Kitabı oku: «Legionär in der römischen Armee»

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Philip Matyszak, geb. 1958, wurde am St. John’s College, Oxford in alter Geschichte promoviert. Er unterrichtet am Madingley Hall Institute of Continuing Education (Cambridge University) und hat zahlreiche Publikationen zur Antike veröffentlicht, bei der wbg sind von ihm erschienen: Von zänkischen Göttern und tragischen Helden. Klassische Mythologie für Anfänger; Antikes Sammelsurium. Skurriles und Kurioses von Ovid bis Caesar.

wbg Paperback macht die wichtigsten Titel großer Autor:innen aus dem Programm der wbg in einer jungen und wertigen Edition für alle neugierigen Leser:innen zugänglich. Als wbg Paperback auch erhältlich:

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Arne Karsten, Volker Reinhardt, Kardinäle, Künstler, Kurtisanen.

Wahre Geschichten aus dem barocken Rom

Harald Lesch / Ursula Forstner, Wie Bildung gelingt. Ein Gespräch

Alle Titel und weitere Informationen zu wbg Paperback finden Sie unter www.wbg-wissenverbindet.de/paperback.

Philip Matyszak

Legionär in der römischen Armee

Der ultimative Karriereführer

Aus dem Englischen von Jörg Fündling


Die englische Originalausgabe ist 2009 bei Thames & Hudson unter dem Titel Legionary. The Roman Soldier’s (Unofficial) Manual erschienen.

© 2009 Thames & Hudson Ltd, London

Die deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Das Werk ist in allen seinen Teilen urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig.

Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung in und Verarbeitung durch elektronische Systeme.

wbg Paperback ist ein Imprint der wbg.

3. unveränd. Aufl. 2021 (1. Aufl. 2010).

© der deutschen Ausgabe 2021 by wbg

(Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt

Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.

Einbandabbildung: Peter Inker, © Thames & Hudson Ltd, London

Einbandgestaltung: Andreas Heilmann, Hamburg

Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de

ISBN 978-3-534-27359-1

Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:

eBook (PDF): 978-3-534-74700-9

eBook (epub): 978-3-534-74701-6

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Impressum

Inhalt

I Der Eintritt in die römische Armee

II Der Legions-Schnelltest

III Karrierealternativen im Militär

IV Die Ausrüstung

V Ausbildung, Disziplin und Rangordnung

VI Leute, die Sie gern umbringen möchten

VII Das Leben im Lager

VIII Im Feld

IX Wie man Städte erobert

X Die Schlacht

XI Was kommt danach?

Karte des Römischen Reiches

Glossar

Danksagung

Literatur

Index

Bildnachweis

I Der Eintritt in die römische Armee

Conscribe te militem in legionibus. pervagare orbem terrarum. inveni terras externas. cognosce miros peregrinos. eviscera eos.

Geh zu den Legionen, sieh dir die Welt an, reise in fremde Länder, triff faszinierende Leute und reiß ihnen die Eingeweide heraus.

In diesem Jahr, 100 n. Chr., einem der ersten Jahre der Herrschaft des Kaisers Marcus Ulpius Nerva Traianus (später als Traian bekannt), kennt Roms Imperium kein Ende. Unsere Grenzen erstrecken sich bis in die Wüsten jenseits des fernen Palmyra und quer durch die Sümpfe und Nebel Britanniens. Doch überall ist Roms Sicherheit bedroht. Intrigante Elemente unterwandern die Politik und schüren Aufruhr im Staatsapparat, wilde Barbaren suchen beständig nach einer Schwäche an den Grenzen und die neidische Großmacht Parthien bedroht den gesamten Osten. Gegen diese zahlreichen Gefahren stemmen sich zwei große Bollwerke – die Weisheit und Energie unseres Kaisers und die Macht der römischen Armee, die stets getreu das römische Volk schützt und ihm dient.

Der Augenblick ist nie günstiger gewesen, zur römischen Armee zu gehen. Drei Generationen, nachdem Kaiser Augustus sie zum Berufsheer gemacht hat, ist die römische Militärmaschinerie zur tödlichsten, raffiniertesten Streitmacht perfektioniert worden, die die Welt je gesehen hat. Alles ist mit römischer Gründlichkeit organisiert, von dem Augenblick an, da sich ein Rekrut verpflichtet, bis zu der Zeit nach seiner Pensionierung (oder seinem anständigen Begräbnis). Nachdem Britannien 40 Jahre lang (militärisch gesprochen) eine der interessantesten Ecken des Imperiums war, sind die trotzigen Briten weitgehend unterworfen, und die große Zeit der Feldzüge in nassen Socken ist vorüber. Die Aufmerksamkeit gilt jetzt dem lästigen Königreich Dakien jenseits der Donau, und auch die Abrechnung mit den Parthern im Wüstensand von Mesopotamien steht noch aus.

Roms Armee besitzt die weltweit modernsten Waffen und Ausrüstung, die ihr die Spitzenposition in den Kategorien Mobilität, Feuerkraft und Schutzwirkung sichern. Ein Legionär kann sein neues Zuhause in einem Militärstützpunkt überall im Reich finden, wo er lebt und trainiert, um in Topform zu sein, wenn die Armee ins Feld zieht. Für die richtige Art Rekrut bietet die Armee Orientierung, Aufstiegschancen und geregelte Einkünfte für die nächsten 20–25 Jahre. Dieser Karriereführer will Sie durch diesen ganzen Zeitraum begleiten, angefangen damit, wo und wie Sie sich verpflichten, bis hin zu den Feinheiten von Training, Bewaffnung und Exerzieren. Er gibt Ihnen Tipps, wie Sie die Schlacht und das Leben im Lager überleben, und weist schließlich den Weg in einen friedlichen, gut abgesicherten Ruhestand, wenn Ihre Tage als Soldat vorüber sind.

Die Pax Romana – der „Römische Friede“

Die Welt, soweit wir sie kennen, tritt gerade in eine Epoche beispiellosen Friedens und Wohlstands ein, die späteren Generationen als Pax Romana bekannt sein wird. Dieser „Friede“ heißt nicht, dass die Legionen nicht trotzdem viel Zeit damit verbringen, hinter den römischen Grenzlinien Feinde zu töten und sich töten zu lassen, aber innerhalb der Reichsgrenzen besteht eine Abmachung zwischen Rom und seinen Untertanen, dass die Untertanen nicht rebellieren und die Legionen im Gegenzug nicht ihre Städte niederbrennen und die Einwohner kreuzigen. Diese Politik funktioniert gut, verlangt von den Kaisern aber ein gewisses Maß an Geschicklichkeit und Kompetenz. Auch der wohlwollendste Kaiser pflegt potenziellen Unruhestiftern diskret mitzuteilen, dass er ein, zwei Legionen in bequemer „Plünderentfernung“ hat.

Imperator Caesar Marcus Ulpius Nerva Traianus, optimus princeps, Herrscher von Rom, Herr der bekannten Welt und ab sofort Ihr oberster Kriegsherr. Hier sehen wir ihn in Rüstung mit dem über einen Arm drapierten roten Generalsmantel. Traian, geboren 53 n. Chr. in der Baetica (Spanien), ist seit dem Jahr 98 Kaiser. Lang und ruhmreich möge er herrschen!

Wer kann eintreten?

Ohne die römische Armee gäbe es kein Rom. Soldat sein zählt zu den besten Traditionen der Stadt. Die meisten Kaiser Roms sind Soldaten gewesen und in den Tagen der Republik konnten nur wenige Politiker vor die Wähler treten und Ämter gewinnen, wenn sie nicht bereits Roms Feinden gegenübergetreten waren und Siege auf dem Schlachtfeld errungen hatten. Romulus, Cincinnatus, Cato der Censor und Cicero standen allesamt im Gefecht. Die Männer, die sie befehligten, waren römische Bürger und noch dazu Bürger von gutem Ruf, denn die Reihen der römischen Armee waren – und sind noch – für Sklaven, Verbrecher und Taugenichtse verschlossen.

Nicht von Eltern wie diesen [Nichtsnutzen] stammten die jungen Männer, die das Meer mit Karthagerblut färbten und die Pyrrhos, den mächtigen Antiochos und den furchtbaren Hannibal schlugen. Nein, es war die mannhafte Jugend der Soldaten vom Lande, junge Männer, die gelernt hatten, den Boden mit sabinischen Hacken zu wenden und auf Geheiß einer strengen Mutter Knüppel zu bringen, die sie in den Wäldern geschnitten hatten.

HORAZ, Oden 3,6, 33–41

So schrieb der Dichter Horaz, selbst so ein Bursche vom Land, der in den Legionen diente. Obwohl Horaz seine Militärkarriere glanzlos damit beendete, dass er in der Schlacht von Philippi 42 v. Chr. seinen Schild wegwarf und um sein Leben rannte, ist doch etwas dran an seinen Worten. Römische Rekruten zerfallen in drei Gruppen – die unfreiwillig einberufenen (lecti), diejenigen, die zugestimmt haben, sich anstelle eines Einberufenen freiwillig zu melden (vicarii), und schließlich jene, die wirklich zur Armee wollen (voluntarii). Ein ständiger Zustrom italischer voluntarii mit gutem Körperbau und gutem Ruf vor dem Kasernentor ist der Traum jedes Werbeoffiziers in der Legion.

Für alle, die mit dem Gedanken spielen, die nächsten rund zwei Jahrzehnte unter Roms Adlern zu verbringen, hier eine Übersicht, was von ihnen erwartet wird.

• Römisches Bürgerrecht. In völlig verzweifelten Situationen hat man auch Sklaven und Fremde für die Legionen rekrutiert. Heute sind die Zeiten anders. Ein peregrinus (Nichtbürger), der eine Armeekarriere sucht, sollte es bei den Auxilia probieren. Ein Sklave, der in die Armee zu kommen versucht, wird für seine Frechheit in die Bergwerke geschickt oder sogar hingerichtet.

• Familienstand: ledig. Heutzutage dürfen römische Soldaten nicht verheiratet sein. Allerdings gibt es nichts, was einen unglücklich Verheirateten daran hindert, in die Legion zu flüchten. Die römische Ehe ist eher eine bürgerliche Verbindung als ein religiöses Sakrament, und der Eintritt in die Armee dient als einseitige Scheidungserklärung.

• Vollständiger und gesunder Körper. Die römische Armee rekrutiert sich mit Vorliebe aus Berufen wie Metzger, Schmied oder Erntearbeiter, die gern etwas Schlimmeres „niedermähen“ wollen. Mit Blick auf die Berufsrisiken solcher Tätigkeiten werden die Finger an jeder Hand des Interessenten sorgfältig durchgezählt. Ein fehlender Daumen oder Zeigefinger bedeutet die Erklärung der Untauglichkeit. Es hat beschämende Fälle gegeben, in denen sich bei einem dilectus (einer Aushebung in Notfällen) Leute die Finger abgeschnitten haben, um dem Militärdienst zu entgehen. Wenn sich solch eine vorsätzliche Verstümmelung nachweisen lässt, wird sie hart bestraft.

