Kitabı oku: «Fear Street 52 - Jagdfieber»

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Inhalt

Kapitel 1 – Es regnete in …

Kapitel 2 – Cari stand sprachlos …

Kapitel 3 – Cari konnte kaum …

Kapitel 4 – „Autsch!“ Der Kombi …

Kapitel 5 – „Es tut mir …

Kapitel 6 – „Tolle Begrüßung“, sagte …

Kapitel 7 – „Reich mir doch …

Kapitel 8 – Die hochgewachsene Gestalt …

Kapitel 9 – Die Kerzen verloschen …

Kapitel 10 – Cari stand wie …

Kapitel 11 – „Na, dann wollen …

Kapitel 12 – „Hilfe! Es ist …

Kapitel 13 – „Lasst uns raus!“ …

Kapitel 14 – „Uns bleibt keine …

Kapitel 15 – Jan kam am …

Kapitel 16 – Cari erstarrte. Vor …

Kapitel 17 – „Nimm die Waffe …

Kapitel 18 – „Vielleicht passieren hier …

Kapitel 19 – „Wir müssen sofort …

Kapitel 20 – Cari rannte mit …

Kapitel 21 – Der Regen setzte …

Kapitel 22 – „Hier lang!“, schrie …

Kapitel 23 – Der zweite Schuss …

Kapitel 24 – Simon, wie üblich …

Kapitel 25 – „Die Jagdgesellschaft absagen?“ …

Kapitel 26 – Wieder auf der …

Kapitel 27 – „Es ist der …

Kapitel 28 – „Er hat sich …

Kapitel 29 – Jan stürmte auf …

Kapitel 30 – „Nein! Verschwinden Sie!“ …

Kapitel 31 – Simon war wie …

Kapitel 32 – Cari kam es …

Kapitel 33 – Simon zögerte einen …

Kapitel 34 – „Geben Sie mir …

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Impressum

1

Es regnete in Strömen. Die Tropfen prasselten wie ein unablässiger Trommelwirbel auf das Dach. Der böige Wind peitschte einen dürren Zweig gegen das Fenster des Dachbodens – tapp, tapp, tapp – wie knochige Finger, die Einlass verlangten. In einiger Entfernung heulte eine Sirene, deren schriller Klang durch die schwere Regenwand gedämpft wurde.

Jan schloss die Augen und versuchte, alle Geräusche zu ignorieren.

„Keine Ablenkungen“, dachte sie und schleuderte ihre schwarzen Haare mit einer schnellen Kopfbewegung über die Schulter. Mit geschlossenen Augen und konzentriertem Gesicht versuchte sie, die Außenwelt aus zublenden. Das Dröhnen des Regens wurde zu einem leisen Summen und verstummte schließlich ganz. Der tobende Wind legte sich und schien einzuschlafen. Die heulende Sirene verklang in einiger Entfernung.

Während sie dort auf den Dielen des Dachbodens kniete, bemerkte Jan einen säuerlichen, muffigen Geruch – eine Mischung aus Schimmel, alten Zeitungen, Feuchtigkeit und Staub. Er drang in ihre Nase und setzte sich in ihrem Hals fest.

„Ich muss diesen Geruch auch ausblenden“, dachte sie und hielt die Luft an. „Ich muss meinen Kopf ganz leer machen und mich konzentrieren.“

Der Regen hämmerte direkt über Jans Kopf auf das Dach. Sie hörte das Platschen des Wassers, das die Regenrinne überflutete. Jan blickte über die Schulter zur Bodentreppe.

„Wie viel man hört, obwohl die Tür geschlossen ist!“, dachte sie. „Auch wenn man sich total anstrengt, ist es gar nicht so leicht, die Welt auszublenden.“

Sie kniete sich wieder hin und konzentrierte sich mit neu erwachter Entschlossenheit. Nach einer Weile beugte sie sich vor und fuhr mit den Fingern die Um risse des Pentagramms nach, das sie mit Kreide auf die Holzdielen des Dachbodens gezeichnet hatte. Zuerst den fünfzackigen Stern und dann den Kreis darum.

Das Holz unter ihren Fingern fühlte sich warm an. Immer wieder fuhr sie mit ihrer Hand den Kreis entlang.

Das Licht, das durchs Fenster fiel, wurde schwächer. Jan blickte zum Himmel auf, der eine seltsame grüngraue Farbe hatte. „Ein geisterhafter Himmel“, dachte sie. „Sehr vielversprechend.“

Der Boden unter ihren Fingern schien sich immer stärker aufzuheizen. Ohne zu blinzeln, blickte Jan in den Himmel, bis sie das Gefühl überkam, von ihm aufge sogen zu werden, sich ganz darin zu verlieren. Dann schloss sie die Augen.

Das Rauschen des Regens begann zu verblassen.

Der Zweig hörte auf, gegen die staubige Fensterscheibe zu klopfen.

Jan konzentrierte sich angestrengt und versuchte, sich an all die Bücher zu erinnern, die sie gelesen hatte, sich all die Berichte ins Gedächtnis zu rufen, über denen sie so viele Stunden gebrütet, die sie studiert und verschlungen hatte – bis sie bereit war.

Bereit für ihre eigene Begegnung mit dem Übernatürlichen.

Ihre Hand fuhr unablässig die mit Kreide gezeichneten Umrisse des Pentagramms nach, langsam zuerst und dann zunehmend schneller, bis ihre Fingerspitzen brannten. Die Holzdielen schienen eine immer stärkere Wärme auszustrahlen.

Die laute, reale Welt um sie herum war nun verschwunden. Und die Welt der Geister kam näher und näher.

Jan konnte es deutlich spüren, während sie wie in Trance den Kreidekreis nachfuhr, bis sie das Gefühl hatte zu schweben.

Der Geist war jetzt ganz nahe.

Der Geist, den sie von der anderen Seite gerufen hatte.

Ein kalter Schauer lief ihr über den Körper und ließ sie frösteln.

Geschafft! Es hatte funktioniert.

Jan konnte die Anwesenheit eines Geistes spüren. Spürte, wie er über ihr schwebte und sie wie ein dunkler, schweigender Falke umkreiste. Sie konnte ihn wahrnehmen, ohne ihn zu sehen, fühlte, dass er sie beob achtete und sich darauf vorbereitete, mit ihr in Kontakt zu treten.

Der Geist war nun hinter ihr. Sie spürte die Wärme in ihrem Rücken und merkte, wie sich ihre dunklen Haare elektrisch aufluden.

„Ich weiß, dass du hier bist“, flüsterte Jan mit zitternder Stimme. „Ich weiß es genau.“

Stille.

