Kitabı oku: «Laufschuh gegen SUP»

Yazı tipi:

Von der tschechischen Grenze zur Nordsee

800 Kilometer entlang der Elbe in 22 Tagen


TIMM KRUSE PHILIPP JORDAN

LAUF SCHUH GEGEN SUP

DIE CHALLENGE: ZWEI ABENTEURER BEZWINGEN DIE ELBE


1. Auflage 2021

© Delius Klasing & Co. KG, Bielefeld

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-667-12234-6 (Print)

ISBN 978-3-667-12339-8 (Epub)

Lektorat: René Stein

Fotos: alle Fotos © Jonas Kantz, bis auf: Philipp Jordan:

Seiten 11, 48 unten, 61 (beide oben), 67 unten, 133;

Timm Kruse: Seiten 12, 100 unten links, 126 unten links,

138 unten rechts; Lena Naumann: Seite 119; Hanno Nörenberg:

Seite 88; Bruni Prasske: Seite 100 oben; Caro Stecher:

Seiten 130, 134; Timo Tørner (Cäptn): Seiten 72, 137, 139 oben

Karte: Inch3, Bielefeld

Umschlaggestaltung und Layout: Felix Kempf, www.fx68.de

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.delius-klasing.de


Beginn der Reise bei Regen und 5 Grad Celsius.

INHALT

TAG 0

SCHMILKA, AN DER TSCHECHISCHEN GRENZE.

WIESO, WESHALB, WARUM, MANCHMAL LÄUFT ES DUMM

TAG 1

SCHMILKA – DRESDEN, 55 KILOMETER

ALLER ANFANG IST TOLL …

TAG 2

DRESDEN – MEISSEN, 26 KILOMETER

EIN BLUTIGER STRAHL

TAG 3

MEISSEN – MÜHLBERG AN DER ELBE, 50 KILOMETER

EUPHORIE, OBS UND HELMUT KOHL

TAG 4

MÜHLBACH – TORGAU, 26 KILOMETER

SANDALENFILM

TAG 5

TORGAU – PRETZSCH, 33 KILOMETER

BE CAREFUL WHAT YOU WISH FOR …

TAG 6

PRETZSCH – WITTENBERG, 36 KILOMETER

IN WINDES EILE

TAG 7

WITTENBERG – DESSAU, 34 KILOMETER

NOCHMAL MIT ANNA ANNA ELBE

TAG 8

DESSAU – BARBY, 49 KILOMETER

LEBEN UND LEBEN LASSEN

TAG 9

BARBY – MAGDEBURG, 49 KILOMETER

FÜNFZEHN EINEINHALB MINUTEN RUHM

TAG 10

MAGDEBURG – ROGÄTZ, 26 KILOMETER

YOU’LL NEVER RUN ALONE

TAG 11

ROGÄTZ – TANGERMÜNDE, 38 KILOMETER

LIKE SCHMERZ IN THE SUNSHINE

TAG 12

TANGERMÜNDE – HOHENBERG-KRUSEMARK, 25 KILOMETER

AFTER THE RAIN COMES SUN, AFTER THE SUN COMES RAIN AGAIN

TAG 13

HOHENBERG – WITTENBERGE, 48 KILOMETER

ZUSAMMEN IST MAN WENIGER ALLEIN

TAG 14

WITTENBERGE – LENZEN, 35 KILOMETER

DER SICH DEN WOLF LÄUFT

TAG 15

LENZEN – WEHNINGEN, 30 KILOMETER

SCHLAPPI SCHLAPPMEYER

TAG 16

WEHNINGEN – NEU DARCHAU, 26 KILOMETER

VOLKSWANDERUNG

TAG 17

BAD DARCHAU – LAUENBURG, 35 KILOMETER

LÄUFT

TAG 18

LAUENBURG – GEESTHACHT, 25 KILOMETER

AHNMA, HAMBURG CITY, ALDA

TAG 19

HAMBURG

FISCHGERUCH UND HAFENKÄHNE

TAG 20

GEESTHACHT – ELBECAMP, 50 KILOMETER

MITTEN DURCH DIE SCHAFSTOILETTE

TAG 21

ELBECAMP – WISCHHAVEN, 35 KILOMETER

JA MANN, WIR KÖNNEN AUCH MAL JAMMERN

TAG 22

NEUHAUS – CUXHAVEN, 25 KILOMETER

IS THIS THE END?

DIE TAGE DANACH

DANKE

EPILOG


Bevor es losgeht: Fototermin mit einem Fotografen der lokalen Zeitung.

EINLEITUNG
WARNUNG!

DIES IST KEIN REISEFÜHRER.

ERWARTEN SIE VON UNS BLOSS KEINE KULTURELLEN, GEOLOGISCHEN ODER WISSENSCHAFTLICHEN ABHANDLUNGEN.

HIER ERFAHREN SIE, WIE MAN ULTRALÄUFT UND ULTRASUPT, WIE MAN SICH DABEI FÜHLT UND WIE MAN ES SCHAFFT, JEDEN TAG BIS ZU 55 KILOMETER UNTERWEGS ZU SEIN UND SICH DABEI NUR GANZ SELTEN AUF DIE NERVEN GEHT.

EINE WAHRE GESCHICHTE – OB SIE’S GLAUBEN ODER NICHT.

FÜR UNS

Diese verrückte Reise begann damals so: Der Journalist und Abenteurer Timm Kruse interviewt den Ultraläufer Philipp Jordan in seinem Podcast Meilen und Zeilen und kommt aus dem Nichts mit einer Eingebung.

»Hey, ich hab’ gerade ’ne Idee. Wollen wir nicht mal was zusammen machen? Gemeinsam einen Fluss runter? Ich auf ’m Wasser per SUP, und du an Land mit Laufschuh?« Und Jordan stammelt ein schrecklich überraschtes, ängstliches, nicht nein-sagen-könnendes »Äi, ja, hey, ich find’s, hua, jaaa«, und seine Stimme überschlägt sich wegen der neuen Möglichkeit, endlich wieder in Form zu kommen – denn er hat sich ganz schön gehen lassen in den vergangenen Monaten.

Eine Woche später verschickt Kruse ein Exposé – Arbeitstitel: Laufschuh gegen SUP, der Verlag nimmt das Projekt an, und Kruse wieder: »Hey Philipp, biste dabei?« Ist er – und läuft seitdem 100 Kilometer pro Woche. Fatboysrun ist zurück in der Spur.

Und so begegnen sich die beiden im Mai 2021 am Ende des dritten Lockdowns zum ersten Mal, um gemeinsam auf eine 800 Kilometer lange Reise zu gehen. Nebenbei wollen sie ein Buch schreiben – dieses Buch und 100.000 Euro für das gemeinnützige Hamburger Unternehmen »Oll inklusiv« sammeln. Okay, eigentlich ein bisschen viel für so ein Abenteuer.

Aber plötzlich wächst diese Tour. Ein befreundeter Fotograf begleitet die beiden mit seinem vierjährigen Sohn per E-Bike, und das Hamburger Urgestein Cäptn Clepto meldet sich und sagt, er wolle die Aktion unterstützen, per Wohnmobil dabei sein und mit Fahrdiensten aushelfen.

Die Gang steht, und die Elbdorados machen sich auf einen langen Weg quer durch Deutschland.


SCHMILKA, AN DER TSCHECHISCHEN GRENZE.

WIESO, WESHALB, WARUM, MANCHMAL LÄUFT ES DUMM.

PHILIPP

Ich sitze gerade auf meinem Bett und befinde mich in Schmilka, nahe der tschechischen Grenze – mein Hotelbett ist buchstäblich nur einen Steinwurf entfernt, sofern man durch Hotelwände schmeißen kann und besser schmeißt als ich. Morgen geht es endlich los. Das große Abenteuer. Zu zweit die Elbe runter. Aber wieso um alles in der Welt kommt man auf die Idee, noch einmal mit einem Ziehwagen einen Fluss entlang zu laufen? Und war das überhaupt meine Idee?

Vor einem Jahr kam mein Buch #Fatboysrun – Wie mich das Laufen jeden Tag aufs Neue rettet heraus. Coronabedingt fiel die Leipziger Buchmesse ins Wasser – keine Lesungen, keine Buchpromo, kein Blitzlicht, keine kreischenden Groupies, kein Stage Diving, nix, nada. Stattdessen hat mir der Verlag Timm Kruse geschickt, der mich für seinen Podcast Meilen und Zeilen zu meinem Buch interviewen wollte.

Drei Jahre waren vergangen, seitdem ich zwei Wochen lang jeden Tag den Rhein aufwärts mehr als eine Marathondistanz gelaufen bin. In der Zwischenzeit bin ich wieder fett geworden, oder wenigstens habe ich für einen Langstreckenläufer ordentlich Speck auf den Rippen angesammelt. Ich lief zwar noch ab und zu, aber lange nicht mehr mit der Regelmäßigkeit, lange nicht mehr mit demselben Enthusiasmus, den ich drei Jahre vorher an den Tag gelegt hatte.

Und dann passierte es. Timm fragte mich mitten im Podcast, ob ich nicht Bock hätte, mit ihm zusammen noch mal einen Fluss zu bereisen. Ich wieder zu Fuß, und er eben stehend auf einem Surfbrett. Mit Paddel. Sie kennen das ja vielleicht aus dem Urlaub, man sieht sie oft auf Badeseen, diese Menschen, die aus dem vielleicht coolsten Sportgerät des Planeten, das eigentlich für Action, Freiheit und unendliche Lockerheit steht, den wohl uncoolsten Sport der Sportgeschichte gemacht haben – SUPen.

Und jetzt die Elbe? Von der tschechischen Grenze bis ans Meer? Und ich Depp hör mich sagen: »Ja, warum nicht? Muss mal gucken.«

Eine Frage und eine Antwort, die – und ich übertreibe nicht – mein Leben komplett verändern sollte, zumindest im darauffolgenden Jahr. Zwei Wochen später dann die Mail vom Lektor, das Buch sei durchgewinkt worden. Wenn wir irgendwann im Frühling das Abenteuer starten könnten, ginge das Buch irgendwann im August in Druck.

