Kitabı oku: «Ausbilden nach 4K (E-Book)»

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Saskia Sterel, Manfred Pfiffner, Claudio Caduff

Ausbilden nach 4K

Ein Bildungsschritt in die Zukunft

ISBN Print: 978-3-0355-0778-2

ISBN E-Book: 978-3-0355-1206-9

1. Auflage 2018

Alle Rechte vorbehalten

© 2018 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com

INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

Einleitung

Teil I Im Dunkel des gelebten Augenblicks – eine Zeitdiagnose

1 Die Welt aus dem Lot?

2 Die Veränderung der Wirtschaft

2.1 Industrie 4.0 und Arbeit 4.0

2.2 Wandel von Berufen

2.3 Postkapitalismus

2.4 Ökonomisierung von Gesellschaft und Kultur

3 Digitalisierung

3.1 Netzwerkgesellschaft

3.2 Veränderte Produktionsverhältnisse

3.3 Big Data

3.4 Microtargeting und Bullshit

4 Kooperation

4.1 Die Evolution der Kooperation

4.2 Kooperation oder Defektion

4.3 Direkte Reziprozität

4.4 Die Bedeutung der Reputation

4.5 Kooperation und menschliche Kommunikation

4.6 Tribalismus

5 Freiheit und Autonomie

5.1 Selbstentmündigung

5.2 Transparenz- und Kontrollgesellschaft

5.3 Identität in der Postmoderne

5.4 Redefreiheit in der vernetzten Welt

6 Die postmoderne Befindlichkeit

6.1 Therapeutisches Zeitalter

6.2 Weltbeziehung

7 Die Zukunft des Lernens

7.1 Konstruktivismus und Kompetenzen

7.2 Digitale Bildungsrevolution

Teil II Bildung und Arbeit im 21. Jahrhundert – und die Folgen

1 Bildung im 21. Jahrhundert

1.1 Weltorientierung, Wissen, Verstehen

1.2 Handeln und Freiheit

1.3 Perspektiven

2 Arbeit im 21. Jahrhundert

2.1 Dynamische Qualifikationen

2.2 Berufliches Selbstverständnis

2.3 Partizipations- und Steuerungsansprüche

2.4 Auswirkungen auf die Bildung

Teil III 4K – ein neuer Ansatz

1 Die Herkunft der 4K

1.1 Blick zurück: Schlüsselqualifikationen und Schlüsselkompetenzen

1.2 Megatrends und Kompetenzen für das 21. Jahrhundert

1.3 21ST Century Skills Frameworks

1.4 4Cs? Oder 8Cs? Oder doch 7C × 3R?

2 Die Bedeutung der 4K

2.1 Kritisches Denken und Problemlösen (Critical Thinking and Problem Solving)

2.2 Kommunikation (Communication)

2.3 Kooperation (Collaboration)

2.4 Kreativität und Innovation (Creativity and Innovation)

3 Das 4K-Studienmodell der Pädagogischen Hochschule Zürich

3.1 Theoretische Voraussetzungen

3.2 Didaktische Leitlinien und Prinzipien

3.3 Qualitätsstandards

3.4 Praktische Umsetzung in Lerngefäßen

3.5 Modulstruktur

3.6 Das Qualifikationsverfahren

3.7 Evaluation des Ausbildungsmodells

4 Konzeptuelle Überlegungen zur Ausbildung von Berufsbildungsverantwortlichen

4.1 Rahmenbedingungen

4.2 Die Haltung der Dozierenden

Teil IV Konsequenzen für die Berufsbildung – ein Ausblick

1 Ausrichtung an der Arbeitswelt 4.0

2 Erweiterte Formen der (Lernort-)Kooperation

3 Lebenslanges Lernen: Kompetenzentwicklung in der beruflichen Grundbildung

4 Curricula

5 Professionalisierung der Berufsbildung

6 Thesen

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Standortbestimmung: Auftrag

2 Standortbestimmung: Beispiel eines Studierenden

3 Rückmeldung zur Standortbestimmung

4 Umsetzungsvorhaben des Studierenden

Autorin und Autoren


Vorwort

VORWORT

Braucht es noch ein Buch über Bildung? Droht ein weiteres nicht einfach übersehen zu werden im Meer der Publikationen zu diesem Thema? Bildungsforscherinnen, Pädagogen, Didaktikerinnen, Soziologen, Ökonominnen, Philosophen – sie alle haben sich in den letzten Jahren intensiv Gedanken über die «Bildung der Zukunft» gemacht, wie es jeweils verheißungsvoll heißt. Und sie haben seitenweise Konzepte entwickelt, wie die Bildung, eines der wichtigsten gesellschaftlichen Güter, den künftigen Herausforderungen unserer Arbeits- und Lebenswelt begegnen sollte.

Nicht wenige Publikationen lassen uns enttäuscht und ratlos zurück. Sie sind eher Ausdruck des rasenden Stillstands, der unsere Zeit prägt, als eine Antwort auf die drängendsten Fragen, die sich im Bildungsbereich stellen. Nicht so die vorliegende Publikation. Eine Frage daraus sei hier stellvertretend angeführt: Welche Bildung braucht der Mensch im 21. Jahrhundert? Und zwar der Mensch in seinen verschiedenen Identitäten und Rollen: als Arbeitnehmerin und Arbeitnehmer, als Bürger und Bürgerin, als Konsumentin und Konsument, als Mann und Frau.

Das vorliegende Buch wird man nicht übersehen können. Davon bin ich aus drei Gründen überzeugt. Erstens: Im Untertitel ist die Rede von einem «Bildungsschritt in die Zukunft». Das ist bescheiden formuliert und deshalb sympathisch. Hinter einem bescheidenen Auftritt stecken oft viel Fachwissen, ein durchdachtes Konzept und kreative Ideen. Bereits die Lektüre der ersten Seiten zeigt, dass dies so ist.

Zweitens: Im Buch werden der Bildungsdiskurs der letzten Jahre und die Herausforderungen der Zeit originell verknüpft und verdichtet, sodass daraus die sogenannten 4K resultieren: kritisches Denken und Problemlösen, Kommunikation, Kooperation, Kreativität und Innovation. Das sind genau jene Kompetenzen, die ein Mensch im 21. Jahrhundert braucht, um einerseits in der Gesellschaft bestehen und andererseits diese mitgestalten zu können – in seinen verschiedenen Identitäten und Rollen.

Drittens: Das Buch ist innovativ! Die Autorin und die Autoren entwickeln auf der Basis der «4K» ein Ausbildungsmodell für die Berufsbildung, das in dieser Art neu und zukunftsweisend ist.

Kognitive, soziale und emotionale Kompetenz als Bedingungen für gesellschaftliche Teilhabe – das ist das Grundverständnis von EDUCATION Y[1] in all seinen Bildungsprogrammen. In den Autoren und der Autorin dieses Buches sehen wir von EDUCATION Y Kollegen, die in die gleiche Richtung arbeiten: Wir nennen die Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts «21K», an der Pädagogischen Hochschule Zürich heißen sie «4K» – gemeint ist dasselbe.

Prof. Dr. Rita Süssmuth

Vorstandspräsidentin von EDUCATION Y und ehemalige Familienministerin und Bundestagspräsidentin

Einleitung

EINLEITUNG

Die Bildung ist in vieler Munde und Gegenstand zahlreicher Debatten, Diskussionen, Essays und Parteiprogramme. Während die einen optimistisch sind und ihr weiterhin ein gutes Zeugnis ausstellen, ist das Bildungswesen für andere eine Baustelle. Begriffe wie «Bildungsreform», «Bildungsrevolution» oder «Bildungsschock», «Bildungsblockade» und «Bildungschaos» zeugen davon. Es erweckt den Anschein, als sei der Begriff «Bildung» zur Worthülse verkommen und jeder ein (Bildungs-)Experte, jede eine (Bildungs-)Expertin.

Das Schweizer Bildungssystem ist zweifellos ein Exportschlager. Es gibt weltweit 17 Schweizerschulen im Ausland, in denen längst nicht mehr nur die Kinder von Auslandschweizerinnen und -schweizern unterrichtet werden. Das Ausland interessiert sich für das Schweizer Berufsbildungsmodell, viele Projekte der internationalen Berufsbildungszusammenarbeit sind Belege dafür. Die anhaltend geringe Jugendarbeitslosigkeit wird zu einem großen Teil der dualen Berufsbildung zugeschrieben. Und auch bei der aktuellen PISA-Studie schneiden die Schweizer 15-Jährigen größtenteils gut ab. In der Mathematik belegt die Schweiz einen Spitzenplatz, und in den Naturwissenschaften ist sie signifikant besser als der OECD-Durchschnitt.

Aber ist das Schweizer Bildungssystem so gut, wie es sein könnte? Die Tatsache, dass bis zu 25 Prozent der Lehrverträge aufgelöst werden und dass laut der Stiftung für Alphabetisierung und Grundbildung Schweiz (SAGS) rund 800 000 Personen einen einfachen Text nicht verstehen, obwohl sie die obligatorischen Schuljahre absolviert haben, lässt aufhorchen. Muss deswegen aber gleich von einer Bildungskrise gesprochen werden? Viele selbsternannte Schulreformer behaupten genau das in ihren Populärpublikationen, vereinfachen aber auch nur komplexe Bildungsthemen und kommen über simple Weisheiten und Worthülsen nicht hinaus.

Unbestritten müssen sich Bildungsinstitutionen heute vielen Herausforderungen stellen: Arbeit 4.0, Fachkräftemangel, Digitalisierung, Chancengleichheit und Selektion, Wandel der Berufe – um nur einige zu nennen. Wie gelingt Bildung und mit welchen Kompetenzen werden Lernende und Studierende fit für das 21. Jahrhundert gemacht?

Die National Education Association, die größte amerikanische Gewerkschaft, der Lehrerinnen und Lehrer aller Schulstufen angehören, befragte vor einigen Jahren Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Feldern, was aus ihrer Sicht im 21. Jahrhundert die zentralen «Skills» im Bildungsbereich sein werden. Vier spezifische Kompetenzen werden künftig im Zentrum stehen, so die nahezu einhellige Meinung der Befragten. Die vier Kompetenzen wurden schnell bekannt als «Four Cs», die 4K: Kooperation, Kommunikation, Kreativität und Innovation sowie kritisches Denken und Problemlösen. Die 4K sind ein Kondensat aus einem ganzen Bündel wichtiger Kompetenzen und ein Rüstzeug für unsere (Arbeits-)Welt. Für Lernende aller Schulstufen bleiben namentlich Sprachen, Literatur, Künste, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte und andere Fächer selbstverständlich weiterhin bedeutsam. Bildungsinstitutionen sollen Fach-, Methoden-, Sozial- und Selbstkompetenzen vermitteln, die die Grundlagen für eine moderne Gesellschaft darstellen und mündige Persönlichkeiten hervorbringen.

Das vorliegende Buch zeigt auf, warum mit den 4K ein Bildungsschritt in die Zukunft gelingt. Nach einer Zeitdiagnose in Teil I, in dem wir gesellschaftliche Strukturen und Prozesse herausarbeiten, beschäftigen wir uns in Teil II mit Bildung und Arbeit im 21. Jahrhundert und deren Folgen. Teil III bildet das Kernstück des Buches. Darin stellen wir das 4K-Modell vor, einen an der Pädagogischen Hochschule Zürich entwickelten Studiengang, der angehenden Lehrerinnen und Lehrern an Berufsfachschulen eine fundierte didaktisch-pädagogische Ausbildung bietet. In diesem Studiengang wird nach den geschilderten 4K gelehrt und gelernt. Konkret heißt dies unter anderem: Studierende der Ausbildungsgänge «Berufskundlicher Unterricht» und «Allgemeinbildender Unterricht» werden gemeinsam ausgebildet. Im letzten Teil des Buches wagen wir einen Ausblick und zeigen Konsequenzen auf, die sich aus dem wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel und den 4K für die Berufsbildung ergeben.

TEIL I IM DUNKEL DES GELEBTEN AUGENBLICKS – EINE ZEITDIAGNOSE


1 Die Welt aus dem Lot?

TEIL I

1DIE WELT AUS DEM LOT?

