Kitabı oku: «Fear Street 40 - Prüfungsangst»

Inhalt
Kapitel 1 – Anfangs dachte Terry …
Kapitel 2 – „Und das … das …
Kapitel 3 – „Hey, Terry!“, rief …
Kapitel 4 – Terry wollte wegrennen …
Kapitel 5 – Als Terry von …
Kapitel 6 – Terry wehrte sich …
Kapitel 7 – Terry kramte hektisch …
Kapitel 8 – „Igitt!“, rief Terry …
Kapitel 9 – Terry fing an zu …
Kapitel 10 – „Und, wie war’s …
Kapitel 11 – Terry legte erschrocken …
Kapitel 12 – Mit einem gewaltigen …
Kapitel 13 – Am nächsten Morgen …
Kapitel 14 – Terry ließ die …
Kapitel 15 – Terry war starr …
Kapitel 16 – „Wer ist denn …
Kapitel 17 – Irgendwie stand Terry …
Kapitel 18 – Nein! Das war …
Kapitel 19 – Der Unbekannte sprang …
Kapitel 20 – Der Mann war …
Kapitel 21 – Sheila wollte beweisen …
Kapitel 22 – „Hallo, Dan. Ich …
Kapitel 23 – Terry warf einen …
Kapitel 24 – Dan wusste nicht …
Alle Einzelbände der Reihe „Fear Street“ als eBook
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Impressum
1
Anfangs dachte Terry nur im Spaß daran zu mogeln. Immerhin hatte sie so etwas noch nie getan.
Doch je länger sie darüber nachdachte, desto ernster wurde es ihr damit. „Würde ich denn eine solche Unverschämtheit überhaupt wagen?“, fragte sie sich.
Und die erschreckende Antwort lautete: Ja.
Sie stützte den Kopf auf die Hände und ließ ihr hellblondes Haar wie einen Vorhang ins Gesicht hängen, während sie ihren Mathematiklehrer Mr Raub hinter dem Pult anstarrte.
Mathe für Fortgeschrittene, wie war sie bloß auf diesen Wahnwitz verfallen?
„Noch mal zur Erinnerung“, sagte der Mathelehrer, ein blasser, magerer Mann mit Glatze und braunem Schnurrbart. „Für diejenigen, die den Matheleistungstest wiederholen wollen: Er findet am Samstag im Junior College in Waynesbridge statt. Eine gute Gelegenheit, eure Zensuren zu verbessern. Aber ich freue mich, dass die meisten von euch schon beim ersten Mal so gut abgeschnitten haben.“
Die Schulglocke läutete. Terry seufzte und packte ihre Bücher zusammen.
In Begleitung ihres Freundes Dan Mason und ihrer bes ten Freundin Jill Bancroft verließ sie das Klassenzimmer.
Jill warf ihr langes braunes Haar zurück und drehte sich zu Terry um. „Musst du denn den Test unbedingt noch mal machen?“, fragte sie voll Mitgefühl. „Deine Zensur war immerhin besser als meine, aber ich werde den Test bestimmt nicht wiederholen.“
„Du musst es ja auch nicht mit meinem Vater aushalten“, erwiderte Terry mutlos. „Er ist nun mal Richter von Beruf und das kann er auch zu Hause nicht ablegen.“
Terrys Vater war Richter beim Strafgericht von Shadyside. Sie war sehr stolz auf ihn, denn sie wusste, dass die Leute ihn bewunderten und dass er in der Stadt eine einflussreiche Persönlichkeit war. Terry gab sich alle Mühe, es ihrem Vater immer recht zu machen, aber einfach war das nicht gerade. Er hatte sehr hohe Maßstäbe und erwartete gerade von ihr, seinem einzigen Kind, sehr viel.
Früher war kaum ein Tag vergangen, an dem Terrys Vater ihr nicht versichert hatte, wie stolz er auf sie war. Aber das war vorbei. In letzter Zeit war irgendwie der Wurm drin.
Terry war eine sehr gute Schülerin, bis auf Mathematik; das war ihr schwächstes Fach. Vor ein paar Monaten fing es dann an. Sie konnte sich noch genau an den Tag erinnern. Das Ergebnis ihres Mathetests war gerade mit der Post gekommen. Richter Phillips schaute ihr neugierig über die Schulter, während sie gespannt den Umschlag öffnete.
Das Resultat lautete: 570 Punkte. „Nicht schlecht“, dachte sie äußerst zufrieden. „Für Mathe wirklich nicht schlecht …“
Sie drehte sich um und wollte ihrem Vater das Ergebnis zeigen, aber er hatte es wohl schon gesehen. Und sein Gesichtsausdruck zeigte ihr deutlich, dass sie falsch lag: 570 Punkte waren für ihn ganz offensichtlich kein gutes Ergebnis.
Stirnrunzelnd verschränkte der Richter die Arme und sagte: „Tja, Terry, ich schätze, du wirst den Test wiederholen müssen. Mit einer solchen Mathematiknote wird es nichts mit Princeton.“ Damit drehte er sich um und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück.
Terry rutschte das Herz in die Hose. Bis jetzt hatte sie ihren Vater noch nie enttäuscht. Sie gewann Tennisturniere und Schulpreise und wurde alljährlich für ihre guten Zensuren ausgezeichnet – aber diesmal hatte sie versagt.
Ihr Vater hatte das Princeton College absolviert, eine der besten Universitäten des Landes, und, solange sie denken konnte, immer davon gesprochen, auch Terry dorthin zu schicken. Sie hatte sich nie Gedanken darüber gemacht, ob sie selbst das überhaupt wollte, denn in ihrer Familie galt das immer als selbstverständlich.
Jetzt aber schien ein Hindernis aufzutauchen – Mathe für Fortgeschrittene. Eine einzige kleine Note würde schuld daran sein, dass es ihr nicht gelang, den Traum ihres Vaters zu erfüllen.
Was für eine Ungerechtigkeit!
Terry hatte doch wirklich ihr Bestes gegeben. Aber diesmal war eben das Beste nicht gut genug gewesen.
Kaum hatte Terrys Vater die Tür seines Arbeitszimmers geschlossen, trat ihre Mutter ins Wohnzimmer. Terry stand immer noch bewegungslos an derselben Stelle, mit hängendem Kopf und dem Testergebnis in der Hand.
Doch Mrs Phillips fragte noch nicht einmal, wie der Test ausgefallen war. Sie warf nur einen flüchtigen Blick auf die verschlossene Tür des Arbeitszimmers und sagte dann: „Liebes, ich muss zu meiner Wohltätigkeitsversammlung. Ich bin spät dran. Sag deinem Vater bitte, dass ich gegen sechs zurück sein werde, ja?“ Sie gab Terry einen Kuss auf die Stirn und eilte zur Tür hinaus, sodass Terry nur noch ihr Schmuckgeklimper hörte.