Was? Wie? Das ging jetzt aber verdammt schnell. Ein Blick vom Computerschirm nach unten auf meine fette Wampe und wieder zurück. Oha. Auf was haste dich da eingelassen? »Ja, warum nicht?«, murmle ich laut vor mich hin. Eigentlich gäbe es da einen reich gedeckten Tisch mit genügend Gründen, warum nicht. Ich war zu dem Zeitpunkt besser geeignet, ein Buch über Sumoringen zu schreiben als über ein Laufabenteuer. Ich konnte kaum fünf Kilometer laufen, ohne keuchend fast zu kollabieren. Aber vier Wochen täglich eine Distanz nah am Marathon?

Mir saß die Angst im Nacken, aber je länger ich drüber nachdachte, desto mehr Bock hatte ich. Doch gleichzeitig stieg auch die Furcht, der Respekt, die Achtung vor so einer Strecke. Eigentlich bin ich ja der Typ, der andere überrollt. Derjenige, der andere mitzieht, überredet, ja geradezu manipuliert, Dinge zu tun, die sie eigentlich überhaupt nicht tun wollen. Und jetzt war ich auf der anderen Seite, Timm hatte meine Rolle übernommen, und da fing es an. Das Laufen wurde wieder Teil meines Alltags. 113,6 Kilogramm wog ich, und ich war nicht mal schwanger zu der Zeit, einfach nur unglaublich fett. Anfangs lief ich im Watscheltempo drei Kilometer mit einer Gehpause. Dann steigerte ich mich auf fünf Kilometer. Die Pfunde purzelten, und die Kilometer häuften sich.


Die »Elbdorados«, das sind wir: Timm, Cäptn Clepto und Philipp (von links).

Aus kurzen Runden von acht Kilometern entwickelte sich die regelmäßige Zehner-Runde. Ich durchbrach die 110-Kilogramm-Schallmauer, danach fielen die 100 Kilogramm, und praktisch im Vorbeigehen ließ ich mein Gewicht vom letzten Rheinabenteuer auch hinter mir. Inzwischen kann ich auch wieder viel laufen, und mein Monatspensum liegt bei knapp die 300 Kilometern.

Es lässt sich schwer in Worte fassen, wie viele Glücksmomente mir diese Transformation geschenkt hat. Ich könnte manchmal heulen aus tiefer Dankbarkeit. Im Gegensatz zu Timm bin ich kein spiritueller Mensch. Er glaubte einer alten Frau aufs Wort, als sie ihm erzählte, sie würde sich nur von Sonnenlicht ernähren. Er war Chauffeur für einen Guru in Indien. Ich hätte die alte Frau wahrscheinlich still und heimlich ausgelacht, den Guru als narzisstischen Betrüger abgestempelt und ihm ein Taxi gerufen. Ich bin also so spirituell wie eine Eieruhr … und das schon auf fast unsympathische Weise.

Aber in diesem Jahr, das nun hinter mir liegt, habe ich doch etwas festgestellt. Ich will es nicht direkt spirituell nennen, aber es fühlt sich doch wie eine höhere Erkenntnis an. Ich habe wieder gemerkt, dass das wahre Glück in uns liegt. Dass der Komfort und das, was wir Luxus nennen, oft pures Gift sein kann. Das kalte Glas Cola nach einem langen Lauf durch die Hitze schmeckt so gut, das kriegen Sie mit einem Champagner im edelsten Golfclub nie hin. Die harte Bank am Wegesrand, auf die man sich verschwitzt nach 30 Kilometern setzt, ist so viel angenehmer als der teuerste (und meinetwegen mit Nashornleder überzogene) Massagesessel der Welt. Und schwitzend durch die Natur laufen ist bestimmt das höchste, was ein Mensch erreichen kann. Da gehören wir hin, laufend in den Wald. Da fühle ich mich eins mit jedem Vogel, der da vor sich hin zwitschert. Im Grunde bin ich schon jetzt der große Gewinner dieser Challenge, weil ich gewichtsmäßig der größte Loser war.

Und das alles verdanke ich ja doch zu großen Teilen Timm. Diesem Typen, den ich ja eigentlich gar nicht kenne. Und doch verbindet uns etwas. Wir haben inzwischen beide unglaublich viel Lust auf dieses Abenteuer. Wir haben beide dasselbe Ziel: gemeinsam die Elbe hinunter. Von der tschechischen Grenze bis nach Cuxhaven an der Nordsee. Gegen und mit unseren Körpern den Kilometern trotzen. Gegen und mit der Natur diesen Fluss bezwingen, dem nichts egaler sein könnte, ob wir es bis ans Meer schaffen. Ich habe inzwischen sein Buch gelesen, das von seinem Paddeltrip auf dem Jakobsweg (Sie haben sich nicht verlesen!) erzählt. Jetzt habe ich noch mehr Lust auf unser Abenteuer.

Und just liege ich in Schmilka in einer malerischen Schlucht, nur wenige Meter neben einem alten Mühlrad, auf meinem Bett und freue mich nach dieser langen Zeit, morgen früh endlich starten zu können. Die letzten Tage waren hektisch. Ich schlafe unruhiger. Ich freue mich so sehr, mir meinen Ziehwagen umzuschnallen und endlich loszulaufen. Warm werden. Schwitzen. Nur noch einen Fuß vor den anderen setzen zu müssen. Dann wird aller Stress von mir abfallen. Es wird sehr anstrengend werden, es wird schmerzen, aber das macht alles so viel einfacher. Nur einen Fuß vor den anderen. Links, rechts, links, rechts. 800 Kilometer lang. Wenn doch nur alles im Leben so einfach wäre.

TIMM

Schon die Anfahrt ist eine Katastrophe; so sollte ein Abenteuer nicht beginnen: Kurz vor der tschechischen Grenze fliegt uns das Getriebe um die Ohren. Unter der Motorhaube gellt ein kurzer, schriller Todesschrei auf, es folgt ein entsetzliches Röcheln, irgendein Metallteil löst sich und klimpert die Landstraße runter, der fünfte Gang streikt, und schließlich blockiert die gesamte Maschine. Und das verrückterweise 300 Meter vor unserem Hotel, im tiefsten Sachsen.

Als wir dem Mann vom ADAC erzählen, dass das Gefährt 35 Jahre alt ist und 330.000 Kilometer runter hat, zieht der gelbe Engel die Brauen hoch, sagt unerklärlicherweise »Nü«, fährt die Rampe seines Abschleppwagens aus und zieht die drei Tonnen auf Rädern hoch auf die Ladefläche.

Famoser Ausblick an der tschechischen Grenze bei miesem Wetter. Hier hat die Elbe noch eine ordentliche Strömung.

Ursprünglich war das Wohnmobil als Begleitfahrzeug für unsere Tour gedacht, als Fahrer soll uns Cäptn Clepto dienen – ein Hamburger Urgestein und Original: lang, dünn, um die 50 Jahre alt und von viel Lebenserfahrung gezeichnet, gesprächig und vom Gemütstyp her Stoiker, mit Hufeneisenbart, Antifa-Sticker, St. Pauli-Schal und Kapitänsmütze à la Jack Sparrow. Mit anderen Worten: genau der richtige Mann für so eine Tour; den bringt nichts aus der Ruhe, der findet in den elendsten Situationen noch einen abstrusen Spruch und versteht sich und das Leben als lustiges Kunstwerk, das jeden Tag gefeiert werden sollte. Sein optisches Vorbild scheint Gonzo aus der Sesamstraße zu sein; vielleicht ist es aber auch Lucky Luke mit dem Grashalm im Mund.

Dass der Cäptn jetzt in einem ADAC-Clubmobil sitzt, noch dazu einem Opel, passt so wenig zusammen wie der HSV und erfolgreicher Fußball. »Da sind wir ja in unserem Elb-Dorado angekommen«, grunzt er und wirft dem Vectra einen verächtlichen Blick zu. Im normalen Leben bewegt er sich in einem mit bunten Graffiti überzogenen Ford Transit im Hamburger Hafenstraßen-Stil. Als das Wohnmobil noch rollte, hatten wir nach fünf langen Stunden von Hamburg nach Dresden Philipp vom Bahnhof abgeholt. Wir haben bestimmt schon hundert Mal gefacetimed, unzählige Sprachnachrichten und Mails verschickt, und doch war ich überrascht, wie anders er in Natura wirkt. Fast ein bisschen schüchtern, gar nicht so draufgängerisch wie am Telefon. Ich bin extrem erleichtert, dass er mir auch bei unserer ersten Begegnung richtig sympathisch ist – fast noch sympathischer als auf dem Bildschirm.

In einem früheren Gespräch hatte er mir gesagt, dass er sehr harmoniebedürftig sei; und genau das strahlt er aus. Etwas Liebes, Wahrhaftiges. Als Tier wäre er ein Bär – vielleicht ein Tanzbär, mit Glatze und Dreitagebart. Auf seinen Armen prangen Comic-Tattoos, Zeichnungen seiner Kinder. Warum er pinkfarbene Socken und eine gelbe Brille trägt, frage ich ihn später mal.

Schon nach den ersten Sätzen wusste ich: Der Typ ist genauso irre wie ich selbst. Endlich einer, der unkonventionell denkt, der ungezügelt ist, undressiert, Locken im Kopf. Dessen Grenzen anders verlaufen, als bei den meisten Menschen in unserer Gesellschaft. Einer, der ein Künstlerleben führt, ohne ständig einen auf Künstler zu machen; ohne besonders sein zu müssen – denn er ist ja schon besonders. Der aufblüht, wenn er die ausgelatschten Pfade verlässt. Der raus muss, um wieder zu sich selbst zu finden, wenn er sich vor lauter Überzivilisation verloren hat.

