Kitabı oku: «Einmal Kuba und zurück»
Inhalt
Impressum 2
Kapitel 1 3
Kapitel 2 30
Kapitel 3 54
Kapitel 4 152
Kapitel 4.1 249
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99107-728-2
ISBN e-book: 978-3-99107-729-9
Lektorat: Mag. Elisabeth Pfurtscheller
Umschlagfoto: Ekaterina Burtseva, Julian Peters | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Kapitel 1
Es ist fünf Uhr morgens, heute ist mein erster Tag der Ausbildung, mir graut vor diesem Neuanfang, aber er bringt mich wenigstens meinem Erwachsendasein etwas näher. Ich bin ja kein Frühaufsteher, aber so ist nun mal der Lauf des Lebens eines anständigen Mädchens. So zumindest wollen das meine Eltern, dass sie sagen können, ihre Tochter ist gut erzogen und hat die Schulausbildung erfolgreich beendet. Meine Mutter ist auch schon auf und kocht gerade Tee. Ich öffne die Augen und blicke in die von Neonlicht hell erleuchtete Küche, das Radio brummelt leise vor sich hin und berichtet gerade über das heutige Regenwetter an diesem Tag, dem 1. September des Jahres 1979, und da höre ich auch schon die Stimme meiner Mutter, die mich wieder ermahnt, damit ich meine Geschwindigkeit steigere, da wir auch denselben Arbeitsweg zur selben Zeit haben. „Petra, beeil dich, geh ins Bad, bevor dein Vater aufsteht! Am ersten Tag und dann gleich zu spät kommen …“ „Ja, ich geh ja schon!“
Diese Ausbildung war nicht mein Traumberuf, zu gerne wäre ich Stewardess geworden. Doch eine Ausbildung als Stewardess bekam man in der DDR nur mit guten Beziehungen zu denen, die was zu sagen hatten und mit einer absoluten sauberen Weste. Ich hatte weder gute Kontakte noch eine saubere Weste. Mein Vater ist in der BRD, in Frankfurt am Main geboren und aufgewachsen und er war Leistungsturner. Als er sich im Jahre 1956 bei einem Turn- und Sportfest in meine Mutter aus Leipzig verliebte und sie dann auch heirateten, errichtete man eine Mauer. Die Liebe ließ ihn dann auf der eingemauerten Seite verbleiben und somit war er ein Bürger der DDR. Für ihn gab es kein Zurück mehr in seine Heimat, nicht einmal einen Blick über die Mauer konnte er werfen. Seine Familie war natürlich weiterhin in Frankfurt am Main und somit war er ein Staatsfeind und vielleicht würde er ja mit seiner jetzigen Familie – meine Mutter, meine Schwester Maria und mir – die Seiten wechseln wollen, das jedenfalls wurde ihm stets unterstellt und die Schnüffler taten ihr Übriges, um die ganze Familie im Zaume zu halten. Da war es natürlich ausgeschlossen, dass ich eine Ausbildung zur Stewardess machen konnte. Die Tochter des Staatsfeindes über den Wolken mit unvermeidbaren Zwischenlandungen im westdeutschen Ausland. Ja, ich hätte mich abgesetzt, schließlich kannte ich die Familie meines Vaters und die waren so unglaublich lieb, ich hätte es da überhaupt nicht schwergehabt, irgendwie Fuß zu fassen. Aber dennoch, ich hatte das zum Zeitpunkt des Berufswunsches nicht vor. Ich liebte ja meine Heimat trotz aller Umstände. Ich wollte nur die Welt sehen, warme Länder, kalte Länder, über den Wolken sein, den Duft der Fremde schnuppern, im Flugzeug mal im Cockpit sitzen und Fremdsprachen lernen. Nun, es kam anders und ich begann eine Ausbildung bei der Post.
Mein erster Tag war gar nicht so schlimm, viel musste ich nicht machen, wie das eben so üblich ist am ersten Tag. Nur so organisatorisches Zeug, was man so alles braucht in der nächsten Zeit und so. Ich hatte mich auch gleich mit den neuen Mädchen angefreundet. Dabei hatte ich nie Probleme. Ich war sehr kontaktfreudig und es waren wirklich einige sympathische Mädels dabei.
Geschafft, die erste Woche war rum: endlich Wochenende. Anna, meine Freundin, kam vorbei und wir verabredeten uns für den Abend zur Disco. Meine Eltern mochten sie nicht, weil sie schon 19 Jahre alt war und auch schon ihr eigenes Leben führte. „Hey Petra, kennst du die neue Disco im nächsten Stadtteil? Ich war letzte Woche dort, die Musik ist sehr gut und samstags geht es bis 00:30 Uhr und tolle Jungs gibt es da auch noch.“ „Nein, kenne ich nicht, aber ich werde sie heute kennenlernen. Wann wollen wir los? Oje, was soll ich anziehen? Ach ja, ich weiß, meine neue rote Hose, nur was dazu? Ich will nicht aussehen wie eine 14-Jährige, sonst muss ich wieder meinen Ausweis zeigen.“ „Kein Problem, komm vorher zu mir, ich leih dir meine schwarze Bluse, die macht was her und schminken kannst du dich auch bei mir.“ „Okay, also bis dann, bin um sieben bei dir.“ Was für eine Freude, der Abend war gerettet! Jetzt noch meine Eltern fragen. „Ach, wäre ich doch schon 18 Jahre, da müsste ich nicht fragen und große Erklärungen abgeben und ich müsste auch keine sekundengenaue Zeit über meine Rückkehr angeben, die ich dann ohnehin nicht einhalte. Egal, dann bekomme ich eben meine Bestrafung von meinem Vater und muss wieder viel Prügel einstecken, Hauptsache der Abend war gut.“
Zum ersten Mal war ich in so einer Diskothek in welcher die Lichter nicht schon 21:00 Uhr ausgingen, nein, besser gesagt, angingen. Die Musik war wirklich sehr gut. Es liefen die Smokies, die Rubettes, Suzi Quatro, Santana – endlich konnten wir mal zu unserer Lieblingsmusik tanzen, die wir sonst nur heimlich auf Radio Luxemburg hörten. Anna und ich waren ein sehr gutes Team beim Tanzen, sie übernahm immer die Führung und auf diese konnte ich mich wirklich verlassen. Da wir dabei stets viel Platz brauchten, wir tanzten Foxtrott, was der Hit war, zogen wir auch die ungeteilte Aufmerksam auf uns. Ohne dass ich damals wusste, sollte dieser Abend über mein weiteres Leben entscheiden. Es waren unerwartet viele Leute da. Was jedoch sehr ungewöhnlich war, war, dass sehr viele junge Kubaner da waren. Sie sahen wirklich gut aus, so knackig, so rassig und die braunen Augen und was für schöne und dunkle Haare sie hatten. Sie hatten einen Blick, der alles zum Schmelzen brachte, zum Verlieben. Sie sahen aus, als hätten sie auch gleich die Sonne Kubas mitgebracht: voller Fröhlichkeit mit einem strahlenden Lächeln. Die pure unbeschwerte Lebensfreude voll Temperament und Rhythmus. Sie waren irgendwie ständig in Bewegung zur Musik – egal ob sie saßen oder standen. Schnell nahmen wir den Blickkontakt auf und mein Blick blieb bei ihm hängen. Ich konnte gar nicht mehr wegschauen, diese schöne braune Haut und die dunklen Locken. Seine Ausstrahlung faszinierte mich wie Magie. Viel Zeit ließ er nicht verstreichen. Er kam direkt auf mich zu.
„Hallo, schöne Tänzerin, ich bin Raul, tanzen wir den nächsten Tanz zusammen?“ Wie er das sagte mit seinem Akzent, das klang so hinreißend und diese Augen, sein strahlendes Lächeln mit seinen wunderschönen Zähnen, die aussahen wie Südseeperlen, schon da war es um mich geschehen. „Ja, gern und ich heiße Petra“, sagte ich schüchtern. Es war natürlich äußerst schwierig, bei der diskoüblich lauten Musik eine Unterhaltung während des Tanzens zu führen, aber dafür konnten wir uns riechen und anfühlen – und das war ohnehin mehr als jedes gesprochene Wort. Er fühlte sich so männlich an. Auf die Musik konnte ich gar nicht mehr hören, so sehr war ich in Gedanken. Ein richtiger Mann, der so viel Wärme ausstrahlte und mich regelrecht dazu einlud, ihn sofort zu küssen. Wenn ich auch ansonsten ein ziemlich loses Mundwerk hatte, aber in Sachen Jungs war ich schüchtern und unerfahren. Wir verbrachten den Abend nun gemeinsam und wenn wir nicht gerade tanzten, gesellten wir uns zu seinen Landsleuten, wo wir zusammen Havanna Club mit Cola tranken. Es stellte sich heraus, dass er mit seinen Kollegen seit drei Monaten in der DDR ist, um eine vierjährige Ausbildung zum Mechaniker zu machen. In Kuba wurde dieser Beruf sehr gebraucht, es gab jedoch dafür keine Ausbildungsmöglichkeiten und die DDR hatte ein Abkommen mit Cuba, das erlaubte, sie in unseren einheimischen Unternehmen auszubilden.
Der Abend neigte sich dem Ende zu und unsere Wege mussten sich vorerst wieder trennen. Wir standen bereits draußen. Er küsste mich nun das erste Mal zum Abschied. Warme, weiche Lippen ruhten auf meinen und es dauerte eine Ewigkeit. Dieser Kuss sollte doch nie enden. Meine Güte war das toll und dieser angenehme Geruch, diese Wärme, ich hätte ihn am liebsten nie mehr losgelassen. „Wo wohnst du?“, fragte er. Da ja kaum jemand Telefon in der DDR hatte, gab ich ihm meine Adresse und sagte. „Besser wir treffen uns wo anders, da ich sonst ganz sicher mit meinen Eltern Ärger bekomme, wo wohnst du denn?“ Er gab mir seine Adresse, er wohnte in einem Wohnheim zusammen mit seinen Kollegen. „Kann ich dich morgen treffen?“ „Ja, gern“, sagte ich und wir verabredeten einen Treffpunkt für den nächsten Nachmittag. Es war schon sehr spät bereits ein Uhr, viel zu spät und der Ärger mit meinem Vater war mir jetzt schon sicher. Aber das war nun auch nicht mehr zu ändern, in meinem Kopf war jetzt nur Raul und dafür nahm ich den Ärger gerne Kauf. „Komm Petra wir müssen uns beeilen, sonst verpassen wir die letzte Straßenbahn und die nächste fährt erst vier Uhr morgens!“ Wir hatten Glück, aber dennoch lag noch eine halbe Stunde Fahrweg vor uns.
„Und“, sagte Anna, „habt ihr euch verabredet? Ich hoffe doch, dass du ihm nicht einen Korb gegeben hast.“ „Ja, haben wir. Wir treffen uns morgen, aber ich weiß noch nicht,wie ich morgen von zu Hause wegkommen soll, da ich heute Nacht sowieso für die nächsten drei Wochen Hausarrest bekomme. Aber irgendwas wird mir schon einfallen und wenn ich abhaue. Ich will Raul unbedingt wiedersehen und wenn ich morgen nicht zum Treffen komme, denkt er doch sicher, dass ich gar kein Treffen möchte und ich hätte das nur so gesagt.“ Plötzlich machte sich in mir Panik breit. Ich war sicher, das, was ich gerade ausgesprochen hatte, würde ganz bestimmt so eintreffen. Dazu kannte ich meinen Vater zu gut. Am liebsten wäre ich gar nicht mehr heimgegangen, um dann am nächsten Tag auch ganz sicher zu unserer Verabredung gehen zu können. Ich musste Raul unbedingt wiedersehen. „Du wirst dir das doch nicht gefallen lassen, du bist bald 17 Jahre und hast bereits eine Berufsausbildung angefangen, da stehst du doch quasi schon auf eigenen Beinen!“ „Du kennst ja meinen Vater, er verbietet mir doch einfach alles und heute Abend konnte ich auch nur weg, weil ich gesagt habe, die Disco sei um 21 Uhr zu Ende und anschließend komme ich gleich heim. Wenn er wüsste, wo die Disco ist, wäre er doch schon längstens gekommen und hätte mich da rausgeprügelt.“ Meine Gedanken kreisten nun leider nur noch darum, die Realität hatte mich schnell wieder eingeholt. Für mich war klar, es wird das erste und auch das letzte Mal gewesen sein, dass ich in einer Disco war, die länger als bis 21 Uhr geöffnet hat. Mein Vater hatte mir beigebracht, meinen Kopf gesenkt zu halten und gehorsam zu sein, anderenfalls wurde ich bestraft. Erreicht hatte er damit, dass ich rebellisch wurde und im Außen nicht den Kopf gesenkt halten wollte. Ich musste so schnell wie möglich 18 Jahre werden, dann war ich volljährig und konnte machen, was ich wollte. Meine Schwester Maria war bereits in diesem Jahr 18 geworden und einen Monat später hatte sie ihren langjährigen Freund geheiratet und war zu Hause ausgezogen. Ich beneidete sie so sehr darum. Sie wohnte zwei Minuten zu Fuß von uns und ich war sehr oft bei ihr. Das war jedes Mal ein gutes, wenn auch kurzes, Freiheitsgefühl. Wenn ich bei ihr war, ließen mich meine Eltern in Ruhe, weil sie meiner großen Schwester vertrauten. Ich rauchte dann heimlich bei ihr, denn auch das durfte ich natürlich nicht, wir tranken süßen Rotwein dazu und anschließend putzte ich gründlichst die Zähne und ging wieder heim.
„Ich wünsch dir viel Glück und lass dir nicht alles gefallen, sieh einfach zu, dass du deinen Traumprinzen morgen triffst, du musst mir dann unbedingt auch erzählen, wie es war.“ Sie stieg aus und ich musste noch zwei Stationen weiterfahren. Ich wollte nur zu gern die Gedanken verdrängen und versuchte ständig, mir das Bild von Raul ins Gedächtnis zu holen, um das gute Gefühl noch mal zu spüren. Es war ein Auf und Ab in meinem Kopf. Könnte ich doch einfach nur ganz normal mit meinen Eltern reden und ihnen einfach erzählen, wo ich war und was ich erlebte. Nur allzu sehr wünschte ich mir das Verständnis von ihnen und alles wäre viel einfacher und harmonischer und ich hätte so auch nie das Gefühl gehabt, nur endlich von zu Hause zu fliehen, einfach weg – und zwar für immer. Ständig diese Bevormundung, diese sinnlosen Auseinandersetzungen, dieses Misstrauen. Aber wie sollte das auch gehen, wenn doch meine Eltern auch miteinander so umgingen: Ständig stritten sie sich und brüllten sich hässliche Dinge an den Kopf, bis dann mein Vater zu guter Letzt auf meine Mutter einprügelte. Mein ganzes bisheriges Leben mussten wir, meine Schwester und ich, das mit ansehen. Eines wusste ich ganz sicher, wenn ich selbst Kinder hätte, würde ich niemals so zu ihnen sein. Zu Hause angekommen, steckte der Schlüssel von innen in der Wohnungstür, damit mein Vater auch wirklich wach werden musste, wenn ich nach Hause. „Wo kommst du denn so spät her? Von wegen 21 Uhr zu Ende, wo warst du? Das hat Konsequenzen.“ Während er brüllte kamen auch die Schläge. Ich dachte nur, wenn Raul das jetzt wüsste, er wäre sicher entsetzt. Ich hoffte nur, es lohnt, sich das jetzt einzustecken. „Geraucht hast du auch.“ Und auch dafür schon wieder Schläge „Ich will wissen, wo du warst, wo hast du dich rumgetrieben, du Schlampe?“ Ich und eine Schlampe, wo ich doch wirklich anständig war, wäre ich doch nur nicht nach Hause gekommen. Wenn er schon denkt, dass ich eine Schlampe bin, dann sollte ich doch wenigstens meinem Ruf gerecht werden. Am liebsten hätte ich ihm das an den Kopf geworfen, aber das hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt. „Ich war bei Anna und wir haben Monopoly gespielt und ich habe vergessen, auf die Uhr zu schauen“, log ich. „Lüg’ mich nicht an, von wegen vergessen, auf die Uhr zu schauen, und außerdem habe ich dir den Umgang mit ihr verboten. Die nächsten drei Wochen hast du Hausarrest, dass das klar ist.“ Ich war kurz vor einem Anfall vor Entsetzen. „Das ist Freiheitsberaubung“, schrie ich ihn an. „Solange du die Füße unter meinen Tisch stellst, wird gemacht, was ich sage.“ Das war sein Lieblingsspruch, dabei wollte ich ja gar nicht meine Füße unter seinen Tisch stellen, ich war ja regerecht dazu gezwungen und das schon seit 16 Jahren, was blieb mir denn anderes übrig. Dann durfte ich abtreten und so ging ich ins Bett. Das Gebrüll, die Prügel lagen nun erst mal hinter mir – das war nun erledigt. Mit der Zeit gewöhnte ich mich auch daran. Immer wieder dachte ich, wie sehr ich doch meine Freundinnen um ihre verständnisvollen Eltern beneidete und dass diese nicht so einer Härte ausgesetzt waren. Sie konnten zu Hause mit ihren Eltern über fast alles reden. Meine Mutter hatte leider auf die Erziehungsmaßnahmen meines Vaters keinen Einfluss und was er einmal aussprach, wurde konsequent durchgezogen. Am nächsten Tag war die übliche Hausarbeit angesagt, na ja an diesem Tag im übertriebenen Maße, da hatte sich mein Vater immer was sehr Zeitintensives ausgedacht, damit ich auch wirklich bereute. Ich bereute aber gar nichts, im Gegenteil. Hausarbeit machte mir nichts aus und außerdem dachte ich nur an Raul. Nur dass mir in keinster Weise einfiel, wie ich denn nun aus dem Hause käme. Ich erfand, dass ich noch zu meiner Freundin müsste, konnte aber keinen glaubwürdigen Grund dafür liefern. Zu meiner Schwester durfte ich auch nicht. Es hieß: „Nein!“. Jeder Versuch war zwecklos. Ich konnte nicht raus und traute mich auch nicht, einfach abzuhauen, ich hatte den Mut nicht und wie hätte ich es auch machen sollen, ich wollte so schnell nicht wieder eine Tracht Prügel einstecken. Es ging einfach nicht. Raul stand jetzt sicher an unserem vereinbarten Treffpunkt und ich saß in meinem Zimmer. Es war zum Verzweifeln. Nur allein der Gedanke daran machte mich fast wahnsinnig. Endlich hatte ich mal eine Gelegenheit, einen Jungen kennenzulernen, und schon sollte ich ihn wieder loswerden. Das war es nun, den werde ich wohl nie wiedersehen. Ganze drei Wochen vergingen und ich durfte absolut keinen Schritt vor die Tür setzen. Nur zur Arbeit oder Berufsschule und auch danach musste ich sofort nach Hause. Alle meine Zeiten waren meinem Vater bekannt. Am wohlsten fühlte ich mich immer, wenn ich in der Arbeit oder in der Schule war. Es gab bei uns nur zwei Jungs in der Klasse, der Rest waren alles Mädchen. Meine Freundin Adele und ich standen uns schnell sehr nahe. Sie hatte sehr liebe Eltern und auch schon einen Freund, mit dem sie in ihrem Elternhaus ein und aus gehen konnte. Ich beneidete sie darum, wir verbrachten viel Zeit miteinander. Das war für mich ein willkommener Ausgleich. Anna konnte ich in den drei Wochen auch nicht treffen. Ich rief sie ab und zu von meiner Arbeitsstelle aus an, da gab es wenigstens ein Telefon, um ihr auch zu berichten, was geschehen war, und von ihr zu erfahren, was es sonst in der Außenwelt Neues gab.