• Die Körpergröße muss mindestens 5 Fuß 10 Zoll (römisch: ca. 1,66m) betragen. Bei besonders stämmig aussehenden Einzelfällen sind Ausnahmen möglich.

• Nur für Männer. Bewerbungen von Frauen und Eunuchen sind unerwünscht. Legionsleben ist Männersache. Manchen wird es trösten, dass Traian kürzlich verfügt hat, auch diejenigen dürften dienen, die einen ihrer Hoden verloren haben.

• Gute Sehkraft. „Tryphon, Sohn des Dionysios […] entlassen durch Gnaeus Vergilius Capito […] wegen schwacher Sehstärke nach grauem Star. Untersucht in Alexandria. Bescheinigung ausgestellt im 12. Jahr des Tiberius Claudius Caesar Augustus Germanicus am 29. Pharmouthi.“ (Urkunde über eine Entlassung aus dem Militärdienst vom 24. April 52 n. Chr., Papyrus Oxyrhynchus 39)

• Gute Führung. Eine Vergangenheit als Kleinkrimineller geht vielleicht durch, aber jeder, der sich mustern lassen will, um der Verfolgung wegen eines schweren Delikts zu entgehen, wird ohne Weiteres ausgestoßen, ebenso alle, die die Armee nutzen wollen, um sich aus der Verbannung wieder einzuschleichen.

• Das Empfehlungsschreiben. Legionsdienst ist heutzutage ein Privileg. Wie gut oder schlecht eine Soldatenkarriere anfängt, hängt wie so vieles im Römerleben von persönlichen Beziehungen ab. Wer einen Rekruten empfiehlt und mit welcher Begründung, das ist entscheidend für die künftige Laufbahn des Rekruten. Das Empfehlungsschreiben ist ein unentbehrlicher erster Schritt, und jeder, der an einen Eintritt in die Armee denkt, sollte sich darum kümmern, eine möglichst vollmundige Empfehlung von einer möglichst hochstehenden Persönlichkeit zu bekommen. Empfehlungsschreiben sind ein Teil des römischen Alltags und dienen als Referenz in allen möglichen Lebenslagen. Wer jemanden für die Armee empfiehlt, setzt sein eigenes Ansehen aufs Spiel. Es überrascht nicht, dass Empfehlungsschreiben von Armeeveteranen in der Regel sehr gut aufgenommen werden, besonders wenn sie jemand verfasst, der in der Einheit gedient hat, für die sich der potenzielle Rekrut bewirbt. Viel hängt auch davon ab, wie sehr diese Einheit zum Zeitpunkt der Bewerbung darauf aus ist, neue Rekruten aufzunehmen. Laut dem Satiriker Juvenal macht es eine Menge aus, ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist.

Traian entscheidet

Plinius [Statthalter von Bithynien in Kleinasien] an Kaiser Traian: „Der ausgezeichnete junge Mann Sempronius Caelianus hat zwei Sklaven unter den Rekruten entdeckt und mir geschickt. Doch ich habe die Urteilsverkündung aufgeschoben, bis ich dich, den Wiederhersteller und Erhalter der Militärdisziplin, über die angemessene Strafe befragt habe. […]“ Traian an Plinius: „Sempronius Caelianus hat meinem Befehl entsprechend gehandelt, indem er solche Personen, über die im Prozess zu entscheiden ist, ob sie die Todesstrafe verdienen, an dich sandte. Es ist dabei jedoch ausschlaggebend, zu klären, ob diese Sklaven sich freiwillig gemeldet haben oder von den Offizieren ausgesucht wurden oder sich als Ersatzleute für andere meldeten [die zum Wehrdienst eingezogen wurden]. Wenn sie ausgehoben wurden, liegt der Fehler beim prüfenden Offizier; wenn sie Ersatzleute sind, bleibt die Schuld bei denen, die sie losgeschickt haben; falls sie sich aber im vollen Bewusstsein ihres Status freiwillig vorgestellt haben, muss die Strafe auf ihre eigenen Häupter fallen. Dass sie noch keiner Einheit zugeteilt sind, macht für ihren Fall keinen großen Unterschied; sie hätten nämlich am selben Tag ihre tatsächlichen Verhältnisse offenlegen müssen, als sie für diensttauglich erklärt wurden.“

PLINIUS DER JÜNGERE, Briefwechsel mit Traian (Briefe 10, 29–30)

Gallius, wer kann die Vorteile einer erfolgreichen Militärkarriere aufzählen? Denn ich hoffe, ich stehe unter einem Glücksstern, wenn mich die Lagertore als verängstigten Rekruten einlassen. Ein Augenblick echten Glücks bedeutet da mehr als ein Empfehlungsschreiben von Venus an Mars oder eins von seiner Mutter Juno.

JUVENAL, Satiren 16,1–6

Sollte die Legion keine Rekruten brauchen, kann sich der Freiwillige in einer Auxiliarkohorte oder gar im Flottendienst wiederfinden. Wenn die Auswahl an Rekruten reichlich ist, bekommen die mit den besten Empfehlungen die besten Jobs. „Halt diesen Brief vor dein Gesicht und stell dir vor, dass ich es persönlich bin, der mit dir spricht“, drängt der Schreiber eines solchen Empfehlungsschreibens einen Werbeoffizier, den er anscheinend von seinem eigenen Militärdienst her kennt.

Ein römischer Werber wie der Mann ganz rechts träumt vermutlich von so einem Andrang (wie hier auf der Traianssäule) frischer, gesunder Rekruten, die darauf brennen, sich zu einem Vierteljahrhundert Dienst bei den römischen Legionen zu verpflichten. Jeder entlaufene Sklave oder gesuchte Verbrecher in der Schlange kann sich auf Abweisung und Bestrafung gefasst machen.

Das Bewerbungsgespräch

Hat der angehende Rekrut seinen Empfehlungsbrief bekommen – die erste Waffe, die er für seine militärische Laufbahn braucht –, ist der nächste Schritt, sich zu einem Bewerbungsgespräch, der probatio, vorzustellen. Die probatio ist genau das, was ihr Name besagt. Sie ist ein Test. Er wird durchgeführt, ehe der Möchtegernlegionär vereidigt und zu seiner Einheit geschickt wird. Zweck der probatio ist es, sicherzustellen, dass der Mann derjenige ist, für den er sich ausgibt, und dass er außerdem einen Körperbau hat, der den Anforderungen standhalten kann, die man während der nächsten Monate und Jahre an ihn stellen wird. Das Empfehlungsschreiben wird sorgfältig gelesen, und der Gesprächsleiter wird nachfragen, wenn er das für nötig hält. Das bedeutet: Wer unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eintritt (wie die im Briefwechsel mit Traian von Plinius erwähnten Sklaven), kann anfangs vielleicht die erste Hürde nehmen, wird später aber erleben, wie ihn langsam die Rache der römischen Bürokratie einholt.

Vereidigung

Falls der mit der Prüfung betraute Offizier an seinen angehenden Rekruten keinen Fehler entdecken kann, stellt er sie für ihren Soldateneid in einer Reihe auf. Bis zu jenem Moment, da er seinen Eid geschworen hat, ist der potenzielle Rekrut ein Zivilist und es steht ihm frei, Vernunft anzunehmen und ohne weitere Folgen aus der Kaserne wegzurennen wie ein panisches Kaninchen. Nach dem Eid ist er ein Soldat Caesars, und das Wegrennen bedeutet Desertion mitsamt der schrecklichen Strafe, die das nach sich zieht (vgl. „Disziplin“, S. 91). Einen Moment nachzudenken ist an dieser Stelle deswegen eine gute Idee. Was in den nächsten paar Minuten geschieht, wird die nächsten 20 Jahre prägen. Oder den Rest Ihres Lebens – je nachdem, was von beiden kürzer dauert.

Tritt vor, Rekrut Nummer eins, und schwöre bei diversen Göttern und unverbrüchlichen Eiden, dass du deinem Kommandanten folgen wirst, wohin er dich auch führen mag. Du wirst jedem Befehl mit Begeisterung und ohne Rückfragen gehorchen. Du verzichtest auf den Schutz des römischen Bürgerrechts und willigst in die Vollmacht deines Kommandanten ein, dich wegen Ungehorsam oder Desertion ohne Prozess hinzurichten. Du gelobst, unter den Feldzeichen die dir zugeteilte Dienstzeit abzuleisten und sie nicht zu verlassen, ehe dein Kommandant dich entlässt. Du wirst Rom treu dienen, und sei es unter Einsatz deines Lebens, und wirst gegenüber Zivilisten und deinen Kameraden im Lager die Gesetze achten. Glückwunsch, du bist jetzt ein Soldat Roms. Der Nächste!

Es kann sein, dass Rekrut Nummer zwei den Eid wiederholen muss, aber wenn es viele Anwärter abzuarbeiten gibt, können die folgenden Rekruten, nachdem Rekrut Nummer eins den ganzen Text vorgesprochen hat, sich verpflichten, indem sie vortreten und sprechen idem in me – „dasselbe gilt für mich“.

Erkennungsdienst und Marken

Nach der Vereidigung wird die Identität der Legionäre sorgfältig festgehalten. Das heißt, ihre Namen werden registriert und dazu alle Muttermäler, Narben oder besonderen Kennzeichen, mit deren Hilfe man sie als Deserteure in ziviler Tarnung erkennnen oder aus den Leichenhaufen auf einem Schlachtfeld herausziehen kann. (In zweihundert Jahren wird man sie außerdem tätowieren!)

C. Minucius Italus an Celsianus: […] Sechs Rekruten zum Eintrag in die Stammrolle. Namen und Erkennungsmerkmale wie folgt […] M. Antonius Valens, Alter 22, Narbe an der rechten Stirn [usw.; die Rekrutenliste geht noch weiter]. Empfangen durch Priscus [den Inhaber des Ranges] singularis. Avidius Arrianus […] von der Dritten Kohorte bestätigt, dass das Original dieser Abschrift in die Stammrolle der Kohorte eingetragen worden ist.

Papyrus Oxyrhynchus 1022

Dieser Eintrag ist Beweisstück zwei in der ständig wachsenden Akte, die den Legionär auf seiner Karriere begleiten wird. Die Unterlagen lassen sich mit dem Betreffenden durch die beschriebenen Erkennungsmerkmale verbinden, dazu durch das signaculum („kleine Erkennungsmarke“), das der Legionär nun erhält und in einer kleinen Tasche um den Hals tragen muss. Das signaculum ist ein Bleitäfelchen, das für den Soldaten denselben Zweck erfüllt wie die „Hundemarken“ zur Identifikation der Mitglieder späterer Armeen.

Mittlerweile verwendet man signacula ebenfalls zur Identifikation von persönlichen Besitzstücken und Sklaven, aber nur ein unkluger Zivilist würde in Gegenwart von Soldaten den offenkundigen Zusammenhang zwischen Letzteren und den genannten beiden Kategorien herstellen.