(MÜLLER 2016)

Das Bild irritiert: ein Eisbär auf der braunen Tundra. Frühlingshaft warm ist es gemäß der «New York Times» gegenwärtig in der Arktis, das Eis schmilzt rapide, und die Bären werden notgedrungen zu Festlandtieren, weiße Flecken auf braunem Grund. Natürlich: Nie war die Natur statisch, immer hat sie sich verändert. Doch so schnell? So unaufhaltsam? So unerklärlich? Auch weiße Weihnachten, diese im kollektiven Gedächtnis eingelagerten Bilder der Kälte, gegen die sich die Wärme der Kerzen fast spürbar abhebt – weiße Weihnachten gibt es faktisch nicht mehr. Aber so soll es doch eigentlich sein, und dass das Rieseln der Flocken ausbleibt, bestätigt nur einen Eindruck: Die Welt ist aus dem Lot.

Das Jahr 2016 wirkt da als Verstärker. Putin lässt in Aleppo Spitäler bombardieren, und die Rechtspopulisten in Europa bewundern ihn, Diktator Assad kämpft mit Giftgas, und keiner hindert ihn daran. Trump will wieder mehr Atombomben bauen, und alle bleiben stumm. China erobert schrittweise das Südchinesische Meer, und alle sind ratlos. In Berlin rast ein Terrorist in einen Weihnachtsmarkt, die Türkei wird zur Diktatur. Und in der Schweiz schwadronieren manche Leute von einer Revolution, was einen Frontalangriff auf einen zentralen Wert schweizerischer Politkultur – die stete Suche nach Konsens – darstellt.

Was der Schweizer Journalist Felix E. Müller in dieser Passage seines Kommentars am Weihnachtstag 2016 zum Ausdruck bringt, ist ein Zeitgefühl, das vor allem in Europa weit verbreitet ist. Auch die Schweiz ist davon nicht ausgenommen, obwohl die Lebenszufriedenheit der Bevölkerung sehr hoch ist. Die Ergebnisse des neusten Sozialberichts werden denn auch unter dem Titel Zufriedenheit, Glück und ein erfülltes Leben in der Schweiz zusammengefasst (Ehrler 2016). Man kann sagen, das subjektive alltägliche Empfinden und die Wahrnehmung der allgemeinen Weltlage klaffen weit auseinander. Es sind die in den Medien nicht selten reißerisch dargestellten Zeitdiagnosen, die vielen Menschen das Gefühl vermitteln: die Welt ist aus dem Lot. Die Rede ist unter anderem von der Konsumgesellschaft, vom gläsernen Menschen, von der Netzwerkgesellschaft, vom Ende der Arbeit, von Globalisierung, von Prekarisierung, von Einwanderungsgesellschaften, von Digitalgesellschaften. Und diese vielfältigen und zum Teil sich widersprechenden Gegenwarts- und Zukunftsdiagnosen verweisen auf heterogene Strukturen und Entwicklungen, die kein homogenes Gegenwartsverständnis zulassen und dem Blick in die Zukunft ein Bild des Chaos offenbaren.

Historische Vergleiche drängen sich auf, auch wenn die Geschichtswissenschaft solchen gegenüber sehr zurückhaltend ist (vgl. z. B. Haupt & Kocka 1996, S. 53). Die amerikanische Historikerin Anne Applebaum zieht Parallelen zur Zwischenkriegszeit im Europa des letzten Jahrhunderts, in der sich innerhalb von zwei Jahrzehnten viele demokratische Staaten in Diktaturen wandelten. Sie erachtet die Demokratie durch den Rechtspopulismus als hoch gefährdet: «Ich kann mir noch mehr Einparteienstaaten vorstellen, wie es ihn in Ungarn faktisch schon gibt. Die Techniken dafür sind jetzt bekannt. Die Russen machen es, die Türken, die Polen versuchen es. Ja, ich kann mir für die nächste Dekade das Ende der EU und der Nato vorstellen. Es wird ein anderes Europa sein – und es wird ein finsteres» (Applebaum 2016).

Nicht selten werden auch Ähnlichkeiten mit der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Europa gesehen. Im Taumelnden Kontinent verweist der Schriftsteller und Historiker Philipp Blom (2009) auf zahlreiche Quellen, in denen die damaligen Menschen ihre Zeit als unsicher und erregt empfanden, und er zieht explizit Parallelen zu unserer Zeit:

(BLOM 2009, S. 12)

Damals wie heute waren tägliche Gespräche und Presseartikel dominiert von neuen Technologien, von der Globalisierung, von Terrorismus, neuen Formen der Kommunikation und den Veränderungen im Sozialgefüge; damals wie heute waren die Menschen überwältigt von dem Gefühl, dass sie in einer sich beschleunigenden Welt leben, die ins Unbekannte rast.

Bereits 1900 befanden sich laut Blom die Männer in einer tiefen Identitätskrise, wie sie auch heute wieder diagnostiziert wird.

Mit ihren Vergleichen zeichnen beide, Applebaum wie Blom, mögliche düstere Szenarien, denn wir wissen: Der taumelnde Kontinent stolperte damals in die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, und knapp 20 Jahre später entfachten ein radikaler Nationalismus und Rassismus einen Weltenbrand.

Doch Geschichte wiederholt sich nie, und wir leben im «Dunkel des gelebten Augenblicks». Damit bezeichnete der deutsche Philosoph Ernst Bloch seine Beobachtung, dass aktuelles Bewusstsein nur für ein soeben vergangenes oder ein erwartetes Erlebnis da ist. «Der gelebte Augenblick selbst bleibt in seinem Inhalt wesenhaft unsichtbar, und zwar umso sicherer, je energischer Aufmerksamkeit sich darauf richtet: an dieser Wurzel, im gelebten Ansich, in punktueller Unmittelbarkeit ist alle Welt noch finster» (Bloch 2009, S. 338). Der Literaturwissenschaftler Hans Mayer (1996) hat diesen Gedanken aufgenommen und für ganze Menschengruppen und Gesellschaften so interpretiert, dass diese zwar folgenreiche Augenblicke als Ereignisse erlebten, sie könnten aber nicht erahnen, was diese für die Zukunft bedeuten. Als historischen Beleg dafür führt Mayer unter anderem den 30. Januar 1933 an. Hitler wurde zum Reichskanzler ernannt, und nachts zogen die Nationalsozialisten mit Fackeln singend und grölend durch Berlin, so ihre neu gewonnene Macht demonstrierend. Dies machte sicher einen starken Eindruck auf die Zeitgenossen – dennoch konnte damals niemand ahnen, dass das der Schicksalstag des 20. Jahrhunderts war. Erst die Geschichtsschreibung macht aus Ereignissen historisch Bedeutsames, Folgenreiches; und umgekehrt erweisen sich Ereignisse, die Zeitgenossen als bedeutend empfinden, im Nachhinein als praktisch folgenlos. War die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten ein Wendepunkt? Wir können es nicht wissen.

Natürlich wird die Zukunft in der Wissenschaft und in den Medien nicht nur düster gezeichnet. Vor allem technische und wirtschaftliche Innovationen werden als Lösungen der Probleme der Menschheit dargestellt. Unter dem Titel Die Weltveränderer beschreibt die Journalistin Charlotte Jacquemart solche Innovationen (2017): Das Internet wird 100-mal schneller als heute, die sogenannte Genschere CRISPR ermöglicht präzise Eingriffe ins Erbgut von Pflanzen, Tieren und Menschen, und der Roboter wird als größte industrielle Revolution angepriesen.

Die beiden Ökonomen Ian Goldin und Chris Kutarna sehen unsere Zeit als zweite Renaissance, in der die Menschheit vor einem Wendepunkt steht. Die Zeit der Renaissance war die bislang beste aller Zeiten, und sie hob sich kontrastreich von den finsteren Zeiten des vorherigen Jahrhunderts ab, in dem Kriege und die Pest dominierten (vgl. Goldin & Kutarna 2016, S. 104 f.). Dass dieses Renaissancebild aus geschichtswissenschaftlicher Sicht längst überholt ist, scheint die beiden Autoren nicht zu kümmern. Schon 1972 wies der Historiker Peter Burke in seinem epochalen Werk zur Renaissance in Italien nach, dass sich auch diese Zeit, wie die meisten anderen, zwischen Tradition und Erfindung bewegte.

(BURKE 1984, S. 29)

Man kann nicht erwarten, dass die Zeitgenossen die eigenen Leistungen zutreffend beschreiben. […] Wie so oft bei kulturellen Wandlungsprozessen, [sic] wurde das Neue dem Alten hinzugefügt, dieses wurde durch jenes aber nicht ersetzt; der Kulturwandel vollzog sich «additiv» nicht «substitutiv». Der Humanismus machte das Interesse an der scholastischen Philosophie keineswegs zunichte.

Dennoch, vor dem Hintergrund eines burckhardtschen Renaissancebildes zeichnen Goldin und Kutarna Parallelen zwischen dem damaligen Europa (gemeint ist jener Teil Europas, der vom Humanismus und der Renaissance beeinflusst war) und der Gegenwart: der Buchdruck damals – die digitalen Medien heute; Gutenberg damals – Zuckerberg heute. Und enthusiastisch wird Bill Gates aus dem Jahr 1995 zitiert und betont, wie recht er damals hatte:

(GATES 1995, ZITIERT AUS GOLDIN & KUTARNA 2016, S. 57)

Der Tag wird kommen, und er ist nicht fern, an dem Sie in der Lage sein werden, ein Unternehmen zu führen, zu studieren, die Welt und ihre Kulturen zu erforschen, erstklassige Unterhaltung zu genießen, Freundschaften zu knüpfen, Stadtteilmärkte zu besuchen und entfernten Verwandten Fotos zu zeigen, ohne von Ihrem Schreibtisch oder Sessel aufzustehen.

In der Renaissance wie heute entstanden beziehungsweise entstehen ganz neue Vernetzungen: im Handel und in den Finanzen, durch kurzfristige (Tourismus) und langfristige (Migration) Mobilität. Und wie Leonardos vitruvianischer Mensch gegen Ende des 15. Jahrhunderts entsteht heute ein neuer Mensch – vernetzt, gesund, gebildet, genialisch, und mit ihm bricht ein neues goldenes Zeitalter an. Natürlich kann laut den beiden Autoren noch vieles schief gehen, die goldene Zukunft muss durch die Menschen erkämpft werden, indem das Potenzial der Genialität maximal ausgeschöpft, Wagemut und der Mut zum Scheitern gefördert werden. Es gilt, einen breiten und tiefen Wissensschatz zu bergen, die physischen und digitalen Grundlagen für einen Austausch in den Gemeinden zu stärken, und Tugenden wie Ehrlichkeit, Wagemut und Würde haben die ganze Entwicklung zu rahmen (ebd., S. 326–372).

Der Blick zurück in die Geschichte hilft, die Gegenwart zu verstehen. «Zukunft braucht Herkunft», wie der deutsche Philosoph Odo Marquard eine Essaysammlung (2003) betitelte. Wer aber mit historischen Vergleichen und Parallelen scheinbar klare Zukunftsprognosen stellt und gleichsam die Zukunft aus der Vergangenheit konstruiert, ist verhaftet im Historizismus des 19. Jahrhunderts und unterliegt der Illusion des zurückschauenden Determinismus.

Im Gegensatz dazu verstehen sich die nachfolgenden Gegenwartsbeschreibungen und Zukunftsdiagnosen als Versuch, gegenwärtige Entwicklungen, die heute im Fokus des öffentlichen und wissenschaftlichen Diskurses stehen, ins Zentrum zu rücken. Wir sind uns dabei bewusst, dass diese Zeitdiagnose zweiter Ordnung nicht die Zukunft voraussagt. Einiges wird in ein paar Jahren und Jahrzehnten so sein, vieles wird ganz anders kommen. Der Lauf der Welt ist kontingent, und daher hören wir auf bedeutende Stimmen, vor allem auch auf einander widersprechende.

