Kitabı oku: «Sara Z., verschwunden»

Yazı tipi:


Pirmin Müller

Sara Z., verschwunden

Roman


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Impressum

© 2021 boox-verlag, Urnäsch

Alle Rechte vorbehalten

Cover-Illustration: Irene Schoch

Covergestaltung: Jonathan Graf, media-graf.ch

Lektorat: Verena Schneider

Korrektorat: Beat Zaugg

ISBN 978-3-906037-62-2 (Taschenbuch)

ISBN 978-3-906037-63-9 (ebook)

www.boox-verlag.ch

Alles ändert sich.

Ovid

Inhalt

1. Falsche Ballerinas

2. Rahel

3. Die Kommission

4. Es hallt von der Kirchenwand

5. Sara

6. Sara

7. Ein guter Tag

8. Otto

9. Dorothea

10. Dorothea

11. Disput

12. Sommerloch

13. Nachts auf der Autobahn

14. Von oben gesehen ein weites Land

15. Blaue Augen

16. Die Feier

17. Die Feier

18. Häusermanns Hinterlassenschaft

19. Besuch

20. Wenn es dunkel wird und kalt

21. Obergrenchenberg

22. Besitzverhältnisse

23. Lenas Podcast, erster Versuch

24. Lenas Podcast, zweiter Versuch

25. Stadtrat

26. Spätherbst

27. Die Kommission

28. Rahel

29. Kindheit

30. In der Ruhe liegt die Kraft

31. Unterwegs

32. Das Konzert

33. Lena schreibt

34. Lena schreibt

35. Lena schreibt

36. Rahel

37. Rahel

38. Mauern

39. Untiefen

40. Dorothea und Otto

41. Am Fluss

42. Es mangelt nicht an Mut

43. Einvernahme

44. Ich werde bei dir sein

45. Abschied

46. Otto

47. Lyon

48. Lena schreibt

Dank

1. Falsche Ballerinas

Rahel stand in der Tür und wartete. Es dauerte, bis ihre Tochter passende Schuhe gefunden hatte. Nach einigem Hin und Her entschied sich Lena für weisse Turnschuhe, schlüpfte hinein und zeigte ihr fröhlichstes Zahnspangenlachen. Sie hauchte einen Kuss in die Luft, rannte aus dem Haus und vornübergebeugt den Fussweg zur Altstadt hoch. Auf halber Höhe traf sie eine Mitschülerin, gemeinsam nahmen sie die Abkürzung über den Kirchsteig.

Rahel klopfte eine Zigarette aus der Packung und zündete sie an. Gegenüber der Veranda hellte sich die Betonwand mit der höher steigenden Sonne auf.

Als Kinder hatten sie von hier Aussicht auf ein überwuchertes Gelände, auf dem eine backsteinerne Werkstatt stand, deren Dach eingefallen war. Ein Baum wuchs aus der Lücke, ein prächtiger Ahorn, hinter dem Sara und sie sich versteckten, wenn Mutter nach ihnen rief. Sie warteten aneinandergeschmiegt und tuschelten, bis Vater in die Werkstatt trat und schimpfte.

«Kommt endlich nach Hause. Wer weiss schon, wer sich im Halbdunkel herumtreibt. Mutter hat es nicht umsonst verboten.»

Vater war ein ängstlicher Mann gewesen.

Rahel stellte den Aschenbecher auf den Sims, liess sich in der Küche Wasser über die Unterarme laufen, trocknete die Hände gründlich ab und versuchte, ihre Haare zu ordnen. Im Flur schaute sie sich nach allen Seiten um (allein im stillen Haus fühlte sie sich unbehaglich, manchmal beobachtet) und stieg die Treppe hoch in ihr Atelier. Dort nahm sie den Papierstapel für die Gemeinderatssitzung und warf ihn auf den Tisch zu den anderen Dokumenten, die sie auch noch nicht gelesen hatte.

Sie setzte sich auf ihren Atelierstuhl, ein Modell aus den Fünfzigerjahren. Die Stifte lagen bereit. Sie nahm einen weichen Bleistift für die Skizze, atmete aus, erschuf sich vor dem inneren Auge das Bild, die Komposition der Linien, die Anordnung der Farben. Der erste Strich schwang sich dynamisch von links unten nach rechts über das Papier; der mächtige Rücken des Löwen. Die gefährliche Entschlossenheit des Blicks gelang mit wenigen Andeutungen, auch die gespreizten Pfoten. Unschlüssig, ob er noch lauert oder sich bereits im Sprung befindet, legte Rahel den Stift beiseite, setzte sich auf die Vorderkante des Stuhls, ahmte mit vorgereckten Armen und Krallenfingern die Bewegung nach.

Der Löwe lauert, er schleicht mit peitschendem Schwanz dem Boden entlang, zum Sprung bereit. Auf einem rötlichen, vom Wind geschliffenen Felsbrocken.

Sie skizzierte ein zerzaustes Bäumchen auf dem Skizzenblock, doch die Versuche misslangen ein ums andere Mal, bis sie es spiegelbildlich zeichnete. Jetzt spürte sie den Wind, der trocken und staubig durch Busch und Löwenmähne fährt. Erneut malte sie mit ihren Händen die Bewegungen in die Luft. Sie nahm den Pinsel und tunkte ihn in die Tusche. Zügig zog sie die Linien, kein Gedanke störte. Nach dem letzten Strich legte sie ihre Werkzeuge beiseite. Während die Farbe trocknete, kalligraphierte sie den Text mit hohen Schwüngen der Buchstaben, en passant hingeschrieben, trotzdem leserlich. So wünschte es Dorothea, die Auftraggeberin, für den fünfundvierzigsten und vielleicht letzten Hochzeitstag, den ihr Mann wachen Verstandes erleben würde.

Die Eingangstür knallte ins Schloss, Lenas Schulmappe scheuerte über die Steinplatten.

«Mama, bist du hier?»

«Natürlich bin ich hier. Wo denn sonst?»

«Es ist Mittag, hast du das nicht bemerkt?»

Rahel rannte die Treppe hinunter, entschuldigte sich – «habe im Atelier die Zeit vergessen» – und fragte nach Essenswünschen.