Auf Reisen

Vielleicht wartet schon eine kleine Abteilung Soldaten aus der Einheit, für welche die neuen Rekruten bestimmt sind, um sie zu ihrem neuen Zuhause zu führen, oder aber die Männer bekommen die nötigen Anweisungen, um auf eigene Faust hinzufinden. Das Legionsquartier kann vom Rekrutierungsort beträchtlich weit entfernt liegen, also erhalten die Rekruten ein viaticum – Reisegeld – zur Deckung ihrer Kosten unterwegs. Falls ein Offizier aus ihrer neuen Einheit sie begleitet, wird von ihnen erwartet, dass sie ihm ihr Geld übergeben, da der Offizier die Route schon früher bereist haben dürfte, die besten Quartiere kennt und Gruppentarife für seine Abteilung aushandeln kann. Eventuell übriggebliebenes Geld wird auf das Konto des Rekruten eingezahlt, wenn er seinen Bestimmungsort erreicht hat.

Einzelpersonen oder Gruppen, die zu klein sind, um eine Eskorte zu lohnen, können sich für eine Reise erster Klasse entscheiden und pleite ankommen oder unbequem übernachten und mit einem netten kleinen Startkapital eintreffen. Das ist eine nützliche Einführung ins Legionärsleben. Wie Sie noch sehen werden, gibt es viele Fälle, in denen es Ihnen möglich sein wird, sich entweder dafür zu entscheiden, sich relativen Komfort zu erkaufen oder aber die Zähne zusammenzubeißen und für die Pension zu arbeiten.

Das Eintreffen bei seiner Einheit ist etwas, das ein Soldat nie vergisst. Sie ist alles an Familie, was ein Legionär für die nächsten 20 Jahre haben wird.

Longinus Longus, Feldzeichenträger der 1. Lusitaner-Kohorte, an seinen Zenturio Tituleius Longinus: Ich bestätige den Empfang von 423 Denaren und 20 Obolen; bei besagter Summe handelt es sich um hinterlegte Gelder von 23 Rekruten, die bei dieser Zenturie eingetroffen sind am 6. Thoth [3. September] im 21. Jahr des edlen Caesar, unseres Herrn Traian.

(Papyrus aus Ägypten, 117 n. Chr.)

A. S. HUNT/C. C. EDGAR, Select Papyri II 368

II Der Legions-Schnelltest

Milites exercitati facile intellegi possunt. abundant tamen tirones periculosi.

Profis sind berechenbar. Die Welt wimmelt von gefährlichen Anfängern.

Wenn man bedenkt, dass Rom bereits rund 700 Jahre im Geschäft ist, kann man schon einen kleinen Schock bekommen, sobald man sich klarmacht, dass der Staat erst seit weniger als einem Fünftel dieser Zeit eine Berufsarmee hat. Wenn Sie davor einen römischen Soldaten finden wollten, mussten Sie bloß einen beliebigen gesunden Römer auf der Straße anhalten. Es war damals sehr wahrscheinlich, dass dieser Mann die letzten paar Monate im Feld verbracht hatte und mit seinem General – der gleichzeitig römischer Konsul war – in die Stadt zurückgekehrt war, als die Saison für Feldzüge endete.

Eine kurze Geschichte der römischen Armee

500 v. Chr. Seinerzeit war das Soldatsein viel leichter, weil Roms Feinde um die Ecke wohnten. Als Rom beispielsweise gegen die Etrusker aus Veii kämpfte, konnten ein paar Offiziere mal schnell zum Abendessen nach Hause. Die Zeit zum Kämpfen begann im Frühjahr, wenn die Armee aufgestellt wurde, und endete im Herbst, wenn man sie entließ, sodass die Männer zuhause bei der Ernte helfen konnten. Jeder römische Soldat war Bürger – und umgekehrt. Wenn sich die Bürger versammelten, um abzustimmen, wer sie anführen sollte, taten sie das in Rom auf dem Marsfeld, nach Zenturien geordnet wie die römische Armee. Als Daumenregel galt: Jede Stimme hatte etwa so viel Gewicht wie die militärische Ausrüstung des Wählers. Als Erste stimmten die Ritter ab. Pferde sind schwer, also waren die Stimmen der Ritter enorm wichtig. Als Nächste kamen die Wähler der ersten Klasse – die, die sich eine schwere Rüstung, Schwerter und Schilde leisten konnten. Offensichtlich waren das angesehene Bürger, denen man besser zuhörte – nicht zuletzt, weil der Besitz solcher Ausrüstung bedeutete, dass diese Bürger, wenn sie wütend waren, der Obrigkeit ein paar buchstäblich bohrende Fragen stellen konnten. Noch eine Konsequenz dieser Wahlmethode war, dass die meisten wichtigen Angelegenheiten normalerweise durch die Ritter und die erste Klasse entschieden worden waren, bevor das Gesindel drankam, das mit Schleudern und spitzen Stöcken in die Schlacht zog. (Und wenn man die Ritter und die erste Klasse fragte, war das gar nicht schlecht so.)

300 v. Chr. Die ursprüngliche Standardeinheit der Armee war die Phalanx, ein fester Block aus Speerkämpfern. Nur war diese große, unbewegliche Einheit nicht gerade ideal, um hochbeweglichen Stammeskriegern durch die italischen Gebirge nachzujagen, also führte die Armee im 4. Jahrhundert v. Chr. den Manipel ein. Das war eine „Handvoll“ Männer (von manus, lateinisch „Hand“) oder, genau gesagt, 120 Mann. Die Soldaten kämpften in drei Reihen von Manipeln.

Die hastati stellten die vordersten Manipel. Sie bestanden aus frischen Rekruten, die unerfahren genug waren, um tapfer zu sein, und zu jung, um am Leben zu hängen. Die Männer dieser Manipel waren mit Schwertern und mit dem ausgerüstet, was bis heute die bevorzugte Wurfwaffe der Legion ist – mit dem schweren, pilum genannten Speer für kurze Reichweite.

Die principes, der zweite Manipel, hingen schon an ihrem Leben und kämpften desto verbissener, weil sie aus Erfahrung wussten, dass ein Sieg für sie die beste Garantie war, Frauen und Kinder wiederzusehen. Diese Soldaten waren ebenso bewaffnet wie die hastati, allerdings konnte ihre Rüstung hochwertiger sein.

Büste, die man für ein Bild von Gaius Marius hält. Marius’ Reformen betrafen nicht nur die römische Armee, sondern hatten auch weitreichende und nicht immer positive Auswirkungen auf die römische Geschichte.

Die triarii waren der Manipel in der letzten Reihe und bestanden aus Veteranen vom alten Schlag, die mit den langen Speeren aus der Phalanx kämpften und denen man zutrauen konnte, die Stellung zu halten, wenn alles andere versagte. Deshalb heißt der Ausdruck „es ist zu den triarii gekommen“ bis heute, dass die Lage verzweifelt ist.

100 v. Chr. Das konservative System der Republik zerstörte der demagogische General Marius, der dringend Soldaten brauchte. Damals führte Rom einen Eroberungskrieg in Numidien und bereitete sich auf einen Verteidigungskrieg gegen Germanenstämme aus dem Norden vor. Marius schaffte die Besitzregeln ab und brachte den Staat dazu, die Ausrüstung zu stellen. Außerdem führte er die Tradition ein, jeder Legion als ihr wichtigstes Symbol einen aquila zu übergeben, den Adler, der für Jupiter stand. Marius machte die Legionen zur Standardformation in der Schlacht, aufbauend auf der Kohorte, und so ist es noch heute.

Ein guter General war Marius zwar, nur dachte er oft nicht über die Folgen seiner Entscheidungen nach. Seine Systemveränderungen lösten kurzfristig Probleme, während sie für die Zukunft einen Riesenärger heraufbeschworen. Sobald der Staat einmal mit dem Ausrüsten der Soldaten angefangen hatte, begann die Entbäuerlichung der Armee, denn jetzt rekrutierte man die Legionäre nicht mehr nur aus den Landbewohnern, sondern auch aus den Armen in der Stadt. Da es keine Ernte gab, zu der die Stadtrekruten nach Hause mussten, blieben viele einfach bei der Fahne und verpflichteten sich Jahr für Jahr weiter. Das war ihren Generälen nur recht, weil Rom mit Kampagnen in so entlegenen Ecken wie Griechenland und Spanien begonnen hatte. (Um sicherzugehen, dass die Armee jedes Jahr zu Beginn der Feldzugsaison im Kriegsgebiet war, verlegte man den Jahresanfang auf Januar vor, und da ist er seitdem geblieben.) Das Problem war dann da, als die Soldaten nach rund zwei Jahrzehnten, in denen sie Jahr für Jahr anmusterten, zu alt zum Kämpfen waren und vom Staat verständlicherweise eine Altersversorgung erwarteten.

80 v. Chr. In diesem Fall meinte „Staat“ die Konsuln, die das nächste Gesetzespaket einbrachten, und da die Konsuln oft den Generälen verpflichtet – oder mit ihnen identisch – waren, die gerade einen Feldzug erfolgreich abgeschlossen hatten, begannen sich die Soldaten darauf zu verlassen, dass ihr General Vorsorge für ihr Leben nach dem Militär traf. Während das politische Leben in Italien immer turbulenter wurde, wurden die Generäle wichtiger und wichtiger. Die Politiker, über denen die Drohung eines Bürgerkriegs schwebte, entdeckten schnell, wie weitsichtig es war, große Mengen von arbeitslosen Einzelpersonen, die über beträchtliche Erfahrung in Nahkampfsituationen verfügten, nicht unnötig zu verärgern. Für Generäle wie Sulla und Pompeius wurde es zu einem Hauptziel, ihre Veteranen kampflos auf ein gutes Stück Land zu bekommen, nicht zuletzt, weil sich die Generäle dadurch die Dankbarkeit der Veteranen sicherten. Und falls es nötig wurde, waren diese Veteranen normalerweise bereit, wieder zum Schwert zu greifen, um sich zu revanchieren.

Ich bin Spurius Ligustinus aus der Tribus Crustumina und ich komme aus einer Sabinerfamilie. Mein Vater hat mir einen Viertelhektar Land hinterlassen und die kleine Hütte, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Dort lebe ich heute noch. […] Ich habe 22 Dienstjahre in der Armee verbracht und bin nun über 50 Jahre alt. Aber selbst wenn ich meinen Dienst nicht fertig absolviert hätte und wenn ich aus Altersgründen nicht dienstbefreit wäre, dann wäre es immer noch richtig, wenn ich entlassen würde.

