Kitabı oku: «Der Tod - live!»

Yazı tipi:

Philipp Probst

DER TOD – LIVE!

Philipp Probst

DER TOD – LIVE!

Roman

Appenzeller Verlag

1. Auflage, 2015

© Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und

Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische

Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Umschlagbild: Katja Niederöst

Gesetzt in Janson Text

Satz: Appenzeller Verlag, Schwellbrunn

ISBN: 978-3-85882-728-9

ISBN eBook: 978-3-85882-740-1

www.appenzellerverlag.ch

eBook-Herstellung und Auslieferung:

HEROLD Auslieferung Service GmbH

www.herold-va.de

12. November

WOHNSIEDLUNG BERG, TROGEN, KANTON APPENZELL AUSSERRHODEN

Die Versuchung war gross. Riesig. Eigentlich gigantisch. Das Smartphone lag vor ihr auf dem Tisch. Und sie hatte den Code zum Entsperren. 0109. Nulleinsnullneun. Susa überlegte lange, ob die Zahlen irgendetwas zu bedeuten hatten. Doch sie kam nicht drauf. Kein Geburtsjahr war darin versteckt, auch ihr Kennenlernjahr nicht und ebenso wenig ihr Hochzeitsdatum. Und andere Daten kamen ihr nicht in den Sinn. Wichtige Daten ihres Ehemannes?

Sie müsste ihn vielleicht einmal fragen. Muss sich wohl um den Zufallscode der Swisscom handeln, der Netzbetreiberin, bei der ihr Mann Konstantin das Abonnement gekauft hatte, sagte sie sich, stand vom Glas-Esstisch auf und machte sich einen Kaffee. Sie goss einen Schluck Milch dazu, setzte sich wieder an den Tisch, starrte das Smartphone lange an, strich mehrmals über den Bildschirm. Die Tastatur erschien, das Gerät verlangte nach dem Code. Und Susas Zeigefinger zuckte. 0109. Nulleinsnullneun.

Vier Berührungen auf die Ziffern und eine fünfte auf die Ok-Taste – so leicht wäre der Eintritt in die virtuelle Welt ihres Mannes. Dabei hatten sie sich geschworen, nie, nie, niemals in die Intimsphäre des anderen einzudringen. Dazu gehörte die Post, die Computer-Zugänge zu Mails, Facebook, Twitter und Google Plus, aber auch die Handys mit all ihren Nachrichten- und Bilddateien. Die Versuchung war gross. Riesig. Eigentlich gigantisch. Susa erlag ihr um 08.12 Uhr.

Sie war auf seltsame Art und Weise in diese Situation hineingeraten. Konstantin war, wie fast jeden Morgen, in Eile, hatte ihr einen Kuss auf die Lippen gedrückt und war mit wehenden Haaren aus der Wohnung geeilt. Susa war gerade unter der Dusche gestanden – sie hatte ihren ersten Termin in der Klinik erst um 09.30 Uhr – als sie das Telefon läuten hörte. Sie eilte nackt aus dem Bad. Weil der Festnetzanschluss praktisch nie klingelte, musste etwas Aussergewöhnliches los sein. Oder es war ein Werbeanruf, eine Umfrage oder einfach falsch verbunden. Sie tropfte das Parkett voll und nahm den Anruf entgegen.

«Ich bin es, entschuldige, ich habe mein Handy vergessen», sagte Konstantin hastig.

«Dein Handy? Du telefonierst doch gerade damit. Oder bist du schon im …»

«Nein, ich bin noch nicht im Büro, ich bin im Auto und rufe dich vom Geschäftshandy aus an. Ich habe mein Privathandy vergessen.»

«Oh.»

«Ich habe einen Termin mit einem Kunden, also mit einem Kollegen, der vielleicht ein Kunde wird…ist ja egal, jedenfalls habe ich das Treffen mit ihm auf dem Privathandy gespeichert, und ich weiss nicht, wo ich ihn treffe.»

«Oh.»

«Kannst du schnell nachschauen?»

«Wo ist es denn?»

«Keine Ahnung.»

«Bleib dran! Ich such mal.» Susa suchte, fand es aber nicht.

«Es ist nicht da», meldete sie ihrem Mann.

«Doch, es muss da sein, verdammt!»

«Aber ich finde es nicht, mein Schatz!»

«Hast du im Bad geschaut?» Susa suchte im Bad und roch diesen herben, angenehmen und dezenten Duft von Konstantins Aftershave. Sie liebte ihn. Aber auch im Bad war kein Handy. Schliesslich schaute sie auf der Gästetoilette nach, die Konstantin meistens benutzte. Da, neben der Kloschüssel, lag sein Smartphone. «Ich habe es gefunden», sagte Susa, immer noch nackt.

«Schau in die Agenda!»

«Ich muss erst einen Code eingeben. Den kenne ich aber …»

«Nulleinsnullneun.»

Sie hatte den Code eingegeben und ihrem Mann den Ort seines Dates durchgegeben: Café Gschwend. Konnte man das vergessen? Offenbar ja.

Susa war zurück ins Bad gegangen, hatte sich abgetrocknet und sich in ihren flauschigen, hellblauen Bademantel gehüllt. Das Handy, Konstantins Smartphone, hatte sie auf den Salontisch gelegt. Das Display war erloschen und die Sicherheitssperre wieder aktiviert. Jetzt nahm sie es in ihre Hände, tippte 0109 und die Ok-Taste. Voilà. Sie hatte es getan.

Sie klickte sich ins SMS-Menü ein und checkte ab, mit wem ihr Ehemann Kontakt hatte. Es waren vor allem Männer, die sie teilweise kannte. Diese interessierten sie nicht. Sie öffnete die Chats mit den Frauen, die sie zum Teil auch kannte, fand aber nichts, was irgendwie zweideutig war.

Was suche ich überhaupt?, fragte sie sich. Sie öffnete den Nachrichtendienst WhatsApp, wo sich ein ähnliches Bild zeigte: viele Männer, wenige Frauen. Dieses Mal nahm sie auch einige der Männer-Chats ins Visier. Allerdings war auch hier, ausser einigen ziemlich primitiven Männersprüchen, wie sie fand, nichts Aufregendes oder Verdächtiges zu finden.

In den Chats mit den Frauen flogen zwar ab und zu Kuss-Smileys hin und her, aber auch diese lieferten nicht den geringsten Grund zur Annahme, dass Konstantin sie betrügen würde. Im Gegenteil: Mehrmals erwähnte er seine Frau, welch grosses Glück er habe und dass er sie über alles liebe.

Ich bin ein schlechter Mensch und habe seine Liebe nicht verdient, sagte sich Susa. Sie wollte Konstantins Smartphone beiseitelegen, verurteilte ihren Vertrauensbruch und schwor sich, nie mehr überhaupt nur an so etwas zu denken. Allerdings fuhr sie dann mit ihrem Zeigefinger auf das File «Galerie» und erfreute sich kurze Zeit an Bildern, die sie und Konstantin, freudig und verliebt ins Objektiv lächelnd, zeigten. Weitere Bilder zeigten vor allem sie.

Ja, sie konnte sich daran erinnern: in den Skiferien, am Meer, in Paris. Sie hatte posiert, ihn angestrahlt. Susa studierte die Bilder ganz genau und hätte am liebsten zwei Drittel davon gelöscht, weil sie fand, sie sehe darauf nicht gut aus. Vor allem diese dämlichen Grübchen störten sie, die entstanden, wenn sie zu fest lachte. Aber sie hielt sich zurück und blätterte in der Galerie weiter.

Dann wurde ihr heiss. Sie sah sich selbst, wie sie auf dem Bett lag, nur mit einem schwarzen, durchsichtigen Slip bekleidet, mit leicht gespreizten Beinen, die Augen geschlossen, ihre Hand an ihrem Busen.

Sie blätterte weiter. Nahaufnahmen ihres Körpers. Füsse. Beine. Ihr Höschen. Dann ihr Po. Nicht ganz nackt. Nur mit dem Hinterteil ihres Höschens bekleidet, einem String. Ihr Rücken, ihre langen, dunklen Locken. Sie gefiel sich. Mehr Bilder! Mehr!

Die Hand ihres Mannes, wie er den String zur Seite schob. Sein Glied … Susa legte das Handy zur Seite und nahm einen Schluck Kaffee. Alles bestens. Wenn mein Mann Freude daran hat, mich für einsame Stunden zu fotografieren, okay. Aber warum habe ich das nicht gemerkt? Oder doch, einmal, da hantierte er mit dem Handy herum, war das nicht so? Täusche ich mich? Ach, was soll’s, geniess es, ist doch schön. All das sagte sie sich und lächelte dabei.

Weiter. Es folgten Landschaftsfotos, Tierfotos und wieder Landschaftsfotos. Susa erinnerte sich an die Ausflüge, schmunzelte und schweifte in ihren Gedanken zu ihrem Mann. Aber sie war auch ein bisschen enttäuscht, dass nicht noch mehr eindeutig zweideutige Fotos von ihr gespeichert waren.

Er hätte mich aber ruhig fragen dürfen, sagte sie sich, ich habe nichts davon mitbekommen. Schliesslich war sie in diesen Situationen selbst in sexuell angeregter Stimmung – und sie war eine Frau, die Sex liebte –, aber gut: So lange sie seine Traumfrau war, war ja alles in bester Ordnung.

Sie zappte weiter durch Konstantins Bildergalerie. Landschaftsfotos, Porträts von ihr, von Bekannten, Landschaftsfotos, Autobilder und … «Was ist denn das?», murmelte Susa plötzlich. Sie öffnete ein Bild – und erstarrte. Ein blutiges Gesicht.

Nächstes Bild. Schwarze Gestalten. Erstarrt in Stellungen, die ihr unnatürlich erschienen. Irgendwie zusammengezogen. Wieder ein blutiges Gesicht. Teile eines Gesichts. Kein Gesicht. Nur noch Umrisse eines Kopfes. Aufgerissene Augen.

Susa holte ihr eigenes Handy und kopierte die gesamte Galerie via Bluetooth. Danach stellte sie sich erneut unter die Dusche. Sie drehte den Wassermischer von warm auf kalt. Dreissig Sekunden hielt sie es aus. Danach trocknete sie sich ab, eilte ins Schlafzimmer und zog sich an. Sie trank noch einen Kaffee und betrachtete nun die Bilder auf ihrem eigenen Handy.

Sie selbst. Glücklich. Sie beim Sex. Heiss. Doch leider waren auch die anderen Bilder da. Dunkel, düster, meistens unscharf. Tote. Sie klickte sich durch. Und entdeckte noch Grauenhafteres als das, was sie schon gesehen hatte. Junge Männer, offensichtlich schreiend, mit blutenden Wunden, die Geschlechtsteile fehlten. Susa musste weiter klicken, zu schrecklich waren die Fotos. Doch es wurde nicht besser, sondern schlimmer. Junge Frauen mit entstellten Gesichtern und Messern zwischen den Beinen. Nein, nicht die ganzen Messer waren zu sehen. Nur die Griffe. Denn die Klingen steckten tief in den Körpern.

Susa erbrach sich auf das Parkett.

25. Januar

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Beim Wort «Fasnacht» begann Chefredaktor Jonas Haberer mit den Füssen zu scharren und mit den Absätzen seiner Boots auf den Boden zu schlagen: Klack – klack – klack.

«Fasnacht ist in der Schweiz das beliebteste Volksfest überhaupt», führte der junge FotografJoël Thommen aus. «Da könnten wir eine tolle Reportage machen. Zum Beispiel darüber, wie sich die Fasnächtler in Luzern, Bern und Basel darauf vorbereiten, die Kostüme schneidern und die Masken kreieren. In Basel werden ja noch grosse Laternen gemalt, das gäbe tolle Fotos.» Jonas Haberer gähnte. Seine Mimik zeigte aber deutlich, dass er gar nicht gähnen musste, sondern nur so tat.

«Und in Luzern könnten wir eine Guggenmusik bei einer Probe besuchen. In Bern den Typen besuchen, der im Bärenkostüm steckt. Und in der Ostschweiz gibt es sicher auch noch jene lustigen …» Haberer steckte sich den Zeigefinger in den Mund und machte Würgegeräusche. Joël Thommen wagte nichts mehr zu sagen. Auch die anderen Redaktionsmitglieder waren still. „Habe ich etwas verpasst?», fragte Haberer nun provokativ.

«Hey, Jonas, du übertreibst», meldete sich nun Nachrichtenchef Peter Renner, die Zecke, zu Wort. «Wir wissen, dass du nicht auf Fasnacht stehst. Trotzdem ist der Vorschlag von Joël nicht so …»

«Papperlapapp, Pescheli», fauchte Haberer. «Fasnacht ist Scheisse. Kommt mir nicht ins Blatt. Von mir aus könnt ihr diesen Müll auf unserer Online-Seite veröffentlichen.» Er verdrehte theatralisch die Augen, räusperte sich laut und ziemlich unappetitlich und fragte dann: «Hat irgendjemand eventuell noch eine andere Idee?» Die fünfundzwanzig Journalisten blieben alle mucksmäuschenstill.

«Was seid ihr bloss für eine lahme Truppe!», wetterte Haberer. «Wir brauchen News, Sex und Skandale. News, Sex und Skandale.» Und noch lauter: «News, Sex und Skandale!»

Damit war die Sache und gleich die ganze Themensitzung beendet. Haberer stand auf und verliess den Raum. Klack – klack – klack. Seine Schritte hallten noch eine Weile nach. Dann war eine zuknallende Türe zu hören.

«Kein Problem, Leute», sagte Peter Renner. «Ihr kennt den Alten. Ist eine Boulevard-Ratte wie vor hundert Jahren.» Er drehte seinen Kopf beziehungsweise seinen ganzen, massigen Körper leicht nach links und schaute Joël an: «Nimm’s easy! Du als Basler hast es nicht leicht mit deiner Fasnacht bei uns Bernern. Einfach für ein nächstes Mal: Besprich deine Ideen zuerst mit mir, bevor du hier den Haberer auf die Palme bringst!»

22. Februar

CLARAPLATZ, BASEL

Thomas Neuenschwander stand mit seiner Familie um 14.36 Uhr bei der Tramhaltestelle Claraplatz in der ersten Reihe. Der Cor- tège, der Basler Fasnachtsumzug, war in vollem Gang. Pfeifende und trommelnde Formationen, sogenannte Cliquen, zogen in prächtigen, teuflischen oder lustigen Kostümen an ihnen vorbei. Dazwischen heizten Guggenmusiken ordentlich ein. Die Kinder hielten sich manchmal die Ohren zu und wichen einen Schritt zurück, vor allem wenn die Paukisten vorbeiliefen. Diese holten mit den Armen für jeden Schlag kräftig aus. Am meisten Freude hatten die drei Kinder an den «Waggis»-Wagen, weil die Kostümierten darauf Bonbons, Orangen oder kleine Spielsachen herunterwarfen. Manchmal schütteten sie aber auch Konfetti über die Leute, Räppli, wie man in Basel sagt. Und die Frauen wurden mit Blumen, vor allem mit Mimosen, beglückt. Ein richtiges Fest bei strahlendem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen. Die Kinder durften ihre Wollmützen abnehmen.

Plötzlich entdeckte Thomas mitten in diesem Treiben eine kleine, ältere Frau mit graumelierten Haaren. Sie hatte einen Blindenstock dabei, wirkte aber nicht so, als sei sie wirklich blind. In ihrem rechten Arm hielt sie einen Teddybären mit grossen, braunen Augen. In ihrem Rucksack sass ein weiteres Stofftier, ein weisser Hase. Seine langen Ohren baumelten bei jedem Schritt hin und her. Thomas kannte die Frau. Sie sass oft in seinem Bus der Basler Verkehrsbetriebe. Sie tauchte auf allen möglichen Linien auf. Auf dem 36-er und dem 34-er war sie aber am häufigsten. Sie sass immer zuvorderst. Oft war sie stumm. Manchmal murmelte sie etwas vor sich hin. Einmal hatte Thomas sogar verstanden, was sie sagte: «Ich bin kein schlechter Mensch. Ich mach niemandem weh.» Wahrscheinlich wohnte sie in einem Heim. Denn es war offensichtlich, dass sie geistig behindert war.

«Schau, da ist diese Frau, von der ich dir schon mehrmals erzählt habe», sagte Thomas zu seiner Frau. In diesem Moment wollte ein jüngerer Mann der Frau helfen; denn sie war mitten in den Umzug geraten. Doch die Frau wehrte sich und trottete munter weiter. Immer mit dem Blindenstock voraus.

Thomas genoss den freien Nachmittag mit seiner Familie an der Fasnacht. Er war zwar Basler, aber nie ein aktiver Fasnächtler gewesen. Die Kinder zeigten diesbezüglich mehr Interesse. Vielleicht werden sie bald einmal in die Junge Garde einer der grossen Cliquen eintreten und pfeifen oder trommeln lernen.

Den Morgestraich um vier Uhr morgens, den Auftakt zur Basler Fasnacht, hatte Thomas im Bus erlebt. Sein Dienst hatte um 02.03 Uhr begonnen. Obwohl er am Vormittag ein bisschen geschlafen hatte, spürte er Müdigkeit aufkommen. Aber er wollte auf jeden Fall diesen Tag mit seiner Familie geniessen. Er liebte die Fasnacht. Er sammelte auch alle Zeedel, die Fasnachtsgedichte, die die Cliquen den Zuschauern in die Hände drückten, und las sie zu Hause.

Er schaute nochmals zur behinderten Frau: Sie befand sich ein gutes Stück weiter vorne in der Greifengasse und die Lampiohren des Hasen in ihrem Rucksack schaukelten weiterhin lustig hin und her. Thomas schmunzelte. Irgendwie mochte er diese Frau, auch wenn sie immer grimmig dreinblickte. Was war wohl los mit ihr? Warum war sie immer mit Stofftieren unterwegs? War es immer ein Bär und ein Hase? Sass normalerweise nicht ein kleiner Elefant in ihrem Rucksack? Thomas rührte dieser Anblick, diese Frau. Vielleicht war sie ja glücklich. Glücklich, ihre Stofftiere spazieren zu führen.

Ein Knall riss ihn jäh aus seinen Gedanken. Schreiende Menschen. Staub, Fetzen und allerlei Dinge flogen durch die Luft. Thomas packte seine Kinder und seine Frau und warf sich mit ihnen auf den Boden.

RESTAURANT ADLER, OCHSENGASSE, BASEL

Die Kleinbasler Beiz wurde durchgeschüttelt. Die Menschen, alles Kostümierte, die sich in den «Adler» gedrängt hatten, erstarrten. Die Bier- und Weingläser zitterten. Nur die Musikbox dröhnte weiter: «An Tagen wie diesen …» von der deutschen Rockgruppe die Toten Hosen hatte jemand gewählt.

Olivier Kaltbrunner sass mit Kollegen seiner Guggenmusik Ohregribler ganz hinten nahe der Theke. Sie hatten einen kurzen Marschhalt eingelegt. Kaltbrunner gönnte sich ein Bier. Es war nicht das erste. Das Wievielte es war, wusste er nicht. Aber das spielte an der Fasnacht auch keine Rolle.

«An Tagen wie…». Bis vor wenigen Augenblicken hatten noch etliche Gäste mitgesungen.

Jetzt zog jemand den Stecker. Doch still war es nur für einen Augenblick. Dann brach ein Tumult aus. Geschrei in der Gaststube, Leute drängten hinein. Andere rannten quiekend und brüllend vorbei Richtung Kaserne.

Kaltbrunner stand auf und bahnte sich mühsam einen Weg Richtung Ausgang. Es war ihm nicht wohl. Da draussen musste irgendetwas Dramatisches passiert sein. Obwohl er an der Fasnacht war und dafür Ferien genommen hatte – seinen Polizistenberuf konnte er in einem solchen Moment nicht vergessen. Vor allem nicht als Kommissär. Obwohl sein Team auch bestens ohne ihn funktionierte. Er ging hinaus in die Ochsengasse. Immer noch eilten ihm Menschen entgegen, andere rannten in die andere Richtung. Kaltbrunner marschierte los und gelangte zur Greifengasse. Dort sah er die ersten Menschen am Boden liegen und schreien. Polizei- und Sanitätssirenen kamen näher.

Kinder lagen am Boden. Kostümierte und Menschen in Zivilkleidung betreuten sie und riefen um Hilfe. «Sie werden gleich hier sein!», schrie Kaltbrunner. «Sie werden gleich hier sein! Ruhig bleiben. Bitte! Ich bin von der Polizei.»

Und dann passierte etwas, was ihm in seiner ganzen bisherigen Polizeikarriere noch nie passiert war: Er begann zu weinen.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

«Ich liebe diese beschissene Fasnacht», schrie Jonas Haberer durch die ganze Redaktion. «Alle herkommen! Sofort! Das ist ein verdammter Befehl, Leute! Wir machen Fasnacht! Das ganze Blatt wird neu! Online-Fuzzis daher! Es gibt Arbeit. Pescheli, leg los!» Klack – klack – klack, und der Chefredaktor fläzte sich auf einen Stuhl und strich sich durch die halblangen, fettigen Haare.

«Es ist eine für schweizerische Verhältnisse ungewöhnlich dramatische Katastrophe passiert», begann Peter Renner. «Mach’s nicht so spannend, Pescheli. In Basel ist an der Fasnacht eine Bombe explodiert. Wie viele Tote gibt es?»

«Bisher ist nur von einem Toten die Rede. Mehrere Verletzte.»

«Waaas?», schrie Haberer. «Nur ein Toter? Was war denn das für ein beschissenes Bömbchen? Ein gepimpter Frauenfurz?» Haberer lachte schallend und schüttelte sich. «Jonas!», schrie Peter Renner, was alle Journalisten zusammenzucken liess. Peter Renner war nicht der Typ, der laut wurde. Und vor allem getraute sich niemand, den Chefredaktor anzuschreien. «Es reicht. Du kennst wohl überhaupt kein Mitgefühl?»

«Sorry», sagte Jonas kleinlaut. «Mach weiter.»

«FotografJoël Thommen ist bereits vor Ort. Erste Bilder sollten demnächst eintreffen. Alex Gaster, Flo Arber und Sandra Bosone sind auf dem Weg nach Basel.»

«Womit?», wollte Haberer wissen. «Mit der Schweizerischen Dampfeisenbahn?»