Zu aufgeregt, um zu atmen, und ganz benommen von der Macht, die sie gerufen hatte, öffnete Jan die Augen.

Langsam und erwartungsvoll wandte sie den Kopf.

„Was macht ihr denn hier?“, rief sie aus.

2

Cari stand sprachlos auf der obersten Stufe der Dachbodentreppe. Vor Überraschung war ihr der Unterkiefer heruntergeklappt. Eric dagegen lachte lauthals und klatschte mit Craig ab.

„Was macht ihr denn hier?“, wiederholte Jan wütend, erhob sich hastig aus ihrer knienden Haltung und klopfte sich mit beiden Händen den Staub von ihrer Jeans. Sie warf die schwarzen Haare über die Schulter und schaute ihre drei Freunde mit blitzenden Augen an.

Cari, Eric und Craig machten keine Anstalten, sich von der Treppe wegzubewegen. Im ersten Moment hatte Cari die Szene erschreckt, die sie und die beiden Jungen auf dem Dachboden vorgefunden hatten. Doch jetzt erschreckte sie vor allem Jans wütende Reaktion darauf, dass sie sie überrascht hatten.

„Ich wusste ja gar nicht, dass du eine Hexe bist“, sagte Craig mit ausdrucksloser Miene, die nicht verriet, ob er es ernst meinte oder nicht.

Eric lachte unbehaglich. „Klar wussten wir das“, witzelte er. „Hast du das nicht an den spitzen Hüten gemerkt, die sie immer trägt?“

Er und Craig brachen in ein lautes Gelächter aus, das durch den niedrigen, engen Dachboden schallte.

„Ich finde das überhaupt nicht komisch“, murmelte Jan, deren Gesichtsausdruck nun von Wut zu Verletztheit wechselte. „Ihr hattet kein Recht, euch hier hochzuschleichen und … und mir nachzuspionieren.“ Ihre Stimme zitterte und sie blinzelte mehrmals, als müsste sie die Tränen zurückhalten.

„Es tut mir leid“, sagte Cari, die endlich aus ihrer Erstarrung erwachte. „Wirklich, Jan. Deine Mutter hat uns gesagt, du wärst hier oben.“

„Das stimmt“, warf Eric hastig ein und zupfte an seinem kurzen Pferdeschwanz herum. „Wir haben sie gefragt, ob wir raufgehen können, und sie hat Ja gesagt.“

Ein heftiger Windstoß peitschte gegen das Haus. Das Dachbodenfenster klapperte und ein Ast schlug krachend gegen die Scheibe. Die vier Teenager fuhren erschrocken zusammen und schauten zum Fenster.

Als Cari Jan einen verstohlenen Blick zuwarf, stellte sie fest, dass ihre Freundin sich offenbar wieder beruhigt hatte. „Ich … ich habe gar nicht gehört, dass ihr raufgekommen seid“, sagte Jan und wickelte sich nervös eine Haarsträhne um den Finger.

„Ich versteh nicht, wie du das nicht mitgekriegt hast. Die Treppenstufen knarren doch wie verrückt“, meinte Craig.

„Ich habe mich konzentriert“, knurrte Jan, während sie stirnrunzelnd auf das verschmierte Pentagramm aus Kreide hinunterblickte.

„Wir werden auch niemandem erzählen, dass du durchgedreht bist“, sagte Eric grinsend.

„Ich bin nicht durchgedreht!“, fauchte Jan, deren Wut jetzt zurückkehrte. „Es hätte bestimmt geklappt, wenn ihr nicht …“

„Was hätte fast geklappt?“, fragte Cari. Sie setzte sich auf das verstaubte Polster des altmodischen Fenster sitzes und schlug ihre schlanken Beine unter.

„Ach, ist nicht so wichtig“, murmelte Jan.

„Nun sag schon“, drängte Cari. „Was hast du da gemacht?“

„Ich habe einen Geist gerufen“, sagte Jan.

Eric und Craig prusteten los.

Jan sah Cari an. „Sagt mal, was wollt ihr drei überhaupt hier?“

„Wir sind gekommen, um dir zu sagen, dass wir fahren können“, antwortete sie.

„Nach Piney Island?“ In dem grauen Licht, das durchs Fenster hereinfiel, leuchteten Jans dunkle Augen auf.

„Genau“, sagte Cari. „Kannst du dir das vorstellen? Meine Eltern haben es tatsächlich erlaubt.“

„Das ist ja toll!“, rief Jan aufgeregt und vergaß vorübergehend ihren Ärger. „Da wird sich meine Tante Rose aber freuen. Ich muss sie sofort anrufen und es ihr erzählen.“ Sie drehte sich zu den beiden Jungen um, die immer noch an der Treppe standen. „Aber vielleicht solltet ihr beiden lieber nicht mitkommen.“

„Was?“, stieß Craig verblüfft hervor.

„Wie meinst du das?“, fragte Eric genauso überrascht.

„Na ja, in diesen alten Hotels in New England spukt es überall, wisst ihr“, sagte Jan.

„Ach? Was du nicht sagst“, erwiderte Eric und stützte sich lässig auf Craigs Schulter.

„Wir glauben nicht an so einen Quatsch“, fügte Craig grinsend hinzu und warf einen vielsagenden Blick auf die verschmierten Überreste von Jans Pentagramm auf dem Boden.

„Genau das ist der Punkt“, sagte Jan mit fast bedrohlicher Miene. „Die Geister in alten Hotels haben normalerweise eine Menge Geschichten zu erzählen. Grausame, blutige Geschichten. Und sie können es über haupt nicht leiden, wenn man über sie lacht.“

Während sie sprach, sah sie Eric mit brennendem Blick an. Aber der schaute weg und betrachtete seine Schuhspitzen.

„Du meinst …“, begann Craig unsicher.

„Ich meine, euch könnte etwas zustoßen“, sagte Jan hitzig. „Wenn ihr euch über sie genauso lustig macht wie über mich, könnte euch durchaus etwas passieren.“

Cari fröstelte plötzlich und sprang vom Fenstersitz auf. Trotz der Hitze auf dem Dachboden jagte ihr irgendetwas in Jans Stimme einen kalten Schauer über den Rücken.

3

Cari konnte kaum glauben, dass der große Tag endlich gekommen war. Sie würde mit ihren Freunden und Jans Tante Rose auf eine Insel fahren, auf der es nichts gab als ein Hotel, und in ebenjenem Hotel würden sie arbeiten.