„Ich war am Samstag wieder in der Diskothek und ich habe Raul gesehen. Ich habe ihm gesagt, dass dein Vater dich nicht gehen lassen hat, aber er sah nicht so aus als hätte er mir das geglaubt. Schau mal, er ist 22 Jahre, da kommt doch keiner auf die Idee, dass das so ist und vielleicht ist so was in Kuba auch überhaupt nicht üblich.“ Genervt antwortete ich: „Das verstehe ich nicht, wieso sollte ich das denn erfinden, so ein Blödsinn. Warum hast du ihm denn nicht mal gesagt, wo ich arbeite, dann hätte er vielleicht mal dahinkommen können.“ Ich war fassungslos, aber es kam noch schlimmer. „Ich konnte mich gar nicht groß mit ihm unterhalten.“ Wieso denn nicht, das ist doch wohl kein Problem, mal drei vier Sätze mit jemanden zu wechseln.“ „Petra, es sind zwei Wochen vergangen und er hat nichts mehr von dir gehört, er hatte eine andere bei sich, was hätte ich denn tun sollen?“ „Was, eine andere, das glaube ich nicht, ich drehe ihr den Hals um, ich muss unbedingt wieder dorthin, das will ich sehen und dann werden wir ja mal sehen, wer dann neben ihm sitzt. Die andere auf keinen Fall.“ Ich war kurz davor, zu platzen. „Sie sah aber wirklich nicht so aus, als würde man Lust verspüren, sich mit ihr anzulegen. Sie ist sicher auch älter als du und somit ist es für ihn wieder einfacher.“ Ich wurde immer kleinlauter, was sollte ich machen, einfach hingehen, sie packen und dann sagen: Mach Platz den habe ich zuerst kennengelernt? Das gibt’s nur im Film und was sollte dann Raul von mir denken. Irgendwie war ich trotzdem auch sauer auf ihn, aber er konnte ja nichts dafür, schließlich war er ja zu unserer Verabredung gekommen. „Anna, egal wie, aber am Samstag gehen wir wieder zusammen hin.“ „Ja okay, wir treffen uns am besten bei mir, sei 19 Uhr da und jetzt beruhige dich erst mal, aber mach dir nicht zu viel Hoffnung.“ Gut, dann bis Samstag 19 Uhr bei dir.“ Der Tag war für mich gelaufen, ich war traurig und gleichzeitig so wütend auf meinen Vater, dem ich das jetzt zu verdanken hatte. Mir reichte es, ich wollte mir das nicht mehr länger gefallen lassen und mir auch nichts mehr verbieten lassen. Ich war doch kein kleines Kind mehr. Ich würde Samstag gehen. Der Samstag rückte näher und auch ich sollte mal etwas Glück haben. Mein Vater war nicht da, heute war sein Skatabend. Mit meiner Mutter hatte ich kein Problem, sie war nicht so streng, allerdings wollte ich auch ihr nicht sagen, wohin ich wollte, denn sonst hätte es mein Vater aus ihr herausgeprügelt. Um 19 Uhr war ich bei Anna, wir machten uns zusammen fertig, Haare und schminken, und dann zogen wir los. Meine Aufregung stieg mit jeder Minute. „Hoffentlich ist er auch da, ich bin so gespannt.“ „Klar ist er da, das war er ja in den letzten Wochen auch.“ Wir hatten Mühe, überhaupt reinzukommen, da auch diesmal wieder viele Leute da waren. Am Eingang blieb ich erst mal stehen, meine Augen kreisten durch den ganzen Saal. „Siehst du ihn?“ „Nein, ich sehe ihn nicht, verdammt ich habe es doch geahnt, ausgerechnet heute ist er nicht da.“ „Mensch, Petra, es ist doch noch früh, er kann ja immer noch kommen und sollte er doch nicht kommen, dann wirst du uns hoffentlich nicht den ganzen Abend versauen, ich will Spaß haben auch ohne ihn, da musst du eben durch.“ „Ja doch, ich habe mich schließlich nicht umsonst so aufgebrezelt.“ Aber im Innersten dachte ich etwas anderes, ich hatte mich nur aus einem einzigen Grund so aufgebrezelt. Ich hatte meine schulterlangen braunen Haare offen, sie fielen alle in einer Länge und meine blauen Augen strahlten nur so, da ich ordentlich Wimperntusche, die wir üblicherweise mit schwarzer Schuhcreme gestreckt hatten, auf meine langen Wimpern aufgetragen hatte. Meine Augen habe ich meinem Vater zu verdanken und auch meine dunkelbraunen Haare. Tja, wenigstens etwas Positives von ihm. Aber schlussendlich wollte ich auch etwas älter als 16 Jahre aussehen, was aufgrund meiner eher mageren Figur nicht einfach war. Die Musik war gut und wir tanzten auch schon eine Weile – von Raul jedoch immer noch keine Spur. Ich war in schlechter Stimmung, versuchte aber, es mir nicht anmerken zu lassen. Ich sah auch einige Kubaner, aber Raul war nicht dabei. So ein Mist, ich konnte doch unmöglich die anderen nach ihm fragen, das war mir unangenehm. Ich hoffte aber immer noch, dass er noch käme, außerdem war es ziemlich dunkel und vielleicht hatte ich ihn ja nur noch nicht entdeckt. Das war es, genau. „Komm, wir schauen uns mal bisschen um, wir wollen ja auch schließlich gesehen werden.“ „Da ist sie.“ „Wer?“ „Na die andere, und wenn die da ist, dann ist Raul sicher auch nicht weit.“ „Was, wo?“ „Da hinten an dem großen Tisch.“ Bevor Anna weitersprach, sah ich auch schon Raul gerade an den Tisch herankommen, um sich zu setzen. „Oje, hast du es auch gerade gesehen?“ „Ja, verdammt, diese blöde Kuh und wie sie aussieht, wie ein Mann. Ich denke, ich sehe tausendmal besser aus, was will er denn mit so einer, na gut umso besser für mich, aber was machen wir jetzt?“ „Wir gehen jetzt einfach hin oder nur vorbei, damit er dich sieht.“ „Nein um Himmels willen, das ist ja peinlich.“ „Was willst du denn sonst machen, willst du warten, bis sie ihn wieder vereinnahmt?“ „Na gut, oje mein Herz rast, ich kann das nicht.“ „Komm jetzt, Weib, hab dich nicht so, willst du ihn nun oder nicht?“ Auf ging’s, meine Hände waren auf einmal ganz kalt, als wir uns näherten. Ich schaute immer zu ihm, um wenigstens seinen Blick zu erhaschen, bevor wir direkt vor ihm standen. Es gelang mir zwar, aber sein Blick war alles andere als lieblich und erfreut. Wahrscheinlich hatte er mich schon vergessen und abgeschrieben. Er schaute total kalt und ich las darin etwas wie: Zu spät, Kleine, geh besser nur vorbei und was willst du hier – oder etwas Ähnliches. Viel Zeit, um noch was anderes zu denken, blieb mir nicht mehr, denn wir standen nun direkt an seinem Tisch. Anna lief zum Glück vor mir und aufgeweckt, wie sie war, sagte sie: „Hallo zusammen! Hey Raul, du bist ja auch da, wir dachten schon, du kommst heute gar nicht mehr.“ Wenn Blicke jetzt töten könnten, dann wäre Anna jetzt tot, so und noch viel böser schaute die andere sie nun an und gleichzeitig auch mich. Zu unserer Überraschung sagte Raul: „Setzt euch doch!“ Von einer Sekunde auf die nächste war ich völlig eingeschüchtert, brachte kein einziges Wort heraus, nicht einmal ein Hallo konnte ich sagen. Nachdem wir uns eine Ewigkeit anschwiegen, stellten wir uns vor und so erfuhren wir, dass die andere Ella hieß. Was fand er denn nur an ihr? Vielleicht lief da ja doch nichts, ich konnte mir das einfach nicht vorstellen, sie saß ihm auch nur gegenüber und wie zwei frisch Verliebte wirkten sie gar nicht. Das ließ wieder neue Hoffnung in mir aufsteigen. Wenn das so war, dann konnte ich es ja auf jeden Fall mal drauf ankommen lassen. Ella kapierte aber dennoch sofort, dass da etwas im Busch war, ständig hatte sie mich im Visier. Raul zeigte sich ihr gegenüber aber ziemlich gleichgültig. Wenn er das mit mir dann vielleicht auch so machen würde? „Ach was“, sagte ich mir, „bei mir ist es nicht so.“ Anna und ich tanzten schon wieder eine Weile, sie fasste sich ein Herz und holte schließlich Raul vom Tisch weg und brachte ihn zu mir zum Tanzen, wo wir uns auch endlich wieder näherkommen konnten. Ich war so glücklich, seine Nähe genießen zu können, die Zeit hätte stehen bleiben sollen. Seine rhythmische Art, zu tanzen, so rassig, so beweglich und doch anschmiegsam, war mir etwas außergewöhnliches Neues und doch konnte ich mich problemlos seinem Rhythmus anpassen. „Wieso bist du nicht zu unserer Verabredung gekommen? Ich habe eine Stunde auf dich gewartet!“ Mit seinem Akzent klang das so süß und überhaupt nicht vorwurfsvoll. Während er das sagte, stellte ich mir vor,wie er dort stand und vergeblich auf mich wartete. Er war sicher so enttäuscht. „Hast wohl einen anderen?“ Ich wusste nicht, ob das nun ein Scherz sein sollte oder ob er das tatsächlich dachte. „Anna hat dir doch erzählt, dass ich Hausarrest bekam und meine Eltern mich nicht mehr weggelassen haben. Glaub mir, ich wäre so gerne gekommen. Ich wollte dich unbedingt wiedersehen und deshalb bin ich auch heute gekommen.“ Er gab mir einen Kuss auf die Wange und ich nutzte die Gelegenheit und blieb nun, während wir tanzten ununterbrochen mit meiner Wange an seinen Lippen. Es war himmlisch, so sanft, weich, warm und gut duftend. „Jetzt habe ich ihn und lass ihn nicht mehr los. Scheiß auf Ella, er wird das schon regeln, er muss.“ Wir gingen wieder an den Tisch zurück, Anna zwinkerte mir strahlend zu, sie hatte es geschafft, Ella in die Flucht zu jagen. Wie hatte sie das nur wieder gemacht? „Wo ist denn Ella?“, flüsterte ich ihr zu. „Die habe ich davongejagt.“ „Wie ist dir denn das gelungen?“ „Kennst mich ja, ich habe ihr gesagt, dass du schon lange mit Raul zusammen bist und sie sich da lieber keine Hoffnung machen soll, denn du gibst ihm so schnell nicht den Laufpass.“ „Und das hat sie dir abgenommen?.“ „Nicht sofort, aber auch ich kann Angst einflößend gucken. Es war einfach köstlich.“ Ich fühlte mich sehr wohl, was auch daran lag, dass Anna bei mir in der Nähe blieb, denn ich wollte auf keinem Fall an diesem Abend noch einmal Ella begegnen. Die Zeit verging viel zu schnell, wir lachten, tanzten und tranken zusammen und auch Anna hatte sich inzwischen einem kubanischen Flirt hingegeben. Er hieß Fidel und war ein gutaussehender großer Mann, seine Hautfarbe war milchkaffeebraun und wenn er lachte, strahlte aus ihm die pure Sonnenenergie. Anna war ihm bereits ergeben. Ich beobachtete sie schon eine Weile, sie sah sehr gut aus. Sie hatte schulterlange, rotbraune Naturlocken und kämmte sie stets leicht mit etwas Gel allesamt glatt nach hinten aus ihrem Gesicht. Sie selbst mochte ihre Locken nicht, ich hingegen fand sie wunderschön. Da sie über sehr weibliche Rundungen verfügte, fand sie, dass ihre Locken dies nur noch unterstreichen würden. Ihr Lippenstift war nun mehr auf Fidels Lippen als auf ihren eigenen. „Du hast es gut“, sagte ich zu ihr. „Du wirst sicher mit ihm die Nacht verbringen.“ „Ja, das werde ich, so gesehen hat die Aktion mit Raul auch für mich etwas Nützliches gehabt. Wir sind uns in den letzten Wochen schon nähergekommen und heute lasse ich nichts mehr anbrennen“, sagte sie schmunzelnd. „Du wirst Raul doch sicher heute Abend auch begleiten, so oder so bekommst du Ärger zu Hause, also was soll’s, wenn schon Ärger,dann sollte sich es doch auch lohnen und denk dran, garantieren kann ich dir nicht, dass Ella beim nächsten Mal wieder aufkreuzt, nimm ihn dir!“ Der letzte Tanz wurde angekündigt und das war wie immer ein langsamer Song. Ich nahm Raul bei der Hand und wir tanzten diesen letzten Song eng zusammen. Ich wollte einfach nicht, dass der Tanz zu Ende geht. Würde er mich fragen, ob wir noch zusammen etwas trinken oder zu ihm nach Hause gehen? Wenn nicht, was sollte ich tun, auf eine neue Verabredung ließ er sich bestimmt nicht ein. Warum fragt er mich denn nicht? Er schwieg, da er spürbar und sichtlich mit geschlossenen Augen das Tanzen mit mir genoss, sagte ich auch nichts. Das verdammte grelle Licht ging nun an, wie unsensibel, jedes Mal zum Ende eines Abends gingen immer diese blöden Kronleuchter an. Die Musik war auch schon zu Ende und wir standen immer noch auf der Tanzfläche. Schweigend gingen wir zum Tisch und gemeinsam mit Anna und Fidel zum Ausgang. Draußen angelangt, knutschten wir wieder. „Wir gehen jetzt, kommt ihr auch mit?“ „Wohin geht ihr denn?“ „Jetzt frag’ doch nicht so naiv.“ Ich wusste es ja, aber irgendwas musste ich ja antworten. Fidel sprach einige Worte in Spanisch zu Raul. Er schaute mich an und sagte: „Kommst du mit?“ „Ja, aber, wohin?“, fragte ich schüchtern. „Na, nach Hause zu uns, komm bitte mit.“ Wie er das sagte, mit diesem Blick aus seinen braunen Kullerlaugen. Anna rief jetzt: „Los, überleg nicht zu lange, vergiss jetzt deine Eltern und denk an den schönen Abend, der dir noch bevorsteht. Wir nehmen ein Taxi zusammen.“ Raul sah mich an, nahm meine Hand und nun konnte ich ihm nicht mehr widerstehen. Ich wollte es ja auch so und war froh darüber, dass Anna die Sache in die Hand genommen hatte. In ihrer Gesellschaft fühlte ich mich immer so beschützt. Sie lief mit Fidel vor uns und kicherte, sie sah so sexy aus, ihr Hintern schaukelte so weiblich und selbstbewusst. Schon im Taxi, als Raul und ich zusammen auf dem Rücksitz saßen, konnten wir gar nicht mehr voneinander loslassen. So unendlich wohl hatte ich mich noch nie gefühlt, völlig frei und kein einziger Gedanke an die Folgen zu Hause. Als das Taxi anhielt, standen wir vor einem Häuserblock, wo anscheinend noch niemand schlief, in fast jedem Fenster sah man Licht und lärmende Stimmen und Musik drang aus ihnen. „Wo sind wir denn hier gelandet?“, sagte Anna „Die scheinen sich gewaltig zu streiten.“ Ich war so erschrocken und mit einem Schlag kam in mir die Ernüchterung. „Um Himmels willen, was ist denn hier los, wo sind wir? Hier steige ich nicht aus, Anna, ich habe Angst. Noch können wir zurück.“ Ich merkte, dass auch Anna ihr Unbehagen nicht unterdrücken konnte, was mich nur noch unsicherer machte. Sie war doch von uns die Starke und Mutige. Der Taxifahrer sagte: „Das ist immer so hier und scheint ganz normal zu sein.“ Unsere Ankunft, unsere Gedanken und kurzer Wortwechsel spielten sich alle innerhalb von Sekunden ab. Währenddessen ließ ich Raul völlig außer Acht und erst recht nicht zu Wort kommen. Jetzt endlich sagte er: „Was ist mit dir, wieso hast du jetzt Angst vor mir, was ist passiert?“ Irgendwie schien er wirklich nicht zu verstehen, was in mir vorging. So wie er mich dabei ansah spürte ich wieder das Blut in meinem Körper und seine Worte hatten sofort etwas Beruhigendes für mich. „Was ist denn hier nur los? Dieser Lärm, die vielen Kubaner, das macht mir Angst, was habt ihr vor mit uns? Was ist das für ein Haus? Wohnst du etwa hier?“ „Wie denkst du denn von mir? Dir passiert doch nichts, hier ich bin doch bei dir und du bist mein. Das ist das Wohnheim, in dem wir untergebracht wurden. Wir wohnen alle hier und jeder hat sein Zimmer und was meinst du mit Lärm? Hier streitet sich doch niemand, wir sprechen immer laut und viel. Wir haben eben viel Temperament.“ Jetzt tat es mir schon wieder leid, wie konnte ich nur solche Gedanken haben. Ich bin sein, sagte er, es hatte so etwas Männliches, er hatte sich also wirklich für mich entschieden. Ich brauchte keine Angst zu haben, er würde niemals zulassen, dass mir etwas passiert. Was jedoch seine Worte ‚Du bist mein’ für eine gewaltige Bedeutung hatten, sollte ich erst viel später erfahren. Nun stiegen wir endlich aus. Es gab hier und da einen kurzen Wortwechsel in ihrer Landessprache und es klang auch nicht ein bisschen beängstigend für uns. Das ging so durch das gesamte Treppenhaus und auch noch weiter, als wir oben in deren Wohnung ankamen. Anna und ich fanden das sogar lustig, man mochte es kaum glauben, dass es so gesellige Menschen gab. Die hatten wirklich Temperament. Wir tranken zusammen Havanna Club und Salsamusik klang vom Tonband. Wir amüsierten uns einfach köstlich, schon allein durch dieses Durcheinander beim Sprechen. Solche Art von Party mit so viel Geselligkeit und Freude hatten wir noch nie erlebt. Die Kubaner waren auch ständig in Bewegung, sie sprachen mit Händen und Füßen und unterstrichen dazu jedes Wort mit ihrer Mimik. Es war wunderbar. Das erklärte uns auch nun, warum es so laut zuging. Inzwischen waren wir auch aufgetaut, mir fiel nur auf, dass kein einziges kubanisches Mädchen da war. Aber vielleicht wohnten sie ja getrennt. So gegen fünf Uhr wurde es langsam ruhiger und wir waren nur noch zu viert. Anna hatte schon eine Ewigkeit nichts mehr gesprochen, aber das war ja auch kein Wunder, da sie mit Fidel die ganze Zeit rumknutschte. Sie zogen sich nun beide lachend in Fidels Zimmer zurück. Raul stand auf, nahm mich an der Hand und wir gingen ebenfalls beide gemeinsam in sein Zimmer. Ich war so schüchtern und heilfroh, dass es dunkel war. Sein Bett war klein, aber das störte uns natürlich überhaupt nicht. Es war eine wunderschöne Nacht, besser gesagt von dem, was davon übrig war. Wir erwachten am späten Morgen durch den Lärm, der draußen wieder tobte. Die Kubaner waren wieder zum Leben erwacht. Plötzlich realisierte ich, dass ich eine Nacht nicht zu Hause war. Oh mein Gott, meine Eltern hatten es jetzt sicher auch schon gemerkt. Der Gedanke, wieder nach Hause zu gehen, jagte mir unendliche Furcht ein, aber mir war natürlich klar, dass ich nach Hause gehen musste, so oder so. Raul wollte aufstehen, ich sagte: „Bitte geh nicht raus ich will hier nicht alleine in deinem Zimmer bleiben.“ „Ich geh doch nur ins Bad, bin gleich wieder da.“ Es verging eine Weile und immer wieder hörte ich laute Stimmen an der Tür vorbeihuschen, so als ob jeden Moment jemand reinkommen würde. Ich fühlte mich so unwohl, dass ich schon fast bereute, hier zu sein. Ich hockte auf seinem Bett unter der Decke und schaute mich in seinem Zimmer um. Es sah alles sehr bescheiden aus: ein Tisch, zwei Stühle, ein Bett und ein Schrank. Raul kam endlich zurück und brachte mir Kaffee. Ich war so froh, endlich war er wieder bei mir. Es kam mir schon vor wie eine halbe Ewigkeit. Der Kaffee war heiß und sehr gut. „Ich möchte gerne ins Bad, bitte komm mit mir, ich trau mich nicht allein da raus.“ Als wir zusammen aus seinem Zimmer kamen, waren einige Kubaner draußen und sahen mich an. Ich kam mir so blöd vor und schämte mich so. Endlich sah ich Anna, ihr schien es wirklich gut zu gehen. So langsam sah ich erst einmal, wo wir hier genau waren. In der Nacht waren so viele Leute da, dass ich mir davon noch gar kein Bild gemacht hatte. Es war eine ganz normale Wohnung mit drei Zimmern, einem Bad und einer Küche. Als wir alle wieder angezogen, fit und wach waren, fing Raul und Fidel an zu kochen. Es gab Reis mit roten Bohnen und Fleisch in einer roten Soße mit viel Knoblauch zubereitet. Für uns war das absolut fremd, aber es schmeckte sehr gut. Die Küche war so klein und trotzdem standen wir alle die ganze Zeit darin, tranken und rauchten und lachten über unsere kleinen Verständigungsschwierigkeiten. Keinen Moment mehr dachte ich daran, nach Hause zu gehen. Als es dunkel wurde, sagte ich zu Anna: „Mist, ich muss langsam nach Hause.“ „Ich bleibe hier bei Fidel, bleib doch auch, was willst du zu Hause, da hast du sowieso nur Ärger und was willst du denn sagen, wo du warst.“ „Du hast es gut, du kannst machen, was du willst, gestern nicht nach Hause zu kommen, war schon schlimm genug, aber jetzt machen sich meine Eltern vielleicht doch schon Sorgen, dass mir was passiert ist, ich kann ja noch nicht einmal anrufen. So oder so mir bleibt gar nichts anderes übrig“, und wandte mich Raul zu. „Ich muss jetzt langsam gehen.“ „Wieso? Bleib doch da.“ Ich dachte nur: Will er oder kann er mich nicht verstehen? Ich kann doch nicht einfach noch eine Nacht bleiben und außerdem habe ich nicht einmal Klamotten zum Wechseln dabei, das kann er doch nicht wollen.“ „Bei uns sind die Mädchen mit 15 Jahren erwachsen, deine Eltern werden das doch sicher verstehen.“ „Bei uns aber nicht, wir sind erst mit 18 Jahren erwachsen und außerdem muss ich morgen zur Schule. Meine Eltern denken sonst wirklich, dass mir was passiert ist. Ich würde auch viel lieber dableiben, aber es geht nicht.“ Es kam mir vor als würde er mir das nicht glauben, aber mir fiel dazu auch nichts mehr ein. Mit der Situation war ich dann wirklich überfordert. „Ich bring dich nach Hause aber wir sehen uns morgen.“ Ich war jetzt so froh, dass er das sagte und ich nicht die Stunde Heimweg allein antreten musste, zumal ich nicht einmal genau wusste, wo ich überhaupt war. Es war ein weiter Weg, wir fuhren mit der Straßenbahn. Es war kalt und wir warteten eine Ewigkeit, bis eine Straßenbahn kam. Es war so angenehm, ihn in meiner Nähe zu wissen. Als wir dann nach mehr als einer Stunde bei mir ankamen, liefen wir noch ein Stück. Wir verbrachten noch eine ganze Weile in der Kälte und wärmten einander eng umschlungen. „Komm morgen zu mir!“ „Ich weiß noch nicht einmal, was mich jetzt erwartet. Ich habe Angst, heimzugehen.“ „Aber warum gehst du dann heim, wenn du solche Angst hast und wie kann man überhaupt vor seinen eigenen Eltern Angst haben. Komm morgen.“ Wie war das wohl in Kuba? Durften da die Kinder machen, was sie wollten? Waren die Eltern dort so viel anders als in Deutschland? „Okay, kannst du mich nach der Schule um 15:30 Uhr abholen?“ „Gut ich hol dich ab. Wo ist deine Schule?“ Ich gab ihm die Adresse, wir verabschiedeten uns und ich ging heim. Noch eine Weile stand ich am Hauseingang und sah ihm nach. „Dreh dich doch noch mal um, nur noch einmal, ich will doch wissen, ob ich noch in deinen Gedanken bin.“ Endlich, er drehte sich noch einmal um und warf mir einen Kuss zu. Diese Leichtigkeit, es könnte doch alles so einfach sein. Mein Herz klopfte bis zum Hals. Nur noch zwei, drei Sekunden trennten mich von der Türklinke zur Wohnung. „Ich muss, ich muss, ich muss!“ Und somit öffnete ich die Tür und trat ein. Es war so gegen 19:00 Uhr. Im Wohnzimmer sah ich Licht und ansonsten war es überall dunkel. Die müssten mich doch jetzt gehört haben, wieso sprang mir denn mein Vater nicht direkt entgegen, was war nur los hier? Diese Ruhe machte mich fast wahnsinnig und noch viel unsicherer, als ich es ohnehin schon war. „Okay“, dachte ich, „auf geht’s, wenn mir schon diese Ruhe entgegengebracht wird, dann bleibe ich eben auch ganz ruhig.“ Ich öffnete kurz die Wohnzimmertür und sagte nur schnell. „Ich bin da!“ Ich sah meinen Vater auf dem Sofa liegen und meine Mutter saß auf dem Sessel. Beide sahen fern, dachte ich jedenfalls. Mein Vater schlief, aber ich hörte meine Mutter zu ihm sagen: „Deine Tochter ist da.“ Oh mein Gott, es ging los, wie von einer Tarantel gestochen sprang mein Vater hoch und nichts war schlimmer bei ihm, als wenn man ihn aus einem kurzen Schläfchen weckte. Ich ging rückwärts raus und er kam auf mich zu, ständig zuckte ich zusammen. Er sah verschlafen aus und doch wütend. Er redete auf mich ein, fragte mich, wo ich mich die ganze Nacht rumgetrieben hätte und mit wem. Währenddessen prügelte er auf mich ein und ich hasste diese Ohrfeigen mit seinem Handrücken im Gesicht, es brannte und tat so weh. Natürlich heulte ich und hielt mir immer wieder die getroffenen Stellen zu. Er schaffte es sogar noch, meine Hand jedes Mal davon wegzureißen, bevor er erneut ausholte. „Ich habe bei Anna übernachtet, wir waren zusammen weg und es war schon spät.“ „Du lügst schon wieder, wir waren zweimal dort und niemand war da. Verschwinde in dein Zimmer und wage es ja nicht, da wieder rauszukommen.“ Nichts lieber als das, dachte ich. Nach einer Weile kam meine Mutter rein und sagt nur: „Wir haben uns Sorgen gemacht, es hätte ja was passiert sein können. Ich bin sehr enttäuscht von dir.“ Das konnte ich jetzt auch nicht mehr ändern. Ich wollte doch einfach nur weg von zu Hause, für immer. Nie mehr nach Hause kommen. Am nächsten Morgen fuhren meine Mutter und ich wie immer mit derselben Straßenbahn, sie zur Arbeit und ich zur Berufsschule. „Mutti, ich habe jemanden kennengelernt. Er ist so lieb und so anständig, aber er ist kein Deutscher, er ist Kubaner und er ist 22 Jahre alt.“ „Das kommt überhaupt nicht in Frage, du spinnst wohl, ein Ausländer, der sicher schon eine Frau in Kuba hat. Der will sich doch hier die Zeit nur amüsant verkürzen.“ „Aber Kuba ist doch ein kommunistisches Land, das sind anständige Leute“, sagte ich. „Wenn du denkst, dass du dich weiter mit ihm treffen kannst, schlag dir das aus dem Kopf. Du kommst heute nach der Schule zu mir ins Büro und wartest dort auf mich, wir fahren zusammen nach Hause.“ Hätte ich doch bloß nichts gesagt, jetzt hatte ich auch noch meine Mutter gegen mich. Wer wusste, was sie sich alles hat anhören müssen von meinem Vater, als ich nicht da war. Tja ich konnte aber heute nicht zu ihr ins Büro kommen, ich war ja mit Raul verabredet. In der Schule erzählte ich alles Adele, sie konnte es kaum glauben. „Ich muss weg von zu Hause, jetzt ist Schluss. In der großen Pause fahre ich schnell heim und hole ein paar Sachen. Wenn jemand fragt, wo ich bin, sag einfach, ich musste zum Zahnarzt.“ „Aber Petra, du weißt, wenn du das machst, kannst du wahrscheinlich nie mehr nach Hause.“ „Das ist mir egal.“ Die Schule war pünktlich zu Ende und Raul stand draußen und wartete auf mich. Ich war so stolz auf ihn, alle konnten ihn sehen. Ein paar Sachen hatte ich in der Pause geholt und in einen Stoffbeutel gepackt. Wir fuhren nun gemeinsam zu ihm nach Hause. Was für ein schönes Gefühl, so frei und unbeschwert. Ich hatte mit zu Hause abgeschlossen. Nicht ein einziges Mal dachte ich mehr daran, keine Angst mehr, nichts mehr war davon übrig. Nur meine Mutter tat mir leid, sie wartete sicher auf mich und musste nun ihrem Mann sagen, dass ich nicht gekommen war, und ganz sicher machte er ihr nun die Hölle heiß, meine arme Mutter. Bei Raul angekommen, kochte er uns was, diesmal half ich ihm aber und es machte richtig Spaß. Er war so fürsorglich. Ich sagte ihm, dass ich bei ihm bleibe und nicht mehr nach Hause gehe. Er konnte es kaum glauben und für den ersten Moment machte er sich sogar Sorgen wegen meinen Eltern, ob ich mir da wirklich sicher sei. Das machte mich nun wieder unsicher. War es nun doch vielleicht zu viel für ihn? Was sollte das denn nun, er wollte es doch so? Ich erzählte ihm alles vom Vorabend und sagte ihm, dass ich mir ganz sicher wäre und nicht mehr nach Hause möchte. „Okay, dann bleibst du hier, wir kriegen das schon hin, Hauptsache, es geht dir gut.“ Das hatte er so schön gesagt. Er gab mir jeden Tag Geld, damit ich mir immer etwas zum Frühstück beim Bäcker kaufen konnte. Meistens aber brachte mir Adele etwas zu essen mit. Ihre Mutter wusste, dass ich nicht mehr zu Hause war, und sie machte ihr jeden Morgen ein riesiges Frühstückspaket für uns zwei. Raul und ich verbrachten fast jeden Nachmittag zusammen, wir kochten, gingen zusammen einkaufen, badeten zusammen und wuschen zusammen unsere Wäsche. Wir hörten immer die Bee Gees und Gloria Gaynor ‚I will survive’. So jedenfalls verliefen unsere ersten Wochen. Von meinen Eltern hatte ich nichts mehr gehört. Von meinem Lehrausbilder erfuhr ich nur, dass meine Mutter in der Schule war. Maria hatte ich telefonisch darüber informiert, wo ich war, obwohl ich ihr so von Raul vorschwärmte, konnte und wollte sie mein Verschwinden nicht gutheißen. In der Woche, als Raul Nachtschicht hatte, fing das erste große Problem für mich an. Die Nachmittage konnten wir zwar zusammen verbringen, aber am Abend musste Raul zur Arbeit. Ich konnte mir nicht vorstellen, ohne ihn die Nacht in dem Wohnheim zu verbringen. Das Zimmer, in welchem wir schliefen, war für zwei Bewohner und wir hatten unseren Teil nur mit zwei Kleiderschränken und einem Vorhang abgetrennt. Es war für mich eigenartig, dass Raul nicht wollte, dass ich das Zimmer verlasse, wenn er weg war. „Du bleibst im Zimmer, wenn ich nicht da bin, ich möchte nicht, dass du rausgehst oder sonst irgendwo anders hin und auch nicht mit jemand sprichst oder ins Zimmer lässt.“ „Aber wo soll ich denn hingehen? Und wenn ich zur Toilette muss?“ „Dann geh jetzt, es ist besser so.“ Er hatte dabei so einen komischen Gesichtsausdruck, das gefiel mir gar nicht. Was waren denn das plötzlich für Töne, wieso verhielt er sich so, was hatte das zu bedeuten? Er brachte mir alles, was ich hätte brauchen können, etwas zum Essen oder Trinken. Als er ging, fühlte ich mich fürchterlich einsam, ich sehnte mich nach Maria, nach Anna nach einer gewohnten Umgebung. Plötzlich war mir alles fremd in diesem Zimmer. Die Geräusche von draußen, die Stimmen der anderen Kubaner, die wie immer laut waren. Das machte mir Angst. Ich hockte auf dem Bett, die Beine angewinkelt und mein Kopf fiel mir auf die Knie und ich trug ein Hemd von Raul. So blieb ich mindestens zwei Stunden regungslos sitzen. Ich hatte Sehnsucht nach einem Zuhause, nicht nach meinem Zuhause, aber nach irgendeinem guten Zuhause. Eine vertraute Umgebung ohne fremde Leute und Geräusche, wo ich mich frei bewegen konnte. Es war kaum zum Aushalten, als Raul weg war. Es fiel mir sehr schwer, einzuschlafen. Am Morgen, als Raul kam, stand ich auf und ging selbst zur Arbeit. Jedes Mal fragte er mich, ob ich auch wirklich die ganze Nacht im Zimmer war. „Natürlich war ich im Zimmer, wo soll ich denn sonst gewesen sein?“ „Sei nicht so frech!“, sagte er. Ich konnte das alles nicht verstehen. Aber die Freizeit, die wir dann gemeinsam verbrachten, war trotzdem schön, obwohl ich immer wieder merkte, dass er sehr eifersüchtig war. Bei jedem Jungen oder einem Kubaner, der uns begegnete, sagte er ständig, ich solle sie doch nicht so anschauen. Egal wo es war, ob in der Straßenbahn oder im Bus oder einfach nur auf der Straße, immer wieder machte er mir eine Szene. „Ich habe ihn nicht angeschaut.“ „Doch ich habe es genau gesehen, du hast ihn angelacht.“ „Das habe ich nicht, jetzt hör doch auf, warum sollte ich denn, ich bin doch mit dir zusammen und was ist schon dabei, wenn man mal jemanden ganz normal anschaut, das kann doch überall passieren. Soll ich immer nur auf den Boden schauen? Du musst doch Vertrauen haben, das ist doch das Mindeste, wenn man zusammen ist.“ „Ich lasse mich nicht verarschen, ich bin dein Mann und niemand anderes, du bist mein.“ Da war es wieder, diese Aussage. Immer wieder war dies Anlass zu Streitereien zwischen uns. Er wurde jedes Mal wütend und sobald wir wieder in seinem Zimmer waren, schrie er mich an, bis er plötzlich auf mich einschlug. Er schlug mich ins Gesicht, was inzwischen auch schon blaue Flecke zeigte, und jedes Mal entschuldigte er sich anschließend dramatisch und versprach mir, es nie wieder zu tun. Ich glaubte immer wieder aufs Neue seinen Entschuldigungen. Das war eine Seite an ihm, die ich nicht kannte. Aber irgendwie war mir das alles lieber, als zu Hause bei meinen Eltern zu sein. Zu Hause war ich auch nicht frei und auch unter ständiger Kontrolle. Natürlich war es unter diesen Bedingungen besser, wenn wir allein unter uns waren. So gab es auch keinen Anlass zur Eifersucht. Anna sah ich nur ganz selten und dann auch nur kurz. Deshalb gingen wir auch nie wieder in eine Disco, da ich diesen Szenen aus dem Weg gehen wollte. Wir waren ein einziges Mal noch und das war so schlimm, dass wir schon gegen 22:00 Uhr nach Hause gingen, wo er mir auf dem gesamten Weg immer wieder vorwarf, ich hätte mit anderen Männern geflirtet. Ich brauchte eine Ewigkeit, um ihn zu beruhigen, damit die Stimmung zwischen uns wieder auf einem normalen Niveau war. Schon da wäre ich am liebsten nach Hause gegangen, aber das konnte ich jetzt nicht mehr tun. Ich kannte so etwas nicht. Die deutschen Jungs waren nicht so, das wusste ich ja auch von Marias Mann. Ich dachte aber, dass sich das sicher irgendwann ändern wird. Es beeinträchtigte aber dennoch unser Zusammenleben. Es war sehr beschwerlich und ich hatte nur wenig Wechselwäsche dabei. Täglich musste ich meine Wäsche waschen, um sie dann auf der Heizung zu trocknen. Ständig fehlten mir irgendwelche Bücher für die Schule. Keinen Schritt konnte ich mehr ohne Raul machen, immer war er bei mir, beim Kochen, beim Waschen und ich war sogar froh darüber. So konnte er mir wenigstens keine Szene machen, ich hätte wieder mit einem Kubaner gesprochen oder gar geflirtet. Meine Mutter war zwischenzeitlich wieder in meiner Berufsschule bei meinem Ausbilder. Nach dem Gespräch kam er auf mich zu und sagte, dass er mich persönlich heute Mittag zu einer Aussprache zu meiner Mutter ins Büro begleiten würde, da ich noch nicht volljährig sei. Irgendwie war es mir auch schon egal, ich hatte mich nicht dagegen gewehrt und ich dachte an meine Mutter und freute mich sogar, sie wiederzusehen. Unser Zusammentreffen war jedoch anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Von wegen, die Mutter fleht: Komm doch endlich wieder nach Hause, alles wird gut! Meine Mutter stand in einem separaten Raum und als ich reinkam, verzog sie keine Miene. Ihr Blick war fordernd und hatte überhaupt nichts Liebevolles. Nur Vorwürfe: „Wo warst du die ganze Zeit, sieh dich mal an, wie du aussiehst, völlig abgemagert und heruntergekommen.“ Ich ärgerte mich schon, dass ich überhaupt gekommen war. Aber ich wusste, dass ich unter diesen Umständen auf gar keinen Fall wieder nach Hause kommen würde. Ich gab auch keine Antworten, ich sagte nur: „Wenn das so ist, kann ich ja auch gleich wieder gehen.“ Vielleicht war das der Auslöser bei ihr, ich wusste es nicht genau. Sie änderte ihre Haltung und sprach nun ganz normal mit mir. „Komm bitte wieder nach Hause, das bringt doch alles nichts, du brauchst doch ein geregelteres Leben als in diesem Wohnheim.“ Das wusste sie inzwischen von meiner Schwester. „Ich komme nur zurück, wenn ich keine Strafe bekomme.“ „Ich verspreche es dir. Komm mich heute nach der Schule abholen, aber komm wirklich.“ Ich holte sie ab und wir fuhren gemeinsam nach Hause. Alles war normal, es gab kein Theater, keine Fragen, keine Probleme. Mein Vater sagte nur: „Was willst du denn hier?“ Ich dachte schon, jetzt geht es ja doch los, aber er sprach kein Wort mehr zu mir. Ich war so sehr erleichtert. Ich konnte mich endlich mal wieder frei bewegen, ohne dass ich mich nur in einem kleinen Zimmer aufhalten musste. Ich konnte in Ruhe duschen, wieder frische Klamotten aus dem Schrank anziehen. Es war ein Genuss. Trotzdem ging ich, nachdem ich geduscht hatte, zu Raul, schließlich wartete er auf mich und hatte ja keine Ahnung, dass ich wieder zu Hause war. Meine Mutter enttäuschte das sehr und sie sagte: „Hältst du es denn nicht mal ein paar Stunden zu Hause aus?“ Ich ging wortlos, wusste aber, dass ich am selben Abend wieder nach Hause kommen würde. „Ich komm nicht so spät zurück!“ Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich meine Rückkehr selbst bestimmen.
