Kitabı oku: «Das Restrisiko beim Transport von Südfrüchten»

Pirmin Müller
Das Restrisiko beim Transport
von Südfrüchten
Roman

Impressum
1. Auflage 2017
Alle Rechte vorbehalten
© boox-verlag, Urnäsch
Covergestaltung: Irene Schoch
ISBN
978-3-906037-32-5 (Taschenbuch)
978-3-906037-33-2 (ebook)
www.boox-verlag.ch
Autor
Pirmin Müller, Jg. 1969, erlernte das Handwerk des Schreiners. Anschliessend studierte er Soziale Arbeit in Luzern und Bewegungstherapie in Stuttgart.
Er lebt mit Frau und Katzen in der Nähe von Zürich.
›Das Restrisiko beim Transport von Südfrüchten‹ ist sein erster Roman.
Kontakt:
›Weit weg von unseren Vorstellungen über richtig und falsch ist ein Feld, ich treffe dich dort.‹
Dschalāl ad-Dīn ar-Rūmī persischer Dichter, 12 Jh.
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
1
Vor Remoulins glitt die Autoroute A9 in einem eleganten Bogen in das weite Flusstal des Le Gard. Luc Rapin lenkte seinen Scania R500 seit dem frühen Vormittag Richtung Osten. Er war zu spät. Die üblichen Probleme mit spanischen Zulieferfirmen hatten die Abfahrt verzögert; diesmal war es irgendein Orangenproduzent, der seine Frühernte nicht rechtzeitig von den Bäumen gepflückt hatte.
Luc griff nach dem Trinkbecher, der in einer Halterung rechts der Armaturen steckte. Mit kurzen Schlucken und langen Pausen trank er den dünnen Kaffee. Gelangweilt lehnte er sich in seinen Fahrersitz, der die gelegentlichen Unebenheiten der Strasse perfekt austarierte, und steuerte den tonnenschweren Sattelschlepper mit minimalen Bewegungen des Lenkrads. Nach einigen Fahrkilometern erklang aus dem Bordcomputer eine abfallende Tonfolge. Meyer, sein Disponent, meldete sich aus der Zentrale in Lausanne.
»Salut Luc. Es hat leider eine unerwartete Änderung gegeben. Die Lieferung kommt nicht nach Lausanne, sondern ins Verteilzentrum nach Aarau.«
»Meyer, bitte, spar dir die Witze, ich bin jetzt schon zu spät.«
»Glaub mir, ich wüsste selber gerne, was da wieder vor sich geht. Die erteilen seit neustem Befehle ohne Begründung, was will ich machen? Grosskunde, kann sich alles erlauben, wir kuschen, oder er lässt sich die Ware von den Spaniern liefern und wir sind raus aus dem Geschäft. Dann ist fertig mit gemütlich Radieschen rumkutschieren. Dann heisst es Adios Spanien und Adieu schönes Frankreich.«
»Meyer«, unterbrach Luc, »ich habe den Sinn der Rede bereits verstanden: Ab nach Aarau und bloss um Himmels Willen keine Fragen stellen.«
»So in etwa«, lachte der Disponent und verabschiedete sich, nur um sich gleich darauf mit einem kräftigen Räuspern wieder anzukündigen: »Was ich dir noch nicht gesagt habe: Die Ladung muss morgen früh um sieben Uhr im Verteilzentrum sein.«
»Um sieben?«
»Das geht schon irgendwie«, meinte Meyer, worauf ihm Luc vorrechnete, dass er mit korrekter Einhaltung der Ruhezeit unmöglich vor zehn Uhr ankomme.
»Meyer, überleg zuerst. Das hilft auch bei dir.«
»Was soll ich denn tun?«, fragte dieser in unvorteilhaft erhöhter Tonlage.
Luc trommelte mit den Fingern einen ungeduldigen Wirbel auf das Lenkrad. Der Verkehr floss nachmittäglich ruhig vor sich hin, die Strasse stieg leicht an, das Getriebe schaltete in den vierten Gang, der Tempomat hielt den Lkw bei konstant 93 Stundenkilometern. Draussen zog die spätsommerliche Landschaft Südfrankreichs vorbei, einzelne Plattenbauten verunstalteten das ansonsten romantische Bild. Luc strich sich über den kahlgeschorenen, von der Sonne gebräunten Kopf, zog mit Daumen und Zeigefinger die Augenbrauen auseinander und streckte, so gut es eben ging, die Beine in der engen Führerkabine. Murmelnd sang er den Refrain ›Hoy día luna … día pena‹.
»Es gibt keine Lösung«, meldete sich Meyer mehr fragend als feststellend zurück. »Wir sind ein Team, wir müssen zusammenarbeiten.«
»Das fällt dir immer genau dann ein, wenn es zu deinem Vorteil ist.«
»Wir hätten einen Platz für dich in der Zentrale, das weisst du; Leute wie du sind gefragt.«
»Aber ich fahre lieber durch den Süden und lasse mich von dir schikanieren. Und wenn es bei euch Probleme gibt …«
»Musst du uns helfen. Dafür lieben wir dich … vor allem die Frauen.«
Beide lachten; Luc laut, Meyer nasal.
Er fuhr durch den Forêt du Rochefort, einen Wald aus kurzen knorrigen Bäumen, die auf dem kalkigen Untergrund denkbar schlechte Wachstumsbedingungen vorfanden. Für ihn war das ein Dickicht, kein Wald. Wie auch die Hügel, die hier als Berge durchgingen. Es kommt eben auf den Standpunkt an, dachte er, während am Horizont das blaue Schild mit der Aufschrift Aire de Tavel Sud auftauchte. Luc nahm den Dialog mit dem Disponenten wieder auf: »Ich fahre auf der A49 über Annecy nach Genf, so sollte ich vor zweiundzwanzig Uhr in Lausanne ankommen.«
»Nur, wenn du die Fahrzeit überschreitest.«
»Ich manipuliere den Fahrtenschreiber.«
»Das ist riskant.«
»Du bist der Disponent, du entscheidest, was zu tun ist.«
Er setzte den Blinker und steuerte den Sattelschlepper in die Ausfahrt zur Aire de Tavel. Der Lastzug rollte rechts an der Tankstelle vorbei zum Parkplatz der Fernfahrer. Neben einem Autotransporter fand Luc einen freien Platz, den letzten in der Reihe, nur eine Ausfahrtspur trennte ihn vom Pinienwäldchen, wo abends kecke Studentinnen aus Avignon mit wenig Aufwand zu Geld kamen.
Mit einem knurrenden Geräusch starb der Motor. Luc rieb sich die Handflächen und hielt sie auf die Augen. Eine schläfrige Mattigkeit befiel ihn. Er hob die Fersen, bis nur noch die Zehenspitzen den mit einer Gummimatte bedeckten Boden berührten, hielt die Position einige Sekunden und senkte die Füsse langsam wieder ab. Anschliessend massierte er sich die Kopfhaut, das erfrischte und entspannte.
Die Tonfolge erklang. Meyer erklärte, dass er beim Kunden nachgebohrt habe, er könne nichts machen. Stur wie Steinböcke.
