Kitabı oku: «Der Zauberladen von Applecross (Bd. 1)»

Yazı tipi:

eISBN: 978-3-649-64008-0

© 2021 für die Neuauflage der deutschsprachigen Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

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© 2014 für die deutschsprachige Originalausgabe:

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

© 2006 Atlantyca Dreamfarm s.r.l. – 2017 Atlantyca S.p.A., Italy

Text by Pierdomenico Baccalario

Original cover and illustrations by Iacopo Bruno

Graphic project by Iacopo Bruno

Original edition published by Edizione Piemme S.p.A., Italia

Original Title: La Bottega Battibaleno – Una valigia di stelle

International Rights © Atlantyca S.p.A., via Leopardi 8 – 20123 Milano – Italia – foreignrights@atlantyca.it – www.atlantyca.com

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Aus dem Italienischen von Barbara Neeb und Katharina Schmidt

Umschlagillustraion der Neuauflage: Iacopo Bruno

Lektorat: Valerie Flakowski

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Die Print-Ausgabe erscheint unter der ISBN 978-3-649-63916-9.

Pierdomenico Baccalario

Aus dem Italienischen von Barbara Neeb

und Katharina Schmidt

Illustrationen von Iacopo Bruno


Für Mario, den wahren Zauberer

Inhalt

ERSTES KAPITEL: FINLEY DUSTY DOUG

ZWEITES KAPITEL: DIE ANGELRUTE DIESER SELTSAME CITYFLITZER 71 TAGE

DRITTES KAPITEL: DER REVEREND MISTER CULLEN JULES DER POSTBOTE

VIERTES KAPITEL: DAS FAHRRAD DIE UMHÄNGETASCHE DER UMSCHLAG MIT DEN GOLDENEN BUCHSTABEN

FÜNFTES KAPITEL: DER SCHIFFBRUCH AIBY DER STEIN

SECHSTES KAPITEL: MÜCKEN ALGEN DER PIZZADIEB

SIEBTES KAPITEL: DER BLUMENSTRAUSS DER FRIEDHOF DER BLUTHUND

ACHTES KAPITEL: FIONNIR LILY EVERETT

NEUNTES KAPITEL: AN DER TÜR AUF DEM WEG AUF DER STRASSE

ZEHNTES KAPITEL: DIE PFEIFE DIE LISTE DER SCHWARZE ANZUG

ELFTES KAPITEL: WARNUNG UMLEITUNG GROSSE AUFREGUNG

ZWÖLFTES KAPITEL: DER BOGEN DIE SCHWARZE KÜCHE DIE TREPPE DER VERRÜCKTEN

DREIZEHNTES KAPITEL: DER REISESTAB DAS GLOM DER MAGIERTÖTER

VIERZEHNTES KAPITEL: DIE ZWEIFEL DIE FRAGE DIE LÖSUNG

FÜNFZEHNTES KAPITEL: ZU ZWEIT UM DREI GETEILT DURCH SIEBEN

SECHZEHNTES KAPITEL: IM LADEN DER PUB ZIMMER NEUNZEHN

SIEBZEHNTES KAPITEL: OHNMACHT WIEDERSEHEN ENTFÜHRUNG

ACHTZEHNTES KAPITEL: DER HOLLÄNDER DER ENGLÄNDER DER SCHOTTE

NEUNZEHNTES KAPITEL: EIN ALTES LIED EIN ALTER RIESE EIN ALTES PROBLEM

ZWANZIGSTES KAPITEL: SCHNEIDERIN AM STEUER VATER AM SCHWERT JUNGE AM RAND DES TODES

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL: DAS SCHWERT DER KRIEG DIE VERBÜNDETEN

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL: DIE KATZE DER BRUDER DER PREIS

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL: RUHE IM DORF DIE EINLADUNG ZUM FEST DER GOLDENE SCHLÜSSEL

EPILOG

Pierdomenico Baccalario

Iacopo Bruno

ERSTES KAPITEL


FINLEY
DUSTY
DOUG

Ich heiße Finley McPhee, Finley mit F, ganz genau. Mein Leben verlief ziemlich eintönig. Ich war nicht gerade der Beste in der Schule und auch kein toller Rugbyspieler wie mein Bruder. Ich zoffte mich nicht allzu sehr mit meinen Eltern oder mit Freunden. Na ja, eigentlich hatte ich nicht viele Freunde. Sooft ich konnte, blieb ich für mich, hielt mich fern von Schwierigkeiten oder Problemen. Wenn ihr es genau wissen wollt, mir war die Welt außerhalb unseres Dorfs ziemlich egal … Klar, ich wusste genau, dass die Landstraße von hier aus nach Inverness oder nach Edinburgh führte, zwei richtige Städte voller Leben, wo jede Menge Chancen auf einen warteten, wie unsere Lehrer immer sagten. Nur dass sie uns nicht erklärten, was für Chancen das sein sollten.

Ich bin im Dorf Applecross aufgewachsen, das liegt ziemlich weit im Norden Schottlands. Ein schöner Ort, um groß zu werden. Dort gab es alles, was man brauchte, und, na ja, nichts, was einen ablenken konnte. Zwei Straßen, einen Platz mit einem winzigen Springbrunnen, der niemals funktioniert hatte, den Pub von Mr Fionnbhurd, einen kleinen Supermarkt, der von einer Genossenschaft geführt wurde, so was eben. Im Süden waren die Bauernhöfe, wo fast alle Schafe züchteten, genau wie mein Vater. Im Norden war bloß die Mühle. Dort wurde früher das Korn gemahlen, heute liegt sie praktisch brach. Nur die alte Cumai trieb sich dort herum. Auf dem höchsten Hügel in der Heide erhoben sich die Überreste eines verlassenen Herrenhauses, und die Cumai erzählte, dass dort an jedem Dreizehnten eines Monats Gespenster umgingen. Zur anderen Seite lag das Meer. Ein eiskaltes, immer trübes Meer. An stürmischen Tagen fegte der Wind den Himmel blitzblank und die Wolken sausten so schnell dahin wie Wolle beim Spinnen. Aber wenn der Wind sich legte und die Flut sich zurückzog, schwirrten Schwärme von Mücken über den von Muscheln und anderen kleinen Schätzen übersäten Strand. Ob ihr es nun glaubt oder nicht, mich haben diese Mücken nie gestochen, obwohl Dusty und ich jede freie Minute am Strand verbrachten auf der Suche nach kostbaren oder seltsamen Dingen, in der Hoffnung, vielleicht irgendwann sogar auf eine echte Flaschenpost zu stoßen. Aber wahrscheinlich, so dachte ich, gab es so etwas sowieso nur in Büchern und ich würde nie eine solche Botschaft finden. Ein einziges Mal hatte Dusty zumindest eine Flasche gefunden.