Wenn heute die Gegenwart diskutiert und Zukunftsszenarien entworfen werden, dann stehen zwei Megathemen, die eng miteinander verflochten sind, im Zentrum: die Veränderung der Wirtschaft und mithin der Arbeitswelt und die Digitalisierung. Optimistinnen und Optimisten sehen den Kapitalismus mit dem Konzept Industrie 4.0 und dem Beginn eines neuen Kondratjew-Zyklus[2] sowie mit der (digitalen) Vernetzung der Welt auf einer höheren Entwicklungsstufe zum Wohle der Menschheit. Theoretiker des Postkapitalismus hingegen prognostizieren das Ende des Kapitalismus und räsonieren über neue Wirtschaftsmodelle. Unsere hoch differenzierte Gesellschaft ist auf Kooperation angewiesen. Dennoch ist seit dem Aufkommen der Spieltheorie strittig, welche Kooperationsstrategien am erfolgreichsten sind – für das Individuum und für die Gesellschaft. Und bedeutet Kooperation in einer Gemeinschaft nicht gleichzeitig den Ausschluss anderer, herrscht letztlich immer noch Tribalismus? Neue Technologien, Digitalisierung und die Ökonomisierung des ganzen menschlichen Seins werfen auch Fragen zur Autonomie und Freiheit des Menschen auf. Wandelt sich die Disziplinargesellschaft zur Kontroll- und Transparenzgesellschaft? Inwiefern verändern sich unter diesen Einflüssen die Befindlichkeit und die moderne Seele? Wie gelingt in einer auf fortgesetzte Steigerung angelegten Gesellschaft echte Weltbeziehung? Kann es heute und in Zukunft eine gerechte Welt und ein gutes Leben geben? Und nicht zuletzt – wie sieht die Zukunft des Lernens aus? All diese Punkte werden in Teil I des Buches beleuchtet.

2 Die Veränderung der Wirtschaft

2DIE VERÄNDERUNG DER WIRTSCHAFT

Die rasante Veränderung von Wirtschaft und Arbeitswelt basiert in erster Linie auf Technologisierung und Digitalisierung. Diesen Trend kann man zwar schon seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts beobachten, doch neu ist die Vernetzung der Produktionsprozesse, die auch zu neuen Formen in der Produktentwicklung führt sowie zu einer weitgehenden Selbststeuerung bei der Fertigung von Produkten. Diese Neuerungen wiederum erlauben eine auf individuelle Ansprüche ausgerichtete Gestaltung von Produkten.

2.1 Industrie 4.0 und Arbeit 4.0

2.1INDUSTRIE 4.0 UND ARBEIT 4.0

Eine intensive Debatte um einen entscheidenden Schritt bei der Veränderung von Produktion und Arbeit wird seit rund sieben Jahren in Deutschland unter dem Begriff Industrie 4.0 geführt. Sie wurde ausgelöst, als 2011 auf der Hannover Messe Vertreter von Wirtschaft und Wissenschaft Handlungsempfehlungen entwickelten und sie einer breiteren Öffentlichkeit vorstellten (vgl. Kagermann, Wahlster & Helbig 2013). Die Verfasser des Berichts erkannten nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Informatisierung der Industrie im «Internet der Dinge und Dienste» die vierte industrielle Revolution (ebd., S. 2):

(KAGERMANN, WAHLSTER & HELBIG 2013, S. 5)

Unternehmen werden zukünftig ihre Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel als Cyber-Physical Systems (CPS) weltweit vernetzen. Diese umfassen in der Produktion intelligente Maschinen, Lagersysteme und Betriebsmittel, die eigenständig Informationen austauschen, Aktionen auslösen und sich gegenseitig selbstständig steuern. So lassen sich industrielle Prozesse in der Produktion, dem Engineering, der Materialverwendung sowie des Lieferketten- und Lebenszyklusmanagements grundlegend verbessern. […]

Das Potenzial von Industrie 4.0 ist immens: Die Smart Factory kann individuelle Kundenwünsche berücksichtigen und selbst Einzelstücke rentabel produzieren. In Industrie 4.0 sind Geschäfts- und Engineering-Prozesse dynamisch gestaltet, das heißt, die Produktion kann kurzfristig verändert werden und flexibel auf Störungen und Ausfälle, zum Beispiel von Zulieferern, reagieren. Die Produktion ist durchgängig transparent und ermöglicht optimale Entscheidungen. Durch Industrie 4.0 entstehen neue Formen von Wertschöpfung und neuartige Geschäftsmodelle.

Für die Autoren leistet Industrie 4.0 darüber hinaus auch einen wesentlichen Beitrag zur Ressourcen- und Energieeffizienz; zudem kann mit ihr dem demografischen Wandel begegnet werden. Routineaufgaben fallen mehr und mehr weg. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können sich auf kreative Tätigkeiten konzentrieren, und dank flexibler Arbeitsorganisation können sie Beruf und Privatleben miteinander kombinieren und damit die Work-Life-Balance verbessern (vgl. ebd.).

Für die erfolgreiche Transformation von der traditionellen Produktion zur Industrie 4.0 führt der Arbeitskreis Industrie 4.0 acht Handlungsempfehlungen auf (vgl. ebd., S. 6 f.):

•STANDARDISIERUNG: Für die firmenübergreifende Vernetzung braucht es gemeinsame, einheitliche Standards.

•BEHERRSCHUNG KOMPLEXER SYSTEME: Planungs- und Erklärungsmodelle sollen die komplexen Systeme beherrschbar machen.

•FLÄCHENDECKENDE BREITBANDINFRASTRUKTUR: Nur mit einem hochwertigen schnellen Kommunikationsnetz kann Industrie 4.0 realisiert werden.

•SICHERHEIT: Die Produktionssysteme müssen für Mensch und Umwelt sicher sein, und die Netze vor Angriffen geschützt werden.

•ARBEITSORGANISATION UND -GESTALTUNG: Die veränderten Arbeitsinhalte, -prozesse und -umgebungen erlauben partizipative Arbeitsgestaltung und ermöglichen somit stärkere Eigenverantwortung und Selbstentfaltung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

•AUS- UND WEITERBILDUNG: Die Qualifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter muss flexibel sein, die Weiterbildung lebensbegleitend und nahe am Arbeitsort.

•RECHTLICHE RAHMENBEDINGUNGEN: Für die radikal veränderten Produktionsformen braucht es neue Gesetze in den Bereichen Datenschutz, Haftung und Handelsbeschränkung.

•RESSOURCENEFFIZIENZ: Ressourcenproduktivität und Energieeffizienz müssen gesteigert werden.

Die Veränderung der Wirtschaft in Richtung Industrie 4.0 führt zu einem weitreichenden Wandel der Arbeitsgesellschaft. Der Hauptfokus wird dabei auf dem Fachkräftemangel, der Polarisierung zwischen hoch- und geringqualifizierten Tätigkeiten, der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, der erhöhten Zeitsouveränität, dem Rückgang der Arbeitszeit, dem Anstieg befristeter Arbeitsverhältnisse und der Ausbreitung von Niedriglohnarbeit liegen.

Der Wandel des ökonomischen Feldes führt zu starken Veränderungen der Erwerbsarbeit. Die Bildungs- und Erziehungswissenschaftlerin Antje Pabst (2016, S. 11 f.) zeigt diesen für Deutschland in fünf Bereichen auf der Grundlage empirischer Erhebungen auf. Die Digitalisierung wird Berufe ersetzen. Bereits 2015 nutzten 83 Prozent aller Beschäftigten digitale Technologien, bei den Niedrigqualifizierten waren es 50 Prozent, bei den Hochqualifizierten 98 Prozent. Nach Schätzungen können bei den Berufen der Industrieproduktion über 70 Prozent der Tätigkeiten durch digitale Technologien ersetzt werden (vgl. Dengler & Matthes 2015).

Arbeitsbefragungen ergeben, dass die Arbeitsanforderungen stark zunehmen, vor allem der Leistungs- und Termindruck (besonders bei Störungen und Unterbrechungen) steigen enorm (vgl. DGB 2015, S. 5). Viele Beschäftigte fühlen sich gehetzt, und einfache Angestellte sowie Hilfskräfte sind von der zunehmenden Eigenverantwortung (z. B. bei Kundenkontakten) überfordert (vgl. Bosch & Weinkopf 2011). Die zeitliche Flexibilisierung der Arbeit nimmt vor allem wegen der Zunahme von Wochenend- und Schichtarbeit zu, und seit 1980 hat sich die Entwicklung der Löhne von jener der Produktivität entkoppelt. Die Beschäftigungsquote nimmt zwar kontinuierlich zu, allerdings ist die Zunahme verbunden mit einer Steigerung von Teilzeitarbeit. Zudem beziehen nicht wenige Beschäftige sozialstaatliche Leistungen. So erhielt laut Bundesamt für Gesundheit (2016) in der Schweiz im Jahr 2014 rund ein Viertel der Bevölkerung eine Prämienverbilligung für die Krankenkasse.

2.2 Wandel von Berufen

2.2WANDEL VON BERUFEN

Die Digitalisierung wirkt sich umfassend auf verschiedenste Berufsbereiche aus. Die Nachfrage nach Berufen in den Bereichen Informatik, Unternehmensführung, Unternehmensorganisation sowie Werbung und Marketing steigt, und im Rahmen von Industrie 4.0 wird auch der Bedarf an Mechatronikerinnen, Maschinen- und Fahrzeugtechnikern steigen, wohingegen das Angebot an Berufen in den übrigen Fertigungstechniken, in der Textil- und Bekleidungsbranche und im Ernährungsbereich abnimmt.

In der Prognose Arbeitsmarkt 2030 berechnen Vogler-Ludwig, Düll und Kriechel (2016, S. 27) die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Berufsstruktur in Deutschland in zwei Modellen (Basisszenario und beschleunigte Digitalisierung). In Tabelle 1 sind die Veränderungen dargestellt, die die Entwicklung beschleunigter Digitalisierung zwischen den Jahren 2014 und 2030 begleiten.


TABELLE 1: Auswirkungen der beschleunigten Digitalisierung auf die Berufsstruktur Erwerbstätige ( Vogler-Ludwig, Düll & Kriechel 2016, S. 27 )
BERUFSBEREICH VERÄNDERUNG 2014–2030 IN %
Land-, Forst- und Tierwirtschaft und Gartenbau -15,1
Rohstoffgewinnung, Produktion und Fertigung -6,5
Bau, Architektur, Vermessung und Gebäudetechnik -1,3
Naturwissenschaft, Geografie und Informatik +18,6
Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit -2,6
Kaufmännische Dienstleistungen, Warenhandel, Vertrieb, Hotel und Tourismus -3,8
Unternehmensorganisation, Buchhaltung, Rechtund Verwaltung +1,4
Gesundheit, Soziales, Lehre und Erziehung +8,9
Sprach-, Literatur-, Geistes-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Medien, Kunst; Kultur und Gestaltung +16,3
Militär -21,4

Lesebeispiel: Im Militär werden im Jahr 2030 rund 21 Prozent weniger Erwerbstätige arbeiten als im Jahr 2014.

Die Autorin und die Autoren der Prognose Arbeitsmarkt 2030 gehen von einer leicht erhöhten Erwerbstätigenzahl im Jahr 2030 aus (+0,6 %, ebd.). Allerdings kann ihrer Meinung nach die Steigerung der Erwerbsbeteiligung von Frauen und älteren Menschen den demografischen Wandel (besonders die Alterung der Erwerbspersonen) nicht auffangen. Diesem Trend kann nur mit einer steigenden Geburtenziffer und Zuwanderung begegnet werden. Doch auch dann bleibt der Fachkräftemangel akut. Als wichtige Maßnahme zur Wahrung der Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands erachten die Verfasserin und die Verfasser den starken Ausbau der Erwachsenenbildung zu einer tragenden Säule des beruflichen Bildungssystems (ebd., S.32).

Ein umfassender Wandel in der Berufsstruktur vollzieht sich auch durch die Automatisierung beziehungsweise Robotisierung. Auf der Basis des Deloitte-Berichts der University of Oxford, der prognostizierte, wie viele Jobs in den USA einem hohen Automatisierungsrisiko ausgesetzt sind, analysieren Dennis Brandes und Luc Zobrist (2015) die Folgen der Automatisierung für den Schweizer Arbeitsmarkt. Die wichtigsten Erkenntnisse sind:

(BRANDES & ZOBRIST 2015, S. 1)

− In der Schweiz sind die Auswirkungen der Automatisierung sichtbar: Tätigkeiten, die kaum durch Automatisierung ersetzt werden können, sind in den letzten 25 Jahren stark gewachsen, während Tätigkeiten mit hoher Automatisierungswahrscheinlichkeit kaum gewachsen sind oder sogar abgenommen haben.

− In den nächsten Jahren und Jahrzehnten könnten fast 50 Prozent der Beschäftigten durch Automatisierung ersetzt werden.

− In den letzten 25 Jahren wurden jedoch insgesamt mehr Stellen geschaffen als verdrängt. Automatisierung dürfte deshalb auch in Zukunft mehr Chancen als Risiken bieten.

