Kitabı oku: «Fear Street 48 - Das Verhängnis»

Inhalt
Kapitel 1 – Hallo, Terry. Hier …
Kapitel 2 – Ich hatte in …
Kapitel 3 – Als der Regen …
Kapitel 4 – War das peinlich! …
Kapitel 5 – „Was läuft hier …
Kapitel 6 – Damit hatte sie …
Kapitel 7 – Als die Tür …
Kapitel 8 – Hi, Terry. Wie …
Kapitel 9 – Wir hatten jede …
Kapitel 10 – Wir alle drehten …
Kapitel 11 – Am anderen Tischende …
Kapitel 12 – Sie haben mich …
Kapitel 13 – „Autsch!“ Behutsam berührte …
Kapitel 14 – „Hilfe. Bitte, helft …
Kapitel 15 – „Helft mir doch …
Kapitel 16 – Starr vor Entsetzen …
Kapitel 17 – Was hatte Lindsay …
Kapitel 18 – Hallo, Terry. Ich …
Kapitel 19 – Der Tag, nachdem …
Kapitel 20 – Ich musste mich …
Kapitel 21 – Ich saß da …
Kapitel 22 – Die Frau ließ …
Kapitel 23 – Ich muss stundenlang …
Kapitel 24 – „Das muss ein …
Kapitel 25 – Hi, Terry. Ich …
Kapitel 26 – „Hey, Arnie – komm …
Kapitel 27 – Ich hielt es …
Kapitel 28 – Am nächsten Nachmittag …
Kapitel 29 – Beim Abendessen herrschte …
Kapitel 30 – Ich drehte mich …
Kapitel 31 – „Wer ist da?“ …
Kapitel 32 – Innerhalb von wenigen …
Kapitel 33 – Hi, Terry. Ich bin’s …
Kapitel 34 – Ich musste von …
Kapitel 35 – Der Wagen brach …
Kapitel 36 – Ich machte mir …
Kapitel 37 – Danny und Spencer …
Kapitel 38 – In meinem Kopf …
Kapitel 39 – „Was?“, keuchte ich …
Kapitel 40 – Ich verstand immer …
Kapitel 41 – „Mouse, warte!“, schrie …
Kapitel 42 – Ertrinken … Mein Körper …
Alle Einzelbände der Reihe „Fear Street“ als eBook
Über den Autor
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Impressum
1
– Mouse –
Hallo, Terry. Hier ist Mouse.
Ja, ich bin’s. Mouse.
Bist du überrascht?
Da ist so ein komisches Rauschen in der Leitung. Kannst du mich verstehen?
Wie geht’s dir denn so, Terry?
Ich weiß, dass du nicht reden kannst. Also hör mir einfach zu. Das tust du doch, nicht wahr?
Hey, Terry, weißt du was?
Ich habe den Test bestanden!
„Welchen Test?“, fragst du.
Den Bluttest. Haha.
War nur ein Witz, Terry. Ich hab den Test für die Rettungsschwimmer bestanden. Wirklich! Kannst du dir das vorstellen, Terry? Ich und Rettungsschwimmer!
Hat lange gedauert, was? Aber ich hab’s geschafft.
Na komm schon, Terry. Du weißt doch, dass ich alles tun würde, um Rettungsschwimmer zu werden – sogar töten.
Also hab ich’s gemacht. Echt. Ich hab einen von ihnen umgebracht. Haha.
Warum ich dir das erzähle?
Weil du mich nicht verpfeifen kannst, Terry.
Haha. Verstanden? Rettungsschwimmer? Verpfeifen? Du hattest doch schon immer Sinn für Humor. Genau wie ich. Deswegen sind wir auch so gute Freunde, was?
Ich weiß, dass du mir nicht antworten kannst, Terry.
Ich weiß, dass du tot bist.
Sonst würde ich ja hier nicht mit dem Freizeichen quatschen. Ich höre nämlich das Tuten.
Hey, ich bin nicht verrückt. Das denkst du doch nicht von mir, oder?
Natürlich ist mir klar, dass du tot bist, Terry. Und ich weiß auch, warum.
Wegen der Rettungsschwimmer.
Und deswegen werde ich sie töten. Einen nach dem anderen.
Ich tue es für dich, Terry. Nur für dich. Mouse lässt seine Freunde nicht im Stich.
Auch wenn du tot bist, bist du immer noch mein Freund, Terry. Und du wirst auf ewig mein Freund bleiben.
Ich muss ständig an letzten Sommer denken. Und an den davor. Ich kann einfach nicht damit aufhören. Selbst wenn ich es wollte. Und deswegen ist mir auch klar, dass ich die Rettungsschwimmer töten muss.
Ja. Ich weiß, dass du mir nicht danken kannst. Mach dir deshalb keine Sorgen.
Glaubst du etwa, ich würde das Freizeichen nicht hören? Ich habe gute Ohren. Natürlich höre ich es.
Ich ruf dich wieder an. Aus dem Freizeitklub oben in North Beach.
Ja, klar, Terry, du bist tot. Du musst mich nicht daran erinnern. Ich bin nämlich nicht verrückt. Kein bisschen.
Ich muss los. Bis dann, okay?
Tschüss, Terry. Pass gut auf dich auf.
Ich kümmere mich um alles andere.
2
– Lindsay –
Ich hatte in solcher Eile gepackt, dass ich ganz vergessen hatte, die Sonnencreme einzustecken.
Das fiel mir plötzlich ein, als ich die vier Blocks von der Bushaltestelle bis zum Eingangstor lief. Es ist schon komisch, was einem manchmal so durch den Kopf geht.
Was hatte mich bloß auf Sonnencreme gebracht? Das Wetter bestimmt nicht. Ich blickte zu den dunklen Sturmwolken auf, die tief am Himmel hingen. In einiger Entfernung war Donnergrollen zu hören und der böige Wind fühlte sich kühl und feucht an.