LIVIUS, Römische Geschichte 42,34,2; 11–12

[Octavian] griff nach dem Konsulat, als er 20 war. Er brachte die Legionen in bedrohliche Nähe der Stadt [Rom] und schickte Gesandte, die im Namen der Armee den Konsulat für ihn forderten. Als der Senat zögerte, schlug der Anführer der Abordnung, ein Zenturio namens Cornelius, seinen Mantel zurück und ließ seinen Schwertgriff sehen. Er teilte dem Senat ohne Hemmungen mit: „Das wird ihn zum Konsul machen, wenn ihr es nicht macht.“

SUETON, Leben des Augustus 26,1

31 v. Chr. Die politische Krise gipfelte in den 18 Jahren zwischen 49 und 31 v. Chr., als die Armeen des Pompeius gegen die Caesars kämpften und dann Octavian (der spätere Augustus) gegen Marcus Antonius antrat. (Für die Einzelheiten der großen triumviralen K.-o.-Runde der innerrömischen Endausscheidung, bekannt unter dem Namen Bürgerkriege, empfehlen wir die Historien Appians.) Man schätzt, dass in diesen 18 Jahren innerer Auseinandersetzungen fast eine halbe Million Männer zu den Waffen gerufen wurde. Selbst wenn wir rund 50 Prozent Schwund durch Tod, Ruhestand oder Desertion während dieser Zeit einkalkulieren, blieben damit noch immer gut 60 Legionen im Einsatz. Von den Soldaten abgesehen, die anderswo im Reich dienten, erschienen 47 Legionen zum Höhepunkt der Bürgerkriege, der Schlacht bei Actium 31 v. Chr. Hier kämpfte Octavian mit Marcus Antonius und Kleopatra um die Herrschaft über die uns bekannte Welt. Als der Rauch sich verzog, war es Octavian, der als Letzter noch auf den Beinen war und, indem er Antonius’ Männer seiner eigenen Streitmacht einverleibte, eine der größten Armeen erbte, die die Welt je gesehen hat.

Dieser Silberdenar des Marcus Antonius wurde kurz vor der Schlacht bei Actium geprägt und zeigt in weiser Voraussicht eine gefechtsklare Trireme. Bei Actium waren zwar mehr Legionen anwesend als jemals sonst in der römischen Geschichte, aber viele Soldaten schauten bloß zu, während sich das Schicksal des Imperiums zur See entschied.

Die augusteische Neuordnung

Allen Vorteilen einer supergroßen Armee zum Trotz, einen unüberwindlichen Nachteil gab es: Der römische Staat konnte sie sich nicht leisten. Selbst heute noch, über 100 Jahre später, ist der Unterhalt der Armee die größte Belastung für die Staatskasse – tatsächlich ist dieser Ausgabenposten, wenn man Bauprojekte wie Straßen dazurechnet (die übernimmt sowieso häufig die Armee), größer als alle übrigen Staatsausgaben zusammen. Octavian musste der Armee schnell eine Schlankheitskur verordnen und um die 100.000 Mann entlassen, und zwar so, dass sie keine Einwände gegen ihre Entlassung hatten.

Die Lösung des Problems war typisch für den raffiniertesten Politiker Roms. Octavian war entscheidungsfreudig, rücksichtslos und effizient. Er nahm einfach vielen wohlhabenden Gemeinden Italiens das Land weg und gab es den Ex-Soldaten. Das sorgte für große Bestürzung bei den italischen Völkern, aber da die Landräuber Armeeveteranen waren, wäre es äußerst unklug gewesen, allzu lautstark zu protestieren. Horaz, der oben erwähnte Soldat, der auf Dichter umgeschult hatte (s.S. 10), schrieb seine frühen Gedichte als herbe Anprangerung der Leiden, die diese Neuordnung in seiner Heimatstadt ausgelöst hatte. Doch wie viele andere auch verwandelte er sich unter dem Eindruck der Vorzüge des Friedens im Kaiserreich nach und nach in eine Stütze der Regierungspartei.

Hilfreich war auch, dass viele der Soldaten, denen man jetzt den Abschied gab, Eingezogene waren, die darauf brannten, heimzukehren. Außerdem erlaubte die Eroberung Ägyptens es Octavian, denjenigen eine Prämie in bar zu geben, die kein Land in Italien oder in einer der Kolonien wollten, die die Reichsregierung in den Provinzen ansiedelte. Von 60 Legionen unter Waffen ging Rom zu 28 über, was kurzfristig hunderte Millionen Sesterzen kostete, aber auf lange Sicht gigantische Summen einsparte.

Nach 6 n. Chr. wurde das Verfahren, wie man Soldaten nach ihrem Abschied ansiedelte, durch die Einrichtung des aerarium militare, der Militär-Staatskasse, auf die heutige Grundlage gestellt. Augustus (wie Octavian sich inzwischen nannte) gründete einen Fonds, indem er 170 Millionen Sesterze aus seinem Privatvermögen in den Spartopf steckte. Später bestand er darauf, dass die Bürger von Rom den Fonds durch Zwangsbeiträge flüssig hielten, nämlich durch eine Mehrwertsteuer von einem Prozent auf Versteigerungen und fünf Prozent Erbschaftssteuer (außerdem gibt es für die eigentliche Staatskasse eine allgemeine Steuer von zehn Prozent – und auch davon kriegt die Armee einen ganzen Batzen, wie wir gesehen haben).

Es wäre zwar nicht richtig, wenn man sagte, dass Augustus eine halbprofessionelle Armee aus Bürgersoldaten vorfand und in ein reguläres stehendes Heer umwandelte, denn die Vorgänge, die die römische Armee seiner Zeit entstehen ließen, waren schon vor der Zeit Caesars im Gang gewesen. Doch auf jeden Fall schuf Augustus klare Verhältnisse und machte aus Gewohnheiten verbindliche Vorschriften; die Armee, die er bei seinem Tod hinterließ, ist eindeutig schon die von 100 n.Chr.

Augustus war es auch, der die Dienstzeit auf 20 Jahre festlegte (woraus in der Praxis eher um die 25 Jahre wurden) und es den Soldaten verbot, in dieser Zeit zu heiraten. Augustus verdankt es ein Soldat, der entlassen wird, außerdem, dass er sich auf eine Abfindung im Wert von rund 14 Jahresgehältern freuen kann.

Schaubild einer Legion in Manipulartaktik. Die Aufstellung der Männer in kompakten, halbautonomen Blöcken verlieh der Legion große Flexibilität, dank der die Römer Feinde wie die kompakte, aber schwer manövrierbare makedonische Phalanx zerschmettern konnten.

Die Kohorten und Kopfstärken

Kohorten umfassen jeweils sechs Zenturien, und weil die Zenturie von 100 auf 80 Mann geschrumpft ist, ergibt das 480 Mann pro Kohorte. Zehn Kohorten à 480 Mann ergeben eine Legion oder 6000 Soldaten. Wer eine Planstelle beim Zahlmeister möchte, wird eine Unstimmigkeit in diesen Zahlen bemerkt haben, denn mit CDLXXX Mann mal X Kohorten komme ich nicht auf MMMMMM Soldaten. Die zusätzlichen Leute, die die Zahl wirklich auf 6000 bringen, kommen von der ersten Kohorte, die eine Einheit doppelter Stärke mit 800 Mann ist. Tatsächlich sind 6000 Mann das absolute Maximum – inklusive Köchen und Reserven. Im rauen Alltag sind die Legionen immer chronisch unterbesetzt, also ist man mit 4800 in einer Durchschnittslegion wahrscheinlich näher dran an der tatsächlichen Zahl der Soldaten.

Welche Legion passt zu mir?

Denken Sie immer daran, dass sich eine Legion hauptsächlich aus ihrem Stammbezirk rekrutiert, der üblicherweise mit der Provinz zusammenfällt, in welcher die Legion stationiert ist. Deswegen muss ein Rekrut, der auf einen bestimmten Standort aus ist, sicherstellen, dass er sich auch am richtigen Ort verpflichtet. Darum folgt hier ein Schnelldurchlauf, welche Legion wo steht, zusammen mit ein paar Bemerkungen über ihre Geschichte. Alles wäre viel einfacher, wenn die Legionen bei Legion I anfingen und bis Legion XXVIII durchliefen, aber die turbulente römische Geschichte hat in diese klare Linie ein paar dicke Knoten gemacht.

Zuerst einmal hatten noch vor der augusteischen Neuordnung die unruhigen Zeiten dafür gesorgt, dass ein paar Legionen lange genug fortbestanden hatten, um eine eigene Identität samt Traditionen zu entwickeln. Manche von ihnen waren auf Antonius’ Seite gewesen und hatten nur unter der Bedingung kapituliert, dass die Legion bestehen blieb. Deswegen tragen die Legionen X, XIII und XIV alle den Namen Gemina, also „Zwilling“. Sie sind das Ergebnis von Fusionen, wenn zum Beispiel eine augusteische und eine antonianische Legion mit derselben Nummer aus Kosten- und Sicherheitsgründen zu einer einzigen Einheit zusammengelegt wurden.

Sollte jemand gern zur Legion XVII, XVIII oder XIX wollen, muss er sich leider einen Dolch nehmen und in den düsteren Tiefen des Teutoburger Waldes in Germanien Selbstmord begehen, wo diese Legionen 9 n. Chr. durch einen Hinterhalt des Abtrünnigen Arminius ausgelöscht wurden. Ihre Nummern sind nie wieder vergeben worden, obwohl Caligulas Aufstellung zweier frischer Legionen namens XV Primigenia und XXII Primigenia von 39 n. Chr. die Armee wieder auf ihre Sollstärke gebracht hat. Der Name Primigenia bezieht sich wahrscheinlich auf Fortuna Primigenia, die manche für Jupiters erstgeborene Tochter halten. Die XV Primigenia kapitulierte 69 n. Chr. vor dem Feind und wurde zusammen mit mehreren anderen unehrenhaft aufgelöst. (Lesen Sie die Werke des Historikers Tacitus, wenn Sie die Geschichte der Aufstände und Kriege dieser Epoche erfahren möchten, in der mehrere Legionen in Schande von der Armeeliste gestrichen wurden.)

Ungefähr 66 n. Chr. plante Nero eine Expedition, um die Gegend rund um das Kaspische Meer zu erobern, und setzte die I Italica auf die Legionsliste – „Italica“, weil ihre Rekruten allesamt Italiker waren. Als sich dann 68 n. Chr. der Bürgerkrieg zusammenbraute, brauchte Nero ein bisschen Extraunterstützung und stellte eine weitere Legion auf, indem er Matrosen von der Flotte in Misenum versetzte (s.S. 53), aus denen die I Adiutrix („die Unterstützende“) wurde.

Unter Anrechnung all der vielen Katastrophen und Auflösungen, Rekrutierungen und Restrukturierungen liest sich die Regimentsliste von 100 n. Chr., auf die Traian für seine großen Feldzugspläne zurückgreifen kann, wie folgt:

• I Adiutrix. Ein gutes Motto für diese Legion wäre ubique – überall. Die Legion hat in Italien, Dalmatien und Moesien gedient. Ihre Soldaten können sich auf harte Kämpfe unter dem Kaiseradler in den anstehenden Daker- und Partherkriegen gefasst machen.

• I Minervia. Der Name verrät uns, dass Kaiser Domitian diese Legion aufgestellt hat, der Minerva als seine Schutzgöttin betrachtete. Es ist eine neue Legion, noch keine 20 Jahre alt, sie hat in derselben Gegend gekämpft wie die I Adiutrix und kann sich wie sie auf weitere Kämpfe einstellen. Einstweilen bewacht sie den Rhein von Bonna (Bonn) aus, wo sie für die nächsten Jahrzehnte feste Wurzeln zu schlagen scheint.

• II Adiutrix. Das ist eine Legion, die wie die I Adiutrix ursprünglich aus Ex-Marinesoldaten formiert wurde. Diesmal schuf Vespasian die Legion, damit sie ihm dabei half, Kaiser zu werden. Die Legion wurde Hals über Kopf in den Krieg im Rheinland und dann in Britannien geworfen. Nach Kämpfen in Wales und Schottland wurde sie an die dakische Grenze verlegt und kassierte eine dicke Tracht Prügel von den Kriegern dieses aggressiven Königreichs. Von ihrer jetzigen Garnison in Pannonien aus erledigt sie einen Großteil ihrer Rekrutierung in der Region. Im Auge behalten sollten Sie unter den Offizieren dieser Legion den jungen Publius Aelius Hadrianus (Hadrian), dem Insider eine steile Karriere voraussagen.

• II Augusta. Diese ursprünglich spanische Legion ist seit 43 n.Chr. in Britannien. Heutzutage richtet sie sich mit dem britischen Regenwetter in Isca Dumnoniorum (Exeter) ein und wird voraussichtlich noch einige Zeit dort bleiben. Das Legionsemblem ist der Capricorn, der fischschwänzige Steinbock, ein Zeichen dafür, dass sie Augustus reorganisiert hat, der in diesem Sternzeichen geboren wurde.

• III Augusta. Der Wechsel vom Steinbock zu Pegasus, dem geflügelten Pferd, entführt Sie quer durchs Imperium ins deutlich sonnigere Klima von Afrika. Viel zu kämpfen gibt es hier nicht, von gelegentlichen Rangeleien mit den Berberreitern aus der Wüste abgesehen, aber die Datteln sind verlockend und die Dating-Möglichkeiten mit den einheimischen Schönheiten auch.

Steinbock und Pegasus, die Symbole der II bzw. III Augusta, schmücken vereint diese Plakette der Legio II Augusta. Viele Legionen hatten ein Tiersymbol, wobei der gallische Stier die Legionen anzeigte, die schon unter Caesar gedient hatten. Das Symbol der Prätorianergarde war ein Skorpion.

• III Cyrenaica. Wenn es Sie ins exotische Land der Pyramiden zieht, sind Sie hier gut aufgehoben, aber ich sag’s Ihnen gleich – kennst du eine Sphinx, kennst du alle. Es gibt Gerüchte, dass die Legion in den Einsatz gehen könnte, wenn die geplante Annexion von Arabia abrollt; das wäre eine Abwechslung zur üblichen Mischung aus Hitze, Fliegen und Langeweile, in der es nur dann spannend wird, wenn die Juden, Griechen und Ägypter in Alexandria mal wieder einen Anlauf machen, ihre Stadt und einander zu vernichten.

• III Gallica. Trotz ihrer gallischen Anfänge finden Sie diese Legion in Syrien. Wer unter dem Zeichen des Stieres kämpft, kann im Osten Kriege mit den Parthern kommen sehen und darf sich im Westen auf noch einen Aufstand in Judäa freuen. Eine sichere Wahl für jeden, der’s im Militärdienst gern intensiv hat – und mörderisch.

• IV Flavia Felix. Ursprünglich hieß sie Macedonica, bis Vespasian die Legion gründlich umorganisierte. Wie ihr Stieremblem bezeugt, hat Caesar sie aufgestellt. (Caesars Legionen kämpften in Gallien, und der Stier hat vielleicht mit einem keltischen Stiergott zu tun.) Die Legion war schon früh eine treue Stütze Octavians in den schlimmen Jahren, ehe er Augustus wurde. Während des Bürgerkriegs von 69 n. Chr. mühte sie sich redlich, die aufsässigen Germanenstämme in Schach zu halten, zeigte aber später gegen Legionärskameraden, die zum Feind übergelaufen waren, keine berühmte Leistung. Wer sich den Namen „Felix“ anschaut, kommt zu der Vermutung, dass das „Glücklichsein“ oder „Glück gehabt“ im Titel sich auf den Erfolg bezieht, um die Auflösung wegen mangelnden Einsatzes herumgekommen zu sein.

• IV Scythica. Ursprünglich eine Legion, die Antonius aus den Völkern im Norden des Schwarzen Meeres bildete (daher der Name). Als sie es nach Actium mit Augustus hielt, übernahm sie Augustus’ Symbol, den Capricorn, als ihr Emblem. Wie die Legio XII Fulminata wurden auch ihre Soldaten in den 60er-Jahren n. Chr. von den Juden und auch von den Parthern besiegt, also haben sie keinen Ruf als erstklassige Kampftruppen. Wenn man den vergöttlichten Kaiser Vespasian in die Enge triebe, würde er errötend zugeben, in seiner Jugend bei dieser Legion gedient zu haben. Ihre Mitglieder gelten als hervorragende Straßenbauer.

• V Macedonica. Eine Legion, die ein Händchen dafür hat, sich ihre Feinde auszusuchen. Sie hat Barbaren im ganzen Nordosten des Imperiums bekämpft, unterbrochen von einem Abstecher nach Judäa für den Jüdischen Krieg von 69 n. Chr. Sie ist eine sichere Wette für die erste Schlachtreihe im nahen Dakerfeldzug und hat bereits zusammen mit der II Adiutrix dakische Einfälle abgewehrt. Noch eine Legion mit Stieremblem.

• VI Ferrata (die Eiserne). Nachdem diese Einheit Vespasian auf den Kaiserthron geholfen hat, ist sie nach Osten gezogen. Im Moment steht sie an den Ufern des Euphrat und wird entweder zur III Cyrenaica in Arabia stoßen oder zurückverlegt werden, um Judäa in Schach zu halten. Oder auch beides. Jedenfalls noch eine Legion, auf die interessante Zeiten warten.

• VI Victrix (die Siegreiche). Steht zurzeit in Novaesium (Neuss) am Rhein, wo sie die Flavia Felix (geborene Macedonica) und andere Legionen abgelöst hat, die sich durch Überlaufen zum Feind in den Kriegen von 69–70 n. Chr. zu Tode blamiert haben. Hauptsächlich Garnisonsdienst, dazu muss sie es bei kleineren Überfällen – mal als Täter, mal als Verteidiger – den Germanen zeigen. Hin und wieder bekommt der kommandierende General im Rheinland Appetit auf das Kaisertum, also ist ein Ausflug nach Rom auf die Schnelle eine weitere Möglichkeit.

• VII Gemina. Ihr berühmtester Ehemaliger ist der momentane Kaiser Traian, der 89 n.Chr. Legionslegat war. Diese Legion ist eine „Gemina“, weil sie eine Mixtur aus der in Schande geratenen I Germanica und der VII Hispana ist. Das spanische Element hat es nicht weit in die Fremde gezogen. Noch immer ist sie in Hispania Tarraconensis stationiert, einer der friedlichsten Provinzen des Imperiums, und Rekruten können sich auf gelegentliche Banditenjagd, Lager-dienst und Grundlagenforschung in der Kunst der Siesta einstellen. Diese Legion wird so lange an Ort und Stelle bleiben, dass sie der Stadt Le(gi)ón ihren Namen geben wird.

• VII Claudia. Diese Legion ist ihren Kinderkrankheiten vor über 150 Jahren entwachsen, als sie unter Caesar in Gallien kämpfte. Sollte es zum Bürgerkrieg kommen, halten Sie ein Auge auf sie, denn sie hat bisher jedes Mal den Gewinner unterstützt. Ihre Legionäre kämpften in Spanien und bei Pharsalos für Caesar gegen Pompeius und später bei Philippi für Caesars Erben Octavian. Die Legion stand 42 n. Chr. in Dalmatien und schlug dort einen Aufstand nieder, was ihr den Beinamen Claudia Pia Fidelis („pflichtbewusst und treu“) eintrug. Sie setzte auf Vespasian als Kaiser und gab den Ausschlag, damit die Schlacht von Cremona 69 n. Chr. mit seinem Sieg endete. Vermutlich wird sie die Speerspitze des kommenden Dakerkrieges bilden.

• VIII Augusta. Diese altgediente Legion zählt zu den Geheimtipps der Armee. Wie die VII Claudia ist sie eine ehemalige Legion Caesars und steht im Moment in Argentoratum (Straßburg). Einigen Leuten geht der Gedanke vielleicht gegen den Strich, dass die Verantwortlichen für ein gesamteuropäisches Imperium kaum etwas tun, außer die gallische Küche und den guten Wein zu würdigen, aber andere denken sich, dass das für Ruhe und Frieden dieser Zeiten ein sehr vernünftiger Preis ist.

• IX Hispana. Das inoffizielle Motto der Legion ist „Kein Wort über Boudicca!“. Von der britischen Kriegerkönigin hat diese Legion während Boudiccas Aufstand 60–61 n. Chr. kräftig Dresche bezogen und ein paar Veteranen der feinfühligeren Sorte fallen angeblich beim Anblick blauer Waid-Tätowierungen immer noch in Ohnmacht. Der aktuelle Hauptfeind der Legion ist das Rheuma, Ergebnis der britischen Nässe. Da Frieden auf der Insel herrscht, ist die Garnison von Lindum (Lincoln) nach Eboracum (York) verlegt worden. In gut 20 Jahren wird die Legion so geräuschlos aus Britannien abgerufen werden, dass sich viele fragen, was mit ihr passiert ist, und so wird sie als „die verschollene Legion“ Legende werden.

• X Fretensis. Nach einem Weg rund ums östliche Mittelmeer steht diese Legion jetzt in Hierosolyma, der Stadt, die die Römer nach der Rebellion 66–68 n. Chr. auf den rauchenden Trümmern von Jerusalem erbaut haben. Ein guter Posten für dickfellige Typen, denen es nichts ausmacht, wenn die Einheimischen hinter ihnen ausspucken. Titus, der General von damals, brachte es immerhin zu einer jüdischen Prinzessin als Freundin. Die Besatzungstruppen sollten lieber nicht mit so etwas rechnen, aber sicher ist ihnen auf jeden Fall das volle Mitgefühl des Kaisers. Traians Vater hat hier nämlich während des Aufstands eine Legion befehligt, also weiß Traian, womit es die Soldaten zu tun haben.

