Kitabı oku: «Stille Pfade»
Stille Pfade
Herbstwind Zyklus 1
Philipp Lauterbach
Lektorat Benjamin Schäfer
Cover Bessi78
Inhalt
Prolog
Erster Teil
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Zweiter Teil
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Dritter Teil
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Vierter Teil
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Epilog
Prolog
Yggdrasil, der Lebensbaum, strahlte die ihm typische Gelassenheit des Nichtvergänglichen aus als sich die Abbilder der vier Druidinnen, stellvertretend für die natürliche Vielfalt, um ihn versammelten. Vier Winde. Vier Elemente. Vier Jahreszeiten. Vier Druidinnen.
Hier in der Ewigkeit, jener astralen Parallelwelt, traf sich der Zirkel bereits seit dem Anbeginn der Zeit und beriet sich. „Ich habe euch heute zusammengerufen, da den Fünf Provinzen ein tiefgreifender Wandel bevorsteht“, begann Verdani, deren Energie die Form einer tanzenden Flamme angenommen hatte. „Und es ist möglich, dass das Gleichgewicht der Kräfte an diesem Wandel zerbricht.“
„Auch ich spüre diese Veränderungen“, pflichtete ihr Skuld bei. Im Gegensatz zu den anderen hatte sie nicht eine elementare Form gewählt, sondern erschien als rotorange glühender Sonnenuntergang. „Überall im Königreich haben sich mächtige Interessen in Bewegung gesetzt.“
Urd verfolgte die weiteren Ausführungen Skulds nur beiläufig. Ihre Aufmerksamkeit galt dem Platz zu ihrer Rechten, denn die östliche Domäne war unbesetzt. Beinahe zumindest. Anstelle der spirituellen Aura einer Druidin, die vor Energie nur so überschäumte und fortwährend energetisch knisterte, weilte dort das schummrige Abbild einer dösenden Wildkatze. Zusammengerollt und ihren Kopf im graubraunen Fell vergraben, nahm das Raubtier keinerlei Anteil an den Belangen der Frauen. Lediglich das vereinzelte Zucken ihres buschigen Schwanzes teilte den Druidinnen das Missfallen der Katze über die unfreiwillige Störung mit.
„Urd!“, riss Verdanis Stimme sie aus ihren Gedanken. „Hörst du uns überhaupt zu? Was hältst du von dem Vorschlag?“
„Welchem Vorschlag?“
Die spirituelle Flamme loderte wütend auf. „Das wir als Zirkel – und Bewahrer des Gleichgewichts – eingreifen? So, wie wir es schon immer taten in Zeiten des Umbruchs … seit die Strahlen der Sonne und des Mondes das erste Mal das Antlitz der Welt berührten.“
Urd blickte wieder zu dem geisterhaften Schemen zu ihrer Rechten. „Ich halte nichts von der Idee“, gestand sie und erklärte zögerlich: „Der Zirkel ist noch immer zerbrochen.“
„Woran du schuld bist“, bemerkte Verdani bissig. „Hättest du nicht auf diese verdammte Albin vertraut …“
„Sie hatte mehr Potential als wir alle drei zusammen!“ Urds Stimme hallte mit einem drohenden Echo durch die Ewigkeit. Sie deutete auf die dösende Katze. „Schau dir ihre Kraft genau an. Sie ist noch immer irgendwo dort draußen.“ Die schwarze Schwanzspitze der Katze zuckte erneut und leitete beklommenes Schweigen ein, welches sich nebelgleich über den Zirkel legte und Urd frösteln ließ. Lohnt es sich denn überhaupt?, überlegte sie. Immerhin haben uns die Bewohner der Fünf Provinzen schon längst vergessen. Einst waren wir wie Götter für sie. Lebende, nahbare Götter, die unter ihnen wandelnden und ihre Wünsche erhörten. Und dann? Dann breitete sich die Magie auch unter den ihnen aus und sie verstießen uns. Sie wurden ihre eigenen Götter! Urd erinnerte sich mit gekräuselten Lippen gerade noch an die bitteren Ereignisse des letzten Umbruchs, als etwas in ihrem Augenwinkel ihre Aufmerksamkeit erregte. Der Lebensbaum.
Obwohl die Druidin zunächst nicht erkennen konnte, was genau es war, spürte sie eine tiefgreifende Verunsicherung. Dann sah sie es ganz deutlich: Yggdrasil - durch die Natur selbst von aller Endlichkeit freigesprochen - begann sich gerade in diesem Moment zu verändern; sein volles Blattwerk verfärbte sich innerhalb weniger Herzschläge von einem satten Dunkelgrün in ein trotziges Gelborange. Und dann, noch bevor Urd ihrem Erstaunen Ausdruck verleihen konnte, rieselten die vormals kräftigen Blätter des Baums wie traurige Überreste seiner einstigen Unantastbarkeit leblos zu Boden. Nicht lange und Yggdrasil würde sein gesamtes Haupt entblößt haben.
Unmöglich!, erschrak Urd und verlor über den Anblick ihre Konzentration. Das gelangweilte Gähnen der Wildkatze war das Letzte, was die Druidin sah, bevor sie schmerzhaft durch die astrale Barriere der Ewigkeit brach und in ihre Hülle aus Fleisch und Blut zurück stürzte.
Erster Teil
1
Isolde schreckte ruckartig aus ihrem Traum auf und wusste nicht, ob sie tatsächlich geschrien oder nur davon geträumt hatte. Unter dem mürrischen Knarren ihres Bettes lehnte sie sich erschöpft an das Kopfende und fröstelte. Ihr durchgeschwitztes Nachthemd klebte nicht nur an ihrem feuchtkalten Rücken, sondern verband sich ebenso mit dem klammen Luftzug im Raum. Stöhnend rieb sie sich den Schlaf aus den Augen und hoffte mit dieser Geste auch die letzten Überreste des schrecklichen Albtraums aus ihrem Geist zu vertreiben: Jenem Schreckgespenst, dass sie nun schon seit knapp einem Monat regelmäßig heimsuchte. Wie ein unausweichliches Grauen lauerte es in der Dunkelheit und Isolde wusste nicht, wie sie ihm entrinnen sollte. Bei ihrem Sohn hatte sie beobachtet, dass dieser nach dem Erwachen aus einem Albtraum erleichtert aufatmete. Glücklich darüber, der Traumwelt endlich entkommen zu sein. Isolde konnte die kindliche Erleichterung nicht nachvollziehen.
Angewidert starrte sie auf die Ratte, welche sich auf der gegenüberstehenden Kommode ausgiebig kratzte und dabei zahlreiche Haare verlor. Dabei störte das Nagetier selbst Isolde eher weniger - sogar die fehlenden Fellstücke und zerschlissenen Ohren ließen sie kalt. Solche Anblicke begleiteten sie schon ihr Leben lang in den Straßen Freistadts. Was sie wirklich störte, war die Tatsache, dass sich die Ratte in ihrer erbärmlichen Verfassung perfekt in das Erscheinungsbild ihres Schlafzimmers einzufügen schien. Sie gehörte einfach dazu. Isolde lächelte bitter.
Ein weiterer glücklicher Einwohner Freistadts, der Stadt in den Fünf Provinzen, die Wohlstand und Aufstieg für alle versprach - vollkommen ungeachtet ihrer Herkunft oder Rasse. Sie war nie naiv genug gewesen, um an derartige Versprechen zu glauben. Sicherlich bot Freistadt gegenüber anderen Städten im Königreich vielerlei Vorzüge, doch galten diese meist nur für die Wohlhabenden.
Der Windzug im Raum schwoll an und Isolde entschied sich aufzustehen. Unter neuerlicher Kommentierung des Bettes warf sie die löchrige Bettdecke beiseite und setzte sich an den Bettrand, wobei sie ihr Rückenschmerz gnadenlos an die fehlenden Latten im Bettrost erinnerte. Durch das erneute Knarren des Bettes hatte sich nun auch die Ratte zum Verlassen entschieden und verschwand mit kratzenden Geräuschen unter dem Kleiderschrank neben der Kommode.
Isolde raffte sich auf und ging zum Nachttopf. Als sie ihr Nachthemd anhob und sich über den Topf kniete, fiel ihr auf, wie hungrig sie war. Wann sie das letzte Mal richtig gegessen hatte, wusste sie nicht - und eigentlich interessierte es sie auch nicht. Denn selbst wenn sie es gewusst hätte, wäre sie davon auch nicht satt geworden.
Mühsam stand sie auf und schritt zu der ausgebleichten Holzkommode, auf der eben noch die Ratte gekauert hatte, und wischte beiläufig deren Hinterlassenschaften von der Oberfläche, bevor sie die Temperatur des Wassers in der Waschschüssel prüfte. Eigentlich hasste sie es, sich mit eiskalten Wasser zu waschen, doch wenn sie heute Nacht noch ein paar Reichsmark verdienen wollte, durfte sie nicht mehrere Schritt weit gegen den Wind stinken. Zwar waren die Freier in ihrer Nachbarschaft nicht allzu wählerisch, doch war Isolde auch nicht mehr die Jüngste.
Während sie sich das Gesicht zu waschen begann, versuchte sie abzuschätzen, wie spät es war und spähte aus dem Augenwinkel zu den kleinen Löchern, die sich in der Wand an der Westseite ihres Schlafzimmers befanden. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages fielen hindurch und Isolde wusste, dass sie nicht mehr viel Zeit hatte. Sie setzte die Wäsche mürrisch unterhalb ihrer Gürtellinie fort und nachdem sie zumindest die wichtigsten Körperstellen für die Sicherung ihres Lebensunterhaltes gewaschen hatte, stellte Isolde die Waschschüssel vorsichtig zur Seite. Das Wasser war freilich nicht mehr trinkbar, doch deswegen nicht weniger wertvoll in den Armenquartieren Freistadts.
„Wenn ich es dir doch sage!“, rief Josef über den kleinen Holztisch dem jungen Matthias zu. „Du musst jede Nacht mindestens fünf Stunden schlafen, sonst wächst du nicht mehr. Und ich glaube nicht, dass du den Rest deines Lebens wie ein nichtsnutziger Zwerg verbringen willst, oder?“
Isolde hatte die Küche betreten und betrachte Josef, der soeben mit ihrem Sohn diskutierte. Josef war nicht der Vater des Jungen, doch unterstütze er sie beide so gut er konnte.
„Ich mag Zwerge“, entgegnete Matthias trotzig. „Die sind stark und machen den ganzen Tag, was sie wollen. Viele handeln sogar im Auftrag der Gilde und bereisen das gesamte Königreich.“
„Und genau deshalb sind das ja auch alles Nichtsnutze, die niemand hier in Freistadt respektiert!“, entgegnet Josef und ließ nicht locker. „Oder hast du schon einmal jemanden getroffen, der dieses verlogene Pack gerne hat?“
Isolde fand es immer wieder rührend, wie entschieden ihr Sohn und Josef stritten, wenn es darum ging, dass Matthias rechtzeitig zu Bett ging. Dabei wussten alle beide ganz genau, wie ihre Auseinandersetzung enden würde. Josef würde noch eine halbe Stunde lang versuchen, ihren Sohn unter fadenscheinigen Argumenten zum Schlafen zu überreden und Matthias würde energisch dagegenhalten. Matthias war eben noch ein Kind und voller Tatendrang. Für ihn war alles neu und interessant. Wie die Händler der Gilde wollte er die Welt außerhalb der Stadtmauern Freistadts selbst erleben und die Fünf Provinzen bereisen. Isolde war bereits aufgefallen, dass ihr Sohn die Geschichten der fliegenden Händler auf den Märkten und Straßen geradezu aufsog und so gerne sie sich ein solches Leben für Matthias auch wünschte, so wusste sie doch, dass er diese Reisen niemals antreten würde. Seine Welt würden die grauen Fabriken vor den Toren Freistadts sein, denn obwohl er erst elf Jahre alt war und noch kein Bart in seinem Gesicht spross, war er ein unabdingbarer Verdiener im Haushalt. Isolde stiegen Tränen in ihre hellblauen Augen. Es tut mir so leid.
Am Ende ihrer Diskussion würde Josef ihrem Sohn erlauben einen kräftigen Schluck aus seinem Bierkrug zu nehmen, was zumindest den drängendsten Hunger stillte und die Sinne gegen die Kälte der Nacht abstumpfte. Es war inzwischen zu einem festen Abendritual für beide Streithähne geworden - genauso wie die persönliche Verabschiedung von Isolde, bevor diese das Haus für die Nacht verließ. Die allabendliche Verabschiedung von Matthias war Isoldes Weise um sich in Erinnerung zu rufen, warum sie ihren Körper für nur ein paar Reichsmark in den schmutzigsten Ecken Freistadts feilbot.
„Matthias…“, seufzte sie verständnisvoll. „Du weißt doch ganz genau, dass du morgen Früh wieder pünktlich in der Fabrik sein musst. Außerdem kann ich doch sehen, dass dir schon die Augen zufallen.“ Liebevoll streichelte sie ihrem Sohn durch sein braunes, struppiges Haar.
„Aber ich möchte wach bleiben und da sein, wenn du nach Hause kommst. Dann kann ich mir sicher sein, dass es dir auch gut geht.“
„Du weißt doch ganz genau, dass du dir keine Sorgen machen musst“, beruhigte sie ihn. „Außerdem passe ich doch auf, wenn ich so spät noch rausgehe.“ Unweigerlich fasste sie unter ihren Rockbund. Seit dieser schrecklichen Nacht vor einem Monat versteckte Isolde dort eine kleine, aber todbringend scharfe Klinge. Diese sollte ihr im Notfall die Haut retten - oder zumindest ihr Leiden beenden.
„Ist das so?“, bemerkte Josef verdrießlich. Sein Kommentar war leise, doch hörbar. Mit seinem Bierkrug in der Hand stand er auf verließ missmutig die Küche.
Matthias blickte ihm verwundert hinterher und fragte seine Mutter: „Was ist denn mit Josef los?“
„Keine Ahnung“, log Isolde und streichelte ihm weiter den Kopf. Sie wusste, dass auch Josef diese Nacht in Erinnerung geblieben war. Damals hatte sich der Herbst noch nicht angekündigt und der Sommer schenkte Freistadt die letzten lauen Nächte. Dies war die einzige angenehme Erinnerung, die Isolde mit diesem Tag verband. Denn im Morgengrauen war nicht einmal mehr sicher gewesen, ob sie überhaupt überleben würde. Alleine hatte sie sich durch die Gossen Freistadts nach Hause geschleppt. Am Ende ihrer qualvollen Reise lag sie in zerrissener Kleidung, blutend und nahe der Bewusstlosigkeit vor ihrer eigenen Haustür. Nur die ersten Sonnenstrahlen des neuen Tages gaben ihr die Kraft nach Josef zu rufen. Glücklicherweise wachte Matthias in jener Nacht nicht durch ihre Rufe auf, denn das hätte sie sich niemals verziehen.
„Und jetzt ab ins Bett, du Zwerg!“, sagte sie mit einem gekünstelten Lächeln und gab ihrem Sohn einen zarten Ruck.
„Aber ich wollte noch ein Schluck Bier von Josef!“, verlangte dieser und stemmte sich gegen ihre Hand.
Er ist wirklich stark geworden, bemerkte sie glücklich und entgegnete: „Das muss heute leider ausfallen … aber dafür kannst du einen Kuss von deiner Mutter haben.“
„Den kannst du dir sparen!“ Matthias grinste verschlagen und seine braunen Augen leuchteten sie an. Ihre Hand strich zärtlich über seine Wange. Er hatte die Augen seines Vaters, in denen sie sich verlieren konnte.
„Alles okay bei dir?“, fragte Matthias unsicher.
„Ja, bei mir ist alles okay. Und jetzt ab in Bett.“
Matthias strich die Hand seiner Mutter beiseite und sprang von seinem Stuhl auf. Nun küsste er sie doch kurz auf die Wange und rannte schnell in sein Schlafzimmer.