„Ich hoffe, das Gewitter zieht schnell vorbei“, dachte ich. „Morgen ist der Eröffnungstag. Da möchte ich auf meinem Ausguck sitzen und mich in der Sonne aalen.“
Ich ließ meinen schweren schwarzen Seesack zu Boden fallen und warf einen Blick auf das Schild am Tor. NORTHBEACH-FREIZEITKLUB stand darauf.
„Da wären wir also, Lindsay“, sagte ich zu mir. „Bereit für den nächsten Sommer als Rettungsschwimmerin.“
Ich rieb mir durch das T-Shirt meine schmerzende Schulter. Der Seesack war ganz schön schwer. Ich hatte praktisch meinen gesamten Kram reingestopft. Bis auf die Sonnencreme.
Wo war ich bloß mit meinen Gedanken gewesen?
Wahrscheinlich bei dem Sommer, der vor mir lag. Wieder in der Unterkunft der Rettungsschwimmer zu wohnen – zusammen mit sieben oder acht anderen Leuten –, das musste einfach super werden! Den ganzen Sommer lang Party!
Das Eingangstor zum Freizeitklub war mit einem Vorhängeschloss gesichert. Ich musste meinen Krempel also zum Seiteneingang schleppen. Das nächste Donnergrollen – diesmal schon um einiges näher – machte mir klar, dass ich mich lieber beeilen sollte.
Durch den hohen Maschendrahtzaun warf ich einen Blick auf das Klubhaus. Unter dem sich immer mehr verdunkelnden Himmel wirkte es düster und abweisend.
Das Klubhaus war ein lang gezogenes, einstöckiges Holzgebäude, das wahrscheinlich wie eine Jagdhütte aussehen sollte, nur ungefähr hundertmal größer. Die Fenster starrten mich wie leere dunkle Augen an.
Hinter dem Haus entdeckte ich den Swimmingpool – auf der unbewegten Wasseroberfläche spiegelte sich der graue Himmel. Dahinter lagen die Tennisplätze.
Das kleine Gästehaus, in dem die Rettungsschwimmer untergebracht waren, konnte man von hier aus nicht sehen, weil es von einem Flügel des Klubhauses verdeckt wurde.
Ein Blitz zuckte knisternd über meinen Kopf hinweg und ein Donnerschlag ließ mich erschrocken zusammenfahren.
Ich wuchtete mir den Seesack über die Schulter und machte mich auf den Weg zum Seiteneingang.
Die dunklen Wolken ballten sich immer höher zusammen. Um sie herum verfärbte sich der Himmel schwefelgelb und strahlte ein seltsames Licht aus. Das Gras, der Zaun, das Klubhaus – alles nahm einen unwirklichen Farbton an.
„Beeil dich, Lindsay“, trieb ich mich an. „Du willst ja wohl nicht aussehen wie ein durchnässter Straßenköter, wenn du die anderen kennenlernst.“
Die dicken Sohlen meiner alten Turnschuhe quietschten über das Pflaster, als ich, unter dem Gewicht des Seesacks gebeugt, zu rennen begann.
Plötzlich wünschte ich mir sehnlichst einen Spiegel. Ich war so überstürzt von zu Hause aufgebrochen, dass ich nicht mal die Zeit gehabt hatte, einen Blick auf meine Frisur zu werfen. Hatte ich mich überhaupt gekämmt?
Während ich lief, fuhr ich mir mit einer Hand durch die Haare. Sie sind kurz, glatt und blond und fallen meistens genau so, wie sie sollen. Aber ich mache mir trotzdem ständig Sorgen, ob sie richtig sitzen.
Eigentlich sehe ich ganz gut aus. Ich meine, ich bin nicht schön oder so. Dafür ist meine Nase zu stupsig und mein Gesicht zu rund. Die meisten Leute finden mich niedlich, aber damit kann ich leben.
Ich spürte einen kalten Regentropfen auf meiner Stirn. Als ich aufblickte, sah ich, dass die dunklen Wolken den Himmel jetzt völlig bedeckten. Obwohl es erst Nachmittag war, kam ein Auto mit eingeschalteten Scheinwerfern auf mich zu.
Ich schützte meine Augen vor dem grellen Licht, bis der Wagen vorbei war. Dann lief ich weiter zum Seiteneingang.
Der hohe Maschendrahtzaun wackelte im Wind und gab dabei ein vibrierendes Geräusch von sich – eine Art gleichmäßiges Summen. Durch den Zaun erblickte ich das Gästehaus. Es sah aus wie eine kleinere Ausgabe des Klubhauses, an dessen einem Ende es angebaut war.
Ganz in der Nähe erstreckte sich der Swimmingpool. Ich konnte es sogar spritzen sehen, wenn Regentropfen auf die Wasseroberfläche fielen. Im Gästehaus brannte Licht und in einem der Fenster zeichnete sich der Hinterkopf eines Jungen ab. Der Junge hatte rote Haare. Sein Kopf bewegte sich beim Reden auf und ab.
„Wer ist das?“, fragte ich mich. „Und wer sind wohl die anderen Rettungsschwimmer in diesem Jahr? Ob ich einige von ihnen noch vom letzten Sommer her kenne?“
Ich spürte den nächsten Regentropfen in meinem Nacken. Und dann einen auf der Schulter. Sogar durch mein Baumwoll-T-Shirt hindurch fühlte er sich kühl an.
Endlich war ich am Seiteneingang angekommen: Ich versuchte, das Tor zu öffnen.
Es war verschlossen.
Ich rüttelte daran. Ein lauter Donnerschlag verschluckte das klappernde Geräusch und die Erde schien zu beben.
Dann begann der Regen, auf das Pflaster zu trommeln. In der Luft hing der bittere, leicht säuerliche Geruch, der sich immer kurz vor einem Gewitter einstellt. Es blies ein scharfer Wind.
Ich wünschte, der rothaarige Junge würde sich umdrehen und mich bemerken. Vielleicht würde er dann nach draußen laufen und mich hereinlassen.
Wieder rüttelte ich am Tor. In diesem Moment fiel mir meine Ausweiskarte ein. Der Klub hatte sie mir zugeschickt, nachdem sie meine Bewerbung angenommen hatten. Auf der Karte war mein Foto. Kein sehr gutes übrigens. Es war verwackelt und zeigte mich mit meiner alten Frisur – die Haare länger und über die Schulter zurückgeworfen.