• X Gemina. Ursprünglich eine von Caesars Legionen (und auch eine, die 55 v. Chr mit ihm die Invasion in Britannien durchführte); für die Bürgerkriege stellte der Triumvir Lepidus sie neu auf, aber sie übertrug ihre Loyalität rasch auf Augustus. Nach einer erholsamen Runde in Spanien hat sie sich in Noviomagus (Nimwegen) im Rheinland wiedergefunden. Eine gute Wahl für alle, die gern mit Holz arbeiten, denn die Legion kämpft momentan mit Säge und Hacke, um Kastelle und Gräben entlang der Grenze zu errichten.

• XI. Offiziell ist das eine weitere Claudia Pia Fidelis, tatsächlich eher ein anonymes Arbeitstier unter den Legionen. Von ihrer Garnison in Vindonissa (Windisch in der Schweiz) zog sie westwärts, um Vespasian mit auf den Thron zu setzen und um mit dem Schlamassel fertigzuwerden, den der Verrat der Macedonica, der XV Primigenia & Co. im Jahr 70 hinterlassen hatte. Die Legio XI, gegenwärtig auf dem Balkan, wird wahrscheinlich den Garnisonsdienst in Pannonien übernehmen, wenn die angreifenden Legionen nach Dakien eingedrungen sind.

• XII Fulminata (die Donnerkeile). Eine Legion, die hinter den Erwartungen, die ihr Blitzsymbol weckt, klar zurückbleibt. Ihre Soldaten verpatzten die Eroberung Armeniens 62 n. Chr. und ergaben sich den Parthern, anschließend steigerten sie sich noch und verloren ihren Adler 66 n. Chr. an jüdische Rebellen. Nachdem sie eine gewisse Zeit im Osten von Kappadokien (in der Türkei) verbracht und gehofft hat, dass ihr nichts Gefährliches über den Weg läuft, ist diese Legion nach Osten an den Euphrat verlegt worden.

• XIII Gemina. Noch eine Gemina, diesmal mit einem Löwensymbol. Ihr größter Moment war es, als sie mit Caesar den Rubikon überschritt und die Bürgerkriege von 49 v. Chr. lostrat. Nach ihrer Umbildung durch Augustus ist die Legion seitdem fast ausschließlich im Donauraum stationiert gewesen. Für kurze Zeit zog es sie einmal nach Italien, wo sie Seite an Seite mit der VII Claudia darum kämpfte, Vespasian 69 n. Chr. zum Kaiser zu machen, aber grundsätzlich sind ihre Angehörigen die Dakerjäger par excellence.

• XIV Gemina. Spezialität: Aufstände niederschlagen. Diese Legion nahm an der Invasion Britanniens 43 n. Chr. teil. Weil sie 61 n. Chr. Boudicca besiegte, wurde sie Neros Lieblingskind und erhielt zur Belohnung den Titel „Martia Victrix“. Nach Germanien verlegt, half sie beim Wiederherstellen der Ordnung nach dem Aufruhr von 70 n. Chr. Das einzige Mal, dass sie sich die falsche Seite aussuchte, passierte ihr, als sie die Kaiserträume des aufständischen Statthalters Saturninus 89 n. Chr. mittrug. Zurzeit wird sie nach Vindobona (Wien) verlegt, obwohl sich einige Abteilungen auf eine Teilnahme am Dakerfeldzug vorbereiten.

Gnaeus Musius, der mit 17 zu den Legionen ging und mit 32 nach 15 Dienstjahren starb. Er war der Adlerträger der Legio XIV Gemina und zeigt stolz die Symbole auf seinem Schild, sein Feldzeichen und die Torques, die man ihm verliehen hat. Den Grabstein hat ihm sein Bruder, ein Zenturio, errichtet. (CIL XIII 6901, Mainz)

Der Eber der Legio XX. Der Eber war ein gallisches Feldzeichen, aber die Form des Tonstücks, auf das er geprägt ist, verrät, dass dies ein Dachziegel-Antefix aus der Legionsbrennerei ist, das den Wind daran hindern soll, unter die gewölbten Dachziegel der Kasernen zu dringen.

• XV Apollinaris. Die Apollinaris, benannt nach Apollo, dem Schutzgott ihres Gründers Augustus, kommt aus Carnuntum (Deutsch- Altenburg/Petronell) im Gebiet um Vindobona, in das die XIV Gemina gerade einrückt. Die XV Apollinaris hat im jüdischen Aufstand harte Kämpfe miterlebt und bereitet sich nun vielleicht darauf vor, die Parther auf die Probe zu stellen – falls nicht doch die Daker zuerst das Vergnügen mit ihr haben.

• XVI Flavia Firma. Man kann nur hoffen, dass die „standhafte flavische“ Legion, noch ein Opfer des Desasters von 70 n. Chr., sich besser hält als in ihrem früheren Leben unter der Bezeichnung XVI Gallica, die sang- und klanglos vor dem Feind kapitulierte. Die neuformierte Legion wurde in Syrien stationiert – und hat den begründeten Verdacht, dass Vespasian diese Verbannung als Strafe für ihre hauptsächlich gallischen Soldaten gedacht hat. Sie wird Gelegenheit haben, im anstehenden Dakerfeldzug ihren Ruf zu verbessern.

• XX Valeria Victrix. „Die siegreiche, mannhafte Legion“ ruht sich inzwischen nach einem erfolgreichen Feldzug gegen die Kaledonier auf ihren Lorbeeren aus. Sie stellt ein Drittel der britischen Legionen dar (Britannien hat im Verhältnis zu seiner Größe eine stärkere Garnison als jede andere Provinz im Reich, Judäa inklusive, und das will was heißen), hat einen guten Ruf und keine Kämpfe in Aussicht. Sie wird wohl noch eine Weile in Britannien bleiben.

• XXI Rapax. Die „Räuberischen“ unterstützten Vespasian erfolgreich 69 n.Chr. und setzten dann 89 aufs falsche Pferd, als sie bei einem Aufstandsversuch, der ihren Provinzstatthalter Saturninus zum Kaiser von Rom machen sollte, spektakulär erfolglos waren. Seitdem sind sie wie vom Erdboden verschluckt, und Gerüchte erzählen von ihrer Auflösung oder dem Untergang der gesamten Legion in Pannonien.

• XXII Deiotariana. Hat die Besonderheit, ursprünglich nichtrömisch zu sein, weil sie aus zwei vom Galaterkönig Deiotaros aufgestellten, nach römischem Muster organisierten Legionen gebildet wurde. Diese Streitmacht war eine so erfolgreiche Kopie der römischen, dass Augustus sie zu den echten schlug. Wie die VII Gemina/Hispana hat sich auch die Deiotariana nicht weit von ihrem Geburtsort entfernt und poliert zurzeit wie die III Cyrenaica ihre Anti-Krawall-Technik in Alexandria auf.

• XXII Primigenia. Eine Legion, die sich in den Bürgerkriegen von 69 n. Chr. mit konstanter Bosheit die falsche Seite aussuchte und dann leicht niedergedrückt wieder zum Tagesgeschäft überging, von Mogontiacum (Mainz) aus die Rheingrenze zu bewachen. Das ist eine Legion kampferprobter Germanenjäger, die seit drei Generationen im Geschäft sind. Sie holten sich den Titel Pia Fidelis, „pflichtbewusst und treu“, weil sie Kaiser Domitian zum Sieg über den Usurpator Saturninus verhalfen. Eine gute Wahl für Leute, die gern nur eine Sache machen (Germanen töten), das aber richtig.

Schlimme Zeiten für Castra Vetera

Viele Legionen möchten ihre unrühmliche Rolle in den Bürgerkriegen und Revolten von 69–70 n. Chr. gern vergessen und keine mehr als die Beteiligten am Debakel von Castra Vetera (Birten bei Xanten). Die Bataver, ein am Rhein lebender Stamm, erhoben sich unter der Führung eines ihrer Fürsten, eines römischen Bürgers namens Julius Civilis. (Die Römer hatten seinen Bruder hingerichtet, also hatte Civilis ein gewisses Recht, verstimmt zu sein.) Den Legionen V Alaudae, XVI Gallica und XV Primigenia misslang die Niederwerfung des Aufstands. Im weiteren Verlauf wurden die IV Macedonica und die XXII Primigenia mit hineingezogen, dazu die I Germanica.

Die V Alaudae und die XV Primigenia wurden im Legionslager Vetera belagert und liefen zu Civilis über. Die I Germanica und die XVI Gallica rückten zur Unterstützung an, aber kapitulierten stattdessen ebenfalls. Es brauchte einen Großteil von dem, was an römischer Armee noch übrig war, um das anschließende Chaos unter Kontrolle zu bringen. Während der Abrechnung, die folgte, wurde die XV Primigenia kurzerhand aufgelöst.

Die V Alaudae, der dasselbe Schicksal drohte, überlebte nur, um später von den Dakern zerlegt zu werden. Die XVI Gallica und die IV Macedonica wurden in XVI Flavia Firma respektive IV Flavia Felix umbenannt und die I Germanica mit der Legio VII zusammengelegt, worauf die VII Gemina aus ihnen wurde.

III Karrierealternativen im Militär

Conare levissimus videri, hostes enim fortasse telis indigeant.

Versuche so unbedeutend wie möglich auszusehen – vielleicht ist der Feind knapp an Munition.

Die römische Armee hat mehr zu bieten als nur Legionen – für manchen sind die Legionen vielleicht sogar nicht einmal die richtige Wahl. Im Folgenden finden Sie einige andere Möglichkeiten, die sich ein angehender Rekrut durch den Kopf gehen lassen sollte; beachten Sie aber, dass nicht jede dieser Stellen für alle zugänglich ist. Egal, in welcher Einheit sich ein Soldat wiederfindet, er gehört auf jeden Fall zu einem integrierten Kampfverband, in dem sich die verschiedenen Einheiten mit ihren Stärken gegenseitig ergänzen.

Die Kavallerie

Seit den Tagen der frühen römischen Republik, über die Polybios schreibt, hat sich einiges geändert, nicht zuletzt, weil die Römer seitdem mit der Unterlegenheit ihrer eigenen Kavallerie fertiggeworden sind, indem sie diese Aufgabe an besonders begabte Reitervölker out-sourcen. Wegen der verschiedenen Techniken und Anforderungen an die Kavallerie in verschiedenen Gebieten des Imperiums findet man in dieser Waffengattung eine größere Vielfalt als in jedem anderen Teil von Roms Armeen.

Ein Kavallerist im Kettenpanzer. Beachten Sie den Arm, der eine Lanze zum Stoß unter der Schulter hindurch hielt. Beachten Sie auch, dass das Schwert länger und der Nackenschutz des Helms kürzer ist als die Legionsversionen; andererseits hat man großzügig Halterungen für Federschmuck über den Helm verteilt, denn schließlich sind wir bei der Kavallerie. Aus praktischen Erwägungen und nationalen Vorlieben trägt dieser Reiter außerdem lieber Hosen als Tunika.