Wahrscheinlich hat er seine Mischung aus freiem Künstlerleben und gesellschaftlicher Norm gefunden, um glücklich zu sein. Denn glücklich wirkt er. Und nur darum geht’s im Leben.

Am späten Nachmittag trudelt unser Fotograf Jonas mit dem E-Bike ein, im Anhänger sein Sohn Lijus und eine riesige Tasche voller Equipment. Jonas ist die halbe Strecke von Dresden ohne Akku durch den Regen gefahren und sieht nicht so aus, als hätten er und sein Sohn dabei sonderlich viel Spaß gehabt. Jonas ist schwer einzuschätzen, hält Menschen erst einmal auf Distanz und wartet ab. Genau wie sein Sohn ist er niemand, der anderen sofort vertraut oder der sich grundlos öffnet. Aber das wird schon kommen. Vielleicht ist es gut, wenn wenigstens einer von uns introvertiert ist, und nicht jedem sofort seine Lebensgeschichte aufs Ohr drückt.

Abends stehen wir vier am Ufer und schauen auf die Elbe direkt an der tschechischen Grenze. Jonas macht ein paar Bilder, der Cäptn schüttet einen Schluck Bier in den Fluss, um die Götter zu besänftigen, Philipp unterhält sich mit allen, und keiner hört zu. Und ich? Ich habe ein flaues Gefühl im Magen und weiß nicht, ob diese Reise gut enden wird. Aber das kenne ich schon von mir. Mein Optimismus verlässt mich zuverlässig, wenn ich auf dem Startblock stehe.

Irgendwann gehen wir langsam zurück ins historische Schmilka mit den Fachwerkhäusern und wohl gepflegten Vorgärten. Ich stelle mir kurz vor, in diesem schweigsamen Dorf zu Hause zu sein, und schaudere.

Der ADAC schleppt mein Wohnmobil ab – Getriebeschaden.

TAG
1
SCHMILKA – DRESDEN 55 KILOMETER

ALLER ANFANG IST TOLL …

TIMM

Natürlich war mir schlecht heute früh. Natürlich habe ich nicht geschlafen. Und natürlich war ich so nervös am Start, als hätte ich noch nie auf einem SUP gestanden und müsste einen Tsunami abreiten.

An der tschechischen Grenze wartet ein Fotograf der lokalen Zeitung auf uns. In gewöhnlichen Situationen vermutlich ein angenehmer Typ, hier jemand, der mir mit seiner Lahmarschigkeit und fordernden Art – »Der Frühnebel ist ja jetzt weg!« – extrem auf die Nerven geht. Einer von diesen Männern, die ihren Fotoapparat mehr lieben als Menschen. Auch Philipp geht das alles viel zu langsam. Wir wollen los, es ist schon Viertel nach sechs.

»Noch ein bisschen nach rechts, weiter hoch, bitte«, dirigiert uns der Fotograf. »Das Brett mal über den Kopf heben!« Philipp stöhnt: »Hier ist überall Entenscheiße«, sagt er in seinen weißen Turnschuhen und versucht, den grünen Klecksen auszuweichen. »Das sieht man auf dem Foto nicht«, sagt der Fotograf und bestätigt meine Einschätzung.

Bevor es losgeht, umarmen Philipp und ich uns wie Kriegskameraden, die eine Schlacht zu schlagen haben. Er läuft mit seinem Ziehwagen einen kleinen Hügel hoch und überquert die grüne, tschechisch-deutsche Grenze. Ich setze mein SUP behutsam auf den Fluss, schnalle den Rucksack fest, stoße mich mit dem Paddel vom Ufer ab und werde sofort von der Strömung erfasst. Für die ersten 200 Meter paddele ich im Knien; noch traue ich der Elbe nicht. Überall blubbert sie, Strudel bilden sich quer über den Fluss, und die Strömung hat eine Kraft, dass ich Philipp sofort einhole.

Der Anfang einer langen Reise ist so intensiv, dass sich jedes Detail ins Gedächtnis brennt. Der ganze Fluss liegt vor mir, all die vielen Kilometer, die teils unberührte Natur. So viele Geschichten warten auf uns.

Jetzt, ein paar Wochen später am Schreibtisch sitzend, wünsche ich mich genau an diesen Ort und diese Zeit zurück. Ich würde das Abenteuer so gerne noch einmal erleben – dieses Mal viel entspannter, mit dem Wissen von heute. Immer wieder frage ich mich: Habe ich die Zeit auf dem Wasser genügend genossen? Geht das überhaupt? Kann man sein Leben voll ausschöpfen? Oder geht das nur im Nachhinein, weil sich im Hier und Jetzt immer auch Ängste dazugesellen?

Auf der rechten Seite fallen Sandsteinklippen steil in die Elbe ab, ihre Zinnen prangen über den Wipfeln wie versteinerte Finger eines riesigen Untiers aus der Kreidezeit. Links weiden Schafe, dahinter Kühe. Sie schauen gelangweilt auf das vorbeigleitende Männlein mit Stab. Ein kleiner Hafen zieht vorbei, ein paar Motorboote warten darauf, dass Corona endlich vorbei ist und Ausflüge wieder in Biergärten enden dürfen. Ein erster Elbkahn kommt mir entgegen, seine Bugwellen nehme ich lieber im Knien.


Philipp präpariert seinen Laufwagen, ich mein Brett. Es kann losgehen!


Durchs Elbsandsteingebirge. Der winzige Punkt unter der Brücke, das bin ich: Timm.

Noch bin ich vorsichtig auf dieser Tour, spüre jedes Zipperlein meines Körpers. Die Sehnen in den Handgelenken ziehen, mein Rücken ächzt nach den ersten zwei, drei Stunden, meine Füße schlafen ein und schmerzen trotzdem.

Wie am Anfang jeder Reise kommt die Angst hoch, ob ich für die Torturen gewappnet bin. Doch im Moment trägt mich der Strom mit fast acht Stundenkilometern an der grandiosen Landschaft vorbei.

Bei diesen Bedingungen schaffe ich die 800 Kilometer locker, denke ich noch, als sich das erste Lüftchen erhebt. Auf dieser Tour habe ich vor zwei Dingen Angst: Nazis und Gegenwind. Zweiterer schlägt mir ab Pirna voll ins Gesicht, in Böen von 30 bis 40 Stundenkilometern drückt er das Oberflächenwasser nach hinten und halbiert meine Anfangsgeschwindigkeit.

Irgendwo winken mir Menschen vom Ufer zu. Erst als ich näherkomme, erkenne ich unsere PR-Frauen Claudia und Kathleen. Sie kümmern sich um Pressekontakte, Social Media und die Spendenkampagne. Ich lande an, stapfe ein paar Schritte durch dicken Elbschlick und umarme die beiden – trotz Corona. Irgendwie konnte ich nicht anders. Einen Fotografen der DPA begrüße ich mit der Faust, beantworte die üblichen Fragen – woher, wie lange, wofür und warum. Journalismus ist so öde geworden, denke ich. Ein bestimmtes System mit dem immer gleichen Codex hat sich im Lauf der Jahre bewährt, alle schreiben im gleichen Korsett und nutzen die üblichen Floskeln in dem Wissen, dass sie nichts falsch machen können. Die Medienlandschaft besteht zum größten Teil aus einem weichgespülten Einheitsbrei.

Endlich kommt Philipp. Er hat schon dreißig Kilometer in den Knochen, mehr als ich je in meinem Leben am Stück gelaufen bin. Wir umarmen uns wieder – sind beide froh, dass der andere bis hierher ohne erkennbare Schäden durchgehalten hat.

Cäptn Clepto hat Getränke, Brötchen sowie ein paar Snacks besorgt und liebevoll am Steg aufgebaut. Der Typ könnte unsere Lebensversicherung für diese Tour werden: dauernd gut drauf, aufmerksam, stets zu Diensten, ohne sich wie ein Diener zu geben.

Drei Paddler überholen mich, einer kennt mich sogar. Sie machen Corona-Urlaub in Deutschland, fahren ein paar Tage die Elbe runter und schauen, wie weit sie kommen. Sie übernachten im Zelt, hatten heute Nacht Besuch von einem Hirsch und erzählen Horrorgeschichten von verunglückten SUPern.

Bringen mich diese Informationen weiter? Ändern sie etwas an meiner Tour? Warum erzählen mir diese Menschen nichts von kulturellen Highlights, besonders hübschen Dörfern oder großartigen Naturschauspielen? Der Alarmismus hat sich dank unserer Medienlandschaft schlimmer verbreitet, als es ein Virus je könnte – und zwar in den Köpfen.

Die letzten Kilometer ziehen sich entsetzlich. Der Wind hat noch einmal aufgefrischt. Ich muss ständig an Philipp denken. Ich schaue auf mein Handy, um seinen Live-Standort zu sichten, und sehe, dass er fast gleichauf ist, knapp zwei Kilometer hinter mir. Wie mag es ihm gehen nach mittlerweile mehr als 50 Kilometern?

PHILIPP

Eine Horrornacht liegt hinter mir. Die angestaute Aufregung lässt mich mehrfach aufwachen, mit meiner Sextanerblase eine tödliche Kombi. Aber sowas kenne ich als Läufer. Vor allen großen und wichtigen Herausforderungen bekomme ich nie den Schlaf, den ich so nötig bräuchte.

Um 4:30 Uhr gebe ich auf und versüße mir die Dreiviertelstunde vor dem Weckerklingeln mit einem Bad. Dann checke ich mehrfach den Inhalt meines Ziehwagens und zweifle, ob das kurze Laufoutfit bei der schlechten Wettervorhersage nicht doch ein zu großes Wagnis ist. Aber was soll’s! Die Regenjacke ganz oben in die Tasche und Daumen drücken.