Man hatte mir geschrieben, dass ich die Karte nur durch den Schlitz des Lesegeräts am Tor ziehen müsste, dann würde sich das elektronisch gesteuerte Schloss öffnen.
Hastig setzte ich meinen Seesack ab, öffnete den Reißverschluss und suchte nach meinem Portemonnaie. Ich wusste, dass ich es ziemlich weit nach oben gepackt hatte.
Der Regen strömte jetzt gleichmäßig herab und prasselte in großen Tropfen auf das Pflaster. Mein Haar war inzwischen klatschnass, mein T-Shirt total durchweicht.
Ich wühlte herum, bis ich mein rotes Portemonnaie fand, und nahm die Plastikkarte heraus.
Wieder fuhr ein Wagen die Straße entlang und erfasste mich für einige Sekunden mit seinen Scheinwerfern. In ihrem Licht suchte ich nach dem Lesegerät für die Ausweiskarte.
Der Junge im Fenster des Gästehauses bewegte sich. Neben ihm tauchte ein anderer Junge auf, der mir ebenfalls den Rücken zuwandte.
Schließlich entdeckte ich das Kästchen, das ungefähr in Brusthöhe am Zaun neben dem Tor befestigt war. Auf der Vorderseite blinkte ein winziges rotes Lämpchen. Ich zog meine Karte durch den Schlitz und wartete auf das summende Geräusch.
Nichts passierte.
Der Regen wurde noch heftiger. Die dicken Tropfen platschten lautstark auf den Boden.
„Mist, ich werde ja klitschnass“, dachte ich.
Genervt startete ich einen zweiten Versuch, die Karte durch den Schlitz zu ziehen.
Immer noch nichts.
Ich drehte die Karte um und probierte es von der anderen Seite. Das rote Lämpchen blinkte gleichmäßig vor sich hin. Aber das Tor öffnete sich nicht.
Ich stieß ein frustriertes Stöhnen aus. „Was ist nur mit diesem blöden Tor los?“, fragte ich mich.
Der Regen wurde immer stärker. Der Wind blies ihn in dichten Schleiern gegen das Haus. Inzwischen war ich völlig durchnässt. Wütend rüttelte ich am Tor.
Ich konnte die beiden Jungen im Fenster des Gästehauses deutlich sehen.
„Hey, kann mich irgendjemand hören?“, rief ich. „Hallo!“
Meine Stimme wurde vom Wind verweht und durch den prasselnden Regen gedämpft.
„Hey, lasst mich rein!“, rief ich noch einmal.
Während ich so durch den Zaun starrte, blieb mein Blick an etwas hängen.
Dort, in einer Ecke des Swimmingpools. Was war das?
Ich kniff die Augen zusammen und versuchte, durch den dichten Regenschleier etwas zu erkennen.
Es verschlug mir den Atem, als ich begriff, dass es ein Mädchen war. Sie trieb mit dem Gesicht nach unten im Pool. Ihr blondes Haar trieb auf der unruhigen Wasseroberfläche und ihre bleichen Arme waren reglos zur Seite gestreckt.
Ein Mädchen. Ein Mädchen in einem blauen Badeanzug.
Ertrunken.
Ich umklammerte den kalten Zaun, streckte mein Gesicht dem Regen entgegen und stieß einen schrillen Entsetzensschrei aus.
3
– Danny –
Als der Regen anfing, saßen wir alle im Gemeinschaftsraum und alberten herum. Cassie Harlow schrie entsetzt auf, als es direkt vor dem Gästehaus donnerte. Sie ist die Kleine mit dem tollen Körper, den großen braunen Augen und der weißblonden Mähne.
Es ist gar nicht so leicht, sich die vielen Namen zu merken, weil wir alle neu im Klub sind. Aber da ich nun mal der Chef der Rettungsschwimmer bin – der Big Boss sozusagen –, hab ich mir gedacht, es wäre keine schlechte Idee, mir alle Namen sehr schnell einzuprägen und dafür zu sorgen, dass sich alle wohlfühlen.
Jedenfalls überhäuften wir Cassie wegen ihrer Angst vor Gewittern mit guten Ratschlägen. „Nein, nein, ich bin nur erschrocken“, protestierte sie mit ihrer leisen, aufregenden Stimme.
Aber als der nächste Donnerschlag die Fensterscheiben erzittern ließ, quietschte Cassie wieder los. „Okay, okay. Ich mag nun mal keine Gewitter“, gab sie verlegen zu und zupfte nervös mit beiden Händen an einer Haarsträhne.
Wir lachten uns alle schlapp und Arnie Wilts – so ein magerer, kleiner Kerl – sagte, er ginge gern bei Gewitter schwimmen. Das würde ihn total unter Strom setzen.
Alle stöhnten. Ich hoffte, dass Arnie kein allzu großer Schwachkopf war. Immerhin musste ich den ganzen Sommer mit ihm verbringen. Keine Ahnung, wie viele blöde Scherze von dieser Sorte ich ertragen konnte, bevor ich ihn in den Pool warf und seinen Kopf für fünf oder zehn Minuten unter Wasser tauchte!
Ich lehnte mich gegen das Fensterbrett. Hinter meinem Rücken trommelte der Regen gegen die Scheibe. Unauffällig ließ ich meinen Blick durch den Raum wandern.
„Die Mädchen sind echt spitze“, dachte ich lächelnd.
Cassie war der absolute Knaller. Und die in den pinkfarbenen Shorts und dem nabelfreien blauen Top – Deirdre Webb – war auch nicht von schlechten Eltern. Ihre kurzen, glatten schwarzen Haare hatten einen seidigen Glanz. Normalerweise stehe ich ja auf Mädchen mit längeren Haaren, aber Deirdre hatte absolut irre hellblaue Augen.
Die Große in der Ecke, May-Ann Delacroix – wie immer man das ausspricht –, war auch nicht zu verachten. Sie hatte kurzes Haar, dessen Farbe an Kastanien erinnerte, und kühle dunkle Augen. Sie wirkte eher ruhig und zurückhaltend. Wahrscheinlich war sie ein bisschen schüchtern.