Ich liebe dich! Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Ohne ihm lange nachzublicken griff Isolde sich ihren verwaschenen Überwurf aus Schafwolle und schlang ihn sich um den Hals.
„Du weißt, dass du das nicht tun musst, oder?“ Josef stand im Türrahmen seines Schlafzimmers und schaute sorgenschwer zu Isolde.
„Doch, das muss ich“, berichtigte sie ihn gereizt. „Jeden Abend muss ich das tun - und das weißt du genau.“ Ihm musste genauso klar sein wie ihr, dass sie niemals eine Anstellung in einer der Fabriken erhalten würde. Nicht mit ihrer verkrüppelten Hand. Isolde war zwar schon immer von ansehnlicher Natur, doch waren seit ihrer Kindheit drei Finger ihrer linken Hand versteift. Und im Gegensatz zu den Freiern interessierten sich die Fabrikbesitzer nun einmal auch für ihre linke Hand.
„Ich meine nur, dass dich das eines Tages umbringen wird“, versuchte Josef sie zu beschwichtigen. „Irgendein Verrückter wird dir die Kehle durchschneiden und die Stadtwache wird sich nicht einmal dafür umdrehen - wenn sie es nicht sogar selber tun, die Schweine … Wer kümmert sich dann um Matthias? Seinen Vater hat er bereits verloren.“
Du! Wenn ich eines morgens nicht zurückkomme, wirst du dich um Matthias kümmern. Wortlos verließ sie die Küche und schmiss die Haustür mit einem lauten Knall hinter sich zu.
2
Ich werde mich niemals an Städte gewöhnen, fluchte Ismail, als er das Stadttor Freistadts durchschritt. Es gibt in Städten einfach viel zu viele Leute - und die machen viel zu viel Krach. Hektisch strömten die Stadtbewohner in beide Richtungen an dem Waldläufer vorbei und rempelten ihn dabei immer wieder an. Eine besonders unfreundliche Albin trat ihm von hinten in die Hacken, quittierte seinen missbilligen Blick mit einem ausgestreckten Mittelfinger und zog fluchend an ihm vorbei. In dem Meer aus Alben, Zwergen und Menschen, war sie schon nach wenigen Schritten nicht mehr auszumachen.
Scheinbar hatte er unabsichtlich genau den Schichtwechsel in den Fabriken vor der Stadt abgepasst. Er hatte auf seinen Reisen davon gehört. Angeblich fanden diese mehrfach pro Tag statt und sorgten für eine wahre Flut an Arbeitern, die zu beiden Seiten durch das Stadttor strömten. Die Sache mit der Flut kann ich auf jeden Fall bestätigen.
Es war eine Besonderheit Freistadts, dass sich nur ein einziges Stadttor in der äußeren Stadtmauer befand. Ein architektonisches Nadelöhr, welches die bevölkerungsreichste Stadt in den Fünf Provinzen mit der Außenwelt verband. Ismail wunderte sich, wie alle diese Arbeiter in die Fabriken passen sollten. Als er Freistadt diesen Nachmittag von Norden her erreichte hatte, waren die tristen Fabrikgebäude bereits von Weitem zu sehen gewesen. Sie waren zweifellos riesig, doch fand er die Anzahl der Arbeitskräfte, die er gerade in diesem Moment sah, weitaus beeindruckender.
Ihn überkam das ungute Gefühl, dass er innerhalb der Menge die Kontrolle über seinen Weg verloren hatte, wie in einem wilden Strom wurde er erfasst und mitgezogen. Genervt von den ständigen Rempeleien suchte er mehrfach Augenkontakt um sein Missfallen der jeweiligen Person mitzuteilen und hegte dabei die Hoffnung, dass nicht alle Bewohner Freistadts so abgehärtet waren wie die unfreundliche Albin - doch die Fabrikarbeiter nahmen ihn nicht einmal wahr. Der Fremde war ihnen schlichtweg egal. Sie wollten nach vollbrachten Tageswerk nur so schnell wie möglich nach Hause oder rechtzeitig zur nächsten Schicht an ihrem Arbeitsplatz sein. Obwohl der Waldläufer selbst noch nie in einer Fabrik gewesen war, hatte er schon so manche Geschichte über diese Orte gehört: Unmengen großer Maschinen sollen dort sauber in Reih und Glied nebeneinander stehen. Und an jeder sollen gleich mehrere Arbeiter schuften und denselben Handgriff fast einen halben Tag lang einfach immer wiederholen. Ismail verspürte nicht wirklich den Drang, den Gerüchten auf den Grund zu gehen. Der Waldläufer wollte einfach nur seine Geschäfte in der Stadt erledigen und dann schnellstmöglich wieder aus diesem Moloch verschwinden.
Und doch hatten die Fabriken seiner Meinung nach auch ihre guten Seiten. Viele der Arbeiter hätten unter anderen Umständen und in anderen Provinzen des Königreichs ein schlimmeres Dasein gefristet. Er dachte dabei etwa an die Minen im Götterkamm, dem größten Gebirge im Land. Die harte Arbeit unter Tage mit all ihren Gefahren hatte schon viele Leben gekostet. So war es kein Wunder, dass der Westen - allen voran die Geteilte Stadt - vor allem von Zwergen besiedelt wurde. Mit ihrem kleinen, doch breiten Körperbau, der extremen Zähigkeit sowie ihrer legendären Dickköpfigkeit, schienen sie wie gemacht für diese Tätigkeit. Die kleinsten Bewohner der Fünf Provinzen, trotzten eindrucksvoll dem größten Gebirge.
Aber auch das Leben in der Südlichen Provinz war für die einfache Bevölkerung nicht wirklich besser - und Ismail wusste wovon er sprach. Er selbst war im Süden des Königreichs geboren und aufgewachsen, wenn auch nicht unter der einfachen Landbevölkerung. Zumindest nicht die ersten sechzehn Jahre seines Lebens.
Die Südliche Provinz, mit ihrer Hauptstadt Halmingen, war das landwirtschaftliche Zentrum der Fünf Provinzen. Geprägt durch Ackerbau und Viehwirtschaft, befand sie sich fest in den Händen der Großgrundbesitzer, welche über die Jahrhunderte eine strikte Ständegesellschaft eingeführt hatten. Wer nicht zum Landadel gehörte, hatte im Süden grundsätzlich schlechte Aussichten. Der größte Teil der einfachen Landbevölkerung lebte in Leibeigenschaft auf den Ländereien der Großgrundbesitzer und erarbeitete, unter teils grauenvollen Entbehrungen, deren Reichtum. Selbst Sklaverei war in den abgelegenen Ländereien der Südlichen Provinz nicht selten. Wie Vieh wurden die Bauern dort gehalten und gezüchtet.
Ismail selbst wurde als Jüngster von drei Söhnen in eine jener Adelsfamilien hineingeboren, wobei der Stern seiner Familie bereits seit geraumer Zeit am Sinken gewesen war …
„Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst“, brüllte ein bärtiger Riese und riss den Waldläufer aus seinen Erinnerungen. „Jetzt schau mich nicht so scheiße an! Ich habe dich was gefragt, du Pisser!“ Der Kerl versetzte Ismail einen Stoß gegen die rechte Schulter.
Die beiden Kerle, die sich drohend vor ihm aufbauten, waren Menschen und eine handbreit größer als er. Gedankenverloren war Ismail in sie hineingelaufen. Der Rechte hatte kupferfarbenes Haar und einen verfilzten Vollbart in identischem Farbton. Sein Freund hingegen hatte sich seinen Schädel kahl geschoren und trug einen, von Pockennarben durchsetzten, Dreitagebart. Was die beiden Gestalten gemeinsam hatten, war ihre Suche nach Ärger.
„Es tut mir leid“, entschuldigte sich der Waldläufer schnell. „Ich war in Gedanken und habe nicht aufgepasst, wo die Masse mich hinträgt - diese Stadt ist einfach nur beeindruckend.“ Ismail hoffte, die beiden Schläger auf diese Weise beruhigen zu können. Die Städter in den Fünf Provinzen hörten nur zu gerne, dass sie ein viel interessanteres Leben als die dummen Dorftrampel führten. Und nach Wochen unter freien Himmel und mit dem Fellbündel auf seinem Rücken, sah Ismail nun einmal genauso aus. In einer ruhigen Geste schlug er die Kapuze seines Umhangs zurück und offenbarte sein rabenschwarzes Haar.
„Das haben wir selbst gemerkt!“, keifte der Linke. „Aus was für einem Inzuchtkaff kommst du überhaupt?“ Lachend stieß er seinem Kameraden den Ellbogen in die Seite. Beide Schläger grinsten und präsentierten dabei freigiebig ihre verfärbten Zähne. Gespannt warteten sie darauf, wie Ismail auf ihre Provokationen reagieren würde.
Doch dieses Spiel hatte Ismail auf seinen Reisen bereits zur Genüge gespielt, um zu wissen, dass eine leichtfertige Antwort wahrscheinlich ein paar unangenehmen Schlägen in seinem Gesicht zur Folge haben würde. Leider halfen auch Beschwichtigung nicht, denn die beiden Typen würden ihn dann einfach immer weiter herumschubsen. Kerle wie sie gab es selbst in den kleinsten Ortschaften des Königreichs: Schläger und Taugenichtse, die sich in kleinen Gruppen zusammenrotteten und aus Langeweile nach Opfern suchten. Witterten solche Gestalten Schwäche oder Angst, ließen sie erst nach, wenn das Opfer vollkommen bloßgestellt und erniedrigt war, gerne auch mal schwer verletzt und ihrer Habseligkeiten beraubt. Was sie jedoch wirklich verunsicherte, war ein Gegenüber, das sie weder einschätzen, noch in ihrer einfältigen Welt einsortieren konnten.
„Ich komme aus einem kleinen Dorf im Norden“, log Ismail. „Und nun suche ich hier nach einer Möglichkeit, um das Fell zu verkaufen. Es ist von einem Fenriswolf, den ich vor ein paar Tagen an den Ausläufern des Schattenforstes erlegt habe. Kennt ihr beide zufällig einen Händler hier in Freistadt, der Interesse an einem solchen Fell haben könnte?“ Schadenfroh erkannte er, dass seine Frage die Selbstsicherheit der beiden gewaltig ins Schwanken gebracht hatte. Obwohl sie zu Lebzeiten bestimmt noch nie weiter als einen halben Tagesmarsch von Freistadt entfernt gewesen waren, wussten sie natürlich, was ein Fenriswolf war.
Dieses Wildtier war die mit Abstand größte Wolfsgattung im Königreich und ein ausgewachsener Rüde, konnte ohne Probleme die Schulterhöhe eines erwachsenen Menschen erreichen. Für sie waren Menschen, Zwergen und Alben eine genauso gängige Beute wie ein Schaf oder Wildkaninchen. Alles in allem ein grausamer Gegner. Nicht ohne Grund versetzen Fenriswolfsrudel immer wieder ganze Landstriche in Angst und Schrecken.
„Ein Fenriswolf, hä?“, wiederholte der rechte Hüne ungläubig. Er warf seinem Kameraden einen unsicheren Blick zu, doch dieser schüttelte nur ungläubig seinen geschorenen Schädel.
„Ja, ein Fenriswolf“, bestätigte Ismail in gespielter Gleichgültigkeit. „Ein prachtvoller Rüde - und gewehrt hat sich das Vieh, dass glaubt ihr nicht. Wenn ihr möchtet, kann ich euch gerne mal das Fell zeigen.“ Bei dem Angebot zeigte Ismail mit dem Daumen über seine Schulter auf das Fellbündel auf seinem Rücken. Wie aus Versehen ließ er dabei seinen dunkelgrünen Lodenumhang zur Seite rutschen und offenbarte seinen sonst verborgenen Dolch. Diesen trug er in einer speziellen Scheide direkt am Oberschenkel, damit die Waffe nicht unkontrolliert an seinem Gürtel herum schwang, wie dies oft bei Bauern und gewöhnlichen Jägern der Fall war. Zudem handelte es sich bei seinem Dolch um keine minderwertige Ware, die man auf den gängigen Märkten nachgeschmissen bekam und die eher an einen schartigen Zahnstocher als an eine präzise Nahkampfwaffe erinnerte. Sein Dolch war handgefertigt und von höchster Qualität. Eine markant geschwungene Klinge, die auf kunstvolle Weise an die Kralle einer riesenhaften Raubkatze erinnerte und welche mit Vorliebe bei den Kriegern der Freien Stämme Verwendung fand. Als Mensch konnte man eine solche Waffe nur erlangen, wenn diese einem durch einen Stamm verliehen wurde oder man den Vorbesitzer tötete. Beide Varianten sprachen dafür, den Träger nicht zu unterschätzen.
„Ja, natürlich …“, stammelte der Rothaarige und starrte auf die Waffe. Unruhig stieß er seinen Kameraden immer wieder in die Seite, um ihn ebenfalls darauf aufmerksam zu machen.
„Im Mittleren Ring der Stadt“, antwortete dieser schnell. „Du solltest es bei einem der Gildenhändler im Mittleren Ring probieren. Oder vielleicht bei Halims Naturwaren. Das Spitzohr soll an allem aus dem Schattenforst interessiert sein.“ Er lächelte ängstlich. „Wir im Äußeren Ring haben weder die Händler noch das Geld, um ein solches Fell zu kaufen.“
Der Waldläufer sagte kein Wort, sondern starrte den Rothaarigen einfach weiter an. „Dann werde ich mein Glück mal im Mittleren Ring probieren“, erlöste er die beiden Taugenichtse. „Vielleicht läuft man sich ja nochmal über den Weg.“
„Ja, vielleicht …“, stammelte der Glatzkopf und lächelte noch immer gezwungen.
Ohne die beiden eines weiteren Blickes zu würdigen, schritt Ismail zwischen ihnen hindurch und tauchte wieder in das Meer aus Arbeitern. Die beiden Schläger hingegen schauten sich verdutzt an und warfen ihm einen letzten, unsicheren Blick hinterher. Kaum hatte sich Ismail einige Meter Richtung Stadtzentrum entfernt, hörte er den Rothaarigen erneut brüllen: „Kannst du nicht aufpassen, wo du hinläufst?“ Ismail schüttelte amüsiert den Kopf und wünschte dem armen Bauerntrampel alles Glück der Welt.
3
Die Worte Josefs gingen Isolde noch immer durch den Kopf, als sie vor die Tür ihrer heruntergekommenen Unterkunft trat. Natürlich meinte er es nur gut, doch hatte er keine Ahnung von ihren Problemen und das machte sie wütend. Er hatte weder eine verkrüppelte Hand, noch ein Kind. Und eine Frau war er auch nicht. Josef arbeitete in einer der Fabriken und verdiente genug, um sein Bett, seine Tagesmahlzeit und seinen täglichen Krug Bier zu bezahlen. In ihrem Wohnviertel bedeutete das Glückseligkeit.
Isolde blickte zornig die Straße entlang und beobachtete die beiden Arbeiterströme, wie sie im Dreck des äußeren Stadtrings gegeneinander anliefen. Während die eine Gruppe soeben aus ihrem Hamsterrad floh, konnte die andere es gar nicht erwarten, in das ihre hineinzuklettern. Die letzten Sonnenstrahlen des Tages verliehen dem grotesken Schauspiel einen melancholischen Beigeschmack. Als Isolde schließlich von der Türschwelle stieg, konnte sie augenblicklich die Feuchtigkeit spüren, die durch ihre löchrigen Sohlen trat. Im äußeren Ring Freistadts gab es keine gepflasterten Straßen und der Boden war nach einem ergiebigen Regenguss noch tagelang schlammig. Die Masse an Arbeitern, welche zu jedem Schichtwechsel wie Ameisen durch die Straßen strömten, besorgten den Rest.