Nehmen Sie beispielsweise die Kavallerie der östlichen Provinzen, die es mit zwei ganz unterschiedlichen Arten berittener Feinde zu tun hat. Einmal gibt es da die leicht bewaffneten Bogenschützen, die nach hinten über die Kruppe ihrer Pferde schießen können. Das ist der berühmte „parthische Schuss“, der diese Reiter auf der Flucht so tödlich macht wie beim Angriff. Zweitens hat dieselbe Region die furchtbaren cataphracti hervorgebracht, eine Kavallerie, deren Pferde fast so schwer gepanzert sind wie ihre Reiter. In jedem Einzelfall muss die römische Kavallerie sich der Herausforderung anpassen, völlig verschiedene Gegner zu bekämpfen. In den Wüsten Numidiens etwa haben die Römer festgestellt, dass Schleudern eine nützliche Waffe gegen ihre beweglichen, wilden Feinde, die Berber, sind.

Römer, die Reiter werden, finden sich wahrscheinlich in der Legionskavallerie wieder; das sind Einheiten, die sehr eng in die Legionen eingebunden sind und ihre meisten Angehörigen von dort beziehen. Nehmen Sie etwa Tiberius Claudius Maximus, einen römischen Bürger aus Philippi in Makedonien, der sich vor rund 15 Jahren zur Armee gemeldet hat. Natürlich wählte er die Legion, in der sein Vater schon als Soldat gedient hatte – in diesem Fall die VII Claudia –, und wurde dank seiner Familienzugehörigkeit ein Legionskavallerist.

Checkliste Pro und Contra Kavallerie

PRO:

1.Soldat im Sattel sein bringt Prestige.

Früher machte das der römische Adel.

2.Wenn du reiten kannst, wozu laufen?

3.Die Kavallerie verbringt einen Großteil der Schlacht mit Warten.

4.Sie steht Bürgern und Nichtbürgern offen.

5.Wenn es mit dem Feldzug richtig schlecht läuft, liefert ein Pferd Fleisch für mehrere Wochen.

CONTRA:

1.Es gibt jede Menge Ausrüstung zu putzen und zu pflegen.

2.Außerdem muss man ein Pferd striegeln und seinen Stall ausmisten.

3.Die parthische Reiterei ist der römischen normalerweise überlegen.

4.Die sarmatische Reiterei auch.

5.Und die gallische und die germanische und die numidische …

Später wurde er zum II. Pannonischen Kavallerieregiment versetzt, bei dem er heute noch auf einer der unteren Offiziersstellen mit einem sehr beachtlichen Jahressold von 700 Denaren dient. Vorübergehend zählte er zum Stab des Legionskommandeurs – Bürger in der Kavallerie sind als Kuriere sehr nützlich –, aber jetzt führt er einen Trupp exploratores. Diese Kavalleristen haben die Aufgabe, weit im Vorfeld der Armee zu operieren und Sondereinsätze auszuführen oder Feindbewegungen auszukundschaften. Das ist ein spannendes Leben voller Abenteuer, aber es verlangt noch mehr Flexibilität und Fitness, als ohnehin von einem Durchschnittslegionär erwartet wird.

Ausrüstung und Zubehör

Ein alter Infanteriewitz sagt, dass ein Kavallerist, wenn er ins Zivilleben zurückkehrt, nie arbeitslos werden wird. Er findet immer noch einen Job als Stallknecht. Richtig ist sicher, dass ein Reiter einen vollen Tag hat, sei es im Einsatz oder wenn er sich darauf vorbereitet. Die Kavallerieausrüstung orientiert sich hauptsächlich an der keltischen, weil die Kelten während des letzten Jahrhunderts den Hauptteil der Reiterei gestellt haben. Stellen Sie sich darauf ein, folgende Ausrüstung mit ins Feld zu nehmen und instand zu halten:

In frühester Zeit kämpften [die Römer] ohne Rüstung […] was sie im Nahkampf in größte Gefahr brachte […] Ihre Speere waren in doppelter Hinsicht unpraktisch. Einmal waren sie so leicht und biegsam, dass sich unmöglich richtig damit zielen ließ, der Speer bei jeder Bewegung des Pferdes herumwackelte und meistens sogar brach, noch ehe man etwas damit traf […] Die Schilde waren aus Ochsenhaut, […] zu weich, um etwas beim Angriff zu taugen. Und bei Regen schälte die Haut sich ab, faulte und machte den Schild nicht nur unpraktisch, sondern vollkommen nutzlos.

POLYBIOS, Historien 6,25

Kavalleriehelm. Römische Reiter besitzen Helme für die Schlacht, Helme für die Parade und Helme für besondere Sorten Feind. Der Besitzer dieses Helms erwartet offensichtlich, dass er eine Menge Schläge auf den Kopf bekommt (darum die Querverstärkung), und verfügt über umfangreichen Schutz gegen Hiebwaffen. Etwas zu hören ist für einen Kavalleristen im Gefecht wichtig, also sorgen Ohrlöcher für Schalldurchlässigkeit und etwas Lüftung.

Rüstung: Üblicherweise handelt es sich um Kettenpanzer, entweder im keltischen Stil oder in der für normale Auxiliare typischen Ausführung, aber einige Einheiten bevorzugen Schuppenpanzer.

Helm: Er unterscheidet sich deutlich von der Infanterieversion und braucht eine lange Eingewöhnung. Er ist auf Rundumschutz im Handgemenge zu Pferd ausgelegt, wo Angriffe von hinten häufiger sind, als Legionäre sie zu erwarten haben. Kavalleriehelmen fehlt außerdem der charakteristisch weit vorspringende Schutz, den ein Legionärshelm als Nackenteil hat, denn ein Sturz aus Sattelhöhe auf diesen Vorsprung erhöht die Wahrscheinlichkeit, sich den Hals zu brechen, drastisch.

Schild: Viel kommt darauf an, wo die Einheit steht und welche Aufgaben sie hat, aber der Standardschild ist ein breites Oval, das dem Schild der Auxiliare ähnelt. Man braucht viel Übung, bis man Schild, Schwert, Speer und Wurfspeer benutzen kann, während man auf einem sich schnell bewegenden Pferd sitzt. Übung darin, ohne schwere Verletzungen vom Pferd zu fallen, bekommt man ganz spontan im Lauf des üblichen Trainings.

Schwert: Man nennt es die spatha. Es ist länger als der gladius des Legionärs (s.S. 73) und wird häufig unter die Satteldecke gesteckt, wenn man kein Gefecht erwartet.

Wurfspeer: Ein römischer Reiter ist die reinste Abschussrampe. Man erwartet, dass ein Kavallerist während der Attacke deutlich mehr als ein Dutzend Wurfspeere oder schwere Wurfpfeile auf seine Gegner schleudert, bevor der Nahkampf losgeht.

Vierhornsattel; Darstellung des Sattelbaums und der Polsterung. Ein römischer Reiter verlässt sich auf seinen schraubstockartigen Schenkeldruck, um im Sattel zu bleiben. Auch die seitlichen Hörner helfen, nur muss ein Reiter, der es eilig hat, aufs Pferd zu kommen, gut aufpassen, keine empfindlichen Weichteile sozusagen aufs Horn zu nehmen.

Sattel: Der charakteristische römische Sattel mit vier Sattelhörnern ist für einen Kavalleristen ein besonders wichtiges Ausrüstungsstück. Wie das Reiterschwert stammt er von den Kelten und ist das Einzige, was den Reiter sicher auf dem Pferd hält – noch ist niemand auf die Idee herumbaumelnder Fußstützen aus Metall (später Steigbügel genannt) gekommen. Halten Sie das Fehlen einer Fußstütze aber bloß nicht für eine Ausrede, ein Kavallerist könne sich im Gefecht nicht auf Infanterie stürzen – der Sattel ist tief und fest genug, dass man sich den Speer für einen kräftigen Stoß unter den Arm klemmen kann und der Reiter beim Aufprall trotzdem nicht über das Pferd weg nach hinten fliegt.

Geschirr und Zaumzeug: Davon gibt es jede Menge, weil die Römer es mögen, wenn ihre Kavallerie etwas hermacht. Also hat man diverse Medaillons und andere Metallteile zu polieren und zusätzlich Schnallen und Lederzeug in Schuss zu halten. Dann wäre da noch die persönliche Ausrüstung des Reiters, nicht zu reden von der Pflege und „Instandhaltung“ des Pferdes selbst.

Auf dem Schlachtfeld kämpft das Gros der Kavallerie in alae, wörtlich: „Flügeln“, weil sie normalerweise die Infanterie flankieren. Weil Pferde schneller müde werden als Menschen, darf ein Kavallerist damit rechnen, einen großen Teil jeder Schlacht in Reserve stehend zuzubringen – wenige Feldherren werfen gern mehr als ihre halbe Kavallerie auf einmal ins Gefecht. Eine weitere Hauptaufgabe der Reiterei in der Schlacht beginnt, wenn eine feindliche Einheit geschlagen ist und die Kavallerie losgelassen wird, damit sie die aufgelösten, fliehenden Gegner niederreitet. Weil Kavalleriepferde vernünftiger als Menschen sind, galoppieren sie für gewöhnlich nicht in geschlossene feindliche Einheiten zu Fuß oder zu Pferd hinein. Kommt es also zum Gefecht von Kavallerie gegen Kavallerie, dann wird man sich einig und beide Seiten öffnen während der Attacke die Reihen, sodass der Zusammenstoß mit dem Gegner in voller Geschwindigkeit geschieht. Ansonsten reiten beide in geschlossener Formation im Schritt aufeinander zu, bevor sie zu einem ausgewachsenen Wettkampf im Einander-Niederhauen übergehen.

Wenn er hinter einer reglosen Gesichtsmaske in schimmernder Rüstung dahintrabt, gibt der Kavallerist einen imposanten Anblick ab. Röhrenförmige Drachenstandarten flattern über der Schwadron (eine Kavallerieschwadron heißt turma), und klimpernde Metallplatten schmücken die Pferdegeschirre. In solchen Momenten denkt der römische Reiter vielleicht, dass sich die vielen Stunden mühsamen Wienerns, Ölens und Striegelns, Exerzierens und Drills gelohnt haben, die es brauchte, damit dieser Gesamteindruck zustandekommt.

Kavallerie, die einer [Infanterie-]Kohorte zugeteilt ist, hat es schwer, für sich allein einen guten Eindruck zu machen, und sogar noch mehr, abwertende Kommentare zu vermeiden, wenngleich vor ihr die Auxiliarkavallerie ins Manöver gegangen ist: Sie geht kürzere Wege und hat weniger Speerwerfer.