− Zukunftschancen gibt es über alle Qualifikationsstufen hinweg. Dies gilt insbesondere für Stellen, bei denen es auf Kreativität, soziale Interaktion und hochwertigen Kundenservice ankommt.

− Für Unternehmen bietet die fortschreitende Automatisierung eine Chance, wenn sie ihre Geschäftsprozesse frühzeitig anpassen.

− Preise und Margen lassen sich durch Betonung des Kundenerlebnisses verbessern, zusätzlich einfachere und schlankere Strukturen durch Fokussierung auf das Design implementieren.

− Durch Automatisierung sinken die Grenzkosten der Produktion, und es entsteht mehr Spielraum bei der Preisgestaltung.

Eine weitere wichtige Erkenntnis der Analyse lautet: Es gibt eine auffällige Diskrepanz zwischen der Automatisierungswahrscheinlichkeit und dem Ausbildungsniveau. Das heißt: Je geringer das jeweilige berufsbezogene Ausbildungsniveau ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Beschäftigtenzahl in diesem Beruf abnimmt. Eine sehr hohe Automatisierungswahrscheinlichkeit haben unter anderem folgende Berufe mit geringem Ausbildungsniveau (vgl. ebd., S. 5): Sekretariatskräfte, Bank- und andere Schalterbedienstete (je 97 %) Telefonisten (96 %), Kassiererinnen und Kartenverkäufer (90 %), Postverteiler und -sortiererinnen (86 %), Drucker (83 %) und Fachkräfte in der Landwirtschaft (73 %). Gefährdet sind aber auch Berufe mit hohem Ausbildungsniveau: Buchhalterinnen, Steuerberater und verwandte Berufe (95 %), Kartografinnen und Vermessungsingenieure (63 %) sowie Finanz- und Anlageberater (40 %).

2.3 Postkapitalismus

2.3POSTKAPITALISMUS

Es fällt auf, dass Studien, wie die bisher zitierten, die im Auftrag von wirtschaftsnahen und staatlichen Organen (Ministerien) entstanden sind, aufgrund ihrer affirmativen Haltung zum kapitalistischen Wirtschaftssystem die Digitalisierung und Automatisierung der Wirtschaft positiv sehen. Der Strukturwandel schaffe in genügendem Maße neue Arbeitsplätze und Absatzmärkte, und auch ein weiteres Auseinandergehen der Schere zwischen hohen und geringen Einkommen sei nicht zu befürchten.

Im Gegensatz dazu postulieren Theoretiker des Postkapitalismus das Ende des kapitalistischen Wirtschaftssystems, ohne dass sie in der Regel sagen können, wie die zukünftige Ökonomie funktionieren wird. Für den englischen Journalisten und Autor Paul Mason (2016, S. 194–196) vollzieht sich seit den 1990er-Jahren eine Revolution, die von der Art, wie Informationen verarbeitet, gespeichert und vermittelt werden, angetrieben wird. Sie bildet die Grundlage für eine «Netzwerkökonomie», welche die kapitalistischen Eigentumsbeziehungen untergräbt. Die geschieht wie folgt: Der klassisch-kapitalistische Preisbildungsmechanismus kommt bei digitalen Gütern an seine Grenzen, da die Kosten für die Reproduktion der Information gegen null tendieren. In der Netzwerkökonomie werden auch physische Güter mit einem hohen Informationsgehalt ausgestattet, was dazu führt, dass auch deren Preis gegen null tendiert. Ihr Wert hängt daher weniger von den Produktionskosten ab als von der gesellschaftlich produzierten Idee, gleichsam der Marke. Die Netzwerkökonomie befördert die «Finanzialisierung» (ebd., S. 43 f.), das heißt, Unternehmen werden selbst auf den Finanzmärkten aktiv, Banken erhöhen das Risiko beim Investmentbanking, die Konsumentinnen und Konsumenten werden über Kreditkarten, Hypotheken, Leasing, Studiendarlehen direkt in die Finanzmärkte eingebunden, womit ein Teil der wirtschaftlichen Gewinne durch Geldverleih für die Konsumentinnen und Konsumenten erzielt wird. Es bestehen zwei Profitströme von der arbeitenden Bevölkerung zu denjenigen, die Kapital besitzen: Der traditionelle Strom besteht aus Arbeitskraft und der neue aus Zinszahlungen. Die Produktivität der Güter, Prozesse und Netzwerke wird revolutioniert, da die digitalen Verbindungen zwischen den Maschinen zahlreicher werden als jene zwischen den Menschen. Die Unternehmen reagieren darauf mit drei Strategien: Mit Informationsmonopolen verteidigen sie hartnäckig ihre Eigentumsrechte, sie versuchen im Strom der sinkenden Preise und der erweiterten Angebote zu überleben, und sie bemühen sich um den Erwerb von Konsumentendaten, um diese für sich zu nutzen. Daneben wird der Anteil der Nichtmarkt-Produktion stetig größer, es entstehen Netzwerke der Allmendeproduktion von Gütern, die kostenlos sind oder keinen kommerziellen Wert haben und die zunehmend die kommerziellen Güter verdrängen (Beispiele: Wikipedia verdrängt Lexika, LaTeX verdrängt kommerzielle Textverarbeitungsprogramme wie Word). Die Grenzen von Produzentinnen und Konsumenten verwischen sich zusehends (Beispiel: das Open-Source-Statistikprogramm R). Gegen diese Tendenzen wehrt sich der Kapitalismus, indem er unter anderem Informationsmonopole errichtet und die Schwächung der Lohnbeziehung zulässt. Die Netzwerkökonomie verändert laut Mason auch den Menschen:

(MASON 2016, S. 196)

Der rasante technologische Wandel verändert das Wesen der Arbeit, verwischt die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit und zwingt uns, in jedem Lebensbereich an der Wertschöpfung teilzunehmen. Dabei eignen wir uns mehrere ökonomische Persönlichkeiten an und werden zu neuen Menschen. Das vernetzte Individuum mit seinem vielgestaltigen Selbst ist Träger der postkapitalistischen Gesellschaft, die jetzt entstehen könnte.

Die technologische Ausrichtung dieser Revolution widerspricht ihrer gesellschaftlichen Ausrichtung: Technologisch sind wir auf dem Weg zu kostenlosen Gütern, nichtmessbarer Arbeit, exponentiellen Produktivitätszuwächsen und der umfassenden Automatisierung physikalischer Prozesse. Gesellschaftlich sind wir Gefangene einer Welt, die von Monopolen, Ineffizienz, den Ruinen eines vom Finanzsektor beherrschten freien Markts und der Ausbreitung von «Bullshit-Jobs» geprägt ist.

Immerhin gesteht auch Mason ein, dass die postkapitalistische Netzwerkgesellschaft nicht notwendigerweise aus dem Spätkapitalismus entsteht, damit entfernt er sich von einem teleologischen Geschichtsverständnis, wie es Marx und seinen nachfolgenden Theoretikern der klassenlosen Gesellschaft eigen war. Möglich ist auch die Entstehung eines «kognitiven Kapitalismus, gestützt auf eine neue Mischung von Firmen, Märkten und vernetzter Kooperation» (ebd.).

Einen ganz anderen Weg aus der Krise des Kapitalismus zeichnen der Ökonom Oliver Fiechter und der Journalist Philipp Löpfe (2016): Sie glauben, dass die Digitalisierung uns dank der neuen technischen Möglichkeiten, dazu befähigt, erneut eine Tauschgesellschaft, aber auf viel höherem Niveau als jene der Stammesgesellschaft einzuführen. Warum dabei Stammesgesellschaften als ideale Gesellschaftsform angepriesen werden, ist nicht nachvollziehbar. Auf die Probleme eines solchen Tribalismus gehen wir in Abschnitt 4.6 ein.

2.4 Ökonomisierung von Gesellschaft und Kultur

2.4ÖKONOMISIERUNG VON GESELLSCHAFT UND KULTUR

Interessanterweise finden wir sowohl bei dem Konzept Arbeit 4.0 als auch bei Masons Postkapitalismus-Theorie eine Verwischung der Grenzen von Arbeit und Freizeit und mithin eine umfassende Ökonomisierung des Menschen, die begrüßt wird.

Die fortschreitende Ökonomisierung von Gesellschaft und Kultur hat schon Jürgen Habermas in den frühen 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts kritisiert. Die Funktionsrationalität des Marktsystems dringt zunehmend in nichtwirtschaftliche Lebensbereiche ein, sie kolonisiert und pathologisiert diese und höhlt dadurch deren Eigensinn aus (vgl. Habermas 1981, S. 277 f. u. a. O.). Zu Recht weist der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich (1995, S. 77) darauf hin, dass bereits lange vor Habermas große Denker wie Max Weber und Karl Polanyi die «fortschreitende(n) Subordination unter anonyme Sachzwänge der eigensinnigen ökonomischen Systemdynamik» (ebd.) der demokratischen Politik beklagt haben. Mittlerweile dominiert die marktwirtschaftliche beziehungsweise betriebswirtschaftliche Rationalität die politischen Debatten, wobei diese nicht nur hohe normative Kraft auf gesellschaftliche Problemlösungen ausübt, sondern auch als oberste Leitlinie für die Organisation politischer Prozesse innerhalb demokratischer Strukturen wirkt. Nach dieser Rationalität übt beispielsweise das Parlament die strategische Führung aus, analog zum Verwaltungsrat, während der Regierung die operative Führung obliegt. Der Regierungschef wird zum CEO, die Finanzministerin zum CFO usw.

Auch wenn 2016 mit dem Brexit, mit der Wahl Donald Trumps und mit der Rückweisung des TTIP-Abkommens die Globalisierung möglicherweise einen leichten Dämpfer erhalten hat, dominieren die globalen Märkte und das Wettbewerbsprinzip die internationalen Beziehungen weiterhin, und die nationale Politik verliert gegenüber der Wirtschaft zusehends an Bedeutung. Nichts macht diesen Trend deutlicher als der Standortwettbewerb von Staaten, aber auch Gliedstaaten (z. B. Bundesländer und Kantone) und sogar Kommunen. Ein gutes Beispiel dafür ist der Steuerwettbewerb in der Schweiz, der mittlerweile die Finanz-, Fiskal-, aber auch die Sozial- und Bildungspolitik dominiert. Die Kantone und Gemeinden stehen in harter Konkurrenz zueinander und zu internationalen Mitstreitern (Staaten, Gliedstaaten und Kommunen), und die langfristige Strategie, mittels Steuersenkungen und der Aufhebung von Erbschaftssteuern Unternehmen und vermögende Ausländerinnen und Ausländer anzulocken, rechtfertigt drastische Abbaumaßnahmen wie die Schließung von Schulen für eine Woche, wie vor einigen Jahren in den Kantonen St. Gallen und Luzern.

Die Ökonomisierung dominiert nicht nur das öffentliche Leben zusehends, sie drängt auch mit Macht in unser alltägliches und intimes Leben. Die Soziologin Eva Illouz (2007, 2011) zeigt das eindrücklich am Beispiel der Liebe und der Partnerwahl:

(ILLOUZ 2011, S. 112 F.)

Die Partnerwahl findet nunmehr in einem hochgradig wettbewerbsorientierten Markt statt, in dem romantische und sexuelle Erfolge eine Folge früherer Formen der sozialen Schichtung sind und ihrerseits von neuem stratifizierende Effekte zeitigen. […] Eine der wichtigsten Transformationen der sexuellen Beziehungen in der Moderne besteht in der engen Verflechtung des Begehrens mit der Ökonomie und der Frage des Werts, einschließlich des Selbstwerts einer Person.

Die sexuelle Arena ist konkurrenzorientiert geworden, konstatiert Illouz (ebd., S. 202). Frauen und Männer erlangten Status und erotisches Kapital auf unterschiedlichen Wegen, und besonders für die Männer sei dieser Konkurrenzkampf verbunden mit Bindungsängsten. Die Ökonomisierung der Lebenswelt dringe in die Kultur und in unsere Seelen (vgl. ebd.).

3 Digitalisierung

3Digitalisierung

Die große Bedeutung der zunehmenden Digitalisierung unseres Lebens zeigte sich schon im letzten Kapitel, sie spielt für den Wandel der Wirtschaft die entscheidende Rolle. In diesem Kapitel wird nicht auf technische Entwicklungen wie selbstfahrende Autos, vernetzte intelligente Häuser und Wohnungen und bildverarbeitende Steuerungstechniken in der Robotik eingegangen, vielmehr soll zunächst das Phänomen der Netzwerkgesellschaft beleuchtet werden, um anschließend auf die Auswirkungen auf Bildung und Politik einzugehen.

