Kitabı oku: «Annehmen und Loslassen»

Yazı tipi:

Pirmin Loetscher

ANNEHMEN UND

LOSLASSEN

Pirmin Loetscher

ANNEHMEN UND

LOSLASSEN

Mit innerer Balance

zu einem

erfüllten Leben


Neuausgabe von Meine Erde zuerst erschienen 2013 im Literaron Verlag, München

1. Auflage 2015

© Giger Verlag GmbH, CH-8852 Altendorf

Telefon 0041 55 442 68 48

www.gigerverlag.ch

Lektorat: Monika Rohde

Autorenfoto: Joerg Kressig

Umschlaggestaltung:

Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Umschlagfoto: Herbert Zimmermann

Layout und Satz: Roland Poferl Print-Design, Köln

e-Book: mbassador GmbH, Luzern

Printed in Germany

ISBN 978-3-905958-50-8

eISBN 978-3-905958-60-7

Inhalt

Es geht los

Moment

Meine ersten Momente

Ein harmonisches oder ein zu stark ausgeprägtes Ich

Wie ich mein Ungleichgewicht aufbaute

Die ersten Schritte zurück zum Gleichgewicht

Einfache Übungen, um im Moment zu sein

Den Moment im Alltag bewusst wahrnehmen

Annehmen und Loslassen

Mein Körper und meine äußere Erscheinung

Der Ausdruck unserer Persönlichkeit

Der Ausdruck unserer Persönlichkeit anhand unseres Berufes

Das falsche Selbstbild

Die Verhaltensmuster

Lass die Energieverschwendung los

Zweifel und Angst

Der Tod

Bedingungslose Liebe

Bedingungslose Selbstliebe

Bedingungslose Nächstenliebe

Bedingungslose partnerschaftliche Liebe

Bedingungslose familiäre Liebe

Bedingungslose Objekt- und Ideenliebe

Deine Erde

Danksagung

Über den Autor

Es geht los

Es kann doch kein Zufall sein, dass hier unter diesem kräftigen Baum ein Tisch aus massivem Holz steht, mit einem himmelblauen Tischtuch bedeckt, das Daniel, unser Chef des Hauses, jeden Tag fein säuberlich auflegt. Wir sind zwar sechs Personen, die hier Ferien machen, aber nur zwei Stühle stehen am Tisch. Einer an der Längsseite mit Sicht auf die Weite und das Wasser, der andere an der kürzeren linken Tischseite mit einem beobachtenden Blickwinkel zum anderen Sitzplatz und in Richtung des kräftigen Baumes, unter dem der Tisch steht. Würden die Stühle vis-à-vis stehen, wäre ein Dialog gefordert, aber da der zweite Stuhl seitlich steht, heißt das für mich, dass mir jemand zur Seite steht oder besser gesagt sitzt.

Seit zwei Wochen sehe ich täglich diese Anordnung, bewusst wird sie mir jedoch erst in diesem Moment. Genau so habe ich mir das doch immer vorgestellt mit dem Buchschreiben. Es war immer ein Wunsch von mir und ich wusste, der Tag wird kommen, an dem ich es beginnen werde, und zwar fernab von jeglichem Alltagsbetrieb, genährt von der Natur, mit der Kraft des Baumes und nahe am Wasser. Ich weiß, das sind viele Wünsche auf einmal, aber ja, genau so sollte es doch sein.

Seit Jahren war etwas in mir am Brodeln, etwas, das mir ständig sagte: »Los geht’s, fang an zu schreiben!«, und jahrelang habe ich den Beginn mit faulen Ausreden hinausgeschoben. Nun ist sie da, die Situation, die ich mir unbewusst so stark vorgestellt habe, die Situation, der ich mich stellen muss. Ich kann doch nicht jahrelang diese Wunschbilder vom »typischen« Schriftsteller ins Universum projizieren, und wenn mir dann dieser riesige Baum am Wasser und der Tisch hingestellt werden, einfach so tun, als wäre nichts geschehen. »Hey Pirmin, wach auf, das ist deine Erde, so hast du sie dir erschaffen.«

Also lege ich los und merke schon bei den ersten Zeilen, wie erfüllend es für mich ist, endlich zu schreiben. Ich fühle, wie ich mich öffne, wie ich loslasse, wie alles andere an Wichtigkeit verliert. Dinge, die mir immer wichtiger schienen, Dinge, die ich unter Kontrolle halten, Dinge, die ich mit meinem Verstand regeln wollte, und so fand mein ständig denkender Kopf immer einen Grund, um den Beginn dieses Buches hinauszuschieben. »Nur noch schnell eine E-Mail schreiben und dann fange ich an.« Wie oft habe ich mir diesen oder andere Sätze vorgesagt und doch nie angefangen. Irgendwie trotzte ich einfach, bis meine Wunschvorstellung Wirklichkeit wurde und ich sie im Moment erkannt habe.

Nun ist sie mir also bewusst geworden, und in mir ruft es nur noch danach, endlich alles rauszulassen und zu Papier zu bringen. Dass da noch ein zweiter Stuhl am Tisch steht, überrascht mich gar nicht. Ich weiß, dass ich dieses Buch nicht allein schreiben werde. Dani wird es mit mir tun. Wir haben uns zu seinen Lebzeiten immer auf einer speziellen Ebene verstanden, und weil er dieses Buch auch schreiben wollte, seine Zeit aber dazu nicht mehr reichte, hat er sich entschieden, mir die Zeilen einzuflüstern. Ich kann ihn zwar nicht hören, aber ich verstehe ihn. Es ist wie bei einer rein menschlichen Beziehung. Oft wird nichts gesprochen und trotzdem versteht man sich. So läuft das bei Dani und mir.

Ich höre zum Glück keine »Stimmen der Toten«, aber ich verstehe, was sie mir sagen, und so verstehe ich Dani. Klingt verrückt, oder? Ist es aber nicht. Glaube mir, für mich war sehr lange nur das real, was ich sehen oder anfassen konnte. Einige tief gehende Ereignisse in meinem Leben haben mich inzwischen eines Besseren belehrt und mir geholfen, diese festen Gedankenmuster loszulassen. So habe ich auch gelernt, wieder zuzuhören, wenn Dani mir etwas mitteilen will. Diese Fähigkeit besitzt jeder Mensch und mit ein bisschen Training können wir alle wieder lernen zuzuhören.

Aber mehr dazu später, ich will ja nicht, dass du dieses Buch bereits jetzt in die Ecke wirfst oder es auf dem Scheiterhaufen verbrennen möchtest. Und wenn doch, dann schau bitte, dass es ein schönes Feuerchen wird, so wurde das Papier nicht nutzlos produziert. Falls du dich jedoch dafür entscheidest, in diesem Buch weiterzulesen, dann wird es auf jeden Fall einfacher, wenn du dich vielleicht damit abfindest, dass gewisse Dinge, die ich beschreibe, deinem Verstand nicht passen werden und er versuchen wird, sich dagegen zu sträuben. Aber das ist normal, denn viele dieser Zeilen wurden nicht mit dem Verstand geschrieben und sind darum vielleicht für ihn ungewohnt und können ihn erschrecken. Gib ihm also Zeit, um sie annehmen zu können, manchmal ergibt Geschriebenes erst später Sinn. Aber wir haben ja keinen Stress, die Zeit läuft nur für uns.

So, bevor ich dich weiter verwirre, gehen wir noch einmal kurz zurück zu Dani. Er hilft mir also bei diesem Buch, manchmal ein bisschen mehr, manchmal ein bisschen weniger. Er nimmt sich nämlich auch nicht immer so ernst und macht etwa gleich viele dumme Sprüche wie ich, ab und zu müssen wir uns richtig zusammenreißen. Aber mit viel Spaß und Fleiß haben wir es zusammen geschafft. Dieses Buch ist also auch sein Buch, und wenn es euch nicht passt, was hier steht, dann gebt bitte nicht nur mir die Schuld, Dani gehört auch dazu!

Bei allem, was jetzt folgt, verwende ich dem Lesefluss zuliebe immer die Ich-Form. Ich schreibe nicht Dani und ich, sondern wenn ich »ich« sage, gehört Dani mit dazu. Zudem werde ich dich mit »du« anreden, da ich von jeglichen Klassifizierungen von Anfang an absehen möchte. Auch werde ich sehr direkte Anreden verwenden, wie zum Beispiel »du solltest« oder: »Wenn du dies tust, dann hilft dir das!« Primär geht es mir um den Lesefluss, denn wenn ich jedes Mal schreiben würde »Es wäre vielleicht eine Möglichkeit, dies einmal zu probieren«, dann wird dieses Buch unnötig lang, und ich will dich ja nicht langweilen. Ich möchte dich damit zu nichts zwingen, sondern es ist eine Aufforderung zu einem möglichen Versuch, schlussendlich hast du deine eigene Erde und bist selbst dafür verantwortlich, was du mit ihr anstellst. Dem Lesefluss ist es auch geschuldet, dass ich nur die männliche Form verwende, was aber nicht heißt, dass ich die Frauen von diesem Buch ausschließen möchte. Ich liebe die Frauen, ich bin am »Tag der Frau« geboren.