Es war nicht leicht gewesen, ihre Eltern dazu zu bewegen, sie den ganzen Sommer wegfahren zu lassen. Mr und Mrs Taylor hätten ihre Tochter am liebsten in Watte gepackt. So jedenfalls sah es Cari.

„Wir haben dich eben gerne in unserer Nähe“, sagte ihr Vater. „Du bist doch unser Sonnenschein.“

„Lass das, Dad“, antwortete Cari und verzog genervt das Gesicht.

Er sagte ständig solche peinlichen Dinge. „Caris Augen schimmern so blau wie das Meer“ zum Beispiel. Oder: „Caris Haar ist so weich und golden wie das Licht an einem Frühlingstag.“

„Dad – red keinen Quatsch!“, protestierte sie dann immer.

Trotz der Tatsache, dass sie gertenschlank und so hübsch wie ein Fotomodell war, bildete Cari sich nicht viel auf ihr Aussehen ein. Sie fand sich selbst viel zu dünn, ihr Lächeln zu schief und ihre Haare zu fein.

Obwohl sie schon sechzehn war, hatte sie noch nie einen Freund gehabt. Bis jetzt war sie kaum mit Jungen ausgegangen und hatte noch nie einen getroffen, für den sie sich ernsthaft interessiert hätte. Sie war zwar ein paarmal verknallt gewesen, aber das war auch schon alles.

„Die Jungen haben Angst vor dir“, hatte ihr Vater einmal gesagt, unfähig, ein stolzes Lächeln zu unterdrü cken. „Du bist einfach zu schön.“

„Auf welchem Planeten lebst du eigentlich?“, hatte Cari spöttisch gefragt. Sie wünschte sich sehnlichst, er würde endlich aufhören, solche blöden Bemerkungen zu machen.

Cari fand, dass Jan viel besser aussah als sie. Ihre beste Freundin war eher der dunkle, geheimnisvolle Typ. Sie hatte lockige schwarze Haare, die ihr in einer wilden Mähne über den Rücken fielen, blitzende olivfarbene Augen, hohe Wangenknochen, volle Lippen und einen schönen Körper mit weiblichen Rundungen. Im Vergleich zu ihr kam Cari sich vor wie eine dürre Bohnenstange.

„Neben Jan wirke ich so blass und farblos, dass ich fast unsichtbar bin“, dachte sie seufzend und fuhr sich ein letztes Mal mit der Bürste durch die Haare, bevor sie sich vom Spiegel abwandte. Dann zupfte sie sich ihr pfirsichfarbenes, langärmliges T-Shirt zurecht, strich mit beiden Händen ihre weißen Shorts glatt und stürmte gerade die Treppe hinunter, als es an der Tür klingelte.

„Sie sind da!“, rief sie.

„Wo ist deine Tasche?“, fragte ihr Vater, der auf der Treppe an ihr vorbeihastete und allgemeine Hektik verbreitete. „Hast du alles gepackt? Bist du fertig?“

Cari lachte. „Ja, ich bin fertig. Will denn nicht mal jemand die Tür aufmachen?“

„Hast du an deine Zahnbürste gedacht?“ Jetzt tauchte auch noch ihre Mutter am Fuß der Treppe auf. Sie schien genauso fertig mit den Nerven zu sein wie ihr Mann.

„Es hat geklingelt. Irgendwer müsste mal die Tür aufmachen“, wiederholte Cari.

Sie schob sich an ihrem Vater vorbei, überholte ihre Mutter und kam mit quietschenden Sohlen zum Stehen, während sie bereits die Haustür aufriss.

„Hi“, sagte Jan und warf Cari einen Blick zu, der besagte: „Was ist denn bei euch los?“

„Sie müssen Jans Tante Rose sein“, begrüßte Cari die attraktive Frau mittleren Alters, die neben ihrer Freundin stand. Sie hielt ihren Besuchern die Tür auf und bemerkte, dass es ein so strahlend schöner Junitag war, dass sogar die Fear Street heiter und sommerlich wirkte.

„Ich freue mich, dich endlich kennenzulernen“, sagte Rose, trat ein und schüttelte Cari kräftig die Hand. Sie trug weiße, weit geschnittene Hosen und einen weißen, kurzärmligen Baumwollpullover, der ihre tiefe Bräune unterstrich. Sie hatte dunkle, lockige Haare wie Jan, nur nicht ganz so lang.

„Wir haben uns am Telefon schon so oft unterhalten und Jan hat mir so viel von dir erzählt, dass es mir vorkommt, als würde ich dich längst kennen“, fügte sie freundlich hinzu.

Caris Vater hatte inzwischen ihre Reisetasche geholt und in den Flur geschleppt. Die ganze Familie redete aufgeregt durcheinander.

„Was? Nur eine Tasche?“, fragte Jan Cari überrascht. „Allein für mein Make-up brauche ich einen Koffer in dieser Größe!“

Cari lachte nicht. So wie sie Jan kannte, war das wahrscheinlich nicht mal übertrieben. Ihre Freundin trug ein bauchfreies Top, das ihre aufregende Figur betonte, und knallenge weiße Radlershorts.

„Na ja, Jan war schon immer ein auffälliger Typ“, dachte Cari. Aber gerade das mochte sie an ihr. Sie war mutig und nicht so zurückhaltend wie Cari.

Einige Wochen zuvor, als Jans Tante gefragt hatte, ob sie und einige ihrer Freunde nicht Lust hätten, auf Piney Island zu arbeiten, war Jan sofort damit herausgeplatzt, worauf es ihr in diesem Sommer ankam – tolle neue Typen kennenlernen und Partys feiern bis zum Abwinken. „Das wird ein echter Partysommer!“ Der Spruch stammte von ihr.

Außer Cari hatte sie noch Eric und Craig, ihre beiden ältesten Freunde, eingeladen mitzukommen und die beiden waren gleich begeistert gewesen. „Partysommer!“, hatten sie aufgekratzt gegrölt, und es war nicht zu übersehen gewesen, wie Eric Cari dabei angeschaut hatte.

Partysommer …

Und jetzt, vier Wochen später, ging es tatsächlich los. Alle umarmten sich und ein paar Tränen flossen. Sie stammten hauptsächlich von Mrs Taylor, die sich immer noch nicht mit der Vorstellung anfreunden konnte, dass Cari so viele Wochen weg sein würde. Und dann ver abschiedeten sich alle noch einmal, und Tante Rose versicherte den Taylors zum x-ten Mal, dass sie ein wachsames Auge auf die vier haben würde.

Schließlich holperte der schwer beladene Kombi die Auffahrt hinunter. Cari winkte ihrer Familie zu und verabschiedete sich im Stillen von der Fear Street und dem langweiligen Sommer, den sie gehabt hätte, wenn sie hiergeblieben wäre.

Die beiden Jungen warteten bei Eric, der in einem weitläufigen, ranchähnlichen Haus in North Hills, dem vornehmeren Teil von Shadyside, lebte. Wie üblich war Eric noch nicht ganz fertig. Die Hälfte seiner Klamotten, die zum größten Teil aus abgeschnittenen, ausgebleichten Jeans und Heavy-Metal-T-Shirts bestanden, stapelte sich noch im Wohnzimmer. Unter den Blicken von Craig, Cari und Jan packte Eric seine Sachen hektisch in eine Segeltuchtasche, die viel zu klein für alles war.

„Mein Walkman! Wo ist mein Walkman?“, rief Eric aufgeregt und suchte mit den Augen das Zimmer ab, während er weiter Klamotten in seine Tasche stopfte.

„Er hängt um deinen Hals“, sagte Craig trocken und schnitt eine Grimasse.

„Na, logo. Wo sollte er auch sonst sein?“

Alle lachten.

„Hey, was hast du denn da um den Hals?“, wollte Eric von Jan wissen.

Jan griff unwillkürlich an den großen weißen Anhänger, den sie an einer Silberkette trug. „Ach nichts. Nur einen Totenkopf aus Elfenbein. Er soll angeblich das Böse abwehren.“ Sie hielt ihm das Amulett entgegen. „Also, halt lieber Abstand!“

„Oh Mann.“ Eric verdrehte die Augen. „Glaubst du etwa wirklich, dass es in diesem Hotel spukt?“

„Wenn nicht, wäre ich jedenfalls sehr enttäuscht“, gab Jan zu.

Eric schüttelte verständnislos den Kopf und schaffte es schließlich doch noch, alles in seine Tasche zu stopfen und den Reißverschluss zuzumachen. Craig hatte zum Glück schon am Abend vorher alles gepackt und seinen Kram zu Eric rübergebracht, damit Rose nicht noch extra bei ihm vorbeifahren musste.

„Die Jungen sind genauso verschieden wie Jan und ich“, dachte Cari, während sie zusah, wie die beiden ihre Sachen in Rose’ Kombi luden. Sie sahen auch ganz verschieden aus.

Eric war klein und dünn. Seine dunkelbraunen Haare waren zu einem kurzen Pferdeschwanz zusammengebunden. Er hatte einen Diamantstecker in einem Ohr und trug eine Nickelbrille.

„Er ist ein richtig netter Typ“, dachte Cari. „Auch wenn er meistens einen auf cool macht.“ Eric hatte ihr schon immer ziemlich gut gefallen. Seit der Junior Highschool waren sie dick befreundet, aber sie waren noch nie zusammen ausgegangen.

Craig wirkte eher lässig als cool. Sein braunes Haar mit den blonden Strähnen war kurz geschnitten und hatte einen ordentlichen Seitenscheitel. Er war immer anständig und ein bisschen spießig gekleidet. Heute trug er zum Beispiel khakifarbene Baumwollshorts mit Aufschlag und ein weißes Polohemd, aber Cari hatte den Eindruck, dass es ihm eigentlich ziemlich egal war, was er für Klamotten anhatte.

„Er ist einfach er selbst. Irgendwie scheint ihn überhaupt nichts aufzuregen“, dachte Cari. In gewisser Weise beneidete sie ihn. Wahrscheinlich bekam er nie kalte, schweißfeuchte Hände oder war furchtbar aufgeregt vor einem Test oder einer Verabredung.

Als sie endlich mit dem Beladen des Wagens fertig waren, stapelte sich das Gepäck bis unter die Decke des Kombis und zwei Taschen waren sogar auf dem Dach festgezurrt. „Wir sollten jetzt besser mal aufbrechen“, sagte Rose nach einem Blick auf ihre Uhr. „Sonst ist der Sommer fast vorbei!“

Jan setzte sich vorne neben ihre Tante, und Cari quetschte sich zwischen die Jungen auf den Rücksitz. „Der Wagen hat auf der Hinterachse so viel Gewicht, dass die Vorderräder bestimmt gleich abheben“, sagte Jan besorgt.

„Hey, das wäre cool!“, rief Eric.

„Habt ihr genug Platz da hinten?“, fragte Rose und ließ den Motor an.

„Genug Platz wofür?“, gab Cari schelmisch zurück.

Alle lachten.

„Ich habe schon von deinem Sinn für Humor gehört“, sagte Rose und setzte blind aus der Einfahrt zurück, weil das Fenster der Heckklappe mit Gepäck zugestellt war.

„Hey – wir sind unterwegs!“, rief Eric und kurbelte die Scheibe hinunter. „Tschüss, Shadyside“, brüllte er aus voller Kehle. „Partysommer – wir kommen!“

„Wartet bloß, bis ihr den Strand seht“, sagte Rose und bog in die River Road ein, die entlang des Cononka River aus der Stadt führte. „Ich bin zwar nicht mehr da gewesen, seit ich in eurem Alter war …“

„Also vor fünf Jahren?“, unterbrach Craig sie.

„Du bist mir vielleicht ein Charmeur!“, erwiderte Rose lachend. „Es ist schon ein wenig länger her, aber ich kann mich noch gut an den Strand erinnern. Dort gab es den feinsten und weißesten Sand, den ich je gesehen habe. Kurz vor der Insel liegt eine Sandbank, an der sich die Wellen brechen, sodass die Brandung nicht so stark ist. Ideal zum Schwimmen. Allerdings ist die Insel ziemlich klein, man ist recht schnell von einem Ende am anderen.“

„Hauptsache, es ist genug Platz für all die sagenhaften Miezen, die ich treffen werde“, erwiderte Eric.

„Ich schätze, du wirst dich wohl den ganzen Tag am Pool rumtreiben, was“, sagte Craig trocken.

„Genau. Vielleicht kann ich ja Manager für den Freizeitbereich werden oder so was in der Art“, meinte Eric grinsend.

„Manager für den Freizeitbereich? Nennt man das heute etwa so?“, fragte Jan und verdrehte die Augen.

„Erzählen Sie uns mehr über das Hotel, Rose“, bat Cari und wechselte geschickt das Thema.

„Ja, bitte! Wie ist es eigentlich zu seinem Namen gekommen? Hotel zum heulenden Wolf?“, fragte Jan.