3.1 Netzwerkgesellschaft

3.1NETZWERKGESELLSCHAFT

Netzwerke bedürfen fließender Informationen, und die Digitalisierung schafft dafür die Grundlagen. In einer umfassend digitalisierten Welt sind Informationen gleichzeitig überall abruf- und nutzbar, und das Medium dafür ist das Internet. Im Informationszeitalter herrscht die Organisationsform der digitalen Netzwerke vor.

(CASTELLS 2001, S. 527)

Netzwerke bilden die neue soziale Morphologie unserer Gesellschaft, und die Verbreitung der Vernetzungslogik verändert die Funktionsweise und die Ergebnisse von Prozessen der Produktion, Erfahrung, Macht und Kultur wesentlich. Zwar hat es Netzwerke als Form sozialer Organisation auch zu anderen Zeiten und in anderen Räumen gegeben, aber das neue informationstechnologische Paradigma schafft die materielle Basis dafür, dass diese Form auf die gesamte gesellschaftliche Struktur ausgreift und sie durchdringt. Außerdem möchte ich behaupten, dass diese Vernetzungslogik zu einer sozialen Determination auf höherer Ebene führt, als jener der spezifischen gesellschaftlichen Interessen, die in den Netzwerken zum Ausdruck kommen: die Macht der Ströme gewinnt Vorrang gegenüber den Strömen der Macht. Anwesenheit oder Abwesenheit im Netzwerk und die Dynamik eines jeden Netzwerks gegenüber anderen sind entscheidende Quellen von Herrschaft und Wandel in unserer Gesellschaft; einer Gesellschaft, die wir daher zutreffend Netzwerkgesellschaft nennen können, [sic] und die geprägt ist durch die Dominanz der Bedeutung der sozialen Morphologie gegenüber dem sozialen Handeln.

Der Soziologe Manuel Castells (ebd., S. 528 f.) bestimmt Netzwerke als Verbund mehrerer untereinander verbundener Knoten. Was diese Knoten konkret sind, ist durch die spezifische Form der Netzwerke bestimmt, zum Beispiel Aktienmärkte im Netzwerk der Finanzströme, Regierungschefinnen, Ministerräte und Kommissare im Netzwerk der Europäischen Union, Kokafelder, Schmuggelbanden, Geldwäscheorganisationen und Straßenhandelsgangs im Netzwerk des Drogenhandels. Die Digitalisierung ermöglicht es, dass die Informationen zwischen den Knoten praktisch ohne Zeitverzögerung fließen können, die Distanz zwischen den Knoten in einem Netzwerk tendiert so gegen null. Unsere Gesellschaft wird in ihren Prozessen und Funktionen mittlerweile bestimmt durch den Einschluss in, den Ausschluss aus Netzwerken und die Beziehungen zwischen verschiedenen Netzwerken. Netzwerke sind offene und dynamische Systeme, die Knoten mit gleichem Kommunikationscode beliebig integrieren, aber auch über neue Codes andere Knoten oder gar Netzwerke aufnehmen können. Für die kapitalistische Wirtschaft sind Netzwerke das wichtigste Instrument, das wurde im letzten Kapitel mit dem Konzept Industrie 4.0 deutlich gemacht.

Die Netzwerkgesellschaft bedingt auch tiefgreifende soziale Transformationsprozesse (vgl. ebd., S. 534–535):

•Die kulturellen Ausdrucksformen werden über digitale Kommunikationsnetzwerke vermittelt (z. B. über Blogs, Facebook, Twitter usw.).

•Politik findet zunehmend in vernetzten digitalen Medien statt. Das befördert die Personalisierung der Politik, und das individuelle Image wird zum Mittel zur Macht. Trumps Twitter-Politik ist ein gutes Beispiel dafür.

•Durch den Zwang, Politik in der Sprache der digitalen Medien zu betreiben, verändern sich politische Strukturen sowie Prozesse, und nicht zuletzt wird die Macht der Politik durch die Macht der Netzwerke verdrängt. Ein Beispiel dafür liefert der hilflose Kampf der Politik gegen Fake-News in sozialen Medien.

•Auch die menschliche Erfahrung wird quantitativ verändert, und zwar im Verhältnis von Natur und Kultur. Jahrtausendelang bestimmte in der Geschichte die Natur über die Kultur, im menschlichen Handeln bezog sich Kultur auf Natur. Mit der Moderne und der industriellen Revolution wandelte sich dieses Verhältnis zwar schon stark, aber erst in der Netzwerkgesellschaft wird die Natur derart verdrängt, dass Kultur sich vornehmlich auf Kultur bezieht.

Informationen bilden das Blut der heutigen gesellschaftlichen Organisation, und die Informationen strömen in den Netzwerken, den Adern der modernen Gesellschaft.

3.2 Veränderte Produktionsverhältnisse

3.2VERÄNDERTE PRODUKTIONSVERHÄLTNISSE

In der digitalen Gesellschaft verändern sich die Produktionsverhältnisse. Menschen, die ihre Arbeitskraft auf dem Markt anbieten müssen, sind einem ständigen Wandel der Anforderungen im Produktionsprozess unterworfen, Sie müssen einerseits selbst feststellen, welche Fähigkeiten für die Bearbeitung gewisser Aufgaben notwendig sind; andererseits müssen sie Wege und Ressourcen finden, um sich diese Fähigkeiten anzueignen. «Aufgerieben zwischen Null und Eins» (Müller 2016) müssen wir uns immer wieder neu programmieren, damit wir auf dem Arbeitsmarkt bestehen können. Obwohl immer auf Arbeit angewiesen, werden die Menschen zu Ich-Unternehmern (Masschelein & Simons 2005, S. 19–22). Flexibilität wird zum entscheidenden Kriterium. Was das für den einzelnen Menschen tatsächlich bedeutet, hat der amerikanische Soziologe Richard Sennet (1998) beschrieben: Die ständige Anpassung an den flexiblen Kapitalismus stürzt den Menschen in extreme Turbulenzen und bedroht seine subjekthaft fundierte Identität und Individualität. Der Deformations- und Destruktionsdruck auf den Menschen führt zu schwachen Bindungen, zu Bedeutungsverlust von gegenseitiger Verpflichtung, zur Zerstörung des Kreativen, zu Negation der Erfahrung und zu einer ironischen Sicht des eigenen Ichs, das sich selbst nicht mehr ernst zu nehmen vermag.

Für den Menschen als Ich-Unternehmer spielt sein Wissen die entscheidende Rolle, es ist sein Betriebskapital, es ist sein Mittel zum Zweck eines erfolgreichen Unternehmens. Damit erhält auch das Wissen selbst eine neue Qualität: Es ist praktisch in unendlich viele Portionen aufteilbar, diese kann man sich aneignen, und sie können abgestoßen werden, je nach Geschäftstätigkeit und Geschäftsgang. Aus dieser Optik erscheinen auch die in der pädagogischen Diskussion oft verwendeten Schlagwörter vom lebenslangen Lernen und von der geringen Halbwertszeit des Wissens in einem neuen Licht: Wissen ist ein kommodifiziertes Produktionsmittel, das für eine beschränkte Zeit im Produktionsprozess eingesetzt werden kann. Wenn es verbraucht oder nicht mehr zeitgemäß ist, wird es durch ein neues und besseres Mittel ersetzt. Wissen ist mithin ein unmittelbar nutzbares und zeitlich beschränktes Set von Daten und Anwendungsprogrammen. Der Mensch wird zum Träger und Verarbeiter dieser Daten und Anwendungsprogramme, erst durch ihn wird Wissen ökonomisch nutzbar – der Mensch ist die Hardware, das Wissen die Software. Die Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen usw. bilden gleichsam das für alle Menschen notwendige Betriebssystem. Darauf können dann die Individuen je nach ökonomischen Notwendigkeiten mit verschiedenen Programmen (prozedurales Wissen) und mit Daten (deklaratives Wissen) ausgestattet werden, damit sie ihre Aufgaben möglichst effizient erfüllen.

Auch das Kapital wird in der digitalen Netzwerkgesellschaft transformiert. Die globalen Finanznetzwerke lösen die Großunternehmen ab, sie werden «das Nervenzentrum des informationellen Kapitalismus», die Finanzmärkte sowie «ihre Managementnetzwerke [sind] tatsächlich der kollektive Kapitalist, die Mutter aller Akkumulation» (Castells 2003; S. 394). Die Bewegungen der globalen Finanzmärkte entscheiden über den Wert von Aktien, der zunehmend von der Performanz und der Potenz des jeweiligen Unternehmens abgekoppelt ist. Diese Bewegungen folgen aber nicht der Marktrationalität, vielmehr wird der Markt «durch eine Kombination computergestützter strategischer Manöver, Massenpsychologie aus multikulturellen Quellen und unerwarteten Tendenzen verzerrt, manipuliert und transformiert» (ebd.).

Auch die sozialen Verhältnisse sind von den veränderten Produktionsverhältnissen betroffen. Die soziale Ungleichheit und die Polarisierung nehmen zu. Weltweit steigt die Zahl der Milliardäre, während gleichzeitig die Zahl der Menschen, die auf Sozialhilfe angewiesen sind, immer größer wird. Hauptgründe dafür sind erstens die Aufsplittung der Arbeitskräfte in einerseits selbstunternehmerische, hochproduktive und andererseits in ersetzbare Arbeitskräfte. Zweitens führt die Individualisierung der Arbeit zur Schwächung kollektiver Organisation (z. B. der Gewerkschaften), und drittens verschwindet allmählich der Wohlfahrtsstaat angesichts der deutlichen Absenkung der Steuerbelastung von hohen Einkommen, Kapitalbesitzern und Unternehmen. Eine weitere soziale Folge ist die Exklusion eines Teils der Bevölkerung – heute wird häufig euphemistisch von Prekariat gesprochen –, deren Mitglieder keinen ökonomischen Wert als Arbeitskräfte und Konsumentinnen beziehungsweise Konsumenten haben und auch als Menschen ignoriert werden. Zudem geht zunehmend die Erfahrung des Arbeitslebens als existenzielle Sinnstiftung für das Individuum verloren (vgl. dazu auch Gardner, Csíkszentmihályi & Damon 2005, Sennett 2008 und Crawford 2010).

Die Digitalisierung und der soziale Austausch über Netzwerke bewirkt auch eine Individualisierung von Informationen. Im Netz aktive Menschen suchen zunehmend Informationen in immer denselben Netzwerken, und sie tauschen sich auch immer in diesen aus. Gleichzeitig erhalten sie in ihren Netzwerken personalisierte Informationen (als Folge von Big Data), die ihrem Profil entsprechen. Vernetzt mit der ganzen Welt, in der keine räumlichen Grenzen mehr bestehen, pflegen diese Menschen digitale Beziehungen in einer hermetischen Blase: Sie hören, sehen, lesen nur das, was sie hören, sehen, lesen wollen, und sie erhalten auf ihre Beiträge hauptsächlich positive Rückmeldungen in stark reduzierter Form von Likes oder Emojis. Das Sammeln von Likes hat sich in einigen Kreisen geradezu zu einem Volkssport entwickelt. Die Globalisierung und die weltweite Vernetzung bewirken paradoxerweise bei vielen Menschen eine drastische Limitierung des kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Gesichtsfelds. Wirklichkeit wird selbstreferenziell verarbeitet.

Das soziale Kapital der Digitalbeziehungen misst sich an den Likes und besonders an den Followers, wofür es bereits weltweite und bereichsspezifische Ranglisten gibt. Das «Ranking der Fanseiten bei Facebook mit den meisten Fans weltweit im November 2016 (in Millionen)» (Statista 2017) weist zum Beispiel den Fußballer Christiano Ronaldo als den Menschen mit den meisten Facebook-Fans (rund 117 Millionen) aus.