Wir haben uns um 6 Uhr an der Grenze verabredet. Irgendein Pressefuzzi meldet sich bei Timm per Telefon, weil er weiter vorne steht und da schon alles aufgebaut hat. Nach einigem Zetern kommt er doch zu uns rüber. Ich hasse so etwas. Ich will jetzt loslaufen. Ein Jahr lang habe ich auf diesen Moment gewartet, und jetzt bremst mich kurz vor dem großen Moment ein verirrter Schreiberling aus. Timm beruhigt mich, und wir posieren brav für das Foto für die lokale Presse. Ich verabschiede mich vom Cäptn, und los geht’s. Heute begleitet mich Georg. Ich hatte in meinem Laufpodcast und auf Social Media dazu aufgerufen, mich zu begleiten. Georg kam schon gestern Nacht hier an und schlief in seinem Auto. Wir kennen uns nur über Facebook, aber wir Läufer finden eigentlich immer sofort gemeinsame Themen. Georg ist Täglichläufer, auch »Streak Runner« genannt, der meist sogar 20 Kilometer abspult. Ich muss mir also keine Sorgen machen, dass er schlappmacht. Aber das sieht man ihm sowieso direkt an. Neben seinen Dreadlocks fällt einem direkt sein schlanker und durchtrainierter Körper auf.

Das Wetter ist super. Ich denke an die 90 Prozent, die hinter dem Regenwolken-Piktogramm meiner Wetter-App stand, und hoffe, dass uns der Wettergott noch ein wenig gnädig gestimmt ist. Wenig später gesellt sich Timo zu uns. Er kommt aus Dresden und hat den Zug in aller Früh genommen, um mich zehn Kilometer zu begleiten.

CÄPTN CLEPTO HAT GETRÄNKE, BRÖTCHEN SOWIE EIN PAAR SNACKS BESORGT UND LIEBEVOLL AM STEG AUFGEBAUT. DER TYP KÖNNTE UNSERE LEBENSVERSICHERUNG FÜR DIESE TOUR WERDEN.


Morgenstimmung auf der Elbe (oben). Der Cäptn mit seinem Maskottchen Ingo, dem FlamIngo (links unten). Morgens vor dem Start (rechts unten).

Wir verstehen uns sofort, reden übers Laufen, über Rennen und auch ein bisschen übers Leben. In Bad Schandau steht dann irgendwann noch Thorsten vor uns, der ebenfalls die knapp 54 Kilometer bis nach Dresden mitlaufen möchte.

Mein Ziehwagen wippt auf und ab, und bei jedem noch so kleinen Anstieg gehe ich eisern. Ich muss noch so viele Tage und Kilometer erfolgreich und unverletzt durchleiden, da will ich gerade am Anfang nicht schon übermütig werden.

Timm paddelt neben mir, seine Bewegungen sind ausholend. Die Strömung ist unglaublich, und da Timm ordentlich Gas gibt, werde ich diesen majestätischen Anblick wohl nicht mehr lang genießen können. Ich freue mich so sehr, dass dieser damals mir völlig fremde Typ auf die sozialen Konventionen gepfiffen und mich so direkt gefragt hat, ob ich zusammen mit ihm dieses Abenteuer bestehen möchte. Und jetzt sind wir plötzlich mittendrin. Ich habe mir oft ausgemalt, wie das alles aussehen würde, wenn wir zusammen die Elbe bereisen, aber das hier ist alles so viel schöner, als ich es mir je vorgestellt hatte. Die Sandsteingebirge um uns herum sind so malerisch, dass man sie wohl nur in der Realität ertragen kann, ohne sie sofort kitschig zu finden.

Kein YouTube-Film könnte die Schönheit dieser Landschaft einfangen, kein Gemälde wird ihr gerecht, und Fotos erzählen auch nur die halbe Wahrheit. Ich weiß, dass ich die erste Hälfte so bewusst wie nur möglich in mich aufsaugen muss. Ich muss mich von der Schönheit tragen lassen, bevor der Schmerz meiner Beine diesen Augenschmaus leidvoll versalzen wird. Ich sage dem Rest unserer kleinen Truppe immer wieder, wie toll das doch alles ist, und wie dankbar ich bin, dass wir so gutes Wetter haben. Denn wie so oft war meine App ein ekelhafter Miesepeter, der wohl das Ziel hatte, schon vorher die Stimmung zu versauen.

Nach 33 Kilometern treffe ich Timm und die Truppe. Timm schlägt vor, ich solle doch meinen Ziehwagen hierlassen, er hätte ja auch seine Tasche dem Cäptn gegeben. Ich stutze kurz. Ich wollte doch alles mit Ziehwagen laufen. Aber mir wird plötzlich klar, wie bescheuert das eigentlich ist, wenn wir doch den Luxus eines Begleitfahrzeugs haben. Ich habe mich die ganzen Monate immer mit diesem Ziehwagen an der Elbe gesehen und hatte irgendwann total vergessen, den Sinn des Ganzen zu hinterfragen. Ich komme mir gleichzeitig sehr bescheuert und unglaublich erleichtert vor. Ich kann dieses Monster jetzt also einfach abschnallen und frei wie ein Vogel weitermachen. Außer, dass der Vogel nicht fliegen kann, sondern mit völlig ermüdeten Beinen weiterlaufen muss.

Noch etwas mehr als 20 Kilometer von Pirna bis nach Dresden. Wenn ich bei so langen Läufen eine Pause mache, ist es immer eine kleine Tortur, wieder loszulaufen. Als ob der Körper sich dagegen wehrt, dass die wohlige Pause nun ein Ende hat. Hölzern wie Pinocchio schlurfe ich los.

Plötzlich spüre ich meinen linken kleinen Zeh nicht mehr; er ist wie ein Fremdkörper, und bei jeder Linkskurve wird das richtig unangenehm. Die Sonne knallt auf uns herab und lässt die Schlösser und Anwesen auf den umliegenden Hügeln noch malerischer wirken. Immer wieder bitte ich Georg und Thorsten, mir eine kurze Gehpause zu gönnen. Ich muss unglaublich vorsichtig sein, denn nach der heutigen Etappe folgen weitere 750 Kilometer. Jeden Tag ein Stück.

Meine Begleiter sind super: Thorsten hat mir sogar spontan seinen Trinkrucksack als Leihgabe versprochen, da ich ja ab jetzt ohne Ziehwagen unterwegs bin. Eine Flasche, die ich schon morgens bewundert habe, hatte er mir bereits geschenkt. Er ist Hörer von zwei meiner Podcasts und hat einen sehr sympathischen Potsdamer Dialekt. Ich muss gestehen, dass ich nicht mal weiß, ob es das überhaupt gibt, oder ob er einfach nur berlinert.

Vor uns schält sich langsam Dresden aus dem hügeligen Horizont, mit dem scheußlichen Fernsehturm als Vorboten. Das blaue Wunder, eine Brücke, kündigt laut Georg die letzten beiden Kilometer an. Und irgendwann stehen wir vor meinem Hotel, meine Uhr zeigt 54,6 Kilometer an, und wir fallen uns zum Abschied dankbar und glücklich in die Arme.

Timm kommt dann auch plötzlich um die Ecke. Wir umarmen uns. Heute hat jeder für sich gekämpft, und doch waren wir zusammen unterwegs. Es ist schön, so ein Abenteuer zu teilen.


Geteilte Freude ist doppelte Freude (oben und unten rechts). Interview mit der Sächsischen Zeitung (unten links).

TAG
2
DRESDEN – MEISSEN 26 KILOMETER

EIN BLUTIGER STRAHL

PHILIPP

Schier endlose Getreidefelder ziehen an mir vorbei, oder eigentlich ist es eher umgekehrt. Heute fühlt sich vieles anders an – ohne Begleitung und ohne Ziehwagen, nicht mal einen Laufrucksack habe ich dabei, nur eine Flasche in der Hand und einen Energiegel in der Hose. Ich muss »nur« 26 Kilometer laufen. Meine Beine erinnern mich deutlich daran, dass sie mich gestern über 54 Kilometer getragen haben. Trotzdem fühlt es sich leicht an. Meine Laufuhr bestätigt mir diesen Verdacht nach jedem Kilometer mit einem kurzen Piepen, und einer Kilometerzeit mit einer fünf ganz vorne – also weniger als sechs Minuten pro Kilometer.

Das Wetter könnte nicht besser sein. Vielleicht genieße ich das so sehr, weil ich bei dieser Tour von Dauerregen ausging. Schon wenige Minuten nach meinem Aufbruch verlasse ich Dresden, und kurz darauf umgibt mich ländliche Idylle. Eine knallgelbe Meise zwitschert mir von einem Schild aus zu. Ich muss an meine Kindheit denken. Der Geruch der Feldwege und das sich im leichten Wind wiegende Getreide erinnern mich an die vielen Stunden, in denen ich auf den Feldern rund um Waldbronn gespielt habe. Nachdem die Euphorie, die der Start und die Landschaft hervorgerufen haben, langsam schwindet, bin ich mit mir allein und versuche, mich zu beschäftigen.

Schnell bin ich bei meinem aktuellen Lieblingsthema angelangt. Es dreht sich um eine weitere, völlig unnötige Geldausgabe, mit der ich mir ein Wohlgefühl, ein Alltagshighlight beschert habe: ein elektrisches Fahrrad. Aber nicht irgendein elektrisches Fahrrad, oh nein, es ist das coolste elektrische Fahrrad, das es auf der Welt gibt, und sieht eigentlich schon fast aus wie ein Motorrad. Ob es mehr über meine prollige Natur oder über mein absolut erbärmliches Konsumverhalten aussagt, dass ich mir diesen Dickpisser-Drahtesel zulegen musste? Und ja, ich musste das tun. Meine Frau könnte darüber ein eigenes Buch schreiben, und manchmal tut sie mir ein wenig leid. Sie hat inzwischen eingesehen, dass sie gegen diese Naturgewalt, diesen Muss-ich-haben-Drang einfach keine Chance hat. Erst waren es Star-Wars-Figuren, dann musste ein Bonanzarad her, und jetzt eben dieses Fahrrad auf Steroiden. Und dann auch noch ein elektrisches! Für mich. Ich bin es noch nicht gefahren, aber der Gedanke, mich auf dieses Ding zu setzen, erfüllt mich mit Vorfreude und lenkt mich ab. Die Kilometer werden zweistellig, und ich überlege, wann ich mir das Energiegel gönnen soll. Also frühestens, wenn nur noch zehn Kilometer auf dem Plan stehen, entscheide ich mich, und versuche mich wieder mit meinem Halbstarkengefährt abzulenken. Aber es ist wie in einem Fiebertraum. Immer wieder die gleichen Bilder, dieselben Fantasien und Gedanken. Bringt keinen Spaß mehr, das E-Bike hat jetzt Feierabend in meinem Kopf.


