendetwas geträumt? Und wer spukte nun noch in seinem Kopf umher? Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren und allmählich wurde ihm immer klarer, wer ihn da mit der Macht ihrer Gedanken rief: Nora! Das arme Kind musste ja total verstört sein! Wie hatte er nur so egoistisch sein können? Womöglich hatten sie oder ihr Bruder die tote Adele gefunden. Oh mein Gott, meine armen Enkel! Das konnte er nie mehr gutmachen! Was würden sie nur von ihm denken, dass er sie so im Stich gelassen hatte? Dass sie in ihm den Mörder seiner Frau sehen könnten, darauf verschwendete er keinen einzigen Gedanken. Er musste sich melden, und zwar sofort! Aber wie anfangen? Was sagen und wie erklären, warum er einfach abgehauen war? Er brauchte zuerst einen Kaffee! Doch er hatte noch gar nichts eingekauft. Ob er wohl seine neue Bekannte, diese Helene danach fragen sollte? Oder doch zuerst anrufen, um seine Lieben zu Hause nicht noch länger im Ungewissen zu lassen?
Als er sich jedoch dazu durchgerungen hatte, um wieder in Schwung zu kommen, einen Kaffee zu trinken, erledigte sich die Sache von selbst. Denn Helene bog mit ihrem Hollandrad und ihrem Hund an der Seite gerade um die nächste Ecke und war verschwunden. Also doch kein Kaffee, sondern gleich der Anruf. Doch daraus wurde auch nichts, denn der Akku seines uralten Handys war leer. Sein neues Smartphone hatte er jemand anderem gegeben, aber warum eigentlich? Auch das konnte er sich momentan überhaupt nicht erklären. Sein Gedächtnis spielte ihm in dieser Sache wirklich einen üblen Streich!
Nun hatte er zwei Möglichkeiten: Entweder Handy aufladen und warten (aber hatte er das Ladegerät denn in seiner blinden Flucht mitgenommen?) oder irgendwo von einem öffentlichen Fernsprecher aus anrufen? Vielleicht wurde ja schon nach ihm gefahndet und es wäre sicherer, nicht mit dem Handy zu telefonieren? Da fiel ihm ein, dass seine Familie ja noch gar nicht wusste, dass er das Smartphone nicht mehr hatte. Seine Familie rief ihn so gut wie nie auf diesem neuen Gerät an, weil er es sowieso nicht zuverlässig dabei hatte. Deshalb hatte er gar nicht weiter darüber nachgedacht, als er seinem Bekannten sein Telefon gegeben hatte. Wenn er an ihn dachte, wurde ihm sofort wieder schlecht. Was hatte er sich bei der ganzen Aktion eigentlich gedacht? Seine Veranlagung hatte ihn in die unmöglichste Situation gebracht, in die man überhaupt kommen konnte – wie sollte er aus diesem Schlamassel jemals wieder rauskommen?
Doch bei dem Gedanken an seine sicher total verängstigten Enkelkinder gab sich Reno dann doch einen Ruck und trat den langen Weg ins Dorf zu Fuß an. So hatte er Zeit, sich genau zu überlegen, was er sagen wollte. Die Sonne stand jetzt im Juni zur Mittagszeit strahlend am Himmel und schnell wurde dem gebeugt dahinschlurfenden Mann heiß. Als er nachts aufgebrochen war, war es noch empfindlich kalt gewesen und er hatte ein Sweatshirt angezogen. Das war ihm jetzt deutlich zu warm, aber er hatte kein T-Shirt oder ein kurzärmliges Hemd dabei. Wenn er genauer darüber nachdachte – er hatte überhaupt nichts dabei. Keine Klamotten zum Wechseln, keine Zahnbürste, weder Rasierzeug noch Handtuch. Mechanisch griff er in seine Hosentasche und atmete hörbar auf – wenigstens seinen immer gut gefüllten Geldbeutel mit allen wichtigen Kreditkarten hatte er mitgenommen. Welch ein Glück, dass er daran gedacht hatte. Der Griff zur Geldbörse war anscheinend tief in ihm verwurzelt, denn sogar zum Gassi gehen mit dem Hund hatte er stets seine Börse dabei. Man konnte ja nie wissen …
Diese Angewohnheit verhalf ihm nun dazu, sich in dem kleinen Ort mit dem Nötigsten zu versorgen. Wie auch in seinem Heimatort Ottenbach gab es hier einen kleinen Tante-Emma-Laden, der auch etwas Kleidung da hatte. In Ottenbach hatten sie sogar einen kleinen Stoffladen, wo man auch ein paar Kleidungsstücke kaufen konnte. Dass momentan allerdings kein Metzger im Ort war und angeblich auch die neue Ärztin wieder aufhören wollte, war nicht so gut für die Gemeinde.