3.3 Big Data

3.3BIG DATA

Big Data ist ein Sammelbegriff für die Verarbeitungstechnologie unserer digitalen Spuren die wir im Internet hinterlassen: jede Suchmaschinen-Anfrage, jede Kreditkartenzahlung, jede Ortsveränderung unseres Handys, jeder Eintrag, jeder Like in sozialen Netzwerken und Blogs usw. wird gespeichert – und verwendet. Ein bezeichnendes Beispiel ist der Online-Wahlkampf von Donald Trump. In einem aufsehenerregenden Bericht zeigen die beiden Journalisten Grassegger & Krogerus (2016), wie mithilfe der Psychometrie die Persönlichkeit von Facebook-Usern ermittelt und diese Erkenntnisse für individualisierte politische Propaganda verwendet wurden. Zwei Studenten an der Cambridge University in England stellten im Jahr 2008 eine App auf Facebook, über die man als User einige Fragen zur eigenen Person beantworten konnte. Diese Fragen stammten aus dem berühmten Ocean-Fragebogen, mit dem seit den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts die fünf Persönlichkeitsmerkmale Offenheit, Extraversion, Gewissenhaftigkeit, soziale Verträglichkeit und Neurotizismus – die sogenannten Big Five – erhoben werden. Diese Merkmale erlauben es sehr gut, einen Menschen in Bezug auf seine Ängste, Bedürfnisse, aber auch in Bezug auf sein Verhalten einzuschätzen. Die User erhielten – quasi als Belohnung für das Beantworten der Frage – ein eigenes Ocean-Persönlichkeitsprofil. Entgegen der Erwartung der beiden Studenten nutzten Millionen von Usern die App, und so gelangten sie überraschend in den Besitz des größten je erhobenen psychometrischen Datensatzes. In der Folge glichen die beiden Forscher die Befragungsergebnisse der einzelnen User mit den anderen Daten ab, die diese auf Facebook hinterlassen hatten (Likes, Inhalte der Posts, Shares, Geschlecht, Alter, Wohnort usw.). Bei der Auswertung dieser komplexen Daten konnten Zusammenhänge hergestellt und überraschend valide Schlüsse gezogen werden. Wer zum Beispiel als Mann die Kosmetikmarke MAC likt, ist, wenn man den Ergebnissen der beiden Forscher Glauben schenkt, mit hoher Wahrscheinlichkeit homosexuell. Nachdem die Methode noch verfeinert worden war, konnte die Forschergruppe um einen der beiden ehemaligen Studenten im Jahr 2012 anhand durchschnittlich 68 Facebook-Likes eines Users seine Hautfarbe (Sicherheit 98 %), seine sexuelle Orientierung (95 %) und seine Parteipräferenz (Demokraten oder Republikaner zu 85 %) vorhersagen. Aber auch Intelligenz, Religionszugehörigkeit, Zigaretten-, Alkohol- und Drogenkonsum lassen sich mit dieser Methode zu einer hohen Wahrscheinlichkeit ermitteln. Und die Forscher gehen noch weiter:

(GRASSEGGER & KROGERUS 2016, S. 12)

Bald kann das Modell anhand von zehn Facebook-Likes eine Person besser einschätzen als ein durchschnittlicher Arbeitskollege. 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnisse eines Freundes zu überbieten, 150 um die der Eltern, mit 300 Likes kann die Maschine das Verhalten einer Person eindeutiger vorhersagen als deren Partner. Und mit noch mehr Likes lässt sich sogar übertreffen, was Menschen von sich selbst zu wissen glauben.

3.4 Microtargeting und Bullshit

3.4MICROTARGETING UND BULLSHIT

Mittlerweile werden nicht mehr nur Facebook und andere Sozialnetzwerk-Dienste zum Sammeln von Daten genutzt, als wahre Fundgrube erweist sich vor allem das Handy. Das Profiling von Menschen über Big Data kann aber auch in die umgekehrte Richtung genutzt werden: Es können Menschen mit besonderen Eigenschaften gesucht und beworben werden. Dies geschah offensichtlich im Jahr 2016 im Abstimmungskampf über den Brexit (ausgehend von den Befürwortern) und im US-Wahlkampf um die Präsidentschaft (von der Donald-Trump-Kampagne). Mithilfe von sogenanntem Microtargeting sprach man potenzielle Wählerinnen und Wähler an. Dabei waren die unzähligen kurzen (Twitter-)Botschaften von Donald Trump, die oft widersprüchlich waren, von unschätzbarem Wert. Nach der dritten Fernsehdebatte versandte das Trump-Kampagneteam 170 000 Versionen seiner Argumente vor allem an Facebook-User. Und um Hillary Clinton zu diskreditieren, wurden beispielsweise Afroamerikanerinnen und -amerikanern, die man aufgrund von Facebook-Likes als solche identifizierte, Videos zugepostet, in denen die demokratische Kandidatin schwarze Männer Raubtiere nannte.

Big Data und Politik treffen sich aber auch in einem weiteren zunehmenden Phänomen, nämlich jenem des Postfaktischen. Wir neigen dazu, zum Beispiel unseren Persönlichkeitsmerkmalen entsprechend gewissen Informationen eher zu glauben als anderen. Ein hochneurotischer, weißer Mann aus der Unterschicht wird mit hoher Wahrscheinlichkeit, die (falsche) Information, dass Bundesrätin Simonetta Sommaruga sich für die Lockerung der Aufnahmebedingungen für Asylsuchende einsetzt, unhinterfragt glauben, und wenn er im Netz aktiv ist, wird er diese empört und mit entsprechenden Kommentaren versehen weiterverbreiten. Im US-Wahlkampf waren die Nachrichten, der Papst empfehle die Wahl Trumps, die am meisten verbreiteten Fake News. Für konservative katholische US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner werden sie für den Wahlentscheid von Bedeutung gewesen sein, auch wenn zum Beispiel Trumps Sexualmoral in starkem Kontrast zur katholischen Kirche steht.

Die Netzwerkkultur der digitalen Welt verstärkt nicht nur die Verbreitung von Fake News zum Zweck politischer Manipulation. Mit seiner Selbstreferenzialität, wie sie oben beschrieben wurde, entfernt sich das Netz-Subjekt zusehends von der Wirklichkeit, die sich immer weiter auflöst, und die Leidenschaft für die Wahrheit geht verloren. In Anlehnung an den Philosophen Harry Frankfurt kann festgestellt werden, dass Fake News als Lügen immerhin noch einen Bezug zur Wahrheit haben, während selbstkonstruierte Wirklichkeit, die Frankfurt «Bullshit» nennt, diesen völlig verloren hat.

(FRANKFURT 2005, S. 30)

The liar is inescapably concerned with truth-values. In order to invent a lie at all, he must think he knows what is true. And in order to invent an effective lie, he must design his falsehood under the guidance of that truth. On the other hand, a person who undertakes to bullshit his way through has much more freedom. His focus is panoramic rather than particular. He does not limit himself to inserting a certain falsehood at a specific point, and thus he is not constrained by the truths surrounding that point or intersecting it. He is prepared, so far as required, to fake the context as well. This freedom from the constraints to which the liar must submit does not necessarily mean, of course, that his task is easier than the task of the liar. But the mode of creativity upon which it relies is less analytical and less deliberative than that which is mobilized in lying.

Sowohl die Lügnerin als auch der «Bullshitter» tun so, als ob sie die Wahrheit kommunizieren würden. Beide müssen uns täuschen, wollen sie erfolgreich sein. Aber während die Lügnerin uns von einer korrekten Wahrnehmung der Wahrheit abhalten will, hat für den «Bullshitter» der Wahrheitsgehalt seiner Aussagen keinerlei Bedeutung, er trifft sie einfach, weil sie ihm passen. Und Frankfurt schließt folgerichtig: «By virtue of this, bullshit is a greater enemy of the truth than lies are» (Frankfurt 2005, S. 34).

4 Kooperation

4KOOPERATION

Die Zusammenarbeit zwischen Menschen ist für das Funktionieren von Gesellschaften von zentraler Bedeutung. Allerdings besteht dabei ein Unterschied zwischen der gesamtgesellschaftlichen Perspektive und jener eines einzelnen Mitglieds der Gesellschaft: Während für die Gesellschaft Kooperation der Schlüssel zu ihrem Funktionieren ist, kann für ein Individuum Egoismus und damit Nicht-Kooperation von Vorteil sein. Es stellt sich damit die Frage, ob und in welcher Form gesellschaftliche und individuelle Interessen in Einklang gebracht werden können.

4.1 Die Evolution der Kooperation

4.1DIE EVOLUTION DER KOOPERATION

Die stammesgeschichtliche Evolution des Menschen ist eng mit dem Modus der Kooperation verbunden. Der Anthropologe Michael Tomasello (2016) beschreibt in seinem jüngsten Werk den Zusammenhang zwischen Moral und Kooperation:

(TOMASELLO 2016, S. 13)

Wir gehen von der Annahme aus, dass die menschliche Moral eine Form der Kooperation ist, insbesondere diejenige Form, die entstand, als Menschen sich an neue und für die Spezies einzigartige Formen der sozialen Interaktion und Organisation angepasst haben. Weil Homo sapiens ein ultrakooperativer Primat ist und vermutlich auch der einzige moralische, nehmen wir weiter an, dass die menschliche Moral ebenjene einzigartigen artspezifischen und proximalen Mechanismen umfasst – psychologische Prozesse der Kognition, sozialen Interaktion und Selbstregulation –, die es den Menschen ermöglichen, in ihren besonders kooperativen sozialen Arrangements zu überleben und zu gedeihen.

Die Evolution der menschlichen Kooperation hat ihren Ausgangspunkt im prosozialen Verhalten von Menschenaffen, das diese gegenüber Verwandten und Freunden zeigen, von denen sie abhängig sind. Ausgehend von dieser sogenannten Interdependenzhypothese zeichnet Tomasello die Entwicklung der sozialen Interaktion und Organisation nach, die sich hauptsächlich in zwei Schritten vollzog, wobei sich verändernde ökologische Verhältnisse die wichtigsten Triebfedern waren.

Vor Hunderttausenden von Jahren veränderte sich die Umwelt der damaligen Frühmenschen derart, dass die bisher auf absolut individuelle Intentionalität beruhende Lebensart das Überleben der Spezies gefährdete. Zur erfolgreichen Nahrungssuche reichte die bisherige Form der Interdependenz (Mitgefühle gegenüber Verwandten und Freundinnen beziehungsweise Freunden) nicht mehr aus. Das Mitgefühl musste auf Partner ausgeweitet werden, mit denen gemeinsame Ziele gebildet und gemeinschaftliche Aktivitäten geplant und umgesetzt werden konnten. Daraus entstand als erster Schritt der Kooperations-Evolution die gemeinsame Intentionalität. Diese bedingte einen gemeinsamen Hintergrund als «Urform sozial geteilter normativer Standards» (ebd., S. 15), auf dessen Basis Rollenideale bestimmt wurden und insbesondere die Gleichwertigkeit der an der gemeinsamen Aktion beteiligten Individuen anerkannt wurde. Basis für das Funktionieren dieser Form der Kooperation war die natürliche zweitpersonale Perspektive. Damit sich die gemeinsame Verpflichtung als neue Form der Kooperation gegenüber der bisherigen durchsetzen konnte, mussten Trittbrettfahrer ausgeschlossen werden, indem man ihnen zum Beispiel keinen Anteil an der Beute überließ. Die evolutionäre Entwicklung der menschlichen Kooperation bedeutet also von Anbeginn an auch Ausschluss: Neben den Kooperationspartnern gibt es immer auch Ausgeschlossene.

Der zweite Evolutionsschritt in der Entwicklung der Kooperation erfolgte etwa vor 150 000 Jahren, als aufgrund der erfolgreichen Kooperationsstrategien und der günstigen Umweltbedingungen die Zahl der Menschen zunahm und und sich die Gruppen vergrößerten. Infolgedessen entstanden kleinere geschlossene Gruppen – Stämme –, die mit anderen Stämmen in direkter Konkurrenz standen. Damit ein Stamm überleben konnte, mussten sich die Stammesmitglieder mit ihrem Stamm identifizieren und arbeitsteilige Rollen einnehmen. Mitgefühl und Gefühle der Verpflichtung galten ausschließlich den Mitgliedern des eigenen Stammes, alle anderen Menschen wurden als Konkurrenten wahrgenommen, nicht selten verfolgt und sogar getötet.

Die Stammesgesellschaft war auf die kognitive Koordination der Gruppenaktivitäten und auf die soziale Kontrolle angewiesen. Aufgrund dieser kollektiven Intentionalität entstand ein gemeinsamer kultureller Hintergrund, auf dessen Basis Konventionen, Normen und Institutionen entstanden.