Erstes Wiedersehen nach dem Start. Der Anfang ist geschafft. Was für eine Erleichterung.


Der Elberadweg führte nicht immer so dicht am Fluss entlang wie hier (oben). Über den Dächern Meissens (unten).

Bei einer Pipipause erschrecke ich fürchterlich: Knallrot plätschert mein Urin ins Gras. Ich pinkle Rotwein, aber keine Rotweinschorle, sondern besten Bordeaux. So ein Mist. In Filmen meiner Jugend war Blut urinieren fast schon eine Metapher für Aids. Natürlich ist mir bewusst, dass ich nicht an HIV leide, und mir ist ebenso klar, dass ich mich nicht in Lebensgefahr befinde. Trotzdem ist das ein doofes Gefühl.

Ich laufe weiter. Da ist jetzt dieser rote Strahl, und der geht da so schnell auch nicht mehr weg. Ich hatte schon einmal Blut gepinkelt und bin damals direkt zum Arzt gerannt. Aus dieser Geschichte habe ich eines gelernt: nie wieder eine Blasenuntersuchung, denn der Tubus wird nicht über den Mund eingeführt, da warte ich lieber noch ein bisschen, bis das Filmequipment des Urologen durch einen technischen Quantensprung etwas filigraner wird als dieses dicke Plastikrohr, das sich damals den Weg durch meinen besten Freund bahnte.

Ich versuche, mich zu beruhigen. Das muss durchs Laufen gekommen sein. Genug getrunken habe ich. Das heilt sicher über Nacht, und morgen ist alles wieder gut. Aber es hilft leider nichts. Ständig denke ich an mein Problem. Meine Sextanerblase tut ihr übriges. Mit Sorgen im Kopf und Harndrang in der Hose laufe ich weiter. Zum Glück stehen heute nur 26 Kilometer auf dem Plan. So schnell wie möglich ins Hotel zu kommen, lautet jetzt die oberste Devise für mich.

Plötzlich sehe ich Timm neben mir. Mit ihm habe ich jetzt überhaupt nicht gerechnet. Durch mein mit gestern vergleichsweise hohes Tempo war ich mir eigentlich sicher, ihn weit hinter mir gelassen zu haben. Wir verabreden uns bei einem Steg wenige Meter flussabwärts. Er muss sich die Seele aus dem Leib gepaddelt haben. Ich bin froh, ihn zu sehen. Als ich ihm erzähle, dass ich inzwischen mehrfach Blut gepinkelt habe, fragt er zweimal ungläubig nach.

Ich versuche, ihn und vielleicht vor allem mich zu beruhigen. Habe ich nicht zum ersten Mal, gehört ja irgendwie zum Ultralaufen dazu. Aber er guckt mich sehr skeptisch und sorgenvoll an. Kurz darauf verabschieden wir uns. Ich laufe weiter, drehe mich noch einmal um, und sehe wie Timm in einem beneidenswert hohen Strahl vom Steg in die Elbe pinkelt. Wir bleiben also beim Thema.

Gefährde ich mit meinem Blasenproblem das ganze Abenteuer? Ist hier schon Schluss? Am Ortseingang kommt mir der Cäptn entgegengeradelt, und meine Stimmung hebt sich. Ich mag seine Art, seinen wundervollen platten Hamburger Sprech und vor allem seinen Humor. Er eröffnet mir, dass wir heute fürstlich residieren werden. Erst jetzt sehe ich die imposante Kulisse zu meiner Linken. Meißen scheint direkt dem Mittelalter entsprungen zu sein. Auf einer Anhöhe, die wir über ein Kopfsteinpflaster erreichen, befindet sich unser Romantik Hotel Burgkeller. Angesichts dieser Kulisse fühle ich mich ohne Ritterrüstung underdressed. In meinem Hotelzimmer angekommen, gehe ich angstvoll und doch hastig aufs Klo. Ein Stoßgebet und einen angstvollen Blick nach unten später bin ich glücklich und erleichtert: Der Wein ist weg. Es lebe die Apfelschorle.

AUF EINER ANHÖHE, DIE WIR ÜBER EIN KOPFSTEINPFLASTER ERREICHEN, BEFINDET SICH UNSER ROMANTIK HOTEL BURGKELLER. ANGESICHTS DIESER KULISSE FÜHLE ICH MICH OHNE RITTERRÜSTUNG UNDERDRESSED.

TIMM

So eine Reise besteht in großen Teilen aus Erholung. Nach 30 Kilometern auf der Elbe liege ich jetzt in einem fürstlichen Doppelbett, das ich mir mit dem Cäptn teile, über den Dächern von Meißen im Burghotel; purer Luxus, mit Badewanne, Kronleuchtern und Stuck in jedem Zimmer, nobler Küche und vor allem perfekter Ruhe, denn wir sind die einzigen Gäste in dem prunkvollen Kasten. Die Coronamaßnahmen erlauben nur aus beruflichen Gründen Aufenthalte in Hotels.

Der Cäptn hat mir extra eine Tube Rotes Rücken-Elexier für die Badewanne gekauft – ich muss stark über Rückenschmerzen gejammert haben. Als ich die rote Masse ins Wasser schütte, muss ich an Philipps Blase und seinen blutigen Urin denken. Wie schlimm ist es, wenn jemand Blut pinkelt – auch wenn die Blutung mittlerweile gestillt ist? Tritt das beim nächsten längeren Lauf nicht noch einmal auf? Ist unsere Tour in Gefahr? Und würde ich alleine weitermachen? Ich verdränge die schwierigen Fragen lieber – eine Antwort darauf finde ich sowieso nicht –, steige in die heiße Wanne und versuche, meinen Körper bewusst zu entspannen.

Im Lauf der Jahre habe ich gelernt, eine gewisse mentale Hygiene in mein Leben einzubauen: Ich versuche immer wieder, durch kurze Momente des totalen Bewusstseins ins Hier und Jetzt einzutauchen. Diese Methode habe ich vor vielen Jahren bei einer spirituellen Gemeinschaft in Indien gelernt – einfach kurz innehalten und sich voll bewusst machen, dass dies gerade der einzig aktuelle Moment in der Gegenwart einer unendlichen Timeline ist. Eine zweite Methode lautet, meinen Körper aktiv zu entspannen. Ich fange mit dem großen Zeh rechts an, wandere im Geiste die einzelnen Körperpartien durch, bis ich bei meiner Schädeldecke angelangt bin. Irgendwann spüre ich dann ein Kribbeln im ganzen Körper und fühle mich extrem energiegeladen. Und die dritte Methode ist Dankbarkeit. Heute zum Beispiel stand ich auf meinem Brett und ging im Kopf durch, wofür ich alles dankbar sein kann: den roten Milan, der über mir kreist. Die Schafe, die rechts so friedlich weiden, die Strömung, die mich fast ausnahmslos nach Cuxhaven trägt, die Sonne, die ab und zu durch die Wolken blitzt, meinen Körper, der ohne Murren stundenlang auf einem wackeligen Brett stehen kann und vor sich hinpaddelt.

Es gackert und kreucht um mich herum, die Wälder scheinen vollkommen unberührt. Am Ufer und im Dickicht herrscht das totale Chaos, und doch ist alles in Ordnung. Nicht vorzustellen, dass dieser Bach zum Fluss und irgendwann zum Strom wachsen wird. Dass er auf einer Länge von 100 Kilometern Deutschland geteilt hat, Soldaten patrouillieren ließ – Ost gegen West. Noch ist die Elbe Teil eines Ganzen, sie trennt nichts. Niemand kann an einer Seite des Ufers stehen und die auf der anderen Seite hassen oder fremd finden. Er eint viel mehr, als dass er scheidet.

Wie immer verändert sich mein seelischer Zustand auf so einer Tour. Dass dies schon nach drei Tagen eintritt, wundert mich zumindest. Ich möchte einer engen Freundin eine Geburtstagsnachricht senden und muss fünfmal ansetzen, weil mir jedes Mal die Tränen kommen. Erst als ich einen Müsliriegel gegessen und eine halbe Flasche Wasser getrunken habe, kriege ich die Nachricht trockenen Auges hin.

Auf Reisen öffnet sich etwas in mir, ich werde rührseliger, bescheidener, freundlicher. Ich spüre, wie abhängig ich von Gottes Gnade bin; bete, dass er mir keinen zu heftigen Gegenwind schicken möge, meinen Körper keine Malaisen spüren lässt, und dass mich die Menschen um mich herum unterstützen.

Heute früh überraschte mich der Cäptn mit zwei Styropor-Platten, die ich mir unter den Hintern legen kann, wenn ich mal wieder zu heftigen Gegenwind habe und im Sitzen paddeln muss. Der Kerl wächst mir ans Herz. Heute saßen wir in der Meißener Frauenkirche, und der Cäptn kniete sich glatt auf dieses hölzerne Brettchen, faltete die Hände vor dem Gesicht, schloss die Augen und betete. Ich bete natürlich auch immer in Kirchen und bitte um Gottes Gnade – aber ich tue es heimlich. Mein Glaube geht in solchen Momenten niemanden etwas an. Aber der Cäptn ist auch hier schmerzbefreit und macht, was er für richtig hält.


Einer von mindestens 250.000 Paddelschlägen (oben). Nur selten konnten Philipp und ich uns während der Etappen zuwinken (unten).