Bevor ich jetzt gleich richtig loslege, möchte ich dir noch das Wichtigste dieses Vorworts sagen. Ich bin weder ein Erleuchteter, ein Heiliger, noch glaube ich, besser zu sein als du. Ich spiele schlechter Tennis als Roger Federer und kann schlechter rechnen als Albert Einstein es konnte. Meine Noten in der Schule waren nie mehr als Durchschnitt, ich bin lernfaul, was Theorien betrifft, und versuche, die Gesellschaft nie zu enttäuschen, was mir aber nicht immer gelingt. Ich bin im Sternzeichen Fisch, Aszendent Widder geboren, bin extrem freiheitsliebend und immer, wenn man mich festhalten will, breche ich aus. Ich feiere ab und zu lange Partys, trinke Alkohol, habe schon unterschiedlichste bewusstseinsverändernde Substanzen ausprobiert und in jungen Jahren mit verschiedensten Frauen Sex gehabt, obwohl ich in einer partnerschaftlichen Beziehung stand. Zu guter Letzt: Ich bin an mehreren Stellen meines Körpers tätowiert, obwohl ich kein Pirat bin, also nicht gerade der Lieblingsschwiegersohn. Gibt es da noch mehr, was mich nach den gesellschaftlichen Regeln verurteilen könnte? Bestimmt, aber das ist mein Leben, und ich liebe es. Ich bin ein absolut normaler junger Mann, das behaupte ich auf jeden Fall, der dir anhand seiner gesammelten Erfahrungen aufzeigen möchte, dass du jederzeit der Schöpfer deiner Erde bist. Und das Gute dabei ist: Du musst dafür dein Leben nicht auf den Kopf stellen, viel Geld ausgeben oder eine Reise in ein hochspirituelles Land planen, um das umzusetzen. Nein, es fängt gerade jetzt in diesem Moment an, und du brauchst nichts anderes zu tun, als dir das bewusst zu machen. Oder anders gesagt, du musst weder auf einen spirituellen Bewusstseinssprung noch auf den Erlöser warten. Nein, nur du hast es gerade jetzt, in diesem Moment selbst in der Hand, mittels ein paar einfachen, praktischen Tricks wieder der bewusste Schöpfer deiner Erde zu werden.

Das Praktische an diesem Buch ist auch, dass du für die Anwendung des Inhalts nicht studieren oder eine Ausbildung machen musst. Alles, was ich hier schreibe, ist eigentlich alter Käse, und es ist weder neu noch schwierig für dich. Denn alles, was du auf den folgenden Seiten lesen wirst, weißt du bereits, das Wissen dazu ist in dir drin. Es wurde dir sozusagen mit der Geburt in den Rucksack gesteckt. In den letzten Jahren hat sich dieser Rucksack aber noch mit anderen Dingen gefüllt, die den Eindruck erwecken, wichtiger zu sein als dein schöpferisches Wissen, und die es überdecken. Nun müssen wir einfach nur wieder ganz nach unten langen und es wieder herausholen. Voll easy, oder?

Ich habe dieses Buch in drei Hauptthemen unterteilt, um dem Inhalt eine Struktur zu geben. Die Unterteilung wurde von mir aber nur verständnishalber so vorgenommen. Sei dir beim Lesen bewusst, dass eigentlich alle Themen miteinander verknüpft sind.

Noch etwas: Ich setze nicht voraus, dass mein Wissen und meine geschriebenen Worte für jedermann richtig sind. Ich kann dir aber versichern, dass ich mit bestem Wissen und Gewissen, aus meiner persönlichen Lebenserfahrung und durch das Zusammenleben mit Menschen alles aufs Papier gebracht habe. Ich stütze mich nicht auf Theorien, die ich nicht selbst in der Praxis erlebe. Es gibt auch bereits Dutzende andere Bücher, die sich mit diesen Themen befassen und sie beschreiben; darum möchte ich klar festhalten, dass ich hier frei von jeglichen Religionen und Glaubensgesellschaften meine Erfahrungen aus dem Leben heraus erzähle und meine persönlichen Schlüsse daraus ziehe. Es kann gut sein, dass du aus anderen Büchern, Filmen oder Vorträgen über einzelne Theorien, die auch in diesem Buch stehen, schon einmal etwas gehört hast. Tja, wie ich gesagt habe, dieses Wissen ist in uns allen drin, nur gibt es jeder auf seine Art und Weise wieder, und doch sind Parallelen zu erkennen, denn es handelt sich dabei um die Gesetze der Schöpfung. Und so fütterte mich Dani auch nicht mit irgendwelchen neuen spirituellen Geheimnissen aus dem Jenseits, sondern er half mir, einfach alles, was in meinem Kopf und um mich herum schwirrt, mittels einer Ordnung aufs Papier zu bringen und die Dinge anders anzusehen, als wir es gewohnt sind.

Es liegt aber immer stets allein an dir, was du mit dem Inhalt dieses Buches machen möchtest. Auf keinen Fall will ich das Gefühl vermitteln, dass ich die Lösung aller Probleme gefunden habe, und alle sollten sich gefälligst daran halten. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung und macht seine eigenen Erfahrungen, aber ich bin davon überzeugt – und darum schreibe ich dieses Buch –, dass jeder Mensch sein Wissen teilen sollte, und sich so vielleicht andere Menschen davon ein Stück abschneiden können, das Stück, das ihnen helfen kann. Jeder selbsternannte oder hoch gepriesene Meister, Guru oder sonstige Halbgott sollte das meiner Meinung nach tun, denn das schöpferische Wissen ist nicht nur für die Oberliga der Meister bestimmt, sondern für jeden Meister, wie du und ich einer sind, niemals vollkommen und trotzdem perfekt. Und übrigens, dieses Buch ist auch nicht vollkommen, ich lebe ja weiter und weitere Erfahrungen werden hinzukommen. Trotzdem ist eins dabei schon todsicher: Du und ich werden nie ans Ziel kommen, denn wir sind es bereits. Gerade in diesem Moment!

Also, dieses Buch wird das Ehrlichste sein, was ich euch geben kann. Mehr geht nicht. Eine Prise Humor soll auch nicht fehlen. Denn ich liebe das Leben und ich liebe uns Menschen, ich liebe es zu lachen, und noch mehr liebe ich es, zusammen mit Menschen zu lachen, denn das ist des Lebens schönster Ausdruck.

So, jetzt geht’s los!

Moment

Der Moment existiert weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Er ist der einzige Augenblick unserer Realität, der Zugang zum Sein und der Augenblick der Schöpfung.

Der Moment! Ein Wort voller Energie. In keiner Zeit, ob Vergangenheit oder Zukunft, erfahren wir mehr Wahrheit, mehr Reinheit, Bewusstsein und Verbundenheit zu unserem Sein und der Schöpfung. Übersetzen lässt sich der Moment aus dem Lateinischen mit »Grund, Einfluss, Bewegung, Entstehung«. Ich übersetze den Moment daher auch mit dem Wort »Schöpfung«, denn jeder Moment ist ein Teil der Schöpfung unseres Seins und unserer Erde. Egal, ob wir meditieren und den Moment der Stille nutzen oder ob wir im Moment der Kreativität Musik erschaffen. Im Moment zu sein heißt, bewusst etwas aus einem Grund, einem Einfluss oder einer Bewegung heraus anzunehmen und zu erschaffen. Sobald wir uns bewusst sind, dass wir im Moment den Samen unserer Zukunft säen, gehen wir sorgsam mit ihm um.

Wir werden in einem Moment als Mensch in einen Körper auf dieser Erde geboren und mit dem Sein (allem Zugrundeliegenden) ausgestattet. Als Kleinkind sind wir nicht länger traurig als im aktuellen Moment. Wir können uns den Kopf stoßen, weinen und sobald der Schmerz vorbei ist, lachen wir wieder, sind im nächsten Moment angelangt. Denn wir nehmen den Moment an und lassen ihn wieder los, um den nächsten Moment annehmen zu können. Aber das bleibt nicht immer so, irgendwann fangen wir an, uns vom Moment zu entfernen, wir identifizieren uns mit der Vergangenheit, verpassen beinahe jeden Moment und beginnen, uns in der Zukunft zu suchen und somit auch den Sinn unseres Lebens. Aber fangen wir vorn an und holen ein bisschen aus, um zu verstehen, was es bedeutet, als Mensch geboren zu werden.