„Lenk dich nicht dauernd mit anderen Gedanken ab, Reno!“, schimpfte sich der alte Mann leise murmelnd selbst, während er an der Kasse wartete. Nur eine Frau war noch vor ihm und erst jetzt registrierte er die weißen Haare. In diesem Moment drehte sich die Frau um und strahlte ihn an.
„Reno! Auch hier zum Einkaufen?“, fragte sie, ohne nachzudenken, denn dass er etwas eingekauft hatte, sah sie ja an den vielen Dingen in seinem Korb. Reno jedoch war zu höflich, um so einer dummen Frage große Bedeutung beizumessen und so sagte er nur:
„Wenn ich gewusst hätte, dass du auch einkaufen musst, hätten wir ja auch mit dem Auto gemeinsam fahren können.“
„Nein, nein. Ich fahre, zumindest bei diesem herrlichen Wetter, sehr gerne mit dem Rad. Du bist zu Fuß hier, nehme ich an?“, fragte sie freundlich, während sie ihre Sachen einpackte und dann zu der Verkäuferin sagte, sie solle alles bitte aufschreiben. Renos fragenden Blick und den leicht genervten Blick der Verkäuferin ignorierte sie einfach. Mit Blick auf ihren draußen wie verrückt herumhüpfenden Hund verkündete sie:
„Ich muss los – Amigo hasst es, wenn er draußen warten muss. Man sieht sich …“, und schon war sie weg.
„Wird Zeit, dass die mal wieder einen Roman verkauft“, murmelte die Verkäuferin mehr zu sich selbst, doch Reno hatte sie genau verstanden. Seine Augen waren zwar nicht mehr ganz so gut, aber seine Ohren schon. Schriftstellerin war sie also, folgerte er aus den Worten der Dame, die nun eifrig seine Waren aus dem Korb zog und alles eintippte. Amüsiert beobachtete er sie, denn es war eine uralte Kasse, ein riesiges schwarzes Ungetüm mit hohen Tasten und einer Kurbel an der Seite. Den Betrag, den er zu bezahlen hatte, konnte er an vier nach oben gehüpften weißen Tasten mit schwarzen Zahlen ablesen. Solche Kassen waren zu seiner Jugendzeit höchst modern gewesen. Es freute den alten Mann, dass es doch noch ein paar solche urige Dinger gab, die sogar noch einwandfrei funktionierten. Beim Klingeln der Kasse sprang die Schublade auf und dieser Ton versetzte Reno wieder in seine Schulzeit. Schon wieder wollte er sich von anderen Gedanken ablenken lassen, doch die Kassiererin holte ihn in die Gegenwart zurück.
„Haben Sie es nicht kleiner? Auf einen Zweihunderter kann ich nicht rausgeben! Wenn ich ehrlich bin, hab ich so einen noch nie gesehen“, gestand sie kleinlaut. Anscheinend schämte sie sich, das zugeben zu müssen.
Reno schaute bestürzt in seinen prall gefüllten Geldbeutel und musste feststellen, dass er außer Zweihundertern und sogar einem Fünfhunderter nichts Kleineres dabei hatte. Bedauernd schüttelte er den Kopf.