«Ich koche selbst.» Lena schaute tief in die dunklen Augen ihrer Mutter. «Isst du mit?»

«Ich mache uns feine Spaghetti», verteidigte sich Rahel.

Lena ging an den Vorratsschrank, schüttelte den Kopf und öffnete den Kühlschrank.

«Kaum ist Marek weg, bricht bei uns das Chaos aus.»

«Gehen wir besser in das neue Restaurant an der Aare, ich lade dich ein.»

«Danke, Mama», spöttelte Lena.

Das Verhalten des Mädchens wurde für Rahel zunehmend rätselhaft; ein launisches, kindliches Wesen mit pubertärem Körper und Zahnspange.

«Es gibt dort vegetarisch, da bin ich mir sicher. Schöne Atmosphäre, direkt am Ufer.»

«Einverstanden. Aber wenn ich einen Lehrer sehe, flüchte ich sofort. Ich verstecke mich unter dem Tisch.»

Rahel lachte.

«Komm schon, Mama, sonst ist alles besetzt.» Lena zog sie am Arm.

«Meine Schuhe, Kindchen.»

«Nimm meine, die stehen dir.»

«Soweit kommt es noch», erwiderte Rahel, während sie in Lenas hellblaue Ballerinas schlüpfte (sie passten ausgezeichnet).

«Wir sind eben beide ziemlich klein.»

«Bei dir besteht wenigstens noch Hoffnung.»

«Bald bin ich grösser als du.»

«Die Mama bleibe trotzdem ich.»

«Einverstanden», sagte Lena.

Der mit frischem Zitronensaft zubereitete Couscous-Salat schmeckte vorzüglich, Mutter und Tochter waren sich (ausnahmsweise) einig: herrliches Essen, wunderbares Ambiente.

Rahels Handy summte, auf dem Display erschien Dorotheas Nummer.

Per Handzeichen verabschiedete sich Lena, stellte Besteck und Teller zusammen und ging damit zur Rückgabe. Dort übernahm es eine Angestellte, eine dunkelhäutige Frau mit einer Zahnlücke. Lena war empört, in Geschichte hatten sie den Kolonialismus und dessen Folgen behandelt. In einer Mischung aus Entrüstung und diffus schlechtem Gewissen bedankte sie sich überschwänglich für die Geschirrabnahme, völlig übertrieben, wie sie selbst fand, und sie fragte sich, ob das nicht auch schon wieder Rassismus sei. Da sie freundlich verabschiedet wurde, beschloss sie, dass es so schlimm nicht gewesen sein konnte.

2. Rahel

Nachdem Rahel das Telefongespräch beendet hatte, platzierte sie ihr Handy parallel zur Sonnenbrille vor sich auf dem Tisch. Sie nahm die Vase mit den Feldblumen, stellte sie dazu, betrachtete die Gegenstände, ordnete sie geduldig um, bis das kleine Stillleben ihren Vorstellungen entsprach.

Dorothea Schulze, geb. von Landenberg, trug ein kanariengelbes Sommerkleid, viel Lippenstift und einen Strohhut mit einem Federarrangement. Sie hielt sich aufrecht, Schultern zurück, Kopf hoch, Rücken gerade – eine Aristokratin hatte die Form zu wahren, wie widrig die Umstände auch sein mochten. So hatte sie es gelernt. Zur Begrüssung küsste sie Rahel auf die Wange und setzte sich zu ihr unter das Sonnensegel, das sich von der Theke rautenförmig über den Vorplatz spannte.

«Einen Tee bitte!»

Der angesprochene Kellner mühte sich an den Tisch, stellte sich mit der Getränkekarte vor sie hin und betete die grossartige Teeauswahl herunter.

«Einen Schwarztee bitte.»

«Sie haben auch hier die Wahl zwischen verschiedenen Geschmacksrichtungen. Falls Sie eine Empfehlung benötigen: Auf meine Erfahrung dürfen Sie sich verlassen.»

«Darjeeling bitte. Klassisch, mit Milch.» Dorothea verdrehte die Augen.

Rahel grinste. «Schön, dass du gekommen bist.»

Sie zeigte ihr die Fotos des lauernden Löwen, den sie gemalt hatte.

Dorothea betrachtete das Bild, nahm Rahels Hand und hielt sie fest.

«So habe ich es mir vorgestellt. Das ist Otto, wie er in meiner Erinnerung bleiben soll.»

«Danke, das freut mich.» Rahel errötete.

«Heute fühlt er sich gut. Bei klarem Wetter scheint es ihm besser zu gehen.» Sie liess das Teesieb abtropfen und legte es auf den Unterteller. Die Milch roch frisch, behutsam goss sie die nötige Menge in die Tasse. «Otto erzählt von früher – Dinge, über die er geschwiegen hat, all die Jahre, die wir zusammen waren. Ich lerne eine Seite kennen, die mir in dieser Form unbekannt gewesen war: Wut, Angst, Verbitterung.»

Sie nippte an ihrem Tee, schaute auf die schimmernde Aare, auf den Fussweg zwischen Fluss und Restaurant, zu den Müttern mit ihren Kinderwagen. «Er hat ja nie über seine Ermittlungen geredet. Jetzt denke ich, es hat seine Persönlichkeit entzweit. Als wären wir zusammen auf einem Schiff gewesen, und zur Arbeit wäre er an Land gegangen.»

«Hat er von Sara gesprochen?», fragte Rahel.

«Über deine Schwester hat er viel geredet, wie die ganze Stadt. Es hat ihn mitgenommen, auch die Anfeindungen.»

Rahel deutete mit dem Finger unauffällig auf die anderen Gäste und tippte sich ans Ohr. Dorothea verstand, wechselte das Thema und trank den Tee zu Ende.

Es folgte das Zeremoniell des Rechnungbegleichens in Szenerestaurants: Geldschein in die Höhe halten, winken, rufen, kaum sichtbare Gesten als positive Zeichen deuten. Warten, bis der Kellner die Zeit für gekommen hält. Dorothea zahlte die Essen, Rahel übernahm die Getränke. Auf seinen tadelnden Blick hin schoben sie Trinkgeld nach, traten unter dem Sonnensegel hervor und atmeten durch. Rahel zündete sich eine Zigarette an.