«Mit dem Helikopter.»

«Verdammt, Pescheli, du bist mein Held. Ich sehe dir an, dass du wieder mal deinem Übernamen gerecht wirst. Die Zecke hat sich bereits in den Fall verbissen. Ach, was würde ich ohne dich machen? Mit dem Helikopter! Geil, geil, geil! Wie früher zur guten alten Reporterzeit!»

«Ja, sie sind bald vor Ort. Dann suchen wir Zeugen. Leute, die die Explosion fotografiert und gefilmt haben.»

«Wann können wir das alles aufschalten?»

«Im Moment haben wir noch gar nichts, Jonas.»

«Sie sollen den Finger aus dem Arsch nehmen, sag ihnen das!»

«Die werden alles bringen, Jonas, alles. Und wenn sie die Leute dazu unter Druck setzen müssen.»

«Ich hoffe, sie haben genug Geld dabei. Der Preis ist heiss. Irgend so ein Idiot, der sich diese Scheiss-Fasnacht angeguckt hat, wird doch das Explosiönchen gefilmt haben. Ha! Kauft die Leute, stopft ihnen die Tausender in den Arsch! Meine Güte, wie ich diese Scheiss-Fasnacht liebe!» Die Journalisten lachten gequält. Einige schüttelten den Kopf. Doch die meisten waren an solche Anfälle ihres Chefs gewöhnt.

GREIFENGASSE, BASEL

Erst jetzt merkte Kommissär Olivier Kaltbrunner, dass er aufgrund der getrunkenen Biere nicht im Vollbesitz seines Denkvermögens war. Zudem stand er in einem giftgrünen Insektenkostüm mit giftgrünen Krallenfüssen aus Plastik am Tatort, da sich seine Guggenmusik «Heuschrecken-Diebe» als Sujet gewählt hatte – Diebesbanden aus Osteuropa, die in einer Nacht ein ganzes Dorf heimsuchten und die Häuser leerräumten. Er kam sich unter all den uniformierten Leuten der Polizei und Sanität ziemlich deplatziert vor. Unbehagen bereitete ihm zudem die Anwesenheit von Staatsanwalt Hansruedi Fässler, seinem Vorgesetzten. «Da sind Sie ja», sagte Fässler und reichte Kaltbrunner die Hand.

«Sorry für mein Kostüm, ich bin eben aktiver …»

«Vergessen Sie’s. Gut, dass Sie hier sind. Ich brauche Sie.»

«Moment», sagte Kaltbrunner. «Ich bin rein zufällig hier und habe ein bisschen geholfen, den Einsatz zu organisieren. Aber jetzt sind ja alle da, und ich möchte mich zurückziehen.»

«Kaltbrunner, das geht nicht.» Staatsanwalt Fässler schaute Kaltbrunner mit grossen Augen an. «Das hier ist ein Bombenattentat. Das wird europaweit für Schlagzeilen sorgen. Wir müssen den Fall schnellstmöglich klären. War das ein Einzeltäter? Ein Amokläufer? Ein Wahnsinniger? Oder war es ein Terroranschlag? Islamisten? Mannomann. Hoffentlich nicht. Wenn ich an die Anschläge auf die Satirezeitschrift in Paris denke. Oder an all die anderen Attentate. Bitte nicht! Sonst haben wir nie mehr unsere Ruhe!»

«So, so», machte Olivier Kaltbrunner. Wie immer wenn er nicht wusste, was er sagen sollte. «So, so. Ein Amokläufer … oder Terroristen …»

«Könnte doch sein. Also, nehmen Sie die Arbeit auf! Die Fasnacht ist sowieso zu Ende.»

«So, so.» Der Kommissär entdeckte seinen Kollegen Giorgio Tamine und liess den Staatsanwalt stehen. «Hey.»

«Hey. Scheisse, was?», sagte Tamine. «Kaum hat die Fasnacht angefangen, ist sie …»

«Es ist gut, Giorgio!», unterbrach ihn Kaltbrunner. Er schaute um sich und stellte fest, dass sich die Panik gelegt hatte. Er wandte sich wieder Tamine zu: «Hast du schon etwas gefunden, das irgendwie auf eine Bombe hin…?»

«Ja», unterbrach ihn Tamine. «Leichenteile, Fetzen von Kleidungsstücken, von Plüschtieren und von einem Rucksack. Und ein von der Hitze verbogener Blindenstock. Die Tote war offensichtlich blind. Oder tat so. Ziemlich sicher handelt es sich um eine Selbstmordattentäterin.»

«Eine Frau? Das wisst ihr schon?»

«Komm!» Tamine führte Kaltbrunner zu einem weissen Polizeizelt. Weissgewandete Menschen begutachteten Menschenteile. «Hey», sagte Kaltbrunner. «Was wisst ihr bereits?»

«Eine Frau um die fünfzig.» Kaltbrunner erkannte den Kollegen der Gerichtsmedizin wegen des Ganzkörperanzugs mit Gesichtsschutz nicht. «Darf ich mal?», fragte Kaltbrunner.

«Klar. Ist aber kein schöner Anblick.» Der Gerichtsmediziner hob das blutdurchtränkte, weisse Tuch an. Kaltbrunner sah die Fragmente eines Gesichts. «Sofort tot?», fragte er.

«Ist anzunehmen.»

«Die einzige Tote?»

«Ja. Die Verletzten werden es wohl überleben. Jedenfalls haben die Sanitäter einen gefassten Eindruck gemacht.»

«Okay, danke.»

«Verdammte Scheisse, was?»

Olivier Kaltbrunner antwortete nicht. Er verliess das Zelt und bat seinen Kollegen Tamine um eine Zigarette.

«Klar.» Kaltbrunner inhalierte tief und fragte sich, wie er bloss siebzehn Jahre darauf hatte verzichten können.

MITTLERE BRÜCKE, BASEL

Alex Gaster, Flo Arber und Sandra Bosone fragten praktisch jeden, der die hermetisch abgeriegelte Zone verliess und an ihnen vorbeiging: Haben Sie Fotos vom Attentat? Haben Sie eine Videoaufnahme? Der Erfolg ihrer Recherchen war so gross, dass es fast schon ein bisschen langweilig war. Jeder Zweite hatte irgendein brauchbares Bild der Explosion. Allerdings fehlte das ultimative Bild, das ultimative Video: die Aufnahme der Explosion selbst. In Anbetracht der vielen Medienleute, inklusive Schweizer Fernsehen, das den fasnächtlichen Umzug live gesendet hatte, war die Wahrscheinlichkeit einer spektakulären Aufnahme in diesem Fall besonders hoch. Schliesslich erwarteten Nachrichtenchef Peter Renner und Chefredaktor Jonas Haberer spektakuläre Bilder, die über sämtliche Newskanäle der Welt laufen würden.

Sandra Bosone bekam sie um den Preis eines charmanten Lächelns. Ein Passant war dermassen verstört, dass er sie nicht nur das komplette Video der Explosion und der in Panik flüchtenden Menschenmassen kopieren, sondern sich auch noch fotografieren und zu dramatischsten Aussagen überreden liess. Joël Thommen lichtete ihn ab, nahm sein Handy an sich und löschte nach dem Kopiervorgang auf sein eigenes Smartphone sämtliche Bilder und Videos, damit der Mann keinem anderen Reporter seine Aufnahmen weitergeben und sie auch nicht auf Facebook, Twitter, Instagram oder Youtube hochladen konnte.

«Aktuell» hatte sie exklusiv. Was für ein Hammer!

GREIFENGASSE, BASEL

«War es also einfach eine Verrückte? Keine Terroristin?»

«Das kann ich Ihnen unmöglich sagen», antwortete Olivier Kaltbrunner auf die Frage des Staatsanwalts, der ihn zum vierten Mal zu einer Stellungnahme drängte. «Der Regierungsrat setzt mich unter Druck. Müssen wir die Fasnacht absagen?»

«Wie wollen Sie das machen?»

«Verbieten.»

«Die Fasnacht wird sich von selbst absagen. Oder eben nicht.»

Am Ort der Explosion wimmelte es von weissgewandeten Spezialisten der Spurensicherung. Normalerweise tobte um diese Zeit – es war 17.35 Uhr und ziemlich dunkel – die Fasnacht. Doch jetzt waren nur einzelne Piccolo- oder Guggenklänge zu hören. Dafür brummten mehrere Dieselaggregate, die Strom für die Beleuchtung des Tatorts erzeugten. Und über der Stadt kreisten mehrere Polizeihelikopter.

«Müssen wir weitere Anschläge erwarten?», wollte der Staatsanwalt wissen. «Keine Ahnung», antwortete Kaltbrunner mürrisch.

«Verdammt.»

Kaltbrunner blickte in Richtung Mittlere Brücke. Dort waren die Kameras des Schweizer Fernsehens postiert, die den Umzug live übertragen hatten. «Habt ihr die Medien im Griff?», fragte Kaltbrunner.

«Ja, das Schweizer Fernsehen hat die Live-Übertragung abgebrochen.»

«Aber die filmen doch sicher! Wo sind die anderen Journalisten?»

«Die haben wir alle weggeschickt.»

«So, so», machte Kaltbrunner. Und dachte: So ein Blödsinn. Journalisten sind immer und überall anwesend.

MITTLERE BRÜCKE, BASEL

Nachdem Sandra Bosone, Flo Arber und Alex Gaster die Bilder und Videos an die Redaktion gemailt hatten, sagte Sandra: «Auf geht’s! Wir müssen uns aufteilen. Wer geht zum Regierungsratspräsidenten? Wer geht ins Spital, um die Verletzten zu interviewen? Wer kämpft sich zum Tatort vor?»

«Ich mache den Präsidenten», meldete sich Flo sofort. Er war eigentlich Wirtschaftsjournalist und hatte wenig Freude an klassischer Boulevard-Arbeit. «Okay!», bestätigte Sandra und schaute Alex an.

«Ich kämpfe mich vor.»

«Gut, dann schau ich, was ich im Spital erreichen kann. Ich schreibe unserem Chef eine Mitteilung. Viel Glück, Jungs.»

«Viel Glück», wünschten auch Flo und Alex. Das Team trennte sich. Während Sandra und Flo mit schnellen Schritten verschwanden, blieb Alex nach wenigen Metern an der Polizeisperre hängen. Kein Zutritt, für niemanden. Alex zückte seinen Presseausweis. Der Polizeibeamte warf nur einen flüchtigen Blick darauf und schickte Alex weg. Er solle sich an die Medienstelle wenden. Alex trottete davon und lümmelte rund fünfzig Meter vor der Sperre herum. Nach fünf Minuten sah er eine Chaise kommen, eine Fasnachtskutsche, die von zwei Pferden gezogen wurde. In der Chaise sassen vier Damen. Der Kutscher steuerte direkt auf die Polizeisperre zu. Alex rannte zum Wagen, öffnete die Türe und sprang in die Kutsche. «Sorry, mein kleiner Sohn irrt da drüben im Kleinbasel herum, und diese Idioten lassen mich nicht durch.» Die Damen waren völlig überrumpelt. Nicht nur wegen Alex, sondern auch wegen der ganzen gespenstischen Szenerie. Sie liessen Alex gewähren. Er schnappte sich eine Maske und zog sie an. Sie stank nach Schminke und süssem Parfum. Durch die Augenschlitze sah er, dass der Kutscher stoppte und mit einem Polizisten sprach. Alex verstand nur «Pferde sind störrisch», «zurück zur Kaserne», «sofort».

Dann ging die Fahrt weiter. Die Hufe der Pferde klapperten auf dem Asphalt. Am Brückenkopf auf der anderen Seite des Rheins bog der Kutscher links ab. Alex nahm die Larve vom Kopf, bedankte sich und sprang aus dem Wagen. Er hörte, wie ihm die Damen nachriefen, dass er seinen Sohn sicherlich finden werde.

FÄRBERSTRASSE, SEEFELD, ZÜRICH

Kilian Derungs sass in seinem Büro, einem halbrunden Erkerzimmer, und schaute abwechselnd auf den Fernsehmonitor an der Wand und den Computerbildschirm. Im Fernsehen wurde live über die Bombenexplosion in Basel berichtet, wobei vom eigentlichen Ereignis nicht viel zu sehen war. Es wurden vor allem immer wieder flüchtende Fasnächtler und Passanten gezeigt, eintreffende und abfahrende Ambulanz- und Polizeifahrzeuge, mehrere Helikopter, die über Klein- und Grossbasel kreisten und dazwischen unscharfe Bilder eines Hobbyfilmers, der von einer Terrasse aus die Explosion gefilmt haben wollte. Allerdings war fast nichts darauf zu erkennen ausser einem braunen Etwas, das, so erklärte der Sprecher, eine Staubwolke aus Dreck und Konfetti sei.

Am PC klickte sich Kilian Derungs durch die diversen Online-Portale und entdeckte schliesslich auf «Aktuell»-Online gestochen scharfe Bilder des Fasnachtsumzugs. Ebenso perfekt war der Ton. Pfeifende und trommelnde Fasnächtler in Kostümen, die farbig und fröhlich aussahen, worüber Kilian Derungs sich allerdings nicht freuen konnte. Er wartete auf den Moment 01:22 – an dem die Explosion laut Anrisstext der «Aktuell»-Re- daktion stattfinden sollte. Und tatsächlich: Etwa zwanzig Meter vom Filmer entfernt war ein kleiner Feuerball zu sehen, begleitet von einem lauten Knall. Dann waren Schreie zu hören, das Bild war komplett verwackelt, ein mit Konfetti übersäter Boden war zu erkennen, rennende Füsse, dann ein Schwenk nach oben gegen den Himmel, dann Menschen, die davonrannten, dann wieder ein wildes Durcheinander. Schliesslich wurde es schwarz, und das Video war zu Ende.

Kilian Derungs ging zu seinem Giftschrank, wie er die antike Kommode nannte, holte sich ein grosses, bauchiges Glas hervor und schenkte sich einen Cognac Camus XO Elégance ein, schwenkte das Glas, liess den bernsteinfarbenen Edelweinbrand kreisen und roch den leichten Duft nach Vanille, der für diesen Cognac charakteristisch war. Er nahm einen Schluck. Dann lächelte er zufrieden, setzte sich und schaute sich das Video auf «Aktuell»-Online noch einmal an.

GREIFENGASSE, BASEL

Wie ein Kriegsreporter hielt Alex Gaster seine Fotokamera vor sich und schlich an den Sanitäts- und Polizeiwagen und den aufgebauten Zelten vorbei. Alex spähte hinein und sah, wie Menschen sich umarmten oder an Tischen sassen und redeten. Alex war sich sicher, dass es sich um Care-Teams handelte, die Opfer und Angehörige betreuten. Alex machte einige Aufnahmen und ging weiter. Schliesslich erreichte er das Zentrum der Katastrophe. Er fotografierte die weissen Menschen, die hinter den Absperrbändern auf den Knien mit allerlei technischen Geräten nach Spuren suchten. Alex entdeckte die zerborstenen Schaufenster des Warenhauses Manor und fotografierte sie. «Wer sind Sie?», fragte plötzlich eine Stimme. Alex drehte sich um und blickte in das grimmige Gesicht eines Polizisten.

«Ich suche meine Frau, also meine Freundin.» Alex versuchte, so traurig wie möglich dreinzuschauen.

«Gehen Sie zu diesem Zelt. Dort ist ein Care-Team. Das hilft Ihnen weiter. Hier können Sie nicht bleiben.»

Glück gehabt, dachte Alex und war froh, dass er nicht seinen Sohn, den er in Wirklichkeit gar nicht hatte, sondern seine Lebensgefährtin erwähnt hatte. Wie geheissen, ging er Richtung Zelt, entdeckte dann aber einen Fasnächtler in einem giftgrünen Heuschrecken-Kostüm, der mit einem Mann sprach, der einen Cashmere-Mantel trug. Er fotografierte die beiden aus sicherer Distanz mit dem Gefühl, dass die beiden irgendeine wichtige Funktion hatten. Dann steckte er die Kamera in seine Tasche. Er rannte los. Er schrie: «Wo ist meine Frau? Wo ist meine Frau? Ist sie tot?»

Alex lief direkt auf die Heuschrecke und den Mann im Cashmere-Mantel zu: «Hilfe!» Die Heuschrecke reagierte zuerst. Sie kam ihm entgegen und sagte mit angenehm sonorer Stimme: «Beruhigen Sie sich. Ich bin Kommissär Kaltbrunner. Sie suchen Ihre Frau?»

«Ja, ist sie tot? Ist sie tot? Sagen Sie es mir, bitte!»

«Nein, nein, sie ist sicher nicht tot. Es gab keine Toten ausser der Attentäterin.»

«Ich muss die Tote sehen, vielleicht ist es meine Frau. Wer ist die Attentäterin? Wo ist sie?»

«Beruhigen Sie sich. Ich begleite Sie zu unserem Care-Team!»

«Ich brauche keine Scheiss-Psychologen. Ich brauche meine Frau! Mara, wo bist du?» Alex schrie aus Leibeskräften und liess sich dabei auf die Knie fallen: «Mara!»

«Hören Sie, Ihre Frau ist nicht tot. Die Frau, die getötet wurde, muss um die fünfzig gewesen sein, das konnten die Gerichtsmediziner bereits feststellen. Ich nehme nicht an, dass Ihre Frau so alt ist. Zudem gehen wir davon aus, dass es sich um eine geistig behinderte Frau handelt.»

«Sie müssen diese verdammte Fasnacht abstellen, bitte!»

«Ja, wir werden versuchen, sie abzustellen. Aber jetzt kommen Sie bitte mit.»

Alex liess sich von der Heuschrecke mit dem Namen Kaltbrunner hochziehen und versuchte, Tränen in die Augen zu drücken, was ihm aber nicht gelang. Dafür stöhnte er laut.

«Gehen wir?», fragte Kaltbrunner. «Ja, ich gehe. Ich gehe ins Spital. Wo muss ich mich melden?» Alex riss sich los und rannte Richtung Zelt des Care-Teams. Er blickte zurück und sah, wie sich die Heuschrecke wieder dem Mann im Cashmere-Mantel zuwandte. Dann rannte er Richtung Claraplatz und passierte die Polizeisperre ohne Probleme. Er rannte über den ganzen Platz und stoppte erst beim Restaurant Holzschopf. Er kramte sein Handy hervor und rief seinen Chef Peter Renner, die Zecke, an. Zehn Minuten später piepste sein Smartphone und meldete eine Breaking-News der «Aktuell» -App: «Attentäterin ist tot. Es soll eine geistig behinderte Frau um die fünfzig sein. Polizei will Basler Fasnacht abbrechen.» Nach wenigen Minuten piepste sein Handy mehrmals: Die anderen Online-Portale hatten die neuste Information ebenfalls per Breaking-News-App verbreitet und sich auf «Aktuell»-Online berufen.

Dann ging er den Claragraben entlang zum Wettsteinplatz, verliess das fasnächtliche Getümmel, erreichte die Grenzacherstrasse, wo Busse der Basler Verkehrsbetriebe standen und von Fasnächtlern und Besuchern gestürmt wurden. Alle wollten so schnell wie möglich aus der Innerstadt hinaus. Alex ging weiter und sah die ersten TV-Übertragungswagen, die mit «International Broadcast» oder mit bekannten TV-Stationen wie «ZDF» oder «Südwestfunk ARD» angeschrieben waren. Alle Katastrophen-Reporter waren da. Aber er, Alex Gaster, hatte gewonnen. Seine News über die Attentäterin war exklusiv. Wenigstens für kurze Zeit. Bald würde irgendein anderer Reporter eine neue Exklusivität vermelden.

CLARAPLATZ, BASEL

Auch Joël Thommen hatte die «Aktuell»-App abonniert und musste feststellen, dass sein Kollege Alex die Nase vorn hatte. Er war zwar als einer der ersten Reporter vor Ort gewesen, aber er war entweder am falschen Ort gewesen oder an die falschen Leute geraten. Vielleicht hatte er einfach Pech gehabt, oder er war zu wenig abgehärtet und brutal für solche Einsätze. Er war eigentlich ein Promi-Fotograf, für die Boulevard-Zeitung «Aktuell» war er erst seit Kurzem im Einsatz.

Die vielen Anrufe seines Chefs Peter Renner waren wenig erbaulich. Mach das und dies, hatte dieser ins Telefon gebrüllt. Aber für Joël war an jeder Polizeisperre Ende. Er hatte zwar viele Fotos geschossen und Videos gedreht, aber, und das wusste er, mit diesen Aufnahmen konnte er keinen Blumentopf gewinnen. Er war frustriert. Bis er hörte, wie ein Mann einem anderen Mann erzählte, er habe gesehen, dass eine Frau mit Stofftieren förmlich explodiert sei.

Als Joël den Mann ansprach, stellte sich dieser als Thomas Neuenschwander vor und erzählte, ohne dass ihn Joël danach fragte, dass er die Frau gekannt habe, die mehr oder weniger vor ihm explodiert war. Er sei Buschauffeur bei den Basler Verkehrsbetrieben und habe die Frau schon mehrfach in seinem Wagen gehabt. Sie sei eigentlich nett. Sie habe immer gesagt, sie würde nie jemandem etwas zu Leide tun. Und sie habe immer Stofftiere dabei gehabt. Im Arm einen Teddybären, im Rucksack einen Elefanten. Aber heute sei ein Hase im Rucksack gewesen, was ihn gewundert habe. Dann sei der Hase explodiert.

Joël notierte alles und machte ein Foto von Thomas Neuen- schwander. Dann rief er Peter Renner an, der an diesem Tag zum ersten Mal ein gutes Wort für ihn übrig hatte: «Gut gemacht!»

FÄRBERSTRASSE, SEEFELD, ZÜRICH

«Die Aktion ist bestens angelaufen, wie ihr sicherlich den Medien entnommen habt», tippte Kilian Derungs. «Wir starten Phase zwei.» Er klickte auf Senden. Rund fünfundzwanzig Empfänger in aller Welt, hauptsächlich aber in Europa, würden in diesem Augenblick die Nachricht empfangen. Wie ein Mail. Es war ja irgendwie auch ein Mail. Aber eben: Nur irgendwie. Kilian Derungs gönnte sich einen zweiten Cognac.

