Kitabı oku: «Wölfe»

Yazı tipi:

Philipp Probst

WÖLFE

Die Reporterin in Engelberg


© 2020 by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Umschlagbild: istock, maljuk

Gesetzt in Arno Pro Regular

Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn

ISBN 978-3-85830-276-2

ISBN e-Book 978-3-85830-277-9

www.orteverlag.ch

INHALT

PROLOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

PROLOG

Sie konnte den kleinen Plüschbären nicht wegwerfen. Das brachte sie nicht übers Herz. Sie hielt ihn, drückte ihm einen Kuss auf die Schnauze und legte ihn in die Kuschelecke ihres Sofas zu den anderen Tieren.

Sechsundzwanzig Stofftiere waren es mittlerweile: acht Bären, vier Hunde und vier Katzen, je ein Reh, Fuchs, Wolf, Hase, Igel und Elefant, eine Giraffe, ein Schimpanse, ein Walfisch und ein Hai. Marlène besass einen ganzen Zoo.

Auch die Rose, die neben dem Bären vor ihrer Wohnungstür gelegen hatte, konnte sie nicht einfach in den Müll werfen, schliesslich war es eine Pflanze, ein Lebewesen. Wie so oft zuvor stellte sie sie in einer kleinen Vase auf den Balkon. Dort waren sie aus ihrem Blickfeld. Denn sie betrat den Balkon nur noch selten. Und in nächster Zeit gar nicht: Sie würde eine längere Zeit abwesend sein.

Marlène schlüpfte in ihre neuen Skihosen, in ihre neue Daunenjacke, setzte die neue Wollmütze auf und zog sie tief ins Gesicht. Sie prüfte im Spiegel, ob wirklich keine einzige Strähne ihrer dunkelblonden Haare zu sehen war. Schliesslich setzte sie die grosse, neue Sonnenbrille auf und ergriff ihren vollbepackten und ebenfalls neuen Rucksack und verliess das Haus.

Sie hatte schon so viel unternommen, um sich vor ihm zu schützen. Jetzt diese Flucht. Aber es war ihr klar, dass er sie trotz ihrer Verkleidung, ihrer neuen Identität, die sie sich zu geben versuchte, erkennen würde, falls er irgendwo auf der Lauer lag. Er würde sie an ihrem Gang erkennen. Deshalb versuchte sie, möglichst grosse Schritte zu machen, was aber unnatürlich aussah. Zudem fiel sie, wenn sie eine Strasse überqueren und auf den Verkehr achten musste, immer wieder in ihren gewohnten Schritt zurück. Sie wurde nervös. Wollte zurückschauen, ob er ihr bereits folgte. Aber sie zwang sich, sich nicht umzudrehen.

Erst als der Zug anfuhr und sie den ganzen Wagon abgecheckt hatte, fühlte sie sich besser und etwas sicherer. Sie nahm die Mütze ab, schälte sich aus der Jacke und nahm die Sonnenbrille von der Nase, die sie gar nicht gebraucht hätte. Es war noch früh am Morgen, dunkel und wolkenverhangen.

Als sie in Luzern umsteigen musste, zog sie alles wieder an, ging mit grossen Schritten den Perrons entlang. Sie schaute weder links noch rechts noch zurück.

In Engelberg regnete es leicht. Trotzdem behielt sie die Sonnenbrille auf und marschierte los. Marlène ging durch den Touristenort, der an diesem Novembertag wie ausgestorben wirkte, blickte aber auch jetzt weder nach rechts noch links, immer nur nach unten, ab und zu geradeaus, um auf dem richtigen Weg zu bleiben. Sie passierte das imposante Kloster mit der integrierten Stiftsschule, kam an der Talstation der Brunni-Seilbahn vorbei und bog kurz darauf in die Strasse Richtung Horbis ein. Eine Pause gönnte sie sich erst, als sie den Wald erreichte. Sie atmete tief durch und wagte einen Blick zurück.

Es war niemand zu sehen.

Sie nahm die Sonnenbrille ab und konnte weiterhin keinen Menschen erspähen. Sie ging weiter. Nun getraute sie sich, ihren gewohnten Gang zu gehen: kurze, schnelle Schritte. Das erleichterte den Fussmarsch. Marlène konnte sich etwas entspannen und ihren Blick geradeaus richten. Nur wenn ihr ein Auto entgegenkam oder sie überholte, wurde sie nervös, setzte die Brille auf und schaute nach unten auf den nassen Asphalt. Aber keiner der Autofahrer stoppte und kümmerte sich um sie.

Schliesslich erreichte sie hinten im Talkessel den kleinen Weiler Horbis, kam an der Kapelle vorbei und verliess beim Restaurant Bergfrieden die Strasse. Ein schmaler Weg führte sie weiter durch einen Wald, dann durch eine steile Furche entlang eines Bachs. Sie atmete heftig. Sie musste stehen bleiben. Aufschnaufen. Niemand folgte ihr. Rechts erblickte sie die Höhlen in den Felsen. Und sie erinnerte sich an ihre Kindheit, als sie mit ihren Brüdern darin Verstecken gespielt hatte.

Sie erreichte das Haus. Es war kurz nach Mittag. Es regnete zwar nicht mehr, aber die Wolken hingen noch immer tief. Der mächtige Titlis, der auf der gegenüberliegenden Seite des Engelbergertals zu sehen sein sollte, war vollständig verhüllt. Auch der markante Gipfel hoch über dem Haus, der 2606 Meter hohe Felsklotz Hahnen, war in den Wolken versteckt. Ob es dort oben schon geschneit hatte?

Sie kramte den Schlüssel aus der Jacke, stieg die Aussentreppe zur Terrasse hinauf und betrat die Hütte. Sie war direkt in den steilen Hang gebaut, der hintere Teil war im Berg verankert. Der obere Stock der Hütte wurde als Ferienwohnung genutzt, im unteren hauste in den Sommermonaten der Senn. Daneben befand sich eine zweite Hütte. Es war der Stall, in dem alle Geräte und Werkzeuge untergebracht waren.

Marlène stellte den Rucksack ab, öffnete einen Fensterladen und schaute sich um. Alles war so, wie sie es erwartet hatte. Die Stühle ruhten verkehrt herum auf dem Holztisch, auf der kleinen Küchenkombination lagen die Tücher perfekt zusammengefaltet neben der Spüle. Im Schaft lagerten Lebensmittel in Büchsen, die Etiketten nach vorne gerichtet. Es waren viele Büchsen. Typisch für ihre Mutter, sie bunkerte nicht nur zu Hause, sondern auch im Ferienhaus Lebensmittel für mehrere Wochen. Nun stellte Marlène ihre lang haltbaren Esswaren dazu. Randen- und Selleriesalate in Tüten, getrocknete Bohnen, Teigwaren. Die uperisierte Milch, Kaffeerahm, Käse und Trockenfleisch deponierte sie draussen auf dem Sims zwischen Fenster und Laden.

Neben dem Cheminée lag das gespaltene Holz minutiös aufgestapelt, die Anfeuerpaste und die Zündhölzer waren daneben platziert. Sie schaute kurz ins Kinderzimmer mit den zwei Doppelstockbetten und erinnerte sich daran, wie sie sich mit ihren Brüdern immer wieder darum gestritten hatte, wer von den drei Geschwistern unten schlafen musste. Meistens war sie es, die Älteste.

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen.

Im dritten Raum, dem Schlafgemach ihrer Eltern, waren die Betten wie auch die Kommode mit Leintüchern zugedeckt. Über der Kommode hing das alte Sturmgewehr ihres längst verstorbenen Grossvaters an der Wand. Ob ihr Vater auch irgendwo Munition versteckt hatte?

Es roch muffig. Sie öffnete das Fenster, die Läden und schaute hinaus in die wolkenverhangene Landschaft und den dunklen Tannenwald.

Sie fühlte sich in Sicherheit.

Ihr Schlaf war unruhig. Sie hörte immer wieder Geräusche. Aber sie konnte sie zuordnen. Der Wind liess die Bäume hin und her wippen, das Holz der Hütte knarrte, und die Schritte, die sie zu glauben hörte, bildete sie sich nur ein. Zumindest versuchte sie, sich das einzureden. Sie würde sich mit der Zeit daran gewöhnen. Niemand würde hierherkommen. Niemand würde sich zu dieser Jahreszeit hierher verirren. Niemand wusste, dass sie hier war. Schon gar nicht er.

Doch auch in der zweiten Nacht lag sie meistens wach. Oder sie sass dick eingepackt und mit Wollsocken an den Füssen vor der fast erloschenen Glut im Cheminée und versuchte, ein bisschen Wärme aufzunehmen. Trotzdem zitterte sie.

In der dritten Nacht konnte sie es nicht mehr schönreden, Marlène hatte eine furchtbare Angst. Sie zweifelte ernsthaft, ob ihre Idee gut war: sich eine Zeit lang in die Einsamkeit zurückzuziehen, zu sich selbst zu finden, Tagebuch zu schreiben, in der Natur zu sein und den ganzen Horror der letzten Monate zu verarbeiten.

Sie wollte nicht aufgeben. Aber sie änderte den Tagesablauf. In der vierten und fünften Nacht liess sie das Feuer und die Petroleumlampe brennen, sass am Tisch und schrieb. Erst gegen Morgen legte sie sich schlafen. Zumindest für drei, vier Stunden. Das klappte gut.

In der sechsten Nacht – sie war gerade in ihr Tagebuch vertieft – hörte sie plötzlich ein Kratzen, ein Scharren, ein Rumpeln. Sie wagte kaum zu atmen. Sie blies die Lampe aus. Die Glut in der Feuerstelle tauchte die Hütte in schwaches, rötliches Licht. Alles war wieder still. Sie erhob sich und packte ihre Taschenlampe. Sie öffnete die Türe und linste vorsichtig hinaus.

Sie leuchtete den Bergweg hinunter. Nichts. Sie fuhr mit dem Lichtkegel die Weide ab, auf der im Sommer die Kühe grasten. Nichts. Sie suchte den Wald ab. Nichts. Als sie die Taschenlampe auf die Wipfel der Bäume richtete, sah sie, dass diese weiss gepudert waren. Es hatte geschneit.

Sie schloss beruhigt die Türe, verriegelte sie und legte sich schlafen. Als sie gegen zehn Uhr aufwachte, sah sie, dass auch auf der Weide und am Boden ein Hauch Schnee lag. Sie zog sich an und ging nach draussen. Sie suchte nach Spuren. Wenn jemand in der Nacht da war, müsste er Fussabdrücke hinterlassen haben. Doch ausser Tierspuren fand sie nichts. Sie ging den Bergweg ein Stück hinunter bis zur Verzweigung. Es gab zwei Wege nach Engelberg: jenen über das Seitental Horbis, den sie gegangen war, und jenen direkt hinunter ins Engelbergertal. Beide waren etwa gleich lang. Sie schaute ganz genau auf die beiden Wege. Doch sie fand keine Spuren.