Auf dieser Tour ist jeder jedem ein Spiegel. Philipp reagiert häufig auf mich und meine direkte, teils ruppige Art mit leichtem Kopfschütteln. Ich erkläre meinen Habitus mit meiner ostwestfälischen Herkunft, und er sagt lachend, dass er in Zukunft mal darauf achten wolle, ob alle Menschen aus diesem Landstrich Scheusale seien.

Gestern gab er mir seinen Text zum Durchlesen, und ich hielt ihm erst mal einen Vortrag, worauf man als Schriftsteller achten sollte – dabei war sein Text ganz hervorragend, und wäre ich Deutschlehrer, hätte ich ihm 15 Punkte gegeben. Ein andermal pflaumte ich den Cäptn an, als er auf einem Foto meine Füße abgeschnitten hatte. Manchmal überkommt mich diese schreckliche, familiär geprägte Oberlehrerart. Ich habe sie trotz jahrelanger Übung nie ablegen können, obwohl dieses Besserwissertum mich bei meiner Familie in den Wahnsinn treibt. Also noch mehr kurze Momente des absoluten Bewusstseins nehmen, mehr Körper- und Geistentspannung und noch mehr Dankbarkeit üben. Aber ein bisschen Arschloch steckt in jedem.

Zwischendurch bin ich kilometerlang allein. Ich singe laut vor mich hin, muhe den Kühen zu und weiche einem Schwan aus, der angriffslustig auf mich zuschwimmt. Mein Herz klopft, als hätte mich gerade ein Tiger angefaucht, und nicht dieses weiße, eitle Biest. Anschließend fällt mir ein, dass ich mein Paddel als Waffe gegen das Tier hätte benutzen können. Ab jetzt machen mir Schwäne keine Angst mehr.

Nach 20 Kilometern sehe ich Philipp auf dem Radweg vor mir. Ich hatte gedacht, dass er schon viel weiter vor mir läuft, weil er nicht jede Biegung der Elbe mitmachen muss. Lange beobachte ich ihn, ohne dass er mich sieht. Er läuft wie ein Uhrwerk, Schritt für Schritt, als würde ihm das Ganze nichts ausmachen. Sein Stil wirkt nicht nur sportlich, sondern vor allem effizient. Wir sind vielleicht 50 Meter voneinander entfernt, und doch befindet er sich in einer anderen Welt: der Welt des Festlands. Ich bin das Wasserwesen. Nicht zu greifen – so wie ich es am liebsten habe. Mein Sternzeichen ist Fische, das passt mir als Erklärung oder Entschuldigung für mein flüchtiges Wesen gut in den Kram. Ich kann ganz nah sein, intensiv sein. Und Sekunden später bin ich wieder entwischt. Es geht nicht anders.

ICH BIN DAS WASSERWESEN. NICHT ZU GREIFEN – SO WIE ICH ES AM LIEBSTEN HABE. MEIN STERNZEICHEN IST FISCHE, DAS PASST MIR ALS ERKLÄRUNG ODER ENTSCHULDIGUNG FÜR MEIN FLÜCHTIGES WESEN GUT IN DEN KRAM.


Schnappschuss von einer Brücke.

TAG
3
MEISSEN – MÜHLBERG AN DER ELBE 50 KILOMETER

EUPHORIE, OBS UND HELMUT KOHL

PHILIPP

Gestern war ein schöner Tag. Meißen ist eine imposante Mittelalterstadt, was sich mir erst völlig offenbart, als Timm, der Cäptn und ich nachmittags in die Innenstadt schlendern und uns an lokalen Köstlichkeiten laben. Ich kaufe mir noch ein Buch als Einschlafhilfe und schließe mich Timm und dem Cäptn an, die eine Kirche besuchen. Eigentlich habe ich so gar nichts mit Kirchen und Religion am Hut, aber in diesem Fall passt es ins Urlaubsambiente. Die beleibte Frau mit dem Mundschutz begrüßt uns freundlich. Als ich frage, ob es eine Toilette gibt, sagt sie: eigentlich nicht, aber dahinten am Ende des Ganges geradeaus. Krass, die Toilette gibt es wohl nur heute für mich, zum Glück bin ich nicht morgen gekommen. Timm und der Cäptn haben bereits Platz genommen, als ich zurückkehre. Sie sitzen mit etwas Abstand still da und tun irgendwas zwischen Innehalten und Beten. Als ich mich gesetzt habe, wackelt die Dame vor uns und sagt: »Isch will och nüsch wissen, wie viele Leute schon wegen die Masken gestorben sin, aber darüber hört ma in die Medien nadürlisch nüscht.« Ich murmele irgendwas in meine Maske, aber da hält sie schon inne, scheint den betenden Cäptn bemerkt zu haben und sagt prompt: »Oh, da will isch jetze och nisch stören«, und wackelt wieder weg. Ich überleg, ob ich ihr ein »Die sollen die Masken ja auch nicht essen!« hinterherrufen soll, aber entschließe mich dagegen und übe mich in Pietät.

Und jetzt laufe ich in aller Früh durch die Gässchen der Stadt und suche die Elbe. Ich bin euphorisch. Heute stehen wieder 50 Kilometer auf dem Programm, aber da mein alter Jugendfreund Jens mich mit dem Rad begleiten möchte, bin ich in positivstem Sinne aufgeregt. Er wird mir wohl bald entgegen geradelt kommen, und da ich ihn praktisch hinter jeder Ecke vermute, tragen mich meine Beine wie von alleine voran. Ich sehe Timm neben mir auf dem Wasser. Ich feure einen Freudenschrei in seine Richtung, und er winkt mir zu. Die Landschaft ist noch immer imposant. Ich frage mich, wie oft ich mir diese Momente im letzten Jahr ausgemalt habe. Wie viele Kilometer bin ich hierfür die immer gleichen Wege abgelaufen? Ich peitsche mich an, die Szenerie in vollen Zügen zu genießen. Obwohl meine Beine schon ordentlich gelitten haben, fühlen sie sich gut an. Nach zehn Kilometern fängt es an zu regnen, und zwar richtig. Zum Glück war ich heute nicht so doof, meine Regenjacke mit mir rumzuschleppen. Ich war heute schlau und habe mir meine Sonnenbrille eingepackt, vielleicht kann ich mich unter die stellen. Wenn einem der eigene Optimismus in den Arsch beißt. Ich merke, wie meine Füße langsam nass werden. Soll ich mich doch unterstellen? Weiter zu laufen, scheint die bessere Lösung, da ich so zumindest nicht auskühle. Als der Regen eine halbe Stunde später wieder der Sonne Platz macht, hebt sich meine Stimmung. Aber wo bleibt Jens? Je länger es dauert, umso mehr erwarte ich ihn hinter jeder Ecke.


Mein Radweg verlässt immer wieder die Elbe und führt mich durch riesige Rapsfelder. Ob es an der ehemaligen DDR liegt, dass sie hier schier endlos ihr Gelb über den Horizont ausschütten? Ich muss an Helmut Kohl denken, hatte der Dicke wohl doch recht mit seinen blühenden Landschaften. Ich lache in mich rein ob der bescheuerten Beobachtung. Da ich Kohl nicht zustimmen möchte, komme ich zu dem Schluss, dass es nur westliche Arroganz zustande bringt, zu denken, in der DDR sei alles grau und trist gewesen. In Riesa wartet der Oberbürgermeister auf uns, und ich freue mich, als ich die Dächer der Stadt am Horizont erblicke. Am Ende meines Feldwegs steht ein Mann an einer Ecke zwischen zwei Kornfeldern und scheint auf etwas zu warten. Ich suche nach einer passenden Ehefrau oder einem Hund, aber da ist nichts. Als ich an ihm vorbeiziehe, ruft er: »Coole Sache, die ihr macht, viel Erfolg!« Da ich wohl verdutzt gucke, fügt er noch ein »habe ich heute in der Zeitung gelesen« an. Ich bedanke mich und laufe grinsend weiter. Es sind diese kleinen Gesten, die einem mit 25 Kilometern in den Knochen so viel bedeuten. Ich biege auf eine wunderschöne Allee ab und habe die Elbe endlich wieder an meiner Seite. In der Ferne erkenne ich meinen getreuen Lulatsch. Er ist schon beim Kanuverein.

Nachdem wir brav Fotos mit dem Bürgermeister machen und ich mich an dem Luxusbuffet des Cäptns gestärkt habe, rollt Jens plötzlich an, der im Verkehr stecken geblieben ist. Zwei junge Sportlerinnen im Schlepptau, ziehe ich mit Jens als Radbegleitung weiter. Die Zwillinge Anna und Lena sind im Leichtathletikverein, 13 Jahre alt und unterschiedlich groß gewachsen. Ihre Statur bejaht meine Vermutung, dass sie nicht eineiig sind, und ich bohre ein wenig nach, ob sie denn auch ansonsten eher unterschiedlich sind. Sofort zählen sie auf, warum sie so gegensätzlich seien. Ehrlich gesagt überzeugt mich keins der Beispiele, aber ich finde die beiden zuckersüß und muss sofort an meine Tochter Emily denken, die ebenfalls 13 Jahre alt ist. Sie würde sich mit den beiden gut verstehen. Nach einigen Kilometern verabschieden sich die beiden wieder, und ich kann mich mit Jens unterhalten. Ich mag Jens. Er ist einer dieser Freunde von früher, die bei mir ganz oben stehen. Wir telefonieren praktisch nie, aber wenn wir uns alle Jubeljahre mal wiedersehen, macht es sofort wieder Klick. Wir unterhalten uns über die alten Zeiten, was aus ehemaligen Weggefährten so geworden ist und über das Dasein als Papa. Die Zeit vergeht wie im Flug. Ich bin ihm so dankbar dafür. Und dann ist da auch endlich diese riesige Brücke die Mühlberg, unser heutiges Ziel ankündigt. Wie es Timm heute wohl ergangen ist?