«Übrigens», sagte sie zwischen zwei Zügen, «ich bin in die Sicherheitskommission nachnominiert worden. Stell dir vor, kaum im Gemeinderat, schon in einer Kommission. Heute Abend ist die erste Sitzung.»

«Ah ja», Dorothea zog eine Augenbraue hoch.

«Pia van Eick, meine Vorgängerin, ist ausgewandert. Nach Bolivien, Biolandbau. In Wahrheit sei es Liebe gewesen, ein Musiker, den sie an einem Festival kennengelernt habe. Die Gute sei jedenfalls nicht mehr zu halten gewesen.»

Auf Rahels Schreibtisch türmten sich die Akten in beeindruckende Höhen. Eine Machtdemonstration der direkten Demokratie, vor der sich Rahel klein und unwissend fühlte. Sie stand auf, stieg die Treppe hinunter und trat auf die Veranda vor der Küche. Eine Amsel sammelte in einem Gestrüpp Ästchen für den Nestbau. Vorbildlich, dachte Rahel. Das macht wenigstens Sinn.

Der Papierstapel lag genauso da wie vor der Pause. Sie las sich quer durch die Seiten, Vorfälle bei der Polizei, alles längst bekannt. Mehr Personal und Mittel wurden verlangt, um den ständig wachsenden Herausforderungen zu begegnen.

Schreibt doch gleich, dass es ums Geld geht.

Sie überflog den zugehörigen Rapport: Polizist A auf Streife mit Polizist B, auffälligen Eritreer beim Bahnhof festgehalten, Einmischung der Umstehenden, die Situation eskalierte. Einsatz von Pfefferspray, Ruhigstellung des Verdächtigen, worauf dieser mit Kopfverletzungen ins Spital gebracht werden musste.

Unschön, doch nicht der Rede wert, hätte es nicht ein Jugendlicher gefilmt und auf Instagram gepostet.

Nichts hat sich geändert, dachte Rahel. Dieselben Personen kontrollieren die Stadt. Neugewählte fügen sich ein und vergessen die Missstände, die sie im Wahlkampf angeprangert hatten. Es war ein Fehler gewesen, sich auf die Wahlliste setzen zu lassen. Ein Missgeschick.

Eine Fliege schwirrte über den Tisch und hielt auf einem Bleistift inne. Von dort flog sie weiter ans Fenster, wo sie auf einer Querstrebe verharrte.

Das Handy summte, eine unbekannte Nummer. Rahel erwachte aus ihren Gedanken.

«Ja, bitte.»

Ein schnellsprechender Verkäufer empfahl sich für günstige Abonnements von Frauenzeitschriften. Noch günstiger bei Abschluss jetzt gleich am Telefon.

«Nein, danke», sagte sie freundlich und hängte auf. Oben in der Altstadt schlugen die Glocken der Kirche vier Uhr. Sie kämpfte sich weiter durch das Gewirr der Worte. Als sie das letzte Blatt beiseiteschob, hatte sie vergessen, was sie eben gelesen hatte. Als wäre die Schnur der Erinnerung gerissen, die Gedächtnisfolge auseinandergefallen. Rahel wusste, dass es mit der Belastung durch Ungewohntes – der ersten Kommissionssitzung – zusammenhing, dass es vorübergehen würde, und dass es sich um eine zeitweilige Einschränkung handelte, mit der es sich leben liess. Nichts Bedrohliches.

3. Die Kommission

Ausser der Stadtpräsidentin Verena Grunder-Koch, die von Amtes wegen Einsitz hatte, war Rahel die einzige Frau in der Sicherheitskommission. Sechs Herren, ein Sozialdemokrat und fünf Bürgerliche, standen im Sitzungszimmer 2a, ovaler Nussbaumtisch, herrlicher Ausblick auf die Jurakette. Die Begrüssung: luftiges Küsschen hier, stählerner Händedruck dort, bei Parteifreunden verbunden mit Schulter- und Rückenklopfen. Austausch der üblichen Belanglosigkeiten, danach das routinierte Platzieren der Akten und Rechner – Vorbereitungshandlungen für einen langen Sitzungsabend. Mineralwasser mit und ohne Kohlensäure stand auf dem Tisch bereit, in Keramikschälchen lockten Lindor-Kugeln. Die Temperatur war angenehm, die neue Belüftungsanlage bewährte sich, was inzwischen auch die grössten Sparfüchse im Gemeinderat anerkannten.

Trotz der lockeren Attitude wirkten die Herren verschlossen wie Burgen, ganz im Gegensatz zur Stadtpräsidentin, die Rahel den Platz neben sich zuwies und sich nach ihrem Befinden erkundigte.

«Sehr freundlich. Danke, es geht.»

«Als Präsidentin sitze ich oben am Tisch. Es gibt keine festgeschriebene Sitzordnung, allerdings sitzen die Herren stur am selben Platz. Wahrscheinlich nennen sie es prinzipientreu. Oder standhaft.»

Rahel lächelte, die Anspannung (ihre eigene und die der andern, die sich auf sie übertragen hatte) wich aus Nacken und Brust. Der Raum kam ihr luftiger vor, die Kommissionsmitglieder weniger gewichtig.

Der Protokollführer schloss die Tür, die Traktanden wurden eröffnet, der Polizeichef auf zwanzig Uhr angekündigt.

Stadtrat Gregor Häusermann, seit vier Legislaturen Vorsteher Departement Sicherheit und Verkehr, drückte die Fingerspitzen gegeneinander. Im trockenen Ton eines müde gewordenen Politikers mahnte er Disziplin an. Ihm gegenüber sass Parteikollege Schornfeger, so unbedeutend wie sich selbst überschätzend, der sich einer Karriere zwischen Parteilinie und Verschwörungstheorien entlanghangelte. Mit seinen engstehenden Augen, dem bohrenden Blick und dem schütteren Haar, dem er neuerdings einen getrimmten Bart gegenüberstellte, hatte er nichts Gewinnendes an sich. Nichtsdestotrotz sah er sich als Häusermanns Nachfolger.

Zwei Herren erzählten sich Geschichten von den Schulreisen ihrer Kinder.

Häusermann schlug die Beine übereinander und wartete. Mit kühlem Blick besah er die Runde und schätzte den Ausgang der Sitzung ab. Er war sich sicher: Die Polizei kommt mit einem Verweis davon, keine weiteren Untersuchungen, keine personellen Konsequenzen. Für einen Eritreer lehnten sich nicht mal die Linken aus dem Fenster. Selbst wenn die Aufnahmen der Polizeigewalt für Empörung gesorgt hatten: Die Männer, die am Bahnhof herumhingen, waren einfach zu unbeliebt. Ausserdem war unklar, weshalb sie geflohen waren – es sei in dem Land gar nicht schlimm, berichteten gewisse Politiker, die dort auf Staatsbesuch gewesen waren. Selbst der schöne Arno Hendrick, Sozialdemokrat und Kolumnenschreiber in verschiedenen Lokalzeitungen, hatte vorgängig versichert, es gebe von seiner Seite keinen Widerstand. Seine Fraktion stehe hinter ihm.

Häusermann nickte ihm zu.

Hendrick musterte ihn kurz, mit einer leicht schiefen Kopfhaltung deutete er ebenfalls ein Nicken an.

Stadtpräsidentin Grunder-Koch flüsterte mit Rahel, irgendetwas Aufmunterndes, jedenfalls grinsten sie sich zu.

Häusermann liess sie gewähren. Jeder hier kannte die Geschichte der Zeittlingers, wusste, was die Familie nach Saras Verschwinden durchgemacht hatte. Damals, im zweitletzten Sommer vor dem Jahrtausendwechsel. Er war Fraktionspräsident gewesen, besass rhetorisches Talent, Stil und Charisma. Vor ihm lag, da waren sich alle einig, eine brillante Karriere. Frisch geschieden und ebenso frisch verliebt. Einen Liebhaber in Lausanne, von dem niemand wusste.

In jenem Sommer lagen grosse Gefühle in der Luft. Die Welt offen und frei, die Ideologien des kalten Krieges versenkt, die Zukunft ein Zusammenspiel aus Kreativität, Technologie und Toleranz.

Die Tragödie hatte am Donnerstag, dem 17. Juni 1998, begonnen. Nach einem heissen Tag türmten sich über dem Jura Gewitterwolken auf, es blitzte in der Ferne, einzelne Böen schafften es bis in die Stadt. Es blieb trocken. Die Altstadt voll mit Menschen, eine wunderbare Nacht. Rahel war mit ihrer Schwester im Stadtpark gewesen. Sie feierten den Geburtstag eines Freundes aus der Kantonsschulzeit, ihre Jugend und das bevorstehende Baden in den Nebenarmen der Aare, das unvergleichliche sich Treibenlassen im Flusswasser. Rahel hatte getrunken, Wein und Wodka. Sara mochte keinen Alkohol, ihr widerstrebte der Geschmack. An diesem Abend trank sie trotzdem drei Gläser Wein. Kurz nach Mitternacht verabschiedeten sich die Schwestern von ihren Freunden. Unterhalb des Kirchplatzes, auf der Treppe, die in die Allmend abging, blieb Sara stehen. Sie las eine SMS auf ihrem Nokia und stellte dabei fest, dass sie ihren Armreif liegen gelassen hatte.

«Sicher auf dem Rasen», meinte sie.

«Es gibt bestimmt noch einen anderen Grund», entgegnete Rahel.

Sara habe daraufhin gelacht, gab Rahel später zu Protokoll. Sie habe gedacht, es handle sich um einen neuen Freund, einen aus der Clique, sonst wäre sie wohl kaum so aufgekratzt gewesen. Sie habe einen Song von Ibrahim Ferrer gesungen.

Gregor Häusermann räusperte sich. Nichts tat sich. Er klopfte mit den Knöcheln auf den Tisch. Das Gerede hörte auf, die Blicke wandten sich ihm zu. Er räusperte sich erneut, als Departementsleiter hatte er die Sitzung offiziell zu eröffnen. Er begann leise, wie er sich das zur Gewohnheit gemacht hatte, seine blauen Augen erfassten jedes Kommissionsmitglied. Eine rhetorische Pause, die Stimme anschliessend kräftiger – eingehend mahnte er zur Besonnenheit und zur Verantwortung gegenüber den Bürgern, vor allem auch gegenüber der Polizei, deren Ruf nicht unbegründet in den Dreck gezogen werden dürfe.

Häusermann schob die Traktandenliste beiseite und übergab das Wort der Präsidentin.

4. Es hallt von der Kirchenwand

«Nach der Sitzung ist vor der Sitzung», sagte Verena Grunder-Koch beim Abschied. «Das ist eben lokale Politik, das Bohren harter Bretter braucht Zeit. Heute hast du die ganz dicken Bretter erlebt.» Sie wartete Rahels Reaktion ab, als diese ausblieb, fuhr sie fort: «Die Polizei hat einen schweren Job. Kommandant Willisauer ist allergisch auf Kritik, dünnhäutig und eitel, das stimmt. Aber er führt seine Leute, er fordert sie, intern greift er durch.» Die Stadtpräsidentin klemmte ihre Mappe unter den Arm. Schornfeger eilte auf sie zu, bat um eine Minute, sie winkte ab, er solle morgen telefonieren.

Rahel überlegte einen Augenblick.

«Ich fand es befremdlich, wie die Herkunft des Opfers thematisiert wurde. Die Situation am Bahnhof – ich hatte nie Probleme mit Eritreern.»

«Es sind die Sorgen der Bevölkerung», entgegnete die Stadtpräsidentin, «und Bedrohung wird subjektiv erlebt. Die Politik ist männlich geprägt, leider, seit Jahrtausenden.»

«Das erklärt für mich noch nichts.» Rahel verschränkte die Arme vor der Brust.

«Politik ist eine Kunst, nicht nur des Machbaren, wie immer gesagt wird, sondern vor allem des Umgangs mit den Ängsten der Bevölkerung.»

Diese Erklärung verstand sie.

Drei Treppen führten vom Rathaus aus hinunter ins Allmendquartier: eine direkt an der Nordmauer über den behauenen Felsen, zwei bei der Kirche, wobei die eine als Tunnel durch eine Häuserreihe gebaut worden war. Meist nahm Rahel den Kirchweg, der länger war, dafür mit Strassenlaternen beleuchtet, gesäumt von denkmalgeschützten Fassaden und Fenstern, aus denen nachts Licht schien. Hier wohnten langjährige Mieter, die sich kannten und die gerne am Schattenhang lebten, solange sie dafür mit weniger Geld durchkamen.

Rahel trat durch die grosse Rathaustür ins Freie, eilte über den Vorplatz und bog in die erste Querstrasse, auf der sie zum Kirchplatz gelangte. Hinter sich hörte sie das Klacken harter Absätze auf dem Kopfsteinpflaster. Zwei Frauen mittleren Alters, die betrunken durch die Altstadt staksten – Rahel war beruhigt. Je näher sie der Kirche kam, desto deutlicher hörte sie die Schritte von vorne, als näherten sie sich aus der dunklen Nebengasse vor ihr. Das Phänomen war ihr bekannt, eine Reflexion des Schalls. Doch so täuschend wie jetzt hatte sie es noch nie erlebt. Auf der Höhe des Kirchturms hallten die Schritte aus allen Richtungen. Eine mysteriöse Vervielfachung, die kurz darauf in sich zusammenfiel. Rahel liess die beiden Frauen vorbei, die zielstrebig einer Haustür entgegenwankten. Die eine lachte, die andere sang, falsch, dafür mit Begeisterung und laut.

Rahel kam zum Pfarrsteig, wo sie sich von Sara verabschiedet hatte. Seit sie vor vier Jahren in ihre Stadt zurückgekehrt war, hatte der Ort für sie nichts mehr von der früheren Unheimlichkeit, selbst nachts strahlte er eine eigentümliche Vertrautheit aus. Eine Art Verbindung mit ihrer Schwester, mit ihrem früheren Leben, bevor es auseinanderfiel. Ein Gefühl von Zeitlosigkeit erfasste sie. Als wäre hier Anfang und Ende.

Einige Stufen tiefer verlor sich dieser Zustand, es blieb das Rauschen des Verkehrs, die Lichter, das dunkle Band der Aare.

Das Haus, in dem sie aufgewachsen war und jetzt wohnte, lag an einer Kreuzung von zwei kaum befahrenen Strassen. Sie öffnete das Gartentor, es quietschte, schloss es vorsichtig und trat auf den Kiesweg, der zur Veranda führte.

Es knackte im Unterholz.

Rahel zuckte zusammen und spürte in sich diese lauernde Angst, die sie seit Saras Verschwinden verfolgte. Sie konzentrierte sich auf das Jetzt. Der linke Schuh drückt an der Ferse. Zigarette ausdrücken. Die Handballen gegeneinander reiben und an die Schläfen pressen.

Es gibt keinen Grund zur Panik. Alles ist gut.

Sie öffnete die Verandatür. In der Küche stapelte sich Geschirr, es roch muffig. Lena hörte Musik in ihrem Zimmer.

5. Sara

Sara war stets fröhlicher gewesen als ihre Schwester. Sie hatte die Art der Grossmutter väterlicherseits, sportliche Figur, gewinnendes Wesen. Der Umgang mit Menschen fiel ihr leichter als Rahel, die brüsk und verschlossen sein konnte. Nach Abschluss des Gymnasiums plante sie ein Auslandjahr in Amerika, jedenfalls englischsprachig und keinesfalls Australien (da wollten alle hin, weshalb es für sie keine Option mehr war. Ausserdem schien ihr die Lebensweise zu lethargisch). Sara hatte Pläne für ihr Leben: Jurastudium, Anwältin in einer NGO für Kinderrechte, Familie. Dass sie den richtigen Mann finden würde, stand ausser Frage. Sie hatte dieses Flüchtige, Unverbindliche im Umgang mit Männern, die vergnügt-natürliche Anziehung derer, die wissen, dass sie begehrt werden. Nicht dass sie dauernd wechselnde Liebschaften gehabt hätte – im Grunde war sie konservativ, und das Begehrtwerden erfüllte bereits einen Grossteil ihrer erotischen Fantasie.

Während zweier Jahre hatte sie einen Freund gehabt, von dem sie sich im Herbst getrennt hatte. Er verstand nicht, was an ihm hätte ungenügend sein sollen. Es liege nicht an ihm, hatte sie ihm gesagt und kindisch gekichert, da sie sich fühlte wie eine Schauspielerin in den billigen Serien, die ihre Mutter schaute.

Im März begann sie eine Affäre mit einem zehn Jahre älteren Mann namens Oskar, der kurz vor der Heirat stand. In einer unkontrollierbaren Manie suchte er Sex mit jungen Frauen, Sara traf er in einem Café (ihr war eine Münze zu Boden gefallen, er gab sie zurück). Sie war sofort verliebt, auf den ersten Blick. Doch entgegen seinen Beteuerungen heiratete Oskar im Mai. Die Feier soll bieder gewesen und Oskar stockbesoffen. Sara war untröstlich, löschte seine Nummer und lernte verbissen für die Matura.

Am 4. Juni 1998, einem Donnerstag, hatte sie Prüfungen. Über Mitteleuropa richtete sich ein stabiles Sommerhoch ein, die Böden trockneten, es wurde heiss. Am Abend ging sie mit Rahel in den Stadtpark, ein längliches Gebilde, das sich um einen Teil der Altstadt zog – eigentlich nichts weiter als ein Flickenteppich aus Rasen, Gehölz und Rabatten. Um die Bänke hatten es sich Jugendliche gemütlich gemacht, die den Sommer dieses vielversprechenden Jahres gemeinsam verbringen wollten.

Emilios Geburtstagsparty fand im hinteren Teil statt. Er war in Feierlaune, denn er wurde dreiundzwanzig und glaubte an das Glück von Primzahlen. Bis vor kurzem hatte er mit Rahel das Lehrerseminar besucht (sie hatte nach drei Semestern abgebrochen). Er war verliebt in ihre Art, unprätentiös und doch besonders zu sein. Irgendjemand brachte kalifornischen Rotwein aus dem Sonoma County, mit designten Etiketten, damals eine Rarität. Marihuana war im Umlauf, Rahel verzichtete.