Die Kooperationsfähigkeit des modernen Menschen steht unter dem Einfluss von drei verschiedenen Arten von Moral:

•Ähnlich der kooperativen Neigung der Menschenaffen zeigen wir ein großes Mitgefühl für Verwandte und Freunde. Droht Gefahr, sorge ich mich als Erstes um meine Kinder und meinen Ehepartner, dann um meine Eltern und Geschwister und um meine Freunde.

•Die zweite Kooperationsmoral bezieht sich auf konkrete Kooperationspartner. Als Nächstes sorge ich mich um jene Menschen, mit denen ich zum Beispiel eine Gefahr bekämpfe, mit denen ich also gerade zusammenarbeite. Auch diese Moral beruht auf persönlichen Beziehungen.

•Die dritte Kooperationsmoral ist die unpersönliche und kollektive, die auf kulturellen Normen basiert. Da alle Mitglieder der Gruppe gleich wertvoll sind, kümmere ich mich im gleichen Maße um sie.

Diese verschiedenen Arten von Kooperationsmoral können in Konflikt zueinander geraten und sind nicht selten der Ursprung von moralischen Dilemmas.

Menschen sind soziale Wesen, die nur in einer Gesellschaft überleben können, und insofern sind sie angewiesen auf Kooperation. Gleichzeitig suchen Menschen als Individuen den größtmöglichen Nutzen für sich zu gewinnen. Infolgedessen stellt sich für den Menschen die Frage, ob er zu seinem Nutzen mit anderen Personen kooperieren oder sich egoistisch verhalten soll.

4.2 Kooperation oder Defektion

4.2KOOPERATION ODER DEFEKTION

Die Frage, wie eine Person am besten in einer fortlaufenden Interaktion mit einer anderen Person kooperieren soll, hängt nicht (nur) vom kulturell geprägten geteilten Hintergrund der Kooperationspartner ab, vielmehr spielt auch das konkrete Verhalten des Gegenübers eine entscheidende Rolle. Verhält sich ein Partner stets fair und profitieren wir beide in etwa gleichem Maße, so verhalte ich mich völlig anders als gegenüber einem Partner, der nur seinen Vorteil sucht und mich immer wieder übervorteilt.

Die Spieltheorie (vgl. zusammenfassend z. B. Diekmann 2009, Fisher 2010) beschäftigt sich wissenschaftlich mit der oben gestellten Frage. Das heißt, sie will herausfinden, «wie Individuen aufgrund ihrer eigenen Interessen handeln, um anschließend die Folgen dieser Handlungen für das gesamte System zu analysieren» (Axelrod 2009, S. 5). Ausgangspunkt vieler Untersuchungen ist das Grundproblem, dass einzelne Individuen ihre eigenen Interessen verfolgen und somit ein Ergebnis entsteht, das für alle negativ ist. Ein gutes Beispiel dafür sind die Handelsschranken zwischen zwei Staaten (bei Individuen handelt es sich nach der Logik der Spieltheorie nicht nur um Menschen, sondern auch um Staaten, Organisationen usw.). Am besten geht es beiden Staaten, wenn sie keine Handelsschranken errichten. Sobald jedoch der eine Staat Schranken errichtet und der andere nicht, profitiert nur noch der erste, und letzterer wird sich zum Schutz seiner eigenen Wirtschaft bald veranlasst sehen, auch Beschränkungen einzuführen. Damit besteht ein Anreiz, Handelshemmnisse aufzubauen, womit insgesamt ein schlechteres Ergebnis erzielt wird als bei einem kooperativen Verhalten beider Staaten.

Das sogenannte Gefangenendilemma ist Ausgangspunkt vieler spieltheoretischer Untersuchungen. Es soll hier kurz erläutert werden: Zwei Verbrecher, nennen wir sie Verbrecher A und Verbrecher B, werden von der Polizei verhaftet und verhört. Beide haben im Verhör zwei Entscheidungsmöglichkeiten, wobei sie eine Wahl treffen müssen, ohne zu wissen, wie sich ihr Kollege verhält. Die zwei Varianten bestehen darin, dass sie ihre Tat entweder gestehen oder leugnen können. Leugnen sie, verraten sie ihren Kollegen nicht, sondern kooperieren mit ihm. Gestehen sie hingegen, so verraten sie ihren Kollegen und kooperieren also nicht mit ihm (dieses Verhalten nennt man defektieren). Die Polizei bemüht sich natürlich um ein Geständnis, und je nach Verhalten ist das Strafmaß für die Verbrecher unterschiedlich:

•Wenn beide Verbrecher nicht gestehen (also miteinander kooperieren), erhält jeder je eine Strafe von einem Jahr Gefängnis (für Vergehen, die ihnen nachgewiesen werden können).

•Wenn beide gestehen (also einander verraten und damit nicht miteinander kooperieren), wird jeder zu je einer Gefängnisstrafe von drei Jahren verurteilt.

•Wenn einer gesteht (nicht kooperiert) und der andere schweigt (kooperiert), dann bleibt der Gestehende im Sinne der Kronzeugenregelung straffrei, während der andere zu fünf Jahren Gefängnisstrafe verurteilt wird.


TABELLE 2: Auszahlungen im Gefangenendilemma
VERBRECHER A
KOOPERATION DEFEKTION
VERBRECHER B KOOPERATION A:1; B:1 A:0; B:5
DEFEKTION A:5; B:0 A:3; B:3

In Tabelle 2 sind die verschiedenen Möglichkeiten des Gefangenendilemmas grafisch dargestellt. Vergleicht man die Ergebnisse der Kooperation beziehungsweise der Defektion bei beiden Verbrechern, so bedeutet beidseitige Kooperation die beste Lösung (insgesamt lediglich zwei Jahre Gefängnis), während beidseitige Defektion (zusammen sechs Jahre) sowie einmal Kooperation und einmal Defektion (insgesamt fünf Jahre) deutlich schlechter abschneiden. Aus der Sicht der einzelnen Verbrecher ändert sich das jedoch drastisch. Nehmen wir zum Beispiel die Perspektive von Verbrecher A ein und wollen wir eine möglichst geringe Strafe für ihn erreichen (jene für Verbrecher B interessiert uns nicht), dann ist Defektion in jedem Fall die richtige Strategie: Wenn Verbrecher B kooperiert, erhält Verbrecher A bei Kooperation ein Jahr Gefängnis, bei Defektion geht er jedoch straffrei aus. Defektiert Verbrecher B, dann ergibt Kooperation für Verbrecher A fünf Jahre, Defektion hingegen nur drei Jahre Gefängnis.

4.3 Direkte Reziprozität

4.3DIREKTE REZIPROZITÄT

Zwei Egoisten, die einmal vor das Gefangenendilemma gestellt sind, werden beide nicht kooperieren und höhere Strafen erhalten (je drei Jahre), als wenn beide kooperierten (je ein Jahr). Auch wenn das Spiel über eine bekannte endliche Anzahl von Durchgängen gespielt wird, ändert sich an der dominanten Strategie der Defektion nichts. Anders sieht es hingegen bei einer unbestimmten Anzahl von Durchgängen aus, was eher der Realität entspricht, da wir in der Regel nicht wissen, wann die letzte Interaktion mit einem Spielpartner stattfindet.

Der Politikwissenschaftler Robert Axelrod (vgl. zusammenfassend 2005) nahm diese spieltheoretische Situation zur Ausgangslage, um unter anderem zu untersuchen, welche Art von Strategie die Kooperation zwischen Egoisten fördert. Zu diesem Zweck lud er Spieltheorie-Experten ein, Computerprogramme mit den besten Strategien zu entwickeln, die dann in einem Turnier gegeneinander antraten und so die beste Strategie ermittelten. Zu Axelrods eigener Überraschung gewann (wie auch im darauffolgenden Turnier) das einfachste Programm mit der simplen Strategie TIT FOR TAT (wie du mir, so ich dir). Man beginnt mit Kooperation und verhält sich dann so, wie der Partner sich im letzten Zug verhalten hat. Axelrod schließt daraus:

(AXELROD 2005, S. 159)

Der robuste Erfolg von TIT FOR TAT ergibt sich daraus, dass es freundlich, provozierbar, nachsichtig und verständlich ist. Seine Freundlichkeit bedeutet, dass es niemals als erstes defektiert, eine Eigenschaft, die es vor unnötigen Schwierigkeiten bewahrt. Seine Bereitschaft zur Vergeltung entmutigt die andere Seite, bei einer Defektion zu verharren, wann immer sie ausprobiert wird. Seine Nachsicht trägt zur Widerherstellung wechselseitiger Kooperation bei. Seine Verständlichkeit schließlich lässt sein Verhaltensmuster leicht erkennbar werden; und wenn es einmal erkannt worden ist, ist es leicht einzusehen, dass man mit TIT FOR TAT am besten kooperiert.

Einen bedeutenden Vorteil dieser Strategie sieht Axelrod auch darin, dass die Basis der Kooperation nicht Vertrauen ist, das sich schwer erreichen lässt und leicht zerstört werden kann, sondern eine gewisse Dauerhaftigkeit in der Beziehung. Zudem erfordert die Evolution der Kooperation keine Freundschaft, und das einfache Prinzip der Reziprozität kann zu einer Verhaltensmaxime werden.

Die mit Computersimulationen ermittelte beste Kooperationsstrategie negiert allerdings eine wesentliche Tatsache: Störungen beziehungsweise Fehler spielen bei der Evolution einer Kooperation eine wesentliche Rolle – denn Menschen machen immer Fehler. Spielen zwei Menschen gegeneinander, die beide der TIT FOR TAT-Strategie folgen, so kann nur ein einziger Fehler eines Spielers zu einem Teufelskreis der Vergeltung führen, dem man nicht mehr entrinnen kann. Der Mathematiker Martin A. Nowak (2013) untersuchte unter Berücksichtigung dieses Mangels die Evolution von Kooperation, wobei er in einer Simulation Programme mit verschiedenen Strategien über Tausende von Generationen hinweg gegeneinander kämpfen ließ, und gleichzeitig unterlagen die Strategien einem unerbittlichen Prozess der Auslese, und auch die Reproduktion war nicht immer perfekt, sodass manchmal neue Strategien entstanden. So entdeckte er zusammen mit einem Kollegen eine Strategie, die als Abwandlung der TIT FOR TAT-Strategie in direkt reziproken Spielen (wie z. B. im Gefangenendilemma) noch erfolgreicher war als diese. GENEROUS TIT FOR TAT vergalt Kooperation immer mit Kooperation, während bei Defektion im Schnitt etwa jedes dritte Mal vergeben und daher kooperiert wurde (wann das jeweils geschah, unterlag dem Zufall). Diese freundliche Strategie vermied tatsächlich die Gefahr des Defektions-Teufelskreises. Bei einer weiteren Simulation entwickelte sich eine neue Strategie, die sich ständig durchsetzte. Sie bestand aus folgenden Anweisungen (vgl. ebd., S. 62):

•Wenn wir beide in der letzten Runde kooperiert haben, werde ich erneut kooperieren.

•Wenn wir beide defektiert haben, werde ich (mit großer Wahrscheinlichkeit) kooperieren.

•Wenn du kooperiert hast und ich defektiert habe, werde ich wieder defektieren.

•Wenn du defektiert hast und ich kooperiert habe, werde ich defektieren.

Zusammenfassend lautet die Strategie: Wenn ich Erfolg habe, wiederhole ich mein Verhalten (kooperieren oder defektieren); wenn ich scheitere, wechsle ich mein Verhalten. Nowak nannte die Strategie WIN STAY, LOSE SHIFT. Unter den gegebenen Bedingungen war dies also die beste Strategie. Allerdings ist die Evolution der Kooperation doch komplexer, denn die Verhältnisse ändern sich radikal, wenn die Partner statt gleichzeitig (wie z. B. im Spiel Schere, Stein, Papier) alternierend entscheiden. So zeigte sich bei weiteren Experimenten, dass bei simultanen Spielen WIN STAY, LOSE SHIFT am erfolgreichsten war, und in alternierenden Spielen war es GENEROUS TIT FOR TAT. Insgesamt zeigte sich aber auch, dass in den Simulationen Zyklen gefunden werden konnten, in denen mal die Kooperation und dann wieder die Defektion dominierten. Nowak schließt daraus:

(EBD., S. 67 F.)