Marlène ging zum Haus zurück, öffnete den Fensterladen und nahm die Milch, den Käse und das Trockenfleisch in die Hütte hinein und gönnte sich ein ausgiebiges Frühstück. Plötzlich schien ein Sonnenstrahl in die Stube. Sie beendete ihre Mahlzeit, legte die Lebensmittel zurück auf den Fenstersims, verriegelte den Laden, zog ihre dicken Kleider an und machte einen Spaziergang. Die Wolken verzogen sich. Die Sonne wärmte und liess den Schnee schnell schmelzen.

Nun hatte sie freie Sicht auf Engelberg und ins Engelbergertal. Auch der 3238 Meter hohe Titlis strahlte hell. Der Gletscher war zugeschneit. Schnee lag auch auf dem Stand, der Zwischenstation der Titlisbahn. Von dort fährt die grosse Schwebebahn, die Titlis-Rotair, hinauf zum Klein Titlis, dem Nebengipfel des Titlis. Im Winter transportiert die Bahn die Skifahrer und im Sommer viele asiatische Touristen, die einmal in ihrem Leben Schnee anfassen wollen, in alpine Höhen.

Der Spaziergang tat ihr gut. Sie fühlte sich besser, leichter, selbstbewusster. Sie fühlte sich bestätigt: Ihr Plan war gut. Das Schreiben, die Einsamkeit, die Natur – all das stärkte sie, heilte ihre Seele. Sie war auf dem richtigen Weg.

Weil sie der ausgedehnte Spaziergang ermüdet hatte, ging sie an diesem Abend früher zu Bett und schlief sofort ein.

Sie erwachte, weil sie ein Knarren hörte, ein Kratzen. Eindeutig. Sie glaubte, es mache sich jemand an der Türe zu schaffen.

War er hier?

Sie bekam eine Höllenangst. Sie wagte kaum zu atmen. Aber es war still.

Doch plötzlich war es wieder da, dieses Geräusch! Rüttelte jemand am Fensterladen?

Wieder Ruhe.

Sollte sie sich verstecken? Wo? Im Kinderzimmer? Unter einem Bett? Nein, er würde sie finden! Was würde er mit ihr machen? Sie töten? Sie quälen?

Marlène schaute sich um. Gab es einen Gegenstand, den sie als Waffe einsetzen und ihm auf den Kopf schlagen könnte? Das Gewehr! Der alte Karabiner ihres Grossvaters! Wo aber war die verdammte Munition?

Sie hatte keine Zeit, danach zu suchen. Sie eilte ins Schlafzimmer, nahm das Gewehr von der Wand und ging zur Türe. Sie schloss sie auf, gab ihr einen Tritt und zielte mit dem Karabiner in die Nacht hinaus. Sie hörte ein Rascheln. Sie nahm die Taschenlampe, trat hinaus in die Nacht. Sie leuchtete den Weg hinunter. Nichts. Die Weide. Nichts. Sie liess den Lichtkegel langsam entlang des Waldrands streifen.

Dann sah sie es: Etwas reflektierte den Schein ihrer Taschenlampe. Ganz schwach. Augen? Reflektoren eines Kleidungsstücks? Sie schwenkte mit der Taschenlampe zurück. Sie zitterte.

Es war nichts mehr zu sehen.

Aber nun wusste sie: Sie war nicht allein.

1

Leas Coiffeursalon war voll mit elegant gekleideten Leuten. Die meisten Damen trugen Röcke oder stilvolle Hosenkleider, die Herren schwarze oder graue Anzüge. Nur einer fiel ein bisschen aus dem Rahmen: Jonas Haberer. Auch er trug zwar einen dunklen Anzug, dazu aber rote Cowboyboots und einen schwarzen Westernhut, verziert mit einem roten Seidenband. Er betrachtete ein Bild nach dem anderen. Lange und sehr genau. Wenn er sich bewegte, dann nur langsam und leise. Jonas Haberer trat nicht mit den Absätzen aufs Parkett und erzeugte für einmal kein lautes Klack–klack–klack, sondern er ging auf Zehenspitzen.

Lea, Elin und Marcel servierten Sekt, vegetarische Häppchen und gegrilltes Gemüse. Die Gäste standen in Grüppchen, diskutierten über die Bilder, nippten an ihren Gläsern und versuchten, die kleinen Sandwiches und Blätterteigtörtchen möglichst anständig und ohne zu kleckern in ihre Münder zu schieben.

Charlotte trug ein enges, kurzes, schwarzes Etuikleid, kniehohe Stiefel mit hohen Absätzen und sass auf einem Frisierstuhl. Sie beobachtete die Szenerie mit einem Lächeln.

Und dann war es so weit: Selma betrat den zur Galerie umfunktionierten Coiffeursalon. Charlotte stand auf, fasste ein Sektglas und schlug mit einem Löffel sachte dagegen. Laut sagte sie: «Eh, voilà, hier ist die Künstlerin. Meine Tochter Selma Legrand-Hedlund!»

Die Gäste drehten sich zu Selma um und applaudierten. Selma winkte kurz, fuhr sich mit der rechten Hand durch die Haare, lächelte, trat von einem Bein aufs andere und spielte an ihren Silberringen herum.

«Messieurs dames», sagte Charlotte. «Oder wie wir Schweden sagen: Hei!» Die Leute lachten kurz. «Es ist mir eine Ehre, Sie zu dieser Vernissage begrüssen zu dürfen. Es ist die allererste Vernissage dieser wundervollen Künstlerin. Und ich sage Ihnen, es war ein langer Weg bis zu dieser Ausstellung. Kunst soll und darf sich nicht verstecken, aber bringen Sie dies einer wahren Künstlerin bei!» Ein kurzes Raunen ging durch die Reihen. «Es brauchte nicht nur die liebevollen Worte von Selmas Schwester Elin, nicht nur viele Diskussionen und noch mehr Frisuren ihrer Freundin Lea und nicht nur die psychologische Beratung ihres Freundes Marcel. Nein, es brauchte ein – wie soll ich sagen – deutliches Wort ihres journalistischen Ziehvaters, der …»

«Es brauchte einen Tritt in den Arsch!», warf Jonas Haberer in breitestem Berner Dialekt ein. Die Leute lachten.

«Oder so», meinte Charlotte und lächelte angestrengt. «Und schliesslich brauchte es noch die Tatkraft ihrer Mama, die Sache zu organisieren und die Künstlerin vor ein fait accompli, vor vollendete Tatsachen, zu stellen.»

Die Leute lachten erneut und klatschten.

«Meine Damen und Herren», fuhr Charlotte fort. «Ich habe mich entschieden, nur einen kleinen Teil von Selma Legrand-Hedlunds Schaffen auszustellen. Es handelt sich um Bilder, die Selma während weniger Wochen im vergangenen Sommer gemalt hat. Die Künstlerin ist dabei zu ihren Wurzeln zurückgekehrt. Ihre früheren Bilder zeigten realistisch dargestellte Landschaften, später kamen abstrakte Landschaften hinzu, gefolgt von einer sehr düsteren, schwarzen Phase. Doch die Farben kehrten zurück. Der Grund dafür war ein prägendes Ereignis auf einer Alp im märchenhaften Saanenland. Und hier sehen Sie das Resultat: mystische, fantasievolle Bilder, die eine ungeheure Lebenskraft ausdrücken.»

Charlotte legte eine kurze Pause ein und trank einen Schluck Wasser aus einem Glas, das ihr Lea reichte. «Die Werke zeugen von einem grossen handwerklichen Können und einem noch grösseren Talent. Aber lassen wir das hochgestochene Geschwätz: Überzeugen Sie sich selbst. Vielen Dank.»

Nach einem weiteren Applaus rief Selma: «Danke, Mama! Ihr wisst ja, einer Kunsthistorikerin, die einen grossen Teil ihres Lebens in verstaubten Archiven verbracht hat, darf man nicht alles glauben.» Sie blickte in die Runde, lächelte und sagte: «Danke, dass Ihr alle gekommen seid. Ich freue mich sehr über diese Vernissage!»

Die meisten Leute kannte sie. Es waren Freunde und Bekannte, viele Frauen ihrer Fasnachtsclique waren da, auch einige Journalisten und Fotografen, mit denen sie in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte.

Selma bewegte sich in ihrem kurzen, blauen Designerkleid und den hohen schwarzen Pumps elegant und sicher. Dass sie genau dieses Kleid und diese Schuhe an ihrer Vernissage tragen würde, wie es ihre Mutter gesagt hatte, als sie Selma die edlen Stücke schenkte, war also wahr geworden. Und ja, es stimmte: Sie hatte sich lange gegen diese Ausstellung gesträubt und deshalb den «Tritt» ihres ehemaligen Chefs und jetzigen Auftraggebers für ihre Reportagen gebraucht. Selma ging zu ihm: «Danke, Jonas, du elender Kotzbrocken!»

«Ach, Selmeli», meinte Jonas Haberer. «Ich weiss doch, was für dich gut ist.» Er deutete auf seinen Hut. «Hast du schon bemerkt, dass ich einen roten Seidenbändel an meinem Hut trage? Extra für meinen Besuch bei dir im Haus ‹Zem Syydebändel›.»

«Du bist süss», sagte Selma entzückt.

«Oh», machte Haberer, «du bringst mich in Verlegenheit, Selmeli.»

«Nenn mich nicht Selmeli, Habilein!»

Die beiden lachten. Dann wurde Selma von einem ihr unbekannten Mann, der etwa gleich alt war, angestupst und gefragt, ob er ihr einige Fragen stellen und ein Foto machen dürfe. Er stellte sich als Kulturjournalist vor und sagte, er würde sehr gerne einen kurzen Bericht über sie schreiben. Selma wollte gerade verneinen, als Marcel angerauscht kam.

«Wunderbar», mischte sich Marcel ein. «Das machen wir sehr gerne!»

«Sind Sie Frau Legrand-Hedlunds Kunstagent?»

«Nein, nein, ich bin bloss ihr bester Freund. Und wie Sie schon in der Ansprache von Selmas Mutter erfahren haben: Die Künstlerin ziert sich ein bisschen.»

Selma gab Marcel einen Stoss in die Rippen.

«Machen wir doch zuerst das Foto», schlug Marcel vor.

Der Journalist dirigierte Selma vor das grösste Alpgemälde und bat um ein Lächeln.

Doch Selma lächelte nicht.

«Bitte, Selma», forderte Marcel sie auf.

«Nein, ich will nicht lächeln, das weisst du.»

Marcel wandte sich dem Journalisten zu und flüsterte ihm ins Ohr: «Sie bekommt so ein kleines Grübchen in der rechten Wange, wenn sie lächelt. Alle finden das süss. Nur sie nicht.»

Der Journalist drückte einige Male auf den Auslöser. Selma blickte steif in die Kamera.

«Meine Güte, Selma!», schimpfte Marcel. «Du bist selbst Fotografin. Also solltest du wissen, worauf es bei einem guten Bild ankommt!»

«Ist ja gut», murrte Selma, fuhr mit ihren Händen durch ihre langen Haare, schüttelte sie und rief dann genervt nach Lea. Diese eilte mit einem Kamm herbei und frisierte Selma.

«Du schaffst das, Selma», sprach ihr Lea Mut zu.

«Ja, du schaffst das, Liebste», wiederholte Marcel.

