Kitabı oku: «Mörderisches aus Sachsen»

Yazı tipi:

Petra Steps

Mörderisches aus Sachsen

Krimis


Zum Buch

Echt sächsisch Idyllisch, abwechslungsreich und vielfältig. Im südöstlichsten aller Bundesländer findet sich alles auf engstem Raum vereint: Vom Vogtland übers Erzgebirge bis hin zur Sächsischen Schweiz, vom deutschen Kleinparis Leipzig bis zum Elbflorenz Dresden, verträumte Mittelgebirgslandschaften, ausgedehnte Wälder oder kulturträchtige Städte. Alles lädt zum Besuch und Urlaub ein. Doch die Schönheit trügt. Auf ihren Erkundungen im Freistaat Sachsen stößt die Journalistin Adina Pfefferkorn auf Opfer und Täter. Ihr Freund, der Annaberger Kommissar Uhlig, ist zutiefst beunruhigt, da sie sich nicht nur einmal in Gefahr begibt. Sie rettet einen Opa vor Trickbetrügern, gerät bei einem Anschlag im Weinkeller unter Verdacht und gibt der Polizei die entscheidenden Hinweise zur Aufklärung von Straftaten.

Petra Steps, Jahrgang 1959, ist waschechte Vogtländerin, jedoch im Kuckucksnest Zwickau geboren, Diplomphilosophin, Hochschullehrerin, Journalistin, Herausgeberin, Autorin, Ehefrau, Mutter und Oma. Sie ist (Mit-)Herausgeberin von Krimianthologien und Autorin bzw. Mitautorin von Reisebüchern, veröffentlicht Beiträge in Regionalia sowie Krimianthologien und gibt Schreib-Workshops. Für den Förderverein Schloss Netzschkau e.V. veranstaltet sie die KrimiLiteraturTage Vogtland (www.krimi-literatur-tage.de).

In der vorliegenden Anthologie wird sie von Roland Spranger, Jahrgang 1963, unterstützt. Er arbeitet neben seiner Autorentätigkeit als Betreuer in Wohnprojekten für geistig Behinderte und ist Glauser-Preisträger in der Sparte Bester Kriminalroman.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Lars Meinel / stock.adobe.com

ISBN 978-3-8392-6952-7

1 Vergangen ist nicht vorbei
Erzgebirgskreis

Adina Pfefferkorn versuchte, gleichmäßig zu atmen. Als der Rhythmus einigermaßen passte, drückte sie auf ihr Handy. »Wann kommst du heute nach Hause?« Sie fürchtete, dass Oli ihr Herzklopfen am anderen Ende der Leitung hören konnte.

»Pünktlich, warum fragst du?«

»Ich möchte uns Spaghetti Carbonara kochen. Die warten nicht gern in der Schüssel.«

Oli lachte. »Ich kenne da noch jemanden, der nicht gern wartet. Wenn nichts mehr passiert, bin ich halb sechs da. Küsschen!«

»Küsschen zurück!« Adina drückte den roten Button und leckte sich hastig über die Lippen. Puh, das war gut gegangen. Oli hatte nichts von ihrer Aufregung mitbekommen.

Sie bewegte sich in Richtung Küche und schaute auf die Uhr. Zwei Stunden blieben ihr, dann musste sie fertig sein. Sie wollte alles perfekt haben, den gedeckten Tisch, die Kerzen, den Wein und das Essen. Und sich selbst.

Adina legte die Zutaten auf den Küchentisch und stellte den Topf auf den Herd. Dann ging sie ins Bad, nahm eine Dusche und wusch ihre Haare mit dem Limetten-Shampoo, das Oli so gern roch. Die Haare waren noch ein wenig feucht, als sie mit den Vorbereitungen für das Essen begann.

Als Erstes schnitt sie den Schinkenspeck in kleine Würfel. Dann stellte sie einen Topf für die Spaghetti bereit. Die Schüssel für das fertige Essen holte sie aus dem Wohnzimmerschrank. Das Sonnengelb passte zu ihrer Stimmung. Auf dem Tisch legte sie sich Eier, Parmesan, einen Rührbesen und einen großen Löffel zurecht. Dann rückte sie die Salz- und Pfeffermühlen näher an den Ort des Geschehens und nahm die Spaghettipackung aus dem Schrank. Für den Vorspeisensalat schichtete sie Tomatenscheiben, Mozzarella und Basilikum übereinander, würzte mit Salz und Pfeffer und gab Balsamico und ein paar Spritzer Olivenöl dazu. Bevor sie das Wasser aufsetzte, brachte sie ihre Haare in Form, schminkte sich dezent und wählte ein schwarzes Etuikleid aus ihrem nicht ganz so üppigen Kleiderangebot. Schließlich lebte sie erst seit Weihnachten bei Lars-Oliver Uhlig, den sie liebevoll Oli nannte. Die meisten Klamotten waren in ihrer Berliner Wohnung. Und wann brauchte man im Erzgebirge schon einmal das kleine Schwarze!

Das Spaghettiwasser begann zu simmern. Die Eier waren mit Parmesan und Gewürzen verrührt, der Schinkenspeck ausgelassen. Adina wartete ein paar Minuten, ehe sie die Spaghetti in den Topf beförderte. Dann zog sie sich flink um, steckte ihre Mähne hoch und zündete die Kerzen an. Der rote Shiraz funkelte in den Gläsern.

Adina schaltete die Soundanlage ein. Ihre Wahl fiel auf ein Jazz-Album des Yogev Shetrit Trios aus Israel. Sie hatte den ehrgeizigen Drummer bei ihrer letzten Reise live erlebt und sich für den einzigartigen Mix begeistert: nordafrikanische Rhythmen und andalusische Musik seines familiären Erbes, kombiniert mit zeitgenössischem Jazz, jüdischen und mediterranen Klängen sowie Funk und Drum & Bass. Alle seine bisher erschienenen Alben hatte sie gekauft. Außerdem hielt sie ihn für einen coolen Typen, der sie auch persönlich beeindruckte. Sie mochte Leute, die etwas Eigenständiges kreierten und mit Ehrgeiz an der Verwirklichung ihrer Ziele arbeiteten, also ein bisschen wie sie selbst waren.

Adina tanzte mit leichten Bauchtanzschwüngen zurück an den Herd. Sie umrahmte dabei ihren Kopf mit angewinkelten Armen. Ihre Hüften wippten zum Trommelsolo im Instrumentalstück Mama Dialy. Nur jetzt nichts auf das Kleid spritzen, dachte sie, während sie die Spaghetti abgoss und anschließend mit der Eiermasse und den Schinkenwürfeln in der Schüssel vermischte. Da hörte sie schon die Tür ins Schloss fallen.

Oli öffnete die Wohnzimmertür und schaute erst auf Adina und dann auf den festlich gedeckten Tisch. »Schatz, du weißt es also schon. Und ich habe den ganzen Tag überlegt, wie ich es dir beibringe. Für dich ändert sich natürlich nicht viel. Du kannst bei mir wohnen bleiben. Und die Wochenenden … Schöne Musik hast du ausgewählt …«

»Moment«, unterbrach Adina Olis Redefluss. »Was wolltest du mir schonend beibringen? Eigentlich wollte ich dir etwas sagen. Aber geh schnell Händewaschen, damit wir essen können.«

Oli hob erstaunt die Augenbrauen. »Bist du schwanger? Aber dann darfst du keinen Alkohol trinken.«

Adina prustete los. »Nein, ich bin nicht schwanger. Zumindest weiß ich nichts davon. Dann haben wir wohl beide eine Neuigkeit. Zuerst du!«

»Nach dem Essen. Es wäre schade, wenn alles kalt wird. Dann wechseln wir zusammen mit dem Wein auf das Sofa und besprechen alles, ok?«

Oli kehrte vom Händewaschen zurück. Adina legte Spaghetti auf. »Salat nimmst du dir bitte selbst, ja!«

»Die Spaghetti Carbonara sind köstlich. Manche ertränken sie in Sahne und wundern sich über die glitschige Masse. Du machst das richtig wie die Italiener.«

Adina fühlte, wie die Röte über ihren Hals ins Gesicht strömte. Sie erhob ihr Rotweinglas und streckte es Oli hin. »Danke schön. Auf was auch immer, Schatz«, sagte sie. Die Gläser klirrten ganz leicht, als sie aneinanderstießen. Die CD hatte inzwischen wieder von vorn angefangen und war mit I will wait beim passenden Titel angelangt.

Oli goss nach und nahm die Gläser mit zur Couch. Adina bevorzugte den Sessel, damit sie Oli anschauen konnte. Sie tänzelte mit Beckenkreisen dorthin. Die Dielen knarzten unter ihren Füßen. »Schieß los«, forderte sie Oli auf.

Der machte es kurz und scheinbar schmerzlos. »Ich werde für etwa ein Jahr nach Dresden versetzt.«

Adinas Augen begannen zu strahlen. »Aber das ist doch prima. Ich werde demnächst viel in dieser Gegend sein. Wir können uns in Dresden ab und an sehen.« Adina überlegte kurz. »Ach so, ich habe es dir noch gar nicht gesagt. Zuerst wusste ich nur von Mia, dass mein Auftrag erweitert werden soll. Dann hat Markus angerufen. Ich bin jetzt Beauftragte für ganz Sachsen, nicht mehr nur für das Erzgebirge.«

»Mensch, Adina. Herzlichen Glückwunsch. Ich hatte schon Angst, dass ich dich an Berlin oder weiter weg verliere. Hier ist wenig los für dich Großstadtpflanze. Aber dann dachte ich mir, du hast hier ewig zu tun. Du musst schauen, was aktuell ist. Es gibt ständig Veränderungen. Denk nur an die Montanregion. Weltkulturerbe verpflichtet. In den kommenden Jahren wird sich vieles entwickeln.« Oli hielt Adina das Glas hin. »Cheers«, sagte er, und wieder ploppten die Gläser aneinander.

Adina weilte im Auftrag einer Berliner Marketingagentur im Erzgebirge. Deren Inhaber Markus hatte ein kreatives Tourismusportal entwickelt, in dessen Mittelpunkt mehr das Storytelling stand und weniger die bloße Aneinanderreihung von Daten. Bei dieser Arbeit fühlte sich Adina in ihrem Element. Geschichten erzählen, das konnte sie schon in der Schule recht gut. Deshalb war sie Journalistin geworden. Als sie nach der Trennung von ihrem langjährigen Lebenspartner Sascha den Job in der Redaktion verlor oder besser gesagt aufgab, suchte sie nach einer neuen Herausforderung. Ihre Freundin Mia war ihr zu Hilfe gekommen. Sie kannte Markus und hatte von seinen Plänen für das deutschlandweite Projekt gehört.

Adina plauderte munter los. »Klimawandel, Corona-Virus, Spannungen in einigen Ländern – ich glaube, alles spricht gerade für uns. Viele besinnen sich mangels möglicher Auslandsreisen auf Urlaub in Deutschland. Sie werden lieber mehrmals fahren, denn planen kann man nicht mehr so langfristig. Markus hat das recht schnell begriffen. Und Sachsen ist geradezu prädestiniert für kürzere Aufenthalte mit all den verschiedenen Landschaften, seinen Schlössern und Burgen, den Talsperren und sehenswerten Städten. Allein Dresden …«

»Ich sehe, die Begeisterung hat schon Besitz von dir ergriffen. Nun müssen wir nur alles Logistische klären, dann werden wir sicher gut über die Zeit kommen. Nach der Schwangerschaftsvertretung kehre ich nach Annaberg zurück. Alles hat seine Zeit.«

Adina blickte Oli in die Augen. »Ich will nächste Woche nach Berlin fahren. Begleitest du mich? Ich stelle dich Markus als meinen persönlichen Berater in allen Lebenslagen vor. Ihr seid euch doch nie persönlich begegnet, oder?« Adina kicherte, ging zum Sofa und bettete ihren Kopf in Olis Schoß.

»Da waren ein paar Lagen dabei, auf die ich gern verzichtet hätte«, sagte Oli. Sein Blick wechselte von Adinas Gesicht zum Fenster und von dort in die weite Ferne.

»Ich weiß, woran du denkst. Die Schießerei in Annaberg ging glimpflich aus. Die Neonazis in Grillenburg haben mir nichts getan. Ein paarmal habe ich dir sogar bei den Ermittlungen geholfen. Denk an die Prostituierte in der Annaberger Post. Bei der Leiche im Markus-Röhling-Stollen habe ich dir den Täter wie auf dem Tablett serviert. Nur der durchgeknallte Polizeibeamte in Dippoldiswalde hat mir ein paar Tage Krankenhausaufenthalt verschafft …«

»Adina, du weißt, dass du die Verbrechen magisch anziehst, keine Ahnung, warum das so ist. Ich will mir nicht ausmalen, was alles hätte passieren können. Versprich mir etwas: Lass bitte die Polizei ermitteln und kümmere du dich um Touristen.«

»Oli, wie kann ich dir so etwas versprechen! Ich kann nichts dafür, dass mir ständig Leichen vor die Füße purzeln, so wie der Opa auf dem Waldgeisterweg bei den Greifensteinen. Sieh es so: Alles hat einen Sinn, nur manchmal erkennt man ihn nicht sofort. Ohne die Opas hätten wir uns vermutlich nie getroffen. Und jetzt lass uns ein paar Dinge besprechen. Kommst du mit nach Berlin?«

»Ich fürchte, ich muss die ganze Woche arbeiten. Ich will unbedingt einen Fall abschließen, bevor ich nach Dresden gehe.«

»Worum geht es?« Adina setzte ein Sonntagsgesicht auf und versuchte, ihre Neugierde zu verbergen.