Die Frage »Wer bin ich?« ist wohl eine der bekanntesten Fragen, die wir uns selbst stellen. Bereits in diesen drei Wörtern trennen wir uns in zwei Teile auf, und zwar in »bin« (Sein) und »ich«. Wir werden »aus dem Sein« heraus geboren, das auch mit einem Samen verglichen werden kann. Der Samen enthält bereits das vollständige Wissen, das Potenzial, um zu wachsen und sich von innen heraus zu entfalten. Im Laufe des menschlichen Wachstums erschafft unser Sein den Verstand und so unser »Ich«, den zweiten Teil unserer Frage: »Wer bin ich?« Das geschieht, indem sich unser Verstand mit unserem Körper identifiziert und die räumliche Wahrnehmung entsteht. Wir sehen uns ab dem Zeitpunkt selbst getrennt vom »Sein«.

Weil unser Verstand beobachten kann, wie sich unser Körper entwickelt und verändert, fängt er an, die Geschehnisse zeitlich wahrzunehmen. Durch diese zeitliche Wahrnehmung entsteht die Vergangenheit, mit der sich unser »Ich« identifiziert und so unsere Persönlichkeit bildet. Spätestens wenn wir dann sagen »Das bin ich«, haben wir uns mit unserer Persönlichkeit identifiziert und bestätigen so unsere fiktive Getrenntheit. Unser »Ich-Bewusstsein« entsteht also durch die Wahrnehmung unseres Körpers und durch die Wahrnehmung der Vergangenheit. Unsere ursprüngliche Natur ist das Sein, der Samen allen Ursprungs, und alles, was ist, wird aus dem Sein heraus erschaffen. Das betrifft nicht nur uns Menschen, sondern mit »alles« meine ich alles.

Im Laufe unseres Lebens stellen wir uns dann vielleicht irgendwann wirklich die Frage: »Wer bin ich?«, und fangen an zu suchen. Da wir uns aber als getrennt von unserem Körper empfinden, fangen wir meistens zuerst an, außerhalb dessen zu suchen. Da können wir sogar fündig werden, wenn wir davon ausgehen, dass wir mit allem verbunden sind, alles eins ist. Somit wäre ja innen gleich außen. Doch angesichts unserer, für den Verstand erschaffenen Getrenntheit suchen wir am falschen Ort oder zumindest zu weit weg von uns. Die wirkliche Antwort finden wir vor allem in uns, in unserem Sein, dem Samen unserer Existenz.

Alles, was wir wissen müssen, ist eigentlich schon in uns drin, wir haben uns einfach zweigeteilt (in das Sein und das Ich), und es kann vorkommen, dass wir einen der beiden Teile zu sehr ausprägen. In den meisten Fällen betrifft es das Ich. Wenn wir das zu sehr ausprägen, können wir das Sein nicht mehr bewusst wahrnehmen und stellen uns irgendwann die Frage: »Wer bin ich eigentlich?«

Unser zu stark ausgeprägtes Ich kann uns ganz fiese Nummern bieten und uns ziemlich aus der Bahn werfen, sodass wir uns selbst kaum wiedererkennen. In einem solchen Fall das Ich abstoßen zu wollen, solange unser Körper noch lebt, ist nicht der richtige Weg, um die Antwort auf unsere Frage zu erhalten. Dann würden wir unseren Verstand und unsere Persönlichkeit verlieren und somit die menschliche Wahrnehmung, das körperliche und emotionale Erleben dieses wunderbaren Planeten. Es ist doch sinnlos, wenn wir uns entscheiden, die Wahrnehmung des Seins zu begrenzen, damit auch das menschliche Bewusstsein auf der Erde, und dann noch während des menschlichen Lebens wieder zurück ins absolute Sein zu gelangen. Das klingt für mich wie: »Hey, los, jetzt geht’s ab auf die Erde, und wer zuerst zurück ist, hat gewonnen.«

Meiner Erfahrung nach können wir die Frage »Wer bin ich?« beantworten, indem wir unser Sein erkennen und mit seiner Hilfe das zu stark ausgeprägte Ich zurück ins Gleichgewicht bringen. So wird es uns möglich, ein Leben mit allen durch das Ich erzeugten Wahrnehmungen und Emotionen zu erleben und trotzdem den Werten unseres Seins treu zu bleiben. Es wäre respektlos unserer menschlichen Entwicklung gegenüber, all die Fähigkeiten, die wir uns in den letzten Millionen von Jahren angeeignet haben, einfach zu verleugnen und abstoßen zu wollen.

Wir haben einen Verstand erschaffen und dadurch die Schönheit einer Blume erkannt. Also sollten wir auch fähig sein zu erkennen, wie wir mit der Schönheit bewusst umgehen können. Wie wir sie mit Liebe nähren, anstatt die Blume durch ein unbewusstes Leben und unser zu stark ausgeprägtes Ich zu vernichten. Wir sind fähig, einen Verstand zu bilden, was einer Meisterleistung gleicht. Wir sind jedoch noch nicht fähig, ihn meisterlich einzusetzen und im Einklang mit der Schöpfung zu nutzen. Wir haben uns mit der Zeugung unseres Verstandes gleichzeitig auch eine Aufgabe gestellt, und die können wir am besten erfüllen, indem wir unser Sein und unser Ich ins Gleichgewicht bringen, lernen anzunehmen und loszulassen, und so bedingungslose Liebe erfahren und alles mit ihr erschaffen.

Das war jetzt vielleicht ein bisschen viel für den Anfang, und dir macht eventuell schon der Kopf zu schaffen von diesen ersten Theorien. Also in meinem Kopf stürmt es gerade ein bisschen. Aber dieser erste theoretische Teil musste sein, sonst wird es schwierig, das Folgende richtig zu interpretieren. Du musst diesen Theoriebrocken noch nicht vollständig verstehen, lass dir Zeit, im Laufe der folgenden Seiten wirst du einige Erklärungen dazu finden. Ich will damit nicht behaupten, dass du es nicht schon jetzt verstehst, es geht nämlich auch darum, dass es für mich selbst wichtig war, diese Begriffe zu definieren. Wie gesagt, schreibe ich viel, was ich eigentlich schon weiß, über das mein Verstand aber noch nachgedacht hat, und da kam manches aufs Papier, was nicht einmal ich beim erneuten Durchlesen gleich verstanden habe.

Um das Verständnis für uns beide zu vereinfachen, füge ich nun Beispiele aus meinem Leben den Aussagen hinzu. Vielleicht findest du deine eigenen Beispiele oder dir passen einige Begriffsdefinitionen nicht und du möchtest lieber andere, für dich verständlichere verwenden. Du kannst gern die Begriffe mit anderen dir bekannteren Begriffen ersetzen, damit dein Verständnis beim Lesen einfacher wird. Zum Beispiel kannst du »Ich« durch das Wort »Ego« ersetzen. Das sind auch drei Buchstaben und du kannst mit einem Rotstift einfach darüber schreiben. Hey, mir ist das egal, es ist ja dein Buch.

Meine ersten Momente

Kaum zu glauben, aber auch ich wurde also als Mensch im Moment und ausgestattet mit dem Sein geboren. Aufgewachsen bin ich in einem schönen Haus direkt am Waldrand eines wunderschönen kleinen Dorfes mit Sicht auf See und Berge. Meine Eltern, mein Bruder und viele liebe Menschen aus unserem Umfeld schenkten mir eine, für mich gesehen, perfekte Kindheit. Wir waren viel in der Natur oder haben auf dem Bauernhof der Nachbarn mitgeholfen. Ich war ein fröhliches Kind, das viel lachte und glücklich war mit dem, was war. Es hat uns aus meiner Sicht nie etwas gefehlt. Ich lebte von Moment zu Moment und nahm alles an, was passierte. Da waren auch Dinge dabei, die man einem Kind normalerweise nicht wünscht. Zum Beispiel erinnere ich mich, dass ich mir ein paar Mal den Kopf oder einen anderen Körperteil gestoßen habe und einige Wunden genäht werden mussten. Auch mein rechtes Schienbein habe ich mir einmal gebrochen beim Überspringen einer selbstgebauten Schneeschanze mit den Skiern. Von da an wusste ich, dass eine Olympiamedaille im Skispringen eher nicht drin liegt.