«Ihr seid doof», kommentierte Selma und warf sich nun gekonnt in Pose. Süsses Lächeln inklusive Grübchen, verführerischer Blick, ein Auge durch eine Haarsträhne verdeckt.

«Danke», sagte der Journalist und bat Selma, nun einige Fragen zu beantworten. Selma merkte schnell, dass der Typ nicht bloss ein Lokaljournalist war, der von seiner Chefin oder seinem Chef zu einer langweiligen Vernissage verknurrt worden war. Der Mann schien etwas von Kunst zu verstehen. Zumindest machte er diesen Eindruck, in dem er Selmas Bilder mit anderen Künstlern verglich und fragte, ob sie sich von diesen Malern habe beeinflussen lassen.

«Nein. Ich habe schon immer gemalt, habe meinen eigenen Stil verfolgt. Dann studierte ich Fotografie, was mich ebenfalls geprägt hat.»

«Aber sie wuchsen in einem künstlerischen Umfeld auf?»

«Wie meinen Sie das?»

«Ihre Mutter ist eine bekannte Kunsthistorikerin.»

«Sie kennen meine Mama?»

«Flüchtig. Ich arbeitete während des Studiums im Kunstmuseum.»

«Aha», machte Selma, schaute um sich und suchte ihre Mutter. Diese schien aber in ein Gespräch vertieft zu sein. «Meine Mutter versteht tatsächlich etwas von Kunst. Was man von mir nicht unbedingt behaupten kann.»

«Sie sind schliesslich keine Kunstkritikerin, Sie sind eine wundervolle Künstlerin.»

Selma fühlte sich geschmeichelt, zweifelte aber daran, dass das Kompliment echt war. «Na ja … ich male einfach. Und wie Sie gehört haben, wollte meine Mutter unbedingt diese Ausstellung.»

«Zum Glück. Ich nehme an, das künstlerische Talent haben Sie von Ihrer Mutter. Malt sie auch?»

Selma spürte einen dumpfen Schlag in der Magengegend, ihr wurde schwindelig. Sie verlor beinahe das Gleichgewicht und konnte sich nur mit Mühe auf ihren hohen Absätzen halten.

«Frau Legrand-Hedlund, alles in Ordnung?»

«Ja … ich brauche … einen Schluck Wasser …»

Der Journalist ging schnell zu Lea und bat um ein Glas Wasser. Als er zurückkam, war Selma verschwunden.

Kurz darauf wollten sich die ersten Gäste bei der Künstlerin verabschieden. Lea, Marcel und Elin begannen, Selma zu suchen. Aber Selma war weg.

2

Sie war weder draussen vor dem Haus «Zem Syydebändel» noch im kleinen Park beim Totentanz auf der anderen Strassenseite. Sie war auch nicht in ihrer Wohnung im dritten Stock, nicht in ihrem Atelier und auch nicht auf der kleinen Dachterrasse.

«Lasst mich kurz allein», bat Elin im Treppenhaus Selmas engste Freunde Lea und Marcel. «Ich habe so eine Ahnung.»

«Okay, dann räumen wir unten mal langsam auf», meinte Lea.

Elin wartete, bis die beiden verschwunden waren, ging dann vom dritten in den zweiten Stock und klopfte vorsichtig an die Wohnungstüre: «Selma?»

Sie bekam keine Antwort.

Elin war sich sicher, dass Selma drinnen war. Jahrelang war diese Wohnung im zweiten Stock für Selma und Elin tabu gewesen. Jahrelang hatte nur ihre Mutter Charlotte, die im ersten Stock des Hauses wohnte, diese Räume betreten. Den Schlüssel dazu hatte sie im Wandtresor hinter dem Gemälde des abgesetzten schwedischen Königs Gustav IV Adolf aufbewahrt. Selma und Elin hatten immer geglaubt, dass ihre Mutter diese Wohnung nur deshalb nicht freigab, weil hier sowohl Charlottes Ehemann Dominic-Michel Legrand wie auch ihr Vater Hjalmar Hedlund verstorben waren. Aber dann hatte Elin das Amulett mit dem Foto eines fremden Mannes in Charlottes Schlafzimmer gefunden und begann, Fragen zu stellen. Charlotte geriet unter Druck. Und hatte kurz darauf Selma in diese Wohnung im zweiten Stock geführt und ihr die Gemälde des schwedischen Malers Arvid Bengt Ivarsson gezeigt. Arvid Bengt Ivarsson war der Mann, dessen Foto in Charlottes Amulett war. Das Geheimnis war gelüftet. Und das Lügengebilde Charlotte Legrand-Hedlunds brach zusammen.

Elin klopfte erneut. «Selma, ich weiss, dass du da drin bist.»

Keine Antwort.

«Schwesterherz, ich komme jetzt herein.»

Elin öffnete langsam die Wohnungstür und sah im fahlen Licht der Strassenlaternen, das durchs Fenster schien, Selma auf einem der mit Leintüchern abgedeckten Sessel sitzen. Sie hatte die Pumps ausgezogen und hielt ihre Beine mit den Händen fest.

Selma funkelte Elin giftig an: «Nenn mich nicht Schwesterherz!»

Elin ging zu ihr und umarmte sie. «Wie soll ich dich denn sonst nennen? Halbschwesterherz? So ein Blödsinn. Du bist und bleibst meine Schwester!»

«Ich bin keine Legrand», fauchte Selma.

«Natürlich bist du das. Unsere Mutter hatte eine Affäre mit diesem Arvid Bengt Ivarsson, na und? Da waren sie und Papa noch kein richtiges Paar. Sie hatten sich gekannt, ja, vielleicht auch geliebt – ach, das spielt doch jetzt keine Rolle mehr. Wichtig ist, dass unsere Mutter ihrem zukünftigen Ehemann alles gebeichtet hat. Und vor allem, dass er sie trotzdem und obwohl sie schwanger war, geheiratet und dich wie seine leibliche Tochter angenommen hat.»

«Angenommen?» Selma stand auf, ging ans Fenster und starrte zum Totentanz hinaus. Die farbigen Herbstblätter an den Bäumen im kleinen Stadtpark tanzten im leichten Wind. Blies der Wind kräftiger, lösten sich viele Blätter von den Ästen und schwebten zu Boden. «Angenommen?», wiederholte Selma giftig. «Was für einen Mist redest du?» Selma drehte sich um, nahm die alten Familienfotos der Legrands und der Hedlunds vom Regal und streckte sie Elin entgegen. «Alles Lug und Trug, Elin», schimpfte Selma und warf die Fotos auf den Boden. Die Glasscheiben zersplitterten. «Dem feinen Söhnchen aus der noblen Bankiersfamilie Legrand war wohl nichts anderes übriggeblieben. Das war doch alles ein abgekartetes Spiel: Monsieur Dominic-Michel Legrand aus der Basler Hautevolee, dem Daig, heiratete die Tochter des angesehenen schwedischen Professors Hjalmar Hedlund! Ich bitte dich, Elin. Da wurde ein Bastard wie ich nicht geduldet.»

«Selma!», rief Elin erschrocken. «Du bist kein …»

«Natürlich bin ich das!»

«Vater hat dich geliebt.»

«Er ist nicht mein Vater. Er ist nicht mein Vater.» Selma liess sich auf die Knie fallen, vergrub ihren Kopf in den Händen und schluchzte.

«Selma, du darfst das nicht so sehen. Wirklich nicht. Mein Vater ist auch dein Vater. Du hast jetzt eben zwei Väter. Vielleicht suchst du ihn …»

«Ich werde ihn nicht suchen, verdammt nochmal!», wetterte Selma zwischen ihren Heulkrämpfen. «Der Idiot interessiert mich nicht. Und das künstlerische Talent habe ich sicher nicht von ihm! Warum hat Mutter überhaupt all diese Bilder? Ach, was soll’s! Es ist mir völlig egal!»

Elin versuchte, Selma zu trösten: «Lass es raus, lass es endlich raus!» Doch Selma weinte und weinte. Als sie sich etwas beruhigt hatte, sagte Elin leise: «Wenigstens redest du wieder darüber. Seit dich Mama in diese Wohnung geführt hat, habt ihr ein Mal zusammen geredet. Und ein Mal noch mit mir. Dann wolltest du nicht mehr darüber sprechen. Dabei beschäftigt mich das alles sehr. Ja, auch ich leide darunter. Weil ich dich liebe. Und weil ich meine Familie liebe. Aber du wolltest nie erfahren, was …» Elin brachte den Satz nicht zu Ende. Sie war aufgewühlt, wollte nichts Falsches sagen, vor allem keine Vorwürfe machen.

Selma blickte auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und sagte resolut: «Ich will auch jetzt nicht darüber sprechen. Ich will feiern. Gib mir fünf Minuten. Dann komm ich hinunter, und wir ziehen um die Häuser. Wer noch da ist, soll mitkommen!»

Selma stieg in ihre Wohnung in den dritten Stock, um sich frisch zu machen und um ihren Mantel zu holen. Als sie in den Coiffeursalon zurückkam, waren nur noch Lea, deren Freund Georg, Elin, Marcel, ihre Mutter und Jonas Haberer anwesend.

«Selmeli, ist alles in Ordnung mit dir?», wollte Charlotte wissen.

«Alles bestens», sagte Selma, «habe ich rote Augen?»

«Ganz leicht. Hast du geweint?»

«Ein bisschen, vor Rührung», log Selma. «Kommst du mit?»

«Mit? Wohin?», fragte Charlotte.

«Feiern!»

«Wir sind dabei», sagte Jonas und legte seinen Arm um Charlotte. Diese schaute ihn ziemlich verdutzt an. «Keine Widerrede, Charlotte», sagte Jonas. «Wir zeigen jetzt dem jungen Gemüse, wie man richtig feiert.»

Mit seinen schweren Schritten und seinen roten Boots liess Jonas Haberer die Mittlere Rheinbrücke erzittern. Klack – klack – klack. Zielstrebig und als klarer Leader der kleinen Vernissagetruppe steuerte er im Kleinbasel die erste Kneipe an und bestellte vier Glas Sekt und fünf Bier.

«Warum fünf Bier?», wollte Lea wissen. «Ihr seid nur drei Männer.»

«Wirst du gleich sehen, Süsse», meinte Haberer und lachte laut. So laut, dass alle anderen Gäste zu ihm schauten. Als die Bestellung serviert wurde, leerte Jonas Haberer das erste Bierglas in einem Zug. Das zweite ebenso. Dann ergriff er das dritte und prostete allen anderen zu: «Hatte ich vielleicht einen Durst, goppeloni!» Das «Goppeloni» versuchte er in Baseldeutsch auszusprechen, was ihm als Berner nicht wirklich gelang. «Ein Kumpel aus Basel sagt das immer, goppeloni, ein Kriminalkommissar, ein Kommissär, wie man hier sagt.» Wieder lachte er laut heraus. Dann hustete er ebenso laut und sagte: «Schluss damit! Wir trinken auf unsere fantastische Künstlerin, Selma Legrand-Hedlund genannt Selmeli!»

«Haberer», fauchte Selma, lächelte ihn daraufhin aber charmant an.

«Ich darf Selmeli sagen», meinte Haberer. «Ich und deine Mama.»