»Das heisst?«
»Den Fahrtenschreiber bearbeiten.«
»Du hast Nerven! Ehrliche Bürger in die Kriminalität treiben! Du machst dir dein Leben auch nicht komplizierter als nötig.«
»Das hast du selber vorgeschlagen.«
»Es ist ein Risiko. Und Stress. Das hat seinen Preis, wie alles in der Welt … Aber du kennst mich ja, ich bin bescheiden und begnüge mich mit einem freien Tag«, erklärte Luc und ergänzte seine Forderung mit einer Ermahnung: »Geben und Nehmen, Meyer, nicht nur nehmen! Wir sind hier nicht bei den Plünderern.«
»Elender Erpresser«, murrte der Disponent, willigte aber dennoch ein, denn seine Existenz hing von der Zufriedenheit dieses einen Grosskunden ab. »Lass dich nicht erwischen. Übrigens nennt sich das Ausbeuter, nicht Plünderer.«
»Danke der Belehrung, mein ›Ausbeuter‹. Grüss die Familie.«
»Werde es ausrichten«, meinte Meyer und schloss die Verbindung zu Lkw Nr. 89. An seinem Desk begann das grüne Lämpchen zu blinken; der nächste Kunde mit dringendem Problem. Meyer hob die Füsse auf den Schredder und lehnte sich in den Bürostuhl, bis er beinahe waagrecht lag. »So ein Drecksjob«, fluchte er und bewunderte Luc, der sich gewisse Freiheiten bewahrte. Ist eben klüger als ich, dachte er. Dafür geschieden, frisst die Emotionen in sich hinein und sieht seine Tochter jedes dritte Wochenende. Alles kann keiner haben.
Luc stieg die drei Tritte von der Fahrerkabine hinunter, schloss die Tür und ging quer über den Parkplatz auf die Autobahnraststätte zu. Seine Bewegungen waren zielgerichtet und kompakt, eine Folge der knallharten Trainingseinheiten, die er bei der Wasserballmannschaft des CN Lausanne absolviert hatte. Vor dem Restaurant rollte er die Enden seiner blauen Arbeitshose hinunter, strich das T-Shirt glatt und prüfte sein Handy. Keine Nachrichten. Durch eine Drehtür gelangte er in den Eingangsbereich, von dort marschierte er durch das geräumige Restaurant in die Bar.
»Ah, Luc, lange nicht mehr gesehen«, begrüsste ihn Daciana und fragte mit einem Wimpernaufschlag nach seinen Wünschen.
»Wie immer, Schätzchen.«
»Mit oder ohne Heiratsantrag?«
»Das nächste Mal überleg ich es mir – diesmal lieber ohne«, antwortete er und setzte sich breitbeinig auf den Hocker. »Daciana, Täubchen, du bist doch bereits verheiratet, mit diesem Zwerg … wie hiess er noch?«
»Den Namen? Habe ich eben vergessen, wie immer, wenn ich die Glut in deinen Augen sehe«, erwiderte Daciana lachend und wendete sich einem Sandwich zu, das sie mit Salatblättern und gelbem Käse belegte. Als sie fertig war, klappte sie die obere Baguettehälfte ein und umwickelte es mit Plastikfolie.
»Wie lange bist du eigentlich geschieden, Luc?«
»Wie lange? Bald drei Jahre … wie die Zeit vergeht. Schon drei ganze Jahre.«
»Ein Mann wie du sollte wieder heiraten. Glaub mir, es wäre gut für dich. Denk an deine Tochter.«
2
Thierry Rodenbach klammerte sich ans Lenkrad und schnaubte. Weder Zureden noch dosiertes Anschreien vermochten Juliette zu beruhigen, im Gegenteil: Sie wurde schriller, sie riss ihn am Arm. Thierry versuchte zu deeskalieren und schwor, das Handy, das sie in seiner Jackentasche entdeckt hatte, sei nicht, um sie zu betrügen. Auf gar keinen Fall.
»Diese Zeiten sind vorüber! Meine Mutter hat es mir geschenkt, damit sie mich wegen ihrer gesundheitlichen Probleme kontaktieren kann. Es ist alles in allerbester Ordnung!«
»Gesundheitliche Probleme«, keifte Juliette, »die rennt doch dauernd durch die Gegend und irgendwelche Berge hoch. Deine Hilfe braucht sie gewiss nicht. Ein Muttersöhnchen bist du, nichts anderes, noch mit siebenundzwanzig Jahren hängst du an ihrem Rockzipfel.«
»Halt den Mund«, zischte Thierry und biss die Zähne zusammen.
»Ich lass mich nicht mehr von dir belügen«, schrie Juliette und riss so stark an seinem Arm, dass er beinahe den Lieferwagen schrammte, den er gerade überholte.
»Lass meinen verdammten Arm los! Ich bin beinahe in den Lieferwagen gefahren! Juliette, bitte, beruhige dich«, bat er mit gepresster Stimme.
Sie schwieg.
Thierry räusperte sich und gestand, er habe das Handy benutzt, um mit einer ehemaligen Schulkollegin zu telefonieren.
»Daran«, jetzt brüllte er, »bist du mit deiner verdammten Kontrollsucht schuld … Du! Niemand sonst, nur du!«
Er drückte auf das Gaspedal und raste an einem Sattelschlepper vorbei, lenkte seinen Mercedes SLK 250 aggressiv zurück auf die rechte Spur und verlangsamte. Der Lkw-Fahrer hupte und blendete Thierry durch den Rückspiegel mit Fernlicht.
»Nicht einmal richtig Autofahren kannst du! Nicht mal das.«
»Es reicht jetzt, Juliette. Bei der nächsten Gelegenheit fahre ich raus, dann fährst du! Dann ist fertig, Schluss und aus mit rummeckern.«
»Gut. Fahr raus. Diesel ist auch alle.«
»Benzin, verdammt noch mal!«
»Mir doch egal, der Zeiger ist unten, das heisst: Zapfsäule.«
»Du hättest tatsächlich Diesel reingelassen?«
»Warum nicht?«
»Weil der Motor kaputtgeht, darum.«
»Um den Motor kümmerst du dich, auch um deine Mutter. Nur ich bin dir scheissegal, mit mir machst du, was du willst … Und um die verdammte Schulfreundin, um die kümmerst du dich anscheinend ganz besonders.«
»Lass die jetzt mal aus dem Spiel«, knurrte Thierry. Sie war nahe an der roten Linie, die sie besser nicht überschritt.
»Da, Aire de Tavel, fahr raus!«
Nach einer Pause fuhr Juliette entschuldigend fort: »Tut mir leid, ehrlich, Thierry, ich bin zu weit gegangen. Das lange Sitzen, das macht mich ganz konfus. Es passiert einfach, das Streiten. Es ist so nervtötend langweilig als Beifahrerin.«
»Danach fährst du … Bitte.«
»Einverstanden. Lass uns ein wenig die Füsse vertreten, ein Zigarettchen rauchen. Das beruhigt uns.«
»Das beruhigt dich«, murrte Thierry, »ich habe mich im Griff.«
Juliette bedachte ihn mit einem eisigen Blick.
Sicherheitshalber hielt er den Mund und fuhr vor die Tankstelle Nummer sieben, stieg aus und ging, seinen Sportwagen begutachtend, an die Zapfsäule. Der Benzinschlauch klemmte, wütend zog er am Stutzen und steckte ihn in die Tanköffnung. Das Benzin gurgelte in die Tiefe, während oberhalb der Zapfsäule ein drehendes Rädchen fröhlich die Liter zählte. Juliette liess das Fenster hinunter. »Kaufst du mir bitte eine Cola und einen griechischen Salat? Etwas in der Art. Ich fahre schon mal auf den Parkplatz hinter dem Restaurant, da gibt es ein paar hübsche Tische unter den Bäumen.«
Thierry steckte den Stutzen zurück und klappte den Tankdeckel zu. Auf dem Weg zum Shop hörte er, wie der getunte Motor des Mercedes aufheulte und Reifen quietschten. Er sprang instinktiv zur Seite, Juliette raste hupend an ihm vorbei, warf seine Tasche mitsamt Jacke aus dem Fenster und schrie etwas Gemeines, das glücklicherweise im Gebrause der Autobahn unterging.