Aber zu ihr würde ich auch nicht Nein sagen.
Wow, Leute – das konnte ein heißer Sommer werden!
„Wie kommt es eigentlich, dass du Chef der Rettungsschwimmer geworden bist, Danny?“, fragte Arnie grinsend. „Hast du einen Wettbewerb gewonnen oder so?“
„Quatsch“, erwiderte ich. „Ich hab einen Wettbewerb verloren!“
Die anderen fanden das furchtbar komisch.
Arnie setzte an, um etwas zu sagen. Dabei grinste er, als wollte er gleich den nächsten blöden Witz loslassen.
Aber Phil ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Hey, Danny, ist da vielleicht ’n Schluck Bier im Kühlschrank?“
Phil sah aus wie ein typischer Rettungsschwimmer. Groß und muskulös, wie er war, hätte er sofort bei Baywatch einsteigen können. Er machte offensichtlich Fitnesstraining und hatte einen perfekten Körper. Außerdem war er schon ziemlich braun, obwohl der Sommer gerade erst angefangen hatte.
Bei Phil dachte man sofort an den netten amerikanischen Jungen von nebenan. Er hatte lockige blonde Haare, dunkle Augen mit Lachfältchen drum herum und ein breites, freundliches Lächeln. Er sah ein bisschen aus, als hätte er sich in seinem ganzen Leben noch nie ernsthaft über etwas Sorgen machen müssen. Aber man konnte ja nie wissen.
Jedenfalls musste man ihn einfach gernhaben. Er war echt cool.
Phil, der sich neben Cassie auf der Ledercouch breitgemacht hatte, trug ein rotes Tuch um die Stirn. Sollte wohl der Piraten-Look sein.
Ich trat vom Fenster weg und wollte ihm gerade einen Vortrag darüber halten, dass Bier in der Unterkunft der Rettungsschwimmer streng verboten ist, als ich von einem schrillen Schrei unterbrochen wurde.
Ich klappte den Mund wieder zu und fuhr herum.
Es klang, als wäre er von draußen gekommen.
Zuerst dachte ich, es wäre das Gewitter. Der Wind oder so. Vielleicht hatte sich ja auch eine Katze im Zaun verfangen.
Aber dann hörte ich wieder einen Schrei. Und diesmal klang er eindeutig menschlich.
Ich stieß gegen Arnie, der bereits aus dem beschlagenen Fenster starrte. Nachdem ich mit der Hand über die Scheibe gewischt hatte, um besser sehen zu können, entdeckte ich draußen eine Gestalt. Ein Mädchen. Auf der anderen Seite des Zauns.
Sie schrie wie eine Verrückte.
Der Regen war zu laut, als dass man ihre Worte hätte verstehen können. Aber sie klang ziemlich fertig mit den Nerven.
„Was ist denn los?“, fragte Cassie.
„Wer ist da draußen?“, wollte Deirdre wissen und drängte sich zwischen Arnie und mich, um aus dem Fenster zu schauen. „Wer ist die denn?“
Arnie und ich rasten zur Tür und in den strömenden Regen hinaus. Es schüttete aus Kübeln. Blitze zuckten knisternd über den Himmel. Als ich mit meinen Turnschuhen in eine Pfütze stieg, spürte ich das kalte Wasser bis über meine Knöchel.
Das Mädchen schrie und zeigte auf irgendetwas. Ich konnte kein Wort verstehen. Der Regen war einfach zu laut. Das war ja ein richtiges Unwetter!
Arnie rannte ein kleines Stück vor mir. Unter unseren Füßen spritzte das Wasser nur so auf und der Regen lief mir von der Stirn in die Augen. Ich musste sie zusammenkneifen, um das Mädchen erkennen zu können.
Sie war völlig durchnässt. Ihr kurzes blondes Haar lag wie ein Helm am Kopf an. Sie schien völlig außer sich zu sein.
„Was ist los?“
Sie rief mir etwas zu und zeigte hinter mich.
Ich war schon fast am Tor, als ich ihre Worte endlich verstand: „Ein Mädchen! Ein Mädchen ist im Pool ertrunken! Dahinten!“
„Was?“ Im ersten Moment konnte ich gar nicht reagieren. Wahrscheinlich war ich durch den Schock wie betäubt. Ich starrte das Mädchen am Tor nur mit offenem Mund an.
„Sieh doch! Dahinten, im Pool!“, schrie sie noch einmal.
Endlich konnte ich mich wieder rühren. Ich versuchte, mir das Regenwasser aus den Augen zu wischen.
Ich drehte mich um, beschattete mit einer Hand meine Augen und rannte zum Swimmingpool.
Mein Herz hämmerte wie verrückt. Ein paar Mal wäre ich fast auf dem feuchten Pflaster ausgerutscht und hingefallen. „Wer könnte denn hier ertrunken sein?“, fragte ich mich. Der Klub war doch noch geschlossen.
Die Schreie des Mädchens hinter mir gingen jetzt wieder im gleichmäßigen Rauschen des Regens unter.
Wenige Sekunden später erreichte ich schwer atmend den Pool. Ich holte tief Luft und schaute in das Becken.
Während ich die Regentropfen wegblinzelte, suchte ich mit meinen Blicken den Pool ab.
Es war niemand zu sehen. Keine Menschenseele.
4
– Lindsay –
War das peinlich!
Am liebsten wäre ich vor Scham im Boden versunken.
Ausgerechnet so mussten die anderen Rettungsschwimmer mich kennenlernen. Durchnässt bis auf die Haut. Ein nasses, zitterndes Häuflein Elend.
Als Danny, der Rothaarige, und Arnie, der Kleine, Magere, mich in den Gemeinschaftsraum führten, rang ich immer noch keuchend nach Luft. Mein Hals fühlte sich ganz wund an vom Schreien.
Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst. Oder mich in eine Pfütze Regenwasser verwandelt.