Während alle anderen an ihren Gläsern nippten, leerte Haberer auch das dritte Bier in einem Zug. Und bestellte sich ein viertes.

Er nahm Selma am Arm und sagte: «Deine Bilder sind okay. Aber du bleibst Reporterin, klar?»

«Meine Kunst ist brotlos …»

«Zum Glück. Und noch was, bevor ich betrunken bin: Ich habe einen neuen Job für dich.»

«Oh! Was denn?»

«Habe ich vergessen. Erzähle ich dir morgen beim Frühstück.»

«Frühstück?»

«Prost, Selmeli!»

Nach dem Besuch des ersten Lokals verabschiedete sich Selmas Schwester Elin. Nach dem zweiten Lokal Lea. Ihr Partner Georg war bereits zünftig in Schuss, hatte einen Narren an Selma und Jonas Haberer gefressen und wollte unbedingt noch weiterziehen. Das machte Lea ziemlich sauer. Marcel rettete die Situation, in dem er anbot, Lea ein Stück weit zu begleiten.

«Bringst du sie nach Hause, bitte?», fragte Selma.

«Klar.» Marcel gab Selma drei Küsschen. «Pass auf dich auf, Liebste.»

«Pass auf dich auf, Liebster», sagte auch Selma und drückte ihn an sich – was definitiv nicht zu ihrem «Liebste und Liebster»-Ritual gehörte.

«Können wir endlich weiter?!», brüllte Haberer, legte den Arm um Selmas Mutter und steuerte nun im Basler Rotlichtmilieu eine ziemlich düstere Spelunke an. Die Bar war heruntergekommen, der rote Samt an den Wänden schmutzig, die roten Lampen staubig.

Haberer bestellte wiederum Sekt für die Damen und Bier für die Herren. Selma spürte mittlerweile den Alkohol, und ihre Füsse in den hohen Schuhen schmerzten. Sie setzte sich an die Bar. Rechts neben ihr nahmen Jonas und Charlotte Platz, links Georg.

Bald spürte sie eine Hand an ihrer Hüfte.

Es war Georgs Hand. «Weisst du eigentlich, dass du umwerfend sexy bist?», sagte er leicht lallend. «Das wollte ich schon lange einmal sagen.»

Selma stand auf und lächelte die Anmache weg. «Ich glaube, ich sollte nach Hause.» Sie wandte sich zu Charlotte, die mit Haberer eifrig diskutierte: «Mama, was meinst du? Gehen wir?»

«Ich bin in besten Händen, Liebes», sagte Charlotte und lächelte Jonas Haberer an. «Wir reden über Kunst.»

«Über Kunst … aha.» Selma war erstaunt. Haberer und Kunst – diese Kombination war ihr gänzlich unbekannt. Und sie konnte sie sich auch nur schwer vorstellen.

Georg hielt plötzlich Selmas Arm fest und sagte: «Du bist doch auch in besten Händen, Selmeli.» Er griff mit der anderen Hand an Selmas Po.

Selma zog ihren Arm weg, warf Georg einen stechenden Blick zu und sagte zu Haberer: «Wir gehen!»

«Wir gehen?»

«Wir gehen!» Selmas Augen funkelten.

Haberer verstand: «Muss ich wegen einem Grapscher meinen Goppeloni-Polizisten-Kumpel rufen?» Haberer holte demonstrativ sein Handy hervor.

Georg schaute ihn verdattert an.

Haberer zahlte und führte die beiden Damen aus dem Lokal. Als Georg ihnen folgen wollte, sagte Haberer: «Bestell dir ein Taxi!»

Klack – klack – klack. Haberer übertönte mit seinen Boots das spitze Klacken von Selmas und Charlottes hohen Absätzen. Mutter und Tochter hatten sich bei ihm eingehängt.

«Das war widerlich!», echauffierte sich Selma, als sie durch die menschenleere Stadt gingen. «Ich wusste nicht, wie schrecklich Leas Partner ist, furchtbar.»

«Hast du wirklich einen Freund im Kommissariat, Jonas?», fragte Charlotte.

«Na ja, in meinem früheren Leben als richtiger Reporter, als Boulevard-Ratte. Lange her. Da habe ich noch in der Gosse recherchiert. Heute besuche ich Vernissagen! Verdammt, was ist bloss aus mir geworden?!» Er lachte. Er lachte laut. Sein Lachen hallte durch die Gassen. Dann räusperte er sich und sagte: «Ich habe Hunger. Gibt es noch einen mitternächtlichen Schwedenschmaus?»

«Oh, Gott, nein!», rief Selma.

«Hering habe ich immer im Haus», sagte Charlotte. «Und Schnaps ebenso!»

3

«Skål!» Immer wieder «Skål!»

Charlotte Legrand-Hedlund, die Kunsthistorikerin und Dame aus besserer Gesellschaft, sowie Jonas Haberer, der rüpelhafte Ex-Chefredaktor und jetzige Medienunternehmer, prosteten sich nach jedem Hering mit einem Gläschen Aquavit zu. Als die Flasche leer war, Haberer aber noch nicht genug hatte, holte Charlotte eine fast volle Flasche Absolut, schwedischen Wodka.

«Skål!»

Selma konnte es kaum fassen, dass ihre Mutter überhaupt noch stehen konnte. Sie hatte sicher die meisten Sekt- und Schnapsgläser irgendwo ausgeleert. Und stattdessen viel Wasser getrunken. Jedenfalls nippte Charlotte immer wieder an einer Petflasche.

«Los, Selmeli, du Spassbremse!», grölte Jonas. «Zieh dir auch einen Hering rein – und vor allem Schnaps. Ihr Skandinavier sauft doch alle bis zum Umfallen. Da bin ich dabei.»

«Ich bin Schweizerin», protestierte Selma. «Aber gut, her mit dem Zeugs. Dieser ekelhafte Georg hat mir den Rest gegeben. Jetzt gebe ich mir die Kante! Skål!»

«Ich mache ihn fertig», sagte Haberer. «Aber erst morgen.»

Da Selma Vegetarierin war, verzichtete sie auf einen Hering und trank den Wodka pur. Haberer schenkte ihr gleich noch einmal ein. Auch dieses Glas leerte Selma.

Fünf Minuten später war ihr übel. Alles drehte sich. Sie streifte die Pumps von ihren Füssen und stand vorsichtig auf. Sie wankte. Wie sie von Mutters Wohnung im ersten Stock zu ihrer eigenen Wohnung im dritten gelangen sollte, war ihr schleierhaft. Sie nahm sich deshalb vor, sich kurz auf Mamas Bett zu legen, danach Jonas nach Hause oder irgendwohin zu schicken und dann in ihre Wohnung zu steigen und schlafen zu gehen.

In Charlottes Schlafzimmer liess sie sich aufs Bett fallen. Sie fühlte sich wie auf einem Karussell. Selma schloss die Augen.

Als sie aufwachte, war es hell. Sie lag immer noch auf Mamas Bett. Und sie trug immer noch ihr blaues Kleid. Neben ihr, warm zugedeckt, schlummerte ihre Mutter – abgeschminkt und mit Nachthemd.

Selma setzte sich auf. Sie spürte leichtes Kopfweh. Aber wenigstens drehte sich nichts mehr. Ans Karussell konnte sie sich noch erinnern. Was davor passiert war, wusste sie nicht mehr.

Das änderte sich, als sie das Wohnzimmer betrat. Auf den Beistelltischen standen mehrere leere Heringgläser, Schnapsgläser und je eine leere Aquavit- und Absolut-Flasche. Ihre Pumps lagen auf dem Boden. Und auf dem abgewetzten Biedermeiersofa lag Jonas Haberer. Er war komplett angezogen. Auch seine roten Boots hatte er noch an.

«Oh, Gott», murmelte Selma. «Ich brauche einen Kaffee.»

Selma ging in die Küche und setzte Filterkaffee auf. Sie schaute zu, wie die braune Brühe in die Kanne tröpfelte. Sie starrte mit leerem Blick in die Kanne. Plötzlich hörte sie das laute Klack – klack – klack, aber im Gegensatz zu sonst nur sehr langsam.

«Gibt es Kaffee?», fragte Jonas Haberer und blinzelte. Seine normalerweise fett eingegelten Haare fielen in sein faltiges Gesicht.

«Gleich», antwortete Selma. «Sag mal, warum konntest du gestern an der Vernissage so lautlos übers Parkett …» Sie suchte nach dem richtigen Wort.

«Schweben?», half Haberer nach.

«Na ja, schweben, ich weiss nicht, treten. Bist du ein Leisetreter geworden?»

Haberer lachte kurz, hustete, verzog das Gesicht und griff sich an den Kopf.

«Brummschädel?»

«Ach was!» Er fuhr sich durch die Haare, strich die Strähnen nach hinten, spuckte in die Hände und pappte damit seine Haare an den Kopf. «So, ich bin wiederhergestellt», sagte Haberer und räusperte sich laut. «Zu deiner Frage: Nein, ein Leisetreter werde ich nie sein. Ich habe eben Manieren.»

«Oh», machte Selma nur und goss den Filterkaffee in eine Tasse. «Milch?»

«Schwarz.»

Selma reichte die Tasse Haberer. Dieser nahm einen grossen Schluck, würgte und verdrehte die Augen: «Was ist das?»

«Kaffee.»

«Jesusmariasanktjosef. Das kann man ja nicht saufen. Liegt es am Rheinwasser, oder ist euch der Kaffee ausgegangen?»

Selma machte Jonas Haberer einen Espresso.

«Hattest du schon einmal Probleme mit diesem Georg?», fragte Haberer und setzte sich an Charlottes Küchentisch.

«Nein, bisher nicht, aber ich sehe ihn auch nicht oft.»

«Wenn er dich das nächste Mal belästigt, rufe ich den Kommissär Zufall an.»

«Bitte?»

«Wie ich gestern schon gesagt habe: Ich kenne jemanden auf dem Kommissariat. Olivier Kaltbrunner.»

«Und wieso kennst du ihn?»

«Hatte einmal eine geile Story in Basel. Da warst du auf irgendeiner deiner sinnlosen Reportagen im Ausland, um die Welt zu verbessern. Währenddessen hockten dieser Oli und ich in den Rattenlöchern von Basel und haben diese Stadt und die Welt nicht nur verbessert, nein, wir haben sie gerettet.»

«Aha», sagte Selma und glaubte ihm kein Wort.

«Ich kann mich daran erinnern», sagte plötzlich Charlotte, die perfekt frisiert und gestylt im Türrahmen stand. «Es ging um einen Angriff von Terroristen. Und um Giftgas.»

«Echt jetzt?», fragte Selma erstaunt.

Haberer nickte stolz.

«Es war fürchterlich», meinte Charlotte, hüstelte kurz und fuhr fort: «Aber Jonas hat als Journalist auch schon ein monströses Armeeprojekt verhindert und uns alle vor einem schrecklichen Virus …»

«Zu viel der Ehre, liebe Charlotte», unterbrach Haberer und stand auf, «ich habe nur getan, was ein Mann tun muss. Aber ja, du hast recht», er lächelte Charlotte an, «es war verdammt viel. Dank mir sind wir alle gesund und frei!»