Sara und ihre Freunde sassen etwas abseits auf einer riesigen Wolldecke. Im Laufe der Nacht stiessen weitere Personen dazu, die meisten kannte sie vom Sehen. Ein blonder Schreiner mit breitem Rücken und zurückgebundenem Haar schlich um sie herum, setzte sich neben sie, die Zigarettenpackung wie ein Vietnam-GI zwischen Schulter und T-Shirt gesteckt. Er quatschte auf sie ein und versuchte sie zu küssen. Sara rutschte von ihm weg. Der blonde Schreiner verlangte ihre Nummer.

Sara winkte ab. «Ich muss jetzt gehen», sagte sie und rief nach ihrer Schwester. Wenig später verabschiedeten sie sich von ihren Freunden und zogen kichernd durch die Gassen bis zur Treppe bei der Kirche – wo sich Sara mit dem Hinweis auf den verloren gegangenen Armreif umdrehte und verschwand.

Die erste Befragung fand drei Tage später in einem kahlen Raum statt. Rahel wartete, bis der Polizist Kaffee brachte. Er stellte ihn hin, ein dünnes Wässerchen in einem beigen Plastikbecher.

«Wie in einem Film.» Rahel entschuldigte sich umgehend. «So habe ich es nicht gemeint.»

«Wie sonst?», fragte der Polizist, setzte sich auf den Stuhl auf der anderen Seite des Tisches.

Rahel zögerte, sie war verwirrt.

«Von mir aus können wir beginnen – es ist nur –, es fühlt sich unwirklich an, hier zu sein.»

«Das höre ich oft», beruhigte sie der noch junge Ermittler mit näselnder Stimme, sein linkes Augenlid zuckte. Er stellte präzise Fragen, sie antwortete so ausführlich sie vermochte. «Jedes Detail ist hilfreich», wiederholte der Ermittler mehrmals.

Sie verstrickte sich in Widersprüche, war sich bei einfachen Begebenheiten unsicher, ob sie tatsächlich so stattgefunden hatten.

«Ich mache mich noch selbst verdächtig», murmelte sie resigniert, als es ihr nicht gelang, die Ereignisse zeitlich zu ordnen.

«Die Erinnerung», erklärte er trocken, «ist eine Konstruktion – oder um es weniger gewählt auszudrücken: ein Sauhund.»

Erleichtertes Lachen an beiden Seiten des Tischs. Auf seine Nachfrage beschrieb sie noch einmal den blonden Schreiner. Seine Tätowierung am Oberarm, oben an der Schulter. Ein Ornament, kein Bild, etwa so breit wie eine Hand.

Dominik Schmidlin, der Schreiner, wurde festgenommen. Er log, da er kein Alibi vorzuweisen hatte. Später behauptete er, er habe im Park geschlafen, unter einem Busch. Schwierige Familienverhältnisse, Vater und Bruder polizeibekannt. Die Staatsanwaltschaft ordnete Untersuchungshaft an.

Sein Bild erschien in der Zeitung: «Hat er Sara getötet?»

Nachgewiesen werden konnte ihm nichts. Doch Sara blieb verschollen, und Dominik Schmidlin weiterhin tatverdächtig. Er setzte sich zur Wehr, erklärte jedem, dass er damit nichts zu tun habe. Niemand schien ihm zu glauben; je mehr er sich verteidigte, desto verdächtiger machte er sich. Ein Teufelskreis, aus dem er keinen Ausweg fand.

Ende September raste er auf der Hauptstrasse zwischen Sursee und Beromünster in einen Baum und verstarb im brennenden Auto.

Es hiess, der Unfall sei als Schuldeingeständnis zu werten. Beweise gab es keine.

6. Sara

Dominik Schmidlin blieb nicht der Einzige, der am Verschwinden Saras zugrunde ging. Auch die Ehe der Zeittlingers zerbrach an der Hoffnung, dass die Tochter eines Tages wieder vor der Tür stehen würde. An den Berichten über Marc Dutroux, dem Monster aus Belgien, und Natascha Kampusch, die ein Jahrzehnt in einem Keller gefangen gehalten worden war. Mitten in einem Wohnquartier.

Rahels Mutter bekam Temesta (ein Beruhigungsmittel) verschrieben, trank Likör und wurde von beidem abhängig. Der Vater zog zu einer Frau mit zwei Töchtern. Auch sein Leben sei begrenzt, schrie er beim Auszug. Das Warten treibe ihn in den Wahnsinn.

Im folgenden Winter wurde Mutter mit einer akuten Psychose in die Klinik eingewiesen. Rahel rief ihren Vater an und wollte ihm mitteilen, dass er sich nie mehr zu melden brauche. Es sei besser, keinen Vater zu haben als einen abwesenden.

Als sie den freundlichen Klang seiner Stimme hörte, begann sie zu schluchzen und hängte auf.

Neun Jahre nach Saras Verschwinden durchsuchte ein Wanderer namens Jost Gabathuler eine Hütte auf dem Obergrenchenberg. Er hatte sich Zutritt verschafft, um sich vor einem aufziehenden Wintersturm in Sicherheit zu bringen. Es war kalt, der Biswind jagte über die Höhen. Gabathuler suchte nach Wolldecken, damit er die Nacht überstand. Auf dem Boden eines mit Blumen bemalten Wandschranks fand er eine Plastiktüte, darin Saras Kleider. Als er bemerkte, dass es Frauenkleider waren, legte er die Tüte beiseite. Seiner Frau schrieb er eine SMS, es gehe ihm gut, er übernachte in einer gemütlichen Hütte.

