Kitabı oku: «Geheilt statt behandelt»
PROF. DR. HARALD SCHMIDT
Geheilt
statt
behandelt
Warum die Medizin am Ende
ist und wie unsere Gesundheit
eine Zukunft hat

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© Börsenmedien AG, Kulmbach
Gestaltung Cover: Daniela Freitag
Gestaltung, Satz und Herstellung: Sabrina Slopek
Bildquelle Umschlag, Innenteil: Shutterstock
Gesamtherstellung: Daniela Freitag
Vorlektorat: Sebastian Politz
Korrektorat: Claus Rosenkranz
Druck: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-86470-741-4
eISBN 978-3-86470-742-1
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DANKE
… den vielen medizinischen und wissenschaftlichen Kollegen, die es mir durch ihr Feedback und ihre Einsichten ermöglicht haben, nach und nach diese umfassende Analyse und den Lösungsvorschlag der Systemmedizin zu entwickeln, meinen Aachener Freunden Andrea Gadeib und Dr. med. Christoph Pies, die mich durch ihre eigenen Buchprojekte und Tipps ermutigt haben, selbst ein Buch zu schreiben, sowie meinem kompetenten, geduldigen und ideenreichen Buchcoach Achim Gralke und dem ganzen Team des Plassen Verlags, die sofort an den Erfolg des Buchs geglaubt und es zur Vollendung gebracht haben.
FÜR BEATE
INHALT
PROLOGVIELE FRAGEN OFFEN
TEIL IVOM ENDE DER MEDIZIN, WIE WIR SIE KENNEN …
1.SPÄT DRAN
2.IHR ARZNEIMITTEL WIRKT (WAHRSCHEINLICH) NICHT
3.100 JAHRE UND NICHTS NEUES
4.CHRONISCH KRANK HEISST SYSTEMVERSAGEN
5.MANN UND UNGEBILDET: DOPPELTES PECH
6.FALSCHE ANREIZE
7.DAS ENDE VON BIG PHARMA
8.FORSCHEN FÜR DIE KARRIERE
9.ORGAN STATT MENSCH
ZWISCHENRUF 1WIE GESUND WOLLEN WIR SEIN?
TEIL IIDIE MEDIZIN DER ZUKUNFT
10.MENSCH STATT ORGAN
11.FORSCHEN FÜR DEN PATIENTEN
12.KENNE DEINE GENE
13.WIR SIND IN UNTERZAHL
14.UNSER EXPOSOM
15.BIG-DATA-MEDIZIN
16.GEHEILT STATT BEHANDELT
17.WELL TECH
ZWISCHENRUF 2DIE NEUEN SUPERMENSCHEN
TEIL IIIDIE ZUKUNFT HAT BEREITS BEGONNEN …
18.SELBST IST DIE DIAGNOSE
19.SELBST IST DIE THERAPIE
20.IHR DIGITALER ZWILLING
EPILOGRICHTIG KRANK IST NIEMAND MEHR
ENDNOTEN
SONDERSEITE 1
SONDERSEITE 2
PROLOG
VIELE FRAGEN OFFEN
Max hat erhöhten Blutdruck. Dies stellte sein Hausarzt bei einem Routinecheck fest. 140/90. Max bekommt ein Blutdruckmittel verschrieben, nimmt dies relativ regelmäßig ein und die Werte normalisieren sich. 130/80. Alles gut? Mitnichten, denn es bleiben viele Fragen offen.
Warum hat sein Hausarzt Max überhaupt ein Medikament verschrieben? Nun, erhöhter Blutdruck korreliert mit dem Auftreten von Herzinfarkt oder Schlaganfall. Diese und andere mögliche Komplikationen von einem erhöhten Blutdruck sollten vermieden werden.
Aber sein Hausarzt kann ihm weder mit Gewissheit sagen, ob er tatsächlich seine Blutdruckmedikation braucht, noch, ob er davon profitieren wird. Der Arzt hat klinische Studien im Kopf, die mit verschiedenen Blutdruckmitteln durchgeführt wurden und zeigen, dass unter der Medikation tatsächlich weniger Herzinfarkte beziehungsweise Schlaganfälle auftraten. Bei kritischer Betrachtung fällt allerdings auf, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Patienten mit erhöhtem Blutdruck tatsächlich einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleidet. Von diesen Herzinfarkten oder Schlaganfällen kann eine Senkung des Blutdrucks allerdings nur einen kleinen Teil verhindern. Das heißt, die meisten Patienten haben zwar einen erhöhten Blutdruck, aber überhaupt kein Risiko, einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall zu erleiden. Und die Patienten, die tatsächlich einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erlitten haben und hohen Blutdruck hatten, konnte die Behandlung mit einem Blutdruckmittel letztlich nicht schützen.
Andererseits kann der Hausarzt Max aber auch nicht davon abraten, sein Blutdruckmittel weiter zu nehmen, denn er hat keine Alternativen. Nichts zu verschreiben würde das Risiko bedeuten, dass Max zufälligerweise einer der wenigen Patienten ist, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall bekommen – was durch die Einnahme eines Blutdruckmittels hätte verhindert werden können.
Aber der Arzt hat noch ein viel größeres Problem: Nur bei circa fünf Prozent aller Patienten mit Bluthochdruck kann man eine Ursache finden. Das sind dann Patienten, bei denen eines der Blutgefäße, welche die Niere mit Blut versorgen, verengt ist, wodurch die Niere Hormone ausschüttet, die zu einer Erhöhung des Blutdrucks führen.
Bei Max ist das anders. Abgesehen davon, dass der Blutdruck erhöht ist, lässt sich keine weitere Diagnose stellen und die Indikation zur Verschreibung des Blutdruckmittels bleibt allein der Blutdruck. Damit ist Max keine Ausnahme. Im Gegenteil, er gehört zur großen Masse anderer Patienten mit erhöhtem Blutdruck, circa 90 bis 95 Prozent, bei denen die Diagnose wie bei Max lautet: primäre Hypertonie. Das klingt recht wissenschaftlich, heißt aber nicht anderes als: „Sie haben erhöhten Blutdruck, aber wir wissen nicht, warum.“ Und wenn die eigentliche Ursache, warum der Bluthochdruck erhöht ist, nicht bekannt ist, verbleibt behandlungstechnisch lediglich die Möglichkeit, das Symptom verschwinden zu lassen.
So verschreibt der Hausarzt Max gemäß den therapeutischen Leitlinien völlig korrekt das Blutdruckmittel regelmäßig weiter. Über die Jahre als chronischer Bluthochdruckpatient setzt Max ein bisschen Hüftgold an, bewegt sich nicht mehr so viel und sein Blutdruck steigt wieder, trotz der Therapie. Der Arzt verschreibt ihm ein zweites Blutdruckmittel und schließlich ein drittes und der Blutdruck sinkt wieder. Eines der Mittel steht im Verdacht, weißen Hautkrebs zu verursachen, ein anderes verursacht bei Max erstmals in seinem Leben Potenzprobleme. So tauscht sein Arzt schließlich beide neuen Mittel gegen zwei andere aus. Zwar sind Max diese vielen Tabletten lästig, aber ihm wird auch bewusst, dass er nun wirklich chronisch krank und ein Risikopatient ist. Er würde sich so sehr wünschen, sein Bluthochdruck verschwände, dass er quasi davon geheilt wäre, aber das scheint nicht möglich. So hofft er denn, dass er wenigstens von einem Herzinfarkt oder Schlaganfall verschont bleibt.
Es scheint ja auch keine Alternative zu geben, ein anderer Arzt sagt das Gleiche und zwei Freunden von Max geht es genauso wie ihm, auch sie nehmen dauerhaft Blutdruckmedikamente. Da kann man wohl nichts machen?
TEIL I

VOM ENDE DER MEDIZIN, WIE WIR SIE KENNEN …
KAPITEL 1
SPÄT DRAN
Liebe Leserin, lieber Leser, ich freue mich, dass Sie sich die Zeit nehmen, mich auf eine Reise zu begleiten. Ich verspreche Ihnen, es wird sich lohnen. Es geht um Medizin und Gesundheit, aber um weit mehr als das. Es geht um die weltweit nächste große gesellschaftliche und wirtschaftliche Revolution, an deren Anfang wir jetzt stehen. Und diese Revolution hat sogar schon begonnen, ist unmittelbar für Sie relevant. Große Worte, denken Sie sich vielleicht. Was kann damit gemeint sein?
Es geht mir um etwas von der Dimension, wie sie der russische Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Dmitrijewitsch Kondratjew in der bekanntesten Theorie zu Konjunkturzyklen mit den sogenannten Kondratjew-Wellen beobachtet hat. Historische Wachstums- und Entwicklungsphasen unserer Gesellschaft seit dem 18. Jahrhundert lassen sich oft mit Schlüsseltechnologien und Krisen, die diese erforderlich machten, erklären. Große Erfindungen verändern die Welt: das Rad, die Dampfmaschine, die Glühbirne, das Internet. Wie sähe unser Leben ohne sie aus? Große Erfindungen brauchen Zeit; manchmal beflügelt erst eine massive Krise die Einführung einer Innovation. Doch danach ist alles anders.
So war es zum Beispiel bei der ersten Kondratjew-Welle, der Erfindung der Dampfmaschine. Was folgte, war die sogenannte industrielle Revolution mit dem Bau riesiger Fabriken. Ein neues Zeitalter brach an.
Dies war jedoch auch das Ende der bis dahin einzigen Form kommerzieller Schifffahrt, nämlich der mit Segelschiffen. Dampfschifffahrt war schneller. Die Einführung maschineller Arbeit auf See bedeutete zudem eine so große und langfristige Effizienzsteigerung, dass sie die Expansion des Reedereigeschäfts ermöglichte. Dessen Ausweitung durch englische, bremische, holländische und belgische Reedereien machte Segelschiffe schließlich nicht länger konkurrenzfähig.
Doch so leicht gaben sich die Anhänger der Segelschifffahrt nicht geschlagen. Konzepte, von denen Menschen dachten, sie seien für die Ewigkeit, lassen sich nicht so einfach verdrängen. So wie im 20. Jahrhundert einige die Ansicht vertraten, kein Privathaushalt bräuchte einen Computer und das Internet werde eine Episode bleiben oder bestenfalls ein zweitrangiges Hilfsmittel für die analoge Welt. Der deutsche Physiker Max Planck schrieb in seiner „Wissenschaftlichen Selbstbiographie“: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass ihre Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“ Genauso bezweifelten Anhänger der Segelschifffahrt noch lange, dass das Segelschiff von gestern sei.1
Ähnlich epochal waren die drei weiteren sozioökonomischen Revolutionen, die Kondratjew noch selbst definierte: die Einführung der Stahlgewinnung und der Eisenbahnen, dann der Elektrotechnik und der Chemie, schließlich des Automobils und der Atomkraft. Sogar die Erfindung der Glühlampe war keine schrittweise Weiterentwicklung einer Kerze, sondern etwas komplett Neues. Kerzenbeleuchtung war fortan nur noch Dekoration, Nostalgie.

Abb. 1: Die fünf Kondratjew’schen Wellen sozioökonomischer Revolutionen durch Innovationen, die unsere Gesellschaft nachhaltig beeinflusst haben – typischerweise im Abstand von circa zwei Generationen und immer auf eine schwere Krise folgend. Was wird die sechste Welle sein?
Und seitdem? Die fünfte Welle? Zwar hat diese nicht mehr Kondratjew selbst definiert, aber ich denke, Sie werden mir zustimmen, dass die letzte große Revolution dieser Art, die wir erlebt haben, die Einführung der Informationstechnologie war: Computer, Internet und Smartphone. Ermöglicht wurde dies durch die rasante Geschwindigkeit, mit der Mikroprozessoren schneller und kleiner wurden. Aber nun stehen wir am Ende dieser Revolution. Mit Google, Amazon, Apple und anderen sind mittlerweile sieben von zehn der weltweit wertvollsten Unternehmen keine linearen Industrien mehr, die ein Produkt entwickeln, produzieren und weltweit vertreiben, sondern sogenannte Plattformen, die im Prinzip alles machen können. Darauf komme ich später noch einmal zurück …
Und jetzt? Wenn Sie den Titel des Buches nicht schon gelesen hätten, könnten Sie meinen, Industrie 4.0, erneuerbare Energien und Klimakatastrophe kennzeichnen die weiteren Wellen. Doch diese Stichworte stehen meiner Meinung nach nicht für die nächste große Revolution. Industrie 4.0 ist eine recht bescheidene Innovation; meist wird das Gleiche wie vorher gemacht, nur digitaler. Erneuerbare Energien und die Techniken dafür, um die Klimakatastrophe abzumildern, sind prinzipiell längst vorhanden. Sie müssen nur eingesetzt werden, der Rest ist Management.
Ich hätte dieses Buch nicht geschrieben und auch meine gesamte wissenschaftliche Arbeit nicht komplett umgekrempelt, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass die sechste Kondratjew-Welle eine komplette Neudefinition von Gesundheit, Krankheit, Vorsorge, Behandlung und Heilung sein wird und dies auf eine maximal demokratische, kostensparende Weise; das bedeutet auch, dass die so entstehende neue Medizin keine Luxusmedizin der reichen Industrienationen und ihrer Bürger sein wird, sondern allen Menschen zugutekommen kann.
Aber wie bei allen Kondratjew-Wellen wird all dies nicht passieren, nur weil neue Technologien aufgekommen sind, sondern weil uns die gewaltige Krise der gegenwärtigen Medizin und unseres Gesundheitssystems gar keine andere Wahl lässt. Auch werden große Widerstände zu überwinden sein, so wie dies Max Planck beschrieben hat. Sie mögen sich jetzt fragen: „Krise? Welche Krise?“ Lesen Sie weiter …
Krise, welche Krise?
Mein Buch besteht zunächst aus zwei Teilen – einer negativen Gegenwartsbeschreibung und einer positiven Zukunftsvorhersage. Zu Beginn geht es also um das Negative, die Krise, die erst den Handlungsdruck erzeugt, um dann in der Zukunft die radikale Veränderung der Medizin zu bewirken. Enthält der zweite Teil reine Zukunftsmusik? Nein. Denn zum Glück sind wir ja schon am Anfang der revolutionären Weiter- oder Neuentwicklung der Medizin, sodass ich Ihnen viele Beispiele dafür aufzeigen kann, wie die aktuellen Schwächen und Fehler korrigiert werden können. Um Ihnen nicht das Gefühl zu geben, Sie hätten lediglich einen Vorgeschmack auf eine wunderbare, aber noch entfernt liegende Zukunft der Medizin gelesen, folgt zum Schluss ein kleiner, dritter Teil mit konkreten Tipps, die Sie schon jetzt zur Nutzung der bereits verfügbaren Innovationen nutzen beziehungsweise anwenden können; denn die Zukunft hat ja bereits begonnen.
Im ersten Teil werde ich Ihnen zeigen, dass bisher so gut wie keine Erkrankung hinsichtlich ihrer Ursachen verstanden worden ist. Darum scheiden Frühdiagnosen aus, stattdessen warten wir beziehungsweise werden von ersten Symptomen überrascht. Danach bleibt in der Regel auch nur eine Behandlung der Symptome, die, da wir ja die Krankheitsursachen nicht kennen, unpräzise ist und meist chronisch durchgeführt werden muss. Heilung ausgeschlossen. Oder denken Sie, das Arzneimittel, das Sie chronisch verschrieben bekommen und einnehmen, verschafft Ihnen einen Vorteil? Sie werden überrascht sein: in den allermeisten Fällen nicht. Eventuell spüren Sie sogar nur die Nebenwirkungen.
Der Zugewinn an Lebenserwartung und Lebensqualität stagniert seit vielen Jahren, obwohl wir immer mehr Geld in unser Gesundheitssystem pumpen, unter anderem auch durch falsche Anreize. Sowohl die Forschung als auch die Pharmaindustrie – früher mal als Big Pharma bezeichnet, als einige davon noch zu den zehn größten Unternehmen der Welt gehörten – stagnieren. Über die Hälfte der veröffentlichen biomedizinischen Forschung stellt sich hinterher als nicht reproduzierbar heraus und dient lediglich dazu, Forscherkarrieren zu ermöglichen. Die pharmazeutische Industrie fährt gegenwärtig gegen die Wand, sie wird in der gegenwärtigen Form innerhalb der nächsten zehn Jahre verschwinden. Der Ansatz, früh mit Prävention zu beginnen, anstatt spät im Laufe eines Krankheitsgeschehens Arzneimittel einzunehmen, bleibt weitgehend ungenutzt, obwohl ein Großteil aller chronischen Erkrankungen durch gesünderen Lebensstil und Umweltfaktoren zu verhindern oder zumindest günstig zu beeinflussen wäre. Eine Ursache ist sicher das mangelnde Wissen um die einfachsten Komponenten eines gesunden Lebensstils. Mangelnde Bildung kostet acht Lebensjahre; ist man zudem noch männlich, reduziert sich die Lebenserwartung noch einmal um sieben Jahre. Und das Erschreckende ist: Beides addiert sich. Ungebildete Männer leben 15 Jahre kürzer als gebildete Frauen. Stimmen Sie mir also zu, dass wir eine Krise haben?
Bevor ich mit Ihnen in die Details gehe, möchte ich vorweg noch eine Bemerkung machen, die mir sehr am Herzen liegt. Ich werde nachfolgend viel Kritik üben und diese auch belegen, aber verstehen Sie das bitte nicht als pauschale Verurteilung aller Ärzte, Wissenschaftler und Industrieforscher. Die weitaus meisten Ärzte, bis auf einige wenige schwarze Schafe, wollen ausschließlich und absolut das Beste für ihre Patienten und tun auch das Menschenmögliche hierfür. Sie können aber nur das tun, was medizinisch überhaupt möglich ist. Wenn die Diagnosen und möglichen Therapien so unpräzise sind, wie sie nun mal sind, kann auch der engagierteste Arzt dies nicht ändern. Auch die Pharmaindustrie kann nur dann präzise Arzneimittel entwickeln, wenn es präzise Krankheitsdefinitionen gibt. Wenn der Forschungsbetrieb so läuft, wie er läuft, dann kann ein einzelner Wissenschaftler ihn nicht so einfach ändern, ohne aus dem System herauszufallen – und schon gar nicht ein junger Nachwuchswissenschaftler.
Wofür ich aber kein Verständnis haben werde: Wenn nach (!) der Lektüre dieses Buches diejenigen, die wesentliche Entscheidungen in der biomedizinischen Forschung, an Hochschulen und im Gesundheitssystem treffen können – und ich werde Ross und Reiter benennen –, danach noch immer behaupten, wir könnten so weitermachen wie bisher; dann handeln sie wider besseres Wissen. Ich möchte also im Gesundheitssystem und der biomedizinischen Forschung etwas Wesentliches bewegen beziehungsweise einen nachhaltigen Anstoß geben. Lassen Sie uns daher in die Details gehen.
Wir haben ein Krankheitssystem
Wenn wir ehrlich sind, haben wir gegenwärtig kein Gesundheitssystem, sondern ein Krankheitssystem. Der Versicherungsfall tritt in der Regel erst ein, wenn Symptome auftreten und eine Erkrankung besteht. Die Symptome werden dann behandelt, meist chronisch.
In der Regel ist es so, dass plötzlich – wie im Prolog beschrieben – ein Messwert, den der Arzt routinemäßig feststellt, nicht mehr im Normalbereich liegt, und das mehrmals. Zum Beispiel wird ein erhöhter Blutdruck gemessen oder die Cholesterinwerte sind erhöht oder der Blutzucker. Gespürt hat der Patient bisher nichts, hat sich eigentlich kerngesund gefühlt und nun das. Er würde sich ja noch immer gesund fühlen, wenn ihm der Arzt nicht sagen würde, er sei jetzt ein Patient.
Es kann aber auch sein, dass Sie aus völliger Gesundheit heraus plötzlich Symptome bei sich bemerken oder erste Beschwerden haben, zum Beispiel plötzliche Herzschmerzen bei Belastung. Oder Sie merken, Sie bekommen nicht mehr so gut Luft, zum Beispiel im Frühjahr beim Pollenflug oder in der Kälte. Oder das Joggen oder sogar das Treppensteigen gehen nicht mehr so richtig und Sie müssen immer öfter langsam machen oder eine Pause einlegen. Oder die Schulter, die Hüfte oder das Knie tun immer häufiger weh.
Und wie lautet dann die Diagnose? Meist genauso wie die Symptome: Der Blutdruck ist erhöht, also lautet die Diagnose Bluthochdruck oder – auf Latein, aber nicht genauer – primäre Hypertonie; ist das Cholesterin erhöht, lautet die Diagnose Hypercholesterinämie, was nichts anderes bedeutet, als dass das Cholesterin im Blut erhöht ist, nur auf Latein. Oder Sie kommen schnell außer Atem, weil ihr Herz schwächer ist; dann lautet die Diagnose Herzinsuffizienz, was nichts anderes bedeutet, als dass Ihr Herz nicht mehr gut funktioniert. Oder Sie bekommen sogar im Ruhezustand schlecht Luft, weil die Atemwege verengt sind; dann kann die Diagnose Asthma bronchiale lauten, was nichts anderes bedeutet, als dass die Bronchien verengt sind und Sie schlechter Luft bekommen – aber das wussten Sie ja schon.
Ich nehme gern das Auto als bildhaften Vergleich. Das liegt ein bisschen daran, dass wir Deutschen – vor allem wir Männer – uns so liebevoll um unser Auto kümmern, es öfter zur Wartung bringen und pflegen als uns selbst – aber uns so gut wie nie zum „Check-up Mann“ bringen, wie das mein Kollege Christoph Pies in seinem sehr empfehlenswerten Buch nennt. Stellen Sie sich also vor, Sie gehen mit Ihrem Auto in die Werkstatt, weil schon zum dritten Mal in den vergangenen Monaten die Scheinwerfer ausgefallen sind. Nach einer eingehenden Inspektion des Autos diagnostiziert der Werkstattmeister einen chronischen Scheinwerferdefekt. Da würden Sie doch verblüfft gucken und nachbohren, ob die Diagnose nicht ein wenig genauer gestellt werden könnte, denn dass die Scheinwerfer ständig kaputtgingen, wüssten Sie ja schon selbst. Dazu bräuchten Sie nicht in die Werkstatt zu kommen. Was Sie interessiert, ist, warum das ständig passiert, was dahintersteckt und was Sie machen können, damit das nicht mehr passiert. Die eigentliche Ursache für defekte Scheinwerfer könnte ja, wenn sie auf Dauer unentdeckt bleibt, vielleicht noch weit größere Schäden anrichten: Sie bleiben irgendwann mit dem Auto auf der Autobahn liegen, weil vielleicht die ganze Elektrik ausgefallen ist, die Lichtmaschine einen Schaden hat oder die Batterie zu alt war. Jedenfalls würden sie doch als Autobesitzer nicht lockerlassen und wenn die Werkstatt bei ihrer lapidaren Diagnose bleibt, würden Sie wohl recht bald die Werkstatt wechseln und Ihren Bekannten davon erzählen: „Also da kann man nicht mehr hingehen. Die haben keine Ahnung. Was die können, kann ich auch. Dafür braucht man keine Werkstatt.“
Tja, aber bei uns selbst, bei unserem eigenen Körper akzeptieren wir, dass wir die Ursache nicht genannt bekommen beziehungsweise das körperliche Symptom zur Krankheitsdiagnose wird. Daher kann auch nur das Symptom behandelt werden. Und da die Ursache nicht behandelt wird, treten die Symptome immer wieder auf und müssen immer wieder behandelt werden. Auf diese Weise bekommen wir eine chronische Erkrankung. Zu diesen zählen zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und chronische Lungenerkrankungen. Allein auf diese drei Krankheitsgruppen entfallen drei Viertel aller Todesfälle und rund ein Viertel aller Krankheitskosten. Hinzu kommen noch chronische Erkrankungen der Muskulatur, Knochen und Gelenke sowie der Psyche, Sehstörungen oder Hörprobleme. Und jeder zehnte Deutsche ist inzwischen Diabetiker!
Jetzt könnten Sie sich sagen, dass Ihr Blutdruckmittel Ihren Blutdruck doch senkt, falls Sie es regelmäßig einnehmen – das tut übrigens nur ein Fünftel aller Blutdruckpatienten. Aber was genau passiert da, wenn Sie es einnehmen? Ihr Blutdruckmittel kann im Wesentlichen auf zwei Arten wirken. Es kann dazu führen, dass sich Ihre Blutgefäße erweitern, wodurch – Überraschung, Überraschung! – Ihr Blutdruck sinkt, ähnlich, wie in einem Gartenschlauch der Druck sinkt, wenn der Durchmesser des Schlauchs größer wird. Eine andere Art von Blutdruckmitteln führt dazu, dass Ihr Herz langsamer schlägt. So wird weniger Blut in die Blutgefäße gepumpt und auch so sinkt der Blutdruck – in etwa so, als würde man den Hahn, an dem der Gartenschlauch angeschlossen ist, etwas zudrehen.
Warum reicht das aber nicht aus? Bleiben wir beim Beispiel des Gartenschlauchs außen am Haus. Der Gartenschlauch selbst wird nicht das Problem sein. Vielleicht ist aber zum Beispiel die Wasserpumpe in Ihrem Haus defekt und dadurch der Druck im ganzen Haus viel zu hoch. Doch diese mögliche Ursache kennen Sie nicht und so wird am Gartenschlauch das Symptom behandelt, bis irgendwann eine Wasserleitung im Haus platzt, das Haus überflutet ist und ein riesiger, vielleicht irreparabler Wasserschaden entstanden ist.