«Natürlich», sagte Charlotte schmunzelnd. «Ich würde jetzt gerne Kaffee mit euch trinken.»

Haberer bot Charlotte seinen Stuhl an und setzte sich neben Selma.

«Mama, warum bist du so fit? Du hast doch ordentlich getrunken?»

«Ja, Wasser.»

«Deine Mutter ist eine Dame», sagte Haberer. «Sie hat ihre Tricks.»

«Gut, dass ihr mich daran erinnert.» Sie ging in die Stube und kam mit einer Petflasche zurück, die mit einer gelblichen Flüssigkeit gefüllt war. Diese leerte sie nun im Schüttstein aus.

«Was war das?», fragte Selma erstaunt.

«Eine Mischung aus Sekt, Aquavit und Wodka.»

«Du willst aber nicht sagen, dass du den Alkohol nicht geschluckt, sondern in diese Flasche gespu…»

«Selmeli!», unterbrach Charlotte.

Selma und Jonas schauten sich an und mussten lachen.

Plötzlich stand Jonas auf und sagte: «Leute, ich muss! Selma, morgen um 10 Uhr in Engelberg, klar?»

«Bitte?»

«Dein Auftrag.»

«Wie, mein Auftrag? Du hast nichts gesagt.»

Jonas schaute Charlotte an, die aber nur mit den Schultern zuckte. «Okay, dann habe ich es vergessen. 10 Uhr Engelberg. Du musst über verrückte Skifahrer eine Reportage machen. Die Sache eilt.»

«Jonas, ich bin keine Sportreporterin.»

«Papperlapapp. Geht mehr um Porträts. Ich ruf dich an!» Er drehte sich zu Charlotte und warf ihr einen Kuss zu. «Es war mir eine Ehre, Madame Charlotte Svea Legrand-Hedlund.» Und zu Selma sagte er kurz: «Selmeli, wir hören uns.»

Klack – klack – klack. Die Tür fiel ins Schloss. Jonas Haberer, der Kotzbrocken, war weg.

«Was für ein Mann», hauchte Charlotte und nippte an ihrem Kaffee.

Selma packte ihre Pumps und ging in ihre Wohnung. Sie liess Wasser in die Badewanne einlaufen, zog sich aus und legte sich hinein. Sie lag so lange in der Wanne, bis sie fror. Dann liess sie das Wasser ab und duschte. Als sie sich im Spiegel anschauen wollte, war dieser beschlagen. Sie föhnte ihn. Dann betrachtete sie sich und war überrascht: So übel, wie sie sich fühlte, sah sie nicht aus.

Sie hüllte sich in ihren Bademantel, packte ihre Haare in einen Frotteeturban, setzte Kaffee auf und checkte ihr Handy. Sie hatte viele Nachrichten über WhatsApp erhalten. Es waren Dankesschreiben für die Vernissage, meistens mit etwas übertriebenen Huldigungen zu ihrem Talent als Malerin.

Dann entdeckte sie die Nachrichten von Georg. In der ersten entschuldigte er sich für sein Verhalten. Er habe etwas zu viel getrunken. In der zweiten bedankte er sich und schrieb, welch faszinierende Frau Selma sei. Die dritte Nachricht lautete: «Uns verbindet etwas ganz Grosses. Wir wissen beide, dass wir zusammengehören.»

Selma rannte ins Bad und übergab sich.

4

Er hiess Lasse Svensson, war Selmas Kontaktperson in Engelberg und sah gut aus. Das registrierte das fotografische Auge der Reporterin sofort. Lasse hatte halblange, leicht gewellte, blonde Haare, blaue Augen, gebräunter Teint. Er hatte einen kräftigen Händedruck und ebenso kräftige Arme, auf denen sich die Adern deutlich abzeichneten. Dass Lasse nicht mehr ganz jung war, erkannte Selma daran, dass sich der Haaransatz ziemlich weit oben befand und sich auf der Schädeldecke die Haarreihen bereits gelichtet hatten. Auch die Falten am Hals und im Gesicht wurden nur noch rudimentär durch den blonden Dreitagebart verdeckt. All das schmälerte Lasses Attraktivität keineswegs. Nicht nur Selmas fotografisches Auge war von der Erscheinung angetan.

Lasse Svensson war Schwede und so etwas wie der Manager und Vermarkter der Engelberger Freerider, einer Gruppe tollkühner, junger Skifahrerinnen und Skifahrer aus der Schweiz, Schweden, Kanada, USA und Australien. Auch ein junger Russe gehörte dazu. Die rund 25 Frauen und Männer gehörten zu jenem Kreis von internationalen Snowboardern und Skifahrern, die immer auf der Suche nach dem besten Powder waren – dem besten Pulverschnee – und der steilsten und gefährlichsten Berghänge dieser Welt. Da der Innerschweizer Tourismusort Engelberg dies bieten kann, über eine perfekte Infrastruktur verfügt und nur anderthalb Stunden vom Zürcher Flughafen entfernt liegt, war er in den letzten Jahren ein internationaler Hotspot dieser verrückten Szene geworden.

«Geschneit hat es, das Wetter ist gut, und nun bist auch du da», sagte Lasse in gutem Deutsch. Sein leicht schwedischer Akzent war äusserst sympathisch. «Morgen kann es losgehen.»

«Dazu hätte ich noch einige …»

«Später, jetzt trinken wir erst mal etwas, okay? Weisst du, wir nehmen hier alles ein bisschen easy.» Lasse lächelte und begab sich hinter die Theke der Hell-Bar – der Höllen-Bar – im Powder-Inn, in dem Selma ein Zimmer gebucht hatte. Das Powder-Inn war ein alter Hotelkasten. Er lag nur wenige Schritte hinter dem Engelberger Bahnhof und war liebevoll renoviert und ausgestattet worden. An den Wänden der Hell-Bar hingen alte Skis und viele Plakate und Fotos. Die Plakate warben für die Olympischen Winterspiele der letzten Jahrzehnte auf den verschiedenen Kontinenten dieser Welt. Die Fotos zeigten Skirennfahrer und Skispringer aus ebenfalls längst vergangener Zeit. Dazwischen hingen Masken und Figuren kleiner Teufel und Hexen. Die Höllen-Bar stand eindeutig für Höllenritte im alpinen Schneesport. Und das Hotel Powder-Inn war das Zentrum der Engelberger Freeriderszene.

Selma war über Lasses Ausdrucksweise irritiert. «Alles easy» war nicht ihre Sache, war es niemals gewesen und würde es auch niemals sein. Der so attraktive Lasse hatte bereits einen ersten Kratzer erhalten.

Den zweiten fügte er wenige Minuten später hinzu: Statt Kaffee oder Tee oder Wasser zu trinken, schenkte sich Lasse ein Bier aus dem Zapfhahn ein. Dabei war es erst kurz nach halb elf Uhr morgens.

«Cheers», sagte Lasse. «Oder: Skål! Du bist doch Schwedin, oder? Jonas hat sowas gesagt.»

«Jonas sagt viel, wenn der Tag lang ist», meinte Selma und hob ihr Latte-Macchiato-Glas: «Skål!» Sie nahm einen Schluck, leckte sich mit der Zunge den Milchschaum von den Lippen und löffelte den Rest aus dem Glas. Plötzlich bemerkte sie, wie Lasse sie beobachtete und anlächelte.

Selma lächelte verlegen zurück, versuchte aber mit der Hand ihr Grübchen in der rechten Wange zu verdecken. Ihr Grübchen, das sie einfach nicht mochte.

«Jonas sagt zudem», meinte Lasse, «dass du die Beste für diesen Job bist.»

«Wie bereits erwähnt: Jonas sagt viel. Leider hat er mir vergessen zu sagen, dass es diesen Job überhaupt gibt. Ich habe erst gestern davon erfahren.»

«Oh. Wir wissen seit drei Monaten, dass du kommen wirst.»

«Entweder wird Jonas alt. Oder er …», Selma deutete auf Lasses Bierglas, «… er trinkt zu viel.»

Lasse lachte, ergriff sein Glas und schüttete das Bier in den Ausguss. «Besser so?»

Punkt für ihn, dachte Selma. Und: Ja, er ist süss, charmant, gutaussehend. Aber nicht mein Typ. Er flirtet viel zu offensiv. Und er hat überhaupt nichts vom zurückhaltenden, typischen Schweden.

Sie fuhr sich mit den Händen durch ihre Haare und sagte betont sachlich: «Die Reportage über euch soll im Bordmagazin der Scandinavien Airlines erscheinen. Das wisst ihr?»

«Klar. Jonas hat gesagt, die Story über die verrückten Freerider in Engelberg soll sogar auf die Titelseite.»

«Ja, ja, Jonas …»

«… sagt viel, wenn der Tag lang ist», ergänzte Lasse und lachte. Auch Selma musste lachen.

Zwei Stunden später fuhren sie mit der grossen Seilbahn auf den Titlis, zusammen mit vielen Touristen aus Indien und anderen asiatischen Ländern. Obwohl das Wetter ziemlich trüb war, liessen sich die Touristen ihre Stimmung nicht vermiesen. Sie genossen den Ausblick aus der sich langsam drehenden Kabine der Titlis-Rotair, fotografierten den Gletscher, zogen die Reissverschlüsse ihrer Daunenjacken bis zum Hals hinauf und drückten ihre Mützen tief ins Gesicht.

Auf dem Gipfel stürmte es. Und es war minus zehn Grad kalt. Kleine Eiskristalle wurden in der Luft herumgewirbelt. Selma zurrte die Kapuze ihrer Skijacke zu und schaute belustigt den ausländischen Gästen zu, wie sie in ihren Sneakers durch den Schnee stapften und immer wieder ausrutschten. Mit ihrer kleinen Kamera schoss Selma einige Bilder.

Lasse redete fast ununterbrochen und zeigte mit den Händen in diese und jene Richtung. Selma konnte ihn kaum verstehen, weil der Wind so laut war. Lasse erklärte ihr wohl, wo und wie morgen das Fotoshooting stattfinden sollte und wo die Freerider in den Hang einsteigen würden.

Schliesslich gingen Selma und Lasse wie die Touristen über die Hängebrücke und durch die Gletschergrotte wieder zurück zur Titlis-Bergstation. Im Restaurant roch es nach Curry und Koriander. Neben dem asiatischen Buffet stand eine Kaffeemaschine. Selma und Lasse liessen sich zwei Latte Macchiato von der Maschine zubereiten und setzten sich an einen Tisch. Lasse zog eine Karte der Schweizer Landestopografie hervor, zeigte Selma die genaue Route und markierte mit kleinen Kreuzen die besten Standorte für die Aufnahmen.

«Wir machen das nicht zum ersten Mal», erklärte er Selma. «Ich werde dich zu all diesen Punkten führen, damit du dich ganz aufs Fotografieren und Filmen konzentrieren kannst. Wir machen auch einen Clip, oder?»

«Ja. Deshalb brauche ich einfach Zeit und verschiedene Standorte. Und das Wetter muss mitspielen.»

«In der Nacht sollte es wieder schneien und frischen Powder geben. Am Tag soll dann die Sonne scheinen. Wir werden fantastische Bedingungen haben. Ein bisschen Sorge …» Lasse zögerte.