Betrachtet man die Entwicklung der Forschung zum Gefangenendilemma über die Jahre hinweg, so erkennt man eine wichtige Linie: An Bedeutung gewonnen haben probabilistische Strategien, bei denen die Spieler zu einer bestimmten Zeit mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auf bestimmte Weise spielen werden, wobei ihr tatsächliches Verhalten aber mit Unsicherheiten behaftet ist. […] Im echten Leben wird das Spiel gleichzeitig oder abwechselnd gespielt, wobei in unterschiedlichem Maße bekannt ist, wie sich der jeweils andere Mitspieler verhalten hat. […]

Die klassische Vorstellung vom Leben, das sich auf einen stabilen und unveränderlichen Zustand hin entwickelt, wurde inzwischen von einem deutlich stärker bewegten Bild abgelöst. Keine Strategie ist wirklich stabil und ewig erfolgreich. Beständig ist nur der Wandel. Das Glück ist dem Einzelnen nicht auf Dauer hold. Auf einen Himmel an Kooperation folgt stets eine Hölle an Defektion. Der Erfolg der Kooperation hängt davon ab, wie lange sie sich halten kann und wie oft sie sich nach einem Zusammenbruch erholt und wieder erblüht.

Wladimir Putins Ukraine-Politik, Chinas Verhalten im Streit um die Inseln im südchinesischen Meer und Donald Trumps Außenhandelspolitik könnten Hinweise auf die gegenwärtige geopolitische Phase sein, in der Defektion offenbar dominiert.

4.4 Die Bedeutung der Reputation

4.4DIE BEDEUTUNG DER REPUTATION

Neben den oben knapp dargestellten Strategien für direkte Reziprozität spielt für die Kooperation auch die indirekte Reziprozität eine wichtige Rolle. Statt nur die direkten Erfahrungen mit einem Mitspieler zu berücksichtigen, werden auch die Erfahrungen anderer mit diesem Spieler einbezogen. In eng vernetzten überschaubaren Sozialverbänden sind die Mitglieder gut informiert über das tägliche Leben, sie beobachten es und berichten darüber. So entsteht ein enges Netz an Reputationen in Bezug auf die einzelnen Mitglieder, die als indirekte beziehungsweise berichtete Erfahrung wichtige Hinweise für die Zusammenarbeit liefern. Heute wachsen Gesellschaften schnell, sie werden komplexer, und die Vernetzungen werden dichter. Vor allem der wirtschaftliche Austausch der Mitglieder dieser Gesellschaften beruht auf indirekter Reziprozität. Sie entscheidet, mit wem wir Geschäfte machen und kooperieren. Reputation wird damit zur wichtigsten Währung für Mitglieder einer noch vernetzteren Gesellschaft, und dies in zweierlei Hinsicht: Meine Reputation ist wichtig für mögliche Kooperationspartner, die noch keine Erfahrungen mit mir gemacht haben, und ich muss mich kundig machen über potenzielle neue Kooperationspartner. Nowak fasst dies in einem einfachen mathematischen Verhältnis zusammen: «Die Evolution (das Auftauchen) von Kooperation kann stattfinden, wenn die Wahrscheinlichkeit, die Reputation des anderen zu kennen, höher als das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist» (ebd., S. 81).

4.5 Kooperation und menschliche Kommunikation

4.5KOOPERATION UND MENSCHLICHE KOMMUNIKATION

Michael Tomasello (2011) präsentierte vor wenigen Jahren ein raffiniertes mehrstufiges Modell der Sprachentwicklung, das sich auf vielfältiges empirisches Material aus der Primaten- und Säuglingsforschung sowie auf die wichtigsten Theorien der Sprachphilosophie stützt. Zentral für das Modell sind Gesten und die psychologische Ausstattung «geteilter Intentionalität», mit deren Hilfe die Menschen ihre Wahrnehmungen und Absichten zum Bezugspunkt ihres gemeinsamen Handelns machen können. Tomasello geht von drei Hypothesen aus (vgl. ebd., S. 68–120):

1.Die menschliche kooperative Kommunikation entwickelte sich anfangs im Bereich der Gesten (Zeigegesten und Gebärdenspiele).

2.Diese Entwicklung wurde durch Fertigkeiten und Motivationen geteilter Intentionalität verstärkt. Die geteilte Intentionalität ihrerseits entstand in der Folge kooperativer Tätigkeiten.

3.Willkürliche sprachliche Konventionen konnten nur im Zusammenhang mit sinnvollen Tätigkeiten entstehen, die durch natürliche Formen der Kommunikation wie Zeigegesten und Gebärdenspiel koordiniert wurden.

Schon früher haben namhafte Wissenschaftler angenommen, dass in Gesten der erste Schritt der Menschen auf dem evolutionären Weg zur Sprache zu sehen ist. Von großer Bedeutung ist dabei die Tatsache, dass Kleinkinder sinnvoll mit Gesten kommunizieren, bevor sie zu sprechen beginnen. Und gehörlose Kinder beginnen schon früh, auf komplexe Weise zu kommunizieren, indem sie erfundene Gesten verwenden. Dies lässt den Schluss zu, dass der Mensch in seiner Entwicklungsgeschichte zuerst die gestische Kommunikation ausgebildet hat und dass erst danach stimmliche Lautäußerungen die dominante Rolle in der menschlichen Kommunikation übernahmen. Das zeigt auch die Forschung an Primaten: alle vier Menschenaffenarten setzen Gesten auf sehr differenzierte Weise ein; und sie verwenden diese Gesten mit einer gewissen Sensibilität, indem sie durchaus zwischen Empfänger (soziale Ebene) und Inhalt (referenzielle Ebene) unterscheiden. Das steht in bemerkenswertem Kontrast zu ihrem undifferenzierten stimmlichen Ausdrucksvermögen. Davon ausgehend, kann man sich gut vorstellen, wie sich menschliche Zeigegesten und bildliche Gesten entwickelt haben, die bereits lange vor der Herausbildung der stimmlichen Sprache zur Grundlage der menschlichen kooperativen Kommunikation wurden.

Die These, wonach die menschliche Kommunikation sich von elaborierten Gesten zur Sprache entwickelte, scheint sehr plausibel zu sein, sie kann durch ein drastisches Beispiel erhärtet werden. Man stelle sich zwei Gruppen von «nichtsprachlichen» Kindern vor: Die eine Gruppe kann keine stimmlichen Laute von sich geben, die andere kann nicht mit Gesten kommunizieren. Bei einem heraufziehenden Sturm können die Kinder ohne Laute recht gut durch Gesten vor dem Sturm warnen, während die Kinder, die über keine Gestik verfügen, allein durch diffuse Laute zu keinen inhaltlichen Mitteilungen über das Heraufziehen des Sturmes fähig waren. Tomasello nimmt daher an, dass der Pfad zur gesprochenen Sprache des Menschen über ein Zwischenstadium erfolgt. In diesem stehen sinnvolle, handlungsbasierte Gesten in Zentrum, die sich auf die natürliche Neigung des Menschen stützen, der Blickrichtung anderer zu folgen und ihre Handlungen als absichtsvoll zu interpretieren. Zugespitzt könnte man sogar sagen, dass ursprünglich die gesprochene Sprache nur darum kommunikative Bedeutung annahm, weil sie sich auf der Grundlage von natürlichen sinnvollen Gesten entwickelt beziehungsweise sich gleichzeitig als Verstärkung des Gestischen ausgebildet hat.

Geteilte Intentionalität heißt grundsätzlich, mit anderen zusammen an kooperativen Aktivitäten mit gemeinsamen Zielen und gemeinsamen Absichten beteiligt zu sein. Vergleicht man Menschen mit Menschenaffen, so zeigt sich, dass die Menschenaffen zwar individuelle Intentionalität verstehen, das heißt, sie können erkennen, dass andere Affen für sich Ziele verfolgen, sie beteiligen sich im Gegensatz zu den Menschen jedoch nicht an kollektiver Intentionalität. Aus diesem Grund ist auch ihre Kommunikation individualistisch. Menschen sind im Unterschied dazu zu kooperativen Tätigkeiten und zu kooperativer Kommunikation fähig; und das lässt die Vermutung zu, dass diese beiden Fertigkeiten auf einer gemeinsamen psychologischen Infrastruktur geteilter Intentionalität gründen. Und diese gemeinsame Infrastruktur deutet auf einen gemeinsamen evolutionären Ursprung hin.

Auch die Entwicklung von Kleinkindern stützt die Hypothese von der geteilten Intentionalität als Antrieb für die Entwicklung der kooperativen Kommunikation. Kleinkinder sind schon recht früh, mit ihren Händen und ihrem Körper zu Zeigegesten und Gebärden in der Lage. Sie beteiligen sich jedoch nicht an kooperativer Kommunikation, bis sie circa ein Jahr alt sind. Das ist genau das Alter, in dem sie beginnen, bei gemeinschaftlicher Tätigkeit mit anderen Personen Fertigkeiten geteilter Intentionalität zu zeigen. Die Gesten und Gebärden der Kinder zeugen ab diesem Alter von wechselseitiger Annahme von Kooperativität, das heißt, das Kind erkennt, dass der Kommunikationspartner kooperieren will, und es weiß gleichzeitig, dass der Kommunikationspartner seinerseits weiß, dass es selbst kooperieren will usw.

Es zeigt sich also, dass sich aus dem Verstehen von Absichten und Aufmerksamkeitsgesten bei den Menschenaffen geteilte Intentionalität und kommunikative Absichten bei den Menschen entwickelten. Diese Wandlungen ergeben sich alle aus einer bestimmten Art von strukturiertem, gegenseitigem Verstehen zwischen zwei oder mehreren Menschen, von denen jeder weiß, dass der andere weiß usw., wobei dieser Prozess endlos hin und her geht.

Vor dem Hintergrund der ersten beiden Hypothesen wird klar, dass arbiträre (willkürliche) Kommunikationsregeln wie diejenigen der gesprochenen Sprache nur durch die Vermittlung von natürlichen, handlungsbasierten Gesten innerhalb gemeinschaftlicher Interaktionen entstanden sein konnten. Die besten Belege dafür stammen wahrscheinlich aus der frühen Kindersprache. Obwohl Kleinkinder bereits mit wenigen Monaten vollkommen dazu in der Lage sind, Laute und Erfahrungen miteinander zu verbinden (und sogar Lautäußerungen nachzuahmen), fangen sie mit dem Erwerb sprachlicher Konventionen erst an, wenn sie im Alter von circa zwölf Monaten damit beginnen, sich mit anderen an gemeinschaftlichen Tätigkeiten zu beteiligen, die von gemeinsamer Aufmerksamkeit strukturiert werden.

Die Entstehung der Grammatik (und damit der entscheidende Schritt in der Entwicklung der Sprache) in der Evolution des Menschen war Tomasellos Hypothese zufolge Teil eines einzigen Prozesses, in dem Menschen begannen, Kommunikationsmittel zu konventionalisieren (regeln). Es war ein schrittweiser Prozess, in dem neu entstehende Kommunikationsmotive des Informierens und Erzählens einen neuen Druck auf Individuen ausübten, die bereits mittels Gesten und auch durch Einwortäußerungen Dinge voneinander verlangten. Als Reaktion darauf schufen Menschen konventionelle grammatische Strukturierungen von mehrwortigen Äußerungen und erfüllten auf diese Weise die neuen Kommunikationsbedürfnisse, die durch das Informieren und Erzählen angestoßen wurden. Diese Hilfsmittel wurden dann selbst zu vorgefertigten Mustern sprachlicher Regelung für wiederkehrende Kommunikationsfunktionen.

Sprechhandlungen sind gesellschaftliche Handlungen, die eine Person an eine andere richtet, um deren Aufmerksamkeit und Vorstellungskraft auf eine bestimmte Weise zu lenken, sodass sie das tut, weiß oder fühlt, was die erste Person von ihr will. Diese Handlung funktioniert nur dann, wenn beide Beteiligten mit einer psychologischen Infrastruktur von Fertigkeiten und Motivationen geteilter Intentionalität ausgestattet sind. Die Sprache, oder besser die sprachliche Kommunikation, ist daher eine Form gesellschaftlichen Handelns, um gesellschaftliche Zwecke zu erreichen, die zumindest auf einem gewissen geteilten Verstehen und geteilten Zielen der Benutzerinnen und Benutzer beruht.

Mit seiner Arbeit zum Ursprung der menschlichen Kommunikation zeigt Tomasello die Bedeutung der Kooperation für die menschliche Phylogenese (Stammesgeschichte).

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