Das T-Shirt klebte mir am Körper, meine Haare waren an den Kopf geklatscht und meine Turnschuhe waren voller Wasser. Ich setzte meinen Seesack ab. Als er den Boden berührte, gab es ein quietschendes Geräusch.
Eines der Mädchen, eine Große mit kurzen rötlich braunen Haaren, nannte mir ihren Namen. May-Ann Delacroix. Dann stürmte sie los, um mir ein Handtuch zu holen.
Aber ich wollte kein Handtuch. Ich wollte ein Loch, ein tiefes Loch, in dem ich versinken konnte. Einen Platz, um mich zu verstecken. Am besten für immer.
„Was ist passiert?“
„Warum hast du geschrien?“
„Warst du ausgesperrt?“
„Was hast du gesehen?“
„Was hast du da draußen eigentlich gemacht?“
„Hat dich jemand angegriffen?“
Von allen Seiten wurde ich mit Fragen bombardiert. Auf den Gesichtern spiegelten sich Besorgnis und Verwirrung.
Aber ich konnte nicht antworten. Ich zitterte viel zu sehr, um zu reden.
Ich versuchte, mir mit dem Handrücken das Wasser aus den Augen zu wischen. Doch von meiner Stirn tropfte immer wieder welches nach.
„Holt ihr doch erst mal was Heißes zu trinken“, sagte einer.
„Mir … mir geht’s gut“, gelang es mir schließlich hervorzustoßen.
May-Ann kam in den Raum gestürmt und legte mir ein Badetuch um die Schultern. Ich nahm es und rubbelte mir damit die Haare trocken.
Mein Herz raste immer noch. Aber ich fing langsam an, mich wieder zu beruhigen.
Danny, der rothaarige Typ, war zwischendurch für eine Weile verschwunden gewesen. Jetzt kam er in trockenen Klamotten, einem langärmligen blauen Pullover und weißen Tennisshorts, zurück.
„Wie heißt du?“, fragte er. Ich vermutete, dass er der Chef der Rettungsschwimmer war. Jedenfalls verhielt er sich so, als hätte er hier die Verantwortung.
„Lindsay Beck“, antwortete ich.
Dann stellte er mir die anderen vor. Es war unmöglich, mir auf Anhieb alle Namen zu merken. An May-Ann erinnerte ich mich natürlich. Sie hatte mir schließlich das Handtuch gebracht. Das hübsche Mädchen mit den seidigen schwarzen Haaren hieß Deirdre und der blonde Muskelprotz mit dem roten Tuch um die Stirn Phil.
Alle scharten sich um mich und starrten mich an, als wäre ich ein Ausstellungsstück im Museum.
„Das Mädchen im Pool …“, setzte ich an, brach dann aber ab. Ich meine, wie sollte ich Danny das erklären?
Er schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was du gesehen hast, Lindsay. Im Pool war nichts – außer ein paar Blättern.“
Ich schluckte betreten.
Dabei hatte ich sie doch ganz deutlich gesehen. Sie trug einen blauen Bikini und ihre Haut war furchtbar bleich. Ihr Haar, das auf dem Wasser trieb, war blond wie meins.
„Es … es tut mir leid“, stotterte ich und spürte, wie mein Gesicht ganz heiß wurde. „Das muss der Regen gewesen sein. Irgendwelche Schatten oder so. Ich komme mir vor wie ein Volltrottel.“
„Hey, entspann dich“, sagte Danny und lächelte mich an. Er hatte ein nettes Lächeln. Normalerweise stehe ich nicht auf rothaarige Typen mit Sommersprossen, aber er war wirklich süß. „Ich wollte sowieso duschen!“, witzelte er.
„Hattest du auch nötig“, stichelte der kleine Kerl, der mit ihm durch den Regen gerannt war.
Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte, meine Haare in Form zu bringen. Dann trocknete ich mir mit dem Handtuch Arme und Hände ab. May-Ann war zu ihrem Sessel auf der anderen Seite des Raums zurückgekehrt und beobachtete mich von dort aus. Sie hatte kalte dunkle Augen und einen angespannten Gesichtsausdruck.
„Du dachtest also, du hättest jemanden im Pool gesehen?“, fragte ein Mädchen mit heiserer, flüsternder Stimme, deren Namen ich schon wieder vergessen hatte. Sie warf ihre weißblonde Mähne über die Schulter zurück.
„Was wolltest du eigentlich am Tor?“, fragte Phil. „Der Klub öffnet doch erst morgen.“
„Wahrscheinlich ein paar Runden schwimmen, bevor es voll wird!“, witzelte Arnie.
Keiner lachte.
„Ich bin Rettungsschwimmerin“, erklärte ich den anderen und schaute auf meinen durchweichten Seesack hinunter. „Ich weiß, dass ich im Moment nicht so aussehe. Aber es stimmt.“
„Hey – Rettungsschwimmer sollen doch nicht selber nass werden!“, scherzte Phil. „Das ist gegen die Regeln.“
„Wie viele sind wir dieses Jahr eigentlich?“, hörte ich das Mädchen mit den weißblonden Haaren Deirdre zuflüstern. Die zuckte mit den Achseln.
Danny machte ein ziemlich verwirrtes Gesicht. Er ging hinüber zu dem Schreibtisch, der an der Wand stand, und begann, einige Mappen durchzuwühlen.
„Hier ist die Liste“, sagte er und zog ein Blatt Papier hervor. Er lächelte mich an. Aber sein Lächeln verblasste, als er die Namen der Rettungsschwimmer überflog.
„Wie war noch mal dein Nachname, Lindsay?“, fragte er.
„Beck“, antwortete ich. Ich fühlte mich schrecklich unbehaglich. Als ich nach unten schaute, sah ich, dass ich mittlerweile in einer Pfütze stand. Ich musste mich dringend umziehen, denn ich tropfte immer noch vor mich hin.