»Du weißt, dass ich dir das nicht sagen darf. Und bitte: Das ist nichts für dich. Ich fürchte, ich habe vor zwölf Jahren einen Fehler gemacht. Das war in meiner Anfangszeit im Annaberger Revier.«

»Ein Cold Case?«

»Nein, kein offener Fall. Ich glaube, ich habe damals etwas übersehen und die Sache vorschnell zu den Akten gelegt.«

Adina schaute Oli an. »Du meinst das mit dem Alkoholiker? Dem Manfred aus Mildenau.«

Oli erschrak. »Woher weißt du das schon wieder? Du bist mir nicht geheuer. Oder hast du heimliche Beziehungen in unser Polizeirevier? Ich meine damit nicht mich. Diese Art von Beziehung ist ja nicht mehr heimlich.«

»Das pfeifen die Annaberger Spatzen von den Dächern, selbst bei dem Schneetreiben, das wir heute hatten. Und du weißt doch: Es gibt keine Zufälle!«

»Namen, Adina, Namen! Wie heißen deine Spatzen?«, hakte Oli nach.

»Du hast mich ihnen nicht vorgestellt, also kenne ich keine Namen. Als ich heute den Schinken beim Fleischer kaufte, unterhielt sich die Verkäuferin mit einer Kundin. Es ging um einen Alkoholiker, der vor mehr als zehn Jahren gestorben ist. Die Verkäuferin sagte, dass sie das schon damals gewusst habe, nur habe sie keiner ernst genommen. Und jetzt beschäftige sich die Polizei mit der Witwe. Aber ich war viel zu aufgeregt wegen des Anrufs von Markus, als dass ich nachgehakt hätte. Außerdem wollte ich zurück sein, bevor der Schnee unsere Haustür zugeweht hat.«

»Ach, die Liane. Sie hat mich gestern gesehen, als ich in Mildenau war. Die knöpfe ich mir morgen vor. Sie wohnt da draußen gleich in der Nähe der Witwe. Mal schauen, ob sie dann noch so gut Bescheid weiß wie im Laden.«

»Verrate ihr bloß nicht, dass du das von mir hast. Sonst musst du demnächst ollen Supermarkt-Schinken essen. Was ist denn eigentlich passiert, da in Mildenau?«

»Das ist eine ziemlich verfahrene Kiste. Ein Mann starb unter etwas, sagen wir, mysteriösen Umständen. Die Obduktion schloss zwar ein Fremdverschulden nicht aus, bestätigte jedoch nicht den Verdacht, dass da jemand nachgeholfen haben muss.« Oli nahm einen Schluck Wein aus seinem Glas und goss den Rest aus der Flasche nach.

»Jetzt lass dir mal nicht jeden Brocken aus der Nase ziehen. Habt ihr gar nicht ermittelt?«

»Nun ja, der Mann war ein stadtbekannter Alkoholiker, auch wenn er draußen in Mildenau wohnte. Oder anders: Er war schon vorher bekannt. Ein karrieregeiler junger Parteifunktionär in der DDR. Er hatte vermutlich nach der Wende nie wieder Fuß gefasst und war dem Alkohol verfallen. Wir hatten ihn mehrmals betrunken am Steuer erwischt und ihm den Führerschein abgenommen. Ich war mir damals sicher, dass der Schwächeanfall verbunden mit der Alkoholmenge von fast drei Promille tödlich gewesen sein musste.«

»Und habt ihr niemanden befragt? Die Witwe, die Nachbarschaft, Kinder?« Adina gab nicht nach.

»Natürlich habe ich mit der Frau gesprochen. Nichts Auffälliges.«

»Und jetzt?«

»Stehen wir quasi wieder am Anfang.«

»Warum das?«

»Es gab eine Anzeige.«

»Von wem?«

»Adina, du weißt, dass ich dir das nicht erzählen darf. Du bringst mich um meinen Job, wenn das herauskommt.«

»Lass uns ein wenig darüber sprechen. Vielleicht wird dir dabei manches klarer und dir kommt eine Idee für das weitere Vorgehen.«

»Es ist ziemlich kurios. Wenn etwas an der Verdächtigung dran ist, dann dreht es sich nicht nur um ein Tötungsverbrechen.«

»Worum sonst?«

»Strafvereitelung im Amt zum Beispiel oder unterlassene Hilfeleistung. Aber das wäre alles verjährt.«

»Puh, starker Tobak, würde der Berliner sagen.«

»Schlimmer. Der Sohn hat seinen Vater angezeigt, weil dieser die Sache mit dem Tod des Mannes gewusst und vertuscht haben soll. Und weißt du, wer dieser Vater ist?«

»Nein, natürlich nicht.«

»Mein damaliger Dienstgruppenleiter Erwin. Er ging kurze Zeit später in den Ruhestand. Und er hat damals festgelegt, dass wir die Ermittlungen einstellen. Ich war jung und ein wenig ungestüm. Vermutlich hätte ich weiter ermittelt, wenn er die Akte nicht geschlossen hätte. Ich habe nachgegeben und mich nicht gewehrt.«

»Und der Sohn? Was hat der für ein Motiv für die Anzeige?«

»Die Witwe behauptet, er sei neidisch, weil Erwin sie als Universalerbin eingesetzt hat und er nur den Pflichtteil bekommen sollte. Bei Erwins Familie ist ordentlich Geld da, ein großes Grundstück mit Ferienwohnungen, ein Vierseithof, Wald, verpachtete Felder und Wiesen. Der Sohn war lange Zeit im Ausland, ich kannte ihn gar nicht. Erwin hatte wohl nicht damit gerechnet, dass er die mallorquinische Sonne wieder gegen den Dauerwinter im Erzgebirge tauschen würde. Nach erfolgloser Glückssuche auf Malle zieht es den Burschen offenbar in die alte Heimat zurück. Und dann das: In seinem früheren Zuhause schwingt inzwischen die lustige Witwe vom Hang gegenüber das Zepter. Das findet er nicht amüsant.«

»Hat sie was mit deinem früheren Kollegen?«

»Das muss ich herausfinden. Und wenn, dann wäre interessant, wie lange das schon geht.«

»Daran dachte ich gerade. Wenn nicht sie, sondern er ein bisschen nachgeholfen hat?«

»Adina, bitte. Nimm mir nicht jede Illusion. Erwin war mein väterlicher Chef. Bei ihm habe ich praktisch die ersten Schritte auf eigenen Füßen gelernt.« Oli seufzte. »Aber du hast recht, ich habe schon daran gedacht. Er war allein mit dem Erbe seiner Eltern. Sie hatte Aussicht auf Haus und Hof in Mildenau. Und ihr Mann muss ein echtes Ekel gewesen sein, vor allem, wenn er blau war.«

»Hat er sie geschlagen?«

»Nicht nur einmal. Sie hat ihn mehrfach angezeigt. Dabei hat sie meinen Kollegen kennengelernt. Sie behauptet das zumindest.«

»Und du kannst die Sache nicht auf sich beruhen lassen? Es macht ihn nicht mehr lebendig, und sie wurde durch seinen Tod vielleicht gerettet.«

»Was hast du nur für seltsame Gedanken, Adina. Man kann nicht wissentlich ein Unrecht ignorieren oder gegen ein anderes aufrechnen. Wenn ich etwas von einer Straftat weiß, bin ich zum Ermitteln gezwungen.«

»Man kann so oder so ermitteln. Denk an deine Kollegen, die auf dem rechten Auge blind sind. Bei denen ist es Usus, nur bestimmte Sachen zu sehen. Ich sage nur Nationalsozialistischer Untergrund NSU. Es ist keinem geholfen, wenn ihr einen angeblichen Mörder oder Helfer findet. Der Mann ist tot und die Frau fühlt sich definitiv besser als vorher.«

»So darfst du nicht denken, Adina. Wenn ich mit dieser Einstellung an meinen Job herangehe, brauche ich gar nicht mehr ermitteln. Irgendjemandem ist stets geholfen. Alles hat zwei Seiten. Aber Verbrechen ist Verbrechen. Und der Sohn lässt bestimmt nicht locker. Der will den ganzen Besitz.«

»Weil der Herr Sohn nichts auf die Reihe gebracht hat, soll sein Vater oder die Witwe in den Knast. Wie alt sind die denn?«, wollte Adina wissen.

»Die Frau, Birgit heißt sie, war damals 45, ihr trinkender Herr Gemahl 13 Jahre älter. Und mein Kollege? Lass mich rechnen. Er ging vor dem 60. Geburtstag in Pension. Also sie Mitte 50, er knapp über 70.«

»Was sagt dein Bauchgefühl?«

»Wenn ich an die Ermittlungen damals denke, kann schon etwas an der Sache dran sein. Ich mache jetzt erst mal weiter mit den Befragungen. In der Rechtsmedizin, bei meinem Kollegen, in Mildenau und nicht zu vergessen die Liane, die ich besuchen werde. Fleischverkäuferinnen sind wie die Verkäuferinnen im früheren Dorfkonsum. Die hörten es läuten, da hatten die Glocken noch gar nicht geschlagen.«

Adina kuschelte sich näher an Oli heran. »Ich wäre gern mit dir nach Berlin gefahren. Wenigstens der Abend gehört uns. Morgen spreche ich mit Mia und Markus. Und um meinen Blog muss ich mich kümmern, jetzt, wo es so viele Neuigkeiten gibt. Nächste Woche in Berlin unterschreibe ich den Verlängerungsvertrag und besuche meine Eltern. Echt schade, dass du nicht mitkommen kannst. Aber das holen wir nach. Meine Eltern sollen dich richtig kennenlernen, ich meine offiziell.«

»Danke, dass du mich verstehst. Beziehungen mit Polizeibeamten sind nicht einfach. Deshalb habe ich auf eine Frau wie dich gewartet.«

Oli nahm Adina zärtlich in den Arm. »Was hast du eigentlich für eine wunderbare Musik ausgewählt? Ich glaube, die muss ich mir einmal in Ruhe reinziehen. Es hört sich an wie zuhause.«

»Du bist hier zuhause, Oli. Oder fühlst du dich nicht wohl? Vermisst du irgendetwas?«

»Um Himmels Willen, so war das nicht gemeint. Ich dachte an mein früheres Zuhause. Der Drummer erinnert mich an meine Eltern. Ich bin mit Jazz-Platten groß geworden. Und meine Mutter liebte vor allem die Schlagzeuger, Günter »Baby« Sommer, Klaus Selmke und so. Sie hatte viele Jazz-Platten. Louis Armstrong natürlich, der war auch in der DDR gern gesehen. Satchmo, wie er genannt wurde, durfte einmal durch den Osten touren, mitten im Kalten Krieg. Vielen anderen Künstlern wurde das bekanntlich verwehrt. Als die Wende kam, gab meine Mutter ihr komplettes Begrüßungsgeld für Jazz-Platten aus, Art Blakey, Gene Krupa, Peter Erskine, später dann Brian Blade und wie die Jazz-Drummer alle heißen. Das Plattenregal füllte sich. Die Plattenläden freuten sich. Viele gibt es heute gar nicht mehr. Ich meine, Plattenläden. Und auch von den legendären Jazz-Musikern weilen etliche nicht mehr unter uns. Die ganze Miles-Davis-Generation, Duke Ellington, Keith Jarrett, Chick Corea, der Deutsche Wolfgang Dauner. Auf BR Klassik mehren sich die musikalischen Nachrufe für Mamas Idole. Mich meldete sie gleich nach der musikalischen Früherziehung beim Schlagzeugunterricht an. Ich konnte kaum über die Snare Drum gucken und bis an die Becken reichen.«

»Du hast Schlagzeug gelernt? Warum hast du mir bisher noch nie davon erzählt?«

»Keine Ahnung. Es hat sich nicht ergeben. Das gute Teil steht noch im Keller. Vielleicht packt es mich irgendwann wieder einmal.«

»Warum hast du aufgehört zu spielen?«

»Kennst du den alten Schlagzeuger-Witz? Kommt ein Sohn zu seiner Mutter und sagt: Wenn ich erwachsen bin, möchte ich Schlagzeuger werden. Die Mutter schüttelt den Kopf und antwortet: Mein Sohn, du musst dich entscheiden, beides zusammen geht nicht.«

Adina prustet los. »Und da hast du dich für das Erwachsenwerden entschieden? Biederes Beamtendasein, immer regelmäßig Kohle auf dem Konto. Und kein verarmter Drummer. Erfährt ein Schlagzeuger beim Arzt, dass er noch drei Monate zu leben hat. Fragt er zurück: und wovon?«

Oli musste lachen. »So ungefähr«, sagte er.

»Aber Drummern sagt man auch ein abwechslungsreiches Leben nach. Kennst du das Bild, auf dem der Schlagzeuger mit drei hübschen Frauen im Bett liegt, während der Gitarrist eine romantische Monogamie pflegt und der Bassist sich seinem Lover zuwendet?«

»Ach, Adina! Wer braucht schon drei Frauen, wenn er eine wie dich haben kann! Eine Journalistin, die gleichzeitig Köchin und Beamtenversteherin ist. Komm, lass uns die Stellung wechseln. Das Bett wartet.«

»Ich räume schnell noch die Küche auf. Du darfst zuerst ins Bad«, schlug Adina vor. Vom Küchenfenster aus sah sie die orangefarbenen Lichter des Winterdienstes, der den am Abend gefallenen Schnee zu den schon vorhandenen Schneebergen am Straßenrand schob. Jetzt funkelten ungezählte Sterne über der Erzgebirgsstadt. Das Thermometer zeigte minus 15 Grad. Adina fror schon vom bloßen Hinsehen. Sie fragte sich, ob die harten Winter im Erzgebirge ihr nicht zusetzen würden, wenn sie sich für ein Leben mit diesem Mann hier entschied. Wenn … Oli verließ das Bad. »Heute Nacht werden es sicher minus 20 Grad. Ich glaube, ich brauche eine Wärmflasche«, sagte Adina. »Mache hin, ich bin schon ganz heiß«, lachte Oli.