„Ich weiß nicht“, antwortete Rose und fädelte sich auf die Schnellstraße ein. Der schwer beladene Kombi hatte Schwierigkeiten beim Beschleunigen. „Wir werden Simon fragen müssen, wenn wir da sind. Ich kann mich nur daran erinnern, dass es sehr groß ist. Und sehr schön. Ich weiß noch, dass es nach hinten hinaus eine ganz bezaubernde Terrasse gibt.“

„Wo sich die tollen Miezen sonnen“, warf Eric ein.

„Eric, lass doch den Quatsch!“, schnaubte Cari.

„Ihr scheint zu vergessen, dass ihr zwischendurch auch mal arbeiten müsst, Leute“, ermahnte Rose sie scherzhaft.

„Partysommer!“, rief Craig ungerührt.

„Partysommer!“, nahm Eric den Spruch auf.

Während die Landschaft draußen an ihnen vorbeirollte, redeten sie über das Hotel, die Insel, den Strand und über all das, was sie in den Ferien tun wollten.

Cari merkte plötzlich, dass sie noch nie in ihrem Leben so aufgeregt gewesen war und sich noch nie so sehr auf einen Sommer gefreut hatte. Sie würde volle zwei Monate weit weg von ihrer Familie sein – und sie war mit ihren besten Freunden auf dem Weg zu einem wunderschönen, luxuriösen Hotel auf einer einsamen Insel.

Die drei anderen schienen genauso aufgeregt und glücklich zu sein wie sie. Während sie mit heruntergekurbelten Scheiben auf Cape Cod zurollten, trällerten sie die Songs im Radio mit oder unterhielten sich.

Ihre aufgekratzte Stimmung hielt an, bis sie das Kap erreicht hatten und schon auf halber Strecke zwischen Wellfleet und Provincetown waren. Dann passierte es.

4

„Autsch!“

Der Kombi machte einen Schlenker nach rechts und holperte über den schmalen Seitenstreifen.

„Tante Rose – was ist mit dir?“, rief Jan und beugte sich mit besorgtem Gesicht zu ihrer Tante hinüber.

„Mein Magen …“, stöhnte Rose.

Sie versuchte, den Wagen auf den Seitenstreifen zu lenken, aber dort war einfach nicht genug Platz zum Anhalten. „Oh, es tut so weh!“ Sie bremste auf fünfzig Stundenkilometer ab und schaffte es irgendwie, den Kombi auf der Straße zu halten.

„Bestimmt kommt gleich eine Haltebucht, Tante Rose“, sagte Jan und starrte angestrengt durch die Windschutzscheibe.

„Was ist denn los?“, fragte Cari.

Alle waren still geworden. Jan beugte sich vor und machte das Radio aus.

Rose stöhnte auf und hielt sich die linke Seite. „Es ist so ein stechender Schmerz. Er hat eben gerade eingesetzt. Ganz plötzlich.“ Sie stöhnte noch einmal, zwang sich jedoch, den Wagen in der Spur zu halten. Sie hielt das Steuer mit beiden Händen fest umklammert.

„Solche Schmerzen hatte ich noch nie“, flüsterte sie tonlos.

„Fahr rüber. Da vorne kommt ein Feld“, sagte Jan mit zitternder Stimme und deutete nach rechts.

Rose bog von der Straße ab, hielt direkt vor einem Schild mit der Aufschrift „Route 6“ und machte den Motor aus. „Vielleicht wird es besser, wenn ich mich ein bisschen bewege“, sagte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht.

Cari fiel auf, dass sie leichenblass war und dicke Schweißtropfen auf ihrer Stirn standen.

Rose stieß die Autotür auf. Die anderen stiegen aus, um ihr zu helfen. Auf der schmalen Bundesstraße reihte sich ein Wagen an den anderen. Die meisten waren voll beladen mit Koffern, Fahrrädern und allen möglichen Strandutensilien.

Rose lehnte sich gegen den Kotflügel.

„Geht es Ihnen schon etwas besser?“, erkundigte sich Craig.

„Nicht so richtig.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln, aber ihr war deutlich anzusehen, wie schlecht es ihr ging.

„Ich werde fahren“, verkündete Jan entschlossen.

„Seit wann hast du denn deinen Führerschein?“, fragte Rose und rang nach Luft.

„Erst seit letzter Woche“, räumte Jan ein. „Aber ich schaffe das schon. Wir müssen dich ins Krankenhaus bringen.“

„Nein!“, rief Rose, deren Augen sich mit Tränen füllten. „Nicht ins Krankenhaus.“

„Aber, Tante Rose“, sagte Jan beschwörend, „du siehst ernsthaft krank aus.“

„Es ist doch nur … nur dieser Schmerz“, wehrte Rose ab. „Aua!“ Wieder hielt sie sich die Seite.

„Ist es der Blinddarm?“, fragte Eric.

„Der ist doch rechts“, erklärte ihm Cari leise.

„Vielleicht hat sie einen Herzanfall“, flüsterte Craig, der plötzlich sehr besorgt aussah. „Strahlt der Schmerz in den linken Arm aus?“, fragte er Rose.

„Nein. Er sitzt im Magen und zieht sich bis hier in die Seite“, antwortete sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Zwei Motorräder donnerten an ihnen vorbei, gefolgt von einem riesigen Bierlaster.

„Lass uns einen Arzt oder ein Krankenhaus suchen“, beharrte Jan und versuchte, ihre Tante auf die Beifahrerseite zu bugsieren. „Hier direkt an der Straße ist es zu gefährlich.“

„Nein. Von Krankenhäusern halte ich überhaupt nichts“, protestierte Rose und wand sich aus Jans Griff. „Und ich will auch nicht zum Arzt. Bringt mich zu Aileen.“

„Tante Aileen?“

„Ja. Zu meiner Schwester. Sie ist Krankenpflegerin“, sagte Rose und wischte sich mit dem Handrücken den kalten Schweiß von der Stirn. „Aileen hat kurz vor Provincetown ein Haus, direkt an der Küstenstraße. Bringt mich dorthin. Ich muss mich nur ein bisschen ausruhen, dann bin ich wieder ganz okay.“

Jan und Craig halfen Rose auf den Beifahrersitz. Sie legte den Kopf zurück und schloss die Augen. Dann rutschte Jan hinters Steuer und Craig setzte sich wieder zu Eric und Cari auf den Rücksitz.

„Wann geht denn das Motorboot nach Piney Island?“, fragte Eric.

„Erst heute Abend um sechs“, sagte Rose, deren Stimme schwach und gepresst klang. „Macht euch keine Sorgen. Bis dahin bin ich längst wieder auf den Beinen.“

„Im Moment siehst du aber nicht danach aus“, sagte Jan streng und warf ihrer Tante einen prüfenden Seitenblick zu. „Du zitterst ja richtig.“

„Ich friere nur ein bisschen“, erwiderte Rose. „Mir geht’s bald wieder gut. Bestimmt. Aileen wohnt nur ein paar Minuten von hier.“

„Wollen die mich vielleicht mal wieder reinlassen?“, knurrte Jan ungeduldig, als ein Wagen nach dem anderen in einem stetigen, endlosen Strom an ihnen vorbeirollte. Die schmale Straße war mit Autos regelrecht verstopft.

Sie brauchten fast eine Dreiviertelstunde bis zu Aileens Haus, einem großen, scheunenähnlichen Gebäude mit Blick über die Bucht. Jan hielt an der Rückseite des Hauses.

„Vorhin waren wir alle noch so glücklich“, dachte Cari. „Und jetzt …“

Sie stieg aus dem Wagen und half Rose durch das hohe Gras zum Haus. „Geht es Ihnen schon ein bisschen besser?“, fragte sie besorgt.

„Nicht so richtig“, hauchte Rose, die inzwischen noch bleicher aussah. Ihre Lippen waren jetzt ganz weiß.

„Ist jemand zu Hause?“, rief Jan. „Aileen? Bist du da?“

Die Hintertür stand offen, aber es war niemand zu sehen.

Plötzlich erschien eine hochgewachsene Frau in der Türöffnung. „Tante Aileen!“, rief Jan. Aileen, die wie Rose und Jan ein dunkler, exotischer Typ war, öffnete die Fliegengittertür und stürzte mit überraschtem Gesicht zu ihnen hinaus.

Kurz darauf lag Rose auf der kastanienbraunen Ledercouch im Wohnzimmer. Aileen flitzte in der winzigen Küche hin und her und machte eine Kleinigkeit zu essen und Eistee für alle.

Cari sah immer wieder auf die Uhr und fragte sich, ob Rose sich wohl noch rechtzeitig erholen würde, um nach Provincetown zu fahren. Das Motorboot nach Piney Island fuhr nur einmal am Tag. Wenn sie also bis um sechs nicht da waren …

Um halb sechs lag Rose noch immer auf der Couch. „Ich fühle mich schon viel besser“, sagte sie mit einem tapferen Lächeln, hielt sich aber im nächsten Moment vor Schmerz die Seite.

„Es wird langsam spät“, sagte Aileen und blickte auf die kupferne Wanduhr über dem Kamin.

„Hört mal – ihr habt noch genug Zeit, um rechtzeitig nach Provincetown zu kommen und das Boot zu erreichen“, ächzte Rose und veränderte vorsichtig ihre Lage auf der Couch. „Fahrt einfach ohne mich. Ich werde Simon anrufen und ihm alles erklären.“

„Was?“, rief Jan, verblüfft über diese Idee. Cari sah, dass Eric und Craig genauso überrascht waren. Darauf war keiner von ihnen gekommen.

„Fahrt ohne mich mit dem Motorboot auf die Insel und lebt euch schon mal ein. Simon wird sich gut um euch kümmern. Außerdem verlässt er sich darauf, dass ihr morgen anfangt zu arbeiten. Ich finde es nicht fair, ihn im Stich zu lassen“, sagte Rose, deren Stimme inzwischen kaum mehr als ein Flüstern war.

„Aber was ist mit dir?“, fragte Jan.

„Ich werde schon wieder gesund“, versicherte ihr Rose und zwang sich zu einem Lächeln. „Erst mal bleibe ich noch ein bisschen bei Aileen. Wir haben uns eh schon seit Monaten nicht mehr gesehen. Und morgen komme ich dann mit dem Motorboot nach.“

Plötzlich fingen alle auf einmal an zu reden. Jan wollte Rose nicht alleine lassen. Cari versuchte, Jan zu beruhigen, und Craig und Eric hielten es für eine gute Idee, ohne sie vorzufahren. Aber schließlich gelang es Aileen, ihre Nichte davon zu überzeugen, dass sie sich gut um Rose kümmern würde.

Nach einer langatmigen Abschiedsszene kletterten sie in den Kombi, und Aileen fuhr sie durch Provincetown, dessen enge Hauptstraße vor Touristen fast aus den Nähten platzte, zum Anleger des Motorboots. Auf einem handgeschriebenen Schild am Ende des Kais stand: Touren nach Piney Island.

„Seid ihr meine Passagiere?“, fragte der lächelnde junge Mann, der an Deck des kleinen Motorbootes auftauchte und nach ihrem Gepäck griff. Er hatte stoppe lige blonde Haare und trug ein Sweatshirt mit dem Aufdruck Uni Boston und weiße Shorts.

„Ich denke schon“, sagte Jan und mühte sich ab, ihm ihre großen Koffer zu reichen. Cari und die beiden Jungen zogen ihre Reisetaschen über den schmalen Holzsteg hinter sich her. Der graugrüne Ozean plätscherte sanft gegen die Pfähle und das kleine Motorboot wiegte sich leicht im Wasser. Hinter ihnen lärmten die Möwen im Sand und pickten an irgendwelchen Abfällen herum.

Nachdem ihr Gepäck wenige Minuten später in der Kabine verstaut war, verabschiedeten sich die vier Freunde von Aileen und setzten sich auf die Bank an Deck.

Der junge Mann löste die Leinen, und das Boot begann, sich mit laut dröhnendem Motor vom Anleger zu entfernen.

Cari lehnte sich mit dem Rücken gegen die Wand der Kabine. Die aufspritzende Gischt fühlte sich kühl und erfrischend an. Als das Boot plötzlich mit einem heftigen Ruck nach vorne schoss, verloren die Passagiere das Gleichgewicht und purzelten auf der Bank überei nander.

Alle brachen in nervöses Gelächter aus.

„Endlich allein!“, brüllte Eric gegen das Dröhnen des Motors an und warf Cari dabei einen Blick zu.

„Partysommer!“, rief Craig gellend.

Cari lachte. Sie war gleichzeitig aufgeregt, nervös, glücklich und besorgt. Es war schon komisch, so ganz allein, ohne einen Erwachsenen, zu einem abgelegenen Hotel auf einer Insel unterwegs zu sein. Wenn ihre Eltern das wüssten, würden sie garantiert einen Anfall bekommen!

Aber was sollte ihnen schon passieren?

5

„Es tut mir leid wegen der unruhigen Überfahrt“, entschuldigte sich der junge Mann und half Cari auf den Steg. „Normalerweise ist das Wasser nicht so bewegt.“

„Na, wenigstens war etwas geboten“, sagte Cari tro cken. Obwohl sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, spürte sie immer noch das Rucken und Schlingern des Bootes.

„Das war irre!“, rief Craig begeistert. „Besser als jede Achterbahnfahrt!“

„Ich bin klatschnass“, jammerte Jan und schleifte ihre Koffer auf den Steg.

Craig half dem jungen Mann, das restliche Gepäck auszuladen.

Cari ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen. „Es ist niemand zu sehen“, murmelte sie erstaunt und strich sich ihre Haare hinter die Ohren, die sich salzverkrustet und feucht anfühlten. Ihr durchnässtes T-Shirt klebte unangenehm auf der Haut.

„Rose meinte doch, Simon würde jemanden vom Hotel schicken, um uns abzuholen“, sagte Jan verwundert. „Das verstehe ich nicht. Ob sie vergessen hat, ihn anzurufen und ihm zu sagen, dass wir unterwegs sind?“

Eine plötzliche Windbö wirbelte den Sand zu beiden Seiten des Anlegers auf.

„Wahrscheinlich sind sie nur ein bisschen zu spät dran“, meinte Eric und setzte sich auf seine prall gefüllte Segeltuchtasche.

„Piney Island ist eine verdammt hübsche Insel“, sagte der Fahrer des Motorbootes.

Cari schaute sich um. Er hatte recht. Im frühen Abendlicht war sie so schön, dass es einem fast unwirklich vorkam. Das funkelnde Meer reflektierte das zarte Rosa des Himmels, und die Wellen klatschten rhythmisch auf den weißen Sand, der bereits von langen blauen Schatten überzogen wurde. Der Strand erstreckte sich vom Steg aus zu beiden Seiten über die gesamte Länge der Insel.

Eine schmale Straße schlängelte sich vom Anleger aus einen steil ansteigenden Hügel hinauf, der dicht mit hohen Kiefern bewachsen war.

„Wo ist denn das Hotel?“, fragte Cari.

Mit einem unterdrückten Stöhnen hievte der junge Mann die letzte Tasche auf den Steg und wischte sich mit dem Ärmel seines Sweatshirts über die Stirn. „Da oben“, sagte er und zeigte den Hügel hinauf. „Ihr müsst einfach nur der Straße folgen.“ Er begann, die Leinen loszumachen. „Zuerst kommt ihr an einem Torhaus vorbei. Das Hotel ist nämlich vollständig eingezäunt. Von dort aus ist es nicht mehr weit. Man kann es gar nicht verfehlen.“

Er ließ die Leine aufs Deck fallen und legte hastig vom Steg ab, so als könnte er es kaum erwarten, hier zu verschwinden.

„Gibt es hier vielleicht so etwas wie einen Zubringerbus?“, rief Eric ihm nach.

Aber das Boot hatte sich mit laut dröhnendem Motor schon zu weit entfernt. Der Fahrer winkte ihnen kurz zu und brauste dann davon, ohne sich noch einmal umzusehen.

„Wo ist denn nun unser Empfangskomitee?“, fragte Craig ungeduldig.

„Vielleicht haben sie uns vergessen“, meinte Jan.

„Tja, dann werden wir wohl laufen müssen“, sagte Cari seufzend.

„Tolle Begrüßung!“, murmelte Craig und folgte mit seinem Blick der Straße, die vom Anleger wegführte.

„Wie kommt es eigentlich, dass wir die Einzigen auf dem Boot waren?“, fragte Eric, der mal wieder an seinem Pferdeschwanz herumzupfte. „Wo sind die Hotelgäste?“

„Also, ich hatte vorhin das Gefühl, als ob das Meer uns wegdrängen wollte“, sagte Jan, deren Gesicht plötzlich im Schatten lag. „Auf dem Boot kam es mir so vor, als ob es uns davon abhalten wollte herzukommen.“

„Huu-huu“, heulte Eric mit unheimlicher Stimme.

„Hör auf damit“, bat Cari. „Ich krieg sonst noch eine Gänsehaut.“

„Überlegt doch mal – zuerst ist Tante Rose krank geworden, und dann hatten wir diese stürmische Überfahrt, obwohl das Meer sonst meistens ruhig ist. Das sind schlechte Omen“, beharrte Jan und fummelte nervös an ihrem Totenkopfanhänger herum.

„Könntest du vielleicht mal für ’ne Weile mit diesem Quatsch über Omen und Geister aufhören?“, fragte Craig. „Jetzt ist Sommer – und nicht Halloween.“

„Genau. Lass uns damit in Ruhe“, brummelte Eric zustimmend.

„Wollen wir jetzt losgehen oder auf Erics Zubringerbus warten?“, wechselte Cari hastig das Thema.

Jan lachte spöttisch. „Warum rufen wir nicht einfach ein Taxi, Eric?“

„Wieso hacken eigentlich immer alle auf mir rum?“, quäkte er mit einer übertriebenen Kleinejungenstimme.

„Wahrscheinlich ist es gar nicht so weit“, meinte Cari optimistisch und griff nach ihrer Reisetasche. „Deine Tante hat gesagt, die Insel wäre nicht besonders groß.“

„Aber sie hat nichts davon gesagt, dass es bergauf geht!“, protestierte Jan und stöhnte laut auf, als sie ihre beiden vollgepackten Koffer anhob.

Eric wollte sich lässig seine Segeltuchtasche über die Schulter schwingen, aber dabei verfing sich der Riemen in seinem Pferdeschwanz.

„Er strengt sich mächtig an, cool zu wirken“, dachte Cari. „Leider klappt es nicht immer. Aber trotzdem ist er irgendwie süß.“

Eric grinste sie verlegen an, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Die vier verließen den Steg und trabten im Schatten der Bäume die Straße entlang.

„Toller Partysommer!“, murmelte Eric kaum hörbar.

„Hör auf rumzumeckern!“, fuhr Jan ihn an. „Wir sind immerhin hier und nicht in Shadyside, wo wir uns jetzt den Kopf darüber zerbrechen würden, was wir heute Abend machen sollen, und uns zu Tode langweilen würden.“

„Ich finde, Jan hat recht“, sagte Cari hastig. „Wir sind hier und nicht in Shadyside. Und es ist niemand da, der uns vorschreibt, was wir zu tun und zu lassen …“

„Ich hoffe, Tante Rose geht es gut“, unterbrach Jan sie.

„Du kannst sie doch anrufen, sobald wir im Hotel sind“, schlug Cari vor.