HOTEL BASEL, BASEL

Im fasnächtlichen Bermudadreieck rund um das Hotel Basel, am Fusse des Spalenbergs, hatte sich um 21.55 Uhr etwas wie eine Fasnachtsvollversammlung gebildet. Hunderte von Fasnächtlern standen da und diskutierten aufgeregt, wie es nun weitergehen solle.

Zuvor hatten sich die Regierung, die Staatsanwaltschaft, die Polizei und das offizielle Fasnachts-Comité an einer gemeinsamen Medienorientierung dafür ausgesprochen, die Fasnacht sofort abzubrechen. Da man sich bewusst sei, dass ein eigentliches Fasnachtsverbot kaum durchzusetzen wäre, handle es sich um eine dringende Empfehlung. Bis die grauenhafte Tat, die eine Tote und fünfunddreissig Verletzte gefordert habe – darunter dreizehn Kinder und Jugendliche – geklärt sei, müsse man mit erhöhter Terrorgefahr rechnen. Per sofort werde ein Grossaufgebot des Nordwestschweizer Polizeikonkordats im Einsatz stehen. Diskutiert werde auch, ob die Schweizer Armee zur Unterstützung angefordert werden solle. Kommissär Kaltbrunner hatte sich gegen den Ausdruck «Terrorgefahr» gewehrt, weil er nicht an einen Terroranschlag glaubte. Aber Staatsanwalt Fässler wollte es so. Kaltbrunner vermutete, dass Fässler sich damit profilieren wollte, immerhin wäre er dann ein Terroristenjäger.

Vor dem Hotel Basel waren die Meinungen über den Fasnachtsabbruch geteilt. Die einen standen unter Schock oder hatten Angst, die anderen wollten sich von einer Amokläuferin oder einer Terroristin oder einer gestörten Alten nicht einschüchtern lassen. Schliesslich sei die Basler Fasnacht schon immer etwas Aufmüpfiges gewesen, ein Ventil des Volkes gegen die Obrigkeit. Was das mit der jetzigen traurigen Lage zu tun habe, fragten die anderen.

Um 23.39 Uhr kam es fast zu einer Schlägerei, weil ein Politiker aufgetaucht war, dessen Name zwar niemand wirklich kannte, der aber auf eine Festbank vor dem Hotel Basel gestiegen war und schrie, dass die Fasnacht unbedingt weitergehen müsse, man solle auch an das lokale Gastgewerbe denken, dessen Verdienstausfall bei einem vorzeitigen Ende der Fasnacht viele Betriebe in den Ruin treiben würde.

Daraufhin wurde der Mann von mehreren Männern attackiert. Der Kerl konnte aber ins Innere des Hotels Basel flüchten und getraute sich nicht mehr hinaus. Um 23.55 Uhr leerte sich der Platz. Es waren aber immer noch einzelne Trommel- und Pfeiferklänge zu hören. Auch eine Guggenmusik zog irgendwo durch die Strassen.

«Respektlose Arschlöcher», sagte ein Mann in einem Ueli-Kostüm mit vielen kleinen Schellen daran. Er ging bimmelnd und fluchend den Spalenberg hinauf.

23. Februar

INNERSTADT, BASEL

Buschauffeur Thomas Neuenschwander war seit 05.46 Uhr auf der Linie 34 im Einsatz. Die Greifengasse war wieder freigegeben. Spuren des Anschlags waren kaum noch zu sehen. Bloss die Markierungen der Polizei waren noch deutlich erkennbar. Ansonsten sah die Stadt so aus wie fast jeden Morgen: verschlafen und sauber geputzt. In den Kleinbasler Beizen hingen noch einige Fasnächtler herum. Im Grossbasel war von Fasnacht fast gar nichts zu merken. Auffällig waren nur die vielen Polizisten, die auf Streife waren.

Im Radio gingen ab sechs Uhr auf den lokalen und nationalen Sendern die Diskussionen los, wie es in Basel nach der nach wie vor ungeklärten Tat weitergehen solle.

Ab sieben Uhr stiegen in den Vorortsgemeinden, die vom 34er-Bus bedient wurden - Riehen, Binningen und Bottmingen - die ersten Kostümierten in Neuenschwanders Bus. Sie sahen ziemlich frisch aus. Thomas war sich sicher, dass sie zu Hause geschlafen hatten, um nun den zweiten Tag Fasnacht in Angriff zu nehmen. Aus dem von den Behörden ausgerufenen, freiwilligen Fasnachtsverzicht wird wohl nichts, dachte Thomas.

Kurz nach neun Uhr hatte er Pause. Er holte sich eine «Aktuell» aus einem Zeitungskasten und las die Berichterstattung über das Attentat von Basel. Seine Stellungnahme gegenüber dem Reporter Joël Thommen war Teil eines doppelseitigen Artikels. Beim Lesen blieb er an der Stelle hängen, an der er zitiert wurde, dass er sich gewundert habe, warum die geistig behinderte Frau für einmal keinen Plüschelefanten im Rucksack gehabt habe, sondern einen Hasen. Auch jetzt empfand er dies nach wie vor als sehr seltsam, denn er hatte die Frau in all den Jahren noch nie ohne den Elefanten gesehen. Das Stofftier war auch dementsprechend abgewetzt und schmutzig. Er überlegte sich, ob er das der Polizei mitteilen solle.

Als er anrief, wunderte er sich ein bisschen, weshalb der Beamte am Telefon sagte, die Staatsanwaltschaft habe ihn bereits gesucht, man müsse sich sofort treffen, ob er in den Waaghof an der Heuwaage kommen könne, er solle sich umgehend bei Kommissär Olivier Kaltbrunner melden. Das gehe nicht, er müsse in einer halben Stunde an der Schifflände auf die Linie 36. Darüber solle er sich keine Sorgen machen, man werde das mit den Basler Verkehrsbetrieben organisieren.

Neuenschwander erkundigte sich trotzdem zehn Minuten später beim Personaldisponenten der Leitstelle. Dieser bestätigte: «Die Polizei hat mehrfach angerufen. Wir wollten dich anfunken oder gleich ablösen, sobald du den zweiten Dienstteil in Angriff genomm…»

Thomas klickte den Disponenten weg und schlenderte über die Mittlere Brücke. Es wehte ein leichter Wind, der Himmel war bedeckt, aber – das hatte Thomas in den Nachrichten des Lokalsenders Basilisk gehört - es sollte trocken bleiben, teilweise könnte sich sogar die Sonne durchsetzen. Was für ein tolles Wetter für die heutige Kinderfasnacht und die abendlichen Guggenkonzerte. Vorausgesetzt, die Fasnacht würde überhaupt weitergehen.

Thomas blieb beim Käppelijoch, der kleinen Kapelle in der Mitte der Brücke, stehen und schaute, ob auch dieses Jahr eine Fasnachtsfigur darin platziert worden war. Ja, es war eine alti Dante, eine alte Frau, eine klassische Figur der Basler Fasnacht. Sie war allerdings kaum zu sehen. Denn an den Gitterstäben vor der Figur hingen unzählige Liebesschlösser, von Verliebten, die ein Schloss mit ihren Namen am Gitter festmachten und den Schlüssel in den Rhein warfen. Neuenschwander fand diesen Brauch albern.

«Neuenschwander?», rief jemand. Thomas drehte sich um. Ein Polizeiauto hatte angehalten. Ein Mann, nicht all zu gross, mit rundlichem Kopf und einer Brille mit feinem Goldrand stieg aus und kam auf ihn zu: «Herr Neuenschwander?».

«Ja …»

«Ich bin Olivier Kaltbrunner, Kommissär. Wir haben mit Ihnen telefoniert.»

«Ja …»

«Wie geht es Ihnen?» Der Mann nahm seine feine, goldene Brille von der Nase und schaute ihn mit grün-blauen Augen freundlich an. Der Mann hat etwas Sympathisches an sich, dachte Thomas. «Es geht gut.»

«Ist es Ihnen recht, wenn wir gleich an den Claraplatz fahren und Sie uns schildern, was Sie wie gesehen haben? Sie können uns damit ganz gewaltig helfen.»

«Meinen Sie?»

«Natürlich. Sie sind derzeit unser wichtigster Zeuge.»

Thomas konnte es nicht fassen, dass er plötzlich so wichtig war. Er kramte sein Handy hervor und wollte seine Frau anrufen. Doch der Kommissär schaute ihn immer noch an. Deshalb liess er es bleiben und stieg mit dem Kommissär in den Wagen.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Peter Renner sass in seiner Nachrichtenzentrale und starrte auf den mittleren Bildschirm der drei Monitore auf seinem Pult. Renner sass bereits seit sechs Uhr hier und hatte mittlerweile rund dreissig Zeitungen aus dem In- und Ausland gelesen. Nun überprüfte er die grössten News-Portale im Web auf irgendwelche Informationen, die er noch nicht hatte.

Peter Renner sass reglos da. Sein massiger Körper und sein kleiner Kopf bewegten sich kaum. Nur sein rechter Zeigefinger, der die Computermaus bediente, regte sich ab und zu, die Augen folgten den Buchstaben und Zeilen, hin und her. Peter Renner hatte seinen Übernamen nicht umsonst: Die Zecke lauerte auf Nachrichten, in die sie sich reinbeissen konnte.

Das grosse Thema war in allen Medien der Bombenanschlag an der Basler Fasnacht. Einig waren sich die Journalisten, dass es eine Katastrophe war. Uneinig dagegen, ob es sich um einen Terrorakt oder einen Amoklauf handelte. «Aktuell» war die einzige Zeitung, die dank Renners Reportern Alex Gaster und Joël Thommen Informationen hatte, die auf die Tat einer geisteskranken Frau hinwiesen. Diese wurden von den Nachrichtenagenturen, die ständig neue Meldungen verbreiteten, vielfach zitiert.

Da die offiziellen Mitteilungen der Basler Behörden sehr dürftig waren, hatten viele Medienleute Experten befragt. Peter Renner hatte diese sogenannten Strategieexperten alle schon am Vorabend auf diversen Fernsehstationen gehört und gesehen. Ihre Aussagen waren aber vage. Auch in Interviews mit Zeitungs- und Online-Journalisten waren sie nicht konkreter geworden. Doch die Tendenz war klar: Mit dieser «unfassbar grausamen» Tat habe der Terror endgültig die Schweiz erreicht. Oft waren die Fragen so gestellt, dass es genau darauf hinauslief. Beispielsweise wurde ein Vergleich mit dem fürchterlichen Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo angestrebt, weil die Basler Fasnacht ja auch aktuelle und brisante Themen karikiere. Einige Experten nahmen diesen Zusammenhang dankbar auf. Natürlich wollte niemand vordergründig auf Panik machen, aber dass nun selbst die heile und friedliche Schweiz nicht mehr von Terroranschlägen verschont wurde, war einfach eine zu ungeheuerliche Tatsache – da konnten selbst seriöse und besonnene Journalisten nicht widerstehen, die Tat in den Kontext des internationalen Terrors zu stellen. Viele Kommentatoren kamen zum Schluss: Nun hat der Terror die Schweiz erreicht.

Peter Renner zweifelte daran und nahm sich vor, seine Reporter heute auf die vermeintliche Attentäterin anzusetzen beziehungsweise auf deren Umfeld. Wenn es eine Geisteskranke war, dann müsste es für seine Leute ein Leichtes sein herauszufinden, was da passiert und wie sie zu dieser Bombe gekommen war.

Um 09.52 Uhr, acht Minuten vor der grossen Redaktionssitzung, rief er Sandra Bosone an, die eigentlich Politik-Journalistin war, sich wegen dem Anschlag aber immer noch in Basel aufhielt. «Hey, wie weit bist du?», wollte Renner wissen. «Hast du mit Verletzten reden können?»

«Nein, noch nicht.»

«Scheisse, warum nicht?»

«Ins Spital kommt man nicht rein. Zu viel Polizei und Security.»

«Kauf dir einen Doktorkittel und ein Stethoskop! Dann versuchst du es nochmals! Das Zeug kannst du in einem Geschäft am Bernoullianum … ach, wie heisst das dort? … da, wo diese Wissenschaftlerin ihr Zeugs holte, als damals dieses Virus ausgebrochen war … Warte kurz …» Renner googelte sich auf dem rechten Monitor durch die Basler Läden für Spitalbedarf. «Klingelbergstrasse. Dort kannst du solche Sachen kaufen.»

«Und was soll ich damit?»

«Was wohl?! Sandra, wo ist dein Problem?

«Ich mach das nicht.»

«Aussergewöhnliche Storys brauchen aussergewöhnliche Recherchen.»

«Das kannst du nicht von mir verlangen.»

«Und ob. Keine Diskussion jetzt!»

«Peter, ich gebe mich nicht als Ärztin …»

«Ende der Diskussion, Sandra!», sagte Renner in seinem gefürchteten Befehlston. «Oder muss dich unser Kotzbrocken Haberer darum bitten?»

«Sehr witzig», kommentierte Sandra und brach die Verbindung ab.

In diesem Augenblick flog die Türe zum Newsroom auf: Klack – klack – klack! Chefredaktor Jonas Haberer tappte herein und schlug Renner mehrfach auf die linke Schulter: «Ha! Hast von mir, dem Kotzbrocken, geredet, was, Pescheli? Um deinen Sklaven Beine zu machen? Das gefällt mir!» Er schlug noch einmal auf Renners Schulter, diesmal so heftig, dass die Zecke am ganzen Körper bebte.

CLARAPLATZ, BASEL

«So, so», murmelte Olivier Kaltbrunner immer wieder. Manchmal machte er auch nur «Hmm, Hmm.» Der Kommissär hörte der Schilderung des Buschauffeurs Thomas Neuenschwander aufmerksam zu. Manchmal nahm er die Brille von der Nase, setzte sie aber nach wenigen Sekunden wieder auf. Sein Kollege Giorgio Tamine machte Notizen.

Neuenschwander erzählte, dass er die geisteskranke Frau schon mehrfach im Bus gehabt habe. Sie sei immer friedlich gewesen, auch wenn sie manchmal leise geflucht habe. Er konnte auch eine ziemlich gute Personenbeschreibung abgeben: kleine, rund fünfundfünfzigjährige Frau, kurze, graumelierte Haare.

«So, so», machte Kaltbrunner. Das, was von der Leiche übriggeblieben war, passte auf die Frau, von der Buschauffeur Neuenschwander erzählte. «Geht es noch?», fragte Kaltbrunner plötzlich. «Oder brauchen Sie eine Pause?»

Der Buschauffeur schaute etwas verdutzt, sagte dann aber: «Nein, alles klar. Was wollen Sie noch wissen?»

«Erzählen Sie mir von den Stofftieren, die die Frau immer dabei hatte.» Neuenschwander schilderte so genau wie möglich, dass die Frau normalerweise immer einen Bären und einen Elefanten mit sich trug und sich mit den beiden unterhielt. Gestern sei aber ein weisser Hase mit lustigen Lampiohren in ihrem Rucksack gewesen.

«So, so», machte Kaltbrunner.

«Meinen Sie, die Frau hat sich wirklich selbst in die Luft …»

«So, so», murmelte Kaltbrunner. «Hmm, hmm.»

STOCKERENWEG, BERN

Um 10.33 Uhr fuhr Kirsten Warren ihren Computer hoch. Die alleinerziehende Mutter eines zwölf Jahre alten Jungen konnte ihre Arbeitszeiten selbst einteilen, da sie als freischaffende Internetspezialistin praktisch sämtliche Aufträge in ihrem Homeoffice erledigen konnte. Nebst der Entwicklung von Internet- und Intranet-Lösungen für diverse Firmen, schrieb die Amerikanerin für die Gratiszeitung «Aktuell» regelmässig Artikel für die Computer-Spezialseiten. Sie testete auch die neusten Spiele, die auf den Markt kamen. Allerdings war sie keine begeisterte Gamerin. Mittlerweile konnte sie ihren Sohn Christopher für diese «Arbeit» einspannen. Er konnte besser beurteilen, ob ein neues Spiel bei den Jungen ankam oder nicht. Der einzige Nachteil dieser Mutter-Sohn-Zusammenarbeit war, dass sie ihn kaum mehr von seinem PC wegbrachte.

Christophers Vater war der Grund gewesen, warum sie überhaupt in die Schweiz gekommen war. Er war Diplomat und arbeitete bei der US-Botschaft in Bern. Nach ihrer Trennung und einer beruflich unrühmlichen Geschichte wurde er versetzt. Kirsten hatte nie genau erfahren, worum es in dieser Affäre gegangen war. Sie wusste nur, dass ihr Mann, Jeff Warren, im Zusammenhang mit Ermittlungen gegen Schweizer Banken auf einer ominösen schwarzen Liste der New Yorker Staatsanwaltschaft aufgetaucht war. Und plötzlich war er weg. Kirsten wusste nicht, ob er zurück in die USA oder in eine andere Botschaft versetzt worden war. Doch die Alimente flossen. Direkt von den US-Behörden.

Sie hatte sich als Webspezialistin schon vor ihrer Heirat einen Namen gemacht und ein eigenes Geschäft aufgebaut. Die US-Botschaft gehörte seit der Sache mit ihrem Mann zu ihren wichtigsten Kunden. Das wunderte sie zwar. Doch sie war auch dankbar, damit halbwegs wieder auf eigenen Beinen stehen zu können. Erst später kamen «Aktuell» und hin und wieder andere Verlage dazu.

Sie vermisste ihre Heimat Texas. Ihre Familie. Und ihre Freunde. Aber ihr Sohn wollte in Bern bleiben. Und irgendwie wusste sie auch nicht, ob sie weg gekonnt hätte, wenn sie weg gewollt hätte. Botschaftsvertreter hatten ihr mehrmals angetönt, dass sie die Alimente und die Aufträge nur auf sicher habe, solange sie in der Schweiz wohne. Zudem gab es noch «the others», wie Kirsten sie nannte.

Schweizer Freunde hatte sie wenige. Es waren im besten Fall Bekannte. Aber vielleicht würde sich das irgendwann ändern. Allerdings tat sie nicht viel dafür. Sie ging kaum aus, engagierte sich auch in keinem Verein oder Club. Nur Golf spielte sie regelmässig. Meistens allerdings mit Amerikanerinnen, deren Ehemänner wochenlang auf Geschäftsreisen waren. Und auch mit diesen Frauen pflegte Kirsten eine distanzierte Beziehung, lehnte die meisten ihrer Einladungen ab oder ging einfach nicht hin. Es war ihr lästig, dass alle sie mit irgendwelchen Männern verkuppeln wollten. Ein so attraktives und nettes Girl könne doch nicht alleine leben, meinten die Damen.

Sie war hübsch. Lange, blonde Haare, lange Beine, schlank und mit tollem Busen und wohlgeformtem Po. Wenn sie Jeans, Boots, eine kurze Lederjacke und einen Hut trug, verkörperte sie das perfekte Cowgirl. Boots und Jeans hatte sie oft an, die restlichen Cowgirl-Accessoires nur zweimal im Jahr. Wenn sie mit ihrem Sohn ans Country- und Truckfestival nach Interlaken fuhr. Und an die Countrynight in Gstaad. Dann genoss sie es, mit ihrem Sohn als Dreamgirl aufzutreten. Christopher war das mittlerweile allerdings peinlich.

Sie holte einen wässrigen Filterkaffee aus der Kanne – mit Kapselkaffee konnte sie nichts anfangen – und loggte sich im Internet ein. Ihre Mailbox zeigte zweiundvierzig neue Mitteilungen an. Eine davon war ein Hinweis, dass sie ins Newnetnet reinschauen solle. Newnetnet war ein geschlossenes Netz, ein sogenanntes Darknet im Deep Web, ausserhalb des bekannten World Wide Web, das nur mit spezieller Software zu erreichen war. Wie andere solche Netze war Newnetnet nur mit Username und mehreren Passwörtern zugänglich. Wer sich anmelden wollte, musste einen Bekannten haben, der bereits im Newnetnet Mitglied war und für das Neumitglied bürgte. Selbst professionelle Hacker konnten sich nicht in diesen geheimen Zirkel einschleichen. Kirsten selbst war aus Recherchezwecken – sie musste vor einem halben Jahr für die US-Botschaft in Bern einen Bericht über das Deep Web und seine Auswirkungen auf die Schweiz verfassen – darauf gestossen und war schliesslich zu Newnetnet eingeladen worden. Von wem und warum wusste sie bis heute nicht. Da ihre Aufnahme im Gegensatz zu vielen anderen Usern völlig reibungslos und schnell vonstattenging, war Kirsten überzeugt, dass die Leute, die sie eingeladen hatten, irgendwie mit den US-Behörden verbandelt waren. Sie hatte keine Angst vor diesen Leuten, aber ein ungutes Gefühl. Deshalb nannte sie sie einfach nur «the others».

Ob sich in diesem Newnetnet auch so viele Spinner, Spione, Drogendealer, Waffenschieber und Pädophile tummelten wie in anderen Schattennetzen des Deep Webs, wusste sie ebenfalls nicht. Aber spannend war es auf alle Fälle. Sie loggte sich also ein und erhielt sofort eine Mitteilung von einem User namens John Fox. Der Mann schrieb: «Möchtest du eine Story?»

«Yes», gab Kirsten ein. Sie trank ihren Kaffee und hoffte, der Kerl, der sich «John Fox» nannte, wäre online.

«Melde meinem alten Freund Haberer, dass Basel nur der Anfang war …»

«Soll das ein Joke sein? Wer bist du?»

«Kein Joke. Ich bin John Fox.»

«Sehr witzig.»