Raul war wütend, weil ich nicht früher da war. Als ich ihm alles erzählte, konnte er sich gar nicht darüber freuen. „Du bleibst aber trotzdem heute hier!“ „Das geht nicht, ich habe meiner Mutter versprochen, dass ich heute wieder nach Hause komme, im Moment läuft alles ganz normal und ich kann ihr das nicht antun.“ Im Stillen dachte ich nur: „Ich bin froh, dass ich wieder nach Hause fahre und ich werde das auf jeden Fall tun, da kann er sich auf den Kopf stellen.“ Er war wieder mal wütend und ich war froh, als Anna mit Fidel kam. Als sie mich sah und erfuhr, dass ich daheim war, sagte sie; „Du siehst wieder richtig gut aus, seit du zu Hause warst.“ Sie versuchte, Raul zu beruhigen, was ihr auch gelang, aber ich wusste, Raul tat nur so, da er sich immer von seiner besten Seite zeigte, wenn andere dabei waren. Anna und ich gingen dann zusammen. Raul sagte noch zum Abschied „Aber morgen bleibst du wieder bei mir.“ Ich hatte ihn so satt und wollte am liebsten nie mehr wieder zu ihm kommen. Mein erster Freund und dann solche Szenen. War das vielleicht normal? Ich kannte es ja nicht anders von meinen Eltern. Ich war aber viel zu sehr verliebt in ihn und merkte auch schnell, wenn wir nicht zusammen waren, hatte ich Sehnsucht nach ihm. Anna hatte ich von unseren Problemen erzählt. Sie konnte es kaum glauben und redete mir ins Gewissen, dass es besser sei, sich zu trennen. Ich wusste ja, dass sie recht hatte, aber irgendwie war ich noch nicht bereit, so schnell aufzugeben. „Er wird sich sicher ändern.“ „Wer einmal schlägt, wird dich immer wieder schlagen“, sagte sie. Ich fühlte mich so leer und traurig, anscheinend hatte ich in dieser Hinsicht nichts gelernt. Ich musste eben meine Erfahrungen selber machen. Die Tage vergingen, ich war jeden Tag zu Hause. Es gab immer wieder Streit wegen Raul. Meine Mutter versuchte, mir ihn auszureden, was mich nur noch bestärkte, weiterhin zu ihm zu fahren, da sie kein gutes Haar an ihm ließ. Sie sprach ja aus eigener Erfahrung. Doch ich wollte ihr das Gegenteil beweisen. Wenigstens sorgte sie aber dafür, dass ich die Pille nahm. Die erste Zeit nach meiner Heimkehr war ich fast täglich bei Raul und fuhr auch immer wieder am Abend nach Hause. Es verging kein Tag, an dem er mir nicht wieder eine Szene machte. Er hätte am liebsten 24 Stunden die Kontrolle über mich gehabt. Er holte mich täglich, außer wenn er Spätschicht arbeitete, von meiner Arbeit oder Berufsschule ab und sobald ein Mann irgendwie in meiner Nähe war, egal ob ich ihn kannte oder nicht oder ob nur rein zufällig, gab es wieder Ärger. Den ganzen Abend machte er mir dann Eifersuchtsszenen, wer das war und was ich mit denen zu tun habe, und jedes Mal schlug er zu, er biss mich ins Gesicht und zog mich an den Haaren. Stets brach ich in Tränen aus, vor Schmerz und vor lauter Entsetzen. Immer wieder drohte er mir, mich zu bestrafen, wenn er wieder einen Mann in meiner Nähe sehen würde. Ich musste mich rechtfertigen für Dinge, die ich nicht getan hatte und nicht einmal die Absicht hatte, diese zu tun. Er glaubte mir kein Wort, war wie besessen. Ich hatte so zu sein, wie er mich haben wollte. Ich hatte keine eigenen Bedürfnisse mehr zu haben, wie ich es auch bereits aus meiner Kindheit kannte. Immer brav den Kopf senken, gefügig und gehorsam zu sein unter Androhung von Strafe. In mir war nur noch die Angst, eine Angst, die mich beherrscht, gesteuert von der Angst, die sich bis in jede Zelle meines Körpers und in die Tiefe meiner Knochen ausbreitete. Gelähmt davon, um mich zu wehren. Wie gefährlich diese Angst für mich war und mich immer weiter abwärts trieb, war mir nie bewusst. Die Pille hatte er mir inzwischen schon längst wieder weggenommen. Ich wurde immer ruhiger und wehrte mich gar nicht in der Hoffnung, dass er sich beruhigen würde. Eigentlich wollte ich dann nur noch nach Hause, obwohl es da auch nicht viel besser war. Da ich nun nach der Arbeit gar nie mehr erst heimkam, sondern erst spät am Abend, gab es auch da immer wieder Ärger mit meinem Vater. Ich wusste überhaupt nicht mehr, was ich machen sollte. Der einzige Rückzugsort führte mich hin und wieder zu Maria. „Beende endlich diese grauenvolle Beziehung. Was willst du denn mit so einem Mann? Sowas würde ich mir nie gefallen lassen“, sagte sie zu mir. „Ich mache Schluss mit Raul, es ist wohl das Beste, ich halte das auch nicht mehr aus.“ Ich nahm mir wirklich vor, nie mehr zu ihm zu fahren. Doch mein größtes Problem war nur, dass Raul nach wie vor jeden Tag nach der Arbeit auf mich wartete, besser gesagt auf mich lauerte. Immer wieder stellte er sich mir in den Weg. „Komm mit!“ „Nein ich will nicht mehr mit dir zusammen sein, du hast mir schon zu viel angetan. Immer wieder dichtest du mir andere Männer an und schlägst mich, das lasse ich mir nicht mehr gefallen, hau ab!“ „Du gehörst mir, du bist mein und niemanden anderem, du kommst jetzt mit.“ Es gelang mir immer wieder, trotzdem nach Hause zu fahren. Ich erzählte es meiner Schwester, die es wieder aus Besorgnis meinen Eltern erzählte. „Das hast du nun davon, wir haben dir es ja gleich gesagt, dass du dich von so einem fernhalten sollst, aber du hast ja nicht auf uns gehört. Wage es bloß nicht, dich wieder mit ihm einzulassen, wehe dir, wenn du noch mal dort hingehst.“ Was für ein toller Ratschlag! Ich musste nun selbst die Sache in den Griff bekommen, es ist ja schließlich auch meine Schuld. Die Stimmung zu Hause war eiskalt. Freude hatte ich nur noch auf Arbeit und in der Schule. Inzwischen war ich 17 Jahre und im zweiten Lehrjahr und es war kurz vor Weihnachten. Meine Schwester sorgte dafür, soweit es ging, mich täglich abzuholen. Wenn es ihr nicht möglich war, fand ich immer einen Fluchtweg, das Betriebsgelände durch irgendwelche Hintertüren zu verlassen, was mich dann auf Umwegen nach Hause brachte. Bevor ich ging, sah ich Raul, wie er unten stand und auf mich wartete. Mein Herz raste ständig, wenn ich ihn sah, er machte mir Angst. Da ich bei der Post arbeitete, musste ich auch am 24. Dezember bis Mittag arbeiten. Weihnachten kehrt endlich mal für kurze Zeit Ruhe ein. Die Familie feierte zusammen, meine Eltern, meine Schwester, ihr Mann und ich. Keiner von uns hätte je gedacht, dass es an diesem Tag doch anders kommen würde. Ich verließ meine Arbeit gegen 12:00 Uhr. Ich ging den normalen Weg. Raul sah ich nirgends und ich vermutete auch gar nicht, ihn an diesem 24. Dezember anzutreffen. Plötzlich stand er aus dem Nichts vor mir. Er hatte mir wieder aufgelauert. Wie konnte ich auch nur denken, dass er nicht hier war. Ich war so erschrocken und zitterte vor Angst und vor Kälte. „Komm bitte mit zu mir nach Hause. Ich verspreche dir, ich werde dich nie mehr schlagen!“ „Das hast du schon tausendmal versprochen, ich komme nicht mit zu dir, ich will nach Hause und außerdem ist heute Weihnachten.“ „Bitte komm mit, ich liebe dich doch, ich will nur mit dir zusammen sein.“ Wie er mich dabei ansah. Er stand da und schaute mich mit einem traurigen und reuigen Blick an. Ich war hin und her gerissen. Das wirkte so ehrlich auf mich und ich sah wieder den Mann, den ich kennengelernt hatte, seine treuen und liebevollen Augen. Er streichelte mich im Gesicht und ich spürte seine schönen Hände, die so was Ergreifendes hatten und mich schon wieder fast zum Dahinschmelzen brachten. Er war wirklich sehr schön. Doch die Angst steckte immer noch in mir, Angst vor ihm, seinen Konsequenzen, Angst vor zu Hause. Ich überlegte sogar schon, wie ich das denn zu Hause erklären sollte, wenn ich jetzt doch mit ihm mitgehe. „Ich muss aber nach Hause, meine Familie wartet.“ Da muss er wohl gemerkt haben, dass er mich gleich wieder weich hatte. Der Bus kam, wir stiegen ein, ich stieg nicht wie gewohnt aus und so wir fuhren gemeinsam zu ihm. Er war das erste Mal wieder richtig normal zu mir, fürsorglich und liebevoll. Er hatte sogar schon etwas gekocht, so sicher war er sich anscheinend. Die meisten Kubaner waren nicht da, sodass wir die Wohnung für uns allein hatten. Es war bereits gegen 18 Uhr und auf einmal klopfte es in einer enormen Lautstärke gegen die Wohnungstür. Durch den Druck öffnete sie sich von selbst und noch bevor wir aufstehen konnten, standen bereits Maria und ihr Mann im Zimmer. „Du kommst jetzt sofort mit nach Hause!“, sagte sie. „Aber …“ „Halt deinen Mund, los jetzt raus hier!“ Ich stand wortlos auf und folgte den beiden ohne Widerrede. Wahrscheinlich war es die einzige Möglichkeit, mich ohne große Diskussionen dort rauszuholen. „Was hast du dir nur dabei gedacht? Kannst du dir vorstellen, was zu Hause los ist?“ „Aber ich kann nichts dafür, er stand einfach wieder da.“ Dann schwieg sie. In den nächsten Wochen und Monaten traf ich mich immer wieder mit Raul, aber ich versuchte, dies so heimlich wie nur möglich zu tun. Raul hatte immer wieder Probleme mit seiner Eifersucht, aber ich redete es mir schön. In der Zwischenzeit hatte ich mein Verhalten schon so ausgerichtet, um keine Anlässe für Streit zu geben. Ich hatte mich ihm vollständig angepasst. Er erzählte mir viel von seiner Heimat und seiner Familie und ich stellte mir immer wieder ein Leben mit ihm auf Kuba vor. Ein Leben in der Wärme unter Palmen, am Strand die Sonne genießen, glücklich und unbeschwert leben. Dann war es sicher auch mit ihm einfacher. So musste Liebe sein. Eine Liebe, die in Verzweiflung wurzelt.
Kapitel 2
Es war nun schon März. Im Sommer würde ich fertig sein mit meiner Ausbildung. Aber etwas war anders mit mir, meine Periode blieb aus. Das kam zwar immer wieder mal vor, aber dieses Mal dauerte es einfach zu lange. Raul ging mit mir zum Arzt. „Sie sind schwanger, möchten Sie eine Überweisung in die Klink zu einem Schwangerschaftsabbruch? Das müsste ich dann schnellstens wissen, da Sie bereits in der elften Woche sind. Sie sind ja noch jung.“ Was dachte der sich eigentlich? Schon wieder einer, der meinte, er müsse mir sagen, was ich zu tun hatte. „Ich muss die Nachricht erst mal verdauen, natürlich will ich nicht in eine Klinik. Ich möchte das Kind.“ Zum Glück war ich vor Kurzem 18 Jahre geworden und somit konnte mir niemand mehr reinreden. Raul konnte es kaum glauben, er war total erfreut über diese Nachricht und wir stellten uns das süße Baby vor, wie es wohl aussehen würde. „Ich weiß aber nicht, wie ich es meinen Eltern sagen soll, schließlich wohne ich noch zu Hause. Sie werden mich rausschmeißen. Mit einem Kind zu Hause zu wohnen, damit werden sie niemals einverstanden sein.“ „Dann wohnst du eben bei mir oder wir suchen uns eine Wohnung.“ „Es ist sehr schwer, eine Wohnung zu finden, es gibt kaum welche und wenn dann nur mit Beziehungen und Geld haben wir ja auch nicht, um eine Wohnung überhaupt erst mal einzurichten und bei dir im Wohnheim, niemals.“ „Es bleibt uns ja noch etwas Zeit, jetzt muss ich es erst mal meinen Eltern sagen.“ Ich fühlte mich wohl und war glücklich. Ich würde es meinen Eltern sagen aber nicht heute und auch nicht morgen. Auf jeden Fall würde ich das Kind bekommen. Dann würde alles anders mit Raul und mit meinen Eltern. Eines Abends sagte ich zu meiner Mutter: „Ich muss dir was sagen, ich bin schwanger.“ Sie schaute mich schockiert an und brachte kein Wort raus. Ihre Augen waren so starr und ihr Mund war zusammengekniffen. Diese Stille machte mich ganz nervös. Was war denn los mit ihr, wieso sagt sie nichts. „Was soll das? Dass du dir mit solchen Angelegenheiten einen Scherz erlaubst, hätte ich dir nicht zugetraut.“ „Das ist kein Scherz, ich bin wirklich schwanger.“ „Du nimmst doch die Pille, das kann gar nicht sein.“ „Ich habe sie eben vergessen, zu nehmen.“ Dass Raul sie mir weggenommen hatte, habe ich ihr lieber nicht erzählt. So langsam merkte ich, dass sie mir nun doch glaubte. „Du wirst es abtreiben, darüber bist du dir hoffentlich im Klaren. Wir gehen morgen zusammen zum Arzt und machen einen Termin.“ Ich sagte dazu gar nichts mehr, egal was sie vorhatte, ich würde das Kind bekommen. Der Arzt gab mir die Einweisung für eine Klinik für den nächsten Tag. Da ich keinen Ton mehr sagte, ließ mich meine Mutter alleine zur Klinik fahren. Ich verließ das Haus und fuhr erst gar nicht hin, denn ich wusste, dass ich keinen Abbruch machen würde. Am Abend als ich nach Hause kam, sagte sie: „Wieso bist du nicht in der Klinik?“ „Ich war da, aber die Ärzte haben gesagt, es ist schon zu spät für einen Abbruch.“ „Das glaube ich dir nicht, wäre ich doch bloß mitgefahren. Wir fahren morgen zusammen hin.“ „Nein, das werde ich nicht, es ist zu spät und ich will das Kind bekommen.“ „Dann sagst du es deinem Vater selbst, du wirst schon sehen, was er dazu sagt. Hier kannst du jedenfalls nicht wohnen bleiben mit einem Kind. Das kannst du alleine großziehen, denn dein Raul wird eines Tages nach Kuba zurückgehen und dann stehst du alleine da. Auf unsere Hilfe brauchst du gar nicht erst zu hoffen. Das kannst du dir aus dem Kopf schlagen.“ Ich ließ sie reden und zum ersten Mal wurde mir klar, dass ich diese Entscheidung alleine treffen konnte. Keine Bevormundung von niemandem. In dieser Hinsicht waren sie machtlos, sie konnten es mir nicht verbieten. Das Erste und das Einzige, was sie mir nicht verbieten konnten und wo ich mich nicht wie sonst ergeben musste. Endlich keine Schläge mehr, sie hatten damit keine Macht mehr über mich, kein erzwungener Gehorsam mehr. Das befreite mich unheimlich. Mein kleines Baby unter meinem Herzen hatte mir diese Freiheit verschafft. Was für ein Schatz, so ungeplant hat es in mir seinen Platz eingenommen und mit so einer großen Wirkung. Mein Vater kam nach Hause, „Deine Tochter ist schwanger.“ Wieso plötzlich dieser Sinneswandel, ich dachte, ich sollte es ihm selber sagen, na ja auch gut. Jetzt war es raus, dann war nur noch abzuwarten, wie er reagiert. Ich war in meinem Zimmer, er kam rein. „Was habe ich da gehört? Mach doch, was du willst, aber suche dir eine Wohnung, hier bleibst du nicht mit einem Kind.“ Er winkte mit einer Handbewegung ab, wie er es immer tat, wenn er sein Gegenüber für blöd hält und ging wieder raus. Von meinen Arbeitskollegen und Freundinnen aus der Schule hörte ich nur Positives, sie teilten meine Freude und das gab mir sehr viel Mut. „Deine Eltern werden sich schon wieder beruhigen!“, sagten sie. „Warte es erst einmal ab, spätestens wenn das Baby da ist, dann können sie nicht mehr widerstehen, so ist es immer.“ Obwohl ich das zwar nicht ganz glauben konnte, hoffte ich es zumindest, denn schließlich war auch Maria schwanger. Ihr Baby sollte fünf Wochen vor meinem geboren werden und wenn sie dann die Erste war, hatte sich dann vielleicht die erste Freude über Enkelkinder wieder gelegt. Nun hatte ich einen Termin bei meinem Lehrausbilder. Ich machte mir Sorgen, dass ich vielleicht meinen Abschluss nicht mehr machen könnte. Das wäre eine Katastrophe, eine angefangene Ausbildung nicht zu beenden, ein Kind zu bekommen und irgendwann vielleicht ohne Berufsabschluss einen Job zu finden. Diesen Triumph konnte ich meinen Eltern nicht lassen, dann hätten sie ja mit all ihren Prophezeiungen recht gehabt. „Sie sind in anderen Umständen!“, sagte er. „Ja, aber der Termin ist Ende Oktober.“ „Im Mai haben Sie Abschlussprüfungen, ich denke, das dürfte dann kein Problem sein, Ihre Ausbildung noch vor der Geburt ihres Kindes abzuschließen.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen, zum Glück waren meine Sorgen unbegründet. Ich weiß auch nicht, aber vielleicht hatte er ja auch eine Tochter. Er merkte meine Freude und sagte: „Haben Sie sich etwa Sorgen gemacht? Wir lassen doch niemand im Regen stehen.“ „Danke, ich bin wirklich erleichtert.“ „Aber Sie müssen nun die Abteilung wechseln, der Paketdienst ist in Ihren Umständen nicht mehr zulässig.“ Was war ich froh, nicht mehr im Paketdienst arbeiten zu müssen. Wieder etwas, was ich meinem kleinen Baby zu verdanken hatte. Als ich nach Hause kam und es meinen Eltern erzählte, interessierte es sie überhaupt nicht. Aber für sie war ja auch meine Schwangerschaft verwerflich, wie sollte sie dann auch etwas interessieren, was nur im Geringsten damit zu tun hatte. In den nächsten Wochen und Monaten bekam ich das sehr deutlich zu spüren. Sie mieden es förmlich, mich anzusehen. Wenn mein Appetit auf Süßes mich wieder mal überkam und ich auf meinen Babybauch zeigte, wandten sie sich angewidert ab oder sagten: „Du wirst schon sehen, was du davon hast.“ Ich hätte mir so sehr gewünscht, mit meiner Mutter über mein Empfinden zu sprechen, dass sie auch mal über meinen Bauch streicheln möchte und dabei zusah, wie mein kleines süßes Schätzchen sich bemerkbar machte, oder dass es sie interessierte, wie sich mein Bauch so langsam nach vorne beult. Alle diese Freuden konnte ich nicht mit den zukünftigen Großeltern teilen. Ihre einzige Sorge war, so schnell wie möglich eine Wohnung für mich zu finden, noch bevor mein Baby auf die Welt kommt.