„Was machen wir denn nun? Kann man bei Ihnen auch mit Karte bezahlen?“, fragte er hoffnungsvoll, obwohl er nirgends ein Eingabegerät sehen konnte.
„Nein, das haben wir auch nicht. Also entweder legen Sie die Sachen wieder zurück oder ich lege Sie Ihnen beiseite, Sie gehen zum nächsten Bankautomaten und kommen dann mit kleineren Scheinen zurück.“
„Wo ist denn der nächste Automat? Ich bin nämlich nicht von hier“, fragte Reno schnell, denn hinter ihm wurden zwei alte Damen langsam ungeduldig. Ja, die Rentner – die hatten nie Zeit!
„Gleich um die Ecke ist unsere kleine Sparkasse. Da gibt es auch einen Automaten. Soll ich die Sachen also zurücklegen?“, fragte die Verkäuferin nun ebenfalls etwas gereizt.
„Ja bitte. Das wäre wirklich sehr freundlich von Ihnen und entschuldigen Sie nochmals die Unannehmlichkeiten“, sagte er auch mit Blick auf die wartenden Frauen. Wie erwartet erlagen alle drei Damen seinem Charme und sie beteuerten, das wäre doch nicht so schlimm. Mit einem freundlichen Gruß verließ Reno das Lädchen, um draußen sofort wieder den Kopf hängen zu lassen und schwer seufzend den Bankautomaten anzusteuern. Da hatte man nun über tausend Euro in der Tasche und konnte erst nichts damit anfangen! Wo gab`s denn so was? Doch beim Automaten tat sich ihm die nächste Hürde auf, denn er hatte zwar seine Karte dabei, aber die Pin-Nummer vergessen! Er brauchte sie so gut wie nie, da er sein Geld meist am Schalter seiner Hausbank in Ottenbach abholte und dann immer bar bezahlte. Obwohl er kein waschechter Schwabe war, sah er es trotzdem nicht ein, für jede Zahlung mit der Bankkarte Gebühren zahlen zu müssen. Das hatte er nun davon – hier kam er nicht an Geld heran. Doch plötzlich musste er laut lachen und mit Schwung stieß er die Türe zum Schalterraum auf.
„So schwungvoll heute schon, der Herr?“, fragte eine hübsche junge Dame freundlich. „Was kann ich für Sie tun?“
„Ich wollte nur schnell einen Fünfhunderter kleinmachen. Können Sie mir den bitte in Fünfer, Zehner, Zwanziger und Fünfziger wechseln?“, fragte Reno hoffnungsfroh und knallte mit einem entwaffnenden Lächeln den lila Schein auf die Theke.
„Sie sind kein Kunde unserer Bank?“, fragte Frau Heimlich (so stand es auf ihrem Namensschild).
„Nein, ich bin normalerweise bei der Volksbank, aber diese haben Sie hier im Ort ja nicht. Ich bin hier auf Urlaub“, stellte Reno klar und sah nun besorgt in das skeptische Gesicht des jungen Fräuleins. Diese war sich anscheinend nicht sicher, ob der Schein echt war, und entschuldigte sich mit den Worten: „Bin gleich wieder da.“
Was sollte das nun wieder? War der Schein etwa gefälscht? Das konnte doch nicht wahr sein! Diesen Schein hatte er doch direkt aus den Händen seines Hausbankers erhalten. Oder doch nicht? Wo könnte er ihn sonst herhaben? Während die Bankangestellte anscheinend ihren Vorgesetzten konsultierte, verfiel Reno in fieberhaftes Grübeln. Wo hatte er diesen Fünfhunderter her? Er überlegte hin und her und so ganz allmählich kam die Erinnerung zurück: Er hatte ein Messer nach München in seine Stammkneipe mitgenommen und dort verkauft. Schwarz natürlich, also ohne Rechnung und der Typ hatte damals in bar bezahlt – mit einem Fünfhunderter! Niemals wäre Reno auf die Idee gekommen, dass der Schein eine Fälschung sein könnte! Auch das noch – das durfte doch nicht wahr sein! Jetzt machte er sich durch diesen blöden Schein zusätzlich verdächtig! Ob er einfach ohne diesen vermaledeiten Schein abhauen sollte? Würde er sich dadurch nicht noch verdächtiger machen? Aber er brauchte das Geld dringend für die Bezahlung des Campingplatzes, für die Sachen im kleinen Lädchen um die Ecke und natürlich für Benzin und was zum Essen und Trinken. Schöner Mist! Wurde man für den Besitz eines gefälschten Scheines eigentlich gleich verhaftet oder konnte er sich rausreden, dass er den Schein von seiner Bank erhalten hatte? Würde diese Bank hier den Schein einfach einbehalten?