«Haberer steht sicher auf dich, Cowgirl …»

UNIVERSITÄTSSPITAL, BASEL

Irgendwie hatte sie Freude an ihrem Job als Boulevard-Ratte entwickelt. Sandra Bosone stand mitten in der Intensivstation des Universitätsspitals und hatte in ihrem Ärztinnen-Outfit Zugang zu sämtlichen Patienten. Sie klapperte alle Zimmer ab, immer auf der Suche nach den am schwersten verletzten Opfern des Bombenanschlags. Die, die sprechen konnten, erzählten ihr sämtliche Details ihrer Odyssee. Jene, die dazu nicht in der Lage waren, hatten meist Angehörige, die weinten und ihr vertrauensvoll das ganze Elend schilderten. Für Sandra war es ein «Yeah-yeah- yeah»-Effekt, so viele Schicksale auf engstem Raum zu treffen, war für eine Reporterin aussergewöhnlich. Jedes davon eine eigene Geschichte wert. Doch in der Masse gingen die meisten unter, denn unter diesen Umständen war nur noch das grösste Elend interessant. Eine schwerverletzte Mutter, der beide Beine amputiert werden mussten, und deren zwei Kinder, ebenfalls durch Splitter der Bombe verletzt, gab von der journalistischen Relevanz aus gesehen die beste Story. Peter Renner, die Zecke, würde sie lieben für diese Story. Selbstverständlich mit Bild und Video, denn Sandra hatte nicht gezögert, ihre Kamera beim Interview auszupacken und die Szenerie aufzunehmen. Ob die arme Frau je in «Aktuell» erscheinen würde, darauf hatte sie keinen Einfluss. Das würden Peter Renner, Jonas Haberer oder die Anwälte entscheiden. Sie machte nur ihren Job.

Die Idee mit dem gekauften Arztkittel und dem Stethoskop war zwar gut gewesen, aber nicht genügend. Das hatte Sandra schnell gemerkt. Ihr hatte der Ausweis gefehlt. Diesen hatte sie sich allerdings schnell angeeignet. Sie hatte sich einen Kaffee geholt, dann gezielt eine Ärztin angerempelt und ihr den Kaffee über den Kittel geschüttet. Dann hatte sie der «Kollegin» geholfen, sich zig-mal entschuldigt, den riesigen Kaffeefleck verwischt, ihr dabei den Ausweis aus der Brusttasche geklaut und damit den Namen «Dr. Elfriede Kasalski» angenommen. Die Security-Leute hatten sie seither freundlich gegrüsst und ihr sämtliche Türen aufgehalten.

Jetzt hatte sie alles im Kasten. Sie verliess das Spital, zog den Arztkittel aus, versenkte das Stethoskop in ihrer Tasche und rannte zum Kiosk an den Blumenrain hinunter. Dort kaufte sie sich Zigaretten, rauchte zwei und rief Peter Renner an. Er sagte ihr, dass er sie liebe. Danach stürzte sie sich in die Fasnacht. Es war 11.55 Uhr. Der Publikumsaufmarsch hielt sich allerdings in Grenzen, obwohl am Dienstag jeweils Kinderfasnacht war.

Verrückte Welt, dachte Sandra. Aber das war egal. Sie hatte ganze Arbeit geleistet. Pervers. Aber gut. Sandra lächelte.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

«Kirsten was?», schnauzte Chefredaktor Jonas Haberer seinen Nachrichtenchef an. «Ich kenne diese verdammte Kirschtorte nicht!»

Peter Renner regte sich nicht auf. Er wusste, dass sein Chef sämtliche Namen verhunzte und wunderte sich deshalb nicht im Geringsten. Hauptsache, sein Chef hämmerte nicht schon wieder auf seiner Schulter herum.

«Sie schreibt für uns die Computer- und Game-Kolumne.»

«Was?»

«Ja, mein Lieber, wir haben eine Computer- und Game-Kolumne in unserer Zeitung.»

«Ach, die Schach- und Halma-Tante.»

«Ja, ja, mein Lieber, Schach und Halma spielte man noch kurz nach dem Krieg, du alter Schafseckel!» Jonas Haberer lachte drauflos. So heftig, dass er einen Hustenanfall bekam und zu ersticken drohte. Sein langes, fettiges Haar vibrierte.

«Geht’s, Jonas?», fragte Peter Renner.

Haberer beruhigte und räusperte sich. Dann sagte er: «Los, was will die Halma-Tante, diese Kirschtorte?»

«Sie hat eine Nachricht aus dem Darknet erhalten, in der ihr mitgeteilt wurde, dass der Anschlag von Basel nur der Anfang wäre. Und dass du auf die Halma-Tante stehen würdest, falls du sie mal sehen würdest.»

Haberer bekam erneut einen Lachanfall. Er dauerte rund zwanzig Sekunden. Danach fragte er: «Wie war das mit der Nachricht? Mit diesem Darknet-Zeugs? Was ist das überhaupt, verdammt?»

«Das ist ein Schatten-Internet. Oder so ähnlich. Jedenfalls etwas Obskures.»

«Und warum soll ich auf die Kirschtorte stehen?»

«Weiss ich nicht.»

«Sie soll herkommen! Sofort!»

«Bist du sicher? Interessiert dich die Story? Ist das nicht zu unseriös?»

«Pescheli, was ist los? Wir sind unseriös! Also her mit der Kirschtorte! Ich geh mich mal rasieren.» Haberer verliess den Newsroom. Renner hörte noch lange seine Schritte und vor allem sein ordinäres Lachen.

CLARAPLATZ, BASEL

Anders als in anderen Jahren füllte sich die Innerstadt nur langsam mit Fasnächtlern. Der Dienstag, der als der schönste Tag der Basler Fasnacht galt, weil kein offizieller Umzug stattfand, war irgendwie kein richtiger Fasnachtsdienstag. Das Attentat überschattete den Tag der Kinderfasnacht und der Guggenmusiken. Cliquen mit Kindern waren nur wenige unterwegs. Die Guggenmusiker trugen Transparente mit Parolen wie «Jetzt erst recht!», «Wir lassen uns die Fasnacht nicht nehmen!» und «Wir haben keine Angst!» Überall standen Polizisten. Nicht nur aus Basel. Das Nordwestschweizer Polizeikorps war aufgeboten worden. Es herrschte Ausnahmezustand.

Um 13.33 Uhr zog eine Gruppe von rund dreissig Personen vom Claraplatz kommend durch die Rheingasse. Die schwarz angezogenen und mit Totenkopftüchern maskierten Menschen trommelten auf Konservendosen und Bratpfannen herum, einige schlugen Pfannendeckel zusammen. Ein Wachtmeister der Polizei fragte einen der Maskierten, zu welcher Clique er gehöre. Der Mann, der ununterbrochen auf eine grosse Büchse klopfte, sagte, sie seien ein «Zyschdigszyygli», ein Dienstagszug, zusammengestellt aus mehreren Trommlern diverser Cliquen. Der Wachtmeister gab diese Information an die Zentrale weiter. Mit dem Hinweis, dass der Mann kein Basler, sondern Zürcher Dialekt gesprochen habe.

WAAGHOF, KRIMINALKOMMISSARIAT, BASEL

Im Büro von Kommissär Olivier Kaltbrunner gab es eine heftige Diskussion. Anwesend waren neben Kaltbrunner Staatsanwalt Hansruedi Fässler, Stadtpräsident Serge Pidoux und Bundesanwalt Filipo Rizzoli. Am Telefon zugeschaltet waren Bundesrätin Christine Gugler-Herrmann, Vorsteherin des Justizdepartements, sowie Bundesrat Georg Bernauer, Chef des Verteidigungsministeriums. Kaltbrunner war bei dieser Konstellation alles andere als wohl. Er versuchte, sich in seinem Bericht auf das Wesentliche zu beschränken. Die vermeintliche Attentäterin sei vermutlich eine Frau namens Hildegard, genannt Hilde, Haberthür, sie war geistig stark behindert gewesen, hatte im Heim Sonnenstrahl gewohnt und in einer Werkstatt für behinderte Menschen gearbeitet. Ein Bombenattentat wurde ihr nicht zugetraut, wie die ersten Befragungen der Betreuer ergeben hätten. «Das heisst?», wollte Staatsanwalt Fässler wissen.

«Wir stehen erst am Anfang unserer Ermittlungen, wir haben noch …»

«Besteht die Gefahr für weitere Attentate?», fragte Bundesrätin Christine Gugler-Herrmann.

«Also …», begann Kaltbrunner.

«Nein», unterbrach Staatsanwalt Fässler. «Wir haben es mit einer kranken Person zu tun.»

«Unsere Leute sind notfalls bereit», warf nun Militärminister Bernauer ein. «Wir sollten jegliche Panik verhindern. Wir lassen die Fasnacht laufen.»

«Ich finde das keine gute Idee, weil …»

«Danke, meine Damen und Herren, wir haben die Lage im Griff», sagte Stadtpräsident Serge Pidoux.

«So, so, die Armee steht bereit», murmelte Kaltbrunner und lächelte. «Was sagen Sie?», wollte Fässler wissen und hielt sein Ohr zu Kaltbrunner.

«Ich sagte nur: Die Armee steht also bereit.» Fässler schaute den Kommissär einen Moment an. Erst dann prustete er los.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Chefredaktor Jonas Haberer war beim Anblick von Kirsten Warren nicht mehr hundertprozentig zurechnungsfähig. Die Computer- und Gameredaktorin trübte seine Sinne, das wusste Nachrichtenchef Peter Renner sofort. In ihren engen Jeans, den Boots und den langen Haaren verkörperte sie alles, worauf sein Chef stand. Und er selbst eigentlich auch. Obwohl er vor allem auf die Verlegerin Emma Lemmovski stand. Aber Kirsten glich Emma. Sie war zwar etwas jünger, aber vom Typ her …

«Warum arbeitest du nicht in unserem schönen Büro, sondern zu Hause?», säuselte Jonas Haberer zu Kirsten Warren. Peter Renner sass einmal mehr wie in Gips gegossen da, innerlich ärgerte er sich allerdings über Haberer.

«Ich habe einen Sohn», sagte Kirsten Warren in ihrem Deutsch mit amerikanischem Akzent.

«Das macht mir nichts aus …» Haberer lächelte.

Kirsten Warren schaute ihn verdutzt an.

«Also, Jonas, Kirsten ist hergekommen, weil …»

«Ich weiss, Pescheli», unterbrach Haberer und strich sich eine Strähne aus dem Gesicht. «Unsere süsse Kirschtorte hat eine obskure Nachricht aus dem geheimen Internet erhalten.»

«Ach, geheim ist vielleicht falsch. Das Deep Web ist einfach eine andere Form des Internets, das noch sehr viel grösser ist als das normale Internet, aber nicht von Google und Co. gefunden wird. Das heisst, dass …»

«Ist gut. Ist gut. Ist gut. Worum geht es?»

«Ein Mann, der sichJohn Fox nennt, meldet, dass der Anschlag auf die Basler Fasnacht nur der Anfang war.»

«Der Anfang wovon?»

«Weiss ich nicht. Ich gehe aber davon aus, dass er weitere Anschläge meint.»

«Und wer ist John Knox?»

«Fox. John Fox. Er kennt dich offenbar.»

«Ich kenne keinen Fox.»

«Das ist sicher nicht sein richtiger Name.»

«Ach, in diesem Deep Ding Netz heisst man Hinz und Kunz statt Haberer und Renner?»

«In etwa.»

«Also ist’s Quatsch.»

«Nein. Nicht unbedingt. Ich habe diese Nachricht ja persönlich bekommen. Und zwar in einem Netzwerk von Usern, die sich mit politischen Zusammenhängen in der Schweiz befassen.»

«Ist doch ein Bluffer.»

Kirsten nahm wortlos ihr Tablet aus der Handtasche, tippte darauf herum und fragte: «Wollt ihr jetzt mehr wissen? Ich bin online.»

«Ja, schiess los, Kirsten», sagte Renner.

Kirsten tippte, wartete, tippte und wartete. Jonas Haberer wippte auf seinem Stuhl hin- und her. Dann scharrte er mit den Füssen. Schliesslich schlug er mit der Faust auf die Tischplatte und bellte: «Ich habe nicht ewig Zeit für diesen Scheiss!»

Kirsten sagte nichts, sondern übergab das Tablet Jonas Haberer. Dieser las etwas und gab das Gerät an Peter Renner weiter. Der Nachrichtenchef wunderte sich, warum Haberer nichts sagte. Renner las: «Liebe Kirsten, der alte Jonas glaubt’s nicht, was? Er soll mal einen seiner Schnüffler um 17 Uhr auf den Basler Barfüsserplatz schicken. Dort wird eine Gruppe schwarzmaskierter Pseudofasnächtler eine kleine Show bieten. Ungefährlich, lieber Habi, noch…» Renner legte das Tablet auf den Tisch. Rund zehn Sekunden schwiegen alle.

Dann knallte Jonas Haberer die Faust auf den Tisch, und zwar so heftig, dass Kirstens Tablet vier Zentimeter in die Luft katapultiert wurde. Der Chefredaktor schrie: «Worauf warten wir noch?» Er schluckte kurz und fügte dann, etwas ruhiger, hinzu: «Pescheli, beiss dich da rein. Und du, Kirschtorte, bringst mir diesen verdammten John Wixer Knox her. Den drehe ich durch den Fleischwolf, bis er Matsch ist!»

RATHAUS, BASEL

Die Medienkonferenz fand ohne Kommissär Olivier Kaltbrunner statt. Er hatte sich geweigert daran teilzunehmen, weil es seiner Ansicht nach noch zu wenige Fakten gab. Stadtpräsident Serge Pidoux und Staatsanwalt Hansruedi Fässler gaben um 16 Uhr vor den versammelten Presseleuten bekannt, dass die Frau mit der Bombe im Rucksack eine geistig gestörte Person gewesen sei und es keinen Hinweis auf einen Terrorakt gäbe. Die Konferenz wurde per Video in den Innenhof des Ratshauses übertragen, wo weitere Medienleute standen, aber auch Passanten. Zudem wurden die Reden des Stadtpräsidenten und des Ersten Staatsanwalts auf dem Schweizer Fernsehen und auf TeleBasel live übertragen. Mehrere Online-Plattformen, darunter auch «Aktuell»-Online, hatten Live-Ticker und Streamings eingerichtet.

Die erste Frage eines Journalisten richtete sich an Hansruedi Fässler. Der junge Mann wollte wissen, wie eine geistig behinderte Frau eine Bombe basteln und diese mitten im Fasnachtstreiben zünden könnte. Es herrschte einige Sekunden Stille.

«Natürlich haben wir uns das auch gefragt», antwortete Fässler schliesslich. «Nach dem Stand der Ermittlungen müssen wir davon ausgehen, dass sich jemand einen Scherz erlauben und die Frau mit einer aus Pyro- und Feuerwerkskörpern gebastelten Bombe erschrecken wollte. Wobei Bombe der falsche Ausdruck ist. Der Sprengkörper war eine aus diversen Spassartikeln verklebte und verschraubte Knall-Kugel. Leider war die Wirkung sehr tragisch. Aber sicherlich war es nicht das Werk eines Profis.»

«Gibt es Verdächtige?», wollte eine Radiojournalistin wissen.

«Ja», antwortete Fässler schnell. «Aber darüber geben wir zum jetzigen Zeitpunkt keine Auskunft. Aus ermittlungstaktischen Gründen.»

«Wie wurde die Knall-Kugel, wie Sie sagen, gezündet?», fragte nun ein älterer Pressevertreter.

«Auch darüber geben wir aus ermittlungstaktischen Gründen keine Auskunft. Sie wissen ja, wegen der Nachahmer.»

Stadtpräsident Pidoux erklärte schliesslich, dass die Fasnacht deshalb ungeniert weiter genossen werden könne. Allerdings sei nach wie vor mit einer erhöhten Polizeipräsenz zu rechnen. Man solle es den Polizeikräften nicht verübeln, wenn man als Kostümierter oder Kostümierte kontrolliert würde.

WAAGHOF, KRIMINALKOMMISSARIAT, BASEL

Kommissär Kaltbrunner starrte in den Monitor. Er verfolgte die Medienkonferenz am Fernsehen. Fassungslos sagte er zu Kollege Tamine: «Was labert Fässler da für einen Stuss? Eine Knall-Kugel?»

«Knall-Kugel», bestätigte Tamine, «er hat Knall-Kugel gesagt!»

«So ein Mist, Goppeloni! Kurt vom technischen Dienst sagte doch, die Bombe sei sehr professionell …»

«Ja, ja, nur ist diese Info noch nicht bei Fässler angekommen. Du kennst ihn ja! Er redet schneller, als er denkt.»

«Goppeloni», sagte Kaltbrunner noch einmal.

INNERSTADT, BASEL

Schon einige Male war die Fasnacht durch politische oder kriegerische Ereignisse irgendwo auf der Welt beeinflusst worden. Da das vermeintliche Attentat dieses Mal aber direkt die Stadt Basel betraf, sass der Schock tiefer: An diesem Dienstag, dem Tag der Kinder, befanden sich praktisch keine Mädchen und Buben in der Stadt. Nur vereinzelt, und ausschliesslich in den Nebengassen, waren einige Kinder mit ihren Eltern unterwegs. Nach der Medienkonferenz der Stadtregierung füllten sich die Plätze und Strassen allerdings relativ schnell. Es kam so etwas wie Fasnachtsstimmung auf.

FÄRBERSTRASSE, SEEFELD, ZÜRICH

Kilian Derungs goss sich nochmals einen Cognac ein, schwenkte das Glas und schaute mit einem Lächeln TeleBasel. Der Regionalsender übertrug nach der Medienkonferenz wieder Bilder der Basler Fasnacht. Die Kommentatoren sagten, dass man nun den Rest der Fasnacht ohne Angst geniessen könne. Kilian Derungs lächelte und murmelte: «Nein, das könnt ihr nicht.» Er nahm einen Schluck Cognac.

BARFÜSSERPLATZ, BASEL

Nach dem Alarmanruf von Nachrichtenchef Peter Renner waren die «Aktuell»-Reporter Alex Gaster, Sandra Bosone, Flo Arber und die beiden Fotografen Henry Tussot und Jöel Thommen rund um den Barfüsserplatz postiert. Es war 16.55 Uhr. Die Lage war ruhig. Fasnächtler marschierten über den Platz, Kinder tobten herum, Zuschauer genossen Bier und Weisswein.

Reporterin Sandra Bosone war nicht besonders guter Stimmung. Ihr war bewusst, dass ihr Einsatz, den sie im Spital für die Interviews mit den Verletzten geleistet und dafür ein etwas schlechtes Gewissen hatte, möglicherweise für die Katz gewesen war. Falls hier etwas Dramatisches passieren sollte, würde ihre Reportage, die sie bereits geschrieben und übermittelt hatte, in den Hintergrund gedrängt.

«Reporterpech», kommentierte Fotograf Henry Tussot ihre Sorgen. «Du weisst gar nicht, was ich alles fotografiere den ganzen Tag. Und dann bringen diese Idioten andere Fotos oder zerstückeln meine Bilder dermassen, dass ich sie kaum wiedererkenne. Merde! Aber so ist das nun mal.»

Um Punkt 17 Uhr lief eine schwarzgekleidete Combo von der Falknerstrasse her auf den Barfüsserplatz. Die Reporter blickten sich an. «Sind das wohl die von Renner angekündigten Pseudofasnächtler, die für Aufregung …», fragte Sandra.

Henry und Jöel rannten los und begannen sofort, Fotos und Videos zu machen. Denn irgendwie sahen diese Fasnächtler nicht wie Fasnächtler aus, sondern wie die angekündigte Chaos- oder Terrortruppe. Alex und Sandra stürmten ebenfalls zu dieser Clique und sprachen mehrere Mitläufer an. Sie fragten, welche Absicht hinter diesem Zug stecke. Antwort erhielten sie keine.

Um 17.03 Uhr enterte die Gruppe, die aus rund fünfundzwanzig Leuten bestand, die Gerüstbühne, auf der am Abend die Gug- genmusiken ihre Konzertauftritte halten.

«Die sehen aus wie der berüchtigte ‹Schwarze Block› aus Zürich», sagte Sandra zu Alex. Der «Schwarze Block» war eine Ansammlung gewaltbereiter junger Menschen, die an Demonstrationen für Ausschreitungen sorgte.

«Hoffen wir, dass nichts passiert. Für eine aggressive Demonstration ist die Fasnacht nun wirklich der falsche …»

In diesem Augenblick gab es einen lauten Knall. Und noch einen. Pyros wurden gezündet. Sekunden später gab es ein riesiges Durcheinander. Fasnächtler und Zuschauer rannten in Panik davon. Einige fielen zu Boden. Kinder schrien. Eltern schrien.

Sandra verlor in diesem Tohuwabohu den Kontakt zu Alex. Sie wurde von hinten angerempelt von einem schwarzgekleideten Kerl mit einem schwarz-weissen Totenkopfhalstuch vor dem Gesicht. Sie versuchte, den Mann zu fotografieren, drückte auf den Auslöser, doch sie stürzte. Als sie sich aufrappeln wollte, sah sie einen Waggis, eine klassische Fasnachtsfigur mit gelber Mähne und einer grossen, roten Nase im Gesicht, mit seinen schweren Holzzoggeli auf sich zu rennen. Sie spürte einen dumpfen Schlag im Gesicht. Alles wurde schwarz. Und dann war es ganz ruhig.

STEINENVORSTADT, BASEL

Kommissär Olivier Kaltbrunner rannte von seinem Büro bei der Heuwaage Richtung Barfüsserplatz und verfluchte sich, dass er nicht in besserer körperlicher Verfassung war. Sein Mitarbeiter Giorgio Tamine war fünf Meter vor ihm und versuchte, in der Steinenvorstadt seinem Chef einen Weg durch die Menschen zu bahnen. Da durch die Basler «Kinostrasse» Hunderte, wenn nicht Tausende von Leuten Richtung Heuwaage rannten, um sich in Sicherheit zu bringen, war fast kein Durchkommen mehr. Olivier Kaltbrunner keuchte und war nicht unglücklich darüber, dass es nur langsam vorwärts ging. So kam er wenigstens wieder zu Atem. Als er sich einigermassen fit genug fühlte, sagte er zu sich: «Ich muss weniger fressen, weniger Bier saufen und mehr trainieren, Goppeloni.» Dann schrie er: «Polizei! Aus dem Weg! Polizei!»

Ohne grossen Erfolg. Als er mit Tamine den Barfüsserplatz erreichte, hatten die Polizeigrenadiere den gesamten Platz bereits mit Gitterfahrzeugen abgesperrt. In der Luft hing Tränengas. Als er und Tamine an drei Polizeigrenadieren in Vollmontur mit Helm und Schutzmaske vorbei wollten, wurde ihnen mit Schlagstöcken und Schutzschildern der Weg versperrt.

«Ich bin der Kommissär, verdammte Scheisse, was seid ihr für elende Flachzangen?» Er zückte den Ausweis.

Einer der Polizeigrenadiere entschuldigte sich auf Berndeutsch: «Sorry, wir sind nicht von der Basler Polizei, sondern vom Nordwestschweizer Polizeikonkordat.»