Genauso bei Ihrem Blutdruck. Warum bei Ihnen der Blutdruck gestiegen ist und ob Ihr Blutdruckanstieg die gleiche Ursache hat wie bei anderen Patienten, bleibt in den meisten Fällen im Unklaren; bei hohem Blutdruck gilt das für 95 Prozent aller Patienten. Als Bluthochdruckpatient kommen Sie ab sofort regelmäßig in die Arztpraxis, bekommen Ihr Rezept, irgendwann sehen Sie schon gar nicht mehr den Arzt, sondern rufen nur noch die Sprechstundenhilfe an, dass Sie wieder ein neues Rezept brauchen, und so weiter … Trotzdem alles gut? Nein. Ob es Alternativen zu Arzneimitteln gab und ob Sie von diesen Blutdruckmitteln wirklich einen Vorteil haben werden, wird für Sie unbeantwortet bleiben, bis das Gleiche wie mit der Hauswasserleitung passiert. Es kommt zu einem schweren Schaden. Im Fall von Bluthochdruck können dies zum Beispiel ein plötzlicher Herztod oder eine Hirnblutung sein. Nur die wenigsten dieser Komplikationen werden durch Blutdrucksenker verhindert. Dazu kommen wir aber noch später.
Genauso ist es beim Cholesterin. Ihr entsprechender Wert im Blut sinkt, weil Sie einen der sogenannten Cholesterinsenker einnehmen. Sie wirken vor allem in der Leber und führen dazu, dass Cholesterin aus dem Blut transportiert wird. Der Cholesterinwert im Blut sinkt. Alles gut? Nein. Warum er gestiegen war, ob es Alternativen zur Arzneimittelbehandlung gab und ob Sie von diesen Cholesterinsenkern wirklich einen Vorteil haben werden, wird zeitlebens für Sie unbeantwortet bleiben, bis Sie, wie bei den Blutdrucksenkern im obigen Beispiel, doch irgendwann einen Herzinfarkt oder Schlaganfall haben – denn nur die wenigsten der Herzinfarkte und Schlaganfälle werden durch Cholesterinsenker verhindert.
Und genauso lässt sich dies für Herzschwäche und Asthma weiterführen. Bei Herzschwäche oder Herzinsuffizienz sind etwa die Hälfte aller Formen noch nicht einmal symptomatisch behandelbar und jeder zehnte Patient stirbt innerhalb von zwei Jahren. Das ist eine schlechtere Prognose als bei vielen Krebserkrankungen.
Als Asthmatiker nehmen Sie Arzneimittel ein, die entweder die Atemwege (wieder ähnlich wie bei dem Gartenschlauch-Beispiel und Bluthochdruck) erweitern, oder solche, die antientzündlich wirken. Warum aber Ihre Atemwege sich verengt haben oder warum sie entzündet waren, bleibt in den meisten Fällen unbeantwortet. Die Symptome sind beseitigt; mehr ist nicht möglich. Beim Asthmatiker lässt sich immerhin sagen, dass die Lebenserwartung bei angemessener Behandlung derjenigen eines Gesunden entspricht und auch die Lebensqualität muss keineswegs eingeschränkt sein. Dennoch: Die Ursache bleibt unerkannt und unbehandelt.
Medizin und unser Gesundheitssystem sind also im Wesentlichen auf Krankheit ausgerichtet, kennen die Ursachen der Erkrankungen nicht und behandeln Patienten symptomatisch, um so zu versuchen, ernstere Konsequenzen zu verhindern – und das chronisch, da eine Heilung auf die Weise nicht erzielbar ist. So werden bereits zehn Prozent aller 18- bis 29-Jährigen als chronisch krank eingestuft; ab 30 schon jeder Fünfte; ab 60 über ein Drittel und ab 70 jeder Zweite. Dass Krankheiten mit dem Alter zunehmen, mag noch zu erwarten sein – doch warum sind so viele Erkrankungen chronisch?
Alle sind zufrieden
Die Ursachen hierfür sind vielfältig und obwohl sich alle Beteiligten im System, wie Ärzte, Krankenkassen, Patienten, Arzneimittelhersteller und so weiter, mit dieser Situation irgendwie eingerichtet haben, auch finanziell, würde ich keinem unterstellen, sie täten dies aus kommerziellem Interesse. Wir können es gegenwärtig in der Medizin einfach nicht besser.
Nicht nur bei meinem Lieblingsbeispiel (weil es so häufig und grotesk ist) Bluthochdruck, bei fast allen, insbesondere chronischen Erkrankungen ist die Ursache unklar. Mit Ursache ist der genaue molekulare Mechanismus gemeint, der die Symptome verursacht. Mit molekularem Mechanismus meint man das genaue Wissen, welche Moleküle, Botenstoffe, Hormone oder Signalwege in unserem Körper verändert sind, sodass die Symptome entstehen, aber auch die langfristigen ernsten Konsequenzen, wie zum Beispiel ein Herzinfarkt oder Schlaganfall. Es macht eben einen gewaltigen Unterschied, ob ich auf Symptome oder Ursachen schaue. Behandele ich lediglich Symptome und nicht die Ursachen, werden die Symptome immer wieder auftreten und müssen immer wieder behandelt werden. Nur wenn ich die Ursache gefunden habe, besteht eine prinzipielle Hoffnung auf Heilung. Da dies aber bei den meisten Krankheiten nicht der Fall ist, wird man als Patient eben als chronisch krank definiert, die Symptome treten immer wieder auf und müssen ständig unterdrückt werden.
Zumeist geschieht die Symptombehandlung mit Arzneimitteln. Circa 70 Prozent aller ärztlichen Maßnahmen beinhalten die Verschreibung eines Arzneimittels. Was jeweils Stand der Wissenschaft ist oder innerhalb eines Landes oder Gesundheitssystems als solcher angesehen wird, wird in sogenannten Behandlungsleitlinien festgehalten. Im Idealfall basieren diese auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen, oftmals aber auch nur auf Expertenmeinungen. Wie diese durchaus fundamental divergieren können, haben wir in der Corona-Pandemie erlebt.
Wichtig für das System ist, dass leitliniengerechte Behandlung von den Krankenkassen erstattet wird. So sind alle zufrieden: Sie als Patient denken – zumindest bis Sie den ersten Teil meines Buches zu Ende gelesen haben –, Sie seien gut behandelt. Sie sind halt Chroniker. Der Arzt hat mit Ihnen einen regelmäßig erscheinenden Patienten, der jedes Quartal seine Versichertenkarte einlesen lässt, da Sie ja ein neues Rezept brauchen – offiziell natürlich nur nach einem mit der Krankenkasse abrechenbaren persönlichen Gespräch mit dem behandelnden Arzt und nicht etwa nur mit der Sprechstundenhilfe vorne am Empfang. Auch die Apotheke ist zufrieden: ein Rezept und vielleicht noch ein Zusatzverkauf jedes Quartal (ein Anreiz, kritisch zu beraten, besteht ja nicht, da Apotheker nicht ihre Arzneimittelberatung, sondern ausschließlich ihre Kosten nach abgegebenen Arzneimitteln erstattet bekommen). Die Pharmaindustrie ist auch zufrieden und das Krankenhaus auch, da die Symptome gelegentlich ernster werden und ein Krankenhausaufenthalt erforderlich ist.

Abb. 2: Die Entstehung einer chronischen Erkrankung. Unten die Zeitachse, links die Verschlimmerung der Symptome oder Krankheit. Lange Zeit passiert nichts; Sie wissen gar nicht, dass eine Krankheit in Ihnen brodelt. Deren Ursachen sind auch unklar. Dann treten plötzlich Symptome auf, die einer Behandlung bedürfen. Die Ursache ist aber noch immer unklar. Also können nur Ihre Symptome immer wieder durch regelmäßige Einnahme von Tabletten behoben werden. Die eigentliche Ursache der Erkrankung brodelt aber weiter in Ihnen und ob Sie irgendwann dadurch eine schwere Komplikation erleiden oder früher sterben werden, bleibt zeitlebens ungewiss.
Alles läuft Hand in Hand. Nicht perfekt, aber alle Beteiligten haben sich irgendwie eingerichtet. Doch wo ist der Haken in diesem Krankheitssystem? Er liegt darin, dass der Ausgang, was die für den Patienten relevanten Konsequenzen betrifft, komplett ungewiss ist. Denn die Behandlung der Symptome ist oft nicht das, was den Patienten wirklich interessiert, sondern es sind die Langzeitkonsequenzen: Blutdruck tut nicht weh, sondern der damit assoziierte plötzliche Herztod oder die Hirnblutung; auch der erhöhte Cholesterinwert im Blut tut nicht weh, sondern der damit assoziierte Herzinfarkt oder der Schlaganfall; nicht die gelegentliche Atemnot, sondern das tödliche Herzversagen; auch die erhöhten Zuckerspiegel machen dem Diabetiker lange Zeit nichts aus, wichtiger ist die Frage, ob er vor Nierenversagen, Nervenschäden und Erblindung geschützt ist. All dies kann dem Patienten kein Arzt versprechen. Der Ausgang ist und bleibt ungewiss. Aber bitte nächstes Quartal wiederkommen wegen des Rezepts. Können Sie denn wenigstens davon ausgehen, dass Sie zumindest einen kleinen Vorteil von dem Arzneimittel haben, das Sie einnehmen? Nein, im Gegenteil. Sie können davon ausgehen, dass Sie keinen Vorteil davon haben werden …
KAPITEL 2
IHR ARZNEIMITTEL WIRKT (WAHRSCHEINLICH) NICHT
Klarer Fall: Wenn Sie ein Medikament verschrieben bekommen und es einnehmen, tun Sie das in der Hoffnung, dass es wirkt. Warum sollten Sie es sonst nehmen? Aber leider ist diese Hoffnung in viel zu vielen Fällen trügerisch. Denn jeden Tag nehmen Millionen von Menschen Medikamente ein, die ihnen nicht helfen werden.
Wie ich darauf komme? Nun, alle klinischen Studien zu den zehn in den USA im Jahr 2015 meistverkauften Medikamenten belegen, dass diese nur einem von vier oder gar nur einem von 25 Patienten, die sie einnehmen, helfen. Das heißt im Umkehrschluss: Drei von vier beziehungsweise 24 von 25 Patienten haben keinerlei Vorteil von dem Medikament!
Bei einigen Medikamenten, wie zum Beispiel den im vorigen Kapitel schon erwähnten, routinemäßig zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzten Cholesterinsenkern, den sogenannten Statinen, profitiert sogar nur einer von 50 Patienten.2 Es gibt überdies Medikamente, die aufgrund der Tatsache, dass die meisten Studien an weißen westlichen Patienten getestet werden, für bestimmte ethnische Gruppen schädlich sind. Ein Beispiel sind lang wirksame Arzneimittel, die die Atemwege erweitern, die bei Afroamerikanern zu lebensgefährlichen Nebenwirkungen und Todesfällen führen können.3

Abb. 3: Von den hier beispielhaft gezeigten Arzneimitteln, die 2015 den höchsten Umsatz hatten, haben nur die schwarz dargestellten Patienten einen Vorteil. Die weiß dargestellten bekommen diese Arzneimittel zwar auch nach allen Therapierichtlinien verschrieben, wir wissen aber von allen klinischen Studien, dass sie keinen Vorteil von ihnen haben werden, sondern im ungünstigen Fall sogar nur die unerwünschten Nebenwirkungen erleiden. Dies sind keine Sonderfälle, sondern es ist eher die Regel und lässt sich prinzipiell auf fast alle Arzneimittel übertragen. Es gibt gegenwärtig kaum Möglichkeiten, die beiden Patientengruppen vor Therapiebeginn zu differenzieren.1
Ein Grund für diesen Mangel an Präzision in der Arzneimitteltherapie ist wieder der Unterschied zwischen Symptom und Ursache. In den meisten Zulassungsstudien für Arzneimittel wird eine Handvoll Messungen an wenigen Tausend Patienten durchgeführt. Wichtig ist dann nicht, ob jeder Patient einen Vorteil hatte, sondern lediglich, ob bei einem Vergleich der behandelten und der unbehandelten Gruppe ein statistisch signifikanter Vorteil zu messen war. Die meisten Medikamente sind allerdings nur bei einer kleinen Fraktion der Patienten wirksam. Um diese erreichen zu können, setzen wir die andere, viel größere Fraktion unnötigerweise Nebenwirkungen aus, ohne dass ein Nutzen damit verbunden ist. Tabelle 1 zeigt als Beispiel sechs klinische Arzneimittelstudien, die als Meilensteine der Herz-Kreislauf-Medizin gelten und aufgrund deren neue Medikamente wie der Cholesterinsenker Simvastatin, das Blutdruckmittel Ramipril und – vereinfacht ausgedrückt – Blutverdünner wie Aspirin, verschiedene Thrombolytika, Abciximab und Clopidogrel in wichtige therapeutische Leitlinien aufgenommen wurden.
Es wird Sie überraschen, dass diese Arzneistoffe trotzdem, obwohl nur 1,9 bis 9 Prozent der Patienten einen Vorteil von ihrer Medikation hatten und dementsprechend 91 bis 98,1 Prozent keinen Vorteil beziehungsweise lediglich ein Risiko für unerwünschte Nebenwirkungen, in alle wesentlichen Leitlinien zur Behandlung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen aufgenommen wurden. Sie könnten sich sagen: Das sind doch schlechte Ergebnisse und deswegen hätten diese Arzneimittel gar nicht zugelassen werden oder auf den Markt kommen dürfen. Leider sind dies aber im Vergleich zu vielen anderen Arzneistoffen und deren Präzision sogar noch recht gute Daten! Besser geht es im Moment nicht und unbehandelt kann man diese Patienten auch nicht lassen, sonst würden wir ja noch nicht einmal die 1,9 bis 9 Prozent der Patienten schützen, bei denen das Arzneimittel helfen kann, oft lebensrettend. Das ist eben der Nachteil, wenn man Symptome behandelt (Cholesterol, Blutdruck), aber eigentlich patientenrelevantere Ziele verfolgen sollte (nämlich, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod zu verhindern).
Tab. 1: Arzneimitteltherapien, die aufgrund einer klinischen Studie in der angegebenen Indikation als ausreichend wirksam beurteilt wurden, und, im Vergleich dazu, der Prozentsatz der Patienten, die von dieser Behandlung einen oder keinen Vorteil hatten.4
Einen Wermutstropfen gibt es allerdings, denn wirklich übertragbar auf Sie als Patient sind diese Erfolgsraten dann wahrscheinlich doch leider nicht. In derartigen Studien werden nämlich die teilnehmenden Patienten handverlesen, damit die Studie auch ja positiv wird; mit Ihnen haben diese Patienten möglicherweise wenig zu tun – zum Beispiel eher mittleres Alter, sonst keine weiteren Beschwerden und so weiter. Außerdem werden Patienten in Studien sehr genau daraufhin überwacht, ob sie ihre Arzneimittel auch regelmäßig und in der richtigen Menge eingenommen haben. In der Realität ist das ja leider anders. Schon mir fällt es schwer, wenn ich mal ein Antibiotikum für ein paar Tage einnehmen muss, mich jeden Morgen und Abend daran zu erinnern. Gerade ältere Patienten bekommen aber in der Realität oft vier und mehr Medikamente aufgeschrieben. Da vergisst man mal leicht eines oder die Gewissenhaftigkeit (die sogenannte Compliance) lässt nach und das Medikament wird über weite Strecken gar nicht mehr oder doppelt eingenommen.
Ein typisches Beispiel für schlechte Patienten-Compliance sind die zur Blutdrucksenkung eingesetzten Betablocker. Eine ihrer Nebenwirkungen ist, dass sie paradoxerweise die Blutgefäße an Händen, Füßen, aber bei Männern auch im Penis verengen. Eine Konsequenz sind daher Potenzprobleme, weswegen die Patienten dann gern einmal oder auch längere Zeit den Betablocker weggelassen. Kurz vor dem nächsten Arztbesuch werden sie natürlich wieder eingenommen. Der Blutdruck ist dann normal und alle sind zufrieden. Jetzt könnten Sie denken: Egal, die Chance, dass der Betablocker dem Patienten hilft, ist doch nach meinen Erläuterungen ohnehin klein. Sie ist klein, das stimmt, aber dieser Patient könnte genau der eine „Glückliche“ sein, dem der Betablocker das Leben rettet, und an all den Tagen, an denen er ihn nicht eingenommen hat, entfällt diese – wenn auch kleine – Chance, dass der Betablocker einen Herzinfarkt oder Schlaganfall verhindert (siehe die folgende Seite zur Number Needed to Treat).
Zum anderen werden in großen Studien, bei denen es, nachdem viele Millionen Euro in die Entwicklung investiert wurden, letztlich um die Zulassung geht, die Patientengruppen so zusammengestellt, dass die Wahrscheinlichkeit eines positiven Effekts möglichst hoch ist. Das kann heißen, Patienten mit hohem Risiko oder schweren Symptomen auszuwählen, nicht zu alt, aber auch nicht zu jung und mit möglichst wenigen zusätzlichen Erkrankungen. Nach der Zulassung in der alltäglichen ärztlichen Praxis werden dann natürlich auch Patienten mit leichteren Symptomen oder niedrigerem Risiko, auch ältere Patienten als in der Studie und auch solche mit weiteren Erkrankungen behandelt. Dies hat dann bei solchen sogenannten „Real World“-Patienten zur Konsequenz, dass die Wirkung noch geringer beziehungsweise die Nebenwirkungen stärker sind als in der ursprünglichen Zulassungsstudie. Bei einigen Medikamenten wie Statinen, die routinemäßig zur Senkung des Cholesterinspiegels eingesetzt werden, kann es dann sein, dass unter den normalen Patienten nur noch einer von 50 davon profitiert; bei Bluthochdruckmitteln nur noch einer von 100. Zur Erinnerung: Dies bedeutet für 49 beziehungsweise 99 Patienten, dass es für sie in dem Beispiel keinen Unterschied macht, ob sie ihre Arzneimittel nehmen oder nicht, sie werden keinen Vorteil haben, eher Nachteile.
Da wir gegenwärtig in der Medizin keine Möglichkeit haben, diese beiden Patientengruppen – die, die einen Vorteil haben, und die vielen anderen, die keinen Vorteil haben werden – auseinanderzuhalten und daher alle therapieren müssen, sollten Sie all diese Beispiele gegenwärtig bitte nicht (!) zum Anlass nehmen, auch nur eines Ihrer Medikamente abzusetzen. Sie wissen ja nicht, zu welcher Gruppe Sie gehören; vielleicht genau zu der, denen das Medikament das Leben rettet, das heißt zum Beispiel einen schweren Herzinfarkt oder Schlaganfall verhindert. Wir wissen es einfach nicht und Ihr Arzt auch nicht. Es ist also nicht ein Fehler Ihres Arztes, Ihnen dieses Medikament zu verschreiben. Es gibt gegenwärtig keine bessere Alternative. Es ist wahrscheinlich noch nicht einmal ein Fehler Ihres Arztes, Sie nicht über die mangelnde Präzision Ihres Arzneimittels und die geringe Wahrscheinlichkeit, dass Sie davon profitieren werden, aufzuklären. Würde er das bei allen Patienten machen, würde wahrscheinlich bald gar kein Patient mehr seine Medikation nehmen, auch diejenigen, deren Leben er damit hätte retten können. Wenn die möglichen Nebenwirkungen also nicht allzu ernst sind, nimmt man dieses Risiko eben in Kauf. Man muss es in Kauf nehmen.
Sie könnten sich jetzt denken, dass das ja fast nach einem Skandal klingt. Habe ich mir hier als Autor ein paar extreme Arzneimittelbeispiele herausgesucht, um zu dramatisieren und meinen Punkt zu machen? Wirken viele der anderen Arzneimittel nicht doch bei den meisten Patienten? Nein, lassen Sie uns dazu noch etwas tiefer in die Zahlen eintauchen (nicht zu tief, keine Angst, ich bin kein Freund von Mathematik, aber es ist wichtig und erhellend), und zwar in den Begriff der „Number Needed to Treat“ …
Die Number Needed to Treat
Es gibt einen Weg, um zu verstehen, wie viel die aktuelle Medizin dem einzelnen Patienten zu bieten hat. Es handelt sich um ein einfaches statistisches Konzept, das „Number Needed to Treat“ oder kurz „NNT“ genannt wird, auf Deutsch: die Patientenanzahl, die behandelt werden muss, damit ein Patient einen Vorteil hat. Die NNT misst die Wirkung eines Medikaments oder einer anderen Therapie, wie zum Beispiel einer Operation, indem sie die Anzahl der Patienten schätzt, die behandelt werden müssen, um eine positive, gewünschte Wirkung für eine einzige Person zu erzielen, zum Beispiel ein Krankheitsrisiko wie Herzinfarkt oder Schlaganfall zu senken beziehungsweise zu eliminieren. Das Konzept ist zwar etwas trockene Statistik, aber doch einleuchtend, denn wir wissen ja inzwischen, dass nicht allen Menschen durch ein Medikament oder eine Intervention geholfen wird – manche profitieren, manche werden geschädigt und manche bleiben unbeeinflusst.
Die NNT lässt sich aus jeder klinischen Studie mit einem Arzneimittel oder einer anderen Intervention wie einer Operation et cetera berechnen. Da die meisten Medikamente und Interventionen irgendwann einmal in einer klinischen Studie untersucht worden sind, können wir eine NNT für viele (wenn nicht sogar für die meisten) der ärztlichen Behandlungen abschätzen. Das bedeutet, dass Ärzte und ihre Patienten die Wahrscheinlichkeit, dass einem Patienten durch ein bestimmtes Medikament oder Verfahren geholfen oder Schaden zugefügt wird, leicht bestimmen können. Für jedes Ihrer Arzneimittel und die dazugehörige Anwendung können Sie die NNT recherchieren: auf der Internetseite des NNT-Teams.5 Diese seit 2010 bestehenden Gruppe von Ärzten, geleitet von dem Notfallmediziner Prof. Shahriar Zehtabchi, hat ein einzigartiges System entwickelt, um entweder Therapien (auf der Grundlage ihres patientenrelevanten Nutzens beziehungsweise Schadens) oder Diagnostik (anhand von Symptomen, Labortests oder klinischen Studien) für jedermann nachvollziehbar sehr einfach zu bewerten, wenn auch auf Englisch.
Neben der NNT lässt sich übrigens noch eine zweite, auch nicht unwichtige Zahl berechnen, nämlich die „Number Needed to Harm“ (NNH), auf Deutsch: die Zahl an Patienten, die behandelt werden muss, damit ein Patient eine relevante, schwere Nebenwirkung zeigt, für die die Behandlung verantwortlich ist. Eigentlich muss man diese Zahlen vergleichen, um eine Nutzen-Schaden-Bilanz zu erstellen.
Das NNT-Team verwendet nur die qualitativ hochwertigsten, evidenzbasierten Studien6 und akzeptiert weder Drittmittel noch Werbung. Man kann dort zum Beispiel nach den Cholesterinsenkern (Statinen) suchen und findet dann verschiedene Optionen (Tabelle 2): zur Herz-Kreislauf-Prävention mit oder ohne vorbestehendem Risiko, bei bekannter Herzkrankheit oder bei akuter Angina Pectoris beziehungsweise Herzinfarkt. Betrachten wir den häufigsten Fall: Ohne dass ein Patient schon einmal eine vorherige Herzerkrankung hatte, wird aufgrund seines allgemeinen Risikos und von erhöhten Cholesterinwerten im Blut ein Statin verschrieben, und zwar zur Prävention von schweren Herz-Kreislauf-Krankheiten, also einer Herzattacke oder eines Schlaganfalls oder sogar des Todes.
Es überrascht, dass kein einziges Leben gerettet wird und nur zwei schwere Ereignisse wie ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall verhindert werden, wofür aber insgesamt 258 Patienten behandelt werden mussten. Einschränkend muss man zu diesen Zahlen sagen, dass es umstritten ist, ob die Sterblichkeit durch Statine in dieser Gruppe von Patienten reduziert wird. Das NNT-Team glaubt nicht, dass dies so ist, ist sich aber bewusst, dass andere die vorliegenden Daten anders interpretieren.
Es fällt auf, dass der Schaden, der von Statinen verursacht werden kann, weniger publik gemacht wird als der überschaubare Nutzen. Am häufigsten tritt bei der Behandlung mit Statinen ein schwerer Muskelschmerz beziehungsweise Muskelschaden auf, eine Nebenwirkung, die sich noch relativ gut bemerken und den Statinen zuordnen lässt. Die hier aufgeführte Häufigkeit von 1:10, also zehn Prozent, ist eher eine relativ konservative Schätzung für diese Nebenwirkung.8 Diese ist aber möglicherweise der Hauptgrund, warum Patienten Statine so häufig eigenmächtig absetzen oder zumindest unregelmäßig einnehmen.9
Tab. 2: Vorteile (Number Needed to Treat, NNT) und Schäden (Number Needed to Harm, NNH) einer Therapie mit cholesterinsenkenden Statinen zur Vorbeugung von Herzkrankheiten bei Patienten ohne vorherige Herzerkrankung.7
Eine weitere, besorgniserregende Nebenwirkung ist ein durch Statine neu aufgetretener Diabetes mellitus.10 Das Risiko von 1:50 ist dabei eher konservativ geschätzt. Da zehn Prozent aller Deutschen inzwischen bereits Diabetiker sind, besteht bei diesen Patienten das Risiko, einen bestehenden Diabetes noch weiter zu verschlechtern, wodurch die Patienten unfähig werden, ihren Diabetes mithilfe von Lebensstiländerungen jemals in den Griff zu bekommen oder heilen zu können. Da solche Patienten in der Regel von Statin-Studien ausgeschlossen sind, kann man dieses Risiko nur schätzen. Auch sind die Quellen der überwiegenden Mehrheit dieser Daten industriegesponserte und -finanzierte Studien, was darauf hindeutet, dass die obigen Zahlen (1:50-Risiko) eher ein Best-Case-Szenario darstellen.