Ich war bei vielem, was ich tat, nicht der Beste, aber mein Ich war noch nicht so ausgeprägt, dass mich das groß beschäftigte. Das Ich nimmt zwar schon früh und relativ rasch Charaktereigenschaften aus genetischen Vererbungen wie auch Verhaltensweisen an, die es aus dem Umfeld beobachtet, aber bei mir war das bis zum Schulalter noch nicht so ausgeprägt. Da ich bis zu meinem fünften Lebensjahr nicht viele Kinder um mich herum hatte, ich oft allein spielte oder auf dem Nachbarsbauernhof mithalf, was mir beides sehr gefiel, wurde ich nicht so früh mit dem direkten Konkurrenzkampf konfrontiert. Die Erwachsenen sah ich nicht als Konkurrenz, sie waren ja erwachsen. Bis ins Schulalter kam ich auch kaum mit materiellen Dingen und dem laufenden Wettbewerb in Kontakt. Meine Eltern haben mich gelehrt, dass wir miteinander und nicht gegeneinander das Leben leben.

Aber als ich dann in die Schule kam, stellte ich sehr bald fest, dass dort ein wahrer Konkurrenzkampf herrschte, sei es mittels des Notensystems im Unterricht oder auf dem Pausenplatz, wo wir meistens Fußball spielten. Mir wurde doch gesagt, ich gehe dorthin, um alles zu lernen, was man wissen müsse. Darauf habe ich mich ja gefreut, denn ich wollte vieles, nicht alles, lernen und wissen. Das Leben schien so spannend und es gab doch so vieles zu entdecken. Aber niemand hat mir etwas davon gesagt, dass ich mich dabei ständig mit anderen messen müsste. Plötzlich war ich so, wie ich war, nicht mehr gut genug.

Nicht, dass ich mit der Situation nicht klarkam, aber dieser ständige Wettbewerb kam mir sehr unnatürlich vor. Ich wollte ja vieles lernen, aber warum musste ich dabei eine Norm erfüllen? Warum konnte ich nicht einfach so gut sein, wie ich sein konnte? Warum wurden meine Talente nicht gefördert? Bis dahin wurde ich doch bedingungslos geliebt, mit allem, was ich war, und mit allem, was ich konnte oder eben nicht konnte. Ich wurde doch nicht mehr oder weniger geliebt, nur weil ich besser oder schlechter war als die Norm. Und sowieso, wer macht die Norm, wer sagt, dass eine Norm überhaupt nötig ist? Warum wird auf einmal Liebe anhand von Leistung definiert?

Selbstverständlich liebten mich meine Eltern oder mein Bruder auch, wenn ich eine schlechte Note heimbrachte, nein, die fehlende bedingungslose Liebe der Gesellschaft schien mir fremd. Bis dahin spürte ich doch von allen Seiten Liebe ohne Leistungsdruck. Alle diese Fragen und Gedanken habe ich mir dazumal natürlich nicht gestellt oder gemacht. Ich nahm unbewusst an, dass das wohl so sein müsse, und habe fleißig mitgespielt. Je länger ich mich mit dem Wettbewerb auseinandersetzte, umso mehr entwickelte auch mein Ich die Hoffnung, diese bedingungslose Liebe zurückzugewinnen, die es seit der ersten Wahrnehmung des Wettbewerbs vermisste. Ich erfuhr weiterhin viel Liebe, aber sie war nicht mehr in allen Belangen bedingungslos. Mein Ich prägte sich aus und wollte von nun an plötzlich auch besser sein als die anderen und Dinge besitzen, die meinem ausgeglichenen Ich bis anhin nie wichtig waren. Ich wollte der Kapitän der Fußballmannschaft sein, ein cooles Bike und einen schnellen Schneebob fahren (auch dafür gab es übrigens keine Olympiamedaille für mich), Markenklamotten tragen und weitere Dinge besitzen, die eigentlich nichts mit meinem harmonischen Ich zu tun hatten.

Ein langsamer Prozess begann, in dem immer mehr das Ich die Gestaltung meines Lebens in den Griff nahm und mein Sein nur noch zu kleinen Teilen spürbar war. Der ständige Wettbewerb und die laufende Integrierung ins Gesellschafts- und Wirtschaftssystem gaben aber meinem Ich recht. Denn von außen betrachtet lief ja eigentlich alles rund. Ich habe die Dinge erreicht, an denen ich in der Gesellschaft gemessen wurde, mein stark ausgeprägtes Ich wurde dabei ständig aufs Neue befriedigt und gleichzeitig stärker und stärker. Es ist ja auch ein tolles Gefühl, wenn man von der Gesellschaft akzeptiert wird, die Menschen dich loben, weil du die Ansprüche erfüllst oder übertriffst. Das gibt einem das Gefühl, auf dem richtigen Weg zu sein und irgendwann die vermisste bedingungslose Liebe wieder zurückzuerhalten.

Darum ist es schwierig festzustellen, ob die Entwicklung des Ichs zum Sein harmonisch verläuft oder ob ein Ungleichgewicht entsteht und sich das Ich stärker ausbildet als es für uns gesund ist. Wir erhalten in unserer Gesellschaft ja die entsprechenden Bestätigungen, aber oft nur, wenn wir das Spielchen brav mitspielen. Ein zu stark ausgeprägtes Ich kann aber Persönlichkeitsstörungen verschiedensten Ausmaßes zur Folge haben. Das kann sich in ganz kleinen Dingen zeigen, die nicht mehr richtig funktionieren, oder sich zu schweren psychischen Leiden entwickeln. Entschuldige, aber ich muss meinen Lebenslauf für einen erneuten theoretischen Teil unterbrechen. Dauert nicht lange, hoffentlich!

Ein harmonisches oder ein zu stark ausgeprägtes Ich

Ich unterscheide zwischen einem harmonischen und einem zu stark ausgeprägten Ich. Das harmonische Ich steht in Balance und Harmonie mit dem Sein. Ein harmonisches Ich zeigt sich unter anderem entspannt, ausgeglichen, positiv, liebevoll, authentisch. Es hat Vertrauen in sich selbst, ins Sein und in das menschliche Leben. Das zu stark ausgeprägte Ich dagegen steht dem Sein in einer Unausgeglichenheit gegenüber, wobei der Verstand versucht, eine Illusion einer nicht realen Persönlichkeit zu entwickeln. Ein zu stark ausgeprägtes Ich äußert sich unter anderem ängstlich, traurig, eifersüchtig, habgierig, stolz, machtsüchtig, manipulierend, böse oder aggressiv und kämpft ständig um Anerkennung. Die Ausprägung kann sich also in zwei völlig unterschiedlichen Verhaltensweisen zeigen, sowohl in einer ängstlichen wie auch in einer machtvollen Weise. Beide Extreme sind also möglich, und das eine kann die Ursache für das andere sein, wobei sich dann die verschiedenen Verhaltensweisen beinahe gleichzeitig zeigen.

Als Mensch, der wir im Moment gerade sind, wäre es falsch, weder das harmonische, noch das zu stark ausgeprägte Ich als separaten Teil von uns zu sehen und zu versuchen, es abzustoßen. Es ist genauso ein Teil meiner menschlichen Persönlichkeit, wie das Sein, und ohne das Ich wäre die Wahrnehmung der menschlichen Bewusstseinsform nicht möglich. Es abzustoßen würde gleichzeitig den Verlust unseres Bewusstseins bedeuten. Mit Bewusstsein meine ich in diesem Zusammenhang, dass wir »uns selbst bewusst sind«, oder anders gesagt, unserem »Ich« bewusst sind.

Was wir aber machen können und sollten, ist, die Balance wiederherzustellen, und das passiert unter anderem über den Zugang vom Moment zum Sein. Das klingt vielleicht wieder komplizierter, als es in Wahrheit ist. Wie das funktionieren kann, erzähle ich noch. Es ist super einfach, es braucht nur ein paar Tricks und ein bisschen Training! Tricks sind erlaubt, da das zu stark ausgeprägte Ich beinahe nur Tricks verwendet, um die Illusion seiner Existenz aufrechterhalten zu können. Also tricksen wir auch ein bisschen zum Wohle unseres Seins.

Aber vorher schauen wir uns das zu stark ausgeprägte Ich noch genauer an, um es zu verstehen, erst dann können wir seine Handlungen vom harmonischen Ich unterscheiden. Es ist ähnlich einem Tennismatch, bei dem ich die Spieleigenschaften des Gegners schon kenne. So weiß ich, mit welchen taktischen Tricks ich das Spiel auf meine Seite bringen, seine Handlungen voraussehen, erkennen und entsprechend entgegenhalten kann.