Terry starrte ihr geistesabwesend hinterher. Ihr wurde klar, dass sie den Mathetest noch einmal machen musste. Und das hieß lernen, lernen, lernen, ob es ihr nun passte oder nicht.
Dabei wusste sie im Grunde ganz genau, dass es nichts nützte. Nie würde sie das erforderliche Resultat erreichen, nie im Leben!
Dan legte Terry den Arm um die Schulter, während sie durch die Schulhalle gingen. „Es wird schon nicht so schlimm werden, Terry“, tröstete er sie. „Die paar Stunden am Samstag schaffst du schon und dann hast du’s ein für alle Mal hinter dir.“
Terry blickte zu ihrem hochgewachsenen, gut aussehenden Freund auf und versuchte zu lächeln.
„Es macht mir nichts aus, den Test zu wiederholen – nicht allzu viel jedenfalls“, sagte sie. „Das ist nicht das Problem. Das Problem ist vielmehr, dass Papa von mir ein Ergebnis von mindestens 700 Punkten erwartet – und das schaffe ich nie. Das weiß ich. Ich habe schon beim ersten Mal gelernt wie verrückt. Und jetzt strenge ich mich auch wieder an, so gut ich nur kann, aber es ist hoffnungslos! Man muss schon ein Genie sein, wenn man 700 Punkte kriegen will – und ich bin nun mal kein Mathegenie.“
Dan seufzte. Terry wusste, dass ihm das Thema nicht behagte. Er war ein Ass in Mathe und hatte im Test 720 Punkte gemacht. Aber er war ein anständiger Kerl und es tat ihm leid, Terry so traurig zu sehen. Deshalb wechselte er lieber das Thema, damit sie auf andere Gedanken kam.
„Weißt du was, ein Milchshake wird dir jetzt guttun. Ich lade dich ein. Lass uns rübergehen zur Ecke.“ Er drehte sich zu Jill um und fragte: „Hey, kommst du auch mit?“
Jill schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann nicht. Ich muss zum Fotoklub. Kopf hoch, Terry. Bis später dann.“
„Tschüss, Jill.“
Jetzt, wo Jill weg war, schmiegte sich Terry an Dans Schulter und sie verließen das Schulgebäude. Draußen war es windig und schwül, ungewöhnlich warm für einen Märztag.
Die Ecke lag ein paar Häuserblocks entfernt. Es war ein Café, in dem sich hauptsächlich die jungen Leute aus dem oberen Shadyside trafen. Das Café war voll, es gab keinen freien Tisch mehr. Dan und Terry mussten sich deshalb mit einem Platz an der Theke begnügen und bestellten Schokoladenmilchshakes.
Dan griff nach einer Autozeitschrift, die dort herumlag. „Irgendein Autofan muss sie liegen gelassen haben“, sagte er und begann, in dem Heft zu blättern. Bei einer Werbeanzeige für Luxusautos verweilte er und fragte Terry: „Wenn du dir eins dieser Autos aussuchen dürftest, welches würdest du nehmen?“
Dieses Spiel machten sie öfter. Sie fuhren zum Beispiel gern im feinen Stadtteil North Hills herum und suchten sich ihr Traumhaus aus. Oder sie sahen sich eine Zeitschrift an und überlegten, welche Kleidungsstücke sie sich aussuchen würden, welche der Fotomodelle ihnen am besten gefielen oder auf welche Insel sie fahren würden, wenn sie die Wahl hätten.
Terry hatte jetzt eigentlich gar keine Lust auf dieses Spiel, aber sie schaute sich gehorsam die Autos an und zeigte dann auf einen blauen Jaguar.
„Ich glaube, ich würde mir den BMW aussuchen“, sagte Dan.
Terry interessierte sich nicht für den BMW. Stattdessen beobachtete sie geistesabwesend die Kellner und Kellnerinnen beim Schichtwechsel. Adam Messner, der mit ihnen im selben Mathekurs war, nahm gerade eine Schürze vom Haken und band sie sich um seine schmale Taille. Dann begann er seine Arbeit hinter der Theke.
Dan hatte seine Hand auf ihre gelegt. Sie drehte sich zu ihm um und schaute in sein hübsches Gesicht mit dem sorglosen Lächeln und den freundlichen grünen Augen. Guter alter Dan. Immer war er für sie da.
Er musterte sie nachdenklich. „Machst du dir immer noch Gedanken um deinen Test?“, fragte er.
Sie nickte. „Zu Hause ist zurzeit richtig dicke Luft“, sagte sie. „Du kennst ja meinen Vater und weißt, dass er immer viel um die Ohren hat. Aber im Fall Austin sind ihm jetzt ständig die Reporter auf den Fersen. Da ist seine Laune einfach unerträglich, wenn er nach der Arbeit nach Hause kommt.“
Jeder in Shadyside wusste über den Fall Austin Bescheid. Henry Austin, ein berüchtigter Bandenführer, war wegen Mordes verhaftet worden. Die Presse war jetzt wie wild hinter der Geschichte her und Richter Phillips war für den Fall zuständig. Aber er hasste diesen ganzen Medienrummel.
„Mama ist da auch keine Hilfe“, erzählte Terry weiter. „Wenn sie von ihren Wohltätigkeitsbällen und sonstigen Versammlungen redet, wird Papa noch gereizter. Sie lebt in ihrer eigenen Welt und die gespannte Atmosphäre bei uns zu Hause ignoriert sie einfach.“
Terry blickte flüchtig zu Dan auf. Er nickte und drückte verständnisvoll ihre Hand.
„Und dann komme ich noch mit meinem dummen Matheproblem daher. Dan, es ist einfach völlig unmöglich, dass ich in diesem Test auf 700 Punkte komme. Letzte Woche habe ich einen Übungstest gemacht und dabei nur 600 geschafft. Papa wird aus der Haut fahren, wenn ich bei der Prüfung nicht besser abschneide.“
Sie seufzte und senkte den Kopf, sodass ihr das Haar ins Gesicht fiel. „Das wäre was, wenn ich mir am Samstag einfach dein Gehirn ausleihen könnte, nur für den einen Tag …“
Plötzlich hielt sie inne. Sie klemmte sich das Haar hinter die Ohren und blickte Dan direkt ins Gesicht.
„Hey“, sagte sie lachend. „Du schaffst doch mit Leichtigkeit 700 Punkte. Vielleicht könntest du ja den Test für mich machen! Ich meine, Terry könnte doch genauso gut ein Jungenname sein …“
Ihre Stimme stockte, als sie Dans Gesichtsausdruck sah. Sein Lächeln verschwand und er runzelte die Stirn.
Terry fühlte, wie ihr die Schamröte ins Gesicht stieg. Wie konnte sie so etwas nur sagen!