Sind Statine also eine geeignete Wahl für die Verhinderung eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls? Zumindest verdeutlicht dieses Beispiel, dass man bei dem Symptom „erhöhtes Cholesterin“ nicht unbedingt reflexhaft ein Statin einnehmen muss. Das sollte gemeinsam mit einem oder mehreren Ärzten sorgfältig überdacht werden – natürlich auch vor allem mit Blick auf individuelle Präferenzen des Patienten. Im besten Fall ist ja durchaus ein Nutzen der Statine gegeben, der mögliche Schaden wird aber leicht unterschätzt. Die Alternative einer Lebensstiländerung wie zum Beispiel einer mehr oder rein pflanzlichen Ernährung ist wesentlich wirksamer als Statin-Medikamente, um kardiovaskuläre Vorteile zu erzielen, und das, ohne potenzielle Schäden zu verursachen.
Es gibt aber einen weiteren Trick, um diesen inzwischen mehr und mehr publik gewordenen Nachteil aus dem Fokus zu nehmen und die Risikoverminderung durch ein Arzneimittel marketingtechnisch schönzurechnen. Und ich denke, dass auch so mancher Arzt darauf schon reingefallen ist. Leider müssen wir dazu noch etwas mehr in die Trickkiste der Mathematik greifen. Folgen Sie mir, es lohnt sich.
Absolutes und relatives Risiko
Mit einer Arzneitherapie will ich oft nicht nur ein Symptom beseitigen, sondern ein damit assoziiertes Risiko langfristig senken. Nun gibt es zwei Arten, wie man dieses Risiko darstellen kann: absolut und relativ.
Bei kontrollierten klinischen Studien medizinischer Interventionen (Medikamente, Operationen und so weiter) gibt es immer einen möglichst patientenrelevanten Endpunkt, das heißt, dass gemessen werden kann, ob die Intervention im Vergleich zur Standardtherapie besser war oder nicht. Im dramatischsten Fall kann das sein: weniger Todesfälle oder – wie in der Abbildung 4 – keinen Herzinfarkt oder keinen Schlaganfall zu erleiden.
In den Informationen, die gern auch von der pharmazeutischen Industrie verwendet werden, wird oft ein anderer Wert berechnet und kommuniziert, der weitaus beeindruckendere Zahlen hergibt: die Relative Risiko-Reduktion (RRR). In Abbildung 4 habe ich die Zahlen ein wenig vereinfacht, um sie leichter umrechnen zu können. Gehen wir von einer NNT von 1:50 für das Vermeiden eines Todesfalls aus. Das bedeutet in Prozent, dass zwei Prozent aller behandelten Patienten tatsächlich einen Vorteil haben, weil sie nicht sterben. Nun sterben ja glücklicherweise die allerwenigsten Patienten im Laufe einer klinischen Studie. Nehmen wir einmal an, es sind – ohne Behandlung – von 100 Patienten normalerweise zehn, die sterben, und nun – mit Behandlung – zwei weniger, also nur acht, die noch sterben. Zwei Prozent ist dann die Absolute Risiko-Reduktion (ARR). Klingt nicht besonders beeindruckend, ist aber ehrlich und bezieht alle Patienten ein, die mit dem Medikament behandelt wurden. 98 Prozent der Patienten haben demnach keinen Vorteil: 90 Prozent wären sowieso nicht gestorben und acht Prozent sind trotz des Medikaments gestorben.
Nun lässt sich aber auch ein anderer Wert berechnen, der nicht grundsätzlich falsch ist, aber irreführend verwendet werden kann und oft so verwendet wird, die Relative Risiko-Reduktion (RRR). Hierzu schaut man sich nur die Todesfälle an und ignoriert alle anderen Patienten, die das Medikament auch noch, aber sinnloserweise genommen haben. Ohne Therapie sind demnach zehn gestorben, mit Therapie nur acht, also eine beeindruckender klingende 20-prozentige Reduktion dieses relativen – das heißt nur auf die Todesfälle bezogenen – Risikos (RRR). Nicht falsch, aber maximal geschönt.
Abb. 4: Relative (RRR) und Absolute Risiko-Reduktion (ARR) einer Therapie. 100 Patienten werden behandelt. Unbehandelt (weiße Balken) würden zehn sterben, behandelt (schwarze Balken) nur acht. Zwei von 100 (zwei Prozent) leben dank der Therapie weiter, haben also einen Vorteil. Das Absolute Risiko (ARR) wurde um zwei Prozent reduziert; die NNT ist 50. Acht sterben aber trotzdem; 90 hätten so oder so weitergelebt; macht zusammen 98 Prozent der Patienten, die keinen Vorteil haben. Schaut man sich jedoch nur die zehn Todesfälle an, wird diese Zahl durch die Behandlung um 20 Prozent von zehn auf acht relativ reduziert (RRR).
Das Problem mit dieser Art von Beschreibung ist, dass sie zwar mathematisch und semantisch korrekt, aber zutiefst irreführend ist. Das liegt daran, dass ja beide, Patient und Arzt, vor Beginn einer Behandlung nicht wissen können, ob einem Patienten durch die Behandlung geholfen, ob er geschädigt oder gar nicht beeinflusst wird. Wenn in einem Gespräch mit einem Patienten die RRR verwendet wird, um zu beschreiben, wie wahrscheinlich es ist, dass die Therapie Erfolg hat (das heißt, es reduziert in obigem Beispiel die Chance, zu sterben, um 20 Prozent), dann haben wir die viel größere Wahrscheinlichkeit (das heißt 98 Prozent, wie wir oben berechnet haben), dass ein Patient keinen Vorteil haben wird, ignoriert.
Personen oder Gruppen, die ein kommerzielles Gewinnmotiv haben, können so versuchen, einen Patienten in eine bestimmte Richtung zu beeinflussen. An dieser Stelle wäre die NNT am wertvollsten, nämlich als Instrument zur Standardisierung der Kommunikation. Die NNT verwendet nur die ARR. Wenn Patienten und Ärzte die NNT verwenden, gibt es keine Täuschung oder Übertreibung hinsichtlich der zu erwartenden Wirkung. Hat man einmal die Berechnung und das Konzept der NNT verstanden, ist sie leicht anzuwenden. Aber so offensichtlich sinnvoll, wie die NNT ist, so wenig wird sie leider im täglichen medizinischen Alltag benutzt. Viele Ärzte sind sogar überrascht, wie hoch die NNT für die von ihnen routinemäßig verschriebenen Arzneimittel ist – obwohl doch jeder Arzt klinische Studien richtig lesen und kritisch interpretieren können sollte.
Nun fehlt noch eine weitere Komplikation für all diese Überlegungen: der Wechsel von relativ künstlichen Studiendaten zu sogenannten Real-World-Daten, also Daten mit Relevanz für ganz normale Patienten wie Sie, nicht nur die, die für die Zulassungsstudie der Industrie handverlesen wurden. Diese Daten können naturgemäß erst nach der Zulassung in sogenannten Nachbeobachtungsstudien erhoben werden, wenn das neue Arzneimittel im täglichen Alltag eingesetzt wird, also bei „normalen“ Patienten und nicht bei denen, die für eine Zulassungsstudie der Industrie ausgewählt und hinsichtlich der Arzneimitteldosierung optimal eingestellt wurden. Unter diesen sogenannten „Real World“-Bedingungen können sich dann die Risikoreduktion (ARR) und die NNT noch deutlich verschlechtern, oft sogar so weit, dass ein neues Arzneimittel als „ohne jeglichen Nutzen gegenüber der vorher schon existierenden Standardtherapie“ nachbeurteilt und manchmal sogar, wenn zum Beispiel vorher nicht beobachtete Nebenwirkungen hinzukommen, wieder vom Markt genommen wird.
Dies droht insbesondere dann, wenn es schon eine wirksame Therapie (ein Arzneimittel oder eine Operation) gibt. Dann muss nämlich jede neue Therapie (neues Arzneimittel oder neue Operationstechnik) einen Zusatznutzen zu der bereits bestehenden aufzeigen, entweder eine stärkere erwünschte Wirkung oder deutlich weniger unerwünschte Nebenwirkungen. Bei unseren gegenwärtig so unpräzisen Krankheitsdefinitionen, deren Ursachen meist nicht bekannt sind, weswegen in der Regel nur Symptome behandelt werden, ist das sehr schwer zu erreichen. So müssen oftmals Tausende von Patienten in eine solche Studie eingeschlossen werden, um kleinste Prozentzahlen an absolutem (!) Zusatznutzen zu zeigen. Verfolgt man nach der Zulassung des Arzneimittels, ob dieser Nutzen auch bei normalen Patienten erhalten bleibt, kann es vorkommen, dass nichts mehr von dem Nutzen übrig bleibt. Manchmal überwiegt sogar der Schaden und das Arzneimittel muss wieder vom Markt genommen werden. Kommt das selten vor? Erstaunlicherweise nein. Es ist sogar eher die Regel …
Neue Arzneimittel meist ohne jeden Nutzen
Mit der Reform des Arzneimittelmarktgesetzes hat Deutschland 2011 die frühe Nutzenbewertung neuer Arzneimittel eingeführt. Ziel ist es, festzustellen, ob ein neues Arzneimittel einen Zusatznutzen gegenüber der Standardversorgung hat. Der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA), das Hauptentscheidungsgremium in der gesetzlichen Krankenversicherung, ist für das Bewertungsverfahren zuständig und entscheidet letztlich über den Zusatznutzen. Er legt die Regelversorgung auf der Grundlage gesetzlich festgelegter Kriterien fest. Nach diesen Kriterien ist die Regelversorgung eine genehmigte und erstattete Maßnahme, für die ein Nutzen nach den Standards der evidenzbasierten Medizin (das heißt überwiegend auf der Grundlage von Studien mit patientenrelevanten Endpunkten) nachgewiesen ist.
Der Zusatznutzen eines neuen Medikaments wird in erster Linie durch einen direkten oder geeigneten indirekten Vergleich mit der Standardversorgung anhand der Endpunkte Sterblichkeit, Krankheitshäufigkeit oder gesundheitsbezogene Lebensqualität bestimmt. Der Nachweis erfordert einen statistisch signifikanten Nutzen für patientenrelevante Endpunkte in einer randomisierten (das heißt unter Verwendung eines Zufallsmechanismus besetzten) kontrollierten Studie oder einen sehr großen Nutzen in einer nicht randomisierten Studie.
Wenn ein neu zugelassenes Medikament auf den deutschen Markt kommt, muss die verantwortliche Arzneimittelfirma ein standardisiertes Dossier vorlegen, das alle verfügbaren Belege für den Zusatznutzen des Medikaments gegenüber der Standardversorgung enthält. Nach Markteintritt wird das unabhängige Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) mit der Nutzenbewertung beauftragt. Die Ergebnisse dieser Bewertung dienen als Grundlage für die endgültige Entscheidung, ob ein Zusatznutzen besteht. Dies und sämtliche Stellungnahmen sind auf der Website des Gemeinsamen Bundesausschusses verfügbar.11
Die Schlussfolgerungen zum Zusatznutzen haben zwei wichtige Funktionen. Erstens dienen sie als Grundlage für Preisverhandlungen zwischen dem Dachverband der gesetzlichen Krankenversicherung und dem Arzneimittelhersteller. Auch wenn der G-BA zu dem Schluss kommt, dass ein neues Arzneimittel keinen Zusatznutzen hat, darf das Arzneimittel auf dem Markt bleiben, darf dann aber nicht mehr als die Standardversorgung kosten. Zweitens können die Schlussfolgerungen für ärztliche Behandlungsleitlinien und individuelle Behandlungsentscheidungen verwendet werden.
2019 veröffentlichte das IQWiG eine Übersicht aller zwischen 2011 und 2017 bewerteten Arzneimittel, die nach der Zulassung auf den deutschen Markt kamen, insgesamt 152 neue Wirkstoffe und 64 bereits zugelassene Arzneimittel in einer neuen Indikation.12 Nur 54 der 216 bewerteten Medikamente (25 Prozent) wurden als Arzneimittel mit einem beträchtlichen oder großen Zusatznutzen eingestuft. Bei 35 (16 Prozent) war der Zusatznutzen entweder gering oder konnte nicht quantifiziert werden. Bei 125 Arzneimitteln (58 Prozent), also bei weit über der Hälfte, konnte kein Zusatznutzen gegenüber der Standardversorgung in Bezug auf Sterblichkeit, Krankheitshäufigkeit oder gesundheitsbezogene Lebensqualität in der zugelassenen Patientenpopulation nachgewiesen werden (Abbildung 5).
Abb. 5: Die Anteile neu zugelassener Arzneimittel, für die ein zusätzlicher Nutzen gegenüber der bisherigen Standardversorgung besteht (weiß), und solche, bei denen das nicht der Fall ist (schwarz). Insgesamt können also zwei Drittel aller neu zugelassenen Arzneimittel diesen Nachweis nicht erbringen, wobei einige Indikationen wie Psychiatrie / Neurologie und Diabetes besonders schlecht abschneiden.
Schlüsselt man diese Daten noch weiter hinsichtlich der verschiedenen medizinischen Fachgebiete auf, ist die Situation teilweise regelrecht erschreckend. So wurde zum Beispiel in der Psychiatrie/Neurologie und bei Diabetes in nur sechs Prozent (1/18) beziehungsweise 17 Prozent (1/6) der Bewertungen ein Zusatznutzen nachgewiesen (rechter Teil der Abbildung 5). Auch ist zu erkennen, dass die Entwicklung und Zulassung von Arzneimitteln nicht gleichmäßig über die verschiedenen Indikationen verteilt ist; es besteht eine große Neigung der pharmazeutischen Industrie, mehr Krebsmittel und weniger psychiatrische beziehungsweise neurologische Medikamente zu entwickeln. Viele Firmen habe sich aus den letzten beiden Indikationen nahezu zurückgezogen.
Diese Daten sind nicht nur für Deutschland relevant, denn nahezu alle diese Arzneimittel wurden von der Europäischen Arzneimittelagentur (European Medical Agency, EMA) für den Einsatz in ganz Europa zugelassen. Die Ergebnisse spiegeln daher den Stand der gesamten europäischen Arzneimittelentwicklung und -politik wider und verdeutlichen, dass die gesamten Prozesse bis zur Zulassung dringend reformiert werden müssen. Alle Arzneimittelbehörden verfolgen weltweit eine Strategie, die darauf abzielt, die Entwicklung und Zulassung von Medikamenten zu beschleunigen13, basierend auf der Annahme, ein schnellerer Zugang zu neuen Medikamenten käme den Patienten zugute. Die Rhetorik von Neuheit und Innovation erzeugt den Glauben, dass neue Arzneimittel immer besser seien als bestehende. Zwar gibt es zweifellos dramatische Lücken im Arzneimittelarsenal (siehe die beiden vorherigen Abschnitte „Die meisten Arzneimittel wirken nicht“ und „Die Number Needed to Treat“), aber seit den 1970er-Jahren bietet nur eine begrenzte Anzahl von unter 15 Prozent der neuen Medikamente echte Fortschritte gegenüber den vorhandenen Arzneimitteln und das ohne einen Trend zur Verbesserung. Arzneimittelbehörden wollten den frühen Zugang zu innovativen Medikamenten ermöglichen – oder wurden dazu gedrängt. Die Hoffnung war, das Manko nur begrenzter Informationen zum Zeitpunkt der beschleunigten behördlichen Zulassung dadurch auszugleichen, dass die nachfolgende breite Anwendung am Patienten und hierzu durchgeführte Forschung schließlich den Nutzen für die Patienten belegen würde.14
Die Realität sieht jedoch ganz anders aus. Beispielsweise zeigte eine systematische Bewertung der Krebsmedikamente, die zwischen 2009 und 2013 von der EMA zugelassen wurden, dass die meisten von ihnen ohne Nachweis eines klinisch sinnvollen Nutzens für patientenrelevante Endpunkte (Überleben und Lebensqualität) zugelassen worden waren und sich einige Jahre später diese Situation kaum verändert hatte.15 Noch beunruhigender ist vielleicht, dass eine systematische Überprüfung neuer Medikamente für über 100 Indikationen, die von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassen wurden, ergab, dass in weniger als zehn16 beziehungsweise 20 Prozent17 der Fälle eine überlegene Wirksamkeit bestätigt wurde.
Zudem werden solche Post-Marketing-Studien, zu denen die Arzneimittelfirmen nach dem Inverkehrbringen eigentlich verpflichtet sind, häufig nicht durchgeführt und nur zur Hälfte rechtzeitig beziehungsweise innerhalb von fünf bis sechs Jahren abgeschlossen.18 In Deutschland wurde keine der sechs Nachzulassungsstudien, die auf der Grundlage der ersten Bewertung beantragt worden waren und zwischen 2011 und 2017 zur Neubewertung anstehen sollten, tatsächlich durchgeführt. Weltweit tun Aufsichtsbehörden wenig, um nicht kooperierende Unternehmen zu sanktionieren.
Pseudo-Innovation „Me too“
Selbst unter den Medikamenten mit einem Zusatznutzen gibt es viele Pseudo-Innovationen, sogenannte „Me too“-Präparate. „Me too“ heißt im Deutschen „Ich auch“. Hat eine Firma ein wirksames Arzneistoffprinzip entdeckt, ziehen andere Firmen nach und wollen auf Basis desselben Prinzips auch Arzneimittel auf den Markt bringen. Ähnlich wie in der Autoindustrie: Fängt eine Firma an, erfolgreich SUVs zu verkaufen, wollen das alle. Fängt ein anderer an, Mini-SUVs zu verkaufen, ziehen wieder alle nach. Innovation ist das nicht, zumindest würde sich kein Autobauer trauen, das zu behaupten.
So ergab die IQWiG-Analyse, dass in Deutschland 12 von 48 erfolgreichen Bewertungen (25 Prozent) in der Onkologie dasselbe Wirkprinzip hatten. Auch die verschiedenen Medikamente, die bei Hepatitis C einen Zusatznutzen zeigten, verwenden alle einen der drei gleichen Mechanismen oder kombinierten diese. Ein Medikament, das ähnlich ist, bedeutet zwar nicht automatisch, dass es das gleiche ist. Prinzipiell könnten unterschiedliche Nebenwirkungsprofile Behandlungen für solche Patienten ermöglichen, für die andere Arzneimittel mit demselben Wirkprinzip unverträglich sind. Dies wird aber bereits standardmäßig ohnehin durch das IQWiG als zusätzlicher Nutzen berücksichtigt.
Und auch die Zukunft verheißt nichts Gutes. Die Analysen der Entwicklungspipelines für Medikamente zeigen ein ähnliches Muster. Eine große Zahl laufender und geplanter Studien in der Onkologie untersucht Medikamente mit demselben Mechanismus.19 Aus Patientensicht ist dies in zweierlei Hinsicht bedenklich. Einerseits nehmen diese Patienten an Studien teil, von denen keine echte Verbesserung gegenüber der Standardtherapie zu erwarten ist, andererseits stehen sie anderen, möglicherweise wirklich innovativen Studien nicht zur Verfügung (zum Problem klinischer Forschung in Deutschland komme ich später noch). So wird Geld für überflüssige Entwicklungen verschwendet und versäumt, neue Ansätze mit anderen Wirkmechanismen zu entwickeln und testen. Der „Me too“-Trend ist eines der größten Hindernisse für ernsthafte therapeutische Fortschritte.20
Angesichts der derzeitigen Informationslücken ist es nicht möglich, Ärzten und vor allem Patienten unparteiische und vollständige Informationen darüber zur Verfügung zu stellen, was sie von einer bestimmten Behandlung zu erwarten haben, einschließlich Informationen über den Nutzen alternativer Behandlungen oder keiner Behandlung. Dadurch wird die Fähigkeit der Patienten, informierte Behandlungsentscheidungen im Einklang mit ihren Präferenzen zu treffen, beeinträchtigt. Letztlich führt das zu einer unethischen Situation für ein Gesundheitssystem wie das unsrige, das sich als patientenzentriert bezeichnet.21 Da die Arzneimittelentwicklung, -zulassung, -erstattung und -preisgestaltung stark reguliert sind, deutet der derzeitige Stand der Dinge letztlich auf ein Versagen der Gesundheitspolitik hin.
Oft wird als letztes Gegenargument noch behauptet, dass mehrere „Me too“-Arzneimittel auf dem Markt die Kosten nach unten treiben würden, da sich das Gesundheitssystem dann nicht mit einem Monopol und möglicherweise anhaltend hohen Preisen konfrontiert sehen würde. Leider erfüllt sich diese Hoffnung auf wettbewerbsbedingte Preissenkungen oft nicht.22 Und selbst wenn es einen wesentlichen Einfluss auf die Preisgestaltung gäbe, würde dies noch immer nicht die immense „Me too“-Entwicklung erfordern, wie dies gegenwärtig der Fall ist.23
Doch selbst das effektivste und für sich allein sicherste Medikament kann noch Probleme erzeugen. Denn wer nimmt die meisten Medikamente? Ältere Menschen. Und die haben meistens mehr als ein Symptom. So nehmen viele mit der Zeit eine nur noch schwer überschaubare Menge an von verschiedenen Ärzten verschriebenen und selbst gekauften Arzneistoffen ein. Diese tagtägliche therapeutische Realität wird Polypharmazie genannt und schafft Probleme, welche die Patienten ohne Arzneimittel nie gehabt hätten …
Polypharmazie
Wir befinden uns im Zeitalter der Polypharmazie und setzen immer mehr Medikamente gleichzeitig zur Behandlung der meisten wichtigen Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein, darunter Herzschwäche, Angina Pectoris und Erkrankungen der Herzkranzgefäße sowie Bluthochdruck. Eine typische, leitliniengerechte medikamentöse Behandlung der Herzschwäche umfasst heute zum Beispiel vier und mehr Arzneistoffe für denselben Patienten. Die meisten Patienten mit Durchblutungsstörungen des Herzmuskels erhalten heute Aspirin, Betablocker, Nitrate, ACE-Hemmer, Statine und Clopidogrel. So erhalten 80-jährige Patienten im Schnitt acht Arzneimittel. Das verwundert nicht, wenn man sich klarmacht, dass jede therapeutische Leitlinie pro Diagnose im Schnitt drei Arzneimittel empfiehlt.
Eigentlich ist der Begriff Polypharmazie unfair. Er legt nahe, viele Arzneimittel würden unkontrolliert von der Pharmazie, also dem Apotheker, abgegeben. Dem ist aber nicht so; die meisten Probleme resultieren daraus, dass verschiedene Ärzte mehrere Arzneimittel für denselben Patienten verschreiben, ohne die Verordnungen der anderen Ärzte und eventuelle Selbstmedikationen des Patienten gegenzuchecken. Es ist also fairerweise gesagt in der Regel ein ärztliches Problem, eine Polymedizin.
Ältere Menschen gelten, wie Kinder und Schwangere, medizinisch gesehen als besondere Bevölkerungsgruppe. Das haben wir ja zum Beispiel in der Covid-19-Pandemie erlebt. Was Arzneimittel betrifft, weisen ältere Menschen im Vergleich zum Rest der Bevölkerung große Unterschiede hinsichtlich dessen auf, wie ihr Körper mit Arzneimitteln interagiert. Dies betrifft die Aufnahme in den Körper, zum Beispiel aus einer Tablette, wie sich der Arzneistoff verteilt, wie er verstoffwechselt und wie er wieder ausgeschieden wird. Aber auch unabhängig hiervon sind die Wirkung des Arzneimittels, dessen Verträglichkeit und die Compliance des Patienten (also die Regelmäßigkeit, mit der ein dauerhaft verschriebenes Arzneimittel eingenommen wird) beim älteren Menschen stark beeinträchtigt. Ist zum Beispiel die Leberfunktion eingeschränkt, werden viele Arzneistoffe langsamer verstoffwechselt, was zu höheren Blutspiegeln und einer viel zu starken Wirkung führen kann. Ebenso kann die Nierenfunktion eingeschränkt sein, was auch dazu führt, dass ein Arzneistoff langsamer über den Urin ausgeschieden wird, wodurch sich wieder Blutspiegel und damit Wirkungsstärke über einen längeren Zeitraum erhöhen.
Für einen einzelnen Arzneistoff könnte dies noch durch einen sorgfältig verschreibenden Arzt, der zum Beispiel berücksichtigt, wie ein Arzneistoff verstoffwechselt und ausgeschieden wird und wie Leber- und Nierenfunktion des Patienten sind, über eine veränderte Dosierung angepasst werden. Das Problem ist aber, dass ältere Personen häufig mehrere Medikamente einnehmen, da im Alter mehr und mehr Krankheitsdiagnosen hinzukommen. So haben ältere Menschen ab einem Alter von über 80 Jahren im Durchschnitt drei Diagnosen24, die dadurch, dass pro Diagnose oft mehr als ein Arzneimittel verschrieben wird und noch Selbstmedikation hinzukommt, zur Polypharmazie führen. In Deutschland nehmen ein Drittel aller Männer und Frauen über 65 Jahre fünf oder mehr Medikamente ein.25
Das Fatale ist, dass hierdurch bei älteren Personen die Wahrscheinlichkeit unerwünschter Arzneimittelwirkungen, die einen Krankenhausaufenthalt erfordern, fast siebenmal so hoch ist wie bei jüngeren Personen.26 Unerwünschte Arzneimittelwirkungen sind mit einem durchschnittlichen Anteil von 6,5 Prozent ein relevanter Grund für Vorstellungen in der Notaufnahme, führen häufig zu stationären Aufnahmen in Krankenhäusern27 und sind die vierthäufigste Todesursache.28 Gemäß einer Studie der Europäischen Kommission beläuft sich die volkswirtschaftliche Belastung in Deutschland bei Krankenhausaufenthalten durch arzneimittelbezogene Probleme auf circa 4,94 Milliarden Euro. Die Kosten für Medikationsfehler wurden seitens der Europäischen Kommission für 2016 auf bis zu 5.689 Euro pro Patientenfall geschätzt.