Meine neuen Kolleginnen aus der Abteilung, in die ich gewechselt hatte, versorgten mich ständig mit Kuchen und jede von ihnen wollte immer wieder meinen Bauch anfassen. Sie brachten mir einfach alles, was ich brauchte, damit ich mich bloß nicht überanstrenge. Sie gaben mir Babysachen von ihren Kindern und sammelten schon für den Kinderwagen. Ich erzählte ihnen nichts von dem, was ich hingegen täglich zu Hause erlebte. Denn inzwischen hatte ich gelernt, zwei Persönlichkeiten zu entwickeln. Die eine Persönlichkeit, die ich zu Hause war, wenn Raul dabei war, und die andere Persönlichkeit, wenn er nicht dabei war. Mit Raul verbrachte ich so gut wie jeden Tag außer wenn er Nachtschicht hatte. Da wollte ich auf keinen Fall allein in seinem Wohnheim bleiben. Ihm passte das gar nicht, weil ihm dann die Kontrolle über mich fehlte. Wenn er Spätschicht hatte, brachte er mich dazu, die ganze Schicht vor seiner Firma zu stehen, bis er Feierabend hatte. Aus dem Fenster konnte er mich sehen. Mir wurde immer bewusster, dass ich in einem ganz engen Korsett gefangen war und niemandem davon erzählen konnte. Kein Mensch würde mir das je glauben. Ich war sicher, sie würden denken, dass ich schuld daran war, dass es so war, wie es war. Wenn ich zu Hause verprügelt wurde, dann war das ja auch meine Schuld und ich musste die Strafe dafür bekommen. Im Grunde genommen war ich fix und fertig, denn auch wenn ich zu Hause bei meinen Eltern war, fühlte ich mich nicht wohl. Raul ließ auch während meiner Schwangerschaft nicht von seinen Eifersuchtsszenen ab. Immer wieder fing er einen Streit wegen anderen Männern an. Er sagte immer: „Ich werde erst sehen, wenn das Kind auf der Welt ist, ob es von mir ist oder nicht.“ Diese Worte verletzten mich zutiefst, wo ich doch sein Kind unter meinem Herzen trug. Wie konnte ich nur an so einen Mann geraten und wieso ließ ich mir so viele Bosheiten gefallen? Ich wusste nicht mehr, wo ich hingehörte, meine Eltern wollten mich loswerden und bei Raul musste ich mich ständig aufs Neue beweisen, auf ihn einreden und ihn besänftigen, damit seine Gewalttätigkeiten mich nicht zu sehr verletzten, geschweige denn mein Baby trafen. Als ich dann bereits im sechsten Monat schwanger war, nahm mir mein Vater den Wohnungsschlüssel weg. „Du kommst ab sofort nur noch hier rein, wenn wir auch da sind, sonst schleppst du uns noch den Kubaner hier rein und der räumt uns vielleicht noch in aller Ruhe die Wohnung aus.“ „Aber warum? ich habe ihn noch nie mit nach Hause gebracht, er war noch nie hier. Ich bin doch viel früher als ihr von der Arbeit zu Hause.“ „Dann wartest du eben vor der Tür, bis einer von uns da ist.“ Das war ein Schock für mich, wie sehr sie sich in jeder Hinsicht gegen mich entschieden. Da war es geradezu ein Wunder, dass ich mich überhaupt noch zu Hause aufhalten durfte. Jeden Tag stand ich nun vor der Haustür und wartete auf meine Eltern, dass sie mir die Tür aufschlossen und mich mit hineinnahmen. Es war ein sehr warmer Sommertag, als ich wieder mal vor der Haustür wartete. Ich hatte ein wunderschönes schwarzes Kleid an, in der Mitte zwischen Brust und Bauch war ein regenbogenfarbenes, glitzerndes Karo. Unter diesem Karo streckte sich mein Fußball großer Bauch hervor. Ich sah meinen Vater von der Ferne kommen. Seine Augen waren zu kalten Schlitzen geformt und seine Lippen waren nur noch ein gerader Strich. So wie er eben immer aussah, wenn er wütend war. „Mach, dass du sofort ins Haus reinkommst!“ „Was habe ich denn jetzt schon wieder verbrochen? „Du sollst im Haus auf uns warten und nicht auf der Straße, wo jeder dich sehen kann. Es muss ja niemand sehen, dass du schwanger bist.“ Ich war volljährig, ich war schwanger aber anscheinend ohne einen Funken Selbstwertgefühl. Wo sollte das auch herkommen? Da mein Vater Tischlermeister war, pflegten meine Eltern sehr viele Beziehungen zu anderen nützlichen Leuten. Tut einer dem anderen einen Gefallen, so auch umgekehrt. So war es für sie dann doch nicht so schwer, durch ihre Beziehungen zu einer Wohnungsbaugesellschaft für mich eine Bleibe zu finden, wo andere jahrelang drauf warten mussten. Ich war im siebten Monat schwanger, als sie mir einen Wohnraum präsentierten. „Wir haben eine Wohnung für dich besorgt und schauen sie uns heute gemeinsam an.“ Ich wusste gar nicht, was ich sagen sollte, konnte es kaum glauben, sie machten also doch ernst. Damit war es dann wirklich gewiss, dass sie mich noch vor der Geburt meines Kindes loswerden mussten. Sie würden es gar nicht mitbekommen, wenn es dann so weit war und dann auch nicht bei mir sein oder mich in die Klinik bringen. Na ja, ich hatte ja Raul, mit wem sollte ich es auch sonst durchziehen? Ich sagte keinen Ton zu ihnen, ich fragte auch nicht nach der Wohnung, wo sie war, wie groß sie war oder wie sie aussah. Dass sie kein Bad haben würde, konnte ich mir ja selber denken, ich traute mich auch gar nicht, nach solch einem Luxus zu fragen. Wir fuhren nun zusammen zu dieser besagten Wohnung. Auf dem Weg dahin freute ich mich aber dann doch, endlich mein eigenes kleines Heim zu haben. Ich merkte nur, dass es ziemlich weit bis dorthin war. Von außen sah das Haus ganz ordentlich aus, meine Eltern hatten auch schon die Schlüssel. Die Wohnung war im Erdgeschoss und entpuppte sich als kaltes dunkles Loch. Sie war gerade mal 13 qm groß. Es gab keinen Flur, sondern beim Öffnen der Wohnungstür stand man direkt in der Küche, von welcher aus es in ein kleines Zimmer ging. Das war dann auch schon alles. Das WC befand sich außerhalb, neben der Haustür und der Platz darin reichte gerade für die WC-Schüssel. Ich war für den ersten Moment sehr erschrocken, aber es war nun auch egal, Hauptsache allein. Nur was sollte ich hineinstellen, viel Zeit hatte ich nicht mehr. In der Küche befand sich ein kleines gusseisernes Waschbecken und ein Kochherd und die Fenster sahen undicht aus. „Tja, so haben wir auch mal angefangen oder hast du etwa was anderes erwartet? Sei froh, dass du überhaupt eine Wohnung hast!“ „Ich habe ja gar nichts gesagt, wenn es denn sein muss, dann soll es so sein. Es reicht ja aus und baden kann ich ja dann in der Babybadewanne.“ Es herrschte eine eiskalte Stimmung, passend zu diesem Loch, in dem wir standen. Ich wollte es ja so und deshalb nahm ich es auch so an. „Du kannst sofort einziehen. Wir geben dir dein Bett, deinen Schrank, unseren alten Küchentisch, die Hocker dazu und unseren alten Kühlschrank mit. Wir wollten uns sowieso einen neuen kaufen und etwas altes Geschirr kannst du auch noch mitnehmen. Das ist immer hin besser als gar nichts. Wir wären froh gewesen, wenn wir damals auch so hätten anfangen können. Du wolltest dein Kind und nun sieh zu, wie du zurechtkommst.“ Ja, ja das mussten sie ja noch unbedingt erwähnen. Aber mit der angebotenen Grundausstattung würde es schon gehen. Es ging dann alles ganz schnell. Mein Vater organisierte den Transport der Möbel und zwei Tage später wohnte ich schon in dieser Wohnung. Ich fühlte mich unglaublich einsam. Raul war nun auch jeden Tag da und das nahm mir wenigstens hin und wieder das Gefühl der Einsamkeit. Wir wohnten nun zusammen. Er besorgte uns noch ein paar Kleinigkeiten, die man so in einem Haushalt braucht. Ich versuchte diese Wohnung einigermaßen gemütlich zu machen, obwohl das nicht einfach war, denn sie war kalt und feucht. Zwischen die Fenster legte ich alte Tücher, damit das Wasser, das reinlief, nicht für noch mehr Feuchtigkeit sorgte. Wir schliefen zusammen in einem Bett, was durch meinen Bauch gar nicht mehr so einfach und erholsam war, da es einfach an Platz fehlte. Schon bald ging ich nicht mehr arbeiten und so sorgte ich für den Haushalt und kochte uns jeden Tag kubanisches Essen. Raul bestand darauf. Ich war seine Köchin und seine Putzfrau. Wir lebten wie ein altes Ehepaar und ich musste immer zu Hause bleiben und auf ihn warten. Unverändert und ungebremst war immer noch seine grenzenlose Eifersucht. Er bestimmte mein Leben, was ich wann tun sollte und alles ausschließlich für ihn. Als Maria dann ihr Baby bekam, fuhr ich fast jeden Tag zu ihr. Es war wunderbar, ihr bei allem zuzusehen. Ich habe dadurch alles lernen können, was ich mit einem Neugeborenen machen muss und wie ich es versorgen muss. An all diese aufkommenden Dinge hätte ich nie von selber gedacht. Das war mein wichtigster, unerwarteter und nützlichster Grundstein, den ich da mitbekam. Ich konnte es nun kaum noch erwarten, bis es endlich bei mir so weit war. Mein Baby war schon eine Woche überfällig und ließ immer noch auf sich warten. An diesem einen Tag im November musste ich am Morgen zu einer Untersuchung, um sicherzugehen, dass auch alles in Ordnung ist. Raul hatte Spätschicht. Er begleitete mich und ging dann am Mittag zur Arbeit. Da saß ich nun ganz allein in meiner kleinen Wohnung, als ich plötzlich Schmerzen bekam. Ich wusste nicht, was es sein könnte. Es war einfach nicht leicht für mich, dies einzuordnen, da ich auch nicht wusste, wie sich die Wehen anfühlen. Niemand war da, den ich hätte fragen können. Ich ging zu einer Telefonzelle und rief meine Mutter an. Was auch immer passiert sein mag, aber ich musste meine Mutter anrufen. Wen sonst sollte man in so einem Moment fragen, ich war wieder mal allein. Obwohl ich mir immer gewünscht hatte, mein Baby zu bekommen und irgendwann mal seinen Großeltern Bescheid zu geben. Aber nun musste ich leider zeigen, dass ich anscheinend doch Hilfe brauchte. Meine Schwester war bei ihr mit ihrem Sohn. „Maria, ich weiß nicht, was es ist, aber ich habe Schmerzen.“ Nach langem Frage- und Antwortspiel sagte sie: „Du hast Wehen, Schwester, das ist nichts anderes als Wehen. Setz dich in die Straßenbahn und komm her.“ „Gut, ich komme dann bis gleich.“ Ich ging gar nicht mehr nach Hause, sondern fuhr direkt zu meiner elterlichen Wohnung. Auf dem Weg dahin gingen mir noch so viele Dinge durch den Kopf. Ich konnte es kaum glauben, dass ich mit Wehen in einer Straßenbahn saß, die alle paar Minuten anhält, sozusagen im Rhythmus zu meinem nun drängenden Baby. Es war halb drei, als ich ankam. Meine Mutter begrüßte mich nur oberflächlich und Maria packte ihre Siebensachen zusammen und dann gingen wir gemeinsam zu ihr nach Haus. Da saß ich nun bis 20 Uhr, sie hatte die Ruhe weg und wollte mir es unbedingt ersparen, zu früh in die Klinik zu fahren. „Bevor du sie nicht alle halben Minute hast, brauchst du gar nicht erst losfahren.“ Ich verließ mich vollständig auf Maria, sie würde schon das Richtige tun. Wenigstens war ich nicht mehr allein. Meine Mutter fuhr mit mir dann gegen 20:00 Uhr mit dem Taxi in die Klinik ohne eine Tasche mit den nötigsten Sachen für mich und mein Baby. Aber darüber machte ich mir keine Gedanken. Dort angekommen wusste ich: Allein gehe ich da rein aber zu zweit komme ich wieder raus. Ein seltsames, aber schönes Gefühl. Ich drehte mich noch einmal um und sah, wie meine Mutter draußen stand und bleiben musste, und wurde immer ängstlicher. Ich wusste nicht, was jetzt alles auf mich zukam, mal abgesehen von den Schmerzen, die das Ganze mit sich bringt. Mein kleiner, süßer Sohn begrüßte mich dann nachts halb zwei und wurde mir direkt auf meinen Bauch gelegt. Er sah genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt hatte mit seinen flauschigen, vielen, dunklen Haaren, seine Ohren waren leicht geknickt und auch mit feinen, dunklen Härchen besetzt. Er war einfach zuckersüß und schon da auch unter den Schwestern die Nummer eins. „Wie soll er denn heißen?“ Raul und ich waren uns nie einig über einen Namen für unser Kind. Ich wollte ihn gerne Ricardo nennen, da aber sein Bruder so hieß, war er überhaupt nicht damit einverstanden. Er bestand darauf, ihn Raul zu nennen, so wie es sich in Kuba für den ersten Sohn gehört. Ich wusste einfach, wenn meine Eltern diesen Namen hören, dass nun ihr Enkelkind so heißen würde, würden sie noch weniger mit ihrer neuen Rolle als Großeltern einverstanden sein und ihn mit irgendwelchen Spitznamen rufen, damit sie bloß nie den Namen aussprechen mussten. Ich wollte jedoch keinesfalls Streit mit Raul, dann hätte er vielleicht sogar nicht mal sein Kind akzeptiert. „Er heißt Raul und weil er noch so klein ist, ist er Raulito, das ist lediglich die Verkleinerungsform von Raul.“ Ich konnte nun mein Baby noch für eine ganze Weile im Tuch eingehüllt im Arm behalten. Das war etwas Wunderbares, Einzigartiges und Inniges. Meine Eltern erbarmten sich und riefen Raul in seiner Arbeitsstelle an, um ihm mitzuteilen, wo ich war. Er kam am nächsten Morgen und seine erste Frage war nach seinem Namen. Er war unglaublich stolz auf seinen Sohn, das machte mich sehr glücklich. Unser kleiner Kubanito. Meine Mutter kam mit Maria am Nachmittag. Nachdem nun auch sie den Namen erfahren hatte, schüttelte sie den Kopf. Ich spürte nur Ablehnung. Endlich kam der Tag, an dem ich mit Raulito nach Hause konnte. Ich war kaum zwei Stunden zu Hause, als mein Vater kam. Ich war fassungslos, was war denn in ihn gefahren, war das etwa ernsthaftes Interesse? Er wollte tatsächlich sein Enkelkind sehen. Er brachte mir sogar drei Bananen mit. „Wo hast du denn die Bananen aufgetrieben?“ Ich habe sie eben besorgt, du brauchst jetzt Vitamine.“ Es war dennoch ein unangenehmes Gefühl. Die ersten Wochen kam ich sehr gut zurecht, mein kleiner Raulito entwickelte sich prächtig. Wir waren nun zu dritt, auch wenn wir sehr wenig Platz hatten, genügte uns das. Raul machte allerdings seinem Machodasein alle Ehre. Ich versorgte nun unser Kind, Raul und den Haushalt – auch dann als ich nach einem Jahr wieder arbeiten musste. Sein Verhalten mir gegenüber änderte sich nicht. Es wurde sogar schlimmer, seine jähzornigen Anfälle, seine Aggressionen, seine Gewalt, seine Eifersucht. Er verbot mir einfach alles. Ich durfte nur anziehen, was er erlaubte. Ich hatte kaum noch Kontakt zur Außenwelt. Ich durfte nicht mehr zu Maria, auch mit Anna ließ er keine Treffen zu. Das sei alles schlechter Umgang für mich und die würden mich nur mit anderen Männern verkuppeln wollen. Ich hatte nur für ihn da zu sein und ich sollte bloß nicht auf die Idee kommen, mich trennen zu wollen. Das würde ich nicht überleben, er würde dann unser Kind nehmen und nach Kuba gehen. Immer mehr fühlte ich mich meiner Freiheit beraubt. Ich hatte nicht einmal die Freiheit, ihn zu lieben oder nicht, ich hatte ihn zu lieben. Die Wohnung verließ ich nur dann mit meinem Sohn, wenn er bei der Arbeit war und das auch nur unter großen Anstrengungen, dabei nicht aufzufliegen. Meistens war ich bei Maria, damit wenigstens auch unsere Kinder zusammen sein konnten. Sie war die Einzige, der ich einige Details über meine Beziehung anvertraute. „Warum schmeißt du ihn nicht einfach aus deiner Wohnung raus? Wie lange willst du das noch mitmachen, sieh dich doch mal an, du bist ja nur noch ein Schatten von dir selbst.“ „Was soll ich denn machen, ich habe ihm schon oft gesagt, dass ich so nicht mehr mit ihm weiter zusammenleben möchte. Da dreht er jedes Mal fast durch und droht mir wie immer, mir unser Kind wegzunehmen. Es gibt auch nicht immer Streit, manchmal kann er auch wieder ganz lieb sein.“ „Das reicht aber nicht aus. Du kannst dir das doch nicht jedes Mal damit entschuldigen.“ Ich sagte nur: „Wenn er dann in zwei Jahren nach Kuba muss, ist es dann sowieso vorbei.“ Maria redete auf mich ein, aber alles Reden nützte nichts. Ich hatte trotzdem noch die ungestillte Sehnsucht nach Geborgenheit und die Hoffnung, dass er sich doch irgendwann ändern würde. Selbst wenn ich ihn verlassen würde, dann wäre ich auch wieder allein und meine Eltern hätten mit all ihren Vorhersagen recht gehabt. Immer wieder fragte ich mich, wieso man denn nicht glücklich sein konnten, jetzt wo wir zusammenwohnten und eine Familie waren. Es müsste doch eine Möglichkeit geben, dass Raul zur Besinnung kommt und erkennt, dass das, was er macht, nur Schaden anrichtet. Keiner meiner Kollegen bekam etwas von alledem mit. Raul schlug mich nach wie vor grundlos in seinem Jähzorn und nie hatte ich es gewagt, mich dagegen zu wehren. Ich war ihm einfach unterlegen, kam gegen ihn und seinen Willen nicht an. Es gab kaum eine Stelle an meinem Körper, die nicht blau geschlagen oder blau von Bissspuren war. Kaum färbten sich die Flecke gelb und fingen an zu verblassen, hatte ich auch schon wieder neue Zeichen der Brutalität. Ich war mit dem besten Make-up ausgestattet, was ich auftreiben konnte, um die Schandmale wenigstens im Gesicht zu verkleistern. Die Angst beherrschte mich in vollem Umfang. Ich war abgemagert und sah auch sonst extrem mitgenommen aus. Ich war müde und kraftlos. Irgendwann wurde mir klar, dass ich denselben Mann hatte wie meine Mutter. Die einzigen Freiheitsmomente hatte ich, wenn ich arbeiten war. Das konnte er mir nicht verbieten. Da wir nicht verheiratet waren, musste ich arbeiten gehen. So lauteten die Gesetze in der DDR. Zur Arbeit schminkte ich mir die Lippen, um wenigstens etwas frischer auszusehen und bevor ich nach Hause ging, wusch ich es gründlichst wieder ab. Wenn es dann zwischendurch mal Tage gab, an denen er sich normal verhielt, schöpfte ich jedes Mal wieder Hoffnung, dass er sich vielleicht doch noch ändern würde. Seinem Sohn war er ein guter und liebevoller Vater. Kubaner sind sehr kinderlieb und das merkte man auch bei ihm. Ich war froh, dass Raulito von unseren Auseinandersetzungen nichts mitbekam. Nach zwei Jahren ging Raul für sechs Wochen Sonderurlaub nach Kuba. Ich sorgte in dieser Zeit schnellstens für eine neue Wohnung, glücklicherweise halfen mir meine Eltern dabei, da sie auch da wieder ihre guten Kontakte spielen ließen. Sie sahen für mich eine neue Wohnung als einzige Chance, um von Raul wegzukommen. Ich schaffte den Absprung noch während diesen sechs Wochen. Ich zog mit meinem Sohn in einen anderen Stadtteil, in eine größere Wohnung, die zwar auch nicht besonders schön war, aber für meine Flucht war das nicht so wichtig. Ich hoffte, so die Trennung durchstehen zu können, ohne den Angriffen von Raul ausgeliefert zu sein. Kaum dass Raul zurückgekehrt war, lauerte er mir wieder auf und fing mich auch schon an meiner Arbeitsstelle ab. Er bestand darauf, seinen Sohn zu sehen, und drohte mir wie immer Gewalt an. „Wenn du mir nicht sofort sagst, in welchem Kindergarten unser Sohn ist, dann …“ „Ich will mit dir nicht mehr zusammenleben, du bist gewalttätig, ich halte das nicht mehr aus. Ich komme ganz gut alleine klar.“ „Das werden wir ja sehen, ich werde meinen Sohn schon bekommen und dann nehme ich ihn mit und gehe für immer nach Kuba. Dann wirst du ihn nie wiedersehen.“ Diese Drohung brachte mich jedes Mal zur Ohnmacht. Er war so aggressiv, wenn er das sagte. Mir schnürte es die Kehle zu. Meinen kleinen süßen Liebling durfte ich niemals verlieren. Somit hatte er mich in der Hand, ich war machtlos. Hilfe konnte ich von niemand erwarten. Ich gab nach und ging mit ihm gemeinsam unseren Sohn abholen und dann in meine Wohnung. Seine Freude, seinen Sohn wiederzusehen, war riesengroß und sichtlich echt. Auch Raulito war überglücklich. Er wurde regerecht überhäuft mit Streicheleinheiten. Raul sah wieder völlig gelassen aus und ich merkte, dass er seinen Sohn wirklich über alles liebte. „Ich halte das nicht aus ohne euch. Jeden Tag denke ich an euch, das kannst du mir nicht antun. Ich muss einfach bei euch sein. Ab jetzt wird alles anders, ich weiß, was auf dem Spiel steht. Ich will euch nicht verlieren.“ „Ich kann dir das alles nicht mehr glauben, auch wenn ich es noch so gerne möchte.“ „Glaub mir doch, dieses Mal ist es mein Ernst.“ Er entschuldigte sich immer wieder und umarmte mich dabei und ich hatte wieder mal das gute Gefühl, Liebe zu bekommen. Ich ließ ihn bleiben. Ab diesem Moment war er wieder jeden Tag bei mir. Die ersten Wochen verliefen normal, Raul gab sich Mühe, obwohl ich merkte, dass es nun wieder mit meiner kurzen, zurückgewonnenen Freiheit vorbei war. Ich war wieder jeden Tag zu Hause und durfte nun auch nirgendwo mehr allein hin. Raul war wieder in seine alte Rolle geschlüpft und immer wieder machte sich die Eifersucht in ihm breit. Er vermutete hinter jedem Kollegen von mir einen potenziellen Liebhaber für mich und konnte sich dabei so in Rage reden, dass er auch wieder regelmäßig auf mich einschlug. Es war für mich ein Kampf, ihn jedes Mal zu beruhigen, um wenigsten seine Schläge einzudämmen, damit ich nicht schon wieder mit blauen Flecken übersät zur Arbeit gehen musste. Ich rechtfertigte mich gegenüber seinen Anschuldigungen, dass ich mir oft wünschte, ihn doch endlich wirklich mal mit einem Mann zu betrügen. Aber mir stand nicht im Geringsten der Sinn danach. Raulito war nun schon drei Jahre alt und in der Zwischenzeit hatte Raul sogar seinen Aufenthalt in der DDR noch einmal um ein Jahr verlängern lassen können. Meine Eltern hatten sich nun gänzlich aus meinem Leben zurückgezogen. So bekamen sie auch nicht mit, dass ich nun zwischenzeitlich eine Eheschließung beantragt hatte. Raul wollte unbedingt heiraten, da er aber ein Kubaner war, war dies nicht so ganz einfach. Ich musste die dazu nötigen Anträge stellen und er musste sich alle seine Unterlagen aus Kuba schicken lassen. „Wenn wir für immer als Familie zusammenbleiben wollen, müssen wir heiraten, sonst kannst du auch nicht einfach so nach Kuba ausreisen.