Als Oli am Morgen ins Polizeirevier gegangen war, begann Adina, ihren Arbeitstag zu organisieren. Bevor sie sich bei ihrem Arbeitgeber und ihren Eltern in Berlin ankündigte, schrieb sie einen Beitrag in ihren Reiseblog:

Hallo Freunde vom sanften Inlandtourismus, entschuldigt bitte, dass ich mich in jüngster Zeit ein wenig rar gemacht habe. Aber jetzt habe ich Neuigkeiten für Euch: Ich werde meinen Aktionsradius auf ganz Sachsen ausdehnen. Wenn ihr also Orte kennt, die man unbedingt gesehen haben muss, dann her damit. Aber schreibt am besten dazu, was ihr mit Eurem Vorschlag persönlich verbindet. Vielleicht lassen sich interessante Geschichten daraus zaubern. Und denkt bitte an den Datenschutz. Wer seinen Namen hier nicht sehen will, vermerke das bitte. Also los, ran an die Tasten. Ich bin gespannt. Eure Adina

Oli hatte die Ermittlungen wie angekündigt fortgesetzt und war auf dem Weg nach Hause. Er fuhr vorsichtig, denn links und rechts der Straße lagen hohe Schneehaufen, die die Sicht zusätzlich einschränkten. Auf der Geyersdorfer Hauptstraße zwischen Mildenau und Annaberg kam ihm ein Raser in einem weißen BMW entgegen. Aufgrund der völlig unangepassten Geschwindigkeit benötigte der Fahrer deutlich mehr als seine Spur auf der serpentinenartigen Strecke. Hinter der nächsten Kurve sah Oli das Unglück. Ein Pkw hatte sich überschlagen und im angrenzenden Feld tiefe Furchen in die Schneedecke gezogen, bevor er auf dem Dach liegen geblieben war. Aus dem Auto springen und die Notruftaste auf dem Handy bedienen war für den Beamten eins. Oli lief ein paar Meter auf der Straße. Dann benutzte er die Vertiefung im Schnee, die ins Feld führte. Bevor er am Auto ankam, hatte er bereits die Rettungsleitstelle erreicht und einen Notarzt geordert.

»Nein, bitte nicht«, murmelte er, als er ins Wageninnere blickte. Ob das dem Unfall allgemein gegolten hatte oder mit dem jähen Erkennen der Fahrzeuginsassen verbunden war, konnte er im Nachhinein nicht mehr sagen. Aus dem Wageninneren ertönte ein schriller Hilfeschrei. Oli ging zur Beifahrertür. Er hatte nicht damit gerechnet, dass er sie öffnen könnte, doch mit ein paar Handgriffen war es ihm gelungen. Dann half er der Frau, die er erst gestern im Revier als Zeugin befragt hatte, aus dem Wagen. Sie setzte sich sofort auf den Boden. »Er ist tot.« Ein Blick auf Erwins starre Augen und das aus der Nase gesickerte Blut bestätigten Oli, dass sie recht hatte. Er legte seinen Finger trotzdem auf die Halsschlagader. Da war nichts.

Die Frau starrte Löcher in den Schnee. Oli versuchte, in den Kofferraum des Autos zu gelangen und das Erste-Hilfe-Set herauszufischen. Als er es in der Hand hielt, öffnete er den Reißverschluss und entnahm die Rettungsdecke. Er breitete sie mit der goldenen Seite nach unten aus, zog die Frau auf die silberne Seite und wickelte sie ein. Sie leistete keinen Widerstand. Im Auto fand er eine Abdeckplane, die er zwischen Schneedecke und Frau schob. Ganz langsam kehrte ihre Sprache zurück.

»Er hat ihn umgebracht.«

»Erwin hat Ihren Mann umgebracht, damals?« Es dauerte noch einen Moment, dann brach es aus ihr heraus. »Ja, das auch. Aber das meine ich nicht. Sein Sohn … Er hat uns von der Straße abgedrängt. Erwin hat das Lenkrad verrissen, und wir flogen aus der Kurve. Jetzt ist er tot.«

»Fährt der Sohn zufällig einen weißen BMW?«

»Ja.«

»Wissen Sie das Kennzeichen?«

»Irgendetwas mit DD und einer 13 am Ende. 313, 3013 – ich erinnere mich nicht an mehr. Die eigene Brut. Es ist nicht zu fassen.«

Während die Witwe weiter vor sich hinsprach, hatte Oli seine Kollegen vom Annaberger Revier in der Leitung. »Gebt eine Fahndung raus. Weißer BMW aus Dresden, Kennzeichen DD und irgendetwas mit 13 am Ende. Oder schaut, ob ihr ein auf Erwins Sohn zugelassenes Fahrzeug findet, zu dem die Beschreibung passt. Ich denke, er fährt in Richtung A72/A4.«

»Wird gemacht, Scheffe. Die Kollegen vom Verkehr sind schon unterwegs. Die Rettung hast du informiert?«, fragte Sebastian. Er war Olis Zimmerkollege im Revier.

»Ich höre ein Martinshorn in der Ferne. Wir benötigen einen Bestatter, etwa in einer Stunde, wenn auch der Staatsanwalt durch ist. Vollprogramm. Erwin ist tot. Der Arzt ist gerade eingetroffen. Bis dann.«

Den Beamten war es gelungen, Erwin aus dem Auto zu bergen und auf das Feld zu legen. Sie hatten ihn mit einem Tuch bedeckt. Der Arzt überprüfte die Vitalfunktionen, dann nickte er nur kurz und das Tuch wurde wieder über den Körper gelegt.

»Sie haben Glück gehabt. Dem Fahrer konnten wir nicht mehr helfen. Mein Beileid. Ihr Schleudertrauma muss behandelt werden, damit sich nichts daraus entwickelt. Ich würde Sie gern für ein paar Tage zur Beobachtung mit ins Krankenhaus nehmen«, sagte der Notarzt zu Birgit, nachdem er sie kurz befragt und sie über Rückenschmerzen geklagt hatte. Er instruierte das Team des Rettungswagens, das Birgit ins Erzgebirgsklinikum fahren sollte. Dann füllte er die Papiere für das Unfallopfer aus.

»Wen sollen wir benachrichtigen? Haben Sie jemanden, der Ihnen ein paar Sachen bringen kann?«, fragte Oli, als er von der Krankenhauseinweisung erfuhr.

»Nein, nicht wirklich. Meine Tochter wohnt nicht mehr in der Gegend. Und Manfred … Aber das wissen Sie ja. Würden Sie das übernehmen? Ich gebe Ihnen die Schlüssel.«

Oli war so perplex, dass er gar nicht ablehnen konnte. Er ließ sich erklären, wo die gepackte Krankenhaustasche für alle Fälle stand. Der Rettungswagen war gerade mit Birgit zum Annaberger Krankenhaus gestartet, als sein Handy klingelte. »Am Dreieck Nossen haben die Handschellen klick gemacht. Was sollen wir dem Richter erzählen?«

»Der Knabe hat seinen Vater von der Straße abgedrängt, worauf dieser sich überschlagen hat und an der Unfallstelle verstarb. Zeugin ist Birgit, die Lebensgefährtin von Erwin. Der Notarzt hat sie ins Annaberger Krankenhaus bringen lassen. Mir kam der BMW entgegen. Er ist mir aufgefallen, weil er die Kurve schnitt. Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr mit Todesfolge. Vielleicht Mord. Das Motiv? Er hat seinen Vater angezeigt wegen Beihilfe zum Mord, um an das Erbe zu gelangen. Wir ermitteln in der Sache bereits. Vielleicht ging es ihm nicht schnell genug. Oder er hat kein Vertrauen in die sächsische Polizei.«

»Ok, ich gebe das an die Kollegen durch. Ich hoffe, es reicht für einen Haftbefehl«, sagte Olis Mitstreiter. Oli ging die paar Schritte zur Unfallstelle zurück und vergewisserte sich, ob alles den bei derartigen Unfällen vorgeschriebenen Lauf nahm.

Der Bestatter hatte seinen Transporter an der Straße abgestellt. Er lief über das Feld, um sich einen Überblick zu verschaffen und von den Beamten die Papiere für den Transport des Toten zu übernehmen. »Hier können wir nicht heranfahren. Wir kommen mit der Trage und einer Unfallhülle«, erklärte er. Und nach einem Blick auf das Unfallopfer: »Kann uns jemand beim Tragen helfen?« Einer der Beamten der Verkehrspolizei sagte sofort zu.

»In die Rechtsmedizin nach Chemnitz. Ich informiere den Bereitschaftsdienst«, sagte Oli zum Bestatter, der sich auf den Weg zum Auto begab, um seinen Kollegen und die notwendigen Utensilien zu holen.

Es war Zeit für Oli, zu Hause anzurufen. »Adina, ich komme später. Wir sind bei Mildenau. Ein Unfall.«

»Oh Mist, ich habe Rumpsteak gekauft. Ruf mich an, wenn du auf dem Heimweg bist. Ich will das Fleisch nicht totbraten. Mildenau? Sag nicht, dass dein früherer Kollege beteiligt, nein, das Opfer ist.«

»Adina, woher weißt du das schon wieder?«

»Die Fleischverkäuferin, Liane. Sie hat zu einer Kundin gesagt, dass da bestimmt etwas Schlimmes passiert mit dem Sohn und Erwin. Sie hätte so ein Gefühl.«

»Die Gefühle einer Fleischverkäuferin. Aha. Es ist schlimmer, als du denkst. Ich will dir nicht den Appetit verderben, aber ich glaube, blutiges Rumpsteak ist heute nicht das Richtige für mich. Ich liebe dich. Bis dann.«

Oli fuhr zurück nach Mildenau in Birgits Haus und suchte die Dinge, die sie sich für den Krankenhausaufenthalt gewünscht hatte. Ohne Mühe fand er alles, was sie ihm aufgetragen hatte. Ein Umschlag auf dem Küchentisch erregte seine Aufmerksamkeit. Da er offen war, zog Oli das Schreiben heraus. »Aha«, sagte er zu sich.

Im Annaberger Krankenhaus eingetroffen, fragte sich Oli zu Birgit durch. Sie saß auf einem der beiden Stühle am Tisch ihres Einbettzimmers und tippte auf dem Telefon herum. »Mah-Jongg, zur Entspannung«, sagte sie zu Oli. »Ich will an nichts denken.«

»Schauen Sie, ob ich alles habe. Hier ist der Schlüssel. Ich glaube, Sie sind mir eine Erklärung schuldig.«

Birgit begann vor sich hin zu sprechen, ohne Oli anzuschauen. »Es existiert ein Testament. Sie haben es sicher liegen sehen auf dem Küchentisch. Erwins Erbe geht an mich. Den Pflichtteil dürfte sein Sohn heute verwirkt haben. Dabei hat Erwin gerade letzten Sonntag zu mir gesagt, dass er mit ihm sprechen und ihm ein Angebot machen wolle. Ich weiß eh nicht, was ich mit dem ganzen Grundbesitz soll. Am Ende werde ich es verkaufen müssen. Erwin hatte gestern mit seinem Sohn telefoniert. Es ging um Schulden, die der Auswanderer bei seinem Spanienabenteuer aufgehäuft hatte. Der hätte nur ein wenig Geduld haben müssen …«

»Danke, das habe ich aber nicht gemeint. Mich interessiert die Sache mit Erwin und Ihrem früheren Mann. Sie haben oben auf dem Feld etwas gesagt.«

»Ja. Alles lief so ab, wie es damals in der Akte vermerkt wurde. Nur dass Erwin ein bisschen nachgeholfen hat. Er war zufällig in der Wohnung und wollte mit Manfred sprechen, nachdem ich ihm im Revier von den Misshandlungen berichtet hatte. Manfred war wieder einmal blau. Plötzlich sackte er zusammen. Wir dachten, es sei der Alkohol. Im Affekt nahm Erwin die Flasche vom Tisch und flößte ihm zusätzlich eine ordentliche Portion mit ein paar Schlaftropfen ein. Damit wollte er verhindern, dass es wieder mit Schlägen endet. Ich schleifte Manfred zum Bett, wie so häufig, wenn er besoffen war. Erwin war inzwischen gegangen. Den Rest wissen Sie. In der Nacht röchelte Manfred ziemlich laut, und ich rief den Notarzt. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass es mit einem Mal still um mich herum geworden war. Als der Arzt draußen bei uns eintraf, war der Säufermond für Manfred ein letztes Mal untergegangen, für immer. Eigentlich wollte ich all das vergessen. Auf einmal kehrte Erwins Sohn zurück, und ihm folgte Gerede in der Stadt, die Liane und dann die Vorladung auf das Revier. Wissen Sie, wie das ist, wenn man jahrelang vom eigenen Mann misshandelt, geschlagen, vergewaltigt wird und einem keiner hilft, obwohl die Leute rundherum genau Bescheid wissen? Erwin war der Erste und Einzige, der sich um mich gekümmert hat. Und jetzt lassen Sie mich bitte allein. Ich habe nichts getan.«

Es war schon spät, als Oli die Tür zu seiner Wohnung aufschloss. Er setzte sich in den Sessel. »Birgit muss eine Aussage im Revier machen. Dann kann ich die Akte schließen. Der Rest ist Sache der Staatsanwaltschaft. Wenn du erst am Dienstag nach Berlin fährst, begleite ich dich.«

Adina schaute erstaunt auf. Ein Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. »Ok, dann sage ich meinen Eltern, dass ich nicht allein komme. Du bist ein Schatz!«

2 Das Auto im Schlossteich
Chemnitz

»Da bin ich.« Adina warf ihre Tasche schwungvoll auf den Tisch im Besprechungszimmer der Berliner Marketingagentur. Dann zog sie ihre Jacke aus und hängte sie über den Stuhl.