Da diese Gruppe älterer Menschen oft von Arzneimittelstudien ausgeschlossen wird (man will ja ein möglichst gutes Sicherheitsprofil demonstrieren), gibt es in der Regel kaum Daten bezüglich Sicherheit, Wirksamkeit, Risiken und Nutzen einer medikamentösen Therapie für ältere Menschen sowie infolgedessen nur sehr wenige klare therapeutische Leitlinien für diese Altersgruppe. Dies wird oft als Spezialfall „Gerontomedizin“ oder „Gerontotherapie“ dargestellt; sie stellt aber quantitativ in der alltäglichen Medizin eher die Regel dar. Es besteht daher ein großer Bedarf, die Qualität der Individualisierung der Arzneimittelversorgung und damit letztlich die Lebensqualität älterer Menschen zu verbessern.
Ähnlich verhält es sich übrigens bei der Arzneitherapie für Kinder. Hier gibt es so gut wie keine klinischen Studien und sämtliche Dosierungen sind Schätzwerte. Viele Arzneimittel, die bei Kindern eingesetzt werden, sind nicht ausreichend an Kindern geprüft (welche Eltern würden ihr Kind schon für eine Arzneimittelstudie zur Verfügung stellen, außer es handelt sich um eine lebensbedrohliche Situation und die letzte Rettung) und deshalb auch nicht für Kinder zugelassen. Daher ist die geeignete – das heißt die zugleich wirksame und sichere – Dosierung in der Regel überhaupt nicht bekannt. Zusätzlich fehlt es häufig an für Kinder geeigneten Darreichungsformen. So sind Kinder- und Jugendmediziner häufig darauf angewiesen, Arzneimittel, die eigentlich nur an Erwachsenen ausreichend geprüft wurden, auch bei Kindern anzuwenden. Aber das nur am Rande. Kinder nehmen ja in der Regel nur gelegentlich und dann nur wenige Arzneimittel ein, haben also kein Polypharmazie-Problem.
Viele Medikamente fördern gerade bei älteren Patienten Verwirrtheit bis hin zur medikamentös verursachten Demenz, erhöhen die Sturzgefahr und verlängern die Behandlungszeiten im Krankenhaus. Um nun die Arzneimitteltherapie bei älteren Patienten sicherer zu machen und polypharmaziebedingte Krankenhauseinweisungen und Todesfälle zu vermeiden, wurden sogenannte Negativlisten entwickelt, zum Beispiel die Beers-Kriterien-Liste, die STOPP-Kriterien-Liste (Screening Tool of Older Person’s Prescription) oder die deutsche PRISCUS-Liste.29 Sie sind entwickelt worden, um die Optimierung von Medikationsschemata durch Streichung von Arzneimitteln zu unterstützen. Solche Negativlisten sind zwar einfach anzuwenden, da es sich um eindeutige Empfehlungen handelt, die keine vertieften Kenntnisse über den Patienten erfordern. Allerdings gibt es keine Untersuchung, ob durch diese Elimination von Arzneimitteln das Problem der Polypharmazie behoben ist, also weniger Krankenhauseinweisungen und Todesfälle vorkommen.30
Leider wird dennoch in Kliniken der Medikationsplan solcher Patienten zu selten „aufgeräumt“. Zum einen fehlt die pharmazeutische Kompetenz. Während es international gang und gäbe ist, dass die Diagnose Sache des Arztes, die Arzneitherapie aber mindestens zur Hälfte die des Apothekers ist, sind in Deutschland Ärzte noch komplett Herr von beidem. Nirgendwo in Europa gibt es so wenig Apotheker in Krankenhäusern wie in Deutschland. Während in Großbritannien im Durchschnitt 4,4 Apotheker pro 100 Betten im Krankenhaus beschäftigt sind, gibt es in Deutschland weniger als 0,4. In Ländern wie den Niederlanden, den USA und Großbritannien legen Apotheker zusammen mit den Ärzten die Arzneimitteltherapie fest und sind sogar bei den Visiten anwesend. In den Krankenhäusern der USA gibt es 17,5 Apotheker pro 100 Betten. Die US-amerikanischen Apotheker errechnen jede Dosierung und stellen die Medikamente anhand von Listen mit Wechselwirkungen und den Vorgaben der Ärzte zusammen. Dies trifft in Deutschland nur in Einzelfällen zu. In den meisten Kliniken kommt der Apotheker nur zweimal im Jahr im Rahmen der gesetzlich vorgeschriebenen Begehungen auf Station.31 Hier prescht allein Niedersachsen voran. Spätestens ab 2022 sollen Stationsapotheker dort in den Kliniken zur gesetzlichen Pflicht werden. Allerdings nicht aufgrund dessen, dass man sich international umgeschaut hätte und die Versorgung geriatrischer Patienten verbessern möchte, sondern vor allem als Folge der Mordserie des Krankenpflegers Niels Högel in Oldenburg und Delmenhorst. Einem Stationsapotheker wäre sein Treiben mit Sicherheit aufgefallen. Während die Apothekerschaft den Vorstoß aus Niedersachsen begrüßt, sind die Krankenhäuser, allen voran die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG), gar nicht begeistert.32 Die Regelung sei „verfassungsrechtlich sehr bedenklich“. Es wäre erstaunlich, wenn verbesserte Patientensicherheit verfassungsrechtlich bedenklich wäre. In einem Kritikpunkt hat die DKG allerdings recht. Es ist fraglich, ob man so schnell so viele qualifizierte Apotheker einstellen kann, denn das Pharmaziestudium ist in Deutschland hoffnungslos veraltet. Einen Großteil der Zeit beschäftigen sich die Pharmaziestudenten mit chemischer Analyse und Synthese sowie Pflanzenbiologie; etwas, was sie im späteren beruflichen Alltag so gut wie überhaupt nicht brauchen werden.
Gut ausgebildete klinische Pharmazeuten kosten nicht nur Geld, sie sind auch fähig, die Symptome einer polypharmazeutischen Verordnungskaskade von denen einer neuen Erkrankung abzugrenzen. Damit entgingen dem Krankenhaus aber Mittel, denn nach dem Finanzierungsprinzip der Krankenhäuser (siehe Kapitel 6 „Falsche Anreize“) bringt jede neue Diagnose neues Geld von den Krankenkassen. Das würde nun entfallen und es würde bei Arzneimittelnebenwirkungen oder Wechselwirkungen einfach das verursachende Medikament abgesetzt oder ausgetauscht, worauf die Symptome der Neben- oder Wechselwirkung (und damit die umsatzbringende Diagnose) verschwänden. Damit würden Klinikapotheker den von der DKG getriggerten Diagnosen- und Vergütungsturbo empfindlich ausbremsen. Lediglich der Patient würde profitieren.
Der Bundeseinheitliche Medikationsplan (BMP)33 wurde 2016 eingeführt und sollte für den ambulanten Bereich Abhilfe schaffen. Demnach hat jeder Patient, der drei oder mehr Arzneimittel verordnet bekommt, das Recht auf einen Medikationsplan. Doch dieser weist erhebliche Schwächen auf. Patientenbefragungen haben gezeigt, dass viele Patienten die Abkürzungen missverstehen. So wird „Mo“, das im BMP eigentlich für „morgens“ steht, mit „Montag“ verwechselt, „Mi“ mit „Mittwoch“ statt mit „mittags“. Auch die Bezeichnung „zN“ (zur Nacht) wird häufig nicht verstanden. 50 Prozent der Patienten hatten Verständnisschwierigkeiten und 18 Prozent verstanden den Plan auch nach Erklärung durch den Arzt nicht. Hinzu kommt, dass der Medikationsplan für Informationen zur Anwendung nur sehr wenig Platz vorsieht. Zudem wurde, was das Management des Medikationsplans betrifft, eine nicht zu begreifende Fehlentscheidung getroffen. Während die Hausapotheke der ideale Anlaufpunkt für einen solchen Medikationsplan gewesen wäre, da hier auch die Informationen zu den rezeptfrei vom Patienten gekauften Arzneimittel zusammenlaufen, wurde diese Aufgabe den Ärzten übertragen. Hat ein Patient einen Hausarzt und mehrere Fachärzte, geht die Verwirrung los und die Selbstmedikation hängt allein vom Gedächtnis des Patienten ab. Bislang sind Medikationspläne aber alles andere als verbreitet. Nur 23 Prozent der Patienten haben überhaupt einen Medikationsplan und von diesen sind nur 60 Prozent von Ärzten ausgestellt. Die restlichen haben sich die Patienten und Angehörigen selbst gefertigt. Entsprechend unterschiedlich sehen die Pläne aus. Mitunter sind Medikamente doppelt vermerkt – und werden offenbar doppelt eingenommen. Andere Medikamente, die nicht zusammen eingenommen werden sollten, sind zur gleichzeitigen Einnahme aufgeführt. Häufig sind die Einnahmezeiten und auch der Einnahmemodus (vor der Mahlzeit/nach der Mahlzeit) nicht berücksichtigt. Der geplante E-Medikationsplan könnte hier vielleicht die Lösung sein, da er von allen Beteiligten – Arzt, Apotheker und Patient – gleichermaßen einsehbar sein wird.
Bei so vielen Problemen mit Polypharmazie und Extrakosten im stationären und ambulanten Bereich wundert man sich, warum sich die Krankenkassen nicht gegen diesen kostentreibenden Turbo wehren. Offenbar, weil viele Kassen selbst von ihm profitieren. Wir wissen das seit Herbst 2016, als dem Chef der Techniker Krankenkasse, Dr. Jens Baas, der Kragen platzte und er andere Kassen (gemeint – aber nicht explizit genannt – waren vermutlich die AOKs, die zu den einflussreichsten Playern im Gesundheitslobbyismus gehören) beschuldigte, sie hätten in den vergangenen Jahren bis zu eine Milliarde Euro in „Drückerkolonnen“ investiert, um Ärzte zu mehr und schwereren Diagnosen anzustiften. Das würde diesen Kassen ermöglichen, mehr Geld aus dem Risikostrukturausgleich abzugreifen.34 Einige Kassen, nicht jedoch alle, dementierten diese Beschuldigungen. Wie glaubwürdig diese Dementis sind, lässt sich an der Bereitschaft der Krankenkassen ablesen, Medikationsanalysen durch öffentliche Apotheken, die Verordnungskaskaden detektieren könnten, zu honorieren. Bislang Fehlanzeige.
Doch Polypharmazie, mehr Nebenwirkungen und dadurch bedingt gelegentliche Krankenhauseinweisungen sind letztlich die geringsten Probleme, die mit „chronisch krank“ assoziiert sind. Chronisch krank zu sein macht einsam, kostet Lebensqualität und Lebensjahre, sodass in einigen Ländern die Lebenserwartung zu sinken beginnt – nicht gerade das, was wir uns vom Fortschritt in der Medizin erhoffen …
KAPITEL 3
100 JAHRE UND NICHTS NEUES
Medizinisch gibt es für „chronisch krank“ oder „Chroniker“ keine einheitliche Definition. Noch nicht einmal die Dauer ist definiert.1 Ist man schon ab einem Jahr des Leidens chronisch krank? Oder doch schon ab sechs Monaten oder erst ab zwei Jahren? Eher stehen chronisch Kranke unter lebenslanger medizinischer Kontrolle und Behandlung.
Die meisten chronischen Erkrankungen – mit nur wenigen Ausnahmen – sind nicht übertragbar, also nicht ansteckend; es handelt sich damit nicht um Infektionskrankheiten. Ansonsten können ganz unterschiedliche Organe und Körperfunktionen betroffen sein: Gelenke (zum Beispiel Arthrose, Arthritis), Herz (zum Beispiel koronare Herzkrankheit, Herzinsuffizienz), Lunge (zum Beispiel Asthma, chronisch obstruktive Lungenkrankheit), Gehirn (psychische Störungen und Demenz), Niere (Diabetes) und im Prinzip alle Organe bei den verschiedenen Krebserkrankungen.
Krankheiten nicht ursächlich zu verstehen und sie dadurch dauerhaft zu machen, das heißt zu chronifizieren, hat weitaus mehr Implikationen, als dass Arzneimittel dauerhaft eingenommen werden müssen oder auch als die Probleme der Polypharmazie bei mehreren Arzneimitteln. Die Zahl chronisch Erkrankter und das Ausmaß an Multimorbidität – also dem dauerhaften Leiden an mehreren Krankheiten gleichzeitig – kosten Lebensqualität, verkürzen das Leben und bilden inzwischen eine der wesentlichen Grundlagen für Strukturentscheidungen in unserem Gesundheitssystem; dies allerdings mit wenig Erfolg. Der vermeintliche Zuwachs an Lebenserwartung stagniert, ja in einigen Industrieländern sinkt die Lebenserwartung bereits und „mehr Geld“ ist offensichtlich nicht die Antwort. Die Probleme und Ursachen scheinen fundamentaler zu sein.
Chronisch krank kostet Lebensqualität
Dramatisch sind für chronisch Kranke und deren Angehörige oft die sozialen und familiären Konsequenzen. Denn sie haben neben dem Arzt sehr unterschiedliche Berührungspunkte mit dem Gesundheitsund Versorgungssystem, von der Pflege bis zum Sozialgericht. Diese sind meist viel häufiger und auch unerfreulicher und belastender als die eines „normalen“ Kranken. Zwar können auch ein Zuviel an Therapie und ständig wechselnde Ansprechpartner im Versorgungssystem erheblich belasten, viel dramatischer sind aber die großen Defizite zum Beispiel bei der Unterstützung psychisch erkrankter Menschen. Der Trend, die an sich erstrebenswerte Deinstitutionalisierung (das heißt die Ausgliederung behinderter Menschen aus der Verwahrung und Separierung in Heimen und Anstalten hin zu einem betreuten Alltag) auch auf psychisch Kranke auszudehnen, dies aber bei einem gleichzeitigen fatalen Mangel an parallelen, unterstützenden Maßnahmen, führt unter anderem zu hohen Arbeitslosenquoten und im Extremfall durch die Verknappung billiger Wohnungen zu Obdachlosigkeit. So treten unter Obdachlosen psychische Erkrankungen im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung sehr viel häufiger auf. 93,2 Prozent haben im Verlauf des Lebens die Kriterien für mindestens eine psychiatrische Diagnose (Persönlichkeitsstörungen ausgenommen) erfüllt.2 Das Projekt Seewolf untersuchte, ob die Obdachlosigkeit die psychische Erkrankung verursachte oder die psychische Erkrankung die Obdachlosigkeit. Bei zwei Dritteln der Befragten bestand das psychische Leiden schon, bevor sie ihr Dach über dem Kopf verloren, im Mittel 6,5 Jahre vorher. Dies legt nahe, dass schlecht versorgte psychisch Kranke überproportional in die Obdachlosigkeit abgleiten. Auch wenn dies ein Extrembeispiel ist, zeigt es, dass die Probleme chronisch Kranker weit über Krankheitssymptome, Medikation und sonstige Therapie hinausgehen.
Der Rest der Bevölkerung merkt hiervon allerdings wenig, denn chronisch krank zu sein macht einsam und Einsamkeit hält eine Erkrankung aufrecht oder verstärkt sie.3 Das Risiko der Vereinsamung und sozialen Isolation, zum Beispiel durch Krankheit, hat zudem vielfach ökonomische Ursachen beziehungsweise diese erhöhen das Risiko. Der Anteil an Personen mit wenigen oder keinen sozialen Beziehungen steigt mit fallendem Einkommen. Menschen im unteren Einkommensbereich sind sehr viel weniger in soziale Beziehungsnetzwerke eingebunden als die Durchschnittsbevölkerung.4 Chronische Erkrankungen haben also einen dramatischen bis existenziellen Einfluss auf Lebensqualität und Lebensfreude, was an sich inakzeptabel für unsere Solidargemeinschaft sein sollte – aber leider reichen die Auswirkungen noch weiter …
Chronisch krank verkürzt das Leben
Sie könnten sich fragen: Wieso verkürzt chronisch krank zu sein das Leben, wenn doch unsere Hightechmedizin so viel erreicht hat, insbesondere eine immer weiter steigende Lebenserwartung beziehungsweise sinkende Sterblichkeit? Darüber liest man doch allenthalben. In der Tat sind zumindest in relativ hoch entwickelten Ländern seit 1900 die Sterblichkeit deutlich gesunken und die Lebenserwartung gestiegen (Abbildung 6). Wir sind also gesünder und leben länger. Aber! Worauf ist dies zurückzuführen? Zum allergrößten Teil ist dies ein Ergebnis dessen, dass wir Infektionen vermeiden oder, wenn es zu einer Infektion gekommen ist, diese wirksam behandeln können. Hierzu haben drei Komponenten beigetragen:
1.bessere Hygiene,
2.die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, und
3.im Falle einer Infektion Antibiotika.
Rechnet man den Anteil dieser drei Maßnahmen und Therapien heraus, bleibt nicht mehr viel übrig von medizinischer Innovation, eigentlich nichts. Einige Todesursachen haben an Bedeutung verloren, andere – insbesondere diejenigen, die durch chronische Erkrankungen verursacht sind – spielen dafür eine größere Rolle. Rechnet man den Effekt, Infektionen wirksamer vermeiden oder behandeln zu können, heraus, bleibt überraschenderweise seit 1900 keine Verbesserung der Sterblichkeit beziehungsweise Lebenserwartung übrig.5 Der Rückgang der Mortalität durch Infektionskrankheiten verlief parallel zum Rückgang der Gesamtmortalität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Sterblichkeitsrate durch alle sonstigen, nicht infektiösen Ursachen ist erstaunlicherweise seit 1900 konstant, lediglich mit einigen kleinen Schwankungen von Jahr zu Jahr. Wann immer es einen Anstieg der Gesamtsterblichkeit gab, dann erfolgte er im Allgemeinen in denselben Jahren, in denen auch die Sterblichkeitsrate durch Infektionskrankheiten zunahm. Jetzt könnten Sie denken: Wenn Menschen älter werden, kommen neue Erkrankungen wie zum Beispiel Krebs oder Alzheimer hinzu, die dann auch wieder zur Sterblichkeit beitragen. Oder: Früher haben die Menschen keinen Krebs gehabt, weil sie gar nicht so alt wurden, um ihren Krebs zu erleben. Das stimmt jedoch nicht; die Form dieser Kurven ändert sich wenig, wenn die Daten altersbereinigt an die Bevölkerung des Jahres 2000 angepasst werden. Auch die Anpassung der Daten zur Berücksichtigung von Änderungen in der Krankheitsklassifikation (also zum Beispiel weniger Herz-Kreislauf-Erkrankungen, dafür mehr Lungenerkrankungen und Krebsarten) führt nur zu einer geringen Änderung der allgemeinen Form der Kurve.
Abb. 6: Die Sterblichkeitsraten für alle Ursachen (gestrichelte Linie), nicht infektiöse Ursachen (durchgehende Linie) und Infektionskrankheiten (gepunktete Linie) in den USA von 1900 bis 1996.
Die Mortalität durch Infektionskrankheiten ging in den ersten acht Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von 1900 bis 1980 deutlich zurück. Der Rückgang wurde allerdings jäh durch einen katastrophal starken Anstieg der Sterblichkeitsrate unterbrochen, der durch die sogenannte Spanische Grippe von 1918 verursacht wurde. Von 1938 bis 1952 war der Rückgang der Sterblichkeit pro Jahr besonders rasant. Im gesamten 20. Jahrhundert waren Lungenentzündungen und Grippe (Influenza) für die Mehrzahl aller Todesfälle durch Infektionskrankheiten verantwortlich, nach 1945 aber kaum noch Tuberkulose und Lungenentzündungen und Grippe deutlich weniger. In den 1980er- und frühen 1990er-Jahren kam das Auftreten von AIDS hinzu; Ende 1997 erinnerte ein Ausbruch der Vogelgrippe in Hongkong durch den Virusstamm H5N1, von dem bisher nicht bekannt war, dass er Menschen infizieren könnte, daran, dass die pandemische Virusgrippe weiterhin eine Bedrohung darstellt.6 Während sich viele asiatische Staaten daraufhin auf einen ähnlichen Ausbruch mit Vorbeugungs- und Pandemiebekämpfungsszenarien vorbereiteten7, versäumten dies fast alle anderen Länder, was sich ab 2019 in der durch den SARS-CoV-2-Virus verursachten Covid-19-Pandemie rächen sollte.
Zur Prävention komme ich später. Zunächst möchte ich noch festhalten, dass trotz aller vermeintlichen Errungenschaften der Medizin seit 1900 die Sterblichkeit – mit Ausnahme der Todesfälle durch Infektionskrankheiten – nicht (!) gesunken ist. Einige Todesursachen wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in den Hintergrund gerückt, andere, wie Lungen- und Tumorerkrankungen, spielen nun eine größere Rolle; so resultiert im Mittel und als Endergebnis kein Gewinn an Lebenserwartung. Aber es kommt leider noch schlimmer, wenn man nämlich über den Zeitpunkt 1999 hinaus in das 21. Jahrhundert schaut …
Die Sterblichkeit steigt
Nicht nur, dass seit 2000 die Lebenserwartung stagniert, sie beginnt in einigen Industrieländern sogar zu sinken. Die USA und Großbritannien sind hierbei die unrühmlichen „Vorreiter“, aber es wird nicht lange dauern, bis diese Entwicklung auch andere europäische Länder einschließlich Deutschland treffen wird. In den USA ist die Lebenserwartung 2019 im dritten Jahr in Folge zurückgegangen.8 Diese Veränderung machte den jahrzehntelangen medizinischen Fortschritt bei der Verminderung der Sterblichkeit – auch wenn dieser im Wesentlichen auf das enge Gebiet der Hygiene bei Infektionskrankheiten, Impfungen sowie Antibiotika zurückgeht – zunichte.
Die Ursachen hierfür sind teilweise USA-spezifisch. Ein wesentlicher Grund für frühe Todesfälle dort ist nämlich die relativ einzigartige Krise durch die verantwortungslose Verschreibung stark wirksamer Schmerzmittel (die in Deutschland alle unter das Betäubungsmittelgesetz fallen und wesentlich besser reguliert sind), aber auch durch chronischen Alkoholmissbrauch, Selbstmorde, Fettleibigkeit, Diabetes, Bluthochdruck und andere chronische Erkrankungen. Die USA leisten sich zwar das teuerste Gesundheitswesen der Welt, die Bevölkerung ist aber nicht gesünder als anderswo. Im Gegenteil, bezüglich der Lebenserwartung sind die USA im Vergleich zu anderen Industrieländern unteres Mittelmaß.
Erstmals 2013 wurde in Großbritannien bemerkt, dass sich der Anstieg der Lebenserwartung zu verlangsamen begann. 2019 wurde zum ersten Mal in 100 Jahren beobachtet, dass Großbritanniens Einwohner früher zu sterben begannen. Großbritannien hat aktuell die schlechtesten Gesundheitstrends in ganz Westeuropa. Ältere Menschen, Arme und Neugeborene sind am stärksten betroffen. Männer im Alter von 65 Jahren werden mit 86,9 Jahren sterben, früher als bisher mit 87,4 Jahren; Frauen, die heute 65 Jahre alt sind, werden wahrscheinlich mit 89,2 Jahren sterben, ein Rückgang von den bisherigen 89,7 Jahren. Mit anderen Worten: Die Lebenserwartung von Menschen, die ins Rentenalter eintreten, ist um circa sechs Lebensmonate gesunken. Nun könnten Sie denken, dass die Menschen einfach den Höhepunkt ihrer Langlebigkeit erreicht haben. Man könne ja nicht erwarten, dass die Lebenserwartung ewig zunimmt. Den aktuellen Zahlen aus den USA und Großbritannien steht aber gegenüber, dass die Lebenserwartung an vielen anderen Orten der Welt, darunter zum Beispiel Hongkong, das chinesische Festland, Japan und Skandinavien, nicht sinkt und weit über dem Niveau Großbritanniens liegt.
Und Deutschland? Es gibt keinen Grund, sich als Deutscher beruhigt und stolz auf die Schulter zu klopfen. Innerhalb Europas hat Deutschland neben der Schweiz das teuerste Gesundheitswesen. Trotzdem nimmt Deutschland bei der Lebenserwartung im europaweiten Vergleich einen Platz im hinteren Drittel ein; und das gilt auch für die Gesundheit der Bevölkerung insgesamt.
Noch sind die Zustände in Deutschland nicht wie in den USA. Dort leben ja auch Millionen Menschen ohne Krankenversicherung und der Opiat-Skandal ist wohl einzigartig. Doch die soziale Dimension der Medizin und die Zusammenhänge von sozialem Status, Bildung und Gesundheit werden in Deutschland zu wenig beachtet. Die größte Gefahr für die Gesundheit geht schließlich von Armut und mangelnder Bildung aus, von Einsamkeit und unsicheren beruflichen Verhältnissen. Um diese wichtigen Aspekte des Wohlergehens kümmert sich die Gesundheitspolitik so gut wie nicht, auch die meisten Ärzte und Kliniken lassen die Menschen damit allein, können es qua Kompetenz auch gar nicht. Hier wären komplett andere Disziplinen gefordert: Sozialarbeiter, Psychologen, Coaches und Ernährungsberater, doch der Geldtopf für die Gesundheit scheint aufgebraucht. Aber ist es allein Geld, das den Unterschied macht …?
Mehr Geld allein ist nicht die Lösung
Nein, mehr Geld allein bedeutet nicht automatisch mehr Gesundheit. Die von Forschern der Beratungsfirma Boston Consulting Group anhand von Daten der Weltgesundheitsorganisation und der Weltbank für das Weltwirtschaftsforum zusammengestellte Grafik (siehe Abbildung 7) zeigt die gesundheitsbereinigte Lebenserwartung, also die erwartete Zahl der Jahre, die ein Mensch krankheitsfrei lebt, weltweit für verschiedene Länder auf der y-Achse und die jährlichen Pro-Kopf-Gesundheitsausgaben auf der x-Achse.