“ Erschrocken und erstarrt stand ich da, als er das zu mir sagte, denn nun wusste ich, jetzt machte er ernst und wenn ich ihm jetzt und hier eine Absage erteilte, das würde ich nicht überleben, dann wäre er sicher zu allem fähig. Nur alleine der Gedanke, dass die Zeit, die ihm noch in der DDR verblieb, nicht mehr reichen könnte, machte ihn so rasend. Ich selber hoffte, die Zeit würde nicht mehr reichen, bis die Genehmigung da war. Die Angst ließ mich erstarren. Ja und das obwohl nun in all den Jahren die Angst mein Leben dominierte, trotzdem konnte es immer noch etwas geben, dass aus dieser Angst panische Angst wurde. Ich war beherrscht von der Angst und sie war stärker als alles andere. Nur einzig und allein mein kleiner Sohn hielt mich noch aufrecht. Er war so ein lieber Junge, es gab nie Probleme mit ihm. Er spielte zufrieden, er war glücklich und bekam zum Glück immer noch nichts von den Auseinandersetzungen mit. Raul war ihm jedoch auch ein liebevoller Vater. Das machte er wirklich ausgezeichnet und vor allem war es echt. Da kam die kubanische Kinderliebe komplett durch. Er nahm ihn oft mit vollem Stolz mit zu seinen Landsleuten. Dort war Raulito dann immer der Liebling. Von allen wurde er vergöttert. Da konnte man die Machos beobachten, wie sie sich plötzlich selber wieder in Kinder verwandelten und sogar in Kindersprache mit ihm sprachen. Das gefiel Raulito und er genoss es in vollen Zügen, ständig wurde er herumgereicht und in die Luft geschmissen, geschaukelt und verwöhnt und alles, was ich da sah, war ehrliche, echte Zuneigung. Vielleicht ersetzten sie ihm ja auf diese Art die Großeltern. Ab und zu an den Wochenenden ging ich auch mit und ich wurde auch von allen akzeptiert und respektiert. Sie sahen uns als eine ganz normale Familie und das respektierten sie. Raul war dann selbst auch immer wie ausgewechselt. Dann hatte auch ich immer wieder mal ein paar Glücksmomente. So musste es auch in Kuba sein, sagte ich mir. Alle waren zufrieden und glücklich und zu alledem schien auch noch immer die Sonne. Der Tag unserer Heirat rückte nun immer näher. Alle Genehmigungen waren da und nun musste ich es bald mal meinen Eltern sagen. An einem Nachmittag nach der Arbeit ging ich zu ihnen. Ich sagte auch vorher meiner Schwester Bescheid, damit sie auch da war. Sie begrüßten Raulito und mich ganz normal und nahmen auch mal ihren kleinen Enkel in den Arm und verwöhnten ihn sogar ein bisschen mit Schokolade und Streicheleinheiten. Meine Mutter kochte etwas zum Abendessen und in meinem Hals machte sich ein Knoten breit. Irgendwann kam sie aber doch, die Stunde der Wahrheit. Nach dem Essen sagte ich: „Raul und ich heiraten in zwei Wochen.“ „Du bist ja verrückt geworden, das ist nicht dein Ernst“, sagte meine Schwester. „Nach allem was er dir angetan hat, jetzt wo er doch sowieso bald zurückmuss, musst du ihn dann auch noch heiraten? Ich fasse es nicht, du bist wahnsinnig. Und dann was kommt danach? Gehst du etwa mit ihm nach Kuba? Hast du das etwa wirklich vor?“ „Ja, wir sind ja eine Familie und in Kuba wird alles anders, ich weiß es, wirklich.“ Mein Vater sagte: „Dir ist nicht mehr zu helfen, weißt du denn überhaupt, was dich dort erwartet?“ „Ja, Raul hat es mir ja erzählt und seine Eltern schreiben auch immer ganz liebe Briefe und freuen sich schon auf uns.“ „Und das glaubst du ihm? Er kann dir doch sonst was erzählen, ihm würde ich kein einziges Wort glauben. Wahrscheinlich setzt er dich dort dann mittellos auf die Straße.“ Bei all den Anschuldigungen gegen Raul tat er mir schon richtig leid und ich stellte mich innerlich nur noch mehr auf seine Seite. „Also mit uns brauchst du nicht zu rechnen, denke bloß nicht, dass wir zu deiner Hochzeit kommen werden.“ Als ich nach Hause kam, war Raul da und ich erzählte ihm von dem Abend. „Das war doch klar, dass sie dagegen sind. Diese Menschen sind nicht gut für dich. Ich habe dir schon immer gesagt, dass die Deutschen kaltherzig sind. Das ist in Kuba ganz anders. Sobald wir geheiratet haben, beantragst du deine Ausreise.“ Ich sprach nicht mehr darüber, für mich war es ja nun entschieden. Hatte ich A gesagt, so musste ich auch B sagen, so war es dann eben. Ich wollte auch nicht, dass er sich jetzt nur noch mehr wütend redete. Ich dachte nur, irgendwann würde er sicher mit seiner Eifersucht, mit seinem Jähzorn und dem Prügeln aufhören, aber was war dann mit der Liebe, was passierte damit, konnte ich die dann überhaupt noch aufbringen? War es überhaupt Liebe? Wusste ich das so genau? Ich liebte meinen Sohn, aber die Liebe zu Raul war nicht dasselbe, das Gefühl ihm gegenüber, das manchmal da war, war das die Liebe? Was war Liebe? So könnte es sein, zusammen sein, das war Liebe so wie bei anderen Paaren auch, sonst wären sie nicht zusammen. Aber bedingungslose Liebe bekam ich nur von meinem kleinen Sohn. Wir heirateten an einem Samstag. Meine Oma kam und meine Cousine, alles mütterlicherseits. Das waren die einzigen Gäste, die da waren. Meine Eltern kamen nicht, so wie sie es auch angekündigt hatten, auch nicht meine Schwester. Sie wollten nicht dabei sein, es gab für sie keinen Grund zum Feiern. Man konnte hier auch nicht von einer Feier sprechen, auch wenn ich ein Brautkleid anhatte. Viel davon hatte ich nicht, denn wir gingen nur etwas essen und waren am frühen Abend schon wieder daheim. Wir hatten geheiratet und war ein paar Stunden danach schon wieder zur Tagesordnung übergegangen. Meine Oma blieb noch eine Weile bei uns. Sie war sehr lieb und wir besuchten uns auch sonst in größeren Abständen. Sie war immer begeistert von Raul, sie wusste jedoch nichts über unsere Beziehung. Ich wollte sie nicht damit belasten. Sie mochte Raul, sie mochte Kuba und sie mochte Fidel Castro. Kuba war für sie das Land, in dem der Kommunismus funktionierte, und davon war sie begeistert. Niemals hätte ich ihr das Bild von Raul zerstören können, schließlich liebte auch ich sie. Sie war die Einzige, die mich in meinem Vorhaben bestärkte, denn, wenn man sich schließlich für einen Mann entschied, dann blieb man auch bei ihm. Das waren immer ihre Worte. Aber ich war sicher, wenn sie gewusst hätte, wie er wirklich war, dann hätte auch sie mir abgeraten und ihm vor allem mal ordentlich die Meinung gesagt. Die Tage, Wochen und Monate vergingen. Mein Ausreiseantrag lief in vollen Zügen. Der Staat hatte es nun auf mich als republikfeindlichen Bürger abgesehen mit allen dazugehörigen Repressalien, auch wenn ich nur nach Kuba, in das sogenannte sozialistische Ausland ausreisen wollte. Ich hätte ja schließlich von Kuba aus in die ganze Welt reisen können und somit auch in das feindliche, kapitalistische Ausland. Mit dem Tag meiner Antragstellung auf Ausreise wurde mein Arbeitgeber informiert und damit wurde ich sofort degradiert. Meinen gemütlichen Bürostuhl in einer kaufmännischen Abteilung musste ich nun gegen den Paketdienst eintauschen. Ab sofort durfte ich wieder die Pakete vom Fließband nehmen und verteilen und Postautos ein- und ausladen. Alles das, was ich während meiner Ausbildung zwar machen musste, aber immer gehasst hatte, da wir in einer großen unbeheizten Halle arbeiteten und zudem war dies noch ein harter Job: acht Stunden am Tag schwere Pakete schleppen und voll beladene Postkarren durch die Gegend ziehen. Auch da musste ich mich wieder fügen und tun, was man mir auftrug. Von Diskretion hielt hier niemand was, jeder wusste Bescheid, warum ich nun wieder im Paketdienst war, was wiederum einige der Kollegen dazu trieb, über mich zu tratschen. Ich blieb von keinem Gerücht verschont, so bunt und fantasievoll gestalteten sie ihren Tratsch. Wenigstens war es ihnen so nicht langweilig. Zum Glück konnte ich mich aber auf meine, mir erhalten gebliebene Kontaktfreudigkeit verlassen. So gab es ein paar Kolleginnen, mit denen ich mich schnell anfreundete und die mich sogar auch beneideten, den DDR-Staat endlich verlassen zu können. Was man jedoch nie vorher genau wissen konnte, war das Datum der Ausreise. Es konnte lange dauern und es konnte auch ganz schnell gehen. Das Ausreiseamt schickte mich auch wirklich überall hin, um mich und meinen Sohn abzumelden, frei zu kaufen, um Bescheinigung betteln und Leumundszeugnisse einholen. Ich lernte dabei Behörden in der DDR kennen, von denen ich nicht einmal wusste, dass sie existieren, geschweige denn wofür es sie überhaupt gab. Jeder Einzelne von denen, die ach so gönnerhaft hinter ihrem Schreibtisch hockten, würdigte mich nur mit Verachtung. Das ließen sie mich auch spüren und kosteten dies in vollen Zügen aus. Immer wieder bestellen sie mich umsonst hin, ließen mich ewig warten und im Dunkeln tappen. Kein Einziger wollte mir sagen, wann ich denn mit einer Ausreise rechnen könnte. Für Kuba war das jedoch alles kein Problem, denn auf der kubanischen Botschaft würde ich mein Einreisevisum problemlos bekommen, sobald die Ausreise genehmigt war.
Der Zeitpunkt der endgültigen Rückreise von Raul rückte immer näher. Seine Zeit in der DDR war abgelaufen und eine Verlängerung gab es nicht mehr und war im Grunde genommen auch nicht mehr nötig. Dennoch war uns klar, dass er wohl vor mir nach Kuba fliegen würde. Wir beschlossen auch, alles, was wir besaßen, mit nach Kuba zu nehmen. So bestellten wir einen Container, der einen Monat vor Rauls Abreise zu packen war, damit er noch verschifft werden konnte, denn schließlich hatte er einen langen Weg auf dem Ozean vor sich und sollte wenigstens ungefähr zeitgleich mit uns in Kuba sein. Wir organisierten das alles so, dass sobald unsere Einrichtung im Container verstaut war, meine Freundin Sonja, die auch mit einem Kubaner zusammen war, in unsere Wohnung zog. Sie wollte ohnehin aus ihrer feuchten Wohnung raus und da es auf legalem Wege Jahre dauerte, bis jemand in der DDR eine Wohnung bekam, nahm ich sie als Untermieterin zu mir und wenn ich dann nach Kuba ginge, würde der Mietvertrag auf sie umgeschrieben. Das war zwar nicht legal, aber erfüllte den Zweck für uns alle, denn auch zu befürchten hatte sie dadurch später nichts. Auf die Straße konnte man sie schließlich nicht so einfach setzen. Ihr Freund war schon einige Monate wieder in Kuba, nur hatten sie es nicht geschafft, bei all dem Papierkrieg vorher zu heiraten. Sie versuchten es jedoch im Nachhinein, was sich sehr schwierig gestaltete.
Es war eine sehr anstrengende Zeit, denn Raul forderte auch dann noch immer sein Recht als Ehemann und als sich bei mir immer noch keine Tür auftat und er nun bald zurückmusste, ließ er seinen Zorn wie immer an mir aus. Nun war es so weit, an einem Sommertag im August brachte ich Raul nach Berlin zum Flughafen. In diesem Moment spürte ich eine nicht enden wollende Traurigkeit. Plötzlich war es so weit, er musste weg und Raulito und ich mussten zurückbleiben im Ungewissen. Unser Zuhause schwamm in einem Container auf dem Ozean und keiner von uns wusste, wann wir uns wiedersehen würden. Ich wollte nun auch so schnell wie möglich weg und wäre am liebsten gleich mitgeflogen. Raulito war inzwischen vier Jahre alt. Für ihn war sein Papa jetzt mal schnell weg und ich sagte ihm, dass wir ihn bald wiedersehen würden. Raul hatte ihm seine Heimat immer im schönsten Licht beschrieben. „Raulito, Kuba ist ein schönes Land. Dort ist es immer warm, die Sonne scheint den ganzen Tag, du kannst im Meer baden und immer draußen spielen, deine Großeltern und deine Cousins und Cousinen freuen sich auch schon auf dich.“ Er erzählte ihm dies alles und Raulito freute sich so sehr darauf. Ich war froh darüber, denn das machte ihn glücklich und wenn ich auch nicht wusste, in was für eine ungewisse Zeit ich ging, so wusste ich doch, dass das, was Raul ihm erzählte, die Wahrheit war. Denn so viel hatte ich inzwischen von der Kinderliebe der Kubaner mitbekommen. Daran gab es keinen Zweifel. Das Flugzeug hob ab und nun war Raul weg. Ich steuerte nur noch auf unsere Ausreise hin. Es vergingen Monate und mit Sonja konnte ich sehr gut zusammenleben. Wir halfen uns, wo wir konnten, und verbrachten viel Zeit zusammen, sogar Weihnachten machten wir uns ein schönes gemütliches Fest mit allem, was dazugehört. Leider blieb es mir nicht erspart, meinen kleinen Sohn und mich noch mal mit Wintersachen einzukleiden. Dass es nun doch noch so lange dauern würde und auch noch einen Winter, damit hatten wir nicht gerechnet. Unsere Möbel waren auch inzwischen auf Kuba eingetroffen und bei seinen Eltern verstaut. Maria besuchte ich jetzt auch wieder regelmäßig und ab und zu meine Eltern. Es war stark spürbar, dass die Tage gezählt waren, an denen wir uns noch sehen konnten. Sie wollten mich zwar allesamt dazu überreden, die Ausreise zurückzuziehen, aber sie schafften es nicht. Ich war nun fest entschlossen, ich wollte mit Raulito zu Raul und seiner Familie nach Kuba. Alle meine Vorstellungen über dieses Land, in dem unsere Beziehung sich endlich erholt, sollten doch wahr werden. Das war es doch, was mich die ganzen Jahre zu Raul hat halten lassen. Obwohl auch mich immer wieder, wenn ich bei Maria war, eine Wehmut überkam, denn die Vorstellung ganz weit weg zu sein, war auch mir manchmal etwas zu viel. Dieses absolut Endgültige war mir zu diesem Zeitpunkt nicht ganz bewusst. Denn niemand wusste, ob ich jemals als Republikfeind zurückkommen könnte, denn die erzwungene Einbürgerung meines Vaters war auf einmal wieder gegenwärtig.
Raul und ich schrieben uns regelmäßig Briefe, sodass wir fast jede Woche voneinander Post bekamen. In seinen Briefen fiel nie ein böses Wort und er verging fast vor Sehnsucht nach uns. Es beschlich ihn auch die Angst, dass wir vielleicht doch nicht mehr kommen würden. Dennoch konnte ich ihm nicht meinen Missmut über unsere Ausreise zum Ausdruck bringen, denn die Briefe wurden gelesen und wenn ich etwas Negatives über die DDR geschrieben hätte, dann hätte Raul meine Briefe nie bekommen. An einem Tag im Februar war es endlich so weit. Ich bekam einen Brief, der mich aufforderte, auf dem Amt zu erscheinen. Endlich bekam ich unsere lang ersehnte Ausreisegenehmigung. Innerhalb von 14 Tagen hatte ich die DDR zu verlassen. Verglichen mit anderen Ausreisenden hatte ich eher noch viel Zeit, denn es gab Leute, die in 24 Stunden weg sein mussten. Aber trotzdem waren auch die 14 Tage nicht viel bei der weiten Reise, da ich noch nach Berlin auf die kubanische Botschaft musste, um das Einreisevisum für uns zu bekommen, was nicht ohne Termin ging, und die Flüge mussten auch noch gebucht werden. Nach dieser langen Zeit des Wartens waren diese zwei Wochen für mich die traurigste Zeit. Die Zeit des Abschiedes, denn unsere Tickets waren One-Way-Tickets.
Ich musste Raul ein Telegramm schicken in der Hoffnung, dass er es auch erhält, denn für einen Brief, der vier Wochen unterwegs war, hätte die Zeit nicht mehr gereicht. Raulito war überglücklich mit der Freude, bald seinen Papa wiederzusehen. Überall erzählte er: „Wir gehen nach Kuba zu meinem Papa.“ Es war so schön, ihn so glücklich zu sehen, aber ich wusste dennoch, dass er sich sicher nicht vorstellen konnte, wie weit wir weggingen. Unser Gepäck musste ich so zusammenstellen, dass wir die 40 kg nicht überschritten. In der Zwischenzeit hatte sich aber schon wieder so viel an Kleidung angesammelt, dass ich einiges zurücklassen musste. Es war der 22. Februar 1986, der Tag, an dem wir abflogen. Bei meinen Eltern hatte ich mich am Abend zuvor verabschiedet. Meine Mutter war so traurig, dass sie fasst kein Wort herausbrachte. Sie wusste, es gab an dieser Entscheidung nichts mehr zu ändern. Das schien sie fasst ohnmächtig werden zu lassen. In ihren Augen las ich: Eine Mutter bleibt immer die Mutter und ich werde immer ihr Kind bleiben, ganz egal was auch passiert war. Sie tat mir so unendlich leid, sie konnte sich meinem Vater nie widersetzen und nun, wo ich für immer wegging, hoffte ich, dass meine Schwester sich ihrer annahm. Sie sagte: „Wann geht euer Zug morgen früh nach Berlin zum Flughafen?“ „Wir müssen den Zug um acht nehmen, da wir sonst den Flieger am Nachmittag nicht schaffen, wenn wir einen Zug später fahren würden.“ „Lebwohl mein Kind und schreibe bitte sofort, wenn ihr angekommen seid!“ Mein Vater behielt die ganze Zeit die Fassung, er verabschiedete sich von uns, wünschte uns alles Gute und gab mir 50 Deutsche Mark. „Man weiß ja nie was passiert und mit dem Geld kannst du überall bezahlen.“ Am nächsten Morgen begleiteten mich meine Schwester, ihr Sohn Max und Sonja. Ich war so froh, dass sie sich die Mühe machten, uns bis nach Berlin zu bringen, denn schließlich mussten sie ja dann auch noch anschließend zwei Stunden Rückfahrt in Kauf nehmen. So selten wie es bei uns in Leipzig schneite, schneite es ausgerechnet an diesem 22. Februar unentwegt. Es war sehr kalt und wir fuhren alle zusammen schon um sieben Uhr auf den Leipziger Hauptbahnhof. Es war das reinste Caos. Die Züge standen alle auf den Gleisen, die nicht in unseren Tickets angegeben waren. Sicher waren überall die Weichen gefroren und man musste wieder mal improvisieren. Wir rannten zu fünft durch den Bahnhof und suchten unseren Zug. Die Kinder mussten wir auf den Arm nehmen, dazu kam noch mein Gepäck, zwei Koffer, eine Reisetasche, ein Rucksack und die Gitarre von Raulito. Niemand war in der Nähe, den man hätte fragen können – und obwohl wir noch Zeit gehabt hätten, wussten wir intuitiv, dass wir uns beeilen mussten. Irgendetwas trieb uns, da wir uns denken konnten, dass die Deutsche Bahn die Fahrpläne überraschend geändert hatte. Auf die Kälte und den Schnee waren sie nicht vorbereitet und selbst wenn, standen dagegen kaum Mittel zur Verfügung. Also hieß es rennen und irgendwie zusammenbleiben. Endlich fanden wir einen Zug, der unserer zu sein schien. Die Schaffnerin stand schon davor, hielt ihre Kelle nach oben und pfiff. In diesem Moment erst erkannte ich den Ernst der Lage und wusste, wenn der Zug weg war, dann auch unser Flugzeug und damit unser letztes Geld, das ich für die Tickets ausgegeben habe. Ich schrie und schrie und schrie: „Haaaaaaalt, stoppen Sie den Zug, sie müssen den Zug stoppen, wir müssen unbedingt mit“! Die Schaffnerin war so erschrocken, dass sie nun nur noch in ihre Pfeife pfiff, die ihr um den Hals hing. Wie sah das wohl aus, drei Erwachsenen beladen mit Gepäck und zwei davon mit einem Kind auf dem Arm, schreiend und rennend auf dem Leipziger Hauptbahnhof. Der Zug stoppte ruckartig, die Schaffnerin riss die Tür auf. „Beeilt euch, das ist heute der letzte Zug, der nach Berlin geht.“ Diese elenden hohen Treppen in einem Zug, die einem das Einsteigen so schwer machen und das Gefühl hinterließen, dass man daneben tritt. Ich stieg als Letzte ein, aber während dem Einsteigen von Sonja und meiner Schwester hielt ich die ganze Zeit an ihrer Hand, das gab mir das Gefühl, dass ich da auch noch rein muss. Wir standen nun im Zug und flogen erst mal über mein Gepäck, die Schaffnerin rannte neben dem Zug her und schrie: „Schließen Sie die Tür, um Himmels willen schließen Sie die Tür.“ Obwohl der Zug nur langsam anfuhr, schaffte sie es nicht, von außen die Tür zu schließen, und ich wusste mit meinen 22 Jahren nicht mal, wie man eine Tür im Zug zumachte. Plötzlich glaubte ich, nicht richtig zu sehen, meine Eltern rannten neben dem Zug her. Sie hatten nun die Zugtür erreicht, die immer noch offen stand, und ich streckte meine Hand zu meiner Mutter. Für mich ein unendlich langer Augenblick des nicht Loslassens. „Mein Kind, mein Kind, geh nicht weg!“ Sie weinte, ich weinte. Ich schrie: „Mutti lass mich los, der Zug wird schneller, lass mich los.“ Sie ließ einfach meine Hand nicht los und mein Vater rannte die ganze Zeit hinter ihr und mit ihm die Schaffnerin, die wiederum schrie: „Türen schließen!“ Maria zog mich von hinten zurück und schloss endlich mit ihrer ganzen Kraft die Tür. Was für ein Drama, was für ein trauriger Abschied. Meine Eltern waren tatsächlich noch mal zum Bahnhof gekommen. In diesem Moment verzieh ich ihnen alles und erkannte, dass es ihnen wirklich wehtat, dass ich für immer ging. In der Zwischenzeit hatten sich genug Leute im Zug zu einer Menschentraube gebildet, die das ganze Schauspiel beobachteten. Ich konnte nun meine Tränen nicht mehr zurückhalten und schluchzte nur noch. Zum Glück war unseren Kindern nichts passiert, denn ich fragte mich, wo sie die ganze Zeit waren. Gar nicht auszudenken, was hätte passieren können. Die Fahrt verlief länger als geplant, immer wieder waren die Weichen vereist. Wir waren dann gegen Mittag am Flughafen Berlin Schönefeld. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich auf einem Flughafen und ich fand es sehr spannend. Die vielen Menschen verschiedener Nationalitäten, das war so aufregend und interessant für mich. Wir erfuhren nun, dass mein Flug drei Stunden Verspätung haben würde. Dreißig Minuten später hieß es, dass wir vor 20 Uhr nicht fliegen können, denn es schneite ununterbrochen. Maria entschied sich, nun doch zurückzufahren, da sie noch einen langen Weg vor sich hatte und auch nicht wusste, was für eine lange Rückreise nun noch vor ihr lag. Sonja war ebenfalls dieser Meinung und uns war allen klar, dass es wohl das Beste war. Wir verabschiedeten uns alle unter Tränen, Maria gab mir ihren Ring und ich gab ihr meinen. „Damit du immer an mich denkst, mein Schwesterchen.“ Das war wirklich eine gute Idee von ihr. Raulito und Max gaben sich ein Küsschen und wir winkten ihnen so lange zu, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war. Ich blieb mit Raulito allein zurück und da stand ich nun mit meinem ganzen Gepäck, das ich mit meinen zwei Händen gar nicht tragen konnte. Ein Gepäckwagen war auch nirgends aufzutreiben, so blieb uns nichts anderes übrig, als uns auf die Bänke zu setzen und zu warten. Nach fünf Minuten dann die Durchsage. Vor morgen früh ging kein einziger Flug mehr, alle Passagiere sollten sich im Flughafenrestaurant einfinden, wo sie mit einem kleinen Imbiss versorgt werden. Ich starte die ganze Zeit den Ring von Maria an und dachte nur, zum Glück waren sie gegangen, und hoffte, dass sie noch einen Zug erwischten, der heute noch zurück nach Leipzig fährt. Aber was sollte ich jetzt hier die ganze Nacht machen und hoffentlich würden Raul so lange auf uns in Havanna warten. Es war eine nicht enden wollende Nacht. Wir versuchten, auf den Bänken zu schlafen. Raulito lag auf meinem Schoß und ich hatte ständig mit einem Auge unser Gepäck im Visier. Schlafen konnten wir nicht recht, da ich auch Angst hatte, den Flug vielleicht noch zu verpassen. Früh um vier Uhr hörten wir endlich die lang ersehnte Durchsage. Es ging endlich los. Wir hatten nun 22 Stunden Verspätung, als das Flugzeug abhob. Müde waren wir nicht, da wir beide viel zu aufgeregt waren, denn es war unser erster Flug im Leben. Im Flugzeug selbst ging es ziemlich laut zu, da eine ganze Gruppe Kubaner mit uns flog. Schnell war auch hier Raulito wieder der Mittelpunkt und fast jeder von ihnen kam zu uns an den Platz, um mit ihm zu spielen oder rumzualbern. Alle interessierten sich für unsere Geschichte, wieso wir nach Kuba auswanderten. Fernando, ein Kubaner, der direkt vor uns saß, war besonders hingerissen von Raulito und von seinen blauen Augen. Er alberte die ganze Zeit mit ihm und sang ihm kubanische Kinderlieder vor. Es war einfach so unterhaltsam, das mit anzusehen und anzuhören. In Kanada hatten wir Zwischenlandung und auch hier schien die Warterei wieder kein Ende zu nehmen. Wir mussten noch einmal drei Stunden bis zum Weiterflug warten, da sich eine Deutsche aus der DDR abgesetzt hatte und den Weiterflug verweigerte. Auf kanadischem Boden war sie frei und plante so anscheinend ihre Ausreise in die BRD. Zwar auf Umwegen, aber wenigstens ohne Repressalien, die mit einer Ausreise aus der DDR zusammenhingen. Nun endlich waren auch diese drei Stunden überstanden und wir konnten endlich unserem Ziel entgegenfliegen.