„Komisch“, murmelte Danny und verzog das Gesicht. Er hielt das Blatt hoch. „Auf der Liste steht keine Lindsay Beck.“
„Was?“ Ich keuchte erschrocken auf und umklammerte mit beiden Händen das Badetuch. „Heute ist echt nicht mein Tag“, stöhnte ich und verdrehte die Augen. „Wie können die mich einfach vergessen?“
„Vielleicht bist du im falschen Klub“, rief May-Ann quer durch den Raum. Sie wandte sich an Danny. „Oder ist sie etwa die Vertretung?“
Danny schüttelte den Kopf. „Nein. Ist sie nicht.“
Ich spürte, wie sich mein Magen zusammenkrampfte. „Da muss wohl jemand was durcheinandergebracht haben“, sagte ich zu Danny. Ich gab mir Mühe, meine Stimme ruhig klingen zu lassen, aber es gelang mir nicht ganz. „Eigentlich müsste ich mit auf der Liste stehen. Wenn ich nicht Rettungsschwimmerin im Klub wäre, hätten sie mir doch keine Ausweiskarte geschickt.“
Ich zog die Plastikkarte mit meinem Foto aus der Tasche meiner Jeans. Sie war nass, aber das Wasser perlte davon ab.
Danny durchquerte den Raum und nahm sie mir aus der Hand. Er kniff die Augen zusammen und studierte sie gründlich.
„Und diese Karte ist dir vor Kurzem zugeschickt worden?“, fragte er.
Ich nickte. „Ja.“
Unbehaglich blickte ich mich im Zimmer um. Die anderen Rettungsschwimmer standen wie angewurzelt da und schauten mich misstrauisch an.
Danny warf noch einen Blick auf die Karte. Dann hob er langsam den Kopf und sah mich an.
„Was … was ist denn los?“, stotterte ich.
„Lindsay“, sagte Danny leise, den Blick immer noch fest auf mich gerichtet, „dieser Ausweis ist zwei Jahre alt.“
5
– May-Ann –
„Was läuft hier eigentlich?“, rief das Mädchen.
Sie tat mir richtig leid.
Wie sie da so in dieser großen Wasserpfütze stand, zitternd und bis auf die Knochen durchnässt, sah sie wirklich mitleiderregend aus.
Und ganz durcheinander. Immerhin stand ihr Name nicht auf der Liste und ihre Ausweiskarte war zwei Jahre alt.
Irgendwer hatte da Mist gebaut.
Die anderen starrten sie an, als käme sie direkt vom Mars. Bestimmt fühlte sie sich dadurch noch schrecklicher. Sogar Danny, der hier schließlich die Verantwortung trug, rührte keinen Finger, um ihr zu helfen.
Also beschloss ich, etwas zu unternehmen. Ich konnte ja wenigstens dafür sorgen, dass sie ein paar trockene Klamotten kriegte.
Ich ging zu Lindsay hinüber und nahm sie beim Arm. „Komm mit. Du kannst dich in meinem Zimmer umziehen“, bot ich ihr an.
Ihr Gesichtsausdruck entspannte sich ein bisschen. Sie sah richtig dankbar aus. Zusammen schnappten wir uns ihren total durchnässten Seesack und machten uns auf den Weg zu meinem Zimmer.
Lindsay drehte sich in der Tür noch einmal um und schaute einen nach dem anderen an. „War denn keiner von euch letztes Jahr hier?“, fragte sie. Ihre Stimme war hoch und schrill – sie klang richtig aufgeregt. „Seid ihr alle neu im Klub?“
„Ja, alle“, antwortete Danny. Er hatte die Liste immer noch in der Hand.
„Arnie ist sogar neu auf diesem Planeten“, frotzelte der Muskelprotz namens Phil.
Alle lachten.
Lindsay schaute die anderen unsicher an. „Ich war nämlich letztes Jahr hier“, sagte sie. „Ich dachte, dass sich vielleicht jemand daran erinnert …“ Ihre Stimme wurde immer leiser und verstummte dann ganz.
Phil rückte ein Stück von Cassie ab, nachdem er sie den ganzen Nachmittag angebaggert und mit Blicken verschlungen hatte. Ihr schien das ganz gut gefallen zu haben.
Cassie flirtete mit allen. Sogar mit diesem mickrigen Arnie. Ich dachte erst, ich hätte mich verhört, als sie ihm vorflötete, wie sehr ihr dieser alberne Ohrring gefallen würde, den er trägt.
Deirdre, die hübsche Dunkelhaarige, starrte Cassie schon die ganze Zeit wütend an. Sah so aus, als hätte sie auch ein Auge auf unseren Casanova geworfen.
Phil ging jetzt ein paar Schritte auf Lindsay zu und fummelte dabei an seinem roten Tuch herum. „Ich war letztes Jahr als Gast hier“, sagte er zu ihr.
„Wer hat dich denn reingelassen?“, unterbrach ihn Arnie und kicherte über seinen eigenen Witz.
„Aber ich kann mich nicht erinnern, dich gesehen zu haben“, fuhr Phil ungerührt fort.
„Merkwürdig“, antwortete Lindsay und schaute ihn nachdenklich an. „Ich erinnere mich auch nicht an dich. Dabei hatte ich jeden Nachmittag Dienst.“ Als sie den Kopf schüttelte, lief Wasser ihre Wangen hinunter.
„Pete wird das schon klären“, meinte Danny zuversichtlich und steckte das Blatt wieder in die Mappe. „Er hat die Liste getippt und dabei wahrscheinlich was durcheinandergebracht. Eigentlich müsste er jeden Augenblick hier auftauchen“, fügte er hinzu.
Pete Harris war der Sportleiter des Klubs und wirklich ein interessanter Typ. Er strotzte nur so vor Energie und positiver Ausstrahlung. Während er letztes Frühjahr mit mir das Vorstellungsgespräch für den Rettungsschwimmerjob führte, hat er hundert Liegestütze und hundert Sit-ups vor seinem Schreibtisch gemacht!
Das war natürlich reine Angeberei. Aber ich war trotzdem beeindruckt.
Für Pete war es unmöglich, sich nur mit einer Sache zu beschäftigen. Er musste immer mindestens drei oder vier Dinge auf einmal tun.
„Na komm schon. Bevor du dir den Tod holst“, drängte ich Lindsay und führte sie durch den schmalen Flur zu meinem Zimmer. „Scheint heute echt nicht dein Tag zu sein“, versuchte ich zu scherzen.