«Schon gut», antwortete Olivier Kaltbrunner ruhig. «Dürfen wir jetzt durch?»

«Ich muss erst meinen Gruppenführer frag…»

«Jetzt reicht es aber endgültig!», schrie Kaltbrunner aus Leibeskräften. «Geh zurück nach Bern! Wir sind hier in Basel, und ich bin Goppeloni der Chef hier!»

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Es gab selten eine Situation, in der Peter Renner nervös wurde. Jetzt aber war er es. Er versuchte seit gut einer Stunde, irgendeinen seiner Reporter in Basel zu erreichen. Doch keiner nahm seine Anrufe entgegen. Auch die Webcam, die auf den Barfüsserplatz gerichtet war, war ausgefallen. Renner wusste lediglich, dass irgendetwas passiert sein musste, aber nicht was. Und das machte ihn nervös.

Auch seine Anrufe bei der Basler Polizei und bei der Staatsanwaltschaft hatten nichts gebracht. Ja, es sei ein polizeilicher Einsatz im Gange, aber man könne keine Auskunft darüber geben. Selbst auf den Onlineportalen der Konkurrenz gab es keine Informationen. Und die ansonsten lebhaften News-Schleudern Fa- cebook und Twitter blieben ebenfalls verdächtig ruhig.

Chefredaktor Jonas Haberer drängte darauf, die morgige Printausgabe von «Aktuell» zu gestalten. Er wolle mit der Opfer-Story von Sandra Bosone, an der er grossen Gefallen fand, die Schlagzeile auf Seite 1 kreieren. Doch Renner vertröstete ihn, es sei wohl noch etwas Grösseres im Gange in Basel. Vermutlich müsse die Redaktion eine Nachtschicht einlegen. Jonas Haberer murrte.

BARFÜSSERPLATZ, BASEL

Alex Gaster hatte sich unter der Bühne der Guggenmusiken versteckt und das Geschehen fotografiert und gefilmt. Er war zufrieden. Seine Aufnahmen zeigten, wie die schwarzgekleideten Typen nach dem Abfeuern von Knall- und Rauchpetarden und dem Abbrennen von Pyrofackeln gezielt Leute attackierten, die fotografierten. Sie rissen ihnen die Handys und Kameras aus den Händen und schleuderten sie auf den Boden. Danach flüchteten sie in die Seitengassen. Zwei Männer waren nahe an Alex vorbeigerannt, hatten kurz angehalten, sich die schwarzen Kleider vom Leib gerissen und waren als gewöhnliche Zuschauer weitergerannt. Auch den Aufmarsch der Polizei hatte Alex fotografiert. Allerdings waren diese Bilder weit weniger dramatisch, denn der Tränengaseinsatz hatte auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes stattgefunden.

Jetzt kramte Alex sein Handy hervor, um seinen Chef anzurufen. Nach etlichen Versuchen musste er feststellen, dass er keinen Empfang hatte. Das irritierte ihn. Warum gab es am zentralsten Platz in Basel keinen Handyempfang?

FALKNERSTRASSE, BASEL

Zur gleichen ZeitversuchteJoëlThommen, von der Falknerstrasse her wieder auf den Barfüsserplatz zu gelangen. Er hatte einige Mitglieder dieser schwarzen Clique verfolgt, musste dann aber aufgeben, weil die Leute in der Masse der Flüchtenden untergetaucht waren. Auch hatte er etwas Tränengas abbekommen, was ihn einige Minuten ausser Gefecht setzte. Auch er hatte festgestellt, dass sein Handy tot war.

Der Weg zum Barfüsserplatz war durch Polizeigrenadiere und Gitterfahrzeuge versperrt. Die Polizisten standen breitbeinig da. Einige hielten Gummischrotgewehre und Tränengaskanonen in den Händen. Joël zückte seinen Presseausweis und zeigte ihn den Beamten. Sie wiesen ihn jedoch strikte ab, und befahlen ihm zu verschwinden. Joël versuchte zu diskutieren, keiner der martialisch aussehenden Polizisten ging darauf ein.

Joël beschloss, sich einen anderen Weg zu suchen und ging ein Stück zurück. Plötzlich explodierte etwa zwanzig Meter vor ihm eine Rauchpetarde. Er fotografierte. Dann allerdings geriet er in Panik und rannte zurück, wieder auf die Polizisten zu. Dort bin ich sicherer, dachte er.

«Zurückbleiben! Zurückbleiben!», hörte Joël. Er riss den Presseausweis in die Höhe und schrie: «Ich bin Fotograf, lasst mich durch!» Dann hörte er einen Knall und kurz darauf das Niederprasseln von Gummischrot auf den Asphalt.

«Ich bin Fotograf!» Joël rannte. Dann ein weiterer Knall und ein brutaler Schlag ins Gesicht, den Joël schier umhaute. «Scheisse, Scheisse, Scheisse», haspelte Joël. «Ich bin getroffen.»

Weitere Schüsse. Joël warf sich auf den Boden und schützte seinen Kopf mit den Armen.

BARFÜSSERPLATZ, BASEL

«Lass gut sein», sagte Flo Arber zu Fotograf Henry Tussot, der nach der Knallerei in der Falknerstrasse wegrennen wollte. Die beiden waren vor etlichen Minuten zur Tramhaltestelle geflüchtet, zusammen mit vielen anderen Menschen. «Keine Ahnung, was da abgeht», ergänzte Flo. «Aber das ist kein normaler DemoEinsatz mehr. Möglicherweise ist das hier alles ernst, also ein wirklicher Terrorakt.»

«Merde!», kommentierte Henry. «Dann ist das ja etwas wie Krieg. Auf in den Kampf!» Er packte seine Kamera, hielt sie wie ein Sturmgewehr vor sich und rannte in geduckter Haltung mitten auf den Platz. «Du spinnst doch», rief Flo ihm nach und schaute zu den anderen Menschen im Tramhäuschen. Erst jetzt bemerkte er, dass sich diese umarmten, an den Händen hielten, weinten oder mit offenen Augen ins Leere starrten. Erst jetzt hörte er, dass irgendjemand das Vater unser betete.

FÄRBERSTRASSE, SEEFELD, ZÜRICH

«Gute Show, was?», tippte Kilian Derungs in seinen PC. «Wir haben dafür gesorgt, dass ihr alles exklusiv habt. Aber eben, das war erst der Anfang.» Er schickte das Mail durch die undurchsichtigen Kanäle und Wellen des Deep Webs an Kirsten Warren.

BARFÜSSERPLATZ, BASEL

Weit musste Henry Tussot nicht rennen, bis er die ersten Objekte für seine Kriegsreportage vor die Linse bekam. Er war zwar noch nie in einem Krieg gewesen, doch er wäre gerne Kriegsreporter geworden. Dafür war er allerdings zu spät auf die Welt gekommen: In Zeiten der Digitalfotografie, des Videobooms und des Internets war die Zeit professioneller Kriegsfotografen abgelaufen. Die brutalsten und mörderischsten Bilder wurden heute mit Handykameras aufgenommen und innert Sekunden weltweit verbreitet.

Trotzdem: Dieser Platz war nun sein Schlachtfeld. Da lag ein Fasnächtler mit einer klaffenden Wunde am Kopf am Boden, dort ein Kind, das schrie, daneben eines, das nicht schrie, auch nicht jammerte, aber immerhin atmete. Henry fotografierte alle, nachdem er sich kurz nach dem Befinden erkundigt und festgestellt hatte, dass niemand lebensbedrohlich verletzt war. Als er sah, dass die Sanität eintraf, fotografierte er nur noch. Er wusste, dass er wahrscheinlich schon bald von einem uniformierten Muskelprotz abgeführt werden würde.

Er fotografierte ununterbrochen. Fasnachtstrommeln mit zerrissenem Fell, Piccolos in Konfettibergen, zerrissene Laternen, zertrampelte Masken. Und er fotografierte Menschen, die herumlagen. Es lagen viele herum. Henry war sich sicher, dass er auch Tote fotografierte. Nein, das war nicht unmoralisch. Jemand musste das tun. Davon war er zwar nicht ganz überzeugt, aber es tat gut, daran zu glauben.

Eine Frau, kostümiert als Clown, lag auf den Tramschienen, ihr Kleinkind – ebenfalls im Clownkostüm – hatte sie zum Schutz unter sich gelegt. Das Kind hatte die selbstgebastelte Maske noch auf dem Kopf. Es war eine Larve aus einem Schuhkarton und mehreren Toilettenpapierrollen, liebevoll, wenn auch ein bisschen ungeschickt bemalt und mit roten Papierhaaren verziert. Es war ein unglaubliches Sujet, wie Henry sofort erkannte. Der kleine, süsse Clown unter der Clownmutter, die weit aufgerissenen Augen der Mama, das Entsetzen in ihrem Gesicht. Henry kniete sich hin und ging ganz nah ran, nahm sich Zeit. Jetzt sah er: Aus den Sehschlitzen der Larve des kleinen Clowns rannen Tränen, echte Tränen. Er vernahm jetzt auch das Wimmern des Kindes, sein Schluchzen und Schlucken.

«Was ist passiert?», fragte er die Frau und hoffte, dass sie … ja, sie brach auch in Tränen aus … Henry schaltete den Blitz ein … zack! … die Frau zuckte zusammen … «Excusé moi!» … Mann, war das ein Shot! …

Henry stand auf und fotografierte weiter wie ein Verrückter. Dann rannte er weiter, immer noch in geduckter Haltung. Er entdeckte Blutspuren, einen verlorenen Schuh, einen liegengebliebenen Rucksack, eine weggeschmissene Maske, noch eine Larve, einen leeren Kinderwagen, einen leeren Leiterwagen, gelbe, goldene, rote und blaue Räppli, Konfetti, einige blutgetränkt. Weiter, weiter.

Plötzlich entdeckte er Sandra Bosone. «Sandra!», schrie Henry. Aber sie antwortete nicht. Ohne durch den Sucher seiner Kamera zu gucken, drückte er ständig den Auslöser, fotografierte alles, was rund um ihn herum passierte. Er fotografierte auch Sandra, ihren Körper, ihr Gesicht, die Wunde an ihrem Kopf, das Blut in ihren dunkelblonden, kurzen Haaren, und gleichzeitig versuchte er, den Puls seiner Kollegin zu fühlen!

«Hilfe!», schrie er. «Hilfe! Hier liegt eine Tote!»

RATHAUS, BASEL

Um 18.33 Uhr beschlossen die Basler Regierung, die Vertreter des Krisenstabs, die Polizeiverantwortlichen und die Staatsanwaltschaft, die Fasnacht per sofort für beendet zu erklären. Der Entscheid würde wie in einem Katastrophenfall nicht nur über die Medien, sondern auch mit Lautsprecherwagen in der ganzen Stadt verkündet. Zudem solle die Bevölkerung aufgerufen werden, zu Hause zu bleiben.

Erneut wurde der Einsatz der Armee diskutiert. Allerdings nur kurz: Unterdessen waren sich alle einig, dass die zivilen Kräfte die Lage nicht mehr unter Kontrolle halten könnten, falls weitere Anschläge stattfänden. Stadtpräsident Serge Pidoux informierte sofort Militärminister Georg Bernauer. Dieser, so stellte Pidoux verärgert fest, konnte einen freudig erregten Unterton nicht unterdrücken: Endlich ein Ernstfall für seine Armee.

BARFÜSSERPLATZ, BASEL

«Zu welchem Schluss kommst du?», fragte Olivier Kaltbrunner Giorgio Tamine.

«Ich bin mir nicht sicher. Diese Brandspuren hier …»

Olivier Kaltbrunner nahm seine Brille mit dem dünnen Goldrand ab, kniete nieder, rieb mit den Fingern ein wenig Brandstaub vom Boden und roch daran. «Also für mich riecht das wie ganz normale Asche, wie sie beim Abfackeln von Pyros zum Beispiel an Fussballspielen entsteht.» Er hielt seine Finger Tamine hin. «Ja, das kann ich bestätigen», sagte Giorgio Tamine, nachdem er an Olivier Kaltbrunners Fingern geschnuppert hatte.

«So, so, du kannst das bestätigen», wiederholte Kaltbrunner. Er ärgerte sich einmal mehr über den polizeilich-korrekten Ton seines Mitarbeiters. Bestätigen - irgendwie hatte Tamine den Wechsel vom uniformierten Polizeidienst in die Staatsanwaltschaft, der das Kommissariat unterstellt war, noch immer nicht vollständig geschafft.

Olivier Kaltbrunner stand auf, wischte seine Finger an der Hose ab, setzte die Brille auf und sagte: «Wir haben es hier nicht mit Bomben zu tun. Das war auch kein Attentat.»

«Bist du dir sicher?»

«Nein. Aber wenn ich die Verletzungen der Menschen anschaue und höre, was die Sanitäter erzählen, dann wurden diese Leute, die hier herumliegen, niedergetrampelt. Es gab durch die Knallerei dieser schwarz angezogenen Idioten schlicht und ergreifend eine Massenpanik.»

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Praktisch die ganze Redaktion, bis auf wenige Online-Journalisten, drängte sich ins Sitzungszimmer und schaute gebannt auf Peter Renner. Der Nachrichtenchef trug sein Headset und versuchte, einen der «Aktuell»-Reporter in Basel zu erreichen. Doch es meldeten sich nur die Mailboxes der Journalisten oder einfach eine Frauenstimme, die mitteilte, dass der gewünschte Teilnehmer nicht erreichbar sei. Die Redaktorinnen und Redaktoren konnten mithören, da Renner sein Telefon mit der Lautsprecheranlage verbunden hatte. Selbst Jonas Haberer blieb stumm. Alle erwarteten, dass er jeden Moment ein fürchterliches Donnerwetter loslassen würde. Doch dieses blieb aus. Haberer sagte nichts. Entweder war das Piep-piep-piep aus den Lautsprechern zu hören oder: «Der gewünschte Mobilteilnehmer …» Allen war es absolut unverständlich, warum keine Verbindung nach Basel möglich war. «Hast du es schon mit SMS oder WhatsApp oder via Facebook versucht?», fragte ein junger Onliner.

«Ja», murrte Renner. «Twitter ist übrigens auch tot, was Basel betrifft.» Ihm war klar, dass sich die jungen Journalisten nicht vorstellen konnten, dass Menschen oder ganze Regionen einfach einmal nicht erreichbar sein konnten. Diese jungen Leute waren alle mit Smartphones, Computern und Social Media aufgewachsen. Wieder herrschte Stille.

«Wo ist eigentlich die Halma-Tante?», fragte Haberer plötzlich. Allerdings nicht im erwarteten Kasernenton, sondern ganz normal, fast schon freundlich. «Ich meine diese Kirschtort… also Kristen oder wie sie heisst.»

Das erstaunte selbst Peter Renner. Er hatte es noch nicht oft erlebt, dass Haberer einen Versuch wagte, einen Namen richtig auszusprechen. «Kirsten meinst du?»

«Meint ihr mich?», meldete sich nun Kirsten Warren mit ihrem englischen Akzent zu Wort. «Sorry, ich habe nicht verstand…»

«Schon gut», unterbrach Haberer, aber immer noch nett. «Kannst du erklären, was das soll?»

«Yes. Ich denke die Leute, mit denen wir es hier zu tun haben, haben die Handynetze und die Logins zu Facebook, Twitter, Mail und Co gekappt. Anders kann ich nicht erklären, was hier passiert.»

«Gekappt?», fragte Renner.

«Yes. Ich bekam von unserem Freund …»

«Danke!», schrie Haberer nun in seiner gewohnten Lautstärke mit seinem ebenso bekannten Unterton. Doch irgendwie war es für alle Anwesenden eine gewisse Erleichterung: Der Chef schien wieder normal zu werden, also war vielleicht doch alles in Ordnung mit ihren Kolleginnen und Kollegen in Basel. Renner schaute zu Haberer und nickte. Eigentlich hätte er Kirsten Warren unterbrechen müssen, da sie gerade daran war, ein Geheimnis zu verraten, von dem bis jetzt nur sie, Renner und Haberer wussten: Das Geheimnis der Nachrichten aus den obskuren Tiefen des Internets. Plötzlich ertönte über die Lautsprecheranlage ein normaler Summton. «Flo, nimm endlich ab!», sagte Renner. Es raschelte und knackste.

«Ja, Flo Arber?» Alle im Meetingroom atmeten auf.

«Was zum Teufel macht ihr verdammten Anfänger eigentlich an dieser Scheiss-Fasnacht?», schrie Jonas Haberer. «Seid ihr besoffen, bekifft oder beides? Herrgottsack, Flöli, ihr seid am Leben! Wir hatten eine Scheissangst um euch!»

BARFÜSSERPLATZ, BASEL

Henry Tussot, der Möchtegern-Kriegsreporter, hatte einen Schock erlitten und wurde von Sanitätern versorgt. Immer wieder fragte er: «Est-ce que Sandra est morte? Est-elle morte?» In seinem Zustand konnte der gebürtige Westschweizer kein Deutsch mehr.

Obwohl eine junge Sanitäterin immer wieder antwortete, dass seine Kollegin nicht tot, aber schwer verletzt sei, wiederholte Henry die Frage ständig. Sie sei bereits ins Spital gebracht worden, erklärte ihm die Frau ebenfalls mehrmals. «Sandra est morte?!» Henry zitterte. Er begann zu schluchzen.

NOTFALLSTATION, UNIVERSITÄTSSPITAL, BASEL

Die Warterei machte ihn madig. Zwar konnte Joël wegen seiner Verletzung durch das Gummischrot kaum noch etwas sehen, doch die grünen Wände des Eingangsbereichs der Notfallstation irritierten ihn. Zudem konnte er das Gestöhne und Gejammer der anderen Verletzten nicht mehr ertragen. Wer nicht in Lebensgefahr schwebte, musste in diesem grünen Raum warten und konnte darauf hoffen, dass irgendwann sein Name aufgerufen wurde.

Wie er hierhergekommen war, wusste er nicht mehr genau. Jemand hatte ihn wohl auf der Strasse gefunden und hierhergebracht. Langsam kam er aber wieder zu sich. Er prüfte, ob er seine Fotokamera noch hatte. Ja, sie war da. Das war das Wichtigste.

Jetzt müssen meine Bilder aber subito in die Redaktion geschickt werden, befahl er sich selbst. Wie spät ist es wohl? Meine Güte, ich verpasse den Redaktionsschluss! Und ich habe kein einziges Foto im Blatt!

Er stand auf und ging Richtung Ausgang, stiess aber mit jemandem zusammen. Er tappte weiter und lief gegen eine Wand. Jemand fragte ihn, wohin er wolle. Er müsse hinaus, Luft schnappen. Die Person, vermutlich eine Frau, aber da war sich Joël nicht sicher, führte ihn hinaus und sagte, er müsse jemand anderen bitten, ihn zurückzuführen. Joël fragte, ob er oder sie so nett wäre, ihn auf dem Handy mit seinem Chef, Peter Renner, zu verbinden, denn Joël konnte auf dem Display nichts erkennen. Seine Augen waren viel zu stark verschwollen.

«Alles okay bei dir?», fragte Renner.

«Ja», log Joël.

«Wo bist du?»

«Vor dem Spital.»

«Warum denn das?»

«Spielt keine Rolle.»

«Okay. Du triffst dich jetzt mit Flo und Alex. Die beiden sitzen beim Tinguely-Brunnen und schreiben Texte. Du musst alle Bilder von dir und auch jene von Henry und Sandra auswählen und subito mailen. Wir stehen unter Druck, Redaktionsschluss ist in einer Stunde. Verstanden?»

«Okay. Warum können Henry und Sandra das nicht …»

«Sie sind verletzt.»

«Okay.»

«Bei dir ist alles klar?», fragte Renner nach. «Du klingst irgendwie komisch.»

«Nein. Geht schon.»

«Was zum Teufel ist mit dir?»

«Nichts. Kommt gut.»

«Du bist auch verletzt, stimmt’s? Warum sagst du das nicht? Bleib, wo du bist! Wart, bleib am Telefon …»

Joël hörte wie Renner über eine zweite Leitung mit Alex sprach. Er müsse Joël beim Spital abholen. «Nein, es geht schon, Peter. Gib mir einen Moment!» Renner antwortete nicht. «Ich Idiot», murmelte Joël. «Die schmeissen mich raus. Ich gehe einfach immer zu weit und bekomme auf die Schnauze, das …»

«Joël?»

«Ja!»

«Alex und Henry kommen. Was ist los?»

«Nichts. Ich habe es einfach vermasselt … ich wollte den Kerl foto… dann … scheisse, ich hab Durst …»

«Joël!»

«Ja. Hier. Wer ist am Telefon …»

«Ich bin es, Renner, die Zecke, Peter!»

«Kannst mich rausschmeissen, Zecke. Oder Haberer, der Kotzbrocken. Ich kann’s einfach nicht. Ich bin ein mieser Reporter … ein ganz mieser …»

«Joël, beweg dich nicht von der Stelle! Die beiden werden gleich bei dir sein. Rede jetzt einfach mit mir. Hörst du? Was ist passiert? Erzähle es mir. Ruf um Hilfe!» Peter Renner klang plötzlich sehr weit weg.

«Joël!»

«Ich … ich …»

24. Februar

JURASTRASSE, LORRAINE-QUARTIER, BERN

Nach knapp zwei Stunden Schlaf piepste Peter Renners Smartphone. Es war der Weckruf. Renner stellte sich kurz unter die Dusche und trank drei Espressi. Dann machte er sich auf den Weg in die Redaktion.

Vermutlich war der gestrige Tag der bisher schlimmste seiner ganzen Journalistenkarriere gewesen. Nicht die Ereignisse und die Hektik hatten ihn kaputt gemacht, sondern die Tatsache, dass er von fünf Reportern drei verloren hatte. Hatte er zu viel von ihnen gefordert? Lohnte es sich wirklich, die Gesundheit, ja vielleicht, das Leben aufs Spiel zu setzen für eine Reportage? Übten er, Jonas Haberer und auch Emma Lemmovski, zu viel Druck auf die Mitarbeitenden aus?