»Juliette!« Er rannte fuchtelnd dem Wagen hinterher. »Du verdammte Hure. Ich bring dich um! Aber sicher!«
Wenigstens die Tasche hat sie mir gelassen, dachte er und ungewollte Dankbarkeit erfüllte ihn. Er klemmte sie unter den Arm und ging quer über den Parkplatz zum Restaurant. Dort setzte er sich an die Bar und hörte, wie die Bedienung einen glatzköpfigen Fernfahrer fragte, ob er sie heiraten wolle, was ihm sichtlich schmeichelte, obwohl ihm klar sein musste, dass sie mit ihm spielte. Alle spielen mit ihren Männern, dachte Thierry, die unheimliche Macht der Frauen, und wir trotten ihnen zwanghaft nach.
Er klopfte mit den Knöcheln dreimal auf die Theke. Die Bedienung hob abwehrend die Hand. Er klopfte erneut, diesmal energischer. Der Fahrer wendete sich ihm zu und fragte nach dem Grund der Ungeduld. Ob was Besonderes vorliege?
»Eigentlich nicht«, erwiderte Thierry, »nein, überhaupt nicht, alles bestens.«
»Dann ist ja gut.«
»Gut ist gar nichts«, meinte Thierry und orderte ein Bier. Er beobachtete die Bedienung beim Füllen des Glases. Sie stellte es hin, fragte nach weiteren Wünschen, Thierry verneinte, sie wendete sich von ihm ab und einer lärmigen Touristengruppe zu, die soeben die Theke ansteuerte.
»Gut ist gar nichts?«, nahm Luc das Gespräch wieder auf.
»Nein, nichts ist, wie es sein sollte«, knurrte Thierry mit auf die Theke geheftetem Blick. Daraufhin sassen beide stumm auf ihren Hockern und blickten gebeugten Rückens in das Bierglas, das sie in exakt demselben Abstand vor sich stehen hatten. Luc war unschlüssig, wie er den Mann in Jeans und enganliegendem rosa Hemd einschätzen sollte. Private Probleme oder psychisch auffällig? Auf der Flucht?
»Meine Freundin hat mich sitzen gelassen.«
»Aha.«
»Jetzt. Hier.«
Luc hob die Augenbrauen. Wie er das meine, fragte er und biss in sein Sandwich.
»Ja, wie wohl? Ich gehe die Tankfüllung bezahlen und sie fährt davon, auf Nimmerwiedersehen. Juliette heisst sie, ein Teufel, wenn sie wütend ist, und ein blonder Engel –, ach vergiss es.«
»Das nennt man wohl Unglück«, kommentierte Luc mit vollem Mund, wobei er eine gewisse Belustigung kaum verbergen konnte.
»Wenn es nicht so traurig wäre, müsste ich selber lachen.« Thierry drehte sich auf seinem Hocker und fragte Luc nach dem Namen.
»Luc.«
»Gut, Luc, freut mich, Thierry ist mein Name, Thierry Rodenbach, ich wohne in Archamps, direkt an der Schweizergrenze. Eigentlich aus Genf, aber die Mieten dort sind zu hoch. Offiziell bin ich sogar immer noch Genfer, wegen den Steuern, wohnhaft als Untermieter bei einer meiner Cousinen.«
»Erzählst du mir jetzt dein ganzes Leben?«
Thierry nahm einen kräftigen Schluck und wischte sich den Schaum mit dem Handrücken von der Oberlippe. Herausfordernd blickte er Luc in die Augen: »Kein Problem, Luc, ich bin genervt, dann rede ich gelegentlich zu viel. Lassen wir das, alles in Ordnung.«
Sie sassen wieder stumm an der Theke und musterten sich aus den Augenwinkeln. »Wie kommst du jetzt nach Hause?«, fragte Luc beiläufig.
»Irgendwie.«
»Hast du Geld?«
»Klar.«
»Ich fahre nach Genf. Fünfzig Euro.«
»Halsabschneider.«
»Bei mir wachsen die Bäume nicht in den Himmel, ich habe eine Familie zu versorgen. Ausserdem werde ich gebüsst, wenn die Firma Wind bekommt. Ich fahre dich zum Autobahnkreuz A40/A41. Direkt neben Archamps, Hauslieferdienst, sozusagen.«
»Dreissig«, forderte Thierry.
»Fünfzig, Monsieur Rodenbach, damit kommst du gut weg, glaub mir.«
Schulterzuckend willigte Thierry ein, wegen den paar Euros stritt er nicht. »Wann fahren wir?«
Luc blickte auf seine handgefertigte Uhr: »In einer Dreiviertelstunde. Ich muss die Ruhezeiten einhalten.« Er beschrieb Thierry den weissen Sattelschlepper, der neben dem Wäldchen auf dem Parkplatz stand und wies ihn an, genau um fünfvorhalbvier an die Beifahrertür zu klopfen.
»Die Pause kommt mir gerade recht.«
»Siehst du.«
Luc zahlte, verabschiedete sich ungewohnt einsilbig von Daciana und verliess zügigen Schrittes die Bar, Thierry blieb sitzen und bestellte ein weiteres Bier, das er sogleich hinunterstürzte. Mehrmals sprach er Daciana an: »Sie kennen doch diesen Fahrer?«
Sie tat, als verstünde sie ihn nicht und mied den Augenkontakt; dieser Thierry war ihr suspekt, ein unstetes, irgendwie seltsames Temperament. Auf jeden Fall eigenartig. Luc hätte ihn besser stehengelassen. Sie biss auf einen Fingernagel und bereute, ihm ihre Befürchtungen verschwiegen zu haben.
3
Damit die Ruhezeiten den gesetzlichen Vorgaben entsprachen, schrieb Luc den Fahrtenschreiber mit Hilfe einer illegalen Software um. Die Autobahnpolizei liess sich problemlos überlisten, bei einer Analyse durch die IT-Experten am Zoll würde jedoch sofort ersichtlich, dass die Angaben gefälscht waren. Doch da seine Arbeitgeberin, die Transportfirma Caloche SA, etliche Mitarbeiter aus der Grenzregion beschäftigte, wurde er an den Kontrollstationen für gewöhnlich anstandslos durchgewinkt. Zumal bei einem Unfall von Früchten keine besondere Gefahr ausging, ganz im Gegensatz zu den Chemikalien, Sprengstoffen und anderen explosiven Ladungen, die täglich auf jämmerlichen Trucks kreuz und quer durch Europa gekarrt wurden.
Luc überprüfte die Eingaben und verschloss das Gerät. Anschliessend kippte er den Schaltknüppel zu Seite, stieg zwischen den Sitzen nach hinten, zog sich die Schuhe aus und legte sich auf das Ruhebett.
Ein Klopfen an der Beifahrertür schreckte ihn aus dem Schlaf. Luc rappelte sich hoch und sah auf die Uhr: Eine Viertelstunde zu früh. Es klopfte erneut. Er zwängte sich nach vorne und öffnete die Tür. Ein junger Mann schwang sich blitzschnell in die Kabine und hielt ihm die Mündung einer Pistole an die Schläfe.