«Sorge?»

«Na ja, es soll wieder wärmer werden.»

«Darüber wäre ich nicht unglücklich.»

«Wärme ist für einen Gletscher immer schlecht. Und ebenso für Freerider und Bergsteiger, die sich darauf bewegen. Aber wir passen auf. Zudem sind wir alle bestens ausgerüstet. Für dich haben wir auch geeignetes Material.»

«Gut. Aber ich bin keine Freeriderin. Ich fahre nicht über den Gletscher.»

«Öhm», Lasse stockte kurz, «das wird sich leider nicht vermeiden lassen, Selma. Du seist eine ganz hervorragende Skifahrerin, sagt …»

Selma sprang auf und wählte auf ihrem Handy die Nummer von Jonas Haberer. Während die Verbindung aufgebaut wurde und es schliesslich klingelte, murmelte Selma aufgebracht: «Ein paar Porträts machen, dass ich nicht lache, Habilein!»

Jonas Haberer nahm den Anruf nicht entgegen.

5

Es tröpfelte noch leicht, als Selma und Lasse am nächsten Morgen die Seilbahn Engelberg-Titlis bestiegen. An den Fenstern der Achtergondel perlte das Wasser ab. Als die Kabine die erste Zwischenstation am Trübsee erreichte, deutete nichts darauf hin, dass das Wetter besser werden sollte. Auch bei der zweiten Zwischenstation Stand, wo die beiden in die grosse Titlis-Rotair-Kabine umsteigen mussten, gab es Niederschlag – allerdings nicht Regen, sondern Schnee.

Selma dachte nach, ob sie schon einmal Ende November auf den Skis gestanden war. Nein. Irgendwie war doch fast noch Sommer. In Basel zumindest war es bis kurz vor ihrer Vernissage noch sommerlich warm gewesen. Und jetzt stand sie mitten im Schnee, ausgerüstet wie eine Profifreeriderin. Was ihr ganz und gar nicht behagte.

Lasse hatte darauf bestanden und sie gestern nach dem Besuch auf dem Titlis in einem Sportgeschäft direkt neben dem Powder-Inn ausgestattet: breite und leichte Freerideskis inklusive Spezialbindung und -schuhe, Felle, Helm und ein Rucksack mit Airbag, Lawinenverschütteten-Suchgerät, Lawinenschaufel, Sonde. Da das Fotoshooting auf dem Gletscher stattfinden sollte, hatte Lasse aus dem Fundus der Freerider im Keller des Powder-Inn für Selma Steigeisen, Eispickel, Eisschrauben und ein Seil geholt.

Am Abend hatte sie bei einem Drink und einem Snack in der Hell-Bar einige der Freerider kennengelernt. Unter ihnen Ole und Deborah, die sich Debby nannte. Sie waren die idealen Hauptpersonen für Selmas Reportage: Ole, der coole Schwede, und Debby, die bodenständige Einheimische. Selma sprach lange mit ihnen und machte sich Notizen.

Ole und Debby hatten sich beim Freeriden kennengelernt, verliebt und schliesslich in Engelberg eine gemeinsame Zukunft aufgebaut. Ole, der studierte Sportlehrer aus Malmö, arbeitete als Schneesportlehrer. Im Sommer gab er Kurse als Biketourenleiter. Debby arbeitete im Tearoom und der Confiserie ihrer Eltern und sprach deshalb den einheimischen Dialekt mit den vielen ä und ü.

Irgendwann war Selmas Kopf voll mit neuen Informationen und Eindrücken. Sie hatte sich entschuldigt und war ins Bett gegangen.

Die Bergbahn schwebte steil hinauf. Die Wolken lichteten sich. Selma schaute auf den Gletscher. Hier sollte sie mit den Skis hinunterfahren! Der Reporterin wurde es mulmig. Natürlich, sie war eine gute Skifahrerin, schliesslich hatte sie mit Edith auch eine tolle Lehrerin gehabt. Aber das war lange her. Und Selma war aus der Übung.

Selma schweifte mit ihren Gedanken ab und erinnerte sich an ihre Jugendzeit, an die vielen Winterferien in Gstaad. Aber war sie mit Edith auch einmal auf einem Gletscher? Edith, die so tragisch verunglückt war. Selma dachte auch an Ediths Sohn Res, den sie bei ihrer Reportage auf der Alp hoch über dem Lauenensee wieder getroffen hatte. Und sie sah Martina vor sich, die Käserin, das verrückte Huhn. Wie es ihr wohl ging? Obwohl Martina geglaubt hatte, sie wären beste Freundinnen fürs Leben, war der Kontakt abgebrochen. Hatte Selma sie überhaupt zu ihrer Vernissage eingeladen?

«Auf geht’s!», sagte Lasse und riss Selma aus ihren Gedanken. Die Seilbahn war in die Bergstation eingefahren. Lasse und Selma stiegen aus und buckelten ihre Skis bei heftigem und eisigem Gegenwind zum Einstieg in die Abfahrtsroute.

«Alles klar, Selma?», fragte Lasse. Wegen des Windes musste er schreien. «Du solltest jetzt den Helm aufsetzen.»

Selma hasste den Helm. Ihre Haare und ihre Frisur waren ein äusserst sensibles Thema. Ein Helm war tödlich. Er war der Hauptgrund, weshalb sie in Basel kaum mit dem Fahrrad unterwegs war. Aber jetzt ging es nicht anders. Selma stülpte sich den Helm über den Kopf und setzte die Skibrille auf. Tatsächlich gab es am Himmel erste blaue Flecken.

«Pass jetzt gut auf, Selma», begann Lasse und instruierte sie noch einmal genau über das Gelände, über ihre Ausrüstung, zeigte ihr nochmals den Notgriff des Lawinenairbags, umarmte sie schliesslich und streckte den in einen dicken Handschuh eingepackten Daumen nach oben. Selma erwiderte sein Zeichen und stürzte sich hinter Lasse in den Abgrund.

Die ersten Schwünge im Tiefschnee, im Powder, waren schrecklich. Selma kam sich vor wie eine Anfängerin. Doch Lasse legte eine perfekte Spur hin – wie damals Edith. So gewann Selma schnell an Leichtigkeit, und schon bald tanzte sie durch den Pulverschnee, wie Edith immer gesagt hatte. Selma bekam immer mehr Spass. Was für einen tollen Job sie doch hatte!

Selma und Lasse erreichten den ersten Standort für die Aufnahmen. Sie zogen die Skis aus und montierten die Steigeisen. Die Reporterin kramte die Fotokamera aus ihrem Rucksack hervor, checkte alles durch und brachte sich in Stellung. Mit einer App kontrollierte sie den Lauf der Sonne, falls sie denn zum Vorschein kommen sollte. So konnte sie entscheiden, wie sie die Freerider im Licht- und Schattenspiel am besten einfangen konnte.

Lasse holte sein Funkgerät hervor und rief Ole. Ole meldete sich auf Schwedisch. Sie seien gerade auf dem Titlis angekommen.

«Okay, verstanden», sagte Lasse ebenfalls auf Schwedisch. «Wir sind bereit und können …»

«Wir sind nicht bereit», ging Selma dazwischen. «Wir brauchen Sonne. Im Moment hocken wir in einer Milchsuppe.»

«Wir brauchen Sonne», meldete Lasse durch den Funk an Ole.

«Okay, verstanden, wir warten. Meldet euch, wenn es so weit ist. Wir sind im Restaurant an der Wärme.» Ole lachte kurz, das Funkgerät zischte, und die Verbindung brach ab.

«Wir warten», sagte Lasse, setzte sich neben Selma in den Schnee und angelte eine Thermosflasche aus seinem Rucksack. Er reichte Selma den Becher: «Ist Tee, kein Bier», meinte er und zwinkerte der Reporterin zu.

Der Tee wärmte. Und auch die Nähe zu Lasse wärmte. Irgendwie. Ja, irgendwie fühlte sich Selma mit diesem Kerl, der scheinbar alles so easy nahm, ziemlich sicher. Denn was die Sicherheit betraf, nahm Lasse nichts easy. Überhaupt hatte sie das Gefühl, dass die Freerider zwar verrückte Typen waren, mit einer scheinbaren Leichtigkeit durchs Leben gingen und ihr ganzes Leben dem Powder und dem perfekten Moment unterordneten, aber dabei keineswegs ihr Leben aufs Spiel setzten. Genau solchen Fragen müsste sie in den Interviews auf den Grund gehen.

«Du bist eine fantastische Skifahrerin», sagte Lasse plötzlich. «Jonas hat schon recht gehabt, was er über dich erzählt hat. Auch wenn er vielleicht viel sagt, wenn der Tag lang ist.»

«Jonas ist ganz okay. Ich habe viel von ihm gelernt. Er hat zwar einen kleinen Dachschaden, aber den habt ihr ja auch.»

«Und du ebenso. Brauchst doch Action in deinem Leben. Sonst wärst du nicht in Krisengebiete gereist, um Reportagen zu machen.»

«Das ist lange her. Woher weisst du das überhaupt?» Lasse lächelte nur.

«Alles klar. Ich werde mir Jonas vorknöpfen.»

«Hast du in solchen Krisengebieten nie Angst gehabt?»

Wenn der wüsste, welche Scheissangst ich gehabt habe, dachte Selma. Und welche Angst ich jetzt habe, dass ich hier heil herunterkomme. Aber sie antwortete nicht. Das Gespräch wurde ihr gerade zu intim. Sie sprach nicht gerne über sich. Ausser mit Lea. Oder Marcel. Ihren besten Freunden. Ja, mit Marcel! Er war der einzige, dem sie sich voll und ganz anvertrauen konnte. Obwohl: Die Geschichte ihres leiblichen Vaters hatte sie ihm nicht erzählt.

Ein leises Zischen war zu hören, das schnell lauter wurde. Plötzlich tauchte die Titlis-Rotair-Seilbahn aus dem Nebel auf. Das Zischen stammte von den beiden dicken Tragseilen, über die die vielen Räder ganz oben am Arm der Kabine rollten.

«Ole!», funkte Lasse.

«Verstanden.»

«Geht los.»

«Verstanden.»

Lasse stand auf und sagte zu Selma. «In zehn Minuten bekommst du deine Bilder.»

Selma schaute nach oben. Noch hingen Nebelschwaden über ihnen. «Aha. Zehn Minuten.»

Die bergauffahrende Kabine zischte nun ebenfalls vorbei. Sie war schon sehr viel besser zu sehen. Tatsächlich kämpfte sich jetzt die Sonne durch den Nebel, der sich auflöste. Es wurde sofort wärmer.

«Lasse?», plärrte es aus dem Funk. «Seid ihr bereit?»

Selma zog Brille, Helm und Handschuhe aus, brachte sich und die Kamera in Position, drückte ihre Steigeisen nochmals ins Eis und streckte schliesslich den Daumen nach oben.

«Action!», sprach Lasse ins Funkmikrofon. «Have fun!»

Dreissig Sekunden später erkannte Selma im Kamerasucher den ersten Freerider, erfasste ihn, drückte den Serienauslöser und verfolgte ihn bei seinem Sprung über ihre Köpfe. Schneekristalle stieben herum und glitzerten in den Sonnenstrahlen.