Im Idealfall würden sich die Punkte der Länder alle im linken oberen Bereich der Grafik befinden, da hier die gesunde Lebenserwartung ohne einen wesentlichen Anstieg der Ausgaben zunimmt (als Ideallinie angedeutet). Viele auf dieser Linie, vor allem Entwicklungsländer (die weißen Kreise), erreichen offensichtlich mit relativ wenig Aufwand einen hohen gesundheitlichen Standard für ihre Bevölkerung. Aber diese Grafik zeigt auch, dass in weiten Teilen der Welt bei den Industrieländern (die schwarzen Kreise im oberen Bereich der Grafik) fast das Gegenteil eingetreten ist: Die gesunde Lebensspanne nimmt in diesen Ländern nicht weiter zu, obwohl bis zu zehnmal mehr Geld pro Einwohner für die Gesundheitsversorgung ausgegeben wird; weltweit jährlich rund acht Billionen Dollar sind es bei den angeblich entwickelten Nationen.
Abb. 7: Mehr Input bringt nicht mehr Output.9 Verteilung der Gesundheitsausgaben (in US-Dollar) pro Einwohner und der Effekt auf gesunde Lebensjahre (Stand 2015) in verschiedenen Ländern. Der wissenschaftliche Name lautet „Health-adjusted life expectancy“ (HALE) oder „gesundheitsbereinigte Lebenserwartung“ und ist ein umfassenderer Indikator als die Lebenserwartung, weil er über die bloße Lebenszeit hinaus auch Lebensqualität beurteilt. Es ist die Zahl der Jahre in voller Gesundheit, die ein Individuum unter den gegenwärtigen Bedingungen (Erkrankungshäufigkeit und Lebenserwartung) erwarten kann. Die einzelnen Kreise symbolisieren verschiedene Industrie- und Entwicklungsländer (die Position der USA ist markiert). Die Größe der Kreise zeigt die Gesundheitsausgaben in Prozent des Bruttosozialprodukts (Stand 2014).
Auffällig ist, dass die USA die höchsten Kosten pro Kopf und gemessen am Bruttosozialprodukt haben und dennoch von allen Industrienationen mit die niedrigste gesundheitsbereinigte Lebenserwartung. Amerikaner geben mehr als das Fünffache dessen aus, was zum Beispiel Chilenen ausgeben, obwohl die chilenische Bevölkerung tatsächlich länger lebt als die US-amerikanische.
Es gibt mehrere Aspekte, die dazu beitragen, dass die USA und Großbritannien (noch) Ausreißer im internationalen Vergleich sind, auch im Vergleich zu anderen reichen Ländern, gegenüber denen die USA dreimal so hohe Gesundheitsausgaben pro Kopf haben. Die Verwaltungskosten im Gesundheitssektor in den USA sind hoch. Auch große soziale Ungleichheiten bei den Gesundheitsausgaben scheinen ein Treiber zu sein. Eine wachsende Anzahl von Ausgaben wird nicht durch Krankenversicherungen abgedeckt, was dazu geführt hat, dass sich die Gesundheitsangebote stark auf die einkommensmäßig obersten fünf Prozent der Patienten konzentriert haben; diese machen fast die Hälfte der Ausgaben aus; die des obersten einen Prozents der Patienten fast 20 Prozent der Ausgaben.
Auch in Deutschland ist das Gesundheitssystem immer mehr von kommerziellen Interessen und Optimierungen getrieben. Zwar ist jeder krankenversichert und egal, ob privat oder gesetzlich, die Behandlung wird prinzipiell gleich gut sein. Dennoch gibt es falsche Anreize (siehe Kapitel 6) und entgegen allen Beteuerungen der Politik, dass dem nicht so sei, wächst die Bedeutung von Privatversicherten für die Finanzierung des deutschen Gesundheitswesens immer weiter. Da jedoch für Privatversicherte die Behandlungskosten ohne Budgetgrenzen erstattet werden, zahlen sie für viele medizinische Leistungen höhere Honorare. Im Jahr 2017 flossen 36 Milliarden Euro durch Privatpatienten ins System. Wären sie gesetzlich versichert, hätte das System 13 Milliarden Euro, also über ein Drittel davon, verloren. Im ambulanten Bereich ist der Mehrumsatz besonders hoch. Die Arztpraxen würden ohne die private Krankenversicherung jährlich über sechs Milliarden Euro einbüßen. Umgerechnet sind das durchschnittlich mehr als 54.000 Euro pro Jahr, die pro Arztpraxis im Vergleich zu heute fehlen würden. Das entspricht zum Beispiel 1,75 Sprechstundenhilfen, die eine Praxis dann nicht mehr beschäftigen könnte. Viele niedergelassene Ärzte geben unumwunden zu, dass sie ohne Privatpatienten ihre Praxis nicht am Leben halten könnten und schließen müssten. Kein Wunder, dass Privatpatienten bevorzugt werden, ob dies nun öffentlich ausgesprochen oder als politisch inkorrekt verschwiegen wird; es ist Fakt. Und wer würde nicht die beste Kundschaft, die essenziell für das Überleben der Praxis ist, bevorzugt behandeln? Im Krankenhausbereich ist der Anteil des Mehrumsatzes übrigens viel niedriger, was daran liegt daran, dass hier privat und gesetzlich Versicherte nach demselben Vergütungssystem abgerechnet werden, außer eventuell durch eine Unterbringung im Ein- oder Zweibettzimmer oder die Behandlung durch den Chefarzt – übrigens ein zweifelhafter Vorteil.
Geld allein macht also nicht gesund beziehungsweise zu wenig Geld erklärt nicht den hohen Anteil chronisch Kranker und den auch bei uns drohenden Verlust an gesunden Lebensjahren. Es bleibt festzuhalten, dass die Lebenserwartung der Menschen in den letzten 100 Jahren in vielen Teilen der Welt zugenommen hat, diese Zunahme aber nun stagniert und in einigen Industrieländern sich ins Gegenteil zu verkehren beginnt. Dabei wächst der Anteil der Lebenszeit, in der eine Person am Ende ihres Lebens mit Behinderung und Krankheit lebt, insbesondere bei Frauen. Betreiben wir also weiter Ursachenforschung …
KAPITEL 4
CHRONISCH KRANK HEISST SYSTEMVERSAGEN
Betreiben wir ein bisschen Ursachenforschung, woher die vielen chronischen Krankheiten kommen und warum uns durch sie – neben all den anderen Problemen, Risiken und Beeinträchtigungen, die damit verbunden sind –, wie bereits jetzt in den USA und Großbritannien zu beobachten, auch in Deutschland eine Verkürzung der Lebenserwartung droht.
80 Prozent der Kosten aller chronischen Erkrankungen werden durch eine relativ überschaubare Gruppe von 15 Symptomen und Beschwerden verursacht:1
1.Depression
2.Rückenschmerzen
3.Arthritis
4.Übergewicht bis Fettleibigkeit
5.Diabetes
6.Erhöhtes Cholesterol
7.Bluthochdruck
8.Koronare Herzkrankheit oder Erkrankung der Herzkranzgefäße, Angina Pectoris
9.Herzinsuffizienz, Herzschwäche
10.Allergien
11.Asthma
12.Sinusitis, Nasennebenhöhlenentzündung
13.Chronisch verengende Lungenerkrankung (COPD)
14.Nierenerkrankungen
15.Krebs
Sie stellen das „täglich Brot“ eines jeden Hausarztes dar. Wie schon gesagt: Da wir die genauen molekularen Ursachen nicht kennen, das heißt, weil wir nicht wissen, welche Moleküle, Hormone und Signalwege genau fehlreguliert sind, können wir mit Arzneimitteln nur an den Symptomen herumdoktern. Wir hoffen, damit zum Beispiel bei Diabetes, erhöhtem Cholesterol, Bluthochdruck, koronarer Herzkrankheit oder Herzschwäche die lebensbedrohlichen Langzeitkonsequenzen Herzinfarkt und Schlaganfall zu verhindern.
Wir wissen aber auch, dass diese Erkrankungen nicht ausschließlich genetisch bedingt, also fast schicksalhaft sind. Alle werden durch weitere beeinflussbare oder sogenannte Lebensstilfaktoren beeinflusst oder eventuell erst getriggert. Verschiedene Menschen tragen also unterschiedliche, wahrscheinlich genetisch oder epigenetisch (dazu später mehr) definierte Risiken in sich, deren Ausbruch sie beeinflussen können.
Es kann natürlich sein, dass Sie so günstige Gene in sich tragen, dass Sie auch beim schlechtesten Lebensstil 100 Jahre alt werden. Und solche Beispiele kennen wir. Helmut Schmidt zum Beispiel rauchte nicht nur Zigaretten, sondern sogar inzwischen verbotene Mentholzigaretten. Er ist mir zumindest nicht als sonderlich sportlich in Erinnerung, wurde aber fast 100 Jahre alt. Sehr alt zu werden ist daher nicht zwingend die Folge einer gesunden Lebensweise. Weder ernähren sich hochbetagte Menschen gesünder noch treiben sie mehr Sport. Auch Nikotin oder Alkohol genießen sie genauso häufig. Dennoch sind solche Lebensgewohnheiten für die meisten von uns keine gute Wahl.
Das Problem ist im Moment: Wir kennen die „Langlebig-trotzungesundem-Lebensstil-Gene“ leider noch nicht. Es ist wie bei der Wirksamkeit der Arzneimittel. Wir haben im Moment keine Chance, den Menschen herauszufiltern, dem wir sagen können: „Sie können (fast) machen, was Sie wollen, Sie werden auch so 100 Jahre alt.“
Das Gleiche gilt aber auch umgekehrt. Es gibt auch die Hochrisikomenschen, die man von Jugend an monitoren und coachen und auf deren Lebensstil man streng achten müsste, damit sie eine normale Lebenserwartung genießen können. Ein Hinweis können im Moment ernste Erkrankungen aus der obigen 15er-Gruppe bei Eltern oder Geschwistern sein. Solche Angaben werden auch benutzt, um Risiken für zum Beispiel Herz-Kreislauf-Erkrankungen abzuschätzen, aber dies sind, wenn man ehrlich ist, gegenwärtig alles sehr vage und sehr unpräzise individuelle Voraussagen.
Unbestritten ist jedoch, dass acht Risiken beziehungsweise Formen von Fehlverhalten als wesentliche Auslöser chronischer Erkrankungen gelten.2 Würden alle diese Risiken vermieden, könnten 80 Prozent der Kosten im Gesundheitssystem für chronische Erkrankungen eingespart werden. Von diesen acht sind sieben selbst zu beeinflussende Fehlverhalten (siehe Abbildung 8):
1.Unzureichender Schlaf
2.Zu viel Stress beziehungsweise mangelnde Fähigkeit, Stress zu vermeiden oder damit umzugehen
3.Zu wenig körperliche Fitness
(Ausdauer, Muskulatur und Beweglichkeit)
4.Ungesunde Ernährung (zu viel Kalorien, zu wenig pflanzliche Nahrung, zu viel rotes Fleisch, zu viel Zucker)
5.Übermäßiger Alkoholkonsum
6.Rauchen
7.Nichtnutzung medizinischer Angebote und Vorsorgeeinrichtungen
Lediglich das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein medizinischer Angebote und Vorsorgeeinrichtungen steht außerhalb dessen, was Sie persönlich beeinflussen können. In einigen Ländern können zwei weitere Faktoren hinzukommen, nämlich mangelnde medizinische Versorgung (das sollte in Europa nirgends der Fall sein), aber auch mangelnde Vorsorge und Früherkennung oder mangelnde Nutzung solcher Angebote. Letzteres betrifft in Industrieländern, auch in Deutschland, vor allem Männer, die Vorsorgemuffel sind und derartige Screenings unterproportional nutzen.3
Durch präventive Lebensstilveränderungen, das heißt die Vermeidung der sechs beeinflussbaren Fehlverhalten plus die Wahrnehmung von Vorsorgeangeboten, kann das Ausbrechen der 15 genannten chronischen Erkrankungen verhindert oder zumindest die Stärke der Ausbildung von Symptomen oder ihr Schweregrad beziehungsweise der gesamte Verlauf gemildert werden.4
Abb. 8: 80 Prozent der Kosten der wichtigsten 15 chronischen Erkrankungen weltweit lassen sich durch Vermeiden von sieben Fehlverhalten (oben und rechts) und das Vorhandensein und die Nutzung medizinischer Angebote und Vorsorgemöglichkeiten (unten links) verhindern.
Im Umkehrschluss ist das Vorkommen dieser durch Lebensstil beeinflussbaren chronischen Erkrankungen somit ein wichtiges Maß für den Gesundheitszustand einer Bevölkerung und spiegelt das Vorhandensein und die Wirksamkeit von Präventionsprogrammen wider. Konsequent umgesetzt lässt sich so mit relativ wenig finanziellem Aufwand ein großer Zugewinn an Lebenserwartung und Lebensqualität erzielen.
Spät dran zu sein mit einer Lebensstiländerung, nämlich erst bei der Diagnose einer Erkrankung oder erst dann, wenn Symptome aufgetreten sind – so wie es bei vielen wohl ist (Mein Blutdruck ist hoch, ich müsste …; Ich muss dringend abnehmen …; Meine Bronchitis wird langsam chronisch, ich muss mit dem Rauchen aufhören …) –, bedeutet auch, dass zu diesem Zeitpunkt echte Prävention nicht mehr möglich ist. Sinnvoll sind die Lebensstilveränderungen aber dann meist immer noch. Besser spät als nie.
Kaum echte Prävention
Wie sieht es denn nun aus mit Angebot, Finanzierung und Nutzung von Prävention? Gegenwärtig bezieht sich Prävention fast gar nicht auf den Lebensstil, sondern im Wesentlichen auf Impfungen gegen diverse bakterielle und virale Erreger. Wir erinnern uns, dass die Kontrolle von Infektionskrankheiten nach wie vor der wesentliche Faktor unseres Gewinns an Lebenserwartung darstellt. Hinzu kommt im Alter ein kleines Set an Krebsfrüherkennungsuntersuchungen, die eigentlich nicht mehr als Vorsorge zu bezeichnen sind, da sie ja in der Regel auf das Erkennen eines Frühstadiums eines bereits vorhandenen Tumors ausgerichtet sind. Im wichtigen Alter von 18 bis 35 Jahren, dann, wenn echte Prävention wirklich Sinn machen würde, besteht eine große Lücke. Erst wieder ab 35 Jahren besteht alle drei Jahre das Angebot eines allgemeinen Check-ups (Herz, Kreislauf, Diabetes, Niere, Blutbild). Ab 65 gibt es dann eine Ultraschalluntersuchung zur Früherkennung einer gefährlichen Erweiterung der Bauchschlagader (Aneurysma).
Im Wesentlichen sind das also alles Impfungen und Früherkennung von Krebs, wobei Männer wie schon gesagt etwas vorsorgefauler sind als Frauen, die allein schon aufgrund der Verpflichtung zu einer körperlichen Untersuchung im Rahmen der Verschreibung der Pille gesundheitlich besser überwacht sind. Bleiben nur die Check-ups beim Hausarzt und die gelegentlichen Besuche beim Zahnarzt (für das Zahnarzt-Bonusheft). Und was bewirken die …?
Check-ups beim Hausarzt nutzlos
Die sind überraschenderweise nutzlos. Aber von vorne. Gesundheits-Checks müssen, um sinnvoll zu sein, Krankheitsraten senken und das Leben verlängern. Man möchte meinen, dies sei selbstverständlich, gibt es doch viele theoretische Vorteile. So müsste doch die Erkennung erhöhter Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Cholesterol durch Behandlung zu einer Verringerung der Morbidität und Mortalität führen (na ja, wir hatten ja eigentlich schon besprochen, wie wirksam das ist). Einige Tests können Vorläufer von Krankheiten wie zum Beispiel Krebsvorstufen am Gebärmutterhals aufdecken, deren Behandlung die Entstehung von Krebs verhindern kann. Generell müsste es vorteilhaft sein, Anzeichen oder Symptome einer manifesten Krankheit zu erkennen, die die Person nicht wahrgenommen oder nicht für wichtig erachtet hatte. Manche Menschen verbessern möglicherweise aufgrund von Testergebnissen und Beratung ihren Lebensstil und gesunde Menschen könnten sich beruhigt fühlen.
Aber wie immer ist es besser, man hat Daten. 2012 veröffentlichte die Nordic Cochrane Collaboration eine Meta-Analyse hierzu.5 Es wurden 17 verschiedene Studien mit insgesamt 251.891 nach Zufallsmethoden ausgewählten beziehungsweise zugeordneten Teilnehmern eingeschlossen, in denen Erwachsene mit und ohne Check-ups verglichen wurden. Studien an sehr alten Patienten wurden nicht berücksichtigt, da ja Vorsorge und nicht Nachsorge untersucht werden sollte. Als Gesundheits-Check wurde ein Screening definiert, das sich auf mehr als eine Krankheit oder einen Risikofaktor in mehr als einem Organsystem bezieht – so wie es in der Regel beim Hausarzt abläuft. Das erstaunliche, aber kaum kommunizierte Ergebnis war, dass Gesundheits-Checks nur geringe oder keine Auswirkungen auf die Gesamtmortalität oder die Krebssterblichkeit haben und wahrscheinlich nur geringe oder keine Auswirkungen auf die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit (also tödlicher Herzinfarkt oder Schlaganfall). Daher sind allgemeine Check-ups, jedenfalls so, wie sie heutzutage mit den vorhandenen Mitteln durchgeführt werden, wahrscheinlich nicht von Vorteil. Sie sind also mehr ein Ritual zur Gewissensberuhigung.
Ein Kritikpunkt an dieser sehr großen Analyse war, dass sie einen großen Zeitraum abdeckte und daher alte Daten aus Zeiten, als im Anschluss an die Check-ups eventuell inzwischen veraltete und wenig wirksame Arzneimittel verschrieben wurden, die Aussagen verfälschten. Daher wurde anschließend noch die „Inter99“-Studie über die Wirkung von Gesundheits-Checks in einem modernen Umfeld durchgeführt. Hier wurden Check-ups zusätzlich mit einem individuell zugeschnittenen Interventionsprogramm, Screening auf das Risiko für eine Herzerkrankung und Lebensstilintervention über fünf Jahre kombiniert. Ergebnis nach zehn Jahren: keinerlei Einfluss auf Herzerkrankungen, Schlaganfall oder Sterblichkeit.6
Was könnten die Gründe sein? Sehr wahrscheinlich ist, dass die Menschen, die überhaupt eine Einladung zu einem Gesundheits-Check annehmen, gesundheitsbewusster sind, tendenziell einen höheren sozioökonomischen Status, ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und eine geringere Sterblichkeit haben. Systematische Gesundheits-Checks erreichen daher möglicherweise diejenigen, die am meisten Prävention benötigen, überhaupt nicht; ein Phänomen, das als „inverse Versorgung“ bezeichnet wird, das heißt, diejenigen, die die Versorgung benötigen, nutzen sie nicht, und diejenigen, die diese kaum benötigen, nutzen sie.7
Insofern ist große Skepsis gegenüber der jetzigen Check-up-Praxis angesagt. Zudem sind die Möglichkeiten, Messwerte zu erzeugen, fast unbegrenzt: Stoffwechsel-, Hormon-, Ganzkörper-Scans und vieles mehr stehen technisch zur Verfügung, werden angepriesen und durchgeführt, inzwischen auch als durchaus lukrative „Individuelle Gesundheitsleistungen“ – kurz IGeL. Das sind Leistungen, für welche die Krankenkassen in der Bundesrepublik nicht leistungspflichtig sind, die also privat gezahlt werden. Wären sie evidenzbasiert und hätten einen klaren Nutzen, müssten sie von den Krankenkassen übernommen werden. Die allerwenigsten dieser Maßnahmen erfahren eine wissenschaftliche Begleitung und ein Benefit für die Untersuchungsteilnehmer ist häufig – vorsichtig ausgedrückt – unklar.
Die Tatsache, dass allgemeinärztliche Routine-Check-ups, zumindest für die ohnehin schon gesundheitsbewusste Patientengruppe, die diese gegenwärtig in Anspruch nimmt, keinen deutlichen Nutzen haben, heißt natürlich nicht, dass Ärzte generell Tests und Vorsorgemaßnahmen einstellen sollten, wenn ein Verdacht auf eine Erkrankung besteht. Ein Grund für den fehlenden Nutzen regelmäßiger Check-ups könnte sein, dass gesundheitsbewusste Patienten schon bei den ersten Anzeichen einer Erkrankung den Arzt aufsuchen und deshalb bei einem späteren Check-up nichts mehr Neues zu finden ist.
Eine Arztgruppe muss aber noch separat erwähnt werden, da diese eigene Check-ups anbietet: die Zahnärzte. Sie als Leser und auch ich hätten hier erwartet, dass diese Form von Check-up beim Zahnarzt über jeden Zweifel erhaben ist. Doch Sie werden so überrascht sein wie ich, als ich zum ersten Mal die Studien hierzu las, die das scheinbar Selbstverständliche sicherheitshalber überprüfen wollten.
Check-ups beim Zahnarzt nutzlos
Obwohl Erkrankungen der Zähne weitgehend vermeidbar wären, bestehen sie unvermindert fort. Weltweit am häufigsten und folgenreichsten sind Karies, Parodontitis und Zahnverlust. Wie kann es sein, dass diese trotz aller Früherkennungs- und Therapiemaßnahmen nicht deutlich zurückgehen? Zahnärzte tun sich mit echter Prävention schwer und setzen zu sehr auf Therapie.8 Unklar ist, woran das liegt: an den Zahnärzten selbst (Muss Prävention stärker in der Ausbildung von Ärzten beziehungsweise von zahnmedizinischen Fachangestellten verankert werden?), an der unterschiedlichen Honorierung oder auch an beratungsresistenten Patienten? Wesentliche Risikofaktoren sind auch hier wieder – wie bei den allgemeinärztlichen chronischen Erkrankungen (siehe Abbildung 10) – Ernährung (vor allem Zuckerkonsum), Alkohol- und Tabakkonsum.
Seit Pierre Fauchard 1746 festlegte9, man müsse alle sechs Monate zum Zahnarzt gehen, ist dies quasi in Stein gemeißelt und ein Eckpfeiler zahnärztlicher Praxis.10 Auch wenn die Empfehlungen bezüglich der optimalen Intervalle von Land zu Land leicht unterschiedlich sind, empfiehlt doch die Mehrzahl aller Zahnärzte daher halbjährliche Besuche zur visuellen Untersuchung und Sondierung, die von den Krankenkassen übernommen werden, um Karies zu entdecken und zu behandeln, sowie eine kostenpflichtige Zahnsteinentfernung und Zahnpolitur, um Parodontose vorzubeugen.
Erstaunlicherweise gibt es aber keinerlei wissenschaftliche Evidenz, ob diese Routine einen Patientennutzen bringt und ob nicht längere Abstände, zum Beispiel jährlich oder zweijährlich, auch genügen würden.11 Es existieren im Wesentlichen Korrelationen, dass zum Beispiel Kinder, die nur dann zum Zahnarzt gehen, wenn sie Probleme haben, mehr kariöse und gefüllte Zähne haben als Kinder, die regelmäßig zum Zahnarzt gehen, auch ohne Symptome zu haben.12 Auch werden regelmäßigen Zahnarztgängern weniger Zähne gezogen als denjenigen, die nur bei Problemen zum Zahnarzt gehen.13 Auf den ersten Blick klingt es ja auch plausibel, dass diejenigen, die schon vor dem Auftreten von Symptomen zum Routine-Check-up zum Zahnarzt gehen, weniger Zahnerkrankungen haben. Aber Vorsicht! Dies ist nur scheinbar so.
Es ist einer der größten Fehler, der immer wieder in der Medizin gemacht wird, aus zurückschauenden Korrelationen vorwärtsschauende Schlussfolgerungen über Ursachen und Wirkungen zu ziehen. Genauso wie jede andere chronische, durch ungesunden Lebensstil negativ beeinflusste oder verstärkte Erkrankung weist Mundgesundheit dasselbe soziale Gefälle auf.14 Wohlhabende und sozial Bessergestellte leiden weniger unter Zahnerkrankungen als ärmere und am stärksten benachteiligte Gruppen. Menschen in höheren sozioökonomischen Schichten melden sich auch eher bei einem Zahnarzt an und gehen, auch wenn sie keine Symptome haben, zu zahnärztlichen Check-ups.15 Somit könnte die Korrelation zwischen dem Gang zum Zahnarzt und einem niedrigeren Krankheitsrisiko einfach nur ein soziales oder Bildungsphänomen sein und eher auf generelle Unterschiede im Lebensstil und gesündere, das heißt zum Beispiel zuckerärmere Ernährung, als auf die Wirksamkeit zahnmedizinischer Check-ups zurückzuführen sein.
Selbst wenn die präventiven Zahnarztbesuche sinnvoll wären, stellt sich immer noch die Frage, ob es der übliche sechsmonatige Abstand sein muss oder auch längere Abstände genügen würden. Die Debatte über die angemessene Intervalldauer zwischen den zahnärztlichen Kontrolluntersuchungen für Patienten in der Primärversorgung wurde erstmals 1977 angestoßen.16 Entscheidend ist ja für den Zahnarzt, zu erkennen und zu intervenieren, bevor Karies unumkehrbar in das Dentin (Zahnbein) fortschreitet. Je nachdem, wie tief Karies im Zahnschmelz sitzt, dauert dies bis zu drei Jahre.17 Zusätzlich gibt es Schwankungen zwischen verschiedenen Patienten und alle Zahnärzte sind auch nicht gleich sorgfältig dabei. Aus alledem ergaben sich Optima für den Zahnarzt-Check-up, die von 13 Monaten bis zu zehn Jahren (!) reichten. Alle sechs Monate war aber in jedem Fall viel zu häufig und unnötig. Sowohl bei Kindern mit Milchzähnen als auch bei Jugendlichen mit bleibenden Zähnen scheint im Schnitt ein zahnärztlicher Check-up alle zwei Jahre optimal. Angesichts der Dauer dieser Debatte und der potenziellen Auswirkungen einer Änderung der Untersuchungsintervalle auf die Kosten und Ergebnisse in der zahnärztlichen Gesundheitsversorgung ist es schwer zu verstehen, dass es nur wenige qualitativ hochwertige und verlässliche Studien hierzu gibt. Die bisher größte multizentrische, randomisierte, kontrollierte „INTERVAL“-Studie soll hierzu etwas mehr Klarheit bringen18, ist aber noch nicht veröffentlicht.