Der Äußere Ring unterschied sich in vielen Punkten von den beiden inneren Stadtringen. Nicht nur waren die Straßen der beiden anderen Ringe durchgängig gepflastert, sondern auch Brunnen und Grünflachen stellten dort keine Seltenheit dar. Dass die Unterschiede zwischen den Stadtvierteln ausschließlich von der Art ihrer Bewohner herrührten, war dabei kein Geheimnis. Der Innere Ring war das Herz Freistadts und beherbergte die Wohlhabenden sowie den Wächter der Freiheit, einen riesigen, weißen Turm, der exakt in der Stadtmitte thronte und in dem die Stadtverwaltung und der Senat ansässig waren. Im Mittleren Ring der Stadt hausten vor allem die Handwerker, Händler und Kunstschaffenden. Dieses Stadtviertel war nicht so protzig wie der Innere Ring, doch ein gemütlicher Platz zum Leben. Und im Äußeren Ring, dort lebten ausschließlich die Armen und Fabrikarbeiter, so weit wie möglich entfernt vom Zentrum und so nahe wie möglich an den Werkbänken.
„Moin Isolde, geht’s endlich zur Maloche?“, schallte es aus der Menge zu ihr hinüber. „Wird aber auch Zeit, sonst muss ich ja noch Ewigkeiten auf mein freies Bett warten!“ Lachend tauchte Hardi aus den Fluten an Arbeitern auf und schritt strahlend auf Isolde zu.
„Du solltest dich eher freuen, dass ich immer erst kurz vor dem Schichtwechsel aufstehe!“, entgegnete sie heiter. „So ist das Bett noch warm, wenn du von deinen Besäufnissen endlich nach Hause kommst.“ Ihre Laune besserte sich schlagartig und der Ärger über Josef war wie verflogen - Hardi hatte einfach etwas Besonderes. Den Zwerg hatte es hart im Leben getroffen und dennoch konnte er jeder Situation etwas Gutes abgewinnen. „Wie geht es dir heute?“, erkundigte sich Isolde nun ernster.
Der Zwerg war inzwischen bei ihr angekommen und machte einen schlechten Eindruck. Für einen Mann seiner Gattung war er viel zu schmächtig und sein grauer Bart war an vielen Stellen verfilzt - die einzigen Farbspritzer darin rührten vom Dreck der Straße. Besorgt schaute Isolde zu seinem linken Arm, der knapp unter dem Ellbogen abgetrennt war. Hardi gehörte zu jenem Kreis der Fabrikarbeiter, die der Übermüdung und einer der Fabrikmaschinen zum Opfer gefallen war. Isolde musste unweigerlich an Matthias denken und die Sorgen des Alltags holten sie wieder ein.
„Mir geht es gut - du kennst mich doch!“, beruhigte er sie mit einem Augenzwinkern und fügte, ihrem Blick folgend, hinzu: „Ach, der Arm? Den habe ich doch sowieso kaum benutzt - bin doch Rechtshänder. Und das Wichtigste bekomme ich noch problemlos hin …“ Als Beweis gestikulierte der Zwerg wild mit seinem verbliebenem Arm. Zuerst führte er einen imaginären Bierkrug zum Mund, um danach tänzelnd ein paar gekonnte Fausthiebe folgen zu lassen. „Würde es in unserem Stadtviertel genug Papier oder Wasser geben, könnte ich mir nach dem Scheißen sogar ohne Hilfe den Arsch abwischen“, schloss er seine Darbietung.
„Ich bin beeindruckt“, lobte ihn Isolde und deutete liebevoll ein Klatschen an.
Der Zwerg hatte einen derben Humor und erschien den meisten als ruppig, doch hatte er das Herz am rechten Fleck und er war Isolde bezüglich seiner persönlichen Situation näher als jeder andere, den sie kannte. Wie auch Isolde, musste sich Hardi als Bettler jeden Tag aufs Neue mit den Verrückten und Kriminellen des Äußeren Rings auseinandersetzen. „Aber dein Tag scheint sich ja gelohnt zu haben“, besann Isolde sich wieder auf die Realität und deutete auf das Bündel an Hardis Ledergürtel.
„Meinst du etwa den Laib Brot?“ Stolz wickelte der Zwerg seine Errungenschaft aus dem löchrigen Leinentuch, in das dieses eingepackt war. „Das habe ich nicht vom Betteln. Die armen Schlucker haben ja nicht einmal genug Brot für sich selbst.“
„Wem sagst du das …“, wusste Isolde und ihr Magen stimmte ihr grollend zu. „Wo hast du das Brot denn sonst her? Und gibt es da noch mehr?“
„Ja. Und ja.“, antwortete Hardi und wartete verschwörerisch, dass sie ihn zum Weiterreden aufforderte. Gerne tat sie ihm den Gefallen und neigte ihren Kopf mit hochgezogenen Augenbrauen. Der Zwerg blickte kurz zu beiden Seiten als würde er belauscht. Dann wandte er sich zu Isolde: „Ich habe das Brot von der Gemeinschaft der Ausgebeuteten und die haben noch mehr davon. Die Spinner verteilen das teilweise sogar ohne Geld dafür zu verlangen.“
„Die Gemeinschaft der Ausgebeuteten? Hier in Freistadt?“, fragte sie ungläubig. „Ich dachte, die gibt es nur in der Geteilten Stadt. Die kümmern sich doch dort um die Arbeiter in den Kohlebergwerken.“
„Machen sie ja auch. Aber seit Neuestem haben die auch eine Ortsgruppe hier in Freistadt - und die Typen haben die richtige Einstellung, das kannst du mir glauben. Anstatt immer kräftig den Bückling vor den Fabrikbesitzern zu machen, helfen sie den Arbeitern.“
„Das ist ja schön für die Gemeinschaft der Ausgebeuteten“, unterbrach ihn Isolde, „doch wie wollen die uns Leuten im Äußeren Ring helfen?“
„Außer, dass sie mir Brot geben?“
„Ja, außer dass sie dem lieben Hardi ein Laib Brot geben.“
„Ehrlich gesagt: keine Ahnung!“, gestand Hardi und brach in lautes Gelächter aus. „Die haben was davon erzählt, dass die Fabrikbesitzer in Wirklichkeit genauso abhängig von den Arbeitern seien wie andersherum. Dass wir Armen und Ausgebeuteten uns zusammentun sollen, weil wir nur dann stark seien - so ein Zeugs halt. Hab aber nicht wirklich zugehört, sondern bin abgehauen, als ich mein Brot abgegriffen hatte.“ Prüfend schnüffelte der Zwerg an dem Laib. „Scheint echt gut zu sein. Freu mich schon darauf: Einmal Brot mit … nichts. Besser kann der Tag kaum werden!“
„Und ein warmes Bett“, ergänzte Isolde.
„Und ein warmes Bett.“ Ungewohnt ernst fügte er hinzu: „Liebes, tu mir ein Gefallen und pass da draußen auf dich auf. Ich werde auch nochmal nach Matthias schauen und ihm ein Stück von dem Brot abgeben - der hat doch bestimmt wieder nur Bier von dem Arsch Josef bekommen. Diesem alten Rassisten sollte man sowieso mal …“
„Vielen Dank“, fiel ihm Isolde ins Wort. „Ich wüsste nicht, was ich ohne dich tun würde.“ Sie gab ihrem Freund einen Kuss auf die Wange und drehte sich schnell um, als ihr erneut Tränen in die Augen stiegen. Sie wusste ohnehin, dass der Zwerg ihr solange nachsehen würde, bis sie in die Seitenstraße einbog.
Dies war der schnellste Weg zum Brünftigen Hirsch, dem beliebtesten Bordell vor Ort. Er war das ganze Jahr über gut besucht - nicht wie die anderen Bordelle, welche zu Monatsbeginn aus allen Nähten platzten, wo dann den restlichen Monat aber Flaute herrschte. Selbstverständlich arbeitete Isolde nicht direkt im Brünftigen Hirsch - dafür war sie zu alt und ihre Hand zu verkrüppelt. Sie arbeitete daneben, dahinter oder davor - dort standen die altgedienten Prostituierten. Bereit für jene Freier, die nicht genug Geld für die jungen Dinger hatten, sich aber dennoch etwas, oder jemanden, gönnen wollten.
Es würde noch zwei Straßen dauern und Isolde hätte es endlich geschafft - die nassen Füße gingen ihr jetzt schon auf die Nerven. Der Strom aus Arbeitern ebbte langsam ab und gab die Straßen wieder frei. Mit ihm verließ auch die Sonne Freistadt und der kühle Wind kündete vom gerade begonnenen Herbst, was viele weitere, nasskalte Schichten bedeutete. Isolde begann schon zu frieren, wenn sie nur daran dachte.
Endlich bog sie in die Straße ein, in der der Brünftige Hirsch stand.
Isolde war nicht einmal richtig angekommen, da wurde sie bereits von der Seite angesprochen: „Na Süße, wir kennen uns doch, oder?“ Obwohl sie es hasste, dass sie ihren Körper verkaufen musste, freute sie sich über jeden Freier, denn ihr Leid und Selbsthass ermöglichte einen weiteren Tag ohne Hunger für Matthias. So drehte sich Isolde auch diesmal mit einem aufgesetzten Lächeln zu dem Mann um.
„Ja, wir kennen uns“, stoß sie ängstlich hervor und ihr falsches Lächeln erstarb augenblicklich. Sie kannte dieses Gesicht nur zu gut. Sie sah es seit fast einem Monat jede Nacht in ihren Albträumen. Vollkommen verängstigt senkte sie den Blick auf ihre durchnässten Füße.
„Na, na, nicht so schüchtern“, fuhr der Mann geradezu zärtlich fort. Er fasste ihr unter das Kinn und zwang ihren Kopf nach oben, sodass sie ihm direkt in sein Gesicht blicken musste. Auch dass sie die Augen schloss, half Isolde nicht - die brutalen Züge des Mannes hatten sich als Maske des Grauens bereits unauslöschlich in ihr Gedächtnis gebrannt.
„Bitte …“, flehte Isolde ihren Peiniger an.
„Ich hatte schon Angst, du würdest mich gar nicht mehr erkennen“, überging der Mann ihr Flehen und hielt sie weiterhin am Kinn fest. „Und das, obwohl wir das letzte Mal alle so viel Spaß miteinander hatten.“
„Ja, das war wirklich ne feine Sache“, stimmte der zweite Mann zu. Isolde bemerkte ihn erst jetzt. Er stand seitlich versetzt hinter seinem Freund und grinste ihr boshaft ins Gesicht. Und genau wie das letzte Mal, trugen die beiden auch heute wieder die Uniform der Stadtwache.
„Bitte, tun Sie mir nichts“, wimmerte Isolde erneut. Sie begann zu zittern und Tränen rannen als lauwarme Rinnsale ihre kalte Wange hinab, die selbst vor den stinkenden Finger des Mannes keinen Halt machten.
„Das ist doch kein Grund, gleich zu weinen …“, bemerkte er lauernd. „Aber du weißt schon, dass Prostitution in Freistadt verboten ist, oder? Ich dachte eigentlich, du hättest das nach dem letzten Mal verstanden.“ Ihre Knie wurden weich und gaben nach, sodass der Mann seinen Griff verstärkte.
Verzerrte Erinnerungen an Hilflosigkeit und Erniedrigung schossen Isolde durch den Kopf. „Bitte …“, flehte sie und den grauenvollen Erinnerungen folgten die damit verbundenen Gefühle: Schmerz, Scham und Wut. Doch besonders der Schmerz. „Bitte … nochmal überlebe ich das nicht.“
„Das mag schon sein“, entgegnete die Stadtwache vollkommen emotionslos. „Doch ein Verbrechen ist ein Verbrechen. Und es ist die Aufgabe der Stadtwache, die braven Bürger Freistadts vor Verbrechen zu schützen. Wir tun also nur unsere Pflicht.“ Der zweite Mann gluckste vor Erheiterung und klopfte seinem Freund von hinten zustimmend auf die Schulter. Ermutigt fuhr der erste fort: „Und deswegen bringen wir dich jetzt auch zum Büro der Stadtwache, wo über dein weiteres Verbleiben entschieden wird - also alles streng nach Vorschrift.“ Der Hintermann brach diesmal in gellendes Gelächter aus. Seine Stimme ergoss sich wie ein Schwall purer Hohn über Isolde. „Dann komm mal mit, du Flittchen“, beendete der Vordermann seinen Vortrag und riss sie grob am Oberarm.
Inzwischen hatte sich die aufziehende Düsternis über die Straßen Freistadts gelegt und vereinzelt konnte Isolde die Sterne am Himmelszelt erkennen – doch auch die würden ihr nicht zur Hilfe kommen. Dunkel und einsam ging die Gasse von der Straße ab und endete im Nichts. Zusammen mit dem Licht der improvisierten Straßenbeleuchtung verblasste auch der letzte Funke Hoffnung in Isolde. Die beiden Stadtwachen blieben mit ihr kurz vor der Gasse stehen und versicherten sich zunächst, dass sie von niemanden auf der Straße beobachtet wurden. Schließlich zwang sie der Vordermann in die Dunkelheit.
Isolde kannte diesen Ort. Der beißende Geruch nach Urin und Erbrochenen erinnerte sie unweigerlich an das letzte Mal. Nun würde sie an diesem widerlichen Ort doch ihr Leben lassen. Wie menschlicher Abfall zwischen der Pisse und Kotze irgendwelcher Saufbolde. Die Klinge!, schoss es ihr durch den Kopf. Die Klinge unter meinem Rockbund! Ich schwöre dir Bastard hier und jetzt: Entweder setze ich dir oder mir heute Nacht ein Ende.
4
Ismail musste sich beeilen, wenn er die Gasse noch rechtzeitig erreichen wollte - doch durfte er seine Schritte dabei nicht unbedacht setzen, denn jeder einzelne wurde von einem verräterischen Schmatzgeräusch der schlammigen Straßen untermalt. Konzentriert bewegte sich der Waldläufer an der Hauswand entlang und rollte sein Körpergewicht bei jedem neuen Schritt über die Ferse ab. Doch das verdammte Schmatzen wollte einfach nicht verstummen. Ein falscher Laut würde alles zunichtemachen.
Das Meer aus Menschen, Zwergen und Alben war inzwischen verebbt und die Einsamkeit gefiel ihm weitaus besser. Sie gab ihm das Gefühl von Kontrolle und Berechenbarkeit zurück. Mit den Fingern seiner linken Hand spürte er die kratzigen Mörtelfugen zwischen den Backsteinen, als er vorsichtig weiter dem Mauerverlauf folgte. Leicht geduckt verschmolz er zusehends mit dem Schatten der Hauswand und verließ sich einzig auf Gehör und Tastsinn. Sein angespannter Körper folgte gehorsam der führenden Hand. Der unangenehme Geruch von Urin stieg ihm die Nase und trug das erstickte Wimmern einer Frau mit sich. Er hatte den Zugang zur Gasse fast erreicht und verlangsamte weiter seine Schritte bis seine Fingerkuppen endlich die Hausecke ertasteten. Regungslos verharrte er im Schatten.
Was mache ich hier eigentlich?, zweifelte er. Immerhin ist es nicht gerade eine Besonderheit, dass sich die Stadtwache an wehrlosen Bürgern vergreift. Nachdenklich blickte er zurück auf die verlassene Straße und spürte den Drang, ungesehen wieder zu verschwinden und das Schicksal einfach seinen Lauf nehmen zu lassen. Warum also? Und warum gerade jetzt? Er seufzte unentschlossen. Wer hat denn mir geholfen, als alles den Bach runterging? Oder Mutter … Seine Muskeln spannten sich an und obwohl in seinem Inneren ungeheure Kräfte tobten, bewegte er sich keinen Fingerbreit.