Renner versuchte sein schlechtes Gewissen mit den Tatsachen zu beruhigen. Denn Henry würde sich schnell erholen, er hatte wirklich nur einen Schock erlitten. Joël hatte zugeschwollene Augen und eine Gehirnerschütterung. Das brauchte zwar Zeit, doch Joël würde ziemlich sicher wieder ganz gesund werden. Allerdings war noch eine Untersuchung seiner Augen nötig.

Sorgen machen musste man sich hingegen um Sandra Bosone. Sie lag mit einem Schädel-Hirn-Trauma im Koma. Es war noch unklar, ob das Trauma ein schweres oder ein mittelschweres war. Deshalb waren auch ihre Heilungschancen noch ungewiss. Mehr hatte Peter Renner gestern Nacht nicht erfahren. Er hatte kurz mit Sandras Mutter telefoniert und ihr von Seite der ganzen Redaktion Unterstützung und Mitgefühl zugesagt. Das hatte Frau Bosone aber nicht beruhigen können. Sie hatte während des Telefonats die ganze Zeit geheult, während ihr Mann am Steuer sass. Bosones waren mit dem Auto von ihrem Wohnort Gockhausen bei Zürich nach Basel unterwegs.

Reporterin und Politikjournalistin Sandra Bosone gehörte zu jenen Opfern, die in Lebensgefahr schwebten. Davon gab es fünf. Insgesamt wurden bei der Massenpanik auf dem Barfüsserplatz drei Personen getötet, darunter ein Kind. Neben den fünf, die mit dem Tod kämpften, waren dreiundvierzig Personen verletzt worden, davon sechzehn schwer. Einundsiebzig Personen mussten ambulant behandelt werden.

Ein Terrorakt konnte noch nicht vollständig ausgeschlossen werden – so die aktuellste Medienmitteilung der Basler Staatsanwaltschaft von 23.57 Uhr. Doch bis jetzt deute alles auf eine Panik hin, ausgelöst durch eine Gruppe schwarz-maskierter Personen, die Pyros und Knallkörper abfeuerten. Die Identität dieser Personen sei unbekannt, es würden Zeugen gesucht.

Peter Renner und das Redaktionsteam von «Aktuell» hatten den Redaktionsschluss überzogen. Das Material der Reporter vor Ort war von solcher Dramatik, dass Chefredaktor Jonas Haberer die ganze Zeitung mit der Basler Katastrophe füllte. Gegen ein Uhr morgens hatte Haberer am Telefon einen fürchterlichen Streit mit dem Druckereichef gehabt. Peter Renner hatte nebst all seiner anderen Arbeit die Verlegerin Emma Lemmovski angerufen, die sich des Druckereichefs annahm und ihm die aussergewöhnliche Situation erklärte. Jedenfalls gab es danach keine Probleme mehr mit dem Druckzentrum.

Als alles fertig war, wollte Haberer mit Renner unbedingt ein Bier trinken. In Haberers Büro tranken die beiden kurzerhand ein Sixpack. Haberer redete kein einziges Wort über die Story, sondern diskutierte mit Renner, was mit ihren Reportern wohl passiert sei und ob sie beide als Vorgesetzte etwas falsch gemacht hätten.

«Wir beide sind Haudegen», sinnierte Haberer. «Wir setzen unsere Leute zu fest unter Druck. Wir sind doch bloss Journalisten, es geht doch eigentlich um nichts. Bloss Rock’n’Roll, was, Pescheli?» Renner antwortete nichts darauf. Für ein Mal war er es, der seinem Kollegen auf die Schulter klopfte. Es war aber mehr ein Tätscheln.

Punkt sieben Uhr stand er vor dem schmucklosen Betongebäude im Wyler, in dem sich die Redaktion befand. Er wollte gerade hineingehen, als ein grosser Wagen hupend auf ihn zuraste und abrupt bremste. Es war ein schwarzer Toyota Land Cruiser V8. Renner kannte diesen Panzer, wie er ihn nannte. Die Scheibe wurde heruntergelassen und Jonas Haberer schrie: «Pescheli, heute machen wir alle fertig, nicht wahr? Heute beweisen wir, dass die Zecke und der Kotzbrocken alle anderen an die Wand spielen können. Ha, das wird ein geiler Tag!» Er hupte, gab Gas und raste Richtung Tiefgarage.

INNERSTADT, BASEL

Es wäre der dritte und letzte Fasnachtstag gewesen, bei schönstem Wetter und milden Temperaturen. Zehntausende wären in die Stadt geströmt und hätten den Abschluss der drei schönsten und wichtigsten Tage im Jahr der Stadt Basel bis weit in den Donnerstag hinein gefeiert und genossen.

Jetzt, kurz nach acht Uhr, fuhren fast menschenleere Trams und fast menschenleere Busse durch fast menschenleere Strassen. Überall standen Armeeangehörige und Polizisten. Durch die Seitenstrassen und Quartiere fuhren Polizeiwagen mit Megafonen auf dem Dach und forderten die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben. Die Fasnacht sei abgesagt und sämtliche Läden in der Innerstadt blieben geschlossen. Dies sei eine polizeiliche Anordnung.

Viele Kneipen hatten bereits seit Dienstagabend geschlossen und die Fasnächtler nach Hause geschickt. In jenen Beizen, die noch offen waren, herrschte eine gedrückte Stimmung. Nur einige Betrunkene wollten noch feiern. Doch sie wurden weggeschickt oder der Polizei übergeben.

KRIMINALKOMMISSARIAT, WAAGHOF, BASEL

«Wir haben noch einen Toten mehr», meldete Giorgio Tamine, als Olivier Kaltbrunner das Büro betrat.

«Wer ist es?»

«Ein Mann, 63. Brauchst du den Namen?»

«Nein, lass.» Kaltbrunner setzte sich auf seinen Stuhl, nahm die Brille von der Nase und legte sie auf seinen Schreibtisch. «Zum Glück kein Kind. Eines reicht.» Die beiden schwiegen.

«Kaffee?», fragte Tamine nach einer Weile. «Gerne», antwortete Kaltbrunner und beobachtete, wie sein Kollege die Kapsel in die Maschine schob, den Knopf drückte und die Maschine anstarrte. Alles war eigentlich ganz normal. «In einer halben Stunde geht es los», rapportierte Tamine und stellte Kaltbrunners «Chef»-Tasse – ein Geschenk Tamines, das Olivier Kaltbrunner schon immer blöd gefunden hatte – auf den Tisch. «Was geht los?», fragte Olivier Kaltbrunner.

«Die ganze Scheisse. Rapport an Rapport. Alle erwarten, dass wir die Mitglieder dieser sogenannten Schwarzen Clique bereits gefasst, verurteilt und gehängt haben.»

«Hey, hey», mahnte Kaltbrunner. «Das erwartet doch niemand. Was machen die Medien? Wurden wir schon für schuldig erklärt?»

«Nein. Die berichten alle relativ vernünftig, geschockt et cetera. Ausser ‹Aktuell›.»

«Oha!» Tamine brachte seinem Vorgesetzten die Mittwochausgabe. Auf der Frontseite war das Bild einer Mutter im Clownkostüm, die ihr Kind versteckte. Beide hatten weitaufgerissene Augen. Ihre Blicke waren verstört, angstvoll, verzweifelt. Die Schlagzeile lautete: Terror! Kaltbrunner blätterte die Zeitung durch. Das ganze Blatt, 44 Seiten, war ausschliesslich mit Berichten und riesigen Bildern über die Basler Ereignisse gefüllt. Selbst der Sport, das Fernsehprogramm, Sudoku und Comics, ja sogar der Wetterbericht, waren für einmal aus dem Blatt geworfen worden, um mehr Platz für die Reportagen zu erhalten.

Die Bilder zeigten die «Schwarze Clique» beim Einmarsch auf den Barfüsserplatz, das Abbrennen der Pyros, beim Abfeuern der Knallpetarden. Dann viele Fotos, wie die Angehörigen der «Schwarzen Clique» flohen. Auf grossen und langen Bildstrecken waren viele dramatische Bilder der Massenpanik zu sehen. Dann wurde der Auftritt der Polizei dargestellt: Tränengas, Gummischrot. Und das Erscheinen der Sanität. Verletzte, Tote. In Grossaufnahme. Der Kommissär schlug die Zeitung zu. «Sag mal, Giorgio», sagte Kaltbrunner. «Was haben die anderen Medien?»

«Willst du alles sehen?»

«Nein. Und das Fernsehen? Die Online-Medien?»

«Alle haben in etwa das Gleiche. Rauch und flüchtende Menschen. Aber die ‹Schwarze Clique›, die Pyros, die Verletzten, die Toten – das alles hat nur ‹Aktuell›. Die sind einfach überall.»

«So, so», machte Kaltbrunner. «Hmm, hmm.»

«Was meinst du damit?»

«Weiss man jetzt, warum das gesamte Kommunikationsnetz in Basel gestern zusammengebrochen ist?»

«Die Kommunikation war ja nicht in ganz Basel gestört, nur im Bereich Innerstadt, und dort gezielt am Barfüsserplatz in einem Radius von etwa einem Kilometer. Die Techniker sind daran, mehr herauszufinden. Sicher ist nur, dass die Handynetze von aussen gestört wurden. Mit einem oder mehreren Störsendern. Oder so etwas Ähnlichem. Ich müsste René fragen, der das untersucht.»

«Hmm, hmm, so, so», machte Kaltbrunner.

«Es waren aber nicht nur die Handynetze gestört», erklärte Tamine weiter. «Auch das gesamte Internet war rund zwei Stunden lang blockiert. Sagt zumindest René.»

«Wie das?»

«Auch da müssen wir noch recherchieren. Die Provider, also die Internetanbieter, vermuten, dass sie gehackt worden sind.»

«Ach was», Olivier Kaltbrunner setzte seine Brille auf. «Die waren doch einfach überlastet, zusammengebrochen, wie an Silvester. Alle tippen in ihrer Panik und bumm, Netze tot. René soll mal nicht überbeissen, der sollte vielleicht weniger hinter dieser Kiste …»

«Oh, ihr redet über mich», René trat ins Büro. «Schön.»

«Was erzählst du da von Sabotage von Handynetzen und Internet?», fragte Kaltbrunner.

«Ja, Sabotage ist wohl der richtige Ausdruck. Habe gerade von der Swisscom die Meldung erhalten, dass sie von aussen angegriffen worden war. Genau zwischen 16.55 bis 19.03 Uhr.»

«Um 17 Uhr explodierten die Bomben auf dem Barfi …», sinnierte Tamine.

«Die Petarden, Giorgio, die Petarden, es waren keine Bomben», korrigierte Kaltbrunner.

«Das ist doch kein Zufall, wenn ihr mich fragt», sagte René. «Aber ihr fragt mich ja nicht.»

«Das war Sabotage», wiederholte Tamine Kaltbrunners Worte. «Du hast Recht.»

«Es war vielleicht doch ein Terrorangriff.»

«Aus dem Internet?»

«Ich weiss es nicht.» Olivier Kaltbrunner stand auf und schaute zum Fenster hinaus. Unter seinem Büro fuhr ein gelbes 10er-Tram der Baselland-Transporte Richtung Stadt vorbei. Doch, irgendwie ist dieser Tag doch normal, dachte er. Dann knüpfte er die Fakten, Vermutungen und Spekulationen weiter zusammen: «Erst ein kleines Bömbchen einer geistig Behinderten. Dann einige Pyros am nächsten Tag. Und schon hast du eine Massenpanik.»

«Und was soll die Sabotage des Internets und der Handynetze?», fragte Tamine.

«Und warum waren nur ‹Aktuell›-Reporter anwesend?», fragte Kaltbrunner zurück.

«Na ja, also anwesend waren schon auch andere Fotografen und Reporter. Aber sie haben einfach nicht diese Bilder, weil sie entweder zu weit weg waren oder was weiss ich. Ich meine, die Abfacklerei der Pyros dauerte höchstens einige Sekunden.»

«So, so», machte Kaltbrunner. «So, so.» Er schnappte sich die anderen Zeitungen und ging auf die Toilette.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

«Was meinst du, Jonas, sollten wir nicht unsere Verlegerin mit einbeziehen?», fragte Peter Renner. Er sass zusammen mit Haberer in dessen Büro, das der Chefredaktor abgeschlossen hatte. Das tat er eigentlich nie. Aber er hatte Grund dazu. Was die beiden zu besprechen hatten, war geheim und von allerhöchster Brisanz.

«Die Lemmo?», fragte Haberer und lachte. Er lag mehr, als dass er sass, auf seinem Stuhl und hatte die Beine auf den Konferenztisch gelegt. Unter seinen Boots bildete sich auf dem weissen Tisch ein kleiner Berg aus Sand und Erde. «Also die Lemmo muss nun wirklich nichts davon wissen.»

«Emma Lemmovski gehört immerhin die Zeitung, und sie sollte wissen, wenn wir …»

«Die Zeitung gehört vor allem ihrem Alten, Kamerad Dave, der hat die Kohle. Und dank uns ist seine Emmi beschäftigt und kommt nicht auf dumme Gedanken.» Haberer prustete los, der Tisch zitterte heftig, das Schmutzhäufchen wuchs.

«Solltest mal deine Schuhe putzen», sagte Renner trocken. Darauf bekam Haberer einen Lachanfall.

Plötzlich wurde er ernst: «Pescheli, wir ziehen jetzt das mit unserer Kirschtorte durch. Und wir reden erst mit irgendjemand anderem darüber, wenn die Story draussen ist und wir vor Exklusivität geplatzt sind.»

«Und wenn alles ein Fake ist, eine Ente?», wandte Renner ein.

«Das ist keine Ente. Dieser John Knox …»

«Fox!»

«Ist ja egal. Also, dieser Kerl hat uns die gestrige Show auf dem Platz in Basel angekündigt. Wir hatten alles exklusiv. Also, was willst du mehr? Der blufft nicht. Ich sage dir, Pescheli, da ist ein ganz grosses Ding im Gang. Da geht es um eine riesige Sache. Und wir sind mittendrin. Wenn mich dieser Fux kennt, dann von früher, als ich Politjournalist im Bundeshaus war. Der führt etwas im Schilde. Und wir werden herausfinden was. Und wir werden auch herausfinden, wer dieser Kerl ist. So schwierig kann das nicht sein. So viele kommen nicht in Frage. Der Anteil an dummen Nüssen ist unter Politikern extrem hoch. Also wird das für uns kein Problem sein. Und dann machen wir ihn fertig. Dann machen wir ihn und die ganze Organisation, die dahinter steht, kaputt!»

«Was ist denn mit dir los? Ich bin es normalerweise, der sich so in eine Story verbeisst, Jonas. Ich bin die Zecke. Du bist bloss der Kotzbrocken.»

«Werde ich auf der Redaktion immer noch so genannt?» Jonas Haberer schaute seinen Stellvertreter plötzlich mit reuigem Hundeblick an. Ein Ausdruck, den Renner erst ein- oder zweimal gesehen hatte. Und dann war immer mindestens eine Frau dabei. Eine mit langen, blonden Haaren …

«Logisch, du bist ja auch ein Kotzbrocken.»

«Gut. Das gefällt mir. Ich eröffne gleich ein Facebook-Profil. Jonas Kotzbrocken. Gefällt …»

«Stopp, stopp, stopp», rief Renner laut und hoffte, einen erneuten Lachanfall seines Chefs zu unterbinden. Aber er hatte keine Chance. Der Dreck wurde durch einen heftigen Schlag von Haberers Beinen auf den Tisch in die Höhe katapultiert und über die ganze Fläche verteilt.

«Sag mal, Pescheli», sagte Haberer ganz ruhig. «Was spürst du im Urin? Topstory oder Flop?» Peter Renner schloss die Augen.

«Na? Mach‘s nicht so spannend!»

Renner, die Zecke, liess sich Zeit. Dann sagte er zögernd: «Top …»

Haberer prustete los, schlug Renner auf die Schulter und marschierte davon. Klack – klack – klack.

INTENSIVSTATION, UNIVERSITÄTSSPITAL, BASEL

Eine Maschine piepte im Rhythmus von Sandras Herzen. Henry Tussot machte dieses Geräusch schier wahnsinnig. Am liebsten hätte er den Apparat aus dem Fenster geworfen.

Er selbst hatte sich von seinem Schock einigermassen erholt. Sandra durfte er nur besuchen, weil ihre Eltern es ihm erlaubten. Er hatte sich ihnen gegenüber nicht nur als Arbeitskollege, sondern auch als Sandras bester Freund ausgegeben. Und da Sandra ihren Eltern offenbar schon einiges über Henry erzählt hatte, liessen sie ihn zu ihr. Sandra lag im Koma. Wie stark ihre Hirnverletzung war, konnte noch nicht diagnostiziert werden. Sagten jedenfalls die Ärzte. Henry regte sich darüber auf. Aber irgendwie half ihm auch das nicht weiter. Es war einfach elend. Er hielt ihre Hand. Sie war so wunderschön zart. So verletzlich.

«Mach keinen Scheiss», flüsterte er Sandra zu. «Wir sind Reporter, keine Opfer, hörst du?» Er drückte ihre Hand. «Wir schaffen das! Du bist stark! Wir sind stark!» Er küsste Sandras Hand.

KRIMINALKOMMISSARIAT, WAAGHOF, BASEL

Als Kaltbrunner von der Toilette zurückkam und erneut zum Fenster hinausschaute, brach ein lautes «Goppeloni!» aus ihm heraus. «Was ist los?», fragte Giorgio Tamine.

«Das musst du gesehen haben: Hier wimmelt es von Soldaten der Schweizer Armee!» Tatsächlich marschierten Hunderte von Armeeangehörigen vom Zoo Richtung Innenstadt. «Das kann ja heiter werden», kommentierte Kaltbrunner. «Endlich haben die Deppen etwas Gescheites zu tun.»

CLARAPLATZ, BASEL

Ab 13.30 Uhr strömten trotz Fasnachtsverbot Hunderte von Kostümierten in die Innerstadt. Es spielte niemand auf seinem Instrument, nur wenige sprachen miteinander im Flüsterton. Es war ein wunderbarer Sonnentag. Alle trugen einen schwarzen Schal, eine schwarze Mütze oder ein schwarzes Kostüm. Viele hatten Blumen dabei.

Die Polizei und die Armee beobachteten die Leute. Der Stadtpräsident, die Polizei– und die Armeeführung waren zum Schluss gekommen, den angekündigten Trauerzug zum Barfüsserplatz nicht zu verhindern. Über Facebook und Twitter und über Radio und Fernsehen hatte die Polizei allerdings gebeten, danach sofort wieder nach Hause zu gehen.

Um 13.45 Uhr formierte sich der Zug am Claraplatz beziehungsweise an der Clarastrasse. Zuvorderst stand die Guggenmusik Negro-Rhygass ein. Danach weitere grosse Guggenmusiken wie die Ohregribler, bei denen normalerweise Olivier Kaltbrunner mittrompetete, die Schränz-Clique, die Schotte-Clique und andere, dahinter die grossen Trommel- und Pfeifervereine wie die Vereinigten Kleinbasler, die Wettstai-Clique oder die Olymper.

Punkt 14 Uhr pfiff der Major der Negro. Es wurde noch stiller in der Stadt. Ein grossgewachsener Tambour in einem Clownkostüm mit einer Plastiksau auf dem Kopf rief: «Langer Wirbel, vorwärts, Marsch!» Trommelklänge und Paukenschläge hallten durch die Strassen und Gassen. Danach intonierten die Blasmusiker der diversen Guggenmusiken den Gospel-Song «Just a Closer Walk with Thee». Der riesige Zug setzte sich langsam in Bewegung. Schritt für Schritt. Es wurde eine Prozession. Als der Zug am Barfüsserplatz ankam, legten die Fasnächtler ihre Blumen auf die grosse Treppe. Niemand sprach ein Wort.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Der Trauerakt in Basel gab für Peter Renner eine schöne, emotionale Reportage ab. Sein Reporter Alex Gaster würde einen ergreifenden Text verfassen, Fotograf Joël Thommen die passenden Bilder dazu liefern. Renner machte sich diesbezüglich keine Sorgen. Leider war noch vor dem Aufschalten der Bilder und Clips von Joël auf «Aktuell»-Online ein Video auf Youtube zu sehen. Gegen diese gigantische Plattform hat niemand eine Chance, sagte sich Renner und ärgerte sich nicht wirklich darüber.

Was ihn mehr beschäftigte, war der Gesundheitszustand von Sandra Bosone und die Reaktion von Henry Tussot. Renner hatte bis heute nicht gewusst, dass die beiden ein Verhältnis hatten. Allerdings hatten auch alle anderen Journalisten, die Renner gefragt hatte, nichts davon gewusst. Umso mehr erstaunte ihn Henrys Totalausfall. Der etwas dickliche Romand spielte normalerweise gerne den harten Hund und den Charmeur, was bei Frauen meist gut ankam. Allerdings nur für einen Abend. Dass Henry Tussot sich verlieben könnte – das konnte sich eigentlich auf der ganzen Redaktion niemand vorstellen. Henry war doch ein Lebemann, ein Gigolo, ein Dandy.

Was dem Nachrichtenchef aber am meisten zusetzte, waren die Botschaften aus dem Deep Web. Haberer hatte bereits den Titel kreiert: Terroristen wollen Schweiz ausradieren, Untertitel: «Aktuell»-Exklusiv: Weitere Anschläge geplant! Renner war zwar mit allen journalistischen Wassern gewaschen, doch das machte sogar ihm irgendwie Angst. Zumindest löste es ein ziemlich ungutes Gefühl in ihm aus. In einer Stunde würde die oberste Chefin, Verlegerin Emma Lemmovski, auftauchen und ein Machtwort sprechen. Auf sie musste selbst Chefredaktor Haberer hören. Zumindest musste er sie anhören. Renner könnte sich dann aus der Verantwortung ziehen. Schliesslich war er nur Nachrichtenchef und Stellvertreter des Chefredaktors.

Peter Renner liebte seinen Job. Er wusste allerdings auch, dass er keinen anderen mehr finden würde. Zu lange war er im Boulevard-Journalismus tätig. Zu lange bildete er ein Gespann mit Jonas Haberer. Zu lange war er letztlich der willige Helfer einer der umstrittensten Figuren im Schweizer Journalismus.