»Wir sind hocherfreut, dass du uns die Ehre gibst, wo du doch gerade von der Berliner Pflanze zum Erzgebirgsmädel werden willst. Herzlich willkommen«, begrüßte Markus seine Mitarbeiterin. Seit Corona im Land gewütet hatte, verzichtete Adina auf die freundschaftliche Umarmung und winkte Markus stattdessen zu. Sowohl Berlin als auch das Erzgebirge hatten lange Zeit einen vorderen Platz in der Infektionsstatistik eingenommen. Die Vorsicht war zum Alltag geworden.

Markus hatte seinen Laptop angestöpselt und eine Deutschlandkarte an die Wand geworfen. Sie zeigte den Stand der Arbeiten für das Tourismusportal, das die Agentur aufgebaut hatte. Adina sah weiße, rote, grüne oder gelbe Flächen und wurde ganz still. »Du, Markus, ich möchte dir Danke sagen. Die Entscheidung, mich weiter in Sachsen arbeiten zu lassen, ist dir sicher nicht leichtgefallen angesichts der vielen weißen Flecken. Ich bin froh, dass du mich nicht in die Pfalz oder die Eifel schickst.«

»Schau auf die gelben Flächen im Erzgebirge. Hier musst du sicher einiges überarbeiten und auf den neuesten Stand bringen. Und rundherum hast du ein breites Betätigungsfeld.«

»Ich war schon zu ein paar Recherchen unterwegs und muss nur noch den Computer füttern. Parallel dazu werde ich erste Informationen zu den neuen Orten sammeln. Du hast doch sicher gehört, dass Teile des Erzgebirges inzwischen zum grenzüberschreitenden UNESCO-Welterbe Montanregion Erzgebirge/Krušnohoří erklärt wurden. Wir können also einiges für uns entdecken. So ganz richtig scheinen mir die Erzgebirger noch nicht aus den Puschen gekommen zu sein, aber vielleicht kann ich ein wenig nachhelfen. Wenn erst die Besucher strömen, wird sich manches bewegen.«

»Ich glaube, Corona hat sich da sogar positiv ausgewirkt. Der Trend zur Rückbesinnung auf Urlaub in Deutschland ist unübersehbar. Das sagen auch deine Mitstreiter, die in den alten Bundesländern unterwegs sind.« Markus tippte mit dem Mauszeiger auf Köln, wo sich Adinas direkter Konkurrent weniger erfolgreich als sie anstellte. Die gelben und weißen Flächen in der Stadt und ihrer Umgebung deuteten darauf hin.

»Warum hinkt er so hinterher?«, fragte Adina.

»Ich verstehe es auch nicht. Er hat deutlich bessere Bedingungen als du. In Köln ist vieles konzentriert und nicht so zertragen wie bei dir im Erzgebirge. 22 Orte Montanregion, dabei allein 17 in Sachsen. Das sagt doch alles. Vermutlich kann er nicht so gut mit Menschen wie du. Dir kommen deine journalistischen Erfahrungen zugute. Aber er stolpert nicht dauernd über Leichen.«

Adina schaute zu Markus. Sein Grinsen verriet ihr, dass er die Bemerkung nicht als Vorwurf betrachtete. Also lächelte sie ebenso. »Ich habe übrigens Oli mit nach Berlin gebracht. Ich wollte ihm den Berliner Winter zeigen, der so ganz anders ist als der im Erzgebirge. Hoffentlich vermisst er das Knirschen des Pappschnees unter den Füßen nicht zu sehr. Zurzeit ist es wieder arg in Annaberg. Dauerfrost und kein Ende in Sicht. Ohne Winterreifen und manchmal sogar Schneeketten geht da nichts. Oli ist gerade auf der Museumsinsel. Demnächst übernimmt er eine Schwangerschaftsvertretung in Dresden. Ich dachte, das passt ganz gut, denn hier wie da gab es spektakuläre Diebstähle in Museen. Deshalb habe ich ihn dorthin geschickt.«

»Ach ja, ich vergaß, dass er ein Kriminaler und stets den Kriminellen auf der Spur ist. Die Verbindung zwischen dir und ihm gefällt mir. Ich hoffe, du pfuschst ihm nicht zu sehr ins Handwerk und er passt ein bisschen auf dich auf.«

»Sagen wir mal so: Er ist nicht immer begeistert von den vielen Zufällen, mit denen ich ständig in Berührung komme. Wobei ich ja nicht wirklich an Zufälle glaube. Aber eine Erklärung habe ich halt auch nicht. Wenn du magst, können wir gemeinsam Mittagessen gehen. Ich könnte Mia fragen, ob sie Zeit hat. Oder wir treffen uns heute Abend«, schlug Adina vor.

»Lass uns erst alles besprechen. Um 14 Uhr habe ich einen Termin. Heute Abend wäre also besser. 19 Uhr. Wo soll ich reservieren?«

»Warte, ich schreibe Mia schnell eine Nachricht.« Kurz nachdem Adina auf Senden geklickt hatte, ertönte der Kuckucksruf, der eine Antwort signalisierte.

»Ok, alles klar. Mia hat zugesagt. Wie wäre es bei Feinberg’s in Schöneberg? Vom Nollendorfkiez aus kommen wir alle schnell nach Hause. Ich mag die Vielfalt der jüdisch-israelischen Küche. Und ich habe lange keinen richtigen Hummus gegessen. Wenn ich in Chemnitz bin, gehe ich immer ins Schalom. Leider bin ich nicht sehr oft dort, aber das kann sich ändern. Schließlich wird Chemnitz Europäische Kulturhauptstadt 2025. Das war für mich eine Überraschung. Immerhin gehörte Nürnberg zu den Bewerbern. Ich bin gespannt, was sich da im Schatten des Nischels entwickelt.«

Markus hakte ein. »Du tust den Chemnitzern unrecht, wenn du sie auf den Karl-Marx-Kopf reduzierst, obwohl der schon beeindruckend ist. Aber das muss ich dir wohl nicht sagen.«

Adina nickte. »Genau. Wobei ich glaube, die Chemnitzer tun sich manchmal selbst unrecht. Das haben die Diskussionen um diverse Kunstprojekte und um die Kulturhauptstadt-Bewerbung bewiesen. So ein bisschen Provinzmief schwingt da immer mit, obwohl die Stadt Potenzial hat. Die Bewerbung um den Kulturhauptstadt-Titel ist ein gutes Beispiel. Das war schon ausgefallen, was die Chemnitzer vorgelegt haben. Der Darm von Karl Marx. Das Größenverhältnis passte sogar irgendwie zum Nischel. Und woran schieden sich die Geister? Na?«

Markus überlegte. »Keine Ahnung.«

»Na, an des Deutschen liebstem Spielzeug – am Auto im Schlossparkteich.«

»Jetzt, wo du es sagst. Was ist eigentlich aus dem Auto geworden? Weißt du das?«

Adina überlegte. »Es wurde aus dem Teich gefischt und eingelagert. Für bessere Tage, mit mehr Kunstverständnis und weniger Kulturbanausen. Kann also dauern.«

Markus wandte sich seinem Laptop zu. »Lass uns die Karte durchgehen. Ich erkläre dir meine Vorstellungen. Du kannst mich gern ergänzen. In zwei Wochen legst du mir ein erstes Konzept vor. Nur grob. Die Reihenfolge überlasse ich dir, da bist du vollkommen frei und kannst auch gern umswitchen, wenn es sich anders ergibt. Dann das Übliche: Recherche, Schreiben, Fotos machen, Blog vervollständigen. Und vergiss nicht, die Daten regelmäßig zu aktualisieren. Wir wollen uns doch von der großen Masse mit ihrer unsäglichen Informationsfülle und veralteten Daten abheben. Nimm dir ruhig zwischen den neuen Orten immer wieder Zeit für alles, was du schon beackerst hast. Wenn du dann bitte den unbefristeten Vertrag unterschreibst … Ich habe dich ein wenig höhergestuft.«

»Oh Markus, das ist klasse. Unbefristet ist noch besser als Verlängerung. Ich danke dir. Dann reicht es bei Feinberg’s heute Abend für ein zweites Glas Wein. Wo ich schon auf mein Israel-Volontariat verzichtet habe! Bevor dein Angebot kam, hatte ich mich bereits beworben. Ein Jahr ohne deutschen Winter! Aber wie so oft durchkreuzte das Leben all die schönen Pläne. Also, dann wenigstens israelisch in Berlin, mit sonnengereiftem Wein aus dem Galil. Weit gereist und schon deshalb nicht so billig.«

»Scherzkeks. Ich lade euch natürlich ein. Geht aufs Haus«, erwiderte Markus, ohne Adinas geöffneten Mund wahrzunehmen. Sie hatte heute ihren Stauntag und wunderte sich schon nicht mehr sehr über Markus’ Großzügigkeit.

Nach der Besprechung traf sich Adina mit Oli bei einem Kaffee. »Wir sind das Projekt komplett durchgegangen. Ich freu mich so auf die Recherchen.« Das Strahlen ihrer Augen unterstrich die Begeisterung, mit der sie sich am liebsten sofort in die Arbeit gestürzt hätte. Aber jetzt war sie erst einmal in Berlin, hatte einige Pflichtbesuche zu erledigen und wollte Oli ein paar Hauptstadt-Raffinessen zeigen.

»Du sagst gar nichts. Bist du schon Berlin-müde?«

»Das Revier hat angerufen. Ich soll eher nach Dresden kommen. Die Akten auf dem Schreibtisch türmen sich, und deine Kollegen vor Ort nerven.«

»Aber das ist doch kein Problem. Dann fahren wir am Freitag zurück und haben das Wochenende in Annaberg vor uns. Am Montag beginnen wir beide mit einer neuen Aufgabe. Ich werde kommende Woche in Chemnitz unterwegs sein. Du kannst dich in Dresden eingewöhnen. Ich komme bald nach.«

»Du bist toll, Adina. Ich dachte, du möchtest vielleicht länger hierbleiben. Bei deiner Familie und deinen Freunden.«

»Berlin läuft nicht weg. Du hast irgendwann frei, und wir können wieder herkommen. Wir haben morgen den ganzen Tag. Heute Abend treffen wir uns mit Mia und Markus im Feinberg’s. Markus hat uns eingeladen. Ich freue mich schon auf das Essen.«

»Feinberg’s? Ein jüdisches Restaurant, ja? Die stehen doch öfter in den Schlagzeilen wegen Bedrohung, Antisemitismus und so was.«

»Ja, aber hier in Berlin musst du nicht ermitteln, und der Abend soll ganz entspannt werden. Die Küche ist jüdisch-sephardisch, also mehr dem Morgenland zugewandt als im Schalom in Chemnitz. Das habe ich dann nächste Woche wieder.«

Am Donnerstag kümmerte sich Adina um ihre Berliner Wohnung, die schon eine Weile nicht mehr gelüftet war. Mia hatte zwar einen Schlüssel, war jedoch im Winter auch nicht so oft vor Ort. »Ich sollte meine privaten Sachen einlagern, was ich brauche, mit nach Annaberg nehmen und die Wohnung an einen Studenten oder Azubi vermieten, was meinst du?«, fragte sie Oli. »Keine schlechte Idee. Bezahlbare Wohnungen auf Zeit sind gefragt. Ich kenne einen Veranstaltungstechniker, der immer eine Woche hier zur Ausbildung ist und dringend eine Bleibe sucht. Er muss jedes Mal im Hotel schlafen, wenn er zur Berufsschule geht.«

»Na, das wäre doch etwas. Wenn du ihn sogar kennst! Sprich mit ihm. Ich packe noch ein paar Sachen ein, die wir morgen mitnehmen. Und meine Papiere und persönliche Dinge kann ich wegsperren.«

Für den Nachmittag waren Adina und Oli zu Adinas Eltern eingeladen.

Zurück in Annaberg nahm Adina die Freie Presse zur Hand. Der tägliche Blick in die regionale Tageszeitung gehörte zu den Ritualen am Beginn ihrer Arbeitstage. Durch die Zeitung war sie schon auf manche Attraktion aufmerksam geworden, die dann später gut recherchiert Eingang ins Tourismusportal gefunden hatte.

»Guck dir das an!« Ihre Stimme ließ Olis Alarmglocken schrillen.

»Was gibt es? Ich hätte mich beinahe geschnitten vor Schreck. Wenn ich fertig bin mit Rasieren, komme ich zu dir.«

Adina begann, den Artikel hastig zu überfliegen.

»In Chemnitz hat man einen Toten gefunden.«

»So etwas ist nicht ungewöhnlich. Was meinst du, wie oft die Feuerwehr zu Türnotöffnungen gerufen wird!«, erwiderte Oli.