Mutter … Es dauerte noch mehrere Atemzüge bis er seinen Entschluss gefasst hatte und sich zur Ruhe zwang. Schließlich bewegte er seinen Kopf in einer langsamen, doch flüssigen Bewegung um die Hausecke.
In der schmalen Gasse blickte keine der drei Personen in seine Richtung. Einer der Männer drückte das Opfer gegen die Gassenwand, während der andere das Spektakel in Ruhe betrachtete. Trotz der schummrigen Lichtverhältnisse konnte Ismail erkennen, dass die Frau zitterte. Die Angreifer waren zweifelsohne Stadtwachen. Obwohl sie ihr widerliches Verbrechen an diesem Ort zu verstecken versuchten, sprachen ihre Silhouetten eine deutliche Sprache: Beide trugen den charakteristischen Ledermantel der Stadtwache von Freistadt - lang und mit hohem Kragen. Dazu der Lederhut mit der breiten Krempe, die an der linken Seite senkrecht nach oben geknickt war. Der Fortschritt machte in Freistadt auch vor den Stadtwachen nicht Halt. Die Zeiten, in denen diese mit Helm, Schild und Handbeil durch die Straßen patrouillierten, waren lange vorbei. Heute trugen sie neben ihren modischen Ledermänteln eine automatische Armbrust, die - ungeachtet ihres kompakten Formats - in kürzester Zeit unzählige Bolzen hintereinander verschießen konnte. Doch so beeindruckend diese Waffe auch war, besorgte sie Ismail in der aktuellen Situation nicht sonderlich - für ihn war die kleine Trillerpfeife am Hals der beiden Männer weitaus bedrohlicher. Sollte einer der beiden die Pfeife zu dieser späten Stunde benutzen, würde dies alle Stadtwachen im Äußeren Ring alarmieren.
Ismail zog seinen Kopf wieder zurück und überlegte kurz, ob er seinen Bogen benutzen sollte, verwarf den Gedanken jedoch schnell wieder. Zwei blitzschnell hintereinander verschossene Pfeile in eine stockdüstere Gasse – beide augenblicklich tötend? Unmöglich. Er musste das Problem Wohl oder Übel aus der Nähe lösen. Entschlossen hob er einen der Backsteine auf, welche aus der Hauswand gebrochen waren und durcheinander auf dem Gehsteig lagen. Er wog ihn abschätzend in seiner Hand. Wenn es gut lief, würden alle Beteiligten diese Nacht überleben.
Schließlich betrat der Waldläufer die Gasse. Zielstrebig und ohne weitere Rücksicht auf das verräterische Schmatzen unter seinen Füßen näherte er sich schnellstmöglich dem ersten Mann. Sie trennten nur noch wenige Schritte und Ismail verstärkte den Griff um den Backstein. Die Stadtwache war noch immer wie gebannt von dem grausamen Schauspiel vor ihm und vollkommen ahnungslos, was den heraufziehenden Schatten in seinen Rücken betraf. Angewidert bemerkte Ismail das unruhige Herumfummeln des Mannes in seinem Schritt, als er endgültig zu diesem aufschloss. Ohne zu zögern schlug er zu.
Das Geräusch, als der Backstein mit voller Wucht den Hinterkopf des Mannes traf, erinnerte den Waldläufer vage an ein Stück Fleisch, dass auf eine glatte Oberfläche klatscht: dumpf und leblos. Die Muskeln des Mannes erschlafften augenblicklich und sein Körper folgte willenlos der Schwungbewegung des schweren Steins. Überrascht über den ausbleibenden Widerstand glitt Ismail dieser aus der Hand und rutschte polternd an der rauen Gassenwand zu seiner Rechten entlang.
Wie befürchtet, alarmierte das ungewöhnliche Geräusch die zweite Stadtwache. Noch immer mit seinen Händen an Hals und Rock des Opfers beschäftigt, riss der Mann seinen Kopf herum und brüllte erbost: „Ist ja gut jetzt, Hannes! Du kommst ja auch noch dran, aber heute …“
Ich muss mich beeilen.
Der Mann riss überrascht die Augen auf, ließ von seinem Opfer ab und schlug augenblicklich zu. Der rechte Haken explodierte wuchtig auf Ismails Unterarm, den dieser gerade noch schützend vor seinen Kopf reißen konnte. Der Fausthieb des Mannes war so kräftig, dass er Ismail auf dem schlammigen Boden der Gasse beinahe von den Beinen holte und zu einem Ausfallschritt zwang. Ohne Verzögerung folgte ein weiterer schwerer Haken, der krachend in Ismails Deckung einschlug. Und erneut musste der Waldläufer mit einem Ausfallschritt der Kraft des Gegners ein Ventil bieten. Nicht nur, dass sein Kopf zu schmerzen begann und die ersten leuchtenden Punkte vor seinen Augen tanzten, auch wäre er beinahe über die bewusstlose Stadtwache am Boden gestolpert. Die Kontrolle über den Kampf eingebüßt und schwer angeschlagen, begann Ismail seine Entscheidung zu bereuen. Er bereitete sich gerade auf den finalen Fausthieb des Mannes vor, als etwas Seltsames geschah: Die Zeit blieb stehen.
Zumindest wirkte es so auf Ismail. Es mutete an, als würde sich alles und jeder in der Gasse viel zu langsam bewegen: Der wilde Bulle von einem Mann vor ihm, dessen vor Zorn brennende Augen er nun deutlich sah. Die verängstigte Frau, die im Schneckentempo mit ihrem Rücken an die Gassenwand gelehnt zu Boden glitt. Einfach alles – bis auf ihn selbst.
Ismail konnte sich in gewohnter Geschwindigkeit bewegen. Ohne sein Glück zu hinterfragen, nutze er seine Chance und tauchte geschmeidig unter dem ausladenden Schwinger, der sich auf halbem Wege zu ihm befand, hindurch. Seitlich neben dem Mann auftauchend setzte Ismail direkt zum Gegenangriff an. Noch aus der Bewegung heraus zog er sein rechtes Bein zunächst nah an seinen Körper, nur um dieses dann mit voller Kraft zum Knie des Gegenübers zu führen. Der brutale Tritt traf das gegnerische Gelenk an der rechten Außenseite und - obwohl dieses zunächst tapferen Widerstand leistete – knickte es mit einem verstörenden Geräusch entgegen seiner natürlichen Richtung weg.
Der Lauf der Zeit nahm wieder ihre natürliche Fahrt auf und der Mann ging mit einem ohrenbetäubenden Schrei zu Boden. Nicht einmal seinen Sturz abwartend, huschte Ismail gänzlich hinter den Mann und legte ihm seinen rechten Arm um den Hals, während er mit der linken Hand seinen Hinterkopf fixierte. Er brauchte seine Armmuskeln nur für einen Herzschlag lang anspannen und die Schmerzensschreie erstarben.
Stille und Dunkelheit hatten die Gasse zurückerobert. Lediglich ein wildes Fauchen und Schreien - ähnlich einer wütenden Katze - drang zu Ismail durch. Verwirrt blickte der Waldläufer in alle Richtungen, konnte aber weit und breit keine Straßenkatze ausmachen. Das Gehörte seinen überspannten Sinnen zuschreibend, konzentrierte er sich wieder auf den Mann in seinem Würgegriff. Dieser schnappte stoßweise nach Luft und versuchte sich verzweifelt zu befreien. Als er nach Ismails Kopf griff, legte dieser den Kopf in den Nacken und verstärkte seinen Griff. Mit jedem weiteren Atemzug konnte Ismail förmlich spüren, wie das Bewusstsein den Körper der Stadtwache verließ. Ich muss jetzt aufpassen, ermahnte er sich. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist eine tote Stadtwache. Der Körper des Mannes verlor jegliche Spannung und das verkrampfte Schnappen fand ein Ende. Überrascht von dem Gewicht des Bewusstlosen, lockerte Ismail schrittweise seinen Würgegriff und ließ diesen behutsam auf den schlammigen Gassenboden gleiten. Er drehte den Mann auf den Rücken, damit dieser keinen Dreck einatmete und kontrollierte dessen Puls. Erneut das Fauchen in seinem Kopf. Der Drang zuzudrücken – einfach so. Die Beute zu erlegen.
Ismail riss sich zusammen und betrachtete stattdessen eingehend den Bewusstlosen. Sieht aus wie ein ganz normaler Kerl. Bestimmt mit Frau und Kind, einem schönen Heim.
Prüfend wanderte sein Blick durch die Dunkelheit. Anscheinend hatte niemand etwas von dem Kampf mitbekommen. Zumindest ließ sich niemand blicken. Wer weiß, sein Blick ging wieder zu dem Mann, hätte sich mein Leben vor Jahren nicht so schlagartig geändert, wäre ich jetzt vielleicht an seiner Stelle: ein Streiter für die gute Sache im Namen der lokalen Stadtwache.
Ismail stand auf und wandte sich der Frau zu, die noch immer mit dem Rücken an der feuchten Hauswand lehnte. Sie schien durch ihn hindurchzublicken, als er sich vor sie stellte. „Alles in Ordnung bei Ihnen?“ Er musterte sie eingehend. Obwohl sie bestimmt zehn Jahre älter war als er, erschien ihm ihr Gesicht vergleichsweise jung. „Ob bei Ihnen alles in Ordnung ist?“
„Katze“, antwortete die Frau emotionslos.
„Katze?“, wiederholte er verwirrt und blickte unwillkürlich zurück in die Gasse. „Haben Sie sie auch gehört?“
„Katze“, sagte sie erneut. Ihr Blick endete im Nirgendwo. Als sie sich mit ihrer Linken an den Brustkorb fasste, fiel dem Waldläufer auf, dass mehrere Finger ihrer Hand versteift waren. „Katze“, sagte sie nun ein drittes Mal und berührte dabei das Holzamulett, mit dem Ismail seinen Lodenumhang zusammenhielt.
Sein Blick folgte den schmächtigen Fingern. „Ach das! Ja, das ist eine Katze“, gestand er mit einem Lächeln. Ismail selbst hatte schön länger nicht mehr an das Amulett gedacht. Es bestand zur Gänze aus dem schwarzen Holz des Mondbaums, einer überaus seltenen Baumart, die nur in den undurchdringlichen Tiefen des Schattenforstes zu finden war. Liebevoll und mit großem handwerklichen Geschick hatte jemand dem Stück Holz die Form eines Katzenkopfes gegeben, wobei kleine, grünschimmernde Edelsteine als Augen verwendet worden waren. Ismail realisierte nun, dass die Frau nicht ins Nirgendwo, sondern direkt in die grünen Augen der Katze starrte. Liebevoll streichelten ihre Fingerspitzen das hölzerne Abbild des Raubtiers.
„Wir müssen zusehen, dass wir hier wegkommen“, bemerkte Ismail eilig. „Wenn man uns mit den beiden bewusstlosen Stadtwachen erwischt, landen wir entweder im Kerker oder werden direkt an der Stadtmauer aufgeknüpft.“ Als eine Reaktion der Frau abermals ausblieb, griff er ungeduldig nach ihrer Hand, die diese daraufhin unvermittelt zurück riss und aufstand. Trotzig fixierten ihn ihre hellblauen Augen. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, versuchte Ismail die Situation zu entschärfen und trat einen Schritt zurück, um der Frau mehr persönlichen Raum in der engen Gasse zu geben.
„Du hast mir schon genug geholfen“, erwiderte sie zornig und richtete ihre Kleidung. Besonders ihren mit Flicken übersäten Rock schob impulsiv wieder nach unten über ihre aufgeschlagenen Knie. Als sie mit dem Glattstreichen ihrer Kleidung endlich fertig war, blickte sie an Ismail vorbei zu den beiden Stadtwachen, deren Körper noch immer regungslos im Dreck lagen.
„Gern Geschehen“, brummte Ismail missmutig und folgte ihrem Blick. „Wenn Sie keine weitere Hilfe wünschen, mache ich mich mal vom Acker – ich kann nämlich gut auf Kerker oder Galgen verzichten.“
„Einfach so?“, entgegnete die Frau verächtlich und ohne den Blick von ihren Peinigern zu nehmen.
Ismail war verwirrt.
„Du hilfst mir und haust dann einfach so ab?“ Ihre lauernden Augen wanderten zu ihm zurück. „Bist du sicher, dass ich dir nicht noch einen Gefallen schulde? Vielleicht den Rock kurz wieder anheben? Ich meine … niemand rettet eine Hure umsonst, oder?“
Wie kaputt ist diese Stadt eigentlich?, dachte Ismail abgestoßen und entgegnete: „Nein, Sie brauchen mir keinen Gefallen tun. Nach meiner guten Tat werde ich heute auch so ganz gut einschlafen können.“
Nun war es an der Frau, sichtlich verwirrt zu sein. „Es … Es tut mir leid. Aber …“
„Vergessen Sie es einfach“, unterbrach er sie erbost und wandte sich anstandslos Richtung Gassenausgang. Er war wütend. Doch eher auf sich selbst, als auf die Frau. Ihr Angebot spiegelte lediglich die Verkommenheit dieser verdammten Stadt wieder. Was ihn wirklich wütend machte, war die Tatsache, dass er sein eigenes Leben für jemand anderen aufs Spiel gesetzt hatte. Mit mahlendem Unterkiefer kniete er sich zu dem Mann, den er mit dem Backstein niedergeschlagen hatte; dessen Puls war schwach, aber vorhanden. Den Blick erneut durch die Gasse schweifend, griff der Waldläufer unter den langen Ledermantel und nahm sich den Geldbeutel der Stadtwache, schätze den Inhalt am Gewicht und nickte anerkennend. Der Beutel verschwand in seiner ledernen Umhängetasche. „Sie sollten sich den Geldbeutel von dem anderen Kerl nehmen“, empfahl er der Frau ungerührt. „Wahrscheinlich deckt das Ihre Kosten für mehr als eine Woche.“ Er erhob sich und ging schnurstracks zurück zur Hauptstraße.
„Warte“, rief die Frau ihm nach. „Wer bist du überhaupt?“
5
Der Wind hatte gedreht und entließ Freistadt endlich aus der gnadenlosen Umklammerung des Fabrikdunstes, während Professor Dr. Stanislaw von Weidenheim auf einem der Balkone des Wächters der Freiheit stand und zufrieden über die Dächer der Stadt blickte. Der Wächter der Freiheit war der allesüberragende Turm im Stadtzentrum und von dort wirkte es beinahe so, als sei das gesamte Königreich gleichmäßig um dieses eine Gebäude herum errichtet worden.
„Und wie sollen wir dann den Mangel an Arbeitskräften decken?“, hörte Stanislaw eine tiefe Männerstimme aus dem Plenum hinter ihm. Der Wächter der Freiheit beherbergte neben der zentralen Verwaltung auch den Senat von Freistadt. Jene Institution, welche durch die Stadtbevölkerung gewählt und deren Interessen im Königreich vertreten sollte. Aber so schön die Idee in der Theorie auch klang, war der Senat nicht weniger Machtinstrument der Reichen als das Geburtsrecht der Adligen - denn ohne die nötige Menge an Reichsmark hatte es bis jetzt noch kein Stadtbewohner bis in den Senat geschafft. Die tiefe Männerstimme zum Beispiel gehörte Wilhelm Krause. Und Wilhelm Krause war nicht nur der amtierende Patriarch des industriellen Krause-Clans, sondern auch ein einflussreiches Mitglied des Senates von Freistadt.