„He, komm schon, Dan, ich hab doch bloß Spaß gemacht“, sagte sie und versuchte, ihre Verlegenheit zu überspielen. Sie stupste ihn in die Rippen und tat so, als sei sie beleidigt, weil er sie ernst genommen hatte.
Seine Gesichtszüge entspannten sich ein wenig. „Schon gut, ich hab ja gewusst, dass du nur Spaß machst“, sagte er nervös.
Terry tat so, als glaubte sie ihm.
Dan schlürfte sein Glas leer und schaute auf die Uhr. „Ich muss gehen“, sagte er. „Meine Mutter hat mich gebeten, sie beim Tennisklub abzuholen. Soll ich dich heimfahren?“
„Nein danke“, sagte Terry. „Ich bin mit Jill im Einkaufszentrum verabredet.“
Dan stand auf und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Sorg dich nicht um den Test. Ich weiß, dass du’s schaffst.“
Sie lächelte ihn an. „Bestimmt“, sagte sie. „Bis morgen dann.“
Er küsste sie noch einmal, dann wandte er sich um und verließ das Café.
Sie schaute ihm nach, wie er zur Tür hinausging. Dann starrte sie nachdenklich auf die Theke und nippte an ihrem Milchshake.
Dan war wirklich klasse – irgendwie. Er war so offen und ehrlich. Das gefiel ihr an ihm, aber gleichzeitig ärgerte sie sich darüber.
Terry war im Grunde auch ein guter Mensch. Aber manchmal verspürte sie den Drang, etwas Unrechtes zu tun, nur ein kleines bisschen zumindest. Aber Dan hielt sie jedes Mal davon ab und überredete sie, vernünftig und ehrlich zu bleiben. Dann bekam sie ein schlechtes Gewissen, dass sie überhaupt an so etwas gedacht hatte, was immer es auch war.
Sie schob ihr Glas beiseite und schaute auf. Adam Messner lächelte sie über die Theke hinweg an.
Ob er schon lange da stand und sie beobachtete?
Terry rutschte nervös auf ihrem Sitz hin und her. Dieses Lächeln – da steckte doch etwas dahinter! Hatte er gehört, was sie zu Dan gesagt hatte? Hatte er gelauscht?
Adam beugte sich langsam über die Theke zu ihr herüber und kam ganz dicht heran. „Ich mach’s“, flüsterte er.
Sie erschrak und wich zurück. „Was meinst du? Was willst du machen?“ Dabei wusste sie genau, was er meinte.
„Den Test“, sagte er. „Ich mach ihn für dich.“
Sie musterte ihn sorgfältig – sein hageres Gesicht mit den dunklen Augen, sein schulterlanges schwarzes Haar. Sein Lächeln war verschwunden. Er meinte es ernst.
Terry mochte Adam nicht besonders. Er wohnte in einem schäbigen Haus in der Fear Street und trieb sich mit einer ungehobelten Bande herum. Aber in Mathe war er spitze, das wusste sie.
„Trotzdem, ich tu es besser nicht“, dachte sie bei sich. „Es gehört sich nicht.“
Aber schon während sie das noch dachte, wusste sie, dass sie es im Grunde doch wagen wollte. Sie musste an ihren Vater denken und stellte sich sein enttäuschtes Gesicht vor, wenn sein Blick auf ihr neues Testergebnis fiele. Kein bisschen besser als das erste würde es sein, vielleicht sogar noch schlechter.
„Nein“, dachte sie. „Ich muss auf 700 Punkte kommen. Ich mach’s.
Ich werde betrügen.“
Sie nickte Adam zu. Und sie wusste, dass er verstand.
„Warum machst du das für mich?“, flüsterte sie.
„Sagen wir mal so“, sagte er und kam so nah heran, dass seine Lippen fast ihr Ohr berührten. „Ich hab etwas, was du willst – und du hast etwas, was ich will.“
2
„Und das … das wäre?“, stammelte Terry. „Was willst du von mir?“
Adam legte die Ellbogen auf die Theke und stützte den Kopf auf die Hände. „Du musst mit mir ausgehen“, sagte er. „Eine Verabredung mit dir, das will ich.“
„Eine Verabredung?“, dachte Terry. „Mehr nicht?“
Sie atmete auf. Einmal nur mit Adam ausgehen und schon wäre ihr Matheproblem gelöst.
Wäre es das? Sollte es wirklich so einfach sein zu mogeln?
„Was ist, wenn sie einen Ausweis oder so was sehen wollen?“, flüsterte Terry unsicher. „Was ist, wenn sie dahinterkommen?“
„Werden sie nicht“, versicherte Adam. „Ich hab beim letzten Mal den Test in Waynesbridge gemacht. Der findet in diesem riesigen Auditorium mit Hunderten von Leuten statt. Keiner kümmert sich da um Ausweise oder so was. Es wird ein Kinderspiel.“
„Er hat sich schon alles genau überlegt“, dachte Terry. „Vielleicht klappt es ja wirklich. Dan würde stinkwütend werden, wenn er dahinterkäme. Aber er wird es nicht erfahren.“
Terry war ein hübsches Mädchen und sie wusste, wie man mit Jungen umging. Einmal würde sie also mit Adam ausgehen. Das war’s dann und keine Menschenseele würde was davon erfahren. Das klang fast schon zu einfach.
Sie hielt in ihrem Gedankengang inne und musterte Adam erneut. Sie hatte nie bemerkt, dass er sich für sie interessierte – er war ihr bisher nicht einmal sonderlich aufgefallen.
Während sie ihn so anschaute, musste sie feststellen, dass sie ihn eigentlich attraktiv fand, wenn auch undurchsichtig. Er sah zwar nicht so gut aus wie Dan, nicht so typisch amerikanischadrett, aber er hatte irgendetwas, was Dan nicht hatte – etwas Geheimnisvolles, Wagemutiges, was ihn sexy wirken ließ. Lässig und cool wie immer stand er nun hinter der Theke und blickte sie erwartungsvoll an.
„In Ordnung“, sagte sie. „Ein Mal.“
Jetzt lächelte er – ein ganz klein wenig. „Sagen wir am Samstagabend, nach dem Test.“
„Das geht nicht“, sagte sie. „Da bin ich schon mit Dan verabredet.“
„Dann sagst du eben ab“, gab Adam zurück.
Sie runzelte erstaunt die Stirn. Aber da wusste sie schon, dass sie Dan tatsächlich absagen würde. Nur dieses eine Mal.
Da fiel ihr noch etwas ein. „Was wird denn Sheila dazu sagen?“, fragte sie Adam.
Sheila Coss war Adams Freundin. Terry kannte sie nicht sehr gut, aber sie hatte immer ein wenig Angst vor ihr. Sheila war knallhart und scheute auch vor Schlägereien nicht zurück.
„Was Sheila nicht weiß, macht sie nicht heiß, oder?“, sagte Adam.