Lasse schaute kurz zu Selma. Die Reporterin zeigte erneut mit ihrem Daumen, dass sie bereit war.

«Action!»

Nach dem letzten Sprung zogen Selma und Lasse die Steigeisen aus, klickten sich in die Bindungen ihrer Skis ein und fuhren ein kurzes Stück über den Gletscher zu den Freeridern, die auf sie warteten. Es gab eine Lagebesprechung, Selma gab Anweisungen, betonte vor allem, dass die Freerider nicht in die Kamera schauen und keine Grimassen schneiden sollten. Dann brachten sich Selma und Lasse am zweiten Shootingpunkt, der unterhalb des Gletschers lag, in Position. Hier stellte Selma ihre Kamera auf Video. Der dritte Punkt, den Lasse für Aufnahmen vorgesehen hatte, war nicht erreichbar. Eine Eisbrücke über eine Spalte, die Selma und Lasse passieren sollten, war eingebrochen.

Die ganze Gruppe musste kurz darauf die Skis abziehen und zu Fuss gehen, weil es im unteren Bereich zu wenig oder überhaupt keinen Schnee mehr hatte. Selma machte trotzdem weitere Bilder, um auch diese Seite des Freeridesports in ihrer Reportage zu zeigen. Es wurde geredet, gelacht, und Selma fühlte sich bald als Teil dieser Gruppe. Schliesslich hatte auch sie den Titlisgletscher bezwungen.

Als sie nach dem ziemlich anstrengenden Fussmarsch den Trübsee erreichten, stärkten sich alle im Restaurant mit Suppe, Rösti oder Pommes frites. Selma schaute ihre Bilder durch – und war nicht zufrieden. Die Fotos waren okay. Aber nicht gut. Nicht gut genug für Selma. Es reichte ihr nicht, dass die Freerider gut zu sehen waren, dass die Pulverschneeflocken vor dem blauen Himmel glitzerten und alles scharf und richtig belichtet war. Selma fehlte die atemberaubende Pose, der magische Augenblick.

«Können wir das Ganze wiederholen?», fragte Selma. «Und ich bitte euch: Zeigt noch mehr Freude. Lacht!»

Lasse schaute zu Ole. Die beiden diskutierten kurz auf Schwedisch. Selma verstand nur die Wörter Sonne und Wärme und Risiko. Doch schliesslich wandte sich Lasse zu Selma und sagte: «Okay!»

Als alle wieder oben auf dem Titlis standen, war es Nachmittag. Die Sonne brannte nun kräftig und liess den Schnee matschig werden. Die Touristen trugen nur noch T-Shirts. Lasse hatte recht, dachte Selma: Es wurde tatsächlich ein wunderschöner Tag mit deutlichem Temperaturanstieg.

Selma machte bei der zweiten Fotosession am ersten Punkt fantastische Aufnahmen. Sie achtete vor allem darauf, dass sie Ole und Debby perfekt fotografieren konnte. Ole riss seine Arme nach oben und lachte. Debby spreizte ihre Beine wie eine Tänzerin. Selma war zufrieden. Sie hatte den magischen Augenblick, die unglaubliche Freude, die Passion, eingefangen.

Als sie mit Lasse am Treffpunkt eintraf, bedankte sie sich bei allen für die Action. Sie hätte nun wirklich die ersten tollen Bilder im Kasten. Sie verstaute ihre Fotoausrüstung im Rucksack. Die Freerider klatschten sich ab.

Nur Ole machte ein etwas grimmiges Gesicht. «Leute, alle zuhören!», sagte er im Befehlston. «Wir müssen so schnell wie möglich runter von diesem Gletscher. Fotos können wir keine mehr machen, Selma, sorry. Es ist zu warm, und wir sind ziemlich weit unten. Wir sind fucking spät dran. Kapiert? Und wegen des Neuschnees sehen wir nicht alle Spalten. Wir nehmen die sichere Variante. Haltet Abstand! Selma, du folgst mir und hältst dich genau in meiner Spur. Dann alle anderen. Debby, machst du das Schlusslicht?»

Debby nickte. Selma schaute besorgt zu Lasse. Er grinste. Aber sein Grinsen war nicht echt.

«Was ist los?», fragte Selma leise.

«Mach einfach, was Ole gesagt hat, dann passiert nichts, er kennt diesen Berg am besten von uns allen.»

«Forderte dieser Berg nicht auch schon seine Opfer?», fragte Selma und wurde sich bewusst, wie unvorbereitet sie in dieses Abenteuer gestartet war.

«Selma, cool down», sagte Lasse und klopfte sanft auf ihren Helm. «Vergiss nicht: Alles easy!»

Selma beobachtete Ole, wie er über den Gletscher fuhr.

Nach einigen Sekunden schrie Lasse: «Go, Selma, go!»

Sie fuhr los. Die Schwünge gelangen ihr prächtig. Sie tanzte. Alles war easy.

Zu easy.

Plötzlich hängte sie mit ihrem Ski an einer Eisscholle unter dem Neuschnee ein, verlor kurz das Gleichgewicht, musste Oles Spur verlassen, erkannte eine Gletscherspalte auf der linken Seite, drehte rechts ab, sah jedoch, dass auch hier eine Spalte war. Doch zum Glück gab es eine Schnee- und Eisbrücke, sie fuhr darüber – und brach ein.

Sie stürzte. Sie schrie.

Ein heftiger Schlag. Sie hing irgendwie fest. Schnee flog ihr ins Gesicht. Einen Moment lang war alles dunkel. Dann wurde es langsam wieder hell. Selma wurde sich bewusst, dass sie in eine Gletscherspalte gefallen und eingeklemmt war. Sie spürte, wie das Blut in ihren Kopf strömte. Der Grund wurde ihr schnell klar: Ihre Skis waren nicht mehr unten, sondern oben. Sie hing mit ihrem Kopf nach unten in der Spalte. Um sich herum sah sie nur Eis. Selma schaute zu ihren Füssen und konnte tatsächlich zwischen den Schuhen und Skis hindurch den Rand der Spalte und darüber ein Stück blauen Himmel sehen. Sie schätzte, dass sie etwa drei Meter unter der Oberfläche festhing.

«Selma!», hörte sie Lasse rufen. «Alles okay?»

«Ich bin hier!», rief die Reporterin.

«Okay, ganz ruhig. Wir holen dich raus. Kein Problem.»

Ich bin doch ganz ruhig, dachte Selma. Da komme ich schnell wieder hinaus. Doch dann drehte sie den Kopf Richtung Abgrund. Sie sah ein tiefes blau-schwarzes Loch. Sie geriet in Panik: «Hilfe!» schrie sie aus Leibeskräften.

«Bist du verletzt?», rief Lasse in die Spalte.

«Hilfe!», schrie Selma erneut. «Hilfe!» Sie bewegte dabei ihr rechtes Bein ein bisschen. Selma rutschte einige Zentimeter in die Tiefe. Doch die Skis verkanteten sich erneut. «Hilfe!», schrie sie.

Plötzlich noch ein Ruck. Und die Bindung des rechten Skis löste sich.

Selma fiel ins blau-schwarze Loch.

6

Charlotte Legrand-Hedlund führte an diesem Nachmittag ein äusserst amüsantes und erfreuliches Telefonat. Obwohl das Gespräch nicht lange dauerte, hatte sie danach einen lästigen Pfeifton in ihrem linken Ohr. Der Gesprächspartner sprach sehr laut, eigentlich brüllte er.

Nun betrat Charlotte lächelnd Leas Coiffeursalon, an dessen Wänden immer noch Selmas Bilder hingen. Charlotte ging zu Leas Kasse und schnippelte mit der Schere einen Zettel zurecht, kritzelte «Verkauft» darauf und pinnte das kleine Schild mit einer Nadel unter Selmas grösstes Bild. Es war jenes Gemälde, das die Alp hoch über dem Lauenensee im bläulich-weissen Licht des Mondes zeigte. Das Preisschild mit dem Betrag 8500 Franken liess sie stecken.

«Du hast ein Bild verkauft, Charlotte», stellte Lea erfreut fest.

«Natürlich. Und ich werde noch weitere verkaufen.»

«Schön. Selma wird sich freuen.»

«Ich weiss nicht», sinnierte Charlotte.

«Warum nicht? Wer ist der Käufer?»

«Er will unbekannt bleiben. So wie es sich für einen echten Kunstkenner gehört.» Sie lächelte und verdrehte die Augen.

«Was willst du mir sagen, Charlotte?»

«Ach nichts. Aber weisst du, Selma tut sich schwer mit dem Verkauf ihrer Bilder. Sie hatte schon Mühe mit der Vernissage. Aber bon, hast du Zeit für mich?»

«Natürlich. Für dich immer.»

Lea rief ihre Lehrtochter, die Charlottes Haare wusch. Unterdessen kümmerte sie sich um das Finish einer anderen Kundin. Nach dem Waschen konnte Charlotte den Platz wechseln und setzte sich in Leas Frisierstuhl mit Blick auf den Rhein. Lea kämmte Charlottes Haare und fragte, ob sie die gleiche Bobfrisur wie immer haben möchte. Sie wusste natürlich die Antwort und ergriff die Schere. Charlotte war zwar eine anspruchsvolle Kundin – es ging beim Schnitt um Millimeter –, aber sie war längst nicht so kompliziert wie Selma.

«Ihr hattet nach der Vernissage noch einen vergnüglichen Abend», begann Lea das Gespräch. «Und er dauerte ziemlich lange.»

«Oh ja, es war reizend.» Der weitere Verlauf war wie immer mit Charlotte: Es war ein gepflegter Smalltalk. Bis Charlotte überraschend fragte: «Bei dir und deinem Partner Georg ist alles in Ordnung?»

Lea zuckte und schnitt sich beinahe in den Finger. «Ja, alles bestens. Warum fragst du?»

«Georg schien mir etwas durcheinander zu sein.»

«Durcheinander?»

«Ist vielleicht das falsche Wort.»

Lea hielt mit dem Frisieren inne, stellte sich vor Charlotte ans Fenster und fragte: «Wie lautet denn das richtige Wort?»

«Wie soll ich sagen, er suchte … Nähe.»

Lea liess ihre Schere nervös auf und zu schnappen und sagte: «Du meinst, Georg hat Selma angebaggert?»

«Mais non, so etwas würde ich niemals behaupten.»

Lea ging wieder an die Arbeit. Die beiden Frauen sprachen nicht weiter darüber. Allerdings spürte Charlotte an Leas energischem und etwas rabiatem Arbeitsstil, dass sie erbost war. Vor allem beim Kämmen rupfte es einige Male empfindlich an Charlottes Kopfhaut.

Als Charlotte zahlte, sagte sie: «Es war wundervoll bei dir, wie immer. Und wenn ich etwas Unpassendes gesagt habe, möchte ich mich dafür entschuldigen.»

«Das musst du nicht, Charlotte», erwiderte Lea. «Das Unpassende, wie du es nennst, trifft eher auf Georg zu.»