Kapitel 3
Zum Anflug unserer Landung gerieten alle Kubaner an Bord ins Schwärmen. Sie freuten sich alle auf ihre Heimat. Die Sicht war so klar, dass man das Land mit den Palmen und den Feldern gut sehen konnte. Als wir ausstiegen, war es sehr heiß, etwa 30 Grad und natürlich hatten wir viel zu viel an. Nachdem wir unser Gepäck hatten, gingen wir hinaus. Fernando wich uns nicht mehr von der Seite und half uns, wo er konnte. So schön und hilfreich das auch war von ihm, aber mich überkam schon wieder dieses Gefühl der Angst, wenn mein Mann das sehen würde, wie sollte ich ihm denn so schnell erklären, wer Fernando war. Ich konnte jedoch seine Hilfe nicht ablehnen, hatten wir doch so einen angenehmen Flug mit ihm, so konnte ich ihn jetzt unmöglich einfach ignorieren. Alle Kubaner wurden von ihren Familien empfangen und es herrschten ein enormer Lärm um uns herum. Meine Blicke suchten nach Raul, aber ich konnte ihn nirgendwo sehen. Raulito und ich standen da voll bepackt und rührten uns nicht von der Stelle in der Hoffnung, dass Raul uns in diesem Durcheinander sah. Nach einer halben Stunde leerte sich die Halle etwas und wir gingen hinaus. Fernando stellte uns seiner Familie vor. Wo war nur mein Mann, ich glaubte es nicht, wir standen hier in einem fremden Land, die Sprache verstanden wir nicht und niemand war da, der uns abholte. Ich fühlte mich so elend, diese Hitze, die Sonne, die uns enorm blendete, diese stickige Luft, meine Haare hingen wie Schnittlauch an mir herunter. Wir hatten Jeans an und trugen Turnschuhe und einen langärmligen Pullover. Diese verdammten Hosen, die keinen Luftzug an meine Haut ließen, machten mich fast verrückt. Raulito klammerte sich mit einer Hand an mich und mit der anderen hielt er seine kleine grüne Maus, ein Stofftierchen, fest. Um uns herum nur Kubaner, alles war so fremd und ich bekam Angst. Wir waren nun schon über 48 Stunden unterwegs und ich hatte fast nichts gegessen und überhaupt nicht geschlafen. Jetzt spürte ich meine Erschöpfung. Fernando verabschiedete sich von uns. „Ich muss nun gehen, meine Familie wartet auf mich, was willst du machen? Ist dein Mann noch nicht da?“ „Nein er ist nicht da.“ Mir schossen die Tränen in die Augen und ich sagte. „Ich nehme ein Taxi.“ „Aber weißt du denn überhaupt, wohin du musst? „Ja, die Adresse habe ich, ich muss nach Santa Clara.“ „Aber das sind über 300 Kilometer. Das wird schwer, ein Taxi zu finden, das euch so weit fährt und das ist auch nicht ganz ungefährlich.“ „Kannst du uns nicht noch schnell ein Taxi organisieren. Die Familie meines Mannes wird das dann schon bezahlen.“ In Gedanken erinnerte ich mich an die 50 Deutsche Mark von meinem Vater. Notfalls zahle ich mit denen. Fernando redete mit einem älteren Mann und kam dann wieder zu uns zurück. „Ich habe euch ein Taxi organisiert. Der Mann dort wird euch nach Santa Clara fahren. Ich habe ihm gesagt, dass er auf euch aufpassen soll und euch heil zu deiner Familie bringt.“ Nun war der Flughafen endgültig leer und nur noch mein kleiner Sohn und ich und unser Gepäck standen verloren in der heißen Sonne herum. Der Taxifahrer kam auf uns zu, lud unser Gepäck ein und wir nahmen auf dem Rücksitz wortlos und verschüchtert Platz. Er machte jedoch wirklich einen soliden Eindruck. Das Taxi war ein uralter, rotweißer, amerikanischer Schlitten. Nicht gerade vertrauenerweckend aber was soll’s. Die Vordersitze waren eine durchgehende Lederbank, was ich noch nie gesehen hatte und es war unsagbar heiß und laut in diesem Auto. Unser Taxifahrer hatte alle Anweisungen von Fernando bekommen und von mir bekam er nur wortlos meinen Kofferanhänger, auf welchem mein Name und die Adresse von meinem Mann in Santa Clara standen, damit er auch wusste, wo er uns hinfahren sollte. Ich selber machte mir kein Bild von der Strecke, die vor uns lag. Was waren schon 300 Kilometer, das hatten wir doch in drei Stunden hinter uns gebracht. So zumindest bei deutschen Straßenverhältnissen und Autobahnen. Nach ungefähr zehn Minuten hielt unser Taxifahrer vor einem großen, alten Haus mit Vorgarten an. Er stieg aus und sagte etwas auf Spanisch zu mir. Ich verstand kein Wort, aber er machte eine Geste mit der Hand, was wahrscheinlich zu bedeuten hatte, dass wir einen Moment warten und im Auto sitzen bleiben sollen. Ich ließ ihn nicht aus den Augen. Er ging auf den Hauseingang zu, wo auch schon eine Frau auf ihn wartete. Sie diskutierten hektisch, was ja bei den Kubanern normal ist und mir kam es wie eine Ewigkeit vor. Plötzlich gingen beide ins Haus und ich sah nichts mehr von ihnen. In meinem Kopf schwirrten mir die Gedanken chaotisch durcheinander. Er würde uns doch wohl nicht hier einfach so sitzen lassen. Ich wusste nur, dass ich das Taxi vor Santa Clara nicht mehr verlassen würde. Er musste zurückkommen, schließlich war es sein wertvolles Auto, auch wenn wir jetzt darinsaßen. Was hatte das nur zu bedeuten, wäre doch nur Fernando noch dagewesen. Nach einer Weile kehrte er zurück, seine Frau stand am Hauseingang und verabschiedete sich von ihm. Endlich kam er zurück. Er stieg ein, sagte etwas, was ich wieder nicht verstand, aber es hatte was Beruhigendes. Sicher hat er nur seiner Familie Bescheid gesagt, dass er länger unterwegs war, da er anscheinend wusste, wie lange diese 300 Kilometer auf kubanischen Straßen dauern würden. In seiner Hand hielt er etwas Essbares, es sah aus wie eine kleine Boulette, er bot es uns an, aber ich nahm nichts. Dann bot er uns aus einer verbeulten Aluminiumkanne Wasser an und ich lehnte wieder mit einer Handbewegung ab. Raulito nahm einen Schluck und das war auch gut so, dass er etwas trank. Nicht dass ich Bedenken hatte, er würde uns etwas unterjubeln, aber ich war wie versteinert und so stark auf alles um uns herum konzentriert, dass ich mich durch nichts ablenken lassen wollte. Wir fuhren nun los und schaukelten erst einmal fast eine Stunde durch Havanna mit einem kurzen Stopp zum Tanken. Bei dieser Hitze waren die Fenster im Taxi alle geöffnet. So blieben mir auch der Fahrtwind und der Lärm von draußen nicht erspart. Aber das war jetzt auch schon egal. Raulito lag zusammengerollt mit dem Kopf auf meinem Schoß und schlief. Er sah so friedlich aus, aber auch erschöpft. Seine Haare klebten förmlich auf seinem kleinen Kopf. Ich schaute die ganze Zeit nach vorne zu unserem Taxifahrer. Wo waren wir hier nur, diese Straßen – fuhren die denn nie auf eine Autobahn. Wo war nur mein Mann, warum war mein Mann nicht zum Flughafen gekommen? Was war passiert? Wieso hatte er uns da alleine stehen lassen? Er wusste doch, dass wir hier völlig fremd waren. Hatte ich ihn vielleicht doch übersehen? Um Himmels willen alles, nur das nicht. Ich wusste es nicht. All diese Gedanken ließen mich nicht mehr los. Kaum, dass wir zehn Minuten auf einer Autobahn fuhren, verließen wir diese auch schon wieder. Nicht weil wir abbiegen mussten, sondern sie hörte eben einfach so auf und die Fahrt ging weiter auf Asphaltstraßen mit riesengroßen Löchern und auf Straßen die nur feste Erde waren. Links und rechts sah ich die wirklich schöne Landschaft mit wunderschönen, großen Palmen und hier und da eine kleine Holzhütte. Ich dachte, was für niedliche, kleine Gartenlauben die Kubaner doch haben. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass dies ihre Wohnhäuser waren. Allmählich fing es an zu dämmern und schnell wurde es dunkel. Ich sah nun nichts mehr, denn es gab keine Straßenbeleuchtung. Lediglich die Scheinwerfer vom Taxi erhellten dem Fahrer die Straße. Es kam uns auch die ganze Strecke über kein einziges Auto entgegen. Diese Dunkelheit und wir waren immer noch nicht da. Ich konnte kein Auge zu machen, ich blieb wach. Santa Clara hatten wir schon vor einer Weile hinter uns gelassen und hier waren wir in Camajuani, ein kleines Dorf. Es war bereits früh morgens vier Uhr, als das Taxi in einer etwas breiteren Straße aus blanker Erde vor einem kleinen Haus anhielt. Er stieg aus und ich bekam irgendwie nicht mit, warum. Ich sah, wie er an der Tür klopfte und etwas rief, lauter und immer lauter. Plötzlich kam ein alter Mann, verschlafen, auf dem Kopf einen Sombrero, aus dem Haus. Ich hörte, wie der Taxifahrer meinen Namen sagte und der alte Mann ihm antworte. Aus seinen Worten verstand ich nur „No, no“ und „Havanna“. Aha, wir waren da und ich sah, wie der Taxifahrer dem alten Mann immer wieder meinen Kofferanhänger zeigte. In der Zwischenzeit kamen noch einige Leute aus diesem und aus dem Nachbarhaus. Jetzt erst begriff ich, dass er nach mir fragte, da ja mein Name darauf stand. Ich stieg aus, das erste Mal, seit ich in Havanna eingestiegen war. „Ich bin Petra, das bin doch ich“ Aber niemand verstand mich, na ja aber nun sahen sie mich und ihnen war jetzt auch klar, dass Petra und Raulito aus der DDR da waren, nur ohne Raul. Alle waren hellwach, Rauls Bruder Ricardo war auch dabei und selbst ich hatte im ersten Moment gedacht, es wäre Raul, so eine verblüffende Ähnlichkeit bestand zwischen den beiden. Ich stand immer noch am Taxi und holte nun meinen kleinen allerliebsten Schatz aus dem Auto, der nun auch aufgewacht war. Ich bekam noch am Rande mit, wie Rauls Vater, welcher der alte Mann war, dem Taxifahrer etwas gab und ihn ins Haus brachte. Später erfuhr ich, dass er auch im Haus übernachtet hatte. Raulito rannte auf Ricardo zu und rief Papi, Papi. Es dauerte eine Weile, bis er merkte, dass es nicht sein Papi war. Das war einfach unglaublich. Alle stürmten jetzt auf uns ein, Laura, die Schwester von Raul, mit ihrer Familie, die im Nachbarhaus wohnte, Marisol und Teo, die Eltern von Raul, und überhäuften uns mit Fragen, die wir wieder nicht verstanden. Wir gingen ins Haus und ich sah, dass es sehr bescheiden war. Im Eingang befanden sich nur zwei uralte Schaukelstühle und ein Fernsehapparat. Plötzlich gingen wir alle nach nebenan in das Haus von Laura, ihrem Mann Leonardo und ihren zwei Kindern. Raulito und ich saßen zu zweit auf einem Schaukelstuhl. Er klammerte sich an mich fest und ließ mich nicht mehr los. Er war völlig verschreckt, so viele Leute, die so durcheinanderredeten und in einer Sprache, die wir nicht verstanden. Aber die ganze Familie lachte und war so lieb zu uns. Sie versuchten, herauszufinden, was passiert war, und wieso wir allein ohne Raul da waren. Mit einem Spielflugzeug, was Ricardo brachte, versuchte ich, es zu erklären. Ich begriff nur, dass sie mir damit sagen wollten, dass Raul in Havanna war und auf uns wartete. Aber das alles konnte mir nicht erklären, wieso er nicht am Flughafen war. Raulito weinte und erst als Ricardo ihm das Motorrad seines Vaters zeigte, das er aus der DDR mit nach Kuba verschifft hatte, beruhigte er sich wieder. Hier und da standen einige Dinge aus unserer Wohnung, sodass es ihm nun doch so langsam vertraut vorkam. Ich gab ihnen mit Händen und Füssen zu verstehen, dass ich nicht eher schlafen ginge, bis Raul da wäre. Ich konnte mir das nicht vorstellen, in so einer Fremde allein ins Bett zu gehen. Sie jedoch versuchten, mir klarzumachen, dass das noch Stunden dauern könnte, denn woher sollte Raul denn wissen, wo ich war. Er wäre extra ein paar Tage vorher zu seinem Bruder nach Havanna gefahren. Das wurde mir dann auch klar. Wir gingen dann gegen halb sechs alle schlafen. Raulito und ich wurden in ein kleines Zimmer geführt, wo gerade ein großes und ein kleines Bett Platz hatten.
Raul war inzwischen in Havanna auf dem Flughafen und als er fragte, ob denn nun die Maschine aus der DDR schon gelandet sei, sagte man ihm: „Ja schon vor 14 Stunden.“ Raul sagte: „Aber ich war doch hier und Sie sagten mir ich, könnte wieder nach Hause gehen. Das Flugzeug hat enorme Verspätung. Wo ist die deutsche Frau mit dem Kind, die mit diesem Flug gelandet ist?“ „Da war keine Deutsche dabei“, sagte die Frau vom Flughafenpersonal. „Natürlich da muss eine deutsche Frau mit einem Kind dabei gewesen sein, bitte überlegen Sie genau oder sehen Sie sich die Passagierlisten an.“ „Moment mal, es waren so viele Leute, ich frage meine Kollegin.“ Die Kollegin kam, „Ja, doch ich erinnere mich, es war eine Deutsche mit einem Kind dabei, sie stand bis zuletzt noch hier, als schon fast alle gegangen waren.“ „Wie sah sie aus?“ „Das weiß ich nicht mehr so genau, aber sie hatte bei ihrem Gepäck eine Gitarre und der Junge hatte ein grünes Stofftier in den Händen.“ „Das sind sie, ja das sind sie, aber wo sind sie jetzt? Wo um Himmels willen sind sie jetzt hin? Wenn ihnen was passiert ist!“ „Ich glaube, sie sind mit einem Taxi weggefahren.“ „Mit einem Taxi? Das ist doch nicht Ihr Ernst? Wissen Sie, was das bedeutet, wenn der Taxifahrer sie vielleicht unterwegs einfach rausgeschmissen hat oder ihnen sonst was angetan hat. Wie konnten Sie eine Fremde mit einem kleinen Kind einfach so mit einem Taxi wegfahren lassen.“ „Machen Sie sich keine Gedanken, hier verkehren nur uns bekannte Taxifahrer und so wie es aussah, wird er sie wohl direkt nach Hause gefahren haben.“ Raul war außer sich, aber er hatte keine andere Wahl, als auf dem schnellsten Weg nach Santa Clara, Camajuani zu fahren in der Hoffnung, dass ich und sein Sohn dort angekommen waren.
Ich konnte kaum schlafen und als es hell wurde, hörte ich immer mehr Stimmen, oe, wie viele Leute wohnten hier in diesem Haus? Ich hörte die Hähne krähen, das Dach lag nur auf dem Haus auf, sodass ich auch die Stimmen vom Hof und von der Straße hören konnte. Es war ungefähr neun Uhr. Ich traute mich nicht, aufzustehen. Wo war ich hier, ich spürte diese Endgültigkeit, die mich erstarren ließ. Ich konnte nicht mehr zurück, es gab kein Zurück mehr. Ich wünschte, ich hätte das alles nur geträumt, aber es war Wirklichkeit. Was hatte ich getan? Niemals zuvor war mir das so bewusst wie jetzt. Wir befanden uns so weit weg von unserer Heimat und mussten das jetzt irgendwie durchstehen. Ich lag da wie gelähmt, Raulito schlief noch. Ich hatte das Gefühl, unter Schock zu stehen. Noch immer wagte ich nicht, aufzustehen. Ich hörte die Familie in der Küche sprechen, denn es trennte uns nur ein Vorhang. Immer wieder merkte ich, wie jemand den Vorhang vorsichtig zur Seite schob, schnell schloss ich wieder die Augen und stellte mich schlafend. Mit einem Mal wurde es lauter, oh mein Gott diese Schockstarre. Auf einmal öffnete sich der andere Vorhang, welcher uns vom Flur trennte und Raul kam rein. Er war außer sich vor Freude und ließ sich direkt aufs Bett fallen und umarmte uns natürlich unter Beobachtung der ganzen Familie, die nun den Vorhang komplett zur Seite geschoben hatte. Ich fühlte eine enorme Erleichterung. Raulito war so glücklich, seinen Papa wiederzusehen. „Raulito mi Amor, gib deinem Papi einen Kuss. Petra, was ist passiert? Wieso hast du nicht auf mich gewartet am Flughafen?“ Nach dem ich ihm alles erklärt hatte, erfuhren wir, dass Raul schon zwei Tage vorher zu seinem Bruder nach Havanna gefahren war, um auch dann, wenn wir da waren, mit uns zwei Wochen bei ihm zu verbringen. Er erfuhr am Flughafen, dass das Flugzeug Verspätung hatte und ging deshalb zurück zu seinem Bruder. Nur hatte man ihm eine falsche Ankunftszeit genannt, sodass er dann erst kam, als das Flugzeug längst gelandet war. Endlich konnten wir aufstehen. Ich fühlte mich noch nicht so richtig wohl, aber wenigstens war Raul da er uns jetzt auch bei der Verständigung helfen konnte. Wir wurden nun von allen möglichen herbeigerufenen Familienmitgliedern begutachtet. Sie strahlten alle Glückseligkeit aus. Natürlich waren sie alle neugierig auf uns und sie überhäuften Raulito mit Küssen. Raulito und ich saßen in der ärmlichen Küche am Tisch. Marisol kochte uns Milch und Kaffee, während Raulito mich fragte, „Mama wann gehen wir wieder nach Hause?“ Ich war nicht fähig, ihm zu antworten. In dieser Küche standen nur ein Tisch mit zwei Stühlen, ein Kühlschrank und eine betonierte Ablagefläche mit einem eingelassenen Becken und auf der ein Eisengerüst mit zwei Flammen stand, was der Kochherd war. Dieser hatte seitlich einen Tank, der mit Petroleum gefüllt war. Das Haus war nicht sehr groß. Wir hatten ein Zimmer für uns zu dritt, wo nur unsere Betten darin Platz hatten, getrennt mit einem Vorhang zur Küche und zum Flur. Ein Zimmer war von Rauls Eltern und ein Salon für uns alle. Das Bad war nur ein betonierter Raum mit einem WC und einem Becken am Boden aus Beton. Einen Wasserhahn gab es nicht, zum Duschen mussten wir uns einen Trog mit Wasser in das Becken stellen, aus dem wir dann schöpften, uns abseiften und dann das Wasser über uns gossen, wenigstens hatte dieses Becken einen Abfluss. Unsere Möbel hatte Raul in einer Abstellkammer im Haus verstaut, benutzen konnten wir sie jedoch nicht. Unsere Ankunft hatte ein ziemliches Durcheinander verbreitet. Immer wieder kamen die Leute aus der Nachbarschaft, um uns zu begrüßen, und alle brachten uns sehr viel Herzlichkeit entgegen. Da Raul geplant hatte, mit uns nach unserer Ankunft in Havanna zu bleiben, machten wir uns auch am Abend auf diese beschwerliche Reise. Es war ein langer umständlicher Weg erst mal bis nach Santa Clara zur Busstation zu kommen. Ein Busbahnhof gefüllt mit Menschenmengen. Es war dunkel und laut. Wir mussten eine Nummer ziehen, um irgendwann mal mit einem Bus mitkommen zu können. Das könnte noch viele Stunden dauern. Es war sehr heiß und ich merkte nun, dass mir der Schlaf fehlte. Bis auf die paar Stunden am Morgen hatte ich schon über zwei Tage nicht geschlafen. Ich war so erschöpft, dass ich während des Laufes einschlief und immer wieder sackte ich zusammen und fiel einfach hin. Raul entschied nun, dass wir einen der teuren Reisebusse nehmen würden, und so kamen wir dann endlich nach Stunden von diesem Busbahnhof weg und fuhren nach Havanna. Am nächsten Morgen kamen wir an. Sein Bruder Armando lebte mit seiner Frau allein in einem, für kubanische Verhältnisse, schönen modernen Wohnblock. Sie waren sehr herzlich zu uns und versorgten uns mit wunderbaren, kubanischen Köstlichkeiten. Ich wusste da noch nicht, dass dies eine große Seltenheit war und Hunger in der Zukunft zu unserem Alltag gehören würde. Endlich konnte ich mich ausschlafen und nach 14 Stunden Schlaf konnte ich mich nicht mehr bewegen. Ich hatte höllische Rückenschmerzen und konnte alleine nicht aufstehen. Nach einigen Stunden gingen wir dann zum Arzt. Mein erster Arztbesuch auf Kuba. Die ärztliche Versorgung auf Kuba war sehr gut organisiert. Jeder wurde behandelt ohne Bezahlung. Das war eines des Erbes nach der kubanischen Revolution. Die Krankenstation war sehr bescheiden, aber dennoch sauber und ich bekam eine Spritze, die mich glücklicherweise wieder zum Leben erweckte. Nach den zwei Wochen fuhren wir wieder nach Camajuani zurück. Ich dachte, die Zeit wäre gezählt, die wir bei seinen Eltern wohnen würden, und freute mich, schon auch bald so eine schöne Wohnung wie Armando in Havanna zu haben. Wir mussten nun erst mal zur Immigration, um uns anzumelden. Wir fuhren nach Santa Clara, dieses Mal jedoch zu dritt auf dem Motorrad. Als wir eintraten, begrüßte uns ein kubanischer, uniformierter Mann mittleren Alters. Als ich meinen Stempel für den unbefristeten Aufenthalt auf Kuba in meinen Pass bekam, war noch alles in Ordnung. Plötzlich holte er einen kubanischen Pass hervor, der auf meinen Sohn ausgestellt war, und übergab ihn meinem Mann. Ich sagte mit meinen wenigen Spanischkenntnissen: „Das brauchen wir nicht, mein Sohn steht in meinem Pass und er ist deutscher Staatsbürger, er braucht keinen kubanischen Pass.“ „Ihr Sohn ist das Kind eines Kubaners und sobald er kubanischen Boden betritt, ist er kubanischer Staatsbürger und deshalb bekommt er seinen eigenen kubanischen Pass.“ „Nein, ich will diesen Pass nicht, behalten Sie ihn, mein Sohn ist Deutscher.“ Mein Mann sah mich ganz entsetzt an, denn ihm war es sichtlich peinlich und zu meinem Erstaunen zeigte sich seine Unterwürfigkeit gegenüber kubanischen Behörden. So musste ich aussehen, wenn ich bei seinen gewalttätigen Angriffen in Angst und Panik war. Ich hatte ihn so noch nie gesehen. Er wollte mich beruhigen, aber ich begriff nur zu gut, was das für mich für Folgen haben würde. Der Beamte sagte nun: „Nehmen Sie jetzt diesen Pass, denn ohne ihn wird er Kuba nicht mehr verlassen können, so wie alle anderen Kubaner.“ Ich erstarrte vor Entsetzen und fühlte, wie ich diesem Land ausgeliefert war, auch wenn ich Deutsche war und blieb, aber mein Sohn hatte mit einem Mal alle Rechte von Deutschland verloren, einfach so von einem kubanischen Beamten entschieden. Raul banalisierte das Ganze mir gegenüber und ich merkte, wie er wütend wurde, nur zu gut konnte ich mich noch an seine Wutausbrüche erinnern. Ich versuchte, diesen Pass zu ignorieren, und verbannte die daran geknüpften Umstände vorerst aus meinem Gedächtnis. In der nächsten Zeit fing für uns der kubanische Alltag an. Raulito lernte spielend schnell spanisch mit den anderen Kindern. Bei mir dauerte es etwas länger, aber ich konnte mich nun gut verständigen. Jedes Wort schaute ich in meinen schlauen Büchern nach, um auch die Schreibweise zu lernen. Raul ging jetzt wieder arbeiten und wir wohnten nun mit seinen Eltern zusammen. „Warum hast du es denn nicht geschafft in der ganzen Zeit, die du schon hier bist, für uns eine Wohnung zu suchen. Unser Hausrat steht hier aufeinander gestapelt herum, in Deutschland hatte ich vier Jahre eine eigene Wohnung und jetzt muss ich hier mit deinen Eltern zusammenwohnen“, warf ich ihm vor. „Was hast du nur, sei doch froh, dass du nicht den ganzen Tag alleine bist, es ist erst mal besser, bei meinen Eltern zu wohnen. Wir können uns dann immer noch was Eigenes suchen.“ Ich glaubte mich verhört zu haben. Er hatte mir in Deutschland noch was ganz anderes gesagt. „Aber ich möchte doch nur meinen eigenen Haushalt und endlich wieder selber kochen.“ „Es bleibt jetzt erst mal so, wie es ist.“ Ich merkte, dass er auf jedes weitere Wort nur noch gereizter wurde und so ließ ich dieses Thema fürs Erste ruhen. Meine Vorstellung von einer Wohnung wie sein Bruder Armando war gerade geplatzt wie eine Seifenblase. Ich war nun den ganzen Tag mit seinen Eltern zusammen. Sie waren lieb zu mir, aber mir fehlte mein eigenes Zuhause so sehr. Marisol kochte und ich putzte jeden Tag und nach zehn Minuten war das Haus wieder schmutzig. Sie schmiss alles auf den Boden, sie war es von ihrem Dorfleben nicht anders gewohnt. Ihr Haus damals hatte einen Fußboden aus festgetretener Erde. Ich schämte mich jedes Mal, wenn Besuch kam und das kam oft vor. Doch Raulito war sehr glücklich. Er spielte den ganzen Tag draußen mit seinen neuen kubanischen Freunden. Täglich kam Familie zu Besuch, bei den 12 Geschwistern meines Mannes konnte das auch noch ewig so weitergehen. Ich kannte nämlich immer noch nicht alle. An das fremde Essen hatte ich mich immer noch nicht gewöhnt, obwohl es gut schmeckte, wurde ich krank. Ich behielt einfach nichts im Magen. Es ging mir zwar gut, aber nach sechs Wochen dieser Torturen machte mein Körper schlapp und ich fiel einfach um und wurde bewusstlos. Jetzt wurde es Zeit, nach sechs Wochen endlich mal zum Arzt zu gehen, und allmählich wurde es besser. Das Wasser, das ich trank, war unrein und mein Körper hatte es nicht vertragen, bis ich dann irgendwann resistent wurde. Es war immer sehr, sehr heiß. Mittags konnte ich es schon nicht mehr aushalten und ich legte mich immer wieder in Abständen auf den kalten Fußboden. Nachts war es unerträglich, die Luft stand. Wir hatten nur selten Strom und noch seltener fließend Wasser. Jeder Tropfen Wasser wurde in Regentonnen aufgefangen, um Reserven zu haben für die Wäsche, zum Duschen und zum Kochen. Die Nächte waren grauenvoll, es wimmelte nur so von Ungeziefer, hauptsächlich Kakerlaken. Nachts kamen sie hervor und breiteten sich wie ein Teppich aus. Ich konnte sie regelrecht umherschleichen hören. Alle versuchten, mich zu beruhigen, aber ich konnte mich nicht an diese Kakerlaken gewöhnen. Es war schrecklich, sie waren riesig und einige konnten sogar fliegen. Wann auch immer ich meinen Schrank öffnete, jedes Mal krabbelten mir mehrere Kakerlaken entgegen. Ich hatte nun auch eine Phobie entwickelt und stand ganz allein mit diesem Problem da.