Stanislaw folgte den Ausführungen Krauses nicht weiter, sondern widmete sich lieber wieder dem Nachthimmel über den Dächern der Stadt. Mit Anbruch der Nacht beanspruchten Dunkelheit und Gestirne das, was ihnen seit Anbeginn der Zeit zustand. Das war allerorts so - außer im Inneren Ring von Freistadt. Dieser erstrahlte auch in der tiefsten Nacht taghell und bildete einen unnatürlichen Kontrast zu seiner Umgebung. Die Wohlhabenden der Stadt hatten die künstliche Beleuchtung ihres Wohnviertels zu jeder Tages- und Nachtzeit zu einem Symbol des Fortschritts deklariert. Stanislaw konnte diese Einstellung nicht nachvollziehen. Er hatte vielmehr das Gefühl, dass die Sterne seit diesem Tage nicht mehr in der gleichen Intensität über Freistadt schienen als zuvor und die Entwicklung der gasbetriebenen Straßenlaternen somit eher einem Rückschritt gleichkam.
„Mit dem Verband der Großgrundbesitzer im Süden reden?“, polterte Wilhelm Krause erneut und nötigte Stanislaw mit seiner ungehobelten Art nun endgültig zum zuhören. „Seid Ihr denn von allen guten Geistern verlassen? Ich weiß ja, dass Ihr den Senatsvorsitz innehabt, doch sollte in dieser Sache nicht vielleicht jemand entscheiden, der über ein wenig mehr Lebenserfahrung verfügt als Ihr?“
Vielleicht wird die heutige Senatssitzung ja doch noch unterhaltsam. In freudiger Erwartung wandte sich Stanislaw vom Balkon ab und trat zurück in den Senatssaal.
„Etwas mehr Lebenserfahrung?“, wiederholte die Senatsvorsitzende mit selbstbewusster Stimme. „Was meint Ihr damit genau, Herr Krause? Jemanden der älter ist oder jemanden, der mehr Erfahrung und Erfolge auf dem Gebiet vorzuweisen hat?“ Wilhelm Krause zog nach der Rückfrage der Vorsitzenden die Blicke der meisten Senatsmitglieder auf sich, was ihm sichtlich unangenehm war. „Ich selbst leite die Unternehmen meiner Familie zwar erst seit wenigen Jahren“, fuhr die Senatsvorsitzende unbeirrt fort, „doch habe ich in dieser kurzen Zeit die Umsätze von Krause & Co. bereits bei Weitem übertroffen.“
Die Senatsvorsitzende war aktuell Stefanie Seidel. Eine junge und überaus attraktive Frau, welche die Geschäfte ihrer Familie vor vier Jahren von ihrem überraschend verstorbenen Vater übernommen hatte. Und sie machte ihre Sache wirklich gut. Innerhalb kürzester Zeit hatte sie mit ihrer energischen Art die Fabriken ihrer Familie wieder an die Spitze Freistadts zurückgeführt. Konsequent setzte die Frau mit dem strohblonden Lockenschopf dabei auf die Entwicklung neuer Technologien sowie die Verbesserung bestehender Prozesse. Eine Strategie, die sich auszuzahlen schien.
„Ich meinte nur“, stammelte Krause verlegen und blickte hilfesuchend zu den anderen Senatsmitgliedern. Doch keiner tat dem Bloßgestellten den Gefallen und griff in die Auseinandersetzung ein. Denn niemand in diesem Plenum hatte auch nur das leiseste Interesse an einer Konfrontation mit Stefanie Seidel.
„Sie meinen nur was, Herr Krause?“, ergriff die Vorsitzende erneut das Wort. „Bitte denken Sie nicht, dass ich Ihr vorgebrachtes Argument als Vorsitzende dieses ehrenwerten Senats nicht für Voll nehme. Es ist einfach nur so, dass ich ihre Argumentation nicht nachvollziehen kann.“ Aus der Zurechtweisung hörte Stanislaw weder Arroganz, noch persönliche Missachtung heraus. Trotz des plumpen und überaus unhöflichen Angriffs blieb Stefanie Seidel vollkommen professionell. Vielmehr schwang sogar eine gewisse Wärme in der melodischen Stimme mit. Eine Wärme, die es in der Vergangenheit bestimmt schon so manchem Diskussionspartner leichter gemacht hat, der jungen und vermeintlich unerfahrenen Frau letzten Endes doch zuzustimmen. Der Magier spürte deutlich einen gewissen Stolz in sich aufkeimen und verschränkte selbstzufrieden seine Arme vor der Brust.
Er selbst hatte viele Stunden seiner Zeit in die Ausbildung Stefanie Seidels investiert. Allerdings war das viele Jahre her. Stanislaw war damals ein junger Professor an der Akademie der Zauberkünste und wurde immer mal wieder von wohlhabenden Familien als Privatdozent engagiert. Stefanie besaß zwar keinerlei magisches Potential, doch war sie weitaus intelligenter als die meisten anderen Privatschüler, die er zu jener Zeit unterrichtet hatte. Wäre sie damals nur nicht so jung gewesen, dachte Stanislaw unverhohlen und lehnte sich mit seinen Rücken gegen die Wand des Senatsaals, peinlich darauf bedacht, sein maßgeschneidertes Sakko nicht zu verunreinigen.
„Herr Krause wollte sicherlich nur darauf hinweisen, dass wir den Verband der Großgrundbesitzer nicht unterschätzen dürfen“, erbarmte sich Claudia Sonnerich schließlich, woraufhin Wilhelm Krause ihr dankbar zunickte. Claudia Sonnerich war eine weitere Industrielle im Senat. Ihre Familie konzentrierte sich noch immer auf die Textilproduktion und spielte somit bei Weitem nicht in der gleichen Liga wie die Krauses oder Seidels. „Zwar handelt es sich bei den Großgrundbesitzern nur um provinziellen Adel, doch sind sie überaus gerissen“, ermahnte sie in ruhigem Ton alle Senatsmitglieder. „Zudem würde unsere schöne Stadt ohne die Lebensmittellieferungen aus der Südlichen Provinz nicht lange überleben.“ Dieses Argument erntete breite Zustimmung unter den Senatsmitgliedern.
„Meine Damen und Herren, bitte beruhigen Sie sich“, unterbrach die Vorsitzende das Gemurmel und stand dabei von ihrem Platz auf. Theatralisch beugte sich Stefanie nach vorne und stütze sich mit ihren Händen auf dem Senatstisch ab, bevor sie weiter ausführte: „Ich bin mir im Klaren darüber, dass wir die Großgrundbesitzer aus dem Süden nicht unterschätzen dürfen. Auch ist mir bewusst, dass sich Freistadt als Folge des extremen Bevölkerungswachstums der letzten Jahre aktuell nicht mehr selbst ernähren kann.“ Ihre Augen sammelten jedes Senatsmitglied einzeln ein. „Wenn wir weiterhin wachsen und unseren Einfluss im Königreich vergrößern möchten, müssen wir mit dem Süden verhandeln.“ Stanislaw sah in den meisten Gesichtern Skepsis. Auch nahm das unruhige Gemurmel wieder zu. „Zudem gibt aktuell keine andere Provinz, die uns bei der Lösung eines weiteren großen Problems helfen könnte: dem Mangel ans fähigen Arbeitskräften“, erklärte die Senatsvorsitzende weiter. „Die Westliche Provinz ist nur dünn besiedelt und durch den expandierenden Kohlebergbau selbst vollkommen ausgelastet. Der Norden wird insgeheim von der Handelsgilde kontrolliert und unser allseits geliebter König in der Östlichen Provinz, nun ja, der ist eifersüchtig auf Freistadt, weil wir etwas geschaffen haben, zu dem er niemals fähig gewesen ist.“
„Hört, hört!“, tönte es selbstgefällig aus dem Plenum. Mit ihrer abschließenden Bemerkung hatte sich Stefanie Seidel nicht nur die Aufmerksamkeit, sondern auch das Wohlwollen vieler Senatsmitglieder gesichert. Es war im gesamten Königreich allseits bekannt, dass den Königshof und Freistadt eine gegenseitige Abneigung verband.
Beide lebten in verschiedenen Welten: Wieland III. stand als König der Fünf Provinzen und monarchischer Herrscher vor allem für die alte Ständeordnung und die Anbindung an das Kaiserreich. Ihm ging politische Stabilität, und somit die Unantastbarkeit seiner eigenen Position, über alles. Der Senat von Freistadt hingegen war ein gewähltes Gremium und predigte den Wandel durch Fortschritt. Es war nicht so, dass es die einfache Bevölkerung in einer dieser gegensätzlichen Welten grundsätzlich besser hatte als in der anderen - es waren lediglich andere Herangehensweisen.
„Und deswegen müssen wir zwangsläufig mit der Südlichen Provinz verhandeln“, schloss Stefanie Seidel ihre Argumentation. „Dort leben so viele Bauern auf den Ländereien der Großgrundbesitzer, dass wir damit unseren Bedarf an Arbeitskräften problemlos um ein Vielfaches decken können.“
„Aber in der Südlichen Provinz gilt noch immer die Leibeigenschaft!“, folgte ein Einwand aus den Senatsreihen. „Und die Großgrundbesitzer werden die Bauern nicht einfach ziehen lassen, selbst wenn diese von sich aus nach Freistadt kommen wollten.“
„Deswegen müssen wir ja verhandeln“, wiederholte die Vorsitzende ohne ein Zeichen der Erregung. „Wir müssen mit den Großgrundbesitzern verhandeln, damit diese den Bauern die freie Wahl lassen. Und wir müssen mit den Bauern selbst verhandeln, damit diese auch kommen wollen.“
„Jetzt drehen Sie ja vollkommen durch!“, kam ein unwirscher Zwischenruf. Stanislaw versuchte diesen unverschämten Kerl in der Menge auszumachen, konnte ihn aber nicht erkennen. „Wir sollen mit den einfachen Bauern verhandeln?“, offenbarte sich der Mann schließlich, indem er aufstand. Er war rundlich mit einem Vollbart und trug einen dunklen Anzug samt passenden Zylinder. Der Mann legte in gekünstelter Entrüstung nach: „Dann können wir ja gleich unsere eigenen Arbeiter fragen, was die sich so alles wünschen!“
„Das wäre vielleicht gar keine schlechte Idee“, beendete Major Stein die Triade des Zwischenrufers. Der Kommentar sorgte augenblicklich für Ruhe im Senatssaal und machte den hünenhaften Major zum Mittelpunkt des allgemeinen Interesses. Genau wie Stanislaw war auch Wolf Stein kein ordentliches Mitglied des Senats, sondern nur in beratender Funktion anwesend. Der Riese mit dem aschblonden Haar war sicherheitspolitischer Ratgeber der Vorsitzenden und ihr persönlicher Leibwächter zugleich. „Ich möchte nur daran erinnern, welche Sprengkraft sich aus der sozialen Situation vieler Arbeiter in den Fabriken für die gesamte Stadt ergeben könnte“, bemerkte er eindringlich. „Davon einmal abgesehen, dass die Cholera im Äußeren Bezirk um sich greift und die Unzufriedenheit auch dort von Tag zu Tag wächst.“
„Sie hören sich ja schon an, wie einer von diesem Gewerkschaftsgesocks!“, donnerte ihm der rundliche Mann mit Zylinder entgegen. Sein Gesicht war inzwischen rot angelaufen und er gestikulierte wild mit seinen Händen. „Wie nennen die sich doch gleich … Die Gemeinschaft der Ausgebeuteten! Wenn es nach mir ginge, sollten wir diese Bastarde dahin zurücktreiben, wo sie herkommen!“
„Zum Glück geht es hier aber nicht nur nach Ihnen“, entgegnete Wolf vollkommen unbeeindruckt. „Es geht um die Interessen des Senats - und somit um die Interessen der gesamten Stadtbevölkerung.“ Das Starren des Majors verunsicherte den Zwischenrufer, was nicht verwunderlich war, wenn man die Erscheinung Steins berücksichtigte. Der Mann überragte nicht nur Stanislaw und die meisten seiner Mitmenschen um eine Haupteslänge, seine Schultern waren auch dermaßen breit, dass sich zwei ausgewachsene Männer hinter dem Major zu verstecken scheinen konnten. Die autoritären, grauen Augen und der militärische Kurzhaarschnitt rundeten das Bild lediglich ab.
Der arme Major sollte sich mal einen vernünftigen Barbier zulegen, dachte Stanislaw abschätzig als der Major nun näher an den Verhandlungstisch herantrat und der rundliche Schreihals sich kleinlaut wieder auf seinen Stuhl setzte. Stanislaw genoss das Schauspiel in vollen Zügen.
„Ich meine nur, dass die Unzufriedenheit der Arbeiter zu einem Sicherheitsrisiko für alle Bewohner werden kann“, erläuterte Stein mit fester Stimme. „Sollte es zu einem Aufstand kommen, wäre die Stadtwache nicht in der Lage, diesen wieder unter Kontrolle zu bringen.“
„Aber …“, setzte der Zwischenrufer nochmals an.
„Meine Herren, bitte“, beendete Stefanie Seidel den Disput der beiden Männer, „so sehr ich ihre kompetenten Beiträge auch schätze, müssen wir zu unserer ursprünglichen Fragestellung zurückkehren.“ Die Senatsvorsitzende warf den beiden Streithähnen einen beschwichtigenden Blick zu, wobei sich ihr Blick von Person zu Person unterschied: Während sie mit ihrem Blick den Industriellen höflich, doch bestimmt zum Schweigen aufforderte, war bei ihrem Leibwächter noch etwas Anderes in ihrem Blick. Nur eine Kleinigkeit.
Stanislaw, der noch immer mit verschränkten Armen an der Wand lehnte, legte interessiert den Kopf zur Seite. Stefanie hatte mit ihren strohblonden Locken und blauen Augen schon als Heranwachsende allen Männern – und beinahe auch ihrem Privatdozenten - den Kopf verdreht. Wieso sollte das gerade bei ihrem persönlichen Leibwächter etwas Anderes sein?
„Die Frage ist nach wie vor, ob und wie wir mit dem Verband der Großgrundbesitzer verhandeln sollen“, erinnerte sie die Senatsmitglieder.
„Frau Senatsvorsitzende“, meldete sich Claudia Sonnerich erneut zu Wort, „sagen wir mal, der Senat entscheidet sich zu Verhandlungen mit den Großgrundbesitzern. Wie wollen wir diese in unserem Sinne überzeugen? Sicherlich, wir können ihnen allerhand Waren aus unseren Fabriken bieten - doch können sie diese auch einfach auf dem Handelsweg beziehen. Zudem pflegen die Großgrundbesitzer eine sehr enge Beziehung zum Königshof von Wieland III. in Schwarzenheim.“
„Sie meinen wohl: Die Großgrundbesitzer stecken im Arsch von König Wieland III.!“, donnerte der rundliche Mann mit Vollbart wieder dazwischen, „und Wieland III. steckt wiederum im Arsch der Kaiserin!“
„Richtig“, stimmte die Senatsvorsitzende distanziert zu, „es gibt eine enge Verbindung zwischen den südlichen Großgrundbesitzern, unserem König und dem Kaiserreich. Deswegen freut es mich auch, dass ich Ihnen mitteilen darf, dass ein Abgesandter der Kaiserin in den kommenden Tagen in Freistadt für ein persönliches Gespräch mit mir eintrifft“. Das war ein Schlag ins Gesicht für alle Anwesenden im Plenum. Und auch Stanislaw war überrascht von dieser Ankündigung. „Das Kaiserreich hat mich vor Kurzem selbst um diesen Termin gebeten“, fuhr die Senatsvorsitzende ungerührt fort.
„Aber sollte sich nicht lieber der gesamte Senat mit dem Abgesandten treffen?“ Stanislaw bekam nicht mit, wer genau diese Frage gestellt hatte. Es war gerade auch nicht von Belang, da sich seine eigenen Gedanken in seinem Kopf überschlugen.