Anders ist dies bei der zweiten zahnärztlichen Routinemaßnahme, die im Unterscheid zum Check-up in der Regel privat zu zahlen ist, der professionellen Zahnreinigung mit anschließender Politur. Fast die Hälfte der Erwachsenen zeigt Anzeichen einer Zahnfleischerkrankung (Parodontitis), die damit weltweit die häufigste chronische Erkrankung ist – mit erheblichen gesundheitlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Sie denken sich jetzt bestimmt, dass die professionelle Zahnreinigung selbstverständlich sinnvoll ist und bestimmt reichlich Studien existieren, die deren Vorteil oder Sinn belegen. Schließlich zahlt man ja auch dafür. Sie könnten denken: „Muss man so etwas überhaupt untersuchen? Ist das nicht offensichtlich sinnvoll? Es wird doch auch überall empfohlen.“ Zudem lassen alle, die Sie kennen, das vermutlich auch bei sich machen. Wie so oft in der Medizin lohnt es sich auch hier, Dogmen zu hinterfragen19 und nicht lockerzulassen, bis Evidenz vorgelegt wird oder nicht.
Tatsächlich fehlen zuverlässige Belege, welche der möglichen zahnärztlichen Vorsorgemaßnahmen – Mundhygiene-Ratschläge zur Selbstpflege oder professionelle Zahnreinigung und Politur – wirksam und kosteneffektiv sind.20 Dies nahm sich die „Improving the Quality of Dentistry“-Studie (IQuaD) vor21; auf Deutsch die „Verbesserung der Qualität der Zahnmedizin“-Studie. Es war eine bahnbrechende Studie und die größte, die jemals in der Zahnmedizin durchgeführt wurde. Sie war nicht zurückschauend und auf Korrelationen angewiesen (siehe oben), sondern vorausschauend und hatte zum Ziel, herauszufinden, ob zahnärztliche Mundhygiene-Ratschläge zur Selbstpflege beziehungsweise die professionelle Zahnreinigung und Politur funktionieren und ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Überraschenderweise machte es jedoch nach drei Jahren keinerlei Unterschied bezüglich der Zahnfleischgesundheit, ob vorher professionelle Zahnreinigungen alle sechs oder zwölf Monate oder gar nicht durchgeführt wurden. Es gab sogar keinen Nutzen der Mundhygiene-Ratschläge zur Selbstpflege. Diese Ergebnisse wurden später nochmals bestätigt22, haben aber in deutschen Behandlungsleitlinien keinen Niederschlag gefunden.
Weil diese Daten die gesamte bisherige zahnärztliche Routinepraxis fundamental infrage stellten, wurde die noch größere INTERVAL-Studie initiiert, die nun über vier statt drei Jahre angelegt ist.23 Warten wir es ab … Bis dahin gehe ich persönlich noch alle zwölf Monate zum zahnärztlichen Check-up. Bezüglich professioneller Zahnreinigungen und Politur werde ich mich allerdings erst einmal zurückhalten.
Was aber könnte nun echte zahnärztliche Prävention darstellen, wenn der regelmäßige Besuch nur bedingt Sinn macht und Zahnsteinentfernung und Polieren zumindest über drei Jahre gesehen keinen? Zudem sind all diese Maßnahmen keine echte Prävention, sondern – wie schon in der allgemeinärztlichen Routine – lediglich Früherkennung und Behandlung einer der chronischen Erkrankungen Karies und Parodontitis.
Wollten wir echte Prävention, müssten wir ganz woanders ansetzen, nämlich bei der Bekämpfung der Hauptursache Zucker, der globalen Zuckerindustrie und deren ausgefeilten Unternehmensstrategien zur Förderung des Zuckerkonsums.24 Als die Zuckerindustrie die Rolle von Zucker bei Zahnkaries angesichts der wissenschaftlichen Beweise nicht mehr leugnen konnte (wir fühlen uns an die Tabakindustrie erinnert), entwickelte sie eine nahezu globale Strategie. Um zu vermeiden, dass der Konsum von Zucker eingeschränkt würde, sollte die Aufmerksamkeit auf Interventionen im Bereich der öffentlichen Gesundheit gelenkt werden. Zu den Taktiken gehörte in Zusammenarbeit mit verbündeten Lebensmittelindustrien die Finanzierung von Forschungsarbeiten mit fragwürdigem Potenzial, zum Beispiel über Enzyme zum Abbau von Zahnbelag und ein eher als grotesk einzustufendes Projekt, einen Impfstoff gegen Karies zu entwickeln. Daneben etablierte die Zuckerindustrie in vielen Ländern intensive Beziehungen zu zahnärztlichen Berufsverbänden und den Mitgliedern zahnärztlicher Expertengremien.
In Deutschland beeinflusst die Zuckerindustrie zahnmedizinische Forschung und Mundgesundheitspolitik zum Beispiel über die „Wirtschaftliche Vereinigung Zucker e.V.“ (WVZ), die zentrale Lobbyorganisation der Zuckerindustrie in Deutschland.25 Unter dem Deckmantel einer unabhängigen wissenschaftlichen Aufklärungskampagne betreibt die Zuckerlobby zum Beispiel den Tarnverein „Informationskreis Mundhygiene und Ernährungsverhalten“ (IME).26 Nach dem Motto, Zucker sei keinesfalls Hauptverursacher von Karies, man müsse sich nur gut die Zähne putzen, bietet der IME Aktionsspiele für Kindergärten an.27 In der „Schmeckt richtig“-Broschüre des WVZ, einem Weißbuch für Zucker, wird behauptet, man könne Zucker unbedenklich essen, entscheidend sei nur die Energiebilanz.28
Wollen wir also echte zahngesundheitliche Prävention, ist es daher dringend notwendig, den Einfluss der Zuckerindustrie auf Forschung, Politik und Praxis einzudämmen, zum Beispiel durch klare und transparente Richtlinien. Die Zuckerindustrie zu beraten oder von ihr Geld zu empfangen muss eine Mitgliedschaft in zahnärztlichen Leitlinien-Kommissionen streng ausschließen. Bis das Realität wird, können Sie und Ihre Familie aber schon einmal anfangen, weniger Zucker zu essen. Damit tun Sie nicht nur Ihren Zähnen Gutes …
Diabetes und der Zuckerskandal
Der zusätzlich zur Zahngesundheit bestehende und noch wichtigere Zusammenhang von Zuckerkonsum mit Diabetes mellitus und seinen lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Komplikationen ist nämlich inzwischen zweifelsfrei bewiesen. Doch es dauerte lange, sehr sehr lange, bis dies in der Ärzteschaft akzeptiert war. Alles begann mit einem der größten Wissenschaftsskandale aller Zeiten29, der zudem viele Menschenleben gekostet hat.
Er hängt eng zusammen mit der renommiertesten Universität der Welt, der Harvard University in Boston, USA, und wieder mit der Zuckerindustrie, die es schaffte, bezüglich der ernährungsbedingten Gründe für die nach dem 2. Weltkrieg stark zunehmenden Herz-Kreislauf-Toten vom Zucker auf Fett abzulenken. Die Enthüllungen sind wichtig, weil die Debatte über den relativen Schaden von Zucker und gesättigten Fetten bis heute andauert. Über Jahrzehnte hinweg ermahnten daraufhin Mediziner die Bevölkerung, ihre Fettaufnahme zu reduzieren, was viele Menschen dazu veranlasste, fettarme, aber – und was viele nicht wissen oder nicht beachten – gleichzeitig extrem zuckerreiche Lebensmittel zu konsumieren. Diese sind die eigentliche Ursache der Fettleibigkeits- und Diabeteskrise.
Aber von vorne. Aufgedeckt wurde der Skandal durch eine Publikation in der Zeitschrift der American Medical Association.30 Sie stützte sich auf Tausende Seiten Korrespondenz und andere Dokumente in den Archiven der Harvard University und anderen Bibliotheken.
In den 1950er-Jahren traten vor allem bei Männern vermehrt koronare Herzkrankheit und Herzinfarkt auf. Dies veranlasste Studien, ob Ernährungskomponenten hierbei eine wichtige Rolle spielen könnten, darunter Cholesterol, übermäßige Kalorien, Aminosäuren, Fette, Kohlenhydrate, Vitamine und Mineralstoffe. In den 1960er-Jahren hatten zwei prominente Mediziner sich widersprechende Hypothesen zu den Ursachen entwickelt: John Yudkin (Autor des visionären Buchs „Pure, white and deadly“) identifizierte zuckerreiche Ernährung als ursächlich für die hohen Raten von Herzkrankheiten.31 Demgegenüber postulierte Ancel Keys32, Gesamtfett, gesättigtes Fett und Cholesterol seien dafür verantwortlich.
John Hickson, ein leitender Angestellter der Zuckerindustrie, schlug anderen Firmen derselben Branche einen Plan vor, den alarmierenden Erkenntnissen über Zucker mit industriefinanzierter Forschung entgegenzuwirken, um so die öffentliche Meinung durch Informationsund Gesetzgebungsprogramme zu verändern. 1965 beauftragte Hickson die Harvard-Forscher D. Mark Hegsted, der später Leiter der Abteilung für Ernährung im Landwirtschaftsministerium der Vereinigten Staaten wurde, wo er 1977 am Entwurf des Vorläufers der Ernährungsrichtlinien der Bundesregierung mitwirkte, und Fredrick J. Stare, den Vorsitzenden der Ernährungsabteilung von Harvard, einen Übersichtsartikel zu schreiben, der die Anti-Zucker-Studien entlarven sollte. Eine Übersichtsarbeit sollte es sein, weil diese – insbesondere, wenn sie in so renommierten (sogenannten „high-impact“) medizinischen Zeitschriften wie dem New England Journal of Medicine erscheinen – die gesamte wissenschaftliche Diskussion prägen beziehungsweise den Stand der Wissenschaft definieren.33 Hickson überwies Hegsted und Stare (ich möchte sie an dieser Stelle nicht mehr Wissenschaftler nennen) insgesamt 6.500 US-Dollar, was heute etwa 50.000 US-Dollar entspricht. Das Geld stammte von einer Handelsgruppe namens Sugar Research Foundation, die heute als Sugar Association bekannt ist. Erst 1984 begann zum Beispiel das New England Journal of Medicine damit, von Autoren zu verlangen, Zahlungen an sie oder ihre Arbeitsgruppen offenzulegen.
Hickson wählte selbst die Publikationen aus, die besprochen werden sollten, und machte deutlich, dass er wollte, dass das Ergebnis den Zucker „freispricht“. Hegsted beruhigte die Zuckerindustrie-Führungskräfte. „Wir sind uns Ihres besonderen Interesses sehr wohl bewusst“, schrieb er, „und werden darüber so gut wie möglich berichten.“ Während sie an ihrem Artikel arbeiteten, teilten und diskutierten Hegsted und Stare frühe Entwürfe mit Hickson, der wiederum „mit dem, was sie schrieben, zufrieden“ war. Hegsted und Stare hatten die Daten über Zucker als unzureichend und nicht aussagekräftig abgetan und die Daten, die gesättigte Fette anschuldigten, als medizinisch relevant eingestuft. „Lassen Sie mich Ihnen versichern, dass dies genau das ist, was wir im Sinn hatten, und wir freuen uns auf die Veröffentlichung im Druck“, schrieb Hickson.
Nachdem der Bericht veröffentlicht war, beeinflusste Hegsted die Ernährungsempfehlungen der Regierung, Fett als treibende Kraft für Herzkrankheiten hervorzuheben, während Zucker weitgehend lediglich als leere Kalorien in Verbindung mit Karies beschrieben wurde. Und dagegen helfe ja Zähneputzen (siehe oben). Hickson erreichte also sein Ziel; die Debatte über Zucker und Herzkrankheiten verebbte, während fettarme Diäten die Unterstützung vieler Gesundheitsbehörden erhielten.
Zu den fettarmen Produkten, die bis heute vermarktet werden, gehört zum Beispiel Magermilch (im Englischen skim milk), die in der Schweinezucht für Mastzwecke genutzt wird. Kinder, die einprozentige Magermilch tranken, hatten einen höheren Body-Mass-Index, also mehr Fett am Körper, als Kinder, die Vollmilch tranken.34 Auch heute noch sind die Warnungen vor Fett, insbesondere gesättigten Fettsäuren, ein Eckpfeiler der Ernährungsempfehlungen, obwohl in den letzten Jahren auch die American Heart Association, die Weltgesundheitsorganisation und andere Gesundheitsbehörden davor warnen, dass ein zu hoher Zuckerzusatz das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöht. Insgesamt wurde also 50 Jahre lang die Forschung über die Rolle der Ernährung und Herzkrankheiten einschließlich vieler der heutigen Ernährungsempfehlungen weitgehend von der Zuckerindustrie geprägt und die Diskussion über Zucker jahrzehntelang im Keim erstickt. Stattdessen wurde cholesterolarme Ernährung mit ungesättigten statt gesättigten Fetten, also Margarine statt Butter, gepredigt. Ich erinnere mich noch, wie ich zum ersten Mal in einem amerikanischen Supermarkt ungläubig Coca-Cola mit dem Aufdruck „cholesterol-free“ sah.
Sind eine derartige Einflussnahme und ein solcher Lobbyismus Geschichte und heutzutage undenkbar? Nein, die Lebensmittelindustrie beeinflusst weiterhin die Ernährungswissenschaft.35 Coca-Cola, der weltgrößte Hersteller zuckerhaltiger Getränke, unterstützt weiterhin Wissenschaftler, die den Zusammenhang zwischen zuckerhaltigen Getränken und Fettleibigkeit herunterspielen, und finanziert Studien, die behaupten, dass Kinder, die Süßigkeiten essen, dazu neigen, weniger zu wiegen als Kinder, die keine Süßigkeiten essen. Ob Studien zeigen, dass extrem zuckerhaltige Getränke wie die von Coca-Cola Fettleibigkeit und Typ-2-Diabetes fördern, hängt davon ab, wer für die Studie bezahlt hat. Zwischen 2001 und 2016 wurden 60 Studien über den Konsum von extrem zuckerhaltigen Getränken und deren Zusammenhang mit Fettleibigkeit und Diabetes veröffentlicht. Wurden die Studien von unabhängigen Forschern geleitet, zeigten sie einen klaren Zusammenhang zwischen Zuckerkonsum und Fettleibigkeit beziehungsweise Diabetes. In 26 Studien wurde jedoch kein solcher Zusammenhang festgestellt. Was war anders an diesen Studien? Sie wurden alle von Forschern mit finanziellen Verbindungen zur Getränkeindustrie durchgeführt. Die Ergebnisse wurden in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht.36
Die Getränkeindustrie bezahlt zudem Ernährungswissenschaftler und sogenannte Gesundheitsexperten dafür, in sozialen Medien Beiträge zu schreiben, die sich gegen Steuern auf extrem zuckerhaltige Getränke aussprechen und dagegen Verbraucher ermutigen, diese als gesunden Snack zu sehen.37 Als „wissenschaftsbasierte“ Lösung setzt sich Coca-Cola dafür ein, die Adipositaskrise als Bewegungsmangel- oder Energiebilanzproblem zu definieren und nicht als ein Problem des Zuviels an Kalorien und Zucker. Das Unternehmen hat hierzu eine „gemeinnützige“ Organisation namens Global Energy Balance Network unterstützt. Die Website des Netzwerks (gebn.org) ist bei der Coca-Cola-Zentrale in Atlanta registriert, von wo diese auch administriert wird. Die finanzielle Unterstützung von Coca-Cola wird nicht erwähnt. Die Unterstützung prominenter Gesundheitsforscher durch Coke erinnert an die Taktik der Tabakindustrie, die Wissenschaft zu verwirren und Zweifel über die Gesundheitsrisiken des Rauchens zu säen.
Der regelmäßige Konsum von einem zuckergesüßten Getränk pro Tag erhöht das Diabetesrisiko (unabhängig von einer Zunahme an Körpergewicht) um 13 Prozent.38 Die Länder mit dem höchsten Zuckerkonsum haben die höchsten Typ-2-Diabetesraten und umgekehrt.39 Nun könnte man argumentieren, Menschen, die viel Zucker zu sich nehmen, essen vielleicht überhaupt sehr viel und sind daher übergewichtig und bewegen sich infolgedessen auch zu wenig, und vielleicht sind Übergewicht und Bewegungsmangel die eigentlichen Gründe für die Korrelation zwischen Zucker und Diabetes. Aber auch wenn man Personen mit gleichem Gewicht oder Übergewicht beziehungsweise gleicher körperlicher Bewegung miteinander vergleicht, bleibt der Effekt des Zuckers bestehen.40 Er ist und bleibt eines der sechs wesentlichen Lebensstilrisiken für chronische Erkrankungen und erklärt die annähernde Verzehnfachung der Krankheitsrate an Diabetes in der Bevölkerung seit den 1950er-Jahren (siehe Abbildung 9).
Die Zahlen in Deutschland sind mit circa sieben Prozent Typ-2-Diabetikern in etwa gleich hoch wie in den USA.41 Diese häufigste Form von Diabetes hieß übrigens nicht immer Typ 2. Ursprünglich war dies eine Diabetesform, die meist erst im Erwachsenenalter auftrat. Noch bis in die 80er-Jahre meines Medizinstudiums wurde sie daher Altersdiabetes genannt. Allerdings sind heutzutage immer mehr jüngere Menschen betroffen und so wurde die Bezeichnung Typ 2 eingeführt, um sie von dem selteneren Autoimmundiabetes Typ 1 zu unterscheiden. Fehlernährung, oft gepaart mit mangelnder Bewegung, hat so das Stadium der chronischen Erkrankung weit in das Jugendlichenalter verschoben. Die Langzeitkonsequenzen – Herzinfarkt, Schlaganfall, Amputationen, Sehstörungen und Nierenschädigungen – lassen sich durch die sogenannten Anti-Diabetika kaum verhindern. Im Grunde sind dies auch nur Arzneimittel, die das Symptom erhöhte Blutzuckerwerte normalisieren. Die Gründe dafür, warum eine reine Symptombehandlung nicht ausreichen kann und die NNT für die relevanten Spätfolgen so hoch ist (zwischen 45 und 100), entsprechen denen beim Bluthochdruck-Beispiel (siehe Kapitel 1).42
Abb. 9: Der wachsende Anteil der Diabetiker in der Bevölkerung der USA von 1958 bis 2020.41
Die evidenzbasierte Ernährungsempfehlung lautet nicht, Zucker wegzulassen, sondern den Ball flach zu halten. Zum Beispiel empfiehlt die WHO, maximal zehn Prozent der täglichen Kalorien durch zugefügten Zucker abzudecken.43 Das sollte ja wohl jeder schaffen. Körperliche Aktivität ist natürlich auch wichtig und muss mit der Gesamtkalorienaufnahme in Balance stehen. Es dürfte klar sein, dass der an Gewicht zunimmt, der mehr isst, als er verbraucht. Bewegung regt allerdings auch den Appetit an und veranlasst dadurch, mehr Kalorien zu sich zu nehmen. Bewegung verbraucht also viel weniger Kalorien, als die meisten Menschen denken. Eine Dose Coca-Cola enthält zehn Teelöffel Zucker; um diese zu verbrennen, müssten Sie circa fünf Kilometer laufen, also eine Stunde. Wer macht das schon? Die Ergänzung eines Ernährungsprogramms durch Bewegung hilft, aber eine Ernährungsumstellung erzielt viel mehr Wirkung.44
Und noch zwei Punkte sind zu Zucker und Ernährung ebenfalls wichtig zu wissen. Auf vielen Lebensmitteln wird der Zuckeranteil durch kreative Alternativbezeichnungen versteckt. Hierzu gehören: Saccharose, Dextrose, Raffinose, Glukose, Fruktose-Glukose-Sirup, Stärkesirup, Karamellsirup, Laktose, Maltose, (Gersten-)Malzextrakt und Malto-Weizen-Dextrin, aber auch scheinbar gesunder Honig, Traubenfruchtsüße und Agavendicksäfte. So sind in Salatdressings (French, Vinaigrette) bis zu sieben Gramm Zucker pro Portion; in Suppen und Saucen zwölf Gramm; in Alkoholika wie einem Glas Cider oder einem doppelter Sherry 20 Gramm; selbst in Brot und Sandwiches ist Zucker, teilweise ein Teelöffel pro zwei Scheiben. Ebenso hohe Zuckeranteile finden sich in Frühstücks-Smoothies, Frühstücksriegeln und sogenannten fettarmen Fruchtjoghurts, die dafür dann sehr viel Zucker enthalten. Also aufgepasst!
Ein zweiter Irrtum ist, Zuckerersatzstoffe oder Süßstoffe, die zu den weltweit am häufigsten verwendeten Lebensmittelzusatzstoffen gehören, seien gesünder oder gar vorteilhaft. Süßstoffe bewirken jedoch genauso Diabetes, und zwar durch Veränderungen in der Zusammensetzung und Funktion des Darm-Mikrobioms, sind also keine Lösung, sondern eher ein anderes Problem.45 Also wenn ein bisschen Zucker, dann Zucker und nicht Süßstoffe!
Diabetes und massives Übergewicht werden gern als eine Pandemie bezeichnet, mit dramatischen Folgen für unser Gesundheitssystem beziehungsweise mit Einschränkungen der Lebenserwartung und Lebensqualität für Millionen von Menschen. Doch im Vergleich zu der Covid-19-Pandemie ab 2019 ist Diabetes keine schicksalhafte, schwer zu verhindernde, über die Welt hereingebrochene Pandemie. Mit den einfachen, gezielten und nachhaltigen Lebensstilmaßnahmen wäre es möglich, die Krankheitsrate von Diabetes wieder auf das Niveau der 1950er-Jahre zurückzubringen und das ohne Medikamente. Dann hätten wir auch wieder nur Alters- und keinen jugendlichen Typ-2-Diabetes mehr. Für Altersdiabetes, der auch ohne Über- und Fehlernährung auftritt, gibt es wahrscheinlich Risikogene, über die Forschung und eine vorbeugende Arzneimittelentwicklung sinnvoll sein könnten, nicht aber für den überwiegenden Rest der heutigen Diabetiker. Deren Diabetes mellitus ist überwiegend kein medizinisches, sondern vielmehr ein politisches Problem: der fehlende Wille zu echter Prävention und diese zudem auch durchzusetzen und zu finanzieren. Nicht viel anders ist es in weiteren Feldern von Lebensstilrisiken: Auch hier mangelt es an gesundheitspolitischem oder ökonomischem Willen zur echten Prävention.
Rotes Fleisch
Den Ball bei Zucker flach zu halten, ohne ihn ganz zu verbieten, und dies auf verschiedene Weisen auch durchzusetzen wäre einer der wichtigsten Präventionsimperative. Der einfachste Ansatz wäre, eine Zuckersteuer zu erheben, die auf all die gesundheitlichen Langzeitschäden einzahlt, die Zucker verursacht. Andere Länder haben es schon vorgemacht.46
Ähnlich deutlich wie bei Zucker ist die Sachlage bei rotem Fleisch, dem Muskelfleisch von Rind, Schwein, Lamm oder Wild.47 Zucker und rotes Fleisch (insbesondere verarbeitet48 in Wurst- und anderen Fertigwaren) sind die Lebensmittel, bei denen eine Reduktion den deutlichsten Effekt auf die Gesundheit hat. Rotes Fleisch erhöht das Risiko für Gesamtsterblichkeit, vor allem für Krebs. Immer mehr junge Menschen, vor allem im Alter von 20 bis 2949, erkranken an Darmkrebs, während dieser bei 50-Jährigen durch Früherkennungsdarmspiegelungen rückläufig ist. Eigentlich müsste das Screening-Alter dringend auf 45 Jahre gesenkt werden. Dasselbe gilt für das Sterblichkeitsrisiko infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen; auch dieses korreliert mit dem Verzehr von rotem Fleisch. Ursächlich beteiligt hieran scheint Trimethylamin-N-oxid (TMAO) zu sein, eine Substanz, die unser Darm-Mikrobiom aus Cholin, Phosphatidylcholin (Lecithin) und L-Carnitin herstellt.50 Lebensmittel mit hohem Cholin- und L-Carnitin-Gehalt sind Fleisch, Energydrinks und Eiweiß-Shakes. Rotes Fleisch verändert auch die Darmflora hin zu TMAO-produzierenden Bakterien; umgekehrt werden diese durch vegetarische Ernährung oder weißes Fleisch verringert.51
Alkohol
Neben Rauchen, von dem inzwischen jeder weiß, dass es – trotz Tabakwerbeverbot und erhöhter Tabaksteuer – noch immer die Gesundheit vieler Menschen massiv schädigt, taucht auch Alkohol unter den acht wesentlichen und vermeidbaren Gesundheitsrisiken auf. Da könnte der geneigte Leser spontan entgegenhalten: Aber ein geringer Alkoholkonsum, das Gläschen Rotwein am Abend, ist doch gesund? Leider nein. Die Diskussion um Alkohol ging in den letzten Jahrzehnten hin und her. Von „kein Alkohol“ zu „möglichst wenig“, von „welcher Alkohol ist egal“ zu „nur Rotwein ist gesund“ und wieder, dass es egal sei, woher der Alkohol komme, Hauptsache wenig. Aktueller Stand durch eine gigantische vorausschauende Untersuchung an einer halben Million Menschen über zehn Jahre hinweg, also keine rückschauende Korrelation: Es steht nun fest, dass es keine gesunde Höchstmenge an Alkohol gibt. Gen-Varianten erklären etwa die Hälfte des durchschnittlichen Alkoholkonsums; Umweltfaktoren wie Stress sind zusätzliche Auslöser. Alkohol erhöht also generell das Risiko für einen Schlaganfall um etwa ein Drittel pro 280 Gramm Alkohol pro Woche. Bei keiner Menge kommt es zu einer schützenden Wirkung durch leichten oder mäßigen Alkoholkonsum.52 Warum auch? Es muss ja nicht alles im Leben gesund sein, was Spaß macht oder Genuss bringt. Daher muss man Alkohol nicht verbieten, aber eine Steuer entsprechend dem damit assoziierten gesundheitlichen Risiko, das ja dann wieder von der Solidargemeinschaft, also uns allen, aufgefangen werden muss, wäre wie beim Zucker angebracht. Prost!