Renner hatte schon früh an diesem Tag seinen Reporter und Wirtschaftsfachmann Flo Arber aus Basel nach Bern zurückbeordert. Er musste ihm bei dieser schwierigen Recherche helfen. Ihm und der Internet-Spezialistin Kirsten Warren. Die beiden waren seit Stunden daran, zu telefonieren, zu googeln und zu schreiben. Renner war froh, dass er zwei seriöse und genau recherchierende Journalisten an seiner Seite wusste.

Um 16.34 Uhr flog die Glastür zu seinem Newsroom auf. Renner hatte für einmal Haberers Schritte nicht gehört. Oder versuchte Haberer tatsächlich, mit seinen Boots weniger laut aufzutreten? Denn hinter ihm betrat Emma Lemmovski das Büro. Die langen, blonden Haare trug sie offen. In ihren High-Heel-Stiefeln war sie gleich gross wie Haberer. Sie sah wie immer umwerfend aus. Fand Renner. Trotzdem versuchte er, cool zu bleiben.

KRIMINALKOMMISSARIAT, WAAGHOF, BASEL

«Die Stadt ist praktisch wieder menschenleer», rapportierte Giorgio Tamine. «Die Leute halten sich an die Empfehlung, auf die Fasnacht zu verzichten.»

«So, so», machte Olivier Kaltbrunner.

«Wir haben Anfragen von grossen Firmen wie Novartis, Roche, UBS und anderen, ob die Sicherheit in Basel noch …»

«Mich interessieren die Pharma- und Bankfuzzis im Moment überhaupt nicht», wetterte Kommissär Kaltbrunner. «Ja, wir haben alles im Griff!»

«Okay», erwiderte Tamine leise. «Ich werde das so weitergeben.»

Eine gute Minute später sagte Kaltbrunner: «Wir haben gar nichts im Griff. Niemand hat noch irgendetwas im Griff. Was hier passiert ist, übersteigt unsere Fähigkeiten. Wir werden Hilfe benötigen.»

«Hilfe?»

«Ja, Hilfe.»

«Wozu? Von wem?»

«Von internationalen Terrorexperten.»

«Terrorexperten? Nur weil sich eine Irre in die Luft … und dann eine dämliche Massenpanik entstand …»

«Giorgio!», unterbrach Kaltbrunner. «In wenigen Stunden wird es hier von amerikanischen, britischen und deutschen Arschlöchern nur so wimmeln.»

PRIVATKLINIK OB DEM WALD, MÄNNEDORF

«Wie geht es Ihnen?»

«Gut.»

«Gut?»

«Ja. Gut.» Schweigen.

«Wollen Sie dieses ‹gut› näher beschreiben?»

«Ja.» Schweigen.

«Herr Derungs?»

«Es fühlt sich an wie nach geilem, versautem Sex.»

«Oh.»

«Ja. Wie wenn ich die billigste Nutte erbarmungslos gevögelt hätte.» Schweigen.

«Und wie fühlt sich das an? Können Sie das beschreiben? In Worte fassen?»

«Nein. Ich Idiot habe es ja nie getan.»

«Was?»

«Ich habe meine Frau nie mit einer Hure betrogen, ich habe mich anders …» Kilian Derungs zögerte.

«Ja? Wie haben Sie sich anders …?»

«Na ja. Ich hatte mal ein Verhältnis mit einer jungen Politikerin. Der Klassiker. Die wollte sich hochschlafen. Okay. Sie hat ihren Posten in der Partei bekommen. Dann wurde sie ins Parlament gewählt. Kurz darauf hat sie mich fallen gelassen. Diese Schlampe. Ist nicht mehr wert als eine billige Hure, oder?»

«Was ist denn eine billige Hure?»

«Hören Sie doch auf mit diesem Gelaber. Eine Hure ist eine Hure. Sex gegen Geld. Oder Sex gegen Macht. Wo ist da der Unterschied?» Schweigen.

«Wollen Sie mehr erzählen?»

«Danach habe ich eine andere Parlamentarierin gefickt. Die sah zwar Scheisse aus, war aber eine Granate. Die konnte ich … meine Güte … die hat alles mit sich machen lassen, verstehen Sie?»

«Ich glaube, ich verstehe. Aber was hat das mit Ihrer aktuellen Befindlichkeit zu tun?»

«Mit meiner aktuellen Befindlichkeit?»

«Ja.»

«Es fühlt sich so an.» Schweigen.

«Als sie im Bundesrat sassen, als Sie Minister waren, einer der mächtigsten Männer der Schweiz, was haben Sie da Frauen gegenüber empfunden?»

«Ach, was soll’s? Da hatte ich alle möglichen Weiber. Die haben sich mir regelrecht an die Brust geworfen!»

Schweigen. Dr. Christiane Schwertfeger machte sich einige Notizen.

«Wollen Sie mir erzählen, was Sie in den letzten Tagen oder Wochen beschäftigt hat? Etwas, das sich so anfühlt, als wenn sie eine …» Dr. Schwertfeger zögerte.

«Wie wenn ich eine billige Hure gefickt hätte? Wollen Sie das sagen? Kennen Sie überhaupt diese ordinären Ausdrücke? Haben Sie sie schon je verwendet? Haben Sie nie das Bedürfnis, einfach gefickt zu werden?»

«Es geht nicht um mich.»

«Aha.» Schweigen. «Ich habe Macht ausgeübt», sagte Kilian Derungs nach einer Weile. «Und das fühlte sich so an, wie wenn ich …»

«Danke.»

«Sie haben wohl auch ein Problem. Ein sexuelles, was?»

«Noch einmal, Herr Derungs, es geht nicht um mich. Und ich möchte dies nicht noch einmal sagen. Sie sind zu mir gekommen. Sie können die Therapie jederzeit abbrechen. Es hindert Sie niemand daran.» Schweigen.

«Sie haben also Macht ausgeübt.»

«Ja.»

«Das fühlte sich gut an.»

«Ja. Auch wenn Sie es nicht glauben. Als Bundesrat hat man Macht. Das hat mir gefallen. Dann wollte die Partei, dass ich zurücktrete, Platz mache für eine Frau. Können Sie sich das vorstellen? Diese dumme Fotze wurde sogar gewählt. Man hat mir versprochen, dass ich eine wichtige Funktion in der Partei behalten und die Fotze nach meinem Gutdünken lenken könne. Ich habe den Dreck sogar geglaubt. Aber wissen Sie, wer in der Partei das Sagen hat? Können Sie sich das vorstellen?»

«Sagen Sie es mir?»

«Ja. Die, die Geld haben. Nicht so wie ich, zwei, drei Millionen Franken, nein, nein, nein. Milliarden, meine liebe Frau Doktor, wir reden hier von Milliarden!» Kilian Derungs war aufgeregt. Er wusste, dass er sich irgendwie beruhigen musste. «Haben Sie einen Cognac?»

«Nein.»

«Bin ich Alkoholiker?»

«Das wissen Sie selbst am besten.»

«Ich habe manchmal schon morgens einen Cognac oder einen Wodka getrunken. Wodka riecht man nicht. Wissen Sie, was ich meine?»

«Nein.»

«Sie haben keine … Vergessen Sie’s, es geht ja nicht um Sie.»

«Sie sind also zurückgetreten und in ein Loch gefallen?»

«Ich ging aus diesem verdammten Büro hinaus, aus diesem gottverdammten Bundeshaus in Bern. Mein Chauffeur hat mich nach Hause gefahren. Er war der letzte Mensch, der mir die gebührende Ehre zukommen liess. Er sagte: ‹Herr Bundesrat, es war mir eine Ehre, Sie in den vergangenen zwölfJahren herumzufahren. Ich danke Ihnen.› Ist das nicht wundervoll?»

«Ja, es ist sehr nett.»

«Nett? Es ist wundervoll. Es war der ergreifendste Moment meiner Regierungstätigkeit.» Kilian Derungs zog ein Taschentuch aus seinem Veston und tupfte sich die Nase. «Seither werde ich wie ein Stück Scheisse behandelt. Wie ein Stück Scheisse.» Schweigen.

«Auch von Ihrer Frau?»

«Was hat denn meine Frau damit zu tun?»

«Behandelt sie Sie auch wie ein Stück … Scheisse?»

«Meine Frau, tssss, die … die … ach, vergessen Sie’s.» Schweigen. Sehr, sehr langes Schweigen.

«Herr Derungs, ich glaube …»

«Ich heisse alt Bundesrat Derungs, Frau Doktor Schwertfeger!» Schweigen.

Kilian Derungs bemerkte, dass Dr. Schwertfeger immer wieder auf die Uhr neben ihr auf dem kleinen Tischchen schielte. Sie versuchte es diskret zu machen, aber Kilian Derungs bemerkte es trotzdem. «Wir sollten das nächste Mal weiterreden, nicht wahr?», sagte er höflich.

«Mögen Sie nicht mehr?»

«Ich denke, Sie haben noch weitere Patienten …»

«Natürlich, aber das sollte uns …»

«Papperlapapp, schon gut. Immerhin sitze ich im Verwaltungsrat dieser Klinik und bin daran interessiert, dass der Laden läuft. Zudem weiss ich, wie es ist, wenn man die Leute loswerden muss!»

«Ich möchte Sie gar nicht los …»

«Ich bin müde», log Kilian Derungs. «Ich möchte nicht mehr.» Er erhob sich und reichte ihr die Hand: «Vielen Dank, Frau Doktor Schwertfeger.» Er ging mit schnellen Schritten hinaus, schaute auf den Zürichsee hinunter, atmete durch und holte sein Handy hervor. Er hatte während seiner Sitzung weder einen Anruf noch eine Kurznachricht noch ein Mail erhalten. Aber das war ihm für einmal egal. Er rief eine Nummer an, die er unter «Stefan Meier» gespeichert hatte. Derungs verabredete sich in zwei Stunden am «gleichen, schönen, romantischen Ort wie immer». Er lächelte. Er hatte genügend Zeit, ins Hotel zu fahren, zu duschen und sich ein bisschen zu entspannen.

Dann rief er seine Frau an und teilte ihr mit, dass er mit Parteifreund Stefan Meier einen Termin habe und deshalb später nach Hause komme.

Sie konnte ja nicht wissen, dass ihr Mann Stefan Meier abgrundtief hasste und nie auf die Idee käme, diesen auch nur anzurufen.

CONGRESS CENTER, SAAL SAN FRANCISCO, BASEL

Die Medienkonferenz wurde im grössten Saal der MCH Messe Schweiz abgehalten. Neben Staatsanwalt Hansruedi Fässler sassen zu seiner Linken Stadtpräsident Serge Pidoux und Bundesanwalt Filipo Rizzoli. Zu seiner Rechten hatten Armeechef Matthias Erler und Fabian Wirz, Medienchef der Basler Staatsanwaltschaft, Platz genommen. Erler begrüsste die rund hundertfünfzig Journalisten, Fotografen und Kameraleute aus dem In- und Ausland.

Alex Gaster sass in der vierten Reihe und machte sich Notizen. Jöel Thommen fotografierte die Männer auf dem Podium, wurde aber plötzlich von einem Kameramann am Ärmel gepackt und auf die Seite geschoben. Joël hatte ihm offensichtlich die Sicht verdeckt. Es gab einen kleinen Disput, was den Medienchef kurz ablenkte und ins Stottern brachte. Darauf ging Jöel in die Hocke und fotografierte weiter.

Staatsanwalt Hansruedi Fässler präsentierte nach einer langfädigen Lobesrede auf sämtliche Einsatzkräfte die neusten Fakten. Die Frau, in deren Plüschtier die Bombe platziert war, habe man identifizieren können. Es handle sich um eine fünfundfünfzigjährige geistig behinderte Frau, die in einer geschützten Werkstatt gearbeitet und in einem Heim gewohnt habe. Man könne mit sehr grosser Sicherheit ausschliessen, dass sie die Bombe in ihr Plüschtier genäht habe. Der Sprengsatz sei über Funk gezündet worden. Sie sei darum ein Opfer und keine Täterin. Wer die Bombe versteckt und gezündet habe, sei unklar. Die Spezialisten würden rund um die Uhr sämtliche Spuren und Erkenntnisse prüfen. Mittlerweile sei auch klar, dass die Massenpanik nicht von einer Bombe, sondern von relativ harmlosen Knallkörpern ausgelöst worden sei. Die Mitglieder der in den Medienberichten «Schwarzen Clique» genannten Formation, aus deren Reihen die Sprengkörper geworfen worden seien, hätten noch nicht ausfindig gemacht werden können. Man habe zwar einige der von ihnen benutzten Blechtrommeln, schwarzen Kleidern und Totenkopfschals gefunden, allerdings gebe es noch keinerlei Hinweise auf die Identität der Träger. «Ob es sich bei diesen Leuten tatsächlich um Fasnächtler oder aber um Hooligans, politisch motivierte Aktivisten oder um mutmassliche Terroristen handelt, ist ebenfalls unklar», sagte Fässler zum Schluss. «Wir bitten diese Leute, sich bei uns zu melden. Ebenso sind wir auf Zeugen angewiesen.»

Danach sprach Bundesanwalt Rizzoli. Er sagte so gut wie nichts. Alex schrieb keinen einzigen verwertbaren Satz auf. Armeechef Erler sagte ähnlich viel oder wenig: Die Armee habe alles unter Kontrolle. Selbstverständlich zusammen mit den Polizeikräften. Alex notierte: «Führt sich auf wie ein General.» Stadtpräsident Pidoux präsentierte die «traurige Bilanz» der Massenpanik: sieben Tote, darunter drei Kinder im Alter zwischen sechs und siebzehn Jahren. Sechsundvierzig Verletzte, davon schwebten zwei noch immer in Lebensgefahr. «Es ist eine unfassbare Katastrophe», sagte Pidoux mit gedämpfter Stimme. Er stockte und wischte sich die Tränen ab. Es gab ein kurzes Blitzlichtgewitter der Fotografen. Er fuhr fort: «Die Stadt, die Region, das ganze Land fühlt mit den Opfern und den Angehörigen mit. Wir werden ihnen jede erdenkliche Hilfe …» Der Stadtpräsident stockte erneut. Weinte plötzlich. Blitzlichtgewitter. Pidoux stand auf und verliess den Saal.

KRIMINALKOMMISSARIAT, WAAGHOF, BASEL

Die Kommissäre hatten die Medienkonferenz am Fernsehen verfolgt. Kaltbrunner murmelte danach: «Die Polizei tappt mal wieder im Dunkeln.»

«Was meinst du?», fragte Giorgio Tamine.

«Och, nichts. Habe mir nur die Schlagzeile von morgen vorgestellt.» Er rief seine Frau Pranee an, erkundigte sich, wie es ihr und Tochter Nazima gehe, machte mehrmals «So, so» und «Hmm, hmm» und sagte schliesslich, dass er wohl im Büro schlafe, wenn überhaupt.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Aus der von Haberer geplanten Schlagzeile Terroristen wollen Schweiz ausradieren wurde Terroristen bedrohen die Schweiz. Beim Untertitel setzte sich Haberer gegen Renner und Verlegerin Emma Lemmovski durch: «Aktuell»-Exklusiv: Weitere Anschläge geplant!

Es war 22.54 Uhr, und alles lief wie am Schnürchen. Alex und Henry hatten die neusten Bilder und Texte aus Basel geliefert. Flo Arber beendete mit Kirsten Warren und Peter Renner den Aufmacher-Artikel über die beängstigenden Nachrichten aus dem Deep Web.

Um 23.14 Uhr verliess Peter Renner den Newsroom. Er hatte den Nachtredaktor, der den Abschluss machte und anschliessend die Online-Plattform mit den aktuellsten Meldungen fütterte, genau angewiesen und ihm gesagt, dass er ihn sofort anrufen solle, falls in Basel etwas passiere.

Vor dem tristen Redaktionsgebäude zündete sich Renner eine Zigarette an, eine Marlboro rot. Er nahm einen tiefen Zug. Dann hörte er einen Motor aufheulen, sah Scheinwerfer aus der Tiefgarage auftauchen und murmelte: «Haberer, du alter Schafseckel.» Haberer riss drei Meter vor Renner einen Vollstopp und rief zum Fenster hinaus: «Pescheli, komm, ich fahr dich nach Hause!»

«Danke, ich laufe.»

«Na los, einsteigen, Pescheli!»

«Nein. Ich muss auslüften.»

«So ein Quatsch! Schiebst du eine Krise?»

«Sag mal, Jonas: Kapierst du das mit dem Deep Web?»

«Nein. Keine Spur. Ist mir aber egal. Die Kirschtorte versteht das. Das reicht mir. Und Emmeli war ja auch einverstanden. Wir sind auf der sicheren Seite.»

«Provozieren wir mit unserem Text nicht geradezu weitere Anschläge?» Haberer stellte den Motor ab, stieg aus, legte seinen Arm um Renners Schultern und sagte: «Pass auf, Pescheli. Wir drehen nicht am Rad. Wir berichten nur darüber. Okay?»

«Hast du eigentlich nie ein schlechtes Gewissen?»

«Dauernd, Pescheli, dauernd!» Er machte eine kurze Pause. Dann meinte er: «Und es ist dann am schlimmsten, wenn wir unseren verblödeten Lesern langweilige Geschichten präsentieren. Aber das ist jetzt ja nicht der Fall!» Renner löste sich aus Haberers Arm und ging davon. Nach einigen Metern blieb er stehen, drehte sich um und schrie: «Jonas, alle haben Recht: du bist und bleibst ein erbärmlicher Kotzbrocken!» Er ging weiter.

Klack – klack – klack. Lautes Lachen. Dann das Motorengeheul von Haberers Panzer.

21. April

REHA-KLINIK, SPEICHER, KANTON APPENZELL AUSSERRHODEN

Es war ein langer Weg. Das hatte Sandra Bosone begriffen. Ein langer und beschwerlicher Weg. Tag für Tag. Ihr Schädel-Hirn-Trauma hatte sich als schwer herausgestellt. Mehrere Ärzte hatten es bestätigt.

Manchmal konnte Sandra Erfolge feiern. Es war vielleicht eine kleine Bewegung, die plötzlich wieder möglich war. Oder es tauchte irgendeine Erinnerung auf. Wie aus dem Nichts. Das waren die guten Tage. Aber es gab auch viele schlechte. An denen alles über ihr zusammenbrach. An denen ihre Hoffnung, dass alles wieder normal würde in ihrem Leben, schwand. Dann weinte sie.

Es war Susa Schwarz, die sie in solchen Momenten aufheitern konnte. Susa war nicht nur ihre Physiotherapeutin, sondern mittlerweile eine Vertraute. Manchmal assen sie zusammen zu Mittag. Wenn Susa Zeit hatte, gingen sie ein bisschen spazieren. Susa schob dann Sandras Rollstuhl und erzählte aus ihrem Leben. Wie sie in Kasachstan geboren wurde, als Tochter eines deutschen Vaters und einer kasachischen Mutter. Und wie sie und ihre Familie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Deutschland auswanderten. Wie sie sich mit Jobben durchschlug und schliesslich Physiotherapeutin wurde.

Auch Sandra erzählte viel. Das tat ihr gut. Aber es nervte sie auch, dass in ihrem Gedächtnis ein schwarzes Loch von mehreren Wochen klaffte. Rund um den Angriff auf sie während der Basler Fasnacht war nichts mehr vorhanden. Sie hatte zwar in der Zwischenzeit alle Berichte zu lesen versucht, sich die Fotos und Filme angeschaut, aber in ihrem Kopf hatte sich keine Erinnerung eingestellt. Es nervte sie gewaltig, dass sie gegenüber der Polizei keine vernünftige Aussage machen konnte. Dabei hatte sich Kommissär Kaltbrunner so um sie bemüht, hatte sie oft besucht, ihr Mut gemacht, ihr versprochen, den oder die Täter irgendwann zu überführen. Er war rührend um ihre Genesung besorgt, hatte mit ihren Eltern Kontakt aufgenommen und ihr diese Spezialklinik im Appenzellischen empfohlen. Er hatte auch von Susa geschwärmt und sie wärmstens empfohlen, ein guter Freund von ihm sei bei ihr in Behandlung gewesen. Susa könne wahre Wunder bewirken!

Doch es hatte bisher alles nichts geholfen. Ihre Erinnerung an den Unfall war weg. Es blieb dunkel und leer. Henry meinte, das sei gut so.

Henry Tussot, der Fotograf, den sie eigentlich nie gemocht hatte. Er war jener Mensch, den sie als Ersten in ihrem neuen Leben wahrgenommen hatte. Natürlich waren ihre Eltern bei ihr. Ihre Schwester. Aber Henry war derjenige, der sie mit aller Kraft zurückgeholt hatte. Der immer und immer wieder zu ihr kam. Der ihre Hand hielt.

Sie hatten schon oft versucht, miteinander darüber zu reden, was zwischen ihnen los sei. Aber es war schwierig. Sandra kämpfte gegen ihre Sprachstörung, die sie manchmal schier verzweifeln liess. Sie machte sie wütend, dann wieder depressiv. Henry sagte immer, dass er sie sehr gern habe. Sie möge ihn auch sehr gerne, bestätigte sie jeweils. Aber mein Gestotter klingt saublöd, fand Sandra. Deshalb gab sie ihm lieber einfach die Hand. Das empfand sie als sehr schön. Ab und zu sogar als aufregend. Vor allem an den guten Tagen. Dann versuchte sie sich daran zu erinnern, wie sich Liebe anfühlte. Aber es blieb beim Versuch.

REDAKTION AKTUELL, WANKDORF, BERN

Acht Wochen nach den dramatischen Ereignissen in Basel, die die ganze Schweiz und Europa erschüttert hatten, löste sich die Schockstarre allmählich. Die Armee- und Polizeikräfte rückten in den Medien und in der Bevölkerung in den Hintergrund. Die Menschen fingen an, den Frühling zu geniessen und trauten sich auf einen Apéro in ein Gartenrestaurant.

Peter Renner hatte fürchterliche Wochen hinter sich, denn nach ihrer Schlagzeile, dass weitere Terrorattentate auf die Schweiz geplant seien, war nichts passiert. Darüber war er einerseits froh. Andererseits hatte er ein schlechtes Gewissen: Hätte er damals nur seinem Chef widersprochen! Er hatte doch schon damals dieses miese Gefühl gehabt, dass diese Nachrichten aus dem Schatteninternet nicht stimmten.