Dusty war mein Hund. Er hatte lange Ohren und ein struppiges Fell und reichte mir bis zum Knie. Die Flasche habe ich natürlich aufgehoben und in mein Zimmer zu den anderen merkwürdigen Gegenständen meiner Sammlung gestellt. Die bestand eigentlich bloß aus alten Dingen, seltsam geformten Metallteilen, Stöcken und Steinen. Auf jedes Stück klebte ich ein Etikett mit einem Namen, zum Beispiel: »Knochen eines Steganosaurus« oder »Getrocknete Blätter aus Doucumber«, obwohl ich keine Ahnung hatte, ob es je einen Steganosaurus oder einen Ort namens Doucumber gegeben hat. Die Etiketten waren nur für Doug da, meinen Bruder, denn wenn der sie sah, war er zu beeindruckt, um Fragen zu stellen. Mein Bruder spielte Rugby, war der Schwarm aller Mädchen und außerdem strohdumm. Damals war er sechzehn Jahre alt und hatte die Schule abgebrochen. Das war das Einzige, wo wir mal einer Meinung waren. Ich riss mich nämlich auch nicht gerade darum, einen Schulabschluss zu machen.

Giftschlange.

So nannte mich mein Bruder.

Vielleicht weil ich mir als kleiner Junge oft einen Spaß daraus gemacht habe, mich ins Gras zu ducken und ihn dann hinterrücks anzufallen, oder weil ich so gern auf den Steinen in der Sonne saß. Ich mochte den Spitznamen überhaupt nicht, aber was konnte ich schon dagegen tun? Wenn man einmal einen Spitznamen weghat, dann bleibt der an einem hängen, ganz egal, was man anstellt. Außerdem stimmte es: Ich mochte Steine, besonders die in der Kurve von der Bealanch Ba – das sieht nach einem ziemlichen Zungenbrecher aus, aber es ist Gälisch und bedeutet »Ochsenweg«. So hieß die Küstenstraße. Dort gab es riesige Steine, also nicht ganz so groß wie Dolmen, die sind noch gewaltiger, aber fast. Man konnte hinaufklettern und sich dann im Schneidersitz draufhocken. Und wenn man dort oben saß, konnte man den Blick über die Inseln draußen auf dem Meer schweifen lassen. Mein Papa hatte mir beigebracht, dass man sie in einer bestimmten Reihenfolge anschauen musste, denn so hatte man es in Applecross immer schon gemacht. Zuerst waren die am weitesten entfernten Inseln im Norden dran, von wo die Wolken kamen. Dann musste man mit dem Blick langsam weiterwandern bis nach Skyle, zur größten Insel, die dunkel und tief im Schatten lag und um die bei jedem Sonnenuntergang die Blesshühner, Tölpel oder was auch immer kreisten.

Mein Vater hatte mir versprochen, wir würden im Oktober, an meinem vierzehnten Geburtstag, nach Skyle rüberfahren.

Ich war also noch dreizehn, als die Lilys ins Dorf kamen. Und mit meinem eintönigen Leben und allem, was ich euch bis jetzt erzählt habe, war es von da an vorbei.


ZWEITES KAPITEL


DIE ANGELRUTE
DIESER SELTSAME CITYFLITZER
71 TAGE

Der Bach, an dem ich immer angelte, hatte keinen Namen. Oder besser gesagt, er hatte keinen richtigen Namen wie die, die man auf Landkarten vermerkt. Die alte Cumai nannte ihn Calghorn dinn, was in der Sprache des Kleinen Volkes »stinkende Pfütze« bedeutete. Und das traf es so ziemlich. Sein Grund war mit abgerundeten Steinen und Kieseln übersät, und wo er seinen Lauf geändert hatte, waren Altarme mit stehendem Wasser entstanden, in die alles Mögliche hineinfiel und vor sich hin faulte. Aber wenn man ihn besser kannte, so wie ich, war der Calghorn dinn ein ziemlich toller Bach. Man musste nur über die ersten Pfützen springen, scharf nach Norden abbiegen und die Totenschädeleiche erreichen (ein furchterregender Baum, an dem zudem noch ein Schild mit der bedrohlichen Aufschrift hing: WEITERGEHEN VERBOTEN), an ihr vorüberlaufen, ohne dabei auf das Schild zu schauen, dem Weg nach links folgen und einige Schritte den Bach hinauf bis zu einer schmalen weißen Sandbank an einem kleinen See, der wie gemalt aussah. Dort konnte man die Fische mit bloßen Augen erkennen, so klar war das Wasser.

In meiner letzten Woche in Freiheit war es besonders heiß. Der Vormittag war schon vorüber und die Schule auch. Na ja, eigentlich stimmte das so nicht: Ich glaube, es war noch ein paar Tage hin bis zu den Ferien. Aber ich hatte beschlossen, dass sie zu Ende war … für mich jedenfalls. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten, so schöne Tage damit zu verplempern, in meiner Bank zu sitzen und Vokabeln zu pauken oder krampfhaft zu versuchen, mir zu merken, an welchem Tag Napoleon die Schlacht bei Waterloo verloren hatte. War das wirklich wichtig? Nicht für mich. Und für die Karpfen auch nicht.

Ich hatte die Angelrute meines Bruders im hohlen Stamm eines vom Blitz getroffenen Baums versteckt, zusammen mit den Ködern und Fliegen. Ich hatte mir beigebracht, wie man die selbst herstellen konnte, mithilfe eines Buches – des einzigen, das mir je bei etwas nützlich war, soweit ich mich erinnern kann. Wie man den perfekten Köder baut hatte es geheißen oder so ähnlich, genau weiß ich es nicht mehr, denn als ich alles gelesen hatte, was mich interessierte, habe ich es im Buchladen mit der Ausrede, ich hätte es doppelt, zurückgegeben. Und dafür habe ich dann ein anderes Buch mitgenommen, eins ganz in Rosa, als Geburtstagsgeschenk für meine Mutter.