Der Wind rüttelte an den Holzlatten, pfiff durch jede Ritze, Gabathuler fror und fürchtete sich vor einer Lungenentzündung. Mit dem ersten Morgenlicht stand er auf, räumte seine Sachen zusammen und verstaute sie im Rucksack. Er stand bereits in der Tür, als er innehielt, sich umdrehte und den Wandschrank anstarrte, in dem er die Plastiktüte verstaut hatte. Er öffnete den Schrank und holte die Plastiktüte hervor. Kleider einer mittelgrossen Frau, schlank, Schuhe, Unterwäsche. In der Hosentasche ein Haarband, eine Armbanduhr sowie ein leeres Portemonnaie. Im Schuh ein zusammengefaltetes Stück Papier, er öffnete es, eine Zahlenreihe war darauf gekritzelt. Er faltete das Papier wieder zusammen und steckte es zurück in den Schuh. Ein bedrohliches Gefühl, das er nicht einzuordnen vermochte, beschlich ihn. Er hatte das Bedürfnis, seine Frau anzurufen, aber der Akku seines Handys war leer.

Draussen schneite es, er ging aufs Geratewohl los, bis er auf eine Wanderwegtafel stiess. Er stapfte weiter durch den verwehten Schnee bis zu einem Ausflugsrestaurant, dessen Wirt er kannte. Dieser rief die Polizei und versorgte ihn mit Kaffee und Frühstück.

Jost Gabathuler hatte Hunger, aber keinen Appetit. Das Brot liess er stehen, ebenso den Käse.

Saras Überreste wurden am 4. Dezember 2008 unweit der Hütte gefunden. In einer unzugänglichen Nische der Kalkfelsen, geschützt von Tannen, zugedeckt mit einer dicken Schicht aus Steinen, Erde und Ästen. Anhand der Zahnstellung und eines DNA-Abgleichs wurde sie identifiziert. Der Fall Sara Zeittlinger wurde erneut aufgerollt. Als Experte für ungelöste Fälle übernahm Otto Schulze die Leitung – der Mann von Dorothea Schulze, geb. von Landenberg.

7. Ein guter Tag

Die Amsel im Garten besang die Morgendämmerung. Rahel erwachte, suchte Mareks Körper – er ist ja weg, dachte sie –, drehte sich zur Seite und schlief weiter. Kurz darauf wurde sie von Lenas Schritten geweckt. Weshalb ihre Tochter mit den Fersen dermassen auf den Boden stampfte, blieb ihr ein ärgerliches Rätsel. Andererseits war das Getrampel auch beruhigend: Lena war hier, sie stapfte herum, der morgendliche Hunger trieb sie in die Küche, sie musste auf die Toilette, zog sich an. Alles war gut.

«Mama», rief Lena, «soll ich Kaffee kochen?»

«Ich bin unterwegs», rief Rahel etwas zu aufgeweckt. Sie zog sich hastig an und eilte in die Küche.

«So, da wären wir.»

Lena lachte.

«Die Vögel haben mich geweckt. Ich bin nur für einen klitzekleinen Augenblick wieder eingenickt.»

«Aber Hauptsache, ich bin pünktlich in der Schule.»

«Kluges Kind.»

Rahel fuhr ihr über die Stirn und durch die Haare.

«Wir haben es gut», sagte Lena und umarmte ihre Mutter.

«Ja, wir haben es gut», versicherte Rahel und schmiegte sich an sie.

«Vergiss deinen Kaffee nicht», mahnte Lena, bevor sie aus dem Haus rannte.

Mach dir keine Sorgen, dachte Rahel, und schaute, wie ihre Tochter mit der schweren Schulmappe den Kirchsteig hocheilte. Sie rauchte eine Zigarette, suchte die Amsel (ausgeflogen, dafür entdeckte sie einen Igel im Gehölz), danach ging sie zurück ins Haus. Nach einer ausgiebigen Morgendusche (mit anschliessender Gesichtsmaske) zog sie einen leichten, grünen Rock an. Ihr war nach Grün zumute, der Farbe junger Ahornblätter.

Im Atelier hielt sie sich die Handballen vor die Augen, atmete aus und wartete, bis sie innerlich ruhig wurde. Sie stellte sich den schleichenden Löwen auf dem Felsen vor, öffnete die Augen und richtete sich für die Arbeit ein: Papier, Pinsel, Tusche – alles sorgfältig auf dem Tisch angeordnet.

Gegen zwölf Uhr überprüfte sie ihr Werk aus verschiedenen Perspektiven und kam zur Überzeugung, dass der Löwe geschmeidig und gefährlich lauerte. Etwas Kraftvolles hatte Dorothea gewünscht, ein Kunstwerk, keine biedere Einladung zu einem fünfundvierzigsten Hochzeitstag.

Rahel nahm ihr Handy und schrieb Dorothea, dass die Einladung fertig sei.

«Das freut mich», antwortete Dorothea per SMS. «Darf ich vorbeikommen und das Werk begutachten?»

«Gerne. Um zwei Uhr?»

«Ausgezeichnet. Ich bringe frische Erdbeeren mit Schlagrahm.»

Sie reinigte die Malutensilien und räumte den Arbeitsplatz auf. Danach gönnte sie sich einen Kaffee und setzte sich auf der Veranda in den Schatten. Auf dem Display ihres Handys erschienen drei neue Nachrichten. Eine Sprachmitteilung von Marek: «Ich liebe dich. Mit dem Festival bin ich bald am Ende, und mit den Nerven auch.»

Die Werbemail eines Kulturveranstalters – «Die Zirkuswoche steht vor der Tür! Nicht verpassen!» – schien ihr unbeholfen betitelt, doch das Programm sah vielversprechend aus.

Die dritte Nachricht war von Margot, der umtriebigen Fraktionspräsidentin, die um eine Auskunft bezüglich der Kommissionssitzung bat.

Rahel legte das Gerät auf die Fensterbank und zündete sich eine Zigarette an.

Eins nach dem andern, dachte sie und fragte sich, weshalb sie sich bloss für die Politik hatte überreden lassen. Es war ein Fehler gewesen, sich auf die Wahlliste der Grünen setzen zu lassen. Selbst auf den letzten Listenplatz, mit so gut wie keiner Wahlchance, wie Margot versichert hatte.