(Hadrian zum Kavalleriekontingent der VI. Kommagener-Kohorte in einer Inschrift aus Lambaesis.) Inscriptiones Latinae selectae 2487

Die Auxilia

Wer kein Pferd reiten kann, kein römischer Bürger ist und keine guten Beziehungen zu wichtigen Leuten hat, der endet wahrscheinlich bei den Auxilia – richtiger ausgedrückt, bei den anderen Auxilia, denn auch die meisten Kavalleristen sind Auxiliare. Doch allgemein bezeichnet man mit diesem Begriff die leichter bewaffnete Infanterie aus Nichtbürgern, die für rund 80 Prozent des Soldes die riskante Arbeit machen. Die Dienstzeit beträgt 25 Jahre, aber weil man bei der Entlassung zum Bürger wird, ist es theoretisch möglich, mit 16 zu den Auxilia zu gehen und sich dann mit 41 zur Legion zu verpflichten. Viele stellen dann freilich fest, dass über zwei Jahrzehnte in der Armee sie von ihrer Sehnsucht nach einer Karriere als Soldat kuriert haben.

Checkliste Pro und Contra Auxilia

PRO:

1.Die Einheiten sind eher ortsfest.

2.Die Einheiten sind weniger strikten Regeln unterworfen als die Legionen.

3.Für jede Spezialkenntnis, die Sie nur mitbringen können, gibt es Verwendung.

4.Man kann zusammen mit vielen Landsleuten dienen.

5.Zur Entlassung gibt es das römische Bürgerrecht.

CONTRA:

1.Der Sold ist niedriger als bei Legionären.

2.Die Abfindung beim Ruhestand ist nicht so gut wie für Legionäre.

3.Truppenverlegungen erfolgen oft auf Dauer.

4.Auxilia sind öfter in kleinere Kampfhandlungen verwickelt.

5.Der Verlust von Auxiliareinheiten gilt im Vergleich zu Legionen als nicht so schlimm.

Auf jeden Fall merken sollten Sie sich, dass es schon fast so lange Auxiliarverbände gibt wie die römische Armee, nur hat man sie manchmal „Bundesgenossen“ genannt und zu anderen Zeiten waren sie sogar Söldner. (Im 2. Jahrhundert v. Chr. beschwerte sich der Senat bei Kreta, dass es sowohl Rom als auch dessen Feinden die Bogenschützen lieferte – gelegentlich sogar für dasselbe Schlachtfeld.) Außerdem haben ebenso viele, wenn nicht noch mehr Soldaten in den Auxilia gedient als in den Legionen, und das ist immer noch so. Wie die meisten militärischen Fragen wurden die Auxilia durch Augustus in feste Verhältnisse gebracht, obwohl das System nicht annähernd so eng reguliert ist wie bei den Legionen.

Ein Auxiliarsoldat kann sich auf den Dienst in einer Kohorte aus rund 480 Mann einstellen, von denen viele seine Stammesgenossen sein werden. Manche Auxiliare dienen weit weg von ihrem Rekrutierungsort (selbst Caesar nahm in seine Truppen für Gallien spanische Schleuderer und Kavalleristen, germanische Reiter und kretische Bogenschützen auf), aber wenn die Auxilia erst einmal irgendwo angekommen sind, bleiben sie üblicherweise länger da. Verluste werden an Ort und Stelle ausgeglichen und mit der Zeit ändert sich die Nationalität der Kohorte. So steht die cohors I Augusta, ursprünglich aus der spanischen Provinz Lusitania, inzwischen in Ägypten und hat ein Kontingent aus 120 Kamelreitern (dromedarii) dazubekommen, die ihr Handwerk garantiert nicht in den Pyrenäen gelernt haben.

Wie die Anwesenheit von Kamelkavallerie schon andeutet, verläuft das Leben in den Auxilia mit einer gewissen Lockerheit, die in den Legionen nicht zu finden wäre. Zunächst einmal fehlt den Auxilia, weil sie in Kohorten operieren, die Verwaltungsstruktur der Legionen. Das macht sie gut geeignet für den Dienst in kleinen, ad hoc für Spezialaufgaben zusammengestellten Verbänden. Zum Beispiel können Auxilia ebenso viel Zeit damit verbringen, einem Steuereintreiber in einer kleinen Provinz hinterherzutrotten, wie sie im Konflikt mit Barbarenhorden stehen. Auch in Fragen der Bewaffnung und Rüstung herrscht größere Flexibilität. Warum soll man sich auch Syrer holen (die berühmt für ihre Fähigkeiten am Bogen sind) und ihnen dann Speer und Kurzschwert in die Hand drücken? Das umso mehr, als Bogenschützen zu Fuß das Patentrezept gegen die leichten berittenen Schützen sind, die die Legionen auf ihren Feldzügen im Osten belästigen.

Diese Flexibilität ist vielleicht der Grund, wieso manche römischen Bürger sich tatsächlich lieber für den Dienst bei den Auxilia statt in den Legionen entscheiden. Das trifft besonders auf Bürger zu, die in einer Provinz aufgewachsen sind und eine Kavallerielaufbahn mit ihren Landsleuten im Auge haben.

Andere jedoch stoßen als pedites (wie man die Infanterie nennt) zu den Auxilia, obwohl ihr Bürgerrecht ihnen den Anspruch verleiht, Legionäre zu werden. Womöglich spielt bei ihrer Entscheidung auch der Umstand eine Rolle, dass die Auxilia viel wahrscheinlicher in Heimatnähe bleiben.

Gruß an meinen Bruder Herakleides. Ich habe dir schon wegen des jungen Pausanias geschrieben, der in den Legionen dienen will. Also, jetzt hat er beschlossen, es soll die Kavallerie sein […] Ich bin nach Alexandria gegangen und habe verschiedene Tricks ausprobiert, und schließlich habe ich ihn in einer Kavallerieeinheit in Koptos untergebracht […]

Papyrus Oxyrhynchus 1666

Die Legionen wechseln den Ort, wie es die Gesamtstrategie des Imperiums will. In aller Regel winken die Auxilia ihnen freundlich hinterher und werden anschließend mit der neuen Legion warm, falls eine auftaucht. Die Folge ist, dass viele auxiliare Nichtbürger lang genug am Standort bleiben, um Frauen zu nehmen und Kinder großzuziehen, die bei ihrer Entlassung zusammen mit ihnen eingebürgert werden. Falls diese Kinder auf Papas Spuren in die Armee finden – wie das viele tun –, geben sie castris (aus dem Lager) als Herkunftsort an und haben die Wahl zwischen der alten Auxiliareinheit ihres Vaters und den Legionen.

Eine Anzahl von Gründen spricht dafür, Auxiliarkohorten am gleichen Ort zu belassen:

Welche Kohorte wähle ich?

Das leicht eigenwillige System der Legionsbezeichnungen ist ein Muster an militärischer Ordnung, verglichen mit dem der Auxilia. Auxiliarkohorten heißen nach ihrem aktuellen Standort oder ihrer Herkunft, ihrer Stammeszugehörigkeit, ihrer Lieblingswaffe oder auch dem Kaiser, unter dem sie aufgestellt wurden, ihrem Kommandeur oder einer beliebigen Kombination der genannten Elemente – und vorn hängt man üblicherweise eine scheinbar willkürliche Zahl dran. Diese Fülle theoretischer Optionen verhindert es jedoch nicht, dass verschiedene Kohorten denselben Namen haben. Zurzeit rennen mindestens zwei Kohorten namens I Alpinorum im unteren Pannonien herum, und wenn in ihrem Fall kurz und klar leider nicht das Gleiche ist, dann kann man der klangvoll betitelten II Augusta Nervia Pacensis Brittonum, die an ihrer Seite kämpft, diesen Vorwurf bestimmt nicht machen.

• Örtliche Soldaten dienen lieber am Ort.

• Ortskenntnis ist lebenswichtig für den Kleinkrieg mit seinen Hinterhalten, Streifzügen und Scharmützeln.

• Die Auxiliare vor Ort haben Jahrhunderte mit der Entwicklung von Waffen und Taktiken entwickelt, die dem Terrain ideal angepasst sind (zum Beispiel gibt es wenig Verwendung für numidische Reiter in den Wäldern Germaniens, während die Bataver-Kavallerie aus Niedergermanien – exzellente Schwimmer, die sich auf Flussüberquerungen bei Hochwasser spezialisiert haben – sich in der afrikanischen Wüste, die das Zuhause der Numider ist, leicht überflüssig vorkäme).

Die Ausnahme von der Regel, die Auxiliare in ihrer Region zu lassen, sind Spezialtruppen, die man überall gern sieht. Sarmatische Kavalleristen und syrische Schützen beispielsweise können wirklich erwarten, zur Armee zu gehen und die Welt kennenzulernen. Ihre Landsleute sind von den Sümpfen Britanniens bis zu den Basaren von Alexandria über das ganze Reich verteilt.

Tiberius Julius Abdes Pantera aus Sidon liegt hier begraben. Er lebte 62 Jahre und war 40 Jahre Soldat in der Bogenschützen-Kohorte.

(Grab bei Bingium, Germania superior)

H. DESSAU, Inscriptiones Latinae selectae 2571

Was die Legionen betrifft, ist die Rolle der Auxilia genau das, was ihr Name auf Latein besagt – Hilfe und Unterstützung. Während die Legionen sich ins Gefecht begeben, erbringen die Auxilia

• Aufklärung des vorausliegenden Gebiets gegen Hinterhalte,

• Nachrichten für den General über mutmaßliche Zusammensetzung und Taktik des Feindes,

• Informationen für die Armee zu nahe gelegenen Nahrungsvorräten und Lagerplätzen.

Kommt es zu einem größeren Gefecht, stehen die Auxilia nicht einfach dabei und lassen die Legionen machen. Während die Armeen aufeinanderprallen, erfüllen die Auxilia einige oder alle der folgenden Aufträge:

• Sie führen das Geplänkel zur Eröffnung der Schlacht.

• Sie halten feindliche Kavallerie von der Flanke der Legionen fern.

• Sie verteidigen hügeligen oder zerklüfteten Boden, auf dem die Legionäre nur mühsam in Formation bleiben können.

• Sie attackieren je nach Spezialwaffen den Feind mit Speeren, Pfeilen oder Schleudergeschossen.

• Sie kämpfen, wo es richtig heiß hergeht. (Die Auxiliare sind zwar um einiges leichter bewaffnet als die Legionäre, aber wahrscheinlich besser bewaffnet, trainiert und ausgestattet als die feindliche Hauptmacht, also schickt man sie eventuell auch frontal gegen diese.)

Vespasian verließ Ptolemais und ließ […] die leichtbewaffneten Auxiliare mit den Bogenschützen zuerst marschieren, damit sie Überraschungsangriffe des Feindes verhinderten und jedes Waldstück durchsuchten, das einen Hinterhalt verbergen konnte.

JOSEPHUS, Der Jüdische Krieg 3.115 (3,6,2)

Und wenn die Legion dann wieder im Lager ist, sind es natürlich die Auxilia, die die örtlichen Garnisonen stellen, flächendeckend Patrouillen unternehmen und sich an das tagtägliche Geschäft machen, die Pax Romana aufrechtzuerhalten.

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
253 s. 56 illüstrasyon
ISBN:
9783534747016
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