Pflanzlich und frisch
Nach den drei einzig sinnvollen Ernährungsbeschränkungen (Zucker, rotes Fleisch und Alkohol) folgt noch eine einzige sinnvolle positive Ernährungsempfehlung. Was ist nun erwiesenermaßen gesundheitsförderlich? Eine pflanzliche Ernährung mit viel Gemüse und Obst. Sie wird oft als mediterrane Diät bezeichnet, aber das trifft es eigentlich nicht ganz.53 Zum einen fallen nicht alle Komponenten der mediterranen Ernährung darunter, zum anderen ist es keine Diät. Fakt ist jedoch, dass in Ländern des Mittelmeerraums wie Spanien, Griechenland und Italien die Sterblichkeit aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen im Vergleich zu nordeuropäischen Bevölkerungsgruppen oder den USA niedriger ist. Genauer lässt sich eine gesundheitsfördernde Ernährung mit ihrem Gehalt an löslichen und unlöslichen Ballaststoffen beschreiben54, und dies erzielt man eben am besten durch eine pflanzliche Ernährung (Gemüse, Obst und Vollkornprodukte).55 Lösliche Ballaststoffe befinden sich vor allem in Obst und Gemüse, unlösliche Ballaststoffe vorwiegend in Getreide und Hülsenfrüchten.56 Leider ernährt sich nur ein Bruchteil der Menschen in Deutschland gesund, frisch und ausgewogen. Daher ist es fatal, dass nur noch 40 Prozent der Deutschen jeden Tag selbst kochen; die anderen essen hochgradig prozessierte Industrieprodukte57, die die Menschen dazu veranlassen, noch mehr zu essen.58
Diese zwei Leitlinien – viel pflanzlich, wenig Zucker/rotes Fleisch/Alkohol – beschreiben hinreichend die relevante Evidenz, was Prävention durch gesunde Ernährung betrifft. Mehr müssen Sie nicht wissen. Mehr Wissen gibt es auch nicht. Es ist mir ein Rätsel, wie selbst ernannte Ernährungsgurus ohne jegliche wissenschaftliche Evidenz hiervon abweichende, mit religiöser Inbrunst vertretene Ernährungsmythen generieren oder wie deren Jünger ihnen folgen und mehrere 100 Seiten dicke Ernährungskompasse lesen können. Gesunde Ernährung ist simpel, sollte in jedem Kindergarten geübt und Teil des Schulunterrichts werden, einschließlich selbst kochen.
Bewegung plus Kraft plus Beweglichkeit
Das nächste wichtige Risikoverhalten ist zu wenig Bewegung und mangelhafte körperliche Fitness. Sitzen ist das neue Rauchen, ganz besonders in Corona-Zeiten. Um die körperliche Fitness zu steigern, empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention zweieinhalb Stunden körperliche Aktivität pro Woche und 10.000 Schritte täglich. Gerade letztere Zahl wurde zum Dogma erhoben und ich bin mir sicher, viele schaffen diese nicht jeden Tag auf ihrem Schrittzähler und sind frustriert. Aber sie müssen das auch nicht schaffen. Wenn man „länger leben“ als Ziel nimmt, hören die Vorteile schon bei 4.400 Schritten pro Tag auf.59 Es braucht also keine herausfordernden Trainingspläne oder Work-outs, die einen ans Limit treiben. Schon wer jede Woche zweieinhalb Stunden – das sind 21 Minuten pro Tag, jeden (!) Tag – flott spazieren geht, reduziert drei der Hauptrisikofaktoren chronischer Erkrankungen: Blutdruck, Cholesterin und Diabetes.60 Das sollte ja wohl jeder schaffen. Doch das ist nicht alles. Altern beeinträchtigt das Wachstum der Skelettmuskulatur und führt zu einer Verringerung der Muskelmasse und Muskelkraft; zwei Faktoren, die direkt mit der Sterblichkeitsrate älterer Menschen in Zusammenhang stehen.61 Eine starke, gesunde Muskelmasse führt zu verbesserter Gesundheit, Unabhängigkeit und Funktionalität und wirkt Osteoporose entgegen.62 Und als dritte Komponente ist noch ein leichtes Flexibilitätstraining notwendig, um die Lebensqualität zu erhalten und gelegentliche Schmerzsymptomatiken (Rücken, Schulter) zu behandeln oder, noch besser, zu verhindern.63 Diese drei simplen, leicht machbaren Fitness-Grundsätze – Ausdauer, Kraft und Beweglichkeit – sollte jeder kennen und regelmäßig beherzigen. Sie haben einen großen Einfluss auf körperliches Wohlbefinden und das Vermeiden von Osteoporose und Fragilität. Das Wissen um die einfachsten Grundsätze eines gesunden Lebensstils erhält oder schafft Gesundheit und Wohlbefinden. Es wäre wichtig, auch dies in Schulen zu lehren, am Arbeitsplatz anzubieten und auch privat zu praktizieren.
Psyche: Schlaf plus Stress
Die dritte Säule der Prävention, neben Ernährung und körperlicher Fitness, ist die Psyche mit ausreichend Schlaf und wirksamer Stressvermeidung oder Stressbewältigung als Hauptelementen – auch wieder Dinge, die man lernen kann beziehungsweise die gelehrt werden sollten.
Viel problematischer als Adipositas- beziehungsweise Diabetes-„Pandemien“ ist etwa chronischer Mangel an erholsamem Schlaf, zum Beispiel dadurch, dass man sehr lange braucht, um einzuschlafen, nachts unruhig schläft, aufwacht und lange wach liegt oder morgens viel zu früh aufwacht und nicht wieder einschlafen kann. Tagsüber fühlen sich dann viele Menschen müde und abgeschlagen. Etwa jeder fünfte Erwachsene und sogar 30 Prozent aller Kinder sind hiervon betroffen.64 Die normale Schlafdauer ist jedoch individuell sehr verschieden und beträgt altersabhängig zwischen fünf und neun Stunden. Dass der Schlaf vor Mitternacht der gesündeste ist, ist ein Mythos. Am erholsamsten sind allerdings die ersten drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht. Daher ist es auch keine Katastrophe, wenn Sie mal nur drei bis vier Stunden schlafen konnten; Sie schaffen es dann schon durch den Tag. Allerdings darf das nicht ständig passieren, denn langfristige Schlafstörungen erhöhen das Risiko für Übergewicht, Diabetes65 und Alzheimer66. Neben mangelnder Schlafhygiene kann unverarbeiteter Stress, zum Beispiel am Arbeitsplatz oder in Beziehungen, Schlaf beeinträchtigen und ebenso die Häufigkeit und Sterblichkeit von Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen.67 Allerdings ist Stress und möglicherweise auch Stressmanagement stark vergesellschaftet mit niedriger Bildung und einem Arbeitsplatz mit einem Missverhältnis zwischen erhöhten psychologischen Anforderungen und fehlender Kontrolle über die eigene Tätigkeit. Das Deutsche Ärzteblatt diskutiert68, welche Maßnahmen geeignet sein könnten: „Ein höheres Einkommen könnte ebenfalls die Situation entspannen – wobei allerdings offenbleibt, ob Menschen mit niedrigem Bildungsniveau ihre zusätzlichen finanziellen Ressourcen tatsächlich in eine Verbesserung ihrer Gesundheit investieren würden.“ Dem würde ich entgegenhalten, dass die Reihenfolge, wie bei allen Gesundheitspräventionen, Bildung, Bildung, Bildung heißen muss. Wer gebildet ist, kann sich seinen Job und die Bedingungen eher aussuchen als derjenige, der darauf angewiesen ist, den Job annehmen zu müssen, der ihm angeboten wird.
Was tun?
Damit haben wir alle acht Risiken und Verhaltensweisen besprochen, die 80 Prozent aller chronischen Erkrankungen weltweit befördern, wahrscheinlich zusammen mit Risikogenen. Eines der acht Risiken, schlechte medizinische Versorgung, spielt in Deutschland wohl keine Rolle; eher haben wir zu viele unnütze Check-ups. Das Risiko, Vorsorgemaßnahmen wie Impfungen und Früherkennungen nicht in Anspruch zu nehmen, betrifft in Deutschland – wenn überhaupt – vor allem Männer.
Was also bleibt, ist das magische Dreieck aus Ernährung (Zucker, rotes Fleisch, Alkohol), Körper (Bewegung, Kraft und Beweglichkeit) und Psyche (Schlaf und Stress). Und was ist zu tun? Ich denke, das, was beim Risikofaktor Rauchen nach jahrzehntelangem Kampf gegen die Lobby der Tabakindustrie auch möglich war.69 Das könnte bedeuten: den Zuckerkonsum gegen den Widerstand und Fehlinformationen durch die Zuckerindustrie massiv zu senken; den Konsum von rotem Fleisch (auch aus vielen anderen Gründen wie dem Tierwohl und dem Klimagas Methan70) massiv zu reduzieren; Bildung, Aufklärung und massives Coaching, um gesunde und frische Ernährung, körperliche Fitness, gesunden Schlaf und Stressvermeidung zu lehren. Das wäre nicht billig, aber erheblich billiger, als den Karren in den Dreck zu fahren und dann bei chronisch Kranken aufwendig bis zum Lebensende Symptome zu therapieren. Hinzu kommen hohe Steuern auf Zucker und Alkohol genauso wie auf Tabak sowie Aufklärung und die deutliche Kennzeichnung gesundheitsschädlicher Produkte und stark verarbeiteter Fertiglebensmittel. Die 2019 lediglich auf freiwilliger Basis eingeführte Lebensmittelampel ist nur ein Minischritt in diese Richtung, aber ein richtiger.
KAPITEL 5
MANN UND UNGEBILDET: DOPPELTES PECH
Der Check-up-Erfolg beim Hausarzt, der Check-up-Erfolg beim Zahnarzt, weniger Diabetes, gesündere Ernährung, geringerer Alkoholkonsum, mehr Bewegung, besserer Schlaf, weniger Stress, das alles korreliert, wie ich bereits erwähnt habe, mit besserer Bildung. Die Chancen auf ein langes Leben in Gesundheit werden stark durch Bildung beeinflusst1 und praktisch gar nicht von den jeweiligen Gesundheitssystemen. Mit am unterschiedlichsten in Bezug auf das Gesundheitssystem sind zum Beispiel die USA und Großbritannien. In den USA sind die Menschen bis 65 meist privat krankenversichert, oft durch den Arbeitgeber; in England ist der Gesundheitsdienst kostenlos und wird aus Steuermitteln finanziert. Wie sich in beiden Ländern Bildung auf die Gesundheit im Alter auswirkt, untersuchten zwei Studien: die britische „English Longitudinal Study of Ageing (ELSA)“2 und die US-amerikanische „Health and Retirement Study“3. Das Ergebnis: Die Unterschiede in beiden Gesundheitswesen wirken sich kaum auf die zu erwartenden Lebensjahre in Gesundheit aus. Anders ist dies bei Bildung.
Ungebildet = Minus 10
Menschen mit höherer Bildung haben in England eine bis zu sechs Jahre längere Lebenserwartung; in den USA sogar neun Jahre. Mit Bildung korreliert natürlich auch Einkommen. Die wohlhabendste Schicht der 50-Jährigen hat noch eine weitere Lebenserwartung ohne chronische Krankheiten von 31 Jahren; in der ärmsten Gruppe sind es nur 22 Jahre, also bis zu neun Jahre weniger. Als Begründung wird ein gesünderer Lebensstil vermutet. Die Möglichkeit eines leichteren Zugangs zu medizinischen Leistungen fällt in England als Begründung weg.
Diese Daten sind eins zu eins auf Deutschland übertragbar.4 Auch hier haben die oberen Einkommensklassen eine um mehrere Jahre höhere Lebenserwartung als die unteren, und zwar über alle Altersgruppen und Geschlechter hinweg. Männer mit niedriger Bildung und Einkommen sterben zehn Jahre, Frauen acht Jahre früher als gut gebildete Männer und Frauen. Betrachtet man nur die gesunde Lebenserwartung, das heißt die Lebensjahre, die in sehr gutem oder gutem allgemeinen Gesundheitszustand verbracht werden, macht der Unterschied zwischen der niedrigsten und höchsten Einkommensgruppe sogar 13 Jahre bei Frauen und 14 Jahre bei Männern aus. Und diese Erkenntnis ist keineswegs neu. Schon 1847 beschrieb der Armenarzt, Medizinalreformer und -statistiker Salomon Neumann den Kern des Problems so: „Wohlstand und Bildung drücken sich zählbar – und dies ist eine amtliche Tatsache – in den Gesetzen der Sterblichkeit aus.“5
Diese Abhängigkeit der Gesundheit und Lebenserwartung von der Bildung beginnt schon in der Kindheit. Ein höherer Bildungsgrad von Müttern beschert ihren Kindern ein längeres Leben.6 Hatte eine Mutter ab den 1940er-Jahren mindestens einen Realschulabschluss, haben ihre erwachsenen Kinder ab 65 Jahren eine im Durchschnitt zwei Jahre höhere Lebenserwartung als Kinder, deren Mütter damals höchstens einen Volksschulabschluss hatten. Besser gebildete Mütter achten wahrscheinlich auf eine gesündere Lebensweise ihrer Kinder, was eine ausgewogene Ernährung, Rauchverhalten, Alkoholkonsum und Bewegung betrifft.
Mann = Minus 5
Neben Bildung ist auch allein das Geschlecht ein Risikofaktor. Die Gesundheit und Lebenserwartung von Jungen und Männern ist wesentlich schlechter als bei Mädchen und Frauen.7 Diese geschlechtsspezifische Ungleichheit hat sich jedoch in der Gesundheitspolitik kaum niedergeschlagen und wird, auch von sogenannten Gender-Wissenschaftlern, fast als gegeben bis hin zu selbstverschuldet (riskantes Verhalten) akzeptiert. Die Global Burden of Disease Study 2010 zur globalen Krankheitslast zeigte, dass Frauen im Zeitraum von 1970 bis 2010 eine längere Lebenserwartung hatten als Männer. In diesem Zeitraum stieg die Lebenserwartung von Frauen bei der Geburt von 61,2 auf 73,3 Jahre, während die der Männer von 56,4 auf 67,5 Jahre stieg.8 Diese Zahlen zeigen, dass sich die Kluft in der Lebenserwartung zum Nachteil der Männer von 4,8 auf 5,8 Lebensjahre vergrößert hat. Osteuropa zeigt den größten Unterschied in der Lebenserwartung zwischen Männern und Frauen: 11,6 Jahre.9
Wie lässt sich diese Kluft zwischen den Geschlechtern erklären? In vielen Gesellschaften genießen Männer im Allgemeinen mehr Möglichkeiten, Privilegien und Macht als Frauen, doch diese vermeintlichen Vorteile führen nicht zu besserer Gesundheit. Als Erklärungen werden angeführt:
•Gefährlichere Berufe: ein höheres Maß an beruflicher Exposition gegenüber physischen und chemischen Gefahren. Im Jahr 2010 starben fast achtmal mehr Männer aus berufsbedingten Gründen als Frauen. In Europa ereignen sich 95 Prozent der tödlichen Unfälle und 76 Prozent der nicht tödlichen Unfälle am Arbeitsplatz bei Männern.10 In Berufen mit dem höchsten Risiko tödlicher Arbeitsunfälle – wie im Bergbau, in Landwirtschaft und Fischerei, beim Militär, bei der Brandbekämpfung und bei der Arbeit auf Baustellen – sind weit mehr Männer als Frauen beschäftigt11 mit wenig Bestreben nach der Einführung einer „Frauenquote“.
•Weniger Vorsorge/Früherkennung: Bei allen angebotenen Früherkennungsuntersuchungen wie dem allgemeinen Checkup ab 35 Jahren oder dem Hautkrebs-Screening sowie den Untersuchungen auf Darmkrebs durch eine Stuhlprobe oder eine Darmspiegelung haben die Frauen die Nase vorn. Regelmäßig zum Urologen geht nur jeder fünfte Mann ab 45 Jahren. Als Gründe geben Männer auf Platz 1 Zeitmangel an, gefolgt von Angst vor einer schlechten Diagnose und Respekt vor der Prostatauntersuchung mit dem Finger. Viele Männer betreiben eine Art Vogel-Strauß-Taktik: Kopf in den Sand stecken und nichts sehen und hören wollen. Erst wenn etwas kaputt ist, lässt man es reparieren. Also eher Reparaturmedizin als Vorsorgemedizin. Männer sterben infolgedessen häufiger und in jüngerem Alter an Herzkrankheiten. Ein Grund könnte der niedrigere Östrogenspiegel sein, aber auch schlecht behandelter Bluthochdruck oder hohe Cholesterinwerte. Zusätzlich und ganz im Unterschied zum Klischee der „Männergrippe“ suchen Männer, wenn sie krank sind, seltener einen Arzt auf; und wenn sie einen Arzt aufsuchen, berichten sie weniger häufig über die Symptome der Krankheit. Frauen nutzen häufiger als Männer Gesundheits-Check-ups; obwohl diese Ungleichheit möglicherweise durch die Verpflichtung zum Arztbesuch zur Verschreibung von Antibabypillen verursacht ist12, trifft dies aber auch für zahnärztliche Check-ups zu.13
•Ungesunde Ernährung/Alkohol: Laut der Nationalen Verzehrstudie II des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft essen Männer im Vergleich zu Frauen mehr Fleisch und Wurstwaren, Fisch, Milch(-produkte) und Käse, Süßwaren und zuckerhaltige Getränke, aber weniger Gemüse und Obst.14 Übermäßiger Alkoholkonsum kostet doppelt so viel Männern wie Frauen das Leben.15 Für viele Männer ist Alkoholkonsum mit Männlichkeitsvorstellungen verbunden.16
•Selbstmord: Männer begehen häufiger Selbstmord, obwohl Depressionen bei Frauen als häufiger angesehen werden und Frauen mehr (nicht tödliche) Selbstmordversuche unternehmen. Männer bemühen sich bei Depressionen und psychischen Erkrankungen weniger um Hilfe.
•Biologie: Der Frontallappen des Gehirns – der Teil, der das Urteilsvermögen und die Abwägung der Folgen einer Handlung steuert – entwickelt sich bei Jungen und jungen Männern langsamer als bei Frauen. Dies kann dazu beitragen, dass weit mehr Jungen und Männer bei Unfällen oder infolge von Gewalt sterben, zum Beispiel durch Trunkenheit am Steuer und Tötungsdelikte. Mangelndes Urteilsvermögen und mangelnde Abwägung der Folgen kann auch zu nachteiligen Lebensentscheidungen beitragen, wie Rauchen oder übermäßiges Trinken. Fehlende Risikokompetenz und Verdrängungsmechanismen führen dazu, einfache und offensichtliche Zusammenhänge zwischen Rauchen, übermäßigem Essen und Trinken, mangelnder Bewegung, Stress und auftretenden Krankheitssymptome beharrlich zu leugnen.
Diese Kluft zwischen Männern und Frauen bezüglich Gesundheit und Lebenserwartung wird global in grotesker Weise nicht angemessen berücksichtigt. Obwohl der medizinische Bedarf ganz eindeutig aufseiten der Männergesundheit liegt, weisen Genderstudien bezüglich Gesundheit und Lebenserwartung eine gewaltige Verzerrung in Richtung Women’s Health auf: Eine Onlinedatenbanksuche in der National Library of Medicine (PubMed) ergab 152.450 Studien zu Women’s Health gegenüber nur 10.391 zu Men’s Health17, das sind nur sechs Prozent. Bisher haben weltweit nur drei Länder – Australien, Brasilien und Irland – versucht, die Krankheitslast von Männern durch die Annahme nationaler, auf Männer ausgerichteter Strategien anzugehen.
Diese Vernachlässigung durch die politischen Entscheidungsträger wird durch negative Stereotypen über Männer verstärkt. Einige gehen beispielsweise davon aus, dass Männer weitgehend desinteressiert an ihrer Gesundheit seien – eine Haltung, die wiederum Männer davon abhalten kann, sich mit Gesundheitsdiensten zu befassen.18 Gesundheitsprogramme betrachten Männer häufig als Unterdrücker, als egozentrisch, desinteressiert oder gewalttätig.19 Die Berücksichtigung der Gesundheit von Männern wird besonders wichtig sein, um die „Pandemie“ nicht übertragbarer chronischer Krankheiten zu bekämpfen, von denen mehr Männer als Frauen und Männer in jüngeren Jahren betroffen sind. Und dies ist nicht nur eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit. Es ist auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit, denn letztlich müssen teure Krankenhausleistungen in Anspruch genommen werden.20
Öffentliche und politische Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit von Männern, also Men’s Health, sollten drei Ziele haben:21
1.Schulen, in denen Stereotypen über Männlichkeit infrage gestellt werden.
2.Förderung der Gesundheit und des Wohlbefindens von Männern am Arbeitsplatz.
3.Ausrichtung des Gesundheitswesens und der Gesundheitsförderung auf marginalisierte Männer, Männer aus Minderheiten, Männer in Gefängnissen und Männer, die Sex mit Männern haben – alle haben eine höhere Krankheitslast und einen häufigeren frühen Tod als andere Männer.
Interventionen in Ländern mit hohem Einkommen (zum Beispiel Australien, USA und westeuropäische Länder) umfassten im Allgemeinen die Kontaktaufnahme mit Männern in Pubs und Bars, Sportvereinen, Friseurläden, Schulen und am Arbeitsplatz mit Schwerpunkt auf Gewichtsverlust, Raucherentwöhnung und anderen Lebensstilveränderungen. Dass das funktioniert, zeigt ein Beispiel unter übergewichtigen oder fettleibigen männlichen Fußballfans schottischer Profifußballklubs.22 Auch können Männer und Frauen unterstützt werden, tradierte Geschlechterrollen umzugestalten, sodass gerechtere Beziehungen entstehen, was Sexualverhalten, Gewalt in der Partnerschaft und Verhinderung sexuell übertragbarer Krankheiten betrifft.23
Es braucht also eine globale Männergesundheits-Bewegung. Eine Google-Suche mit dem Begriff „Department – Institute – Women’s Health“ ergibt seitenweise Einträge, die gleiche Suche für „Department – Institute – Men’s Health“ ein einziges Institut und dies erfreulicherweise in Deutschland: das weltweit erste Institut für Männergesundheit24 am Universitätsklinikum Hamburg, geleitet von Dr. Frank Sommer, dem weltweit ersten Professor für Männergesundheit. Der Ansatz ist inhaltlich sehr breit und reicht von Sport-, Anti-Aging- und Lebensstilmedizin über Diabetes, Depression und Hormonmangel bis hin zu sexuellen Funktionsstörungen. Der letzte Punkt ist, soweit es die erektile Dysfunktion (also mangelnde Erektionsfähigkeit des Penis) betrifft, extrem wichtig, da er das erste Anzeichen einer ernsthaften Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems sein kann.25 Angesichts der dramatischen Lücke in der Männergesundheit und der sich mehrenden Belege, wie diese geschlossen werden kann, besteht der nächste Schritt darin, das Thema auf die Tagesordnung aller nationalen Regierungen und globalen Gesundheitseinrichtungen zu setzen, ohne die Bemühungen zur Verbesserung der Gesundheit von Frauen zu beeinträchtigen. Eine neue Organisation, Global Action on Men’s Health, wurde kürzlich gegründet, um sich für nationale, regionale und globale Gesundheitspolitiken einzusetzen.26 Es ist an der Zeit, nicht nur die Vorteile solcher Maßnahmen für Männer anzuerkennen, sondern auch die potenziellen Vorteile für Frauen, Kinder und die Gesellschaft insgesamt. Die körperliche Erkrankung von Männern kann beispielsweise die psychische Gesundheit ihrer Partnerinnen beeinträchtigen. Wenn Männer krank sind, verletzt werden oder sterben, erleiden Haushalte und Partnerinnen Einkommensverluste.27 Das Schließen der Gesundheitslücke der Männer käme daher Männern, Frauen und ihren Kindern zugute.
Ungebildet + Mann = Minus 15
Nach den vorherigen Betrachtungen zu den Aspekten „ungebildet“ und „Mann“ könnten Sie sich fragen, wie es sich mit ungebildeten Männern beziehungsweise gebildeten Frauen verhält. Und Sie hätten recht mit Ihrer Vermutung: Bildungsferne/armutsgefährdete Männer haben in Deutschland eine durchschnittliche Lebenserwartung von 70,1 Jahren; gebildete/reiche Frauen dagegen von 85 Jahren, das sind exakt 15 Jahre Differenz! Dazwischen liegen armutsgefährdete Frauen mit knapp 77 Jahren und reiche Männer mit 81 Jahren Lebenserwartung. Laut einer Studie der Zurich Lebensversicherung leben daher viele arme Menschen so kurz, dass eine generelle Ausweitung des Renteneintrittsalters auf 71 oder gar 73 Jahre kaum möglich ist. Arme hätten dann keine Aussicht mehr auf einen Ruhestand. Reich ist laut Statistik derjenige, der über mehr als 150 Prozent des durchschnittlichen Einkommens verfügt; als armutsgefährdet gelten Bürger, die weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Einkommens zur Verfügung haben.