Ich definiere das zu stark ausgeprägte Ich als Illusion einer Persönlichkeit, einer Persönlichkeit, die es in Wahrheit nicht gibt. Das zu stark ausgeprägte Ich entwickelt diese Illusion, indem es zum Beispiel Meinungen und Aussagen anderer Menschen als Realität ansieht. Jemand sagt mir, dass ich dumm bin. Das kann mein Ich kränken und aus der Balance bringen. Ich mache dann vielleicht Dinge, die helfen sollen, diese Illusion zu verändern. In dem Moment sehe ich also die vom zu stark ausgeprägten Ich erzeugte Illusion als Wahrheit an, was so nicht stimmt. Die darauf folgenden Handlungen bezüglich meiner Intelligenz sind dann von dieser nicht realen Illusion geprägt, ich versuche zum Beispiel, intelligent zu wirken oder zu sprechen.

Es können aber auch Aussagen oder Medienberichte sein, die nicht persönlich an mich gerichtet sind, die aber mein zu stark ausgeprägtes Ich trotzdem als persönlich auffasst und mit denen es sich verbindet. So ist es möglich, dass sich ganze Gesellschaftsgruppen im Kollektiv nach einer Illusion richten und ein allgemeines Fehlverhalten auslösen. Es ist, als wenn ein Schaf über die Klippe springt und alle springen hinterher.

Das passiert zum Beispiel bezüglich des Status- und Machtausdrucks in der Gesellschaft. Das zu stark ausgeprägte Ich identifiziert sich mit Dingen und Überzeugungen, die sich außerhalb meines Seins befinden. Meinen Status in der Gesellschaft, meine Macht, meine Erfolge, mein Aussehen, meine Kleider, mein Haus, mein Auto, meine Uhr und so weiter. Das sind alles Dinge, von denen ich fälschlicherweise glaube, dass sie mir gehören, meine Persönlichkeit stärken, und die mich aufgrund dieser Geisteshaltung teils auch egoistisch handeln lassen. Ich verbinde mich so stark mit dieser Illusion der Persönlichkeit, dass, wenn mir etwas davon genommen wird, mein zu stark ausgeprägtes Ich mit Wut, Verletztheit und sogar Existenzangst reagiert, weil es wahrhaftig in seiner Existenz bedroht wird. Es braucht diese Dinge, denn es richtet sich nach außen und identifiziert sich mit allem, was um es herum ist. Es sind zumeist Sachen, denen ein besonderer gesellschaftlicher Wert beigemessen wird, den sie in Wahrheit nicht haben. Hier ein Beispiel: Wenn uns gesagt wird, dass Salami in Kuhfladen besser gelagert werden kann, sie dadurch einen einmalig delikaten Geschmack bekommt und man dazu noch einen hohen Verkaufspreis ansetzt, dann finden sich sicherlich Menschen mit einem zu stark ausgeprägten Ich, die dafür einen hohen Preis bezahlen werden, nur um etwas besonders Wertvolles kaufen zu können, das unserem Ich das Gefühl von Macht und Reichtum vermittelt. Egal, wie die Salami in Wirklichkeit schmeckt.

Des Weiteren hat das zu stark ausgeprägte Ich noch einen anderen sehr guten Freund und Helfer herbeigerufen: das unbewusste Denken. In unserem Kopf schwirren ständig Gedanken hin und her, das zu stark ausgeprägte Ich sucht unaufhaltsam nach Möglichkeiten, um die Illusion seiner Existenz bestätigen zu können. Würden wir von selbst gedanklich zu Ruhe kommen, würden wir unser Sein erfahren. Das zu stark ausgeprägte Ich benützt also einen einfachen Trick, um uns von der bewussten Wahrnehmung des Moments und folglich vom Sein fernzuhalten.

Im Bewusstsein des Moments erkennen wir unser Sein und könnten so die Balance zu unserem Ich wiederherstellen und die zu starke Ausprägung auflösen. Doch der einfache Trick des zu stark ausgeprägten Ichs mit dem unbewussten Denken führt dazu, dass es uns ständig auf Zeitreisen schickt. Es lässt Gedanken aus der Vergangenheit und der Zukunft in unserem Kopf entstehen. Gedanken, die mit dem Moment nichts zu tun haben und dafür sorgen, dass uns der Moment nicht bewusst wird.

Wir sitzen auf einer Parkbank und denken an die Reinigungsarbeiten, die wir noch in der Wohnung machen sollten, anstatt die Umgebung bewusst wahrzunehmen und uns mit ihr zu verbinden. Was passiert im Moment um mich herum, wie riecht es? Was höre ich? Ich sehe die Schönheiten der Natur gar nicht mehr und nutze auch nicht den Moment, um mich von diesem zu nähren, weil ich mich in meinen Gedanken schon in der Zukunft befinde. Einer Zukunft, die nicht real ist, und die absolut nichts mit dem aktuellen Moment, mit der aktuellen Realität zu tun hat.

Lieber sollte ich gerade in dem Moment auf der Parkbank die Kraft der Natur tanken, sie aufnehmen und für die Zukunft speichern, sodass, wenn dann Zeit ist, die Reinigungsarbeit zu erledigen, ich auch die Kraft dazu habe. Es ist nicht falsch, anhand von Zukunftswünschen sein Leben positiv gestalten zu wollen, aber der Moment, in dem ich das tue, ist entscheidend, denn bewusste Wünsche haben viel mehr Kraft, Wirklichkeit zu werden.

Das Gleiche betrifft die Vergangenheit, die uns unser zu stark ausgeprägtes Ich immer wieder gedanklich vor Augen führt, und die es benutzt, um seine Existenz zu bestätigen. Wir erinnern uns ständig an Dinge, die nicht mehr real sind, an schöne oder weniger schöne Erlebnisse aus der Vergangenheit. Wir können uns tagelang damit beschäftigen, ohne dabei je die Macht zu erlangen, das Erlebte – und damit die Realität – zu verändern, was wir uns aber teils erhoffen. Im Gegenteil, wir lassen alte, im Moment nicht mehr reale Gefühle nochmals aufleben.

Wenn ich schwierige Situationen mit traurigen Emotionen erlebe, dann ist das eine reale Emotion im aktuellen Moment. Sobald ich aber Wochen später wieder daran denke und darüber weinen muss, dann sind das nicht reale Tränen, sondern durch unser Denken an die Vergangenheit verursachte Tränen. Das muss nicht immer schlecht sein, es kann helfen, Erlebtes zu verarbeiten. Wenn du das bewusst im Moment tust, hilft dir das bewusste Denken, das Ereignis anzunehmen und es dann wieder loszulassen. Aber ständig unbewusst daran zu denken, während du mit anderen Sachen beschäftigt bist, hilft weder der Verarbeitung noch der Sache, die du gerade erledigst. Außer du bist Schauspieler, dann kannst du bewusst an vergangene traurige Dinge denken, damit Filmtränen rollen.

Auch mit guten Erinnerungen können wir uns vom Moment ablenken. Wir erfahren ein für unser zu stark ausgeprägtes Ich sehr erfolgreiches Erlebnis, etwas, womit es sich richtig gut und in seiner Existenz bestätigt fühlt. Es versucht dann, diese Erinnerung immer wieder aufleben zu lassen und das Gefühl zu reproduzieren, so dass es uns sozusagen mitteilen kann: »Siehst du, ich bin ein gutes Ich. Ich schaue, dass du Erfolg hast, erinnere dich daran, was du alles Erfolgreiches dank mir erlebt hast.« Das zu stark ausgeprägte Ich nutzt also das ständige unbewusste Denken, um seine Existenz zu bestätigen. Beobachte, wie lange du konzentriert bei einer Sache sein kannst, ohne dass dich unbewusstes Denken aus dem aktuellen Moment ablenkt. Wir können ein Buch lesen, und während des Lesens streifen uns andere Gedanken, die uns vom Eigentlichen ablenken. Du bist am Telefon mit einer guten Freundin und nach ein paar Minuten stellst du fest, dass du mit deinem unbewussten Denken ganz woanders angelangt bist. Du hörst ihr gar nicht richtig zu, bist nicht bewusst im Gespräch. Du findest sicher noch viele weitere Beispiele, wie dich das unbewusste Denken immer wieder mit Gedanken bombardiert.

Das bewusste Denken unseres Verstandes hingegen ist eine wahre Gabe. Wir können so viel erschaffen und uns damit bewusst an der Schöpfung beteiligen. Jeder Gedanke ist Energie, und wenn er bewusst ausgeführt wird, dann hat er die Kraft, sich zu erschaffen. Der Gedanke an sich ist für unsere Wahrnehmung formlos, aber mit seiner Energie sind wir fähig, ihn in eine Form zu bringen und mit ihm etwas bewusst zu erschaffen. Wie anfangs schon geschrieben, leben wir bewusst im Moment, dann streuen wir den Samen unserer Zukunft. Blöd ist nur, dass wir auch bewusst schlecht denken können und dann auch Schlechtes erschaffen, das ist die Schattenseite der Gabe des Denkens! Durch den freien Willen, den wir uns mit dem Denken in einer gewissen Weise zusätzlich geschenkt haben, können wir aber selbst entscheiden, ob wir uns auf die Sonnen- oder die Schattenseite des Denkens begeben wollen. Niemand sonst hat es in der Hand, nur du kannst in jedem Moment entscheiden, auf welcher Seite du stehen willst. Also achte auf deine Gedanken, du erschaffst mit ihnen deine Zukunft!