Terry nickte. „Also, ich gehe jetzt besser. Bis dann.“
Sie wartete auf eine Antwort. Aber Adam sagte nichts, sondern griff nach einem Lappen und fing an, die Theke sauber zu wischen.
Am Samstagmorgen wachte Terry schlagartig auf und schaute auf die Uhr – es war Punkt acht. Schnell zog sie sich an. Schließlich musste sie so tun, als würde sie nach Waynesbridge fahren.
Ihr Vater hatte sich bereits in sein Arbeitszimmer zurückgezogen, als sie hinunterging, um noch schnell ein Glas Saft zu trinken. Mrs Phillips war gerade auf dem Weg zur Tür.
„Wieso stehst du denn schon so früh auf?“, fragte sie.
„Ich hab doch heute meinen Mathetest, erinnerst du dich nicht?“, sagte Terry.
„Ach ja, richtig. Na dann, alles Gute, Liebes. Ich muss zum Country Club. Es gibt noch so viel für den Frühlingstanz vorzubereiten, der demnächst stattfindet.“
Damit warf sie ihrer Tochter noch schnell eine Kusshand zu und eilte hinaus.
Terry trank ihren Saft aus und ging ebenfalls. Sie stieg in ihr Auto und fuhr in Richtung Waynesbridge. Aber sie fuhr an der Abfahrt Waynesbridge vorbei und steuerte einen nahe gelegenen Park an. Unter ein paar Bäumen hielt sie an und blieb wartend im Auto sitzen.
Sie starrte auf die Uhr am Armaturenbrett. Neun Uhr. Adam würde jetzt mit dem Test beginnen.
Terry spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. „Hoffentlich geht alles gut“, dachte sie.
„Hoffentlich geht er auch wirklich hin und lässt mich nicht im Stich. Hoffentlich erwischt ihn keiner. Hoffentlich fragt ihn keiner nach seinem Ausweis. Hoffentlich erkennt ihn niemand. Hoffentlich werde ich nicht erwischt …“
Drei Stunden später ließ sie den Motor an und fuhr zurück nach Hause. Ihre Mutter war noch nicht da, ihr Vater saß immer noch hinter verschlossener Tür im Arbeitszimmer.
Terry sah nach, ob es Nachrichten auf dem Anrufbeantworter gab. Nichts. Hoffentlich hörte sie bald etwas von Adam. Sie wollte wissen, wie es gelaufen war.
Sie saß in der Küche, als ihr Vater hereinkam, um etwas zu Mittag zu essen. Er sah müde aus, aber als er sie erblickte, lächelte er. „Terry, du bist ja schon zurück! Ich hab dich gar nicht kommen hören.“
Sie merkte, wie sie rot wurde. Damit ihr Vater das nicht sah, ging sie zum Kühlschrank und durchsuchte die Regale. „Hallo, Papa. Ich mach dir ein Sandwich, ja?“
Mr Phillips setzte sich an den Küchentisch. „Und, wie war der Test?“, fragte er.
„Prima“, sagte Terry. „Ich glaube, diesmal hat es wirklich geklappt.“
„Das freut mich. Ich wusste doch, dass mehr in dir steckt.“
Terry errötete noch mehr, aber zum Glück bemerkte ihr Vater das nicht. Sie machte sich daran, ihm ein Schinkensandwich zuzubereiten, und wollte es ihm gerade hinstellen, als das Telefon klingelte. Mit einem Satz sprang sie auf.
„Ich geh ran!“, rief sie und rannte hin.
„Hallo?“
„Hallo, Melanie?“, fragte jemand.
Melanie war Terrys Mutter. „Nein, ich bin ihre Tochter“, sagte Terry. „Meine Mutter ist gerade nicht da. Kann ich ihr was ausrichten?“
Es war eine von Mrs Phillips’ Freundinnen. Terry notierte, was sie ihr durchgab. Dann legte sie auf. Ihr Vater kaute an seinem Sandwich und las die Titelseite der Zeitung, als Terry in die Küche zurückkam.
Terrys Blick fiel auf die Schlagzeile:
Zweiter Mann der Austin-Bande sagt gegen seinen Boss aus – Mord, Bestechung und Betrug gestanden
„Das ist Papas Fall“, dachte Terry.
„Ich denke, ich gehe nach oben und mache ein Nickerchen“, sagte Terry. „Ich bin ganz schön müde.“
„Mach das ruhig, mein Schatz“, sagte ihr Vater. „Du hast es verdient.“
Terry ging nach oben in ihr Zimmer und schloss ab. Sie hatte ein eigenes Telefon und wählte Adams Nummer.
Er nahm ab.
„Adam!“, rief sie. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Hier ist Terry. Wie war’s?“
„Prächtig“, sagte Adam. „Es war ein Klacks!“
Terry atmete erleichtert auf.
„Bis zu dem Augenblick, als ich gehen wollte“, fügte Adam hinzu.
Terry blieb das Herz stehen. „Wieso, was ist passiert?“
„Sie wollten von allen einen Ausweis mit Foto sehen. Tut mir leid, Terry. Sie müssen Lunte gerochen haben.“
Terry kniff die Augen zu. „Das war’s dann wohl“, dachte sie. „Ich wurde beim Mogeln erwischt. Das ist das Ende.“
3
„Hey, Terry!“, rief Adam. „Bist du noch dran?“
Terry rang nach Luft. „Ja … ich bin noch da“, stammelte sie mit erstickter Stimme.
Es blieb still in der Leitung. Dann hörte Terry, wie Adam ein Geräusch machte. Es dauerte eine Weile, bis sie begriff, dass er lachte.
Wie konnte er jetzt lachen!
„Worüber lachst du?“, fragte sie mit zitternder Stimme. Das war doch wohl wirklich alles andere als lustig!
„Ich hab dich auf den Arm genommen, Terry“, sagte Adam. „Sie haben gar keine Ausweise kontrolliert. Keiner hat irgendeinen Verdacht geschöpft. Der Test lief reibungslos. Alles nach Plan!“
Terry versuchte, ihren Ärger hinunterzuwürgen. Die Sache war doch wirklich ernst genug, wie konnte er damit nur seine Späße treiben?
Aber dann begriff sie, wieso er das lustig finden konnte. Klar! Der Test war ernst für sie, aber nicht für ihn. Während er nichts zu verlieren hatte, stand für sie ihre ganze Zukunft auf dem Spiel.
„So“, sagte Adam. „Nun ist es Zeit für meinen Lohn. Wann soll ich dich abholen?“
„Komm nicht hierher“, antwortete Terry schnell. Sie wollte nicht, dass irgendjemand in der Gegend Adam mit ihr zu Gesicht bekam – schon gar nicht ihre Eltern. „Ich meine, du brauchst mich nicht abzuholen. Wir können uns ja irgendwo treffen.“
„In Ordnung. Und wo?“
Terry knabberte nachdenklich an ihrem Fingernagel. „Sagen wir Ecke Village Road/Mission Street?“ Das war in der Altstadt, nicht allzu weit von ihrem Haus entfernt. „Weißt du, wo das ist?“
„Klar“, sagte Adam. „Ich komme um acht dorthin.“
„Gut.“
„Noch was, Terry. Zieh dich bloß nicht an wie eine Prinzessin von North Hills. Heute Abend wirst du meine Welt kennenlernen, die ist anders als dein feiner Country Club.“ Er legte auf, bevor Terry antworten konnte.