TIMM

Es fällt mir so schwer, das Glück uneingeschränkt zu genießen – Meditation hin oder her. Als mich der Rückenwind mit 40 Stundenkilometern die Elbe runterpeitscht, bin ich nicht glücklich, sondern voller Sorge vor dem Gegenwind nach der nächsten Linkskurve. Den Moment an sich zu genießen, ohne den marternden Sorgen eines stets aufgepeitscht-ängstlichen Unterbewusstseins zu lauschen, ist mir auf Abenteuertouren nur möglich, wenn ich meine Meditations-Tricks anwende.

Vielleicht ist das auch gut so, denn der Gegenwind kommt bestimmt, das sagt mir alle Erfahrung und Logik. Ich spare also Kräfte auf dem kurzen rauschenden Abschnitt, erfreue mich ein wenig an den 13 Stundenkilometern, die ich laut App mit Strömung und Wind aufs Wasser bringe, und nehme die Linkskurve so weit innen wie möglich, um anschließend nicht komplett gegenanpaddeln zu müssen; so kann ich vielleicht wenigstens ein bisschen »hart am Wind« SUPen.

Eine minimale weitere Linksbiegung, und mir peitschen fünf Beaufort ins Gesicht, die Gischt spritzt mir entgegen, kleine Wellen bremsen mein Brett, und doch gleite ich weiter Richtung Ziel. Die Elbe führt Hochwasser und fließt mit sieben Stundenkilometern dem Ozean entgegen. Stundenlang paddele ich auf einer Seite; meine rechte Hand sieht aus wie Schmirgelpapier, die linke, als hätte sie eine Maniküre genossen.


Auch wenn das Wetter durchwachsen ist, tut das der Schönheit der Elbe keinen Abbruch.

Nach einer Stunde sehe ich Philipp am Ufer. Wir rufen uns zu und feuern uns an. Was er leistet, übersteigt alles, was ich in meinem Leben gemacht habe. Im Vergleich zu ihm, bin ich dank der Strömung wie auf einem E-Bike unterwegs. Er aber hat Schritt für Schritt zu setzen, heute über 50 Kilometer, mal in der Hitze, mal durch den Regen, mal gegen den Wind. Jeden Tag. Wie ein Uhrwerk läuft er ohne ersichtliche Ermüdung.

Der Regen hat sich schon von Weitem angekündigt. Die Wolken werden immer dichter, bis es schließlich finster wird. Ich hole meine Regenjacke aus dem Rucksack, ziehe die Kapuze über und lasse das Unwetter über mir toben. Da der Wind Richtung Süd dreht, stehe ich auf meinem Brett und lasse alles geschehen. In solchen Momenten spüre ich die ganze Kraft der Natur und habe das Gefühl, sie übertrage sich auf mich. Das sind die intensiven Momente, die ich nur auf solchen Touren erlebe und die ein paar Minuten später schon wieder im Strudel der Erinnerung verschwinden.

In unserer überzivilisierten Welt kriegen wir keine Unwetter mehr ab – und das ist traurig. Wir haben uns vor den Unbilden der Natur hinter dicken Mauern und Dreifachverglasung abgeschottet, vor riesigen Monitoren und kleinen Bildschirmen. Wir erleben den Großteil unserer Welt virtuell und nicht mehr unmittelbar. Der Unterschied zwischen der ungefilterten Natur und einem Monitor ist ungefähr so wie der zwischen Pornos und wahrem Sex: irgendwie ähnlich und doch ganz anders.

Ein paar Kilometer hinter Meißen hören die Berge endgültig auf, von hier aus erstreckt sich plattes Land bis zur Nordsee. Die letzten Fachwerkhäuser ducken sich dicht an die Sandsteinfelsen heran, als malten sie Muster in den Stein, verschwinden fast unter den massiven Klippen, bis diese unspektakulär auslaufen. Weiden tun sich auf, und Schafgeruch zieht über die Elbe. Kurz drauf riecht der Raps so intensiv, als hätte jemand eine Mammut-Flasche Parfüm in der Luft zerstäubt, um auch den Schafen etwas Gutes für die Nase zu gönnen.

Kurz vor Riesa winken mir Menschen vom Ufer zu. »Ihr steht heute in der Zeitung«, rufen sie und wedeln mit ihren Armen in der Luft, als wäre ich ein alter Freund, den sie nach langer, langer Zeit endlich wieder treffen. »Tolle Aktion«, ruft ein anderer und wünscht mir Glück. Immer mehr Menschen winken und fotografieren. In Sachsen scheint der Leserschwund bei den Zeitungen noch nicht so stark fortgeschritten zu sein.

Ganz langsam kommt das Gefühl hoch, dass wir hier tatsächlich etwas Großes leisten. Nicht nur, dass wir täglich immense Strecken zurücklegen, sondern auch mit unserer Spendenaktion etwas Gutes tun. Wir sammeln Gelder für das Hamburger Unternehmen »Oll Inklusiv«, das sich für Seniorinnen und Senioren einsetzt und für diese beispielsweise Rikschas kauft, damit ältere Menschen damit herumkutschiert werden können. Leider haben wir bisher lächerliche tausend Euro gesammelt – das ist gerade mal der halbe E-Motor einer Rikscha.

In Riesa wartet der Oberbürgermeister auf uns. Mitte 40, charismatisch, offen – und in der CDU. In vier Wochen sind Wahlen, weshalb er den Termin mit diesen halbprominenten Ultratypen und ihrem guten Zweck gerne mitnimmt. Ich gebe mich sofort als linksgerichteter Grüner zu erkennen, und er fragt lachend, warum er nicht mit seiner Familie über Pfingsten in den Spreewald gefahren ist, als sich in seiner Stadt mit solchen Elementen treffen zu müssen. Seine Lache ist allerdings sehr sympathisch. Trotzdem schimpft er ernsthaft über Annalena Baerbock – »Seminarsaal, Kreißsaal, Plenarsaal«, sonst hätte die ja nichts geleistet in ihrem Leben. Es ist die typische Rede, die von alten weißen Männern geschwungen wird. Ich gebe mich friedlich und schweige, vielleicht auch, weil ich keine brauchbaren Argumente zur Hand habe. Dass die Welt Alternativen für alte weiße Männer und das Patriarchat bräuchte, oder so etwas. Aber Spontanität ist das, was einem fünf Minuten zu spät einfällt. Philipp hält sich lieber von dem Mann fern und macht mit dem Cäptn ein Live-Breakdance-Video. Wie gern wäre ich dazugehüpft und hätte meinen Moonwalk vorgeführt, aber das wäre dem Bürgermeister gegenüber zu unhöflich gewesen. Ein bisschen alte Schule steckt selbst in mir. So ganz ohne Etikette geht es nicht – und das ist sicherlich gut so.


Der Cäptn hat Philipp und mich immer wieder mit großartigem Picknick am Uferrand überrascht.

Noch 20 Kilometer bis zum Ziel, der Wind hat aufgefrischt und weiter Richtung Westen gedreht. Mittlerweile sendet meine linke Schulter ein Stechen aus, und mein rechtes Handgelenk brennt wie Feuer. Könnte ich doch nur für ein paar Paddelschläge die Seite wechseln. Aber dann würde ich sofort Richtung Flussmitte getrieben werden und wäre dem Wind noch stärker ausgesetzt. Auf der linken Flussseite nahe dem Wall zieht er wenigstens ein bisschen über mich hinweg.

Wie mag es Philipp gehen? Die ganze Zeit muss ich an ihn denken. Ihm muss der Gegenwind auch zu schaffen machen. Ob seine Blase gesund bleibt? Was, wenn er heute erneut Blut pinkelt? Wieder überlege ich, ob ich die Tour ohne ihn fortsetzen würde. Wie schrecklich er sich fühlen müsste, wenn er es aus gesundheitlichen Gründen nicht bis an die Nordsee schafft.

Mit diesem zermürbenden Kopfkino plätschern die Kilometer an mir vorüber. Bei Kilometer 129 liegen rechts und links der Elbe ein paar Dörfer. Ob ich schon da bin? Aber der Fluss macht eine Windung nach rechts, und der Rückenwind lässt mich übers Wasser fliegen, als wäre ich ein Wasserskiläufer. Plötzlich klingelt mein Handy – der Cäptn ist dran: »Hey Timm, bieg mal ab, du bist schon am Hotel vorbeigeprescht!« Über die App raceday.me kann man Philipp und mich gut online verfolgen. Zum Glück ist der Cäptn immer hellwach und hat gesehen, dass mir 50 Kilometer für heute offenbar nicht reichen.

Und der Tag ist noch nicht zu Ende, denn die erste Challenge steht an. Wir hatten uns vor der Tour fest vorgenommen, uns gegenseitig herauszufordern, um der stumpfen Eintönigkeit des Laufens und SUPens ein bisschen Pfeffer beizumischen. Heute müssen wir ein Gedicht über diese Tour schreiben. Das Ganze hat natürlich der Cäptn gefilmt – Sie finden die Bilder auf unseren Facebook-Accounts. Das Los hat entschieden, dass ich anfange. Ich baue mich also möglichst aufrecht und mit erhobener Brust vor Philipp und dem Cäptn auf, dann gebe ich mein Gedicht zum Besten:

ODE AN DAS BLUT, DEN SCHWEISS, DIE PLÄTE

Es ist doch stets dasselbe auf der Elbe, Es pfeift der Wind, es muhen Kälbe, links ein Schaf und rechts der Phil. Es riecht nach Gras und auch nach Grill.

Gestern 55, heute knappe 30. Hose, Hemd und Socken schweißig. Ich daneben, auf dem Strom. Lass mich treiben, blanker Hohn.

Bin ohne Kraft so schnell wie er. 7 Sachen macht die Elbe oder mehr. Er hingegen läuft sich Blasen, und wird trotzdem nie so schnell wie Hasen.

Nach 20 Kilometern trifft man sich. Voller Gram und Angst ist sein Gesicht. Rucke di Hase, Rucke di Hase, Blut ist in der Blase.