Einen weiteren Versuch, seine Existenz zu bestätigen, unternimmt das zu stark ausgeprägte Ich indem es zum Beispiel materielle Dinge besitzen will. Das kann so weit gehen, dass einem materielle Beziehungen wichtiger werden, als die Beziehung zum Sein. Zum Beispiel, dass mein Auto mehr über mich als Person aussagt als mein Sein. Oft ist diese materielle Liebe nicht von langer Dauer, denn das zu stark ausgeprägte Ich sucht ständig nach neuen Dingen, mit denen es seine Existenz bestätigen kann, und so verlieren die Dinge, die wir schon haben, an Wert. Achte darauf, wie lange du dich an einer Sache, die außerhalb deiner Person ist, erfreuen kannst. Wenn du das erste Mal in dein neues Auto steigst, ist es doch ein super Gefühl. Beim zweiten Mal vielleicht auch noch. Aber wie ist es in drei Jahren? Warum haben wir nicht jedes Mal, wenn wir in unser Auto einsteigen, erneut ein super Gefühl? Es bringt uns doch immer von A nach B, und das ist der Grund, warum wir das Auto bewusst erschaffen haben.

Ich sage nicht, dass du kein schönes Auto fahren darfst, im Gegenteil. Wenn du dein Auto bewusst und mit bedingungsloser Liebe fährst, und du auch nach fünf Jahren noch immer Freudentränen in den Augen hast, wenn du den Motor startest, dann ist es nicht das zu stark ausgeprägte Ich, das du befriedigst, sondern es ist ein Ausdruck deiner wahren Persönlichkeit, die in Balance mit deinem Sein und deinem Ich steht, und das Sein nimmt die Verbundenheit zum Objekt der Schöpfung außerhalb von dir wahr. Dein Sein ist sozusagen von Gesetzes wegen mit allem verbunden, was ist, und dein harmonisches Ich hat die Fähigkeit erlangt, Emotionen wahrzunehmen und auszudrücken und sich so in Liebe mit allem zu verbinden. Das kann mit der ganzen Schöpfung geschehen – Einer Blume, einem Stein, einem Luftstrom, einem Bierdeckel …

Unser zu stark ausgeprägtes Ich möchte aber nicht nur materielle Dinge besitzen, es will auch andere Lebewesen besitzen. Seien es Tiere oder Menschen, Blumen oder Bäume. Es versucht dann, diese Lebewesen zu gewissen Lebensumständen zu zwingen, zu verändern und ihre Natur zu beeinflussen. Hunde werden gezüchtet, die kurze Beine, keinen Haarausfall und grüne Ohren haben, nur weil wir es so wollen. Oder wir verändern die Gene einzelner Gemüsesorten, nur damit diese danach besser auf den Salatteller passen. Was für eine Dummheit, wenn man sich bewusst macht, dass man sich damit langfristig selbst schadet. Und wisst ihr was, viele Menschen wissen, was sie damit anrichten, aber ihr zu stark ausgeprägtes Ich treibt sie ungeachtet weiter, denn ihm wird mehr Macht, Geld und Ruhm versprochen!

Das zu stark ausgeprägte Ich und das unbewusste Denken verursachen aber auch viel Leid, wir können uns dadurch wertlos, leer und verloren fühlen. Durch den ständigen Druck, die eigene Existenz zu bestätigen, die Macht und das Ansehen in der Gesellschaft halten zu können und genug Geld verdienen zu müssen, um sich die Dinge leisten zu können, die wiederum nur die Existenz bestätigen, können wir an psychischen Leiden erkranken, da wir die Balance verloren haben. Du musst wissen, du besitzt nicht den Besitz, der Besitz besitzt dich! Er bringt dich dazu, für ihn zu arbeiten, damit du ihn nicht verlierst.

Schauen wir uns noch an, was Handlungen unseres zu stark ausgeprägten Ichs im Kollektiv auslösen. Denn unsere Handlungen können andere Menschen anstecken, wie ein Virus. Das kann eine positive, aber auch eine negative Handlung sein, und auch hier kann im Kollektiv die Balance verloren gehen. Je mehr Menschen sich daran halten, umso mehr Energie entwickelt sich, und genau so entstehen Gruppenzwang oder Gesellschaftsdruck. Das »kollektive« zu stark ausgeprägte Ich hat damit eine ganze Reihe von Illusionen und Systemen erschaffen, die unsere Gesellschaft prägen. Das macht es umso schwieriger, das zu stark ausgeprägte Ich wahrzunehmen, vor allem wenn rund um einen herum beinahe die ganze Welt dieser Illusion folgt. Das zu stark ausgeprägte Ich fühlt sich dann ja »normal« an, weil rundherum alle anderen genauso handeln und wir uns gegenseitig in unseren Handlungen bestätigen.

Fangen wir noch einmal beim Schulsystem an. Glaube mir, ich habe wirklich nichts gegen die Schule, sie ist einfach ein gutes Beispiel, um darzustellen, wie unser kollektives Ich zu stark ausgeprägt wird. In den ersten Jahren der Schul- und Ausbildungszeit werden wir bereits darauf trainiert, besser zu sein als die anderen, anstatt die Talente jedes einzelnen Schülers zu fördern. Alles misst sich an einem übergeordneten Maßstab, obwohl wir alle von Natur aus unterschiedlich sind, eine eigene Persönlichkeit und eigene Talente besitzen. Wir stumpfen ab, die Talente werden oft unterdrückt, werden messbar in Klassen eingeteilt und in einen Wettbewerb eingeführt, in welchem das Ich sich ständig bestätigen muss. Dadurch leiden die persönliche Entwicklung und die der kreativen Schöpfung. Wir werden plötzlich nicht mehr bedingungslos geliebt, sondern müssen uns diese Liebe und Wertschätzung mittels eines Wettbewerbs und dessen Spielregeln verdienen. Auch wenn unsere Eltern sagen: »Egal wie gut du bist, wir lieben dich trotzdem!«, entwickelt sich das Ich bei den meisten Menschen aufgrund des Wettbewerbs in der Gesellschaft in eine Richtung, in der es versucht, dem System zu entsprechen, in der Hoffnung, irgendwann von ihm die bedingungslose Liebe zurückzuerhalten, die es doch aus der frühen Kindheit kennt.

Weil es diese Liebe aber nie vom System erhält, sucht sich das zu stark ausgeprägte Ich die Liebe anderswo. Es fängt an, sich mit Dingen, die dieses Manko an Liebe kompensieren sollen, zu verbinden, sie besitzen zu wollen. Es fängt an, sich mit materiellen Sachen zu identifizieren, es baut sozusagen für sich scheinbar echte Beziehungen zu ihnen auf und definiert sie als Teil seiner selbst. Es versucht dann, sie zu beschützen und als »mein« zu definieren, als einen Teil von meinem Ich. Das zu stark ausgeprägte Ich erschafft damit eine Illusion, eine nicht reale und nach außen gerichtete Persönlichkeit meines Ichs. Also, weil wir die Liebe zu unserem harmonischen Ich vermissen, versuchen wir, sie außerhalb zu finden, und erschaffen diese Illusion, sie in materiellen Dingen finden zu können.

Kurzfristig kann unserem zu stark ausgeprägten Ich etwas Materialistisches Freude bereiten, aber langfristig braucht es immer wieder etwas Neues, das uns in unserem Tun bestätigen soll. Dieses kollektive Fehlverhalten fördert unser Konsumverhalten und beeinflusst so das gesamte Wirtschafts- und Politsystem. Durch das Bedürfnis unseres zu stark ausgeprägten Ichs, sich ständig mit neuen materialistischen Dingen identifizieren zu wollen, halten wir das System weitgehend am Laufen und gehen mit unseren weltlichen Ressourcen leichtsinnig um. Trotz des Wissens, dass wir mit dem, was wir tun, der Erde und so unserem Leben schaden.