„Das Kaiserreich hat ausdrücklich um ein Treffen mit mir persönlich gebeten“, beschwichtigte Stefanie die Bedenken. „Zudem werde ich keine verbindlichen Einigungen ohne eine erneute Rücksprache mit Ihnen eingehen. Auch wissen wir aktuell nicht, was das Kaiserreich überhaupt von Freistadt möchte. Wir wissen nur, dass der Abgesandte ohne Abstimmung mit Wieland III. zu uns kommt. Wir müssen diese Möglichkeit als Chance sehen und das Beste für Freistadt herausholen.“
Nachdenkliches Nicken beherrschte den Senatssaal. „Zudem beabsichtige ich nicht, alleine mit dem Abgesandten zu sprechen“, verdeutliche die Vorsitzende ihr Wohlwollen gegenüber dem Senat. „Zum einen wird Major Stein als mein Berater für Sicherheitsfragen vor Ort sein.“ Ein kurzes Nicken des Leibwächters. „Zum anderen möchte ich gerne Professor Dr. Stanislaw von Weidenheim in die Gespräche miteinbeziehen.“ Dabei verwies die Senatsvorsitzende mit einer Handgeste auf Stanislaw, der noch immer mit verschränkten Armen an der Wand lehnte. „Wie Sie alle wissen, handelt es sich bei Professor Dr. von Weidenheim nicht nur um einen ausgewiesenen Experten der Elementarmagie und den Dekan der hiesigen Fakultät der Akademie der Zauberkünste, sondern auch um einen großen politischen Kenner des Kaiserreiches.“ Die Blicke der Senatsmitglieder ruhten auf ihm. „Selbstverständlich nur, insofern Professor von Weidenheim meiner Einladung entspricht.“
„Es ist mir eine Ehre, werte Senatsvorsitzende“, entsprach der Magier höflich der Bitte und löste sich von der Wand. Ein kurzes und anerkennendes Klatschen folgte aus den Reihen der Senatsmitglieder, welches Stanislaw wiederholt mit einem dezenten Nicken quittierte.
„Dann kommen wir zum nächsten Punkt auf unserer heutigen Agenda…“, beendete die Senatsvorsitzende unvermittelt die gegenseitigen Höflichkeitsbekundungen und konzentrierte sich wieder auf ihre Unterlagen. Stanislaw von Weidenheim hörte der Senatssitzung nicht weiter zu, sondern widmete sich wieder dem Nachthimmel über Freistadt. Er musste unbedingt herausfinden, welchen Plan seine ehemalige Schülerin wirklich verfolgte.
6
Der Hinkende Stoffel war eine Taverne, wie es sie zu hunderten im Königreich gab. Beim Trinken unterschied sich Freistadt nicht von den anderen Provinzen. Ismail durchschritt die Eingangstür und augenblicklich schlug ihm der Geruch von Bier, Tabak und Sonnentänzer, einem weit verbreiteten Rauschkraut, entgegen. Ferner wich die drückende Dunkelheit der nächtlichen Straßen einem dämmrigen Licht aus Kerzen und Kaminfeuer, deren Flackern den Schankraum beherrschte. Unaufhörlich tanzten die, ihren realen Abbildern entflohenen, Schatten auf Boden und Wänden. Nachdem der Waldläufer die schwere Eichentür hinter sich geschlossen hatte, hüllte ihn endgültig die wohlige Wärme des Lasters und der Ausgelassenheit ein.
Noch bevor er seine dunkelgrüne Kapuze zurückzog und somit sein Gesicht der Öffentlichkeit preisgab, ließ der Waldläufer seine Augen aufmerksam durch den Raum wandern - auf den ersten Blick konnte er keine Stadtwachen erkennen. Zwar vermutete er weder, dass er erkannt worden war, noch, dass die beiden Männer inzwischen wieder bei Bewusstsein waren, doch wollte er sein Glück nicht überstrapazieren. Als sich Ismail schließlich auf die Holztheke zubewegte, blieben seine Lederstiefel bei jedem Schritt leicht an dem versifften Bodendielen haften und erinnerten ihn zwangsläufig wieder an den Kampf in der Gasse. Ich habe das Richtige getan, versucht er sich zu beruhigen. Wenigstens diese Nacht gehöre ich zu den Guten.
Das Schmatzgeräusch seiner Stiefel wurde in gleichem Maße von der lautstarken, wild springenden Fidelmusik verschluckt, wie sein schlechtes Gewissen. Neugierig spähte der Waldläufer in jene Ecke des Schankraums, aus der das Gefidel kam und erkannte zwei Alben, die voller Enthusiasmus auf ihren Instrumenten spielten. Obwohl normalerweise nur ein Stückchen größer als die menschlichen Bewohner der Fünf Provinzen, verrieten sich Alben, ungeachtet ihrer spitz zulaufenden Ohren, meist durch ihren schmaleren Körperbau. An der Kleidung der Beiden erkannte Ismail sofort, dass es sich um Städter handelte. Zwar hatten die Musiker allerhand Federn und andere Tiersymbole an ihren Kleidern befestigt, doch hatten sie genauso wenig mit den Freien Stämmen im Schattenforst zu tun wie der menschliche Saufbold, der soeben zu Ismails Rechten von seinem Barhocker rutschte. Anstatt den Mann zu stützen, machte Ismail lieber einen Schritt zur Seite und ließ ihm freie Bahn. Ungebremst und mit einem dumpfen Poltern schlug der Kerl auf die Dielen, was seine Trinkkumpanen, die noch an der Theke hockten, zu schallendem Gelächter veranlasste.
„Herzlich Willkommen im Hinkenden Stoffel, Süßer!“, begrüßte Ismail eine vollbusige Bardame, nachdem er über den Saufbold hinübergestiegen war. „Was kann ich dir Gutes tun? Vielleicht das beste Bier der Stadt oder doch lieber eine kleine Mahlzeit?“
„Habt ihr auch Wein?“, fragte Ismail beiläufig, als er sich ein wenig Platz an der Theke machte und einen der Gäste mit einem Lächeln beiseite schob.
„Haben wir. Und wenn der feine Herr mit seinem Wein ein bisschen mehr Geld übrig hat, wie wäre es dann noch mit einer netten Begleitung für den Abend? Viele unserer Kellnerin sind nicht nur schön anzuschauen, sondern auch schön anzufassen.“ Mit einem Augenzwinkern nickte sie dabei nach rechts in Richtung eine der Kellnerinnen. Ismail musterte diese kurz und kam zu dem Schluss, dass die Kellnerinnen im Hinkenden Stoffel wirklich nett anzuschauen waren.
„Danke, aber der Wein reicht vorerst.“
„Ich würde die Kellnerin nehmen“, kommentierte der Kerl neben Ismail lallend dessen Wahl. Seine Trinkkumpane brachen daraufhin ein weiteres Mal in Gelächter aus und selbst der Mann vom Boden war inzwischen wieder aufgestanden und stimmte mit ein.
„Verpiss dich, Knut!“, war die kurzangebundene Antwort der Bardame, bevor diese verschwand, um Ismails Wein zu holen. Während er wartete, drehte der Waldläufer sich um und vergewisserte sich erneut, dass sich keine Stadtwachen in der Taverne befanden. Der Betrunkene neben ihn grinste ihm dabei breit ins Gesicht und offenbarte freimütig die zahlreichen Zahnlücken in seinem Gebiss. Ismail ignorierte ihn.
Die Taverne war nett eingerichtet. Überall im Schankraum standen hölzerne Sitzgarnituren, welche zu einem geselligen Beisammensein einluden. Die Rückwand beherrschte ein großer Kamin, der dem gesamten Raum Licht und Wärme spendete. Vor ihm hatten sich alle Gäste versammelt, die entweder alleine reisten oder die Einsamkeit beim Trinken vorzogen. Das war auch der richtige Platz für Ismail - und zwar aus beiden Gründen. Die Bühne für die Darsteller befand sich in der linken Ecke des Schankraums und war aus den gleichen Dielen wie der Fußboden gezimmert. Zudem hatten die Besitzer einen roten Vorhang behelfsmäßig an der Decke darüber montiert, was der Bühne wahrscheinlich den Hauch von Theateratmosphäre verleihen sollte. Funktioniert nicht, entschied Ismail.
Die beiden Alben auf der Bühne begannen nun mit ihren Fideln wild umherzuspringen und läuteten ihre Darbietung mit der Bemerkung ein, dass es sich dabei um einen waschechten Ritustanz der Stämme handele. Ismail war sich ziemlich sicher, sollte ein wahres Stammesmitglied diese Aufführung jemals zu Gesicht bekommen, würde es die beiden Angeber ohne zu zögern töten. Die Freien Stämme waren im gesamten Königreich für ihr Ehrgefühl bekannt. Eine dermaßen einfältige Verfälschung ihrer heiligen Traditionen würden sie niemals ungesühnt lassen.
„Ein Wein, bitte schön der Herr und lass es dir schmecken.“ Hörte Ismail die Stimme der Bardame in seinem Rücken. Neben ihm grinste der widerliche Kerl mit den Zahnlücken noch immer, als sich der Waldläufer wieder zur Theke umdrehte. „Das macht dann fünf Reichsmark.“ Vor Ismail stand ein abgegriffener Weinkrug.
„Fünf Reichsmark ist aber ein stolzer Preis …“, bemerkte er während er den Geldbeutel der Stadtwache aus seiner ledernen Umhängetasche holte. „Ich gehe mal davon aus, dass der Wein gut ist und auf keinem Fall mit Wasser gestreckt wurde.“
„Auf dein Wohl!“, brabbelte der Mann neben Ismail.
„Der Wein ist von bester Qualität und selbstverständlich nicht verwässert!“, entgegnete die Barfrau angesäuert. „Der kommt direkt aus den sonnigsten Lagen der Südlichen Provinz. Außerdem befindest du dich hier nicht in irgendeiner heruntergekommenen Kneipe im Äußeren Ring, sondern im Hinkenden Stoffel! Die beste Taverne Freistadts“, setzte sie trotzig nach.
Ismail legte sechs Reichsmark auf den Tresen: „Nichts für ungut - und ein kleines Trinkgeld für die nette Bedienung.“
„Immer wieder gern, Süßer!“ Die schlechte Laune der Bardame war genauso schnell wieder verschwunden, wie sie entstanden war. Mit einem Lächeln rückte sie ihr ausladendes Dekolleté zurecht und zwinkerte ihm noch einmal zu. „Wenn du noch einen Wunsch hast, weißt du ja, wo du mich findest.“
Schweigend nahm der Waldläufer sein Getränk und bewegte sich Richtung Kamin. Nach so vielen Nächten unter freien Himmel und dem Stress der letzten Stunden waren die Wärme eines Feuers und ein guter Wein jetzt genau das Richtige für ihn. Er nahm einen ersten Schluck des - selbstverständlich verwässerten - Weines und kämpfte sich durch die langen Sitzgarnituren des Schankraums. Am Kamin angekommen entdeckte Ismail noch einen freien Platz an der rechten Außenseite, direkt neben einer Zwergin, die ihr Kinn nachdenklich auf ihren mit Kerben übersäten Kriegshammer abgelegt hatte. „Ist der Platz noch frei?“, sprach er die Kriegerin von der Seite an.
„Hmphh“, brummelte sie unverständlich, begleitet von einem kaum wahrzunehmenden Nicken.
Die Geste als Zustimmung interpretierend, legte Ismail sein Fellbündel sowie Bogen und Köcher neben dem freien Platz ab und setzte sich mit einem lauten Stöhnen. Der Waldläufer war froh, dass die Frau ebenso wenig an einem Gespräch interessiert war wie er selbst. Unauffällig musterte er die Zwergin aus dem Augenwinkel: Ihre weinroten Haare wanderten der Kriegerin in kunstvoll geflochten Bahnen am Kopf entlang um schlussendlich in einem strengen Dutt zu münden. Sie bildeten damit einen auffallenden Kontrast zu der Lieblosigkeit des mattgrauen, zerschrammten Plattenpanzers, der neben ihr auf dem Fußboden ruhte und die notwendige Abstellfläche für fünf leere Bierhumpen bot. Bestimmt eine wandernde Söldnerin, mutmaßte Ismail. Töten für Geld. Trotz der Anerkennung, welche die schonungslose Ehrlichkeit ihres Berufsstandes ihm abtrotzte, wirkte die Zwergin mit der Stahlrüstung und dem schweren Kriegshammer auf ihn irgendwie antiquiert. Vergangenheit.
Mit einem weiteren Schluck vom Wein entschied er sich dafür, die Zwergin sich selbst zu überlassen und seinen eigenen Gedanken nachzuhängen. Während die prasselnde Wärme des Kaminfeuers von seiner klammen Kleidung langsam Besitz ergriff, ließ er sich den Abend noch einmal durch den Kopf gehen. Zweifel nagten an ihm. Eigentlich wer er nur nach Freistadt gekommen, um sein Wolfsfell zu verkaufen und seine Vorräte wieder aufzufüllen. Auch hatte er mit dem Gedanken gespielt, seine Stiefel neu zu besohlen und seinen Pullover aus Schafwolle flicken zu lassen. Zwei bis drei Tage in einem richtigen Bett und ein heißes Bad waren eigentlich fest eingeplant. Was auf gar keinen Fall eingeplant war, war eine handfeste Auseinandersetzung mit der freistädtischen Stadtwache.
Zu oft hatte er auf seinen Reisen mitansehen müssen, wie Leute wegen solcher Ambitionen alles verloren, was ihnen wichtig war - bis hin zu ihrem eigenen Leben. Eigentlich habe ich mich selbst nie für so dumm gehalten. Was hat mich da nur geritten? Der Waldläufer blickte tiefer in das Feuer vor sich. Es war irgendetwas, was diese Frau ausgestrahlt hat … Ich wusste es in dem Moment, als ich sie auf der Straße sah – zwischen diesen beiden Bastarden eingeklemmt und vollkommen hilflos. Keiner half ihr, sie war vollkommen auf sich allein gestellt … Den letzten Gedanken in seinem Hinterkopf nachhallend lehnte er sich auf dem Holzstuhl zurück und ließ bereitwillig das wohlige Gefühl der Geborgenheit an seiner Lederhose hinaufklettern. Die Flammen tanzten vor seinen Augen und der Wein begann zu wirken.
Warum Ismail in jener Nacht erwacht war, wusste er nicht mehr. Er wusste nur noch, dass er auf einmal hellwach war und den Drang verspürte, nach unten zu gehen. Sein Elternhaus stand in der Mitte eines Vierkanthofes und hatte zwei Etagen. Eigentlich sogar drei, wenn man den Dachboden und das danebenliegende Gästezimmer mitzählen wollte. Er selbst lebte mit seinen beiden Brüdern in der ersten Etage, während seine Eltern ihr Schlafzimmer im Erdgeschoss hatten.
Nun saß Ismail in seinem Bett und horchte in die Nacht. Er wusste genau, dass etwas nicht stimmte, konnte aber im gesamten Haus und auf dem Hof kein verdächtiges Geräusch wahrnehmen. Und in einem Dorf in der Südlichen Provinz hört man nachts wirklich alles - und zwar überall. Doch in dieser Nacht war da kein Geräusch. Mit seinen Beinen immer noch unter der warmen Decke schaute er gedankenverloren in das dunkle Zimmer. Er konnte schemenhaft Kleiderschrank und Sekretär erkennen, welche im Dunkeln auf der anderen Seite des Zimmers standen. Oder war das nur eine Erinnerung?
Da ihn das schlechte Gefühl nicht losließ, entschied sich Ismail dazu, aufzustehen. Kaum, dass er seine Decke zur Seite schlug und sich auf die Bettkante setzte, zog die Kälte der Nacht schon an seinen Beinen empor. Es war inzwischen zwar Sommer, aber diese Nacht ist ihm als kalt in Erinnerung geblieben. Vorsichtig stand er auf und zog sich seine Leinenhose an, welche er vor dem Schlafengehen über den alten Herrendiener geworfen hatte. Er ließ die anderen Kleidungsstücke, die dabei zu Boden fielen, einfach liegen und ging zur Zimmertür. Immer noch kein Geräusch. Aber dafür ein Dämmerlicht, welches sich mühsam die Treppe vom Erdgeschoss in die erste Etage empor kämpfte. Trotz einer gewissen Vertrautheit, war er sich sicher, dass es sich bei dem Lichtschein nicht um das Lichtspiel des Kamins, welches er genau von dieser Stelle so oft beobachtet hatte, handelte.