Terry kochte vor Wut. Wie kam er dazu, sie Prinzessin zu nennen? Sie konnte sich schließlich überall sehen lassen, egal, wo er sie hinführte.
Trotzdem machte sie sich am Abend Gedanken darüber, was sie am besten anziehen sollte. Sie entschied sich für ein Paar alte Jeans und ein einfaches schwarzes Oberteil. Ihren Schmuck legte sie ab.
Um fünf vor acht verließ sie das Haus. Ihrer Mutter erzählte sie, sie ginge zu Jill. Zwei Straßen weiter nahm sie den Bus bis zur verabredeten Ecke. Dort wartete sie.
Fünf Minuten später kam ein ramponierter, alter schwarzer Mustang angefahren und hielt. Es war Adam.
Er stieg gar nicht erst aus, sondern ließ den Motor laufen, steckte den Kopf aus dem Fenster und grinste sie vielsagend an. „Na“, sagte er. „Steig ein.“
Sie ging um das Auto herum zur Beifahrerseite. Er stieß die Tür auf und sie stieg ein.
Während der Fahrt schwiegen sie. Die Stille war Terry unangenehm. Alle paar Minuten warf sie einen flüchtigen Blick zu Adam hinüber und musterte ihn so unauffällig wie möglich.
Sie musste zugeben, dass er toll aussah. Er trug Jeans und ein einfaches Hemd – nichts Besonderes, aber mit seiner schlanken Figur sah das irgendwie sexy aus.
Dan hätte in denselben Sachen gepflegt und irgendwie zugeknöpft ausgesehen. Aber Adam, mit seinem wilden Haar und seinen dunklen Augen, wirkte fast wie ein Rockstar.
Terry schaute interessiert aus dem Fenster, als sie durch die Altstadt fuhren. „Wo fahren wir denn hin?“, wollte sie wissen.
„Zum Underground. Warst du schon mal da?“
„Nein – bis jetzt noch nicht.“ Terry wollte nicht zugeben, dass sie davon noch nicht einmal gehört hatte.
Langsam kurvten sie durch ein heruntergekommenes Kaufhausviertel. Die Straßen waren menschenleer und nur hier und da von einer Straßenlaterne beleuchtet. Sie bogen in eine dunkle Gasse ein. Vor einem der Kaufhäuser standen eine Menge Autos. Aber was sich hinter der Fassade verbarg, konnte Terry nicht erkennen – es gab nur ein rotes Licht über der Tür.
Adam steuerte einen freien Parkplatz an. Hier war es also – das Underground.
Ohne sich nach Terry umzudrehen, stieg Adam aus und ging auf die Tür mit dem roten Licht zu. Terry folgte ihm.
Adam zog die Tür auf. Ein Schwall lauter Musik dröhnte plötzlich auf Terry ein. Direkt hinter der Tür stand ein muskulöser Türsteher. Nach einem flüchtigen Blick auf Adam kontrollierte er Terry und ließ dann beide durch.
Der Saal war riesengroß, dunkel und voller Leute. Einige saßen in einer Ecke, rauchten und unterhielten sich. Andere tanzten dicht gedrängt in der Mitte des Raums.
Die meisten Jungen hatten genauso einen gleichgültigen, etwas gefährlichen Blick wie Adam, hatten ungekämmtes langes Haar und trugen gammelige Klamotten und Kampfstiefel. Die Mädchen trugen Jeans oder enge Kleider, hatten dunkel geschminkte Lippen und einen höhnischen Gesichtsausdruck.
Terry wusste, dass sie nicht hierherpasste, auch wenn sie sich alle Mühe gegeben hatte, nicht wie eine ‚Prinzessin von North Hills‘ auszusehen. Ihre Jeans waren zwar am Knie zerrissen, aber sauber, und sie hatte eine ordentliche Frisur und ein rosiges Gesicht. Ihr war etwas un behaglich zumute, während sie so um sich schaute, und das feindselige Funkeln in den Augen mancher Mädchen entging ihr nicht.
Aber das Gefühl, hier nicht am rechten Platz zu sein, war auch beruhigend. „Immerhin“, so dachte sie, „laufe ich hier bestimmt keinem über den Weg, den ich kenne. Wie Adam schon ganz richtig sagte, das Underground war kein Country Club.“
Adam nahm sie an der Hand und führte sie durch die Menge hindurch auf die Tanzfläche. Sie fingen an, zu dem dröhnenden Rhythmus zu tanzen. „Adam ist der erste Junge, der beim Tanzen nicht blöd aussieht“, dachte Terry. Er bewegte sich ganz locker und cool. Er tanzte wie in seiner eigenen Welt, aber hin und wieder schaute er sie an mit seinem glutvollen Blick und diesem gewissen Lächeln.
Die Musik spielte ohne Unterbrechung, ein Song ging nahtlos in den nächsten über. Terry verlor sich allmählich ganz in dieser Musik. Sie vergaß die Leute um sich herum – tanzte nur noch.
Als sie Adam flüchtig anblickte, bemerkte sie, dass er sie beim Tanzen beobachtete. Sie sahen sich in die Augen und tanzten zusammen, ohne sich zu berühren.
Der Saal füllte sich. Leute stießen mit ihnen zusammen und schoben sie näher aneinander, aber es schien alles Teil der Musik und des Rhythmus zu sein. Es wurde immer heißer auf der Tanzfläche und die Musik immer lauter.
Terry hatte keine Ahnung, wie lange sie so tanzte. Sie spürte, wie ihr ein Schweißtropfen den Rücken hinabglitt.
Später, als es nicht mehr ganz so voll war, nahm Adam sie wieder bei der Hand und führte sie von der Tanzfläche. An einem der Tische bestellte er zwei Gläser Wasser.
Terry war durstig und trank das Wasser in einem Zug aus. Ihr Gesicht und ihr Haar waren ganz nass geschwitzt. Sie hätte nicht gedacht, dass es ihr hier so gut gefallen würde.
„Komm, wir gehen“, sagte Adam. Er stellte sein Glas auf den Tisch, nahm ihr ihres aus der Hand und setzte es ebenfalls ab. Dann führte er sie zur Tür.
Draußen war es kühl. Terry lächelte und sagte: „Es ist richtig angenehm hier draußen!“
Adam knöpfte sein Hemd auf und fechelte sich damit Luft zu. „Du kannst gut tanzen“, sagte er.