Sagt verzaget da der Phil, der so gerne an die Nordsee will. Sein Urin sei rot wie Wein. Die Tour gefährdet – oder nein?

Er beißt zusamm’n den Backenzahn Scheiß auf Blut und Schmerz und Schniedelhahn. Er rennt davon der ganzen Angst, Junge, was du dir alles abverlangst. Nun sind wir in Meißen, darauf reimt sich – alles Mögliche. Jetzt genug der Pamphelete, ich knutsch dir deine Pläte.

Philipp verzieht keine Miene, denn als früherem Rapper kann ich ihm in Sachen Endreim wenig vormachen. Er geht noch einmal in sich, und mit leiser, fast dramatisch-melancholischer Stimme füllt sein Gedicht das schnöde Hotelzimmer:

Oh ewig Nass, wo gehst du hin? Immer nach dort, wo ich nicht bin. Ich folg dir, täglich, Schritt für Schritt, immer dir nach, doch du fließt mit. Bist vor mir, hinter mir, an meiner Seit, Bist dünn und dick, bist schmal und breit, Bist manchmal Groll in meinem Trab, Ein andermal lenkt Schönheit ab. Du ziehst mich, bremst mich, treibst mich an, du liebst mich, kennst mich, bleibst entspannt, ziehst deine Kurven, deine Graden, hast zwischen Berge dich gegraben. durchschneidest Felder, Wälder, Wiesen, in Liedern, Bildern, du gepriesen. Bist meine Challenge, meine Hürde, bist meine Sorge, meine Bürde. Bist mir ne Freude, ein Genuss, auch kitzelst du in mir den Frust. Ich will dich lieben, will dich schlagen, will mit dir reifen, in den Tagen. Ein Ding, das wünsch ich mir so sehr: Will dich begleiten bis ans Meer.

Ich bin baff. Der Kerl hat’s wirklich drauf. Eigentlich ist er für den Klamauk zuständig, und ich gebe mich etwas seriöser. Doch in diesem Fall haben wir die Rollen getauscht. Ein schnelles Facebook-Voting ergibt einen knappen Vorteil für Philipp – aber wir geben den Leuten noch bis morgen früh Zeit. Dann muss der erste Sieger feststehen.


Schwielen und Hornhäute nach den ersten 100 Kilometern.

TAG
4
MÜHLBACH – TORGAU 26 KILOMETER

SANDALENFILM

TIMM

Je nachdem, wie man zählt und ob die Partnerinnen mit abstimmen dürfen, ist das erste Voting entweder knapp für Philipp ausgegangen oder doch eher unentschieden. Wir sind uns noch nicht ganz einig, wer jetzt die Gedicht-Challenge gewonnen hat. Das könnte daran liegen, dass ich schon immer ein schlechter Verlieren war.

Fast überkommt uns das Gefühl, Corona sei nun endlich besiegt. Aber dieses Gefühl hatte ich im vergangenen Sommer auch (und eine 100-Euro-Wette gegen einen Freund verloren, dass es nie wieder einen solchen Lockdown geben würde). Nun befinden wir uns am Ende des dritten Lockdowns, und wer weiß, wie viele noch folgen werden.

Die Restaurants in Sachsen dürfen draußen nach fünf Monaten endlich wieder öffnen, aber richtig viel ist nicht los. Die meisten Touristen sowie Bürger und Bürgerinnen bleiben über Pfingsten doch lieber zu Hause und trauen dem Frieden nicht. Es dauert wahrscheinlich Monate, bis wir uns an unsere neue, alte Freiheit gewöhnt haben.

Laut singe ich We shall overcome in die Weite des Flusses und die Landschaft hinein, inbrünstig und voller Hingabe schmettere ich das alte Protestlied. Niemand kann mich hören an diesem Morgen auf der fließenden Grenze zwischen Sachsen und Brandenburg. Seit ich denken kann, gehört das Lied zu mir und meinem Leben. Meine Grundschullehrerin hat es uns in den Siebzigern beigebracht, aus welchen Gründen auch immer. Dann hatte ich es völlig vergessen, bis es Bruce Springsteen auf einem Konzert gesungen hat, ich mich wieder daran erinnerte und es jahrelang vor mich hinsummte. Das Lied ist meine persönliche Hymne; es wird mir nie zu viel.

Vielleicht wäre es eine gute Idee, für unsere nächste Challenge morgen Abend etwas zu komponieren. Wir suchen den besseren Schlagerkomponisten zwischen Philipp und mir – inklusive Live-Auftritt bei Facebook. Erste Zeilen fließen durch meinen Kopf: Es geht runter den Fluss, ich geb dir nen Kuss, und dann geht’s raus aufs Meer. Schöner Schlagerschrott. Eine Melodie ist auch schon da. Aber als der angekündigte Gegenwind aufkommt, verfliegen alle Gedanken an Melodien und Zeilen, und der tägliche Kampf beginnt. Wie jeden Tag weht ein heftiger Südwest übers Land; jeder Schlag der Elbe Richtung Westen tut weh. Fast immer paddele ich auf der rechten Seite, muss mich immer wieder setzen und mit dem Kajakpaddel im Sitzen gegen den Wind ankämpfen.


Paddelschlag für Paddelschlag arbeite ich mich weiter vor.

Hinter mir höre ich dunkles Grummeln. Ein Gewitter zieht auf und nähert sich. Die Zeit zwischen Blitz und Donner wird immer kürzer. In der Ferne sehe ich ein Dorf, bis dahin schaffe ich es auf keinen Fall. Als Blitz und Donner nur noch drei Sekunden auseinanderliegen, lege ich am Ufer an. Mir schießen alle meine Versprechungen vor der Tour durch den Kopf. Ich musste meiner Familie und vielen Freunden hoch und heilig versichern, vorsichtig zu sein, insbesondere sollte ich bei Gewitter unbedingt an Land gehen. Ich folge dem Schwur und verstecke mich unter einer schiefen Pappel. Sie ist vom Wind so gebogen, dass sie mir perfekten Schutz bietet, und ich fast vollkommen trocken bleibe.

Das Unwetter passt in diesen perfekten Moment hinein, und ich fühle mich unglaublich lebendig – keine Gedanken, keine Sorgen, nur das Peitschen des Regens, das Knarren der Pappel und die verwirbelte Elbe.

Heute fällt mir das Paddeln schwer. Die Eintönigkeit geht mir auf die Nerven, der Gegenwind macht mir zu schaffen, und vielleicht auch die Einsamkeit. Ich habe das Gefühl, nicht in diesem Abenteuer anzukommen. Der permanente Wechsel zwischen Stehen und Sitzen, Alleinsein und Halligalli mit den Jungs, zwischen Natur und Zivilisation, zwischen Dasein und Wegsein. Vielleicht sollte ich mir mehr Zeit allein gönnen, aber im Moment teile ich mir mit dem Cäptn ein Hotelzimmer. Er hat nicht viel Geld und kann ja zurzeit nicht im Wohnmobil schlafen. Also lade ich ihn zu mir ein, buche absichtlich Doppelzimmer und verzichte aufs Alleinsein. Bis auf sein Schnarchen ist er ein vollkommen angenehmer, rücksichtsvoller Reisepartner.

In irgendeinem Dorf vor Torgau fährt eine Fähre über den Fluss, rechts liegen Stahlseile auf dem Wasser, Bojen markieren die Gefahr. Noch hat die Fähre 20 Meter zum linken Ufer. Ich frage den Fährmann, ob er mich noch schnell durchlässt. »Wenn du dich beeilst«, ruft er mürrisch, drosselt aber nicht die Fahrt.

Philipp und ich haben uns den ganzen Tag nicht ein Mal gesehen. Der Elberadweg verläuft weiter landeinwärts, und trotzdem kommen wir genau gleichzeitig in Torgau an. Wir umarmen uns lange. Er sagt, er habe heute bei diesem Wind häufig an mich denken müssen. Ich mag seine empathische und zugewandte Art. Neben aller Flippigkeit hat er immer ein gutes Herz; über meine westfälische Ruppigkeit kann er mittlerweile auch lachen und nimmt meine oftmals sehr direkte Art nicht mehr persönlich.

Torgau gehört zu diesen verblühten Orten, die nur noch der Tourismus am Leben hält. Hier gibt es längst keine Industrie mehr, kaum Arbeitsplätze mit Zukunft und von Jahr zu Jahr weniger Menschen. Die größten Attraktionen sind das Schloss und eine Handvoll Braunbären im Burggraben aus DDR-Zeiten, für die sich Tierschützer anscheinend nicht weiter interessieren. Es ist eine bizarre Stadt mit wenigen Einheimischen und ein paar Touristen aus der Gegend, deren Gesichter hinter Masken stecken.

Abends stehen wir am Fluss und schauen dem Sonnenuntergang zu. »Manchmal wird mir klar, dass genau diese Momente hängenbleiben und wir später zurückdenken werden und sagen: War das schön! War das unvergesslich«, sagt Philipp. Dann erzählt er von seinem Vater, einem Marathonläufer, Anwalt, Erfolgsmensch. Offensichtlich ein guter Typ, denn Philipp verehrt ihn, ohne sich selbst klein zu fühlen. Er komme nie an seinen Vater heran, sagt er. Dafür lebe er ein Leben, an das sein Vater nie herankomme. Das offene Leben eines freien Künstlers – auf seine Art ebenso erfolgreich, denke ich.

Vor Jahren hat Philipp eine Ausstellung mit 1.000 Teddybären gemacht. So etwas hat es anscheinend noch nie gegeben. Die Show wurde ein ziemlicher Erfolg, und die Dinger haben sich restlos verkauft – für bis zu 1.000 Euro das Stück. Davon kann auch ein Künstler mit drei Kindern eine Weile über die Runden kommen.


Der schönste Moment des Tages: Anlegen direkt am Hotel.

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₺277,80
Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
12 aralık 2025
Hacim:
216 s. 78 illüstrasyon
ISBN:
9783667123398
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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