»Das glaubst du nicht!«

»Na los, sag schon!« Olis Neugier war geweckt, obwohl er in Boxershorts und weißem Feinripphemd gerade keine klassische Beamtenfigur abgab. Der Rest Rasierschaum am Kinn störte ihn nicht, als er ins Wohnzimmer lief. Auf dem Titelblatt war ein riesiges Foto von einem Auto mit geöffnetem Kofferraum. »Das ist doch …«

Adina ließ ihn nicht ausreden. »Genau das ist es. Das Auto der Kunstaktion in Chemnitz, über das wochenlang heiß diskutiert wurde.«

Adina drückte Oli die Zeitung in die Hand und begab sich zum Computer. »Das muss ich mir genauer anschauen«, sagte sie und begann mit der virtuellen Suche nach Informationen.

Als sie zurück ins Wohnzimmer kam, hatte Oli die Zeitungen der letzten Tage gelesen. »Ein Mann, Mitte 40, offenbar schon tot, als er mit dem Auto in Berührung kam.«

»Das habe ich genau so im Internet gefunden. Kein natürlicher Tod. Und das auf dem Weg zur Kulturhauptstadt und in einem Auto, das als umstrittenes Kunstwerk in der Bewerbungszeit für Schlagzeilen sorgte.«

»Stand im Internet etwas zur Todesursache, ich meine, außer Spekulationen?«

»Deine Kollegen scheinen sich bedeckt zu halten. Ich habe nicht herausbekommen, ob die Leiche mit im Wasser war oder erst später in den Kofferraum befördert wurde. Das Übliche: Ermittlungen nicht gefährden und so. Aber kommende Woche bin ich in Chemnitz. Da kann ich ein bisschen herumhorchen.«

»Adina, du weißt doch: Dein Part ist das Tourismusportal, unsere Arbeit sind die Verbrechen. Wie oft soll ich dir das noch erklären? Bring dich bloß nicht wieder in Gefahr!«

»Keine Sorge, Oli. Ich bin schon groß und kann ganz gut auf mich aufpassen. Ob der Künstler etwas damit zu tun hat?«

»Er lebt im Ausland und ist wohl zurzeit mit einem Projekt in Schweden beschäftigt. Irgendetwas mit Schnee. Ich weiß nur, was in der Medieninformation der Polizeidirektion und in der Zeitung steht.«

»Du bist doch am Montag im Revier. Vielleicht haben deine Kollegen mehr erfahren. Jetzt lass uns fix einkaufen und etwas kochen. Worauf hast du Appetit?«

»Buttermilchgetzen oder etwas anderes Regionales. Aber einkaufen, nee, null Bock. Komm, lass uns essen gehen. Ich lade dich ein. Oben im Restaurant Zum Türmer oder am Markt im Neinerlaa? Ich mag beides.«

»Das Neinerlaa ist nicht so weit.« Oli musste lachen. Die erzgebirgische Aussprache des traditionellen Weihnachtsgerichtes, nach dem das Restaurant im Rathaus benannt war, beherrschte Adina noch immer nicht. Diesen A-Laut brachten nur Sachsen richtig heraus. Berliner hatten da keine Chance. Dafür reichten nicht einmal Adinas Chemnitzer Wurzeln.

»Du willst wegen des Schnees nicht so weit laufen, stimmt’s? Mir ist erst in Berlin aufgefallen, was ich dir mit der sibirischen Kälte hier zumute.«

»Naja, ich habe schon ein wenig Angst vor dem Alleinsein, wenn du in Dresden bist. So ganz ohne Wärmflasche am Nordpol!«

»Soll ich dir fix noch eine besorgen? Vorn in der Apotheke? Was möchtest du? Ein Krokodil, einen Yogi-Bär, eine Ente?«

»Ich hatte mehr an etwas Zweibeiniges gedacht.«

»Fremde Männer kommen mir nicht ins Haus, meine liebe Adina! Im rechten Schrankteil unten sind Kuscheldecken, die Heizung kann man höher drehen. Und hol dir einfach einen Schlafanzug. Die Negligés sehen zwar schön aus, aber sie wärmen nicht. Und wenn ich eh nicht da bin, musst du auch nicht schön aussehen!«

Adina verdrehte die Augen. »Männer-Egoismus? Ich brauche das für mich persönlich! Aber du hast recht. Vielleicht finde ich einen Schlafanzug, der meinen Ansprüchen genügt und erzgebirgskonform ist. Ich werde es zumindest versuchen.«

Obwohl beide neugierig auf ihre neuen Aufgaben waren, durchzog Olis Wohnung am Wochenende eher ein Hauch von Trägheit. Nach und nach wurde klar, dass ihre sehr junge Beziehung einer ersten Belastungsprobe entgegenging. Adina wusch Wäsche. Oli begann, seine Reisetasche zu packen.

»Wo wirst du in Dresden wohnen?«

»Die Polizei hat ein paar kleine Apartments in der Neustadt. Ich werde eines davon beziehen. Ich denke, es ist Platz für dich, wenn du in der Nähe zu tun hast. Zumindest, wenn du allein unterwegs bis. Mit Mia oder einer anderen Begleitung im Gefolge wird es schwierig. Und am Wochenende bin ich wieder da. Wir schaukeln das schon. Es ist ja nicht für immer.«

Den Montag verbrachte Adina am Computer. Sie plante drei Tage in Chemnitz. Am Freitag stand die Aufarbeitung der gewonnenen Erkenntnisse am Computer an. Dann würde sie sehen, ob sie mehr Zeit brauchte. Sie schrieb eine E-Mail an die Jüdische Gemeinde, um ein Treffen zu vereinbaren. Bei ihrem ersten Besuch im Jahr zuvor war dafür keine Zeit gewesen. Inzwischen rannte ihr die Zeit davon, denn lange würde es nicht mehr dauern, und sie fände keine Bekannten ihrer Urgroßmutter mehr.

Dann erklärte sie dem Team vom Kulturhauptstadtbüro, was sie nach Chemnitz trieb, und fragte nach einem Treffen für ein Gespräch. Der Termin am Dienstagnachmittag war perfekt. Vorher wollte sie in die Kunstsammlungen gehen.

Die Antwort von der Jüdischen Gemeinde traf schnell ein. »Sicher erinnern wir uns an Sie und den merkwürdigen Mann mit seinem Verfolgungswahn. Sie können sich am Mittwochvormittag mit Frau Rosenkranz treffen. Sie kannte Ihre Urgroßmutter und kann Ihnen etwas von ihr erzählen. Außerdem habe ich unseren Historiker angefragt. Er forscht seit vielen Jahren zu den Spuren jüdischer Geschichte in Chemnitz und hat die Ergebnisse für ein Buch zusammengetragen. Wir suchen zurzeit nach Sponsoren, um es drucken zu lassen.« Auch der Besuch des Jüdischen Friedhofes wurde bestätigt. Im Abspann der Mail fand Adina die Kontaktdaten und die Adresse der Frau, die sie bei sich zu Hause zum Gespräch erwartete. Sie verfasste eine Bestätigung und schickte sie mit einem Klick nach Chemnitz. Für den Abend hatte sie sich im Schalom einen Platz reservieren lassen. »Wir freuen uns«, hatte Uwe vom Team kurz und bündig geantwortet.

Oli war noch einmal im Annaberger Revier gewesen. Er kehrte am frühen Nachmittag zurück, um die restlichen Sachen einzupacken. Am Dienstag wollte er früh zeitig nach Dresden aufbrechen.

»Und?«, fragte Adina nach dem Begrüßungskuss.

»Lass mich erst einmal ankommen. Es gibt ein Amtshilfeersuchen.«

»Amts-hil-fe-er-su-ch-en.« Adina zog die Silben des Wortes weit auseinander. »Wer denkt sich solche Wörter aus?«

»Willst du etwas über den Toten in Chemnitz wissen oder dich mit mir über Fachbegriffe streiten? Das heißt eben so. Wir können nicht einfach ins Ausland fahren und dort ermitteln. Außerdem darf ich dir das gar nicht erzählen.«

»Och, Oli, nun sei nicht gleich so gereizt. Das war doch nur ein Scherz.«

»Du hast recht. Normalerweise hebt mich das nicht an. Aber ich bin nun doch aufgeregt und sehr gespannt, was mich in Dresden erwartet.«

»Es wird nicht schlimmer werden als hier. Und du wirst genau wie hier arbeiten. Oder was befürchtest du?«

»Ich war seit dem Studium nie lange von Annaberg weg, nur im Urlaub. Und dabei nach zwei Wochen zurück in meiner Wohnung.«

»Oli, du hast diese Woche effektiv dreieinhalb Tage. Bis Dresden sind es keine 100 Kilometer. Und am Freitag sehen wir uns wieder.«

»Stimmt. Übrigens glauben die Ermittler nicht, dass der Künstler etwas mit der Autoleiche zu tun hat. Und ich auch nicht.«

Adina war froh, dass Oli den Faden wieder aufgenommen hatte. »Weiß man denn schon, wer der Tote ist? Das Geschlecht steht wohl fest.«

»Ja, es ist ein Mann. Und vermutlich … Nein, Adina, das ist Spekulation und das darf ich dir nun wirklich nicht …«

»Oli, ich kann schweigen. Glaub mir.«

»Es könnte etwas mit der Kulturhauptstadt zu tun haben. Oder mit Geld. Oder mit beidem. Er war Berater oder so etwas. Du fährst doch morgen nach Chemnitz. Vielleicht erfährst du dort mehr. Halt mich auf dem Laufenden. Und bitte: keine Alleingänge!«

Oli war bereits aus dem Haus gegangen, als Adina erwachte. Sie beschloss, in Chemnitz zu frühstücken. Es dauerte nicht lange, und sie begab sich zum Auto. Je mehr sie sich Chemnitz näherte, desto mehr schwand der Winter. Die Straßen waren komplett frei. Ihr erster Weg führte sie in die Kunstsammlungen, die sie bereits von ihrem Erzgebirgsprojekt her kannte. Hier war sie in den Medienrummel geraten, nachdem sie der Polizei entscheidende Hinweise gegeben hatte und dadurch der Diebstahl eines Bildes aufgeklärt werden konnte. Inzwischen war die Direktorin von damals in den Ruhestand gegangen. Der neue Generaldirektor stand mit der Bewerbung für die Kulturhauptstadt und dem 100-jährigen Jubiläum der Kunstsammlungen gleich vor einer richtigen Herausforderung.

Für ein komplettes Frühstück war es ein wenig spät. Deshalb lief Adina zur Gastromeile in der Inneren Klosterstraße und suchte sich ein Café mit einem kleinen Speiseangebot. Von hier aus war es nicht so weit zum Kulturhauptstadtbüro.

»Adina Pfefferkorn? Sie hatten einen Termin mit unserem Chef. Leider müssen Sie mit mir vorliebnehmen. Er musste kurzfristig weg. Die Geschichte mit dem Auto, Sie wissen schon. Ich bin seine Vertretung«, stellte sich die Blondine am Tresen vor. »Schauen Sie, das hat er für Sie vorbereitet.«

Adina nahm eine Mappe mit Papieren entgegen. »Wie war Ihr Name?«, fragte sie die Mitarbeiterin. »Frau Kemnitzer. Wie Chemnitz, nur mit K und er am Ende. Das kann man sich leicht merken. Nehmen Sie doch Platz und schauen Sie alles in Ruhe durch. Wenn Sie Fragen haben, sprechen Sie mich an. Für Details würde ich vorschlagen, dass Sie einen neuen Termin vereinbaren, wenn der Trubel hier nachgelassen hat.«

»Das wäre dann 2026, schätze ich. So viel Zeit habe ich nicht«, erwiderte Adina. Die Blondine prustete los.

»Ich meine den Trubel mit dem Mord.«

Oha, dachte sich Adina. Endlich hat jemand das böse M-Wort ausgesprochen. »Ja, ich glaube, das ist das Beste. Wenn Sie nichts dagegen haben, nehme ich die Mappe mit nach Hause. Ich melde mich dann telefonisch oder per Mail.« Adina packte die Sachen in ihre Tasche, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Natürlich. Wir hoffen, die Sache ist bald aufgeklärt. Mit dem Skoda haben wir einiges vor.«

»Ach ja?«

»Klar, er war so ein toller Aufreger. Und bewährte Waffen nutzt man bekanntlich weiter. Sie sind eine Frau, da muss ich nichts erklären!«

»Stimmt! Hatte das nicht Brigitte Reimann in ihrem Kultroman Franziska Linkerhand über den Minirock gesagt? ›Bewährte Waffen verschrottet man nicht.‹ Ein Lieblingsspruch meiner Mutter. Dann tschüss bis zu besseren Tagen«, verabschiedete sich Adina. Die freie Zeit nutzte sie für einen Spaziergang durch den Wasserwerkspark, der direkt an der Strecke nach Annaberg liegt. Angesichts der Temperaturen reichte ihr eine kleine Runde. Dann fuhr sie die B95 zurück in ihre Annaberger Bleibe.

Am Abend schickte Oli eine Sprachnachricht.

»Ich bin ziemlich fertig, früh die Fahrt, dann arbeiten und Wohnung einrichten. Aber meine Bude ist wunderschön, in Dresden-Neustadt, gleich an der Kunsthof-Passage. Das wird dir gefallen, Adina. Lass uns morgen telefonieren. Ich gehe duschen und ins Bett.«

»Ich war fleißig, obwohl nicht alles wie erwartet lief. Der Chef vom Kulturhauptstadtbüro konnte mich nicht empfangen. Er war wegen einer Mordsache unterwegs, sagte seine Mitarbeiterin. Mehr konnte ich nicht erfahren. Bis morgen, Schatz«, sprach Adina ins Handy.