Kaum hatte Charlotte den Salon verlassen, zückte Lea ihr Handy und schrieb eine WhatsApp an ihren Freund Georg: «Es reicht! Dass du auch noch meine beste Freundin anmachst, ist total daneben.»

Obwohl die nächste Kundin auf dem Frisierstuhl sass, musste Lea kurz nach draussen und durchatmen. Es war kalt, grau und feucht. Sie fror. Tränen schossen in ihre Augen.

Wie hatte sie mit sich gerungen und Georgs Liebesbeteuerungen immer geglaubt. All seine Abwesenheiten, seine Chats auf dem Smartphone – irgendwie hatte Georg für alles eine Erklärung. Und so hatte Lea sich eingeredet, dass alles nur Hirngespinste waren und sich Georg wie immer verhielt, weder distanziert noch sonst irgendwie seltsam. Das Problem liege allein bei ihr. Zu viel Arbeit, zu viele Gedanken, Herbst … Nicht einmal mit Selma hatte sie über ihre Beziehungsprobleme geredet. Nein, sie wollte sie nicht wahrhaben und Georg vertrauen. Aber jetzt?

Sie musste möglichst bald mit Selma reden. Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und wählte Selmas Nummer auf dem Handy. Es klingelte. Es kam nur die Mailbox. «Hallo, Selma», sagte Lea, «bitte melde dich, ich muss dringend mit dir reden.»

7

Selma hatte Glück gehabt. Sie war in der Gletscherspalte ein paar Meter tiefer erneut steckengeblieben. Zuerst war sie nach einem kurzen Fall mit der Schulter auf einen schmalen Eisabsatz geknallt und hatte dabei einen halben Purzelbaum geschlagen, sodass ihr Kopf nun wieder oben war. Daraufhin hatte sich ihr linker Ski in der Spalte verkantet. Dadurch war das Allerschlimmste verhindert worden.

Vorerst. Denn allmählich bog sich der Ski bedrohlich durch. Selma befand sich in einer äusserst unbequemen Schräglage. Ihr Oberkörper war zudem in der Spalte eingeklemmt, was ihr das Atmen erschwerte. Selma war etwas benommen, realisierte ihre Lage aber sofort. Die Schulter schmerzte, doch sonst war sie unverletzt und soweit okay. Allerdings war ihr klar, dass das Eis unter dem Druck und wegen ihrer Körperwärme schmelzen und sie weiter in die Tiefe fallen könnte. Zudem würde sich bei einem nächsten Ruck wohl auch die zweite Bindung öffnen. Oder der Ski könnte brechen. Da sie das Smartphone in ihrem Rucksack klingeln gehört hatte, war also eine Verbindung möglich, und Lasse hatte sicher die Bergretter alarmiert.

Sie hörte den Gletscherbach in der Tiefe. Dort unten war es nur schwarz. Vorsichtig schaute Selma nach oben. Sie sah Licht.

«Selma!» Das war Lasses Stimme. «Selma?»

«Ja?»

«Selma!»

Die Reporterin schrie: «Ja, ich stecke fest!» Ihr Brustkorb tat dabei weh.

«Das ist gut!», schrie Lasse zurück. «Ole und ich werden dich herausholen. Bist du verletzt?»

«Nein!»

«Kannst du dich bewegen?» Das war nun Oles Stimme.

«Ein bisschen.»

«Kommst du an den Rucksack?»

«Nein.»

«Selma, du musst an den Rucksack kommen!»

«Wenn ich mich bewege, dann …»

«Selma, du musst auf der linken Seite des Rucksacks …»

«Es geht nicht!», schrie Selma genervt. Sie bekam immer mehr Mühe mit Atmen.

Nun hörte sie eine Zeit lang nur den Gletscherbach. Selma vermutete, dass Ole und Lasse einen Plan ausheckten, wie sie sie aus diesem kalten Gefängnis befreien konnten.

«Hallo!», rief Selma nach einer Weile.

«Du musst an den Rucksack!»

Selma bewegte sich ganz leicht. Sie rutschte nicht. Mit der rechten Hand konnte sie nach dem Rucksack greifen. «Okay. Ich komme ran. Aber ich kann ihn nicht ausziehen.»

«Gut, Selma, gut! Erreichst du das linke Aussenfach?»

Selma griff wieder über die Schulter nach hinten. Sie spürte das Aussenfach aber nicht. Sie hyperventilierte, zog ihre Handschuhe aus und hängte sie mit den kleinen Ösen an ihre Jacke. Sie hielt den Atem an, streckte den rechten Arm wieder zum Rucksack und drückte ihn gleichzeitig mit der linken Hand weiter nach hinten. Zum Glück wurde der Rucksack durch Selmas Position etwas nach oben gegen ihren Nacken gedrückt. Denn tatsächlich spürte sie jetzt den Reissverschluss der Aussentasche. Selma atmete durch, so gut es ging. «Okay. Ich bin dran.»

«Super! Öffne den Reissverschluss.»

Selma zerrte daran und schaffte es tatsächlich, den Verschluss einige Zentimeter aufzuziehen. «Okay», bestätigte sie.

«Gut. Jetzt greif hinein und nimm eine Eisschraube heraus!»

Selma drückte mit voller Kraft mit der linken Hand gegen den Ellbogen des rechten Arms und drückte ihn damit in die Tasche hinein. Nun konnte sie das Seil greifen, das ihr Lasse eingepackt hatte. Sie nahm es vorsichtig heraus. Bei allen Bewegungen achtete sie darauf, sich langsam und nicht ruckartig zu bewegen. Trotzdem kratzte und kroste es an den Eiswänden bedrohlich, der verkantete Ski rutschte einige Millimeter ab. Selma hielt erneut den Atem an. Sie rutschte nicht weiter. Sie nahm das Seil zwischen ihre Zähne und griff nun noch tiefer in die Aussentasche. Tatsächlich spürte sie etwas Metallisches. Das musste diese Schraube sein. Sie zog sie heraus.

«Hast du sie?», schrie Ole von oben in die Gletscherspalte.

Selma konnte nicht antworten, weil sie das Seil im Mund hatte. Aber sie konnte sich vorstellen, was nun zu tun war. Mit der scharf geschliffenen Spitze der Schraube kratzte sie am Eis und bohrte ein kleines Loch. Dann setzte sie die Schraube an und begann vorsichtig zu drehen. Die Schraube fräste sich tatsächlich schnell ins Eis. Nun fasste Selma den hinteren Teil der Schraube, an dem ein Karabiner befestigt war, der sich wie eine Kurbel benutzen liess. Sie drehte, und im Nu verschwand die Schraube im Gletschereis.

Das würde nun ihr Anker sein.

Selma nahm das Seil aus dem Mund, versuchte es sich um den Bauch zu schlagen, was ihr aber nicht gelang. Also fädelte sie das Seil durch die Schulterschlaufe ihres Rucksacks und den Karabiner der Eisschraube. Sie zog alles fest und atmete durch. Ein leichter Schmerz durchzuckte sie. Aber sie war gesichert.

«Selma?», schrie Ole. «Bist du da?»

«Ja. Ich bin da. Und gesichert!»

«Du hast dich mit der Eisschraube gesichert?»

«Ja!»

«Fantastisch! Super!»

Selma hörte, wie die Leute auf dem Gletscher klatschten. Dann hörte sie Stimmen, verstand aber kein Wort. Irgendetwas ging da oben vor. Doch im Moment kümmerte das Selma wenig. Sie versuchte, ruhig zu atmen und sich etwas zu erholen. Sie war gesichert, das war erstmal die Hauptsache. Wie sie je wieder aus dieser Spalte hinauskommen sollte, war ihr zwar ein Rätsel, doch Ole und Lasse würden sich schon etwas einfallen lassen. Ansonsten würden ja bald die Bergretter da sein.

Dann kroste es wieder. Der Ski rutschte. Selma wurde in eine äusserst schmerzhafte Position bugsiert. Ihr Bein mit dem Ski war völlig verdreht. Sie versuchte, ihre Lage zu ändern, doch dabei geriet auch ihr Oberkörper ins Rutschen. Plötzlich klappte die Skibindung auf. Der Ski verschwand in der Tiefe und Selma rutschte: «Hilfe!»

Das Seil fing sie auf. Tatsächlich hing sie nun einzig und allein an dieser Eisschraube.

«Selma?»

«Ich bin abgerutscht. Ich hänge jetzt an diesem Haken und am Rucksack.»

«Am Rucksack?»

«Ja, am Rucksack!»

«Scheisse!»

«Ja, Scheisse, es ging nicht anders.» Die Reporterin konnte nun zwar wieder frei atmen. Aber sie wusste genau, dass es einzig und allein auf die Nähte der Rucksackschlaufe ankam, ob sie überleben würde oder nicht. Wie schwer war sie eigentlich? Wann stand sie das letzte Mal auf einer Waage? Zwischen 55 und 60 Kilo? Sie wusste es nicht genau. Aber sie blieb ruhig. Sie horchte und erwartete, jeden Moment zu hören, wie die Naht langsam riss.

Doch abgesehen vom Gletscherbach hörte sie nichts.

Sie wartete. Und sie begann zu frieren. Sie zog die Handschuhe wieder an. Trotzdem fing sie an zu zittern. Sie würde erfrieren. Es wäre nicht der schlechteste Tod. Frieren, dösen, einschlafen, Ende.

«Selma, wir lassen ein Seil hinunter.»

Endlich begann ihre Rettung. «Okay», schrie sie aus Leibeskräften. Der Gedanke an den Tod war weg.

«Damit sicherst du dich. Verstanden?»

Selma antwortete nicht, während sich das gelbe Seil langsam näherte. Mehrere Karabinerhaken hingen daran und beschwerten das Seil. Sie griff zu und schrie: «Ich habe es!»

Als sie frei in der Spalte hing und nicht mehr eingeklemmt war, konnte sie sich besser bewegen. Sie schlang sich das Seil mehrfach um den Bauch, entdeckte zudem an ihrer Jacke und an ihrem Hosengurt mehrere Schlaufen, führte das Seil hindurch und verknotete das Ganze.

«Bist du so weit?»

«Ja!»

«Hast du dich von der Schraube gelöst?»

«Nein, ich komme nicht heran. Ihr müsst mich zwei Meter hinaufziehen!»

Das gelbe Seil spannte sich. Dann spürte Selma einen Ruck. Tatsächlich wurde sie nun Zentimeter um Zentimeter hinaufgezogen. Bald konnte sie sich von der Eisschraube lösen. Sie glitt mit Händen und Füssen den Eiswänden entlang durch die schmale Spalte.

«Du schaffst es!», schrien Ole und Lasse.

Nun hörte Selma das ratternde Geräusch eines Helikopters. Doch es verstummte bald. Selma blickte nach oben und konnte das Gesicht von Debby erkennen.

«Streck die Hand aus, Selma!», rief Debby, drehte den Kopf ab und schrie: «Los, Männer, noch drei Meter!»

Selma spürte zwei, drei kräftige Rucke, dann konnte sie den Arm ausstrecken und spürte Debbys Hand. Diese ergriff Selma und zog sie energisch aus der Spalte.

Selma lag plötzlich im Schnee. Sie keuchte. Sie weinte.

Sie war gerettet.

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