Achte einmal darauf, wie oft du in deinem Leben schon zu dir gesagt hast: »Okay, wenn ich das erreicht habe, dann bin ich am Ziel!« Und sobald du es erreicht hast, musstest du feststellen, dass du das Ziel doch noch nicht erreicht hast und wieder agierst, was dich ans – nächste – Ziel bringen soll. In Wahrheit bis du jedoch in jedem Moment schon dort angekommen, aber solange du dein Ziel außerhalb von dir und in der Zukunft suchst, wirst du die innere Ruhe nicht finden und weiter in der Zukunft das Ziel erwarten. Dein zu stark ausgeprägtes Ich hindert dich daran, die innere Ruhe zu finden, und schafft so viel Leid und seelische Schmerzen. Einerseits, weil wir uns selbst verloren haben und uns ständig in der Zukunft suchen, und andererseits, weil wir uns mit Dingen, die außerhalb von uns sind, emotional verbinden und wir, sobald sie uns genommen werden, ein Verlustgefühl empfinden. Das kann sowohl in Bezug auf Materielles passieren als auch in Bezug auf unsere Beziehungen. Mehr dazu später.

Indiz für unser zu stark ausgeprägtes kollektives Ich im System ist die Werbung in der Zeitung, im Internet oder in Fernsehen und Radio. Wir werden ständig aufgefordert, unser Ich zu befriedigen, indem wir neue Sachen und Träume kaufen sollen, die unser Ich noch glücklicher machen. Das ist meistens Werbung für Dinge, die wir in Tat und Wahrheit nicht brauchen, die aber unserem zu stark ausgeprägten Ich das Gefühl vermitteln, mit ihnen glücklicher zu werden. Unser selbst erschaffenes System will uns also auch hier in die Zukunft führen, weil es glaubt, dort das Glück zu finden.

Schauen wir uns die Nachrichten in unseren Medien an. Mindestens 90 Prozent der Nachrichten, okay, vielleicht auch nur 80 Prozent, aber sicher mehr als 60 Prozent, sind negative Berichte. Warum? Weil es sich für unser zu stark ausgeprägtes Ich einfach besser anfühlt, zu sehen und zu hören, dass das Leben anderer auch so seine Schattenseiten hat. Nicht nur diese Nachrichten zu hören, stärkt das zu stark ausgeprägte Ich unbewusst, sie zu verbreiten kann ebenso befriedigend sein. Wie anfangs beschrieben, reagiert das zu stark ausgeprägte Ich unter anderem gern mit Neid oder Eifersucht, und das kann unser zu stark ausgeprägtes Ich äußern, um sich zu stärken, anstatt mit Freude, Liebe und Anerkennung die gute Leistung anderer zu würdigen.

Da also unser zu stark ausgeprägtes Ich ständig von der Angst geplagt wird, nicht genug Anerkennung und Liebe zu erhalten, sucht es ständig neue Verbindungen, um diese Illusion des Ichs zu bestätigen. Eigentlich sollten wir Mitgefühl mit unserem zu stark ausgeprägten Ich haben, es hat so wenig Selbstvertrauen und wird mit seinem Verhalten nie ans Ziel kommen, im Gegenteil, sein Verhalten ist zerstörerisch. Oft ist es unbewusst, aber das schützt uns nicht davor, dass wir uns langfristig selbst zerstören und krank machen. Das ständige Suchen ist außerdem unglaublich anstrengend, immer wieder etwas finden zu müssen, was besser ist als das, was gerade ist, das ist gleichzeitig unrealistisch.

Das zu stark ausgeprägte Ich kann so weit gehen, dass Macht und Habgier das Leben prägt. Jemand verdient zum Beispiel mit ehrlicher und harter Arbeit hunderttausend Schweizer Franken im Jahr. Damit wäre unser harmonisches Ich sicher zufrieden und es würde auch gute Möglichkeiten finden, den Verdienst mit anderen Menschen teilen zu können, und das Geld sinnvoll zu verwenden. Aber das zu stark ausgeprägte Ich will mehr und fängt an, gierig zu werden. Es kann so weit gehen, dass dies auf Kosten anderer Menschen geschieht. Nicht nur auf Kosten der Gesellschaft, sondern auch auf Kosten unserer Erde und unserer Ressourcen. Es bringt nicht nur uns persönlich aus der Balance, sondern es bringt das ganze System und die ganze Erde aus der Balance. An dem Punkt sind wir leider schon angelangt, das Machtbedürfnis und die Habgier des zu stark ausgeprägten Ichs hat im Kollektiv viel Leid auf der Erde erschaffen. Ich glaube nicht, dass ich dazu weitere Beispiele aufzählen muss. Öffnet die Augen und schaut euch die Auswirkungen des kollektiven zu stark ausgeprägten Ichs selbst an.

Wenn also ein Großteil unseres Wirtschafts- und Gesellschaftssystems auf unserem zu stark ausgeprägten Ich aufgebaut ist, warum sagen wir dann nicht: »Okay, lasst uns das System ändern, die Politik soll neue Gesetze erlassen, dann löst sich das Problem von selbst!« Aber das funktioniert so nicht, denn jeder mit einem zu stark ausgeprägten Ich nährt und fördert unbewusst dieses bestehende System des kollektiven Ichs und deshalb können wir auch niemand anderen mit der Regulierung des Systems beauftragen als uns selbst. Ich habe früher oft gedacht: »Was will ich kleiner Mensch ausrichten, sollen doch die von der Politik schauen, dass die Dinge in Ordnung kommen.« Dieses faule Abschieben der Verantwortung ist falsch!

Heute weiß ich, dass ich mit einem harmonischen Ich meinen Beitrag dazu leiste, eine positive Veränderung einzuleiten. Wir können in jedem Moment der Schöpfer einer positiven Handlung sein; auch wenn sie noch so klein erscheint, ist sie doch sehr wirksam. Wenn jedes harmonische Ich ein weiteres harmonisches Ich durch seine positive Energie inspiriert, dann wird irgendwann das Gleichgewicht zwischen Fortschritt und Erhaltung der Ressourcen und Lebewesen auf unserem Planeten wieder hergestellt sein. Denn ein Fortschritt ist immer nur dann wirklich ein Fortschritt, wenn er uns langfristig nicht zurückwirft. Was bringt es, wenn wir im Moment den Bedarf an Strom mit Atomenergie abdecken, aber genau wissen, dass deren Abfall langfristig unseren Planeten und dadurch auch uns vernichtet? Wo ist da die Logik, über die unser Verstand ja eigentlich verfügen sollte? Wir sollten über unsere eigene menschliche Lebenszeit hinaus denken und unser Handeln dem Fortbestand dieses Planeten unterordnen, anstatt ihn um jeden für uns kurzfristig scheinbar positiven Effekt vernichten zu wollen. Diese Veränderung muss jeder von uns selbst vollziehen. Politik und Wirtschaft mit den dazugehörigen Gesetzen sind machtlos, eine Veränderung einzuleiten, solange wir selber diese mit unserem zu stark ausgeprägten Ich nähren.

Versteht mich nicht falsch, ich will das System nicht grundlegend verurteilen, es erleichtert immerhin unser Zusammenleben auf vielerlei Arten. Es ist nur die Zeit gekommen, in der wir lernen müssen, zu unterscheiden, wo wir es tatsächlich im System mit Fortschritt zu tun haben, der unser Zusammenleben erleichtern wird, und wo es dieses langfristig eher erschwert. Das können wir schaffen, indem wir zurück zu unserem Sein finden, unsere wahren Werte erkennen und anhand dieser das zu stark ausgeprägte Ich wieder harmonischer werden lassen. Dann werden wir erkennen, was wirklich unserem Bedürfnis entspricht.

Also noch einmal zusammengefasst, dies ist meine wichtigste Erkenntnis der ersten Seiten: Jeder Einzelne von uns hat es in seiner Hand, mit der Balance zwischen dem Sein und dem harmonischen Ich zum kollektiven Wissen und zum Fortschritt einen Beitrag zu leisten und unsere Erde langfristig als lebenswerten Planeten zu erhalten. Wir können niemandem dafür die Verantwortung übertragen, es fängt bei jedem von uns an. Die Wirtschaft, die Politik und alle dazugehörigen Gesetze können nichts bewirken, so lange wir nicht bei uns selbst anfangen, unser Verhalten und den Umgang mit unseren Ressourcen zu ändern. Denn wenn wir unser Verhalten ändern, dann ändert sich auch das System. Es hat nichts damit zu tun, dass wir uns einschränken müssen. Ein Leben, in dem das Sein und das Ich in Harmonie zueinander stehen, ist vollkommen, und sobald wir das Gleichgewicht wieder hergestellt haben, werden wir das erkennen.

Um unser Ich in Harmonie zu bringen, müssen wir unser Sein erkennen. Aber wo finden wir das Sein? Ganz einfach: im Moment! Wir erleben in der Realität nie die Vergangenheit und auch nie die Zukunft, sondern immer nur den aktuellen Moment, das ist die Zeit, in der wir schöpferisch tätig sein können und den Samen für die Zukunft säen.