Lindsay zwang sich zu einem Lachen. Aber ich merkte, dass sie mit ihren Gedanken ganz woanders war.
Hastig schlüpfte sie aus ihren nassen Sachen und zog ein Paar ausgebleichte Jeans an, die an den Knien zerrissen waren, und darüber ein Sweatshirt in Braun- und Grautönen, auf dem Tigers an die Spitze stand.
Anschließend verbrachte sie eine Menge Zeit damit, ihr Haar zu föhnen, es mit beiden Händen aufzuschütteln und wieder eine Frisur daraus zu machen. Dabei starrte sie sich mit zusammengekniffenen Augen im Spiegel an, den Mund zu einem schmalen Strich zusammengepresst.
Mein Zimmer war ziemlich klein. Zwei Betten mit Nachttisch, zwei schmale Kommoden, ein Bücherregal an einer Wand und ein kleiner Sessel.
Während Lindsay sich umzog, ging ich zu meiner Kommode hinüber und warf einen Blick in Munchys Käfig. Munchy ist eine weiße Maus und mein einziges Haustier. Normalerweise schleppe ich sie nicht überall mit hin. So sehr hänge ich nun auch wieder nicht an dem kleinen Nager. Aber meine Eltern waren in diesem Sommer verreist, deswegen musste ich ihn mitnehmen.
Ich schüttete ein paar Körner in seinen Fressnapf. Dann drehte ich mich wieder zu Lindsay um. „Geht’s dir schon besser?“, fragte ich sie.
„Ich verstehe das einfach nicht, May-Ann“, antwortete Lindsay und biss sich auf die Unterlippe. Jetzt, wo sie wieder trocken war, fiel mir auf, dass sie ziemlich hübsch aussah. Nicht richtig schön. Aber irgendwie frech und niedlich. „Ich hab wirklich gedacht, ich hätte ein ertrunkenes Mädchen im Pool gesehen“, sagte sie stirnrunzelnd und schloss die Augen. Wahrscheinlich sah sie die Szene wieder vor sich.
„Durch das Gewitter war das Licht so merkwürdig“, warf ich ein. „Wahrscheinlich hat sich irgendwas im Wasser gespiegelt …“
„Und warum ist meine Ausweiskarte zwei Jahre alt?“, unterbrach sie mich. Lindsay hatte mir gar nicht zugehört, weil sie so tief in ihre eigenen Gedanken versunken war.
Sie griff nach der Karte, die sie oben auf die Kommode gelegt hatte. Nachdem sie noch einen Blick darauf geworfen hatte, schob sie sie in die Tasche ihrer Jeans.
„Und warum stehe ich nicht auf der Liste?“ Das klang fast wie ein Aufschrei. „Ich weiß, dass ich angenommen worden bin. Ich weiß, dass es nicht mein Fehler ist.“
„Pete wird das bestimmt alles aufklären“, versicherte ich ihr. Was sollte ich auch sonst sagen?
Vom Gemeinschaftsraum drang lautes Gelächter bis zu uns herüber, als Phil das Gebrüll wilder Tiere imitierte.
Als das Lachen verstummte, hörte ich, wie Deirdre eine Bemerkung über Lindsay machte. Wieder prusteten alle los. Ich warf ihr einen schnellen Blick zu und fragte mich, ob sie es gehört hatte.
Aber sie schien mit ihren Gedanken immer noch weit weg zu sein.
„Komm, gehen wir wieder zu den anderen“, sagte ich zu Lindsay. „Du kannst deine Sachen ruhig hierlassen.“
Sie nickte und wir trabten zurück in den Gemeinschaftsraum.
In dem Moment, wo wir auftauchten, verstummte das Gelächter.
Ich ließ mich in den nächstbesten Sessel plumpsen. Lindsay schaute sich unsicher um und setzte sich dann auf einen Klappstuhl neben dem Schreibtisch.
„Du siehst schon viel besser aus“, sagte Danny zu ihr und lächelte sie an.
„Danke“, antwortete Lindsay verlegen. „Wenigstens bin ich jetzt wieder trocken.“ Sie schaute zu mir herüber. „Danke, May-Ann.“
Ein dröhnender Donnerschlag ließ die Scheiben erzittern. Ich warf einen Blick zum Fenster. Draußen war es stockfinster. Der Regen prasselte in Strömen gegen das Glas.
„Wie wär’s denn jetzt mit ’ner Runde schwimmen?“, schlug Arnie vor.
„Du fängst an“, sagte Phil.
„Traust du dich etwa nicht?“, fragte Arnie herausfordernd.
Offensichtlich hatte er irgendein Problem. Keine Ahnung, was er damit beweisen wollte.
Plötzlich wurde es ganz still. Keiner schien mehr zu wissen, was er sagen sollte. Aber wir kannten uns ja auch kaum. Wir waren schließlich keine alten Freunde oder so.
Lindsay knabberte auf ihrer Unterlippe herum und zerbrach sich anscheinend über irgendwas den Kopf.
Ich beugte mich in meinem Sessel vor. Eigentlich wollte ich das gar nicht sagen. Es schlüpfte mir einfach so raus. Meine Stimme durchbrach die lastende Stille. „Ich weiß, wen du im Swimmingpool gesehen hast, Lindsay.“
Sie blickte erschrocken auf. „Wen denn?“
„Einen von den toten Jugendlichen“, sagte ich leise.
6
– Danny –
Damit hatte sie natürlich die gesamte Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.
Genau in dem Moment, als May-Ann das mit den toten Jugendlichen sagte, ließ ein heftiger Donnerschlag den Raum erzittern, und das Licht ging aus. Eines der Mädchen schrie erschrocken auf. Bestimmt war es Cassie.
Ich hörte Arnie und Phil lachen. Dann fing Arnie an, unheimliche Geräusche zu machen. Huuuuuhuuuu und schauriges Stöhnen.
Durch das Fenster fiel jetzt ein seltsames Zwielicht herein. Ein heller Blitz durchzuckte den Himmel und beleuchtete die mit Regentropfen bedeckte Scheibe. Es sah alles total unwirklich aus.