Das war in besseren Zeiten gewesen. Als noch jemand vor dem Kamin auf ihn wartete oder seine Eltern Besuch empfingen und er die Gesellschaft von hier oben heimlich belauschte. Das Lichtspiel der Flammen war damals unberechenbar - immer wieder neu und unerwartet. Ismail konnte es stundenlang beobachten. Doch jetzt war das Licht stetig und langweilig.
Irgendwie weit weg und nicht so einladend wie das Kaminfeuer. Wer möchte schon in so einem Licht auf jemand anderen warten. Er schaute nach links zu den Zimmern seiner Brüder. Beide Türen waren verschlossen. Alle schliefen. Vorsichtig ging er zur Treppe, da er niemanden wecken wollte. Zum Beispiel seine Tante, die im Gästezimmer neben dem Dachboden schlief. Sie war seit dem Tod seines Vaters regelmäßig an den Wochenenden auf dem Hof zu Gast und wollte Ismail, seinen Brüdern und ihrer Mutter beistehen.
Vorsichtig trat er auf die alte Holztreppe. Er musste jetzt vorsichtig sein, da die Treppe an vielen Stellen knarrte. Und obwohl er die meisten dieser Stellen kannte, konnte er nie ganz ein Knarren vermeiden. Dies war auch einer der Gründe, warum er im Regelfall über den Balkon abhaute, wenn er sich nachts raus schlich. Ohne jemanden auf sich aufmerksam zu machen, kam er am unteren Ende der Treppe an. Der Kamin war aus. Ismail spürte die Kälte des Fliesenbodens als er den letzten Schritt von der Holztreppe machte. Das Licht kam aus dem Schlafzimmer seiner Mutter, wahrscheinlich eine Kerze oder Nachttischlampe.
Auch konnte er jetzt eine Stimme vernehmen. Behutsam schlich er über die Fliesen und erkannte die Stimme seiner Tante. Sie schimpfte. Sie schimpfe mit seiner Mutter. Ismail schlich weiter voran und erreichte die Schlafzimmertür. Noch immer das Geschimpfe seiner Tante. Auch er war wütend darüber, dass seine Mutter seit dem Tod seines Vaters so viel trank, doch schimpfte er nicht. Er weinte. Ismail wagte einen Blick durch den schmalen Spalt der Schlafzimmertür und sah seine Mutter auf ihrem Bett liegen. Sie bewegte sich langsam und unkontrolliert, brabbelte unverständlich vor sich hin. Wahrscheinlich war heute wieder eine jener Nächte gewesen, in denen seine Mutter seinen Vater besonders vermisst hatte. In solchen Nächten neigte sie dazu, sich hemmungslos zu betrinken und gedanklich in eine Zeit zurückzukehren, in der ihre Welt noch in Ordnung gewesen war.
Nur konnte sie niemanden mit in diese Welt nehmen. Sie lebte dort vollkommen isoliert von der Realität. Vollkommen isoliert von Ismail.
Er bemerkte, dass seine Mutter sich im Rausch beschmutzt hatte. Seine Tante entfernte den Kot seiner Mutter mit Handtüchern aus dem Bett und schimpfte. Seine Mutter starb in dieser Nacht und das Letzte, was Ismail von ihr sah, war das mit Kot beschmutzte Bett und die schimpfende Tante.
Schnell wandte er sich ab und schlich zurück zu der großen Holztreppe. Er huschte Schritt für Schritt die Treppe empor und verschwand wieder in seinem Zimmer. Leise packte er seine nötigsten Utensilien zusammen und zog sich an. Ismail verließ in jener kalten Sommernacht sein Elternhaus ungesehen über den Balkon, da er niemanden unnötig wecken wollte.
Ismail schreckte hoch. Der Tagtraum war vorbei. Die Taverne noch immer voller Gäste und das Kaminfeuer so lebendig wie zuvor. „Wir alle tragen unsere Last, Mensch.“ Die rothaarige Zwergenkriegerin hatte sich inzwischen erhoben und legte Ismail im Vorbeigehen verständnisvoll ihre gepanzerte Hand auf die Schulter.
7
„Guten Morgen, Professor von Weidenheim“, begrüßte der schlaksige Assistent Stanislaw und zeigte mit einer einladenden Geste auf einen Holzstuhl vor der Bürotür, „die Senatsvorsitzende wird Sie gleich empfangen können. Bitte nehmen Sie solange Platz.“
„Vielen Dank. Ist der Abgesandte des Kaiserreiches bereits bei der Senatsvorsitzenden? Mir wurde heute Morgen beim Frühstück berichtet, er wäre bereits heute Nacht in Freistadt eingetroffen. Ich hatte erst in ein paar Tagen mit ihm gerechnet.“
„Das stimmt, Herr Professor“, entgegnete der Mann ein wenig schuldbewusst. „Der Abgesandte traf bereits heute Nacht ein und befindet sich nun im Gespräch mit Frau Seidel. Die Senatsvorsitzende war ebenso überrascht wie Sie – das kann ich Ihnen versichern. Scheinbar reist der Abgesandte ohne jegliche Eskorte … wirkt fast innoffiziell.“
Stanislaw von Weidenheim missfiel der geschwätzige Ton des Assistenten. „Möglich“, bemerkte er ungerührt und entließ den Mann durch einen ernsten Blick, woraufhin dieser ein wenig verunsichert zu seinen Pflichten zurückkehrte. Dass ausgerechnet ein Abgesandter des Kaiserreichs ohne offizielle Eskorte in die Fünf Provinzen reist, ist ungewöhnlich, überlegte der Magier als er sich auf dem ihm angebotenen Holzstuhl niederließ. Wollte er lieber schnell oder unerkannt reisen? Der Stuhl war hart, ungemütlich und drückte am Gesäß.
Das Büro der Senatsvorsitzenden befand sich wie der Senatssaal im Wächter der Freiheit, jedoch ein Stockwerk darüber. Eigentlich hatte Stanislaw für diesen Tag einen persönlichen Termin mit Stefanie geplant, um sich über ihre Motive klarzuwerden. Nach der Senatssitzung am gestrigen Abend hatte er die halbe Nacht damit verbracht, die bisherigen Informationen im Geist zusammenzufügen. Obwohl er noch keine endgültigen Schlüsse ziehen wollte, war er sich sicher, dass Stefanie insgeheim ein Ziel verfolgte, welches weder ihm noch den Senat bekannt war. Stanislaw wusste, dass seine ehemalige Schülerin als Vorsitzende des Senates das wirtschaftliche Wachstum Freistadts konsequent vorantrieb und dabei die sozialen Probleme, welche mit Wachstum und Industrialisierung einhergingen, wissentlich in Kauf nahm. Ein Umstand, der ihn durchaus störte.
Doch dementgegen suchte Stefanie den durchaus vernünftigen Dialog mit den Großgrundbesitzern im Süden, dessen Verhältnis zu Freistadt über lange Zeit durch Misstrauen und Neid geprägt worden war. Dabei war die Südliche Provinz nicht nur ein unentbehrlicher Lieferant von Lebensmitteln, sondern auch eine Quelle steten Nachschubs an Arbeitskraft. Zwar lebte der Großteil der Bevölkerung dort noch immer in Unfreiheit, doch selbst dies wollte Stefanie nun ändern. Sie wollte die Bauern aus ihrer Leibeigenschaft befreien! Es ist paradox … Was hat Stefanie nur vor? Und wofür braucht sie auf einmal so viele Menschen? Für die Fabriken? Wohl kaum … Freistadt platzt jetzt schon aus allen Nähten.
Seine Skepsis gegenüber der Idee eines natürlich Guten in Menschen, Alben oder Zwergen, hinderte Stanislaw daran zu glauben, dass die Senatsvorsitzende die Bauernbefreiung aus Liebe zu den Leibeigenen auf ihre Agenda gesetzt hatte. Selbst aus wirtschaftlicher Perspektive ergab der Plan für den Magier kein Sinn – war sogar schädlich für die Zukunft Freistadts. Erstens würde neue Zuwanderung den Bedarf an Lebensmitteln erneut in die Höhe treiben. Und diese waren aktuell schon dermaßen knapp, dass bereits Kinder im Äußeren Ring verhungerten. Sicherlich, spielte Stanislaw das Szenario durch, Freistadt könnte einfach mehr Nahrung in der Südlichen Provinz ordern. Doch wer sollte die anbauen? Die Bauern? Die wären ja zum Großteil hier. Zweitens besaß Freistadt bereits die nötigen Arbeitskräfte für die Zukunft, flocht er den Pfaden weiter, diese waren nur noch nicht alt genug, um in den Fabriken mitzuarbeiten. Im Zuge der letzten Dekade ist die Stadtbevölkerung dermaßen rasant gewachsen, dass jeder Bauer aus dem Süden, der heute als Unterstützung nach Freistadt kam, morgen ein Problem war. Der Magier war sich bewusst, dass viele der Senatsmitglieder zu kurzsichtig für diese Problematik waren. Doch war ihm ebenso klar, dass dies bei Stefanie nicht der Fall war. Aber warum dann die Bauernbefreiung? An dieser Stelle blieb Stanislaw hängen. Immer wieder. Ihm fehlte schlichtweg ein finales Puzzleteil, ein entscheidendes Detail, um das Gesamtbild zu erkennen. Unzufrieden lehnte er sich in dem ungemütlichen Holzstuhl zurück und begann von vorne.
„Sie ist mit dem Abgesandten alleine in ihrem Büro?“, schallte es wütend den langen Flur entlang. Stanislaw kannte die Stimme. Sie gehörte Major Stein. „Benutzt denn niemand in diesem Scheißladen seinen Verstand?“
„Aber Major Stein …“, erklang stockend die eingeschüchterte Stimme des Assistenten.
„Nix aber! Da kommt ein Abgesandter des Kaisers, ohne Begleitung und mitten in der Nacht - klammheimlich - nach Freistadt, und Ihnen fällt nichts Besseres ein, als ihn alleine mit der Senatsvorsitzenden in einen Raum zu setzten?“ Die energischen Stiefeltritte Steins drangen trotz des weichen Teppichbodens im Flur bis zu Stanislaw. Stein zürnte lautstark weiter: „Was ist, wenn es sich um einen Attentäter handelt? Da können Sie ihm ja gleich ein Messer geben!“ Seinem Grollen folgend, kam der Major um die Ecke des Flurs gerauscht und bewegte sich mit wuchtigen Schritten auf das Büro der Senatsvorsitzenden zu. Sein Ledermantel, der ihn als Mitglied der Stadtwache auswies, wehte hinter ihm her. Er machte nicht den Anschein, als wolle er auf einem der Stühle vor dem Büro geduldig Platz nehmen.
Hinter dem Leibwächter bemerkte der Assistent vorwurfsvoll: „Sie waren ja nicht vor Ort, sondern lieber bei der Morgeninspektion der Stadtwache.“ Das schmächtige Kerlchen hatte nicht einmal ausgesprochen, da hatte Stein bereits auf dem Absatz Kehrt gemacht. Es sah so aus, als wolle der Assistent weglaufen, wusste jedoch nicht wohin.
„Was haben Sie da gerade gesagt?“ Major Stein baute sich in voller Größe vor seinem Gegenüber auf. Er vibrierte vor Zorn. „Tun Sie kleiner Bürokratenarsch mir den Gefallen und wiederholen Sie das!“
Stille. Dann leise, aber entschieden, vom Assistenten: „Sie waren nicht hier, sondern bei der Morgeninspektion der Stadtwache.“
Das ist mutig, gestand Stanislaw und rückte amüsiert seine Manschettenknöpfe zurecht. Ich hätte mir das zweimal überlegt. Ohne die beiden direkt anzublicken, lehnte er sich interessiert zur Seite. Dieser Stuhl war wirklich die Hölle.
„Ich war nicht bei der Morgeninspektion, Sie Pfeife!“, stellte Stein unmissverständlich klar. „Ich musste in eines der Reviere, weil gestern Nacht zwei Stadtwachen halb totgeschlagen wurden. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Sie in der Zwischenzeit einen Tag der offenen Tür bei der Senatsvorsitzenden ausrichten!“ Ohne eine Reaktion abzuwarten, machte der Major erneut Kehrt und setzte seinen Weg zum Büro von Stefanie Seidel fort. Der Assistent trollte sich schnellstmöglich vom Flur.
„Guten Morgen, Herr Major“, begrüßte Stanislaw den Herannahenden nüchtern und erhob sich von seinem Platz.
„Guten Morgen, Herr Professor“, kam es ebenso neutral und beherrscht zurück. „Bereit?“
Stanislaw schloss mit flinken Fingern den obersten Knopf seines Sakkos. „Bereit.“ Er schätzte die professionelle Art des Majors.
Der Leibwächter wollte gerade an der lederverkleideten Bürotür klopfen, als diese aufgerissen wurde. Instinktiv machte Stanislaw einen Schritt zurück und verstärkte den Griff um seinen Gehstock, an dessen Spitze der rötlich funkelnde Pyrop bedrohlich zu schimmern begann. Auch der Major reagierte reflexartig, doch machte dieser im Gegensatz zu Stanislaw einen Schritt nach vorne und griff dabei blitzschnell unter seinen Ledermantel.
„Wenn das Ihr letztes Wort ist, wehrte Senatsvorsitzende, werde ich es der Kaiserin so überbringen müssen.“ Der Abgesandte stand verärgert vor der geöffneten Tür. „Die Kaiserin hegte die Hoffnung, Freistadt sei in dieser Hinsicht kooperativer.“
„Bitte verstehen Sie meine Entscheidung nicht als Absage an das Kaiserreich“, erklärte Stefanie Seidel höflich. „Es ist nun einmal eine unserer Grundprinzipien, dass alle Maschinen – und auch die dazugehörigen Pläne und Skizzen – unverrückbares Eigentum des jeweiligen Besitzers sind. Selbst wenn ich Ihnen derartiges als Senatsvorsitzende geben wollte, dürfte ich es nicht.“
„Auch dies werde ich der Kaiserin berichten“, nahm der Abgesandte den Beschwichtigungsversuch ungerührt zur Kenntnis und wandte sich den beiden Menschen auf der anderen Seite des Türrahmens zu. Abschätzig musterte er beide.
Während er den aschblonden Mann mit Kurzhaarschnitt und schwerem Ledermantel schnell einzuordnen vermochte, verharrte sein Blick ungleich länger bei Stanislaw. Scheinbar konnte er sich aufgrund des karierten Stoffanzuges und dem edlen Gehstock nicht zwischen Unternehmer und Gelehrten entscheiden. Denn entdeckte er den Pyrop, der noch immer am Knauf des Gehstockes leuchtete. Die Geringschätzung im Gesicht des Abgesandten wich offener Feindseligkeit.
Das Erscheinungsbild des Abgesandten entsprach in so ziemlich jedem Punkt den Vorurteilen, die man in Fünf Provinzen gegenüber dem kaiserlichen Volk pflegte: Der Mann mit der anthrazitfarbenen Hautton war riesig. Er überragte selbst Stein um mehr als einen Kopf und er war noch breiter gebaut - er passte nicht einmal durch die ausgreifende Bürotür der Senatsvorsitzenden. Nachdem der Kaiserliche mit gesenkten Kopf den Türrahmen passiert hatte, präsentierte er sich seiner physischen Überlegenheit bewusst in voller Pracht vor den beiden Menschen. Bedrohlich reflektierten seine überaus gepflegten und mit Silberbeschlägen verzierten Eckzähne, die eine gute Handbreit aus dessen Unterkiefer herausragten, das Licht im Flur. Sie wirkten auf Stanislaw eher wie kunstvoll manikürte Fingernägel, denn wie Stoßzähne. Der unverkennbare Geruch von Rosenwasser stieg dem Magier deutlich in die Nase.