So, genug gepredigt für den Moment. Ich bin mir nämlich bewusst, dass ich nicht der Einzige bin, der diese Erkenntnis auf seinem persönlichen Lebensweg gehabt hat und bereit ist, sein Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Einige haben sie schon gewonnen und viele werden sie noch haben. Ich stehe dazu, ich habe den Schritt gemacht und will in jedem Moment mein Bestes geben, um mit meinem Menschenleben einen sinnvollen Beitrag zur Schöpfung zu leisten. Ich bin mir sicher, dass mir das nicht in jedem Moment gelingen wird, aber ich werde es zumindest versuchen. Und, wie man so schön sagt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Ich versuche, mich nicht in den Gebüschen am Wegrand zu verstecken, und schaue nicht zu, wie die Selbstzerstörung an mir vorbeizieht!

Okay, ich geb’s zu, der theoretische Teil war doch etwas länger, als ich gedacht habe. Vielleicht klingt es auch nach: »Hey, lass uns die Erde retten!« Das wäre ja eine hervorragende Mission, aber vorher müssen wir uns selbst retten. Also, gehen wir zurück zu meiner Geschichte und wie ich mich retten musste.

Wie ich mein Ungleichgewicht aufbaute

Mit ungefähr 20 Jahren hatte ich mein Ich stark ausgeprägt. Ich empfand mich als richtig geilen Typen, hatte das Gefühl, alles im Griff und mich gut ins System integriert zu haben. Im Großen und Ganzen war ich ein nützlicher Teil der Gesellschaft, der versucht hat, die materiellen Werte und Ansichten der Gesellschaft zu repräsentieren. Ein guter Job, ein schönes Auto, eine teure Uhr und vieles mehr, mit dem sich mein Ich stark und mächtig gegen außen präsentieren konnte. Mein Ich war so stark, dass ich oft egoistisch handelte und viele Menschen in meinem nahen Umfeld damit verletzte.

Ab und zu zeigte sich mein Sein, ich nahm es nur unbewusst wahr, bekam aber in diesen Situationen das Gefühl, aus der Illusion ausbrechen zu wollen. Ich wollte mich in diesen Momenten vom ständigen Druck meines zu stark ausgeprägten Ichs befreien, immer die Dinge tun zu müssen, die meinen Status in der Gesellschaft festigten. In solchen Situationen empfand ich einen regelrechten Befreiungsdrang, als ob ein innerer Kampf zwischen meinem Sein und dem Ich stattfinden würde. Ich wollte aus diesem Kreislauf ausbrechen. Leider nützte ich diese Befreiungsversuche nicht, um mein Sein bewusst wahrzunehmen und mir klarzumachen, dass ich mich von diesen materialistischen Dingen abhängig machen ließ, sondern ich versuchte, mich mittels Alkohol oder anderer bewusstseinsverändernder Substanzen vom Kreislauf zu lösen und das zu stark ausgeprägte Ich zu narkotisieren.

Der Rausch gab mir zwar kurzfristig das Gefühl des eigenen Denkens, des freien Agierens, und das Gefühl, dem Kreislauf Widerstand bieten zu können, aber immer nur für ganz kurze Zeit, nämlich während des Rausches. Sobald ich wieder nüchtern war, fing das Spiel von vorn an und langsam entwickelte ich sozusagen einen neuen Rhythmus, eine Art Belohnungsrhythmus. Ich versuchte, mich an den Arbeitstagen bestmöglich dem System zu unterstellen, mein Bestes zu geben und der materialistischen Gesellschaft meinen Betrag zu leisten. Als Belohnung machte ich mich dafür an meinen freien Tagen frei oder besser gesagt, ich dröhnte mich zu. Durch den Alkohol oder die anderen Spaßmacher hatte sich mein Bewusstsein leider nur kurzfristig erweitert. So konnte ich für kurze Momente aus diesem Rhythmus ausbrechen und mir geistige Ruhe geben, etwas, was mir mein stark ausgeprägtes Ich im nüchternen Zustand nur selten gegönnt hat. Kurz zur Erinnerung: Das stark ausgeprägte Ich schickt uns mittels des unbewussten Denkens immer wieder auf Zeitreisen in Situationen aus der Vergangenheit oder in Projektionen in die Zukunft und verhindert so, dass wir durch den Moment zum Sein finden.

Okay, ich muss zugeben, oft dachte ich im Moment des Rausches, ich hätte den Schlüssel zum Leben gefunden, und es konnte auch sein, dass wir alle, die sich zeitgleich in diesem Zustand befanden, so dachten. Wir hatten die Lösungen für beinahe jedes Problem parat und diskutierten auch ausgiebig darüber. Aber kaum war der Rausch vorbei, wussten wir nicht mehr so genau, wie die Lösung war, über die wir soeben gesprochen hatten. Eines muss ich zum Schutz meiner Freunde hier erwähnen: Das klingt alles ein bisschen wilder, als es in Wirklichkeit war. Wir haben ein paar Sachen ausprobiert, wie das viele junge Menschen tun, aber keiner von uns war jemals süchtig nach etwas oder hat sein Leben dadurch zerstört. Wir kamen alle immer unseren Verpflichtungen nach. Es waren einfach geistreiche Erfahrungen ohne langfristige negative Folgen.

Aber zurück zu mir. Ich war mir meines Seins also weder im nüchternen noch im berauschten Zustand bewusst, daher fand ich keine wirkliche Ruhe und habe über längere Zeit zu viel gearbeitet, wilde Partys gefeiert und mir keine Erholung gegönnt, damit ich meinen Status in der materialistischen Gesellschaft aufrechterhalten konnte. Mein Körper gab mir in der Zeit verschiedenste Zeichen, aber mein zu stark ausgeprägtes Ich war stärker und trieb mich immer weiter an, diesen geilen Typen zu verkörpern, der ich in Wahrheit nie war.

Es kam der Tag, an dem mein Körper mich definitiv merken ließ, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Ich hatte Fieberschübe und fühlte mich schwach, konnte mich kaum noch konzentrieren und brauchte täglich mehr als zwölf Stunden Schlaf, um überhaupt aufstehen zu können. Ich ging zum Arzt, aber bei einer ersten Untersuchung konnte nichts festgestellt werden. Die Situation verschlimmerte sich jedoch, ich wachte eines Nachts auf und hatte Herzrasen und Todesangst.

Eine erneute Untersuchung ergab, dass ich am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt war. Das ist eine Viruserkrankung, die häufig bei einem geschwächten Immunsystem ausbricht, das ich mit meinem Lebensstil definitiv hatte. Wir können die Erreger jahrelang in uns tragen, aber erst wenn das Immunsystem nicht mehr genug Widerstandskraft hat, bricht die Krankheit aus. Der Verlauf der Krankheit ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Bei mir verlief er sehr lang anhaltend, viele Organe wurden dabei geschwächt und ich war insgesamt über zwei Jahre nicht mehr richtig leistungsfähig.

Wenn man vorher alles machen konnte, was man wollte, und das Ich immer befriedigt wurde, ist so ein Zustand für ein stark ausgeprägtes Ich wie ein Schock. Es erhält plötzlich nicht mehr die volle Aufmerksamkeit, und weil ich meine Aufgaben in der Gesellschaft nicht mehr hundertprozentig erfüllen konnte, bekam mein Ich auch keine entsprechenden Bestätigungen. Bald folgten daher neben den physischen Schwächen auch psychische Symptome, wegen des großen Durcheinanders machte mir das vegetative Nervensystem dann auch noch Probleme. Ich verlor mein Selbstvertrauen und die Sicherheit in meinen Körper und meiner Person. Einerseits wegen der Symptome der Krankheit und anderseits, weil ich die erhoffte Bestätigung und Liebe der Gesellschaft nicht mehr erhielt, weil ich ja kein nützlicher Teil mehr von ihr war. Daher lösten sich Teile meiner durch das Ich erzeugten Illusion infolge der Krankheit auf. Dinge, die mein zu stark ausgeprägtes Ich bestätigten, waren plötzlich weg, und so auch das Ich, wie ich es kannte. Ich stand vor einer Leere, wusste nicht mehr, wer ich wirklich war. Ich nenne das mal einen sogenannten Teilverlust meiner Persönlichkeit, die ja in Wirklichkeit nicht ganz real war. Daher war das Ereignis eigentlich etwas sehr Positives, es war der Auslöser für den Weg zurück zum Sein. Das konnte ich damals jedoch nicht wahrnehmen, weil das Leiden über den Verlust meiner Illusion größer war als die Freude, die ich eigentlich darüber hätte entwickeln sollen, weil ich mich gezwungenermaßen von einem Teil meines zu stark ausgeprägten Ichs lösen musste.

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