Ein paar Sekunden später begann das Licht zu flackern und ging wieder an. Alle waren erleichtert.
Mir fiel auf, dass Phil auf der Couch ein Stück näher zu Cassie gerückt war. Der hatte es aber eilig! Hatte sie gerade erst kennengelernt und schmiss sich schon an sie ran.
Deirdre beobachtete ihn die ganze Zeit. Es sah so aus, als hätte sie auch ein Auge auf ihn geworfen. Langsam wurde ich ein bisschen eifersüchtig. Wenn Cassie und Deirdre beide hinter Phil her waren, wer blieb dann noch für mich übrig?
Lindsay hatte die Arme fest vor der Brust verschränkt und wirkte ziemlich verkrampft. Ob sie sich überhaupt mal entspannte? War sie etwa immer so nervös? Oder war sie bloß aufgeregt, weil sie nicht auf der Liste stand?
Ich wollte gerade fragen, ob irgendwer eine Taschenlampe dabeihatte, für den Fall, dass das Gewitter uns noch mal das Licht auspustete.
Aber Lindsay ergriff das Wort. „Was soll das heißen?“, hakte sie nach und sah May-Ann mit zusammengekniffenen Augen an. „Welche toten Jugendlichen?“
„Genau, wovon redest du eigentlich?“, schaltete sich jetzt auch Phil ein.
Alle drehten sich zu May-Ann um. Sie trug weit geschnittene weiße Shorts und hatte ihre langen Beine übereinandergeschlagen. Normalerweise stand ich auf große Mädchen. Doch bei May-Ann war ich mir da nicht so sicher. Okay, der erste Eindruck täuschte manchmal, aber ich fand, dass sie irgendwas Merkwürdiges an sich hatte – etwas Kaltes und Abweisendes.
„Dieser Klub ist verflucht“, sagte May-Ann mit gedämpfter Stimme. „Hier geschehen schreckliche Dinge.“
Jetzt starrten sie alle an. „Was redest du da eigentlich?“, fragte ich sie. Schließlich gehörte es zu meinem Job als Oberboss, die Moral der Truppe hochzuhalten. Und was May-Ann da erzählte, gefiel mir überhaupt nicht.
Wir waren doch erst dabei, uns kennenzulernen. Es hatte mir gerade noch gefehlt, dass jemand die anderen verrückt machte, bevor der Klub überhaupt öffnete.
„Jeden Sommer kommen hier Leute unter äußerst mysteriösen Umständen ums Leben“, murmelte May-Ann. Ihre Stimme war gerade laut genug, um das Prasseln des Regens zu übertönen.
„Die letzten beiden Sommer ist jemand im Pool ertrunken“, fuhr sie fort.
„Was? Dieselbe Person ist zwei Jahre hintereinander ertrunken?“, rief Arnie.
Das war nicht besonders komisch. Wie alle Witze von ihm. Aber die anderen lachten trotzdem – wahrscheinlich aus lauter Nervosität.
Nur May-Ann nicht. Sie zog die abgewinkelten Beine an den Körper, ihre dunklen Augen glänzten vor Aufregung. „Es ist wahr“, beharrte sie.
„Was genau ist passiert?“, fragte Deirdre. „Wer ist ertrunken?“
„Letztes Jahr ein vierzehnjähriger Junge“, berichtete May-Ann. „Im tiefen Teil des Pools – obwohl an diesem Tag drei Rettungsschwimmer Dienst hatten.“
„Puh“, murmelte Cassie. Sie schüttelte nachdenklich den Kopf.
Deirdre räusperte sich und starrte auf ihre Sandalen hinunter.
„Und vor zwei Jahren ist eine Rettungsschwimmerin ertrunken“, fügte May-Ann hinzu. „Könnt ihr euch das vorstellen? Eine Rettungsschwimmerin! Und das im flachen Ende des Pools!“
Wieder ein Blitz und ein lauter Donnerschlag, bei dem sogar ich zusammenzuckte.
Als ich mich umschaute, sah ich nur ernste Gesichter. May-Ann hatte allen Angst eingejagt. Besonders Lindsay schien ganz erschrocken zu sein.
„Im Klub gehen die Geister der Ertrunkenen um“, verkündete May-Ann mit düsterer Stimme. „Hier spukt es.“
Keiner sagte etwas. Eine unangenehme Stille breitete sich aus.
Schließlich rief ich laut: „Buuuh!“
Alle lachten nervös.
„Es ist noch ein bisschen früh für Geistergeschichten“, sagte ich zu May-Ann.
„Das ist keine Geschichte, sondern die Wahrheit“, widersprach sie.
„Wie kann denn eine Rettungsschwimmerin ertrinken?“, schnaubte Deirdre und warf ihre schwarzen Haare zurück.
„Vielleicht ist sie eingeschlafen“, meinte Arnie grinsend.
„Oder sie wusste nicht, wie man schwimmt!“, fügte Phil hinzu. „Nur, wie man braun wird.“
Wieder lachten alle.
Ich war froh, dass die Stimmung langsam lockerer wurde. May-Ann ging mir ziemlich auf die Nerven. Sie musste doch nicht alle so runterziehen, oder?
Dann erhob sich Lindsays Stimme über das Gelächter. „Glaubst du wirklich an Geister, May-Ann?“, fragte sie.
May-Ann nickte ernst. „Ja“, antwortete sie mit leiser Stimme. „Ich weiß, dass es in diesem Klub spukt. Die Geister der Ertrunkenen finden keine Ruhe.“
Phil, Arnie, Deirdre und ich grölten los. May-Ann hatte echt eine Schraube locker.
Aber wir hörten schlagartig auf zu lachen, als die Tür zum Gemeinschaftsraum plötzlich quietschte.
Ich fuhr herum.
Die Tür quietschte wieder und begann, sich wie in Zeitlupe zu öffnen.
Wir hörten Schritte auf den Holzdielen im Flur.
Dann schwang die Tür ganz auf.
Aber es war niemand da.
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