Die Köder baute ich mir direkt am Fluss, während ich darauf wartete, dass ein Fisch anbiss. Ich hatte mein Werkzeug dabei: einen Hammer und einen flachen Stein, auf dem ich mir den Eisendraht zu Haken zurechtbog; eine Schere, um ihn anzuspitzen; ein paar Blätter Stanniolpapier und Federn, die ich mir von Mrs Bigelov, die im Hähnchengrill arbeitete, beiseitelegen ließ. Wenn ich Zeit hatte, so wie an jenem Tag, bemalte ich sie auch noch.

Die Fische bissen nicht an. Aber darum ging es mir nicht. Mir genügte es, dazusitzen und das schöne Wetter zu genießen. Flaumige Pappelsamen schwebten weich und weiß durch die Luft. Die Sonne schien warm. Kein Windhauch war zu spüren. Wäre ich bis zum Abend dort geblieben, hätte ich die Libellen sanft über der Oberfläche des kleinen Sees schwirren sehen können. Aber das ging natürlich nicht. Meine Eltern glaubten ja, ich wäre in der Schule, deshalb musste ich rechtzeitig auf den Hof zurückkehren, ganz so, als wäre ich mit den anderen nach dem Klingeln zum Unterrichtsschluss losgestürmt.

Ich schaute nach, wie spät es war, und da fiel mir wieder einmal auf, was für eine tolle Uhr ich hatte. Sie hatte ein Zifferblatt aus Elfenbein und vergoldete, spitz zulaufende Zeiger, die wie kleinen Lanzen aussahen. Die Zahlen waren erhaben, bis auf die Sieben, die irgendwann mal abgefallen war. Ich habe das nie für einen Zufall gehalten: ausgerechnet die Sieben, die Uhrzeit, die ich hasste, weil ich da immer morgens aufstehen musste.

Es war Viertel nach zwölf. Mir blieb also gerade genug Zeit, den Wald zu verlassen, mich an der Mühle vorbeizuschleichen, ohne dass die alte Cumai mich bemerkte, und kurz vor dem Klingeln im Dorf aufzutauchen.

»Auf geht’s, Dusty!«, rief ich. Er sah mich an, die Ohren hingen ihm so tief in die Augen, dass es aussah, als wollte er sie mit den Brauen heben. »Bewegung!«

Ich holte die Angelrute ein, wickelte die Leine ordentlich auf und drückte den Haken fest in die Abschlusskappe aus Schaumstoff, damit sich die Angelschnur nicht verhedderte. Dann verstaute ich alles sorgfältig in dem hohlen Baum, warf mir meinen Rucksack mit den Schulbüchern auf den Rücken und machte mich auf den Heimweg.

Nach einer Viertelstunde hatte ich die schwarzen Dächer der Häuser von Applecross erreicht. Ich schlüpfte verstohlen an Mr Everetts Souvenirladen vorbei ins Dorf, überquerte den Marktplatz und drückte mich an der Trockenmauer, für die man die Steine aus dem Meer geholt hatte, entlang bis zur Rückseite des Schulgebäudes. Alles lief glatt, und als ich die Klingel hörte, hatte ich gerade das andere Ende des hässlichen Baus erreicht. Von den Wänden bröckelte der Putz und vor den Fenstern waren Gitterstäbe angebracht. Wieder einmal dachte ich, dass der einzige Unterschied zwischen einer Schule und einem Gefängnis darin bestand, dass man in Letzterem mit etwas Glück weniger als fünf Jahre absitzen musste.

Nicht ahnend, was mich gleich erwarten sollte, machte ich mich auf den Weg zu unserem Hof und pfiff fröhlich vor mich hin.

»Guten Tag, Miss McCameron«, grüßte ich, als ich an dem Bekleidungsgeschäft vorbeikam. Ich erinnere mich noch an Mebs Lächeln. Und daran, dass sie der letzte freundliche Mensch war, den ich an diesem Tag sah.

In knapp zehn Minuten erreichte ich das kleine Tor unserer Einfahrt. Vaters Schafe hatten sich weit über die hügeligen Wiesen unseres Grundstücks verstreut und sahen aus wie kleine Sommersprossen aus Wolle. Ich hob den Haken, der das Tor verschloss, Dusty zwängte sich zwischen meine Beine und rannte mit wütendem Gebell auf das Haus zu. Wenn er sich so aufregte, war er nicht zu stoppen. Leicht misstrauisch geworden, schloss ich das Tor, aber leider hatte ich nicht genügend Verdacht geschöpft. Ich hätte gleich wieder kehrtmachen und das Weite suchen sollen. Ich wusste ja nicht, wem der Wagen gehörte, der dort mitten auf dem Hof stand. Es war einer dieser kleinen Cityflitzer, bei denen man sich fragte, wie sie es überhaupt hierher in die wilden schottischen Highlands geschafft hatten.

Im gleichen Moment, als ich das Fliegengitter vor der Wohnzimmertür aufstieß, roch ich ein Parfum, und mir stellten sich die Nackenhaare auf.

»Oh, oh«, konnte ich nur noch brummen, als mir klar wurde, dass jetzt alles zu spät war.

Der Wagen im Hof gehörte der Witwe Rozenkratz, die als »mobile Schulleiterin« mehreren kleinen Dorfschulen hier in der Gegend vorstand. Ich war ihr während meiner schulischen Laufbahn als bestimmt kein Musterschüler von Applecross nur ein paarmal begegnet und das hatte mir gereicht. William Shuster, der Sohn des Friseurs, behauptete immer, sie wäre schon als Witwe zur Welt gekommen.

Und nun saß sie im Wohnzimmer unseres Hauses meinen Eltern gegenüber, den Rücken kerzengerade und ganz vorn auf der Sesselkante. Papa trug noch die Latzhose von der Arbeit und blickte so düster drein wie jemand, der nicht nur wütend ist, sondern gerade eine herbe Enttäuschung erlebt hat. Mama schien vollkommen außer sich zu sein.

»Hallo, Finley«, begrüßte sie mich knapp. »Komm rein. Und lass Dusty bitte draußen.«

Ich musste den Hund mit dem Fuß nach draußen schieben. Dort legte sich Dusty vor das Fliegengitter und hörte nicht auf, die Witwe anzuknurren.

»Guten Tag, Finley«, begrüßte mich jetzt die Rektorin. »Ich denke, du weißt, warum ich hier bin.«

»Eigentlich nicht«, log ich, trat einen Schritt vor und fühlte mich unglaublich mutig dabei.

»Wie war es heute in der Schule?«, fragte meine Mutter.

Ich schaute meinen Vater an und sah, dass er die Hände fest ineinander verschränkte, als müsste er sich auf diese Weise zurückhalten. Er hielt die Augen gesenkt, seine Schuhe waren noch völlig schlammverkrustet. Das war das Schlimmste. Wenn Mama ihn mit diesen Schuhen ins Wohnzimmer gelassen hatte, konnte das nur eins bedeuten …

»Nun red schon«, drängte meine Mutter.

Ich stammelte irgendetwas. Mir war ziemlich schnell klar, dass die Rektorin bei mir zu Hause war, weil sie hier zusammen mit meinen Eltern auf mich gewartet hatte. Und die drei hatten auf mich gewartet, weil mein Versteckspiel am Fluss aufgeflogen war.

Da konnte ich auch gleich Farbe bekennen.

»Ich war nicht dort«, flüsterte ich.

»Und warum warst du nicht dort?«, fragte meine Mutter wütend.

Ich deutete aus dem Fenster, auf die Sonne, die dahinjagenden Wolken, den blauen Himmel über den Inseln draußen vor der Bucht, und grinste verlegen. »Weil es so ein wunderschöner Tag ist.«

Seiten raschelten, die Witwe blätterte mit ihren knochigen Fingern ein Heft durch und überprüfte ihre Notizen. »Es ist nun einmal so, mein lieber Finley …«

Lieber? Dieses einfache Wort war quasi schon der Federstrich unter mein Todesurteil.

»… wie es scheint, hat es in letzter Zeit viele wunderschöne Tage gegeben. Mit heute belaufen sich deine, nennen wir es wir mal Fehltage auf einundsiebzig.«

»Tatsächlich war dieser Frühling doch so schön wie seit Langem keiner, Mrs …«

»Sei still«, fuhr mein Vater dazwischen.

Das war das Erste, was er sagte, und es genügte, um mich verstummen zu lassen.

Mein Vater sah mich weiterhin nicht an, stattdessen wandte er sich der Witwe zu.

»Ist da noch etwas zu machen?«, fragte er sie.

»Ich fürchte leider nein, Mr McPhee«, antwortete sie. »Ihr Sohn hat zu viele Fehltage, außerdem waren Finleys Noten auch vor diesem ganz besonderen Frühling schon nicht herausragend gut.«

»Aber …«, versuchte ich mich zu verteidigen. Was war denn mit der Drei in Mathe vom Anfang des Jahres?

Sie konsultierte wieder ihr Heft. »Sagen wir mal, Finley stand zwischen ausreichend und mangelhaft. Jedenfalls solange er zur Schule ging.«

»Wir hatten ja nicht die geringste Ahnung …«, flüsterte meine Mutter, deren Wut sich inzwischen in mitleiderregende Beschämung verwandelt hatte. »Wir haben Finley immer vertraut …«

»Ich …«, setzte ich noch einmal an, aber keiner nahm Notiz von mir, als wäre ich gar nicht anwesend. Oder als wäre ich eine Statue oder ein Sklave, der nur ohnmächtig sein Schicksal erwarten konnte.

»Machen Sie sich deshalb keine Gedanken, Mrs McPhee …«, fuhr die Witwe fort. »Viele andere Kinder haben auch ein Schuljahr wiederholt. Und das war keine Tragödie. Manchmal kann das sogar sehr heilsam sein.«

»Heilsam, natürlich …«, sagte mein Vater leise, aber es klang so schneidend, als würde er ein Messer auf einem Schleifstein wetzen.

»Das ist eine gute Gelegenheit für ihn, mal richtig in sich zu gehen und vielleicht über sein Verhalten nachzudenken. Es wäre bedauernswert, wenn Finley sich nicht ernsthafter seiner Bildung widmete, denn man hat mir gesagt, er sei ein sehr aufgeweckter Junge …«

»Sehr aufgeweckt …«, wiederholte mein Vater.

»Der vielleicht nur etwas mehr Motivation braucht …«

Motivation?

Ich war immer schon der Meinung gewesen, dass das Schicksal hinterhältig, feige und gemein ist. Ich stellte es mir als einen boshaften Mistkerl vor, der Zufälle hin und her schob, wie er wollte, damit man glaubte, nichts geschehe mit Absicht, während er schon längst alles entschieden hatte. Und tatsächlich fing Dusty in diesem Moment an zu jaulen, als hätte ihm jemand auf den Schwanz getreten.

»Verdammter Köter, geh doch aus dem Weg!«, schimpfte mein Bruder Doug und stieß das Fliegengitter auf, um ins Haus zu kommen. Er sah uns vier an, mit diesem stumpfen Blick eines vollkommen intelligenzfreien Rugby-Champions, und raffte natürlich nicht, was hier los war. »He?«, rief er dann dröhnend. »Ist etwa jemand gestorben?«

Ich wäre am liebsten im Boden versunken. Das passierte mir immer, wenn Doug einen Raum betrat und eine Frage stellte, denn leider konnte ich nicht leugnen, dass er mein Bruder war.

»So etwas in der Art: Dein Bruder bleibt sitzen«, erklärte ihm Mama.

Doug sah mich irgendwie seltsam an. Als würde er das erste Mal seit Jahren feststellen, dass wir etwas gemeinsam hatten.

»Wirklich?«, sagte er und zerzauste mir die Haare. »He, stark!«

»Darüber sprechen wir später …«, sagte mein Vater leise und erhob sich mühsam. »Danke, dass Sie persönlich vorbeigekommen sind, Mrs Rozenkratz.«

Die beiden gaben sich die Hand.

»Ich nehme an, es ist sinnlos, wenn Finley die letzten Tage vor Ferienbeginn noch einmal zur Schule geht, oder?«

Die Witwe nickte. »Das glaube ich auch, Mr McPhee.«

Papa nickte ebenfalls, sehr bedächtig.

»Verabschiede dich von Mrs Rozenkratz«, befahl mir Mama und meine Hand schnellte automatisch vor wie die eines Roboters.

»Dann sehen wir uns also im nächsten Schuljahr, Finley«, sagte die Rektorin lächelnd.

Vielleicht tat es ihr ja wirklich leid. Oder sie wusste schon, was in einigen Tagen passieren würde. Ich will lieber glauben, dass es nicht so war und dass ich die Familie Lily auch kennengelernt hätte, wenn ich nicht sitzen geblieben wäre. Aber da kann ich mir nicht sicher sein.

Wir schwiegen peinlich berührt, während die Witwe Rozenkratz den Raum verließ. Dann, als wir hörten, wie sie den Motor ihres Stadtflitzers anließ, sah mein Vater mich endlich an, Mama verzog sich in die Küche und Doug fragte: »Also, was gibt’s heute zu Mittag?«

DRITTES KAPITEL


DER REVEREND
MISTER CULLEN
JULES DER POSTBOTE

An das Mittagessen und den darauffolgenden Nachmittag erinnere ich mich nicht gern: Nachdem ich gleich eine doppelte Standpauke von beiden Elternteilen kassiert hatte, flüchtete ich mich in mein Zimmer. Dusty durfte mich natürlich nicht begleiten. Er trollte sich auf die Wiese unter meinem Fenster und rollte sich neben der Buche zusammen. Ich legte mich auf mein Bett und hatte bis zum Abend nur meine Gedanken als Gesellschaft.

Die waren nicht gerade schön: Ich musste immer wieder darüber nachgrübeln, dass ich einen Fehler gemacht hatte, klar, und dass ich von nun an wohl nicht mehr tun und lassen konnte, was ich wollte. In Zukunft würde ich besser aufpassen müssen, wollte ich mich nicht erwischen lassen. Wahrscheinlich hatte ich es ein bisschen übertrieben. So etwas in der Art ging mir durch den Kopf. Und am Abend fühlte ich mich ein wenig besser. Ich möchte nicht behaupten, dass ich an diesem Tag etwas erwachsener geworden bin, aber ich begriff immerhin, dass ich nicht auf ewig ein Kind sein wollte.

Als es Zeit zum Abendessen war, klopfte mein Vater an die Tür zu meinem Zimmer. Er war der Einzige, der anklopfte, meine Mutter und Doug kamen immer so rein.

»Ja«, sagte ich und setzte mich ruckartig auf.

Ich wollte nicht, dass er mich so in die Kissen vergraben sah und etwa denken könnte, ich sei völlig verzweifelt wegen dem, was ich angestellt hatte. Immerhin hatte ich ein ganzes Schuljahr sausen lassen und mir damit höchstwahrscheinlich den Sommer verdorben. Er sollte einfach nur denken, dass es mir leidtat.

»Wir haben alle zurückgesteckt, Finley, damit du zur Schule gehen kannst«, begann mein Vater und machte mir damit klar, dass die ganze Sache noch lange nicht vom Tisch war. »Es wäre durchaus nützlich für den Hof, wenn du dich um die Schafe kümmern würdest. Dein Bruder und ich müssen ziemlich ackern, um hier zu zweit zurechtzukommen.«

»Papa, es tut mir leid. Aber ich würde dir und Doug gern …«

»Das ist nicht wahr«, erwiderte mein Vater. »Auf Dauer wärst du nicht glücklich. Ganz bestimmt nicht. Und das weißt du selbst genau.«

Es stimmte. Und das wusste ich auch, na klar. Ich war der Meinung, dass Schafe die dümmsten Lebewesen waren, die es auf der Welt gab. Abgesehen von Doug natürlich.

»Wir haben alle zurückgesteckt, deinetwegen«, fing mein Vater wieder an. »Und du hast uns hintergangen. Bei deinem Bruder haben wir ziemlich schnell gemerkt, dass die Schule nichts für ihn ist. Aber du bist nicht Doug. Und deshalb …«

Er ließ den Satz drohend in der Schwebe.

»… bringe ich dich morgen zu Reverend Prospero«, vollendete er ihn schließlich in einem Atemzug.

Und damit ging er und ließ mich auf dem Bett und ohne Abendessen sitzen.

Als mir klar wurde, was ich da eben gehört hatte, rannte ich zum Fenster. »Dusty! Hast du gehört? Dusty! Sie schicken mich zu Reverend Prospero!«

Doch dieser miese Verräter hatte schon seinen Platz unter meinem Fenster verlassen und war auf die andere Seite des Hauses gelaufen, um sich dort sein Fressen zu holen.

Es wurde die längste Nacht meines Lebens.

Mit weit geöffneten Augen lauschte ich den Sternen, die vor dem Fenster vor sich hin wisperten, und als ich schließlich doch eingeschlafen war, wurde ich gleich wieder von meiner Mutter aus den Träumen gerissen. Zumindest kam es mir so vor, als wäre es noch mitten in der Nacht.

»Los, aufstehen, raus aus den Federn, du Nichtsnutz!«

Sie schmiss mich buchstäblich aus dem Bett, trieb mich vor sich her ins Bad und deutete auf die mit dampfendem Wasser gefüllte Badewanne. Rechts davon lagen zwei Handtücher. Auf der anderen Seite meine guten Anziehsachen, in die sie mich immer steckte, wenn wir in die Kirche gingen: dunkle Hose und Jacke, ein gestärktes Hemd, weiße Socken und schwarze Halbschuhe. »Du hast zehn Minuten, um dich fertig zu machen!«

Mir war sofort klar: Wenn ich wagte, wegen der Wanne zu protestieren, würde sie mich mit Gewalt dort hineinstecken und mich eigenhändig baden, so wie früher als Baby.

Zehn Minuten später, gewaschen und so gründlich gestriegelt, dass sich mein Kopf fast kahl anfühlte, näherte ich mich dem Frühstückstisch. Mein Magen grummelte, weil ich gestern Abend nichts gegessen hatte. Papa hatte die Sportzeitung von letzter Woche vor dem Gesicht und ließ sie auch nicht sinken, um mir Guten Morgen zu wünschen.

»Einstein im Anflug!«, begrüßte mich Doug.

Ich erwiderte nichts. Mein Bruder hatte sich einen Riesenberg Rührei auf den Teller geladen, auf den er gleichzeitig einen Löffel Honig und einen Löffel Senf klatschte. Ich war so hungrig, dass ich sogar das gegessen hätte.

Ich nahm mir einen Toast mit Marmelade und ein Ei mit sauren Gurken, die ich normalerweise hasse. Der Milchkaffee war so heiß wie dieser Vulkan auf Island, der seit einiger Zeit Asche spuckte, aber ich wagte nicht, mich zu beschweren.

Während ich mein Frühstück aß, versuchte ich, Doug zu ignorieren, der mit dem Fuß rhythmisch zu dem Song aus seinem Kopfhörer aufstampfte, und als ich fertig war, blieb ich einfach sitzen und wartete ab.

Laut raschelte mein Vater mit der Zeitung. »Gehen wir.« Dann fügte er noch hinzu: »Nimm dieses Ding ab, Doug.«

Mein Vater und ich setzten uns vorn in den Lieferwagen, Dusty drängte sich zwischen uns, und sobald wir losfuhren, kletterte er auf meine gute Hose, um seine Schnauze zum Seitenfenster hinauszustecken und sich den Fahrtwind um die Schlappohren wehen zu lassen.

Und ich ließ ihn machen, hielt ihn nur am Halsband fest, damit er nicht hinaushüpfte.

»Warum fahren wir zu Reverend Prospero?«, fragte ich Papa, als die Häuser und der einzige Kirchturm von Applecross in Sichtweite kamen.

»Ich habe ihn gebeten, dir für diesen Sommer einen Job zu suchen«, erwiderte er nach einer Weile.

Einen Job?

»Aber … kann ich denn nicht bei euch auf dem Hof arbeiten?«, protestierte ich. »Gestern Abend hast du gesagt, dass … es nützlich wäre.«

Papa parkte den Lieferwagen vor der Kirche, stieg aus und forderte mich auf, ihm zu folgen. »Weil dir die Arbeit auf dem Hof einen Sommer lang Spaß machen könnte«, sagte er in diesem verbitterten Ton, der mir verdammt wehtat. »Deshalb habe ich den Reverend ausdrücklich um einen Job gebeten, der so richtig … unangenehm ist.«

Mit einem Bum! knallte er die Fahrertür zu.

»Dann wirst du es dir im nächsten Jahr zweimal überlegen, ehe du zum Angeln an den Fluss gehst.«

Reverend Prospero war eine Institution im Dorf. Er hatte sämtliche Kinder getauft, hatte denen, die es wünschten, die Beichte abgenommen, alle Ehewilligen verheiratet und all jenen die letzte Ölung erteilt, die sich wirklich auf den letzten Weg machen wollten. Er lebte mit Miss Finla in dem Pfarrhaus hinter der Kirche von Applecross. Miss Finla war seine Haushälterin und wahrscheinlich der einzige Mensch im Dorf, der älter war als er. Der Reverend war ein wahrer Riese, mit kräftigen Armen und einem Kreuz wie ein Rettungsschwimmer. Er war in mehreren Kriegen Seelsorger gewesen, in welchen, weiß ich nicht mehr, und ich konnte ihn mir nur zu gut vorstellen, wie er unter feindlichem Beschuss den Soldaten voranschritt und dazu auf seinem Dudelsack spielte. Er hatte einen riesigen Schnauzbart und die Haare kamen ihm sogar aus den Ohren heraus. Nur auf dem Kopf war er kahl.

Miss McCameron hatte mir einmal gesagt, dass Reverend Prospero eine geheimnisvolle Tätowierung auf der Schulter hätte und dass sie die entdeckt hatte, als sie Maß genommen hatte, um das Messgewand für ihn zu ändern. Aber ich hatte diese noch nie gesehen, und daher wusste ich nicht genau, ob es sie wirklich gab.

Der Reverend hatte eine sehr mächtige, befehlsgewohnte Stimme und eine ziemlich direkte Art: Um die Seelen seiner Schäfchen zu retten, peitschte er auf sie ein.

Mein Vater schubste mich in den Hof zwischen Pfarrhaus und Kirche und gleich darauf fiel der mächtige Schatten des Reverends über mich.

Ich musste nicht aufsehen, um zu wissen, dass er mich aus seinen pechschwarzen Augen anstarrte.

»Nun denn, McPhee junior, was haben wir denn diesmal angestellt?«

Er sagte »diesmal«, weil ich ihm nicht zum ersten Mal vorgeführt wurde. Unsere erste Begegnung hatten wir vergangenes Jahr gehabt, als Jacky Turbine und Sammy Angler das Fenster von Mr Everett mit dem Fußball eingeschmissen hatten. Aber Mr Everetts Haus lag eben genau hinter dem Fußballplatz und Jacky Turbine hatte den härtesten Linksschuss der Highlands. Vielleicht hätten wir nach der ersten kaputten Scheibe aufhören sollen. Oder vielleicht hätten wir nicht unbedingt versuchen sollen, durch Mrs Gordons Gemüsegarten auf der anderen Seite des Fußballplatzes abzuhauen, als Mr Everett uns stockschwingend hinterherkam.

Damals hatte Reverend Prospero gemeint, das wäre ja wohl bloß ein Dummejungenstreich, aber er hatte uns gezwungen, uns einen Monat lang um Mrs Gordons Gemüsegarten zu kümmern, und Jacky Turbine hatte er dazu verdonnert, rund um alle Grabsteine auf dem Friedhof Unkraut zu jäten.

»Ich glaube, ich bin ein wenig zu oft angeln gegangen, Reverend«, erwiderte ich, um etwas zu sagen.

Er lachte dröhnend. »Statt zur Schule zu gehen? Haha! Und was sollen wir jetzt mit dir machen?«

»Das müssen Sie mir schon sagen, Reverend …«, nuschelte ich. Wenn ich etwas in der Hand gehabt hätte, hätte ich es zwischen meinen Fingern zerrieben. Mir wurde langsam heiß in meiner guten Jacke.

»Was kannst du denn?«, fragte er mich.

Ich schüttelte stumm den Kopf. Ich konnte angeln. Dinge sammeln, die das Meer angeschwemmt hatte. Amerikanische Comics lesen. Mit Dusty durch den Winterwald laufen. Mit Dusty über Sommerwiesen laufen. Ich konnte mit Dusty bei jedem Wetter und egal zu welcher Jahreszeit umherlaufen. Und außerdem konnte ich verwunschene Orte erforschen, die Eingänge zum Reich des Kleinen Volkes erkennen und Landkarten zeichnen.

»Kannst du denn wirklich gar nichts?«, fragte der Reverend nach.

Na ja, sagte ich mir. Ich konnte die ganze Küstenlinie von hier bis zur Rattle Farm mit geschlossenen Augen beschreiben. Und ich wusste auch sonst noch eine ganze Menge nützlicher und weniger nützlicher Dinge. Ich wusste zum Beispiel, dass es zwischen dem Greelock-Pub und dem Gasthaus der Familie McStay einen Geheimgang gab, und ich wusste auch, wie man dort hineinkam. Ich wusste, dass Mr Everett ab und zu heimlich hinter seinem Andenkenladen rauchte. Und dass der einzige Funker des Dorfes, Seamus, einen Apparat erfunden hatte, mit dem er die Satellitenkanäle gucken konnte, ohne dafür zu bezahlen. Und ich wusste …

Mein Vater versetzte mir von hinten einen kleinen Schubs, der mich fast aus dem Gleichgewicht brachte. »Denk dir was aus, Prospero«, sagte er einfach. »Ich muss zurück auf den Hof.«

Dann wechselten die beiden Männer einen Blick, der eine vorher getroffene Abmachung zu besiegeln schien. Ich stellte mir vor, wie die beiden am Telefon miteinander gesprochen hatten, während ich in meinem Zimmer eingesperrt war, so wie Männer das eben tun, mit nur ein paar knappen Sätzen.

»Komm mit«, befahl mir Reverend Prospero und ging voran.

Eins muss ich zu Reverend Prosperos Verteidigung sagen. Er hat an jenem ersten Tag zumindest versucht, Applecross zu retten. Aber anscheinend konnten weder er noch ich verhindern, was unausweichlich geschehen sollte.

Weil ich keine vierzehn war, konnte ich nicht richtig arbeiten. Das wäre illegal gewesen. Es gab nämlich ein Gesetz gegen die Ausbeutung der Arbeitskraft von Minderjährigen. Oder so ähnlich. Aber das hielt den Reverend eines kleinen frommen Ortes wie Applecross nicht davon ab, mich zu verpflichten, hier und da Leuten »zur Hand zu gehen«, und zwar vollkommen umsonst. Denn ich war ja ein guter Junge, der gern half.

Das war das schottische Hausmittel gegen Faulheit.

Am ersten Tag ging ich der landwirtschaftlichen Genossenschaft »zur Hand«. Sie schickten mich ins Lager, wo ich die Kisten von den Lieferwagen abladen und in die Regale einräumen sollte. Anfangs machte mir das sogar Spaß, aber später nicht mehr: Alles, was kam (und es war jede Menge Zeug, das zu den unterschiedlichsten Zeiten angeliefert wurde), musste in einer bestimmten Ordnung eingeräumt werden. Dahinter steckte eine Logik, die sich mir allerdings nicht erschloss. Ich hatte keine Ahnung gehabt, wie viele Produkte im Lager eines kleinen Supermarktes Platz finden konnten und wie viele Menschen dort jeden Tag hinkamen, um nach den ausgefallensten Dingen zu fragen.

Bereits nach der Hälfte des Vormittags spürte ich meine Schultern nicht mehr.

Mr Cullen, mit dem ich noch kein Wort gewechselt hatte, zeigte auf einen kleinen Hocker neben der Kasse. »Ich gehe mal kurz zur Bank. Wenn jemand kommt, dann sagst du, ich bin gleich zurück.«

Sobald er weg war, nahm ich mir ein Wassereis aus der Kühltruhe und lutschte es hastig, damit er es nicht mitbekam.

In dem Moment betrat ein Mann den Laden, den ich vorher noch nie gesehen hatte. Er sah aus wie ein Rockstar. Er war riesengroß, spindeldürr, hatte einen blonden Wuschelkopf und wirkte so verwirrt, als hätte er eben entdeckt, dass die Mondlandung nie stattgefunden hatte.

Der Mann sah sich um, wie um zu begreifen, wohin es ihn verschlagen hatte, und fragte mich: »Gibt es hier Pizza?«

Ich zeigte ihm das Kühlregal mit den Steinofenpizzas, auf denen der Mozzarella so schön Fäden zieht, und er musterte sie etwas misstrauisch. Schließlich nahm er zwei.

Dann kramte er in seinen Taschen und rief: »Verdammt! Entschuldige. Ich bin neu hier. Ich habe … ich habe mein Portemonnaie zu Hause vergessen. Kann ich später noch mal wiederkommen und sie bezahlen?«

Ich sah zur Bank hinüber, aber von Mr Cullen keine Spur. Ich musste also schnell eine Entscheidung treffen. »Okay«, sagte ich zu dem Unbekannten. »Aber Sie kommen ganz bestimmt wieder, oder?«

»Sicher komme ich wieder«, erwiderte er. »Und danke. Ich bin … wirklich …«

Was auch immer er noch sagte, ich konnte es nicht verstehen. Und als ich Mr Cullen erzählte, was vorgefallen war, zeigte er bloß auf ein Schild, auf dem stand: ANGESCHRIEBEN WIRD NICHT und schickte mich zu Reverend Prospero zurück.

Am nächsten Tag fing ich auf dem Postamt an und ging dem Briefträger »zur Hand«.

Dort blieb ich dann eine ganze Woche. Ich sortierte Berge von Post, und wieder war ich überrascht, wie viele Briefe, Päckchen und Pakete die Leute verschickten und erhielten. Waren denn nicht Computer und E-Mails erfunden worden, um Briefpapier und Umschläge zu ersetzen? Anscheinend galt das nicht für Applecross.

Meine erste Arbeitswoche war alles in allem sehr vergnüglich und endete sogar noch mit einer guten Nachricht. Jules, der Briefträger des Dorfes, hatte sich einen Knöchel verstaucht, als er oben bei der Villa des Grauens versucht hatte, seine Hacken vor dem Schäferhund der McBlacks zu retten. Das Ganze schilderte er uns sehr theatralisch, gestenreich und mit dramatischer Stimme und meine Kollegen wirkten ehrlich beeindruckt: Keiner, so beteuerten sie, sollte gezwungen werden, dieser Familie die Post zu bringen.

Nun ja: Es gibt viele Gerüchte über die Brutalität der McBlacks und darüber, weshalb ihr Haus den Namen Villa des Grauens verpasst bekommen hatte, obwohl eigentlich nichts daran wirklich angsteinflößend war, mal abgesehen von den Statuen. Die Meinung des Briefträgers, dass ihr Schäferhund besonders gefährlich war, fand ich maßlos übertrieben. Aber Jules hatte sich wirklich den Knöchel verstaucht, er hatte das Bein hochgelegt und kühlte ihn mit einem Eisbeutel.

»Schlimme Geschichte, Jules …«, sagte eine der Schalterdamen.

Und die andere fragte: »Wenn du so zugerichtet bist, wer soll denn jetzt mit dem Fahrrad die Post austragen?«

Es dauerte keine Sekunde und alle starrten mich an. Und noch schneller hatte ich zugestimmt, die Aufgabe zu übernehmen.

Applecross, ich saß wieder im Sattel! Und ich war wieder im Freien, wo ich mich nun mal am liebsten aufhielt.

VIERTES KAPITEL


DAS FAHRRAD
DIE UMHÄNGETASCHE
DER UMSCHLAG MIT DEN
GOLDENEN BUCHSTABEN

Am zweiten Samstag im Juni, als die Schulen offiziell ihre Tore schlossen und die Listen ausgehängt wurden mit den Namen und Noten der Schüler, die versetzt worden waren, und auch der Schüler, die das Jahr noch einmal wiederholen mussten (nur ich), strampelte ich auf dem Fahrrad des Dorfbriefträgers durch Applecross.

Dusty rannte keuchend hinter mir her, fest entschlossen, mir nicht einen Meter Vorsprung zu gönnen, und wenn die Straße anstieg, stellte ich mich auf die Pedale. Ich hatte das Gefühl, Jules’ Fahrrad könnte jeden Moment unter mir zusammenbrechen, und das wäre gar nicht gut gewesen. Schließlich war das heute mein erster Tag als Briefträger.

Ich hatte mir die Umhängetasche quer über die Brust geworfen, und anders als Jules, der die Umschläge stets vorher ordnete und seine Route plante, ehe er sich in den Sattel schwang, holte ich immer einen Brief nach dem anderen hervor, las die Adresse und machte mich dann auf den Weg. Wie bei einer Schnitzeljagd. Der Job gefiel mir.

Außerdem bedankten sich alle, vor allem auf den Bauernhöfen, überschwänglich dafür, dass ich ihnen die Post brachte. Sie luden mich auf eine Limonade ein, und während der ganzen Zeit hielten sie ihre Hunde am Halsband fest, damit sie weder mich ins Bein bissen noch auf Dusty losgingen. Ich hatte meinen Hund noch nie so glücklich gesehen: Bei jedem Halt markierte er sein Revier, grub mit den Hinterläufen im Gras und lief dann zufrieden und völlig unbehelligt davon. Er jagte meinem Fahrrad hinterher, während die knurrenden Hütehunde mühsam von ihren Besitzern zurückgehalten wurden.

Es war kurz nach eins, als ich aus meiner Umhängetasche den letzten Brief zog, den ich noch ausliefern wollte, bevor ich nach Hause ging, um dort etwas zu essen und eine Pause zu machen.

Es war der Umschlag für die Lilys. Ich erinnere mich noch genau an jenen Moment: Ich befand mich in einer kleinen Seitenstraße mitten im Ort, neben einer langen, von einer niedrigen Trockensteinmauer eingegrenzten Wiese. Am Straßenrand stand eine knorrige Eiche mit einer dichten, verschlungenen Krone. Es war auf den Punkt genau dreizehn Uhr dreizehn. Und mir war gerade ein äußerst merkwürdiger Briefumschlag in die Finger geraten, länglich und mit verschnörkelten Buchstaben, die mit echtem Gold geschrieben zu sein schienen. Der Umschlag kam aus London, von einem gewissen »Klub der Imaginären Reisenden«, und war wie folgt adressiert:

An die ehrenwerte Familie Lily

Zauberladen

36, Eggstones Heaven

Reginald Bay, Applecross (Schottland)

Im ersten Moment hielt ich das Ganze für einen Witz. Das lag sowohl am Absender wie am Empfänger. Ich hatte noch nie von einer Familie Lily in Applecross gehört, auch nicht von einer Reginald Bay oder einem Ort namens Eggstones Heaven. Klar, in Schottland kann sogar jeder Baum mehr als einen Namen haben, aber die hier hörte ich wirklich zum ersten Mal.

Ich weiß nicht wieso, auf jeden Fall schnupperte ich an dem Brief: Er duftete leicht. Und fühlte sich seltsam an. Ich versuchte, ihn zu knicken, aber darin steckte anscheinend nicht einfach nur ein Blatt Papier, sondern etwas wesentlich Festeres. Oder nein, etwas …

Ich musste lachen. Der Umschlag fühlte sich an, als wäre er mit Sand gefüllt, der von einer Seite zur anderen rieselte, je nachdem, wie man ihn hielt.

»Wie bei einer Sanduhr«, murmelte ich leise vor mich hin und hielt den Umschlag gegen das Licht. Ich zermarterte mir das Hirn über die Adresse, aber das war sinnlos. Da lief es mir plötzlich eiskalt den Rücken hinab. »Lass uns nach Hause gehen, Dusty, okay? Vielleicht können wir mit vollem Magen besser denken.«

Dusty bellte mich glücklich an.

Ich radelte ruhig zum Hof meiner Eltern, ohne zu bemerken, dass von den Ästen der Eiche, unter der ich angehalten hatte, langsam eine Gestalt herabsegelte, die in einen Spiegelumhang gehüllt war. Ein Mann oder eine Frau oder eher noch ein Zauberwesen, mit einer langen Hakennase und blauen, eiskalten Augen, die mir neugierig hinterherblickten.

Ich glaube, das war ein Bote der Askells, wenn nicht gar Samuel Askell höchstpersönlich, aber damals konnte ich das natürlich noch nicht wissen.

Ich war völlig ahnungslos, denn noch hatte ich den Umschlag mit den goldenen Buchstaben nicht ausgeliefert. Und noch war nichts geschehen.

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171 s. 20 illüstrasyon
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9783649640080
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