Terry errötete ein wenig. „Du aber auch.“
Während sie nach dem schwarzen Mustang Ausschau hielt, fiel ihr auf, dass sich die Parkplätze gelichtet hatten. „Es muss später sein, als ich dachte“, überlegte sie.
Sie stieg ein und sie fuhren durch die menschenleeren Straßen. Terry kurbelte das Fenster herunter und hielt ihr Gesicht in die kühle Frühlingsluft. Das Radio spielte leise.
Schließlich bogen sie in die Straße ein, in der sie wohnte. Terry bat Adam, sie an der Ecke abzusetzen. Adam gehorchte und hielt am Bordstein an. „Eigentlich ist der Abend viel zu schnell vergangen“, dachte Terry.
Sie drehte sich zu ihm um und wollte sich bei ihm bedanken, doch ehe sie etwas sagen konnte, beugte er sich zu ihr herüber und küsste sie, lang und fest.
Zuerst erschrak sie, doch dann verlor sie sich in seinem Kuss, so wie sie sich in der Musik im Underground verloren hatte.
Terry musste schließlich nach Luft schnappen. Etwas verlegen sagte sie: „Danke für alles, Adam. Danke für – du weißt schon, den Test, und für den Abend auch.“
Sie stieg aus und schlug die Wagentür hinter sich zu. Durch das offene Fenster rief er ihr nach: „Was machst du morgen?“
Sie blieb stehen und dachte nach. Morgen war Sonntag. „Morgen spiele ich um eins mit Jill Tennis im Club, vorausgesetzt, es ist warm genug.“
„Toll“, sagte Adam. „Dann komme ich um eins dorthin.“
Wie bitte?
Terry glaubte ihren Ohren nicht zu trauen.
„Eine Verabredung hatten wir ausgemacht“, dachte sie, „eine und nicht mehr!“
Doch noch ehe sie widersprechen konnte, brauste Adam davon. Sie schaute ihm nach, bis er um die Ecke bog. Dann war er weg.
Sie lief die dunkle Straße hinab nach Hause.
Wie hatte sie es bloß fertiggebracht, sich in diese Sache hineinzumanövrieren? Und was sollte sie mit einem Typ wie Adam im Country Club von North Hills? Er würde da noch weniger reinpassen als sie ins Underground.
Und wie sollte sie das Jill erklären? Jill wusste doch weder etwas von dem Test noch von der Verabredung. Niemand wusste etwas davon.
Und es sollte auch niemand davon erfahren. Auf gar keinen Fall.
„Adam konnte das unmöglich ernst gemeint haben“, überlegte Terry. „Was sollte er denn auch im Club wollen? Bestimmt hat er mich bloß auf den Arm genommen. Das wäre ja nicht das erste Mal.“
Schließlich war sie überzeugt davon, dass Adam gar nicht vorhatte, zum Club zu kommen. Eigentlich hätte sie jetzt beruhigt sein können, aber es war so unheimlich still auf der Straße, so menschenleer und finster …
Sie lief schneller und spähte ängstlich um sich. Endlich sah sie im Licht der Straßenlaterne ihr Haus – nur noch ein paar Schritte.
Sie ging darauf zu. „Keine Sorge“, sagte sie zu sich selbst. „Gleich bist du zu Hause. Gleich bist du in Sicherheit …“
Plötzlich bewegte sich etwas im Gebüsch neben dem Haus.
Terry erstarrte vor Schreck. Was war das?
Sie spähte ins Gebüsch, aber es rührte sich nichts. Da raschelte es wieder.
Terry blieb wie angewurzelt stehen.
Sie sah, wie sich eine Gestalt im Dunkeln bewegte.
„Es wird Zeit, dass du nach Hause kommst“, sagte eine Stimme in gehässigem Ton. „Ich habe schon auf dich gewartet.“
4
Terry wollte wegrennen, aber ihre Beine waren schwer wie Blei.
„Wer ist da?“, flüsterte sie.
Die Gestalt trat ins Laternenlicht. Terry kniff die Augen zusammen. Wer war das bloß?
Es war eine Frau. Nein. Ein Mädchen. Mager, mit hellrotem Haar.
Jetzt erkannte Terry sie. Es war Sheila Coss, Adams Freundin.
„Sheila? Was machst du denn hier?“
Sheila stand zwischen Terry und der Haustür. „Sag mal, was spielt sich da ab zwischen dir und Adam?“, zischte sie.
Woher wusste Sheila Bescheid?, fragte sich Terry. Vielleicht wusste sie ja auch gar nichts, sondern hatte bloß so eine Ahnung. Terry hielt es für das Beste, zu lügen.
„Ich weiß nicht, wovon du sprichst“, antwortete sie. „Ich kenne Adam doch kaum.“
„Hah!“, kam es zynisch zurück. Sheila kramte eine Packung Zigaretten aus ihrer Gesäßtasche, zündete sich eine an und blickte Terry finster ins Gesicht.
„Ich weiß, dass Adam ein anderes Mädchen an der Angel hat“, sagte sie. „Seit Wochen weiß ich schon darüber Bescheid.“
Terry war überrascht, ließ sich aber nichts anmerken. Ob das stimmte? Mit wem konnte sich Adam denn noch getroffen haben?
Sheila blies einen Zigarettenring in die Luft. „Ach was, das bildet die sich bloß ein“, dachte Terry. „Ganz bestimmt.“
„Das Dumme ist bloß“, fuhr Sheila fort, „ich weiß nicht, mit wem sich dieser Mistkerl rumtreibt, jedenfalls weiß ich es nicht sicher. Aber das finde ich noch raus. Und zwar bald.“
Terry fröstelte jetzt, nachdem sie vorher so geschwitzt hatte. Es war spät, sie war müde und wollte nur noch ins Haus.
Sie trat einen Schritt vor, doch Sheila versperrte ihr den Weg.
„Wenn du dahinterstecken solltest“, flüsterte Sheila drohend, „dann sieh dich vor! Wer immer sich an Adam ranmacht, der kann was erleben!“
Damit trat sie zur Seite, warf ihre Zigarette auf den Rasen und entfernte sich mit aller Gemächlichkeit.
Terry trat die Zigarette aus und rannte ins Haus. Sie schlug die Tür hinter sich zu und schloss mit zitternden Händen ab.
Dann ging sie hinauf in ihr Zimmer und zog sich aus. Doch als sie im Bett lag, fand sie keine Ruhe. „Der Test ist vorbei“, sagte sie sich zur eigenen Besänftigung, „und die Verabredung hab ich auch hinter mir. Sheila weiß nichts Genaues, also, was soll’s …“
Aber wenn Sheila nichts wusste, wieso war sie dann vor Terrys Haus aufgekreuzt? Wie sollte sie auf die Idee kommen, dass Terry sich mit Adam getroffen hatte, wenn sie nicht doch etwas wusste?