Kurz darauf kam ein kleines steinernes Torhaus in Sicht. Dahinter umschloss ein hoher schmiedeeiserner Zaun das Hotelgelände. Sie gingen bis zum Torhäuschen, das offenbar verlassen war, und lasen das grün-weiße Schild am Zaun:

HOTEL ZUM HEULENDEN WOLF

PRIVATEIGENTUM

„Wenn das Tor abgeschlossen ist, haben wir ein echtes Problem“, sagte Craig.

„Mach dich nicht lächerlich“, fauchte Jan. „Natürlich ist es nicht abgeschlossen.“ Ihre Worte klangen zuversichtlich, aber ihre Stimme verriet ihre Nervosität.

„Es gibt nur eine Möglichkeit, das rauszufinden“, meinte Eric und versetzte dem Tor einen Stoß.

Es bewegte sich nicht.

„Dreh doch mal an dem Knauf da“, sagte Craig und zeigte darauf.

„Stimmt“, erwiderte Eric. „Da hätte ich auch selber drauf kommen können.“

Er drehte den Knauf und drückte gleichzeitig gegen das Tor.

Es bewegte sich immer noch nicht.

„Abgeschlossen“, stöhnte Jan. „Ich glaub’s nicht!“ Sie ließ ihre Koffer zu Boden fallen und seufzte dramatisch.

„Immer mit der Ruhe. Im Torhäuschen ist ein Telefon“, sagte Cari, die gerade durchs Fenster schaute. „Seht doch mal. Damit können wir oben im Hotel an rufen.“

„Hey, stark!“, rief Jan sichtlich erleichtert.

„Hier wird es aber ganz schön früh dunkel“, sagte Craig und betrachtete den Himmel.

„Das sind nur die Bäume“, widersprach Cari. „Die halten die Sonne ab.“ Sie öffnete die schmale Glastür, betrat das Torhäuschen und griff zum Hörer.

„Komisch, da ist kein Freizeichen!“, rief sie den anderen zu.

Eric steckte seinen Kopf hinein. „Das ist wahrscheinlich so eine Art Gegensprechanlage, die direkt mit dem Hotel verbunden ist“, sagte er.

„Aber es ist überhaupt nichts zu hören“, murmelte Cari, den Hörer immer noch ans Ohr gepresst. „Ich würde sagen, es ist nicht angeschlossen.“ Sie legte den Hörer wieder auf und trat aus dem winzigen Torhaus.

„Das heißt also, wir sind ausgesperrt“, seufzte Eric.

„Na und?“, rief Cari mit einem seltsamen Lächeln. Sie hatte plötzlich eine Idee. „Wir können die Nacht doch am Strand verbringen!“

„Wow! Eine Strandparty. Das wird super!“, quietschte Jan, die diese Aussicht etwas aufzuheitern schien.

„Und was sollen wir essen?“, fragte Eric düster.

„Das Tor ist offen“, sagte Craig.

„Was?“ Cari glaubte zuerst, sie hätte sich verhört.

„Das Tor ist offen“, wiederholte Craig mit einem breiten Grinsen. „Da unten war ein Riegel“, sagte er und zeigte darauf. „Man musste ihn nur wegschieben.“

„Ich hab doch schon immer gesagt, dass Craig ein technisches Genie ist“, meinte Eric.

„Na, dann mal los!“, rief Jan erleichtert und griff nach ihren Koffern.

„Ich würde aber trotzdem gerne die Nacht am Strand verbringen“, sagte Cari schmollend.

„Dafür haben wir noch den ganzen Sommer Zeit“, winkte Craig ab.

Alle vier redeten aufgeregt durcheinander, als sie zwischen den Bäumen hindurch den steil ansteigenden Hügel hinaufkraxelten. Um sie herum zwitscherten die Vögel und ein winziger Hase rannte mitten über den Weg.

Dann kam plötzlich das Hotel zum heulenden Wolf in Sicht.

„Wow!“, rief Cari aus.

Es sah aus wie ein elegantes Hotel aus einem Hollywoodfilm – riesig und weiß, mit einem steilen rot gedeckten Dach. Es lag etwas zurückgesetzt auf einer ausgedehnten Rasenfläche, die den Eindruck machte, als wäre sie mit der Nagelschere geschnitten worden. An das Hauptgebäude mit seiner breiten, verglasten Veranda schlossen sich zwei Seitenflügel an und die rote Eingangstür wurde von zwei imposanten Säulen flankiert.

Als Cari und ihre Freunde näher kamen, erblickten sie die Bucht hinter dem Hotel. Eine steile Holztreppe führte zu einem Privatstrand, wo mehrere Kanus an einem schmalen Steg befestigt waren.

„Ich glaub’s nicht! Seht euch bloß mal den Strand an!“, rief Eric begeistert.

„Er ist perfekt“, hauchte Cari bewundernd. „Einfach perfekt.“

„Das ist ja noch toller, als Tante Rose es uns beschrieben hat“, stieß Jan atemlos hervor.

„Da hinten ist der Pool“, sagte Craig und zeigte darauf. „Mann, der ist ja riesig. Und das dahinter muss ein Poolhaus sein.“

„Aber wo sind bloß die Leute?“, fragte Cari plötzlich.

„Was?“, fragte Jan, die ihren Blick nicht von dem majestätischen alten Hotel losreißen konnte, das sich endlos vor ihnen zu erstrecken schien.

„Es ist niemand im Pool“, sagte Cari.

„Vielleicht sind sie alle beim Abendessen“, warf Eric ein. „Da wäre ich jetzt jedenfalls gerne.“

„Aber hinter den Fenstern ist kein Licht“, widersprach Cari. „Es ist niemand am Strand. Es läuft niemand auf dem Gelände herum. Und es sitzt auch niemand auf der Veranda.“

„Sie hat recht“, murmelte Jan.

Cari fröstelte plötzlich.

„Kommt“, sagte Jan entschlossen und marschierte den großzügig angelegten Weg zum Haus entlang, die Ve randa hinauf und direkt auf die riesige rote Doppeltür zu, die offenbar der Haupteingang war. Sie versuchte, die Tür zu öffnen, aber sie bewegte sich nicht. Also drückte sie auf die Klingel.

Cari hörte, wie es irgendwo drinnen im Hotel läutete.

Sie warteten ein oder zwei Minuten, dann klingelte Jan noch einmal.

Kurz darauf wurde die Tür ein kleines Stück geöffnet. Ein sehr blasser Mann mittleren Alters, dem die schwarzen Haare in widerspenstigen Büscheln vom Kopf abstanden und der eine strenge, unfreundliche Miene zur Schau trug, steckte seinen Kopf durch den Spalt.

„Verschwindet, wir haben geschlossen“, knurrte er und knallte ihnen die Tür vor der Nase zu.

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