Aus medizinischer Sicht könnte man schlussfolgern, es mangele bloß an Bildung in der Bevölkerung – insbesondere bei Männern –, was Gesundheitsvorsorge und -risiken im Speziellen betrifft. Liegt die Lösung wirklich nur in schulischen oder berufsschulischen Bildungsinhalten zum Thema Gesundheit? Sollte die Ursache (und Lösung) dieser dramatischen Unterschiede hinsichtlich Lebenserwartung tatsächlich so trivial sein? Bildung ist insbesondere im Deutschen ein problematischer Begriff mit mindestens drei Bedeutungen: erstens als gesellschaftlich relevantes Kompetenzkapital, zweitens im Humboldt’-schen Sinn als Formung und Veredelung eines individuellen Selbstbilds und drittens als Verknüpfung von Gesellschaft und Einzelnem im Habituskonzept des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, bei dem persönliche Netzwerke und Herkunft Renommee, Prestige und Erfolg garantieren. Gerade in letzterem Bildungsbegriff finden sich mit sozialer Einbindung und finanzieller Sicherheit zwei wesentliche gesundheitsförderliche Faktoren wieder. Für soziale Ungleichheiten kann Bildung jedoch sowohl Gift als auch Medizin in einem sein: sowohl eine Möglichkeit, sozialer Ungleichheit zu entkommen, als auch ein Hauptkriterium, um soziale Ungleichheit zu definieren.28 Aufgrund dieses Doppelcharakters fällt es schwer, einen nicht weiter definierten Bildungsbegriff mit Gesundheit zu korrelieren. Insofern darf der Begriff gesundheitliche Bildung hier als Erklärung nicht überstrapaziert werden: Bildung ist eben nur Bildung. Bildung ist kein Gesundheitskonzept und keine Wunderwaffe.
Ziel eines auf Prävention ausgerichteten Gesundheitssystems müsste es daher sein, die Lebenserwartung zwischen Gebildeten und Ungebildeten, Armen und Reichen sowie auch zwischen Männern und Frauen anzugleichen. Da wir ja schon identifiziert haben, dass wir offensichtlich eher ein Krankheits- denn ein Gesundheitssystem haben, muss man sich fragen, ob die Anreize für alle Leistungserbringer (also Ärzte, Krankenhäuser und so weiter) mit einem solch hehren Ziel übereinstimmen. Wohl eher nicht. Aber wo genau hakt es? Daher, lieber Leser, müssen wir – wohl oder übel – zusätzlich zur bisherigen wissenschaftlichen Analyse auch einen Ausflug in unser Gesundheitssystem und unsere Gesundheitspolitik machen …
KAPITEL 6
FALSCHE ANREIZE
Einer der wichtigsten Anreize für Leistungserbringer in unserem Gesundheitssystem dürfte wohl oder übel – neben dem Wunsch und dem Ziel, einem Patienten zu helfen – das Geld sein. Insofern lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, wohin denn das Geld fließt (Abbildung 10). Im Jahr 2019 lagen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung bei insgesamt 252,2 Milliarden Euro, dabei beliefen sich die reinen Leistungsausgaben auf rund 239,5 Milliarden Euro. Der Rest von 12,7 Milliarden, von immerhin fünf Prozent, waren Verwaltungskosten. Schauen wir auf die Leistungsausgaben, also den „Input“ in unser Gesundheitssystem: Wofür geben wir unser Geld aus, worin investieren wir?
Das Input-System
Zu den bedeutendsten menschlichen Interessen zählt die Gesundheit. Seit der Zeit der Industrialisierung wurde sie zu einem immer wichtigeren gesellschaftlichen Gut und infolgedessen auch zu einer politischen Angelegenheit. Der Strukturwandel seit der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts stand im Zeichen des ständig steigenden Bevölkerungswachstums und der Verstädterung, die statt der Großfamilie andere Wege der sozialen und gesundheitlichen Absicherung erforderte. Als die preußische Regierung Rudolf Virchow 1848 nach Oberschlesien schickte, um die dortige Fleckfieber-Epidemie zu untersuchen, identifizierte er vor allem Hunger, Armut und mangelnde Hygiene als Ursachen. Die Verantwortung dafür sah er bei Staat und Kirche. Und sein Rezept? Nicht Medizin, sondern politische und soziale Reformen: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“1 Die Einführung der gesetzlichen Krankenversicherung 1883 markierte schließlich den Beginn des modernen deutschen Gesundheitssystems.
Den größten Anteil der Ausgaben (Abbildung 10) stellt der Krankenhaussektor dar (80,3 Milliarden Euro, mit einem Anteil von 33,6 Prozent). Das überrascht und korreliert nicht damit, wo wir in unserer Lebenszeit den häufigsten Kontakt mit dem Gesundheitssystem haben, nämlich mit der ambulanten ärztlichen Versorgung, und zwar durch alle Haus- und Fachärzte zusammen. Diese machen nur die Hälfte dessen aus (41,1 Milliarden Euro, 17,2 Prozent), was wir uns unsere Krankenhäuser kosten lassen. Den immerhin drittgrößten Ausgabensektor bildet der Arzneimittelbereich (41,0 Milliarden Euro, 17,1 Prozent).2 Bedenkt man die hohe Number Needed to Treat und die geringe Erfolgsrate der gegenwärtig verschriebenen Arzneimittel, besteht hier ein offensichtliches Einsparpotenzial. Schließlich überrascht auch die vierte Position mit allen zahnärztlichen Leistungen, die mit 15 Milliarden Euro immerhin 6,3 Prozent und damit mehr als ein Drittel der 17,2 Prozent aller sonstigen Haus- und Fachärztekosten ausmachen, wobei die 52 Prozent privat zu zahlenden Kosten, die nicht von den Krankenkassen übernommen werden, gar nicht eingerechnet sind.3
Abb. 10: Verhältnis der Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung im Jahr 2019 für Krankenversorgung – Krankenhaus (oben), ambulante Ärzte (links), Arzneimittel (unten) und Zahnärzte – im Vergleich zu den nahezu vernachlässigbaren Ausgaben für Prävention (schmales schwarzes Streifensegment rechts oben). Hinzu kommen weitere sonstige Leistungen für Heil- und Hilfsmittel, Krankengeld und andere.
Enttäuschend bis schockierend gering sind die Ausgaben für Prävention, der nachweislich kosteneffektivsten medizinischen Intervention: Nur 2,7 Milliarden Euro beziehungsweise ein Prozent aller Gesundheitsausgaben werden hier investiert. Deutlicher kann man es nicht machen, dass die Anreize ganz überwiegend in der Versorgung von Krankheiten statt in der Bewahrung von Gesundheit liegen und wir ein Krankheitssystem, aber kein Gesundheitssystem haben.
Schauen wir also genauer hin und am besten gleich dorthin, wo am meisten Geld ausgegeben wird: in den Krankenhäusern. Sie haben sicherlich die Diskussionen über eine Überkapazität an Krankenhäusern mitbekommen und dass Deutschland international einen Spitzenplatz in der Häufigkeit von Röntgenbildern und Operationen am Rücken, Kniespiegelungen, Herzkathetern und vielen anderen Interventionen innehat. Gleichzeitig waren wir während der Covid-19-Pandemie möglicherweise stolz und glücklich darüber, dass das deutsche Krankenhaussystem über extrem viele Beatmungsbetten verfügt, jedenfalls pro Kopf wesentlich mehr als alle anderen europäischen Länder. Gute Pandemieplanung? Sollten wir also aufhören, unsere Krankenhäuser zu durchleuchten und zu kritisieren? Nein!
Warum Deutschland so gut auf Covid-19 „vorbereitet“ war
Anders als in vielen anderen Länder kamen Deutschlands Beatmungskapazitäten während der Covid-19-Pandemie nie wirklich an ihre Grenzen.4 Wo einzelne, kleinere Krankenhäuser nahe der Hotspots mit einer potenziell bedrohlichen Patientenflut konfrontiert waren, gab es immer die Option einer Verlegung in benachbarte Kliniken. Warum war dies in anderen Ländern nicht der Fall, sodass Triagen, also Priorisierungen medizinischer Hilfeleistungen bei unzureichenden Ressourcen, notwendig wurden? Weil dort nur für das Notwendige und Sinnvolle geplant wurde. War Deutschland jedoch nicht deshalb so gut für die Pandemie gerüstet, weil man in weiser Voraussicht stille Überkapazitäten bereitgehalten hatte? Nein, es lag daran, dass deutsche Kliniken sich in einem gigantischen Rüstungswettlauf der Kommerzialisierung von unnötigen Gesundheitsleistungen befinden, der einen irrationalen Mehrbedarf an Intensivbetten erzeugt hat. Da viele dieser Gesundheitsleistungen gelinde gesagt nicht essenziell waren, konnten sie während der Covid-19-Pandemie mit Leichtigkeit verschoben werden. In anderen Ländern gab es diese unnötigen Überkapazitäten nicht und viel weniger bis gar keinen Spielraum, irgendwelche Operationen zu verschieben.
Doch der Reihe nach. Wenn man die deutsche Entwicklung verstehen will, muss man zunächst wissen, dass Deutschland eine Mixtur aus kommunalen, universitären, kirchlichen und privaten Kliniken sowie zusätzlich börsennotierten Klinikketten hat. Und nun kommt es: Was die Kostenerstattung der Kliniken betrifft, ersetzte der Gesetzgeber 2003 das bis dahin geltende sogenannte Selbstkostendeckungsprinzip durch das australische Fallpauschalensystem (Diagnosis Related Groups, DRG). Kurz nach der Einführung in Deutschland schafften die Australier das System übrigens wieder ab. Die Zahl der Diagnosen hatte sich bei ihnen nämlich mehr als verdoppelt, denn jede neue oder Nebendiagnose bringt im Fallpauschalensystem zusätzlich Geld. Verursacht zum Beispiel die gerade bei älteren Patienten häufig vorkommende Polypharmazie durch Arzneimittelwechselwirkungen unerwünschte Nebenwirkungen, dann ist es lukrativer, diese als neue Krankheit zu diagnostizieren anstatt eines der Medikamente abzusetzen oder auszutauschen, zumal hierzu auch meist die pharmazeutische Kompetenz auf den Stationen fehlt. Und so werden sogar noch mehr Arzneimittel verschrieben, um ebendiese „neue Krankheit“ zu behandeln. So entstehen groteske, für den Patienten nachteilige Verordnungskaskaden, die auch nach der Entlassung vom Hausarzt beibehalten werden – schließlich wurde die Medikation ja in der Klinik festgelegt.5 Betriebswirtschaftlich geschickt agierende Kliniken – insbesondere Ketten – konnten jetzt enorme Gewinne machen, aber kommunale oder staatliche Kliniken, wenn sie nicht aufpassten, auch extreme Verluste, die in der Regel letztendlich vom Steuerzahler getragen werden mussten.
Das von 1972 bis 1992 geltende Selbstkostendeckungsprinzip finanzierte Krankenhäuser durch Tagespflegesätze (eine von den Krankenkassen unterjährig zu zahlende Vorfinanzierung) und Investitionskosten (zu zahlen von der öffentlichen Hand). Am Jahresende übernahmen die Krankenkassen nachträglich dann alle offengelegten Kosten, sofern diese wirtschaftlich und nachvollziehbar waren. Es war den Krankenhäusern dabei verboten, Gewinne zu machen. Jeder Überschuss wurde im nächsten Jahr von den Tagespflegesätzen abgezogen.
Nach Auffassung der meisten Gesundheitsökonomen und -politiker wird das Selbstkostendeckungsprinzip jedoch mangels fehlender Anreize zur Rationalisierung und zu sparsamem Wirtschaften für die seinerzeit starke Kostensteigerung im Gesundheitssystem verantwortlich gemacht. Das Prinzip hätte zu einer Selbstbedienungsmentalität bei den Krankenhäusern geführt und für die Patienten zu längeren Liegezeiten, da ja pro Tag und Bett abgerechnet wurde. Zunächst ist seltsam, dass für andere Einrichtungen der Daseinsvorsorge, wie Schulen, Museen oder die Feuerwehr, der Ersatz der notwendigen Kosten als die adäquate Finanzierungsform gilt. Warum sollte das für Krankenhäuser nicht so sein? Zugegeben, es gab das Phänomen, dass damals Patienten tatsächlich noch „über das Wochenende“ bleiben mussten, zum Beispiel wegen der Konkurrenz von Chefärzten um die Bettenzahlen ihrer Abteilungen. Tatsächlich sanken jedoch insgesamt die Liegezeiten schon bis 1985 von 18,3 auf 13,9 Tage, also um 24 Prozent.
Aber es gab in der Tat Fehlentwicklungen, zum Beispiel die Privateinnahmen von Chefärzten, die mehrere Millionen D-Mark pro Jahr ausmachen konnten, und dadurch eine Ungleichbehandlung von privat und gesetzlich Versicherten. Chefärzte hatten dazu standardisiert neben ihrem Festgehalt das sogenannte Liquidationsrecht für wahlärztliche Leistungen bei Privatpatienten (Privatpatienten wählen sich den Chefarzt). Einen Teil der Einnahmen führten die Chefärzte an den Krankenhausträger ab, der ja die gesamte Infrastruktur samt Personal bereitstellte; einen weiteren Teil erhielten die nachgeordneten Ärzte, insbesondere die Oberärzte, die bei der Behandlung der Privatpatienten mithalfen (Poolbeteiligung).
Statt die punktuellen Schwächen des Selbstkostendeckungsprinzips auszubessern, wurde die gesamte Krankenhausfinanzierung nach marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten reformiert und Krankenhäuser wurden zu einem Wirtschaftszweig für private Kapitalinvestoren. Das Verbot, Gewinne zu machen, wurde aufgehoben und das neue Fallpauschalensystem setzte eine Vielzahl ökonomisch rationaler, aber medizinisch-ethisch falscher Anreize:
•Kosten insbesondere für Personal zu drücken, was zu Zeitdruck beim Personal und schlechterer Versorgung der Patienten führt,
•Patienten so zu selektieren, dass sich eine möglichst günstige Kosten-Erlös-Relation ergibt,
•Fallzahl und Fallschwere zu erhöhen mit der Folge, dass Über- und Fehlbehandlungen erfolgen und Patienten kränker gemacht werden, als sie es sind.
All dies gab es bei der Selbstkostendeckung mit dem Ausschluss von Gewinnen und Verlusten nicht, da diese Finanzierungsform solche ökonomischen Anreize per Definition nicht enthielt. Zwar gab es auch bei der Selbstkostendeckung kritikwürdige Behandlungsprozesse in den Krankenhäusern und Missmanagement, diese waren aber nicht Folge systematischer wirtschaftlicher Fehlanreize. Ein riesiger Vorteil waren Anhaltspunkte für den Personalbedarf, um die Wirtschaftlichkeit nachprüfen zu können, also genau das, was heute unter marktwirtschaftlichen Gesichtspunkten wegrationalisiert wird. Noch schlimmer: Im aktuellen Fallpauschalensystem werden abgebaute Personalstellen in Investitionsmittel umgewidmet, also Kassengelder veruntreut, weil die Investitionen der öffentlichen Hand unzureichend sind. Bei Selbstkostendeckung wäre dies nicht möglich gewesen; bei Personalabbau müssten die entsprechenden Überschüsse den Krankenkassen rückerstattet werden. Der Fehlanreiz würde entfallen.
Alle Fakten sprechen somit für die früher praktizierte Selbstkostendeckung und gegen eine finanzielle Steuerung über Fallpauschalen, also über die Preise. Die Gesamtausgaben für Krankenhäuser sind durch die Einführung der Fallpauschalen steiler gestiegen als vorher (Abbildung 11) und auch die Zahl der Fälle ist gestiegen. Da nun nicht mehr Personalkosten abgerechnet wurden, konnte dort gespart werden, insbesondere am nichtärztlichen Personal (Krankenschwestern und Pfleger). Eine direkte Ursächlichkeit ist dabei zwar nicht belegt, aber dennoch muss das Projekt Fallpauschalen als gescheitert betrachtet werden – allerdings nur dann, wenn die Senkung der Kosten die tatsächliche Zwecksetzung war.
Abb. 11: Fehlentwicklungen im deutschen Krankenhaussystem seit Einführung der Fallkostenpauschalen (1991 = 100 Prozent): Krankenhauskosten und Fälle nehmen zu, nichtärztliches Personal (Pfleger und Krankenschwestern) wird abgebaut, weil sich so Profite mehren lassen.6
Die Gegenhypothese wäre: Lobbyisten haben die Abschaffung des sozialstaatlichen Prinzips der Selbstkostendeckung betrieben, um den Krankenhaussektor zu einem lukrativen Geschäftsfeld für Privatinvestoren umzubauen. Es entstanden börsennotierte Klinikketten, die Rosinenpickerei sogenannter „guter Risiken“ betrieben, wie zum Beispiel Hüftprothesenpatienten ohne wesentliche Begleiterkrankungen und mit einem geringen Komplikationsrisiko. Patienten mit mehreren Begleiterkrankungen und einem hohen Risiko, „Langlieger“ zu werden, die nicht annähernd kostendeckend behandelt werden können, überließ man den kommunalen Kliniken mit ihrem Versorgungsauftrag. Umgekehrt wurden erfahrene Ärzte, insbesondere Chirurgen, die sich auf bestimmte Operationen spezialisiert hatten und diese mit minimalen Komplikationsraten durchführten, von diesen kommunalen Kliniken zu den Konzernen abgeworben. So sank zwar die durchschnittliche Liegezeit der Patienten von 14 auf sieben Tage, gleichzeitig aber stieg die Zahl der Fälle.
Viele kommunale Kliniken und Kreiskrankenhäuser sanierte der Landkreis zunächst noch mit Steuergeldern und verkaufte diese dann für einen symbolischen Euro an einen Konzern. Um die große Anzahl an Betten zu füllen, wurden immer ältere Patienten mit Begleiterkrankungen zu Therapien überredet, von denen man wenige Jahre vorher wegen zu großer Risiken abgeraten hätte. Jetzt wurden 90-Jährigen Hüftgelenkprothesen eingebaut, anstatt ihnen zu raten, ein wenig Schmerzen hinzunehmen und Physiotherapie zu nutzen. Dank verbesserter Operationstechniken und aufwendiger Intensivpflege geht das auch erstaunlich komplikationslos, zumindest kurz- und mittelfristig.
Und dann begann der Medizintourismus und brachte Patienten mit sich, die bereit und in der Lage sind, jede geforderte Summe zu zahlen. Auf den großen Gesundheitsmessen in Dubai und Riad pries man das deutsche Gesundheitssystem an. Araber mit mehreren Erkrankungen, später auch Russen und Superreiche aus anderen Nationen kamen mitsamt ihrer Familie, residierten in den teuersten Hotels und kauften zum Zeitvertreib ein. Eine unerwünschte Tatsache war, dass viele arabische Patienten nicht einfach für eine erbrachte Leistung zahlen, sondern nur für deren Erfolg. Und es ist eben nicht so leicht, einen Menschen, der sich ein Leben lang von fettem Fleisch und Süßigkeiten ernährt und dadurch schweren Diabetes und massive Organschäden erlitten hat, einfach zu reparieren. Doch genau mit solch unrealistischen Heilsversprechen hatte man auf den Gesundheitsmessen geworben. Man hat daraus gelernt. Nicht insofern, dass man auf Medizintourismus verzichtete, sondern in der Weise, dass man mittlerweile von jedem „ausländischen Selbstzahler“ verlangt, hohe Geldsummen in bar zu hinterlegen. Köstlich ist in diesem Zusammenhang die legendäre „Geldwechsel“-Aktion am Universitätsklinikum der RWTH Aachen.7 Im Mai 2010 meldete sich ein Mann mit arabischem Namen beim kaufmännischen Direktor des Klinikums und gab sich als Kontaktperson eines Mannes aus der libyschen Oberschicht aus. Dieser wohlhabende Patient wolle sich im Aachener Klinikum behandeln lassen. Im Juni fand dann ein Treffen statt, bei dem der Direktor gebeten wurde, die für die Behandlung erforderlichen 60.000 Euro Bargeld in kleinere Scheine umzutauschen, da man selbst nur große dabeihabe und dies doch sehr unpraktisch sei. Mit den kleineren Scheinen wolle man kleinere Rechnungen begleichen. Der Direktor selbst ging darauf ein und besorgte die Summe in kleineren Scheinen. Die Betrüger tauschten unbemerkt die Koffer aus. Zurück blieb ein Koffer voller Spielgeld. Als dies bemerkt wurde, waren die Täter längst über alle Berge.
Die arabischen Kunden brachten aber nicht nur Geld, sondern auch Keime mit sich, die gegen nahezu alle Antibiotika resistent sind.8 Arabische Länder sind nämlich weltweit führend im Missbrauch von Ultrabreitspektrum- und Reserve-Antibiotika und dadurch auch in der Entwicklung von Resistenzen.
Beides, die Behandlung schwerstkranker, aber zahlungsfähiger Patienten und die Infektionsgefahr, hatte zwei Reaktionen zur Folge, die uns während der Covid-19-Pandemie Vorteile verschafften: Sowohl die intensivmedizinischen als auch die Hygiene- und Mikrobiologiekapazitäten wurden massiv ausgebaut, während in Ländern wie Italien die Kapazitäten nicht ausreichten und viele Covid-19-Patienten an den Folgen bakterieller Superinfektionen mit multiresistenten Krankenhauskeimen verstarben. Der Marketingwert der weltweit wahrgenommenen niedrigen Covid-19-Mortalität in deutschen Kliniken wird nach der Covid-19-Pandemie den Medizintourismus auf neue Höhen klettern lassen.
Während also andere EU-Länder ein schlankeres Gesundheitssystem haben, das lediglich die Versorgung der Bevölkerung mit sinnvollen medizinischen Leistungen sicherstellt, und südliche EU-Länder durch die Banken- und Eurokrise kaputtgespart wurden, ist Deutschland einen anderen Weg gegangen. Die Einführung der Fallpauschalen erlaubte Investoren, eine Maximalmedizin einzuführen, dort wo sie finanziell lukrativ war, anstatt sich auf das Optimale zu beschränken. Die Covid-19-Pandemie war eines der wenigen denkbaren Szenarien, in denen ein derart überdimensioniertes System für eine Bevölkerung einen Vorteil darstellt. Aber damit nicht genug; selbst das schon aufgeblähte System wurde weiter „optimiert“, um noch mehr Gewinne zu erzielen, und das noch nicht einmal immer mit legalen Mitteln. Die Motive für die nachfolgend beschriebenen Methoden sind aber nicht etwa nur Gier, sondern auch finanzielle Not, da die Länder seit Jahren (also ihrerseits systematisch) ihren Investitionsverpflichtungen gegenüber den Kliniken einfach nicht nachkommen können. So hat sich seit 2010 ein Investitionsstau von mindestens 30 Milliarden Euro aufgebaut. Dringend notwendige Maßnahmen an Gebäuden, Medizintechnik und bezüglich der Digitalisierung bleiben aus.9
Klinik-„Optimierung“
Die Klinikbetreiber und insbesondere die Klinikketten ließen sich verschiedene Strategien der „Optimierung“ einfallen. Eine recht dreiste Methode funktioniert ganz unabhängig vom Patienten: das zunehmende Phänomen überzogener Krankenhausrechnungen – im Schnitt bei jeder zweiten Rechnung circa 2.000 Euro. Der erste Prüfdienst gesetzlicher Krankenkassen, der mit dieser Beobachtung an die Öffentlichkeit trat, war der Medizinische Dienst der Krankenversicherung (MDK) Nordrhein, als dieser 307 Millionen Euro aus auffälligen Rechnungen von Kliniken zurückholte. Hochgerechnet auf alle 2.000 Krankenhäuser Deutschlands bedeutet das circa drei Milliarden Euro durch Fehlabrechnungen jedes Jahr. Trotz der immer höheren Aufklärungsrate breitet sich die Methodik eher aus: mit 20 Prozent mehr Beanstandungen im Jahr 2018 gegenüber 2017 beziehungsweise 40 Prozent mehr als 2016. Wird mehr geprüft, wird mehr gefunden. Die Quote der Beanstandungen bleibt gleich ohne eine Tendenz zu einer Umkehr zu korrekterem Abrechnungsverhalten. Die Krankenhäuser bilden für die Kreierung von Fällen und die nachfolgende Abrechnung von Fallpauschalen regelrechte Optimierer aus, stellen diese gezielt zu dem Zweck ein und lassen es schlicht darauf ankommen, erwischt zu werden. Werden sie erwischt, kürzen die Kliniken ihre Rechnungen in der Regel ohne jeden Widerspruch. Im Gegenzug rüstet der Medizinische Dienst der Krankenversicherung nun auf. Allein bei Nordrhein wurde seit 2015 die Zahl der Gutachter für den Krankenhausbereich von 70 auf 138 erhöht.
Was sind die Tricks der Kliniken? Da sich ein Klinikaufenthalt mehr lohnt als eine ambulante Therapie, rechnen Kliniken einen Krankenhausaufenthalt ab, obwohl die Behandlung ambulant hätte erfolgen können, zum Beispiel bei einer Magenspiegelung als Kontrolluntersuchung nach einer Krebsoperation. Oder ein Rheumakranker, bei dem eine Kernspintomografie gemacht werden soll, wird zu Unrecht für zwei Tage stationär aufgenommen. In vielen Fällen ist der Patient länger im Krankenhaus als erforderlich, zum Beispiel werden Patienten schon einen oder zwei Tage vor einem geplanten operativen Eingriff stationär aufgenommen. Das meiste Geld lässt sich jedoch mit der richtigen Wahl der Hauptdiagnose verdienen. So steigt die Vergütung für einen Beatmungspatienten auf der Intensivstation um mehr als 9.800 Euro, wenn er länger als 24 Stunden beatmet wird. Das verlockt dazu, einen Patienten – zumindest auf dem Papier – länger zu beatmen, als es eigentlich sein müsste. Um Abhilfe gegen die systematische Ausstellung von Fehlrechnungen zu schaffen, wären systematischere Prüfverfahren und vor allem empfindliche Strafzahlungen notwendig. Der Bundesrechnungshof schlägt hierzu einen Aufschlag von 50 Prozent auf die zu viel abgerechnete Rechnungssumme vor.
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