Während ihr diese Gedanken noch im Kopf herumspukten, fiel sie schließlich in einen unruhigen Schlaf.
Es war schon spät, als sie am nächsten Tag aufwachte, ohne ausgeschlafen zu sein. Sie musste sich mit dem Anziehen beeilen, wenn sie nicht zu spät zum Tennis kommen wollte.
Sie schlüpfte schnell in ein sauberes weißes T-Shirt und weiße Shorts und schnappte sich Tennisschläger, Tasche und Autoschlüssel.
Es war genau ein Uhr, als sie den Parkplatz des Clubs erreichte. Die Sonne schien und es war sehr warm, schon richtig frühlingshaft.
Terry stieg aus und machte sich auf den Weg zum Clubhaus. Jill war anscheinend noch nicht da.
Dafür stand Adam draußen vor dem Zaun. Er trug ein schwarzes T-Shirt, abgeschnittene Jeans und schwarze hohe Turnschuhe – nicht unbedingt das, was Tennisspieler sonst so tragen. Das schwarze Haar hatte er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, in der Hand hielt er einen ramponierten Holztennisschläger und eine Sporttasche.
Adam machte ein missmutiges Gesicht. Neben ihm stand ein Wächter in Uniform, die Arme vor der Brust verschränkt.
Terry schluckte nervös, als sie auf den Zaun zuging. „Er hat es wirklich ernst gemeint“, dachte sie ärgerlich. „Der kreuzt tatsächlich hier auf, es ist einfach nicht zu fassen!“
„Na, Terry?“, sagte er, als sie bei ihm ankam. „Dieser Typ hier“ – er zeigte mit dem Daumen auf den Wächter –, „der will mich nicht reinlassen. Ich hab ihm gesagt, dass du mich eingeladen hast, aber er will mir nicht glauben.“
Terry wäre am liebsten im Erdboden versunken. Der Wächter starrte sie jetzt erstaunt an, obwohl er immer noch so aussah, als wollte er sagen: Unfug, kommt gar nicht infrage!
„Äh, geht schon in Ordnung“, sagte sie zu ihm. „Er gehört zu mir.“
Der Wächter machte immer noch ein skeptisches Gesicht, ließ aber dann die Arme sinken und trat beiseite.
Terry führte Adam durchs Tor, hinein in den North Hills Country Club.
North Hills war der exklusivste Club von ganz Shadyside. Hohe Mauern schützten vor neugierigen Blicken, sodass nur wenige Nichtmitglieder wussten, wie es drinnen aussah. Es gab dort wunderschöne Gartenanlagen, zwei beheizte Schwimmbäder, luxuriöse Umkleideräume, zehn tipptopp gepflegte Tennisplätze und einen hügeligen Golfplatz.
Das Clubhaus war eine alte Villa im Tudorstil. Es barg Squash- und Racketballplätze, einen Bankettsaal mit einem riesigen Kronleuchter, Gesellschaftsräume, ausgestattet mit Ledersesseln, und ein Restaurant mit Blick auf die Spielflächen im Freien.
Terry war diesen ganzen North-Hills-Luxus von klein auf gewöhnt und kannte gar nichts anderes. Für sie war das einfach der Club.
Doch als sie Adam durch die Gartenanlagen zur Snackbar führte, merkte sie, wie die Leute sie anstarrten. Adam fiel mit seinen dunklen Klamotten auf unter diesen geschniegelten und gebügelten High-Society-Typen, die in ihrer schneeweißen Tenniskleidung einherspazierten.
Gleichzeitig versuchte Terry, sich vorzustellen, was für einen Eindruck dieser Club wohl auf Adam machen mochte, der eine ganz andere Umgebung gewohnt war. Bei diesem Gedanken fühlte sie sich ziemlich unbehaglich.
„Der Laden hier muss ihm ganz schön spießig vorkommen“, dachte sie. „Und die Leute hier wie ein Haufen hochnäsiger Langweiler.“
Sie lächelte ihn etwas verlegen an, als sie sich an einen der Korbtische in der Snackbar setzten, um auf Jill zu warten. An einem der Nachbartische redete man anscheinend über ihn. Adam schien es nicht zu bemerken.
„Du hast dich wohl gewundert, dass ich gekommen bin“, sagte Adam zu Terry.
Sie rutschte verlegen auf ihrem Stuhl hin und her. „Nein, nein. Wirklich nicht.“
Er lachte auf. „O doch, das stand dir deutlich ins Gesicht geschrieben.“
Sie war heilfroh, als Jill auftauchte – da konnte sie wenigstens das Thema wechseln.
Als Jill näher kam, machte sie ein verdutztes Gesicht. „Jetzt hat sie Adam erkannt“, dachte Terry. „Sie wird sich fragen, was der hier zu suchen hat. Was soll ich ihr bloß erzählen?“
„Hallo, Jill“, sagte Terry, bevor Jill den Mund aufmachen konnte. „Du kennst doch Adam Messner aus dem Mathekurs, oder?“
„Klar“, sagte Jill. „Aber –“
„Er will mit uns Tennis spielen“, unterbrach Terry sie. „Jetzt fehlt uns nur noch ein vierter Mann für eine Doppelpartie.“
„Wie wär’s denn mit mir?“, sagte jemand. Es war ein großer, gut aussehender blonder Junge, der am Nebentisch saß.
Ihr rutschte das Herz in die Hose, als sie ihn erkannte. Es war Richard Smith.
Richard Smith war ein kluger Kerl, aber furchtbar arrogant. Er ging Terry total auf die Nerven. Seit der neunten Klasse versuchte er schon vergeblich, mit ihr anzubändeln. Sie machte sich einen Spaß daraus, ihn immer wieder abblitzen zu lassen. Aber er war so von sich eingenommen, dass das alles nichts fruchtete. Er wollte einfach nicht lockerlassen.
Richard stand auf und schlenderte auf Terry zu. Über seine perfekte Nase hinweg schaute er auf Adam herab.
Adam ignorierte ihn mit kühler Miene. Terry war in diesem Moment fast ein bisschen stolz auf Adam, obwohl sie das eigentlich dumm fand. Sie war froh, dass er sich von Richard nicht aus der Ruhe bringen ließ. Adam war kein Angsthase.
„Was für ein niedlicher Pferdeschwanz“, spottete Richard mit breitem Grinsen.
„Halt den Mund, Richard“, sagte Terry. „Du und Jill gegen Adam und mich. Also los.“
Sie gingen zum Tennisplatz hinunter. Adam gab den Ball an. Er gewann den Punkt mit einem Schlag.
„He, was soll das, ich war doch noch gar nicht so weit“, beklagte sich Richard. „Aber na gut, den einen will ich gelten lassen.“
Bei Adams nächstem Aufschlag schlug Jill den Ball zurück, aber Adam und Terry gewannen den Punkt trotzdem.
Das Match wurde schnell hitzig. Terry war ganz bei der Sache und genoss das Spiel in vollen Zügen. Sie und Adam hetzten Jill und Richard über den Platz, dass Richard schon der Schweiß übers Gesicht lief.
Adam mit seinen verrückten Klamotten und seinem Holzschläger war tatsächlich ein geschickter Spieler. Sein Stil war aggressiv und er blies Richard vom Spielfeld wie nichts.
Terry und Adam gewannen das Spiel.
Richard stürmte wortlos von dannen.
Jill kam um das Netz herum und sagte: „Leute, das war ein tolles Spiel. Tut mit leid, dass Richard so ein schlechter Verlierer ist.“
Terry lächelte Adam zu. „Sieht ganz so aus, als hätte er nicht damit gerechnet, dass er verlieren könnte. Wo hast du denn so gut Tennis spielen gelernt?“
„Auf den öffentlichen Tennisplätzen“, sagte Adam. „Mein älterer Bruder hat es mir beigebracht.“ Da war es wieder – dieses gewisse Lächeln. Terry errötete.
„Lasst uns duschen gehen“, sagte Jill. „Ich muss bald zu Hause sein.“
Terry zeigte Adam den Umkleideraum für Männer und ging dann mit Jill in den für Frauen.
Kaum war Adam weg, nahm Jill Terry in die Mangel. „Die ganze Zeit brennt es mir schon auf den Nägeln“, sagte sie ungeduldig. „Was geht hier eigentlich vor? Was macht denn Adam hier?“
Die Begeisterung über das gewonnene Spiel war für Terry von kurzer Dauer. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Sie hatte fast vergessen, wieso sie überhaupt mit Adam hier war – weil ihr nämlich nichts anderes übrig blieb. Weil er ihr Geheimnis kannte.
Aber Terry war fest entschlossen, Jill nichts zu verraten. Sie versuchte, sich herauszureden.
„Ich hab Adam zufällig unterwegs getroffen“, sagte sie wie beiläufig. „Er lungerte draußen vor dem Club herum und da dachte ich, es wäre doch so eine Art gute Tat, wenn ich ihn einlade, mit hereinzukommen.“
Jill machte ein ungläubiges Gesicht. „Eine gute Tat? Bisher hast du Adam doch nicht mal Guten Tag gesagt.“
„Ich weiß“, sagte Terry. „Vielleicht war das aber nicht richtig. Ich möchte nicht so ein Snob sein wie Richard zum Beispiel. Und Adam hat’s ihm wirklich gezeigt, findest du nicht?“
Jill fing an zu kichern. „Und ob. Das war echt zum Schießen – auch wenn ich auf der Verliererseite war.“
„So“, dachte Terry, „nun aber schnell das Thema wechseln.“ Sie verspürte nicht die geringste Lust, sich weiterhin über Adam zu unterhalten.
„Nun erzähl mal, wie war dein Rendezvous gestern Abend?“, fragte Terry. „Du hast mir noch kein Wort davon erzählt!“
Jill war am Abend zuvor mit Gary Brandt ausgegangen. Sie grinste, als Terry darauf zu sprechen kam.
„Ach, das war toll!“, rief sie strahlend. „Ich wollte bloß vor den beiden Jungen nichts erzählen, aber der ist wirklich nett! Wir sind erst dreimal miteinander ausgegangen, aber ich hab ein gutes Gefühl. Er ist ja so süß!“ Sie bekam richtig rote Wangen vor lauter Eifer. „Ich glaub, wir könnten glatt ein Traumpaar werden – so wie du und Dan.“
Als Terry das hörte, musste sie sich abwenden. Ein Traumpaar. Ich und Dan.
Adams Gesicht tauchte vor ihr auf. Sie versuchte, das Bild zu verdrängen, aber es blieb hartnäckig in ihrem Kopf.
Jill schlug die Spindtür zu. „Ich muss gehen“, sagte sie. „Meine Mutter kriegt heute Abend Gäste, ich hab versprochen, ihr zu helfen. Bis morgen.“ Sie packte ihre Tennistasche und ging.
Terry spürte plötzlich einen Anflug von Neid, als sie Jill mit ihrem wippenden Pferdeschwanz davoneilen sah.
„So sorgenfrei wie sie müsste man sein!“, dachte Terry. „Sie braucht sich um nichts weiter zu kümmern als um Verabredungen mit einem netten Jungen und um die Party ihrer Mutter. Und sie glaubt, bei mir wäre es genauso. Wenn sie wüsste, was ich in den letzten Tagen alles angestellt habe …“
Terry seufzte und zog sich um. Dann verließ sie den Club.
Draußen vor dem Zaun wartete bereits Adam auf sie. Er war frisch geduscht und trug jetzt ein Paar saubere Jeans und ein weißes T-Shirt. Das nasse Haar hatte er nach hinten gekämmt. Terry lächelte ihm entgegen.
„Du hast toll gespielt“, lobte sie ihn. „Ich versuche schon seit Jahren vergeblich, Richard Smith eins auf die Nase zu geben. Danke.“
Sie gingen zusammen zum Parkplatz. Adam blieb stehen und lehnte sich gegen seinen schwarzen Mustang.
„Ich weiß einen besseren Weg, mir zu danken“, sagte er. „Geh noch mal mit mir aus.“
Terry wusste nicht, was sie sagen sollte. Noch mal mit ihm ausgehen. Einerseits reizte es sie schon irgendwie. Aber Dan …
„Freitagabend“, schlug Adam vor. „Ich hole dich an derselben Ecke ab.“
„Freitagabend!“, wiederholte Terry erschrocken. Das ging auf keinen Fall. Da war sie schon mit Dan verabredet. Und sie hatte ihm schließlich schon einmal einen Korb geben müssen, um mit Adam auszugehen. Noch mal würde sie das nicht riskieren.
„Am Freitag kann ich nicht, Adam“, sagte sie. Terry erschrak, als sie einen flehenden Unterton in ihrer Stimme wahrnahm. Wie konnte das passieren? Und ausgerechnet bei einem Jungen wie Adam.
Adam stieß einen Seufzer aus. Dann drehte er sich um und stieg ins Auto, um den Motor zu starten.
Terry stand fassungslos daneben. Wieso sagte er denn nichts?
Adam kurbelte das Fenster herunter und bemerkte in aller Ruhe:
„Wenn du wirklich mit mir ausgehen willst, wirst du schon einen Weg finden. An deiner Stelle, Terry, würde ich zusehen, dass du mich bei Laune hältst. Du verstehst, was ich meine?“
Damit brauste er so rasant los, dass die Reifen Steine aufwirbelten.
Terry stand da und fühlte sich plötzlich sehr einsam.
Adam hatte recht. Sie musste ihn bei Laune halten.
Und das wusste sie nur zu gut.
Aber für wie lange?
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