Als der Handywecker Adina mit sanftem Israel-Jazz weckte, klingelte auch ihr Handy. »Guten Morgen, Schatz«, flötete ein gut gelaunter Oli durch die Leitung.

»Ich bin gerade am Aufwachen«, hauchte Adina zurück.

»Ist es warm im Bett, so ohne mich?«, fragte Oli.

»Es könnte wärmer sein. Ich hoffe, bei dir auch«, erwiderte Adina.

»Ich bin schon vor einer Weile aufgestanden, also ganz kalt. Ich muss gleich los und wollte dir nur einen guten Morgen wünschen«, verriet Oli.

»Ich bin schon fast aufgestanden und auf dem Weg nach Chemnitz. Heute treffe ich mich mit der Frau, die meine Urgroßmutter kannte. Und abends bin ich im Schalom«, sagte Adina.

»Ich will dich gar nicht aufhalten. Eine gute Fahrt wünsche ich dir. Vielleicht können wir heute Abend telefonieren.«

Adina nahm eine Dusche, putzte ihre Zähne und zog mehrere Lagen übereinander an, um sowohl für innen als auch außen gerüstet zu sein. Nach einem kleinen Kaffee startete sie. Der Verkehr war mäßig. Als sie Klaffenbach passierte, fiel ihr ein, dass sie lange nicht am Wasserschloss war. Sie dachte noch nach, wie sie einen Besuch in ihren Terminplan einbauen könnte, als der Blitzer in Harthau ping machte. Na prima, das geht gut los, sagte sie laut vor sich hin. Bis zum Ziel waren es noch etwa 15 Minuten auf der Bundesstraße und ein kurzes Stück Nebenstraße.

»Hübsch haben Sie es hier. Und so eine schöne Aussicht auf den Kaßberg. Wie muss das erst sein, wenn alles grünt und blüht oder der Herbst seine Farben ausschüttet«, sagte Adina nach der Begrüßung zu Frau Rosenkranz. Der Tisch war für vier Personen gedeckt. »Das ist meine Tochter Leah. Frau Kievernagel von der Jüdischen Gemeinde wird gleich kommen. Nehmen Sie doch inzwischen Platz. Kaffee oder Tee?«

Adina entschied sich für Tee. Einen Kaffee hatte sie schon in Annaberg getrunken, bevor sie losgefahren war. Die Tochter übernahm das Eingießen.

Frau Rosenkranz wärmte ihre Hände an der Tasse, obwohl der Raum gut geheizt war. Dann begann sie zu erzählen: »Ihre Urgroßmutter Adina war eine bemerkenswerte Frau. Was wissen Sie von ihr?«

»Nicht viel. Als sie starb, war ich erst vier. Meine Großmutter hat immer davon gesprochen, dass sie ihre Mutter Adina nach Berlin holen wollte. Aber es ist offenbar nicht so leicht, einen alten Baum zu verpflanzen. Sie war wohl zwei, drei Mal bei uns in Westberlin, aber sie mochte den Großstadttrubel nicht. Dabei ist Chemnitz nicht unbedingt ein Dorf. Und jetzt, wo es Kulturhauptstadt werden soll …«

»Das mit der Kulturhauptstadt ist eine feine Sache. Nur leider hat sie schon ein erstes Opfer gefordert. Haben Sie von dem Toten im Schlossteich-Auto gehört?«

»Ich habe es in der Freien Presse gelesen. Wissen Sie mehr darüber?« Adina nahm die Fährte auf, obwohl ihr Besuch ein ganz anderes Ziel verfolgte.

»Na ja, etwas Genaues weiß ich nicht. Nur dass der Mann etwas mit der Chemnitzer Bewerbung zu tun hatte. Und dass es da gewisse Neider gibt, zum Beispiel in Mittelfranken, kann man aus diversen Zeitungsbeiträgen herauslesen.«

Adina dachte nach. Ihr war bekannt, dass Ostdeutsche mehr zwischen den Zeilen lasen als in den Zeilen. Vor allem herauslasen. »Sie meinen, da wollte jemand die Entscheidung für Chemnitz verhindern und den Titel nach Nürnberg holen?«

»Ganz so vielleicht nicht. Dafür wurde er zu spät umgebracht. Aber irgendwer hat ihm den Erfolg nicht gegönnt und war vielleicht sauer, weil es in Nürnberg nicht geklappt hat.« Es klingelte. Die Tochter von Frau Rosenkranz stand auf und betätigte den Türöffner.

»Frau Kievernagel. Ich habe gehört, Sie kennen sich bereits«, sagte sie zu Adina. »Ja, wir hatten schon miteinander zu tun, nur hatte ich damals nicht viel Zeit für meine privaten Forschungen.«

»Bevor ich es vergesse: Unser Historiker erwartet Sie um 13 Uhr am Friedhof. Ich werde Sie begleiten. Widerspruch zwecklos«, sagte Frau Kievernagel im Anschluss an die Begrüßung.

Nachdem Frau Rosenkranz die letzte Tasse mit duftendem Tee grusinischer Art, wie sie betonte, gefüllt hatte, begann sie über Adinas Urgroßmutter zu sprechen.

»Adina Pfefferkorn hatte nach dem Ersten Weltkrieg ein Lehrerseminar besucht. Sie sprach fließend Englisch. Eine Karriere blieb ihr jedoch verwehrt, und genauso ihrem Mann, einem Arzt. Der war katholischer Christ, durfte aber trotzdem nicht mehr praktizieren. In seiner Akte stand, dass er eine Frau mosaischen Glaubens hatte. Es half nichts, dass sich die beiden pro forma scheiden ließen. Damals lebten sie in Niederschlesien, nicht weit entfernt von Waldenburg, das heute Walbrzych heißt.«

Adina versuchte, ihr Herzklopfen zu unterdrücken.

»Wie kam sie nach Chemnitz?«

»Sie hatte hier Freunde, die ihr halfen, nachdem sie mit den Kindern allein war und die Ostgebiete geräumt wurden. Sie wissen sicher, dass ihr Mann frühzeitig starb und sie allein durchkommen musste. Da sie fließend Englisch sprach, konnte sie als Übersetzerin arbeiten, allerdings wurde Englisch vorerst im Osten nicht so sehr gebraucht. Da war man mit Russisch besser dran. Im hohen Alter gab sie Kurse an der Volkshochschule und Privatunterricht für Studenten. Bestimmt begeisterte sie ihre Tochter für Sprachen, also Ihre Großmutter Flora. Die wurde Dolmetscherin.«

»An sie kann ich mich gut erinnern. Sie wohnte damals bei uns in der Nähe, in Westberlin. Mein Großvater war schon tot. Lebt eigentlich noch jemand von ihren Freunden hier?«

»Es wurde etwas von einem Gönner oder Liebhaber gemunkelt, aber keiner von uns hat je erfahren, wer er war. Wir wissen nicht, ob er hier lebte oder nur ab und an zu Besuch kam. Ich glaube, er ist kurz vor Adina gestorben. Sie hatte mit einem Mal keinen Lebensmut mehr. Die Tochter war in Berlin, der älteste Sohn ging gleich nach dem Krieg in einen Kibbuz in Palästina. Der jüngere war ständig für seine Firma im Ausland unterwegs. Die Enkel hat sie auch nicht so oft gehabt wie andere, deren Kinder zu DDR-Zeiten in Karl-Marx-Stadt zu Hause waren. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass sie einsam war.«

Adina überlegte kurz. Als Frau Rosenkranz weiter schwieg, sagte sie: »Vielleicht sind die unerfüllten Lieben die dauerhaftesten.« Dann blickte sie aus dem Fenster bis zur Kaßberg-Auffahrt ihren Gedanken hinterher.

»Kommen Sie, ich zeige Ihnen etwas«, riss Frau Rosenkranz Adina aus ihren Gedanken. Sie stand auf und ging durch den Flur in ein leer wirkendes Zimmer. »Das Bild hat sie für mich gemalt. Wussten Sie, dass sie künstlerisch begabt war? Bild und Text stammen von ihr.«

Adina las ein Gedicht, in schnurgeraden Lettern auf den Zeichenkarton gemalt, inmitten sich kunstvoll rankender Verzierungen.

»Das klingt sehr nach unerfüllter Liebe«, stellte Adina fest, nachdem sie die drei Strophen halblaut rezitiert hatte.

»Ich möchte Ihnen das Bild schenken. Ich würde mich sehr freuen, wenn es einen guten Platz bei Ihnen findet.«

Adina schaute Frau Rosenkranz überrascht an. »Aber das kann ich doch nicht annehmen.«

»Natürlich können Sie das. Meine Tage hier sind gezählt. Ich ziehe in eine Seniorenresidenz und habe nicht mehr so viel Platz. Und was meinen Sie, was meine Kinder mit dem ganzen Zeug hier machen! Da ist es mir viel lieber, wenn wenigstens einige Stücke in gute Hände kommen.«

Adina umarmte die Frau, ohne nur einen Moment zu zögern. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll.« Ein Tränchen kullerte über Adinas Gesicht.

Frau Kievernagel schaute auf die Uhr, dann zu Adina. »Bei dem Wetter …«, begann sie. »Ja, ich weiß, wir müssen. In der Kälte ist es noch unanständiger als sonst, jemanden warten zu lassen. Soll ich Sie in meinem Auto mitnehmen? Ich könnte Sie anschließend zurückbringen«, bot Adina an.

»Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich wohne hier in der Nähe«, antwortete Frau Kievernagel.

Der Historiker stieg aus dem Auto, als Adina mit Frau Kievernagel am Friedhof parkte. Er hatte für Adina einen Umschlag mit Fotos ihrer Urgroßmutter mitgebracht. »Das ist alles, was ich im Moment gefunden habe. Bei mir stehen noch einige Kartons zur Auswertung. Wenn Sie mir Ihre Kontaktdaten dalassen …«

Adina hatte bereits nach ihrem Visitenkartenetui gegriffen und ein Kärtchen herausgenommen.

»Ich würde mich sehr freuen. Aber erst einmal herzlichen Dank für Ihre Mühe. Ich weiß gar nicht, wie ich das wiedergutmachen kann. Ich wurde heute so reich beschenkt.«

»Keine Ursache. Ich beschäftige mich ohnehin mit dem Thema. Und forschen ist eher eine einsame Arbeit. Es ist eine große Freude für mich, wenn ich jemandem eine Freude machen kann. Im Alter kommt man darauf, dass an dem Spruch Geben ist seliger denn nehmen tatsächlich etwas dran ist.«

Der Historiker hielt Adina einen kleinen Vortrag über die Geschichte der Juden in Chemnitz, während sie über den Jüdischen Friedhof schlenderten. Nicht alle Wege waren schneefrei, sodass sich der Rundgang auf die Hauptwege konzentrierte. Adina erfuhr etwas über die Stadt im Allgemeinen und das Leben ihrer Urgroßmutter im Besonderen. »Sie bieten viele Vorträge und Rundgänge an?«, fragte Adina.

»Ja, seit ich im Ruhestand bin, habe ich das Programm erweitert«, sagte der Historiker.

»Das ist gut, ich werde den Kontakt in mein Tourismusportal aufnehmen und zu den Terminen verlinken. Sind Sie damit einverstanden?«

»Aber natürlich. Vorträge ohne Besucher sind grässlich. Da kann man immer Unterstützung gebrauchen. Und kostenlose sowieso.«

Adina freute sich, dass sie dem Mann eine winzige Gegenleistung für seine Hilfe bieten konnte. Sie verabschiedete sich von ihm und fuhr mit Frau Kievernagel zum Kaßberg. Dann gab sie die Heinrich-Zille-Straße ins Navi ein. Einen Parkplatz fand sie gleich um die Ecke bei der hübschen Buchhandlung am Brühl.

Das Schalom war gut gefüllt. »Herzlich willkommen! Wir haben dir einen der besten Plätze reserviert. Und sicher bist du da auch, gleich neben unseren Chemnitzer Beamten«, begrüßte der Wirt Adina, nachdem diese das Restaurant betreten hatte.

»Hallo, Uwe, ich freue mich schon seit gestern, als ich den ersten Tag in Chemnitz unterwegs war.« Der Mann mit der dunkelroten Schürze und der Kippa auf dem Kopf führte sie zum Platz.

»Das ist Adina Pfefferkorn. Sie hat euch damals den Verrückten geliefert, der überall Beutekunstjäger gewittert hat. Die Sache in den Kunstsammlungen«, stellte der Wirt Adina den Männern vom Nachbartisch vor. Sie wusste für einen Moment nicht, wie sie sich verhalten sollte. »Wir kennen uns«, rief ein hagerer Mittdreißiger von der hinteren Stirnseite. »Ich habe damals die Anzeige aufgenommen. Kriminalhauptkommissar Müller, Sie erinnern sich sicherlich.« Damit war das Eis gebrochen, obwohl Adina den Mann nicht wiedererkannt hätte. Die Beamten boten ihr einen freien Platz an ihrer Tafel an. »Ich werde erst etwas essen, dann können wir an Ihrem Tisch schwatzen, wenn Sie nichts dagegen haben«, antwortete sie und setzte sich auf ihren reservierten Platz.

»Das ist schon mein zweites jüdisches Restaurant innerhalb einer Woche. Vor ein paar Tagen war ich im Feinberg’s in Berlin«, erzählte Adina, als Uwe ihr die Speisekarte reichte.