Mein Schwiegervater Teo war ein herzlicher und liebevoller Mensch. Er war schon 72 Jahre, aber immer noch rüstig. Sein Umgang mit mir war von so viel Fürsorge geprägt. Er wusste, dass meine Familie weit weg war, und er gab alles, damit ich das nicht spürte. Er stand zu mir, er tröstete mich, wann immer es nötig war, er war immer für mich da. Er fieberte mit mir, wenn ich auf Post wartete. Er freute sich mit mir, wenn ich endlich einen Brief aus Deutschland in der Hand hielt, und er weinte mit mir, wenn die Briefe mich zum Weinen brachten und ich Heimweh hatte. Wenn ich Hunger hatte, versuchte er, irgendwo in einer Bodega etwas zum Essen für mich aufzutreiben. Ich liebte ihn wirklich. Laura, Rauls Schwester, meine Schwägerin wohnte nebenan. Sie war für mich wie eine Schwester. Wir standen uns sehr nah. Sie arbeitete in einem Büro einer Zuckerfabrik und ich freute mich so sehr, wenn sie von der Arbeit kam. Sie kam immer erst zu uns, blieb eine Weile und dann ging ich mit zu ihr rüber, wir rauchten eine Zigarette, tranken Kaffee, wenn wir welchen hatten, und wir redeten über alles. Ich konnte ihr alles über mein Befinden erzählen genauso wie sie mir. Lauras Söhne waren auch verliebt in die neue Deutsche. Es war einfach großartig, diese bedingungslose Liebe zu bekommen. Ihr Sohn José kam immer nach der Schule zu mir. Er war 12 Jahre alt und für mich wie eine Freundin. Wir lachten zusammen, heckten Geschäfte aus, um an was Essbares zu kommen und halfen uns in allem gegenseitig. Er wollte alles über Deutschland wissen und ich erzählte ihm darüber von der allerschönsten Seite Deutschlands. Deutschland als Schlaraffenland. Welchen Unfug er auch anstellte, ich nahm ihn immer in Schutz. Er kümmerte sich auch liebevoll um Raulito. Josés kleiner Bruder war 2,5 Jahre alt und er klebte an mir wie eine Klette. Ich hatte jetzt sozusagen drei Kinder. Geballte Liebe, einfach wunderschön, das gab mir Halt. Hatte ich jemals so viel Liebe oder überhaupt Liebe bekommen? Was hatte ich für ein Glück, in so eine herzliche und liebevolle Familie zu kommen. Ihre Liebe war absolut echt, bedingungslos und ohne Erwartungen.
Wir lebten von nur sehr wenig Nahrungsmitteln. Was wir kaufen konnten, gab es nur auf Zuteilung auf Lebensmittelmarken. Die Rationen reichten nicht aus und meistens hatten wir in der Hälfte des Monats kaum noch was übrig. Es gab ein Stück Seife für zwei Personen im Monat und ein Stück Seife für die Wäsche für eine Familie mit einem Kind. Wollte ich Wäsche waschen, zündete ich im Garten zwischen aufgebauten Ziegelsteinen ein Feuer an. Darauf stellte ich einen großen Trog und rieb die Seife wie kleine Parmesanstückchen hinein. Darin kochte ich dann die Handtücher. Den Rest dieser Seifenlauge goss ich in die Waschmaschine und wusch unsere restlichen Sachen. Doch das war auch Glücksache, denn es ging nur, wenn wir Strom hatten. Zum Spülen brauchte ich dann eine Menge Wasser. Wäsche waschen war jede Woche ein kräftezehrender Akt für mich. Es gab einfach von allem zu wenig: zu wenig Reis, zu wenig Bohnen, zu wenig Kaffee, zu wenig Milch, Fleisch gab es nur alle neun Tage, ja sogar die Zigaretten waren auf Zuteilung. Alle Nichtraucher kauften ihre Rationen Zigaretten, um sie dann bei den Rauchern gegen etwas Essbares einzutauschen. In einem Land, wo Tabak angebaut wurde, das konnte ich kaum glauben. Von all diesen Entbehrungen hatte mir mein Mann nie etwas erzählt. Nach einiger Zeit sagte ich zu ihm: „Ich halte das nicht mehr aus. Wieso haben wir denn so wenig zu essen und warum hast du mir das nie zuvor gesagt?“ „Das ist jetzt nun mal so und es reicht ja auch, wenn man will“, antwortete er. „Nein, es reicht nicht. Wir hatten doch in Deutschland alles und jetzt müssen wir hier mit so wenig klarkommen. Du hast mir das einfach nicht gesagt, genauso wie das mit der Wohnung, dass wir hier bei deinen Eltern leben müssen. Warum hast du mich so angelogen?“ Er wurde so wütend, schrie mich an und schüttelte mich. Solange seine Familie da war, blieb er gewaltfrei und es blieb beim Durchschütteln. Die Familie beschütze mich auch da, ohne es zu wissen. Sein Unverständnis war nicht zum Aushalten, aber wie immer kapitulierte ich. Diese Ohnmacht ergriff in dem Moment wieder Besitz von mir, ihm und dieser Situation vollständig ausgeliefert zu sein, denn es gab kein Zurück mehr. Von da an sagte ich nie mehr etwas über den Versorgungsmangel.
Die Tage vergingen, er ging arbeiten und ich war zu Hause mit meinen Schwiegereltern und den Kindern. Eines Tages sagte mein Mann zu mir: „Wir sind verabredet mit meinem Arbeitskollegen und seiner Frau. Sie kommen am Samstag und mal schauen, was wir dann machen.“ Ich freute mich auf diese Abwechslung. Der Samstag kam und der Kollege Alberto und seine Frau Marina kamen zu uns. Wir begrüßten uns und es war gleich von Anfang an sehr herzlich und unkompliziert. Marina und ich verstanden uns auf Anhieb. Marisol machte Kaffee, wir saßen alle zusammen im Salon und unterhielten uns über alles Mögliche. Nach einer Weile sagte Marina zu mir: „Lass uns doch zusammen jetzt zu uns nach Hause fahren. Dann weißt du auch gleich, wo wir wohnen, und wenn du Lust hast, kommst du einfach mal spontan vorbei.“ Das war eine super Idee, obwohl ich wusste, dass ich niemals alleine einfach so zu ihr gehen dürfte. „Gerne, los, lass uns zu euch fahren. Raul komm, wir können doch das kurze Stück mit dem Motorrad fahren. Haben wir noch genug Benzin?“ Denn auch das war immer rar und tagelang gab es kein Benzin zu kaufen. Es war nicht weit von unserem Zuhause entfernt. Wir kamen an und ich sah diese wunderschöne alte Villa mit einem riesigen Vorgarten. Der war allerdings sehr verwildert. Als wir ins Haus eintraten, ging es durch eine riesige Empfangshalle. Es war alles alt und kaputt. Der Putz bröckelte teilweise von den Wänden und die Fliesen am Boden waren zum größten Teil gerissen. Über eine Treppe nach unten ging es in einen großen Raum, von welchem es links in die Küche ging. Die Küche war groß und fast vollständig ausgestattet. Von diesem Zimmer aus ging es dann in den hinteren Garten, der auch verwildert war. Für kubanische Verhältnisse war dennoch alles schön. Diese Villa war früher mal eine Herrschaftsvilla. Jetzt aber hatte sie was Ehrfürchtiges und Unheimliches. Es fühlte sich kalt an, die Decken waren hoch. Es hing ein großer verstaubter Ventilator an der Decke. Ich hatte das Gefühl, er würde gleich herunterfallen. Die Männer und unser Sohn gingen in den Garten und holten einige Früchte. Marina und ich waren in der Küche. Sie kochte uns Kaffee und wir unterhielten uns. Sie sagte: „Was machst du so den ganzen Tag, wenn Raul arbeitet?“ „Ich bin zu Hause mit den Schwiegereltern und helfe hier und da im Haushalt. Ab und zu nähe ich, ich mache aus unsere Bettwäsche Kleider oder Unterhosen für die Kinder.“ „Hast du nicht Lust, zu arbeiten? Ich arbeite in einer Nähfabrik, du kannst bestimmt auch dort anfangen. Soll ich einen Termin mit der Meisterin machen?“ „Ich kann nicht so gut nähen.“ „Ach was, du hast doch gesagt, dass du Kleider nähst. Das bekommst du hin. Du bekommst dort alles zugeschnitten mit nach Hause und dann bringst du es fertig genäht wieder zurück. Ich kann dir dabei auch noch helfen.“ Das war ein schöner Gedanke, so einen Job zu haben. Ich hätte eine Aufgabe und eigenes Geld. Aber ich musste Raul fragen, ich war nicht sicher, ob er mir das erlaubt. Marina war so selbstbewusst und wirkte auf mich so eigenständig. So wie ich gerne wäre. Die Männer kamen wieder zurück. Wir tranken zusammen Kaffee und währenddessen sagte Marina: „Raul, deine Frau kann bei uns in der Nähfabrik arbeiten, sie kann doch nähen. Ich werde mit der Meisterin sprechen. Das wäre doch super.“ Das war meine Rettung. Raul musste ja wieder sein Gesicht wahren und im Beisein der anderen gab er sein Einverständnis. Als wir nach Hause kamen, erzählte ich Laura und Teo von meinem vielleicht neuen Job. Sie hatten sich so sehr mit mir gefreut. Teo sagte: „Da kannst du mir ja die eine oder andere Unterhose, die du nähst, dalassen“ und er lachte dabei so verschmitzt.
Montag kam Marina: „Hola Petra, ich habe für jetzt einen Termin bei der Meisterin bekommen. Wir sollen kommen. Los, mach dich fertig.“ Mein Herz raste vor Aufregung. „Jetzt schon? Ich kann das nicht, ich muss erst noch ein bisschen üben und ich muss dann die Kinder von der Schule abholen.“ „Die Nähfabrik ist genau gegenüber der Schule. Du kannst die Kinder direkt danach abholen, passt doch perfekt.“ Ich wusste, dass sie recht hatte. „Ja aber …“ Kein Aber, ich bin bei dir und helfe dir, wenn es nötig ist.“ Es gab jetzt kein Zurück mehr und so liefen wir in der heißen Sonne bei 40 Grad los. Marina machte auf dem Weg einen Plan. „Lass mich zuerst reden. Ich stelle dich vor, erzähle etwas über dich und sage ihr, dass du nähen kannst und was du alles so nähst, was für eine Nähmaschine du hast und du wirst sehen, dass sie einverstanden ist und dir auch gleich die ersten Pakete mit nach Hause gibt.“ „Hört sich gut an, wenn es so einfach ist, dann haben wir es schnell hinter uns.“ Und ich wusste, dass die Kubaner in solchen Sachen sehr unkompliziert waren und dass es reichte, wenn man einen Fürsprecher hatte. In diesem Fall war es Marina für mich. Jetzt hatte ich wieder Mut. Wir kamen an und blieben erstmal vor dieser großen Theke stehen, wo die Bündel mit zugeschnittenen Sachen rausgegeben wurden. Hinter der Theke waren die Näherinnen und Marinas Augen suchten die Meisterin. „Da ist sie, Marta“, rief Marina, „Marta hier sind wir.“ Marta machte eine Handbewegung und zeigte uns damit, über den linken Eingang hereinzukommen. „Hey Marta, das ist Petra, ich hatte dir von ihr erzählt. Sie ist Deutsche und mit einem Kubaner verheiratet und lebt jetzt hier. Sie möchte auch gerne hier in der Näherei arbeiten. Sie kann auch gut nähen und hat zu Hause eine Singer Nähmaschine. Kannst du ihr auch schon heute was zum Nähen mitgeben?“ Marina kam ja direkt zur Sache, das gefiel mir. Marta begrüßte mich, ich stellte mich nochmal kurz vor, dann schaute sie zu Marina und sagte: „So einfach geht das nicht, sie muss zuerst eine Prüfung machen, dann kann ich was mitgeben.“ Ich schluckte, oh Gott eine Prüfung, das war dann wohl nichts. Marta schaute mich an uns sagte, „Na dann komm gleich mal mit, dahinten die freie Nähmaschine, da kannst du dich schon mal hinsetzen. Ich komme gleich und bringe dir das Material.“ Ich schaute hilfesuchend zu Marina. Sie ging mit mir mit. „Das schaffst du schon, es ist alles schon zugeschnitten, du musst es nur zusammennähen.“ „Kannst du nicht bei mir bleiben und mir über die Schulter schauen?“ „Ich bleibe bei dir.“ Erst mal Erleichterung. Marta kam und brachte ein Poloshirt. Es war zugeschnitten, aber es musste noch ein Bund an den Ärmeln und eine aufgesetzte Tasche extra angebracht werden. Zudem kam noch der Kragen. Sowas hatte ich noch nie genäht. Selbst wenn es zugeschnitten war, musste ich so aufpassen, ordentliche und gerade Nähte hinzubekommen. „Du gehst bitte wieder raus“, wandte sie sich zu Marina. „Das muss sie schon alleine machen.“ Marina schaute auf das Poloshirt und sagte noch schnell zu mir: „Näh erstmal die Seitenteile zusammen, Ärmel auch kein Problem und dann geht es ruckzuck.“ Ach was ruckzuck, schön wäre es. All mein Mut entwich mir. Da saß ich nun und Marta entpuppte sich als streng. Ich saß jetzt hier alleine an dieser Nähmaschine. Marta ging wieder zu den anderen Näherinnen. Ich dachte: „Hoffentlich beobachtet mich niemand und sieht, wie hilflos ich mich anstelle.“ Die Nähmaschine war vorbereitet. Das Garn war schon mal drin. So fing ich an, die Seitenteile zusammenzunähen. Das lief schon mal ganz gut. Schwieriger wurde es erstmal bei den Ärmeln. Das war nie meine Stärke. Wenn ich selber Kleidung zuschnitt, machte ich die Ärmel so weit, dass ich nach dem Annähen ein Stück an der Naht wieder abschneiden musste. Das auch nur, weil ich die Ärmel am Anfang immer zu knapp geschnitten hatte. Hier jedoch war alles auf das Genaueste zugeschnitten, also bloß keinen Fehler beim Annähen machen. Doch das war eine knappe Sache, egal geschafft. Ich fühlte mich wieder etwas sicherer. Nähte noch den Saum und das Poloshirt nahm endlich etwas Gestalt an. Jetzt kam jedoch der Kragen. Der war doppelt und musste erst einmal zusammengenäht, mit einer zweiten Naht versehen und dann an das Poloshirt angenäht werden, jedoch so, dass das Shirt im Kragen verschwand und der Kragen selbst auf rechts war. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das machen sollte, und schaute auf den Kragen, aber von allein kam der jetzt nicht an das Shirt. Das war es dann jetzt, ich musste Marta fragen und dann konnte ich es vergessen, hier zu arbeiten. Ich saß völlig verzweifelt da und tat weiterhin so als wäre ich immer noch beim Nähen, da ich nicht wusste, ob mich jemand beobachtete. Hinter mir war ein reges Treiben. Die Näherinnen saßen an ihren Maschinen. Ich hörte das Treten der Pedale und wie schnell es ihnen von der Hand ging. Sie unterhielten sich, lachten und sangen. Das war eine wunderschöne und heitere Stimmung. „Ich möchte das auch, ich möchte auch in so einer unterhaltsamen Atmosphäre arbeiten.“ Ich hing meinen Gedanken nach und plötzlich hörte ich ein Geräusch und sah, wie Marina über die Theke kletterte und dann stand sie auch schon direkt neben. Mir. „Gib mir schnell den Kragen, das ist doch ganz einfach, stell dich nicht so an. Ich stecke dir das Ding schnell am Shirt fest.“ „Ich habe das doch noch nie gemacht.“ „Das ist jetzt auch egal, los gib mir das Shirt, bevor Marta kommt.“ Sie steckte den Kragen mit Nadeln fest, ich sah ihr zu und es schien so einfach. Hoffentlich würde sich das dann nicht verschieben, wenn ich es zusammennähte. „Schnell beeil dich, Marta schaut zu uns, oje sie kommt.“ Marina schaute zu ihr, lachte sie an und so wie sie gekommen war, war sie auch ganz schnell wieder hinter der Theke verschwunden. Marta sagte: „Bist du fertig? Zeig mal her.“ „Nein noch nicht ganz, gleich habe ich es.“ Sie sah es sich sehr genau an und sagte dann: „Ich habe euch zusammen gesehen!“ „Oh Gott, wie peinlich“, dachte ich. Dann sah ich sie verschüchtert an und sie drückte ein Auge zu. „Okay, du kannst für uns arbeiten. Geh an die Theke und hol dir gleich ein Paket zum Nähen für zu Hause.“ Freude herrschte in meinem Herzen, ich umarmte sie und bedankte mich bei ihr. Marina stand draußen. Ich ging zu ihr. „Danke, danke, es hat geklappt, du hast mir echt geholfen.“ Ich holte meine ersten zwei Pakete mit jeweils zehn Unterhemden. Das war für den Anfang schon nicht schlecht. Es gab 32 Centavos pro Stück. „Am Anfang gibt sie dir die weniger rentablen Sachen. Später bekommst du dann größere Teile wie Hosen. Da gibt es 1,50 Peso pro Stück, aber du musst immer rechtzeitig hier sein, sonst sind die guten Teile schon weg.“ Wir holten die Kinder aus der Schule und gingen glücklich wieder nach Hause. Marina begleitete mich noch bis zu mir nach Hause. Teo stand auf dem Portal mit seiner Zigarre und seinem Sombrero und er sah uns von Weitem kommen und rief.:„Petranaja (so nannte er mich) hey, super es hat geklappt. Das wusste ich doch.“ Er freute sich so sehr für mich. Gleichzeitig überkam mich mein schlechtes Gewissen, weil ich jetzt auf die Nähmaschine meiner Schwiegermutter angewiesen war. Obwohl sie nie darauf nähte. Ich sagte zu ihr: „Marisol, ist es in Ordnung für dich, wenn ich jetzt öfters deine Nähmaschine benutze?“ „Ich kann sowieso nicht nähen, dann wird sie wenigstens gebraucht.“ Sie war auch ein herzensguter Mensch, nur konnte sie es nicht so zeigen. Wir tranken noch zusammen Kaffee und dann ging Marina. Ich war so glücklich, sie zu kennen. Sie hatte sich so herzlich und mit voller Überzeugung für mich eingesetzt. Laura kam von der Arbeit. „Und hat es geklappt?,“ fragte sie gleich als Erstes. „Ja, es hat geklappt.“ „Dann bist du ja jetzt eine kubanische Näherin. Komm wir gehen rüber zu mir und rauchen erstmal eine.“ Ich liebte es, mit ihr zusammen zu sein. Später kam Raul von der Arbeit zurück. Er konnte sich nicht mit mir freuen. Es hatte ihn eher genervt, dass alle so begeistert waren. Er wusste einfach, dass ich jetzt öfters unterwegs sein würde, wenn auch nur auf dem Weg zur Nähfabrik und dann wieder nach Hause. Das ging gegen seine krankhafte Eifersucht. Ich ließ das Thema unter den Tisch fallen, damit er sich nicht unnötig in etwas hineinsteigerte. Irgendwann nach dem Essen war auch dieser Abend vorbei und wir gingen alle zu Bett. Raul verlangte jeden Abend sein Recht. Jeden Tag wollte er Sex, auch wenn ich nicht wollte und auch nicht dazu bereit war und sogar, wenn ich meine Periode hatte. Er musste seiner sogenannten Männlichkeit nachgeben. Ich war so angewidert und verabscheute Sex zutiefst. Für mich war es schon lange zur Pflicht geworden und es gab Abende, an denen ich einfach nicht zu Bett wollte, weil ich wusste, was mich wieder erwartete. Ich konnte noch so müde sein und auch wenn ich ihn darum bat, mal darauf zu verzichten. Das kostete mich mehr Anstrengung als der eigentliche Akt überhaupt. Wenn er merkte, dass ich überhaupt keine Lust hatte, fing er an, zu diskutieren. Wie konnte es sein, dass ich keine Lust hatte, ich war doch jung. Ja wie konnte es denn sein, dass ich keine Lust hatte, verdammt nochmal. Er war einfach gnadenlos rücksichtslos, dachte nur an sich, mit liebevollem Sex hatte das nichts zu tun. Hinzu kam, dass ich überhaupt keinen Vergleich hatte. Er war kein Mann, dem ich mich hingeben wollte. Zu viel war schon passiert. Und wenn ich schon dieser verdammten Pflicht nachkommen musste, dann wollte ich es ganz schnell hinter mich bringen. Wenn es vorbei war, konnte ich endlich schlafen. Ich verstand nicht, wie Menschen an Sex Spaß haben konnten. Für mich war es etwas, auf das ich für immer freiwillig verzichten wollte. Es war doch nur etwas, um Kinder zu zeugen, und ich wollte keine Kinder mehr mit ihm. Das war immer wieder Thema bei uns. Raul wollte unbedingt noch mehr Kinder und ich hielt ihn damit hin, soweit mir das gelang. Wenn er das wieder mal ansprach, sagte ich: „Wir haben hier in Kuba noch nicht mal eine eigene Wohnung. Wir wohnen hier in einem Zimmer zu dritt, das muss warten, bis wir eine eigene Wohnung haben.“ Dabei dachte ich, dass ich zwar gerne wieder ein eigenes Zuhause hätte, aber wenn ich dabei noch mehr Kinder mit ihm haben musste, dann verzichtete ich lieber auf das eigene Heim. Dennoch, wie lange konnte ich ihn damit noch hinhalten. Ich nahm die Pille und hatte mich bei meiner Abreise aus Deutschland ausreichend damit eingedeckt. Doch langsam ging mein Vorrat zu Ende. Zuerst sprach ich jedoch mit Laura darüber. Sie sagte: „Petranaja du brauchst die Spirale.“ „Was ist das?“ „Kennt ihr das denn nicht aus Deutschland?“ „Nein, ich habe noch nie davon gehört.“ „Das kommt aus Amerika und das wird der Frau in den Unterleib eingelegt.“ „Und das soll verhüten? Sieht das aus wie eine Spirale?“ „Nein, das ist ein T, wie der Buchstabe T.“ Ich verstand nichts. Sie sagte: „Wir müssen Ramón fragen, er hat gute Kontakte zu Doktoren.“ Ramón war der älteste Bruder und er wohnte in Sancti Spiritus. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als mit Raul zu sprechen. „Meine Pille reicht nicht mehr lange und ich brauche Ersatz.“ „Dann ist sie eben aufgebraucht, du brauchst keine Pille mehr. Wenn du schwanger wirst und bis das Kind geboren ist, wohnen wir längst allein.“ Er bestimmte wieder alles alleine, wie immer. Ich fühlte mich wie kurz vor einer Ohnmacht und wusste nicht, was ich dem entgegensetzen sollte, aber ich musste jetzt was sagen, nur was. „Laura hat mir von einer Spirale erzählt und Ramón könnte uns diese besorgen. Das kommt aus den USA und man kommt nur mit Beziehung daran. Das ist eine sichere Verhütungsmethode.“ Plötzlich in dem Moment wurde mir bewusst, wenn er doch jetzt zustimmen würde. So ein Teil, das war dann in mir drin. Das kann er mir nicht einfach raus oder wegnehmen wie die Pille. Das lag dann ganz allein in meiner Hand. Oh Gott, bitte, ich wollte diese Spirale, unbedingt. Schon nur, dass ich mit Laura vorher gesprochen hatte, machte ihn wieder so wütend. „Warum hast du schon mit Laura darüber gesprochen? Sie hängt sich in alles rein. Das ist meine Sache.“ Ich sagte: „Wenn schon, dann ist es wohl unsere Sache.“ Er antwortete: „Ich entscheide das und nicht Laura.“ Er entschied wieder mal für mich. Ich merkte dennoch, dass es für mich gut ausgehen würde. Wenn Laura schon Bescheid wusste, würde es schwer für ihn, sich dagegenzustellen. Ich ließ ihn toben, ich gönnte ihm seinen jähzornigen Anfall geradezu. Denn in all den Jahren hatte ich gelernt, mich dem anzupassen, auszuharren und mich auf das Ergebnis zu konzentrieren. Auch wenn es für mich jedes Mal ein großer Umweg mit enormer Anstrengung war, ich musste dafür einiges in Kauf nehmen. Ich erzählte Laura von unserem Gespräch. Ich musste sie vorwarnen. Sie konnte mich mit seinem Gehabe nur zum Lachen bringen. Das war wunderbar mit anzuschauen, wie sie ihn dabei immer nachäffte. Sie nahm ihn nicht ernst. „Die Zeit läuft mir langsam davon. Ich kann nicht mehr lange warten, bis es zu spät ist. Außerdem, wie sollen wir Ramón erreichen? Ich muss Raul dazu bewegen, zu ihm zu fahren.“ „Das machen wir schon. Überlasse das mir. Ich werde das am Abend ansprechen, sodass alle dabei sind. Er wird mit dir zu ihm fahren.“ Ich kannte Ramón schon. Er hatte mich nach meiner Ankunft auf Kuba nach drei Wochen besucht. Er wollte unbedingt sehen, wie die Deutsche aussah, und genau mit diesen Worten begrüßte er mich auch. Ramón war so alt wie mein Vater. Sogar Marisol war dem Charme ihres Sohnes erlegen. Als er kam, löcherte er mich mit Fragen. Zu dem Zeitpunkt konnte ich kaum spanisch. „Ich lerne dir jetzt spanisch, versuche, zu antworten, ich helfe dir, nur so lernst du es“, sagte er. Mit Händen und Füssen hatte ich versucht, ihm zu antworten. Er war auch derjenige, der mich fragte, ob ich mir das gut überlegt hatte, nach Kuba zu kommen, und ob ich wüsste, dass das Leben in Kuba anders ist als in Deutschland und dass ich wohl meine Familie sehr lange nicht mehr wiedersehen würde. All das, was Raul mir nie zuvor gesagt hatte. Er sagte: „Na, da muss die Liebe ja groß sein.“ Diese Worte werde ich nie vergessen.