Die Kaiserlichen sind bei weitem nicht so unzivilisiert, wie sie die Akademie der Zauberkünste darzustellen versucht, gestand er sich ein. Die goldenen Augen des Abgesandten starrten ihn noch immer angewidert an und dessen körperliche Präsens wurde Stanislaw unangenehm. Der Magier trat die Flucht nach vorne an und streckte dem gepflegten Mann die Hand entgegen. „Guten Tag, wir wurden uns leider noch nicht vorgestellt. Professor Dr. Stanislaw von Weidenheim, erfreut Sie kennenzulernen.“ Die dunkelgraue Hand des Abgesandten rührte sich kein Stück.
Die Begrüßung ignorierend schritt dieser einfach zwischen Stanislaw und Stein hindurch, wobei er die beiden Menschen an den Rand des Flures drängte. Ohne sich noch einmal umzudrehen, marschierte der Mann mit langen Schritten davon. Stanislaw und der Major warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Stefanie stand noch immer in ihrem Büro und hatte ihre Hände in die Hüfte gestemmt. Resignierend schüttelte sie ihren blonden Lockenkopf.
„Bitte kommt herein - und schließt die Tür hinter euch.“ Die Senatsvorsitzende vollführte eine einladende Geste als sie wieder hinter ihrem Schreibtisch angekommen war. „Bitte, nehmt Platz.“ Sie deutete auf zwei Holzstühle mit hellem Kalbsleder. Der wuchtige Eichentisch der Vorsitzenden thronte an der Rückwand des geräumigen Büros, direkt vor zwei scheinbar endlosen Glasfenstern und gegenüber dem stuckverzierten Kamin, indem aktuell nur noch eine schwache Glut loderte. Stanislaw hatte dem Major den Vortritt gelassen und schloss nun die gedämmte Bürotür hinter sich.
Stein selbst ignorierte die dargebotenen Sitzplätze vollends und eilte direkt zu Stefanie hinter den Schreibtisch. „Ist bei Ihnen alles in Ordnung, Frau Vorsitzende?“, erkundigte sich der Leibwächter in einem grauenvoll gekünstelten Tonfall.
„Bei mir ist alles okay, Wolf“, beruhigte Stefanie den Major. „Es gibt keinen Grund für falsche Förmlichkeiten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Stanislaw bereits über uns beide Bescheid weiß.“ Liebevoll nahm die Senatsvorsitzende die starke Hand ihres Leibwächters in die eigenen.
„Ich hatte es vermutet“, bemerkte Stanislaw teilnahmslos, öffnete den obersten Knopf seines Sakkos und nahm auf einem der Stühle Platz. Das Interesse des Magiers galt in diesem Moment nicht einer verheimlichten Liebesbeziehung, sondern etwas weitaus Greifbareren. Nämlich dem Dolch auf dem Schreibtisch.
Es handelte sich eindeutig um einen militärischen Dolch: scharfe Schneide auf der einen, und improvisierte Säge auf der anderen Seite der Klinge. Obgleich Stanislaw schon allerhand Dolche gesehen hatte, zog dieser ihn aus irgendeinem unerfindlichen Grund in seinen Bann. Nachdenklich sortierte er sich auf seinem Stuhl, welcher weitaus gemütlicher als jener vor dem Büro war.
„Was wollte der Abgesandte von dir?“, fragte Stein besorgt. „Und warum kam er mitten in der Nacht und ohne Begleitung nach Freistadt?“ Der Major ignorierte Stanislaw vollends und hatte in diesem Moment nur noch Augen für seine Geliebte.
„Er überbrachte ein Angebot der Kaiserin, welches nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war.“
Theatralisch hielt Stanislaw den Dolch zwischen Daumen und Zeigefinger in die Luft. Die Waffe war schwerer als vermutet. „Nur ein Angebot?“
„Dazu komme ich gleich“, entgegnete Stefanie knapp und bat Wolf mit einer Geste endlich Platz zu nehmen. „Der rasante Aufschwung unserer Stadt hat die Aufmerksamkeit der Kaiserin – und in gewissen Maße auch ihr Missfallen erregt“, erklärte sie. „Sie ist überaus interessiert an der Technik in unseren Fabriken. Vor allem seitdem sie erfahren hat, dass wir seit geraumer Zeit Eisen- und Stahlerzeugnisse in Masse produzieren.“ Die Vorsitzende seufzte. „Für ein auf Expansion ausgelegtes Reich, wie das Kaiserreich, ist dies anscheinend weitaus interessanter als die schnöde Textilproduktion.“
Stanislaw wog die Waffe noch immer in seiner Hand. „Eisen- und Stahlerzeugnisse … nette Umschreibung für Waffen und Kriegsgerät.“ Er fokussierte seine ehemalige Schülerin. „Wann seid ihr denn in den Fabriken von Töpfen und Pfannen hierzu gewechselt?“
„Und wie konnte die Kaiserin davon erfahren?“, unterbrach ihn der Major, nachdem er sich endlich gesetzt hatte. „Hat sie etwa Spione in Freistadt?“
„Mit Blick auf die soziale Lage der Fabrikarbeiter würde es mich nicht wundern, wenn diese für ein paar Reichsmark alle Geheimnisse der Welt an jeden weitergeben“, beantwortete Stanislaw die Zwischenfrage ohne Stefanie aus dem Blick zu lassen. „Also Stefanie … warum Waffen? Und warum in diesem Ausmaß?“ Noch während er die Frage stellte, fiel es dem Magier wie Schuppen von den Augen. Der Dolch zwischen seinen Fingern war das fehlende Puzzleteil. Das entscheidende Detail. Nun ergab alles einen Sinn.
„Ein Krieg?“, stieß er ungläubig hervor. „Ein Krieg gegen das Kaiserreich?“ Stanislaws ehemalige Schülerin zuckte nicht einmal mit einer Wimper. „Deswegen die Befreiung der Bauern im Süden … du benötigst so schnell wie möglich arbeitsfähige – oder besser wehrfähige – Männer. Du stellst heimlich eine Armee auf! Und während Freistadt die Waffen besorgt, liefert der Süden die Soldaten … weiß der Senat davon?“ Ein Zucken in dem blond gelockten Engelsgesicht.
„Stanislaw, bitte überstürze jetzt nichts“ begann Stefanie behutsam. „Nein, der Senat hat keine Ahnung von meinem Plan. Ich verfolge meine eigenen Ziele - doch lass mich dir zuerst meine Beweggründe erklären.“ Die Senatsvorsitzende war vollkommen gefasst, als sie die Bitte aussprach und entgegen seiner inneren Anspannung nickte der Magier zustimmend. Zu Stein brauchte er gar nicht erst hinüberblicken. „Stanislaw, wir sehen uns aktuell einer Chance gegenüber, die vielleicht niemals wiederkehren wird“, erklärte die Senatsvorsitzende.
„Wer ist wir?“, unterbrach er sie augenblicklich.
„Mit wir meine ich die vereinten Fünf Provinzen - und alle Menschen, Alben und Zwerge, die diese bewohnen. Wir alle leben seit den Einungskriegen unter der Herrschaft des Kaiserreichs. Einem Kaiserreich, das uns von einem anderen Kontinent aus beherrscht und keinerlei Interesse für unsere Belange hat. Das Einzige, was das Kaiserreich wirklich interessiert, sind die Zölle und Steuern, die sie uns abzwingen – für einen kaiserlichen Schutz, um den niemand in den Fünf Provinzen gebeten hat. Das ist eine verdammte Besatzung. Und was macht unser König, der ehrenwerte Wieland III.? Er kuscht vor der Kaiserin, wo er nur kann!“
Hiermit hatte Stefanie nicht ganz unrecht. Das Kaiserreich befand sich tatsächlich auf einem anderen Kontinent als die Fünf Provinzen. Die einzige Verbindung, die zwischen ihnen existierte, war eine gewaltige Brücke, welche die Meerenge von Schwarzenheim im Osten überspannte. Und der Umstand, dass alle großen Handelsstraßen im Königreich mit kaiserlichen Zollstationen geradezu gepflastert waren, sprach für sich. Er beugte sich vor: „In Ordnung, Stefanie. Das Kaiserreich hat die Fünf Provinzen in einem brutalen und langwierigen Krieg unterworfen, nur um sich dann an diesen zu bereichern. Wir alle wissen das … doch wie ist deiner Meinung nach den Bewohnern der Provinzen mit einem erneuten Krieg gegen das Kaiserreich geholfen? Ein solcher Konflikt wäre nicht weniger entbehrungsreich als der erste.“
Obwohl er einen direkten Angriff auf das Kaiserreich in der jetzigen Situation als aussichtslos bewertete, wollte er die Idee nicht sofort verwerfen. Zum einen hegte Stanislaw als Magier eine ganz persönliche Abneigung gegenüber dem Kaiserreich und zum anderen barg Stefanies Vorhaben eine enorme Gefahr für die Akademie der Zauberkünste selbst.
„Wir können den Bewohnern der Fünf Provinzen durch diesen Krieg die Möglichkeit zurückgeben, selbst über ihr Schicksal zu bestimmen“, erklärte Stefanie überzeugt. „Als eine geeinte Nation und ganz ohne die Lasten und Einmischungen der Kaiserin.“
„Selbst über ihr Schicksal bestimmen? So wie in Freistadt?“ Stanislaw lehnte sich wieder zurück. „Was denkst du, hält Wieland III. von deiner Idee? Eine Monarchie und ein Volk, dass selbst über sein Schicksal bestimmt … passt nicht so recht zusammen, oder?“
„Aus diesem Grund gilt es nicht nur das Kaiserreich, sondern auch Wieland III. und seinen gesamten Hofstaat aus den – von nun an – Freien Provinzen zu vertreiben.“
Nun war Stanislaw doch erstaunt. Stefanie plante nichts Geringeres, als die gesamte Gesellschaftsordnung der Fünf Provinzen auf den Kopf zu stellen.
„Nun gut.“ Er wollte diesen Punkt zunächst auf sich beruhen lassen. „Gehen wir davon aus, du schaffst es, diese Armee aufzustellen und die Provinzen unter deiner Führung zu vereinen - wie gedenkst du das Kaiserreich in einer offenen Auseinandersetzung zu schlagen?“ Sein Blick wanderte nun doch zum Major, der ihrer Diskussion gespannt folgte. “Ich meine, wir alle haben den Abgesandten mit eigenen Augen gesehen: Die Kaiserlichen sind allen Menschen, Alben und Zwergen physisch dermaßen überlegen, dass eure Streitkraft eine unbeschreibliche Überzahl an Soldaten benötigen würde. Und die hat sie nicht.“
„Wir müssen sie gar nicht besiegen“, bemerkte Stefanie überzeugt, „wir müssen lediglich die kaiserlichen Verbände innerhalb der Provinzen loswerden oder über die Meerenge zurücktreiben. Wer die Meerenge von Schwarzenheim kontrolliert, kontrolliert den einzigen Landzugang zu den Fünf Provinzen. So wie es unsere Vorväter über Jahrhunderte taten, bevor wir die Einungskriege verloren.“
„Du meinst: Bevor die Magier ihre Macht eingebüßt haben“, konkretisierte Stein die Aussage der Vorsitzenden.
Bevor die Magier ihre Macht eingebüßt haben …, hallte es Stanislaw durch den Kopf. Für einen einfachen Krieger sicherlich eine eingängige und simple Erklärung. Jedoch ist die Realität dann doch nicht so einfach. Über Jahrhunderte waren die Magier der Akademie Garant für die Freiheit der Provinzen. Denn, obwohl die Kaiserlichen im Zweikampf alle Vorteile auf ihrer Seite hatten, besaßen ihre Streitmacht einen entscheidenden Nachteil: in ihren Reihen gab es keine Zauberkundigen. Das kaiserliche Volk besaß von Natur aus schlichtweg keinerlei magische Begabung. Sie konnten nicht zaubern – noch nie. Und so waren es die Magier der Akademie gewesen, die die Kaiserlichen durch ihre vereinte Zauberei so lange am Überschreiten der Meerenge gehindert hatten.
Doch änderten sich die Zeiten. Aus noch immer ungeklärten Gründen begann die Magie in den Fünf Provinzen zu schwinden. Von Generation zu Generation wurden weniger Magiebegabte geboren und durch die Akademie ausgebildet. Und als die verbliebenden Magier die körperliche Überlegenheit ihrer Gegner nicht mehr ausgleichen konnten, überschritten diese die Meerenge und unterwarfen die Fünf Provinzen. Die Einungskriege waren verloren. Dies war nun 72 Jahre her.
„Die Magie wird nicht einfach zurückkehren“, bemerkte Stanislaw bitter, „selbst wenn ihr es schafft, die Kaiserlichen über die Meerenge zurück in ihr Land zu drängen.“
„Das muss sie auch nicht.“ Stefanie blickte zwischen Wolf und ihm hin und her. „Ich beabsichtige vielmehr die Stärke der Kaiserlichen durch Masse zu schlagen.“
„Aber du weißt nicht wie viele Kaiserliche es gibt.“
„Aber ich weiß, wie viele Kaiserliche sich in den Fünf Provinzen befinden“, wehrte die Vorsitzende Stanislaws Einwand barsch ab. „Und ich weiß, dass sich niemand auch nur vorstellen kann, wieviel Waffen wir durch unsere Maschinen wirklich produzieren können. Freistadt kann innerhalb von einer Woche ganze Landstriche unter Waffen stellen. Und ich sprechen nicht von einem Schwert oder Speer für jeden Soldaten“, fuhr Stefanie nahezu hysterisch fort. „Ich spreche von einer vollen Schutzrüstung samt Haupt- und Nebenwaffe. Mit Helm, Schild und Pflegematerial. Alles, was dazugehört.“ Sie war inzwischen aufgestanden und beugte sich über den schweren Eichentisch. „Ein solches Meer aus gepanzerten Soldaten und Klingen wird die kaiserliche Armee einfach hinwegfegen.“ Stanislaw schauderte es.
„Also plant ihr die Akademie der Zauberkünste in eurer Strategie gar nicht erst mit ein, richtig?“, hakte er spitzfindig nach. „Etwa, weil ihr sie für ebenso veraltet befindet wie König und Ständeordnung?“ Er spürte, wie sich Stein neben ihm spannte. „Sind wir möglicherweise die nächsten, die nach König und Kaiserin auf eurer Liste stehen? Immerhin beherbergt die Akademie eine Menge Traditionalisten, die eine gewisse Nähe zum Königshof pflegen.“
„Zu denen du nicht gehörst“, bemerkte Stefanie.
„Zu denen ich nicht gehöre“, bestätigte Stanislaw. Steins Ledermantel raschelte verdächtig, als dieser beiläufig seine Hand unter dem Kleidungsstück verschwinden ließ. Auch Stanislaw verstärkte den Griff um seinen Gehstock und die vertraute Wärme magischer Energie waberte seinen Arm empor.
„Die Akademie steht auf keiner meiner Listen“, antwortete Stefanie schließlich in die Spannung der Situation hinein. „Ich möchte weder dich, meinen alten Lehrmeister, noch einen anderen Magier, noch die Akademie der Zauberkünste zum Feind. Um ehrlich zu sein war dies der Grund, warum ich dich von Anfang an in die Konsultationen mit dem Kaiserreich einbinden wollte.“ Stanislaw glaubte ihr. „Ich möchte alle Bewohner der Fünf Provinzen in einer Nation, bestehend aus Freien, vereinen“, beschwor sie ihn. „Und was die Nähe mancher Magier zu Wieland III. angeht … diese Magier müssen eine Entscheidung treffen: für die Nation oder für König und Kaiserin.“
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