»Und?«

»Anders als hier, mehr sephardisch, Sabich, Shak­shuka, Kebab, Kibbeh, also alles, was man aus der orientalischen Küche kennt. Es gibt aber viele Sachen, die ihr hier habt. Natürlich Zackenbarsch in scharfer marokkanischer Soße, also Chraime, Hummus, Falafel und all die Mezze-Vorspeisen. Ich glaube, gefilte Fisch, Borschtsch, Kneidlach oder Tscholent und solche osteuropäischen Sachen haben sie nicht auf der Karte. Super lecker ist es aber hier wie dort.«

»Danke. Na, dann nimm doch heute etwas Aschkenasisches. Blinzes, Latkes, Hühnchen …«

»Erst bringst du mir ein Simcha. Ich muss heute zurück, da ist nichts mit viel Alkohol. Ein kleines Bier geht aber. Ich bin mehr als eine Stunde da. Und wenn du mit dem Bier kommst, weiß ich, was ich esse.«

Der Kellner brachte das Bier. Adina gab ihre Bestellung auf. »Hummus muss sein. Dann würde ich gern die jiddische Hühnersuppe probieren. Damit dürfte die Sättigungsgrundlage geschaffen sein. Lattkes mit Gemüse könnten gerade noch reinpassen.«

»Klar, du schaffst das. Es dauert ein wenig.«

Adina nahm einen Schluck Bier, wischte sich den Schaum von den Lippen und wandte sich den Beamten zu. »Ganz schön was los in Chemnitz. Der Rummel um die Kulturhauptstadtbewerbung, die ganzen dämlichen Störmanöver und jetzt ein Toter.«

»Das hat sich bis in die Hauptstadt herumgesprochen?«, fragte der Mann, den sie bereits kannte.

»Klar, Herr Müller. Wir Berliner Pflanzen sind immer gut informiert, und Journalisten sowieso. Aber ich wohne zurzeit im Erzgebirge. Ich war nur ein paar Tage in Berlin, mit meinem Auftraggeber sprechen, meine Eltern besuchen, nach meiner Wohnung sehen. Die Gegend hier ist mir so ans Herz gewachsen. Da zieht es mich immer schnell zurück.« Das ironische »vor allem im Winter« verkniff sie sich.

Kriminalhauptkommissar Müller setzte zum Sprechen an. Sein Tischnachbar kam ihm zuvor. »Ich bin der Harald. Und der Herr Müller, der heißt Steffen.«

»Ich bin Adina. Sorry, mein Essen.« Die Antwort fiel knapp aus, denn Adina wollte sich dem eben servierten Hummus widmen. Sie brach das Brot ab, tauchte es in den Kichererbsen-Sesampastenbrei und murmelte »himmlisch« vor sich hin. Die weiteren Gänge kamen auf den Punkt. Adina orderte ein Wasser und wechselte nach dem Essen zum Nachbartisch. Als sie saß, schaute sie demonstrativ auf ihre Uhr. »20 Minuten, dann muss ich weg. Haben Sie die Sache mit dem Auto schon aufgeklärt?«

»Nein, wir tappen im Dunkeln. Es gibt ein paar vielversprechende Spuren, aber keinen Durchbruch«, antwortete Kriminalhauptkommissar Müller. Adina überlegte kurz. Sie wusste, dass die Beamten alle Gesprächstricks kannten, und wollte nicht ganz so plump erscheinen. Doch die Flirtversuche von diesem Müller, die hatten Potenzial.

»Stimmt es, dass der Mann umgebracht und ins Auto gelegt wurde?«, begann sie.

»Ich würde dem nicht widersprechen«, antwortete der Kommissar und blickte Adina an.

»Und dass die Sache mit der Kulturhauptstadt zusammenhängt?«

»Wie kommen Sie darauf?«, hakte der Kommissar nach.

Die Salamitaktik schien zu funktionieren. Adina versuchte, ihn weiter anzufüttern. »Ich habe mich gestern und heute mit einigen Chemnitzern getroffen. Die sprachen davon. Einige vermuten einen Zusammenhang mit anderen Bewerbern für den Titel. Und schon bevor ich herkam, habe ich mir angeschaut, was in diversen Medien veröffentlicht wurde. Ich meine, vor allem in den sozialen Medien, die nur dem Namen nach sozial sind. Meldungen, Kommentare, Bilder …« Adina trank den letzten Schluck aus ihrem Glas. »Ich muss nach Annaberg. Man sieht sich vielleicht an der einen oder anderen Stelle. Oder irgendwann wieder im Schalom.« Als sie sich verabschiedete, bemerkte sie ein enttäuschtes Gesicht.

Während der Rückfahrt telefonierte Adina über die Freisprechanlage mit Oli. Er kam kaum zu Wort, so viel hatte Adina zu berichten. »Und stell dir vor, die Chemnitzer Beamten vermuten auch, dass der Tote mit der Kulturhauptstadt zu tun hat«, erzählte sie ihm.

»Ich bin bei der Übergabe. Medienbetreuung ist etwas anderes als Dienst an vorderster Front. Nimm dir für das Wochenende nicht zu viel vor. Ich glaube, ich will einfach relaxen«, erfuhr sie von Oli.

Adina war gerade in Olis Annaberger Wohnung angekommen, als ihr Handy vibrierte. »Hier ist Kriminalhauptkommissar Müller. Könnten Sie morgen ins Präsidium kommen und Ihren Laptop mitbringen? Wir würden uns gern die Bilder mit Ihren Beobachtungen vor Ort anschauen.« Das ging ja schnell, dachte Adina und hatte Mühe, ernst zu bleiben. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Oli, der ebensfalls ein forsches Tempo an den Tag gelegt hatte. »Klar, ich bin morgen ohnehin in Chemnitz. Ich denke, so ab halb zehn.«

»Ja, das passt. Melden Sie sich beim Einlassdienst – so wie damals bei der Aussage zum Beutekunstjäger. Ich hole Sie ab.«

»Ok, bis morgen.« Adina verabschiedete sich und ließ ein heißes Bad ein. So aufgewühlt, wie sie war, konnte sie ohnehin schlecht einschlafen. Immerhin schien sie auf Männer zu wirken. Vor allem auf Single-Beamte. Deshalb war sie jetzt hier in dieser sibirischen Kälte. Und hier wollte sie auch bleiben, obwohl sie gerade wieder einmal ihren Marktwert getestet hatte. Oder ihr der Test aufgezwungen worden war. In der Nacht träumte Adina von zwei Kriminalkommissaren, die Russisch Roulette spielten. Sie wachte auf, als der Schuss gefallen war – ohne zu wissen, wie das Duell ausging. Das flaue Gefühl im Magen begleitete sie während der Fahrt nach Chemnitz. Lange vor dem Ortseingang Harthau ging sie vom Gas und schaute auf den Tacho.

Punkt 9.30 Uhr öffnete Adina die Tür zum Polizeipräsidium. Es dauerte nicht lange, und Kriminalhauptkommissar Müller holte sie am Eingang ab. »Jetzt bin ich aber gespannt«, sagte er nach einer kurzen Begrüßung.

Adina fuhr ihren Laptop hoch und klickte auf den ersten Link. »Schauen Sie, ich meine diesen Mann hier. Der taucht auf vielen Bildern auf, die mit der Kunst im nicht geschützten Raum in Verbindung stehen. Sogar, als das Auto aus dem Schlossteich gefischt wurde.«

Adina schaute zu den Beamten und folgte einem weiteren Link. »Sehen Sie, hier.« Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass der Mann, der sich ihr als Harald vorgestellt hatte, seinem Kollegen zunickte. Dann verließ er den Raum und kam kurze Zeit später mit einem weiteren Zivilbeamten zurück.

»Guck mal, Armin, ist das dein Kumpel?« Der mit Armin angesprochene Beamte trat näher an Adinas Laptop heran. »Klar, der war auch dabei, als der Skoda wegen mutwilliger Zerstörung abgefischt wurde. Nach der Reparatur wurde das Auto ja wieder versenkt. Jedes Mal versuchten ein paar Deppen, die Aktion mit sinnlosen Anzeigen zu stören. Ich kenne den.«

»Du kennst ihn?«, hakte Müller nach.

»Das ist doch dieser geschasste Schauspieler aus Nürnberg. Er hatte zwei, drei Engagements am Chemnitzer Theater. Warst du mit in der Premiere von diesem DDR-Stück, wo der sich so blamiert hat? DDR können halt nur Ossis«, sagte Armin. »Kannst du bitte ermitteln, wie der hieß und was aus ihm geworden ist?«, bat Steffen Müller.

»Den Namen habe ich. Schaut mal hier.« Adina hatte einen weiteren Link angeklickt.

»Ja klar, das ist er. Einmal gesehen, alles geschehen, äh, nie vergessen. Bin gleich wieder da«, verabschiedete sich Armin.

»Trinken wir noch eine Tasse Kaffee zusammen?«, fragte Kriminalhauptkommissar Müller, während Adina den Laptop herunterfuhr.

»Klar, ich musste heute zeitig aus dem Haus, da war nicht viel mit Frühstück«, gestand Adina.

»Ich lade Sie gern zum Frühstück ein. Es ist nichts Opulentes.Wir haben belegte Brötchen, Joghurt, Salat. Wenn Sie kein Veganer sind …« Er lächelte sie verführerisch an.

»Nein, in meinem Job wäre das ziemlich schwierig. So ausgeprägt ist das Angebot in Deutschland nicht, vor allem nicht im ländlichen Raum. Zwei halbe Brötchen und ein Joghurt wären schick. Und ein Milchkaffee. Dankeschön.«

»Das geht uns ähnlich. Wir sind nicht immer im Präsidium und brauchen manchmal zwischendurch etwas zu beißen. Ich bin gleich wieder da.« Während der Kommissar das Tablett mit Kaffee, Brötchen und Joghurt zum Tisch brachte und alles arrangierte, flog die Tür zum Besprechungszimmer auf.

»Das glaubst du nicht. Der hat den Nürnberger Bewerbungsprozess für die Kulturhauptstadt geleitet und verhindert, dass unser teurer Toter dort zum Zuge kam. Dieser wurde daraufhin in Chemnitz aktiv und trug maßgeblich zum Erfolg bei. Wenn das kein Motiv ist, fress’ ich einen Besen.«

»Vergiss den Stiel nicht. Und nun? Amtshilfeersuchen nach Mittelfranken?«

»Haben Sie Amtshilfeersuchen gesagt? Ich glaube, das Wort verfolgt mich.« Adina prustete los. Kriminalhauptkommissar Müller schaute sie verdutzt an.

»Mein Freund ist Kriminalhauptkommissar, genau wie Sie. Nur in Annaberg. Aber gerade hat er eine Schwangerschaftsvertretung in Dresden übernommen. Der wirft auch immer mit solchen komischen Begriffen um sich.«

»Annaberg, Dresden … Lars-Oliver? Kein Wunder, dass Sie so fit in Sachen Ermittlung sind.«

»Ja, Oli, Sie kennen sich? Und bitte, ich bin Journalistin, wir wissen, wie so etwas geht. Bei uns heißt es eben nur Recherche und nicht Ermittlung.«

»Wir haben zusammen studiert und telefonieren ab und an miteinander. Er erzählte mir von seiner Freundin, die ständig über Mord und Totschlag, Raub und andere Straftaten stolpert.«

»Bei genau so einer Sache haben wir uns kennengelernt. Am Waldgeisterweg. Aber das war bei Weitem nicht mein erster Toter hier in Sachsen.«

»Die verrückten Pilz-Opas. Ich erinnere mich. Das kursierte damals durch alle Gazetten.«

Armin, der sich unbemerkt aus dem Zimmer geschlichen hatte, kam zurück. »Erledigt. Die Nürnberger fühlen dem erfolglosen Mimen auf den Zahn. Ich glaube, unser Wochenende ist gerettet.«

»Dann darf ich mich jetzt verabschieden. Ich möchte mich ein bisschen in Chemnitz umschauen und mein Portal auf den neuesten Stand bringen. Es wäre nett, wenn Sie mich über den Ausgang der Ermittlungen auf dem Laufenden hielten. Journalisten sind halt immer furchtbar neugierig. Und die -innen noch mehr.«

Und nun hat sich das mit dem Flirten auch erledigt, dachte Adina, der Steffens Annäherungsversuche nicht entgangen waren.

»Klar, ich habe Ihre Daten. Oder ich rufe Oli an. Aber erst, wenn der Fall geklärt ist.«

3 Gestörte im Wald
Landkreis Mittelsachsen

Sonntagmorgen. Adina wälzte ihren Kopf auf dem Kissen hin und her. Ein Blick auf die Handy-Uhr verriet ihr, dass es viel zu früh zum Aufstehen war. Als sie sich umdrehte, sah sie, dass Oli ebenso wie sie aufgewacht war und die Decke anstarrte. Sie kuschelte sich an ihn.