Mitten in seine Grübeleien kam die Dame mit einem breiten Lächeln zurück und Reno fiel dabei ein ganzer Felsbrocken vom Herzen. So lächelte nur jemand, wenn alles in Ordnung war, oder wollte sie ihn nur in Sicherheit wiegen und hatte bereits die Polizei angerufen? Dem armen alten Mann brach der kalte Schweiß aus, doch er versuchte, sich seine Nervosität nicht anmerken zu lassen. Krampfhaft lächelnd sah er Frau Heimlich in die Augen und diese erklärte:
„Alles in Ordnung, mein Herr. Wir sind nur angehalten, solche großen Scheine genauestens zu prüfen, da in letzter Zeit immer mal wieder gefälschte im Umlauf waren. Aber Ihren kann ich nun gerne wechseln. Sagen Sie mir bitte nochmals die gewünschte Sortierung der kleinen Scheine? Brauchen Sie auch ein paar Münzen?“
Einen tiefen Seufzer unterdrückend meinte Reno nur:
„Machen Sie einfach, wie Sie denken. Hauptsache, ich kann endlich die kleinen Beträge in den diversen Geschäften bezahlen.“
„Mit so großen Scheinen ist das wirklich fast überall ein Problem. Vielleicht lassen Sie sich in Zukunft gleich die kleinen Scheine geben?“, versuchte Frau Heimlich ihrem Kunden einen Rat zu erteilen und Reno versprach ganz artig, das in Zukunft zu tun. Natürlich würde er das nicht tun, denn so viel Geld, wie er gewohnheitsmäßig mit sich herumschleppte, konnte man unmöglich in kleinen Scheinen in den Geldbeutel stopfen – das hätte niemals Platz und die Hosentasche wäre zu voll. Aber das sagte er der freundlichen Bankangestellten natürlich nicht. Dennoch nahm er sich vor, immer auch wenigstens ein paar Fünfziger dabei zu haben.
Nachdem er dann endlich seine Sachen in dem kleinen Lebensmittelgeschäft abgeholt und erfahren hatte, wo noch ein letzter öffentlicher Fernsprecher stand, machte er sich auf den Weg dorthin. Es war wirklich schwierig, im Handy-Zeitalter eine Telefonzelle zu finden und wenn man dann endlich eine gefunden hatte, funktionierte diese nur mit einer Telefonkarte – so auch hier! Reno hätte beinahe in seinem Frust mit den Fäusten gegen die Scheibe geschlagen, konnte sich jedoch gerade noch zurückhalten. Was sollte er denn nun tun? Er musste dringend zu Hause anrufen! Ob diese Helene vielleicht ein Telefon in ihrem Bungalow hatte? Er hätte zwar auch von dem Gasthaus dort drüben aus anrufen können, aber da hätten dann alle mithören können und das wollte er nicht. Also war seine letzte Hoffnung doch die freundliche Helene. Doch falls sie ein Telefon hatte, wie konnte er sie dazu bringen, ihn alleine telefonieren zu lassen? Ihm musste dringend etwas einfallen und so marschierte er mit seinen vollgepackten Einkaufstüten strammen Schrittes zurück zum Campingplatz, wobei ihm schon nach wenigen Metern der Schweiß in die Augen rann und die Arme wegen der ungewohnten Belastung schmerzten.
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