»Auf den Fahrersitz, sofort!«
Luc tat, was der Fremde befahl.
»Hände weg von den Armaturen. Schön brav bleiben, dann geschieht nichts. Schön brav und keinerlei Dummheiten.«
»Ganz ruhig«, sagte Luc, während der lange, sehr dünne Mann über den Beifahrersitz auf das Ruhebett stieg, von wo aus er wieder die Pistole auf Lucs Kopf richtete. Mit heiserer Stimme verlangte er nach Spanngurten.
»Die sind im Werkzeugkasten. Der lässt sich nur von aussen öffnen.«
»Überleg dir gut, was du sagst!«
»Im Abteil über deinem Kopf … Vielleicht hat es da Ersatzgurten.«
Luc beobachtete aus den Augenwinkeln den jungen Mann, der sich mit spinnenartigen Bewegungen an den Stauraumabteilen zu schaffen machte. Er trug ein marineblaues Polo-Shirt mit der Aufschrift ›Camp David‹. Um seine Beine schlotterte eine schwarze Trainingshose, deren linkes Bein verschmutzt und auf Kniehöhe eingerissen war. Ein nervöser, bewaffneter Nordafrikaner, der nach Angst roch. Endlich fand er die Gurte. Er warf sie auf den Beifahrersitz und drohte: »Ich mache hier keine Spielchen, verstehst du? Mir ist egal, ob ich draufgehe, ich habe nichts zu verlieren. Ich drück ab. Einfach so, wie nichts.«
Vorsichtig legte Luc die Hände flach auf die Oberschenkel. »Gut so?«, fragte er und erhielt als Antwort einen Schlag ins Gesicht.
»Ich habe gesagt: ›Keine Spielchen!‹, verstanden?«
Luc nickte und folgte dem Befehl, die Spanngurte um sich zu legen. »So ist gut«, kommentierte der Entführer und fädelte das Ende in den dafür vorgesehenen Schlitz. Anschliessend zog er das Band mit der Metallratsche fest, bis es Luc tief in den Magen schnitt.
»Es schmerzt«, presste Luc zwischen zwei Atemzügen hervor und verzog das Gesicht. »So kann ich nicht fahren, unmöglich.«
Der Mann überlegte, schliesslich lockerte er die Fesselung, bis sich seine Geisel mit einem kehligen Seufzer entspannte. Dann zog er mehrmals ruckartig an der Ratsche, bis Luc vor Schmerzen aufschrie.
»Ich habe dich in der Hand … Verstehst du das?«
Lucs Halsschlagader trat dick und pumpend hervor; ihm war, als explodiere vom Druck des Blutes sein Schädel. Als der Mann die Gurte wieder lockerte, bedankte sich Luc, was der Entführer irritiert zur Kenntnis nahm.
Nun sassen beide schweigend in der Kabine. Luc vorne, die Hände am Lenkrad, der andere hinter ihm auf der Liege, die Pistole seitlich an der Nackenstütze angelegt. Er plante den nächsten Schritt, begann vor Überforderung zu husten und spuckte auf die Gummimatte.
»In meinem Lkw wird nicht gespuckt«, befahl Luc und war froh, die Stille durchbrochen zu haben.
Der Mann öffnete den Mund, um sich zu rechtfertigen, besann sich aber im letzten Moment. »Hier befehle ich!«, stellte er klar.
Luc begriff, dass er mit dem unberechenbaren Feind sprechen und sein Vertrauen gewinnen musste: »Ich heisse Luc Rapin, dreiunddreissig, und habe eine Tochter, achtjährig. Lara-Lea.«
»Was für ein idiotischer Name.«
»Sie spielt«, fuhr er unbeirrt fort, »immer noch gerne mit ihrem Plüschhund. Er heisst Rappi. Das Ding ist schon ganz zerfetzt, ein Ohr fehlt, aber geflickt haben will sie ihn auf gar keinen Fall.«
»Rappi«, lachte der Mann.
»Lara erwartet mich, sie braucht mich.«
»Mach, was ich sage, dann passiert nichts. Nimm mit niemandem Kontakt auf, Hände weg von den Armaturen … Erklär mir, was du tust; ich will wissen, was du tust!«
Luc drehte den Kopf und fasste den Mann ins Auge. Dieser wurde sogleich nervös, seine Augen weiteten sich schreckhaft, die Kaumuskeln zuckten unter der Haut der hageren Wangen, gesunde kräftige Zähne blitzten auf. Er ist eher verstört als bösartig, urteilte Luc. Einer, der zwar im falschesten Moment den Verstand verliert, ansonsten jedoch halbwegs normal zu sein scheint.
Ob er etwas fragen dürfe?
»Kommt drauf an«, sagte der Mann und drückte ihm wieder die Pistole an den Hals.
»Mich würde interessieren, was du vorhast.«
»Ich muss weg.«
»Dabei soll ich helfen?«
»Ich habe nichts zu verlieren.«
»Beruhige dich«, sagte Luc. »Du hast die Waffe, du hast die Macht. Ich will leben. Ich bin kein Held.«
»Ich habe nichts getan.«
»Das interessiert mich nicht.«
»Lügner! Du denkst, ich sei ein Terrorist.«
Luc zog die Schultern hoch und antwortete: »Ich wüsste gerne deinen Namen.«
Der Mann blickte ihn mit leicht geneigtem Kopf undurchschaubar an. Unterstrichen von einer ablehnenden Handbewegung sagte er schliesslich: »Kein Name.«
»Pas-de-Nom?«
»Halt den Mund, Jules.«
»Mein Name ist Luc, Monsieur Pas-de-Nom.«
»Jules, Luc, Martin … Was ist schon ein Name? Was bedeutet mir dein Name? Ich sag es dir: Nichts!«
Aziz verstummte und biss sich, während er nachzudenken versuchte, in die Unterlippe. In seinem Kopf hallten die Schüsse nach, er sah Menschen davonrennen, Schreie, ein weisses Hemd, das sich rot färbte. Die Holperstrecke entlang der Autobahn. Ein passender Name fiel ihm beim besten Willen nicht ein.
»Nenn mich einfach Aziz!«, befahl er mit seiner eigenartig heiseren Stimme.
Luc zeigte keine Reaktion. Nach einer Weile liess er gleichgültig verlauten, dass er froh sei, diesen Sachverhalt geklärt zu haben. Leiser Spott schwang mit. Aziz fragte sich, ob Luc gemerkt hatte, dass er ihm seinen richtigen Namen genannt hatte. Zur Ablenkung schaute er aus den Fenstern, nichts Auffälliges, auch in den Rückspiegeln war kein Mensch zu sehen.
Er fragte Luc nach der Route.
»Lausanne«, antwortete dieser, erleichtert, endlich etwas Vernünftiges zu reden.
»In die Schweiz?«
»Ja.«
»Gut, sehr gut sogar … Fahr los.«
»Ich kann so nicht fahren, das geht nicht. Stell dir vor, wir kommen in eine Kontrolle und ich bin am Sitz festgebunden. Dreimal darfst du raten, was passiert.«
»Das ist ein Problem«, erkannte Aziz.
»Du willst über die Grenze?«
Aziz nickte.
»Das ist gefährlich. Besser, du suchst dir einen Weg durch die Wälder. Ich lass dich vor der Grenze raus, das ist das kleinere Risiko für beide. Glaub mir, ich möchte morgen gerne zu Hause in meinem Bett erwachen … Verstehst du mich?«
Die nächsten Worte modulierte er betont wohlwollend ruhig, beinahe väterlich: »Du hast dein Leben vor dir, Aziz, und ich bin ein freiheitsliebender Mensch. Aziz, ich weiss nicht, wie du es hast, aber mir ist die Freiheit viel wert, sie bedeutet mir alles. Das sollte sie dir auch. Machen wir das Beste aus der Sache.«
»Fahr los, Luc – und hör auf mit dem Gelaber.«
»Die Gurte.«
Aziz klappte die beiden Metallteile auseinander, Luc atmete – nicht nur wegen des nachlassenden Drucks – erleichtert aus. Er richtete sich in seinem ergonomischen Sitz zurecht und legte sich die Sicherheitsgurte um, hinter ihm grinste Aziz: »Jetzt fesselst du dich aber selber!«
»Das kann man so sehen«, antwortete Luc und wertete den Lacher als ein gutes Signal für die bevorstehende Fahrt.
Der Motor startete, das Grollen der fünfhundert PS durchdrang brummend die schallgedämpfte Hülle der Fahrkabine.
»Warte!«
Luc hielt sich mit den Händen am Lenkrad und blickte nach hinten: »Du weisst auch nicht, was du willst. Mein Gott!«
»Wie weiss ich, ob du nicht die Polizei alarmierst?«
Luc hob die Schultern.
»Ich will, dass du mir alles erklärst, bevor du etwas tust! Damit ich Bescheid weiss. Verstanden?«
»Das macht durchaus Sinn«, antwortete Luc, sorgfältig darauf bedacht, ein Gefühl des Vertrauens zu vermitteln. Er überlegte kurz, wandte Aziz das Gesicht zu und schlug vor, dass er, sobald sie auf die Autobahn gelangten, nach vorne komme und es sich wie ein ganz gewöhnlicher Mitfahrer auf dem Beifahrersitz bequem mache.
»Ich erklär dir alles und so oft du willst.«
»Einverstanden«, erwiderte Aziz nach einigem Bedenken. »Du scheinst ein vernünftiger Mann zu sein.«
»Davon kannst du ausgehen.«
Thierry Rodenbach tippte eine Nachricht in sein Handy, als er aus den Augenwinkeln sah, wie der Auspuff des weissen Scania eine Wolke ausstiess und die Tagfahrlichter angingen. »Das Arschloch haut ab!«, stellte er ungläubig fest. »Das gibt es doch gar nicht.«
Mit der Tasche unter dem Arm stürmte er auf den Lkw zu, riss die Beifahrertür auf, sprang in einem Satz auf das oberste Trittbrett und schwang sich in die Kabine.
»Einfach abhauen, ohne mich, das würde dir so passen! So eine Scheisse, wir haben eine Abmachung!«, brüllte Thierry, den Motor übertönend. Er setzte sich wütend auf den Beifahrersitz, sah sich um und bemerkte die weit aufgerissenen Augen eines Mannes, der eine Waffe auf seinen Kopf richtete. Augenblicklich erstarrte er, sein Mund klappte auf, selbst sein Herz fiel vor Schreck aus dem Rhythmus.
»Halt die Fresse! Ein Fehler und du bist kaputt!«, warnte Aziz, während sein Zeigefinger am Abzug der Pistole zuckelte.
Thierry verstand sofort: Dieser Mann meint es ernst, der schiesst. Der spasst nicht. Ganz langsam zog er die Tür zu, die Tasche stellte er vorsichtig zwischen die Sitze. Er wartete. Ihn beschlich das eigentümliche Gefühl, dass er von Luc abfällig gemustert wurde. Aziz nahm die Tasche, durchsuchte sie, fand in der Seitentasche ein Handy und die Kopie eines Führerscheins, der auf Thierry Rodenbach ausgestellt war. Das Dokument legte er neben sich auf die Liege, das Handy steckte er vorerst in seine Trainingshose, mit der unbestimmten Absicht, irgendwann später darauf zurückzukommen. Anschliessend stellte er die Tasche zurück neben den Beifahrersitz, zögerte kurz, änderte seine Meinung und platzierte sie unterhalb der Liege, genau hinter Thierry.
Warum hatte Luc nichts von diesem Typen gesagt, fragte sich Aziz. Sie hatten doch eben eine Lösung gefunden.
Er durfte keinesfalls Furcht zeigen. Also drohte er in überheblich-aggressivem Ton: »Was immer hier gespielt wird: es ist mir egal. Ich habe keine Angst. Wenn ihr nicht macht, was ich sage, veranstalte ich ein Blutbad. Mit euch, wie nichts!«
Thierrys Blick hastete vom Parkplatz zu seinen Mitfahrern und wieder zurück.
Misstrauen erfüllte die Kabine mit einem Geruch von Angst, Aggression und einer Atmosphäre aus Verdächtigungen, abschätzenden Blicken und einer mühevoll unter Kontrolle gehaltenen Panik. Luc umklammerte die Handbremse, als wäre sie ein Rettungsanker. Einzelne Schweissperlen bahnten sich einen Weg von den Schläfen über die Wangenknochen, wo sie sich in verschiedene Richtungen teilten. Thierry versuchte, einen Ton von sich zu geben, brachte aber nur ein Krächzen zustande.
»Nun fahr endlich los!«, befahl Aziz. »Worauf wartest du?«
»Von rechts kommt jemand«, sagte Luc, zwei tiefe Falten bildeten sich in seinen Mundwinkeln.
Ein staubiger, in die Jahre gekommener Laster mit schaukelndem Anhänger ruckelte vorbei. Der Fahrer grüsste achtlos und steuerte seinen Lastzug in die grosse Kurve, die das Wäldchen auf der anderen Seite halbkreisförmig begrenzte.
Luc löste die Handbremse, die er nach wie vor eisern festhielt. Behutsam drückte er das Gaspedal, der Lkw setzte sich sanft in Bewegung. Er fuhr um die Pinien und beschleunigte in der folgenden Rechtskurve, die auf eine langgezogene Ausfahrt führte. Dort setzte er den Blinker und lenkte den mit Südfrüchten beladenen Lastzug auf die Autobahn.
Madame de Rhime, eine ältere, in letzter Zeit etwas verwirrte Dame mit üppigem Silberschmuck und Foulard, hielt mit ihrem Peugeot an der gezackten Linie, um einem Lkw den Vortritt zu gewähren. Unwillkürlich duckte sie sich hinters Lenkrad, als dieser mit überhöhter Geschwindigkeit an ihr vorbeidonnerte. Sie verfluchte den Idioten von Fahrer, während aus ihrem Lautsprecher ein hörbar mitgenommener Radiosprecher von einem Attentat in Orange berichtete. Mit einem grosszügig bemessenen Sicherheitsabstand folgte sie dem Lkw auf die Ausfahrt. Sie war auf dem Weg zu ihrer Tochter, dem ersten Besuch seit dem Zerwürfnis an Ostern. In einem Korb auf dem Beifahrersitz dufteten selbstgebackene Olivenbrötchen, ein Versöhnungsgeschenk für das gemeinsame Abendessen.
Die von der Sommerhitze ausgebleichte Landschaft zog an ihrem Wagen vorbei, die abgeernteten Rebstöcke in den Weingütern waren in weiches mediterranes Licht getaucht, der wolkenlos blaue Himmel einzig durch eine schwarze Rauchsäule getrübt, die aus einem Feld nahe der Autobahn aufstieg. Jemand verbrannte Holz, Unkraut und was ihm sonst gerade überflüssig erschien. Vor der Rhonebrücke setzte Madame de Rhime den Blinker und überholte zügig den weissen Lkw. Auf eine unbestimmbare Art fühlte sie sich erleichtert, als in ihrem Rückspiegel der Sattelschlepper kleiner und kleiner wurde.
4
Der Weg über die steinernen Stufen zum prächtigen, mit Säulen eingefassten Eingang des Bezirksgerichtes war bereits bedrückend gewesen, doch nichts im Vergleich mit dem Gerichtssaal, Amtszimmer 448, in dem Luc jetzt alleine an einem zu grossen braunen Tisch sass, die Ellenbogen aufgestützt und die Hände vor dem eingezogenen Kopf ineinander verschränkt. Er hatte die Scheidung nicht gewollt, Muriel hatte sie eingereicht. Er hatte sich gewehrt und versprochen, was er meinte, versprechen zu müssen. Aber Muriels Entschluss blieb unverrückbar wie ihr Glaube, dass irgendwo da draussen der passende Mann auf sie warte.
Niemand würde je ihren Ansprüchen genügen, hatte Luc ihr wieder und wieder erklärt, das Problem sei sie selbst. Doch ausser eskalierendem Streit und giftigen Anschuldigungen hatte er nie etwas erreicht. Dazu geisterte sein Töchterchen Lara-Lea – auch so ein Zwang, als ob Lara oder Lea nicht gereicht hätte – verstört durch die Wohnung, den Stoffhund an sich gedrückt, als wäre er ihr einziger Schutz auf dieser Welt. Dieser Anblick brachte Luc erst recht in Rage: Er fluchte, warf Teller zu Boden, zweimal zerstörte er die Kaffeemaschine. Und einmal schlug er zu. Hart und mitten ins Gesicht.
Zu seiner Linken, an einem identischen Tisch, sass Muriel mit ihrem Anwalt, weichlicher Typ mit dünnem Lächeln, der sie dauernd am Arm berührte. Ob sie was mit ihm hat? Er wollte für seine Rechte kämpfen; aber hier gab es nichts, das Widerstand geboten hätte. Der Richter, leicht erhöht, sah mit wässrigen Augen gelangweilt durch ihn hindurch. Hier ordnete sich alles der unsichtbaren Macht der Amtshandlungen unter, selbst die heiteren Landschaftsaquarelle an den Wänden wirkten unterwürfig, so, als ob ihnen die Farbenpracht peinlich wäre. Luc biss auf die Lippen, bittere Tränen rannen über seine Wangen, die von Muriel mit Genugtuung beobachtet wurden. Zweimal atmete er hörbar ein und aus, dann unterschrieb er die vorbereiteten Dokumente. Seine Ex-Frau betrachtete kühl, wie er die Seiten ordnete, bevor er sie in der Tischecke platzierte. Sie schüttelte den Kopf, nicht abfällig, eher bemitleidend. Das herablassende Mitgefühl derjenigen, die sich überlegen fühlen.
Luc wartete, bis der Anwalt Muriel aus dem Saal geführt hatte, ihren Ellenbogen stützend, als stünde sie vor einem Zusammenbruch, dabei hatte sie mehr bekommen, als sie erhofft hatte. Er blieb sitzen. Ob er nun ging oder blieb, es änderte nichts. Der Richter, zu gleichgültig, um die Lügen zu durchschauen, wies ihn darauf hin, dass der nächste Fall vor der Tür stehe. Da Luc keine Anstalten machte, ging er zu ihm, klopfte tadelnd auf die Schulter und liess seine kraftlose Hand dort ruhen.
»Monsieur Rapin? Es wäre Zeit …«
Luc schüttelte den Kopf und senkte den Blick.
»Kommen Sie, Monsieur Rapin.«
Er schob Luc die eine Hand unter die Achsel, die andere seitlich an den Oberarm, mit sanftem Druck half er ihm auf die Füsse. »Die ersten Schritte sind die schwersten, aber glauben Sie mir, danach wird es einfacher«, ermutigte der Richter. »Lassen Sie sich Zeit, es gibt ein Leben danach.« Luc liess sich zur Ausgangstüre begleiten. Vor der Schwelle blieb er stehen und meinte abschätzig: »Gehen Sie in den Gerichtssaal, da gehören Sie hin.«
Der Audi Quattro Turbo, Baujahr 89, stand abseits in einer Seitenstrasse. Er setzte sich hinein, startete den Motor und fuhr aus der Stadt. In einem Vorortskreisel nahm er die Ausfahrt, die bergan führte. Vue des Alpes hiess die Strasse, an deren Ende ein vergilbtes Mietshaus stand, in dem er seit einigen Monaten wohnte. Die Wohnung war mit freier Bergsicht – ›Vue splendide sur la montagne!‹ – angepriesen worden, was für die oberen Geschosse galt, aber nicht für die unteren: Eine Reihe Tannen vor seinem Balkon verdeckte die Sicht auf alles, was mehr als einen Steinwurf entfernt war.
Hamid Boulanouar, ein Mann mit wachen Augen und für sein Alter erstaunlich vollem Haar, erwartete ihn. »Salut Luc«, grüsste er mit rauchigem Timbre. »Ich soll dir ausrichten, dass der Hund von Madame Koch froh wäre, wenn du mit ihm spazieren gingest.«
Hamid tat, als suche er eine Zigarette in seiner Hosentasche. Er rauche nicht, entschuldigte sich Luc, worauf er zu einem Kaffee eingeladen wurde.
»Wenn es keine Umstände macht.«
Hamid bat ihn hinein, Luc zog die Schuhe aus und rutschte auf Socken über das Parkett. Im Wohnzimmer wurde ihm der Platz auf dem Sofa angeboten, er setzte sich. Es tat gut, in Gesellschaft zu sein. Hamid servierte Kaffee.
»Du hast einen praktischen Namen«, begann Hamid die Konversation. »Kurz und klar, ein Abenteurername, passend für einen Mann um die dreissig.«
»Ich wurde nach dem Vater meiner Mutter benannt.«
»Er muss ein besonderer Mann gewesen sein«, meinte Hamid freundlich. »Oder die Mutter war sehr durchsetzungsfähig.«
Luc liess sich tiefer in das weiche Sofa fallen und nahm einen Schluck Kaffee. Da er nun das Tischchen mit der Hand nicht mehr erreichte, hielt er die leere Tasse in der Hand, er kam sich vor wie eine Tante beim Kränzchen. Aus einem ihm unerklärlichen Grund schaffte er es nicht, mit diesem Tässchen in der Hand zu antworten. Als hätte er Angst, es zu zerbrechen oder, schlimmer noch, mit der Stimme einer Frau zu antworten.
Was ein Tässchen alles auslöst, dachte er beiläufig, und dass Sprichwörter mit Tassen durchaus geeignet waren, um Verrücktheiten auszudrücken. Er begann, das Porzellan rundherum zu begutachten, drehte und wendete es. Schien es ihm erforderlich, hielt er den Kopf schief, um eine Lichtspiegelung mit besonders distanziert kritischem Auge zu betrachten. Ein Räuspern weckte ihn aus seiner Meditation.
»Hunger?«
»Danke, nein.«
»Musik?«
»Warum nicht.«
Hamid holte im Nebenzimmer eine Gitarre und einen Fussschemel, den er vor einem Stuhl platzierte. Als er sich eingerichtet hatte, entschuldigte er sich, er sei leider ausser Übung, es dauere, bis die Finger wieder Bescheid wüssten. Er zupfte einige Akkorde und lauschte den Klängen nach. Nach einem Moment der Stille fragte er: »Noch einen Kaffee?«
Luc, der immer noch mit seinem Porzellangefäss haderte, hielt ihm dankbar die Tasse hin.
»Dachte ich mir.« Hamid huschte in die Küche, von wo er mit einer vollen Tasse zurückkehrte.
»Bereits gesüsst«, erklärte er und mit einem trockenen »Et voilà« überreichte er sie.
Behutsam begann Hamid wieder die Saiten zu zupfen. Luc beobachtete seinen umtriebigen Nachbarn; er wusste nicht, wie er ihn einschätzen sollte, sinnierte darüber, liess es jedoch bald bleiben, die Melodien trugen seine Gedanken fort.
Er döste ein.
Selbstvergessen zupfte Hamid die Saiten und murmelte die Liedertexte, die er aus seiner Kindheit kannte.
Plötzlich schrak Luc hoch. Ihm war, als hätte er etwas zu erledigen. »Der Hund«, erinnerte er sich und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. Das Spiel wurde unterbrochen.
»Der Hund?«
»Ich sollte raus mit ihm.«
Hamid stellte die Gitarre zur Seite und begleitete seinen Gast in den Flur, wo Luc seine Schuhe anzog und sich zwischen der Wohnungstür und Hamids wachen Augen etwas verloren vorkam.
»Du spielst gut, Hamid. Mit Gefühl, ein richtiger Musiker. Ich spielte Klarinette, meine Mutter wollte es so – fürs Hausorchester.«
Hamid zog eine Augenbraue hoch: »Eine musikalische Familie?«
»Ja, liegt in der Familie. Ein Onkel ist Pianist, meine Mutter singt sehr gut.« Lucs Gesicht erhellte sich, er lächelte, als er weitersprach. »Mama hatte sich rührend gekümmert, geduldig, liebevoll. Dabei war klar, dass bei mir nicht viel zu holen war; ich war sportlich interessiert. Obwohl ich ganz passabel spielte.«
»Wie meine Familie, damals. Wir spielten zu siebt auf Hochzeiten und Dorffeiern. Die ganze Nacht, alle gemeinsam.«
»Wir gaben Konzerte bei befreundeten Winzerfamilien.« Luc trat ins Treppenhaus. »Es ist Zeit«, sagte er und bedankte sich.
Ein Getriebener, dachte Hamid, trat einen Schritt zurück und sagte: »Geh mit Gott.«
Luc lachte trocken.
Hamid schloss die Tür.
Draussen kroch der kalte Novembernebel einer formlosen Anschuldigung gleich durch die Kleider bis in seine gekränkte Seele. Nach einer Runde um den Block hatte er genug und teilte dem Boxerhund mit, dass er morgen mit Frauchen wieder seinen gewohnten Rundgang habe. Der Hund winselte, er hätte gerne noch den Waldrand inspiziert. Zum Trost nahm er ihn in seine Wohnung, wo er sich freudig auf dem Teppich vor dem Fernseher wälzte. Luc füllte sich ein Glas mit Wein, setzte sich aufs Sofa und klemmte die kalten Füsse unter den Hund, der es sich widerstandslos gefallen liess. Nach dem dritten Glas kam er ins Grübeln. Er dachte an seine Zukunft; dass sein Leben dringend einer Änderung bedurfte; dass er sich vorstellen konnte, diese Wohnung nicht nur vorübergehend zu bewohnen; dass er sich keinesfalls dem Alkohol ergeben durfte. Vor allem das nicht.
5
Aziz Bounabi sass schweigend hinter Luc und Thierry. Die Pistole in seiner rechten Hand pendelte von Fahrer zu Beifahrer und wieder zurück, der Oberkörper schaukelte unruhig, ein Fuss steckte unter dem Fahrersitz, der andere zitterte unablässig.
Thierry Rodenbach dachte an Juliette, die in seinem Mercedes nach Hause fuhr, während er diesem verrückten Terroristen ausgeliefert war. Falls ihm etwas zustossen sollte, trug sie die Schuld, befand er, und irgendwie schien dieser Gedanke tröstlich; er stellte sich seine Beerdigung vor, wie Juliette unter Schuldgefühlen zusammenbricht, unablässig seinen Namen murmelnd.
Luc reihte sich auf der rechten Spur hinter einem Zementtransporter ein. Er hielt grosszügig Abstand, der Verkehr rollte unaufgeregt. Vor dem Anstieg auf die Rhonebrücke überholte der kleine Peugeot, der ihm seit der Raststätte gefolgt war.
Eine abfallende Tonfolge kündete seinen Disponenten an: »Hast du’s gehört?«, kam Meyer grusslos zur Sache.
»Ich hatte Pause«, antwortete Luc ausweichend und hielt die offene Hand beschwichtigend Richtung Aziz, Thierry versah er mit einem warnenden Blick. Dieser verstand sofort: Klappe halten.
»Schlimme Sache in Orange.«
»Ich bin auf der Rohnebrücke, die Stadt liegt direkt vor mir.«
»Ein Attentat, irgendwas in der Art, am besten schaltest du das Radio ein. Wahrscheinlich schliessen sie die Zufahrten und es gibt Kontrollen und Sperren der Autobahnpolizei.«
Luc sah unauffällig in den Fonds der Kabine, von wo aus Aziz ihn mit dunklen Augen anstarrte. Der Junge gehört also dazu, dachte er, und erstmals wurde ihm der Ernst der Lage bewusst.
»Attentat? Wann?«
»Eine Schiesserei, Tote, Verletzte, grauenhaft.«
»Ich schalte auf ›France Info‹. Die senden pausenlos die neuesten Nachrichten. Normalerweise erspar ich mir das, schlägt nämlich übel auf die Laune.«
»Gute Idee, halt dich auf dem Laufenden … Schaffst du es bis um sieben nach Aarau?«
»Wenn nichts dazwischenkommt.«
»Pass auf dich auf.«
»Keine Sorge, wir kommen klar.«
»Wir?«
»Wir?, das … ist nur so dahergesagt.«
»Ach so.«
Den Blick Aziz zugewandt, erklärte Luc, dass er jetzt das Radio einschalte und daher ein paar Knöpfe zu drücken habe. Er wies mit dem Zeigefinger auf alle Knöpfe und Tasten, die zum Gerät gehörten. »Die hier oberhalb«, er zeigte auf einige mit Zeichen versehene Tasten, »die gehören nicht dazu.«
»Wer war das?«, unterbrach ihn Aziz.
»Das war Meyer, mein Disponent. Er hat Zugang zum Bordcomputer. Über GPS sieht er, wo ich mich befinde.«
»Wir sollten Meyer sagen, was los ist«, meinte Thierry und Aziz erwiderte, dass es hier keine Hilfe benötige: »Ihr tut was ich sage, und alles ist gut.«
»Verstanden, reg dich nicht auf«, antwortete Thierry, »der mit Waffe hat die Macht. Auch wenn sonst die Sache anders aussehen würde.«
»Thierry, halt mal deine Klappe, die Nachrichten beginnen.«
»Thierry«, wiederholte Aziz, froh ihn beim Namen nennen zu können.
Thierry Rodenbach rieb sich mit Zeigefinger und Daumen die Nasenspitze und nestelte nervös an den Knöpfen seines rosa Hemdes; ihm war plötzlich heiss, er schwitzte und verlangte, dass Luc endlich die Klimaanlage einschalte.
»Funktioniert mit Klimaautomatik, hält die Temperatur auf konstant 23 Grad.«
»Dann öffne die Fenster. Ich krepiere.«
»Zieh die Jacke aus.«
»Ich ersticke, hier fehlt Sauerstoff! In diesem Karren wird einem übel. So eine verdammte Dreckskiste!«
»Halt die Fresse«, brüllte Luc und schlug mit der flachen Hand auf die Ablage.
»Die Fenster bleiben zu«, bestimmte Aziz und war überrascht, welche Autorität ihm die Waffe verlieh: Nicht ein Murren war zu vernehmen, nur die Radiostimme kündete eine Sondersendung an.
Radio France Info, 16:30 Uhr:
›Marianne Blésier, Sie befinden sich in Orange.‹
›Bonjour Cedric Crissier. Es herrscht Unklarheit, was genau passiert ist. Der Tatort befindet sich am Cours Aristide Briand, einem Parkplatz eingangs der Altstadt. Ersten Berichten zufolge schossen mehrere bewaffnete Männer auf eine Polizeieinheit, die sich vor dem Stadttheater aufhielt. Es heisst, dass einige der Täter fliehen konnten.‹
›Wie ist die aktuelle Situation in Orange, Marianne Blésier?‹
›Die Rettungsteams sind eingetroffen, man spricht von mindestens zwei Toten und zahlreichen Verletzten, darunter Zivilisten, die sich dort aufhielten … Ich erhalte eben eine Meldung, dass ein Juweliergeschäft überfallen wurde … Die Polizei durchkämmt die Altstadt nach weiteren Tätern.‹
›Gibt es Hinweise auf einen islamistischen Hintergrund?‹
›Noch ist nichts sicher, erste Zeugenaussagen deuten darauf hin.‹
›Marianne Blésier, danke für Ihre ersten Einschätzungen.‹
»Das genügt wohl«, meinte Luc und stellte das Radio leiser. Er lenkte den Lkw über eine Brücke und eine langgezogene Linkskurve auf die A7, die Autoroute de soleil, die von Marseille nach Lyon führte.
Polizeifahrzeuge waren keine zu sehen, dafür kreisten blauweisse Helikopter am pastellfarbenen Vorabendhimmel. Luc kannte die kleine Stadt, in der das Attentat geschehen war. Auch den Parkplatz, auf dem die Einheimischen täglich um die freien Plätze kämpfen mussten mit Touristen, die von weit hergereist waren, um das römische Erbe des Städtchens zu sehen, die verwinkelten Gassen und die historischen, von Platanen beschatteten Plätze.
Thierry schaute mit zusammengekniffenen Augen zu einem Helikopter, der in geringer Höhe über der Autobahn kreiste – zu gerne hätte er gewunken, geschrien, eine Leuchtrakete geschossen, die rot brennend bogenförmig in den Himmel gestiegen wäre. Oder wenigstens einen Rettungsring aus dem Fenster geschmissen. Warten und sich dem Schicksal überlassen: das war nichts für ihn. Doch es blieb ihm nichts anderes übrig, wenn er sein Leben nicht gefährden wollte. Er brauchte einen Plan und einen kühlen Kopf. Beides fehlte.
»Ich fahre über Lyon«, erklärte Luc.
Niemand antwortete. Nach einer unangenehm langen Pause sagte Aziz: »Ich habe mit diesem Attentat nichts zu tun.«
»Es sieht aber danach aus, Aziz«, entgegnete Luc.
»Aziz«, wiederholte Thierry, den letzten Konsonanten liess er lange nachzischen. Er starrte aus dem Seitenfenster, die allmählich grüner werdende Landschaft zog an ihm vorbei. Er überlegte. Ein Plan musste her, der a) den Terroristen beseitigt und b) ihn zu Juliette zurückbringt. Obwohl, dachte Thierry, b) ist unwichtig. Er hatte ja noch Anna, fast genauso hübsch, aber weniger hysterisch. Er tastete nach ihrem Handy in seiner Jackentasche.
Ob er versuchen sollte, einen Notruf zu senden?
Wenn er das Gerät vor Aziz verborgen hielt, sah Luc ihn die Nachricht schreiben. Thierry beschlich das ungute Gefühl, dass sich der Fahrer verdächtig gut mit Aziz verstand. Zu gut. Schon die Blicke, die sich die beiden zugeworfen hatten, als er eingestiegen war. Auch fuhr Luc seltsam ruhig, gerade so, als handelte es sich um eine gewöhnliche Fahrt. Wollte er überleben, musste er rausfinden, was hier wirklich gespielt wurde. Strategisch denken und vorgehen. Mit möglichst unverfänglichem Tonfall fragte er: »Was transportierst du eigentlich in deinem Anhänger?«
»Orangen, aber nicht nur.«
»Von Spanien in die Schweiz?«
»Nach Aarau, genaugenommen.«
»Das machst du gerne? So alleine herumfahren?«
»Alleine, schön wär‘s. Sieh dich mal um!«
Aziz räusperte sich.
Thierry und Luc verstummten gehorsam.
Wie eine Spinne hockte der Maghrebiner auf der Ruheliege und kontrollierte aus dem Halbdunkel seine Geiseln. Thierrys Bein begann zu zittern; er war einem Feind ausgesetzt, dem er nicht in die Augen sehen konnte, ohne Möglichkeit zur Flucht oder wenigstens zur Konfrontation. Düstere Phantasien über den weiteren Verlauf begannen in seinem Kopf zu spuken.
Luc blieb schweigsam und ruhig. Es galt abzuwarten. Entgegen der offensichtlichen Situation gelangte er allmählich zur Überzeugung, dass die eigentliche Gefahr eher von Thierry ausging; er schien unberechenbar, da er sich sowohl von Aziz als auch ihm bedroht zu fühlen schien. Bei Montélimar beruhigte sich Thierry, die gehetzten Blicke und das Nesteln an Kleidern und Gesicht verschwanden, dafür machte er jetzt einen seltsam apathischen Eindruck.
Hoffentlich ist er nur schläfrig, dachte Luc und verscheuchte seine zwiespältigen Gefühle über Thierrys psychische Verfassung. Aus den Augenwinkeln beobachtete er Aziz. Dem ist recht, wenn er vergessen wird, urteilte Luc und merkte, dass ihm dieser junge Mann unter anderen Umständen durchaus sympathisch hätte sein können.
»Vor Lyon fahren wir durch eine Zahlstelle. Ich werde auf der Lastwagenspur erfasst und abgerechnet, alles elektronisch«, erklärte Luc. »Erfahrungsgemäss gibt es vor oder nach der Stadt Polizeikontrollen, vielleicht auch vor und nach. Wenn ihr ruhig bleibt, gibt es keine Schwierigkeiten. Merkt euch: unauffällig ist ungefährlich. Ich will keinen Ärger mit euch Komikern.«
Thierry schüttelte angewidert den Kopf. Für ihn war das Fluchthilfe. So einfach durfte der Typ nicht entkommen, wie auch immer er in das Attentat verwickelt gewesen war.
Nach und nach brummte der Motor die erregten Gemüter der Männer in eine Art meditative Lethargie. Sie hingen ihren Gedanken nach, die vom Stress verspannten Muskeln begannen sich zu lösen. Luc lockerte die Halsmuskulatur und Thierry verspürte einen steigenden Druck auf der Blase.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.