»Hast du Lust, mit mir raus nach Blockhausen zu fahren? So früh ist bestimmt keiner dort. Sonnenaufgang über dem Erzgebirge. Und vom Sauensäger aus kann man den bunten Schornstein von Chemnitz sehen. Vielleicht ist die Beleuchtung noch an. Ich liebe diese Neonfarben. Nur bin ich viel zu selten nachts unterwegs, um sie zu genießen.«

»Dein Vorschlag klingt verlockend. Gib mir fünf Minuten zum Aufwachen, ja?«

Adina ließ nicht locker. »Wir können einen ausgedehnten Spaziergang über das Gelände und durch den Wald unternehmen. Das macht unsere Köpfe frei nach dieser anstrengenden Woche mit all ihren Veränderungen und emotionalen Herausforderungen. Auf dem Rückweg essen wir zu Mittag im Kalkwerk Lengefeld. Wir müssen vorher anrufen und uns einen Platz reservieren lassen. Es ist immer ziemlich voll. Am frühen Nachmittag sind wir zurück und haben genug Zeit, uns seelisch und moralisch auf die neue Woche einzustellen.«

»Überredet«, hauchte Oli. »Geh schon mal ins Bad.«

»Danke, dass du mich nicht für verrückt erklärst«, sagte Adina und drückte Oli einen Kuss auf die Stirn. »Den Rest vertagen wir auf heute Abend.« Adina sprang aus dem Bett. »Ich mach uns fix einen Kaffee. Vergiss bitte deine Stirnlampe nicht. Und feste Schuhe! Wir fahren mit meinem Auto, da ist meine Ausrüstung für alle Fälle drin. Licht, Wechselklamotten, meine Wanderschuhe.«

Der Kaffee lief, während Oli im Bad war. Adina füllte die Thermobecher und stellte sie in den Korb, wo bereits eine Notration mit Keksen, Mini-Salami und Brot wartete. Adina ergänzte das Sammelsurium mit einer Packung Nougatpralinen. Als beide fertig waren, verließen sie das Haus und gingen zum Auto. Sie nahmen die B101 und bogen kurz vor dem Großhartmannsdorfer Großteich in Richtung Mulda/Dorfchemnitz ab.

Für tiefschürfende Gespräche während der Fahrt war es zu früh. Oli döste auf dem Beifahrersitz vor sich hin. Adina kannte die Strecke, deshalb hatte sie das Navi nicht erst eingeschaltet. Knifflig war das letzte Stück, aber sie wusste von ihrem vorhergehenden Besuch, dass dort Schilder für Touristen standen.

Der Parkplatz in Blockhausen war leer. Oli schälte sich aus dem Auto. Adina wechselte die Schuhe, packte etwas Proviant in den Rucksack und steckte die Taschenlampe dazu. »Los geht’s. Wir laufen den steilen Steinbruchweg durch den Wald nach oben und entlang der Wiese mit den erotisch angehauchten Tierkreiszeichen und anderen Holzfiguren zurück zum Parkplatz. Ich bin gespannt, was alles neu entstanden ist.« Mit forschen Schritten nahm Adina den Berg unter die Füße.

Kurze Zeit später stoppte sie den Aufstieg. »Riechst du das? So früh am Morgen, wenn noch alles feucht ist und der Tau auf dem Gras liegt, hat der Wald einen besonderen Geruch, so nach Erde und Laub. Ich glaube, im beginnenden Frühling ist das besonders intensiv.«

»Ja. Im Herbst riecht es eher modrig und nach Pilzen. Aber hörst du die Vögel zwitschern? Und den Specht klopfen? Ich war noch nie bei einer Vogelstimmenwanderung, deshalb kann ich die Vogelarten nicht unterscheiden«, antwortete Oli.

»Der Specht trommelt wie verrückt. Der will sich bei den Weibchen bemerkbar machen. So ein Vogel ist auch nur ein Mensch«, lachte Adina und lief weiter.

Der Weg führte vorbei an ersten Holzskulpturen und einer Blockhütte. »Ups, wir sind wohl gar nicht so allein«, sagte Adina, als sie kurz vor dem Abzweig zum Sauensäger-Refugium fünf Autos in Fahrtrichtung bergabwärts geparkt stehen sah. »Vielleicht hatten sie eine Party und sind über Nacht geblieben. Man kann hier sogar heiraten. Im Wald ist ein Platz mit Bänken und einem Steinaltar unter einer Hochzeitsbuche mit lauter Initialen der Brautpaare. Nur ist das eher nichts für Berliner Pflanzen«, setzte sie fort. Oli reagierte nicht. Er schaute sich die Kennzeichen an. »Alles Freiberger. Die haben bestimmt gefeiert, und der harte Kern schläft noch. Bloß warum stehen die Autos dann nicht weiter oben auf dem Gelände, in der Nähe des großen Blockhauses mit dem Partyraum?« Er nahm sein Handy und schoss ein Foto.

Rechts von Adina knackte es laut im Wald, der sich in den Hang schmiegte. »Das sind bestimmt die Waldgeister aus Holz, die überall herumstehen«, neckte Oli seine Freundin, die ein wenig irritiert schaute. »Klang eher nach Wildschweinen«, antwortete sie.

»Oder nach Zweibeinern. Vielleicht sind die Leute aus den Autos auf der Jagd?«

»Oli, jagen ist etwas Einsames, kein Rudelsport. Ein Schuss, und die Beute ist weg. Es sei denn, es ist Treibjagd. Aber da wäre großflächig abgesperrt.«

»Du hast recht«, pflichtete Oli ihr bei. »Außerdem sind die Leute, die das geschaffen haben, bestimmt keine Jäger. Das ist mehr ein Walderlebniszentrum, sehr naturnah«, legte Adina nach. Inzwischen hatten sie die ersten Bauten erreicht. »Das ist ein sehr schöner Waldspielplatz mit Kletterfelsen und Kinderbude für den Nachwuchs. So eine gelungene Mischung aus Spiel, Spaß und Bewegungselementen. Lass uns ein paar Meter bis zu den Figuren aus der Hebammen-Saga hinter dem Blockhaus gehen. Dort biegen wir auf den Mordsteinweg ab«, forderte Adina Oli auf. Sie richtete die Taschenlampe auf Christian und Marthe, die mit ihrer Gruppe in Christiansdorf, dem heutigen Freiberg, siedelten. Ein heller Fleck tanzte in Marthes Gesicht. Dann schwenkte sie zum Markgrafen Otto und zur Markgräfin Hedwig, die ihren Reichtum dem Silberbergbau verdankten, und von da zu Christians Freund Lukas. »Hast du die Hebammen-Bücher von Sabine Ebert gelesen?«, fragte sie Oli.

»Klar, das war Pflichtlektüre für Erzgebirger, ein richtiger Hype, wie für meine Eltern Dallas oder Denver einst im Fernsehen. Ich vermisse den grausamen Randolf.«

»Auf dem Hügel stehen nur die Guten. Vielleicht begegnen wir ihm oben auf dem Mordsteinweg. Da würde er ganz gut hinpassen«, antwortete Adina.

»Mordsteinweg und meine Adina. Wieso wundert es mich nicht, dass du mich gerade hierher entführt hast? Hast du mich und unsere Beziehung satt?«

»Du hast ja seltsame Ideen, Oli! Was kann ich für den Namen? Außerdem existiert oben wirklich ein Mordstein. Oder eine Nachbildung. Der Stumpf war wohl noch vorhanden, der richtige Stein ist im Museum. So genau weiß ich das nicht mehr, aber das können wir gleich erkunden. Solche Steine gibt es an mehreren Orten, in Chemnitz oder im Erzgebirge und anderswo. Meist erinnern sie an ein Verbrechen. Früher war ein Menschenleben nicht so viel wert, vor allem das eines Tagelöhners oder Leibeigenen«, konterte Adina.

»Weißt du mehr über den Mord?«, hakte Oli nach.

»Das muss nach dem Dreißigjährigen Krieg gewesen sein. Zwei Dragoner überfielen einen Bauern. Er verblutete. Die beiden Delinquenten erwartete ein grausiger Tod, aufs Rad geflochten …«

Unterwegs erzählte Adina vom Husky-Cup. Der Kettensäge-Wettbewerb findet jedes Jahr mit wechselnder internationaler Beteiligung und stets zu einem anderen Thema statt. »Initiator ist der als Sauensäger bekannte Inhaber des Geländes, der Stück für Stück seinen Lebenstraum verwandelt, so mancher bürokratischen Vorschrift zum Trotz. Das begann schon mit dem Vorhabens- und Erschließungsplan. Ein äußerst langwieriges Verfahren mit einem sperrigen Namen. Fast wie Amtshilfeersuchen, nein, schlimmer«, lachte Adina und boxte Oli ganz leicht in die Seite.

»Schau, Gevatter Tod. Und das Hexenhaus.« Adina war es ganz recht, dass sie einen Moment verweilen konnte. Sie trat an das Pult mit dem aufgeschlagenen Buch, die Hexe mit Hänsel und Gretel und dem hübschen Holzhäuschen im Rücken. Dann begann sie zu deklamieren: »Wir haben uns hier und heute zusammengefunden, um … Ja warum eigentlich?«

»Um Adinas fortwährende Neugier zu nachtschlafender Zeit zu befriedigen«, erwiderte Oli.

»Ach komm, genieße die Ruhe und die frische Luft.« Nicht weit von ihnen entfernt knackte es erneut ziemlich laut. »Mit Ruhe war wohl nichts. Hast du diese Geräusche gehört? Klang wie ein Winseln.«

»Oli, willst du mir Angst machen? Ich bin so furchtlos wie der Ritter Lukas unten bei der Hebammen-Gruppe. Lass uns weitergehen.«

Die beiden spazierten ein Stück bergauf, vorbei an einer Klärgrube und einem alten Jägerstand. Gegenüber der relativ neuen Holzkonstruktion stand eine mannshohe Holzgestalt im Wald. »Der Stülpner Karl beobachtet uns, schau«, sagte Adina.

»Ich glaube nicht, dass der gerade am Mordsteinweg herumwildert«, spielte Oli auf den Robin Hood des Erzgebirges an. »Aber vielleicht hat er auch etwas gehört. Lausch doch mal, Adina!«

»Mmhhh, klingt wie der Wind in den Baumwipfeln. Ist es nicht wunderbar, wie das Licht zwischen den Bäumen durchscheint? Den versprochenen Sonnenaufgang kann ich dir leider nicht bieten. Dazu ist der Wald zu dicht und wir sind zu tief. Und jetzt dreh dich um: Tätä, der Schornstein von Chemnitz!«

Oli tat wie ihm geheißen. »Beeindruckend«, sagte er. Beide liefen ein paar Schritte rückwärts den Weg bergan und erreichten den Platz, der unter anderem für Hochzeiten genutzt wurde.

»Oh, Oli. Jemand hat die Volksmärchen der Gebrüder Grimm neu interpretiert«, spielte Adina auf das Motto des vergangenen Husky-Cups an. »Ich dachte, Schneewittchen konnte wegen der Reisebeschränkungen nicht realisiert werden. Dabei liegt es auf dem Steinaltar und die Zwerge stehen in Reih und Glied dahinter.«

»Bleib sofort stehen. Das ist kein Schneewittchen, Adina. Sie bewegt sich … noch.« Oli schaute sich um. Er rannte ein Stück in den Wald und erklomm die Stufen in Richtung Hochzeitsbuche.

Nach einem Blick auf die fixierte Frau holte er sein Handy heraus. »Sch… Funkloch! Keine Verbindung zur Polizeidirektion.« Er probierte den Notruf über die 112. Wenigstens das funktionierte. »Kriminalhauptkommissar Uhlig aus Annaberg, allerdings privat unterwegs. Ich bin gerade in Blockhausen beim Sauensäger. Im Wald liegt eine offensichtlich verletzte Frau. Die Situation ist mehr als dubios. Schicken Sie bitte Notarzt, Polizei, das ganze Programm … Ich weiß noch nicht, was gleich passieren wird.« Der Diensthabende in der Chemnitzer Leitstelle kannte das Problem mit dem Telefon. »Nichts Neues, dass da draußen kein Handy geht. Nennen Sie mir den genauen Standort.« Oli beschrieb den Platz. »Zwischen Blockhaus und Mordstein, ungefähr in der Mitte bei dem Altar mit den Bänken.«

»Bleiben Sie ganz ruhig, Hilfe ist schon unterwegs«, sagte Oli zwischendurch zu der Frau auf der Steinplatte. Sie bewegte ihren Kopf, konnte jedoch wegen des verklebten Mundes nicht sprechen. Oli wurde klar, dass das Gewinsel von ihr stammen musste. Und dass er keinesfalls allein mit ihr war.

»Ich schicke Ihnen einen Einsatzwagen vom Polizeirevier Freiberg«, hörte er, als ihm etwas um die Ohren flog. Er duckte sich hinter den Baum mit den Initialen der Verliebten. Der Diensthabende in der Leitstelle wurde Ohrenzeuge des Geschehens am Mordsteinweg.

»Pass auf«, schrie Oli Adina zu. Sie spürte einen kalten Luftzug an ihrer rechten Gesichtshälfte vorbeiziehen. Das Geräusch kannte sie. »Ein Pfeil. Pass auf, Oli«, rief sie.

»Bring dich in Sicherheit. Schnell, hinter den Holzstoß, geh nach unten und mit dem Rücken zu den Baumstämmen«, rief Oli ihr zu. Er hatte das Telefon weiter an. Der Diensthabende in der Leitstelle konnte die Szene zumindest akustisch verfolgen. Oli nahm eine Bewegung neben sich wahr. Er machte einen Satz und bekam einen Mann zu fassen, zuerst am Ärmel. Mit einem schnellen Fußtritt schlug er ihm den Bogen aus der Hand und zog ihn zu sich heran. Ein Handkantenschlag setzte den Angreifer endgültig außer Gefecht. Als Oli sich umschaute, entdeckte er einen Pfeil in der halbnackten Frau auf dem Altar.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
233 s. 6 illüstrasyon
ISBN:
9783839269527
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