Am Abend nach dem Essen waren wir wieder alle zusammen. Die ganze Familie, die Kinder, Laura, Teo, Marisol, Raul und ich. Lauras Mann war in ihrem Haus nebenan und spülte das Geschirr. Wie hatte Laura das nur geschafft, dass ihr Mann den Haushalt machte. Sie war so stark und selbstbewusst. Das hatte sie sich hart erkämpft. Sie wollte einfach ihren Kindern die Gleichberechtigung vorleben. Es war ihr ein großes Anliegen, ihren Kindern den Wert der Frauen zu vermitteln und sie nicht zu Machos zu erziehen. Ich liebte diese Frau. Mein Herz ging auf, wenn ich sie sah. Laura sagte: „Hey Raul, wann fahrt ihr zu Ramón?“ Oje, das war sehr direkt. „Wieso zu Ramón?“, antwortete er. „Tue nicht so, fang jetzt nicht an, zu spielen. Ihr habt doch darüber gesprochen, dass Petra die Spirale braucht, und Ramón kann sie besorgen. Ihr müsst nur zu ihm fahren und das mit ihm besprechen.“ Alle waren dabei und hörten zu. Er konnte gar nicht anders als nachgeben und ich wusste, dass ich das dann wieder ausbaden musste. Aber es war für mich so wichtig. Damit konnte ich sehr gut mein Hirn überlisten und alles würde nur halb so schlimm sein. Ich sagte gar nichts, nicht einen einzigen Ton. Ich war auch nicht in der Lage dazu. Gespannt schaute ich zu Raul, um seine Reaktion einzuordnen. Laura hatte alles in die Hand genommen. Plötzlich meldete sich Marisol zu Wort. „Ramón macht das schon und sei doch froh, dass es sowas heutzutage gibt. Kinder bekommen ist das eine, aber du musst sie auch ernähren können. Wir hatten 16 Kinder, auch wenn davon drei gestorben waren, aber es gab viele Nächte, an denen die Kinder ohne genug zu essen ins Bett gingen. Oder willst du etwa auch so viele Kinder?“ Ich war so erstaunt. Marisol, wenn sie etwas sagte, dann aber richtig. Das war immer so. Diese kleine Frau hatte so viel durchgemacht in ihrem Leben. Hart auf den Feldern gearbeitet und nebenbei die 16 Kinder bekommen und großgezogen. Auch wenn sie nie eine Schule besucht hatte, sie war so gescheit und weise. Sie hatte die Lebensschule gemacht. Ihr Wort hatten so viel Gewicht. Raul verehrte seine Eltern und erst recht seine Mutter. Die Mütter waren das absolut Heiligste für alle Kubaner. Sie hatte sie geboren und ohne sie wären sie nicht da. Die Mütter hatten ihnen das Leben geschenkt. Marisol war immer Mutter. Sie wollte am liebsten immer alle um sich rumhaben, deshalb lebte nun auch ihre Enkeltochter Yana bei ihr. Yana war genauso alt wie Raulito und sie gingen auch zusammen zur Schule. Das letzte Wort hatte nun noch Raul. „Wir fahren am Samstag zu ihm und werden sehen, was er dazu sagt und was er machen kann.“ Mein Herz klopfte im Hals. Für mich würde endlich ein Stück meiner Selbstbestimmung zurückkehren, sobald ich diese Spirale hatte. Der Samstag kam und wir fuhren früh am Morgen mit dem Motorrad nach Sancti Spiritus zu Ramón und hofften, ihn auch anzutreffen. Als wir nach zwei Stunden ankamen, war die Freude riesengroß bei Ramón. Nie hätte er mit einem spontanen Besuch von uns gerechnet. Er hörte schon das Motorrad kommen und stand aus Neugier auf seinem Portal. Als er sah, dass wir es waren, war er außer sich und rief ganz laut: „Hey, la Alemana.“ Ein breites Grinsen überzog sein Gesicht. „Was für eine Freude, euch zu sehen und dass ihr uns besucht. Wo ist der Kleine, warum habt ihr ihn nicht mitgebracht? Was macht ihr hier?“ Seine Frau und sein Sohn kamen raus und umarmten uns herzlich. Ramón sprach mich sofort an und ich wusste, er wollte sehen, ob ich inzwischen besser Spanisch spreche. „Erzähl, Alemana, wie geht’s dir in Kuba?“ „Mir geht’s gut und ich habe mich inzwischen eingelebt, ich habe sogar Arbeit in einer Nähfabrik.“ Ich erzählte und erzählte von meinem Dasein und auch von meinem Heimweh, als er sagte: „Ich kann es kaum glauben, wie gut du jetzt Spanisch kannst. Hey Isolde, hast du das gehört? Sie spricht wie eine Kubanerin. Ihr bleibt natürlich zum Essen.“ „Oh ja“, dachte ich, „gerne, etwas Feines zu Essen. Sie hatten ein wirklich schönes Haus.“ Ein großer Eingangsbereich bestückt mit Schaukelstühlen, einem Fernseher und einem Tisch. Seitlich ging es in die Zimmer und ganz hinten war die Küche. Isolde hatte inzwischen Kaffee gekocht. Ohne Kaffee ging es in Kuba nicht und er wurde bei jedem Besuch immer angeboten. Wir tranken zusammen den kleinen, starken Kaffee, el cortado. Ich sagte, „Wir konnten Raulito nicht mitnehmen, die Fahrt ist zu lange und alle drei auf dem Motorrad ist zu gefährlich. Wenn uns die Polizei anhält, müssen wir Strafe zahlen.“ „Warum seid ihr denn gekommen? Sicher nicht einfach so.“ Raul fing an zu reden und sagte: „Laura hat uns gesagt, du könntest uns für Petra die Spirale besorgen, weil du Kontakte zu einigen Ärzten aus dem Krankenhaus hast.“ „Ja das stimmt, aber das Ding kommt aus den USA. Ich müsste klären, ob jemand diese Spirale hat oder besorgen kann. Das kann aber noch eine Weile dauern.“ Meine Ängste meldeten sich sofort zurück. Ich hoffte, dass es schnell ging und ich bis dahin mit meiner Pille auskam und falls nicht, ich hoffentlich nicht schwanger werden würde. „Ich werde das gleich am Montag mal nachfragen.“ Wir blieben noch bis Nachmittag bei ihnen. Das Essen war reichlich und einfach nur köstlich. Es war ein wunderschöner Tag. Ramón hatte mir wieder viel über Kuba erzählt, über die Revolution und wie auch er als junger Mann gekämpft hatte. Er zeigte mir seine Auszeichnungen und war sehr stolz darauf. Ramón sagte zum Abschied noch: „Ich werde Laura in ihrem Büro anrufen und Bescheid geben, ob es klappt und wann ihr kommen könnt.“ Wir verabschiedeten uns und fuhren nach Hause. Während der Fahrt hing ich meinen Gedanken nach. Wie schön und liebevoll es immer bei und mit den anderen war. Alle, wirklich alle machten mir das Leben auf Kuba leicht, nur mein Mann erschwerte mir alles. Seine Bestimmung und seine Kontrolle über mich waren wie Gift und vergiftete auch alles. Laura freute sich über die guten Nachrichten und ich war so glücklich, dass sie das alles in die Wege brachte. Die Tage vergingen, ich brachte die Kinder zur Schule und holte mir gleich meine Pakete mit der Kleidung zum Nähen aus der Nähfabrik. Wenn ich kam, waren die guten Sachen meistens schon weg. Oft hatte ich nur die Geschirrtücher, die zwar einfach zu nähen waren, aber nur 11 Centavos pro Stück einbrachten. Davon konnte man auch genug Pakete mitnehmen. Gab es Unterhemden oder Unterhosen oder auch T-Shirts, bekam man maximal zwei Pakete. Ab und zu hatte ich Glück. Ich war trotzdem einfach froh, diesen Job zu haben, und ich bekam so viel Nähgarn und Nadeln, dass auch noch was für mich selbst übrigblieb. Meistens brachte ich Mittag die Sachen wieder zurück, bekam meinen Lohn und holte dann die Kinder von der Schule ab. Bereits nach acht Monaten, in denen wir auf Kuba lebten, kam Raulito in die Schule. Er hatte sich in der Zeit gut eingelebt und konnte auch sehr gut Spanisch sprechen. Er sprach nur mit mir Deutsch, was leider dazu führte, dass sein Spanisch inzwischen besser war als sein Deutsch. Wenn er etwas wollte, fiel es ihm leichter, in Spanisch zu fragen, und fragte dann auch lieber seinen Vater oder seinen Opa oder seine Oma. Das hatte mich zutiefst getroffen und ich wusste nicht, wie ich das verhindern sollte. Ich wollte doch nur, dass er weiterhin Deutsch spricht und die Sprache nicht verlernt. Noch weniger wollte ich, dass mein Sohn nicht mehr mit mir spricht. So kam es dazu, dass ich ihm aus seinen Kinderbüchern vorlas, was ihn leider sehr langweilte. Wir fanden einen Mittelweg. Ich sprach mit ihm Deutsch und er antwortete in Spanisch und umgekehrt.
In Kuba trugen alle Kinder in der Schule eine Uniform. Das machte es den Kubanern auch viel leichter. Die Uniform gab es von der Schule und für jedes Kind gab es eine zweifache Ausstattung. Raulito freute sich auf die Schule und war stolz, die Uniform zu tragen, so wie alle kubanischen Kinder. Das Erbe der kubanischen Revolution. Alle Kinder hatten jetzt ein Recht auf Schulbildung und die Kosten trug der Staat. Alle hatten die gleiche Chance. Der Tag der Einschulung wurde sehr groß zelebriert. Alle Kinder und Eltern gingen zusammen zur Schule. Vor der Schule gab es einen Appell zu Ehren Fidel und Che Guevara. Sie sangen Friedenshymnen und die Nationalhymne. Die älteren Schüler machten eine Begrüßungszeremonie für die neuen Schüler und gingen anschließend mit ihnen in das Schulgebäude hinein und zeigten ihnen alles. Vor der Schule war ein großer Innenhof und im hinteren Gebäude waren die Klassenzimmer. Stolz liefen die großen Schüler voraus und die Kleinen friedlich hinterher. Als alles vorbei war, gingen wir wieder nach Hause. Montagmorgen ging es dann los. Der erste Schultag von meinem Raulito. Die Aufregung war groß, dennoch spürte ich, dass Raulito überfordert war. Ich sah ihm an, dass er sich nicht wohlfühlte, er trödelte und die ganze Freude vom Samstag, der Tag der Einschulung, war weg. Ich als Mutter, und wie jede andere Mutter auch, spürte dieses Unwohlsein. Ich musste gar nicht lange überlegen, denn auch ich konnte mich nur noch zu gut an meinen ersten Schultag erinnern. Genau genommen war der ja erst 16 Jahre her. Es war furchtbar für mich und ich wollte nicht in die Schule. Alles, was fremd war, wollte ich vermeiden. So fühlte sich jetzt auch mein kleiner Schatz. „Raulito, komm‘ beeil dich doch, wir müssen los, Yana ist schon fertig und wartet auf uns. Freu‘ dich doch, du wirst so viele neue Freunde finden und Schule macht Spaß. Du siehst so schön aus in deiner neuen Uniform.“ Ich wollte ihn ermutigen, wusste jedoch, dass das einfach nur leere Worte für ihn waren. Endlich konnten wir los. Als wir ankamen, standen alle Schüler schon draußen vor der Schule und warteten auf den morgendlichen Appell. Es wurde wieder gesungen, sich bei Che und Fidel bedankt, den Lehrern alle Ehre erwiesen und anschließend gingen alle in die Klassenzimmer. „Mami, bitte komm‘ mit“, sagte Raulito und fing an zu weinen. „Ich kann doch nicht mitkommen, mein Schatz. Alle Kinder gehen jetzt in die Klassenzimmer, der Unterricht beginnt und da sind die Eltern nicht mit dabei.“ Die Lehrerin kam auf mich zu und sagte, „Komm‘ doch einfach noch mit ins Zimmer und dann kannst du noch einen Moment dableiben und dann leise das Zimmer verlassen. Er wird das nicht merken, sobald der Unterricht beginnt, ist er abgelenkt.“ Also gut, ich ging mit. Im Klassenzimmer setzte sich Raulito ganz hinten hin an den letzten Tisch. In der Ecke links von der Tür stand ein Stuhl, auf dem ich mich setzte. Ziemlich nah am letzten Tisch im Zimmer. Die Tür blieb offen, um den Schülern genug Luftzug zu lassen. So saß ich da nun und alle 30 Sekunden schaute Raulito zu mir nach hinten. Wie sollte ich es schaffen, mich hier leise rauszuschleichen, ohne dass er das merkte? Ich gestikulierte ihm zu, er solle doch nach vorne schauen. Ich fühlte mich nun auch nicht mehr wohl und wusste nicht, ob ich gehen sollte oder bleiben. Nach einer halben Stunde schlich ich mich dann raus. Ich war kaum draußen, da kam schon Raulito hinter mir hergerannt und schrie. „Mami, Mami bitte geh nicht weg, nimm mich mit, lass mich hier nicht alleine.“ Oh mein Gott, was war nur mit ihm los, warum war er so verzweifelt? Ich konnte das kaum ertragen. So viel Leid war in seiner Stimme, in seinen Augen, in seinen Tränen und in seinem ganzen kleinen Körper. Er schrie, zitterte und weinte, das hielt ich nicht aus. Ich nahm ihn in den Arm. „Mein Schatz, was ist denn los, ich bin ja da, ich gehe nicht weg. Ich hole dich Mittag wieder ab.“ Nein, Mami, ich will hier nicht bleiben, nimm mich mit.“ Vor lauter Weinen war es kaum zu verstehen, was er sagte. Es zerriss mir das Herz. Die Lehrerin kam raus und wollte ihn holen. „Du musst in die Schule, komm jetzt wieder mit rein!“ Als sie das sagte, zog sie an seiner Hand. Dann war es bei mir vorbei. „Lass‘ ihn los!“ Mein Herz klopfte mir wieder mal bis in den Hals. „Ich nehme ihn wieder mit nach Hause. Unter diesen Umständen wird er eben nicht in die Schule gehen. Das ist mir jetzt auch egal.“ „Du kannst ihn nicht mitnehmen, er muss in die Schule.“ Von wegen ich konnte ihn nicht mitnehmen. Jetzt erst recht. „Und ob ich ihn mitnehmen konnte. Komm, mein Schatz, wir gehen.“ Ich drehte mich um und lief davon. Die Lehrerin rief mir noch etwas hinterher, was ich aber nicht mehr verstand. Ich hatte ihn gerettet, ich hatte meinen kleinen Schatz gerettet. Er war so erleichtert. Das war das, was erstmal für mich zählte. Auch wenn es sich anfühlte, als hätte ich nur von der Tapete bis zur Wand gedacht. Denn was jetzt? Dieser kleine Mensch hatte schon so viel erlebt. Ich war mir sicher, dass ihn Verlustängste plagten. Wir kamen zusammen wieder zurück nach Hause. „Raulito, was ist los, wieso bist du nicht in der Schule?“, sagte Teo und sah mich dabei an. Teo konnte ich alles sagen, meinem Zieh-Vater, meinem Opa, meinem Schwiegervater, meinem Vertrauten, meinem Beistand, meinem Helfer in einer Person. Als ich fertig war mit Erzählen, sagte er: „Du hast zu schnell nachgegeben, du hättest es versuchen sollen, denn der Tag morgen kommt und was machst du dann? Er wird nicht drumherum kommen.“ „Teo, ich konnte nicht anders, wenn du dein Kind so verzweifelt, schreiend und zitternd siehst, da musste ich ihn einfach wieder mitnehmen.“ „Das verstehe ich, aber das ist keine Lösung. Wenn du 16 Kinder hast wie wir, dann hättest du sicher anders entschieden.“ „Ich weiß, dass du recht hast, aber ich habe im Moment keine Lösung.“ Teo sagte das alles, sodass auch Raulito zuhören konnte. So langsam realisierte auch er, dass er sich vielleicht doch wie ein Baby verhalten hatte. Ich jedoch verstand seinen ersten Impuls und der schrie einfach und wollte weg. Marisol lachte nur und sagte „Ach Raulito, lass sie reden, das wird schon, es eilt ja auch nicht. Komm‘ mein Kleiner, ich mache dir erstmal einen Kinderkaffee.“ „Ja Oma danke.“ Und auch er strahlte nun wieder. Die Angst war erstmal verflogen. Marisol rief noch: „Teo überleg dir lieber schon mal, was ihr Raul sagt, wenn er nach Hause kommt.“ Sie hatte recht, obwohl ich davon ausging, dass Raul genauso gehandelt hätte wie ich. Erst kam José nach Hause. Ich erzählte ihm alles. Er sprach Raulito Mut zu, damit er es am nächsten Tag nochmal versuchte. Dann kam Laura, sie hatte wie immer Verständnis für mich, sagte aber gleich: „Das wird Raul nicht gefallen.“ Langsam bekam ich Angst. „Was soll ich ihm sagen? Ich kann es doch nur genau so erzählen, wie es war.“ „Ich unterstütze dich, wenn er blöd tut.“ Ich wusste, ich konnte mich auf sie verlassen. Inzwischen sprachen alle Raulito Mut zu außer Yana. Sie hatte ich inzwischen von der Schule wieder abgeholt und sie lachte Raulito nur aus. Sie konnte sehr gemein sein. Ich hoffte, dass das nun eine einmalige Sache für Raulito blieb und er morgen in der Schule blieb. Raul kam von der Arbeit nach Hause. Er hatte es wie immer schon von den Nachbarn auf dem Heimweg erfahren. Das hatte auch schon wieder großen Einfluss auf ihn und seine Begrüßung genommen. Teo stand wie immer draußen auf dem Portal. „Wo ist Petra?“, rief Raul. Ich hörte ihn schon. „Junge, beruhig dich!“, sagte Teo. „Es ist nichts passiert, alles nicht so schlimm, jetzt mach‘ kein Drama draus.“ Ich saß bei Marisol in der Küche und war froh, bei ihr zu sein, als er Sekunden später dastand. „Was muss ich da schon auf der Straße hören? Raulito war nicht in der Schule, weil du ihn wieder mitgenommen hast. Hast du sie noch alle beisammen? Das Kind muss in die Schule und du kannst ihn nicht so einfach wieder mitnehmen. Warum hast du das gemacht? Wie stehen wir denn jetzt da?“ Wie er das sagte, gleich würde er auf mich losgehen. Laura kam rein, „Hey Raul, beruhige dich, mach sie jetzt nicht auch noch fertig. Du hättest doch das Gleiche getan.“ „Halt dich da raus, das geht dich nichts an“, fauchte er sie an. „Sicher geht mich das was an, wenn du auf Petra losgehst. Ich habe Verantwortung, genau wie Papi und Mami. Komm‘ mal wieder runter und lass‘ sie in Ruhe.“ Am liebsten hätte ich ihn angeschrien, sagte aber gar nichts, keinen Ton. Wie immer stand er nicht hinter mir und ich erstickte an meinen Gefühlen, die alles andere als Liebe waren. Im Stillen dachte ich: „Danke, Laura!“ Da kam Raulito von Hintereingang ins Haus. Auch er durfte sich eine Standpauke anhören. „Das machst du nicht noch einmal!“, sagte Raul zu ihm. „Morgen gehst du in die Schule und du bleibst dort, bis du wieder abgeholt wirst und wehe, wenn nicht!“ Alles was Laura sagte, hatte immer eine große Wirkung. Könnte ich doch so sein wie sie. Aber vielleicht musste ich einfach nur noch ein paar Jahre warten und dann hatte ich die nötige Reife dazu. Am nächsten Tag gingen wir wieder zur Schule. Raulito zeigte sich mutig, aber ich merkte schon wieder, das war nur Fassade. In der Schule angekommen nahm mich die Lehrerin beiseite. „Er muss heute hierbleiben.“ „Ich weiß, ich möchte aber bitte wieder mit ins Zimmer.“ Sie willigte ein. Der Schultag begann genauso wie am Vortag, dieselbe morgendliche Zeremonie. In Raulitos Augen sah ich pure Angst. Er hielt meine Hand und ließ sie nicht mehr los. Yana lief vor uns und drehte sich dauernd um und lachte ihn aus. Ich sagte zu ihr auf Deutsch: „Du blöde verwöhnte Göre, halt doch einfach deine Klappe.“ Sie verstand das nicht, wusste jedoch, dass es nichts Nettes war. Dann hatte ich mein Ziel in dem Moment auch nicht verfehlt, was sie betraf. Nur wenn ich mit ihr alleine war, hatten wir es gut zusammen. Sobald jemand aus der Familie dabei war, benahm sie sich schlecht und war vorlaut und frech. Ihr Verhalten bereitete mir viel Mühe. Da Kinder sich alles voneinander abschauen und ich wollte um alles auf der Welt verhindern, dass Raulito ihre Frechheiten und ihr Verhalten übernahm. Im Klassenzimmer setzte ich mich wieder in die Ecke und Raulito an den letzten Tisch im Zimmer. Es ergab sich für mich keine Möglichkeit, den Raum zu verlassen. So blieb ich bis zum Schluss in der Schule. Auch das war niemandem recht in der Schule, aber ich sah jetzt keine andere Lösung. Teo konnte sich das schon denken, als ich nicht nach Hause kam. Er sagte zu mir, „Kind, mach‘ es so, bis er freiwillig von alleine dableibt. Irgendwann wird dieser Tag schon kommen.“ Die nächsten Tage blieb ich immer mit in der Schule. Raulito fühlte sich immer sicherer und das war gut so. Seine Leistungen waren nicht sehr gut und es fiel ihm schwer. Aber er war erst fünf Jahre alt. Yana hatte keine Probleme und war gut in der Schule. Sie hänselte ihn dauernd und ich konnte das nicht verhindern. José half ihm, wo er konnte. An einem Morgen sagte Raulito zu mir, „Mami, du kannst heute wieder nach Hause gehen.“ „Bist du sicher? Ich bleibe noch am Anfang und gehe dann nach Hause.“ „Das brauchst du nicht, wirklich nicht.“ Als alle Kinder in das Schulgebäude hineingingen, winkte er mir zu und rief, „Tschüss Mami, bis nachher.“ Wie niedlich er das sagte und jetzt war ich fast sauer, dass er ohne mich in die Schule wollte. Er hatte es geschafft, oh Gott, wie froh ich war. Es war alles richtig so, wie ich es gemacht hatte. Ich hatte keine Sekunde davon bereut. In diesem Moment wusste ich jedoch noch nicht, dass ich dies noch einmal erleben würde.
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