Rahel wurde trotzdem ins Stadtparlament gewählt (obschon sie politisch nichts geleistet hatte, ausser am Parteistand den Passanten das Programm aufzusagen). Doch Rahel war keine gewöhnliche Kandidatin. Sie war die Schwester von Sara Zeittlinger, deren Schicksal jede und jeden in der Stadt beschäftigt und mitgenommen hatte. Sie war die Überlebende, die daran erinnerte, dass der Mörder nicht gefasst wurde, dass es durchaus einer von hier sein könnte.

Dorothea Schulzes Kopfbedeckung war dezenter als die gestrige: ein schlichter Strohhut mit Stoffband. Sie setzten sich an den Gartentisch, Dorothea schlug die Beine übereinander und zündete sich genüsslich eine Zigarette an. «Wenigstens bei dir darf ich noch Mensch sein. Es ist schrecklich, wie sich die Welt entwickelt. Alle nüchtern, aber dumm wie Stroh.»

«Erst die Erdbeeren oder die Zeichnungen?», fragte Rahel.

«Weisst du, meine Gute, den Löwen habe ich gestern gesehen. Ich bin sicher, dass er heute noch schöner schleicht.»

«Den Schriftzug hast du noch nicht gesehen.»

«Kalligraphie beherrscht niemand wie du. Es wird wunderbar werden. Ich weiss es.»

«Also die Erdbeeren?»

Auch auf die Früchte verspürte Dorothea wenig Lust.

«Lieber noch ein Zigarettchen. Wenn du etwas Wasser bringen könntest?»

Rahel brachte einen Krug Wasser und zwei Gläser. Sie schlug ebenfalls die Beine übereinander und zündete sich keine Zigarette an.

«Netter Rock, hübsches Grün, steht dir gut.»

8. Otto

Rahel bedankte sich für das Kompliment und fragte nach dem wirklichen Grund des Besuchs. Und im Übrigen gefalle ihr, dass sie, Dorothea, keinerlei Begabung als Schauspielerin und auch kein Talent zur Lüge habe.

«Findest du?», entgegnete Dorothea, zog an der Zigarette, blies einen Rauchkringel aus, dem sie bei der Auflösung in der warmen Luft zusah. Mir derselben Ruhe betrachtete sie Rahels Gesicht.

«Sprich es aus.» Rahel kannte diese besorgten Blicke nur zu gut.

«Otto spricht von früher. Es zieht ihn wieder hinein, er spürt diesen Sog, der von der Unerklärlichkeit des Falls ausgeht. Er sagt, Saras Kleider hätten nicht länger als ein paar Monate in dieser Hütte gelegen. Der Täter habe eine Spur gelegt, um Interesse zu wecken. Er wolle beachtet werden – Otto ist überzeugt, dass er den Verlauf genauestens verfolgt und dass er aus der Gegend sei. Es müsse eine Verbindung geben, die nicht weiterverfolgt wurde.»

Rahel wartete, ob ihre Freundin weitersprechen würde, erhob sich und strich den Rock glatt.

«Das sind keine neuen Gedanken», antwortete sie leise und nahm den halbvollen Krug, um ihn mit frischem Wasser aufzufüllen.

Dorothea erhob sich ebenfalls, rückte die Bluse zurecht und folgte ihr in die Küche.

«Ich glaube, liebe Rahel, es ist Zeit für ein Dessert.»

«Das sehe ich auch so.»

Dorothea kippte die Erdbeeren in ein Abtropfsieb und reinigte sie unter dem Wasserhahn. Sie plauderte über eine Reise nach Mexiko, die sie gerne buchen würde. Jedoch sei das mit Otto nicht mehr so einfach, er sei ortsgebunden und ängstlicher als früher, was sie verstehe, aber trotzdem schade fände. Und eben: Dieser Fall beschäftige ihn, er habe vor der Pension Teile der Akten kopiert, die er jetzt regelmässig studiere. Er würde es gerne noch einmal versuchen.

Rahel schnitt die Beeren in vier Teile und legte sie in eine Glasschüssel. Sie sammelte die Stiele ein, einen nach dem anderen, als sei sie in die Arbeit vertieft und höre gar nicht hin.

«Nach zwanzig Jahren?», fragte sie schliesslich.

«Ich möchte ihm diese Chance geben. Bevor sein Geist sich von dieser Welt verabschiedet», erwiderte Dorothea. «Damit er seinen Frieden findet.»

Rahel trocknete die Hände ab und wischte eine Strähne hinters Ohr. «Damit Otto seinen Frieden findet. Darum geht es dir?»

«Ich dachte an einen freiberuflichen Ermittler.»

«Wenn es dir so viel bedeutet: Mach es. Ich stehe nicht im Weg.» Sie widmete sich wieder den Erdbeeren und fügte beiläufig an, dass der Täter sowieso nie gefunden werde und es für sie auch nicht mehr wichtig sei. «Die Zukunft zählt, Lena, Marek. Der Teil meines Lebens, der verschont geblieben ist, der kleine Rest. Ich will nichts mehr hören von Verdächtigen, Spuren und neuen Hinweisen. Keine Worte mehr, die Hoffnung entfachen, nur um mich anschliessend noch einsamer zurückzulassen. Sogar wenn er von hier wäre, niemand wird ihn finden, niemand wird je wissen, was Sara erlebt hat, bevor sie starb.»

Wütend schlug sie den Rahm über die Erdbeeren, den Löffel schmiss sie in die Spüle.

«Entschuldige.» Dorotheas Hände suchten Halt an einer Stuhllehne. «Wenn es so ist, dann lassen wir es.»

«Nein. Wir lassen es nicht», fiel ihr Rahel ins Wort. «Nein. Auf keinen Fall. Ich will wissen, wer es war. Er darf nicht davonkommen. Er muss ein Gesicht bekommen. Damit dieser Wahnsinn einmal ein Ende hat – nicht nur für uns.»

Dorothea nahm sie in den Arm.

«Essen wir die verdammten Erdbeeren.» Rahels Stimme zitterte. «Die müssen weg.»

«Die können warten», antwortete Dorothea und hielt die weinende Rahel wie die Tochter, die sie nie hatte.

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Litres'teki yayın tarihi:
13 şubat 2026
Hacim:
152 s. 4 illüstrasyon
ISBN:
9783906037639
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