Kitabı oku: «Das verlorene Seelenheil»

Yazı tipi:

R. S. Volant

Das verlorene Seelenheil

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Gebrochene Herzen

Frühlingserwachen

Aufbruchstimmung

Der geheime Garten

Die Taufe

Die wundersame Auferstehung

Der Pakt

Vertraue niemandem

Auch ein König braucht mal eine Auszeit

Ein kleines Stückchen Glück

Der Unglücksrabe

13 Unverhoffter Besuch

14 Der verräterische Bruder

15. Die Flucht

16 Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Amanoue sog keuchend die Luft in seine brennenden Lungen und schlug die Augen auf. Sein Blick fiel zum Betthimmel empor und für einen winzigen Augenblick fühlte er sich durch das vertraute Sternenmuster regelrecht erleichtert, bis die Schmerzen einsetzten. Nicht nur die der tiefen Wunde, die der Bauchschnitt mit sich brachte. Sein ganzer Körper schmerzte als wäre er in kochendes Öl getaucht worden oder als ob man ihn bei lebendigem Leibe verbrennen würde.

Er wollte schreien, irgendjemanden um Hilfe anflehen, aber sein Mund öffnete sich nicht, genau wie ihm auch keine andere Bewegung gelang. Irgendetwas schien ihn festzuhalten, an Armen und Beinen zu lähmen, genau wie den Rest seines Körpers. „Du bist schuld, dass der Meister fort ist“, zischte es fauchend um ihn herum, „der Meister ist fort, wehe uns“, „verdammt seist du, Elender“, „dafür wirst du uns büßen“, wimmerte es von überall her.

„Amanoue? Kannst du mich hören? Ich bin`s“, vernahm er eine menschliche Stimme und Marius` Gesicht trat in sein Blickfeld. „Manou?“ Der junge Mann wedelte mit einer Hand vor ihm herum und so versuchte er wenigstens zu blinzeln. „Sag doch bitte was“, flehte Marius besorgt und setzte sich dicht neben ihn. „Spürst du das?“, fragte er, Amanoues Hand nehmend und vorsichtig drückend.

Es fühlte sich an, als würde seine Hand unter einem Mühlstein zerquetscht werden und wieder entrang sich ein stummer Schrei seiner gelähmten Kehle. „Du bist in der Hölle“, fauchte es in seinem Kopf, „dein Kind ist tot, sie hat es erstickt, hast du es gespürt?“, „ja, nicht wahr? Du hast mit deinem Neugeborenem mitgelitten, hast gespürt, wie es seinen letzten Atemzug aushauchte und es war uns die reinste Freude“, zischte es hämisch. „Du hast unseren Meister vertrieben, wir werden dich nicht mehr gehen lassen, als Ersatz für ihn“, „ja, du sollst unser neuer Gebieter sein…“, flüsterte es in seinen Ohren und er schloss die Augen…

***

„Manou?“

„Durst“, krächzte Amanoue und Marius kreischte auf.

„Du sprichst! Manou! Seit drei Wochen liegst du hier und ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben“, lachte der junge Medicus erleichtert und fiel ihm vor lauter Freude um den Hals.

„Trinken, bitte…“

„Ja, sicher, hier“, erwiderte Marius entschuldigend und hielt ihm vorsichtig einen Becher an die Lippen. „Warte, ich stütze dich“, sagte er, eine Hand unter dessen Nacken schiebend und Amanoues Kopf anhebend.

„Was ist passiert?“, fragte der, nachdem er seinen ersten Durst gestillt hatte und Marius holte Luft wie ein alter Mann, der gerade einen Berg erklommen hatte.

„Jede Menge, leider. Der Thronerbe ist gestorben, bei der Geburt und Henry wollte, dass du es wiedererweckst, aber du warst bewusstlos“, gestand ihm Marius bedauernd. „Seine Majestät war außer sich und ist es immer noch.“

Amanoue schloss die Augen vor Trauer und schluckte verzweifelt. „Ich weiß“, sagte er leise.

Marius stieß den Atem hörbar aus. „Es war wirklich schlimm und es tut mir leid, dass ich keine besseren Nachrichten für dich habe“, erwiderte er bedrückt. „Hast du Schmerzen?“

„Nein“, antwortete Amanoue, leicht den Kopf schüttelnd. „Nischd mehr. Was ist mit meine Bauch? Und diese Ding, das in mir war? Ist es tot?“, fragte er furchtsam.

„Die Wunde heilt langsam zu, eigentlich viel zu langsam, für dich“, antwortete Marius irgendwie verhalten. „Du hast nach zwei Tagen die Augen geöffnet, konntest mich aber nicht hören und sehen und hast immerzu nur die Decke angestarrt, wenn du nicht geschlafen hast und du hattest starkes Fieber. Ich habe mir wirklich große Sorgen um dich gemacht, das war schon vor drei Wochen und bis jetzt dachte ich wirklich, dass du nie wieder richtig zu dir kommen würdest.“

„Ich habe dich gehört und auch gesehen, aber ich konnte mich nicht bewegen“, meinte Amanoue und rappelte sich etwas hoch. „Was ist mit dem“, er fasste sich an den Bauch, „was in mir drin war, geschehen?“, fragte er erneut und Marius wich seinem bohrenden Blick aus.

„Es war nur ein Geschwür, nichts weiter als ein blutiger Klumpen Fleisch“, raunte er fahrig und stand auf. „Ich hole dir was zu essen, ja?“

„Marius! Was hast du damit gemacht? Hast du es ins Feuer geworfen?“, ließ Amanoue trotzdem nicht locker.

„Es ist fort, ich habe es weggeworfen“, antwortete Marius, ihn kurz über die Schulter hinweg ansehend. „Es war kein Kind! Und auch sonst nichts anderes, nur ein Geschwür“, sagte er noch entschlossen und ging.

Gebrochene Herzen

Herzog Richard lief aufgebracht hin und her. Immer wieder hielt er kurz inne und schüttelte fassungslos den Kopf über das, was ihm sein Neffe und König gerade offenbart hatte. Schließlich blieb er erneut vor dem stehen und atmete tief durch. „Ist das dein letztes Wort?“, fragte er und der König blickte ihn kalt an.

„Ja“, antwortete der unnachgiebig und nun schüttelte auch dessen Bruder Wilhelm das Haupt und stützte seine Stirn in eine Hand.

„Henry, ich bitte dich noch einmal, darüber nachzudenken“, sagte er von den endlosen Diskussionen der letzten Tage zermürbt, „du brauchst sie!“

„Ich brauche niemanden!“, erwiderte der König trotzig und Wilhelm stieß die Luft schnaubend aus.

„Niemand wird das verstehen oder auch nur das geringste Verständnis für deine Entscheidung aufbringen!“, warf Richard ihm wieder vor und Henry fuhr von seinem gepolsterten Stuhl hoch.

„Sie hat mich auf das Schändlichste hintergangen und betrogen! Und das ist in meinen Augen Hochverrat!“, brüllte er seine beiden engsten Verwandten an. „Sybilla wollte mir ein Kind unterjubeln! Soll ich das einfach so hinnehmen? Mit den Schultern zucken und sagen: Ach was solls, kann ja mal passieren“, sagte er gespielt lässig und winkte mit beiden Händen zynisch lächelnd ab.

„Nein, selbstverständlich nicht“, erwiderte Wilhelm genervt.

„Ach!“

„Aber wie willst du es begründen? Offiziell hast du doch jetzt einen Erben und alle Welt denkt, es wäre alles in bester Ordnung zwischen euch beiden“, versuchte Wilhelm es erneut und Henry wandte sich verbittert um.

„Ich kann ihr das nicht verzeihen, ihnen beiden nicht“, raunte er tief getroffen. „Die beiden Menschen, die mir das liebste waren, haben mich betrogen. Ich habe ihnen vertraut und sie haben mich beide verraten“, sagte er, sich wieder zu ihnen umdrehend und sah sie mit feuchten Augen an.

Sein Onkel ging rasch zu ihm und umarmte ihn fest. „Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr dein Herz schmerzen muss und es zerreißt auch mich, glaube mir“, murmelte er nahe an Henrys Ohr. „Es muss ein furchtbarer Schock für dich gewesen sein und dennoch bin ich der gleichen Meinung wie Wilhelm. Du kannst doch deine Königin nicht einfach scheinbar grundlos wegen Hochverrates anklagen und hinrichten lassen. Bitte Heinrich, es geht hierbei auch um dich! Du hast Wilhelms Sohn bereits öffentlich als euer legitimes Kind ausgegeben und jedermann denkt, es wäre dein rechtmäßiger Erbe. Du kannst Sybilla nicht mehr anklagen, bitte, sieh das doch ein“, beschwor er ihn nochmals.

Henry entwand sich aus der Umarmung, drehte sich um und stützte sich mit beiden Händen am Kaminsims ab. „Ich kann jeden anklagen! Und niemand hat das Recht, meine Entscheidungen anzuzweifeln!“, bekräftigte er seinen Standpunkt erneut.

„Und gibst damit deinen Gegnern einen wirklich guten Grund, wieder gegen dich zu rebellieren“, entgegnete sein Bruder hämisch. „Verdammt Heinrich! Du spielst Rudolf damit in die Karten, warum kapierst du das nicht?! Er wird sich mit Savoyen verbünden und Satorius lacht sich ins Fäustchen! Die warten doch nur darauf, einen Grund für einen Krieg gegen dich zu finden! Die Savoyer lieben ihre Königin, weil sie eine von ihnen ist! Aber dich, würden sie lieber heute als morgen, zum Teufel jagen!“, fuhr er nun wirklich ärgerlich fort.

Richard stieß einen schweren Seufzer aus. „Hast du eigentlich einmal Sybilla selbst dazu befragt?“, fragte er vorsichtig.

„Er hat noch kein einziges Wort seither mit ihr gewechselt“, antwortete Wilhelm ungehalten und Henry drehte sich wütend zu ihnen um.

„Und das werde ich auch nicht!“, zischte er, was Richard entnervt die Hände in die Luft werfen ließ.

„Du willst ihr also nicht einmal die Chance geben, sich zu erklären! Höre sie wenigstens einmal an und dann kannst du immer noch eine Entscheidung treffen! Verdammt, sie liebt dich! Sie hat immer nur dich geliebt und stand immer zu dir oder denkst du wirklich, dass sie in all den Jahren nichts von deinen abwegigen Liebeleien ahnte?!“, fragte er verständnislos.

Der König senkte daraufhin kurz das Haupt und schnaubte nur auf seine spöttische Art. Richard kratzte sich verlegen die gerunzelte Stirn und atmete erst einmal tief durch, um sich wieder zu beruhigen. „Und was geschieht mit Amanoue?“, fragte er leise, Henry hob den Blick und sah ihn mit verengten Augen an. Maßlose Wut, aber auch tiefe Trauer spiegelten sich darin wider und so war es nun Richard, der vor ihm den Blick niederschlug.

„Ich will nicht über ihn sprechen“, hörte er Henry antworten und der Schmerz war deutlich herauszuhören.

„Er hat ihn eingesperrt, seitdem“, antwortete Wilhelm stattdessen.

„Aber das geschah doch schon vor Wochen!“, entfuhr es Richard regelrecht erschrocken. „Seit der Geburt? Du hast ihn seitdem eingesperrt? Das war Anfang Dezember und jetzt haben wir Januar“, hängte er fassungslos daran.

„Du hast dir ja auch reichlich Zeit gelassen“, erwiderte Henry zähneknirschend.

„Ich konnte doch nicht ahnen, was hier los war! In der Nachricht stand nur, dass ich so schnell wie möglich zurückkommen sollte! Und sie war von deinem Bruder“, verteidigte sich sein Onkel und Wilhelm verdrehte die Augen neben ihm. „Außerdem brauchte der Bote eben auch seine Zeit…“

„Ja, genau! Ein paar Tage, hin und zurück! Und du hast erstmal eine Woche überlegt, um überhaupt zu antworten! Oder war der zu Fuß unterwegs?“, brummte Henry schnippisch zurück.

Richard schnaufte laut aus. „Ich war eben noch immer etwas wütend, über deinen liebevollen Hinauswurf“, rechtfertigte er sich höhnisch. „Ist doch selbstredend, dass ich den Boten ausgefragt habe und der erklärte mir lediglich, dass ihre Majestät einen gesunden Jungen zur Welt gebracht hätte und es ansonsten nichts zu berichten gäbe! Ich konnte doch nicht ahnen, was hier wirklich los war!“

Wieder rollte Wilhelm mit den Augen. „Ihr zwei seid beide solche…“, raunte er dazwischen, zwang sich dann aber zur Ruhe und winkte schließlich nur noch ab.

„Was?“, fuhr Henry ihn an, „Arschlöcher?!“

Wilhelm hob überrascht die Augenbrauen und nickte tatsächlich. „Ja, dass auch! Ich wollte es eigentlich nicht so derb ausdrücken, aber ja, ihr seid beide manchmal echte Arschlöcher und beide vom gleichen Schlag! Müsst ihr ausgerechnet jetzt die beleidigten Leberwürste spielen? Wir haben echt andere Sorgen, als euren angekratzten Stolz! Seht mich nicht so schockiert an, es ist so! Und ich habe allmählich echt die Schnauze voll davon! Seit Jahren sehe ich mir das jetzt schon mit an! Ihr streitet euch wegen jedem Furz und liegt euch gleich darauf wieder in den Armen! Jetzt ist Schluss damit! Du bist jetzt da und wir sollten nun endlich eine Lösung finden! Und du“, wandte er sich direkt an Henry, „wirst dich endlich wieder wie ein vernünftiger Mensch benehmen, mit dem man ein vernünftiges Gespräch führen kann! Zu deiner Erinnerung, du bist hier nicht nur ein gewöhnlicher, gehörnter Ehemann, sondern auch unser aller König und trägst damit die Verantwortung für uns alle! Und deshalb musst du erst recht deine Gefühle hintenanstellen! Du wirst Sybilla zumindest die Chance einer Verteidigung lassen und wir drei werden über sie urteilen! Außerdem interessiert es mich brennend, wie es dein kleiner Lustknabe angestellt hat, sie flachzulegen“, meinte er und schüttelte auch gleich geradezu ungläubig den Kopf darüber.

Henrys Brust war mit jedem seiner Worte mehr angeschwollen und er stand kurz vor dem Platzen. „Richtig, ich bin euer König und somit verbiete ich dir, so mit mir zu reden! Was fällt dir ein?!“, brüllte er seinen jüngeren Bruder an, doch der verzog nur gelangweilt das Gesicht.

„Jetzt geht das wieder los“, murmelte er genervt vor sich hin. „Gut, wenn es dir danach besser geht, brüll mich an oder wirfst du mich jetzt auch raus?“, meinte er relativ gelassen.

„Heinrich, Wilhelm hat recht, lass uns nicht länger streiten und unseren Groll beiseitelegen“, lenkte wenigstens Richard ein und streckte ihm die rechte Hand entgegen. „Es tut mir leid, bitte vergib einem störrischen alten Mann“, sagte er geknickt.

Henry holte tief Luft, atmete geräuschvoll aus und drehte sich zierend hin und her. „Du hast mich zutiefst verletzt und warst nicht da, als ich dich am nötigsten gebraucht hätte“, grummelte er und wieder wurden seine Augen feucht. „Ich kann einfach nicht mehr“, gestand er leise und schon lagen sie sich in den Armen.

„Jetzt bin ich ja da, ist schon gut“, versuchte sein Onkel ihn zu trösten und klopfte ihm den Rücken, während Henry leise schluchzend nickte.

„Wie konnten sie mir das antun, wie konnte er mir das antun?“, weinte er mit der Stirn auf Richards Schulter und der unterdrückte nun selbst nur noch mühsam die Tränen.

Wilhelm hob leicht mit dem Kopf schüttelnd die Augenbrauen und seufzte schwer. „Könnten wir jetzt endlich wieder zur Sache kommen? Ich bekomme allmählich Hunger und bin am Verdursten!“, brummte er, stand auf und ging hinüber zum Tisch. Er schenkte sich einen Becher Wein ein und trank einen großen Schluck.

„Mir auch“, krächzte Henry und zog die Nase hoch. Wilhelm goss den Pokal voll, reichte den seinem Bruder und der trank wie ein Verdurstender.

„Ich auch“, knurrte Richard, wischte sich über die Augen und so füllte Wilhelm den dritten Becher.

„Hier“, meinte er, seinem Onkel das Getränk übergebend und alle drei tranken nochmals.

„Gut“, sagte Henry schließlich doch einsichtig und räusperte sich, um den Kloß in seinem Hals endgültig los zu werden. „Dann wollen wir uns mal anhören, was Sybilla dazu zu sagen hat“, murmelte er und die beiden anderen atmeten erleichtert auf.

***

Sybilla betrat mit gesenktem Haupt das private Audienzzimmer und blieb mitten im Raum stehen. „Eure Majestät“, kam es leise über ihre bebenden Lippen und sie knickste etwas unsicher. Sie war ganz in Schwarz gekleidet und auch ein schwarzer Schleier bedeckte ihr lockiges, rötliches Haar.

„Ihr wisst, warum Ihr hier seid?“, fragte Wilhelm kühl und die Königin sah ihn fragend an. „Euch wird Ehebruch vorgeworfen und dazu habt Ihr noch versucht, Eurem Gemahl ein Balg unterzujubeln! Was sagt Ihr dazu?“

„Bitte Henri, Eure Majestät, vergebt mir, es war nicht so, ich wollte es nicht, ich schwöre es!“, prasselte es sofort aus ihr hervor und sie fiel händeringend auf ihre Knie. „Er war es, er hat mich irgendwie gefügig gemacht, ich konnte mich nicht einmal wehren, oh bitte, bitte, das ist die Wahrheit“, bettelte sie und schlug schluchzend die Hände vor ihr deutlich ausgemergeltes Gesicht.

„Was wollt Ihr damit sagen? Dass Amanoue Euch gegen Euren Willen nahm?“, fuhr Herzog Richard sie geradezu entrüstet an und sie nickte schnell.

„Ja, Euer Gnaden, genauso, war es!“

„Oh bitte!“, höhnte Richard schnaubend. „Lasst dieses Theater! Ich kenne Amanoue gut genug um zu wissen, dass er niemals dazu in der Lage wäre!“

„Es ist die Wahrheit! Er hat mich mit einem Zauber gelähmt und mich geschän…“, weinte sie haltlos und sank noch mehr in sich zusammen.

Immerhin schien sie damit Wilhelm zu beeindrucken und der rutschte bereits unwohl auf seinem Polster hin und her. „Er hat Euch“, das Unfassbare auszusprechen, viel selbst diesem hartgesottenen Mann schwer, „vergewaltigt?“, fuhr er wesentlich leiser fort, während Henry weiterhin mit versteinerter Miene neben ihm saß.

„Oh bitte! Niemals! Heinrich, Eure Majestät, meinte ich, du weißt selbst, dass Amanoue nie dazu fähig wäre!“, regte Richard sich erneut auf. „Amanoue ist die Sanftmut in Person!“

„Und dennoch hat er mich mit meiner Gemahlin hintergangen und dazu gehören immerhin zwei! Ob mit oder ohne ihre Zustimmung, es ist unverzeihlich“, erklärte der König kalt.

„Es geschah ohne meine Zustimmung! Bitte, Ihr müsst mir glauben! Ich habe immer nur Euch geliebt und dies sagte ich auch zu ihm! Aber er wollte es nicht hören und fiel regelrecht über mich her!“, beschwor Sybilla ihn, die Hände wie zum Gebet gefaltet. „Henri, ich würde Euch niemals aus eigenem Willen heraus betrügen! Er ist ein Incubus, er muss ein Incubus sein, sonst wäre ich sicher standhaft geblieben, wie in all den Jahren, in denen Ihr mich so oft alleine gelassen habt!“, redete die Königin sich schließlich in Rage, was bei den drei Männern zu unterschiedlichen Reaktionen führte.

Herzog Richards Blick ging zynisch amüsiert zur Decke, da er kein Wort davon glaubte, Wilhelm schien plötzlich ganz Ohr zu sein und der König zeigte weiterhin keinerlei Regung. „Ihr bezichtigt den Adjutanten seiner Majestät also der Zauberei?“, fragte sein Bruder höchst interessiert nach und die Angeklagte nickte rasch.

„Ich schwöre vor Gott und würde es auch vor aller Welt tun, wenn man mir ein gerechtes Gerichtsverfahren zugestehen würde, dass ich in all den Jahren meinem Gatten treu ergeben war und ihn niemals betrog! Ich liebe meinen Gemahl von ganzem Herzen, auch wenn er es wohl nie mit der ehelichen Treue so genau nahm, wie ich! Befragt meine Hofdamen oder Eure eigene Gemahlin, die mir eine enge Freundin ist und sie werden Euch meine Treue bestätigen! Niemals, ich wiederhole es: Niemals, war ich meinem Ehemann untreu, nicht einmal in Gedanken“, antwortete Sybilla felsenfest und mit Stolz erhobenem Haupt.

Wilhelm schnaufte tief durch und sah zu seinen beiden Mitanklägern hinüber. „Ich glaube Euch auch so“, sagte er und deren Köpfe fuhren zu ihm herum. „Was? Sie hat das Recht dazu, eine öffentliche Anhörung zu bekommen, wenn du sie wirklich verurteilen möchtest! Es geht hier schließlich um ihren Kopf“, flüsterte er ihnen zu. „Henry, du wirst nicht um ein ordentliches Gerichtsverfahren herumkommen und was dann? Sie ist echt gut! Und glaube mir, alle Welt wird auf ihrer Seite stehen, wenn sie so vor Gericht redet und damit könnte sich das Blatt ganz schnell wenden und plötzlich stehst du als untreuer Gemahl da, der, wenn sie es darauf anlegt, auch noch mit dem gleichen Kerl wie sie Unzucht getrieben hat! Und nicht nur mit dem!“

„Verdammt, verdammt, verdammt“, murmelte Richard und nickte. „Schicke sie zurück in ihre Gemächer und zwar ganz schnell, ehe sie dich noch ganz um Kopf und Kragen redet!“

Henry sog die Luft ein, stützte nachdenklich seinen Kopf auf eine Hand, wobei er mit drei Fingern sein Kinn hielt und blickte zur Seite. Schließlich nickte auch er. „Gut, Ihr könnt einstweilen wieder zurück in Eure Gemächer gehen. Ich werde mich mit meinen Ratgebern besprechen und Euch wird dann mitgeteilt werden, zu welchem Entschluss ich gekommen bin“, sagte er ehrerbietig, aber ohne seine Gemahlin anzusehen.

Sybilla war längst wieder aufgestanden und fasste im Gegensatz zu ihm alle drei offen ins Auge. „Ich danke Euch, mich wenigstens angehört zu haben aber eines möchte ich noch hinzufügen: Wenn mein Kopf fällt, wird es nicht der einzige sein, das verspreche ich Euch“, sagte sie kühl und knickste wieder, dieses Mal wirkte es allerdings keines Wegs unsicher, sondern voller Eleganz und siegesgewiss. „Eure Majestät, Eure Gnaden“, verabschiedete sie sich liebreizend lächelnd und stolzierte hinaus.

„Sie ist wirklich gut, das muss man ihr lassen“, meinte Wilhelm anerkennend. „Dir ist schon klar, dass sie dir gerade offen gedroht hat? Oder kapierst du es immer noch nicht, dass sie dich in der Hand hat, mehr, als du sie“, wandte er sich an seinen Bruder, der mal wieder kurz vor der Explosion zu stehen schien.

„Ob ich es kapiert habe?“, donnerte er auch gleich los, „oh ja! Wie kann sie es wagen, MICH! Derart anzugreifen! Sie will mir drohen? Soll sie doch! ICH! Bin der König und sitze ja wohl am längeren Hebel!“, brüllte er aufspringend.

Die beiden ließen ihn erst einmal einige Runden durchs Zimmer streifen und damit Zeit, um sich wieder einigermaßen zu beruhigen. „Was hast du erwartet? Dass sie weinend zusammenbricht und alles ohne sich zu wehren einfach so hinnimmt? So ist Sybilla nicht, schließlich wurde sie zur Erbin eines Herzogtums erzogen! Sie war schon immer eine Kämpferin“, wagte es Wilhelm schließlich zu sagen.

„Wie konntes du auch diese Scheiße mit Satorius machen! Konntest du nicht irgendeinen anderen zum Herzog von Savoyen einsetzen?“, warf ihm auch noch Onkel Richard vor und Henry biss sich vor Wut dermaßen auf die Unterlippe, dass es fast blutete.

„Ich wollte, dass sein Sohn Herzog wird und dachte mit Nicolas hätte ich somit einen starken Bündnispartner! Wie hätte ich denn ahnen können, dass der alte Satorius mir derart in den Rücken fällt? Hm?“, blaffte er zurück.

„Du hast ihm sein geliebtes Söhnchen weggenommen! Denkst du wirklich, dass er dir dies jemals vergibt? Satorius mochte dich nie so recht, aber seitdem hasst er dich regelrecht und ich kann es ihm nicht mal verdenken“, entgegnete sein Onkel ebenfalls aufgebracht.

„Hört auf!“, rief Wilhelm dazwischen und hob beide Hände ermahnend in ihre Richtungen. „Es nützt uns nichts, wenn wir uns jetzt gegenseitig an die Kehlen gehen und Vorwürfe machen! Henry, auch wenn es dir schwerfällt und du vielleicht sogar daran erstickst, du musst Sybilla freisprechen! Ich verlange nicht, dass du ihr jemals vergeben sollst, aber du hast dich selbst in diese Misere gebracht oder willst du öffentlich deinen Betrug um den Thronerben zugeben? Denn das wirst du tun müssen, wenn du etwas gegen Sybilla in deiner Hand haben möchtest! Du kannst dir hoffentlich ausmalen, was dann alle Welt über dich denkt! Nämlich, dass du nicht nur ein Lügner bist, der sich von seiner Gemahlin auch noch Hörner aufsetzen ließ, sondern offensichtlich nicht in der Lage bist, selbst einen gesunden Thronerben zu zeugen!“

Henry lief so rot an, dass es schon fast bläulich wirkte. Ein Zittern lief durch seinen ganzen Körper und den beiden wurde es für einen Moment himmelangst. „Heinrich?“, fragte Richard beinahe ängstlich und voller Sorge, „geht’s dir gut?“

Der König sah ihn an, blinzelte mehrmals und nickte schließlich. „Ich ziehe mich erst einmal zurück, ich muss jetzt allein sein“, antwortete er murmelnd. „Allein, wie immer“, raunte er seltsam nachdenklich und ging leicht taumelnd zur Tür.

„Henry? Sollen wir Gregorius zu dir schicken?“, fragte nun auch sein Bruder besorgt nach, doch Henry schüttelte den Kopf.

„Ich brauche keinen Arzt, ich brauche nur ein wenig Ruhe, und…“ Er sah sie nochmals an, „nur einer, könnte mir jetzt wirklich Trost spenden. Wie konnte er mir dies antun? Immer wieder, frage ich mich, warum? Aus Rache? Hass?“, sinnierte er wie zu sich selbst und öffnete stirnrunzelnd die Tür.

***

Nach dem Abendmahl suchte Richard nochmals Henry in dessen Gemächern auf. Eine Weile saßen sie sich schweigend schräg gegenüber. „Bitte, Heinrich, ich möchte dir gewiss nicht noch mehr Schmerz zufügen und es tut mir wirklich leid, was dir widerfuhr aber ich frage dich dennoch, lebt er eigentlich noch? Bitte, ich möchte es nur wissen“, machte er schließlich seinem bangenden Herzen Luft.

„Wer?“, fragte sein Neffe scheinbar ahnungslos zurück.

„Du weißt genau, wen ich meine! Amanoue! Lebt er noch?“, verlangte Richard mit sanftem Nachdruck zu wissen.

„Oh ja, er lebt“, antwortete Henry knapp und bitter.

Richard nickte einmal. „Und wie lange willst du ihn noch einsperren?“

„Von mir aus, bis er verrottet“, kam es von Henry derart verbittert, dass es schon einem Hilferuf gleichkam.

Wieder nickte sein Onkel, tief betrübt und voller Mitgefühl. „Möchtest du es mir nicht erzählen? Auch wenn ich wohl schon das Wesentlichste von deinem Bruder erfahren habe, so würde ich doch gerne die ganze Geschichte hören, von dir. Ich spüre doch, dass viel mehr auf deinem Herzen lastet“, bat er sanft.

Statt einer Antwort schloss Henry die Augen und ein gequältes Schluchzen entrang sich seiner Kehle. „Kai, würdest du uns alleine lassen?“, wandte der Herzog sich dem jungen Diener zu und der bejahte es mit einem stillen Nicken. Nachdem er gegangen war, zog Henry nicht gerade königlich die Nase hoch und trank einen großen Schluck.

„Er war mir so nahe, wie nie zuvor“, begann er einigermaßen gefasst zu erzählen, „wir, waren uns so nahe. Nachdem du fort warst, hatten wir einen fürchterlichen Streit und er schimpfte mich aus wie ein Rohrspatz“, sagte er lächelnd, was auch Richard zum Schmunzeln brachte. „Du kennst ja sein überschäumendes Temperament und ich dachte schon, entweder er haut mir jetzt vor versammeltem Hofstaat eine runter oder er grillt mich an Ort und Stelle“, sprach Henry weiter. Richard runzelte ungläubig die Stirn und sein Neffe nickte bestätigend. „Ehrlich! Für einen Moment dachte ich, so, das wars, jetzt kommt gleich ein Blitz und schickt mich geradewegs zu Ambrosius in die Hölle. Ich habe es gespürt, wie sich die Luft um uns auflud und er begann zu leuchten! Er leuchtete heller als die Sonne, zum ersten Male sah ich es mit eigenen Augen, er leuchtete!“, sagte er geradezu überwältigt. „Satory warf mir einmal vor, dass ich ihn eben einfach noch nie zum Leuchten gebracht hätte, weil ich mich darüber lustig machte und ja, er hatte recht, ich war wohl einfach nicht dazu in der Lage, bis zu diesem Tag! Er stand vor mir und leuchtete, aber nicht aus Freude, sondern vor Wut“, meinte er betrübt. „Es kam kein Blitz“, fuhr er achselzuckend fort, „er beschimpfte mich nur weiter und weiter, bis mir der Kragen platzte und ich ihn hinter mir herzog, bis in meine Gemächer. Wir stritten noch eine Weile und er beteuerte mir, dass es nur noch mich geben würde. Ja, du hattest recht, ich war eifersüchtig! Ich hatte einfach nur Angst ihn wieder verloren zu haben, an dich…“

„Heinrich“, unterbrach Richard ihn leise und leicht vorwurfsvoll. Er griff hinüber, drückte ihm kurz die Hand und Henry sah ihn voller Bestürzung an.

„Allein der Gedanke, dass er wieder einen anderen haben könnte, machte mich fast wahnsinnig, aber er sagte mir, dass ich keinen Grund dazu hätte und es nur noch mich in seinem Leben geben würde. Ich glaubte ihm“, raunte Henry und hielt sich im selben Moment die Stirn. „Er log mich an, log mir dreist ins Gesicht, aber dass er mich mit Sybilla betrogen hatte, hätte ich nie erwartet. Nie! Verstehst du?“, krächzte er heiser weiter und schüttelte gleichzeitig fassungslos den Kopf. „Einige Wochen später hatten wir wieder einen Streit, ich war sauer auf ihn und er mal wieder auf mich, weil ich mich nicht mehr ausreichend um ihn kümmern würde, so warf er es mir vor und ich habe ihn einfach stehen lassen. Damit hatte er wohl nicht gerechnet und tags darauf, oder wohl eher die Nacht darauf, hatte ich die vielleicht schönste Nacht meines Lebens. Wir liebten uns wie noch nie und er sagte mir zum ersten Male, dass er mich lieben würde“, erzählte er immer leiser werdend und wieder drückte Richard ihm die Hand. „Ich brach einfach in Tränen aus, heulte sprichwörtlich Rotz und Wasser, vor lauter Glück und dann…“

„Dann?“, hakte Richard gefühlvoll nach, als Henry auch nach einer kurzen Weile nicht weitersprach.

„Wir schlossen eine Art Pakt, ich weiß nicht, wie ich es sonst nennen soll, er saß auf mir und stach mir mit einem Dolch in die Brust, genau hier“, sagte sein Neffe und tippte sich auf die Herzseite. Richards Augen weiteten sich augenblicklich vor Schreck und vor Unglauben. „Nicht schlimm, nur so tief, dass es etwas blutete“, fuhr Henry deshalb rasch fort. „Vertraue mir, sagte er und ich vertraute ihm“, wieder machte er eine kleine Pause, „er schnitt sich in die Hand und legte sie auf meine Wunde und sagte: Jetzt sind wir eins, von einem Blut, du gehörst mir und ich dir oder so ähnlich. Ich war, es war, wie in einem Traum, ich fühlte mich, wie in einem Traum gefangen, unfähig mich zu bewegen und eine bleierne Müdigkeit überfiel mich plötzlich. Alles was ich noch hörte, war sein Geständnis. Eben, dass Sybillas Kind von ihm wäre und ich nie eigene Kinder haben würde. Er bat mich sogar um Verzeihung und sagte, dass er alles nur für mich getan hätte, weil ich mir doch so sehr ein Kind gewünscht hätte…“, schluchzte er verzweifelt auf. Als Richard sich zu ihm hinüberbeugen wollte, wehrte er allerdings mit beiden Händen ab und rutschte sogar ein klein wenig von ihm fort. „Am nächsten Morgen konnte ich mich nicht mehr daran erinnern, alles war weg“, schniefte er hilflos, „bis es mir plötzlich wieder einfiel! Am Tag als Sybilla das Kind gebar!“ Erneut musste er innehalten, um erst einmal tief Luft zu holen und wischte sich fast ärgerlich über die nassen Augen. „Dann kam Gregorius und sagte, dass es tot wäre, dass mein Kind, gestorben wäre! Alles um mich herum drehte sich nur noch und meine letzte Hoffnung war Amanoue. Ich rannte zu ihm, aber seine Tür war verschlossen, ich flehte ihn an, meinem Kind zu helfen, aber er erhörte mich nicht, ich hämmerte wie ein Verrückter gegen diese verfluchte Tür, bis meine Fäuste bluteten und plötzlich öffnete Marius“, berichtete er so als könne er es selbst nicht glauben. „Ich stieß ihn weg und versuchte wie von Sinnen Amanoue zu wecken, doch alles war vergebens. Er konnte mich nicht hören, weil Marius ihm den Bauch aufgeschnitten und ihm das Geschwür entfernt hatte. Da fiel es mir auf einem Male wieder ein, als ich später allein hier war. Ich saß da und wusste alles wieder, konnte mich glasklar an jene Nacht erinnern und damit auch an sein Geständnis. Ich weiß, dass es vor allem meine Schuld war, ich habe ihm so oft Vorwürfe gemacht, weil er mir kein Kind schenken konnte und vielleicht habe ich ihn sogar damit regelrecht in Sybillas Arme getrieben, aber vergeben, kann ich ihm nicht“, endete er beinahe flüsternd und mit geschlossenen Augen.

Richard lehnte sich tief durchschnaufend zurück. „Und seitdem warst du nicht bei ihm? War überhaupt jemand, bei ihm?“, fragte er erschüttert.

Henry öffnete die Augen und nickte leicht. „Marius. Er kümmerte sich weiterhin um ihn, versorgte die Wunde und brachte ihm Essen. Drei Wochen lag er da, dem Tode näher als dem Leben, dann ging es ihm langsam besser. Seit einer Woche etwa, scheint er über den Berg zu sein, so berichtete es mir Gregorius, aber mich kümmerte es nicht. Es ist mir gleich, was von nun an mit ihm geschieht“, antwortete er ohne jede Regung und ohne seinen Onkel anzusehen, der sich fassungslos an den Kopf fasste.

„Kann ich zu ihm?“, fragte er nach einer stillen Weile und endlich schien Henry aus seiner Starre zu erwachen.

„Warum?“, fragte er, ihn überrascht ansehend.

„Warum? Weil ich ihn sehen möchte! Und sprechen! Wenn du ihm keine Gelegenheit gibst, sich zu rechtfertigen, möchte ich wenigstens erfahren, weshalb und warum“, antwortete Richard verständnislos.

„Ah! Wie bei Sybilla, ja?“, nickte Henry ihm zu und Richard griff sich erneut seufzend an die Stirn.

„Henry! Ich bin auf deiner Seite, wirklich! Ich heiße ganz gewiss nichts gut, weder Sybillas noch Amanoues Verhalten, aber ich möchte mir eben ein eigenes Bild darüber machen. Und ehrlich gesagt, bin ich völlig durcheinander, im Moment! Mir schwirrt der Kopf über das, was ich heute alles erfahren habe oder musste. Vielleicht sollten wir erstmal darüber schlafen und morgen beraten wir uns weiter, ja?“, versuchte er ihn zu besänftigen, was Henry jedoch mit einem Schnauben quittierte.

„Morgen, Übermorgen, Überübermorgen, was soll sich ändern?“, fragte er ihn mit schiefgelegtem Kopf. „Nichts ist mehr so, wie es war und es wird auch nie mehr so werden, jedenfalls nicht für mich.“

Richard konnte nur wieder seufzen, schwer und voller Mitgefühl. Er klopfte seinem Neffen noch tröstlich das Knie und erhob sich. „Versuche zu schlafen und glaube mir, die Zeit heilt jede Wunde oder macht es zumindest erträglicher“, sagte er bitter und schlurfte hinaus.

Allerdings schlug er den Weg zu Gregorius` Gemächern ein und klopfte wenig später an dessen Tür, die auch gleich darauf von Marius geöffnet wurde. „Euer Gnaden?!“, grüßte der junge Mann erstaunt.

„Verzeiht die späte Störung, kann ich mit dir und deinem Meister sprechen?“, fragte der Herzog und Marius trat sofort zur Seite.

„Aber sicher, bitte, tretet ein“, erwiderte er, sich verbeugend.

Richard nickte ihm lächelnd zu und schritt ins Vorzimmer, während Marius nach Gregorius rief. Der Heiler kam überraschten Blickes aus dem Schlafraum und hielt verdutzt inne. „Kann ich Euch sprechen?“, fragte der Herzog und Gregorius machte eine einladende Handbewegung zu den Sitzplätzen hin.

„Euer Gnaden, welch Ehre“, antwortete er und beide setzten sich. „Nun, womit kann ich Euch dienen?“, fragte er ihn freundlich und Richard verzog derart missmutig das Gesicht, dass Gregorius unwillkürlich nickte. „Aha, ich kann es mir schon denken“, meinte der Heiler daraufhin und sah zu seinem Gehilfen auf. „Marius, bringe uns doch einen Krug von dem Gewürzwein, den wir vorhin aufgesetzt haben, ja?“

Marius nickte nur, holte den heißen Wein und drei Becher, goss ein und setzte sich ebenfalls. „Danke“, raunte Herzog Richard und umfasste seinen mit beiden Händen.

„Vorsicht, heiß“, warnte Gregorius und nippte an seinem Getränk. „Mmh, genau richtig gewürzt, gut gemacht“, lobte er Marius lächelnd. „Es gibt nichts besseres, an einem kalten Winterabend, als ein gut gewürzter, heißer Wein, nicht wahr? Besonders in unserem Alter!“

Richard schloss kurz die Augen, dann sah er sie beide fast flehend an. „Wie geht es Amanoue? Lebt er?“, fragte er tief besorgt und ohne Umschweife.

Gregorius und Marius blickten sich in stummer Verständigung an und letzterer nickte schließlich. „Ja, er ist am Leben. Ihr wisst, was geschah? Dass ich ihm das Geschwür herausgeschnitten habe?“, fragte er und Richard nickte kurz. „Es stand wirklich schlimm um ihn und so lange hatte er noch nie gebraucht, um sich zu erholen. Drei Wochen kämpfte er um sein Leben und ich war Tag und Nacht bei ihm, denn sonst durfte niemand zu ihm, seine Majestät hatte es verboten“, fuhr er beinahe angewidert fort, „und das gestattete er auch nur später und weil Gregorius ihn darum anbettelte!“

„Marius!“, rügte der auch gleich.

„Warum nimmst du ihn immer in Schutz? Ich verstehe es nicht! Ich verstehe dich nicht und das in hundert Jahren nicht! Amanoue wäre gestorben! Und er hätte eiskalt dabei zugesehen! Von mir aus, soll er verrecken! Sagte er uns ins Gesicht!“, blaffte Marius Richard wütend an und der senkte mit geschlossenen Augen bitter den Blick.

„Das sagte seine Majestät doch nur im ersten Moment seiner tiefen Trauer! Er hatte sein Kind verloren und…“

„Und, und, und! Ich kann es nicht mehr hören!“, fauchte Marius aufspringend. „Ich war als einziger bei ihm und habe wenigstens versucht, ihn zu retten, während du doch nur Henrys Händchen gehalten hast!“

„Marius! Seiner Majestät ging es ebenfalls sehr schlecht und jemand musste sich auch um ihn kümmern! Ich habe eben mittlerweile ein ganz gutes Verhältnis zu ihm aufgebaut…“, rechtfertigte Gregorius sein Handeln und wieder unterbrach ihn sein Gehilfe.

„Oh ja, Verhältnis! Das glaube ich inzwischen gern! Tagtäglich sitzt du bei diesem Scheusal und sprichst ihm auch noch Mut zu!“, schrie Marius nun schon beinahe.

„Bitte, Marius, ich möchte nur wissen, wie es ihm jetzt geht und habt vielen Dank, für alles“, versuchte Richard daher schnell die Wogen zu glätten.

„Was denkt Ihr wohl, hm?“, fuhr Marius erzürnt zu ihm herum. „Drei Wochen lag er nur da, von Fieberkrämpfen geschüttelt, ohne Nahrung aufnehmen zu können und es ist mir ein Rätsel, wie er dies überhaupt überleben konnte! Ich habe ihm nur Brühe einflößen können und auch nur heimlich! Ich schlich mich täglich hintenherum, über die Treppe, die zum Geheimgang führt und seit er wach ist, stehen auf Anweisung seiner Majestät zwei Wachen vor seiner Tür, damit niemand sonst zu ihm rein kann! Weil er“, er zeigte auf Gregorius, „es seiner Majestät ja brühwarm berichten musste! Daraufhin verbot dieser Mistkerl mir jeglichen weiteren Kontakt zu Manou und lässt ihn seither bewachen. Zwei volle Tage war er vollkommen allein dort eingesperrt!“

„Marius! Zum letzten Mal, ich verbiete dir, derart über seine Majestät zu lästern!“, tadelte Gregorius ermahnend und sein Blick schien dabei zu sagen: `Und das auch noch vor einem Mitglied des Königshauses´!

„Na und? Es ist mir gleich! Von mir aus kann jeder hören, was ich von deinem Henrylein halte!“, knallte Marius ihm trotzdem an den Kopf.

„Ich gehe wohl besser“, raunte Richard betreten und wollte schon aufstehen.

„Bitte, Euer Gnaden, vergebt meinem jungen Gehilfen! Es ist die jugendliche Unreife, die aus ihm spricht und sein ungezügeltes Temperament…“

„Jugendliche Unreife?“, schrie Marius völlig fassungslos.

„Bitte! Es reicht! Marius!“, ging der Herzog jetzt doch ziemlich energisch dazwischen. „Was ist denn nur los, mit dir? So kenne ich dich gar nicht! Du warst doch sonst immer so ruhig und besonnen, ist ja schon gut! Von mir aus kannst du meinen Neffen betiteln, wie du möchtest, es interessiert mich nicht, hörst du? Im Augenblick interessiert mich nur Amanoue und wie wir ihm helfen können! Denn in einem hast du recht! Auf seine Majestät können wir hierbei wohl nicht mehr zählen, das ist auch mir inzwischen klargeworden“, sagte er bedauernd aber eindringlich. „Er hat auch mir so etwas ähnliches gegenüber angedeutet, indem er sagte, dass Amanoue von ihm aus verrotten könne, also beruhige dich“, hängte er milder an.

„Und wie wollt Ihr ihm helfen?“, fragte Marius nicht gerade überzeugt.

„Ich weiß es ehrlich gesagt noch nicht, aber ich werde Brac mit ins Boot holen! Vielleicht kann der wenigstens zu Henry durchdringen“, antwortete Richard und so suchte er den noch am gleichen Abend auf.

***

Gleich nach dem Mittagessen ließ Henry Sybilla erneut zu sich in die kleine Halle zitieren und dieses Mal wirkte die Königin um einiges gefasster. Sie trug wieder Schwarz und das verlieh ihr noch zusätzlich etwas Erhabenes. Stolz und ebenso unnahbar wie Henry am Vortag stand sie vor dem großen Tisch und sah ihren drei Richtern geradewegs ins Gesicht.

„Seine Majestät und wir haben uns erneut über Euren Fehltritt, wenn ich es so bezeichnen darf, beraten“, sagte Wilhelm ernst und machte eine bedeutungsvolle Pause. „Und wir sind übereingekommen, keine Anklage gegen Euch zu erheben“, er senkte kurz den Blick und tippte alle zehn Fingerspitzen gegeneinander, „aber selbstverständlich kann seine Majestät Euren Betrug nicht einfach so hinnehmen und darüber hinwegsehen! Ihr werdet Euch für unbestimmte Zeit in ein Kloster Eurer Wahl zurückziehen um dort Buße für Euer Vergehen zu üben! Als Grund werdet Ihr angeben, dass Ihr Gott für die glückliche Geburt und Gesundheit Eures Kindes danken wollt und es als Eure weitere Berufung anseht, ihm zu dienen! Eure engsten Hofdamen dürfen Euch aus freien Stücken begleiten, außer Herzogin Hildegunde selbstverständlich! Sie, als Eure teure Freundin, wird sich bereit erklären, den Kronprinzen an Eurer statt aufzuziehen“, schloss er kalt ab.

Sybilla nickte zuerst nur, doch dann straffte sie sich. „Und wenn ich mich weigere? Ich fürchte mich nicht vor einem öffentlichen Prozess“, erwiderte sie ebenso unterkühlt.

Wilhelm hielt sich kurz die Stirn. „Das dachten wir uns fast, aber seid gewiss, bei einem öffentlichen Prozess wird man Euch nicht mit Samthandschuhen anfassen, so wie wir! Die Anwälte seiner Majestät werden Euch gnadenlos auseinandernehmen, verlasst Euch darauf! Und Ihr werdet natürlich in Gewahrsam genommen, im Kerker! Es ist Winter, Madame und auf einem schmutzigen Strohlager zu liegen, bei Wasser und Brot? Ich kann mir Schöneres vorstellen und solltet Ihr weiterhin diesen Unsinn von einem Incubus verzapfen, dann wird der Euch gleich dabei Gesellschaft leisten und ihr werdet beide der Unzucht angeklagt, ganz einfach! Seine Majestät hat nichts mehr mit seinem ehemaligen Adjutanten zu schaffen und es ist ihm herzlich gleich, was mit ihm geschieht. Es würde ein sehr schmutziger Prozess werden, glaubt mir und Ihr müsstet jedes noch so kleine Detail Eures Beischlafs mit ihm beschreiben. Und seid Euch ebenfalls gewiss, dass es uns nicht an Zeugen, die selbstredend allesamt gegen Euch sein werden, mangeln wird! Wollt Ihr dies wirklich oder zieht Ihr nicht doch ein würdevolles Leben, in dem man Euch weiterhin mit Achtung begegnen wird, dem vor? Es liegt bei Euch, Sybilla von Savoyen! Ihr habt bis morgen Zeit um Euch zu entscheiden und solltet Ihr ein Kloster wählen, gewährt seine Majestät Euch sogar noch eine großzügige Apanage damit es Euch auch weiterhin an nichts mangelt. Ihr hättet weiterhin Eure Dienerinnen und könntet ein ruhiges, wenn auch bescheidenes, Leben führen! Ihr dürft gehen“, antwortete er ruhig und voller geheuchelter Sanftmut.

Sybilla hatte kaum noch Farbe im Gesicht und sie schnappte mehrere Male nach Luft. „Das werdet Ihr noch bereuen“, zischte sie zornig, drehte sich um und ging.

„Das fürchte ich auch“, murmelte Wilhelm vor sich hin und sah zu seinem Bruder. „Und, bist du nun zufrieden?“

„Ich werde wohl nie wieder zufrieden sein“, raunte der ohne ihn anzusehen, zurück.

„Zumindest bist du sie erstmal los“, meinte Wilhelm achselzuckend, „und niemand kann dir etwas vorwerfen! Das ist doch schonmal was, oder?“ Er blickte von ihm zu Richard und der seufzte schwer.

„Das bleibt abzuwarten! Wer weiß eigentlich sonst noch Bescheid, also über die Sache mit den ausgetauschten Kindern?“, fragte er mulmig.

„Außer uns dreien, natürlich die Königin und ihre zwei engsten Hofdamen, Hildegunde und ihre Amme, Gregorius und dessen Gehilfe, Kai und eine Zofe“, antwortete Wilhelm entnervt.

„Du liebe Zeit!“, entfuhr es Richard erschrocken, „das ist ja der halbe Hofstaat!“

„Oh ja“, seufzte Wilhelm.

„Und? Wie willst du das wieder bewerkstelligen? Denkst du ernsthaft, dass die alle dichthalten werden?“, wandte Richard sich Henry zu, der recht teilnahmslos zwischen ihnen saß.

„Selbstverständlich haben wir mit allen beteiligten gesprochen und sie haben geschworen, zu schweigen. Wohl jeder aus einem anderen Grund, die Hofdamen und die anderen Frauen um Sybillas Willen, tja und der Rest, keine Ahnung“, erklärte Wilhelm ratlos.

„Können wir ihnen vertrauen?“, hakte Richard weiter nach und wieder hob Wilhelm die Schultern.

„Ich weiß es nicht! Aber ganz sicher können wir wohl nie dabei sein, irgendwann wird vielleicht jemand darüber plaudern, sei es aus Unbedacht oder aus welchem Grund auch immer, sie alle werden eine stetige Gefahr für ihn sein“, nickte er zu seinem Bruder hin. „Und dann gibt es auch noch Phineas! Wie viel der davon noch mitbekam wissen wir nicht, er verschwand jedenfalls in der Nacht spurlos!“

Richard stützte fassungslos den Kopf in beide Hände. „Großer Gott!“

„Gregorius wird schweigen! Und Kai ebenfalls“, murmelte Henry vor sich hin.

Seinem Onkel entkam ein schnaubendes Lachen, wie von jemandem, der am Ende seiner Nerven angekommen war. „Und die anderen?“

„Wir haben mit allen eingehend gesprochen, also ich und ihnen unmissverständlich klargemacht, was geschieht, wenn einer von ihnen sein Schweigen brechen sollte“, antwortete Wilhelm unmissverständlich. „Es würde ihnen den Kopf kosten, allen voran ihrer geliebten Königin und somit sind wir zumindest halbwegs auf der sicheren Seite, jedenfalls was deren Seite betrifft. Bei dem Rest, wie gesagt, wirklich Sicher, können wir wohl nie sein, es sei denn, naja, wir bringen sie anderweitig zum Schweigen und damit endgültig! Was Hildegunde anbelangt, sie schweigt totsicher! Immerhin ist ihr Kind jetzt der Thronfolger und sie scheint sich langsam damit anzufreunden, wenngleich sie sich auch immer noch weigert, das eheliche Bett mit mir zu teilen“, seufzte er. „Als erstes solltest du jetzt endlich wieder zum geregelten Alltag zurückkehren und dich nicht länger vor der restlichen Welt verstecken!“, brummte er zu Henry hin, was ihren Onkel fragend die Augenbrauen heben ließ und Wilhelm sah wieder zu ihm rüber.

„Er hat Weihnachten abgesagt und Silvester und seine Namenstagfeier soll auch ausfallen“, beantwortete er die ungestellte Frage mürrisch. „Gut, er hat es damit begründet, dass er es mir und Hildegunde zuliebe getan hat, aus Respekt vor dem plötzlichen Tod unseres Kindes“, sagte er zynisch, „aber irgendwann muss er wieder seinen Pflichten als König nachgehen! Und zwar bald! Immerhin wurde dem Königshaus ein Erbe geschenkt und Konr…, äh, der kleine Heinrich, ist noch nicht getauft! Wir könnten noch ein, zwei Monate warten aber dann musst du ihn endlich dem Adel und der restlichen verdammten Welt präsentieren! Hörst du?!“, fuhr er Henry ziemlich barsch an, weil der wieder nur teilnahmslos vor sich hinstarrte. „Henry!“, herrschte er ihn laut an und schlug mit der flachen Hand vor dem auf die Tischplatte, woraufhin der leicht zusammenzuckte und schließlich leicht nickte. „Gut! Wenigstens scheinst du uns halbwegs zugehört zu haben, Herrgott nochmal!“

„Hast du nicht jemanden vergessen?“, warf Richard vorsichtig ein und seine beiden Neffen sahen ihn an. Wilhelm fragend überrascht und endlich auch Henry, der allerdings wenig bekümmert wirkte. „Was ist mit Amanoue? Was soll mit ihm geschehen?“

Wilhelm hielt für einen Moment den Atem an und hob abwehrend die Hände. „Das liegt einzig allein bei ihm, ich mische mich da sicher nicht mehr ein“, antwortete er mit einem genervten Seitenblick auf Henry, der wieder die Tischplatte mit seinen Augen absuchte.

„Henry! Hast du mich verstanden? Was geschieht mit ihm? Willst du ihn für den Rest seines Lebens wegsperren?“, stellte Richard erneut seine Frage und Henry erhob sich wie jemand, der sich ein langweiliges Theaterstück nicht weiter ansehen wollte. Gähnend drehte er sich um, streckte sich und schlenderte zum Kamin. „Ich fasse es nicht“, murmelte Richard nur noch kopfschüttelnd und Wilhelm sah ihn beinahe mitleidig an.

„Das tue ich schon lange nicht mehr“, brummte er nur zurück und beide wandten sich zu Henry um.

„Willst du mir nicht wenigstens antworten?“, drängte Richard verärgert.

„Ich habe dir bereits geantwortet und es gibt nichts mehr dazu hinzuzufügen!“, kam es hart aus Henrys Mund.

„Gut!“, erwiderte Richard mit einem bekräftigenden Nicken, „dann kannst du ihn auch meiner Obhut überlassen, wenn dir eh nichts mehr an ihm liegt.“

Henry wandte sich halb zu ihm um und kniff abschätzend die Augen zusammen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren setzte er sich in seinen Lieblingssessel und gönnte sich einen Schluck Wein.

„So kommen wir nicht weiter“, sagte sein Onkel und riss sich zusammen. „Heinrich, bitte, lass mich wenigstens zu ihm gehen und nach ihm sehen, bitte! Ich war gestern Nacht schon dort aber die Wachen ließen mich nicht zu ihm, also bitte ich dich um einen Passierschein, das ist alles. Er hat dir das Herz gebrochen, ja, aber er hat mir meines zurückgegeben“, versuchte er es mit einem versöhnlicheren Tonfall. „Ich war ein alternder, verbitterter Mann, doch er zeigte mir einen Weg heraus. Die Monate mit ihm kann ich nicht vergessen und ich möchte es auch nicht, darum bitte ich dich nochmals, erfülle mir diesen einen Wunsch, lass mich ihn noch ein einziges Mal sehen.“

Henry blickte auf und wieder zur Seite. „Wenn es dich glücklich macht, meinetwegen“, erwiderte er schließlich achselzuckend. „Bring mir ein Stück Pergament und ich gebe dir deinen verdammten Wisch.“

„Danke“, sagte Richard ehrlich gemeint, stand auf und brachte ihm die Schreibutensilien.

Henry tauchte die Feder in das Tintenfässchen und stellte ihm das gewünschte Schriftstück aus.

***

Richards Herz klopfte bis zum Hals hinauf, als er hinter dem Vorhang hervortrat, doch zu seiner Überraschung war das riesige Bett leer. „Amanoue?“, fragte er, sich umsehend und nahm sogleich eine Bewegung in einer der dunklen Ecken des großen Raumes wahr. „Amanoue, bist du das?“

Amanoue kam schnellen Schrittes auf ihn zu und hielt abrupt inne, als er ihn erkannte. Auch das erleichterte Lächeln auf seinen Lippen verschwand jäh und er schloss bitter die Augen.

„Du hast jemanden anderen erwartet, stimmts?“, fragte der Herzog mitleidig erkennend und Amanoue sah ihn traurig an. „Ich hoffe trotzdem, dass du dich wenigstens ein klein wenig freust, mich wiederzusehen“, sagte Richard betroffen und sein Gegenüber nickte schluckend.

„Onkel Richard“, kam es sehr leise zurück und das brach dem fast das Herz. Ohne ein weiteres Wort zog er Amanoue in seine Arme und drückte ihn fest an sich.

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie erleichtert ich bin, dich gesund zu sehen“, raunte er ergriffen und erhielt ein leises Schluchzen als Antwort. „Mein lieber Junge, ich weiß nicht wie ich dir jetzt noch helfen kann, aber ich werde alles in meiner Macht stehende unternehmen um dich hier rauszuholen! Das verspreche ich dir.“

Amanoue trat einen Schritt zurück und legte den überirdisch schönen Kopf leicht schräg. „Dann wird er also nischd kommen“, erwiderte er, so als ob er es eh schon geahnt hätte. „Warum?“, fragte er dennoch, an Richard vorbeigehend und setzte sich auf die Bettkante.

„Er“, Richard atmete hilflos durch, „er ist nicht mehr, er selbst“, sagte er, zu ihm gehend und setzte sich daneben. „Du weißt was geschehen ist?“, fragte er und nahm Amanoues zarte Hand in seine.

„Ich konnte seine Kind nischd retten und deshalb ist er böse auf mich“, antwortete er betrübt. „Es tut mir so leid, ehrlisch! Aber ich konnte doch nischds dafür, wieso bestraft er mich?“

Richard tätschelte ihm seufzend die Hand. „Er weiß es, Liebes, alles“, erklärte er sanft. „Ist es wirklich wahr, war das Kind von dir?“

Amanoues Blick ging zur Seite und er nickte leicht. „Isch wollte ihm meine Kind schenken, obwohl es mir die Hers brach. Er `at sich doch so sehr eine Erbe gewünscht“, antwortete er, Richard auf seine unschuldige Art ansehend.

„Geschah es mit Sybillas Einwilligung?“, fragte der bedächtig und Amanoue runzelte die glatte Stirn wie ein Kind, das nicht verstand, was man ihm vorwarf.

„Isch verstehe nischd?“

„Liebes, sie sagte, dass es gegen ihren Willen geschah, also dass du sie ohne ihre Zustimmung nahmst“, erklärte Richard bedächtig und zu seiner Überraschung nickte Amanoue.

„Das `atte sie auch su mir gesagt, eben, dass sie misch anklagen würde, wenn isch sie verraten würde“, seufzte er geknickt und sein Blick senkte sich wieder. „Isch `abe ihr keine Gewalt angetan, wirklisch nischd und das hatte isch auch nischd nötig, ehrlisch! Sie wollte es genauso wie isch und sie konnte gar nischd genug von mir bekommen, die erste Mal. Wir liebten uns in eine alte Hütte und es war wunderschön. Sie war so voller Leidenschaft und isch war wie versaubert von ihr. Isch weiß auch nischd, aber sie war so freundlisch und gütig su mir und die schönste Frau, die isch jemals gesehen hatte. Als isch sie sum ersten Male sah, war isch wie von meine Sinne beraubt und sofort in sie verliebt, aber sie wies mich surück, nachdem wir uns hier wiedersahen. Sie nannte misch eine Dämon, eine Incubus und drohte mir damit, misch als diese ansuklagen und wer hätte mir schon geglaubt? Sie ist die Königin und isch nur eine Sklave, also schwieg isch. Auch ihretwegen, weil sie mir trodsdem leidtat. Deswegen habe isch `enry su ihr geschickt, damit er dachte, dass es seine Kind wäre aber isch war so traurig und auch tief verledsd über Sybillas Surückweisung und dies war auch die Grund, warum isch `enrys Briefe nischd gelesen habe und ihm nischd antwortete. Schließlisch war es doch meine Kind und isch durfte misch nischd eine Mal darüber freuen, so wie alle anderen sisch mit ihm freuten. Aber dann konnte isch nischd länger schweigen, `enry hatte sich so verändert, als er von seine Rundreise surückkam. Er ist so liebevoll su mir gewesen, obwohl isch wirklisch nischd nett su ihm war und gans gleisch wie sehr isch ihn auch ärgerte, begegnete er mir doch stets mit Verständnis und Liebe. Isch wollte ihn nischd länger belügen“, schniefte er mit geschlossenen Augen.

Richard verzog betrübt den Mund. „Oh Junge, ich weiß ehrlich nicht mehr weiter, wenn ich dir doch nur irgendwie helfen könnte“, murmelte er vor sich hin und Amanoue sah ihn an.

„Bitte, ich muss ihn sehen! Wenn Ihr ihn darum bittet, für misch, dann könnte ich es ihm erklären!“, flehte er verzweifelt.

„Ach Liebes, das habe ich doch schon versucht, aber er will nicht einmal mehr über dich sprechen, sein Herz ist wie verhärtet und er starrt nur noch vor sich hin“, antwortete Richard bestürzt und drückte ihm die Hand. „Aber sag, wie geht es dir jetzt? Marius hat mir erzählt, was mit dir geschah und wie schlecht es dir ging.“

„Lange Seit ging es mir gar nischd gut und es war, als wäre isch in eine Swischenwelt gefangen gewesen. Isch konnte misch nischd bewegen, so als würden misch unsichtbare Hände festhalten. Sie fühlten sisch glühend heiß an und isch dachte, isch müsste innerlisch verbrennen“, erzählte Amanoue ihm bitter. „Es war seltsam, denn isch konnte Marius sehen und hören, aber ihm nischd antworten, dann ging es mir langsam besser“, sagte er und seufzte schwer. „Seit eine paar Tage erst, kann isch wieder laufen und eigentlisch sollte isch froh darüber sein und Marius dankbar, aber vielleischd wäre es besser gewesen, wenn er misch hätte sterben lassen. Nischd nur für misch, auch für meine arme `enry, dann wäre er wenigstens diese Sorge los und seine Hers könnte heilen. Es muss ihm fürchterlich wehgetan haben, ich, habe ihm so fürchterlich wehgetan“, schluchzte er, die Hände vors Gesicht haltend. „Ich wollte es nischd, ich wollte ihn doch nur glücklisch machen!“

Richard räusperte sich seufzend. „Es tut mir so leid“, war alles, was er in diesem Moment noch herausbrachte und Amanoue sah ihn mitfühlend an.

„Mir auch! Auch, dass isch Euch solche Kummer bereite, denn ich weiß doch, was Ihr für ihn empfindet. Es muss Euch ebenfalls sehr wehtun, ihn so leiden su sehen, ohne ihm helfen su können“, sagte er ehrlich bedauernd.

Richard sah ihn nur an und schloss vor Rührung die Augen. Eine ganze Weile saßen sie nur noch schweigend nebeneinander, bis sich Amanoue zu ihm hinüberlehnte und ihm einen zarten Kuss auf die Wange hauchte. „Ihr könnt ruhig gehen“, meinte er verständnisvoll und Richard holte tief Luft, um irgendwie nicht gänzlich die Fassung zu verlieren. „Bitte, seid für ihn da, ja? Er braucht Euch jedsd mehr denn je“, sagte Amanoue liebevoll und der Herzog konnte nur noch nicken.

Er schluckte schwer und stand auf. „Ich werde dich nicht im Stich lassen“, raunte er tief ergriffen, drehte sich rasch um und eilte hinaus.

Schnellen Schrittes ging er zurück zur Treppe, die ebenfalls zum Geheimgang führte und nahm den längeren Weg, vorbei an den Gesinderäumen, die gleich neben der Küche lagen. So war er auch schon zuvor gegangen, um zu Amanoues Gemach zu gelangen, weil er es nicht gewagt hatte, durch Henrys Gemächer zu schleichen. Schwer geschafft suchte er seine eigenen Räumlichkeiten auf und setzte sich erst einmal. „Wie soll ich ihm nur noch helfen“, murmelte er hoffnungslos vor sich hin und stützte sein langsam ergrauendes Haupt in seine Hände.

Lange saß er so da, bis er sich wieder aufraffte und sich erneut auf den Weg zum privaten Audienzzimmer machte. Wie erwartet traf er dort seine beiden Neffen an und ein einziger Blick auf die beiden genügte, um ihre Stimmung zu erkennen. „Schon wieder gestritten?“, fragte er und sie sahen ihn mürrisch an.

„Dieser Sturkopf macht mich noch wahnsinnig!“, schimpfte Wilhelm, die Augen verdrehend und zeigte auch noch anklagend auf Henry. „Ganz gleich was ich ihm auch vorschlage, er blockt alles ab!“

„Was denn?“, hakte Richard nach, wobei er nicht gerade interessiert wirkte.

„Diese blöde Namenstagfeier kann mir gestohlen bleiben“, brummte Henry und wandte ihnen trotzig den Rücken zu.

„Gut, dann lassen wir sie eben ausfallen“, meinte Richard lässig und beide sahen ihn gleichermaßen verdutzt an. Wilhelm vor Verständnislosigkeit und Henry echt überrascht. „Warum auch nicht? Wenn es sein Wunsch ist? Es ist eh eiskalt draußen und wer möchte sich schon gerne den Arsch abfrieren, nur um einen König zu sehen, der eine Trauermiene zur Schau trägt als stünde sein Reich in Flammen“, winkte er ab und setzte sich. „Könntest du nicht wenigstens Kai wieder reinlassen?“, brummte er und schenkte sich selbst ein. „Und würde einer von euch mal Holz nachlegen?“

Henry stampfte trotzig zu ihm hinüber und warf gleich eine ganze Unmenge davon in die glimmende Glut, was eine starke Rauchentwicklung zur Folge hatte. „Willst du uns alle umbringen?“, schnauzte Wilhelm ihn an, stieß ihn vom Kamin fort und fischte die Hälfte der Scheite wieder heraus.

„Wäre keine schlechte Idee“, zischte Henry hämisch zurück, während sein Bruder in der Glut herumstocherte.

„Jetzt reichts wirklich langsam!“, fuhr Richard mit erhobener Stimme dazwischen. „Hör endlich auf damit! Dein Bruder meint es nur gut mit dir und will dir helfen! So, wie wir alle“, zwang er sich wieder ruhiger zu sprechen.

„Ach ja? Und wenn ich mir nicht helfen lassen will? Mir kann sowieso niemand mehr helfen und wieso überhaupt Alle? Wer denn?!“, wurde dafür Henry mit jedem Wort lauter und ungehaltener. „Ich sehe hier nur euch zwei!“, schrie er schließlich seinen Onkel an und verschränkte vor lauter Hilflosigkeit die Arme vor seiner bebenden Brust wie ein Schutzschild. „Jedem anderen bin ich doch mittlerweile entweder scheißegal oder sie verachten mich! Ja! Es wäre tatsächlich besser, wenn ich krepieren würde“, hängte er wieder leiser werdend dran und ließ den Kopf hängen.

„Langsam kann ich es nicht mehr hören! Seit Wochen zerfließt du jetzt in Selbstmitleid und ja, allmählich bin ich auch deiner Meinung, dass du dir einfach nicht helfen lassen willst!“, brüllte Wilhelm plötzlich los, packte ihn grob bei den Schultern und schüttelte ihn heftig durch. „Wir sind hier, bei dir! Weil wir dich lieben, du Vollidiot!“

Henry ließ sich wehrlos abermals von ihm durchschütteln und sank danach schluchzend in sich zusammen. Wilhelm fing ihn auf und hielt ihn fest an sich gedrückt in seinen Armen. Auch Richard erhob sich seufzend und umarmte beide. „Bitte, Heinrich, gib dich nicht auf“, flüsterte er mühsam und endlich nickte der nachgebend.

***

Zwei Tage später gab der König die erste Audienz im neuen Jahr. Es kamen allerdings wegen der Eiseskälte nur die wichtigsten ansässigen Adligen und ein paar hochrangige Bürger der Hauptstadt, um dem Königspaar persönlich ihre Glückwünsche auszusprechen und so konnte Henry sich bereits am frühen Nachmittag wieder zurückziehen. Jedenfalls dachte er es.

Der letzte Adlige hatte sich gerade verabschiedet, als Brac sich vor dem Thron aufbaute. „Eure Majestät“, sagte er mit einer tadellosen Verbeugung, „auch ich möchte es mir nicht nehmen lassen und Euch persönlich zu Eurem Thronfolger gratulieren! Und ich soll Euch selbstverständlich auch die Glückwünsche meiner Jungs überbringen! Äh, ja, gut gemacht, alter Junge“, meinte er und klopfte dem überraschten Henry etwas unbeholfen die Schulter.

Der König blinzelte irritiert, doch dann riss er sich zusammen. „Habt vielen Dank, Baron de Brac und dankt auch Eurer Truppe vielmals“, presste er gedämpft hervor.

„Is was? Also, warum schaust`n so angepisst? Wir sind nur noch unter uns, der fette Sack is weg, was soll`n der Käse mit dem förmlichen Gerede?“, fragte jetzt auch Brac verwirrt, als sich Henry einfach erhob und Richtung kleine Halle umwandte. „Was`n los? Henry?“, rief Brac ihm nach und ging ihm hinterher. „Eigentlich wollte ich dich noch was Persönliches fragen, jetzt wart halt mal!“

Henry blieb nicht stehen und so latschte Brac ihm und den beiden Herzögen nach, bis ins private Audienzzimmer. „Kann ich mit rein?“, fragte er unschlüssig und Richard nickte.

„Komm schon rein! Eigentlich hätte ich dich schon früher erwartet“, raunte der leise und Brac sah ihn verblüfft an.

„Wie denn? Er hatte sich doch noch gar nich öffentlich gezeigt und die Holzköpfe vor seiner Tür ham mich nicht zu ihm gelassen“, entschuldigte er sich brummend.

Henry stand vor dem Kamin und blickte argwöhnisch zu ihnen. „Macht ihr endlich die Tür zu? Was willst du noch?!“

„Boaah, hier isses ja noch kälter, als draußen! Gleich wachsen noch die Eiszapfen von der Decke“, erwiderte Brac auf Henrys unterkühlten Tonfall hin und marschierte erst einmal auf Wilhelm zu. „Du, äh, Eure Gnaden, tut mir echt leid, mit deinem Kleinen, wie packst du`s denn so?“, fragte er auf seine etwas tollpatschige und rüde Art und legte ihm mitfühlend eine seiner Riesenpranken auf die Schulter.

Wilhelm hätte beinahe gelacht, doch dann konnte er sich gerade noch zurücknehmen. „Vielen Dank für deine Anteilnahme“, antwortete er, ohne ihn anzusehen.

„Echt blöde Frage, grad von mir, ´tschuldige! Muss dir echt Scheiße gehen und Hilde sicher erst recht“, meinte Brac, der Wilhelms gesenktes Haupt als Trauer deutete und der zwang sich zu nicken.

„Genug!“, fauchte Henry plötzlich. „Du hast jetzt deine Sprüche zum Besten gegeben, also herzlichen Dank und auf Wiedersehen!“

Brac drehte sich zu ihm um und starrte ihn mit offenem Mund an. „War das `n Rauswurf? Wenn ja, dann bin ich auch gleich wieder weg, aber eins möchte ich dich noch fragen, was is`n mit Amanoue los? Und wieso hast`n den unter Bewachung gestellt? Und nur von Ulrichs Leuten? Keiner von uns weiß was über ihn und von denen sagt uns auch keiner was! Nur Richard war neulich bei mir drüben und hat `ne komische Andeutung gemacht, dass du ihn eingesperrt hättest und ich mal mit dir reden soll! Also, hier bin ich und ich gehe nicht eher, bis ich eine ordentliche Antwort von dir erhalten habe“, meinte er entschlossen.

Henry warf seinem Onkel einen bitterbösen Blick zu, sah dann wieder zu Brac und verschränkte die Arme. „Das geht dich nichts an und jetzt raus, bevor ich die Wachen rufe!“, drohte er und der riesige Mann stellte sich entspannt hin.

„Da musst du schon ein ganzes Bataillon aufbieten! Die paar Hansel da draußen machen mir keine Angst“, erwiderte er trocken. „Wenn du mich loshaben willst, dann gib mir eine vernünftige Antwort. Was zum Geier, ist hier los?!“

Richard und Wilhelm sahen sich fragend unschlüssig an und dann zu Henry hin. „Sagst du´s ihm?“, fragte sein Onkel vorsichtig. „Also, ich meine, es ist Brac und er gehört ja schon fast zur Familie, zumindest ist er dein bester Freund, aber es liegt bei dir“, meinte er, die Hände abwehrend hebend.

„Ja, was denn?“, warf Brac noch verwirrter dazwischen.

„Wieviel hast du ihm schon verraten, hm?“, bellte Henry seinen Onkel an.

„Eigentlich nichts! Ich sagte ihm lediglich, dass du mal wieder einen heftigen Streit mit Amanoue hattest und du ihn deshalb eingesperrt hättest und ja, ich bat ihn, mit dir zu sprechen!“, gab Richard achselzuckend zu und Henry schnaubte mal wieder zynisch.

„Einen heftigen Streit“, raunte er voller Hohn und nickte vor sich hin. „So kann man es auch nennen!“

„Kann mir endlich mal einer sagen, was hier los ist?“, mischte sich Brac wieder ein, „ich kapier nämlich gar nix! Wilhelms Trauermiene kann ich ja verstehen, aber bei dir? Du hättest doch allen Grund dich zu freuen und feiernd durch die Gegend zu tanzen! Mensch, du hast endlich deinen Erben und ziehst ein Gesicht, als wäre morgen deine eigene Beerdigung! Was`n los mit dir, spuck`s endlich aus! Oder is was mit dem Kleinen, also Amanoue, meine ich“, fragte er schließlich, schon das Schlimmste befürchtend.

Wieder kam nur ein Schnauben von Henry und Richard sah ihn auffordernd an. „Du solltest es ihm sagen“, meinte er leise.

„Das Kind war nicht von mir!“, platzte es plötzlich aus Henry heraus. „Es war von ihm!“

„Von wem?“, kam es vollkommen überrascht von Brac und er blickte unwillkürlich zu Wilhelm hin, woraufhin der sofort verdutzt eine Augenbraue hob und geradezu empört den Kopf schüttelte.

„Nein! Es war von“, begann Richard sich windend, „ach Scheiße!“

„Amanoue!“, brüllte Henry heraus. „Er hat mich betrogen! Mit Sybilla!“

Brac stand da als hätte man ihm gerade einen schlechten Witz erzählt, dessen Pointe er nicht verstand und sein Gesicht nahm einen so ungläubigen Ausdruck an, dass es schon mitleiderregend wirkte. „Quatsch“, brabbelte er nur und blinzelte sie an.

Richard schnaufte tief durch. „Es ist wahr, leider und dies ist auch der Grund, weshalb er ihn einsperrt. Es geht Amanoue den Umständen entsprechend gut, aber…“

„Was, aber?“, brüllte Henry ihn an, „er hat mich betrogen und belogen, wie schon seit je her! Von Anfang an, hat er mich immer nur hintergangen, erst mit Ravio und mit wem weiß ich noch und nun hat er dem Ganzen die Krone aufgesetzt! Jetzt ist mir auch klar, warum er so wütend auf mich war, er war tatsächlich eifersüchtig! Aber nicht auf Sybilla, sondern auf mich, weil ich bei ihr sein konnte und nicht er! Ich will ihn nie wiedersehen! Und es ist mir gleich, was mit ihm geschieht! Von mir aus, nimm ihn mit, ich will ihn nicht länger hier im Schloss haben!“, schrie er verbittert, wobei sich seine Stimme fast überschlug, vor Schmerz. „Ich kann ihn nicht länger in meiner Nähe ertragen“, kam es schließlich nur noch schluchzend aus seinem Mund. Sein Kopf sackte herab und er verbarg sein Gesicht hinter seinen zitternden Händen.

„Scheiße, Mann“, murmelte Brac fassungslos entsetzt. „Entschuldigt, aber das is jetzt echt kein Witz? Das, das, kann doch nicht wahr sein!“ Sein Blick glitt über jeden einzelnen von ihnen und blieb an Henry hängen.

„Mir ist es eh ein Rätsel, dass du ihn bisher am Leben gelassen hast“, sagte Wilhelm plötzlich und die beiden anderen sahen ihn erschrocken an. „Was? Er sollte ihm den Kopf abschlagen lassen, dafür! Dann käme er endlich zur Ruhe!“

„Hast du `ne Meise?! Der Kleine hat uns alle gerettet!“, entfuhr es Brac wütend.

„Ich kann es langsam nicht mehr hören“, murmelte Wilhelm genervt. „Gut, er hat euch allen das Leben gerettet! Aber schau ihn dir an!“, brummte er, auf Henry deutend. „Mein Bruder ist völlig am Ende und lieber ein Ende mit Schrecken, als dieses endlose Drama! Du hast Sybilla verurteilt und schickst sie in die Verbannung! Also beende es endlich und fälle auch ein Urteil über ihn! Du musst endlich wieder zur Vernunft kommen und das kannst du nur, wenn du einen Abschluss findest! Und zwar jetzt gleich!“, sagte er aufgebracht.

„Halt die Fresse!“, herrschte Brac ihn an und machte einen drohenden Schritt auf ihn zu. „Dem Kleinen krümmt keiner ein Haar, kapiert?! Henry! Hör bloß nicht auf den, der weiß doch gar nicht was Sache ist! Amanoue hat dir mehrmals den Arsch gerettet! Und was ist mit seiner letzten Vorhersage, hm? Hast du`s schon wieder vergessen? Er riet dir Wasser und Kornspeicher anzulegen! Was, wenn er recht hatte, hm? Und das hat er! Du weißt es! Wir alle, wissen es! Bis auf diesen ignoranten Idioten, da drüben! Es ist noch keine einzige Schneeflocke vom Himmel gerieselt! Es ist zwar saukalt aber furztrocken!“

„Hört auf!“, schrie Henry verzweifelt und plötzlich nickte er. „Wilhelm hat recht, ich muss es zu Ende bringen! Holt ihn aus seinem Gemach und macht mit ihm was ihr wollt, ich möchte ihn nie wiedersehen! Sein Leben kann ich ihm nicht nehmen, das ist alles, was ich noch dazu sage“, fuhr er immer leiser werdend fort.

„Ich halte mich da raus und werde nichts dergleichen tun! Nicht dass du es mir später dann doch noch irgendwann zum Vorwurf machst, dass ich den Retter Austriens den Kopf abschlagen ließ!“, erwiderte Wilhelm äußerst zynisch. „Also Brac, du hast ihn gehört! Nimm ihn mit und sieh bloß zu, dass er ihm nie wieder über den Weg läuft!“

„Mit deiner Erlaubnis, könnte ich ihn auch einstweilen auf meine Burg bringen lassen“, schlug Richard vor.

„Es ist saukalt! Viel zu kalt, für eine mehrtägige Reise, keiner kann jetzt auch nur eine Nacht draußen verbringen und der Kleine erst recht nicht!“, widersprach ihm Brac allerdings sofort verständnislos.

„Es ist mir gleich!“, schrie Henry wieder. „Ich will nichts mehr hören!“, gellte seine Stimme durch den Raum und er drehte sich die Ohren zuhaltend, um.

„Also bleibt vorerst nur eines“, brummte Brac, einen missmutigen Blick auf seinen König werfend, „ich nehme ihn mit rüber, bis es wärmer wird und dann sehen wir weiter, einverstanden?“

Richard nickte und Wilhelm zuckte desinteressiert mit den Schultern. „Hauptsache, er ist erstmal weg und sollte er hier nochmals auftauchen, mache ich ihn persönlich kalt“, murmelte er genervt, während Richard ein kurzes Schriftstück aufsetzte und damit zu Henry ging.

„Du musst es unterzeichnen“, sagte er sanft und Henry unterschrieb ohne einen weiteren Blick auf die geschriebenen Worte zu werfen. „Danke“, meinte Richard leise und klopfte ihm die Schulter. „Vielleicht ist es wirklich besser so“, raunte er belegt, das Pergament an Brac weiterreichend und der große Mann nahm es nickend entgegen.

„Und damit wäre es wieder einer mehr“, murmelte Wilhelm wieder, die Augen verdrehend.

„Brac, ich muss dir nicht sagen, dass dies hier unter uns bleibt, ja?“, sagte Richard daraufhin eindringlich.

„Warum tust du`s dann trotzdem? Denkst du echt, ich würde es sofort draußen herum posaunen?“, erwiderte Brac fast beleidigt. Er wartete noch einen Moment unschlüssig und als von Henry nichts mehr kam, deutete er schließlich eine Verbeugung an. „Es tut mir wirklich leid, Henry“, sagte er noch und machte sich auf den Weg.

***

Allerdings marschierte er völlig ungehemmt durch die königlichen Gemächer und auch der vollkommen überrumpelte Kai konnte ihn nicht aufhalten. Mürrisch blieb Brac erst wieder vor den beiden Wachen stehen und hielt einem davon das Pergament unter die Nase. „Ich bin hier, um den Kleinen mitzunehmen!“, sagte er unumwunden.

„Was soll das heißen, Ihr nehmt ihn mit?“, fragte die Wache überrascht.

„Na lies es doch selbst, Mann!“, herrschte Brac ihn ungeduldig an und der Gardist zog ein belämmertes Gesicht.

„Ich kann nicht lesen, du vielleicht?“, fragte er seinen Kameraden und der schüttelte ratlos den Kopf.

„Oh Mann, Jesus!“, brummte Brac nur und las genervt vor:

„Hiermit erteile ich Baron de Brac die Erlaubnis, den Gefangenen mit sich zu nehmen, unterzeichnet von seiner Majestät, König Heinrich von Austrien! Zufrieden?“, blaffte er sie an und die beiden tauschten die Blicke.

„Das kann ja jeder behaupten!“, meinte der andere schnippisch und sein Kamerad nickte bestätigend.

Brac wandte sich halb um, packte Kai am Kragen und zog ihn vor sich. „Was steht da? Hab ich recht? Na los, sag`s ihnen!“, verlangte er barsch und Kai überflog die Zeilen.

„Ja, es stimmt“, sagte er kleinlaut und Brac ließ ihn los.

„Also, siehste! Der da ist mein Zeuge und jetzt macht ihr zwei die Fliege!“, fuhr der gigantische Mann sie an.

„Ist ja schon gut, beruhige dich“, wiegelte der erste Gardist mulmig ab und wollte ihn schon durchlassen.

„Nee, nee“, schüttelte der andere den Kopf, „nicht mit mir! Wir dürfen niemanden da reinlassen, außer Marius! So lautet die Order!“

„Ich geb dir gleich `ne Order, du Hampelmann!“, schnauzte Brac ihn an und beugte sich bedrohlich über ihn. Der Soldat war mindestens anderthalb Köpfe kleiner als er und nur halb so breit und so trat er eingeschüchtert zur Seite.

„Gut, aber du bestätigst es wirklich!“, piepste er zu Kai hin und der nickte rasch.

„Macht `n Abgang! Aber schnell, oder meine Faust überlegt sich`s doch noch“, donnerte Brac die beiden an und die verzogen sich umgehend. „Und du? Gehst du mit rein?“, fragte er Kai und der seufzte unschlüssig.

„Ich weiß nicht, ich darf eigentlich nicht und es ist mir echt schleierhaft, wie du das geschafft hast! Ist das Schriftstück wirklich echt? Es ist jedenfalls nicht von Henry selbst geschrieben, das erkenne ich nämlich“, antwortete er.

„Klar ist es echt, du Holzkopf! Hat zwar Herzog Richard aufgesetzt, aber der Alte hat`s unterschrieben! Und jetzt lass mich da rein, wenn du schon nicht genug Mumm dazu hast! Ich werde Amanoue auf alle Fälle mitnehmen!“, sagte Brac entschlossen und zog den Riegel zurück. „Was jetzt?“

Kai holte tief Luft und nickte. „Ich hoffe nur, dass er auch mitgehen kann“, grummelte er vor sich hin und folgte Brac in den düsteren Raum.

Ein starker Veilchenduft wehte ihnen sofort entgegen und Brac konnte sich ein tiefes Seufzen nicht verkneifen. „Jedes Mal, wenn ich hier reinkomme, ist es das gleiche! Jedenfalls riecht`s immer gleich“, murmelte er und beide blieben kurz stehen.

Marius saß am Bett und sah sie genauso überrascht an, wie sie ihn. „Wie kommt ihr beiden denn hier rein?“, fragte er und blickte zur Tür als würde er gleich noch die Wachen erwarten.

„Egal!“, winkte Brac ab und kam rasch heran. „Wie geht’s ihm? He, Kleiner!“

Amanoue schien zu schlafen, doch dann erkannte er, dass dessen Augen offenstanden und starr nach oben blickten. „Jesus! Er ist doch nicht etwa tot?!“, rief Brac erschrocken aus und fasste sich ans Herz.

„Nein, er liegt oft so da und starrt dort hinauf“, antwortete Marius und deutete auf den Baldachin. „Wochenlang schon, allerdings ging es ihm die letzten Tage besser und er konnte sogar schon wieder gehen, aber seit gestern Abend ist er wieder in diesem Zustand“, meinte er seufzend.

Brac näherte sich vorsichtig und setzte sich auf die Bettkante. Unter seinem Gewicht sank die Matratze auf seiner Seite derart ein, dass Amanoues Körper beträchtlich in Schieflage geriet und zu ihm kippen zu drohte. „Kleiner?“, fragte der Riese sanft und Amanoue sah ihn tatsächlich an.

Mit einem überraschten „Huch“ rollte er seitwärts in die tiefe Mulde um Bracs breiten Hintern herum und klebte für einen Moment förmlich an dem, bis er sich mit allen Vieren strampelnd wieder aus dem Loch befreien konnte. „Brac!“, rief er freudig aus und warf sich in dessen Arme. „Was machst du denn hier?“

„Na hör mal, haste echt gedacht, ich würde dich hier drin verrotten lassen? Ich bin hier um dich hier rauszuholen!“, antwortete Brac und drückte ihn fest. „Mann, alles wieder weg! Bist wieder Mager wie eh und je“, brummte er ihm ins Ohr und Amanoue schluchzte leise. Er hielt ihn noch einen Moment fest und schob ihn dann sachte von sich. „Komm, Kleiner, lass uns von hier abhauen, bevor sich`s der Alte noch anders überlegt!“

„Er lässt misch gehen?“, fragte Amanoue ungläubig und Brac nickte mit verzogenem Mund.

„Naja, ehrlich gesagt, möchte er dich nie wiedersehen und das gleicht wohl dann eher einem Rausschmiss als einem Gehenlassen“, meinte er verhalten. „Oh Mann, Kleiner, da hast du dieses Mal echt den Bock abgeschossen! Auf alle Fälle hast du damit deinen Wunsch erfüllt, als du sagtest, dass du ihm richtig wehtun möchtest. Da wäre es mir echt lieber gewesen, wenn du dir doch wieder einen von meinen Jungs ausgesucht hättest! Aber Sybilla? Das wird er dir nie verzeihen“, brummte er vorwurfsvoll.

Amanoue biss sich auf die Unterlippe und ließ den Kopf hängen. „Das habe isch doch nischd gewollt“, schniefte er tief bekümmert.

Brac seufzte laut. „Jetzt ist halt so und wir können nichts mehr daran ändern, das Kind ist schon in den Brunnen gefallen, das kann man nicht mehr ungeschehen machen und jetzt lass uns gehen, zieh dich an“, raunte er und Amanoues Kopf ruckte wieder hoch.

„Die Kind ist in eine Brunnen gefallen?!“, rief er erschrocken und klatschte vor Entsetzen seine Hände gegen seine Wangen.

„Nee! Das war eine Redewendung! Herrgott nochmal! Dem Kind, deinem Kind“, verbesserte er schnaubend, „geht’s gut! Hoffe ich zumindest…“

Marius und Kai warfen sich mulmige Blicke zu und beide schnauften so schwer durch, dass sie unweigerlich ihre Aufmerksamkeit auf sich zogen. „Oh, Kai, du bist ja auch da, schön disch su sehen“, sagte Amanoue, noch immer etwas verwirrt erscheinend.

„Äh, ja, hallo“, war alles was der junge Diener im Moment herausbrachte.

„Wieso gut?“, murmelte da Marius verständnislos. „Das Kind ist doch gestorben!“

Kai trat ihm dermaßen gegen das Schienbein, dass Marius aufheulte wie ein getretener Hund. „Halt die Klappe, du Idiot!“

„Hast du sie noch alle?!“, schimpfte Marius empört zurück und Brac blickte argwöhnisch zwischen ihnen hin und her.

„Is mir hier irgendwas entgangen? Das Kind lebt gar nicht mehr?“, fragte er ungläubig und die drei senkten wie auf Kommando ihre Augen. „Heiliger Bimbam!“, entfuhr es Brac entsetzt, „aber, also, was ist das dann, also, das ganze Getue um einen Thronfolger, ER, hat gar keinen?!“

„Na toll, bravo, gut gemacht!“, zischte Kai Marius an und der zog eine verlegene Schnute.

„Die Kind ist gleisch nach die Geburt gestorben, Sybilla `at es getötet“, flüsterte Amanoue und alle fuhren zu ihm herum.

„Was?“, kam es gleichzeitig aus ihren Mündern und Amanoue nickte traurig.

„Isch `abe es gesehen, sie `at unsere Kind einfach an sisch gedrückt, bis es tot war“, schluchzte er los. „Sie `at es erstickt, nur weil es meine Kind war und isch fühlte es, `ier“, heulte er, sich ans Herz fassend.

„Heilige Scheiße“, murmelte Brac fassungslos. „Das wird ja immer schlimmer! Kein Wunder, dass Henry so drauf is! Das haut echt den Stärksten um!“

„Das darfst du niemandem sagen! Hörst du! Oder er lässt uns alle einen Kopf kürzer machen und nur wegen dir Idiot!“, schnauzte Kai und stieß Marius wieder grob an.

„Keine Angst, ich verrate bestimmt nichts“, brummte Brac zu ihnen hin und wandte sich wieder um. „Komm jetzt, Kleiner! Aber zieh dich warm an, is saukalt draußen!“

„`at es geschneit?“, schniefte Amanoue und wischte sich die Augen trocken.

„Nee, leider noch nicht. Wir haben Ostwind und der bringt nur trockene Kälte! Damit`s schneien kann, müsste der Wind drehen und von Westen kommen, vom Meer her. Der würde dann mildere und feuchtere Luft mitbringen, verstehst du?“, erklärte Brac und Amanoue nickte.

`Du kannst die Elemente beeinflussen´, hörte er in seinem Kopf und zwinkerte verstört.

„Ich weiß nicht, ob er schon so weit laufen kann“, warf Marius währenddessen skeptisch ein. „Er ist noch ziemlich schwach und ihr solltet lieber den langen Weg nehmen, über die Treppe“, meinte er, mit dem Finger die ungefähre Richtung anzeigend.

„Klar, oder denkst du echt, ich latsche mit ihm munter durch Henrys Heiligtum?“, erwiderte Brac mürrisch. „Ich werde den Kleinen halt tragen, das macht doch nix, hm, du Fliegengewicht?“, wandte er sich um einiges freundlicher an Amanoue und der rutschte endlich zur Bettkante. „Ähm, Kai, würdest du ihm seine Sachen einpacken?“

„Sicher!“, antwortete der Diener nickend und wollte sich schon umdrehen.

„Nein!“, widersprach Amanoue jedoch und senkte den Blick. „Isch möschte nischds von ihm mitnehmen“, hauchte er leiser.

„Kleiner! Da draußen ist es saukalt und du kannst wohl schlecht nur mit deinem Hemd am Leibe da rausgehen! Was Warmes solltest du dir schon anziehen!“, riet ihm Brac eindringlich, doch Amanoue schüttelte wieder den Kopf.

„Es wäre nischd richtig, es würde sich nischd richtig anfühlen, für misch und isch würde mir wie eine Dieb vorkommen. Er hat mir all diese schöne Sachen geschenkt, aber isch kann sie jedsd nischd mehr annehmen, lieber gehe isch nackt…“

„Das würdest du ziemlich schnell bereuen, glaub mir!“, brummte der große Mann. „Zieh dir wenigstens das Nötigste an oder willste dir wieder den Arsch abfrieren, wie in Averna? Und das war noch gar nix gegen die Kälte, die wir grad haben!“

Amanoue sah ihn dermaßen erschrocken an, dass Brac unwillkürlich lachen musste. „Oje, oje, nein, dass, will isch dann doch nischd“, brabbelte er entsetzt.

„Siehste! Also dann doch lieber ein paar warme Klamotten mopsen und glaube mir, Henry wird’s scheißegal sein“, meinte Brac, etwas betreten die überbreiten Schultern hebend.

„Aber mitnehmen werde isch sonst nischds! Nur eine warme Gewand, mehr nischds“, bekräftigte Amanoue nochmals und schob plötzlich seinen rechten Ärmel hoch. Nachdenklich betrachtete er das Sklavenarmband. „Er möschte misch wirklisch nie wieder, sehen?“, fragte er bangend aber auch ein wenig hoffnungsvoll, während seine Augen wieder feucht wurden und Brac nickte seufzend.

„Das waren seine Worte, leider! Und dieses Mal denke ich, meint er es wirklich so! Wie konntest du auch so einen Bockmist bauen“, kam es sehr vorwurfsvoll von ihm zurück.

Amanoue nickte nur und hielt ihm den Arm hin. „Machst du es ab?“, fragte er bittend und unweigerlich kamen ihm die Tränen. „Isch `abe es gehasst und nun ist es, als würde isch mir eine Teil von meine Hers herausschneiden“, schluchzte er herzzerreißend.

„Hör mal, das Ding ist aus Gold, du solltest es vielleicht behalten, nur für alle Fälle, denn auf Dauer kannst du nicht bei uns drübenbleiben, das hat er mir ebenfalls klargemacht und zwar unmissverständlich! Wenn es nach Wilhelm gegangen wäre, stünde hier nämlich ein Henker, statt ich! Und Richard wollte dich eigentlich auf seine Burg schaffen lassen, aber bei der Kälte geht das im Moment nicht. So leid es mir auch tut, aber spätestens im Frühjahr wirst du uns wohl doch verlassen müssen“, gestand ihm Brac bestürzt.

„Mach es bitte ab“, flehte Amanoue dennoch und so nahm Brac ihm schweren Herzens das schön verzierte Armband ab.

„Hier“, sagte er, es ihm reichend.

Amanoue sah es geradezu zärtlich an, küsste es sanft und legte es aufs Kopfkissen, Henrys Kopfkissen. Er rutschte aus dem Bett, zog sich die warmen Wintersachen an und Kai hielt ihm den herrlichen Zobelfellmantel hin. „Lege ihn wieder weg, ich möchte ihn nischd“, sagte er und Kai nickte betroffen. „Danke Kai, für alles und vergib mir bitte“, hauchte er und Kai fiel ihm um den Hals.

„Du mir auch, verzeih mir bitte“, wimmerte er ebenso und beide umarmten sich schluchzend.

„He, Mann! Jetz langst aber!“, brummte Brac schniefend. „Noch isser ja nich weg! Kannst doch jederzeit rüberkommen!“

Kai nickte zwar, aber tief in seinem Inneren wusste er, dass er genau dies nicht tun würde. Er hatte seine Wahl getroffen und die war Henry. Sich mühsam zusammennehmend ließ er Amanoue los und trat einen Schritt zurück.

„Ich werde auf alle Fälle weiterhin für dich da sein und nach dir sehen“, sagte Marius, als ob er Kais Gedanken gelesen hätte und schnaufte ebenfalls tief durch. „Bis bald, ja?“

Amanoue konnte nur noch nicken. Er holte den alten Umhang, den Sebastian ihm einst mit Kaninchenfellen unterfüttert hatte und legte ihn sich um. Brac zog ihn sanft an sich, führte ihn zur Tür und Amanoue drehte sich noch einmal um. „Dies war für misch wie eine Kerker und doch fühle isch misch jedsd wie eine eingesperrte Vogel, der plödslisch die offene Käfigtüre erblickt und Angst davor hat, davonsufliegen“, raunte er.

„Komm, Kleiner, die Freiheit wartet auf dich und du brauchst nur die Flügel auszubreiten, auch wenn du dich jetzt davor fürchtest und du nicht weißt, was auf dich zukommt“, meinte Brac mitfühlend und schob ihn hinaus.

Als hätte der Himmel Bracs Worte gehört, drehte noch in derselben Nacht der Wind auf West und brachte den langersehnten Schnee. Und zwar gleich Haufenweise davon. Es schneite tagelang ohne Unterlass und bald lag über allem eine meterdicke, weiße Daunendecke. Damit fiel zu Henrys Erleichterung dessen Namenstagfeier endgültig aus und es fanden auch zwangsläufig keine weiteren Audienzen mehr statt, was eine fast gespenstische Ruhe zur Folge hatte.

Der König grübelte weiterhin still vor sich hin, Sybilla verblieb einstweilen weiterhin in ihren Gemächern und Amanoue zog in die Gardisten Unterkünfte ein.

Frühlingserwachen

Brac marschierte mit Amanoue auf seinen Armen über den Hof und blieb vor dem U-förmigen Bauwerk stehen. „Also nur noch mal zur Erklärung, die Soldatenunterkunft besteht aus drei Langhäusern, die miteinander verbunden sind. Links von uns, wohnt die erste Abteilung, also Herriks Männer, die zweite, also wir, sind in der Mitte untergebracht, aber das weißte ja eh schon und das rechte Gebäude wird von Ulrichs Leuten bewohnt. Jedes Langhaus besitzt fünf Schlafräume à zehn Mann und noch eines für die Unteroffiziere, allerdings penn ich lieber bei meinen Jungs! Ich hab mir eh ein anderes Bett anschaffen müssen, das in der Offizierskammer war ein bissel zu kurz für mich und viel zu schmal“, meinte er augenzwinkernd. „Außerdem gibt’s noch einen Gemeinschaftsraum, da wo wir immer rumhocken, den kennst du ja auch zur Genüge und direkt dahinter sind unsere Schlafräume. Die Hauptleute sind in einem eigenen Trakt untergebracht, selbstverständlich im Schloss“, sagte er etwas spöttelnd.

Amanoue nickte leicht. „Lässt du misch bitte runter? Isch würde lieber auf meine eigene Füße reingehen“, bat er leicht verlegen.

„Kannste denn gehen?“, fragte Brac abschätzend und Amanoue nickte erneut.

„Klar doch, die paar Schritte schaffe isch schon“, meinte er bestimmt und so setzte Brac ihn vor sich ab. Amanoue schnaufte tief durch, was einem schweren Seufzer gleichkam. „Und wo schlafe isch?“

„Na bei uns! Wir stellen dir einfach noch ein Bettchen rein! Ach nee, brauchen wir ja gar nicht, Alecs Bett ist eh noch unbesetzt, wenn`s dir nix ausmacht?“

Amanoue schüttelte kurz den Kopf. „Nein, gar nischds und außerdem kann isch in meine Situation wohl eh keine Ansprüsche stellen“, seufzte er zu ihm hoch.

Brac grinste auf ihn hinab und tätschelte ihm aufmunternd die Schulter. „Na dann, lass uns reingehen und ein erstes Bierchen auf dein neues Zuhause schlürfen!“

„Oje, was die Jungs wohl dasu sagen werden?“, murmelte Amanoue befürchtend, doch Brac schob ihn schon sachte an.

„Na was wohl, die werden sich freuen! Wie immer, wenn sie dich sehen, naja, außer Benny vielleicht. Der wird wohl nich ganz so erfreut darüber sein, aber du musst ja zum Glück nicht direkt neben ihm pennen. Alecs Bett steht ganz hinten und Bennys ziemlich weit vorne, auf der anderen Seite und an seine dummen Sprüche bist du doch eh schon gewöhnt“, winkte Brac lässig ab.

„Ja, schon“, seufzte Amanoue wieder und zog den Umhang enger um seine schmale Gestalt. „Wirklisch saukalt, brrr“, machte er und Brac lachte.

„Dann Abmarsch mit dir, rein ins Warme“, sagte er drängend und beide betraten rasch das Wachgebäude.

Wie immer war der Aufenthaltsraum gut gefüllt, wenn nicht sogar überfüllt und wirklich jeder Tisch und Sitzplatz war besetzt. Brac schob Amanoue weiterhin vor sich her und nicht wenige der Soldaten grüßten freundlich, als sie deren Tische passierten, um an ihren Stammplatz zu gelangen.

Natürlich waren die Jungs erstmal baff als sie erfuhren, dass Amanoue bei ihnen einziehen würde und Benny verschränkte auch gleich abschätzend die Arme vor der Brust. „Was hast du denn jetzt wieder angestellt?“, fragte er, die Augen maßlos übertrieben verdrehend.

„Er hat gar nichts angestellt!“, antwortete Brac sogleich. „Seine Majestät meinten nur, dass es dem Kleinen mal guttun würde, wenn er als sein Adjutant auch das echte Soldatenleben kennenlernt!“

„Wer`s glaubt“, raunte Benny höhnisch und Brac hob drohend eine seiner riesigen Pranken. „Ist ja schon gut“, wiegelte Benny schnippisch ab, „man wird ja mal fragen dürfen! Herrje, was bist`n so schlecht drauf!“

„Halt deine vorlaute Klappe, Benny! Oder ich lass dich `ne extra Wache schieben und zwar draußen“, drohte Brac ihm nochmals nachdrücklich an und sein jüngster Rekrut wandte sich beleidigt ab.

„Du hast ja wahnsinnig abgenommen!“, sagte er dafür wieder übertrieben staunend zu Amanoue. „Wie hast`n das geschafft, bei der Wampe, die du hattest?“

Amanoue zuckte nur die Achseln und wich seinen musternden Blicken aus, was Benny noch mehr Zunder zu geben schien. „Also die Fastenkur musst du mir echt mal verraten oder lag es daran, dass du dich seit Wochen hier nicht mehr hast blicken lassen? Wo hast`n gesteckt?“

„Mir ging es eine Seitlang nischd so gut“, antwortete Amanoue verhalten und Benny klatschte in die Hände.

„Wusste ich`s doch! Wir haben uns nämlich alle schon gewundert, wegen der eigens zu deiner Bewachung abgestellten Leute“, platzte es aus ihm heraus. „Nun erzähl schon, was war wieder los?!“

Auch die anderen am Tisch sahen Amanoue neugierig an und so blickte der hilfesuchend zu Brac. „Lass ihn in Ruhe, Benny! Ihr alle!“, brummte ihr Vorgesetzter. „Holt uns lieber mal einer von euch Knilchen `n Bier!“, verlangte er und Finn nickte.

„Da war doch wieder was, zwischen dir und seiner Majestät“, ließ Benny einfach nicht locker und endlich sah ihn Amanoue direkt an.

„Wir sind nischd mehr susammen, alles klar jedsd? Seine Majestät hat misch rausgeworfen, endgültig! Und wenn ihr den Grund dafür auch noch wissen wollt, isch habe ihn betrogen, mit eine Frau“, sagte er und senkte durchschnaufend wieder seinen Blick.

Alle am Tisch starrten ihn an. „So, jetzt wisst ihr es und nun kein weiteres Wort mehr darüber“, zischte Brac sie drohend an. „Der Kleine wird erstmal hier bei uns unterkommen und im Frühjahr wird sich zeigen, wie es weiter geht, aus, ende!“

Finn stand schluckend auf, holte zwei Bier und stellte sie vor ihnen hin. „Scheiße Mann“, sagte er zu Amanoue und der nickte seufzend.

„Das kannst du laut sagen!“

„War sie`s wenigstens wert?“, fragte Matto grinsend.

„Nein, nischd wirklisch“, antwortete Amanoue genervt. „Sie war nur eine von diese willige Weiber, wie du immer sagst, isch habe sie einfach flachgelegt und das wars!“

Bernard hob die Augenbrauen. „War sie wenigstens hübsch? So wie die Kleine in Averna?“

„Ja! Und noch viel `übscher!“, zischte Amanoue zu ihm hin.

„Na dann, c`est la vie, mon ami“, meinte er und stieß mit ihm an.

„Du hattest schon mal was, mit `ner Frau?“, piepste Benny entsetzt.

„Stell dir vor! Und, nischd nur mit diese! In Averna waren es sogar swei!“, antwortete Amanoue angekratzt und unwillkürlich lachten einige auf.

„Die fette Lola!“, prusteten Finn und Matto los und auch Brac musste grinsen.

„Ach haltet doch die Klappe“, zischte Amanoue sie beleidigt an und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Ich fasse es nicht“, murmelte Benny schockiert, „kein Wunder, dass ER dich rausgeschmissen hat! Also ich, würde seine Majestät ja nie…“

„Halt die Klappe, Benny!“, kam es aus den Mündern seiner Kameraden und Benny ruckelte beleidigt mit dem Kopf.

„Na denn, Prost“, meinte Matto und hob seinen Krug. „Willkommen, bei unserem Haufen!“

***

Henry schlug die Decke zurück, küsste sich zärtlich über die linke Pobacke nach oben und Amanoue rekelte sich lächelnd. Er blickte ihn über seine linke Schulter hinweg an und Henry küsste ihn auch darauf. „Isch liebe disch“, flüsterte Amanoue und Henry sah ihn liebevoll an. Doch dann begann sich dessen Gesicht zu verändern, zerfloss wie schmelzendes Wachs und wurde mehr und mehr zu einer entstellten Fratze.

„Ich hasse dich“, kam es aus dem verzerrten Mund und Amanoue wachte schreiend auf.

„Wieder mal ein Albtraum?“, nuschelte es von Finn herüber.

„Ja“, antwortete Amanoue und setzte sich halb auf. „Und es ist immer die gleische…“

„Oh Mann, halt die Klappe“, kam es genervt von weiter vorn. „Jede Nacht das Geschreie, von dir! Wie soll man da schlafen?! Du musst ja nicht frühmorgens aufstehen“, meckerte Benny.

„Isch kann doch auch nischds dafür“, verteidigte Amanoue sich betreten. „Entschuldige, bitte.“

„Hättest halt deinen Schwanz besser unter Kontrolle halten sollen“, brummte Matto.

„Wahnsinn, dass wir beide mal einer Meinung sind“, sagte Benny zynisch. „Ich habe doch glatt, gerade das gleiche gedacht…“

„Ruhe!“, bellte Brac herüber und alle legten sich wieder hin.

Amanoue starrte eine Weile vor sich hin, bis wieder die üblichen Schlafgeräusche der anderen erklangen. Brac schnarchte vor sich hin, Finn seufzte leise im Traum, ein anderer nuschelte irgendetwas unverständliches und irgendwer furzte langgezogen. Stöhnend zog er die Decke über seinen Kopf und versuchte vergeblich wieder einzuschlafen, nur um eine Stunde später doch aufzustehen. Leise zog er sich an, schnappte sich noch den Umhang und schlich sich hinaus, so wie er es in den letzten Nächten oft getan hatte.

Der Schnee glitzerte wie eine blaue, mit Diamanten übersäte Decke und Amanoue atmete tief durch. Die Nachtluft war kalt, aber nicht mehr so eisig wie noch vor zwei Wochen, als er sein Gemach verlassen hatte. Seitdem verlief jeder Tag gleich, Amanoue wanderte die halbe Nacht ruhelos umher, legte sich erst bei Sonnenaufgang wieder hin und schlief dann bis mittags. Danach aß er etwas und suchte sich anschließend irgendeine Arbeit. Als erstes hatte er sich ihren Schlafraum vorgenommen und der erstrahlte seitdem in einem nie dagewesenen Glanz. Auch hatte er es sich zur täglichen Aufgabe genommen fortan die Betten der Jungs zu machen und so war deren Schlafraum mittlerweile zu dem wahrscheinlich ordentlichsten der ganzen Garde geworden. Nach dem Abendessen vertrieb er sich die Zeit im Gemeinschaftsraum, würfelte mit den Jungs oder unterhielt sich mit Marius, der ihn wie versprochen, regelmäßig aufsuchte. Doch der konnte ihm jedes Mal auch nur immer das gleiche berichten, nämlich so gut wie gar nichts. Da noch immer keine öffentlichen Audienzen stattfanden, vergrub sich der König weiterhin in seinen Gemächern oder saß mit seinem Onkel und seinem Bruder im kleinen Saal herum.

Die einzige Abwechslung war hin und wieder Satory, der ihn ebenfalls ab und zu besuchte, doch auch der wusste ihm nichts Neues zu erzählen, da Henry sich auch ihm gegenüber abschottete.

Und so verliefen die nächsten Wochen alle im selben Trott und vergingen zäh wie Leim. Der Februar kam und brachte zum Ende hin endlich milderes Wetter, der Schnee schmolz und das Schloss schien damit wie aus einem Dornröschenschlaf zu erwachen. Der König begann wieder Audienzen zu halten und somit mussten die Gardisten ebenfalls wieder ihren regelmäßigen Dienst in der großen Halle aufnehmen, was zur Folge hatte, dass Amanoue immer häufiger alleine herumsaß.

Am ersten März, seinem neunzehnten Geburtstag, schien die Sonne bereits wieder warm vom strahlend blauen Himmel und da seine Freunde allesamt zur Wache eingeteilt waren, verließ er gleich nach dem Mittagessen den Gemeinschaftsraum.

Eine Weile schlenderte er gelangweilt im hinteren Teil des riesigen Innenhofes umher, bis er schließlich vor dem großen, zweiflügeligen Tor stand. Nachdenklich blickte er auf den dicken, langen Querbalken, der es neuerdings noch zusätzlich verschloss und trat heran. Damals hatte er es nur mit Richards Hilfe geschafft, das schwere Tor zu öffnen und so seufzte er erst einmal. Wie wohl der Garten jetzt nach dem harten Winter aussah? Hatten die jungen Bäume überlebt? Stand der Pavillon überhaupt noch oder war er den schweren Herbststürmen zum Opfer gefallen? Was war aus dem Springbrunnen geworden? Oder hatte Henry vielleicht sogar tatsächlich alles wieder abreißen lassen und damit seine Drohung wahrgemacht…

Allein würde er den Querbalken niemals heben können, da war er sich hundertprozentig sicher und doch versuchte er es. Zaghaft legte er seine zierlichen Hände auf die Unterseite und drückte nach oben. Nichts bewegte sich, der Balken rührte sich keinen Millimeter breit und so versuchte er es noch einmal. „Na komm schon“, murmelte er vor sich hin, stemmte sich mit aller Kraft dagegen, das Holz knirschte verdächtig und, gab plötzlich nach. Wie von unsichtbaren Kräften unterstützt, hob Amanoue den zentnerschweren Balken hoch und warf ihn auf die Seite. „Puh!“, machte er durchschnaufend, schob den Riegel zurück und zog eine Flügelseite des Tores auf. Gerade soweit, dass er durch einen Spalt hindurchschlüpfen konnte und sah sich staunend um. Die ersten zarten Triebe zeigten sich an den jungen Obst- und Zierbäumen, grüne Sprosse der Lilien durchbrachen gerade das feuchte Erdreich, die Rosenbüsche zeigten die ersten rötlichen Blattknospen, hunderte blühende Schneeglöckchen säumten den Kiesweg rechts und links davon, einige vorwitzige Gänseblümchen hatten ihre kleinen Blütenköpfe dazwischengeschoben und hier und da blühten sogar schon einige Anemonen.

Amanoue wurden unwillkürlich die Augen feucht bei diesem unverhofften Anblick und die Erinnerung an die Erschaffung des Gartens ließ ihn leise schluchzen. Wie sehr hatten er und die Jungs geschuftet und sich abgerackert, monatelang unermüdlich daran gearbeitet und dann hatte alles ein so jähes Ende genommen…

Er schlenderte den Weg entlang, entdeckte voller Freude die von ihm gesetzten Erdbeerpflänzchen, die sich ebenfalls anschickten den Frühling zu begrüßen und sogar schon die ersten kleinen Blütenknospen in ihren Herzen bargen. Einige Bienen flogen bereits in der Hoffnung auf Nektar herum, ein erster Zitronenfalter gaukelte noch etwas steif wirkend über die ehemalige Wiese, die bald ein Blütenmeer werden würde und Amanoues Blick folgte ihm lächelnd, bis er ihn aus den Augen verlor. Langsam spazierte er weiter, genoss jeden einzelnen Atemzug der lauen, zart duftenden Frühlingsluft und hinter der sanften Biegung tauchte das Kernstück des Gartens auf. Sein Meisterstück! Genau in der kreisrunden Mitte des von ihm erschaffenen kleinen Paradieses, thronte der steinerne, dreistufige Springbrunnen, mit den antiken Götterstatuen drumherum. Er lief zwar nicht, aber dennoch war sein Anblick geradezu imponierend in seiner majestätischen Schönheit und Amanoue brach endgültig in Tränen aus.

Weinend ließ er sich zu Boden sinken und verbarg sein schönes Gesicht hinter seinen Händen. Wie stolz war er gewesen, wie sehr hatte er sich gefreut, darauf gefreut, dies alles Henry zeigen zu können und nun war alles aus und vorbei.

Was war er nur für ein Narr gewesen, eben, ein dummes Ding, wie Sebastian ihn so oftmals bezeichnet hatte und die Erinnerung an den alten Mann brachte ihn noch mehr zum Weinen. Völlig aufgelöst saß er heulend da, bis endlich keine Tränen mehr kamen und so raffte er sich schließlich auf.

Was würde nun aus ihm werden? Brac hatte ihm ja schon bei seinem Umzug eindeutig zu verstehen gegeben, dass er hier nicht länger als nötig erwünscht wäre, höchstens bis zum Frühling und der stand unmittelbar vor der Tür. Aber wo sollte er hin?

Er war völlig mittellos. Irgendwie, musste er zu Geld kommen, denn alles, was er besaß, trug er am Körper, einen Körper, den er verkaufen konnte…

***

„Eure Majestät, es ist mir eine Ehre“, bedankte sich der Graf von Lothringen mit einer tiefen Verbeugung, als er die Einladung zum abendlichen Bankett aus dem Munde des Königs erhalten hatte.

„Und mir eine außerordentliche Freude“, entgegnete Henry mit einem aufgesetzten Lächeln. „Wir sehen uns also später, Ihr und Euer Sohn werdet Euch sicher noch etwas frischmachen wollen.“

Der hohe Adlige deutete erneut eine Verbeugung an und gab seinem Spross einen leichten Stoß. Der junge Mann wirkte recht unbeeindruckt und blickte gelangweilt, wenn nicht sogar unverschämt hochnäsig, umher. Nach der unmissverständlichen Aufforderung seines Vaters sah er sich jedoch genötigt, seine Aufmerksamkeit wieder dem König zu widmen und so verbeugte auch er sich mit einem frechen Lächeln. Er war hübsch, ohne Frage, auffallend hellhäutig und seine vorwitzige Stupsnase zierten unzählige rötliche Sommersprossen. Sein Haar war blond, ebenfalls mit einem kupfer-rötlichen Schimmer und einige Fransen hingen ihm keck in die Stirn, was ihm zusätzlich noch ein unverschämt freches Aussehen verlieh. Die ungewöhnlich bernsteinfarbenen Augen hielten den König einen Moment länger als nötig fest und zwangsläufig stahl sich auch auf dessen Lippen ein kleines Lächeln. Oh ja, dieser Frechdachs war ganz nach seinem Geschmack, wäre es zumindest früher gewesen, als er noch ein Beuteschema gehabt hatte und sein Herz noch funktionierte. Aber jetzt war es wie taub, alles in ihm war taub geworden und, verbittert.

Der Graf hatte sich längst mit seinem Sohn zurückgezogen, als Wilhelm ihn am Arm packte und derart fest zudrückte, dass Henry fast aufschrie. „Sie sind weg! Du kannst aufhören, Löcher in die Luft zu starren!“, raunte er verständnislos und Henry sah ihn an.

„Willst du diese Rotzgöre tatsächlich als deinen nächsten Knappen in deine Dienste nehmen?“, fragte Richard beinahe erzürnt.

Henry atmete gelassen durch und zuckte die Schultern, als würde ihn das alles nichts angehen. „Was bleibt ihm anderes übrig? Der Graf von Lothringen ist ein enger Verbündeter und er würde ihm mit einer Ablehnung wohl unnötig vor den Kopf stoßen“, erwiderte Wilhelm ebenfalls recht barsch und beide sahen zu Henry hin, der noch immer irgendwie recht unbeteiligt wirkte. „Also, was wirst du tun?“

„Keine Ahnung, ist mir auch gleich, entscheidet ihr“, antwortete Henry und stand auf. „Ich muss mich umziehen“, meinte er und schlenderte davon.

„Verdammt!“, zischte Wilhelm und schnaufte wütend durch. „So geht das nicht weiter! Er wirkt wie eine Marionette! Nickt nur oder lächelt starr vor sich hin, wie ein Idiot!“

Auch Richard entkam ein Schnauben, allerdings klang es eher verzweifelt. „Wenn wir ihm doch nur helfen könnten! Wenn irgendwer, ihm doch nur helfen könnte“, sagte er kopfschüttelnd und Wilhelm verengte die Augen.

„Dieser kleine rothaarige Bastard eben, hast du gesehen, wie er Henry angesehen hat? Als würde ein Jäger ein Wild anvisieren“, raunte er grübelnd und grinste plötzlich. „Vielleicht ergibt sich da bald ganz etwas wie von selbst“, meinte er verschwörerisch. „Lass mich nur machen, diese kleine Rotznase werde ich mir heute noch genauer ansehen und, einer eingehenden Befragung unterziehen!“, meinte er und sein Onkel seufzte geschafft.

„Sag mir wenigstens, was du vorhast“, flehte er.

„Wenn ich mit meiner Beobachtung recht liege, dann wird uns dieser Kleine vielleicht helfen können und damit Henry bald auf andere Gedanken bringen“, antwortete sein Neffe verheißungsvoll und schritt davon.

Richard sah ihm mit einer schrecklichen Vorahnung hinterher und konnte nur noch den Kopf in beide Hände stützen.

***

Das Bankett, dem auch Sybilla notgedrungen beiwohnte, entpuppte sich als außerordentlicher Erfolg. Jedenfalls was Wilhelms Bemühungen anbelangte. Gleich nach dem Abendessen nahm er sich zuerst den Jungen vor und danach führte er ein ausführliches, selbstverständlich vertrauliches, Gespräch mit dessen Vater. Der Graf schien Anfangs nicht gerade erbaut von Wilhelms Vorschlag, stimmte dann aber doch mit einem bedauerlichen Nicken zu, als Wilhelm ihn mit eindeutig zweideutigen Bemerkungen auf die Vorlieben seines Sohnes ansprach. Ganz wie nebenbei erwähnte er noch eine erst kürzliche Hinrichtung eines wegen Sodomie angeklagten Bürgers und der Graf senkte augenblicklich den Blick vor ihm. Der Mann wäre zuvor noch vor aller Augen auf einen Pfahl aufgespießt worden und hätte geschrien wie ein Schwein auf der Schlachtbank bevor er auf dem Scheiterhaufen landete, erzählte er dem Grafen anschaulich weiter und der schien endlich die versteckte Drohung darin zu erkennen. Wilhelm versprach ihm zu schweigen, aber natürlich nicht ohne Gegenleistung und so kamen sie überein, dass der missratene Spross der angesehenen Adelsfamilie als des Königs neuer Knappe bleiben durfte. Wie üblich sollte er zuerst ein Dienstjahr absolvieren, um Gehorsam und Demut zu erlernen und der Graf wünschte Henry daraufhin seufzend viel Glück und Geduld, wenn auch in dessen Abwesenheit. Wilhelm lachte nur und meinte, dass gerade dies eine besondere Herausforderung für seinen Bruder darstellen würde und der schon mit so manch andere, aufmüpfige Adelssprösslinge fertig geworden wäre. Der Graf solle nur dafür sorgen, dass sein Söhnchen ihren traurigen König endlich wieder auf andere Gedanken bringen würde, wie auch immer. Die beiden schlugen wie nach einem Viehhandel ein und so erhielt der König einen neuen Pagen. Und was für einen!

Eine Woche später reiste der Graf ohne seinen Sohn Laurin wieder ab und der zog zu Kai in die Kammer der königlichen Diener. Nach der ersten Einweisung setzte der Junge sich auf sein ihm zugewiesenes Bett und überprüfte mit dem Gesäß auf und ab hüpfend die Beschaffenheit der Schlafunterlage. „Darauf soll ich schlafen?“, fragte er höhnisch und stand wieder auf. „Ist mir zu hart! Das geht gar nicht, hol mir gefälligst eine weichere Matratze“, sagte er in einem unverschämt arroganten Tonfall und Kai sah ihn an wie ein Kalb wenn`s donnert.

„Ich glaube, du hast es noch nicht ganz kapiert, hm? Du bist jetzt nichts anderes mehr als ich! Ein einfacher Diener seiner Majestät und noch weniger sogar, da ich über dir stehe!“, antwortete er ebenso spöttisch. „Also wirst du tun, was ich dir sage und zwar ohne Widerspruch, verstanden?!“

Der Grafensohn drehte sich mit einem gelangweilten Schnauben um und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du denkst doch nicht im Ernst, dass ich den Nachttopf seiner Majestät leere“, raunte er beinahe fassungslos.

„Genau das wirst du als erstes machen! Danach säuberst du die Schüssel gründlich und bringst sie zurück ins königliche Schlafgemach“, erwiderte Kai genüsslich. „Und jetzt komm, ich zeige dir den Weg!“

Der junge Mann stieß genervt die Atemluft aus und folgte ihm die Augen verdrehend. „So habe ich mir das nicht vorgestellt“, murmelte er brummig und schlurfte ihm hinterher.

„Wirst dich schon daran gewöhnen!“, meinte Kai nur und führte ihn hinüber in Henrys Gemächer.

„Wie sieht`s hier denn aus?“, entkam es Laurin erstaunt. „So viel Geschmack hätte ich dem alten Griesgram gar nicht zugetraut! Ist der eigentlich immer so schlecht gelaunt?“, fragte er, sich wie selbstverständlich auf eine der römischen Liegen setzend und streckte sich der Länge nach darauf aus.

„Was machst du da?! Steh sofort wieder auf!“, entkam es Kai empört, doch Laurin dachte gar nicht daran. Er verschränkte gelangweilt die Hände hinter dem Kopf und blickte trotzig in die andere Richtung.

„Ich glaube, hier könnte ich es eine Weile aushalten“, sagte er wie zu sich selbst.

„Mach sofort, dass du da runterkommst! Bevor ich dir in deinen aristokratischen Hintern trete!“, herrschte Kai ihn jetzt doch langsam wütend werdend an und der Junge schenkte ihm einen genervten Blick.

„Hör zu, ich werde hier keinen Finger krumm machen, jedenfalls nicht mehr als unbedingt nötig und deinen blöden Nachttopf kannst du dir sonst wohin stecken! Ich, werde den Dreck ganz sicher nicht wegmachen, auch nicht, wenn es sich um den Dreck des Königs handelt“, erwiderte er schnippisch und Kai konnte nur noch den Kopf schütteln über so viel Frechheit.

„Das werden wir noch sehen“, murmelte er und marschierte ins Schlafgemach.

Laurin rührte tatsächlich keinen Finger und blieb eiskalt liegen, bis sich sein knurrender Magen meldete. „Ich habe Hunger“, meinte er, stand auf und stolzierte hinaus.

Wenig später betrat Henry seine Gemächer und setzte sich geschafft. „Eure Majestät“, begrüßte ihn Kai mit einer tiefen Verbeugung und zog ihm ohne besondere Aufforderung die Stiefel aus.

„Wo ist denn der neue?“, fragte der König wie beiläufig, denn es interessierte ihn nicht wirklich.

Kai seufzte erst einmal. „Mit Verlaub, Eure Majestät, aber ich denke nicht, dass er die richtige Wahl für einen neuen Diener ist! Der ist noch um einiges schlimmer als es Benedicto zu Anfang war“, meinte er und Henry hob tatsächlich die Augenbrauen.

„Und weshalb?“, fragte er.

Kai verzog mürrisch das Gesicht. „Dieser Wicht ist nicht nur stinkfaul, sondern auch noch rotzfrech!“, platzte es aus ihm heraus.

Henry wirkte jetzt doch überrascht. „Du wirst schon mit ihm fertig werden“, meinte er dann jedoch wieder eher uninteressiert.

„Ja, wenn ich Sebastian wäre“, brummte Kai ärgerlich. „Wann kommt er eigentlich wieder?“

Der König zuckte die Schultern. „Was weiß ich“, war alles was er antwortete, als die Türe aufflog und besagter Nichtsnutz hereinplatzte.

„Eure Majestät sind schon da?“, überfiel er den geradezu übermäßig erfreut und stürmte auf ihn zu. Ohne irgendwelche höfische Etikette zu wahren, ließ er sich zu Henrys Füßen nieder und küsste ihm einfach die rechte Hand. „Ich kann gar nicht sagen, was es mir bedeutet in Eurer Nähe sein zu dürfen! Und ich war vollkommen hingerissen von diesem antiken Interieur! Ich liebe die altrömische Kultur und Geschichte! Waren die Römer nicht einfach wunderbar? Was sie alles erschufen und uns brachten! Wart Ihr schon selbst dort? In Rom? Oh, habt Ihr das Kolosseum gesehen? Ich war regelrecht ergriffen von diesem Anblick!“, rief er begeistert aus und Henry nahm verdutzt den Kopf zurück.

„Du warst in Rom?“, fragte er ungläubig und war für einen Moment einfach nur sprachlos. Damit hätte er wirklich nicht gerechnet und so zwinkerte er auch noch verstört, als Laurin eifrig zu ihm hochnickte.

„Oh ja! Ich durfte vor drei Jahren meine Eltern auf eine Pilgerfahrt dorthin begleiten und war restlos überwältigt von dieser wundervollen Stadt! All diese großartigen Bauwerke zu sehen, mit meinen eigenen Augen und auch noch betreten zu dürfen! Ich fühlte mich wie Cäsar selbst, in diesem herrlichen Augenblick, als ich auf die Stadt herabblickte! Ich kann Euch gar nicht sagen, wie ergriffen ich war, als ich sie betrat und kann es nur schwerlich in Worte fassen! Ich habe die Engelsburg besucht und Kaiser Hadrians Grab gesehen!“, brach es überwältigt aus dem Jungen heraus.

„Nun, also, ich muss sagen, ich bin wirklich überrascht“, brabbelte Henry blinzelnd. „Nicht einmal ich, war schon dort“, meinte er verwirrt.

„Eure Majestät müssen unbedingt die Heilige Stadt besuchen! Oh, wie wäre es wundervoll, wenn wir es zusammen, tun würden! Es wäre mein größter Traum!“, erwiderte Laurin voller Inbrunst und senkte kurz den Blick. „Ich habe ein Geschenk für Eure Majestät mitgebracht, wenn Ihr erlaubt?“, fragte er mit einem unverschämt koketten Augenaufschlag und sah ihn durch seine langen rotbraunen Wimpern an. Ohne eine Antwort abzuwarten, stand er auf, flitzte hinaus und kam wenige Augenblicke mit einem Päckchen in seinen Händen zurück. Wieder ließ er sich zu Henrys Füßen nieder und hielt ihm das Präsent schüchtern lächelnd hin.

Der König nahm es beinahe vorsichtig und wickelte das doch recht schwere Geschenk behutsam aus. Es war eine kleine Götter Skulptur, gerade mal so groß, dass sie der Länge nach in Henrys ausgestreckte Hände passte. Ein wunderschön filigran gearbeiteter Jüngling, aus weißem Marmor und, nackt. „Ähm, ich bin in der Tat, sprachlos“, kam es wieder irritiert aus seinem Mund.

„Gefällt sie Euch?“, fragte der kleine Frechdachs zu seinen Füßen erwartungsvoll und Henry nickte.

„Doch, schon, sie ist sehr hübsch“, raunte der, weil er nun wirklich nicht mehr wusste, wie ihm geschah.

„Ich habe sie mir heimlich auf einem Markt in Rom gekauft und bis jetzt versteckt gehalten, aber als ich diesen wundervollen Raum sah, wusste ich wohin sie von nun an, gehört“, grinste er spitzbübisch. „Ihr könntet sie dorthin stellen!“, zeigte Laurin auf die freie Stelle im Regal und Henry kniff die Augen zusammen, da dort einst die kostbaren römischen Gläser ihren Platz besessen hatten.

„Ähm, ja, warum nicht“, meinte er trotzdem.

Laurin sprang auf, nahm ihm die Statue weg und ging wiegenden Schrittes zu besagtem Regal. „Wie dafür gemacht“, sagte er und stellte sie hämisch grinsend auf, da ihm dabei Kais fassungsloser Blick begegnet war. „Oh ich liebe dieses Gemach!“, rief er, sich wieder zu Henry umdrehend. „Sind diese Pergamentrollen etwa echt? Darf ich?“ Erneut wartete er keine Antwort ab und schnappte sich eine der antiken Aufzeichnungen.

Das war dann doch zu viel. „Vorsicht!“, rief Henry, rasch aufstehend und war mit wenigen Schritten bei ihm. „Sie sind sehr alt und dementsprechend wertvoll! Es sind unter anderem Briefe von römischen Feldherren und einer ist sogar von Kaiser Konstantin selbst verfasst!“, sagte er und nahm ihm die Rolle wieder ab.

„Darf ich sie vielleicht irgendwann einmal sehen? Mit Eurer Majestät zusammen?“, säuselte Laurin zu ihm hoch und Henrys linke Augenbraue wanderte nach oben.

„Du bist mir ja so einer“, brummte er und gab ihm mit der Schriftrolle einen leichten Hieb auf die Nase, bevor er sie wieder zurücklegte.

Laurins Lächeln war mittlerweile zu einer offenen Einladung geworden und sein herausfordernder Blick besagte mehr als tausend Worte. Er hatte den König um den Finger gewickelt, da war er sich inzwischen mehr als sicher und er würde hier ganz gewiss nicht einen einzigen Nachttopf leeren…

***

„Isch hätte eine Bitte“, sagte Amanoue zu Marius, der ihn gerade noch einmal untersucht hatte. Mit den Fingerspitzen strich der gerade noch einmal über die kaum noch sichtbare Narbe und sah ihn an.

„Wenn ich dich nicht selbst aufgeschnitten hätte, würde ich es nicht glauben“, meinte er, ohne auf Amanoues Anfrage einzugehen. „Vor drei Monaten war da noch eine riesige Wunde und jetzt ist kaum noch was davon zu sehen, bis auf diesen dünnen Strich!“

„So ist es doch immer, bei mir“, nuschelte Amanoue etwas unwohl und zog sich das Hemd wieder über. „Außerdem habe ich regelmäßig Gregorius` Wundersalbe aufgetragen, die hat schon immer gut gegen Narbenbildung geholfen“, sagte er achselzuckend.

Marius legte den Kopf schief. „Aber gewiss nicht, so! Dein Bauch müsste eigentlich für den Rest deines Lebens in zwei Hälften gezeichnet sein!“

„Ist doch egal, jedsd“, winkte Amanoue ab. „Außerdem ist es ja auch schon siemlich lange her, eben, drei Monate, wie du sagtest! Das war genug Seit, um heilen su können und eigentlich hat es diese Mal eh viel su lange gedauert“, brummte er und Marius nickte nachdenklich.

„Ja, das ist mir auch aufgefallen, sonst war bei dir alles immer viel schneller verheilt, seltsam“, grübelte er nach und sah ihn stirnrunzelnd an. „Wie fühlst du dich sonst?“

„Alles wieder gut, keine Schmersen mehr, keine Schwindel und auch sonst ist alles wieder beim Alten, deshalb wollte isch disch ja auch um etwas bitten“, hakte er leicht genervt nach.

„Ach ja! Und um was?“, fragte Marius neugierig.

„Naja, isch werde ja wohl bald von hier fortmüssen, aber isch habe keine Geld und da dachte isch mir, dass isch mir welsches verdienen könnte“, erwiderte Amanoue etwas verhalten.

„Ach! Und wie?“, wollte Marius skeptisch wissen und Amanoue setzte sich zurecht.

„Pass auf! Die meisten Soldaten hier können weder lesen noch schreiben und müssen immer su eine Schreiberling in die Stadt gehen, wenn sie jemandem eine Brief schicken möschten! Also dachte isch mir, dass das doch genauso gut isch für sie machen könnte, gegen eine kleine Obolus, selbstverständlisch. Nischd so teuer, wie diese Halsabschneider in die Stadt und sie bräuschten dann auch nischd eine freie Tag dafür opfern! Aber dafür bräuschte isch eine Grundausstattung, verstehst du?“, fragte er verlegen. „Also wollte isch disch bitten, ob du mir eine Feder, Tinte und einige Pergamentstücke besorgen könntest, isch würde es dir selbstverständlisch später surücksahlen.“

Marius hob erstaunt die Augenbrauen. „Du willst dir hier ein Schreibbüro einrichten? Das ist, echt, eine gute Idee! Ja, sicher, besorge ich dir alles was du brauchst, dafür!“

„Oh danke!“, rief Amanoue erleichtert und fiel ihm um den Hals. „Gibt es sonst eigendlisch was Neues?“, fragte er dann allerdings wieder recht geknickt und setzte sich zurück. „Wie geht es, IHM?“

Marius` Lächeln verschwand augenblicklich. „Wie immer! Sitzt da wie ein Ölgötze und vertreibt mit seiner miesen Laune jede Fröhlichkeit“, meinte er mürrisch. „Ihre Majestät packt schon ihre Sachen zusammen“, sagte er verständnislos. „Sie hat unzählige Bittbriefe und Gnadengesuche an ihn geschickt und er hat alle abgelehnt! Weißt du, auch wenn sie ihn betrogen hat, tut sie mir doch leid! Sie ist doch noch so jung und schön und sie war immer so nett zu jedermann und nun muss sie sich in ein Kloster zurückziehen! Der alte Dreckskerl hat sie doch auch jahrelang betrogen und hintergangen, aber das steht in keinster Weise zur Debatte! Ist das nicht ungerecht? Auch dir gegenüber! Ich verstehe es sowieso nicht, dass du ihm immer noch nachtrauerst! Immerhin hast du ihm mehrmals das Leben gerettet und er schert sich einen Dreck darum, was aus dir nun wird“, schimpfte er wütend los.

Amanoue ließ seufzend den Kopf hängen. „Immerhin `at er mir meine Leben gelassen, also steht meine Leben, für seine und damit sind wir dann wohl quitt“, antwortete er traurig. „Und, isch kann es ihm wirklisch nischd verdenken, dass er so reagiert hat. Er muss misch doch dafür hassen, weil isch ihm das angetan `abe und ihm seine Hers gebrochen habe. Dabei habe isch ihn doch geliebt und isch liebe ihn immer noch, was war isch doch für eine Idiot!“

„Oh ja!“, meinte Marius zustimmend. „Du bist in der Tat ein Idiot, wenn du immer noch so für ihn empfindest! Ich wollte es dir eigentlich ersparen, aber jetzt sage ich es dir trotzdem! Seine Majestät hat anscheinend bereits einen Ersatz für dich gefunden“, presste er geradezu angewidert hervor. „Ja, da staunst du, hm? Ein neuer Knappe“, sagte er voller Spott. „Seit gut zwei Wochen ist der erst hier und hat seine Majestät“, wieder betonte er es höhnisch, „bereits um den Finger gewickelt und fest im Griff! Du kannst dir gar nicht vorstellen, was dieser Rotzlöffel sich alles rausnimmt! Er sitzt sogar bei den Audienzen neben Henry! Auf dem Boden! Auf einem dicken Sitzkissen, wie ein Schoßhund und beide flüstern ständig miteinander und er macht sich über die Bittsteller lustig! Und was macht seine Majestät? Guckt darüber hinweg und lächelt! Also, du brauchst dir wegen ihm echt keinen Kopf zu machen, dein Henry hat längst wieder einen, der ihn über dich hinwegtröstet!“, warf er ihm hart entgegen.

Amanoue blinzelte einige Male verstört, doch dann nickte er leicht. „Ist doch schön, wenn er wieder jemanden gefunden hat und ich wünsche es ihm von gansem Hersen. Hoffentlisch kann diese Junge ihn auch wirklisch wieder glücklisch machen“, erwiderte er relativ gelassen, aber der Schmerz in ihm war unübersehbar.

Marius schnaubte verständnislos. „Du bist einfach zu gut, für diese Welt“, brummte er. „Also ich könnte ihm das nicht so einfach vergeben und erst recht nicht verstehen und das habe ich auch Gregorius gegenüber nicht vor! Wenn er dieses Mal wieder sein Versprechen bricht, dann hau ich eben alleine ab und er kann hier allein versauern oder weiterhin Henry anhimmeln“, knurrte er eifersüchtig.

„Hm?“, machte Amanoue verwirrt und Marius verdrehte die Augen.

„Irgendetwas stimmt da nicht, zwischen den beiden! Ich bin doch nicht blöd! Zuerst hat er kein gutes Haar an ihm gelassen, wollte ihn sogar mehrmals verlassen und jetzt nimmt er Henry ständig in Schutz! Seine Majestät hier und da, er bräuchte ihn eben, der arme Henry und hätte doch niemanden, mit dem er reden könnte, warum ich das nicht verstehen würde und so weiter! Blablabla! Ich kann es nicht mehr hören!“, regte er sich wütend auf.

„Er braucht doch auch wirklisch jemanden, dem er sisch anvertrauen kann und Gregorius ist eine gute Suhörer! Sischer, sind sie nur gute Freunde…“

„Freunde?! Gregorius hat ihn regelrecht gehasst, nachdem was dieser Mistkerl dir alles angetan hatte und jetzt plötzlich sagt er, man müsse auch ihm Verständnis entgegenbringen! Nee, wirklich nicht!“, schüttelte Marius energisch den Kopf. „Und eines sage ich dir, solltest du wirklich weggehen müssen, dann warte ich keinen Augenblick länger und bin ebenfalls fort! Ob mit oder ohne Gregor!“, sagte er entschieden.

„Liebst du ihn denn nischd mehr?“

„Natürlich liebe ich ihn noch! Er ist die Liebe meines Lebens! Aber ich werde mir deshalb das auch nicht länger antun! Wenn er sich für seine Majestät entscheiden sollte, dann werde ich ohne ihn gehen!“, antwortete Marius mit verschränkten Armen.

„Das tut mir escht leid“, murmelte Amanoue betroffen und Marius schnaubte wie ein Stier.

„Mir auch!“, zischte er und stand auf. „Ich geh jetzt wieder rüber, wir haben einige stark erkältete Bedienstete drüben, um die ich mich kümmern muss! Also bis morgen, ja? Ich bringe dir dann das Schreibzeugs mit“, meinte er versöhnlicher und Amanoue nickte ihm dankbar zu.

Und somit eröffnete Amanoue zwei Tage später sein eigenes kleines Schreibbüro, das er sich kurzerhand in einer Ecke des Schlafraumes einrichtete. In der Tat konnten die meisten der gewöhnlichen Gardisten weder lesen noch schreiben und wenn doch, so konnten sie gerademal ihre Namen zu Papier bringen und damit hatte Amanoue erst einmal alle Hände voll zu tun. Jetzt, da auch die Botenreiter wieder ausgeschickt werden konnten, wollte beinahe jeder eine Nachricht nach Hause senden und Amanoue erschrak beinahe über die lange Schlange, die sich vor seinem improvisierten Schreibtisch gebildet hatte.

„Ach du liebe Seit!“, entfuhr es ihm und er blickte an den wartenden entlang.

„Da hast du dir ja was Schönes aufgehalst“, meinte Finn grinsend und Amanoue entkam ein kleiner Seufzer.

Selbstverständlich kamen die Jungs zuerst dran und so begann Finn ihm den ersten Brief zu diktieren. Der nächste, Matto, beugte sich tief zu ihm hin und flüsterte geradezu die Worte, die Amanoue für ihn aufschreiben sollte und bald kniff der die Augen konzentriert zusammen. „Was?“, fragte er, weil er den letzten Satz nicht verstanden hatte. „Kannst du bitte lauter spreschen?“

„Nein“, raunte Matto leise zurück, „das geht denen schließlich nichts an!“

„Ach so! Ja, ähm…“, stotterte Amanoue, als Brac mit lauten Schritten herantrat.

„Was zum Geier, is`n hier los? Habt ihr sie noch alle? Das ist unser Schlafraum und ihr trampelt alle mit euren dreckigen Stiefeln hier rein, wie `ne Horde Rindviecher! Wer soll`n das wieder saubermachen?! Raus hier, aber schnell“, donnerte er die dicht gedrängten Soldaten an. „So geht das nicht!“, fuhr er den verdutzten Amanoue an, „hier is ja mehr los, als drüben in der Halle!“

Amanoue zog den Kopf ein und hob unschuldig die Schultern. „Tschuldige, mit so viel Andrang `abe isch escht nischd gereschnet und isch werde nachher alles wieder pudsen.“

„Da brauchst du ja noch die halbe Nacht! Nee, mein Freund, bei aller Liebe und Verständnis, du musst das anderes koordinieren!“, lehnte Brac dennoch rigoros ab.

„Ja, ein bisschen mehr Privatsphäre wäre echt nicht schlecht, muss ja nicht jeder zuhören, was man dir sagt“, mischte sich Matto wieder dazwischen.

Brac sah ihn an, als hätte der sie nicht mehr alle und zeigte zum Ausgang. „Raus hier! Wer nicht hier reingehört!“, brüllte er mit seiner Bärenstimme und die Soldaten zogen murrend Leine. „Kleiner, das geht echt nicht, tut mir leid! Also entweder du lässt die nur einzeln hier rein und ohne Stiefel, was wir an Gestank aber dann bald nicht mehr ertragen würden, oder du suchst dir ein anderes Büro! Benny hat sich bei mir beschwert, weil er sich `ne Stunde aufs Ohr hauen wollte, was ich dieses Mal auch wirklich verstehen kann, da er Nachtwache hat und weißt du, was er mir sagte? Dass die ihn nicht vorbeigelassen haben und er sich gefälligst hintenanstellen sollte, wenn er da rein wolle! In seinen eigenen Schlafraum! Manou, das geht so nicht, in diesem Fall muss ich auf seiner Seite stehen“, sagte er bestimmt.

Amanoue atmete frustriert durch und nickte. „Du hast reschd, das habe isch nischd bedacht und bitte Benny“, sagte er kleinlaut zu dem, „es tut mir leid. Natürlisch kannst du disch hinlegen, wann immer du es möschtest. Isch werde sofort meine Sachen susammenpacken.“

„Ach ja? Und der ganze Dreck? Und schau dir mal die Betten an! Die haben sich einfach draufgesetzt und alles beiseitegeschoben!“, meckerte der ihn mit vor der Brust verschränkten Armen an.

Amanoue schluckte betroffen und biss sich auf die Unterlippe. „Oje!“

„Ja, oje! Oh Mann, du bist und bleibst `ne Nervensäge“, beschimpfte Benny ihn noch wütend und marschierte zickig wieder vor zu seinem völlig zerwühlten Bett. „So `ne Scheiße, Mann“, zeterte er, während er es einigermaßen wieder zurecht machte und Amanoue bekam einen hochroten Kopf.

„Isch hole schonmal die Pudsseug“, nuschelte er verlegen und schmuggelte sich an Brac vorbei.

Tags darauf eröffnete er sein Büro in der Rüstkammer und vergab zu allererst feste Termine an die Soldaten.

***

Die Audienz war in vollem Gange und wie gewöhnlich auch mal wieder recht lautstark. Zwei Händler stritten sich gerade, während sie sich gegenseitig des Betruges bezichtigten. Henry war bereits völlig genervt von ihrem Gezeter, als sich Laurin plötzlich mitten durch die aufgeregte Menge schob. „Eure Majestät!“, rief er mit seiner noch etwas kindlichen Stimme und tänzelte aufgeregt heran. Ohne auf die beiden Streithähne zu achten, hüpfte er die Stufen hinauf und hielt dem König seine zu einem Ball übereinander gelegten Hände hin. „Seht doch nur!“

Henry hob überrascht die Augenbrauen und starrte darauf. Laurin nahm die obere Hand weg und präsentierte einen Zitronenfalter auf seiner unteren Handfläche. Unwillkürlich war es still geworden und aller Augen richteten sich auf den Jungen. Der hübsche Schmetterling hob und senkte die gelben Flügel, was ein leises, schabendes Geräusch verursachte und auf den Lippen des Königs breitete sich ein zaghaftes Lächeln aus. „Ist der nicht hübsch?“, fragte Laurin und sah ihn so zauberhaft unbedarft an, dass sich Henrys erkaltetes Herz augenblicklich ein klein wenig wärmer anfühlte.

„Ja, sehr“, sagte er und Laurin strahlte heller als die Sonne.

„Und er bringt Glück!“, rief Laurin überzeugt aus. Der Schmetterling hob flatternd ab und flog über ihre Köpfe davon. „Huch“, machte der Junge fast ein wenig erschrocken und blickte ihm wehmütig nach. „Jetzt ist er fort!“, meinte er achselzuckend und Richard räusperte sich vernehmlich.

„Merkst du nicht, dass du die Audienz störst?“, fragte er vorwurfsvoll und deutete auf die raunenden Leute.

„Oh!“, entkam es Laurin nur und er lächelte den König an. „Tut mir leid!“

„Das macht nichts, die gingen mir eh auf die Nerven“, meinte Henry leise zu ihm hin und der Junge kicherte in seine vorgehaltene Hand. „Du gehst trotzdem besser nach hinten, hm? Stell dich neben Kai“, sagte der König ungewöhnlich milde und Laurin grinste breit.

„Ich weiß was Besseres!“, sagte er mit erhobenem Zeigefinger und marschierte hinüber zu einer der an den Wänden stehenden Sitzbänken. Kurzerhand nahm er sich ein Kissen, natürlich das dickste und größte und trabte damit zurück. Wieder genau vor Henrys Thron, schräg neben dessen Füßen, legte er es auf den Boden und setzte sich, den König einschmeichelnd anlächelnd, darauf.

„Äh, aber, das geht doch nicht“, stammelte Richard fassungslos und sah auffordernd zu Henry, der allerdings nur lässig die Achseln zuckte.

„Warum denn nicht? An Eurer Seite sitzt immerzu diese hechelnde Töle, da kann ich mir doch auch ein kleines Schoßhündchen zulegen“, meinte er fast herausfordernd zärtlich und strich dem Jungen sogar noch lächelnd über die Wange. „Bleib nur sitzen, aber du musst still sein, ja?“, sagte er, ganz so als würde er tatsächlich zu einem Hündchen sprechen.

Richard durchbohrte zuerst ihn und dann Wilhelm mit einem geradezu tödlichen Blick. „Na Bravo, da hast du ja was Feines angerichtet“, zischte er hinter Henrys Rücken letzterem zu. „Sieh bloß zu, dass du den wieder loskriegst!“

Wilhelm hob entschuldigend die Hände. „So, habe ich es mir sicher nicht gedacht, aber zumindest hat sich Henrys Laune erheblich gebessert, das ist doch schonmal was, oder?“

„Was ist mit mir?“, fragte der prompt und wandte sich um.

„Nichts, Bruder, mach nur weiter“, wiegelte Wilhelm ab und so widmete sich der König wieder den beiden Nervensägen vor ihm, die ihren Streit wieder lautstark aufgenommen hatten.

Nach dem Mittagsmahl, dem Laurin auf Richards Geheiß hin nicht hatte beiwohnen dürfen, zog sich Henry wie immer für eine Stunde in seine Gemächer zurück. Laurin, der beharrlich vor der Tür zum kleinen Saal gewartet hatte, folgte ihm wie selbstverständlich nach, oder besser gesagt ging er eiskalt neben dem König her und das letzte Stückchen lief er sogar noch voraus. Er öffnete die Türe und marschierte ohne auf Henry zuwarten, hinein. Kai war so verblüfft darüber, dass er für einen Moment wie erstarrt stehenblieb und auch die beiden Wachen schienen fassungslos über die Dreistigkeit des Jungen zu sein. Der König selbst hatte nur die Augenbrauen gehoben und schlenderte seinem neuen Pagen lächelnd hinterher. „Normalerweise betrete ICH als erster mein Gemach“, sagte er mit ermahnender Miene und Laurin wirkte ehrlich erstaunt.

„So? Oh, das wusste ich nicht!“, antwortete er und legte keck den Kopf schief.

„Und eigentlich, wäre jetzt zumindest eine Entschuldigung fällig!“, platzte es aus Kai heraus. „Was erlaubst du dir noch alles, hm?“

Laurin zeigte sich keineswegs betroffen über die Rüge und zuckte hochnäsig die Achseln. „Ja, in einem muss ich dir rechtgeben, eine Entschuldigung wäre allerdings fällig! Also, ich warte“, sagte er zum König hin, verschränkte die Arme und tippte ungeduldig mit einem Fuß auf und ab.

Henry begann einfach zu lachen und er lachte, wie lange nicht mehr. Auch über Kais verdutztes Gesicht, aber am meisten über diesen rotzfrechen Lümmel, der mit trotziger Miene vor ihm stand. „Lacht Ihr mich etwa aus?! Ich finde schon, dass ich eine Entschuldigung verdient habe, immerhin habt Ihr es zugelassen, dass Euer Onkel mich nicht mitspeisen ließ! Was denkt Ihr eigentlich, von was ich hier leben soll? Etwa von dem Fraß, den man mir in der Küche vorsetzt?!“, erdreistete der sich zu sagen.

„Fraß?! Das ist das normale, tägliche Essen, für die Bediensteten!“, schimpfte Kai wieder los. „Es reicht jetzt wirklich langsam! Mach, dass du rauskommst, du freches Ding!“, rutschte es ihm ganz nach Sebastians alter Manier heraus, wenn dieser früher immer Amanoue auf diese Weise ermahnt hatte und sofort war Henry wieder still.

Der König schnaufte zwangsläufig schwer durch, bei der Erinnerung an die beiden und Kai erkannte augenblicklich seinen Fehler. „Vergebung, Eure Majestät, das wollte ich nicht“, stammelte er betreten und Henry sah ihn an.

„Schon gut, Kai“, meinte er und drehte ihnen den Rücken zu. „Ich möchte allein sein, geht, beide“, raunte er, plötzlich mit belegter Stimme.

Während Kai sich mit einer betretenen Verbeugung abwandte, blickte Laurin ganz offen auf Henrys bebende Schultern. „Was ist mit Euch? Eure Majestät?“, fragte er erstaunt und ging zu ihm. „Eure Majestät, es tut mir leid, ehrlich“, sagte der Junge vorsichtig und vollkommen ahnungslos. „Seid Ihr meinetwegen böse?“

Henry schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin nicht böse“, antwortete er leise, „und sicher nicht, auf dich.“

„Warum seid Ihr immer so traurig?“, fragte da Laurin frei heraus und wagte es ihm sachte eine Hand auf den Oberarm zu legen, was Henry regelrecht erzittern ließ.

„Lass ihn los!“, schrie Kai erbost, eilte hinüber und stieß ihn grob weg. „Wie kannst du es wagen, den König anzufassen!“

Laurin schien nun doch erschrocken zu sein und zum ersten Mal senkte er wirklich erschüttert über sein Handeln, den Kopf. „Vergebt mir, Eure Majestät“, murmelte er verlegen, nur um gleich wieder aufzusehen. „Ich möchte Euch doch nichts Böses, ganz im Gegenteil sogar! Ich sehe doch, dass Euch etwas quält und dies ist mir schon von Anfang an aufgefallen. Alle reden hinter Eurem Rücken, über Euch, nennen Euch `ihren traurigen König´, was ja noch recht nett klingen mag, denn ich hörte schon andere Bezeichnungen, die man Euch gibt! `Trauerkloß´, oder `mürrischer, alter Plagegeist´, nennen sie Euch in der Küche und nicht nur da“, empörte er sich, auch mit einem Seitenblick auf Kai, der daraufhin ertappt die Lippen zusammenkniff.

„Naja, ganz unrecht haben sie da wohl nicht“, brummte der König und drehte sich seufzend wieder zu ihnen um. „Die letzten Monate war ich wirklich nicht gerade freundlich und umgänglich. Ist schon gut, Kai, er hat ja recht und wenigstens ist er ehrlich zu mir und heuchelt mir nichts vor!“

„Eure Majestät, ich habe nie…“, erwiderte Kai kleinlaut und Henry schnitt ihm mit einer Geste das Wort ab.

„Lass es, Kai! Oder denkst du im Ernst, ich wüsste nicht, was du über mich denkst? Was alle, über mich denken? Dass ich ein gefühlloser, undankbarer und empfindungsloser Egoist bin, der seine Gemahlin zwingt in ein Kloster zu gehen und…“ Henry konnte den Namen noch immer nicht aussprechen, es ging einfach nicht, `Amanoue rausgeworfen hat´, dachte er den Satz zu Ende. Und sah bitter zur Seite.

„Seht Ihr, genau das ist es, was ich meinte“, mischte Laurin sich sanft dazwischen. „Dieser traurige Blick und dieser fürchterliche Schmerz, auf Eurem Antlitz. Vielleicht kann ich Euch ja helfen darüber hinwegzukommen, über was auch immer“, sagte er achselzuckend. „Zumindest davon ablenken, hm?“, meinte er so spitzbübisch, dass Henry tatsächlich leicht schmunzeln musste. „Und ich weiß auch schon, wie!“, rief er, darüber ermutigt und grinste breit. „Was haltet Ihr davon, wenn wir heute Abend zusammen speisen?! Nur wir beide und zwar hier! In Eurem Gemach und zwar nach römischer Sitte! Oh ja, bitte“, klatschte er erfreut über seinen eigenen Vorschlag in die Hände. „Bitte, Eure Majestät, ich werde mich auch um alles kümmern“, bettelte er und Henry kaute kurz skeptisch an seiner Unterlippe. „Ich verspreche Euch, dass Ihr es nicht bereuen werdet und, Ihr werdet begeistert sein!“ Laurin sah ihn so herzerweichend an, dass Henry schließlich nur noch nicken konnte. „Oh, danke!“, rief sein Page und wäre ihm beinahe um den Hals gefallen. Im letzten Moment hielt er jedoch noch inne und verzog verlegen den Mund. „Verzeiht mir, ich bin manchmal etwas ungestüm.“

Henry schnaubte leise, wie immer, wenn er sich im Stillen über etwas amüsierte. „Schon gut“, meinte er nur wieder und schon strahlte der kleine Wirbelwind wieder.

„Dann bis heute Abend, ja? Und denkt daran, vorher nichts essen!“, sagte er ermahnend und stürmte hinaus.

„Bitte vergebt mir, Eure Majestät“, wagte Kai sich dazu zu äußern, „aber vielleicht wäre es besser, wenn Ihr diesen Burschen nicht so vertraulich entgegenkommt? Ich meine nur, Ihr kennt ihn doch gar nicht und er erdreistet sich Dinge zu tun oder zu sagen, dass man nur noch fassungslos danebensteht!“

„Ich kann mich zwar nicht daran erinnern, dich um deine Meinung gebeten zu haben, aber nun gut, jetzt hast du sie kundgetan“, raunte Henry achselzuckend und ging nach hinten in sein Schlafgemach. „Wecke mich in einer halben Stunde, falls ich einschlafen sollte!“

Kai hätte ihm am liebsten etwas hinterhergeworfen und nicht nur verbal. „Wenn doch nur Sebastian hier wäre“, murmelte er vor sich hin, drehte die Sanduhr um und hockte sich demonstrativ trotzig auf eine der Liegen. Noch am gleichen Tag verfasste er eine Nachricht an Sebastian und klagte dem darin sein Leid.

***

Laurin hatte nicht zu viel versprochen, denn als der König am Abend wieder zurück in sein Gemach kam, staunte er nicht schlecht. Der Mosaiktisch war überfüllt mit allerlei Köstlichkeiten, gebratene Hühnerkeulen, gedünstetes Gemüse, gekochter Schinken, bereits in Scheiben geschnitten, helles Brot, Käse und eine Schüssel mit kandierten Früchten waren darauf angerichtet und Laurin selbst war wie ein Römer mit einer antikanmutenden weißen Toga bekleidet. Um seine Stirn lag ein goldener Reif und auch das kniekurze Gewand wurde von goldenen Spangen über den nackten Schultern zusammengehalten. Der Junge empfing ihn mit einem strahlenden Lächeln und einem geradezu herausfordernden „Na!“, auf den Lippen und brachte Henry damit prompt wieder zum Lachen.

„Du hast dir wirklich viel Mühe gegeben und in der Tat nicht zu viel versprochen! Ich bin, was soll ich sagen, doch überrascht“, meinte er ehrlich beeindruckt und der Kleine strahlte glücklich.

„Wein?“, fragte er und beeilte sich zwei Becher einzuschenken. Einen davon reichte er Henry und der nahm ihn lächelnd entgegen. „Bitte, mein König, nehmt doch Platz“, forderte Laurin ihn auf und Henry setzte sich auf die vordere Liege. „Hm“, machte der Junge nachdenklich und sah zu Kai, der sauertöpfisch etwas abseitsstand. „Wäre es zu vermessen, wenn ich dich bitte, mir ein wenig zur Hand zu gehen? Wärst du so nett und würdest seine Majestät bedienen? Im Liegen geht das ja wohl schlecht“, erklärte er liebenswürdig.

Kais Gesicht entglitt regelrecht und sein Mund öffnete sich, allerdings weil ihm im wahrsten Sinne die Kinnlade herunterfiel. „Danke, Kai!“, antwortete Laurin daher selbst, trippelte um den Tisch herum und nahm die zweite Liege in Beschlag. Er legte sich sofort seitlich darauf und Henry warf einen Blick auf dessen nackte Beine. Er trug tatsächlich hochgeschnürte römische Sandalen und die Riemchen reichten bis unter die Kniekehlen.

„Hübsche Schuhe“, sagte er und deutete schmunzelnd darauf, was Laurin erröten ließ.

„Habe ich mir auch aus Rom mitgebracht“, flötete er, sich ein wenig genierend windend.

Henry nickte nur und trank einen Schluck. „Ähm, ja, dann lass uns doch anfangen, ich bin wirklich hungrig“, meinte er und Kai stampfte heran wie ein wütender Ochse. Unwirsch spießte er eine der Fleischscheiben auf und pfefferte sie auf einen der Teller.

„Gemüse?“, fragte er brummig und Henry nickte, wenn auch leicht irritiert. Kai nahm eine Kelle voll davon, klatschte es daneben und stellte den Teller lautstark vor dem König ab, während Laurin sich selbst etwas von den Speisen nahm.

Genüsslich begann er zu essen und auch Henry widmete sich seinem nicht gerade ansehnlich aussehenden Mahl. Wenigstens schmeckte es vorzüglich, der Schinken war zart und saftig und so sah er darüber hinweg. Als des Königs Becher leer war, hob der diesen um sich nachschenken zu lassen hoch, doch Kai reagierte nicht darauf. „Seine Majestät hätten gerne noch etwas Wein“, sagte Laurin liebreizend und dem Diener platzte der Kragen.

„Dann schenke ihm welchen ein! Die Karaffe steht doch genau vor deiner Nase, du Wicht“, fuhr er den Jungen unbeherrscht an.

„Kai!“, entkam es Henry empört, „was ist denn los mit dir?“

„Was mit mir los ist?! Ich habe die Schnauze sowas von gestrichen voll!“, fauchte Kai zurück. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und verließ wutentbrannt das königliche Gemach.

Die beiden starrten ihm nach, sahen sich an und begannen zu lachen. „Herrje, was war das denn?“, kicherte Laurin überaus amüsiert und Henry schüttelte nur den Kopf über das Verhalten seines Dieners.

„Wenn das so weiter geht, werde ich mich in Zukunft wohl wirklich noch selbst bedienen müssen“, meinte er nachdenklich und schenkte sich eben selbst ein. „Irgendwie laufen mir in letzter Zeit alle Diener weg!“

Laurin zuckte die schmalen Schultern. „Wir brauchen ihn doch eh nicht und so ist es doch wesentlich intimer. Nur wir zwei, hier allein“, hauchte er mit einem verheißungsvollen Augenaufschlag.

Der König sah ihn schief an und räusperte sich leise. Von der etwas seltsamen Situation irritiert, trank er rasch einen großen Schluck und beobachtete mit wachsender Unruhe, wie Laurins Toga immer mehr verrutschte. Nicht nur der obere Teil, eine Schulterseite war nach unten gerutscht und entblößte mittlerweile eine Brusthälfte des Knaben, auch der Saum glitt merkwürdigerweise immer höher und gab einen guten Ausblick auf dessen milchweiße Schenkel preis. „Tja, wie wäre es mit etwas Süßem, zum Nachtisch?“, fragte er etwas verlegen und Laurin setzte sich auf.

„Oh ja, sehr gerne! Und ich wüsste auch, wo Ihr Euren Nachtisch vernaschen könntet“, antwortete er lasziv und stand mit einer fließenden Bewegung auf.

„Ähm“, machte Henry, sich schon in Abwehrstellung begebend, doch der Junge ging einfach an ihm vorbei und schlenderte hinüber ins Schlafzimmer. Der König war erst einmal baff über diese erneute Ungeheuerlichkeit und marschierte ihm schließlich hinterher.

Tatsächlich lag der Kleine bereits erwartungsvoll auf dem Bett und löste sich gerade verführerisch die Riemchen der Sandalen. „Was machst du da?“, fragte Henry fast amüsiert.

„Ich bereite Euren Nachtisch vor“, antwortete Laurin und ließ die erste Sandale verheißungsvoll baumeln, bevor er sie fallen ließ.

Henry legte grübelnd einen Zeigefinger vor die Lippen und verschränkte dann die Arme. „Wenn du dich damit meinen solltest, muss ich dich enttäuschen. Ich pflege mein Bett nicht mit Kindern zu teilen, also verlasse es bitte“, erwiderte er gelassen.

Laurin schnürte die zweite Sandale auf und warf sie ihm vor die Füße. „Ich bin kein Kind mehr, immerhin bin ich schon fünfzehn und werde bald sechzehn“, meinte er hochnäsig und Henry lachte kurz auf.

„Und damit zumindest noch ein halbes! Und jetzt raus, aus meinem Bett!“, wurde er um einiges deutlicher.

„Wollt Ihr nicht wenigstens davon kosten?“, ließ Laurin sich nicht von seinem Verführungsversuch abbringen und schob sich die Toga ganz über die Schultern.

„Was hast du an dem gerade von mir Gesagtem nicht verstanden?“, fragte Henry ihn stirnrunzelnd. „Nochmal, ich gehe nicht mit dir ins Bett! Du bist mir zu jung! War das jetzt deutlich genug? Und wenn du jetzt nicht sofort machst, dass du da rauskommst, lasse ich dir den Hintern versohlen und zwar von Kai! Ich möchte wetten, dass der sich darüber mehr freuen würde, als über jedes noch so kostbare Geschenk“, erklärte er ihm geradezu sanft.

Laurin zog ebenfalls die Stirn kraus und schnaufte beleidigt aus. „Hat der alte Mann etwa Angst vor mir?“, versuchte er es deshalb auf die provokante Tour.

„Alter Mann?“, empörte Henry sich erheitert, „ich gebe dir gleich selbst was auf deinen kleinen Hintern! Ich bin nicht alt, ich bin noch nicht einmal dreißig!“

Laurin wirkte tatsächlich überrascht. „Wirklich? Ich habe Euch viel älter geschätzt, eher im Alter meines Vaters, so um die vierzig, mindestens“, schnappte er höhnisch zurück und jetzt reichte es Henry endgültig.

„Raus, du frecher Bursche! Und das ist jetzt die allerletzte Aufforderung!“, raunte er ernst und der Tonfall schien anzukommen. Der frühreife Bengel zog zwar eine beleidigte Schnute, rutschte aber doch aus dem Bett und hob zickig seine Sandalen auf. „So! Und versuche das nie wieder“, riet ihm Henry unmissverständlich und trat einen Schritt beiseite, um den Durchgang freizumachen. „Ach, und Laurin, vergiss nicht abzuräumen! Wenn du gehst, sei so gut und schicke Kai zu mir, ja“, meinte er noch milde und sah dem beleidigten Jungen kopfschüttelnd hinterher.

Allerdings schien die Abfuhr Laurin nicht weiter zu kümmern, denn tags darauf nahm er ohne sich etwas anmerken zu lassen, seinen Platz zu Henrys Füßen wieder ein und wirkte so fröhlich ungezwungen wie eh und je. Ganz anders Kai, der sich fortan eiskalt weigerte, Laurins Aufgaben zu übernehmen und so betrat der König am selben Abend ein unaufgeräumtes Gemach. Der Tisch war nicht abgeräumt, neben dem Abendmahl vom Vortag standen noch die Frühstücksreste, das Bett war nicht gemacht und der Nachttopf randvoll. Henry durchschritt seine Gemächer und blieb durchschnaufend stehen. „Kann mir mal einer erklären, warum es hier aussieht, wie in einem Schweinestall?!“, fragte er noch ruhig seine beiden Diener.

Laurin zuckte unschuldig die Achseln und Kai verzog keine Miene. „Ich erwarte eine Antwort!“, fuhr der König nun in einem wesentlich schärferen Ton die beiden an und Kai hob seine Hände.

„Eure Majestät, seht Ihr das?“, fragte er und nickte auch gleich. „Genau, ich habe nur zwei Hände und teilen, kann ich mich auch nicht! Meine Aufgabe ist es, Eure Majestät jederzeit zur Seite zu stehen! Ich soll Euch ankleiden, Euch nach unten begleiten, um Euch gegebenenfalls zu bedienen, auch während der Audienzen und beim Mittagsmahl, stehe mir, um es auf gut Deutsch zu sagen, den ganzen Tag die Beine in den Arsch, während Euer Page es sich auf einem Sitzkissen gemütlich macht und, während Eure Majestät ein Mittagsschläfchen hält, habe ich meine wohlverdiente Pause. Eigentlich, denn auch ich muss zumindest ab und zu Nahrung zu mir nehmen! Und, da ich einstweilen die Position Eures davongelaufenen Leibdieners übernommen habe, sehe ich nicht ein, in meiner mir zustehenden Freizeit auch noch die Aufgaben eines zweiten Dieners zu übernehmen, der ja eigentlich dann in der Zwischenzeit Eure Gemächer sauber halten sollte“, brachte er es auf den Punkt.

Laurin sah ihn dermaßen schockiert an, dass es schon albern wirkte aber Henry fand den Vorwurf keineswegs zum Lachen. Der König war schlichtweg baff. „Ja, und jetzt?“, fragte er vollkommen überfordert.

„Mit Verlaub, Eure Majestät, ich habe es Euch schon gestern Abend erklärt, ich habe die Nase gestrichen voll! Seit Jahren bin ich in Euren Diensten, habe Euretwegen auf ein Privatleben verzichtet und meine beste Freundschaft zerstört. Oh ja, ich meine Amanoue damit, auch wenn Ihr mir verboten habt, diesen Namen je wieder in Eurer Gegenwart zu erwähnen! Euretwegen, habe ich ihn ausspioniert und verraten und, ich bedauere es zutiefst! Vergebung Majestät, aber diese Scheißstellung, war es schlichtweg nicht wert und noch zu allem Überfluss habt Ihr mir aus Eurer grenzenlosen Dankbarkeit und Güte heraus, auch noch Phineas vor die Nase gesetzt! Ihr habt diesem Verräter den mir zustehenden Posten als Sebastians Nachfolger überlassen und ich habe stillgehalten! Aber jetzt ist meine Geduld am Ende und ich quittiere hiermit meinen Dienst. Sucht Euch fortan einen anderen Deppen und, für den Übergang, habt Ihr ja noch Euren Pagen. Ich wünsche Eurer Majestät alles Gute für die Zukunft“, meinte er mit einer tiefen Verbeugung und Henry stand da wie vom Donner gerührt.

Der König schluckte tatsächlich erst einmal und holte tief Luft. „Wie kannst du es wagen, so mit mir zu sprechen?!“, donnerte es aus ihm heraus und Kai nickte.

„Seht Ihr, das ist es, was ich damit meinte! Diese rotzfreche Göre macht was er will, Benny war zwar gegen den noch ein Waisenknabe, hatte aber auch seine Freiheiten Euch gegenüber und Ihr wart immer voller Nachsicht ihm gegenüber. Aber ich? Was bin ich für Euch? Richtig, nur ein Dienstbote und die sind ersetzbar! Das galt jedoch nie für mich! Ich war gerne in Euren Diensten, aus ehrlicher Liebe zu Euch und habe mein Leben gerne für Euch aufgegeben aber ich möchte nicht irgendwann als alter verbitterter Diener enden, für den man nur noch das Gnadenbrot übrighat. Verzeiht Eure Majestät, aber ich kann nicht länger in Euren Diensten stehen! Vielleicht hätte ich ja auch einfach frecher und dreister Euch gegenüber sein sollen, wer weiß, aber so bin ich nicht“, meinte er bedauernd, drehte sich um und ging.

Henry starrte ihm vollkommen fassungslos nach und Laurin schlich sich an ihm vorbei. „Ich räum dann mal ab, ja?“, meinte er vorsichtig, schnappte sich das Frühstückstablett und stahl sich hinaus.

Mit einem ungläubigen Kopfschütteln ging Henry hinüber ins Schlafzimmer und setzte sich erst einmal aufs Bett. „Das kann doch alles nicht wahr sein“, murmelte er vor sich hin. „Und jetzt?“ Seufzend stand er wieder auf und begann sich selbst zu entkleiden. Er zog sich seinen Morgenmantel an, schlurfte entnervt zurück zur Türe und öffnete sie. „Lasst niemanden mehr durch!“, befahl er den Wachen und die nickten salutierend. Henry knallte die Tür wieder zu, marschierte wieder ins Schlafgemach und blickte säuerlich in den vollen Nachttopf, da er sich vor dem zu Bett gehen nochmals erleichtern wollte. „So eine verdammte Scheiße!“, schimpfte er und hätte das Ding am liebsten davongeschossen. Kurzerhand hob er die Schüssel hoch und war schon versucht den Inhalt einfach aus dem Fenster zu kippen, doch dann besann er sich doch noch. Auch, weil er sich schlichtweg ein wenig schämte. Wie würde das denn wieder aussehen, wenn ihn dabei jemand beobachten sollte. Der König entleert seinen eigenen Nachttopf aus dem Fenster, nein, soweit war er dann doch noch nicht gesunken! Sollte er…

Im geheimen Gemach befand sich ein eigener Abort…

Aber dafür müsste er hinübergehen…

Seit Monaten hatte er es nicht mehr betreten, warum eigentlich nicht? Es war doch leer…

Henry schnaufte tief durch und öffnete vorsichtig die verborgene Tür. Keine Fackel brannte und so nahm er den Nachttopf in die eine und eine brennende Kerze in die andere Hand. Mit einem seltsam mulmigen Gefühl in der Magengegend machte er sich auf den Weg, den Weg, den er oftmals voller Vorfreude und manchmal auch wütend beschritten hatte, hinüber zu, ihm.

Seufzend verscheuchte er die Gedanken daran und zog den Riegel der schweren Eichenholztüre zurück. Ein leichter Veilchenduft schlug ihm entgegen, als er das geheime Gemach betrat und sofort schlug ihm das Herz bis zum Hals. Dieser Duft, sein unverkennbarer Duft, wie sehr er ihn vermisst hatte, auch wenn es immer bedeutet hatte, dass es ihm nicht gut ging…

Es war stockdunkel in dem kalten Raum und so zündete er erst einmal zwei weitere der dicken Kerzen an. Erneut holte er tief Luft, um sich selbst zu beruhigen und marschierte entschlossen ins Nebenzimmer. Nachdem er den Nachttopf entleert hatte, erleichterte er sich noch und drehte sich wieder um. Nichts wie raus hier, schoss es ihm durch den Kopf und so beeilte er sich so schnell wie möglich das Gemach wieder zu verlassen. Er pustete die erste Kerze aus, damit flackerte auch die zweite heftig und irgendetwas Funkelndes fiel ihm dadurch ins Auge. Es kam vom Bett her und Henry hielt augenblicklich den Atem an, als er das goldene Etwas erkannte, in dem sich das flackernde Licht widerspiegelte. Oh nein…

Henry ging wie automatisch darauf zu und erstarrte. Das Bett war ungemacht, die Decken zerwühlt und halb zurückgeschlagen, ein Kissen zeigte noch die Mulde, die ein Kopf hinterlassen hatte und alles wirkte so, als wäre es geradeerst verlassen worden. Ob es vielleicht sogar noch nach ihm roch?

Der Armreif lag auf der anderen Seite, seiner eigenen Seite, auf seinem unberührten Kopfkissen und so beugte er sich hinüber. Dabei musste er sich mit einem Knie aufstützen und ganz plötzlich entkam ihm ein leiser Schluchzer. Er berührte das kühle Metall, griff danach und presste den Armreif gegen seine stechende Brust. Der Schmerz war so groß, dass es ihm fast die Luft nahm und er ließ sich fallen. Laut schluchzend verbarg er sein Gesicht in Amanoues nach Veilchen duftendem Kissen und wiegte sich verzweifelt weinend hin und her. Irgendwann kamen keine Tränen mehr, er zog die Decken über sich und kauerte sich wie ein Embryo zusammen.

***

Irgendetwas kitzelte ihn an der Wange, als würde eine weiche Haarsträhne darüberstreichen und er öffnete die Augen. „Kätzchen?“, krächzte Henry heiser und fuhr hoch. Doch da war niemand, er starrte verwirrt umher und erkannte im selben Augenblick, dass es wieder nur ein Traum gewesen war. Ein Traum, den er so oft schon geträumt hatte, von ihm und ihren glücklichen Zeiten und der nun endgültig geplatzt war. Amanoue war fort, das machte ihm auch der zurückgelassene Armreif unmissverständlich klar. Seinetwegen. Und er wusste noch nicht einmal, wohin.

Obwohl es sehr kalt in dem seit Wochen ungeheizten Raum war, hatte er stark geschwitzt und so fröstelte er nun, als er sich aus den wärmenden Decken schälte. Die Kerzen waren heruntergebrannt, er musste also mehrere Stunden geschlafen haben, aber wie lange? War es schon morgens? Er sollte schnellstens wieder in seine Gemächer gehen, bevor noch irgendjemand nach ihm suchen und ihn hier entdecken würde. Rasch griff er nach der obersten Decke, damit er nicht noch mehr auskühlte und legte sie sich zitternd um. Dass es die Fuchsfelldecke war, fiel ihm gar nicht auf.

Verdammt, war ihm kalt. Seine bloßen Füße fühlten sich eisig an, als er über den kalten Steinboden zurück in seine Gemächer eilte. Er setzte sich aufs Bett, ließ die Decke von seinen Schultern gleiten und starrte das goldene Armband an, das er noch immer krampfhaft in seiner rechten Hand festhielt. Langsam öffnete er die steifen Finger und betrachtete die Linien, die die Kanten in seiner Haut hinterlassen hatten. Wie in Trance legte er es sich um sein linkes Handgelenk, verschloss es sorgfältig und ohne sich noch vorher zu waschen, zog er sich rasch an. Allein.

Klar, er hatte ja auch die Anweisung gegeben, niemanden mehr hereinzulassen und wahrscheinlich stand der arme Kai schon mit dem Frühstück wartend vor der Tür. Doch dem war nicht so, denn als Henry diese öffnete, erblickte er nur die beiden Wachen. „Ist es schon morgens?“, fragte er und die Gardisten sahen ihn fragend an.

„Eure Majestät?“

„Wie spät ist es?“

„Bereits Vormittag, Eure Majestät“, antwortete einer der Soldaten verwirrt.

„Wie bitte?! Warum hat mich keiner geweckt?“, fuhr der König ihn an.

„Vergebung, Eure Majestät, aber wir haben die Weisung bekommen, niemanden zu Euch vorzulassen und, naja, es war auch niemand da“, antwortete der Mann.

„Niemand? Wieso? Was ist mit Kai? Und meinem Frühstück?“, zeterte der König sie verständnislos an und die beiden wirkten fast geknickt. „Ach, egal!“, winkte Henry ab und marschierte an ihnen vorbei. „Ich fasse es nicht“, brummte er, als er die Treppe hinabstieg und wenig später die leere Halle betrat. „Nanu? Warum ist hier keiner?“, fragte er die Wachen, die ihm selbstverständlich gefolgt waren und die sahen sich seltsam erstaunt an.

„Eure Majestät? Heute ist Samstag, da finden keine Audienzen statt“, meinte einer von ihnen.

„Ach ja! Hab ich ganz vergessen“, murmelte der König fahrig. „Naja, dann begebe ich mich eben in mein privates Audienzzimmer! Könnte mir einer von euch was zum Essen besorgen?“, fragte er, als sie dort angelangt waren und wieder sahen die sich auf diese merkwürdige Art an.

„Sofort, Eure Majestät“, antwortete diesmal der andere und marschierte die Augen verdrehend, davon.

Henry war dies nicht entgangen, allerdings sah er einfach darüber hinweg und eigentlich war er froh, in diesem Moment allein zu sein. Er machte die Türe hinter sich zu und setzte sich vor den brennenden Kamin. Warum fror er nur so? Hoffentlich hatte er sich nicht erkältet…

Aufbruchstimmung

Henry war gerade mit seinem verspäteten Frühstück fertig, das ein gewöhnlicher Diener ihm gebracht hatte, als sein Onkel und Wilhelm hereinkamen. „Nanu, ganz allein? Wo ist denn deine kleine Zecke?“, fragte Richard spöttisch. „Und wo ist Kai?“, hängte er mit einem Blick auf den fremden Bediensteten an.

„Keine Ahnung“, antwortete Henry mürrisch und hielt seine Hände nah ans Kaminfeuer.

„Hm?“, machte sein Bruder und setzte sich neben ihn.

„Was weiß denn ich! Wahrscheinlich abgehauen, so, wie mir in letzter Zeit alle Diener weglaufen! Er hat mir gestern einen Vortrag gehalten, dass ich ihn anscheinend jahrelang benachteiligt hätte und weg war er“, knurrte Henry, ohne sie anzusehen.

„Na endlich“, entgegnete Richard nüchtern und setzte sich auf die andere Seite.

„Wie bitte? Was soll das heißen?“, fuhr Henry auf.

„Heinrich! Du hast den armen Jungen wirklich, also wie soll ich es sagen, jahrelang hingehalten?“, antwortete sein Onkel verständnislos.

„Verarscht“, korrigierte Wilhelm unverblümt. „Das wolltest du doch eigentlich damit sagen, oder?“

Richard nickte einmal aussagekräftig. „Ja!“

Henry sah zwischen ihnen hin und her und setzte sich empört zurück. „Der Meinung bin ich ganz und gar nicht! Ich habe ihm niemals Versprechungen gemacht, was Sebastians Nachfolge betrifft!“

„Ach, Sebastian“, seufzten die beiden wie aus einem Munde.

„Was soll das wieder heißen?“, beschwerte Henry sich zickig.

„Gar nichts! Aber ehrlich? Wäre es nicht an der Zeit, ihm mal eine Nachricht zu schicken? Ich verstehe dich nicht“, blaffte Wilhelm ihn an.

Henry straffte sich augenblicklich, was fast lächerlich schnippisch wirkte und die beiden verdrehten die Augen. „Heinrich, du brauchst ihn! Gerade jetzt, da du dir offenbar auch noch Kai verscherzt hast und das, bitte entschuldige, mit recht!“, sagte Onkel Richard vorwurfsvoll.

„Na klar! Fallt mir nur alle in den Rücken!“, fuhr Henry hoch und begann wieder einmal seine Runden zu drehen. „Sebastian hat mich verlassen, ja?! Er ging von sich aus, weil“, plötzlich hielt er sich die Stirn und schluckte dermaßen schwer, dass sich Wilhelm sofort erhob.

„Raus!“, sagte er energisch zu dem Diener und der suchte sofort das Weite. „Henry, ach verdammt! So geht das doch nicht weiter, wir beide, so sehr ich es auch bedaure, können dir anscheinend nicht helfen! Sebastian war immer für dich da, auch, nach der schlimmen Sache damals“, wurde er immer leiser. „Er bedeutet dir wahrscheinlich mehr, als jeder andere auf dieser Welt und ich bitte dich nochmals, ihn endlich zurückzuholen! Für dich selbst“, bat er seinen Bruder inständig.

Henry schüttelte nur den Kopf, so verzweifelt, dass es den anderen beiden zu Herzen ging. „Ich kann nicht“, stammelte er erstickt.

Wilhelm schnaufte schwer aus. „Weil du befürchtest, dass er zu Amanoue halten könnte, ja?“, sprach er es endlich aus und sein Bruder schluchzte auf.

„Ja!“, kam es kläglich über dessen Lippen und jetzt stand auch Richard auf.

Erschüttert trat er neben seinen Neffen und umarmte ihn fest. „Das weißt du doch gar nicht“, sagte er leise zu ihm, doch Henry nickte überzeugt.

„Er war immer auf seiner Seite“, schluchzte er.

„Wenn Sebastian die Wahrheit erfährt, ganz sicher nicht!“, brummte Wilhelm. „Und ganz ehrlich? Du hättest dem kleinen Bastard doch den Kopf abschlagen lassen sollen!“

Henry schluchzte noch lauter und Richard warf seinem anderen Neffen einen bitterbösen Blick zu. „Wilhelm, sei jetzt einfach still!“, zischte er dem zu und führte Henry zurück zu den Sesseln. „Setz dich, ja?“, sagte er liebevoll und Henry ließ sich einfach darauf fallen.

„Aber so“, Wilhelm deutete genervt auf ihn, „geht es doch wirklich nicht weiter!“

„Das sehe ich selbst ein und er, auch“, erwiderte Richard sanft. „Heinrich, bitte, du musst endlich wieder du selbst werden! Auch, wenn es bedeuten würde, Amanoue wieder zurückzuholen“, flüsterte er nur noch und Henry sah ihn erschrocken an.

„Das, kann ich nicht“, murmelte er zurück und die beiden ließen ihre Köpfe hängen. Jeder auf eine andere Art, Richard völlig betrübt und Wilhelm maßlos verzweifelt.

„Dann musst du dich endlich aufraffen und darüber hinwegkommen!“, raunte er seinem Bruder zu. „Du bist betrogen worden, ja! Aber sei jetzt endlich ein ganzer Kerl und scheiß auf die beiden! Sybilla wird nach der Taufe in der Versenkung verschwinden und Amanoue ist doch offenbar schon weg! Er ist einfach auf und davon! Ohne irgendeine Nachricht zu hinterlassen! Keine Entschuldigung, keine Erklärung, nichts! Kapier` es endlich, der ist einfach nur froh, endlich frei zu sein und sicher schon über alle Berge“, versuchte er Henry klarzumachen und ganz plötzlich begann der zu nicken.

„Du hast recht! Es ist an der Zeit, endlich wieder vorauszuschauen“, erwiderte er und richtete sich auf.

„Wie wäre es, wenn wir morgen mal wieder zur Jagd gehen würden?“, schlug Richard vorsichtig vor. „Nur wir drei und Falco, das würde dich mal auf andere Gedanken bringen, hm?“

„Ein sehr guter Vorschlag!“, stimmte Wilhelm sofort begeistert zu. „Henry, du musst mal hier raus! An die frische Luft! Du darfst dich nicht länger verstecken! Immerzu sitzt du entweder in der Halle herum oder vergräbst dich hier oder sperrst dich in deinen Gemächern ein! Da muss man ja trübsinnig werden“, raunte er brummig und Henry nickte wieder.

„Ja, ihr habt recht, so geht das wirklich nicht weiter! Und ich werde gleich heute damit anfangen! Ich möchte ausreiten, gleich!“, sagte er entschlossen und die beiden anderen schnauften geradezu befreit auf.

„Ich lasse sofort die Pferde bereitstellen, sagen wir in einer halben Stunde?“, fragte Wilhelm übermäßig erfreut.

„Noch vor dem Mittagessen?“, warf Richard überrascht ein, was ihm einen verständnislosen Blick von Wilhelm einbrachte.

„Naja, wir könnten auch noch warten oder ich reite allein. Ich habe gerade etwas gegessen“, meinte Henry ein wenig geknickt und sein Onkel schüttelte schnell den Kopf.

„Nein! Scheiß auf das Mittagsmahl, du bist viel wichtiger und wir kommen sehr gerne mit“, erklärte er rasch und die Miene des Königs hellte sich ein klein wenig auf.

„Also dann, bis gleich!“, rief Wilhelm und machte sich auf den Weg.

Auch Henry und Richard gingen nach oben, um sich umzuziehen und vor dem königlichen Gemach fand Henry auch die `kleine Zecke´, wartend vor. „Eure Majestät“, begrüßte Laurin ihn mit einer vollendeten Verbeugung.

„Auch schon da?“, brummte der König etwas missmutig und betrat sein Gemach.

Der Kleine folgte ihm unaufgefordert und Henry blieb überrascht stehen. Der Tisch war endlich abgeräumt und als er in sein Schlafgemach hinüberging, stellte er fest, dass auch hier jemand aufgeräumt hatte, zumindest war das Bett einigermaßen gemacht. „Nanu?“, sagte er und drehte sich um.

Laurin stand mit verlegen gesenktem Haupt da und hob verschämt die Schultern. „Ich dachte, naja, ich mache es, zumindest habe ich es versucht“, meinte er schüchtern.

Henry lächelte ihn an. „Und wo ist Kai?“, fragte er, ohne jeden Vorwurf.

„Ich weiß es nicht, Eure Majestät“, antwortete sein Page achselzuckend.

Henry nickte seufzend, trat zu ihm und hob ihm das schmale Kinn an. „Naja, Bettenmachen scheint nicht deine Stärke zu sein, hm?“

Ein kleines Lächeln stahl sich auf Laurins Lippen und er sah zu ihm hoch. „Muss ich wohl noch lernen“, nuschelte er und der König grinste ihn fast zärtlich an.

„Du hast ja jede Menge Zeit, dazu! Immerhin, ein ganzes Jahr“, sagte er ein wenig spöttelnd und der Bengel gluckste leise.

„Ich werde mir redlich Mühe geben“, meinte er spitzbübisch und Henry nickte schmunzelnd.

„Tja, da ich im Moment wohl ohne Leibdiener bin, würdest du mir vielleicht beim Umziehen helfen? Ich möchte gerne einen Ausritt machen und so“, er deutete an seiner langen edlen Robe entlang, „geht das wohl schlecht! Es sei denn, ich setze mich schräg auf den Sattel!“

Laurin nickte kichernd. „Wie eine Dame!“, sagte er frech und Henrys Herz ging wieder ein kleines bisschen weiter auf. „Ich helfe Euch gerne!“, rief sein Page freudig aus und sah sich suchend um. „Wo?“

Henry blinzelte kurz. „Äh, ja, wo? Gute Frage, keine Ahnung? Wahrscheinlich in einer der Kleidertruhen“, meinte er und Laurin legte den Kopf schief.

„Na klar! Wo sonst“, erwiderte er, sich selbst an die Stirn fassend, weil er nicht selbst daraufgekommen war und machte sich auf die Suche nach Henrys Jagdgewänder.

***

Falco hatte einen Trupp aus Herriks Abteilung dazu bestimmt, um seine Majestät zu begleiten und die stand wartend im Innenhof bereit.

Da es ein wirklich warmer Frühlingstag war, standen oder saßen auch etliche andere Soldaten vor dem Wachgebäude herum und sahen eher gelangweilt zu ihnen hin. „Ist ja ein echtes Wunder“, meinte Matto spöttisch, „glaubt ihr, dass der Alte auch wirklich mal seine Höhle verlässt?“

„Hm“, machte Bernard achselzuckend und nicht gerade überzeugt. „Würde aber auch endlich mal Zeit werden! Mittlerweile ist unser König so blass wie ein gekochter Weißfisch und macht sogar unserem Benny damit Konkurrenz“, antwortete er, mit einem Seitenblick auf den.

„He!“, empörte der sich auch sogleich und rempelte ihn an.

„Was ist denn hier los?“, fragte Amanoue erstaunt, als er gerade aus dem Gebäude heraustrat.

„Seine Majestät möchte ausreiten“, raunte Matto ihm zu und hielt ihn mit einem erhobenen Arm auf. „Du solltest also lieber drinbleiben!“

Amanoue trat sofort wieder einen Schritt zurück und versteckte sich hinter dem breiten Türpfosten. Unwillkürlich musste er schwer schlucken und war schon drauf und dran, die Flucht zu ergreifen, als der König auch schon erschien. Amanoue konnte sich kaum noch bewegen und starrte wie gebannt hinüber. „Hau ab!“, zischte jetzt auch Bernard ihm ermahnend zu, aber Amanoue blieb trotzdem.

„Verdammt, Manou! Wenn der Alte dich sieht, ist der Teufel los! Der denkt, dass du längst weg bist“, raunte Matto wieder und so trat Amanoue wenigstens ein kleines Stückchen weiter zurück.

Zu ihrer aller Überraschung, stellte sich Benny direkt vor ihn und gab ihm dadurch noch zusätzlich einen Sichtschutz, da Amanoue weiterhin wie gebannt zu Henry hinübersah. Neben dem König stand ein recht kleiner, fast zierlicher Junge und grinste den ganz offen an. „Wer ist das?“, fragte Amanoue flüsternd.

Benny entkam ein dermaßen angewidertes Schnauben, dass es ihm fast den Rotz aus den Nasenlöchern blies. „Der neue Page des Königs!“, zischte er höhnisch, aber die Eifersucht konnte es nicht überdecken. „Laurin von Lothringen! Und der ist sowas von einem Miststück, da kommst nicht mal du ran!“

„Oh, viele Dank auch“, sagte Amanoue schnippisch.

„Nein, echt jetzt, von dem könntest sogar du noch was lernen, so wie der seine Majestät um den Finger wickelt“, setzte Benny noch nach und jetzt kam auch Brac heraus.

„Hast du sie noch alle? Mach, dass du hier wegkommst!“, fuhr er Amanoue erschrocken an und der zog eine beleidigte Schnute.

„Er sieht misch doch gar nischd! Isch wollte ihn doch nur mal sehen!“, erwiderte er trotzig.

„Ja! Und wenn er dich sieht, macht er dich wahrscheinlich einen Kopf kürzer! Mann, Kleiner, so leid es mir auch tut, der Alte hasst dich inzwischen wie die Pest! Wehe, es wagt einer auch nur deinen Namen zu erwähnen und schon rastet er aus und Wilhelm bekräftigt ihn noch! Also, rein mit dir, aber schnell!“, befahl Brac ohne noch einen Widerspruch zuzulassen. „Ist eh `n Wunder, dass du überhaupt noch bis jetzt hierbleiben konntest und dich noch keiner verraten hat“, raunte er ihm noch zu und Amanoue marschierte mürrisch nach hinten. In der Tat deckten auch die anderen Soldaten, jedenfalls die der ersten und zweiten Abteilung Amanoue bisher und Ulrichs Leuten schien seine Anwesenheit nicht weiter zu kümmern. Sie kannten ihn ja nicht und da sie keiner danach fragte, war er ihnen schlichtweg egal. Außerdem hatte Brac diejenigen von ihnen zur Brust genommen, die Amanoues Schreibdienste in Anspruch genommen hatten und ihnen dringlich geraten, ihre Klappen darüber zu halten, wenn sie hier noch ein schönes Leben zu führen gedachten.

Amanoue schlurfte dennoch lieber in den Schlafraum, sicher war sicher, nicht dass Henry doch noch einer plötzlichen Eingebung folgte und Lust auf ein Bierchen mit seinem besten Freund bekam. Ach, wie sehr er es doch vermisste, die ungezwungenen Abende, die er und die Jungs oft mit Henry verbracht hatten…

Und wie wundervoll er ausgesehen hatte. Genau wie früher, dachte er seufzend. Tatsächlich trug der König mittlerweile wieder einen dichten Vollbart und sein Haar war fast schulterlang geworden, in den letzten Monaten. Amanoue hatte es von Anfang an gemocht, ihm in dieses seidige Haar zu fassen, immer, wenn sie sich geliebt hatten und auch den Bart hatte er irgendwie vermisst, als er Henry zum ersten Male glattrasiert gesehen hatte, damals in Averna…

So lange her, so viel war geschehen, in der Zwischenzeit. Sehr viel Schlechtes aber auch manch Gutes. Und, wie er zugeben musste, sehr viel Schönes! Besonders im letzten Jahr…

Verdammt, warum musste er sich auch ausgerechnet da in ihn verlieben? Warum nicht früher, dann wäre dieser ganze Mist nicht passiert! Auch die Sache in Averna wäre mit Sicherheit ganz anders zwischen ihnen verlaufen, aber nein, sein blödes Herz musste ja Falco nachheulen und alles kaputtmachen! Eigentlich konnte er Henrys Reaktion echt nachvollziehen! Der hatte sich so auf ihn gefreut und was hatte er gemacht? Ihm immer wieder vor den Kopf gestoßen, beleidigt und betrogen!

Und ausgerechnet jetzt, als auch er sich in Henry verliebt hatte, kam alles genau anders herum! Ja, er konnte es nicht verleugnen, er liebte ihn inzwischen wirklich und dafür brachte Henry jetzt ihm nur noch Hass und Abscheu entgegen. Was war das Schicksal doch manchmal für ein mieses Miststück, dachte er seufzend und setzte sich auf sein Bett.

Wenig später betrat auch Benny den Raum und sah unschlüssig zu ihm hin. Doch dann wandte er sich ab und tat so, als würde er etwas suchen. Kurz darauf drehte er sich wieder um und blickte zu Amanoue hinter, der frustriert vor sich hinstarrte. „Tut mir echt leid“, murmelte er plötzlich und kam einige zögerliche Schritte näher.

„Hm?“, machte Amanoue, zu ihm hinsehend. „Warum bist du eigendlisch nischd mitgeritten? Du hast seine Majestät doch sonst immer begleiten dürfen“, fragte er, ohne auf dessen vorangegangenen Ausspruch einzugehen.

„Weil ich nicht mitdurfte?“, schnappte Benny zickig zurück. „Seine Majestät sieht mich doch gar nicht mehr an! Seit Monaten, behandelt er mich und uns alle, nur noch wie Luft! Und, seit dieser Giftzwerg da ist, hat er nur noch Augen für den!“, regte er sich noch weiter auf.

„Ach“, meinte Amanoue nur.

„Was, ach?! Regst du dich nicht darüber auf? Und übrigens, ich habe dir vorhin etwas gesagt! Nämlich, dass es mir leidtut!“, warf Benny ihm vor.

Amanoue seufzte erneut. „Warum solllte isch misch aufregen? Und worüber? Isch hoffe, dass Henry wieder glücklisch werden kann, mit wem auch immer“, erwiderte er betrübt. „Und was die andere Sache betrifft, entschuldige, wahrscheinlisch habe isch es nischd gehört und isch verstehe es ehrlisch gesagt auch nischd. Was, tut dir leid?“

„Na alles! Dass ich immer so zickig zu dir war und auch, naja, dass du jetzt fortmusst“, gestand er leise.

Amanoues Augenbrauen wanderten verdutzt nach oben, was seine Augen noch größer erscheinen ließ. „Aha, na dann, danke, für die Auskunft. Allerdings weiß ich das ohnehin schon“, meinte er und stand schwerfällig auf. Er begann seine Sachen zusammenzulegen und Benny schlurfte zu ihm hin.

„Was machst du?“, fragte er, als er sah wie Amanoue anscheinend tatsächlich seine wenigen Habseligkeiten zusammenpackte. Zu unterst lag der Umhang und darauf legte er gerade die warmen Wintersachen, da er in den letzten Tagen eh nur das dünne Unterhemd und eine leichtere Leinenhose getragen hatte.

„Ich packe wohl lieber schonmal alles susammen. Viel ist es ja nischd und wer weiß, vielleischd muss isch morgen schon gehen? Jedsd, da es `enry wieder besser geht und er die Schloss wieder verlässt? Isch möschte ihm lieber nischd begegnen, vor allem nischd um seinetwegen. Er hat genug Schmers durch misch erfahren müssen“, antwortete Amanoue und Benny fiel ihm plötzlich um den Hals.

„Es tut mir sooo leid! Ehrlich! Ich war oft so ungerecht zu dir, das habe ich inzwischen begriffen! Ich war so eine dumme Nuss“, heulte er los und Amanoue erstarrte regelrecht, vor Überraschung. „Wie kannst du nur so gelassen bleiben und so guuut!“

„Äh, naja, hilft ja nischds und es war doch meine Schuld, dass er misch rausgeworfen `at“, stammelte Amanoue, noch immer verblüfft. „Ist ja schon gut“, meinte er und schob Benny zurück.

Sein ehemaliger Erzrivale hatte tatsächlich Tränen in den Augen und zog schniefend die Nase hoch. „Ich werde dich vermissen, du Nervensäge“, sagte er leise und Amanoue nickte leicht.

„Mir tut es auch leid, dass ich manchmal so gemein su dir war“, meinte auch er jetzt und hob betreten die Schultern.

Benny zog nochmals ungeniert die Nase hoch. „Und wo willst du hin?“

Amanoue zuckte die Achseln. „Weiß nischd, vielleischd suche isch mir erstmal eine Bleibe in der Stadt.“

„Hast du denn Geld?“, fragte Benny erstaunt.

Amanoue zog einen Geldbeutel unter der Matratze hervor und schüttete ihn aus. „Das ist alles.“

„Ist ja nicht grad viel“, meinte Benny skeptisch und verteilte die Münzen mit den Fingern. „Mit den paar Kröten kommst du aber nicht weit, das langt dir gerademal für ein schäbiges Hinterhofzimmer und auch nicht gerade für länger.“

„Isch weiß, aber was bleibt mir anderes übrig? Isch möschte Brac und eusch nischd unnötig in Misskredit bringen! Wer weiß, wie `enry reagiert, wenn er erfährt, dass ihr misch hier versteckt haltet“, antwortete Amanoue durchschnaufend. „Isch werde schon irgendwie sureschdkommen, habe isch doch immer getan“, sagte er beinahe tröstend, als er Bennys traurige Miene sah.

Und genau das tat er dann auch. Schon am gleichen Nachmittag machte er sich auf den Weg und suchte sich in einem der ärmeren Viertel der Stadt ein billiges Zimmer.

***

Henry hatte sich doch erkältet. Noch während des Ausritts bekam er immer schlechter Luft, seine Nase war zu, sein Schädel brummte wie nach einer durchzechten Nacht und seine Glieder schmerzten. Nach einem kurzen aber schnellen Galopp bremste er deshalb den erstaunlich ruhigen Schimmel wieder ab und Wilhelm sah besorgt zu ihm rüber. „Was ist los?“, fragte er, seinen Bruder musternd.

„Ich weiß nicht, irgendwie fühle ich mich nicht gut. Irgendwie so schlapp und meine Beine tun weh“, gab Henry ehrlich zu und bei Richard und Wilhelm schrillten alle Alarmglocken los.

„Naja, du bist ja auch schon länger nicht mehr geritten, vielleicht liegt es daran“, meinte Wilhelm dennoch beruhigend.

„Ach was! Reiten hat mir noch nie was ausgemacht und die paar Wochen?“, widersprach Henry fast beleidigt.

„Wir sollten zurückreiten“, sagte Richard besorgt. „Wenn du mal zugibst, dass es dir nicht so gut geht, dann muss es dir wirklich grottenschlecht gehen!“

Zu ihrer Überraschung nickte Henry nur und holte mit zusammengekniffenen Augen tief Luft. „Mir ist schwindlig“, murmelte er und kippte vom Pferd. Der sonst so schreckhafte Apollo blieb einfach stehen und sah sich fast bedauernd nach seinem Herrn um, während um ihn herum das reinste Chaos herrschte. Falco war als erster aus dem Sattel gesprungen und eilte zu dem am Boden liegenden König, die beiden Herzöge fielen als nächste daneben nieder und die Soldaten hatten Mühe ihre Gäule unter Kontrolle zu halten, da die ja gerade noch im vollen Galopp hinter der vorderen Gruppe nachgejagt kamen. Der weiße Hengst drehte um, trabte an den vieren vorbei und stellte sich den anderen wiehernd entgegen. Wie ein Schutzschild baute das große Tier sich auf und drohte seinen Artgenossen mit hochgeworfenem Kopf und weit ausholenden Tritten seiner Vorderhufe. Immer wieder hob er sie hoch an, so als wolle er damit sagen, noch einen Schritt weiter und ich verpasse euch eine damit.

„Was ist denn mit dem los?“, fragte Wilhelm ungläubig. „Der Gaul war zwar schon immer verrückt, aber sowas habe ich noch nie gesehen“, starrte er den wie ein dressiertes Zirkuspferd wirkenden Hengst an.

„Vielleicht `ne rossige Stute“, meinte Kommandant Falco stutzig, während Richard Henry Luft zufächelte.

„Geht’s wieder?“, fragte er seinen Neffen und Henry rappelte sich nickend hoch.

„Au“, machte er, sich den Arm haltend, auf den er gefallen war und rieb darüber.

„Schau mal, was dein Pferd macht“, raunte Wilhelm, als Apollo sich nun auch noch aufbäumte und mit den Vorderhufen ausschlug. Es war eine weitere Drohgebärde des Hengstes und die anderen Pferde wichen allesamt vor ihm zurück. „Sieht aus, als wolle er dich beschützen, würde ich sagen, wenn ich den Mistgaul nicht besser kennen würde“, sagte er zynisch, während sie aufstanden.

„Apollo“, rief Henry einigermaßen energisch und der Schimmel stand still. Mit einem lauten Schnauben, nochmals in die Richtung der Soldatengäule, drehte das edle Ross sich um und trottete lammfromm zu seinem Herrn.

Wie gewöhnlich fing Falco das sonst so nervöse Pferd ab und tätschelte ihm den kräftigen Hals. „Ist ja gut, Junge“, beruhigte er es noch zusätzlich, was aber vollkommen unnötig zu sein schien.

„Ich glaube, da wurde wohl noch jemand verhext“, brummte Henry zynisch und die drei sahen ihn überrascht an. „Na, von IHM! Ja, irgendwann muss ich es wohl wieder aussprechen! Amanoue hat Apollo mal was zugeflüstert und ihm damit wohl im wahrsten Sinne ins Gewissen geredet! Seitdem ist er wie ausgewechselt und viel ruhiger!“, fauchte er sie an und alle drei nahmen zweifelnd die Köpfe zurück.

„Ich will jetzt nach Hause“, murmelte Henry nur noch und schwang sich recht mühsam in den Sattel.

Gleich nach ihrer Rückkehr ließ Richard Gregorius kommen und der untersuchte den König gründlich. Dabei fiel sein Blick natürlich auch auf den Armreif, was er allerdings unkommentiert ließ. Gregorius hob lediglich die Augenbrauen, sah den König kurz nachdenklich an und half ihm den Morgenrock überzuziehen. Danach gingen beide zurück ins Vorzimmer und die Herzöge standen umgehend auf. „Der Arm ist nicht gebrochen und auch sonst sind seine Majestät nicht schlimm verletzt, durch den Sturz.“, erklärte der Heiler sogleich beruhigend. „Allerdings hat er Fieber! Ich denke, seine Majestät haben sich erkältet und rate daher zu unbedingter Bettruhe!“

Wilhelm und Richard nickten, während Henry ein empörtes Gesicht zog. „Und was wird aus der Jagd?“

„Henry! Du solltest dich lieber ausruhen“, sagte sein Onkel dazu und Wilhelm verdrehte mal wieder die Augen.

„Scheiß die Jagd an! Deine Gesundheit ist wohl wichtiger!“, meinte er verständnislos. „Oder willst du wieder vom Pferd kippen?“

„Ihr seid vom Pferd gekippt, einfach so? Ich dachte, das Pferd hätte Euch abgeworfen?“, fragte Gregorius überrascht.

Richard und Wilhelm sahen recht betreten aus und beide hoben entschuldigend die Schultern. „Ja! Einfach so!“, gab Henry deshalb endlich zu. „Mir war kurz schwindelig, mehr nicht“, brummte er.

Gregorius musterte ihn nachdenklich. „Nun, Eure Majestät sollten daher erstrecht strenge Bettruhe halten!“, meinte er nachdrücklich besorgt.

„Ach was! Es ist nur ein Schnupfen, mehr nicht! Ich werde den restlichen Tag ruhen und mich ordentlich ausschlafen und morgen geht’s mir sicher wieder besser! Von mir aus braut mir auch noch einen Eurer Wundertränke“, murrte Henry uneinsichtig.

Wilhelm bedachte seinen Bruder mit einem skeptischen Blick. „Wie konnte es überhaupt dazu kommen? Ich meine, den ganzen Winter über, warst du gesund und ausgerechnet jetzt erkältest du dich!“

„Was weiß ich! Denkst du, das habe ich mir ausgesucht?“, warf Henry ihm verständnislos vor und wie um von Gregorius eine Antwort darüber zu erwarten, blickten beide Brüder zu dem.

„Mir kommt dies keineswegs ungewöhnlich vor“, meinte der Heiler auch gleich. „Eure Majestät haben in den letzten Monaten viel durchgemacht, wenn auch nicht körperlich. Auch seelische Überanstrengung kann einen Körper auslaugen und entkräften. Dazu habt Ihr auch noch stark abgenommen, was Euren Körper noch zusätzlich schwächte. Da reicht oft schon eine leichte Auskühlung und man zieht sich eine handfeste Erkältung zu! Ich rate Eurer Majestät dringlich, meine Anweisungen zu befolgen! Also, ab ins Bett und warmhalten! Viel Ruhe und viel trinken, leichte aber ausgewogene Kost, damit meine ich Gemüse und Hühnerbrühe und keinen Schweinebraten“, sagte er, Henry schief ansehend und der zog ihm eine schnippische Grimasse, woraufhin der Heiler unwillkürlich schmunzelte. „Und, ich werde Eurer Majestät auf alle Fälle, wie sagtet Ihr, einen meiner Wundertränke bringen!“

„Und ich werde nicht von Eurer Seite weichen!“, entschied Laurin plötzlich und trat aus dem Hintergrund hervor.

„Ist denn Kai noch nicht aufgetaucht?“, fragte Richard wenig begeistert über den Vorschlag des Jungen und der schüttelte mit zusammengepressten Lippen den Kopf.

„Siehst du ihn hier irgendwo?“, murrte Henry seinen Onkel an.

„Ich habe ja nach ihm gesucht, aber auch die Dienerschaft weiß nichts über seinen Verbleib“, sagte Laurin recht schnippisch darauf, weil er es auf sich bezog. „Was kann ich dafür, dass der sich aus dem Staub gemacht hat!“

„Deshalb bin ich ja letzte Nacht auch rüber gegangen, ins, äh“, regte Henry sich weiter auf, hielt dann aber mit einem Blick auf Laurin kurz inne. „Ich musste halt nochmal und meine Nachtschüssel war voll“, grummelte er ärgerlich weiter.

„Ihr wart drüben?“, hakte Gregorius nach und der König sah ihn warnend an. Der Heiler nickte verstehend und runzelte die Stirn. „Da war es sicher sehr kalt, hm?“

„Wo, drüben?“, fragte Laurin, ahnungslos zwischen beiden hin und hersehend.

„Nirgends! Das geht dich nichts an!“, fuhr Henry den Kleinen ungewöhnlich barsch an. „Ja, es war sogar eiskalt“, wandte er sich Gregorius wieder zu und der nickte seufzend, während Laurin beleidigt die Arme verschränkte. „Ich will kein weiteres Wort mehr von Euch darüber hören und von dir schon gar nicht! Hättest du deine Aufgaben erfüllt und dich nicht so quergestellt, wäre Kai sicher nicht abgehauen! Und ich hätte nachts nicht nochmal rausgemusst!“, schimpfte er in die Runde.

„Ich sagte doch, dass ich mich bessern möchte“, erwiderte der Frechdachs trotzdem, sich zickig windend.

Richard schüttelte nur den Kopf, Wilhelm verdrehte mit einem Blick gen Himmel die Augen und Gregorius hob erstaunt die Augenbrauen. „Naja, besser als gar nichts“, murmelte er und deutete eine Verbeugung an. „Eure Majestät, ich werde jetzt erstmal einen Kräuteraufguss für Euch bereiten und eine Hühnerbrühe in Auftrag geben. Ich bitte Euch, legt Euch ins Bett!“, sagte er nochmals und ging rasch hinaus.

„Ja, ja“, brummte Henry mürrisch und schlurfte zurück ins Schlafgemach. „Laurin!“

„Sofort, Eure Majestät“, rief sein Page säuselnd und eilte ihm nach.

„Ich werd` nicht mehr“, murmelte Richard völlig entnervt und Wilhelm tätschelte ihm aufmunternd die Schulter.

„Macht Euch keinen Kopf wegen diesem kleinen Wicht, Onkelchen! Ich denke Henry hat ihn mittlerweile ganz gut im Griff und naja, wie Gregorius schon sagte, besser als nichts! Besser einen schlechten Diener, als gar keinen, solange Kai nicht wieder auftaucht“, meinte er.

„Ja, falls er je wieder, auftaucht“, brummte Richard seufzend und beide verließen das königliche Gemach.

***

Tatsächlich saß Kai in einer heruntergekommenen Spelunke und ertränkte seinen Frust seit zwei Tagen mit dem billigen Gesöff des Wirtes. Er hatte sich auch eine Dirne gegönnt, oder hatte es zumindest versucht, doch in seinem Rausch waren alle seine Bemühungen diese zu beglücken erfolglos geblieben und so hatte er die restliche Nacht schnarchend in dem gemieteten Zimmer verbracht.

Die Dirne hatte nur die Augen verdreht, hatte ihm die Geldbörse ausgeräumt und war gegangen, was für Kai ein recht bitteres Erwachen bedeutete. Mit brummendem Schädel stand er auf, zog sich an und als er dabei seinen leeren Geldbeutel fand, fluchte er gehörig über seine eigene Blödheit. Natürlich kam auch die Hure dabei nicht zu kurz und er verfluchte das Miststück ebenfalls lautstark.

Zum Glück hatte er das Zimmer im Voraus bezahlt und so konnte er sich jetzt wenigstens unbehelligt davonstehlen. Gerade als er die Kammer verließ, sah er wie eine ihm nur zu gut bekannte Gestalt in einem der anderen Räume am Ende des Ganges verschwand und stutzte. Was machte Amanoue denn hier?

Ohne zu zögern ging er dem hinterher, trat ohne anzuklopfen ein und Amanoue drehte sich überrascht zu ihm herum. „Was machst du hier?“, fragten beide gleichzeitig.

„Eben! Was, machst du, hier?!“, wiederholte Kai deshalb und Amanoue wand sich unschlüssig hin und her.

Wie immer, wenn er um eine Antwort verlegen war, lutschte er kurz an seiner Unterlippe. „Isch wohne jedsd hier“, kam es schließlich zurück und Kai sah ihn verdutzt an.

„Häh? Hier? In diesem Drecksloch?“

„Ja, in diese Drecksloch! Aber das gleische könnte isch disch fragen! Was machst du eigendlisch hier?“, erwiderte Amanoue schnippisch. „Immerhin muss isch ja irgendwohin, bis isch mir genügend susammengespart habe für eine Reise!“

„Eine Reise?“, fragte Kai noch belämmerter. „Wohin?“

„Nach Hause? Was weiß isch! Aber hierbleiben kann isch ja wohl schleschd! `enry ist anscheinend endgültig über misch hinweg und Brac `at gesagt, dass es misch den Kopf kosten könnte, wenn isch noch länger bleibe“, antwortete Amanoue mürrisch.

„Scheiße Mann“, raunte Kai und Amanoue seufzte schwer.

„Geht er mit ihm ins Bett?“, fragte er geknickt.

„Wer?“

„Na, ER! `enry! Mit diese Junge!“, zischte Amanoue ihn an.

Kai zuckte die Achseln, was recht unbeteiligt wirkte. „Keine Ahnung, ist mir auch scheißegal!“, brummte er zurück.

„Mir aber nischd“, murmelte Amanoue und setzte sich auf das kümmerliche Bett.

„Mir ehrlich gesagt, auch nicht. Deshalb bin ich ja abgehauen“, gab Kai nun doch zu und jetzt sah Amanoue ihn verdutzt an. „Dieser Giftzwerg hat Henry total um den Finger gewickelt und nimmt sich Sachen raus, dass kannst du dir gar nicht vorstellen! Und, er macht keinen einzigen Handschlag! Ich muss mich um alles kümmern und aufräumen, als wäre ich der niedrigere Diener, von uns. Da hatte ich halt irgendwann die Schnauze voll! Soll ER doch jetzt zusehen, wer seinen Dreck wegräumt“, erklärte Kai ihm wütend aber auch sichtlich gekränkt.

Amanoue schnaufte nur schwer durch und ließ den Kopf wieder hängen, was Kai noch mehr zu ärgern schien. „Danke auch, für deine Anteilnahme! Schließlich bist du ja selbst schuld an deiner Misere! Ich aber nicht und wenn du diesen Bockmist nicht gemacht hättest, wäre es sicher nie so weit gekommen“, warf er ihm deshalb vor und Amanoues Kopf ruckte wieder hoch.

„Viele Dank, dafür! Meinst du escht, isch weiß das nischd selbst? Jede Tag verfluche isch misch selbst dafür, das kannst du mir glauben!“, blaffte er zurück.

Kai atmete betreten durch. „Ist jetzt auch egal, daran werden wir wohl eh nichts mehr ändern können“, raunte er. „Und wie willst du das Geld für deine Heimreise zusammen bekommen?“, fragte er schließlich.

Amanoue hob die linke Schulter und blickte zur Seite. „Na wie wohl“, sagte er leise und sehr zynisch.

Kai fiel regelrecht in sich zusammen. „Nee, oder? Du meinst doch nicht etwa? Manou, nein!“

„Wie soll ich sonst an Geld kommen, hm?“, fuhr der ihn an. „Isch habe nischds! Und isch könnte mir inswischen in meine Arsch beißen, dass isch so blöd war und nischd wenigstens meine asconische Sachen mitgenommen `abe! Die Edelsteine könnte isch jedsd wirklisch gut gebrauchen und wäre damit wahrscheinlisch schon längst weg!“

„Tja, da warst du wirklich blöd und dein Stolz oder warum auch immer du nichts mitgenommen hast, war echt unangebracht. Brac hat`s dir ja noch geraten, wenigstens den Armreif mitzunehmen.“

„Hörst du jedsd endlisch auf, mir Vorhaltungen su machen?! Ja, wie du vorhin schon sagtest, daran kann isch jedsd nischds mehr ändern! Und wenigstens habe isch noch diese Körper und diese Gesicht!“, fauchte Amanoue zurück.

„Ich fasse es nicht“, murmelte Kai und hielt sich kopfschüttelnd die Stirn. „Du willst dich also echt wieder verkaufen! Hier!“

„Ja, hier! Wo sonst?“, antwortete Amanoue schnippisch, ließ aber gleichzeitig den Kopf sinken. „Isch habe mit die Gastwirt gesprochen und der hat nischds dagegen, für eine fette Anteil, natürlisch“, meinte er spöttisch. „Hier nehmen auch andere Dirnen seine Simmer in Anspruch.“

„Ja, Frauen! Was denkst du, was passiert, wenn du auffliegst, hm? Auf Sodomie steht die Todesstrafe!“, fuhr Kai ihn verständnislos an, doch Amanoue zuckte nur gleichgültig die Achseln.

„Na und? Wenn misch `enry erwischt, bin isch meine Kopf auch los, diese Risiko muss isch eben in Kauf nehmen und sobald isch kann, bin isch weg“, meinte er trotzig.

„Manou, Manou“, seufzte Kai und biss sich verlegen auf die Unterlippe. „Und wenn ich dir das Geld gebe? Ich habe mir was zurückgelegt…“

„Nein danke!“, lehnte Amanoue sofort entschieden ab und zeigte zur Tür. „Auf Wiedersehen, Kai!“

„Du Hornochse! Ich hätte dir das Geld ohne jede Gegenleistung gegeben!“, knallte der ihm noch wütend hin und stampfte umgehend hinaus.

Amanoue hatte noch am gleichen Abend seinen ersten Kunden. Der Mann sah gar nicht einmal so schlecht aus und war ein recht angesehener Kunstmaler der Stadt. Er behandelte Amanoue gut und so kam auch der wenigstens ein klein wenig auf seine Kosten…

***

Kai kehrte zurück aufs Schloss und marschierte gerade über den Hof, als Bernard ihm unverhofft entgegenkam. „Wo kommst du denn her?“, fragte der blonde Savoyer grinsend und zeigte mit dem Daumen über seine Schulter zurück. „Wir haben uns schon gefragt, wo du steckst!“

„Was geht’s dich an!“, fauchte Kai ihn wie eine wütende Katze an.

„Mon Dieu! Was habe ich dir getan?! Ich meinte ja nur“, nahm Bernard sich entschuldigend zurück und Kai verzog betreten sein Gesicht.

„Tut mir leid, hab`s nicht so gemeint“, erwiderte er betroffen. „War irgendwas?“

„Naja, seine Majestät ist gestern vom Pferd gefallen, sonst nichts weiter“, antwortete Bernard als wäre es nichts Besonderes.

„Ist er schlimm verletzt?“, fragte Kai sofort voller Sorge und der Gardist winkte ab.

„Non! Ich glaube nur ein paar blaue Flecke, mehr nicht! Allerdings liegt er seitdem im Bett und war auch nicht bei der Sonntagsmesse. Aber mehr weiß ich auch nicht und woher soll ich auch mehr erfahren? Ist doch die reinste Geheimniskrämerei hier geworden, seit Manou nicht mehr bei ihm lebt“, meinte er achselzuckend. „Und wo der steckt, weiß auch keiner.“

Kai zog erneut ein sehr betroffenes Gesicht. „Ich habe ihn in der Stadt getroffen, in einem mehr als fragwürdigen Gasthaus“, sagte er leise.

Bernard schien kein Wort verstanden zu haben oder auch einfach nur den Sinn. „Was macht er in der Stadt? In einem Gasthaus? Er bekommt doch hier zu essen?“

„In SO, einem doch nicht, sondern in einem anderen, du Rindvieh“, versuchte Kai es noch einmal und Bernard runzelte die Stirn.

„Ich verstehe nicht?“, sagte er, die Schultern hebend.

„Mann, bist du blöd! Einem Puff!“, knallte Kai ihm hin und dem Savoyer fiel die Kinnlade herab.

Doch dann begann er zu lachen. „Er kann`s einfach nicht lassen, hm? Die Finger, von den Weibern, meine ich! Dafür brauchte er also das Geld!“

„Du schnallst es echt nicht“, murmelte Kai fassungslos. „Nicht so, anders! Mann! Er geht dort auf den Strich!“

Bernard erstickte fast an seinem Lachen und glotzte ihn an, während Kai tief durchatmete. „Tu mir einen Gefallen und erzähl`s nicht weiter rum, ja?“, verlangte der Soldat mit einem Male sehr ernst. „Auch den Jungs nicht, die müssen das nicht erfahren! Du weißt, wie Matto manchmal sein kann und über Benny brauchen wir nicht reden“, sagte er befürchtend.

„Ist mir doch gleich! Was geht’s mich an“, brummte Kai nur und ließ ihn stehen.

Bernard sah ihm verdutzt nach, setzte seinen Weg in die Unterkunft weiter fort und war für den Rest des Abends ungewöhnlich schweigsam.

***

Kai klopfte an der Tür und Laurin öffnete diese mit einem erstaunten Blick auf ihn. „Ach“, sagte er mit einem unverschämt arroganten Tonfall, wodurch Kai augenblicklich wieder in Rage geriet.

„Ja, ach!“, erwiderte er ebenso und trat einfach an dem Wicht vorbei.

„He!“, rief der auch gleich empört und stieß die Türe wieder zu. „Wie kannst du es wagen, hier einfach so reinzuplatzen?!“

Kai ging gar nicht darauf ein und schritt eiskalt weiter. Im Durchgang zum Schlafgemach blieb er stehen und verbeugte sich tief. „Eure Majestät!“

Henry schien im ersten Moment verblüfft, doch dann spitzte er mürrisch die Lippen. „Auch mal wieder da! Und?“, raunte er beleidigt und Kai richtete sich auf.

„Wie Ihr seht, ja! Ich habe mir erlaubt, zwei Tage Urlaub zu nehmen, na und?“, antwortete er kalt.

„Urlaub! Ohne meine Erlaubnis, allerdings!“, fuhr der König ihn an, was den Diener jedoch nicht zu beeindrucken schien.

„Ich brauchte Zeit zum Nachdenken“, erwiderte er schlicht und Henry hätte beinahe gelacht.

„Und, zu welchem Ergebnis bist du gekommen?“, fragte er übertrieben interessiert nach und Kai verschränkte die Arme.

„Dass ich so nicht länger in Euren Diensten bleiben möchte!“, antwortete er kühl und direkt. „Ich brauche zumindest Unterstützung“, fuhr er ein wenig einlenkender fort, als er Henrys brüskiertes Gesicht sah. „Wenn schon Euer Page nicht seinen Aufgaben nachgeht, dann stellt noch einen weiteren Diener für den ein, zu meiner Entlastung! Mehr verlange ich gar nicht und ich werde augenblicklich meine Pflichten wieder übernehmen, als Euer Leibdiener! Andernfalls“, meinte er achselzuckend und Henry sah ihn an, als würde er die Welt nicht mehr verstehen.

„Andernfalls? Was soll das heißen?! Drohst du mir etwa?“, fuhr er empört aus seinem Bett hoch.

„Das würde ich mir nie erlauben, Eure Majestät!“, wiegelte Kai gespielt beruhigend ab, was das Fass zum Überlaufen brachte. Der König schnappte dermaßen nach Luft, dass Laurin sofort zu ihm eilte.

„Eure Majestät, nicht aufregen, gaaanz ruhig“, sagte der so übertrieben besänftigend, dass es schon peinlich wirkte.

„Eure Majestät, ich wollte damit nur sagen, dass ich nicht länger bereit bin, unter diesen für mich untragbaren Umständen weiterhin in Euren Diensten zu bleiben. Mehr nicht! Aber wenn Ihr dies“, Kai deutete auf Laurin, „dem vorzieht, dann werde ich gehen, so leid es mir auch tut“, erklärte er ruhig und ehrlich bedauernd.

„Werft ihn raus!“, riet der Giftzwerg dem König sogleich energisch und Kai lächelte kopfschüttelnd.

„Eure Majestät, mit Eurer Erlaubnis ziehe ich mich freiwillig zurück, bevor Ihr mich wieder einmal aus dem Schloss prügeln lassen wollt“, sagte er nur und verbeugte sich erneut sehr ehrerbietend. „Wenn Ihr Euch entschieden habt, lasst nach mir schicken“, meinte er noch und spazierte hinaus.

Der König war einfach nur fassungslos. Er stand auf, stieß Laurin dabei unsanft zur Seite und begann wütenden Schrittes den Raum zu durchqueren. „So eine Unverschämtheit! Langsam habe ich seine Frechheiten wirklich satt!“, brüllte er los und marschierte nach vorn.

Das Blöde daran war, dass er Kai brauchte. Jetzt mehr denn je, das war ihm allerdings ebenfalls klar und machte ihn noch wütender. Einen neuen Leibdiener einzustellen, bedeutete auch, einen neuen Mitwisser zu haben und sich damit noch verletzlicher zu machen. Ob er Benny fragen sollte? Nein, dessen Eifersucht würde nur zu noch mehr Ärger führen und dafür hatte er nun wirklich keine Nerven mehr. Allein wenn er nur an die vergangenen Dramen zwischen dem und Amanoue zurückdachte, wurde ihm schon schlecht und er konnte Laurin nicht einfach wieder zu seinem Vater zurückschicken. Mit welcher Begründung auch? Verzeiht, aber mein neuer Leibdiener vergeht vor Eifersucht auf Euren Sohn, daher kann ich ihn leider nicht länger bei mir behalten! Das wäre ja lächerlich! Oh ja, es war lächerlich, diese ganze Situation, in der er sich inzwischen befand, war eine einzige Farce! Nein, so konnte es echt nicht weitergehen, er war ja nur noch eine Witzfigur!

Naja, und eigentlich wollte er Laurin auch gar nicht mehr missen. Verdammt, er mochte den Kleinen, musste er sich ebenfalls eingestehen. Nicht so, aber eben einfach nur seine Nähe. Wie er ihn mit seiner Unbeschwertheit zum Lachen brachte, seine kleinen Frechheiten, eben. Manchmal erinnerte er ihn damit sogar ein klein wenig an, IHN…

Er verscheuchte schnell die Gedanken an Amanoue und setzte sich. „Wein!“, befahl er herrisch und Laurin beeilte sich ihm einzuschenken.

„Eure Majestät“, sagte der so leise, dass es schon einem Flüstern glich, reichte ihm den Pokal und setzte sich zu seinen Füßen auf den Boden.

Henry lächelte auf ihn hinab, zwar etwas bitter, aber dies war wieder einer dieser Momente, in denen sein Herz für diesen Knaben aufging. Unwillkürlich streichelte er ihm über das rötliche Haar und über die blassen Wangen. „Danke.“

„Aber wofür denn?“, flötete Laurin mit den Wimpern klimpernd zu ihm hoch.

„Einfach so. Es ist schön, dass du da bist“, antwortete Henry beinahe liebevoll, was ein schüchternes Lächeln auf Laurins Lippen zauberte.

„Ich bin gerne hier, bei Euch“, säuselte er zurück und nahm Henrys linke Hand ganz sachte in seine. Als er sie an seinen Mund führen wollte, glitt der Ärmel des Morgenmantels ein klein wenig zurück und gab den Armreif preis, den der König seitdem an seinem Handgelenk trug. „Was für ein schönes Schmuckstück!“, entfuhr es dem Jungen beeindruckt und er schob den Ärmel noch ein Stückchen höher.

Henry entzog ihm unwohl die Hand und bedeckte den goldenen Reif wieder, was Laurin fragend aufblicken ließ. „Warum versteckt Ihr ihn?“

Henry holte langsam und tief Luft und sein Gesicht nahm einen bittersüßen Ausdruck an. „Es ist eine schmerzliche Erinnerung, an jemanden“, antwortete er leise und sein Page runzelte die Stirn.

„Warum tragt Ihr ihn dann?“, fragte er stutzend und des Königs Blick ging an ihm vorbei.

„Ich weiß es nicht“, erwiderte er, hilflos die Schultern hebend. „Vielleicht, weil es mir mal sehr viel bedeutete?“, meinte Henry und strich ihm lächelnd über die Wange.

„Seid Ihr deshalb immer so traurig?“, fragte Laurin vorsichtig und prompt wurden Henrys Augen feucht.

Er nickte bedächtig und blinzelte die Tränen fort. „Warst du schonmal verliebt? Ich meine, keine Schwärmerei, sondern die ganz große Liebe“, fragte er sanft und Laurin zuckte leicht die Achseln. „Nein, dafür bist du wohl noch zu jung“, schlussfolgerte Henry daraus und wieder blickte er zur Seite. „Weißt du, ich war schon oft verliebt, aber es waren eben nur kurze Liebeleien, die wahre Liebe erfuhr ich nur ein einziges Mal und diese Liebe brach mir das Herz. Deshalb trage ich dieses Armband, damit es mich immer daran erinnert, was für ein Narr ich war“, murmelte er vor sich hin, schnaufte tief durch und sah ihn lächelnd an. „Tja, vielleicht bin ich inzwischen doch nur noch ein alter einsamer Mann, zumindest im Vergleich zu dir und vielleicht findest auch du irgendwann deine große Liebe und denkst dann an mich zurück?“, sagte er und Laurins Stirn legte sich erneut in Falten.

„Vielleicht sollten sich Eure Majestät besser wieder hinlegen, ich denke, Ihr habt wieder Fieber“, meinte er treusorgend, da er Henrys wirre Worte darauf bezog und der musste darüber schmunzeln.

„Denkst du?“, fragte er amüsiert und der Kleine schnaufte durch, als hätte er schon sonst was durchgemacht.

„Naja, Ihr sollt Euch doch schonen und“, Laurin senkte verschämt den Blick, „Ihr seid nicht alt. Vielleicht einsam“, meinte er achselzuckend, „aber daran könnt nur Ihr allein etwas ändern. Es betrübt mich zutiefst, Eure Majestät so traurig zu sehen und ich würde alles dafür tun, wenn ich Euer Leid wenigstens ein wenig lindern könnte. Bitte, vergebt mir“, hauchte er und sah ihm tief in die Augen. Ganz langsam richtete er seinen Oberkörper etwas weiter auf, beugte sich zu Henry hin und küsste ihn zart. Es war nur ein flüchtiger Kuss, sanft wie ein Windhauch und doch ließ es den König am ganzen Leib erzittern.

„Nicht“, flüsterte er und stand rasch auf.

„Warum nicht? Ich will es doch!“, erwiderte Laurin uneinsichtig und voller kindlichem Trotz.

Henry seufzte schwer. „Du bist doch noch fast ein Kind! Laurin, bitte, tu das nicht! Nütze nicht die Schwäche meines einsamen Herzens aus! Ich weiß nicht, ob ich dir auf Dauer widerstehen könnte, also bitte, geh“, bat er inständig, drehte sich um und ging rasch in sein Schlafzimmer.

Auf Laurins Lippen entstand ein kleines, aber sehr siegessicheres Lächeln. Mehr brauchte er gar nicht zu erfahren und, er hatte Zeit…

Henry setzte sich geschafft aufs Bett und stützte seinen Kopf in beide Hände. Was hätte er beinahe getan?

Oh ja, er war einsam! Aber das war noch nicht alles, was ihn zermürbte. Denn da war ja auch noch dieses andere Bedürfnis, welches sich mehr und mehr bemerkbar machte und gestillt werden wollte. Auch wenn er es immer wieder verdrängte, sein kleiner Freund da unten hatte noch nie so lange stillhalten müssen und meldete sich wegen dieser Vernachlässigung immer häufiger, um endlich Erlösung zu bekommen. Auch jetzt, ausgerechnet jetzt! Dieser flüchtige Kuss hatte schon genügt, um ihn hart werden zu lassen, verdammt!

Naja, wenigstens hatte er noch zwei gesunde Hände und damit musste sich sein kleiner König erstmal zufriedengeben! Seufzend erhob er sich und warf einen Blick nach vorn. Laurin war tatsächlich gegangen und so schlurfte er zurück zum Bett.

Doch dann hielt er wieder abrupt inne. Nein, nicht hier! Denn wenn Laurin morgen das Bett machen würde, würde er unweigerlich auch die Spuren der letzten Nacht entdecken und wie peinlich wäre das dann wieder! Und es würde dem kleinen Biest auch noch in die Taschen spielen! Der König hat sich nach meinem Angebot einen `Runtergeholt´, na Klasse!

Damit würde er völlig unglaubwürdig mit seiner Ablehnung rüberkommen und Laurin würde dies sicher nur noch mehr anstacheln, ihn verführen zu wollen…

Er könnte wieder nach drüben gehen, da wäre er ungestört und das Bett hatte so wunderbar nach IHM geduftet…

Nur ein wenig träumen, sich daran erinnern, wie sie sich dort immer geliebt hatten… Seufzend schnappte er sich den nächstbesten Kerzenleuchter und machte sich auf den Weg.

Dieses Mal würde er sich aber nicht den Arsch abfrieren und so machte er als erstes ein ordentliches Feuer im Kamin. Danach zündete er noch etliche Kerzen an und dabei fiel sein Blick auf den Zobelfellumhang, der auf einer der Kleidertruhen lag. Nicht einmal den, hatte Amanoue mitgenommen, ob er überhaupt etwas von seinen Geschenken mitgenommen hatte? Ohne weiter zu zögern, ging er zu den Truhen und öffnete eine nach der anderen.

Tatsächlich, alles noch da. Die edlen Tuniken, die kostbaren Stiefel, der hübsche Sommerumhang, die Hemden und Hosen, der Schmuck, alles hatte er zurückgelassen. Warum nur?

Na klar, weil er eben nichts von ihm haben wollte und schon gar nichts behalten, was ihn an seine `Gefangenschaft´ hier erinnern könnte! Und an ihn…

Ärgerlich knallte er den Deckel zu und wandte sich der letzten Truhe zu. Es war die asconische und Henry war sich sicher, dass zumindest diese leer wäre, doch als er sie öffnete, blickte er erstaunt auf den unberührten Inhalt. Auch noch alles da, soweit er es erkennen konnte. Warum?

Henry kramte ein wenig darin herum, holte den Stapel Kleider heraus, darunter lagen die weichen, weißen Stiefel, selbst die edelsteinbesetzten Gürtel waren noch da und die Schatulle. Er nahm sie heraus und voller Überraschung stellte er fest, dass Amanoue auch hiervon nichts mitgenommen hatte. Der kostbare asconische Schmuck, die Perlen, alles noch da! Aber was war das? Henry nahm ein zusammengefaltetes Tüchlein heraus und legte die Schatulle weg. Vorsichtig faltete er den seidenen Stoff auseinander und erstarrte.

Darin befand sich ein Schneeglöckchen und Henry schluchzte beim Anblick des verwelkten Blümchens heftig auf. Warum hatte er es behalten?

Er konnte sich noch sehr gut daran erinnern, an ihren Ausritt, zu zweit auf Apollo und wie er plötzlich dieses Schneeglöckchen am Wegesrand entdeckt und gepflückt hatte und wie sehr sich Amanoue darüber gefreut hatte. `Für mich?´, hatte er so schüchtern gefragt und das kleine Blümchen die ganze Zeit über in seiner zarten Hand gehalten. Und all die Zeit über, seit diesem tragischen Winter in Averna, hatte er es aufbewahrt und gehütet, wie einen kostbaren Schatz. Warum?

Momentmal, in einer der anderen Truhen hatte er auch ein seltsames Bündel entdeckt, einen Sack oder sowas ähnliches und hatte es achtlos beiseitegeschoben. Henry legte das Schneeglöckchen vorsichtig zurück in das Schmuckkästchen und ging zurück. Welche war es doch gleich wieder gewesen? Ah, die da! Er nahm den Sack heraus, der sich als Kissenbezug entpuppte und blickte hinein. Nanu? Schriftrollen? Waren das etwa? Ja, seine Briefe! Alle, die er an Amanoue geschickt hatte und einige der Pergamente waren leicht angekohlt…

Henry schlurfte damit zum Bett und schüttete die Briefe heraus. Er setzte sich und entrollte den erstbesten. Ja, unverkennbar seine Handschrift, aber was war das? Unter seiner eigenen Signatur, befand sich ein weiterer, in Amanoues filigraner Schrift verfasster Satz:

Ich liebe dich, bitte verzeih mir

Henry stieß die Luft aus und zog die Nase hoch. Mit tränenden Augen öffnete er auch die anderen Rollen und unter jedem davon hatte Amanoue diese Botschaft hinterlassen, bis auf den von Henry zuletzt verschickten, denn dieser war rund um seine Nachricht herum beschrieben worden und was er dort las, ließ ihn vollends die Fassung verlieren.

Mein König, mein Herr, mein Henry, ich liebe dich!

Wenn du dies hier liest, bedeutet es wohl, dass du mir nicht vergeben konntest und ich habe es ehrlich gesagt auch nicht anders erwartet. Aber eines möchte ich dir dennoch versichern, bitte glaube mir, ich tat es letztendlich doch nur für dich! Dies soll keine Entschuldigung für mein Handeln sein, denn was ich dir damit angetan habe, lässt sich durch nichts entschuldigen. Ravio riet mir, also sein Geist, dir die Wahrheit zu sagen und dass ich auf deine Liebe zu mir vertrauen solle. Tja, wie es aussieht, lag er damit wohl doch daneben und mich gibt es nicht mehr in deinem Leben. Vielleicht hast du mich sogar hinrichten lassen? Ich weiß es zu diesem Zeitpunkt nicht und kann nur hoffen, dass du wenigstens Sybilla verschont hast und vergeben konntest, da sie nicht wirklich die Schuld an unserem Betrug an dir, trägt. Sie liebt dich wirklich und ich weiß selbst nicht, weshalb sie mir verfiel. Sie bezeichnete mich danach als einen Incubus und wer weiß, vielleicht bin ich ja tatsächlich eines von diesen Höllengeschöpfen und auch deine Liebe zu mir entstand nur deshalb, weil du den Verführungskünsten eines Dämons zum Opfer fielst.

Du sagtest so oft zu mir, dass du mich lieben würdest, aber nun bezweifle ich es doch immer mehr und vor allem zweifle ich an mir und an dem, was ich wirklich bin. Oh Henry, es gibt noch so vieles, was ich dir noch hätte sagen wollen, über mich! Stattdessen sitze ich nun da und schreibe dir diese Zeilen, in der Nacht, die ich wohl Zeit meines Lebens nie vergessen werde. Es ist diese Nacht, in der wir unser Bündnis mit unserem Blut besiegelten und ich schreibe dies auch mit meinem Blut nieder. Zum einen, weil ich keine Tinte habe und zum anderen, weil ich es möchte. Es stammt zwar aus meiner Handwunde, aber es fühlt sich für mich an, als wäre es mein Herzblut!

Ja, dieses Kind, Sybillas Kind, ist von mir und ich muss dir gestehen, dass ich mich anfangs auch in sie verliebt hatte, dachte ich zumindest. Aber ich bin eben nur ein dummes Ding, ich muss jetzt ein klein wenig schmunzeln über unseren lieben alten Sebastian und doch hatte er recht damit! Ich war so dumm! Und erst jetzt, hoffentlich ist es noch nicht zu spät, erkenne ich, wie sehr ich dich inzwischen liebe. Ich glaube es begann schon in Averna, nur wollte ich es da wohl noch nicht wahrhaben, du kennst ja meine Sturheit und ich bereue auch dieses, zutiefst! Was habe ich dir nur angetan, in all der Zeit, in der du mir stets nur mit deiner Liebe entgegengekommen bist! Ich kann es leider nicht rückgängig machen, aber ich kann nun mit Gewissheit sagen, dass du dich schon damals erfolgreich in mein kleines Herz geschlichen hast und es inzwischen geschafft hast, alle anderen daraus zu vertreiben!

Mein Herz gehört nur noch dir allein, das musst du mir glauben!

Und wenn ich dich auch betrogen habe, dieses Kind will ich dir schenken, von ganzem Herzen und als Beweis meiner Liebe zu dir! Denn Gott wird dir niemals deinen langersehnten Erben schenken, ich weiß, das ist jetzt wirklich zynisch von mir! Bitte, vergib mir, es tut mir so leid und ich sagte es dir vorhin bereits, du wirst nie eigene Nachkommen haben können aber vielleicht wirst du diesem Kind irgendwann wenigstens ein klein wenig von der Liebe schenken können, die du mir entgegengebracht hast.

Ich muss weinen, verzeih die verwischten Flecken…

So, jetzt geht es wieder, hoffe ich wenigstens, wie du weißt, bin ich eine schlimme Heulsuse und wie oft hast du dich darüber beschwert, weil dir mein ständiges Geheule auf die Nerven ging!

Naja, jetzt bist du mich ja los und ich kann nur hoffen, dass du ohne mich glücklicher bist. Ich wünsche es dir wirklich!!! Mit wem auch immer, von mir aus sogar mit Benny, werde glücklich, Henry!

Während ich dies hier schreibe, schläfst du tief und fest und wirkst so zufrieden. Es sieht fast so aus, als würde ein glückliches Lächeln deine Mundwinkel umspielen und ich werde dich gleich darauf küssen, weil ich gar nicht anders kann!

Dein dich liebendes Kätzchen

Henry ließ den Brief sinken, schloss die Augen und eine Flutwelle an Tränen ergoss sich über sein Gesicht.

Nach einer Weile stand er auf, löschte die Kerzen und verließ das Gemach wieder, mit dem Schwur, es nie wieder zu betreten. Dieser Raum sollte fortan das Grabmal seiner verlorenen Liebe sein.

***

Amanoue streckte sich und blinzelte über seinen gebeugten Arm zu seinem ersten Stammkunden hoch. Der Mann strich ihm gerade mit den Fingerrücken über die Wirbelsäule entlang, bis zum Steiß. „Du bist geradezu unvorstellbar schön und ich bin immer auf der Suche nach schönen Menschen. Möchtest du mir nicht mal Modell stehen? Mein Name ist Rafael und ich bin ein recht angesehener Künstler hier im Land. Ich habe kürzlich einen größeren Auftrag erhalten und du wärst das richtige Vorbild dafür“, sagte er und musterte ihn nochmals eingehend, bevor er aufstand um sich anzukleiden.

Auch Amanoue rutschte aus dem Bett, trat zum Waschtisch und begann sich ungeniert zu säubern. Er hatte längst wieder jegliches Schamgefühl abgelegt und war ohne weiteres in sein altes Leben als Lustknabe zurückgeglitten. „Verdient man als Modell gut?“, fragte er und wischte sich mit einem feuchten Lappen über die Innenseiten seiner Schenkel.

„Zumindest besser, als hier“, meinte sein Kunde lächelnd. „Und, es ist bei weitem sicherer! Als männliche Hure erwischt zu werden, bedeutet den Scheiterhaufen! Aber als Muse eines Künstlers würde man dir sogar Respekt entgegenbringen. Du siehst, es hätte also nur Vorteile für dich, wenn du mein Angebot annimmst! Wir müssten allerdings schon morgen beginnen, da das Bildnis bis Ostern fertig sein soll.“

„Was ist das für ein Auftrag?“, fragte Amanoue ohne allzu großes Interesse und hockte sich über die Waschschüssel.

„Es soll ein Heiligenbild werden, zu Ehren der Taufe des Thronfolgers. Ein Triptychon, das ist ein dreiteiliges Altarbild. In der Mitte die heilige Jungfrau mit ihrem Kind, flankiert von zwei Engelsbildnissen“, erklärte der Mann und Amanoue sah ihn überrascht an. „Du würdest den perfekten rechten Engel abgeben, obwohl du auch für die Jungfrau selbst wie geschaffen wärst“, meinte er etwas zynisch und Amanoue schnaubte lachend.

„Da wäre ich wohl eher für die andere die richtige Wahl! Wie hieß sie noch gleisch? Maria Magdalena?“, raunte er spöttisch und Rafael lachte derb auf.

„Auch wieder wahr! Die heilige Hure“, spottete er zurück und kniff gleichzeitig grübelnd die Augen zusammen. „Dein Gesicht ist wahrlich wunderschön, beinahe zu schön, für diese Welt! Was macht eine solche Schönheit wie du, in so einer heruntergekommenen Absteige? Wie kommst du hier her und woher stammst du? Du sprichst beinahe Akzentfrei unsere Sprache aber dein Aussehen ist eher orientalisch anmutend.“

Amanoue hielt mit seiner Waschung inne und erhob sich. „Ich komme von Nirgendwo her und bin nur sufällig hier gelandet“, antwortete er achselzuckend und warf den Lappen auf den kleinen Tisch.

„Dann bist du einer vom fahrenden Volk?“, fragte Rafael erstaunt und Amanoue sah ihn nachdenklich an.

„Ihr meint, ob isch eine Sigeuner bin? Ja, vielleischd, bin auch ich eine von diese heimatlose Vertriebene und nur eine Staubkorn, die die Wind aus einer Laune heraus hierher geweht `at, hat“, sinnierte Amanoue versonnen. „Ich habe keine Heimat, sumindest nischd mehr“, meinte er dann bestimmt und Rafael nickte verstehend.

„Es ist mir auch gleich, woher du kommst. Alles was für mich zählt ist dein überaus hübsches Aussehen! Dein wundervoll vollkommener Körper und dein engelhaftes Gesicht sind viel zu schade, um sich hier zu verstecken! Lass mich dich malen und alle Welt Anteil an deiner Schönheit haben lassen! Was sagst du?“, rief er begeistert aus und Amanoue schnaufte grübelnd durch.

„Habt Ihr eine Badewanne?“, fragte er, der Maler nahm stutzend den Kopf zurück und nickte. „Gut! Wenn ich vorher ein ausgiebiges Bad nehmen kann, komme ich mit Euch!“, schlug Amanoue ein und schlüpfte in sein Hemd.

Und so stand er am darauffolgenden Morgen pünktlich in dem Künstleratelier. Während ein Diener das Bad für ihn vorbereitete, sah er sich in dem großzügigen Raum um. Er betrachtete eingehend die Werke und blieb schließlich vor dem unfertigen Triptychon stehen. Der linke Engel war bereits vollendet, ein schöner geflügelter Mann, blond und blauäugig, in goldener Rüstung und einem leuchtenden erhobenen Schwert, blickte ermahnend auf ihn herab. Zu dessen Füßen wanden sich wie in unsäglicher Pein allerlei kriechendes Getier, Schlangen und seltsame Fabeltiere mit hässlichen Fratzen schienen sich selbst zu fressen und auch nackte Menschen streckten mit greinenden Gesichtern flehend die Hände nach dem himmlischen Wesen aus, um dem lodernden Höllenfeuer unter ihnen zu entkommen.

Das Bild in der Mitte war hingegen voller Trost für den Betrachter. Die Madonna, eingehüllt in einem hellblauen Mantel, hielt ihr süßes Kindlein beschützend in ihren Händen und obwohl sie noch kein Antlitz besaß, strahlte das Werk jetzt schon so viel mütterliche Fürsorge aus, dass Amanoue unwillkürlich leicht lächelte.

„Gefällt es dir?“, fragte Rafael und Amanoue drehte sich zu ihm um.

„Es ist riesig!“, entkam es ihm überwältigt nickend.

„Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“, meinte der Künstler lachend und nickte ebenfalls. „Es muss ja auch so groß sein, immerhin soll es ja den neuen Altarraum schmücken, den die Königsfamilie aus Dankbarkeit gestiftet hat!“

„Wofür sollte es doch gleich wieder sein?“, fragte Amanoue stirnrunzelnd.

„Als Dank, dass unserem König ein Thronerbe geschenkt wurde! Das Königspaar hat für die Taufe des Kronprinzen eine neue Ausschmückung ihres Altarraumes gespendet“, antwortete Rafael erklärend und Amanoues Miene wurde immer stutziger.

„Was für eine Thronerbe? Ist die Kind nischd gestorben?“, fragte er verdutzt nach und Rafael schüttelte erstaunt den Kopf.

„Nein, wie kommst du darauf? Ah“, meinte er dann allerdings erkennend, „du verwechselst da sicher etwas! Das Kind des Herzogspaares, Wilhelms und Hildegundes Sohn verstarb leider im letzten Jahr ganz plötzlich! Das Königshaus war voller Trauer darüber und deshalb hatte seine Majestät auch alle Festlichkeiten absagen lassen, aus Respekt und tiefem Mitgefühl für seinen geliebten Bruder“, erklärte er. „Zu Ostern soll nun aber die Taufe des kleinen Heinrichs stattfinden und die Königin ist so froh über dessen Geburt, dass sie sich sogar für eine Weile aus Dankbarkeit in ein Kloster zurückzuziehen gedenkt, um Gott zu preisen und zu dienen“, sagte er tief beeindruckt, was bei Amanoues nur zu noch mehr Verwirrung führte.

„Die kleine `einrisch? Isch glaube, isch verstehe hier wirklisch nischds mehr“, nuschelte er nur und winkte gleich wieder ab. „Na egal, isch, ich, finde es jedenfalls sehr schön und puh, auch eine wenig beeindruckend“, er drehte sich wieder zum Bild um und deutete auf den Engel. „Wie der einen ansieht, da könnte man eschd sofort eine schlechte Gewissen kriegen“, meinte er, instinktiv den Kopf einziehend. „Auf alle Fälle, habt Ihr damit aber die Geschmack von seine Majestät su hundert Prosent getroffen! Isch kenne da nämlich jemanden, der sieht dem da verdammt ähnlisch“, rutschte es ihm, dabei an Satory denkend, heraus. „Da stand Euch nischd sufällig eine gewisse Hauptmann Satorius Modell?“

Rafael blinzelt erst einmal irritiert. „Nun, ja, also ich muss gestehen, dass ich mich in der Tat von einem Hauptmann der Königsgarde habe inspirieren lassen, den ich kürzlich bei einer Audienz sah. Allerdings malte ich es aus dem Gedächtnis heraus, äh, woher kennst du ihn?“, fragte er durcheinander.

Amanoue zuckte nur die Achseln. „Sagen wir, ich kenne ihn einfach, ja? Und belassen es dabei“, erwiderte er, was einen erahnenden Ausdruck in Rafaels Mimik brachte. Ein regelrechts „Aaah!“, stand unausgesprochen in seinem Gesicht geschrieben und er nickte wohlweißlich. „Tja, und ich soll dann also die andere Engel werden?“, fragte Amanoue fast amüsiert nach und musste unweigerlich den Kopf darüber schütteln.

„Ja, genauso ist es!“, antwortete Rafael entschlossen.

„Warum hat die Jungfrau noch keine Gesicht?“, wollte Amanoue grübelnd wissen und Rafael seufzte hinter ihm auf.

„Ich habe ehrlich gesagt noch kein wirklich, wie soll ich es nennen, würdiges Antlitz dafür gefunden“, gab er ehrlich zu und räusperte sich leise. Amanoues Augenbrauen schnellten nach oben und er sah sich augenblicklich zu dem Künstler um. „Dein Gesicht, wäre wie erschaffen dafür“, meinte der beinahe entschuldigend und jetzt hätte Amanoue wirklich am liebsten gelacht. „Natürlich werde ich es leicht abwandeln, ihm noch weiblichere Züge verleihen, mütterliche, verstehst du?“

Amanoue musste sich abwenden und nickte nur. `Na, wenn IHN das mal nicht umhaut, Satory links, ich rechts und in der Mitte die heilige Jungfrau mit meinem Gesicht´, dachte er zynisch. Allerdings konnte er sich auch ein kleines Grinsen bei dem Gedanken daran nicht länger verkneifen und er musste sich eingestehen, dass er auch ein paar kleine, süße Rachegelüste dabei verspürte. „Seid Ihr Euch da wirklich sicher?“, fragte er dennoch sehr skeptisch und schlenderte zurück in die Wohnräume des Ateliers.

„Ja, selbstverständlich! Sonst wärst du ja nicht hier und umso länger ich dich betrachte, je sicherer werde ich mir“, antwortete Rafael, der ihm gefolgt war.

Amanoue zog sich aus und stieg in die Wanne. „Aah, das tut gut“, seufzte er, als er in das heiße Wasser glitt und erschauderte dabei wohlig, da sich in den letzten Wochen mittlerweile ein unangenehm juckender Schweiß und Fettfilm auf seiner Haut gebildet hatte. „Endlisch wieder eine Bad!“

„Warum suchst du nicht das öffentliche Bad auf? Es ist an mehreren Tagen im Monat auch für das gemeine Volk zugänglich und sogar umsonst“, meinte Rafael und setzte sich auf einen Hocker.

„Wirklisch? Das wusste ich gar nischd, aber, hm, nein! Lieber nischd, die ledsde Besuch dort hat mir gereischd“, erwiderte Amanoue nachdenklich murmelnd. „Tja, um nochmal auf vorhin surücksukommen, gut, ich willige ein, Ihr dürft mich malen! Aber ich lege alle Verantwortung in Eure Hände, es ist allein Eure Entscheidung“, sagte er, beide Hände abwehrend hebend.

„Ja, sicher doch! Ich verstehe deinen Einwand nicht ganz, was meinst du damit?“, hakte Rafael sofort erstaunt nach.

„Naja“, raunte Amanoue, seine Fingernägel kritisch betrachtend, „es könnte ja auch sein, dass Euer Gemälde ein klein wenig su viel Aufsehen erregen wird, aber isch wasche meine Hände in Unschuld“, antwortete er mit einem diabolischen Lächeln auf den zauberhaften Lippen und tauchte vollends unter.

„Das hoffe ich doch, dass es Aufsehen erregen wird“, meinte Rafael verständnislos. „So etwas wünscht sich schließlich jeder Künstler!“

Allerdings konnte er nicht mit dem rechnen, was das Bildnis tatsächlich auslösen würde. Es geriet zu einem regelrechten Skandal und das in mehrerlei Hinsicht…

***

Henry war froh, als die Audienzen vorüber waren. Entgegen Gregorius` Rat war er am Montagmorgen trotz einer schlaflosen Nacht, wie immer frühzeitig aufgestanden und war seinen Pflichten als König nachgekommen. Den ganzen Tag hatte er sich nichts anmerken lassen und auch den beiden Herzögen gegenüber immer wieder beteuert, dass es ihm gutginge.

Sobald der letzte Bittsteller fort war, lehnte er sich durchschnaufend zurück und schloss für einen Moment die müden, geröteten Augen. „Laurin, würdest du mich in meine Gemächer geleiten?“, fragte er sichtlich erschöpft und sein Page stand umgehend auf.

„Selbstverständlich, Eure Majestät“, flötete der zurück und reichte ihm sogleich eine helfende Hand.

„Wir werden dich ebenfalls begleiten“, raunte Richard mit einem besorgten Blick auf seinen Neffen.

„Unsinn, mir geht es gut“, lehnte der aber fast mürrisch ab, während sich beide Herzöge erhoben.

„Dir geht es nicht gut“, murrte Wilhelm verständnislos und Henry sah zu ihm auf.

„Mir, geht, es, gut!“, wiederholte er seine Worte nochmals mit Nachdruck, ergriff Laurins Hand und ließ sich aufhelfen.

„Das sieht man! Du kannst dich kaum noch auf den Beinen halten“, warf Richard ihm wieder vor und trat neben ihn. „Lass mich dir wenigstens die Treppe hochhelfen!“

„Fass mich ja nicht an! Verdammt, ich habe vergangene Nacht lediglich schlecht geschlafen und bin einfach nur hundemüde“, zischte der König seinen Onkel wütend an und straffte sich. Tief durchschnaufend ließ er Laurins Hand los und marschierte stolzen Hauptes davon. Sein Page warf den anderen beiden noch einen bedauernden Blick zu und eilte ihm nach.

„Er gefällt mir gar nicht“, brummte Wilhelm.

„Meinst du mir? Dieser verdammte Sturkopf!“, schimpfte Onkel Richard und beide blickten sie ihrem geliebten König hilflos hinterher, wie der tapfer die Treppe hochstieg.

Oben angekommen, blieb er allerdings kurz stehen und wankte bedrohlich vor und zurück. Die zwei Gardisten hinter ihm ließen beide ihre Hellebarden fallen und streckten schon in Erwartung den König auffangen zu müssen ihre Hände aus, doch Henry fing sich gerade noch und hielt sich stattdessen wieder an Laurin fest. „Eure Majestät!“, entkam es dem erschrocken, wobei er Mühe hatte, dessen Gewicht auf seiner Schulter zu stemmen. „Holt Gregorius! Sofort, ihr zwei Idioten“, schrie der Page die Wachen an und tatsächlich drehte sich einer von ihnen um und rannte so schnell er konnte wieder die Steinstufen hinab.

„Majesté, wenn Ihr erlaubt“, sagte der andere so sanft, dass Henry sich erstaunt umsah. Bernard streckte vorsichtig die Hand aus und der König nickte zustimmend. Ohne ein weiteres Wort trat der Savoyer neben ihn und legte stützend seinen kräftigen Arm um dessen Taille. Beinahe mühelos führte er Henry bis in dessen Gemächer und ließ ihn auf eine der Liegen niedersinken.

„Danke, seine Majestät braucht dich nicht mehr“, entließ ihn Laurin dermaßen hochnäsig, dass Bernard gerade deshalb stur stehenblieb und nur eine leichte Verbeugung andeutend, einen Schritt zurücktrat.

„Hast du mich nicht verstanden, Savoyer?“, blies der Giftzwerg sich noch mehr auf und Bernard sah ihn gelassen an.

„Ich bin ja nicht taub, aber ich nehme keine Befehle von einem Pagen entgegen, Lothringer“, erwiderte er lässig lächelnd.

„Schon gut“, mischte Henry sich dazwischen. „Ihr könnt gehen, beide! Laurin, lass Kai zu mir kommen und Ihr Leutnant, nehmt Euren Mund nicht so voll, in meiner Gegenwart!“, blaffte er beide an.

Der Gardist schien zwar im ersten Moment leicht verunsichert, verbeugte sich dann aber nochmals und marschierte hinaus, während Laurin geradezu unterwürfig die Augen niederschlug. „Eure Majestät, soll ich nicht warten, bis Gregorius hier ist?“, fragte er besorgt, wobei er allerdings nur seinem Kontrahenten von eben eins auswischen wollte.

Der König nickte tatsächlich dankbar zu ihm hoch und Laurin strahlte ihn an. „Schenke mir doch bitte einen Becher Wein ein“, sagte Henry und der Kleine beeilte sich dem nachzukommen.

Gleich darauf kam der Heiler herein und musterte Henry kurz auf seine vorwurfsvolle Weise. „Es geht mir gut, Herrschaftszeiten“, brummte der ihn sofort an. „Ich bin auf der Treppe ein wenig ins Wanken geraten, mehr nicht!“

„Eure Majestät, diese Schwächeanfälle, auch wenn Ihr sie als `klein´ bezeichnet, machen mir ernsthaft Sorgen!“, erwiderte Gregorius und beugte sich vor. Er befühlte Henrys Stirn und Wangen und setzte sich unaufgefordert neben ihn. „Darf ich Euren Puls fühlen?“ Da er zu Henrys linker Seite saß, reichte der ihm auch diesen Arm und der Heiler schob den Ärmel zurück. „Leider bräuchte ich die andere“, meinte er, leise seufzend auf den Armreif blickend. Allerdings ließ er Henrys Hand nicht los und so sah der ihn fragend an. „Eure Majestät, warum macht Ihr es Euch so schwer?“

Henry zog fast ein wenig zu heftig seine Hand zurück und hielt ihm die andere hin. „Laurin, hatte ich dich nicht gebeten, nach Kai schicken zu lassen?“, brachte er nur noch krächzend heraus. „Geh!“

Der Junge deutete nur widerwillig eine Verbeugung an und stapfte mürrisch hinaus. „Und?“, fragte Gregorius sanft und Henry fiel weinend in seine Arme. „Oh, Eure Majestät“, entkam es dem Heiler voller Mitgefühl und er drückte den König fest an sich.

„Niemand versteht mich wirklich“, klagte der sein Leid und schmiegte sich regelrecht an Gregorius. „Alle sagen mir nur immer wieder, dass ich ihn vergessen soll oder, dass ich ihn besser gleich hätte umbringen lassen sollen, aber ich kann ihn einfach nicht vergessen“, wimmerte er schluchzend. „Ich weiß doch selbst, dass ich mich wie ein Idiot aufführe, aber ich bekomme ihn einfach nicht aus meinem Kopf. Nachts liege ich wach und denke unentwegt an ihn und wenn ich mal schlafe, dann träume ich nur von ihm! Ich weiß ja nicht einmal, was aus ihm geworden ist oder wo er ist! Nichts, nicht die kleinste Nachricht oder irgendeine Botschaft, über seinen Verbleib, hat er mir hinterlassen. Er ist einfach gegangen“, schluchzte er verzweifelt. „Ich war noch einmal drüben, in seinem Gemach und dort fand ich einen Brief, den er allerdings schon vor Monaten geschrieben haben muss, mit seinem Geständnis! Er bat mich um Verzeihung, so als hätte er da alles schon geahnt, also noch vor der Geburt seines Balgs!“, wimmerte Henry weiter und setzte sich wieder zurück. „Ich weiß nicht, ob ich ihm jemals vergeben werde können, aber eines weiß ich mit Sicherheit, vergessen kann ich ihn nicht. Ich möchte doch nur wissen, wo er ist. Warum schrieb er mir diesen Brief, in dem er mir sogar seine Liebe beteuerte und jetzt keine einzige Zeile? Er hat nichts mitgenommen, gar nichts und dies schmerzt mich umso mehr“, sagte er den Kopf bitter schüttelnd.

„Es tut mir so leid für Euch, Eure Majestät und glaubt mir, wenn ich es könnte, würde ich alles dafür tun, um Euer Leid zu mindern. Ich habe mich inzwischen sogar heftig mit Marius zerstritten, deswegen, deinetwegen“, sagte Gregorius leise und tief bekümmert.

Henry sah ihn beinahe staunend an und der Heiler nickte leicht. „Er weiß auch nichts, über Amanoues Verbleib oder will es mir nicht sagen. Ich war daraufhin sogar drüben im Wachgebäude, aber auch dort konnte mir keiner weiterhelfen. Man sagte mir nur, dass er wohl bis vor kurzem noch dort gelebt hätte, nun aber fort wäre. Benedicto selbst sagte mir, dass Amanoue noch am gleichen Tage Eures Ausrittes seine Sachen zusammengepackt hätte und seitdem spurlos verschwunden wäre. Ohne jeden Hinweis und ohne sich von seinen Freunden zu verabschieden. Brac wäre seitdem untröstlich darüber und hätte eine Mordswut auf ihn, was er seitdem in reichlich Bier zu ertränken versuche. Ihr seht also selbst, Eure Majestät, Amanoue hat allem Anschein nach wirklich alles hinter sich gelassen und…“ Gregorius senkte betrübt den Blick, „er ist einfach auf und davon! Und glaubt mir, auch mich schmerzt dies zutiefst, aber nicht nur, weil ich mich von ihm enttäuscht fühle, sondern vor allem, wegen… dir“, kam es nur noch mühsam über seine Lippen.

„Warum?“, fragte Henry halb erstickt.

„Weil ich dich liebe“, antwortete Gregorius und erstickte vollends jedes weitere Wort mit einem innigen Kuss. Henry wehrte sich nicht, anfangs einfach nur, weil er schlichtweg zu baff war, doch dann erwiderte er den Kuss voller Leidenschaft. Als er auch noch begann, an Gregorius` Kleidern zu zerren, schob der ihn jedoch energisch von sich. „Nicht, Eure Majestät, man hat uns schon einmal beinahe erwischt“, sagte er ermahnend.

„Na und? Ist mir in diesem Moment einfach nur gleich“, murmelte Henry zurück und schnappte wieder küssend nach ihm.

„Nein! Nein“, wiederholte Gregorius sanfter und hielt ihn an den Handgelenken fest. „Glaube mir, ich will es ebenso, ich will dich! Aber Eure Majestät dürfen sich keinen weiteren Fauxpas erlauben! Euer Page kann jeden Moment zurückkommen!“

„Ist mir Scheißegal!“, widersprach Henry erneut trotzig und erhaschte einen weiteren Kuss. Dabei knabberte er so bettelnd sehnsüchtig an Gregorius` Lippen, dass der nur noch seufzen konnte.

„Henry“, wisperte er derart verlangend zwischen zwei Küssen zurück und der König rang regelrecht nach Luft.

„Ich will es, ich, will, dich! Bitte, ich brauche es, dich“, raunte er so innig, dass der Heiler ihn nur wieder an sich ziehen konnte und ihre Lippen erneut miteinander verschmolzen.

„Und was wird aus Laurin?“, keuchte Gregorius wieder ermahnend auf und dieses Mal schob Henry ihn zurück.

„Warte!“, unterbrach er das leidenschaftliche Spiel ihrer Zungen und stand auf. Er hob kurz einen Zeigefinger, was Gregorius zum Schmunzeln brachte und eilte zur Tür, die er regelrecht aufriss.

„Lasst keinen mehr durch!“, befahl der König energisch und die Wachen salutierten. „Niemanden! Ich möchte bis morgenfrüh nicht gestört werden, von keinem! Ist das klar?! Und“, er sah beide eindringlich an, „niemand ist mehr bei mir!“

Erneut salutierten die Wachen und neigten verständig ihre Häupter. Henry verschloss die Türe wieder und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. „Nun, mein Heiler, es ist Zeit für eine ausgiebige Massage, ab ins Schlafzimmer mit Euch und wehe, wenn Ihr nicht genau da weiter macht, wo wir damals unterbrochen wurden“, raunte er erwartungsvoll.

Gregorius´ Lippen verzogen sich zu einem breiten Grinsen. „Es ist mir eine Ehre, Eure Majestät und, ich werde mir außerordentliche Mühe geben! Stets zu Euren Diensten“, sagte er mit einem rauen Unterton, nahm sich die Kappe vom Kopf und schüttelte seine schwarze Lockenmähne aus.

***

Am gleichen Tag erreichte endlich auch Sebastian Kais Nachricht und der öffnete diese sogleich. Die ganze Zeit über hatte er nichts vom Königshof gehört und alle seine Briefe an Henry waren unbeantwortet geblieben. Gut, er hatte es bislang auf den harten Winter geschoben, aber dass er nun einen Brief von Kai in seinen Händen hielt, erstaunte ihn doch und noch mehr, was er darin las:

„Mein lieber Sebastian!

Ich hoffe, es geht dir gut und du hast den strengen Winter gesund überstanden, denn eines vorneweg, du musst unbedingt zurückkommen! Bitte, Sebastian, ich würde dich nicht darum bitten, wenn es nicht wirklich dringend wäre! Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los war und noch immer ist! Ich kann dir leider nicht Näheres dazu schreiben, aber ich nehme an, dass du es auch so ahnst, was ich damit meine!!! ER, hat sein Kätzchen verloren und dies ist noch bei weitem nicht alles, was sich in den letzten Monaten ereignete!

Darum bitte ich dich nochmals, nach Hause zu kommen! ER braucht dich mehr denn je und ich auch, mit den allerliebsten Grüßen,

dein Kai, in der Hoffnung, dass du bald diese Zeilen erhältst.“

Sebastian ließ den Brief sinken und schloss vor Bestürzung die Augen. Was hatte das zu bedeuten? War Amanoue etwa tot? Das Geschwür! Oh nein…

Der alte Mann schluchzte leise auf, bei dem Gedanken daran und innerlich zerriss es ihn schier, weil er sich noch immer diese schlimmen Vorwürfe machte. Er hatte ihn allein gelassen…

Und Henry auch! Wie schlimm musste es für den erst gewesen sein, wenn es schon sein eigenes Herz vor Schmerz zerbersten ließ. Deshalb kam also keine Nachricht!

Sebastian rollte den Brief zusammen, stand auf und packte noch am gleichen Tag alles Nötige für die Reise zusammen.

Der geheime Garten

Herzog Rudolf lehnte sich zurück. „Der König hat jetzt also einen Erben“, sagte er grübelnd. „Und lädt zu dessen Taufe ein.“

„Werdet Ihr dem etwa nachkommen?“, fragte der Herzog von Savoyen aufgebracht und Rudolf sah ihn erstaunt an.

„Selbstverständlich! Wir müssen dieser Taufe beiwohnen, wohl oder übel! Heinrich ist schließlich mein Schwager!“, antwortete er verständnislos. „Und Ihr werdet ebenfalls dort erscheinen! Außerdem ist dies doch eine hervorragende Gelegenheit, um sich selbst ein Bild der Lage machen zu können!“

Satorius verzog mürrisch die schmalen Lippen. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob ich dazu in der Lage bin, diesen verdammten Mistkerl auch noch zu beglückwünschen!“, raunte er abfällig und Rudolf bedachte ihn mit einem abwiegelnden Blick.

„Natürlich könnt Ihr es! Mein lieber Herzog, denkt einfach bei seinem Anblick an die süßen Früchte unserer bisherigen Bemühungen! Unser baldiger Triumpf über diesen `Mann´“, spie er voller Hohn aus. „Gönnen wir ihm also noch diese kleine Freude, bevor sein Kopf fällt!“

Herzog Satorius wanderte vor ihm auf und ab. „Ich weiß nicht, mir gefällt das nicht!“, brummte er vor sich hin und blieb stehen. „Heinrich ist gerissen! Was, wenn er uns ebenfalls ausspioniert und diese Einladung nur ein Vorwand ist, um uns an seinen Hof zu bekommen? Was, wenn er uns gefangen nimmt?!“

Herzog Rudolf von Schwaben winkte lässig ab. „Ihr seht Gespenster, wo keine sind! Phineas berichtete mir, dass Heinrich nicht die geringste Ahnung von uns hätte! Alles, was ihn interessiert, ist einen gefügigen Mann in seinem Bett zu haben!“

„Die arme Königin“, murmelte der Savoyer fassungslos.

„Eben! Sybilla wird froh sein, wenn sie ihren sodomitischen Gatten los ist!“, erwiderte Rudolf lächelnd, doch nun sah Satorius ihn verständnislos an.

„Und was soll aus ihr werden? Ich bin jetzt der rechtmäßige Herzog von Savoyen! Und ich werde mir diesen Titel nicht wieder wegnehmen lassen!“, regte er sich auf.

„Aber, aber, mein Lieber! Niemand wird Euch das Herzogtum streitig machen! Sybilla wird sich eben fügen müssen oder sie verschwindet als trauernde Witwe in einem Kloster!“

„Und was wird aus dem Kind? Verdammt! Wieso musste sie auch ausgerechnet jetzt diesen Balg werfen! Auch wenn Heinrich fällt, so ist sein Sohn immer noch der Thronerbe! Und sie damit die Königinmutter! Denkt Ihr ernsthaft, Sybilla wird so mir nichts, dir nichts abdanken und in der Versenkung verschwinden? Da kennt Ihr meine Cousine schlecht! Diese Frau hat Haare auf den Zähnen, glaubt mir und ihrem treulosen Gatten tief ergeben, dass sah ich mit eigenen Augen, als die beiden mir im letzten Sommer auf ihre unverschämt dreiste Weise einen Besuch abstatteten! Sie hat mich wie ein Idiot dastehen lassen und was Heinrich anbelangt, er schien mir recht verliebt in seine Königin zu sein! Jedenfalls war er sehr bemüht um sie“, warf Satorius wieder ein.

„Jaa“, raunte Rudolf gedehnt, „dies hat mir Phineas ebenfalls berichtet. Heinrich soll sich die ganze Rundreise über geradezu vorbildlich gezeigt haben. Er hatte zwar ein eigenes Zelt, soll aber der Königin sehr zugetan gewesen sein und nicht ein einziges Mal seinen abartigen Gelüsten nachgegangen sein. Nicht einmal Eurem süßen Sohn soll er nachgegeben haben, obwohl dieser ihm oft genug Avancen gemacht haben soll“, meinte er nachdenklich.

„Ich hasse ihn! Heinrich, meine ich! Er hat meinen Sohn verführt, nein, vergewaltigt, hat er ihn!“, ereiferte Satorius sich erneut.

Wieder sah der Herzog von Schwaben ihn gelassen an. „Vergewaltigt? Warum ist Euer Sohn ihm dann derart verfallen?“, fragte er voller Hohn. „Würde Nicolas gegen ihn aussagen? Nein?“

Satorius warf ihm einen bösen Blick zu und wandte sich halb ab. „Heinrich hat ihm den Kopf verdreht! Oder vielleicht sogar verhext! Dieses, Ding! War nicht mehr mein Sohn, sondern nur noch ein willenloses Geschöpf“, antwortete er zermürbt.

„Aah! Da kommen wir der Sache schon näher! Hexerei! Ja, genau dies habe ich auch unserem Heiligen Vater geschrieben, dass sich unser `geliebter König´“, sagte er triefend vor Spott, „mit dunklen Mächten eingelassen hat und sein Adjutant ein Hexenmeister wäre! Also, wenn wir Heinrich schon nicht der Sodomie überführen können, dann eben wegen Ketzerei! Fallen, wird er so und so“, meinte er achselzuckend.

Der Herzog von Savoyen runzelte die Stirn. „Ich habe kein gutes Gefühl dabei, diesen armen Jungen zu opfern! Amanoue ist nicht böse, glaubt mir! Der Junge hat vielleicht das zweite Gesicht, aber ein Hexer ist er nicht“, raunte er irgendwie betroffen.

„Na und? Bei unserem Kampf gegen diesen Tyrannen geht es um größeres und Opfer wird es dabei immer geben. Hauptsache, wir haben gegen Heinrich irgendetwas Triftiges in der Hand!“

Satorius nickte nachdenklich. „Habt Ihr Euch eigentlich an dieses seltsame Gebot des Königs gehalten? Wegen diesem Befehl, wir sollten alle Kornspeicher und Wasserzisternen anlegen?“, fragte er plötzlich.

Rudolf schnaubte voller Hohn. „Nein, natürlich nicht! Warum auch? Meine Kornspeicher sind voll und die Flüsse führen genügend Wasser! Habt Ihr Euch etwa an diesen Blödsinn gehalten?“

Satorius zuckte die Schultern. „Nun, ja, also wenigstens habe ich mehr Korn eingelagert, als sonst“, gab er beinahe verlegen zu, worauf sein Kumpan in Gelächter ausbrach. „Lacht lieber nicht zu früh! Wenn dieser Rat von Amanoue kam, dann, ich weiß nicht, aber ich sagte es Euch bereits, dieser Junge weiß Dinge im Voraus! Er…“

„Ja, ja, er hat das zweite Gesicht und euch alle gewarnt“, unterbrach Rudolf ihn gelangweilt.

„Ihr wart nicht dabei! Aber ich! Und ich habe es mit eigenen Augen gesehen, wie er eine Vision hatte! Er stand da, fiel um und plötzlich begann er am ganzen Leibe zu zittern und zu zucken. Es war schrecklich mit anzusehen und dann sagte er Dinge, die er unmöglich wissen konnte! Er beschrieb exakt ganze Landstriche, obwohl er dort nie zuvor gewesen war und zeigte uns auf einer Landkarte den genauen Ort an, wo die Tiraner auf uns lauerten!“, ereiferte sich Satorius regelrecht, doch auch dies ließ Rudolf kalt.

„Mein lieber Herzog! Es ist mir gleich, ob dieses Geschwafel wahr ist oder was sonst dahintersteckt! Wie ich Euch bereits sagte, Hauptsache ist, dass der König fällt und das wird er“, unterstrich er seine Worte noch mit einer vollkommen überzeugten Geste seiner rechten Hand. Er hob sie wie zu einem Schwur und lächelte Siegesgewiss. „Heinrichs Zeit als König ist abgelaufen und ich schwöre bei Gott alles dafür zu tun, was nötig ist!“

Satorius sagte nichts mehr dazu, aber bei dem Gedanken daran Amanoue zu opfern, war ihm alles andere als wohl.

***

Während Gregorius friedlich neben Henry schlummerte, fand der mal wieder keinen Schlaf. Seufzend setzte er sich auf und warf einen nachdenklichen Blick auf das entspannte Gesicht des Heilers.

Ihr Liebesspiel war nicht ganz so verlaufen, wie damals, als sie von Phineas unterbrochen worden waren. Gregorius hatte zwar zuerst die Oberhand behalten und war sehr zärtlich dabei vorgegangen, doch dann hatte Henry das Ruder übernommen und die Initiative ergriffen. Auch weil es ihm schlichtweg zu langsam gegangen war, sein Körper hatte nach Befriedigung verlangt und das hatte er sich geholt. Aber jetzt?

Warum fühlte er sich plötzlich so unwohl in seiner Haut? Fast so, als hätte er ein schlechtes Gewissen und obwohl er Gregorius wirklich ordentlich durchgenommen hatte, fühlte er sich dennoch nicht richtig befriedigt. Sein kleiner König da unten vielleicht, aber er selbst spürte gar nichts außer der gleichen Leere wie zuvor. Schlug sein Herz überhaupt noch? Kann ein Herz auch dann noch weiterhin Blut durch die Adern pumpen, obwohl es tot war? Denn genauso fühlte es sich in diesem Moment für ihn an, als wäre er tot.

Amanoue. Mit ihm war es jedes Mal die reinste Erfüllung gewesen…

Henry schüttelte sachte den Kopf, bei dem Gedanken an ihn und hätte sich am liebsten selbst geohrfeigt. Warum? Wieso nur, musste er immer wieder an ihn denken? Liebte er ihn wirklich noch oder waren seine Gefühle längst zu Hass geworden? Liebe und Hass lagen manchmal so nah beieinander…

Wieder seufzte er schwer und Gregorius blinzelte verschlafen zu ihm hoch. „Eure Majestät?“, fragte er schläfrig und Henry hätte am liebsten gelacht. Er hatte diesen Mann gerade dermaßen durchgevögelt und doch sprach er ihn mit diesem blöden Titel an! Sie hatten sich geküsst, nein, fast aufgefressen hatten sie sich gegenseitig, überall beleckt und geschmeckt, Henry hatte ihn sogar mehrfach gebissen, weil er einfach nicht genug kriegen konnte, von diesem Gefühl endlich mal wieder begehrt zu werden und alles was davon übriggeblieben war, war doch nur ein schaler Nachgeschmack.

„Ihr solltet gehen“, sagte er schlicht und einfach.

Gregorius kniff kurz stutzend die Augen zusammen, wodurch sich auch auf seiner Stirn etliche Furchen bildeten. Warum machte ihn dieses Gesicht plötzlich nur noch wütend? Henrys Magen krampfte sich bei dem Blick in diese verdutzte Visage nur noch weiter zusammen und er musste sich ernsthaft zusammennehmen. „Geht!“, wiederholte er daher lediglich und endlich nickte der Heiler.

„Ist vielleicht besser so“, meinte Gregorius nur und rutschte zur anderen Seite des Bettes rüber. Während er sich anzog, sah Henry stur weiterhin in die andere Richtung und erst als Gregorius sich direkt vor ihm verbeugte, blickte er wieder zu dem hin. „Geht es Euch gut?“, fragte der Heiler vorsichtig und Henrys Kopf bewegte sich sachte hin und her. „Eure Majestät?“

„Geht einfach!“, presste Henry zwischen den Zähnen hervor, Gregorius nickte erneut und schlurfte hinaus.

Vielleicht war sein Herz ja tatsächlich tot, es fühlte sich jedenfalls so an, nur noch kalt, wie ein lebloser Stein, aber sein Körper funktionierte trotzdem noch. Na und? Sie hatten ihm eh immer vorgeworfen, dass er ein zu weiches Herz hätte. Diese Zeiten waren von nun an vorbei, denn alles was er in Zukunft noch brauchte, war ein funktionierender Körper…

„Gregorius?“

„Ja?“, kam es augenblicklich zurück.

Oh Gott, wieviel Hoffnung in diesem einen Wort lag! Henrys Magen drehte sich beinahe bei diesem Klang um und er war ehrlich kurz davor, sich zu übergeben. Zum Glück hatte er nichts zu Abend gegessen! „Lasst Kai zu mir schicken! Und nur den! Ich möchte mit ihm reden und seid so gut und legt noch Holz nach, bevor Ihr geht!“

„Wie Ihr wünscht, Eure Majestät“, antwortete Gregorius aus dem Vorzimmer heraus und kurz darauf hörte Henry wie sich die Türe schloss.

Erstmal durchschnaufen! Einmal, zweimal, dreimal, besser! Henry stand auf, zog sich den Morgenmantel an und schlenderte nach vorn. Sollte er sich setzen? Vor den Kamin oder besser auf eine der Liegen? Nein, die Stühle sind eindeutig die bessere Wahl für ein ernsthaftes Gespräch! Denn dieses würde er gleich mit Kai führen und dem mal wieder ordentlich den Kopf zurechtrücken! Was erlaubte der sich überhaupt, IHM Forderungen zu stellen?

Kopfschüttelnd setzte sich der König in einen der beiden römischen Scherenstühle und wartete.

Kai ließ ihn allerdings nicht lange warten und schon kurze Zeit später klopfte es an der Tür. Ach ja, die Wachen sollten ja niemanden mehr zu ihm reinlassen! „Herein!“, rief Henry deswegen laut und einer der Gardisten steckte den Kopf durch den nur wenig geöffneten Türspalt.

„Eure Majestät, Vergebung, aber der Heiler sagte uns, dass Ihr Kai zu sehen wünscht?“, fragte ausgerechnet Matto. Wieder einer von Bracs Leuten, anscheinend hatten die heute Wachdienst! Und seltsamerweise schürte dessen Anblick Henrys Wut wieder an. Warum konnte er keinen mehr von diesem Trupp ertragen? Sie hatten ihm doch nichts getan, oder? Doch! Die hatten ihn alle mit verraten! Hatten sicher alle gewusst, dass ihr `geliebter Manou´, ihm wieder einmal Hörner aufgesetzt hatte!

„So lasst ihn schon durch!“, schnauzte Henry den Soldaten an und der schluckte tatsächlich.

„Jawohl, Eure Majestät“, erwiderte der Kerl auch noch und brachte Henry damit beinahe zum Platzen. Warum mussten die alle immer so viel quatschen und zu allem ihren Senf dazugeben? Wie ihn das nervte!

Endlich drückte sich Kai herein und verbeugte sich wenigstens noch vor ihm. „Da bist du ja endlich!“, fuhr der König ihn auch gleich an und der junge Diener richtete sich erstaunt auf.

„Eure Majestät? Ich bin mir keiner Schuld bewusst?! Ich war vorhin schonmal da, aber da hieß es…“

„Halt die Klappe!“, unterbrach Henry ihn barsch. „Ich rede jetzt! Und du hörst zu! Ich bin gewillt, dich weiterhin in meinen Diensten zu behalten! Von mir aus auch als mein Leibdiener, vorerst! Allerdings bin ich nicht länger gewillt, mir deine Frechheiten gefallen zu lassen! Bis ich einen neuen Diener habe, den ich mir nicht einfach so aus dem Ärmel schütteln kann, wirst du hier in meinen Gemächern deine Arbeiten erledigen und zwar alle! Und ohne zu murren! Wenn ich nach unten gehe, wird Laurin mich begleiten und mir zu Diensten stehen! Damit bist du in dieser Hinsicht ja wohl redlich genug entlastet und hast dann Zeit genug, um dir den Bauch voll zu stopfen oder auszuruhen! Ich will jetzt keine Widerworte hören! Entweder du nimmst es an oder du gehst, aber dann endgültig und auf nimmer wiedersehen! Ich habe es satt, dass mir hier jeder auf der Nase herumtanzt und denkt, er könne mit mir machen, was er will! Und wage es ja nicht, noch einmal meine Entscheidungen was Laurin betrifft, in Frage zu stellen“, drohte er gefährlich leise. „Du hast mir nur allzu deutlich zu verstehen gegeben, dass du es bereust, hinter mir gestanden zu haben, wenn du dies überhaupt jemals wirklich getan hast! Dir war doch Amanoue viel wichtiger, als ich und du hast damit genauso Verrat an mir begangen, wie er, indem du ihn decktest!“, warf er Kai voller Zorn vor, woraufhin der ihn maßlos empört ansah.

„In diesem Fall muss ich eben doch widersprechen, Eure Majestät und zwar entschieden! In all den Wochen, in denen Ihr ihn eingesperrt hattet, war ich immer für Euch da und ich habe nicht ein einziges Mal Amanoue aufgesucht!“, verteidigte der junge Mann sich sofort, doch Henry schnitt ihm wieder mit einem höhnischen Gelächter das Wort ab.

„Erzähl mir nicht, dass du dich nicht mit Marius ausgetauscht hättest! Denkst du, ich wüsste es nicht? Dass du jeden Tag heimlich zu Gregorius` Gemächern gerannt bist, um mit dessen Gehilfe zu plaudern?“, fuhr der König ihn an und Kai senkte unwillkürlich den Blick vor ihm. „Worüber wohl? Über das Wetter bestimmt nicht, also mach mir nichts vor! Und jetzt, gebe ich dir Zeit, um über meinen Vorschlag nachzudenken! Allerdings nicht lange und ich werde kein zweites Mal nach dir schicken lassen! Wenn du morgenfrüh nicht pünktlich wieder hier erscheinst, wars das und du verlässt somit augenblicklich das Schloss! Aber wo willst du dann hin? Zurück zu deinem Vater? Als drittgeborener Sohn hast du keinerlei Aussicht auf ein Erbe. Dein ältester Bruder bekommt die kläglichen Güter deiner Familie und dein zweiter Bruder hat bereits seinen Dienst beim Militär begonnen, welche Alternative dir damit bleibt, weißt du selbst. Richtig, das Kloster! Dein Vater hat dich mir damals schon regelrecht aufgedrängt, weil du einem Leben als Mönch auf keinen Fall zustimmen wolltest. Also entscheide dieses Mal selbst! Und jetzt raus“, beendete er seinen Vortrag gelassen.

Kai nickte, was allerdings eher wie zu sich selbst wirkte und verließ ohne jegliche Verbeugung oder höfische Verabschiedung das königliche Gemach. Am nächsten Morgen brachte er dem König das Frühstück und nahm damit seinen Dienst wieder auf. Mit der Hoffnung, dass Sebastian endlich zurückkehren und alles wieder richten würde.

Doch er war nicht der Einzige, der in jener Nacht eine Entscheidung traf. Als Gregorius in sein Gemach zurückkehrte, erwartete ihn Marius am Tisch sitzend. „Wo warst du so lange?“, fragte er und Gregorius wich seinem Blick aus. „Natürlich! Warum frage ich überhaupt noch“, höhnte Marius daraufhin und stutzte. „Was ist geschehen? Weshalb siehst du mich nicht an?“, verlangte er zu wissen.

Gregorius schloss kurz die Augen, ging dann um den Tisch herum und blieb stehen. „Marius, ich weiß nicht, wie ich es dir sagen soll, ES, ist geschehen“, stammelte er unerträglich leise und zermürbt.

Er brauchte es gar nicht auszusprechen, Marius wusste sofort, was er damit meinte. Langsam schüttelte er den Kopf, voller Unglauben. „Was?“, fragte er dennoch.

„Ich habe mit ihm geschlafen“, flüsterte Gregorius erstickt, setzte sich und lehnte sich mit den Ellenbogen auf den Knien und den Kopf in beide Hände gestützt, nach vorn. „Ich liebe ihn“, kam kaum noch verständlich aus seinem Mund und Marius stand zitternd auf.

Ohne ein weiteres Wort ging er nach nebenan und packte seine Sachen.

***

Amanoue beugte den Kopf leicht in den Nacken, um die Verspannungen etwas abzumildern. „Halt still!“, befahl ihm Rafael sogleich.

„Können wir nischd eine Pause machen? Diese Haltung ist anstrengend und ich stehe schon seit Stunden so da“, nörgelte Amanoue zum wiederholten Male.

„Gleich! Nur noch ein paar Striche“, antwortete der Künstler konzentriert.

„Ich kann aber nischd mehr, meine Arme tun weh und meine Rücken auch!“, jammerte sein Modell und sackte auch gleich stöhnend in sich zusammen. „Aua!“

„Verdammt! Was machst du? Ich habe die Skizze noch nicht fertig! Und wir müssen das Licht ausnützen“, tadelte Meister Rafael ihn, mit dem Kohlestift in der Luft herumfuchtelnd.

„Alles, was Ihr ausnutzt, bin ja wohl isch“, murmelte Amanoue geschafft. „So `abe isch mir das nischd vorgestellt, da mache isch lieber die Beine breit…“

„Was sagst du? Rede lauter!“, forderte Rafael ihn auf und versuchte noch einige Linien aus dem Gedächtnis heraus zu vervollständigen.

„Nischds! Isch, ich, habe Hunger!“, rief Amanoue betont laut zu ihm rüber und sprang vom Podest runter.

„Du bekommst gleich etwas zu essen“, meinte Rafael, ohne weiter auf ihn zu achten.

„Ja, fragt sisch nur, ob es noch bevor isch verhungert bin, kommt!“, maulte Amanoue vor sich hin und machte einige Streckübungen. „Oh, was gäbe isch jedsd für eine Massage!“

Rafael legte endlich den Stift weg und lächelte zu ihm hin. „Ich sagte nie, dass es nicht anstrengend werden würde“, erwiderte er neckisch, während er sich die Hände säuberte. „Na komm, lass uns zu Mittagessen“, winkte er ihn gutgelaunt mit sich.

„Wenn das jedsd das Mittagessen ist, wann esst Ihr dann su Abend? Um swölf Uhr nachts?“, spöttelte Amanoue wieder und der Maler lachte herzlich auf.

„Das würdest du dann aber verpassen! Warum ziehst du nicht bei mir ein? Ich hätte noch eine Kammer frei“, schlug er ihm fröhlich vor, während sie sich an den Tisch setzten.

Amanoue überlegte kurz und schüttelte den hinreißend hübschen Kopf. „Mh, nein, lieber nischd! Nischds gegen Euch, aber isch möchte misch nischd mehr von jemandem abhängig machen“, meinte er skeptisch.

„Warst du denn von jemandem abhängig? Von wem?“, fragte Rafael interessiert.

Amanoue zog seine Schüssel zu sich heran und begann seine kalte Suppe zu löffeln. „Esst Ihr eigentlisch jemals warm? Die Essen ist immer schon kalt“, beschwerte er sich mürrisch, ohne auf die Frage einzugehen.

Rafael brach sich ein Stück Brot ab. „Warum antwortest du mir nicht?“

Amanoue schnaufte durch, spitzte den Mund und lutschte an seiner Unterlippe. „Ich möchte nischd darüber reden“, brummte er schließlich und sein Gegenüber nickte nachdenklich.

„Wie alt bist du eigentlich?“, fragte er, ihn abschätzend musternd.

„Soll das eine Verhör werden? Isch bin so alt, wie es meine Kunden von mir wünschen! Wenn sie eine Knabe wollen, dann bin isch swölf und wenn sie misch lieber erwachsen mögen, dann bin isch es eben auch! Wieso interessiert Ihr Euch plödslisch dafür? Als Ihr misch sum ersten Male gevögelt habt, war es Euch doch auch gleich“, antwortete Amanoue recht schnippisch.

„Mir war klar, dass du noch sehr jung bist, aber ich erkannte auch, dass du nicht mehr so jung bist, wie du scheinst!“, erwiderte Rafael gelassen.

Amanoue sah ihn zweifelnd an. „Ach ja? Und wie alt schädsd Ihr misch?“

„Wenn man dich zum ersten Male sieht, wirkst du fast noch wie ein Kind. Dein zierlicher schlanker Körper, dein weiches Gesicht, deine nicht gerade stark ausgeprägte Körperbehaarung, insbesondere was den Bartwuchs angeht, lassen alles darauf schließen, dass du dem Knabenalter noch nicht entwachsen bist. Aber wenn man etwas mehr Menschenkenntnis besitzt und als Maler habe ich mir eine sehr gute angeeignet, erkennt man, dass deine Augen nicht mehr die eines Kindes sein können. Als ich in deine Augen schaute, las ich wie in einem offenen Buch darin und was ich darin sah, zeigte mir, dass du schon sehr viel erlebt haben musst“, erläuterte ihm Rafael wieder sehr grübelnd und zu seinem Erstaunen schnaubte Amanoue wie ein zynischer alter Mann.

„Da könntet Ihr sogar recht haben, was isch erlebt habe, reicht eschd für eine Leben, mindestens! Allein in den ersten fünfsehn Jahren habe isch wahrscheinlisch schon mehr erlebt, als andere in ihre ganse Leben“, brummte er voller Hohn und widmete sich wieder seinem erkalteten Eintopf.

Rafael nickte nur und begann ebenfalls zu essen. „Warum sagst du mir nicht wenigstens, wie du heißt?“, begann er aber schon kurz darauf erneut mit seinem Verhör.

„Wem interessiert`s?! Wenn Ihr mich rufen wollt, dann gebt mir doch einfach einen Namen“, antwortete Amanoue achselzuckend.

„Du bist wirklich eine harte Nuss, hm?“, seufzte Rafael und Amanoue sah ihn an.

„Isch bin hier, damit Ihr misch malen könnt und Ihr besahlt misch dafür, genau wie fürs vögeln! Alles andere geht Eusch nischds an!“

„Wer hat dich nur so verletzt?“, sinnierte Rafael leise, Amanoue warf den Löffel auf den Tisch und sprang auf.

„Hunderte! Seid Ihr nun sufrieden? Isch wurde von meine eigene Familie verkauft wie eine Deckhengst und landete in eine Bordell! Von da an war isch nur noch eine Lustsklave, der jedem su Willen sein musste! Jedsd bin isch swar immer noch eine Hure, aber isch kann mir wenigstens meine Kunden selbst auswählen!“, fuhr er den Künstler über den Tisch hinweg an. „Mir reischds für Heute“, brummte er dann, drehte sich um und stampfte wieder hinüber. Während er sich umzog, stand Rafael auf und kam ihm gelassen hinterher.

„Was machst du? Unsere Sitzung ist noch nicht fertig“, meinte er rügend.

„Für misch schon!“, schnauzte Amanoue ihn an.

„Wir haben eine Vereinbarung getroffen! Und du wirst dich daranhalten“, wurde nun auch Rafaels Ton schärfer.

„Ach!“, erwiderte Amanoue nur und sah ihn höhnisch an. „Und was wollt Ihr jedsd tun? Ihr könnt misch nischd swingen, hier su bleiben und könnt froh sein, wenn isch überhaupt noch eine Mal wieder komme, damit Ihr Eure blöde Bild fertig bekommt!“, sagte er trotzig.

Zu seiner Überraschung lächelte Rafael lediglich milde. „Du wirst wiederkommen! Denn irgendetwas sagt mir, dass du mir nicht nur um meinetwillen Modell dafür, stehst! Du hast Freude daran und möchtest dieses Werk genauso beenden, wie ich! Weshalb auch immer“, erwiderte er kühl.

Amanoue kniff ärgerlich die Augen zusammen, da es der Wahrheit entsprach. Oh ja, er wollte, dass dieses Bild fertiggestellt wurde! Auch wenn er Henrys dummes Gesicht niemals würde sehen können, aber allein die Vorstellung daran, wie der darauf starren und es nicht würde glauben können, war es ihm wert! Denn allmählich begann auch er sich mehr und mehr über Henrys Rauswurf zu ärgern. Nicht mal zu Wort hatte der ihn kommen lassen! Wenn er ihn wenigstens noch ein einziges Mal angehört hätte, ihm die Möglichkeit sich zu erklären gegeben hätte, aber was machte der stattdessen? Holte sich sofort den nächsten ins Bett! Und wie sah der aus? Natürlich blond und mit einer Haut, so weiß wie frischgefallener Schnee! Und noch dazu blutjung! Wahrscheinlich, nein, ganz sicher, auch noch unberührt!

Tief durchatmend wandte Amanoue sich halb um. „Ich komme morgen wieder, heute bin isch su aufgebracht dafür! Da kann isch nischd dümmlisch grinsen und so tun, als würde isch der gansen Menschheit ihre Sünden vergeben“, sagte er brummig und stiefelte hinaus. Rafael blickte ihm lächelnd nach und nickte zufrieden.

Es war ja erst früher Nachmittag und so schlug Amanoue den Weg zum Schloss ein. Wie immer nahm er die Landstraße, die ihn über die Felder zum Bach führte und er somit unentdeckt in den Garten gelangte.

Nachdem er sich im Pavillon eine Weile ausgeruht hatte, schlenderte er wie so oft durch die angelegten Blumenbeete, zupfte hier und da ein paar Unkräuter heraus und marschierte schließlich auf das verschlossene Tor zu. Sollte er einfach mal drüber klettern? Er könnte sich ins Wachgebäude schleichen und seine Freunde besuchen, nur auf einen kurzen Plausch und einem Bierchen…

Vielleicht könnte er dabei auch ein bisschen mehr über diesen Laurin erfahren, Benny würde ihm sicher mit Freuden alles über den berichten! Aber warum eigentlich? Was ging ihm es noch an, mit wem Henry das Bett teilte? Nichts! Und doch nagte es an ihm. Wo er den wohl durchvögelte? Womöglich sogar in seinem ehemaligen Bett? Oder gleich in Henrys eigenem?

Dessen Heiligtum, dachte Amanoue spöttisch und ärgerte sich prompt noch mehr. Was hatte damals Kai zu ihm gesagt? In dieses Bett, würde Henry nie jemanden mitnehmen, darin würde nur er allein schlafen! Ha! So ein Heuchler, immerhin hatte er selbst mal gesehen, dass das ja wohl nicht der Wahrheit entsprach und wer weiß wie viele noch darin gelegen hatten! Ja, außer ihm selbst.

Niemals hatte Henry ihn in dieses Bett gelassen, selbst als sie es kaum noch abwarten konnten, um endlich über einander herfallen zu können, hatte dieser Mistkerl ihn jedes Mal bis in das geheime Gemach geschleift!

Warum regte er sich eigentlich so auf? War ihm doch egal, wen Henry wo fickte!

Behände wie eine Katze kletterte er die hohe Steinmauer hinauf und lugte vorsichtig über den Rand. Einige Mägde kehrten gerade den Hof, ein Knecht schöpfte einen Eimer Wasser aus dem Brunnen, ein anderer trug einen Arm voll Holz zum Eingang der Küche und nur ein paar Soldaten standen dösend in der Nachmittagssonne Wache. Alles ruhig und friedlich, wie immer. Keine gesattelten Pferde standen für etwaige Ausritte bereit und vor allem nicht der weiße Hengst des Königs, nach dem Amanoue besonders Ausschau hielt.

Die Luft war also rein und so kletterte er auf der anderen Seite wieder hinab und schlich sich flink wie ein Wiesel zum Wachgebäude. Noch einmal um die Ecke gucken, alles klar und husch, husch, war er schon im Inneren des Langhauses verschwunden. Kurz blieb er nochmals hinter dem ersten Balken versteckt stehen und sondierte erstmal die Lage. Kaum einer da, gut! Ah, da hinten, die Jungs! Wenigstens ein paar von ihnen!

„Huhu?“, rief er hinter dem Balken hervor und alle anwesenden Soldaten drehten sich überrascht zu ihm um.

„Amanoue!“, entkam es nicht nur Brac erschrocken, doch der riesige Mann war der Einzige, der sogleich aufstand. „Was machst du hier?“

„Na was wohl, eusch besuchen“, antwortete Amanoue und schlenderte auf sie zu. „`allo, erstmal“, meinte er grüßend nickend, auch zu den anderen Gardisten hin und baute sich vor dem Tisch der Jungs auf. „Wieso starrt ihr misch alle so an?“, fragte er etwas irritiert, da die ihn tatsächlich wie einen Geist anstierten.

„Kleiner, bist du`s wirklich?“, brabbelte Brac und hatte ihn schon an den Schultern gepackt. „Mein Kleiner! Wusst` ich`s doch, dass du nich einfach so abhaust“, brummte der Riese gerührt und presste ihn an sich.

„B,B,B, Bra-ac, autsch, isch kriege, kei-ne Lu-uft!“, stotterte Amanoue erstickt, da Brac ihn mit einer seiner Riesenpranken am Hinterkopf haltend, gegen sich presste.

„Mein Kleiner! Hach! Und ich dachte schon, du wärst fort“, schluchzte der starke Mann nur und hob ihn auch noch hoch, um ihn besser herzen zu können.

„Ähm, Brac, wenn du mit ihm fertig bist, also vielleicht noch bevor du ihn zu Tode gequetscht hast, könntest du uns mal ranlassen?“, meinte Matto trocken und klopfte seinem Vorgesetzten auffordernd auf die Schulter. „He, Mann, es reicht! Der Kleine läuft schon blau an und zappelt wie ein Fisch an der Angel!“

„Is ja schon gut“, räusperte sich Brac schniefend und ließ Amanoue endlich los. Der plumpste wackelig auf seine Füße zurück und wurde umgehend in die nächste Umarmung gezogen, während sich alle anderen um sie herumstellten und ihm von allen Seiten auf Rücken und Schultern klopften.

„Du liebe Seit, isch war doch nur ein paar Tage weg“, murmelte er und entwand sich aus Mattos Arme. „Was ist denn mit eusch los?“

„Da fragst du noch?! Mann, wir dachten echt, dass du einfach auf und davon bist!“, antwortete Finn, ihn noch immer recht ungläubig musternd.

„Ohne misch su verabschieden?“, erwiderte Amanoue regelrecht empört und setzte sich auf seinen Stammplatz. „Kann isch eine Birr haben?“

Ausgerechnet Benny nickte wieder als erster und spurtete auch schon los. Amanoue sah ihm verdutzt nach und dann alle anderen am Tisch. „Was ist hier los?“, fragte er nochmals.

„Hast uns halt gefehlt“, meinte Matto achselzuckend.

„Benny?“, entkam es Amanoue zweifelnd und alle lachten.

„Ach Kleiner, alles ist irgendwie anders, seit du fort bist, also, seit du nich mehr drüben bist, bei…“, brummte Brac und seufzte schwer.

„So? Na was denn?“, wollte Amanoue neugierig wissen.

„Alles, eben!“, wiederholte Benny höhnisch und stellte ihm ein frisch gezapftes Bier hin. „Es ist, ach, wie soll ich es sagen, völlig beschissen, um es mal wie Matto es nennt, auszudrücken“, sagte er, die Augen verdrehend und seine Kameraden nickten einstimmig.

Amanoue starrte ihn ungläubig an. „Aha. Und weshalb? Isch hörte, dass es bald eine große Feier geben würde, zu eine Taufe, von wem auch immer“, meinte er darauf und Brac stieß ihn sofort sich laut räuspernd an. Amanoue sah blinzelnd zu ihm und der Riese schüttelte ermahnend den Kopf.

„Ja, ja, die Taufe des kleinen Kronprinzen!“, sagte er laut und überdeutlich. „Zu Ostern! Das wissen wir schon! Aber sag, wo hast´n gesteckt?“

„Isch versteh kein Wort, welsche Kronpri…“ Weiter kam Amanoue nicht, da ihn Brac wieder kräftig an sich drückte und herzte.

„Kein Wort mehr, über Henrys Kind!“, raunte er leise flüsternd in Amanoues Ohr und ließ ihn wieder los. „Ich würd` sagen, wir stoßen erstmal an, hm?“, rief er vergnügt aus und Amanoue sah ihn sehr skeptisch an.

„Na gut, wie du meinst“, erwiderte er und alle stießen kräftig miteinander an.

„Jetzt sag schon, wo hast`n gesteckt?“, hakte Matto wieder nach und Amanoue hob die Schultern.

„Isch wohne jedsd in die Stadt, in eine Gasthaus. Es ist swar nischd gerade die feinste Adresse, aber wenigstens einigermaßen sauber und günstig“, meinte er.

„Und wie bezahlst du`s?“, fragte Matto erstaunt. „Also ewig wird das bisschen, was du hier verdient hast, auch nicht reichen, oder?“

„Ja, aber isch `abe eine recht lukrative Nebenbeschäftigung gefunden und außerdem erledige isch noch eine paar kleine Arbeiten, für die Wirt“, redete Amanoue sich heraus. „Aber nun ersählt ihr erstmal, was läuft denn so, also drüben? Habe isch was verpasst?“, versuchte er von sich abzulenken und Benny setzte sich augenblicklich in Position.

„Es ist schrecklich! Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sich dieser Giftzwerg aufführt! Als wäre er sonst wer!“, regte er sich theatralisch auf. „Der denkt echt, er könnte sich alles herausnehmen und seine Majestät unternimmt gar nichts, dagegen! Er lacht nur darüber und nimmt ihn sogar noch in Schutz! Stell dir vor, der hat neulich sogar Bernard aus den königlichen Gemächern geschmissen und seine Majestät hat Bernard noch dafür gerügt! Und dabei hatte der es nur gutgemeint und seine Majestät nach einem Schwächeanfall in dessen Gemach begleitet! Kannst dir ja vorstellen, wie sauer Bernard deswegen war! Immerhin sind wir doch nicht irgendwelche gewöhnlichen Gardisten! Nach alldem, was wir für Henry getan haben!“, sagte er beleidigt und nicht nur Matto nickte beipflichtend.

„So viel, dazu, dass er uns mal seine persönlichen Freunde nannte“, knurrte der höhnisch. „Da hat sich unser lieber Alec wohl doch getäuscht! Wir gehen dem Alten doch allesamt am königlichen Arsch vorbei! Mich hat er auch schon blöd angemacht!“

„Ich hab`s dir doch gesagt, seine Majestät behandelt uns mittlerweile alle, wie Luft!“, warf Benny wieder schnippisch ein.

„Du bist doch nur sauer, weil du seinen Steigbügel nicht mehr halten darfst“, raunte Matto spöttisch herüber.

„Ach halt doch die Klappe!“, zischte Benny ihn an und drehte sich weg.

Amanoues Augenbrauen waren immer weiter nach oben gewandert und er blickte unschlüssig zwischen ihnen hin und her. „Puh! Was soll isch sagen, isch bin escht platt“, meinte er verwundert. „Wo ist Bernard eigentlisch? Und die Rest?“

„Wir haben heute frei und sie wollten in die Stadt! Halt mal raus, aus diesem Irrenhaus, denn mehr ist es mittlerweile echt nicht mehr, seit“, Matto seufzte schwer, „naja, seit du halt weg bist. Der Alte ist echt nicht mehr zu ertragen!“, beschwerte er sich, die Augen verdrehend.

„Und diese Laurin? Ähm, äh, also, was ist er denn eigentlisch, für ihn?“, fragte Amanoue, sich irgendwie unwohl windend.

„Eigentlich ist der Wicht sein neuer Page, aber wenn du mich fragst“, schnaubte Matto wieder voller Hohn.

„Hm?“, machte Amanoue verwirrt und alle, außer Benny, sahen ihn verständnislos an.

Matto nickte auch prompt in dessen Richtung und grunzte spöttisch. „Na lass dir das ruhig von unserem lieben Bennylein erklären! Der kann dir genau sagen, was seine `Pflichten´ als Page seiner Majestät waren. Nicht wahr, Bennylein?“

„Du bist so ein Arsch!“, fuhr der ihn wieder an, während Amanoue mehrmals verlegen zwinkerte.

„Ach so“, murmelte er erkennend und wieder nickten ihm die anderen bestätigend zu.

„Genau, so!“, sagte Matto hämisch grinsend und machte einen großen Schluck.

„Naja, so genau, wissen wir`s natürlich nicht“, meinte Brac, sich am Hinterkopf kratzend. „Henry redet ja nicht mal mehr, mit mir! Ich hab`s `n paarmal probiert, aber der hat mich eiskalt abblitzen lassen“, brummte nun auch er eingeschnappt. „Wir wissen nur, was wir während der Wache mitkriegen oder halt während der Audienzen und da muss ich Benny leider rechtgeben, dieser kleine Pisser führt sich auf, als hätte er hier das sagen und dabei is er nicht mehr, als der königliche Arschabwischer! Ich sag dir was, Kleiner! Wenn der gute alte Sebastian noch da wäre, der würde diesem Wicht sowas von in den Arsch treten!“

„Bis er Galopp läuft?“, meinte Amanoue grinsend und alle lachten auf.

„Oh ja, Kleiner!“, erwiderte Brac und klopfte ihm auf die Schulter. „Aber jetzt noch mal zu dir, was machst`n so den lieben langen Tag und was hast`n noch vor? Willste noch länger hierbleiben, also in der Stadt?“

Amanoue holte tief Luft und hob unschlüssig die linke Schulter. „Isch weiß es ehrlisch gesagt noch nischd. Erstmal muss isch genügend Geld susammenbringen, damit isch fort gehen kann. Isch dachte, isch reise erst einmal an diese große Fluss surück, ihr wisst schon, der, an dem wir lagerten, vor Colonia. Von da aus könnte isch mit eine Boot sum Meer gelangen und dann mit eine Schiff nach Hause fahren“, antwortete er und seufzte im gleichen Moment schwer. „Nach Hause, isch weiß ja nischd einmal mehr, ob es das noch für misch ist…“

„Ach je, Kleiner“, sagte Brac mitfühlend und stieß ihn freundschaftlich an. „Heimat ist da, wo für einen das Herz schlägt und man seine Freunde hat!“

„Eben! Und meine Hers schlägt inswischen hier und eusch su verlassen, fällt mir alles andere als leischd, dass könnt ihr mir glauben“, seufzte Amanoue erneut tief bestürzt.

„Aber hierbleiben, kannst du auch nicht“, warf Matto besorgt ein. „Dem Alten traue ich mittlerweile alles zu! Wenn der dich in seine Finger kriegt, bist du am Arsch, Kleiner!“

Amanoue senkte bitter den Blick. „So schlimm? Meint ihr ehrlisch, dass er misch umbringen würde?“, fragte er leise.

„Wir wissen es nicht, aber“, Brac zuckte die massigen Schultern, „Henry ist echt nicht mehr er selbst! Früher hat er zu den Feiertagen immer Milde walten lassen und oft Begnadigungen erlassen. Vor Weihnachten und vor allem vor Ostern! Aber dieses Mal hat er nicht eine einzige arme Sau vor dem Strick gerettet! Es kümmert ihn überhaupt nicht mehr, wen die Richter zum Tode verurteilen! Das sind oftmals nur einfache Diebe, verstehst du? Die armen Schweine klauen ein Brot, weil sie kurz vor dem Verhungern stehen und sollen dafür aufgehängt werden! Und gerade nach dem harten Winter sind die Kerker voll davon“, brummte er mürrisch.

„Das ist ja furchtbar“, entkam es Amanoue schockiert. „Aber warum macht er sowas? Das sieht ihm gar nischd ähnlisch, isch kann das nischd glauben“, sagte er fassungslos, doch Matto schnaubte nur wieder.

„Alle Begnadigungsersuche landen bei Wilhelm! Der sieht sie durch und entscheidet, welche an seinen Bruder weitergeleitet werden. Tja, blöd nur, dass unser lieber König anscheinend keinen Bock mehr darauf hat und sich lieber anderweitig beschäftigt“, raunte er zynisch.

„Was meinst du?“, fragte Amanoue ihn stutzig.

Matto legte den Kopf schief. „Na was wohl?! Der bumst lieber seinen Pagen oder“, weiter kam er nicht, denn Brac schlug plötzlich direkt vor ihm mit der Faust auf den Tisch.

„Es ist genug! Er ist trotzdem immer noch unser König! Und Gott allein weiß, warum er so geworden ist!“, blaffte er ihn an.

„Na das wissen wir doch“, mischte sich Benny ein. „Manou ist doch allem Anschein nach, der Grund dafür!“, sagte er ganz wie früher und Amanoue sah ihn empört an.

Doch dann senkte er gleich wieder die Augen und nickte zart. „Ja, du hast reschd, wahrscheinlich trage isch die Schuld daran, an allem und deshalb ist es auch besser, wenn isch endgültig von hier fortgehe“, bekannte er geknickt.

„Gequirlte Hühnerkacke!“, rief Matto wütend aus. „Gut, du hast ihn vielleicht beschissen, auch noch mit `nem Weibsbild, aber deshalb führt der sich doch nicht plötzlich so auf!“, sagte er verständnislos.

„Es war ja nischd irgendeine Weibsbild“, nuschelte Amanoue leise.

„Manou! Halt die Klappe!“, fuhr Brac ihn an. „Niemand, muss es weiter erfahren! Kapiert?“, sagte er sehr ernst und Amanoue nickte betroffen.

„Was? Hm? Nun sag schon!“, bohrte Matto sogleich nach und fasste ihn am Arm.

„Matto, bitte, isch kann es eusch nischd sagen! Aber es ist wahr, isch bin an allem Schuld und was isch ihm angetan habe, ist so schlimm, dass isch es nie wieder gut machen könnte. Glaubt mir, jede Tag verfluche isch misch selbst dafür und isch hoffe so inständig, dass er misch eines Tages vergisst und einfach nur wieder glücklisch wird“, antwortete er tieftraurig.

„Das hättest du dir früher überlegen sollen“, brummte Brac und leerte seinen Krug.

Amanoue nickte nur wieder, doch Matto ließ nicht locker. „Und weshalb sollen wir es nicht erfahren, hm?“, schnauzte er über den Tisch. „Wir halten doch dicht, Mann! Haben wir immer getan und ganz gleich, welches Frauenzimmer er auch flachgelegt hat, in Averna haben wir auch geschwiegen! Also was soll diese ganze Heimlichtuerei jetzt? Die Königin wird’s ja wohl nicht gewesen sein“, sagte er spöttisch grinsend, was allerdings sofort zu Eis gefror, als er Amanoues bekümmerte Miene sah. Als dieser auch noch leise schluchzend die Augen schloss, lehnte er sich fassungslos zurück. „Nee, oder?“, stammelte er ungläubig und schlug sich entsetzt eine Hand vor den Mund, als Amanoue weinend das Gesicht hinter den Händen verbarg.

„Du hast die Königin gevögelt?“, piepste Finn schreckensbleich und Brac gab ihm eine Kopfnuss.

„Klappe!“, raunte er beschwörend und alle schluckten erst einmal.

„Heilige Scheiße“, fluchte Matto und brach in ein ungläubiges Gelächter aus.

„Das ist nischd komisch“, schluchzte Amanoue erbarmungswürdig.

„Nee, is es nicht! Aber, nee, das gibt’s einfach nicht! Ich glaub`s nicht, du hast echt Sybilla, also, so richtig?“, stammelte Matto kopfschüttelnd herum und lachte erneut. „Ich fasse es echt nicht! Aber jetzt macht alles einen Sinn! Deshalb schiebt er sie also in ein Kloster ab?! Wahnsinn, echt, Respekt! Vor dem Alten! Also ich hätte euch beiden die Rübe runterhauen lassen“, meinte er fassungslos.

„Matto, es reicht jetzt!“, ermahnte Brac ihn wieder. „Und, kein Wort darüber! Zu niemandem, oder ich mache euch alle einen Kopf kürzer! Klar? Henry ist gebeutelt genug, da brauch er nicht noch Getratsche hinter seinem Rücken“, brummte er durchschnaufend.

Alle am Tisch nickten, auch Matto. „Trotzdem, Kleiner, ich habe ja für vieles Verständnis, aber da hast du dieses Mal echt den Vogel abgeschossen, Glückwunsch!“

Amanoue wischte sich das Gesicht mit seinem Ärmel trocken und sah ihn ernst an. „Denkst du etwa, dass isch es nischd bereue? Jede verdammte Tag, bereue isch es! Und isch würde es am liebsten ungeschehen machen, aber isch kann es nischd“, schluchzte er erneut los.

„Nee, Kleiner, bei aller Freundschaft, aber das geht gar nicht! Irgendwo hört`s auf! Du hättest von mir aus, alle Weiber der Welt haben können, ist mir scheißegal, aber bei einer bestimmten, nee“, meinte Matto nur wieder verständnislos. „Das Kind ist aber schon von ihm, oder?“, fragte er, eigentlich nur zynisch gemeint und wieder viel ihm das Gesicht herab, genau wie bei Finn und Benny, als sie Amanoues verzweifeltes Schluchzen vernahmen.

„Ja!“, donnerte Brac sie an. „Das Kind ist von IHM! Es ist Henrys rechtmäßiger Erbe und jetzt ist endgültig Sense! Schluss, aus, Ende!“

Matto nickte nur erkennend und zog seinen Krug heran. „Naja, jetzt kann ich den Alten wenigstens verstehen und kann es echt nachempfinden, warum er so drauf ist! Und ganz ehrlich? In Zukunft werde ich wesentlich gelassener mit seiner miesen Laune umgehen“, sagte er, bevor er den Humpen auf einen Zug leerte.

„Scheiße, Mann“, entfuhr es Finn, vor Entsetzen so kalkweiß im Gesicht, wie man es sonst nur von Benny gewohnt war.

***

Amanoue lag auf seinem schmalen Bett und starrte schon seit geraumer Zeit an die rußgeschwärzte Zimmerdecke. Wie immer nagte auch jetzt das schlechte Gewissen an ihm und es war seit seinem Besuch im Wachgebäude sogar noch schlimmer als sonst schon. Was hatte er nur getan, was hatte er Henry angetan? Seinem Henry…

Es klopfte an der Tür und so blinzelte er erst einmal verwirrt. „Äh, ja?“, fragte er und die Türe öffnete sich.

Der Wirt streckte den Kopf herein und grinste ihn auf seine habgierige Weise an. „Da ist einer unten, der hat nach dir gefragt!“, bellte er in den Raum. „Kommst du runter oder soll ich ihn gleich raufschicken?“

„Ist es Rafael?“, fragte Amanoue gelangweilt.

„Nein! Ist noch nie hier gewesen! Sieht ganz gut aus, der Kerl! Groß und breitschultrig und scheint aus gutem Hause zu sein, wenn du verstehst“, sagte er und rieb seine Daumen und Fingerspitzen dabei aneinander, um ihm zu zeigen, dass derjenige wohl auch genügend Geld springen lassen würde.

„Ich bin heute su geschafft“, antwortete Amanoue allerdings abweisend und der Wirt kam ins Zimmer.

„Jetzt pass mal auf! Der Kerl hat Geld und das hat er mir bereits deutlich zu verstehen gegeben! Wir beide haben eine Abmachung! Ich schleuse dir die Kunden zu und bekomme dafür meinen Anteil, aber seit du mit diesem Maler zusammen bist, habe ich keinen Heller mehr gesehen! Also, was ist, schaust du dir ihn wenigstens mal an?“, verlangte er mürrisch und Amanoue schnaufte genervt aus.

„Geld, Geld, Geld! Ist das alles, was für disch sählt? Du bekommst doch drodsdem die Miete für die Simmer und jedsd verschwinde! Schick ihn weg, ich will heute nischd, kapiert?!“, fuhr er den Wirt an, was den allerdings nicht zu kümmern schien.

„Ich kann die Miete auch erhöhen, verstanden? Oder dich gleich rauswerfen und das Zimmer wieder an eines der Mädchen vermieten, wenn`s dir nicht passt! Außerdem scheint der dich zu kennen, der hat nämlich ziemlich direkt nach dir gefragt und dich genau beschrieben! Was ist jetzt?“, blaffte der zurück und Amanoue setzte sich endlich auf.

„Er kennt mich?“, fragte er erstaunt nach und der Wirt nickte.

„Offensichtlich! Wie gesagt, der Kerl ist recht groß, blond und echt gutaussehend! Soll ich ihn raufschicken? Entscheide dich endlich, ich hab nicht ewig Zeit“, murrte er.

Amanoue runzelte nur noch mehr die Stirn und nickte schließlich. „Ein Hauptmann der Garde?“, fragte er und der Wirt schüttelte den Kopf.

„Also das Gardemaß hätte der schon, aber er sieht nicht aus, wie einer! Trägt zivile Kleidung“, antwortete er und drehte sich auch gleich noch um. „Ich schick ihn einfach hoch, mir reichts jetzt“, murmelte er und schlurfte hinaus.

Amanoue stand auf und wartete gespannt auf den vermeintlichen Kunden. Im ersten Moment hatte er bei der Beschreibung des Wirtes an Satory gedacht, doch woher sollte der wissen, wo er steckte? Kai! Na klar, der hatte sicher wieder nicht seinen Mund gehalten! Noch während er darüber nachgrübelte, öffnete sich erneut die Tür und Bernard trat rasch herein. „Bernard?“, kam es mehr als überrascht aus Amanoues Mund und der Savoyer baute sich direkt vor ihm auf.

„Kannst du mir mal verraten, was du hier machst?!“, schnauzte der ihn auch sofort an. „Ich wollte es nicht glauben! Pack augenblicklich deine Sachen zusammen!“

Amanoue machte einen Schritt rückwärts und sah zu ihm auf. „Langsam reischds mir! Wieso fragt misch jeder, was isch hier mache! Obwohl isch genau dieselbe Frage stellen könnte! Und woher, weißt du eigendlisch, wo isch bin?“, fuhr er den Gardisten an.

„Von Kai!“, antwortete der schnippisch.

„Natürlisch!“, regte Amanoue sich auf und warf die Hände in die Höhe. „Diese blöde Idiot! Kann der nischd eine Mal, seine Klappe halten!“

„Zum Glück, hat er sie nicht gehalten! Und jetzt mach was ich dir sagte, oder bei Gott, ich bringe dich mit Gewalt von hier fort!“, drohte Bernard ihm ernst.

Amanoue sah ihn baff an und lachte zynisch auf. „Was geht’s disch eigentlisch an, hm? Es ist meine Leben und vor allem, meine Körper!“, blaffte er.

„Und ich bin dein Freund! Denkst du allen Ernstes, dass ich dabei zusehe, wie du dich verkaufst und nichts unternehme? Diesen Fehler habe ich einmal begangen und dir nicht beigestanden, das passiert mir nie wieder! Seit ich dich damals von diesem Schwein Laurentis abgeholt habe, habe ich mir dies geschworen!“, schimpfte Bernard ebenso aufgebracht zurück. Dabei beugte er sich wieder drohend nach vorne und Amanoue stemmte, sich ebenfalls nach vorn gebeugt, die Hände in die Taille.

„Du bist mir nischds schuldig! Gar nischds! Also was soll der Scheiß? Isch bin diese Mal aus freie Stücke hier, kapiert? Und es ist gans allein meine Sache und geht disch nischds an! Also au revoir, da ist die Tür!“

„Ach so läuft das hier! Du schmeißt mich also einfach raus und denkst, du hättest mich los, ja? Falsch gedacht, Schätzchen! Ich werde nicht ohne dich gehen!“, schimpfte Bernard empört zurück, wobei sich beide noch näherkamen. Nasenspitze an Nasenspitze standen sie voreinander und blickten sich wütend in die Augen, bis Amanoue nachgab und zur Seite sah.

„Entweder du gehst, oder du sahlst mir die vergeudete Seit“, sagte er so kalt, dass Bernards Herz gefror.

„Gut, wenn das so ist, bitte“, erwiderte der blonde Savoyer ebenso kalt und zog seinen Geldbeutel hervor. „Was kostet die ganze Nacht? Egal, ich denke, das müsste reichen“, meinte er und warf eine Silbermünze aufs Bett.

„Ist das deine Ernst?“, fragte Amanoue verblüfft und Bernard zuckte die Achseln.

„Was? Ich denke nicht, dass du sonst mehr verdienst, in einer Nacht! Allzu viele Kunden wirst du sicher nicht haben, oder? Wie viele bedienst du denn sonst so? Einen? Zwei? Mehr sind es ganz bestimmt nicht und ich kenne die Preise für eine gewöhnliche Nutte! Und, ich weiß auch, dass Lustknaben in der Regel viel billiger sind! Dein Wirt war so frei und nannte mir deinen Lohn im Voraus! Fünf Kupfermünzen! Von denen er wahrscheinlich noch drei davon abbekommt! Da ist dieser Silberling wohl mehr als genug“, sagte er, marschierte zu dem einzigen Stuhl, drehte den um und setzte sich rittlings darauf.

Amanoue war einfach nur sprachlos und so starrte er ihn auch an. Wobei er sich eingestehen musste, dass Bernard mehr als recht hatte und, was ihn noch mehr ärgerte, der mal wieder verboten gut aussah. Er trug halbhohe, rötlich-braune Stulpenstiefel, dazu eine dunkelbraune Hose aus feinem Leinen und darüber eine überaus edle hellbraune, mit Goldbrokat eingefasste knielange Tunika und wirkte darin wie ein wohlhabender Edelmann. Zwar dezent, aber alles in allem sehr elegant. Das schulterlange blonde Haar hatte er zurückgekämmt, wobei ihm eine einzelne gewellte Strähne lässig nach vorne fiel und seinem attraktiven Gesicht noch zusätzlich schmeichelte. Kurz, er sah geradezu unverschämt gut aus, in seiner arrogant-lässigen Art und dieser Umstand ließ Amanoue beinahe vor Wut überschäumen. „Raus!“

Bernard blickte sich gelangweilt um. „Hast du nichts zu trinken da? Wie wäre es mit einem Becher Wein, der ist doch sicher bei dieser guten Bezahlung dabei? Wenn nicht, spendiere ich dir auch einen“, meinte er hochnäsig.

„Hast du misch nischd verstanden? Mach dass du rauskommst, sofort!“, schrie Amanoue ihn an.

Bernard sprang auf und mit einem Satz zu ihm hin. Ehe Amanoue sich versah, hatte der Gardist ihn gepackt und zerrte ihn mit sich zum Bett. „Und wenn ich dich wirklich durchficke? Wenn du nur einen weiteren Kunden willst, bitte schön, dass kannst du haben“, raunte er jetzt ebenfalls wütend und warf ihn auf die Matratze.

Amanoue rappelte sich sofort wieder hoch und sah ihn von unten herauf bitterböse an. „Versuch`s doch! Isch kradse dir die Augen aus, wenn du misch anfasst“, fauchte er wirklich wie ein angriffslustiger Panther.

Bernard verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte nur den Kopf. „Eigentlich hätte ich eher Lust, dich übers Knie zu legen“, meinte er und wandte sich um. „Warum machst du das?“, fragte er bitter und tief enttäuscht. „Ich bin hier, weil ich dir helfen will, verdammt! Aus Freundschaft, mehr nicht! Was denkst du, werden die anderen Jungs sagen, hm?“, drehte er sich wieder zu ihm um. „Denkst du, die würden auch einfach achselzuckend dabei zusehen, wie du dich hier verkaufst? Nach allem, was wir mit dir erlebt haben? Nicht mal Benny würde hierbei tatenlos zusehen, du Idiot!“

Amanoue sah genervt zur Seite. „Isch brauche eure Hilfe nischd! Und isch mache das hier nur noch solange, bis isch mir eine Überfahrt nach Asconien leisten kann“, murrte er schnippisch.

Bernard schnaubte spöttisch. „Dann wirst du aber noch verdammt lange deine Beine breitmachen müssen, viel Spaß dabei“, erwiderte er und ging.

Vor lauter hilfloser Wut schnappte sich Amanoue die Wasserkanne und schleuderte sie ihm hinterher. Das hölzerne Gefäß landete allerdings nur noch krachend an der bereits wieder zugezogenen Türe und sprang entzwei. „So eine Mist, jedsd kann isch die auch noch besahlen!“, wimmerte er zu sich selbst und ließ sich plumpsend aufs Bett fallen.

Und wenn er doch die Jungs um Hilfe bitten würde? Nein! Er hatte schon einmal einen von ihnen um Hilfe gebeten und der hatte es gnadenlos ausgenutzt! Und dafür eine `besondere´ Entlohnung verlangt! Wenn er schon für Geld anschaffen gehen musste, dann lieber hier, mit Kunden, denen er nichts schuldig blieb und keine Rechenschaft ablegen musste. Außerdem war da ja auch noch Rafael. Der bezahlte ihn zwar auch nicht so gut, wie er versprochen hatte, nur zehn Kupferpfennige pro Stunde und davon musste er auch noch das Zimmer bezahlen. Allein fünfzig Kupferstücke verlangte dieser Halsabschneider von Gastwirt für eine Woche, plus seine Vermittlungsgebühr für jeden Kunden. Blieb also nicht viel übrig.

Gut, er bekam wenigstens kostenlos zu essen, wenn er dem Künstler Modell stand. Sollte er doch dessen Angebot annehmen und zu ihm ziehen? Seufzend ließ er sich nach hinten fallen und dachte angestrengt nach. Verdammt, wie er es auch drehte und wendete, Bernard hatte recht. Er würde wahrscheinlich Monate brauchen, bis er das Geld für die Reise zusammen hatte.

***

Henry wirkte recht gelangweilt, als sein Bruder ihm die Bittschrift vorlas. „Hast du mir eigentlich zugehört?“, fragte Wilhelm mürrisch.

„Hm?“

Wilhelm rollte das Pergament zusammen und warf es auf den Tisch, wobei er kurz versucht war, es lieber seinem Bruder um die Ohren zu hauen. „Das ist jetzt der fünfte Brief! Überall das gleiche! Die Wintersaat ist erfroren! Heinrich! Würdest du mir bitte mal zuhören und aufhören, diesen, ach verdammt, mir reichts langsam!“, knurrte er, mit einem angewiderten Blick auf Laurin, der wie immer zu Henrys Füßen saß und sich von dem mit kleinen Häppchen füttern ließ.

„Die Bauern haben zwar alle im März nachgesät und der Weizen ist auch aufgegangen, aber wenn es nicht bald regnet, sieht es schlecht aus“, sagte Richard, ebenfalls sehr brummig.

„Und? Was soll seine Majestät dagegen unternehmen?“, fragte Laurin zickig und genoss die nächste Leckerei. „Der König kann es auch nicht regnen lassen, also weshalb belangt Ihr ihn mit diesen widrigen Botschaften?“, setzte er mit vollem Mund hinzu und Wilhelm war ernstlich versucht, ihm den Hals umzudrehen.

„Gott sei Dank, haben wir auf Am…, äh, haben wir zusätzliche Kornspeicher angelegt“, entkam es Richard, die Hände wie zum Gebet gefaltet und zur Zimmerdecke hinaufblickend.

„Ja, zum Glück, und zwar für uns alle! Der Rat war in der Tat Gold wert“, murmelte Wilhelm vor sich hin. „Der Junge, ist, oder war, Gold wert…“

„Wer? Ich? Ja, ich weiß“, meinte da Laurin ganz offensichtlich sich damit und lächelte zu Henry hoch. „Na? Ich habe noch Hunger, wo bleibt mein Leckerli?“, flötete er fordernd und Wilhelm sog die Luft ein.

„Ich, ich“, zischte er, beide Hände hochnehmend, als würde er jemanden erwürgen wollen und Richard legte die seine darauf.

„Es war deine Idee, lieber Neffe! Also lebe jetzt damit“, säuselte er genussvoll hämisch.

„Aber doch nicht so!“, brauste sein Neffe auf. „Heinrich! Wenn du diesen Giftzwerg nicht sofort rausschickst, kann ich für nichts mehr garantieren! Merkst du nicht, wie dieses Miststück dich mehr und mehr manipuliert?! Der antwortet ja bereits für dich!“, brüllte Wilhelm plötzlich los und Henry wandte ihm endlich den Blick zu.

„Ist mir ehrlich gesagt egal, was ihr beschließt, ihr macht das schon“, erwiderte der König gelassen und stand auf. Er klopfte sich einmal auf den Schenkel, Laurin erhob sich und folgte ihm wie ein braves Schoßhündchen. Allerdings nicht, ohne ein bissiges Grinsen über seine Schulter zurückzuwerfen und Wilhelm ballte beide Hände zu Fäusten.

„Bleib ruhig“, ermahnte Richard ihn beschwichtigend und wartete, bis beide den Raum verlassen hatten.

„Ich bring ihn um!“, zischte Wilhelm aufstehend und lief ganz nach Henrys Manier durchs Zimmer.

„Ich wüsste eine andere Lösung, für unser Problem“, raunte Richard nachdenklich.

„Ach! Und was? Henry interessiert sich doch nur noch für dieses kleine Biest!“, schrie Wilhelm ihn an.

„Hör auf, mich anzuschreien! Immerhin hast du dieses Biest hierhergeholt!“, brummte sein Onkel missmutig und legte die Fingerspitzen aneinander. „Wir brauchen einfach ein anderes kleines Biest. Eines, das diesem Giftzwerg überlegen ist und zwar in jederlei Hinsicht! Wir müssen Amanoue zurückholen“, sagte er und Wilhelm starrte ihn an.

„Und wie? Weißt du überhaupt, wo er ist?“, fragte er sofort gespannt nach und Richard nickte zumindest halbwegs.

„Ich weiß zwar nicht, wo er sich momentan aufhält, aber ich weiß, wo wir ihn finden können“, antwortete er und Wilhelm schüttelte verwirrt den Kopf.

„Häh?“

„Pass auf! Ich war im Garten und sonderbarerweise, scheine ich nicht der einzige heimliche Besucher dort gewesen zu sein! Es waren Trittspuren im Kies und als ich das vorletzte Mal im Garten war, wuchs in den Blumenbeeten noch wesentlich mehr Unkraut! Irgendwer hat es also ganz offensichtlich ausgezupft und außerdem hat Sirrah wie verrückt geschnüffelt. Sie ist der Spur gefolgt bis zum Pavillon und blieb dort eine Weile winselnd sitzen, bis sie plötzlich weiterlief, Richtung Bach.“

„Und?“, fragte Wilhelm verwirrt.

„Was, und? Wer glaubst du wohl, war der Besucher, hm? Es kann doch nur Amanoue gewesen sein! Und er kam ganz offensichtlich vom Bach her! Über den Hof kann er ja kaum gekommen sein! Allerdings hat jemand den Balken vom Tor entfernt, er war also schon öfter im Garten, auch schon, als er noch bei Brac drüben lebte. Da Amanoue den Balken unmöglich allein entfernt haben kann, dafür wären mindestens zwei kräftige Männer nötig oder auch nur ein besonders starker, hatte er also Hilfe und von wem?“, meinte Richard auffordernd und Wilhelm nickte wissend.

„Brac!“

„Richtig!“, bestätigte ihm sein Onkel. „Ich gehe jede Wette ein, dass zumindest der weiß, wo sich Amanoue inzwischen versteckt hält aber das interessiert im Moment auch nicht. Wir wissen jetzt, dass der Kleine sich regelmäßig im Garten aufhält und genau diese Tatsache werden wir uns zu Nutze machen!“

Wieder schien Wilhelm nicht zu begreifen. „Hm?“

Richard rollte mit den Augen. „Verstehst du nicht? Wir müssen uns nur auf die Lauer legen und abwarten, bis Amanoue wieder in den Garten kommt!“

„Und was dann? Willst du ihn einfach entführen? Ich glaube kaum, dass der freiwillig mit uns mitkommt“, meinte Wilhelm spöttisch.

„Das muss er auch gar nicht! Ich habe da einen Plan! Alles, was wir tun müssen, ist, Henry irgendwie in den Garten zu bekommen und zwar genau dann, wenn auch Amanoue dort ist!“, erwiderte Richard mit zusammengekniffenen Augen und verschwörerisch nickend.

„Du liebe Zeit! Der wird da sicher nicht sehr erbaut darüber sein! Was, wenn er den Jungen gefangen nehmen lässt? Und…“, widersprach sein Neffe zweifelnd.

„Und ihn doch noch hinrichten lässt?“, fragte Richard zynisch und schüttelte gleich wieder den Kopf. „Nein, das denke ich nicht und wenn doch, bist du ja dann wohl schuld daran! Du hast Henry doch ständig deswegen aufgehetzt!“, warf er Wilhelm mürrisch vor. „Naja, vergessen wir das mal“, brummte er weiter, „also, wie gesagt, ich glaube, oder hoffe zumindest, dass Henry Amanoue nichts antun wird! Er liebt ihn noch immer, davon bin ich felsenfest überzeugt und wenn er ihn erst einmal wiedersieht, dann…“

„Ergibt sich alles weitere von allein!“, vervollständigte Wilhelm nickend den Satz. „Denkst du wirklich, das könnte klappen?“

Richard nickte erneut nur halbwegs und noch dazu recht skeptisch. „Ich weiß es nicht, aber einen Versuch wäre es wert. Ich kann nur hoffen, dass es nicht zu Amanoues Lasten geht“, antwortete er seufzend.

„Tja, dieses Risiko müssen wir wohl eingehen“, sagte Wilhelm achselzuckend und schnaufte ebenfalls schwer durch. „Mir ist der Asconier auf alle Fälle lieber, als diese Schmeißfliege Laurin! Amanoue war wenigstens noch händelbar, aber der andere entwickelt sich langsam zu einer echten Katastrophe, für uns! Ich kann dieses Miststück nicht mehr sehen und bevor noch ein Mord geschieht, ist es sicher das Beste, wenn wir ihn einfach wieder gegen Amanoue austauschen könnten. Aber, wie willst du Henry in den Garten bekommen?“

„Dieses Mal, lässt du mich mal machen! Da wird mir schon was einfallen und vorher werde ich mich zur Sicherheit noch mit Brac unterhalten. Es ist immer gut, zwei Eisen im Feuer zu haben“, antwortete Onkel Richard zuversichtlich.

Allerdings erwies sich das zweite Eisen als nutzlos, da Brac ihm nicht weiterhelfen konnte, oder wollte. Er bestritt vehement eine Kenntnis über Amanoues Verbleib zu haben und beteuerte zudem noch, nichts mit dem entfernten Querbalken zu tun zu haben. Richard beschwor ihn geradezu, ihnen zu helfen und der sanfte Riese gab schließlich zu, dass er Amanoue erst kürzlich gesehen hätte.

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ISBN:
9783754171219
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