Sein Verhältnis zu Jonas Haberer hatte sich abgekühlt. Sie gingen sich, so gut es ging, aus dem Weg. Haberer war leiser geworden. Er kritisierte Peter kaum noch. Selbst dann nicht, wenn Peter ihm Geschichten vorschlug, von denen er ganz genau wusste, dass Haberer sie langweilig fand. Aber Jonas winkte sie durch. Peter Renner vermutete, dass Haberer von Verlegerin Lemmovski eins aufs Dach bekommen hatte. Und diese wiederum von ihrem Mann David. Immerhin gehörte ihm ja der Verlag beziehungsweise die Lemmovski Group, zu der «Aktuell» gehörte. Diese Gruppe war kein reines Medienunternehmen, sondern ein mittelgrosser Player in der internationalen PrintIndustrie mit Beteiligungen an Druckereien, Chemiefirmen, Medienhäusern und an grossen Online-Händlern. «Aktuell» war das Steckenpferd der Familie, Davids Vater hatte das Blatt gegründet. Doch deswegen hatte «Aktuell» innerhalb der Lemmovski Group keine Sonderstellung: Wäre «Aktuell» im Online- und Printmarkt nicht erfolgreich gewesen, hätte David Lemmovski den Verlag sofort abgestossen. Das wussten alle: David machte keinen Hehl daraus. In seinen Newslettern und Memos schrieb er immer wieder, dass «ein wirtschaftlich schwieriges Umfeld» keine Ausrede für Misserfolg sei. Im Mediengeschäft gelte eine alte journalistische Weisheit mehr denn je: Es gibt keine Tage ohne Storys, es gibt nur Tage mit ideenlosen Journalisten.

Emma Lemmovski war selten auf der Redaktion anzutreffen. Vermutlich meidet sie den Kontakt zu mir und Haberer, dachte Renner. Schliesslich hatten sie alle drei die Hysterie um die Terrordrohungen aus dem obskuren Deep Web entfacht. Emma sprach auffällig wenig über Werbeeinkünfte. Renner vermutete stark, dass «Aktuell» Verluste einstecken musste.

Hauptgrund dafür war, dass die Behörden die Berichterstattung von «Aktuell» in der Luft zerfetzt hatten. Andere Journalisten warfen kübelweise Dreck. In Hunderten von Online-Kommentaren wurde «Aktuell» als Lügen- und Hetzblatt verurteilt. Allerdings blieben die Leserinnen und Leser trotzdem treu: Die Auflage der Printausgabe und die Klicks auf «Aktuell»-Online stiegen sogar, wenig, aber immerhin. Wären sie gefallen, hätten er und Haberer wohl ein ernsthafteres Problem gehabt.

Am schlimmsten waren die Strategie-Experten: Sie verunglimpften die Journalisten von «Aktuell» bei jeder Gelegenheit als Dilettanten. Denn ein einziger Anruf bei einem Experten hätte genügt, um zu erfahren, dass Terroristen nicht mit irgendwelchen geheimnisvollen Meldungen aus dem noch geheimnisvolleren Deep Web ausgerechnet an eine Boulevard-Zeitung gelangen würden. Ja, das war ein Fehler gewesen. Das hatte Renner spätestens am Tag, an dem die Terror-Schlagzeile erschienen war, gemerkt. Der Experte, der eine reale Terrorgefahr aus dem Deep Web bestätigt hätte, hatte gefehlt. Flo Arber hatte zwar alle abgeklappert – aber eben, den entscheidenden Satz hatte er nicht bekommen. Nicht mal einen, den man so hätte hinbiegen können, dass er die Story bestätigt hätte.

Eine einzige Reaktion hatte Peter Renner darin bestärkt, nicht komplett falsch gelegen zu haben. Aber der Nachrichtenchef durfte es nicht verwenden, weil es ein vertrauliches Telefongespräch gewesen war.

Es war an der Zeit, diesen Mann wieder einmal anzurufen. Renner wählte die private Handynummer des Basler Kommissärs Olivier Kaltbrunner.

GOLFPARK MOOSSEE, MÜNCHENBUCHSEE

Am Par-4-Loch Nummer 15 versuchte Kirsten Warren direkt zu spielen. Sie hatte diesen Schlag noch nie gewagt. Bisher hatte sie sich immer ans sogenannte Dogleg gehalten, also den linken Knick des Platzes ausgespielt, denn in diesem Knick war ein kleiner See. Da sie an diesem Vormittag alleine unterwegs war, würde sie niemand auslachen oder dumm anschauen, wenn ihr Schlag zu kurz geriete und der Golfball im See landete.

Sie nahm den Driver aus ihrem Trolley, setzte das Tee und den Ball. Sie stellte sich daneben, zielte, machte Wippbewegungen mit ihren Knien und versuchte die beste Haltung zu finden. Sie zog den Schläger auf, traf den Ball perfekt – das glaubte sie zumindest – und schaute ihm nach. Allerdings schoss er zu weit in die Höhe, stürzte vorzeitig ab und landete tatsächlich im See.

«Shit!», fluchte Kirsten.

Sie warf einen Blick auf ihre Armbanduhr mit rosafarbenem Zifferblatt und bemerkte, dass sie sofort nach Hause eilen sollte. Denn sie wollte ihren Sohn nicht warten lassen.

So marschierte sie auf dem schnellsten Weg über den Golfplatz zum Ausgang. Kurz bevor sie diesen erreichte, hörte sie jemand ihren Namen rufen. Sie blickte zurück und entdeckte Greenkeeper Ralf. Er stammte aus Münchenbuchsee, sprach ganz ordentlich Englisch und sah auch nicht schlecht aus. Sie hatten schon einige Male ein paar Sätze miteinander gesprochen.

«Oh, hi!», rief sie zurück und hoffte, dass er mit seinem John-Deere-Rasenmäher abdrehen würde. Doch er fuhr geradewegs auf sie zu. «I’m in a hurry!», rief sie. Doch auch das hielt Ralf nicht davon ab, seinen Rasentraktor auf Höchstgeschwindigkeit zu jagen, auf sie zuzusteuern und vor ihr anzuhalten. Okay, zwei, drei Sätze, sagte sich Kirsten. Soll mich bloss nicht anbaggern.

Tatsächlich versuchte Kirsten nach zwei, drei Sätzen und der nochmaligen Information, dass sie in Eile sei, den Small Talk zu beenden. Doch Ralf liess sich nicht abwimmeln. Kirsten hatte den Eindruck, dass er mit irgendetwas herumdruckste und sich nicht getraute, es zu sagen. Sie lächelte ihn an und fragte ungeduldig: «Du wolltest mir noch etwas sagen?»

«Nein, nein», sagte Ralf nervös. «Ich meine, ähm, es war schön, dich mal wieder zu sehen … und, tja, ich …»

«Gleichfalls», sagte Kirsten, lächelte noch einmal, warf ihre Haare in den Nacken und zog ihren Trolley zum Clubhaus. Sie lächelte: Ralf war eigentlich ganz süss. So schüchtern … In diesem Augenblick vibrierte ihr Handy. Sie holte es aus ihrer Golfhose und sah, dass Renner anrief. «Hi, Kirsten, hast du heute Nachmittag Zeit?»

«Oha. Wozu?»

«Wir müssen nach Basel. Du und ich.»

«Worum geht es?»

«Um dieses Schatteninternet.»

«Oh my god, ich dachte es …»

FÄRBERSTRASSE, SEEFELD, ZÜRICH

Der alt Bundesrat langweilte sich grauenhaft. Seine Frau hatte mit ihm in der Stadt zu Mittag essen wollen, doch er hatte ihr einen Korb gegeben. Er habe ein Meeting, hatte er ihr gesagt. Doch seit seinem letzten echten Meeting waren bereits Wochen vergangen. Seine Businesslunchs beschränkten sich seither auf Treffen mit ebenfalls ausrangierten Politikern und Parteifreunden. Da wurde zwar innert zwei, drei Stunden die ganze Welt neu erfunden, allerdings interessierte das niemanden mehr. Die Inputs von Kilian Derungs und seinen Freunden wurden von den aktiven Parteifunktionären zur Kenntnis genommen, aber das war’s dann auch schon.

Er hatte bei seiner Mitarbeiterin ein Sandwich mit Bündnerfleisch bestellt, das sie punkt 12 Uhr ablieferte. Sie fragte ihn, ob sie Mittagspause machen dürfe oder ob es noch etwas Dringendes zu erledigen gebe. Nein, er habe nichts Dringendes. Es sei okay, wenn sie um 13 Uhr wieder hier wäre. Zu tun hatte er aber auch um 13 Uhr nichts für sie.

Kilian Derungs’ Tag hellte sich um 12.25 Uhr auf. Er erhielt über das Newnetnet eine Mitteilung: «Endlich, unsere Auserwählten finden zu einander.»

KRIMINALKOMMISSARIAT, WAAGHOF, BASEL

«Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann würden Sie sich selbst nicht als Internet-Spezialisten bezeichnen?»

«Natürlich nicht», antwortete Peter Renner auf die Frage von Kommissär Kaltbrunner. «Ich bin ein ganz gewöhnlicher Nutzer, ein User.»

«So, so», machte Kaltbrunner und nahm seine goldene Brille von der Nase. «Ich verstehe aber nicht ganz, warum Sie dann diese Story veröffentlicht haben?»

«Die Sache schien uns glaubwürdig zu sein.» Peter Renner sass einmal mehr wie in Gips gegossen da. Sein massiger Körper hatte auf dem billigen Bürostuhl fast keinen Platz.

«Mögen Sie eigentlich Ihren Beruf?», fragte Kaltbrunner abrupt. Solche Themenwechsel waren seine Spezialität.

«Ich dachte, das wird kein Verhör, Herr Kaltbrunner», konterte Peter Renner.

«Natürlich nicht.»

«Warum wird unsere Mitarbeiterin Kirsten Warren separat vernommen?»

«Sie wird nicht vernommen. Mein Kollege Giorgio Tamine ist aber in Sachen Internet versierter als ich. Möglicherweise zieht er noch einen Experten zu. Wissen Sie, Herr Renner, es geht um Folgendes: Ich befürchte, dass Sie Recht hatten.»

«Ach ja?»

«Wie ich Ihnen bereits am Telefon gesagt habe: Ja, es gibt Hinweise auf eine Terrorgruppe.»

«Oh.»

«Das Problem ist, dass eine Zusammenarbeit mit Journalisten für uns ziemlich heikel ist. Aber als Sie sich heute Morgen bei mir gemeldet haben, bin ich mir bewusst geworden, dass wir wohl …», er zögerte, «… dass wir einmal intensiver zusammen reden sollten als vor einigen Wochen.»

«Da wollten Sie wissen, wer uns diese Terror-Nachrichten geschickt hatte. Aber ich kann und werde es Ihnen nicht sagen. Ich gehe davon aus, dass Sie beziehungsweise Ihre Spezialisten in der Zwischenzeit alles versucht haben, dies herauszufinden.»

«Ja, Goppeloni», schimpfte Olivier Kaltbrunner in breitestem Baseldeutsch. «Wissen Sie eigentlich, wer hier alles daran arbeitet? Da bekomme ich irgendwelche Berichte von ausländischen Experten, Kriminalisten und Cyber-Sheriffs, die mir erklären, dass sie sich das nicht erklären könnten, da es nichts zu erklären gibt, ausser es erkläre sich von selbst. Alles so Geheimdienst-Typen.»

«Aber warum sind Sie überhaupt noch daran interessiert? Die ganze Sache war doch einmalig. Wir lagen falsch. Und die Kerle, die der armen Behinderten diese Bombe untergejubelt haben, werden Sie sicher ausfindig …»

«Das werden wir», sagte Kaltbrunner bewusst etwas grossspurig. Er setzte sich die Brille auf, lächelte und fragte dann leise: «Wie geht es eigentlich Ihrer Mitarbeiterin, die auf dem Barfi verletzt worden …»

«Sandra Bosone? Wie soll es ihr schon gehen? Hirnverletzung. Sie ist jetzt in der Reha im Appenzellischen.»

«Ich habe davon gehört.»

«Ach ja?»

«Wir Polizisten sind Menschen, Herr Renner. Menschen. Ich habe Frau Bosone im Uni-Spital besucht.»

«Ach ja?», machte Renner nochmals konsterniert.

«Ich habe ihr die Klinik in Speicher empfohlen. Ein Kollege von uns erlitt bei einem Einsatz einmal ein Schädel-Hirn-Trauma. Er ist heute wieder im Dienst.»

Renner war sprachlos. So viel Mitgefühl hatte er nicht erwartet. Olivier Kaltbrunner fuhr sich mit der Hand übers Gesicht, rieb sich die Augen und setzte seine Brille wieder auf die Nase. Er hüstelte und sagte: «Was halten Sie von einer informellen Zusammenarbeit?»

«Bitte?» Renner zitterte leicht. Dieser Tschugger war ihm nicht geheuer …

«Was haben Sie jetzt gerade gedacht?», fragte Kaltbrunner. Und gab sich die Antwort gleich selbst: «Dass dieser Schugger spinnt?»

«Ist Schugger das Baseldeutsche Wort für Polizist?»

«Genau.»

«In Bern sagen wir Tschugger. Mit einem T vorne.»

«Ich weiss.»

«Ist heute aber ein Schimpfwort …»

«Ach was!», unterbrach Kaltbrunner. «Ein Schugger ist ein Schugger. Oder eben ein Tschugger.» Die beiden Männer lächelten sich an. «Also, was halten Sie von meiner Idee der Zusammenarbeit?»

«Ich weiss nicht recht …»

«Na ja, es muss ja nicht gerade das gesamte…ähm…Rösslispiel der Staats- und Bundesanwaltschaft inklusive Armee von unserem Informationsaustausch wissen. Oder stehen Sie auf echte, stundenlange Verhöre?»

«Nein.»

«Zudem denke ich, dass es besser ist, wenn wir ebenso eng und verschwiegen zusammenarbeiten wie unsere Gegner im Darknet oder Deep Web oder wie das Zeugs heisst.»

«Ich verstehe Sie nicht ganz.»

«Sie verstehen …» Es klopfte an der Türe und Kaltbrunner rief «Herein!»

Giorgio Tamine und Kirsten Warren betraten den Raum. «Wir sind so weit fertig», sagte Tamine.

«Wir eigentlich auch», meinte Kaltbrunner. «Nicht wahr, Herr Renner?»

«Worum ging es bei dir?», wollte Peter Renner von Kirsten wissen.

«Um das Deep Web und die Darknets. Wie ich dazukam und so weiter.»

«Herr Renner, ich sage Ihnen nun etwas», meinte Kaltbrunner forsch: «Die Kommentare auf den Online-Plattformen, die Sie und Ihre Zeitung verunglimpften, die Stimmung gegen Sie machten, das waren alles organisierte Reaktionen.»

«Bitte?»

«Ja, das konnten wir mittlerweile herausfinden.»

«Und wie?», wollte Kirsten wissen.

«Wir haben die Absender verfolgen können», erklärte Giorgio Tamine.

«Und Sie landeten immer bei irgendeinem Büro für, lassen Sie mich raten, … für politische Beratung.»

«Bei zwei Politagenturen, ja.»

«Das glaube ich jetzt aber nicht», sagte Peter Renner und löste sich aus seiner Starre. «Kirsten, kannst du mir das erklären?»

«Ja. Man kann heute einen Shitstorm im Internet in Auftrag geben. Sorry, ich habe nicht mehr daran gedacht.»

«Und warum?»

«Ablenkung, Herr Renner! Damit alle glauben, wie falsch Sie und Ihre Zeitung lagen. Erst bekommen Sie die Massenhysterie auf dem Barfüsserplatz exklusiv angekündigt. Dann erhalten Sie die Ankündigung weiterer Anschläge. Doch es passiert nichts. Aber wegen der von Ihnen angezettelten Hysterie bekommen Sie Haue.»

Renner erstarrte wieder. Alle merkten, wie angestrengt er nachdachte. Nach rund einer Minute sagte Renner: «Sie wollen uns also sagen, dass jemand mit uns Katz und Maus spielt?»

Niemand antwortete.

Nach einer Weile fügte Renner hinzu: «Und dass etwas passieren wird.»

REHA-KLINIK, SPEICHER, KANTON APPENZELL AUSSERRHODEN

«Bonjour, ma chère!», rief Henry Tussot, als er das Zimmer von Sandra Bosone betrat. Sandra sass am Fenster. Sie trug Jeans und einen blauen Pullover. Ihre Haare schimmerten rötlich im Abendrot der untergehenden Sonne. «Du siehst toll aus, ich mache gleich ein paar Fotos von dir.»

Henry warf sich auf die Knie und drückte wie wild auf den Auslöser seiner Kamera.

«Stopp, stopp!», sagte Sandra und hielt ihre Hand vors Gesicht.

«Wie war dein Tag?», fragte Henry und blieb auf dem Boden sitzen.

«Ach, Therapie, Ruhe, Therapie, Ruhe …»

«Du machst Fortschritte.»

«Blödsinn, Henry.»

«Doch, Schritt für Schritt.»

Sandra mochte nicht reden. Sie schüttelte nur leicht den Kopf. Henry robbte zu ihr und legte seine rechte Hand auf ihren Oberschenkel. Sandra reagierte nicht.

«Du hast abgenommen», meinte Henry nach einer Weile. «Ist das Essen so schlecht? Merde, ich werde mich bei der Klinikleitung beschweren.»

Nein, dachte Sandra, tu das nicht. Das Essen ist vorzüglich. Ich habe bloss Mühe zu schlucken. Die Esserei ist kein Genuss mehr. Es ist eine Anstrengung. Wie alles in meinem neuen Leben. Ach, Henry, wenn du nur wüsstest! Lass mich doch einfach in Ruhe! Du wolltest doch nie etwas von mir wissen, oder? Du bist nur scharf auf eine schnelle Nummer wie mit all deinen Weibern.

«Pass auf, Sandra, wenn du wieder ganz gesund bist, was sicherlich schon bald sein wird, werden wir zusammen tolle Reportagen machen. Wir müssen ja nicht mehr für dieses hektische Blatt arbeiten. Wir könnten auf Reisen gehen, schöne Geschichten aus aller Welt schreiben. Also du schreibst, ich fotografiere. Ja, das machen wir, dann verkaufen wir diese Reportagen an tolle Magazine wie den ‹Stern› oder das ‹Geo› oder vielleicht sogar an das ‹National Geographic›! Was meinst du?»

Ich wäre schon froh, dachte Sandra, wenn ich wieder für die Zecke und den Kotzbrocken arbeiten könnte …

«Weisst du», sprach Henry weiter, «als ich dich so daliegen sah, tot, also, ich dachte, du wärst tot, da sagte ich mir: Das kann es doch nicht sein. Das Leben aufs Spiel setzen für eine solche Scheisse, oder? Ja, ja, ich weiss, du möchtest mir jetzt sagen, dass ich ja sogar Kriegsreporter werden wollte, aber weisst du, das ist vorbei, das Leben deswegen aufs Spiel zu setzen, nein, das ist es mir nicht wert.»

Hör endlich mit dem Quatsch auf, dachte Sandra. Sie schloss die Augen.

Henry stand auf und gab ihr einen Kuss auf die Wange. «Ja, ruh dich aus, ma chère, ruh dich aus. Du brauchst Kraft.»

Henry ging auf den Zehenspitzen zur Türe, schaute lange zurück, öffnete sie lautlos und ging hinaus.

Was für ein irrer, aber charmanter Typ! Sandra lachte. Es war das erste Mal in ihrem neuen Leben.

ICE 371, BASEL-BERN

Peter Renner und Kirsten Warren hatten im Hochleistungszug ICE 371 der Deutschen Bahn ein geschlossenes Erstklassabteil für sich alleine. Der Zug war pünktlich um 17.59 Uhr in Basel abgefahren. Um 18.56 Uhr sollten sie in Bern ankommen. Peter Renner hatte sich vorgenommen, nicht mehr in die Redaktion, sondern direkt nach Hause zu gehen. Sein Stellvertreter Alex Gaster hatte ja alles im Griff. Und da sich auch Jonas Haberer nicht gemeldet hatte, schien der Tag reibungslos verlaufen zu sein.

Es war 18.33 Uhr. Der Zug befand sich auf der Schnellfahrstrecke zwischen Olten und Bern. Die beiden konnten ungestört miteinander reden. Renner sprach hochdeutsch, Kirsten mal englisch, mal deutsch, meistens aber englisch. Renner fand, Kirsten sollte endlich besser Deutsch lernen. Ihre Texte lieferte sie zwar auf Deutsch ab, doch Renner oder einer seiner Redaktoren mussten sie jeweils korrigieren. Das war der einzige Makel an Kirsten Warren. Im Übrigen war sie eine Top-Journalistin, die in der virtuellen Welt zu Hause war. Und auf dem Golfplatz. Das wusste Renner. Sie war eine super Berufskollegin! Obwohl es ihm manchmal etwas schwer fiel, sie nur als das zu sehen. Aber er hatte sich geschworen, sein Privatleben strikt vom Berufsleben zu trennen. Was ihm nicht schwer fiel, seit er für «Aktuell» arbeitete: Seither hatte er so gut wie gar kein Privatleben.

Kirsten und Peter sprachen über ihren Termin im Basler Kriminalkommissariat und rätselten darüber, was die Motivation von Kaltbrunner war, sie mit ins Boot zu holen.

«Ich denke, dieser Kaltbrunner will uns einlullen und uns für seine Zwecke missbrauchen», fasste Renner zusammen. «Ist mir in all den Jahren noch nie passiert. Ausgerechnet mit der Polizei oder der Staatsanwaltschaft einen informellen Kontakt zu haben. Normalerweise hassen die doch Journalisten.»

«Ich glaube, Kaltbrunner und Tamine wurden kaltgestellt. Das sind doch … wie sagt man auf Deutsch …»

«Kleine Würstchen!»

«Okay, so etwas jedenfalls. Da sind doch ganz andere Leute am Werk. Wenn es um Terror geht, mischen plötzlich ganz viele Leute, Experten und Gruppierungen mit. Oder was meinst du?» Sie schlug ihre langen Beine übereinander, und Renner konnte nicht anders, als auf sie zu starren. Warum mochte er bloss grosse, blonde Frauen wie Kirsten oder seine oberste Chefin, Emma Lemmovski?

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺831,42

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
400 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783858827401
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar