Kitabı oku: «Es war einmal ein Prinz»

Yazı tipi:



Ich widme dieses Buch

Kendall Alexis

Elizabeth Grace (Gracie)

Suzanna Rae

Avery Lillian

Wachst heran zu Frauen Gottes,

denn er ist der wahre König!

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

ISBN 9783865066954

© 2014 der deutschsprachigen Ausgabe Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Originaltitel: Once Upon a Prince

Erschienen im Mai 2013 bei Zondervan, Grand Rapids, Michigan 49530, USA

Copyright © 2013 by Rachel Hayes Hauck

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Satz: Brendow Verlag, Moers

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Teil 1 - Der Prinz

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

Teil 2 - Das Problem

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

SIEBZEHN

ACHTZEHN

NEUNZEHN

ZWANZIG

EINUNDZWANZIG

ZWEIUNDZWANZIG

DREIUNDZWANZIG

Teil 3 - Der Heiratsantrag

VIERUNDZWANZIG

FÜNFUNDZWANZIG

SECHSUNDZWANZIG

SIEBENUNDZWANZIG


EINS

Was hat er gesagt? Die Sturmbö über dem Atlantik musste seine Worte verwirbelt haben.

„Ich kann dich nicht heiraten.“

Susanna hielt an. Ihre Flipflops baumelten lose an ihren Fingerspitzen. Sie hatte ihn doch missverstanden, oder? Sand wurde unter ihren Füßen weggespült, während die Nachmittagsebbe die Wellen zurück in ihre Ozeangrenzen verwies.

Adam ging weiter, er hatte gar nicht gemerkt, dass sie nicht mehr an seiner Seite war.

„Hey, warte …“

Am nördlichen Horizont brachen goldene Spitzen durch dunkelblaue Sturmwolken und erhellten den düsteren Nachmittag.

„Adam, was hast du gesagt?“ Ihre Füße patschten durch den nassen Sand, wo seine Fußspuren bereits verblassten.

„Das ist jetzt nicht leicht, Suz“, sagte er und ging noch einen letzten Schritt weiter. Eine Brise zerrte am Saum seiner Cargoshorts.

„Was ist nicht leicht?“ Der Mann hatte in Afghanistan gekämpft, wie konnte da etwas am Strand von St. Simons Island „nicht leicht“ sein?

Ihr Haar wehte um ihr Gesicht, als sie den Regenwolken hinterherstarrte, die sich langsam auflösten. Dies würde nicht das erste Mal sein, dass sich in Adam Peters ein Sturm zusammenbraute, nachdem er verstockt und trübsinnig von einem Einsatz im Mittleren Osten zurückgekommen war. Sie würde ihn mit ihm durchstehen. Wieder einmal.

Susanna neigte ihren Kopf, um seinen abgewandten Blick einzufangen. „Jetzt komm schon, was ist los mit dir? Dass du hier in den Staaten bist? Dass du deine Männer zurückgelassen hast? Du hast vier Einsätze in sechs Jahren gemacht, Adam. Es ist in Ordnung, mal etwas für dich selbst zu machen.“ Sie berührte spielerisch seinen Arm, wollte ihn necken, ihn etwas aus sich herausholen. „Du bist ein ausgezeichneter Marinesoldat. Egal, ob du zu Hause bist oder an der Front.“

„Suz?“ Sein Tonfall und die Art, wie er seine muskelbepackten Schultern zusammensacken ließ, zogen ihr das Herz zusammen. „Es ist das hier.“ Mit einer Handbewegung wies er auf sie, auf sich selbst, und als sein T-Shirt-Ärmel dabei verrutschte, konnte sie die Spitze seiner Semper Fi Tätowierung sehen.

„Das hier?“ Sie sah sich um. „Ein Spaziergang am Strand?“

Er zog eine Grimasse. „Nein, Suz. Warum sollte ich einen Spaziergang am Strand nicht mögen?“

„Das weiß ich doch nicht. Du hast damit angefangen.“ Ungeduld. Ein Zeichen dafür, dass sich ein Streit zusammenbraute. „Entschuldige, dass ich deine Gedanken nicht lesen kann. Was macht dir denn so zu schaffen? Ist da draußen irgendetwas passiert? Bevor du nach Hause gekommen bist?“ Sie versuchte, ihm Bälle zuzuwerfen, versuchte, an die Gefühle heranzukommen, die er so schwer formulieren konnte.

Zwölf Jahre gemeinsamer Geschichte waren auf ihrer Seite, stärkten ihr den Rücken. Zwölf Jahre Freundschaft. Zwölf Jahre, die von Romantik bestimmt gewesen waren wie das Meer von Ebbe und Flut. Fahrten nach Quantico, wo er zur Offiziersschule gegangen war. Wochenenden in Atlanta, wo sie ihre Karriere als Landschaftsarchitektin gestartet hatte. Viermal Abschied zu Einsätzen in den Mittleren Osten. Viermal Heimkehr.

Susanna hatte zwölf Jahre mit Briefen, Emails, Telefonaten verbracht. Zwölf Jahre Spaziergänge am Strand, Lachen auf der Terrasse des „Rib Shack“, während sie unter den schaukelnden Lichterketten Rippchen aßen und ihnen die Barbecuesoße übers Kinn lief.

Hochs und Tiefs, Enttäuschungen, Aufschübe, Streitereien und Entschuldigungen.

All das war in ihrem Herzen durch Erinnerungen zusammengeschweißt, all das war Teil eines größeren Ganzen. Dem Versprechen von Mehr. Hingabe. Heirat. Gemeinsam in einem Häuschen auf St. Simons alt zu werden.

Adam hatte Heimaturlaub. Dies war sein dritter Tag zu Hause, und er hatte die meiste Zeit geschlafen, seitdem er zurückgekommen war. Als er sie am Nachmittag im Büro angerufen und sie um ein Treffen hinter dem Rib Shack gebeten hatte, war sie also sofort losgeflitzt. Hatte noch nicht einmal ihrem Chef gesagt, dass sie ging.

Ein Anruf außer der Reihe, um sie am Strand zu treffen? Das reichte ihr schon für ein romantisches Rendezvous. Reichte, um ihre Hoffnungen auf Liebeserklärungen zu wecken, auf einen Marine, der mit einem Diamantring vor ihr im Sand kniete.

Gut, sie hatte immer davon geträumt, sich unter der Liebeseiche zu verloben, aber Pingeligkeit war hier fehl am Platze. Wenn Adam ihr einen Heiratsantrag machte, sagte sie Ja. Egal wo, egal wann.

Aber er machte ihr gar keinen Heiratsantrag, oder? Er schaute sie ja kaum einmal an. Sie musterte seine angespannte Haltung, seine unausgeglichene, dunkle und mürrische Stimmung.

„Adam, sprich mit mir. Was ist da drüben passiert?“

„Ich habe dir doch gesagt, das ist nicht einfach.“ Adam lehnte seinen Kopf zurück und schaute mit zusammengekniffenen Augen einer Möwe hinterher. „Ich weiß nicht, Susanna …“

„Was weißt du nicht?“

„Sieht aus, als ob es doch nicht regnen wird.“ Er zeigte auf die Stellen, an denen die Sonne durch die finsteren Wolken brach und ging weiter.

„Adam, hör auf …“ Sein Benehmen weckte in ihr schlafende Unsicherheiten. Unsicherheiten, mit denen sie sich in ihrer Kindheit angefreundet hatte, wenn sie sich in ihrem Zimmer versteckte, während ihre Eltern stritten, billiges Geschirr an die Wände donnerten und Schimpfworte schrien, die Susanna sich nie getraut hätte zu wiederholen. „Geh doch nicht immer weg.“

Sie fasste noch einmal nach seinem Arm, während langsam die Erkenntnis dämmerte, dass der Wind seine Worte doch nicht verwirbelt hatte. Was ihn bekümmerte war sie, war ihre Beziehung. Nicht Afghanistan. „Du hast gesagt, du kannst mich nicht heiraten, oder?“

„Ich habe geprobt, was ich sagen wollte.“ Er schaute sie an. Weil er sie zusammengekniffen hatte, konnte man die schokoladenbraune Farbe seiner Augen kaum sehen. „Du bist echt super. Das weißt du, oder?“

„Ich nehme es an.“ Diese Erklärung schürte ihr Misstrauen eher, als dass sie es beruhigte. Was wollte er denn damit sagen? Man konnte ihn so schlecht deuten, wenn er seine Seele verbarrikadiert hatte.

Adam setzte sich auf den Boden und legte die Arme um seine Beine. „Ich habe den Ozean vermisst. Ein paar von meinen Kameraden und ich haben uns Surfboards gebastelt und sind in die Wüste rausgefahren, um in den Dünen zu surfen.“ Er schüttelte den Kopf, pfiff durch die Zähne, während er seine Hand durch die Luft gleiten ließ, dann folgte eine spielerische Explosion. „Fall hin und du brennst. Wir hatten Sand an Stellen, von denen wir noch nicht einmal wussten, dass es sie gab.“

„Klingt lustig.“ Mit ihrer sanften Antwort gab sie ihm den Raum, um Worte für seinen inneren Kampf zu finden. Susanna suchte sich einen Platz neben ihm, setzte sich und grub ihre Fersen in den Sand, während ihr die steife Brise die Haare in die Augen wehte. „Du hast gesagt, ich sei super?“ Sie stieß seinen Arm vorsichtig mit ihrer Schulter an.

Seitdem er zurückgekommen war, hatte er nicht einmal gesagt, dass er sie liebte, aber nach zwölf Jahren war ihre Zuneigung auch nicht mehr ganz so frisch. Aber wenn er sie super fand …

„Ich kenne keinen anderen Kerl, der eine Freundin hat, die zwölf Jahre auf ihn gewartet hat. Durchs College, Offiziersschule, die ganzen Einsätze nacheinander. Vier in sechs Jahren.“ Adam fing ihr flatterndes Haar ein und ließ die Strähnen durch seine Finger gleiten.

„Es ist ja nicht so, dass ich nur herumgesessen hätte in der Zeit, Adam. Ich hab ja auch meinen Collegeabschluss gemacht, für eine große schicke Architekturfirma in Atlanta gearbeitet und meine Karriere als Landschaftsarchitektin gestartet und …“

„Und jetzt arbeitest du für Gage Stone.“

„Ach, jetzt komm aber.“ Sie sah ihn an. „Das kann es ja wohl nicht sein, was dir Sorgen macht? Dass ich für Gage arbeite?“ Susanna und Adam waren mit Gage zur High School gegangen. Sie waren gute Freunde gewesen, ehe Zeit und Raum sie getrennt hatten. „Ich bin wieder nach Hause gekommen, um für Richard Thornton zu arbeiten, das war der prominenteste Landschaftsarchitekt hier im Süden. Woher sollte ich denn wissen, dass er einen Monat später einfach sterben würde?“

Sie wäre nie auf die Insel zurückgekommen, wenn Richard Thornton sie nicht überzeugt hätte. Aber mit ihm als Mentor hätte sie ihr Architektenglück gut schmieden können.

„Ja, der Tod war wohl kaum Teil der Gleichung.“

„Nein.“ Ein Aneurysma. Mit sechzig. Er war an seinem Zeichentisch gestorben. In ihrer Trauer hatte seine Frau das Büro geschlossen und alles liquidiert. Susanna bekam ihren ersten und letzten Gehaltsscheck.

„Warum bist du nicht wieder zurück nach Atlanta gegangen?“

Sie sah ihn aus dem Augenwinkel an. „Hörst du überhaupt zu, wenn wir uns unterhalten? Darüber haben wir doch geredet.“

„Ja, ja, haben wir. Dir hat es zu Hause gefallen, oder?“

„Als ich einmal wieder hier war“, – sie nahm eine Handvoll Sand und ließ ihn durch ihre Finger rinnen – „da fühlte es sich so an, als ob ich hier sein sollte.“

Am Tag von Richards Beerdigung hatte Mama Susanna auf den Dienstplan des Rib Shack gesetzt. Sie sagte, es sei ein Familienbetrieb und Susanna sollte nicht zögern, ihren Platz einzunehmen. Es war Mamas Art, ihr Arbeit zu geben, ohne dass Susanna darum bitten musste. Sie hatte einen ziemlichen Aufstand gemacht, um vom Kellnern und Böden wischen wegzukommen. Aber sie nahm den Job gerne an, während sie über ihren nächsten Schritt nachdachte. Und dann war ungefähr einen Monat nach Richards Tod Gage zurück auf die Insel gezogen und hatte sein Architektenschild an die Tür gehängt.

„Wie läuft‘s denn mit Gage, Suz?“

„Wir beißen uns durch. Er rennt hinter jedem möglichen Auftrag her wie ein Hund auf der Jagd, aber bei der Wirtschaftslage zurzeit halten die Leute ihr Geld zusammen. Meine Rechnungen bezahle ich mit den Schichten im Rib Shack.“

Adam lachte. „Ich kann mir vorstellen, dass deine Mama das liebt … dich wieder im Shack zu haben.“

„Sie weiß, dass es nur vorübergehend ist.“ Betonung auf vorübergehend. Mehr Anlauf für ein Gespräch über ihre gemeinsame Zukunft konnte es nicht geben. Es gab nichts, was sie auf dieser Insel hielt. Sie wartete nur darauf, dass Adam seinen Einsatz beendete und ihr einen Heiratsantrag machte.

„Suz.“ Er räusperte sich. „Ich habe einen Auftrag mit einer neuen Einsatztruppe in Washington angenommen.“

„Washington? Okay …“ Mit Washington D.C. würde sie zurechtkommen. „Ich habe eine Verbindung in Virginia. Eine Architektin, mit der ich mal ein Praktikum gemacht habe, arbeitet für eine Firma dort.“ Sie zog ihr Telefon aus der Hosentasche. „Ich schreibe mir eine Erinnerung ins Handy und ruf sie morgen an, ja?“

Er legte seine Hand auf ihre. „Ich kann dir nicht geben, was du willst.“

„Ich weiß nicht, was du meinst.“ Ihre Augen wurden feucht. „W-was denkst du denn, was ich will?“

„Heiraten.“

„Ich will doch nicht einfach nur heiraten. Ich will dich heiraten, Adam.“ Sie zwinkerte die Tränen weg, während sie ihn ansah. Heiraten war der Plan. Seit ihrem zweiten Jahr im College.

Er seufzte und rutschte im Sand hin und her. Angst setzte Susannas Herz in Brand.

„Vorhin hast du mich gefragt, was in Afghanistan passiert ist.“ Er griff nach seinem Schuh, zog ihn aus und ließ den Sand herausrieseln. „Ich habe jemanden getroffen.“ Seine Stimme wurde brüchig, sein Mut ließ nach. „Also, um ehrlich zu sein, haben wir uns in der Offiziersschule kennengelernt.“

„Du hast jemanden kennengelernt?“ Vor sieben Jahren?

„Sie war mit jemandem zusammen, und ich hatte dich. Aber wir waren immer gute Freunde. Dann wurden wir beim letzten Einsatz in dieselbe Einheit beim Nachrichtendienst beordert.“ Einen Moment lang saß er da wie der Marine, der er war. Rücken gerade, breitschultrig, die Augen wachsam, zuversichtlich. Aber in der nächsten Sekunde sah er wieder ganz so aus wie ein Mann eben aussieht, der gerade mit seiner Freundin Schluss macht und das verabscheut.

„Es gibt … du hast … eine andere?“, sagte Susanna, leise, sie versuchte, sein Geständnis durch den Schleier eines Déjà-Vus hindurch zu fassen. Hatte sie von dieser Situation vielleicht schon einmal geträumt?

Ein Windstoß, der nach Regen roch, kühlte ihre Haut und ihre brennenden Augen.

„Ihr Name ist Sheree. Wir –“

„Und du hast mir nichts gesagt?“ Sie wühlte mit ihren Zehen im Sand. „Adam, Schlachtfeldromanzen haben selten Zukunft. Das hast du mir doch selber erzählt. Du und ich, wir … haben Zukunft.“ Sie versuchte, nicht verzweifelt zu klingen. „Du hast gesagt, kein anderer Marine hätte ein Mädchen, das ihm zwölf Jahre lang zur Seite stand.“

„Ich weiß, und es stimmt ja auch, aber komm schon, Suz, hast du denn nie darüber nachgedacht, dass zwölf Jahre eine ganz schön lange Zeit dafür sind, auf jemanden zu warten?“

„Ja, aber wir hatten doch einen Plan.“ Susanna mochte Pläne. Sie machten das Leben leichter, einfacher. Sie ließen das Leben rundlaufen. Selbst ein dämlicher Plan wie der, mit der Hochzeit zu warten, bis Adam mit seinen Einsätzen fertig war, war immer noch ein Plan. Er wollte es bis zum Captain schaffen, deshalb meldete er sich immer wieder freiwillig für Einsätze. Der Plan drehte sich um Adams Karriere und sein Pflichtbewusstsein. Aber das machte Susanna nichts aus. Echt nicht. Sie liebte ihn, und die Liebe ist geduldig. Oder?

„Der Plan. Auf immer und ewig“, sagte er und atmete dabei tief aus. „Suz, ist es dir nie in den Sinn gekommen, dass der Plan vielleicht abgeändert werden sollte? … Weil wir uns verändert haben? Hast du dir nie überlegt, dass wir vielleicht nur zusammengeblieben sind, weil es bequem war? Dass wir die Vorstellung von uns mehr mochten als uns?“

„Die Vorstellung von uns?“

Wo kam das denn nun her? „Ja, ich mag die Vorstellung von uns. Aber es ist doch klar, dass ich uns auch mag, wenn ich die Vorstellung von uns mag.“

„Du bist in den Plan verliebt, Susanna. Nicht in mich.“ Seine Worte trafen sie wie Silbergeschosse ins Herz.

„Verliebt in den Plan? Red keinen Unsinn.“ Sie sprang auf und klopfte sich den Sand von den Shorts. „Wenn du mit mir Schluss machen willst, dann schieb den Schwarzen Peter nicht mir oder dem Plan zu. Welche Frau wartet schon zwölf Jahre“ – oh, und diese Jahre fühlten sich plötzlich an wie eine Ewigkeit – „weil sie einen Plan liebt? Die wäre ja verrückt.“

Aber was war der Wert eines Plans, wenn sie sich nicht daran hielt? Schande, wahrscheinlich lag es tatsächlich an dem Plan, dass sie auf Adam gewartet hatte. Dank eines Plans hatte sie ihre Kindheit überstanden. Ihren Weg durchs College gemacht.

Der Plan.

Sie begann, den Strand entlang der Sonne entgegenzugehen, während Adams Worte in ihrem Herzen Karussell fuhren.

Liebte sie den Plan mehr als ihn?

Der Duft von Adams Haut verfolgte sie. Seine Stimme. „Ich verstehe den Plan doch. Du wolltest nicht sein wie deine Eltern, immerzu Streit, die Scheidung –“

„Und dann haben sie wieder geheiratet.“ Glo und Gibson Truitt waren echte Promis unter den Kirchgängern. Einmal im Jahr erzählten sie in der Kirche ihre Geschichte von der „gescheiterten Scheidung“. Sie waren immer noch schnippisch miteinander und lärmten herum, aber sie liebten einander. Jesus hatte gute Arbeit geleistet bei ihrem Daddy und ihrer Mama.

„Aber nicht bevor du gelernt hattest, bei jedem Aufwachen auf alles Mögliche gefasst zu sein. Krieg oder Frieden. Du hast es gehasst, morgens aufzuwachen und nicht zu wissen, was dich erwartete, und deswegen bist du eine Planerin geworden. Schon als Kind.“

„Wirfst du mir das vor?“

„Nein, was ich sagen will …“ Er hängte sich bei ihr ein. „Vielleicht hast du dich deswegen so an unseren Plan geklammert. Er gibt dir ein Gefühl von Sicherheit.“

„Hast du in Afghanistan einen Kurs in Küchentischpsychologie mitgemacht?“

Er ließ sie los und ging einen Schritt zurück. „Erinnerst du dich an die letzte Silvesterfeier, als mein Vater mich beiseitenahm?“

„Ja, ich erinnere mich.“

„Er sagte, wenn ich dich heiraten wollte, sollte ich mal in die Gänge kommen. Es sei nicht richtig, dich noch länger warten zu lassen.“

„Ich liebe deinen Vater.“ Ein wahres, direktes Geständnis.

„Also habe ich einen kleinen Umweg über Europa gemacht, als ich nach Afghanistan aufgebrochen bin. London, Paris … Ich habe nach einem einzigartigen Verlobungsring gesucht. Ich habe, glaube ich, um die hundert Stück gesehen, bis ich einen in einem kleinen Geschäft vor den Toren von Paris gefunden habe.“

„Warte mal … Du hast einen Ring gekauft … für mich?“ Sie ging zögerlich einen Schritt auf ihn zu.

„Ja“, sagte er mit einem langsamen, nachdenklichen Nicken. „Hab meine Kreditkarte auf den Tisch gelegt, aber als der Mann mich nach dem Namen von mon amour fragte, hatte ich einen Aussetzer. Mir ist der Name nicht mehr eingefallen.“

„Mein Name? Dir ist mein Name nicht mehr eingefallen?“

„Aussetzer.“ Er tippte sich mit den Fingern an die Stirn. „Ich war abgelenkt, dachte darüber nach, endlich in Afghanistan anzukommen, ich hab mich mehr gefühlt, als würde ich eine Liste abarbeiten, als einen Ring für mon amour zu kaufen.“

„Und das ist es jetzt? Du machst Städtehopping auf dem Weg nach Afghanistan, und wenn sich das anfühlt wie eine lästige Erledigung, beschließt du, dass ich nicht die Richtige für dich bin? Dass der Plan dir die Liebe geklaut hat?“ Sie verlagerte ihr Gewicht, balancierte innerlich auf dem schmalen Grat zwischen Friede und Abscheu, einen Fuß nach dem anderen. Was war mit ihrem vernünftigen Adam passiert? „War Sheree dabei?“

„Nein. Also. Sheree und ich?“ Er hatte die Hände in die Hüften gestemmt und schaute herum, überallhin, nur sie sah er nicht an. „In dem Moment, als ich die Kreditkarte aus dem Portemonnaie zog, wusste ich, dass ich den richtigen Ring gefunden hatte, aber nicht die richtige Frau.“ Sein funkelnder Blick landete auf ihrem Gesicht. „Sheree und ich haben erst seit ein paar Monaten wieder Kontakt miteinander.“

„Du hast den richtigen Ring gefunden, aber nicht die richtige Frau?“ Sie verschränkte ihre Arme, klemmte die Hände unter die Ellbogen, richtete sich auf und hob ihr Kinn. „Wie kannst du den richtigen Ring haben, wenn du die falsche Frau hast? Das … das ergibt keinen Sinn.“

„Ich wusste einfach, dass ich einen Ring gefunden hatte, den ich gerne eines Tages meiner Verlobten an den Finger stecken würde, aber …“, er tat sich schwer, den Satz zu Ende zu bringen, „ich konnte … ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, ihn dir zu geben.“

„Adam, du bist vor sieben Monaten nach Afghanistan gegangen. Und du erzählst mir das JETZT? Wir haben doch Emails geschrieben und telefoniert?“

„Ich hatte Bedenken. Es hätte ja sein können, dass ich einfach nur kalte Füße bekommen hatte oder so. Außerdem wollte ich nicht über eine so große Entfernung Schluss machen. Du bedeutest mir sehr viel. Nach zwölf Jahren kann mach doch nicht einfach eine Email schreiben oder anrufen, so nach dem Motto:, Ach, was ich noch sagen wollte …‘“

„Zwölf Jahre.“ Sie drehte sich energisch um, zurück zum Rib Shack. „Zwölf Jahre habe ich auf dich gewartet und kriege nur zu hören:, Ich hab den richtigen Ring gefunden, aber nicht die richtige Frau?‘“

„Suz, ich bin doch nur ehrlich.“

Adam rannte rückwärts vor ihr her, ihr zugewandt, die Knie hoch, in Bestform. „Wenn du mal darüber nachdenkst, dann fühlst du doch das Gleiche.“

„Sag du mir nicht, was ich fühle, Adam. Lass es einfach.“ Sie versuchte, an ihm vorbeizurennen, aber er wechselte die Richtung und blieb an ihrer Seite. „Du versuchst doch nur, mir das anzuhängen, damit du dich besser fühlst mit deiner irren Entscheidung.“

Nicht die richtige Frau … Seine Worte gingen ihr durch und durch.

„Du weißt, dass ich recht habe.“

Seine Worte, sein Tonfall, ein Weckruf für ihr Herz. Oh, Gnade, wie konnte das sein. Ja, er hatte recht. Er hatte recht. Und das ärgerte sie. „Ich weiß nicht, was ich jetzt sagen soll.“ Susanna marschierte weiter auf die Terrasse des Rib Shacks zu. Wie konnte sie das nicht gesehen haben? War sie so stur, so steckengeblieben?

„Susanna, als ich das letzte Mal zu Hause war, haben wir uns nur sechsmal gesehen. Du bist nie nach Washington gekommen.“

„Ich habe gearbeitet. Ich habe Arbeit, weißt du.“ Sie machte größere Schritte. „Ich hatte aber auch nicht das Gefühl, dass du dir ein Bein ausgerissen hättest, um nach Hause zu kommen.“

„Du hast im Rib Shack gearbeitet.“ Er machte eine wilde, einarmige Bewegung in Richtung des Restaurants. „Du hättest dir jederzeit freinehmen können.“

Sie atmete aus und hielt an. „Wenn du mit mir Schluss machen willst, dann tu’s. Aber gib mir nicht die Schuld.“

„Ich gebe niemandem Schuld. Ich mache nur Beobachtungen. Du weißt doch, dass ich recht habe. Wir sind nicht die große Liebe des anderen. Wir sind eine High School-Romanze, die uns irgendwie davongerannt ist.“

„Davongerannt ist? Wer plant denn eine Hochzeit so?“ Susanna presste ihren Handballen an die Stirn und wandte sich dem Atlantik zu, wo die Ebbe langsam von der Abendflut abgelöst wurde. Mit jedem Wellengang, der schaumgekrönt über den Sand spülte, schwappte ihr die Erkenntnis entgegen. Wie konnte sie es nicht gesehen haben! Die Wahrheit erwachte in ihren Gedanken, ihrem Herzen und ihren Sinnen.

„Wir hatten es beide bequem. Unsere Beziehung war gut. Sicher. Wir mögen uns doch, Suz. Sehr sogar.“

Sie schaute ihn an.

„Ich bin 29, Adam. Ich will heiraten. Du bist der einzige Mann, mit dem ich ausgegangen bin, seitdem ich beim Herbstball in der siebten Klasse mit Bob Conway Stehblues getanzt habe.“ Sie breitete die Arme aus. „Und jetzt? Du bist fertig mit deinen Einsätzen, bist bereit, dich hier in den Staaten niederzulassen, und jetzt bin ich plötzlich nicht die Richtige?“

Sie kaute noch einmal durch, was ihr Herz bereits wusste, weil das einfach ihre Art war, Dinge zu verarbeiten. Sie kämpfte, um ihre Würde zu bewahren. Aber so leidenschaftlich sie kämpfen wollte, es klang doch irgendwie lahm.

„Willst du mich wirklich heiraten?“ Er schaute ungläubig und klang beinahe erschrocken.

„Ja, Adam. Ja. Ich will.“

Ihr innerer Kampf kollidierte mit ihrer Entschlossenheit. Zwölf gemeinsame Jahre würde sie ganz bestimmt nicht einfach mit einem „Okay, hast ja recht, mir geht es genauso. Nett, dass wir darüber gesprochen haben. Hab noch ein schönes Leben“ aufgeben.

„Das meinst du nicht so.“

„Wir haben, ich liebe dich‘ gesagt. Wir haben eine gemeinsame Zukunft geplant.“

Sie stieß ihm den Zeigefinger in die Brust, während auf einmal Donner grollte. Ihre Seele tobte. „Wir. Hatten. Eine. Abmachung.“

Adam hielt ihren Finger fest. „Ich liebe Sheree. Ich habe erst wieder Kontakt mit ihr, seitdem ich weiß, dass du und ich, dass wir uns nicht lieben, wie ein Ehepaar sich lieben sollte. Wenn du den Richtigen getroffen hättest und ich nach Hause gekommen wäre und dir einen Antrag gemacht hätte, dann wärst du diejenige gewesen, die mir gesagt hätte, dass der Ring richtig sei, aber ich ganz verkehrt. Dann würdest du wissen, dass du mich nicht so liebst, wie eine Frau den Mann lieben sollte, den sie heiraten wird.“

„Hör auf, mir zu sagen, wie ich mich fühle.“ Sie ballte ihre Hände zu Fäusten. Es war typisch für ihn, dass er am laufenden Band Befehle erteilte. Untergebenen Männern, Susannas Gefühlen. Diese Gewohnheit hatte stets für Konflikte gesorgt.

„Dann schau mich an.“ Er zeigte mit zwei Fingern erst auf sie, dann auf seine klaren, ruhigen Augen. „Schau her. Sag mir, dass du mich liebst, wie eine Frau den Mann liebt, den sie heiraten will.“

„Ich weiß noch nicht einmal, was das heißen soll. Liebe ist Liebe.“

„Ich könnte Liebeslieder über Sheree singen.“

„Ha, singen. Hat sie dich denn schon singen gehört?“

„Ja, und sie lässt mich singen.“

Susanna seufzte. Jegliche Abwehr, die sie in sich suchte, schmolz in ihrem Herzen. „Aber für mich willst du keine Lieder singen.“

„Nein, will ich nicht. Tut mir leid.“ Sein ganzer Blick signalisierte Bedauern.

„Tja, ja, mir tut es auch leid.“ Sie ging die Dünen hinauf zum Rib Shack. Mama, ihre kleine Schwester Avery, alle warteten auf Neuigkeiten.

Verlobungsneuigkeiten.

„Suz?“

Über die Schulter sah sie nach Adam. „Mir geht‘s gut.“ Sie wartete nicht auf seine Antwort, sondern ging um den Seehafen herum über den Holzsteg auf die Terrasse. Sie zog ihre Flipflops an, mied die Küche samt der geballten Erwartungen und ging zum Parkplatz.

Sie war nie ein Typ für Romanzen gewesen, für Märchen, Ritter in glänzender Rüstung oder hübsche Prinzen, die herangeritten kamen, um den Tag zu retten. Alles, was sie wollte, war ein „glücklich bis an ihr Lebensende“ mit ihrem starken Soldaten. Und wie sah der Plan für ihr Leben jetzt aus?

ZWEI

„Ich gehe aus.“ Nathaniel warf einen suchenden Blick auf den Esszimmertisch. Er dachte, Liam hätte den Schlüssel für den gemieteten Geländewagen dort deponiert, nachdem er von seinem täglichen Frühstücksrundgang wiedergekommen war.

„Wohin?“ Jonathan, Nathaniels persönlicher Berater, kam mit dem iPad in der Hand durchs Wohnzimmer und runzelte die Stirn.

„Nirgendwohin. Nur raus.“ Wo waren die verflixten Schlüssel? Nathaniel hob die Zeitung an, die Liam gelesen hatte. Aha …

„Liam ist Joggen gegangen.“ Jonathan konzentrierte sich wieder auf sein iPad, tippte, wischte, scrollte wahrscheinlich durch seine Emails. „Warte, bis er zurück ist.“

„Ich brauche Liam nicht.“

Die Aufmerksamkeit war zurück. „Du gehst nicht alleine aus.“

„Ich brauche keinen Leibwächter auf dieser kleinen Insel. Die Leute hier wissen nicht einmal, dass ich hier bin.“

„Mrs. Butler weiß, dass du hier bist.“

„Ja, aber ich bin der Überraschungsgast bei ihrer Benefiz-Veranstaltung, also wird sie es sicher nicht vor der Zeit herumerzählen. Außerdem lieben die Amerikaner die britischen Prinzen. Wir Jungs aus Brighton laufen unerkannt nebenher.“

„Die Krone wird meinen Kopf verlangen, wenn dir irgendetwas passiert.“

„Soll ich ihnen eine Nachricht schicken, dass ich mich entschieden habe, alleine herumzustrolchen, um dich deiner Verantwortung zu entheben?“

„Jetzt bist du gönnerhaft.“

„Und du machst dir zu viele Sorgen, Jonathan.“ Nathaniel drehte sich um. Das Gespräch war beendet. Er ging aus – alleine.

Obwohl er bereits drei Tage im Sommerhaus seiner Familie auf der Insel verbracht hatte, hatte Nathaniel noch nicht viel von ihr gesehen. Den Strand, der zugegebenermaßen sehr schön war, die besorgte Miene seines persönlichen Assistenten und die ernsten Blicke seines Sicherheitsoffiziers. Beide gute Freunde, aber eben nicht so besonders schön waren … das war’s.

Drei erwachsene Männer im Urlaub, die in einem hundert Jahre alten Sommerhaus Filme schauten und ein uraltes Brighton‘sches Kartenspiel spielten. Nathaniel wurde langsam unruhig.

Gut, im Grunde war er auf einer Geschäftsreise in Amerika, nicht für einen Erholungsurlaub. In königlicher Angelegenheit, um genau zu sein. Aber eigentlich schuldete ihm das Königreich Brighton einen echten Urlaub. Einen mit Sonne, Strand und Wellen und vielleicht der Gesellschaft einer hübschen Dame, mit der er essen gehen konnte.

So gesehen könnten ihm sein Berater und seine geliebte Nation ruhig einmal eine oder zwei Stunden für sich gönnen.

„Weißt du, wohin du fährst?“ Jonathan eilte um das Sofa herum, um Nathaniel im Foyer aufzuhalten.

„Zum Glück nicht.“ Nathaniel trat hinaus in die Sonne und die Freiheit. Er liebte sein Land. Liebte Brightons wolkenverhangene Tage mit einem Hauch Frost in der Luft. Aber die Sonne, die Hitze und den endlosen blauen Himmel Georgias liebte er auch. „Es ist eine kleine Insel. Ich bin sicher, ich werde mich zurechtfinden.“ Er lächelte Jonathan zu, der so ernst und angestrengt war. Der Mann nahm seine Pflichten als Berater des Kronprinzen von Brighton sehr genau.

„Ich komme mit.“

„Jonathan, ich brauche mal einen Moment nur für mich.“ Nathaniel rutschte hinter das Lenkrad. „Zum Nachdenken.“

„Worüber?“

„Ich weiß auch nicht … Über das Leben.“

Der Mann seufzte und ließ seine dünnen Schultern hängen. „Hast du dein Handy dabei?“

Nathaniel klopfte auf seine Hosentasche, in der er das Telefon verstaut hatte. „Mach einfach mit dem weiter, was du bis eben gemacht hast, Jon. Ich werde nicht lange weg sein.“

Nathaniel lenkte den Wagen aus der Ausfahrt, schlug den Weg nach Süden in Richtung des Ocean Boulevards ein und öffnete alle Fenster.

Die sonnenheiße Julibrise füllte den Raum und zerzauste ihm das Haar. Der Wind zerrte an den losen Enden seines Hemdes und an den Gedanken, die an seinem Herzen nagten.

Nathaniel legte den Ellbogen ins Fenster und nahm den Fuß vom Gas. Er machte es sich in seinem Sitz bequem und lenkte das große Auto durch das wechselhafte Licht, wo die Helle des Nachmittags bereits den längeren Schatten des Abends wich.

Als er eine alte Frau entdeckte, die auf dem schmalen Lehmpfad neben der Straße Fahrrad fuhr, begann er langsam, sich zu entspannen.

Trotzdem, die Nachrichten von Zuhause waren nicht gut gewesen, als er eben das Haus verlassen hatte. Papas Gesundheit ließ merklich nach. Nathaniel vermutete, dass er nicht nur hierher geschickt worden war, um seiner entfernten Kusine Carlene Butler einen Gefallen zu tun, sondern weil es möglicherweise Nathaniels letzter Ausflug als freier Mann war. Mit 32 Jahren dachte er, er hätte Jahre – Jahrzehnte –, bevor die Königswürde auf ihn wartete.

Stattdessen blieben ihm Monate. Ein Jahr vielleicht, höchstens.

Mit einem Gefühl des Wiedererkennens lenkte er den Wagen um eine Kurve. Er brauchte mehr Zeit. Um Papas Weisheit in sich aufzunehmen. Um seine jugendliche Rebellion und seine Indiskretionen in den Griff zu bekommen.

„Du wirst binnen eines Jahres König sein. Bereite dich darauf vor.“ Papa war so sachlich. So förmlich. Erst König, dann Mensch.

„Papa, nein, du wirst dich erholen …“

Als Nathaniel an einer Ampel hielt, atmete er den süßen Duft der Jasminblüten ein. Er erinnerte ihn an zu Hause. An die Sommer seiner Kindheit mit Papa, Mama und seinem kleinen Bruder Stephen in Parrsons House.

Als die Ampel auf Grün umsprang, wählte Nathaniel im Kreisverkehr den Weg über Frederica nach Demere.

Diese Ausfahrt war genau das, was er gebraucht hatte. Eine neue Perspektive. Das Leben veränderte sich. Zu plötzlich. Zu schnell.

Der Druck, sich eine Frau zu suchen, würde immens wachsen, sobald er wieder nach Brighton zurückkehrte. Erst von Mama, dann von Papa. Dann seitens der königlichen Behörde. Vielleicht würde der Premierminister „auf ein Wort“ mit ihm sprechen wollen.

Sag, Nathaniel, hast du dir denn schon Gedanken über die Wahl deiner Braut gemacht? Der Thron braucht einen Erben.

In letzter Zeit hatten die Medien angefangen, ihre britischen und deutschen Vettern nachzuahmen und schlüpfrige Geschichten über die königlichen Prinzen zu drucken. Sie wollten Auflage machen. Deswegen streuten sie abfällige Bemerkungen über die Heiratsabsichten des Kronprinzen, erinnerten die Leute an seine jugendlichen Unüberlegtheiten und daran, dass er in den letzten zehn Jahren keine feste Begleiterin gehabt hatte. Schön, schön … ein ganzes Jahrzehnt. Obwohl er neuerdings immer öfter mit der schönen Lady Genevieve Hawthorne gesehen worden war.

Nathaniel nahm den Damm von Torras nach Brunswick, folgte den Kurven der Straße und ließ sich von ihr leiten.

Er war gerade scharf rechts abgebogen, als sein Blick auf ein Straßenschild fiel. Prince Street.

Nathaniel nahm den Fuß vom Gas und ließ den Geländewagen langsam im Schatten der Virginia-Eichen entlanggleiten. Eine sanfte Brise strich vorbei. Prince Street … Das Schild machte ihm ein bisschen Hoffnung, gab ihm das Gefühl, dass doch alles gut werden könnte. Als ob er tatsächlich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein könnte. Ein ungewöhnliches Gefühl für Kronprinzen.

Herr, ich bin bereit …

Er wollte gerade wenden, als er auf eine laute, weibliche Stimme aufmerksam wurde. Nathaniel lehnte sich über das Lenkrad, kniff die Augen zusammen, um besser durch das Spiel von Licht und Schatten sehen zu können. Eine Frau ging um ein Auto herum, das unter einem riesigen, knorrigen alten Baum geparkt war. Ein abgerissen aussehender Mann folgte ihr.

Sie hielt an und wedelte mit einem Eisenstab oder etwas Ähnlichem und zeigte die Straße hinunter, als ob sie ihm sagen wollte, dass er gehen soll.

Der Mann trat mit einem wölfischen Grinsen einen Schritt auf sie zu. Sie schwang den Gegenstand in ihrer Hand in seine Richtung. Gut gemacht, Mädchen!

Nathaniel fuhr sein SUV unter den Baum, parkte neben dem kleinen grünen Cabrio und stieg aus.

„Kann ich irgendwie behilflich sein?“

Die Frau wirbelte herum und sah ihn mit großen Augen an. Die Lichtstrahlen, die durch das dichte Blätterdach fielen, ließen ihr goldenes Haar leuchten. „Da bist du ja. Was hat dich denn aufgehalten?“ Sie zeigte mit dem Werkzeug auf ihn. „Ich hab diesem Kerl da gesagt, dass du gleich kommst … Schatz.“ Sie zog ein Gesicht. „Unfassbar. Schon wieder einen Platten.“ Freudloses Lachen. „Die Radmuttern sitzen fest.“

„Na, dann müssen wir sie irgendwie lose bekommen.“ Nathaniel nahm ihr den Kreuzschlüssel aus der Hand und schaute ihn nachdenklich an. Er hatte schon so einige Räder gewechselt. Während seines Studiums war es sein Lieblingszeitvertreib gewesen, über die Landstraßen zu jagen, um Dampf abzulassen.

Er wandte sich dem gepiercten und tätowierten Mann zu. Er war dünn, trug abgerissene, schmutzige Kleider, und Nathaniel war beinahe sicher, dass er nur Geld wollte. Er war sich fast ebenso sicher, dass die junge Frau es mit ihm hätte aufnehmen können, wenn er wirklich auf Ärger aus gewesen wäre. „Sie können jetzt weitergehen.“

„Ich wollte doch nur helfen.“ Der Mann ging einen Schritt zurück.

„Aber ich habe gesagt, dass Sie gehen sollen, und Sie sind nicht gegangen.“ Die Frau lehnte sich ihm entgegen, die Hände in die Hüften gestemmt, Feuer in der Stimme.

Nathaniel lächelte. Er mochte sie.

„Gehen Sie Ihres Weges.“ Nathaniel steckte die Hand in die Tasche und nahm den zwanzig Dollar-Schein heraus, den er vor seiner Abfahrt eingesteckt hatte. Er ging um die blonde Frau herum. Dann bot er dem Mann die Hand an und drückte ihm die Banknote in die schmutzige Hand. „Kaufen Sie sich eine warme Mahlzeit.“

Der Mann faltete den Zwanziger auseinander und hielt ihn hoch, sein Blick verhärtete sich. „Ihr reichen Leute denkt, ihr könnt immer nur machen, was ihr wollt, oder?“

„Und was denken Leute wie Sie sich? Dass Sie eine Dame weiter belästigen können, nachdem sie Sie gebeten hat, zu gehen?“

Der Mann fluchte, steckte das Geld ein und ging weg. Er redete mit sich selbst und warf dabei mit derben Ausdrücken um sich.

„Das hätte ich auch tun können.“ Jetzt richtete sie ihr Feuer auf Nathaniel. „Ihm Geld geben. Sie wissen schon, dass er sich jetzt Schnaps oder Drogen kaufen wird, oder?“

Nathaniel zuckte mit den Schultern und beobachtete sie einen Moment. Sie schien ihn nicht zu erkennen. Aber wer würde denn schon genau hier, genau jetzt, einen echten Prinzen erwarten? „Oder vielleicht kauft er sich ein leckeres warmes Essen. Er sieht aus, als ob es ihm guttun würde.“ Nathaniel schloss seine Finger um den kühlen Schraubenschlüssel. Sie hatte so etwas an sich. Am liebsten würde er sie einfach umarmen und ihr sagen, dass es ihm völlig egal war, was der Typ mit dem Geld tat, solange es ihr nur gut ging.

„Haben wir uns schon einmal getroffen?“, frage er, obschon er wusste, dass er sie noch nie vorher gesehen hatte. Aber sie hatte so etwas Vertrautes an sich. Warm und vollkommen.

„Nein.“ Sie nahm ihm den Schraubenschlüssel aus der Hand. „Danke fürs Anhalten. Ich weiß das wirklich zu schätzen. Aber von hier aus kann ich das wirklich alleine.“ Ihre Stimme schwankte und Nathaniel sah einen verdächtigen Glanz in ihren Augen, bevor sie ihren Blick abwandte.

„Sind Sie sicher? Was ist mit diesen festgefressenen Radmuttern? Ich habe Erfahrung im Räderwechseln.“ Nathaniel hielt ihr seine Handfläche hin. „Wie wäre es, wenn wir zusammenarbeiteten? Dann sind Sie flugs wieder unterwegs.“

„Flugs wieder unterweg? Wohin?“ Sie ließ sich gegen das Auto fallen, atmete aus, ihr vom Wind zerzauster Pferdeschwanz fiel ihr über die Schulter. „Was für ein dummer, mieser Tag.“

Nathaniel wurde abrupt wieder auf den Erdboden zurückgeholt, als er hörte, wie sie kurz schluchzte.

„Oh, was ist denn los? So schlimm kann es doch nicht sein, oder?“

Sie drehte sich um und bestrafte den platten Reifen, indem sie heftig dagegentrat. „Dummer, mieser Tag.“

„Es ist doch nur ein Plattfuß.“

Sie starrte ihn zornig an. Ihre blauen Augen waren gerötet und voller Tränen. „Es hätte halten sollen, für immer, wissen Sie? Zwölf Jahre … Wer wartet denn schon zwölf Jahre auf einen Kerl, wenn es am Ende nicht für immer ist?“

„Ah, ein Streit unter Liebenden.“

„Streit? Nein. Totalausfall. Alles, was wir von unserem Leben, in unserer Beziehung wollten, ist futsch. Von dem wir dachten, dass wir es wollten.“ Die ersten Tränen fielen auf ihre hohen, glatten Wangenknochen. Sie wischte sie mit dem Handrücken ab, trat ein letztes Mal gegen das Rad und ging hinter Nathaniel zu dem Baum. „Ich weiß nicht, warum ich hierhergekommen bin. Ich hab mich einfach ins Auto gesetzt und bin losgefahren.“ Sie bedachte das Auto mit einem weiteren Blick und zog eine Grimasse. „Und jetzt finde ich mich hier wieder, bei der guten alten Liebeseiche.“

„Der Baum hat also einen Namen und eine Geschichte?“ Nathaniel ging um den Wagen herum und sah sich die dicken, knotigen, medusischen Äste der raumfüllenden Eiche genauer an.

„Der Baum ist legendär. Es heißt, er sei neunhundert Jahre alt. Ein Ort, wo sich die jungen Helden der Eingeborenen mit ihren Mädchen trafen.“ Sie strich mit der Hand über die Rundungen des tiefsten Astes. Als könnte sie den Puls des Baumes fühlen und die Geschichten der vergangenen Tage herbeirufen.

„Ob etwas Wahres dran ist, was meinen Sie?“ Nathaniel war vertraut mit Sagen und Legenden, langen Geschichten von Mut, Liebe und Kühnheit. Sie waren ein Teil von Brighton. Ein Teil seines fünfhundert Jahre alten Stammbaums.

Sie warf ihm einen Blick zu. „Ich wollte mich unter diesem Baum verloben. Eine Lichterkette in den Ästen. Vielleicht ein kleines Streichquartett da drüben.“ Sie zeigte auf die Kante des Grüns. „Etwas Besonderes, Romantisches.“

„Aber Ihr Freund hatte andere Absichten.“

Ein neuer Schwung Tränen. „Ich – ich … wollte …“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich war so ein Dummkopf.“

„Ich glaube, niemand, der sein Herz verschenkt, ist dumm.“

Sie setzte sich auf eine flache Stelle am Fuße des breiten Baumstamms, legte das Gesicht in die Hände und weinte leise.

Was sollte er nun tun? Er kannte die Frau gar nicht. Und Tränen? Mit Tränen konnte er noch nie gut umgehen.

„Es zeugt von Mut. Sein Herz zu verschenken.“ Was wusste er schon? Er hatte einmal versagt in Liebesdingen und es nie wieder versucht.

Sie trocknete ihr Gesicht mit dem Ärmel ihres T-Shirts. „Ich habe nie viel erwartet. Nur Liebe und Hingabe, wissen Sie? Dass er das tun würde, was er mir versprochen hatte … mich heiraten. Meine ganze Kindheit über wusste ich nie, was meine Eltern als Nächstes tun würden. Ob sie sich küssen und vertragen oder einander mit Geschirr bewerfen würden. Ich fand es super, es langsam anzugehen. Wir sind beide aufs College gegangen, haben unsere Karrieren gestartet.“ Sie atmete langsam und tief ein. „Er hat vier Einsätze in Irak und Afghanistan gemacht.“

„Ein Soldat.“

„Marineinfanterist. Captain.“

„Ich habe selbst bei der Marine gedient. Vier Jahre.“

„Wurden Sie entsendet?“ Sie richtete sich etwas auf.

Wie konnte er ihr das sagen? Sein Geburtsstatus verhinderte, dass er entsendet wurde. Weil er eine größere Gefahr für seine Kameraden darstellte als der Feind. „Ich wurde nie in Konfliktzonen eingesetzt.“

„Sind Sie aus England?“

„Aus dem Königreich Brighton.“

„Brighton. Da gibt es schöne Gärten.“

„Sie haben von unseren Gärten gehört?“

„Auf dem College habe ich den Lecharran Garden studiert. Ich bin Landschaftsarchitektin – naja, jedenfalls wenn ich nicht gerade im Rib Shack Barbecue serviere.“ Ihre Augen waren klar, sie sah ihn mit einem starken, blauen Blick an. „Am Strand dachte ich, er würde mir einen Heiratsantrag machen. Vergiss den Baum, die baumelnden Lichter, das Streichquartett. Immerhin ging’s voran.“ Sie boxte die Faust in ihre andere Hand und lachte beinahe.

„Sie sind eine schöne Frau. Ich bin sicher, es gibt eine Reihe Männer?“

„Eine Reihe Männer? Nein, nein … nein. Schauen Sie … Wie ist Ihr Name?“

Egal, welchen Prozess sie da gerade durchlief, er schien ihre Tränen zu stillen und ihr neue Kraft zu geben.

„Nate.“ Er reichte ihr die Hand. „Nate Kenneth.“ Immerhin ein Teil seines Namens. Sein Reisename.

„Susanna Truitt.“ Sie schüttelte seine Hand, und er liebte das Gefühl ihres festen Griffs.

„Was sagten Sie?“

„Was? Ja, Sie sagten …“ Ihre Augen verweilten auf seinem Gesicht. Ihre Hand blieb in seiner. „Männer. Eine Reihe Männer, ja?“ Sie zog die Hand weg.

Er wollte instinktiv danach greifen, schloss aber stattdessen die Finger zu einer losen Faust.

„Ich will keine Männer. Ich will einen Mann.“ Sie hielt den Zeigefinger hoch. „Eine wahre Liebe.“

„Es gibt nur eine?“

„Ja.“

„Wie können Sie sich da so sicher sein?“

Sie legte sich die Hand aufs Herz. „Mein Herz sagt es mir. Es gibt einen für mich. Nur einen.“

Ihre Worte gingen ihm durch und durch … heiß, explosionsartig. Sie weckten seine eigenen Gedanken über die Liebe. „Sie haben mich schon fast überzeugt.“

„Dann sind Sie genauso dumm wie ich.“ Sie brach einen toten Zweig ab und zerkrümelte die Blätter in ihrer Hand. „Ich dachte, ich hätte ihn gefunden.“ Schnipsel brauner Blätter rieselten auf den Boden. „Aber das habe ich nicht.“ Sie atmete zitternd ein.

„Vielleicht besinnt er sich noch.“ Wenn der Mann nur halbwegs bei Verstand war. Wie konnte man diese Frau sitzen lassen? Susanna?

„Er hat jemand anderes kennengelernt.“ Ihre Augen glänzten schon wieder, und ihre perfekt geformte Nasenspitze rötete sich. „Er sagte, er habe den richtigen Ring gefunden, aber nicht die richtige Frau.“

„Oh, das hat er gesagt? Er scheint ein ehrlicher Kerl zu sein, wenn auch vielleicht ein bisschen brutal.“

Sie schüttelte den Kopf und tippte sich mit den Fingern auf die Brust. „Das Schlimmste daran ist, dass ich langsam kapiere, dass ich so darauf aus war, dass er mir endlich einen Antrag macht, dass ich mir nie meine Antwort überlegt habe. Als er mir so ehrlich sagte, dass er den richtigen Ring, aber nicht die richtige Frau gefunden hat, war ich wütend. Mann, war ich wütend. Aber je mehr wir redeten, desto mehr wurde es mir klar … Wir waren ein romantischer Plan aus der High School, der nicht funktioniert hat. Jetzt muss ich die ganze Zeit daran denken, was gewesen wäre, wenn er mich gefragt hätte.“ Sie brach einen neuen, toten Zweig vom Baum ab. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ja gesagt hätte.“

„Sie sind sich nicht sicher?“ Nathaniel schluckte das Hurra, das ihm auf der Zunge lag, schnell herunter. Welches Recht hatte der Mann denn auf diese Schönheit, wenn er ihr das Herz mit so einer groben Beichte gebrochen hatte?

„Aaach. Ich weiß nicht.“ Ihre sanften Worte dehnten und bogen sich unter ihrem Akzent. „Ich hing so sehr an ihm …“ Sie boxte in die Luft. „Er sagte, ich würde den Plan mehr lieben als ihn. Aber wer macht denn so was? Ich habe ihm gesagt, dass er spinnt. Aber er könnte vielleicht recht gehabt haben, Nate. Ich habe alles auf die, Heirate-Adam-Peters-Karte’ gesetzt, und das war‘s. Ende der Geschichte.“

„Also lieben Sie ihn auch nicht?“

„Ja … nein … Ich weiß es nicht.“ Sie funkelte ihn an. „Sie sind ganz schön frech dafür, dass wir uns gerade erst kennengelernt haben.“ Eine Mischung aus Lachen und Weinen entfuhr ihr. „Nur, dass ich … Frieden fühle.“ Sie lehnte sich gegen den breiten, geteilten Stamm des uralten Baums. „Das habe ich lange nicht. Wissen Sie, wie es ist, wenn man an etwas so feste festhält … dass man so nah dran ist, dass man gar nicht mehr sieht, woran man da eigentlich festhält?“

Ja, das wusste er.

„Und dann lässt du los und siehst, dass deine Hände ganz kaputt und verbrannt sind von dem Seil, an dem du festgehalten hast. Dass der Topf mit Gold am Ende deines Regenbogens nur ein Haufen Schokoladenpapier ist, das in der Sonne geglitzert hat.“

Nathaniel grunzte ein leises Lachen, verkniff es sich aber, so gut es ging, weil er nicht sicher war, ob sie tatsächlich komisch sein wollte. „Aber die Zukunft liegt doch nun in Ihren Händen. Sie können sie gestalten.“

Sie betrachtete ihre Handflächen, als erwartete sie, dort Brandspuren eines Seils zu sehen. „Was für eine Verschwendung.“ Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Nathaniel. „Und jetzt schauen Sie mich an, wie ich meinen Kummer einem Fremden erzähle.“

„Nicht so fremd, hoffe ich. Nur neu.“ Gerade hatte Nathaniel sie noch gemocht. So langsam fing er an, sie zu verehren. „Sie sind berufstätig?“

„Es ist gerade nicht so viel los im Landschaftsbau. Die Leute bauen nicht um. Sie sparen Geld.“ Sie sah nach dem Himmel, an dem der Abend dämmerte und hielt die Hand nach dem Kreuzschlüssel hin. „Sie haben bestimmt Besseres zu tun, als sich mit mir zu unterhalten. Ich kann das Rad selbst wechseln.“

„Es ist mir ein Vergnügen, mich mit Ihnen zu unterhalten.“

Nathaniel ging zu dem platten Reifen und kniete sich hin. Sie hatte das alte Rad getreten. Er hätte es küssen können. Weil es platt war, hatte er die bezaubernde Susanna kennengelernt. „Ich beneide Sie, Susanna. Sie haben Ihr Leben vor sich und können frei entscheiden, was Sie tun wollen. Sie können neu anfangen, gehen, wohin Sie wollen, tun, was Sie wollen.“

„Sprechen Sie weiter, Kumpel. Vielleicht glaube ich Ihnen irgendwann.“ Sie schob den Wagenheber unter das Auto.

Er lockerte die Radmuttern. „Denken Sie an diejenigen, deren Leben schon bei ihrer Geburt durchgeplant wurde. Die keine Möglichkeit haben, etwas zu verändern, oder etwas zu tun, was sie wollen.“

„Ich kenne hier keinen, auf den das zutrifft. Vielleicht Mose Watson, der irgendwann mal den Immobilienhandel seines Vaters erben wird, aber die sind Millionäre und ich denke nicht, dass Mose sich beschweren wird.“

„Aber wenn Mose weggehen wollte, könnte er das?“

„Theoretisch schon. Obwohl sein alter Herr dann bestimmt einen hysterischen Anfall kriegen würde.“

Sie brachte ihn zum Lachen. Innerlich und äußerlich. Sie ließ ihn vergessen, dass es eine Last war, dass seine Zukunft bereits verplant war … nicht nur von seinen Eltern, sondern durch fünfhundert Jahre Geschichte.

Wenn er nachts wach lag und über seine Bestimmung nachdachte, nahm ihm diese Last beinahe den Atem.

Aber in diesem Moment spielten das Königreich Brighton und seine durchgeplante Zukunft keine Rolle. Nur die Sommerbrise, die die Blätter der Liebeseiche zum Rauschen brachte, und Susanna zu helfen, das zählte.

Nathaniel entfernte die Radmuttern und hievte den platten Reifen von der Achse. „Meine Freunde und ich haben während des Studiums Dampf abgelassen, indem wir auf den Landstraßen Rennen gefahren sind.“ Er ließ seine Erinnerungen wach werden. „Einer von uns hatte immer irgendwann einen Platten. Aber es war gut, mit meinen Freunden unterwegs zu sein.“

„Klingt, als würde es Ihnen fehlen.“ Sie sah ihn durch die Haarsträhnen hindurch an, die sich aus ihrem Pferdeschwanz befreit hatten.

„Es war eine andere Zeit. Wir waren jung und ungestüm, wir dachten, wir wären unbesiegbar.“

„Und jetzt?“

„Bin ich ganz respektabel und weder ungestüm noch unbesiegbar.“ „Ist das schlecht?“ Sie zerrte das Ersatzrad aus dem Kofferraum und ließ es neben Nathaniel fallen.

„Im Moment überhaupt nicht.“ Er zögerte. „Überhaupt nicht.“ Und für einen süßen Südstaatenmoment ließ er das Licht und das Leben von Miss Susanna Truitt in den geheimsten Ort seines Herzens sickern.

DREI

Bis Samstagnachmittag, als Susanna das Auto in die Werkstatt brachte, um ein vernünftiges neues Rad montieren zu lassen, hatte die halbe Insel bereits davon gehört, dass Adam „den richtigen Ring, aber nicht die richtige Frau“ gefunden hatte. Bis Montagmorgen hatte es die ganze Insel gehört. So kam es ihr jedenfalls vor.

Beinahe erwartete Susanna, es auf der Titelseite der Tageszeitung zu sehen. Im Ehemaligen-Blättchen der Glynn Academy würden sie sicher auftauchen.

Adam und Susanna … aus dem Pärchen, von dem alle dachten, sie wären’s, wird nichts.

Auf dem Weg zu Gage Stone Associates wünschte sich Susanna, sie hätte ihren Eltern nicht mehr erzählt als: „Wir haben uns getrennt.“

Aber Mama … oh, Mama. Sie hatte schon gewusst, wie sie es anstellen musste.

„Was ist los? Ach, du meine Güte, Susanna, du siehst ja aus wie ein Geist.“

„Danke, Mama. Ist Absicht.“

Susanna war an diesem Morgen über einem Teller mit Rühreiern und Toast zusammengebrochen, als sie in der Küche des Rib Shack beim Frühstück zusammensaßen. Sie hatte geweint und jedes Wort, jedes verletzende, bohrende Wort aus ihrem Gespräch mit Adam berichtet. Sie fühlte sich wund und echt, hatte nichts von ihrem Austausch zurückbehalten.

Aber dann hatte sie Nate getroffen. Und diese Neuigkeit hatte sie für sich behalten. Er war ihr Lichtstreif am Horizont gewesen an diesem dunklen Freitagnachmittag. Vielleicht ein kleiner Schulterklopfer von Gott.

Nicht verzweifeln.

Am Sonntag ließ sie den Kirchgang ausfallen. Adams Eltern besuchten die Gottesdienste der Christ Church. Susanna konnte den Gedanken nicht ertragen, ihnen so früh über den Weg zu laufen.

Am Sonntagabend hatte wie immer das Familienabendessen im Rib Shack stattgefunden. Das Restaurant war voller Lachen, Musik, voller Familie und Wärme.

Susanna wollte sich lieber einigeln als dorthin zu gehen, aber ihre kleine Schwester Avery hatte darauf bestanden, dass sie mitkam. Mit ihren siebzehn Jahren war Avery weise, jung und überschwänglich. Und gelegentlich ganz groß im Überreden.

Großeltern, Tanten, Onkel und alle Kusinen und Cousins bis hin zu diversen Urgroßnichten und -neffen kamen an jedem ersten Sonntag im Monat ins Rib Shack. Daddy schloss das Restaurant für das Familientreffen. Es gab kaum jemanden, der die Treffen verpasste. Nicht einmal die Camdens, die möglicherweise nicht einmal blutsverwandt waren mit dem Truitt-Franklin-Vogt-Clan. Aber sie waren schon so lange dabei, dass sich keiner mehr richtig erinnern konnte.

Susanna verstaute ihre Gefühle in ihrem Herzen, versteckte sich in den Schatten auf der Terrasse des Shack und ließ es zu, dass die Gespräche, das Lachen und die Musik ihre Realität für ein paar Stunden verdrängten.

Dann kam der Montagmorgen, und der Wecker riss Susanna aus der besten Viertelstunde Schlaf, die sie das ganze Wochenende über bekommen hatte.

Sie starrte auf die roten Ziffern des Weckers und versuchte, sich eine Entschuldigung auszudenken, um sich krank zu melden und einen weiteren Tag im Bett zu verbringen.

Aber das Häagen-Dazs war ihr ausgegangen, und sie sehnte sich nach Mamas Frühstückseiern und Keksen. Also erlaubte sie sich, aufzuwachen und dem Tag entgegenzutreten.

Auf dem Parkplatz hinter den Büros von Gage Stone legte Susanna ihren Kopf auf das Lenkrad.

So sehr sie es auch versuchte, sie schaffte es einfach nicht, diesen bescheuerten Satz aus Adams Geständnis … „den richtigen Ring, aber nicht die richtige Frau“ … auszublenden.

Ja, sie hatte seine Nummer ein dutzendmal gewählt, aber sie hatte immer aufgelegt, bevor überhaupt eine Verbindung zustande gekommen war. Was hätte sie ihm auch sagen sollen? „Nimm mich zurück … Bitte überleg es dir noch mal, Adam.“ Oder besser: „Warte, ich will zuerst mit dir Schluss machen. Bitte frage mich, ob ich dich heiraten möchte. Ich sag dann Nein.“

Nichts davon hätte ihr weitergeholfen. Dann hatte sie Sonntagnacht in einer Art Anfall alles von Adam aus ihrem Telefon, ihrem Computer und diesem seltsamen digitalen Bilderrahmen, den er ihr vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt hatte, gelöscht.

Das hatte geholfen, und sie fühlte sich besser. Viel besser. Und sie hatte endlich schlafen können.

Aber die ganze Quälerei hatte sie tief in ihrer Seele erschüttert. Nicht wegen Adam, sondern wegen ihr. Wie hatte sie so blind sein können? So dumm? An einem Mann festzuhalten, den sie nicht wirklich liebte.

Ein leises Klopfen an ihrem Autofenster ließ sie aufschauen. Aurora. „Suzy-Q, geht es dir gut?“

Susanna tastete nach dem Fensterheber. „Aurora … hey.“

„Alles klar, Mädchen?“ Die Frau lehnte sich an die Autotür.

„Ja, klar, mir geht es gut.“

„Ich hab davon gehört.“ Tiefe Falten prägten die Konturen ihres verwitterten, aber weisen Gesichtes. Ihre grauen, klaren und ruhigen Augen beobachteten Susanna.

„Hat nicht die ganze Insel davon gehört?“ Susanna nahm ihre Tasche, öffnete die Tür und ging auf das Bürogebäude zu.

„Es macht die Runde.“ Aurora fiel in Gleichschritt, ihre nackten Füße krümmten sich auf dem scharfkantigen Kies des Parkplatzes.

„Aurora, wo sind deine Schuhe?“ Susanna zeigte auf die rot bemalten Zehennägel der alten Frau.

„Hab ich verschenkt.“ Sie hüpfte mit einem Seufzer auf den Rasen. „Meine Füße sind nur noch nicht abgehärtet. Ich bin vor lauter Schuhetragen ganz verweichlicht. Aber ich krieg sie schon in Form.“ Die obdachlose Frau sprach mit dem gepflegten Akzent einer Dame, die einst in Washington DC unter Politikern Lobbyarbeit gemacht hatte. Mit Erfolg. Forsch und immer auf den Punkt. „Ein Mädchen ist ins Lager gekommen. Sie war nicht ganz richtig.“ Aurora tippte sich an die Stirn. „Hatte überhaupt kein Kleingeld.“

Susanna hielt auf dem Gehweg neben Aurora an. „Also hast du ihr deine Schuhe geschenkt.“

„Naja, ich konnte ihr jedenfalls keine Tasche voll Kleingeld geben.“ Die Frau kicherte. „Denk nicht, ich hätte es nicht versucht.“

„Kein Zweifel.“ Susanna war sich sicher, dass Aurora mehr Kleingeld besaß als alle Frauen auf St. Simons lsland zusammen. „Brauchst du denn Geld für neue Schuhe?“

„Nö. Hab alles Geld, was ich brauche.“

Es war eine rhetorische Frage gewesen. Susanna wusste, dass die Frau genug Geld hatte. Sie wollte nur, dass sie auch ein bisschen davon für ihre Füße ausgab.

Aurora lebte einfach, aber weise. Es hieß, sie habe ein kleines Vermögen angehäuft, ehe sie Washington verließ, um in den Wäldern der Insel ihr Zelt aufzuschlagen.

„Bin eines Tages aufgewacht, als mich der Herr anstupste., Wirklich?’, fragte er., Das hier willst du also? Mit deinem Freund zusammenleben, trinken, Drogen und Lügen?’ Mädchen, damals konnte ich so haarsträubend lügen, ich hätte dir die Dauerwelle gespart. Diese ganze Fallenstellerei, von der ich dachte, ich hätte sie im Griff, hatte eigentlich mich im Griff. Deswegen bin ich zerbrochen …… Aber nur an den richtigen Stellen.“

„Kauf dir ein neues Paar Schuhe, Aurora.“ Susanna lächelte und schlenkerte ihre schwarze Aktentasche in Richtung der Füße. „Du wirst dir die Pediküre ruinieren.“

„Nimm mir meine Pediküre nicht übel, Suzy-Q. Du kannst ein Mädchen aus der Stadt holen, aber nicht die Stadt aus dem Mädchen. Es ist meine einzige Prasserei. Ich glaube nicht, dass Gott sich daran stört.“

„Ich glaube, das stört ihn so was von gar nicht. Hey, kauf dir doch diesmal gleich zwei Paar Schuhe. Eins zum Anziehen, eins zum Verschenken.“

„Vielleicht.“ Aurora hatte ihr graues Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Kleine Löckchen ringelten sich um Hals und Stirn. Zehn Jahre Leben in der Wildnis konnten ihre klassische, kultivierte Schönheit nicht verbergen. „Er hat dir nicht das Herz gebrochen, oder? Der Junge …Ich kann es in deinen Augen sehen.“

Ein eiskalter Schauer überlief Susanna von der Kopfhaut bis über ihren Rücken. „Was schnüffelst du denn wieder in anderer Leute Augen herum?“ Obwohl sie schon lange vermutete, dass Aurora lange Tage auf den Knien in ihrem Zelt verbrachte und von Gott auf eine Weise hörte, von der andere nur träumen konnten.

„Ich schnüffele nicht. Aber ich sehe auf jeden Fall etwas.“ Sie zeigte von ihren Augen auf Susannas. „Ich hab die Gabe, weißt du. Deshalb musste ich Washington verlassen. Gott hat mir die Augen geöffnet, und ich konnte die Lügen sehen, die Dunkelheit. Nicht fühlen … sehen. Ich konnte es einfach nicht mehr aushalten.“

„Das Gute hast du nie gesehen?“

Aurora lächelte. Ihre Zähne waren weiß und gleichmäßig, ein weiteres Vermächtnis ihrer Zeit in DC. „Ich seh das Gute doch gerade jetzt.“

„Ich meine in Washington.“

„Ich bin nicht in Washington. Ich bin auf St. Simons und schaue dich an.“

Mehr kalte Schauer. Trotzdem brachte das Feuer von Auroras intensivem Blick Susannas Seele zum Brennen. „Hast du mir etwas zu sagen? Dann sag es.“

„Okay. Danke dem Herrn für diese Angelegenheit mit Adam. Jetzt kannst du endlich deinen Weg gehen und brauchst nicht mehr herumzutrödeln und auf ihn zu warten.“ Aurora klatschte Hände so laut zusammen, dass Susanna zurückzuckte. Sie hatte einen Punkt hinter ihre Erklärung gemacht.

„Weißt du, was dein Problem ist?“

„Ich hab nur ein Problem?“

Auroras lautes Lachen war völlig unbefangen. „Touché.“ Sie hielt Susannas Arme fest. „Du hast einfach nicht Schluss … du wolltest nicht loslassen. Du hast so sehr festgehalten. Ich seh ein bisschen von mir in dir, meine Liebe. Ich war so eng mit allem verbunden, dass Gott nicht mal meinen Namen flüstern konnte, ohne mich zu knacken. Ich musste loslassen. Ich musste zerbrechen.“ Sie drohte mit dem Finger. „Das ist genau das, was du auch brauchst.“

„Ich glaube, ich weiß nicht, wie das mit dem Zerbrechen gehen soll. Jedenfalls nicht an den richtigen Stellen, Aurora.“

„Er weiß es.“ Sie zeigte nach oben. „Und wenn ich mir das Ganze so anschaue, hat er die erste Sollbruchstelle schon richtig erwischt. War nicht allzu schmerzhaft, oder?“

„Willst du mir sagen, dass Gott mir Adam geschickt hat, damit der mit mir Schluss macht?“

„Wenn er dich gefragt hätte, hättest du Ja gesagt?“

„Nein.“

„Siehst du. Du wusstest es doch schon die ganze Zeit. Genau wie ich. Damals, mit den Drogen, als ich mich durch alle Betten geschlafen habe, da dachte ich, ich sei frei. Dabei war ich so dermaßen gebunden.“ Sie griff vor sich in die Luft. „Aber ich habe festgehalten. An meinem Ruf, meiner Karriere, meinem tollen Haus, meinen Kleidern, meinem Schmuck, meinem teuren Auto.“

„Deiner Pediküre?“ Auroras Heftigkeit forderte Susannas Bequemlichkeit und ihr Verständnis von Gottes Platz in ihrem Leben heraus. „Wie kann ich meine Pläne und Ziele verfolgen, ohne …“

„Ohne so verklemmt zu sein? Überlass das Ergebnis ihm. Wir machen unsere Pläne, aber Gott lenkt unsere Schritte.“

„Ich habe keine Pläne, Aurora.“ Susanna warf einen Blick auf ihr Bürofenster in der zweiten Etage. „Nix, null, nada. Die sind alle mit Adam verschwunden.“

„Fantastisch.“ Aurora vollführte ein kleines Tänzchen auf dem Gehweg. „Dann kann er ja kommen.“

„Wer kann kommen?“

„Der eine …“ Sie bedeckte ihren Mund mit ihren langen, schlanken Händen, und in einem einzigen Moment wichen die Haltung und der Anstand der Lobbyistin aus Washington der süßen Unschuld einer leicht verrückten Frau. „Du glaubst doch an, den einen‘, Susanna?“

Eine göttliche Unruhe erschütterte Susanna. Sie fühlte sich nackt und verletzlich. Sie hatte nie jemandem von ihrem Glauben an „den einzig Wahren“ erzählt. Na ja, jedenfalls bis sie sich am Freitagabend bei Nate verplappert hatte.

„Aurora, wovon sprichst du eigentlich?“ Bitte fang jetzt nicht an, Unsinn zu reden. Susanna sehnte sich danach, etwas Gutes, Tiefgründiges zu hören. Aber Aurora schlug Brücken zwischen den Welten. Zwischen natürlichen, übernatürlichen und manchmal leicht depperten Welten. Sie konnte jederzeit zwischen ihnen hin- und herwechseln.

„Einer. Nur einer.“ Aurora warf ihre Arme weit auseinander. „Du bist frei, Suzy-Q. Und jetzt mach dich bereit.“ Sie wandte ihr Gesicht himmelwärts. „Glaub‘s. Er kommt …“ Überrascht atmete sie ein. „Er ist schon hier, oh wie schön, er ist ja schon hier.“ Aurora klatschte in die Hände und tanzte weiter.

„Ja, gut, dann.“ Was als ermutigendes, vernünftiges Gespräch angefangen hatte, war im Laufe eines einzigen Satzes komplett außer Rand und Band geraten. „Wir sehen uns, Auroa. Vergiss nicht, Schuhe zu kaufen.“

„Ich seh dich zuerst, Suz. Und lass diesen Adam nun mal ganz raus aus deinem Herzen. Lass los. Lass loooos.“ Sie hob die Hände und wackelte mit den Fingern. „Gott wird dein Herz mit Wundern füllen, von denen du noch nicht einmal geträääuuuumt hast.“

„Oh, okay?“ Träume? Susanna konnte keinen Einzigen herbeizaubern. Hatte sie überhaupt Träume? Nein, sie hatte Pläne. Träume waren etwas für Märchen und Romanzen. Sie war praktisch veranlagt, geduldig und … traumlos.

In den Tiefen ihrer Tasche hörte sie ihr Handy. Das Tonsignal kündigte eine Nachricht von Gage an.

Mitarbeitermeeting in 5 Minuten. Du kommst zu spät.

„Hör mal, Aurora, ich muss mich beeilen.“ Sie zeigte ihr kurz das Display. „Brauchst du noch was?“

„Nein, mir geht es allerallerbestestens.“ Aurora lächelte, ganz perfekt und klar, und hüpfte dann über den Parkplatz in Richtung Wald davon, wo sie zwischen Bäumen und Unterholz verschwand.

„Aurora?“ Susanna, die plötzlich ihre heilige Zuversicht vermisste, rannte ein paar Schritte hinterher. „Besorg dir ein paar Schuhe, ja? Aurora?“

Aber sie war verschwunden.

„Aurora?“

Wie machte sie das nur? Als hätte sie sich im Nebel aufgelöst.

Susannas Handy machte wieder ping.

Meeting in 3 min.

Gage. Als ob sich seine fünf Mitarbeiter zwingend pünktlich um neun Uhr treffen mussten. Als Susanna es bis in den zweiten Stock geschafft hatte, wartete er dort schon auf sie.

„Und?“ Er verschränkte seine Arme und sah ihr suchend ins Gesicht.

„Und was?“ Sie drängte sich an ihrem Chef … und Freund … vorbei und stellte ihre Tasche auf ihrem Schreibtisch ab.

„Wie ist es gelaufen?“ Gage lehnte sich an den reich verzierten Türrahmen und zeigte vage auf ihre linke Hand. „Wie kommt‘s, dass mich kein Glitzern blendet?“

„Ich dachte, wir hätten ein Meeting?“ Susanna griff nach ihrer University of Georgia-Tasse auf der Anrichte. Zeit und Abnutzung hatten das Logo verbleichen lassen, und das UGA sah inzwischen mehr wie ein IGI aus. Und das Maskottchen, eine Bulldogge, hatte keine Schnauze mehr.

„Ja, klar, das Meeting. Haben wir. Aber ich wollte das Glitzern sehen. Adam ist doch nach Hause gekommen? Du bist am Freitag früher gegangen, um ihn zu treffen.“

„Ich brauche Kaffee.“ Susanna glitt an Gage vorbei und die Treppe hinunter. Während des Gesprächs mit Aurora hatte sie sich zusammengerissen, aber Gages Nachfrage kratzte zu sehr an ihrem emotionalen Schutzwall.

Er war ihr … und Adams … Freund, seitdem sie zusammengekommen waren, und war die ganzen zwölf Jahre dabei gewesen, hatte zugesehen, manchmal Rat gegeben.

„Suz, was ist passiert?“ Gages Schritte donnerten hinter ihr die Treppe hinunter.

„Nichts ist passiert.“

Als Susanna das Ende der Treppe erreicht hatte, rannte sie fast in Myrna, die Sekretärin, hinein.

„Gage, lass sie.“

Myrna ließ ihr Kaugummi schnalzen und schaute auf den Zeitplan auf ihrem Klemmbrett. „Susanna, dein Termin um zehn wurde gestrichen.“

„Glenn Cowger? Nein.“ Ob es zu spät war, sich zu Aurora in den Wäldern zu gesellen? „Hat er gesagt, warum?“

„Keinen Piep, Liebes. Und ich habe wirklich versucht, ihn auszuquetschen.“ Sie sah Susanna genau an. „Für eine Frau, die gerade sitzengelassen wurde, siehst du gar nicht schlecht aus.“

Susanna zog eine Grimasse. „Na toll. Hast du Cowger gefragt, ob er einen neuen Termin machen will?“

„Schätzchen, du weißt schon, mit wem du gerade sprichst? Mit mir. Myrna.“ Die Frau mit den hennaroten Haaren und der Haltung eines Soldaten auf Wache verzog den Mund. „Natürlich habe ich ihn gefragt. Hab ihm zehn Optionen für einen Termin bis Sonntag gegeben, aber er wollte nicht. Er sagte, er überlegt es sich und ruft dich später an.“

„Super.“ Susanna warf einen Blick auf ihren Chef. „Cowger Homes kannst du von der Liste für unser Morgenmeeting streichen.“

„Lasst uns mal nicht so schnell aufgeben“, sagte Gage. „Mach einen Plan, Suz. Myrna, du holst dir die Akten über die anderen Architekten in der Gegend. Mal sehen, ob wir nicht daraufkommen, wen Cowger sonst noch in der engeren Wahl hat. Und schau dir die Baugenehmigungen an. Vielleicht gibt es an der Front Schwierigkeiten. Sag Clark und Alexis, dass wir das Treffen um zehn Minuten verschieben.“

Myrna wurde geschäftig. „Bin schon dabei, Chef. Und Suz, mach dir keine Sorgen um Adam, der überlegt es sich schon noch.“

„Oh, ich freu mich so, dass alle so regen Anteil an meinem Privatleben nehmen.“ Susanna ging weiter zur Küche. Sie brauchte wirklich dringend einen Kaffee. Gage folgte ihr.

„Hast du irgendeine Ahnung, wen Cowger –“

„Ach komm, Gage, der hat es sich doch ganz offensichtlich anders überlegt.“

„Wir wissen nicht, was er tut. Es kann gut sein, dass er seine Baugenehmigung nicht bekommen hat. Also müssen wir dranbleiben. Ihn überzeugen.“ In der Küche hatte er sie in die Ecke gedrängt. „Ich brauche dein Allerbestes.“

„Wie wäre es mit meinem Zweitbesten?“

„Nein, ich will die Oberklasse-Landschaftsarchitektin aus Atlanta, die die dicken Aufträge für Remington & Co. an Land gezogen hat.“

„Ich hatte den Ruf von Remington & Co. im Rücken, als ich diese Aufträge bekommen habe.“ Sie ließ ihren Gesichtsausdruck und ihren Tonfall unterstreichen, was sie damit ausdrücken wollte: Gage Stone Associates war gerade erst dabei, die Firma und ihren Ruf aufzubauen.

„Okay, na gut. Wir haben noch einen langen Weg vor uns, aber du hattest Cowger doch schon.“

„Und jetzt habe ich ihn nicht mehr. Willst du meine Meinung hören? Dein Kurs ist zu hoch, Gage.“ Susanna riss die Glaskanne aus der Kaffeemaschine. Knochentrocken. Sie lehnte sich in die Türfassung und brüllte in den Flur: „Freunde der Sonne! Wer hat den ganzen Kaffee getrunken und keinen neuen gekocht? Es ist erst neun!“

„Was meinst du, mein Kurs ist zu hoch?“, fragte Gage.

„Das ist doch keine Raketenwissenschaft, Gage. Du verlangst zu viel.“ Susanna öffnete den Schrank und suchte nach der Kaffeedose. Die war auch leer. Sie schnaubte, leise, verächtlich. „Es ist eine Verschwörung, ich sag‘s dir.“ Sie zeigte ihrem Chef die leere Dose. „Ich geh zu Starbucks.“

„Ich brauch dich bei dem Treffen, Suz.“

„Ich komme ja gleich wieder. Aber hier ist mein Wort zum Montag: Du willst Cowger zurück? Verlang weniger Honorar.“

„Meine Honorare sind marktgerecht.“

„Klar sind sie das, wenn du Remington & Co. bist. Du baust dein Geschäft gerade erst auf. Wir sind in der Arbeite-für-Ruhm-und-Ehre-Phase.“ Susanna stellte die Kaffeedose ab. „Ich brauche Kaffee.“

Als sie an ihm vorbeiging, schnappte sich Gage ihre linke Hand. „Adam hat dir also keinen Heiratsantrag gemacht?“

„Nein, und du bist wahrscheinlich die einzige Person auf der ganzen Insel, die nichts davon gehört hat.“

Er lief rot an. „Ich hab davon gehört. Aber ich wollte es von dir hören.“

„Sodass ich das Ganze noch einmal durchspielen darf?“ Wie nett.

„Hat er wirklich gesagt, er habe den richtigen Ring gefunden, aber nicht die richtige Frau?“

„Jap. Er sagte, wir würden den Plan mehr lieben als einander.“

„Er ist ja verrückt. Wenn je zwei Menschen –“

„Wenn je zwei Menschen einen Weckruf brauchten, dann Adam und ich. Er hat recht, Gage. Ich wollte es nur nie wahrhaben.“ Sie eilte die Treppe hinauf, um ihre Handtasche zu holen. „Ich bin rechtzeitig zum Treffen zurück.“

„Geht es dir gut?“

„Mir geht es gut.“ Sie sah schnell auf die unterste Stufe hinunter, während Tränen ihr die Sicht vernebelten. „Ich bin traurig, aber sonst geht es mir gut.“

„Bist du sicher?“

„Es wird nur ein bisschen Zeit brauchen, bis ich mich an den Gedanken Susanna ohne Adam gewöhnt habe.“

„Der spinnt doch, wenn er dich laufen lässt, ehrlich. Vielleicht hat er in der Wüste zu viel Sonne abbekommen.“

„Ach, auf mich hat er einen ganz vernünftigen Eindruck gemacht. Außerdem hat er jemand anderes kennengelernt.“ Die Worte klangen fremd und machten einen Knoten in ihre Brust.

„Willst du dir den Tag freinehmen?“, fragte Gage leise und voller Mitgefühl.

„Nein. Die Arbeit erdet mich. Sie erinnert mich daran, dass das Leben weitergeht. Außerdem ist das ja genau das Leben, das ich immer gelebt habe, während er nicht da war.“

„Okay, aber denk daran, dass ich dich heute Abend brauche. Wenn du Zeit für dich brauchst, dann nimm sie dir tagsüber.“ Gage lehnte sich gegen das Geländer und sah zu ihr auf. In seinem gegelten Haar fing sich das Licht, das durch die Fenster der zweiten Etage fiel. „Die Benefizsache bei den Butlers … für den Krankenhausflügel. Unsere Chance, den Landschaftsbau zu sichern. Mrs. Butler ist ganz groß darin, Geschäfte mit Leuten zu machen, die sie kennt. Wenn du da bist, können wir beim Auswahlkomitee punkten.“

„Das ist heute?“

Abendgeraderobe. Sie würde sich aufhübschen müssen, etwas mit ihren Haaren anstellen.

„Ja, heute Abend. Wir brauchen diesen Auftrag, Suz. Es heißt, das Krankenhauskomitee wird den Architekten nehmen, den Mrs. Butler vorschlägt. Und das werden wir sein. Ein Auftrag wie der macht sich gut in unserem Portfolio.“

Susanna starrte ihn an. Er hatte recht. Alle Hände an Deck. Und es war nicht Gages Schuld, dass sie zwölf Jahre mit dem falschen Mann verschwendet hatte.

„Natürlich komme ich.“ Sie zwang sich, zu lächeln und boxte in die Luft. „Für das Team!“

„Ich hol dich um sieben ab.“

„Ich fahre selbst.“ Susanna sauste in ihr Büro und schnappte ihre Tasche.

„Ich hole dich ab. Ich will sichergehen, dass du dorthin kommst.“

Susanna rannte die Treppen wieder hinunter.

„Schön.“ Vielleicht wäre eine extravagante Benefizveranstaltung ja genau das Richtige, eine schöne Ablenkung wie das Treffen mit Nate neulich. Am Fuß der Treppe piekte sie Gage in die Brust. „Du hast den letzten Kaffee getrunken, stimmt’s?“

„Ich schicke Myrna Kaffee kaufen.“

Susanna klimperte mit ihrem Schlüsselbund. „Ich bin in fünf Minuten wieder da.“

„Wenn es hilft“, sagte er, „Adam ist ein Dummkopf.“

„Ein Dummkopf?“ Sie hielt kurz in der Tür an. „Nein, Gage, Adam ist kein Dummkopf. Aber ich vielleicht? Da bin ich mir nicht so sicher.“

VIER

Die Bibliothek des Sommerhauses war ganz in Leder und dunklem Holz gehalten. Sie hatte eine Terrasse, und von dieser aus beobachtete Nathaniel, wie sich langsam das dünne Licht der Dämmerung über die Insel senkte. Er schob seine Hände in die seidenen Taschen seines maßgeschneiderten Smokings. Der Horizont erinnerte ihn an das lila und goldene Licht der Abende in Brighton. Es hieß, ein Mann, der in der Dämmerung eines Sommerabends auf dem Gipfel des Mount Braelor stand, könne den Himmel über Brighton berühren, sein Schicksal einfangen und sein Glück machen.

Nathaniels Schicksal – und auch sein Glück – waren vorbestimmt. Auf dem „Berg“ des Hauses Stratton. Durch den in Marmor gemeißelten Stammbaum. Von Zeit zu Zeit überkam ihn ein Anflug von Platzangst. Aber diese paar Tage in Georgia hatten sein Herz etwas geöffnet. Hier an dieser heißen Küste zu stehen, erinnerte ihn daran, dass die Welt ein grandioser, fruchtbarer Ort war. Es ließ ihn glauben, dass alles möglich war. Beispielsweise wahre Liebe zu finden. Oder seine Bestimmung vollständig zu akzeptieren.

Nathaniel kehrte in die Bibliothek zurück und verschloss die Terrassentüren hinter sich. Er überflog die Dokumente und Berichte, die auf dem Schreibtisch seines Ur-Urgroßvaters ausgebreitet waren. So viel Juristerei und Amtssprache, mit dem er sich auseinandersetzen musste.

„Bist du soweit?“ Jonathan trat in die Bibliothek und schlüpfte in seine Smokingjacke. „Liam fährt den Wagen vor.“

„Hast du meine Rede ausgedruckt?“ Nathaniel sortierte die Dokumente in Mappen, stapelte sie ordentlich aufeinander und legte sie auf den Schreibtisch.

Jonathan kam zu ihm herüber und hielt ihm das Papier hin. „Ich habe sie quergelesen. Gut gemacht. Das wird Mrs. Butler gefallen.“

„Sie sagte, sie wollte, nur ein paar Worte‘. Etwas darüber, dass Urgroßvater sich so für den Ausbau und die Modernisierung des örtlichen Krankenhauses eingesetzt hat.“ Als Urgroßvater St. Simons zu seinem Sommerdomizil erkoren hatte, hatte er dem Krankenhaus ansehnliche Summen gespendet. Wie Nathaniels Großvater und Vater nach ihm.

Nathaniel ging um den Schreibtisch herum und überflog die Worte, die er mit Jonathans Hilfe verfasst hatte.

Wir sind geehrt, meinen Vater, den König und das gesamte Königreich Brighton hier und heute zu repräsentieren …

… stiften einen Flügel des Krankenhaus zu seinen Ehren … bitte akzeptieren Sie unsere Spende als die Früchte unserer guten Absichten und Gesundheit …

Er konnte den Worten in seinem Kopf zuhören. Seine Worte. Aber mit ihrem Akzent. Susannas. Ein singender Tonfall, voller Süße.

Das schöne Mädchen von der Liebeseiche. Drei Tage waren vergangen, seitdem er ihr geholfen hatte, das Rad zu wechseln, und sie schlich sich immer noch unerwartet in seine Gedanken.

Wie jetzt, als er seine Rede noch einmal las. Oder als er am Strand laufen war. Oder in den Momenten kurz vor dem Einschlafen.

„Bist du auf etwas Interessantes gestoßen?“

Nathaniel richtete seine Aufmerksamkeit auf Jonathan, der an den Tisch getreten war und den Stapel betrachtete, durch den sich Nathaniel gearbeitet hatte.

„Nur das, was wir sowieso schon wussten. Das Großherzogtum Hessenberg erlangt die Unabhängigkeit von Brighton, wenn wir einen königlichen Erben dafür auftun.“ Im Moment erschien Nathaniel die Aufgabe, einen verschollenen Hessenbergerben zu finden, der Suche nach der wahren Liebe nicht unähnlich. Unmöglich. „Andernfalls wird das Großherzogtum zu einer Provinz von Brighton.“ Diese Tatsache schürte die Angst in Nathaniels Herzen. Als jemand, dessen Schicksal schon vor seiner Geburt festgestanden hatte, hatte er volles Mitgefühl mit Hessenberg. Es verdiente seine Unabhängigkeit, wenn es nur irgendwie machbar war.

Freiheit, Unabhängigkeit, war von unermesslichem Wert. Gar nicht zu reden von der Beziehung zwischen den beiden Ländern, die inzwischen sehr der von zwei streitenden Geschwistern ähnelte. Immer öfter gerieten sie aneinander. Und im Laufe des letzten Jahrzehnts waren Hessenbergs wirtschaftliche Schwierigkeiten zu einem greifbaren Problem für Brighton geworden.

Sie konnten es sich nicht länger leisten, Hessenberg weiter finanziell auszuhelfen. Aber die Bedingungen des Erblehens waren eisern. Erbe oder Provinz.

„Ich kann mir nicht vorstellen, wie es gewesen sein muss, König Nathaniel I. zu sein oder Prinz Franz … Eine Vereinbarung auszuhandeln, während der Krieg sich immer deutlicher abzeichnete, mit den königlichen Cousins ein diplomatisches Tänzchen über Europa zu tanzen … mit dem Kaiser, König George V., Zar Nicolas II.“ Jonathan blätterte durch die Kopie des Erblehens. „Russland knickt ein, Deutschland droht, die südlichen und nördlichen Häfen Hessenbergs sind Angriffen ungeschützt ausgeliefert.“

„Welche Wahl hat sich Franz denn gelassen? Er hatte Hessenbergs Vermögen und Ressourcen verprasst mit seinem Lebenswandel und gleichzeitig versucht, mit seinen wilden Erfindungen den industriellen Fortschritt zu bringen. Dieses Auto, das er da gebaut hat, Starfire 89, das war wirklich nur etwas für Könige. Für die normalen Leute völlig unbezahlbar.“

„Jetzt ist der Wagen Millionen wert … wenn dann mal einer zu kaufen ist.“

Jonathan klappte die Dokumentenmappe zu und legte sie wieder auf den Schreibtisch. „Diese ganze Sache wird nicht gerade einfacher dadurch, dass Franz möglicherweise gar nicht lesen konnte.“ Er sah auf seine Uhr. „Liam wollte den Wagen vorfahren. Bist du so weit?“

„Ja, ja, lass uns fahren.“ Nathaniel klopfte seine Jacke ab. Wo hatte er seine Notizen eben hingesteckt? Ah, in seiner Brusttasche. „Ich beneide sie nicht gerade darum, im Schatten des Krieges eine Vereinbarung zu entwerfen. Noch dazu eine, die die Aufgabe von Land, Autorität und allen Rechten auf den Thron von Hessenberg verlangte, um die Brightons Souveränität zu gewährleisten.“

„Dann sei dankbar dafür, dass du das Ende der Vereinbarung vor dir hast und nicht den Anfang.“

„Das Ende tröstet mich nun auch nicht gerade.“ Nathaniel legte die Hand auf den Stapel aus Dokumenten und Tagebüchern, als er am Schreibtisch vorbeiging. „Ich dachte, meine größte Aufgabe sei es, die wahre Liebe zu finden.“

Selbst wenn sich Vaters Gesundheitszustand stabilisieren sollte, war es mehr als wahrscheinlich, dass Hessenberg eine Provinz von Brighton sein würde, wenn Nate König wäre. Seit sechzig Jahren hatte man nichts von einem Erbe des Hauses Augustine-Sachsen gehört hatte.

„Liebe? Ah, du suchst nach einer Frau, die in der Lage ist, gleichermaßen die Königin deines Herzens und deines Landes zu sein? Um dafür zu sorgen, dass das Haus Stratton weiterlebt?“

„Du verspottest mich, mein Freund.“ Nathaniel klopfte ihm auf die Schulter, als er an ihm vorbei durch die Tür ging.

„Dich verspotten? Nein, ich beneide dich. Es gibt eine ganze Reihe Kandidatinnen, aus der du dir deine Herzkönigin aussuchen kannst.“

„Die meine Krone wollen, nicht mein Herz.“

„Von denen Lady Genevieve die Unbedeutendste ist.“ Jonathans Tonfall war neckend, herausfordernd.

„Ich seh schon, es war dumm von mir, das Thema Liebe aufs Tapet zu bringen. Können wir jetzt einfach mit dem Abend weitermachen?“

Draußen in der Auffahrt stand Liam in seinem dunklen Anzug und Sonnenbrille wartend neben dem Wagen. Er sah aus wie eine Figur in einem Film. Das war einer der Gründe, warum Nathaniel den ehemaligen Major der Sondereinsatzkräfte mochte. Er sah so sehr danach aus, dass man kaum glauben konnte, dass er wirklich ein königlicher Sicherheitsbeamter war.

Auf dem Weg zu Mrs. Butler schwieg Nathaniel nachdenklich, während sie durch das rosige Abendlicht fuhren, das durch die Blätter der mächtigen Eichen fiel, die die Straße säumten. All das Reden über seine Vorfahren und das Abkommen von 1914 befeuerte die Zweifel, die ihm in den Knochen saßen. War dieser Ruf, König von Brighton zu sein, eine menschliche oder eine göttliche Idee?

Welche Wahl hatte er? Welche Wahl hatte Gott? Nathaniel war der Sohn eines Königs, der der Sohn eines Königs war, der wiederum der Sohn eines Königs war … und so ging es weiter, fünfhundert Jahre in die Vergangenheit.

Und was war mit Vaters Gesundheitszustand, der sich immer weiter verschlechterte? Würde er König werden, bevor er überhaupt bereit dafür war?

Und als wären seine Gedanken noch nicht wirr genug, tauchte sie auf einmal darin auf.

Susanna.

Jon blickte forschend auf den Beifahrersitz. „Weißtduwas? Vergiss das Abkommen. Ich glaube, du hast recht. Deine größte Herausforderung ist wirklich, eine Frau zu finden. Du und Prinz Stephen, ihr seid die Hoffnung des Hauses Stratton.“

Hatte er seine Gedanken irgendwie über den Äther geschickt? „Ich würde mich lieber weiter durch das Abkommen wühlen.“ Er wollte heiraten. Aber nicht, weil das zur Stellenbeschreibung eines Kronprinzen gehörte.

Er wollte aus Liebe heiraten.

Susanna blieb in seinen Gedanken, bis er das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte, einfing und es in seinen Gedanken ganz nach unten schob. Von ihr zu träumen war komplette Zeitverschwendung. Er würde mehr Glück dabei haben, einen Erben für den Thron von Hessenberg zu finden, als Susanna Truitt zu heiraten.

Aber er wollte sie sehr gerne wiedersehen, er sehnte sich regelrecht danach. So sehr sogar, dass Jon am Sonntag gefragt hatte, warum er so ein Gesicht mache. Nathaniel hatte es schnell auf Sodbrennen wegen zu viel Pizza geschoben.

Am Sonntag war er zweimal fünf Meilen gelaufen – morgens und abends – um sich von ihr abzulenken. Warum sollte er an etwas denken, was so ganz und gar jenseits des Machbaren lag?

Als er dann heute versuchte, den Text des 99 Jahre alten Abkommens zu lesen, rebellierte sein Verstand. Er weigerte sich schlichtweg, ein weiteres „Infolgedessen“ und „bis dato“ anzunehmen, um von einer Frau mit tiefblauen Augen und einem Lächeln zu träumen, das sein Herz blendete.

Er war in Geschäftsdingen seines Vaters auf diese Insel gekommen und um ein bisschen auszuspannen. Nicht mehr, nicht weniger. Romantik überhaupt in Erwägung zu ziehen war unklug.

Weil sein Name, seine Bestimmung, alles, was mit ihm zu tun hatte, dem König und dem Königreich Brighton gehörte.

Bis hin zu seinem Herzschlag.

FÜNF

Um halb sieben schlüpfte Susanna in das schwarze Etuikleid, das sie – samt einem passenden Paar Schuhe – für Hochzeiten und Militärbälle im Schrank hatte.

Schwarz. Wie passend. Nachdem sie herausgefunden hatte, dass sie so schnell wohl kein weißes Kleid tragen würde, erschien ihr ein eleganter Abend ganz in schwarz, in Gesellschaft der Elite des südlichen Georgia, fast ironisch. Aber sie beschloss, das Ganze eher als einen therapeutischen Ansatz zu betrachten.

Sie bekämpfte einen Anflug von Traurigkeit, als sie sich im Badezimmer ihrem Spiegelbild entgegenlehnte. „Du wirst darüber hinwegkommen. Adam hat nur das gemacht, was du schon lange hättest tun sollen – er hat die Wahrheit gesagt.“

Aber zwölf Jahre? Bäh. In ihrem Magen formte sich ein Knoten, der allerlei saure Bedenken absonderte. Warum war sie still geblieben, obwohl sie tief in ihrem Inneren … ganz tief in ihrem Inneren Bescheid gewusst hatte? Sie stellte ihre Integrität und ihr Urteilsvermögen infrage. Ihren Mut.

Aber sie hatte sich von der Aussicht auf ein sicheres Leben an der Seite des kontrollierten und ehrbaren Adam Peters blenden lassen. Natürlich hatten auch sie ihre Auseinandersetzungen und Konflikte gehabt, aber am Ende war er immer ihre sichere und verlässliche Zukunft gewesen. Jemand, auf den sie sich verlassen konnte.

Ein Hupen in der Einfahrt teilte ihr mit, dass die Zeit zum Nachdenken vorbei war. Sie schnappte sich ihre silbrige Clutch von der Frisierkommode und stopfte eilig einen Zwanzig-Dollar-Schein, einen Lippenstift und ihr Handy hinein.

Zeit, auszugehen – und weiterzugehen.

Gage empfing sie an der Haustür mit einem Blumenstrauß in der Hand, den er ihr mit einem unbeholfenen „Hier“ entgegenstreckte.

„Oh-okay.“ Ihre Hand zitterte, als sie die Plastikfolie umschloss. Das Adrenalin und jegliche Hoffnung, schnell über Adam hinwegzukommen, ließen schlagartig nach. Sie fühlte sich schwach und sehr nah am Wasser gebaut. „Gage, ich … danke dir.“

Das ganze Thema Blumen kaufen, schenken, geschenkt bekommen war mit Adam immer eine heikle Geschichte gewesen. Gage wusste das, oder jedenfalls hatte er das vor einiger Zeit einmal gewusst. Damals hatte er sich auf Susannas Seite gestellt, als Adam auf Heimaturlaub war.

„Schenk der Dame mal ein paar Blumen, Adam.“

Der geradlinige Marine betrachtete Blumen als Geldverschwendung. In aller Regel sah Susanna das ja auch ein. Außer an Jahrestagen, Geburtstagen und am Valentinstag. Besonders, weil er die meiste Zeit der letzten sechs Jahre im Ausland verbracht hatte. Bis auf einen einzigen hatte er ihre letzten sieben Geburtstage verpasst.

„Ja, also, vergiss es einfach. Ich hab sie bei Publix gesehen. Die orangenen Blumen gefielen mir. Hör zu …“ Gage machte eine Kopfbewegung zum Auto hin und bot ihr seinen Arm an. „Heute Abend sollten wir folgendermaßen vorgehen –“

„Gage, warte mal, vielleicht solltest du doch ohne mich dorthin gehen.“ Susanna ging zurück ins Haus und legte das Bouquet auf ein Beistelltischchen neben der Tür. Sie konnte das nicht bringen … Sie brachte es einfach nicht … Die ganze Insel wusste Bescheid.

Den richtigen Ring gefunden, aber nicht die richtige Frau.

„Jetzt komm schon, Suz. Lass uns diesen Auftrag gewinnen. Dieser Krankenhausflügel wird uns ein Jahr lang solide schwarze Zahlen schreiben lassen.“

„Uns?“

„Ja, uns. Die Firma.“ Er bot ihr einmal mehr den Arm an, aber Susanna ging alleine die Treppe hinunter. So gut er in seinem schwarzen Smoking und mit seinem sorgfältig frisierten Haar auch aussah, war Gage doch einfach nur ihr Chef. Einfach nur ihr Freund.

Bei den Butlers reihte sich Gage ein, um das Auto einem dienstbaren Geist zu überlassen. Er überprüfte sein Aussehen im Rückspiegel und wandte sich Susanna zu, bevor er die Autoschlüssel einem Mann in roter Uniform übergab.

„Einschmeicheln, Honig ums Maul schmieren, umgarnen. Das ist die Strategie für heute Abend. Ach, und die Veranstaltungsmanagerin hat mir gesagt, dass die Mitglieder des Krankenhauskomitees Anstecknadeln mit roten Schleifen tragen werden.“

„Die Veranstaltungsmanagerin?“ Susanna öffnete die Autotür.

„Mit einem Abendessen und einer Fuhre Komplimente kann man ganz schön viel in Erfahrung bringen.“

„Gage, es ist ein Auftrag. Verkauf deine Seele nicht dafür.“

„Wir brauchen diesen Auftrag, Susanna. Wir. Brauchen. Diesen. Auftrag.“

Das Herrenhaus der Butlers war schön. Es war aus alten Flusssteinen gebaut, und das Foyer war ganz in Marmor gehalten. Ein Kristalllüster hing über der handgearbeiteten Mahagonitreppe und Damastgardinen zierten die sechs Meter hohen Fenster.

Susanna war vor vielen Jahren schon einmal im Haus gewesen, als Mrs. Butler sie eingeladen hatte, bei den „Debütantinnen“ mitzumachen, einer Hilfsorganisation. Jedes Jahr im Frühling pflanzten sie Blumen auf der ganzen Insel und hielten an einem Samstagabend einen Abschlussball mit einem jeweils passenden Motto.

Aber die Opulenz und der marmorne Reichtum des Herrenhauses, die Anmut und der offenkundige Wohlstand der anderen Bewerberinnen für die Debütantinnen hatten Susanna schnell wieder zu sich kommen lassen. Zu ihren Wurzeln. Dorthin, wo sie hingehörte … ins Volleyballteam der Schule und zum Kellnern ins Rib Shack, wo ihr Surfbrett an der Außenwand der Küche lehnte.

Dann, im gleichen Sommer, war Adam mit seinen Eltern zum Abendessen ins Rib Shack gekommen. Die Eltern waren irgendwann gegangen, aber Adam hatte auf dem Parkplatz auf Susanna gewartet, um sie ins Kino einzuladen.

„Lasst das Schmeicheln beginnen!“ Gage führte sie in den Ballsaal, in dem es nur so wimmelte von Smokings und paillettenbesetzten Kleidern, die über einem schimmernden Tanzboden aus Walnussholz glitzerten.

Warme Luft umhüllte Susanna. Sie wollte am liebsten sofort wieder gehen. Ein vorübereilender Diener gab ihr ein Glas Wein, und sie trat weiter hinein in die aristokratische Welt Georgias. Beinahe sehnte sie sich nach ihrem Surfbrett und einem Hauch Barbecue.

Als sie eine Frau mit einer Schleife am Träger sah, atmete Susanna tief ein und arbeitete sich durch die Menschenmenge zu ihr vor. Lasst das Schmeicheln beginnen.

„Hallo“, sagte Susanna. Sie waren zu dritt … in Kleider gezwängt, die zu eng und zu tief ausgeschnitten waren.

„Hi“, antworteten die anderen und warfen ihr einen kurzen Blick zu.

„Glaubt ihr wirklich, dass er kommt?“, frage eine füllige Blondine in einem blauen trägerlosen Kleid, das ihre sehr sichtbaren Vorzüge kaum verhüllte. „Carlene Butler behauptet schon seit Nixons Zeiten, sie habe königliche Wurzeln. Aber ich habe noch nie den kleinsten Beweis dafür gesehen.“ Die Frau trank den Rest ihres Weins und leckte sich die Lippen. „Nicht den kleinsten.“

„Nicht nur königliche Wurzeln, Süße. Sie ist mit der königlichen Familie verwandt.“ Die Brünette mit der roten Schleife unterdrückte ein Kichern. „Ich kann mir schon denken, was die Royals zu Carlene Butlers Ansprüchen zu sagen haben.“

„Jetzt reißt euch aber mal zusammen, ihr alle!“ Die Rüge kam von einer Frau mit leuchtend roten Haaren und einem kanariengelben Kleid. „Carlene ist eine tolle, aufrechte Frau. Behaltet euren Tratsch für euch, bis wir wissen, ob er hier ist oder nicht.“

Er – wer? Susanna stellte ihren Wein auf ein Tablett mit leeren Weingläsern, das gerade an ihr vorbeischwebte. Das Letzte, was ihr verletztes Herz jetzt gebrauchen konnte, war Rebensaft. Sie brauchte ihre Sinne bei sich.

Der Rotschopf reckte seinen Kopf zu Susanna hin: „Bist du nicht Glo Truitts Tochter?“

„Ja, Ma’am.“

„Liz Cane.“ Sie nahm ihr Weinglas in die linke Hand und bot Susanna die rechte an. „Erinnerst du dich an mich? Ich bin mit deiner Tante Jen befreundet. Das hier sind Cybil und Babe.“ Die Blondine und die Brünette. „Egal, meine Liebe. Es tut mir so leid für dich.“ Die Frau presste ihre Hand auf Susannas Arm. „Dieser Peters gehört erschossen.“

Holla die Waldfee. Scham und Verlegenheit trieben Susanna den Schweiß auf die Stirn.

„Warum? Was hat er getan?“ In Babes Augen glitzerte die Gier nach Tratsch, als sie näher an Susanna heranrückte.

„Nichts“, sagte Susanna. Das ging sie nichts an. Aber sie war dankbar, dass wenigstens eine Person auf der Insel anscheinend noch nichts von ihrem Kummer gehört hatte.

„Er hat ihr gesagt, dass er den richtigen Ring gefunden hat, aber nicht die richtige Frau.“

Cybil und Babe japsten gleichzeitig nach Luft und wichen zurück, die Hände in einer dramatischen Geste aufs Herz gelegt.

„Das hat er nicht.“ Cybils Augen hätten vor lauter Schock kaum größer werden können. „Wie in aller Welt kann es sein, dass du nicht komplett außer dir bist?“

„Ach du meine Güte. Ich wäre hinüber … völlig hinüber.“ Babe betrachtete Susanna, als könnte sie vielleicht irgendwo einen Riss entdecken, der anzeigte, dass sie kurz davor war, aus dem Leim zu gehen. „Ist das nicht der hochdekorierte Marine, der Kriegsheld und all das?“

„Er war einfach nur ehrlich“, platzte Susanna mit dem Geständnis heraus. Im selben Moment wünschte sie sich, sie hätte nichts gesagt, weil es zu Nachfragen einlud. Sie wollte sich wegen des Krankenhausflügels bei der Lady mit der roten Schleife einschleimen. Nicht ihr kaputtes Liebesleben diskutieren.

„Ehrlich?“, höhnte Cybil und hielt eine Servierkraft an, um sie mit einer weiteren Runde Wein zu versorgen. Sie nahm zwei Gläser und gab eins an Babe weiter. „Es gibt ehrlich, Schätzchen, und es gibt brutal.“

„Aber ich bin nicht die richtige Frau.“ Hör auf zu reden, Susanna. Diese Frauen waren ihre Bekenntnisse nicht wert. Sie waren Fremde mit einem ausgeprägten Hang zum Voyeurismus. „Babe, Sie sind im Komitee für den Krankenhausflügel?“

„Versuch es gar nicht erst, Süße. Wir wissen, dass du für Gage Stone arbeitest.“ Babe sah sie über den Rand ihres Weinglases an. „Was denkt der sich eigentlich dabei, dich hierherzuschleppen, um uns in den Hintern zu kriechen, während du in einer solchen Liebestragödie steckst.“

Meine Herren. Na gut. Kein Honig um Babes hübsches Schnütchen. Susanna sah sich nach Gage um und entdeckte ihn schließlich an der Seite einer majestätischen Frau mit silbernem Haar, die ein elegantes cremefarbenes Kleid trug. Carlene Butler. Er fing ihren Blick auf und winkte sie zu sich herüber.

„Bitte entschuldigen Sie mich.“ Susanna schob sich durch die dichte Menge. Es konnten sich kaum weniger als dreihundert Menschen in diesem kleinen Ballsaal befinden. „Entschuldigung.“ Sie hielt die Luft an und zog den Bauch ein, während sie versuchte, sich durch die Ansammlungen kleiner Frauengrüppchen zu drängen.

Wieso rückten die denn noch enger zusammen, anstatt ihr Platz zu machen?

„Lassen Sie mich doch bitte einfach hier durch …“ Sie lächelte Hinterköpfe an. Passierte da irgendetwas Interessantes am Eingang? Jeder einzelne der Körper strahlte so viel Wärme ab. Susanna fühlte sich langsam, als könne sie keinen einzigen richtigen Atemzug mehr tun.

Muss … hier … raus.

„Er ist hier.“

„Wo?“

„Ist er das?“

„Ach du liebes …“

In ihrem Kopf dröhnte das Flüstern. Wer war hier? Endlich ergab sich eine kleine Öffnung inmitten der Smokings und Kleider. Susanna kam in einer kleinen kühlen Schneise heraus, als gerade drei dunkelhaarige Männer mit einer greifbaren Aura der Autorität die Gäste zurückweichen ließen. Susanna wurde aus ihrer Schneise heraus wieder in die flüsternde Hitze hineingeschoben.

„Er ist es nicht.“

„Oh, wie schade. Bist du sicher?“

„Wahnsinn, er ist es wirklich. Großer Gott, er ist hier.“

Ja, nun, sie jedenfalls war draußen. Vergiss Gage und die Schmeicheleien, Susanna brauchte frische Luft. Es war nicht nur der überfüllte heiße Ballsaal, es war das ganze Leben, das sich auf sie stürzte und ihr die Luft nahm. Als ihr Handy in ihrer Clutch klingelte, war es die perfekte Ausrede, sich fürs Erste aus dem Staub zu machen.

„Entschuldigung. Bitte entschuldigen Sie mich.“ Susanna schlug sich nach Osten zum Ausgang des Ballsaals durch und ließ den geheimnisvollen Gast und die Menschenmenge hinter sich. Außerdem hatten die besonderen Gäste alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sodass vorläufig sowieso jegliches Einschmeicheln zum Erliegen gekommen war.

Gage hätte sein Abendessen und seine Komplimente besser darauf verwendet, die Veranstaltungsmanagerin nach dem Überraschungsgast auszufragen. Aber so, wie sie ihn kannte, interessierten ihn nur die Namen der wichtigen Entscheidungsträger im Komitee für den Bau des Krankenhausflügels.

„Hallo?“ Ihre Stimme hallte durch das hohe, kuppelüberspannte Foyer, als sie den Ballsaal verließ. Ihre Absätze klackerten auf dem polierten Boden.

„Suzy, wo – wo bist du?“ Avery.

„Ich bin mit Gage unterwegs. Bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung bei den Butlers. Aves, geht’s dir gut?“ Susanna trat durch die Haustür in die diesige rosa Nacht. Ihre Schwester war 17, athletisch, schlau, beliebt und ein bisschen verwöhnt, aber der Unterton in ihrer Stimme klang nach mehr als der üblichen Teenagerdramatik.

„Was ist passiert?“

„Es geht um Daddy. Er hat in der Küche gearbeitet … und auf einmal lag er auf dem Boden und hielt sich den Arm.“

„Ruf den Notarzt!“

„Das hat Catfish schon gemacht, aber Suz, Daddy sagt, er will nicht ins Krankenhaus, und Mama ist nicht hier.“

„Erinnere ihn daran, dass sie früher oder später zurückkommen wird.“

„Daddy.“ Averys Stimme klang dumpf. „Suzy sagt, Mama kommt sowieso früher oder später nach Hause.“

Susanna konnte ihren Vater im Hintergrund reden hören.

„Okay, er sagt, er fährt mit.“ Avery klang sehr erleichtert.

„Ruf mich an, wenn ihr im Krankenwagen seid. Ich mache mich auf den Weg zum Krankenhaus.“ Sie kehrte um und ging zum massiven doppeltürigen Eingangsportal der Butlers. Sie musste Gage finden.

„Suz, ich habe Angst.“

„Es wird alles gut werden, Avery. Die Sanitäter werden sich um ihn kümmern. Bleib einfach ruhig.“

„Mach ich. Aber bitte, bitte bete.“

Susanna lehnte sich gegen eine der Säulen des Portals und konzentrierte ihre Gedanken. Ihr Gebet war kurz, kam aber voller Kraft aus der Tiefe ihres Herzens. Mach Daddy gesund.

Durch das Telefon hörte sie Averys Weinen und das Tatütata des Krankenwagens.

„Sie sind hier.“

„Dann fahr mit. Sei bei Daddy. Ich treffe euch im Krankenhaus.“

Als Susanna das Foyer wieder betrat, klatschten die Gäste gerade und versuchten, an das Stirnende des Raumes zu kommen.

Gut, Gage, wo bist du?

Ihr Lächeln ließ die Gesichter der Gäste warm aufleuchten und ihr ursprünglich zweifelndes Flüstern war nun voller Überzeugung.

„Kannst du das glauben? Und das hier auf St. Simons Island.“

„So eine wunderbare Rede.“

„Kurz und auf den Punkt. Genau wie ich es mag.“ Das Kreischen einer Rückkopplung zerschnitt die Luft und ließ die Gäste mit viel „Oh“ und „Ah“ zurückweichen.

„In 15 Minuten wird das Abendessen serviert. Bitte begeben Sie sich in das Speisezimmer.“

Susanna drängte sich durch die Menschenmenge bis dorthin vor, wo sie Gage zuletzt gesehen hatte. Die Gäste drängten sich in den schmalen Türen zum Speisezimmer. In diesem Durcheinander würde sie ihn nie finden.

Sie versuchte, Gage auf dem Handy anzurufen, aber schon nach dem ersten Klingeln sprang die Mailbox an.

Warte. Denkfehler. Gages Auto und die Autoschlüssel waren doch bei der Parkaufsicht. Der Wachmann würde ihren Notfall sicher verstehen und den Wagen vorfahren.

Als sie sich unvermittelt umgedreht hatte, machte Susanna genau einen Schritt, bevor sie in einen Mann hineinrannte.

„Entschuldigung, tut mir leid, aber ich muss wirklich ganz schnell –“

„Susanna?“

Sie sah hinauf in das kantige Gesicht von Nate Kenneth. „Nate? Hallo. Was machen Sie denn hier?“

„Das Gleiche könnte ich Sie fragen.“ Er lächelte und verbeugte sich leicht. Eine Art Stromschlag fuhr ihr durch den Bauch. „Ich bin hier, um die Finanzierung des neuen Krankenhausflügels zu unterstützen.“

„Ich bin mit meinem Chef hier. Er versucht, den Auftrag für die Erweiterung an Land zu ziehen.“ Sie warf einen Blick zurück in den Ballsaal. Letzte Chance, Gage zu finden, bevor sie sich seinen Wagen auslieh. Er würde wahnsinnig wütend werden, aber wenn er herausfand, was passiert war, hätte er sicher Verständnis. Vollstes Verständnis. Oder? Gut, mal davon abgesehen, dass sein Auto seine erste und einzige große Liebe war.

„Sie sehen besorgt aus.“

„Ich muss ins Krankenhaus.“ Komm schon, Gage. Wo bist du? Ich leih mir mal schnell dein Auto. „Meine Schwester hat angerufen …“ Sie sah Nate an, und seine ruhige Aufmerksamkeit ließ ihre Knie weich werden. „Mein Vater …“

„Wieso stehen Sie dann noch hier? Auf geht’s, sehen wir zu, dass wir Sie ins Krankenhaus schaffen. Kommen Sie.“ Er knöpfte seine Smokingjacke auf und bot ihr die Hand an. „Ich fahre Sie.“

„Nein, nein. Darum kann ich Sie wirklich nicht bitten, Nate. Danke.“ Sie sah sich noch einmal um. „Ich kann das Auto von meinem Chef nehmen. Wenn der Sicherheitsmann seinen Autoschlüssel herausrückt.“

„Mein Auto steht genau da drüben.“ Er schnappte sich ihre Hand, ohne auf ihre Antwort zu warten, und zog sie in einen dämmerigen, schmalen Flur, während er sein Mobiltelefon aus der Tasche holte. „Liam, fahr den Wagen vor. Eine Freundin braucht eine Fahrt ins Krankenhaus.“

„Nate, ich kann Sie nicht von diesem Abendessen hier wegholen.“ Sie musste sich beeilen, um mit seinen langen Schritten mithalten zu können. „Haben Sie mitbekommen, dass ein königlicher Ehrengast erwartet wird?“ Sie blieb mit dem Absatz im tiefen Flor des Teppichs hängen und fiel gegen seinen Arm.

Er hielt an. „Ein königlicher Ehrengast?“

„Ja. Das haben jedenfalls die Kunstfaser-Tanten behauptet. Irgendeine königliche Verwandschaft von Mrs. Butler.“

Er ging weiter. „Was glauben Sie, von wem sie wohl gesprochen haben?“

„Ich weiß es nicht … Hey“, sagte sie leise. „Sie sind doch aus Brighton. Wäre es nicht lustig, wenn Sie der Ehrengast wären?“

„Ein echter Schenkelklopfer. Sollen wir zusehen, dass wir ins Krankenhaus kommen?“

„Ich hab mich sowieso noch nie für Königshäuser interessiert. Wer heiratet schon einen Prinzen, außer Kate Middleton, meine ich?“

„Ganz genau.“

Nate führte sie durch eine Tür unter der Treppe, und sie kamen in einer eingebauten Garage heraus.

„Eine geheime Garage?“ Luxuslimousinen standen aufgereiht vor den verschlossenen Garagentoren. Ein Bediensteter hastete auf sie zu.

„Kann ich Ihnen helfen, mein Herr?“

„Öffnen Sie bitte schnell das Tor. Wir müssen ins Krankenhaus.“

„Ja, Sir.“

„Nate, sind Sie sicher … Wie ist denn Ihr Auto hier hineingekommen?“

„Ah, da ist ja Liam.“

Ein Schrank von einem Mann mit einer sehr stämmigen Erscheinung, der sich in seinem Smoking sichtlich unwohl fühlte, marschierte auf sie zu.

„Gib Gas, Liam.“ Nate öffnete die Beifahrertür für Susanna, bevor er sich selbst auf den Rücksitz setzte.

Der große Mann sagte keine Silbe, während er den Wagen zügig rückwärts aus der Garage setzte. Als er den Vorwärtsgang einlegte, streifte er Susanna kurz mit einem Blick und fragte: „Southeast Medical?“

„Ja.“ Hinter ihr legte ihr Nate eine Hand auf die Schulter und lehnte sich in seinem Sicherheitsgurt so weit es ging nach vorne, um die Straße besser sehen zu können.

Der große Wagen donnerte vorwärts, während Liam ihn durch den Verkehr lenkte.

„Danke. Ihnen beiden.“ Sie hatte nur einen Moment lang Gelegenheit, um die Stimmung zwischen den beiden Männern zu erkunden. Es war, als ob der eine dem anderen diente. Aber ihr Telefon klingelte, bevor sie weitere Schlüsse ziehen konnte.

„Avery?“

„Es ist ein Herzinfarkt, Suz. Er ist so blass.“ Die Worte ihrer Schwester klangen vor Angst ganz vernuschelt. „Bist du auf dem Weg?“

„Ich bin in fünf Minuten da.“

Nate machte den Arm lang und nahm ihre Hand. Er tröstete sie ohne Worte und nahm ihr ein kleines Stück ihrer Last ab.

SECHS

Für einen Mann, der sich von einem Herzinfarkt erholte, war Daddy von Chaos umgeben. Sein Zimmer floss bald über vor Tanten und Onkeln, Cousinen und Cousins.

Avery hatte den Kopf auf das Bett neben seinem gelegt und hielt seine Hand. Susanna beobachtete das Ganze aus einer Ecke, sie lächelte, als Daddys müde Augen ihren Blick auffingen.

Typisches Truitt-Tohuwabohu.

Das sagte er immer, wenn sich die Familie über ihn senkte und Mama anfing, alle herumzukommandieren.

„Essen wir jetzt oder nicht?“

„Wer will einen Film sehen?“

„Hört mal alle her, wir spielen eine Runde Karten. Turnier, auf geht’s.“

Sie war die ganze Zeit am Organisieren. Wenn sie einmal aufhören müsste, andere herumzukommandieren, würde sich ihre Mutter ganz einfach hinlegen und sterben, überlegte Susanna.

Im Moment attackierte sie gerade Cousin Zack mit ihrem Klemmbrett und teilte ihm mit, in welcher Schicht er im Rib Shack zu arbeiten habe.

„Tante Glo, jetzt komm schon.“ Er lachte. „Ich habe seit meinem ersten Sommer im College nicht mehr im Rib Shack gearbeitet.“

Susanna lächelte. Zack, du mutige Seele. Nimmst es mit Mama auf. Er war Direktor des Grünflächenamts, surfte jeden Morgen und ging jeden Abend aus. Seine weißblonden Haare, himmelblauen Augen und sonnengebräunte Haut machte ihn bei den Frauen der Insel sehr beliebt.

„Kannst du mit einer Suppenkelle umgehen?“

„Ja, ich bin ja nicht blöd.“

„Dann kannst du auch in der Küche arbeiten.“ Mama notierte etwas im Zeitplan auf ihrem Klemmbrett. „Komm am Mittwoch um sechs. Dann kommst du wieder in Form, bevor am Freitag der große Ansturm kommt.

„Tante Glo …“ Schmunzeln, Schnauben, ha-ha-ha, aber Zacks Gesicht sagte genug. Er fiel um. „Schau mal, ich hab … Dinge … zu …“ Mamas einäugiger Blick ließ seine Abwehr in sich zusammenfallen. Er schickte Susanna einen stummen Hilferuf.

„Schau mich nicht an. Ich habe kein Zaubermittel.“ Hätte sie das gehabt, hätte sie wohl kaum ihren Weihnachtsurlaub in den drei schönsten Gärten Europas – Keukenhof in Holland, Mirabell in Österreich und den Lecharran in Brighton – während ihres letzten Collegejahrs abgebrochen, um das Restaurant zu führen, damit Mama Daddy mit einem Wochenende im Schnee in Vermont überraschen konnte.

Aber Susanna hatte das Wunder ihrer geheilten Ehe erkannt. Es war Jahre her gewesen, dass die beiden einmal weggefahren waren, deshalb hatte sie sich damit einverstanden erklärt, auf das Shack und Avery aufzupassen. Nichts lag ihr ferner, als abzulehnen, wenn es darum ging, der Liebe auf die Sprünge zu helfen, wenn sie darum gebeten wurde.

Zack atmete aus, ließ sich gegen die Wand fallen und fuhr sich mit den Händen durchs Haar.

„Es ist wie bei den Borg.“ Silas, Zacks Bruder, klopfte ihm lachend auf den Arm. „Widerstand ist zwecklos.“

Aber Silas verging das Lachen schnell.

„Silas.“ Mama richtete das Klemmbrett auf ihn. „Ich habe dich für Dienstag, Donnerstag und Samstag eingeplant.“

„Mich?“ Er riss die Augen auf und legte sich die Hände auf die Brust. „Tante Glo, ich habe ja sogar noch weniger Erfahrung als Zack. Ich war ja noch nicht einmal in der Küche seit – na, bestimmt seit der zehnten Klasse.“

„Schön, dann kannst du Tische abräumen.“ Mama kritzelte auf ihrem Klemmbrett herum. „Deine Baufirma hat zurzeit sowieso nicht viel zu tun.“ Mama blitzte ihn an. Sie wusste alles. Und selbst wenn sie vielleicht nicht alles wusste, vermittelte sie einem doch das Gefühl, als sei es so. „Bring mal ein bisschen Kohle nach Hause, dann gibt dir Hadley vielleicht eine zweite Chance.“

Silas’ Wangen glühten rot. „Wir haben uns nicht wegen des Geldes gestritten.“

„Nichts ist heilig, Silas“, sagte Susanna mit einem Lachen. „Das weißt du doch.“ Nicht einmal die Zerrissenheit ihrer eigenen Tochter. „Ich habe den richtigen Ring, aber nicht die richtige Frau gefunden“ gehörte schon halb zum Hauswortschatz der Familie. Alles wegen Mama.

Silas sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Geht‘s dir gut, Cousinchen? Mit der ganzen, du weißt schon, Adam-Geschichte?“

„Ich komme zurecht, Si.“ Zack und Silas waren mehr wie Brüder als Cousins für sie. Als sie klein war, hatte ihre Mutter Linda, Daddys Schwester, manchmal einen oder zwei Tage lang auf sie aufgepasst, wenn Daddy und Mama wieder einen ihrer wahnsinnigen Krachs hatten.

„Glo“, Daddy hob seine heisere Stimme. „Lass doch die Jungs in Frieden. Wir haben genug Leute in der Küche. Ich bin doch nur ein einziger Mann.“

„Ein Mann, der die Arbeit von fünf schafft.“ Mama lehnte sich über sein Bett und streichelte sanft seine Wange. „Das ist es ja, was dich hier reingebracht hat, Gib. Wir haben Glück gehabt, dass es nur ein kleiner Infarkt war.“

„Mach ihnen das Leben nur nicht so schwer“, flüsterte Daddy. Seine flatternden Lider schlossen sich.

„Gut“, sagte Mama, „alle Mann raus hier. Lasst Gib sich etwas ausruhen.“

Die Familie verabschiedete sich einer nach dem anderen von Daddy. Sie versprachen ihm, den Himmel mit ihren Gebeten zu füllen. Mama gab Avery ein Handzeichen, um das Bett herumzukommen.

„Komm, meine Kleine. Wir müssen zusehen, dass du nach Hause kommst. Morgen ist Schule.“

„Gute Nacht, Daddy.“ Avery beugte sich über ihn, um ihm einen Abschiedskuss zu geben. „Tut mir leid, dass ich den Krankenwagen gerufen habe.“

Daddys schwaches Lächeln erhellte das Zimmer. „Das hast du gut gemacht, Süße.“

„Das hat sie wirklich gut gemacht.“ Mama gab Avery einen Klaps auf den Hintern, als sie das Zimmer verließ. „Ich komme morgen früh wieder, Gib. Susanna, du auch. Lass uns gehen.“

„Bleib.“ Daddy winkte Susanna mit einer kleinen Bewegung seiner Finger zu sich. „Muss … mit dir … reden.“

„Bleib nicht zu lange, Suz“, sagte Mama und beugte sich über Daddy, um ihn zu küssen. „Werd gesund, Gib. Hörst du mich?“ Mama. Sie, der man gehorchen musste. Daddy würde gar nichts anderes übrigbleiben, als völlig wiederhergestellt nach Hause zu kommen. Hundertprozentig.

Die Tür schloss sich leise hinter Mama, die Sanftheit in ihrer Stimme hing noch im Raum. Hinter aller Ruppigkeit liebte Mama Daddy leidenschaftlich. Und ihre Familie auch.

„Sie liebt dich“, sagte Susanna und setzte sich auf den Stuhl, aus dem Avery aufgestanden war.

„Ja, das tut sie, das herrische alte Mädchen.“

„Was würdest du nur ohne sie tun?“ Susanna schob vorsichtig ihre Hand in Daddys, um seine Infusionsnadel nicht zu berühren.

„Dann hätte ich mal einen Moment Ruhe.“ Er lachte und drückte ihre Hand. Der Monitor piepte kurz, aber als Susanna den Bildschirm studierte, sah sie, dass Daddys Herzfrequenz gleichmäßig und stabil war.

„Du hast uns ganz schön erschreckt.“ Susanna rutschte im Stuhl hin und her und versuchte, es sich mit dem Kleid bequem zu machen. Das enge Etuikleid war schick und perfekt, um darin zu stehen und zu gehen. Bequemes Sitzen war allerdings etwas anderes.

„Das ist nix. Nur eine kleine Verstopfung.“

„Du weiß, dass wir alle ohne dich aufgeschmissen wären. Besonders Mama.“

Susanna strich mit ihrem Daumen über Daddys Handrücken, die Augen voller Tränen.

„Morgen früh machen sie eine Angioplastie. Hinterher bin ich wie neu. Zu stur, zu sterben. Erst 48. Hab vor, dich zum Altar zu führen.“ In diesem Moment sah er ihr in die Augen, klar und fokussiert. „Es tut mir leid wegen Adam, Kätzchen. Du wolltest immer die einzig wahre Liebe, nicht wahr?“

„Tja, das war er dann wohl nicht.“ Schon wieder Tränen. Susanna pulte mit ihrer freien Hand an den Fäden der Bettdecke herum. „Aber weißt du, es wurde ja schon langsam albern. Warten, nicht weiterkommen, sich mehr wie Freunde benehmen als wie ein Liebespaar.“ Sie nahm sich ein Taschentuch vom Nachttisch. „Ich seh’s vor mir. Mein vierzigster Geburtstag, und wir sitzen alle auf der Terrasse des Shack, und Tante Jen sagt:, Na, Suz, was meinst du, wann Adam dir einen Antrag macht? Das wird so langsam ein bisschen zäh mit euch.’“

Daddys kurzes Lachen wich einem Keuchen. Während er um Atem rang, stand Susanna auf, kurz davor, nach der Schwester zu klingeln. „Nicht … so … lustig, nehme ich an.“

Sie setzte sich wieder, wickelte sich das Taschentuch um den Finger und tupfte sich das Wasser aus den Augen. „Doch, ist es. Lach ruhig. Wir könnten alle etwas Lachen vertragen.“ Wieder schob sie ihre Hand unter Daddys. „Das Einzige, was mich jetzt interessiert, ist, dass es dir wieder besser geht.“

„Nach morgen bin ich wieder fit wie ein Turnschuh.“ Daddy schloss seine Augen mit einem tiefen, erfüllenden Atemzug. „Was hat es mit deinen schicken Klamotten auf sich?“ Er hatte ein Auge zu einem Schlitz geöffnet. „Du siehst hübsch aus.“

„Ich war bei einer Benefizveranstaltung mit Gage. Er versucht, den Job für den neuen Krankenhausflügel an Land zu ziehen.“

„Gage Stone. Guter Mann. Fleißig. Hat seine eigene Firma …“

„Hör auf, Daddy.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem halben Lächeln. „Du durchschaust mich.“

„Ja, das tu ich.“ Susanna zerpflückte die Kante ihres Papiertaschentuchs. „Daddy, sollte ich versuchen, Adam zurückzugewinnen?“ Sie kannte die Antwort. Aber sie war so lange mit ihm zusammen gewesen, dass es ihr geradezu unheilig erschien, die Beziehung so sang- und klanglos enden zu lassen.

„Das kannst nur du wissen, Kätzchen.“

„Es tut weh wie verrückt, aber …“ Ihre Stimme schwankte unter dem Gewicht der Wahrheit. „Ich glaube, er hat uns beiden einen Gefallen getan.“

Je mehr ihr klar wurde, dass sie ihn auch nicht heiraten wollte, desto dämlicher fühlte sie sich. Das Beste wäre, einfach weiterzugehen. Es hinter sich zu lassen.

Das Gespräch verebbte, und Susanna sah Daddy beim Ausruhen zu, dabei, wie er einfach atmete. In den Streitjahren mit Mama hatte Daddy sie immer auf ihr Zimmer geschickt, wo sie sich angstschlotternd in ihrem Kleiderschrank versteckte. Jetzt überwältigte sie die Liebe fast.

Susanna war zwölf, als er Mama wieder geheiratet hatte, und er war danach ein völlig anderer Daddy geworden. Er war sanft und freundlich, ermutigend und unterstützend. Er sagte ihr auf seine Weise, dass es ihm leidtat um ihre Kindheit. Wieder und wieder.

„Was mache ich nur mit all dem Geld?“, wagte er einen weiteren Vorstoß durch die Benommenheit, die Augen immer noch geschlossen, die Atmung immer noch etwas angestrengt.

„Welches Geld?“

„Das Geld, das ich für deine Hochzeit beiseitegelegt habe.“

Sie lachte durch einen neuen Tränenschwall hindurch. „Kauf dir die Jacht, mit der du Mama schon so lange drohst.“

Hochzeit. Jacht. Es war egal. Es gab keine Ersparnisse. Daddy und Mama verwendeten ihr ganzes Geld darauf, das Rib Shack über Wasser zu halten. Das war Daddys Jacht. Verankert im roten Lehm Georgias.

„Ich nehme die Schuld auf mich. Na ja, auf Mama und mich“, sagte er, jetzt mit offenen Augen. „Wir haben dich an die Wand genagelt, bevor du dich ducken konntest.“

„Hör auf, Daddy. Wir müssen nicht jetzt darüber reden.“ Sie fing eine schnelle Träne auf, bevor sie auf seine Hand tropfen konnte.

„Du beschützt meine Gefühle nicht, wenn du so tust, als seien wir tolle Eltern gewesen.“

„Das mach ich nicht. Ihr wart furchtbar, als ich klein war. Aber Daddy, ich kann wirklich nicht dich und Mama für meine gescheiterte Beziehung mit Adam verantwortlich machen.“

„Ich hab immer gedacht, du gibst dich mit ihm nur zufrieden.“

„Wirklich …“ Susanna lehnte sich mit großen Augen zurück. „Das wäre mir neu.“

„Na, du weißt schon. Liebe ist eine komplizierte Angelegenheit. Es sah aus, als würdest du glauben, er sei die große Liebe, nach der du dich immer gesehnt hast. Er war ein netter, vernünftiger Junge mit guten Karriereaussichten. Aber, Kätzchen, da ist noch mehr für dich drin. Ich fühle das. Was Großes.“

„Also, jetzt höre ich aber deine Tabletten sprechen. Alles, was ich will, ist dass es dir besser geht. Das ist mein Großes.“

Daddy nickte ein. In der Stille des Raumes erkannte Susanna, wie viel Angst sie auf dem Weg ins Krankenhaus gehabt hatte, aber Nate –

Sie sprang auf. Nate. Ach, du liebe Güte, den hatte sie ja ganz vergessen. Im Wartebereich einfach sitzen lassen.

Die Tür ging auf und zwei Krankenschwestern kamen herein.

„ … er sitzt schon den ganzen Abend da“, sagte eine der beiden Schwestern.

„Ich kann mich gar nicht von ihm losreißen. Er sieht aus wie ein schönes Gemälde“, sagte die Krankenschwester mit dem Namensschild, auf dem Kasey stand. „Hallo, Miss Truitt.“

„Er schläft“, sagte Susanna. „Sagten Sie, ein Mann sitzt im Wartezimmer?“

„Der hübsche.“ Kasey tippte Notizen in den Computer an Daddys Bettkante. „Hat sich die letzte Stunde nicht wegbewegt. Sagt, er wartet auf eine Frau.“ Sie hob ihre Augenbrauen. „Sind Sie die Frau?“

„Natürlich nicht.“ Jedenfalls nicht die Frau in dem Tonfall. Susanna küsste Daddy sanft auf die Wange und flüsterte: „Ich liebe dich. Alle meine Gebete gelten dir.“

Sie eilte auf Zehenspitzen den Flur hinunter und versuchte, die anderen Patienten nicht mit dem Geklacker ihrer Absätze auf dem gefliesten Fußboden zu stören. Ihre Beine kämpften gegen die Enge ihres Rocks. Ihr Herz klopfte gegen die Einschränkung ihrer Erwartungen an.

Warum hatte er so lange gewartet?

Doch als sie um die Ecke des Schwesternzimmers bog, waren die Stühle leer. Susanna blieb abrupt stehen. Also war er am Ende doch gegangen. Die Enttäuschung schmerzte, während sie langsam das restliche Stück zu den Stühlen hinüberging.

Nun, gut für ihn. Er hätte sowieso nicht so lange warten sollen.

Aber, oh, es wäre so schön gewesen, mit ihm zu sprechen.

Noch einmal. Zweimal in vier Tagen war er jetzt ihr Ritter in glänzender Rüstung gewesen.

Vielleicht konnte sie Mrs. Butlers Veranstaltungsmanagerin fragen, ob sie seine Telefonnummer oder seine Adresse herausrückte.

„Danke, Nate“, flüsterte Susanna in das leere, kalte Wartezimmer, während sie sich auf den nächstbesten Stuhl setzte und anfing, zu überlegen, wie sie nun nach Hause kommen sollte.

„Susanna?“

Sie sah auf in Nates feines Gesicht. Er stand über ihr mit einer Tasse Kaffee in der Hand.

„Ich dachte, du wärst gefahren.“ Sie stand auf, um ihn zu begrüßen, eine Hand auf den Magen gepresst, ungefähr in dem Bereich, in den ihr Herz gerade gerutscht war. Er sah wirklich schneidig aus, ein besseres Wort kam ihr nicht in den Sinn, mit seinem frechen Grinsen und dem zuversichtlichen Funkeln in seinen Augen.

„Ich bin immer noch hier, ich habe nur eben Kaffee geholt.“ Er hob den Plastikbecher aus dem Automaten hoch. „Möchten Sie … möchtest du welchen?“

„Nein, nein. Danke.“ Hundemüde sank sie wieder auf den Stuhl. „Warum bist du geblieben?“

Er wählte den Stuhl neben ihrem und es kam ihm so vor, als sähe sie ihn zum ersten Mal richtig an. Als könnte sie hinter seine hohen, feinen Gesichtszüge sehen, hinter das Gefühl, als trüge er ein Jahrhundert Geschichte in seinen Knochen.

Er sah wirklich gut aus, ja, aber freundlich war das erste Wort, das Susanna in den Sinn kam, wenn sie an ihn dachte. Bei der Liebeseiche oder wie er sie den Flur entlang zur geheimen Garage der Butlers führte. Wie er sie auf der Fahrt zum Krankenhaus getröstet hatte.

„Ich muss nicht immer gerettet werden“, sagte sie, aus dem Blauen und aus der Tiefe ihres Herzens heraus.

Sein Lächeln forderte die Schatten im Wartezimmer heraus. „Wäre es denn schlimm, wenn es so wäre?“

Sie betrachtete ihn mit großen Augen. „Kennst du vielleicht einen Mann, der eine Frau will, die andauernd in der Patsche steckt?“

„Manchmal tut es einem Männerherzen ganz gut, eine schöne Frau zu retten. Es mag ihn daran erinnern, warum Gott ihn gerettet hat.“ Sein samtenes Bekenntnis berührte ihr Herz.

„Du bist ein sehr interessanter Mann, Nate Kenneth.“

„Du bist eine faszinierende Frau, Susanna Truitt.“ Er nippte an seinem Kaffee. „Sag, wie geht es deinem Vater?“

„Gut. Er hat Glück gehabt. Es ist ein kleines Gerinnsel. Morgen früh machen sie eine Angioplastie.“

„Mein Vater kämpft gegen Leukämie.“ Nate lehnte sich in dem blauen Vinylstuhl zurück.

„Das tut mir sehr leid, Nate.“ Es war das erste Mal, dass sie überhaupt daran dachte, dass er einen Vater oder Eltern hatte.

„In den letzten Monaten ist es ziemlich bergab gegangen mit ihm.“ Die starken Empfindungen intensivierten seinen Blick. „Es tut mir ziemlich leid, dass ich mich so viele Jahre mit ihm angelegt habe, im Glauben, ich wüsste es besser. Rebellion.“ Er lachte über seinen Kommentar. „Bin ich nicht mutig? Meine Jugendsünden einzusehen, jetzt, wo es meinem Vater schlecht geht?“

„Besser jetzt als nach seinem Tod.“

Nate lächelte und nickte. „Das mag ich so an euch Amerikanern. Nicht um den heißen Brei herumreden. Einfach sagen, wie es ist.“

„Sagen, wie es ist? Ich glaube, ich habe mich in meinen letzten zehn Lebensjahren nicht unbedingt klar ausgedrückt.“ Sie rutschte im Stuhl hinunter und legte ihren Kopf gegen die Lehne. „Ich bin zu müde, um nach Hause zu fahren.“

„Dann sitzen wir einfach hier und ruhen uns aus“, sagte Nate.

Susanna atmete langsam aus und ließ die Anspannung des Abends, des Tages, des ganzen Wochenendes weichen und holte sich Kraft aus Nates ruhiger Gesellschaft.

Sie war fast eingedöst, als sein Telefon klingelte. Der durchdringende Ton ließ beide gleichzeitig hochschrecken. „Es ist Liam.“ Er nahm den Anruf an und ging zum Fenster, dann um das Schwesternzimmer herum, das Telefon am einen Ohr, eine Hand über dem anderen.

Susanna sah seinem aufrechten Rücken hinterher, bis er verschwand, und beschloss, dass sie ihn mochte. Nicht, weil er in den seltsamsten Momenten und immer gerade dann auftauchte, wenn Not am Mann war, sondern weil er so aufrichtig und bodenständig wirkte. Wenn sie wieder mehr Energie hatte, würde sie mit ihm über Brighton reden, über seine Familie und ihn fragen, was er eigentlich arbeitete, wenn er Leute wie Liam brauchte.

„Susanna! Da bist du ja …“ Gage kam mit der Wucht eines zornigen Stiers in den Wartebereich gerannt. „Ich habe überall nach dir gesucht.“

„Daddy hatte einen kleinen Herzinfarkt.“

„Ich habe mich den ganzen Abend über bei Mrs. Butler entschuldigt …“

„Entschuldige mal, Gage, aber Daddy hatte einen Herzinfarkt.“ Jetzt war sie wach und zitterte fast vor Adrenalin.

„Den Auftrag kriegen wir nie“, schnaubte Gage mit den Händen in den Hüften. „Ich habe einen Kredit aufgenommen … hab ‘ne Lohnabrechnung gemacht … weil ich so sicher war, dass –“

„Bitte behaupte jetzt nicht, dass wir den Auftrag wegen mir nicht bekommen. Bitte.“

„Nein, nicht wirklich.“ Gage ließ sich auf den nächstbesten Stuhl fallen. „Sie hat noch nicht einmal bemerkt, dass du gegangen bist. Ich bin einfach nur wütend. Ihr Gastsprecher ist verschwunden, und sie war so außer sich, dass ich kein Wort darüber anbringen konnte, dass Gage Stone Associates die Architekten ihrer Wahl sein sollten. Bestimmt kriegen Hayes & Associates in Savannah unten den Job.“ Sein Tonfall veränderte sich, wurde niedergeschlagen und schwach. „Ohne diesen Auftrag werden wir untergehen. Hörst du mich, Susanna? Untergehen.“

„Weißt du was, Gage?“ Susanna sah ihn an und nahm ihren Mut zusammen. „Ich mach dir das Leben ein bisschen leichter. Ich kündige.“ Wenn sie überhaupt etwas aus der Trennung von Adam gelernt hatte, dann loszulassen. Ihr Herz für neue Möglichkeiten zu öffnen. Zu springen.

„Kündigen?“ Mit einem harten Lachen verspottete er ihre Erklärung. „Jetzt komm schon. Sei mal realistisch. Wo willst du denn hin, wenn du mich verlässt?“

„Ich weiß es nicht, Gage. Ich weiß es nicht.“ Sie stärkte sich mit einem tiefen, befreienden Atemzug. Pustete den ganzen Schrott von wegen nach Plan leben einfach weg. „Aber das erste Mal in meinem Leben ist es mir egal.“

SIEBEN

Nathaniel joggte den Strand entlang einem Möwenschwarm hinterher. Bilder von Susanna geisterten ihm im Kopf herum. Schon beim Aufwachen hatte er an sie gedacht und sie seitdem nicht aus seinen Gedanken verbannen können.

Als er von seinem Telefonat mit Liam zurückgekommen war, hatte er sie zitternd vorgefunden. Sie tigerte hin und her und diskutierte murmelnd mit sich selbst. Ihr Chef war vorbeigekommen, und sie hatte den Mut aufgebracht, ihm zu sagen, dass sie kündigte. Warum, wusste Nathaniel nicht, und er fragte sie auch nicht danach, während er sie nach Hause brachte. Aber er liebte ihren Mumm und das im Schatten der Trennung von ihrem Möchtegern-Verlobten.

„Ich kündige.“

Wie unglaublich befreiend. Nathaniel hatte diese Worte noch nie in seinem Leben gesagt. Er hatte seine Indienststellung bei der Marine zurückgezogen. War als Geschäftsführer seiner Kommunikationsfirma zurückgetreten. Alles für das Wohl der Krone.

Aber kündigen? Das war ihm nicht erlaubt.

Zu kündigen war eine Freiheit, die die meisten Leute für selbstverständlich nahmen. Die Chance, die Ruder in die Hand zu nehmen und eine andere Richtung einzuschlagen.

Als das Sommerhaus in Sicht kam, bahnte Nathaniel sich einen Weg durch das Strandgras und wuchernde Palmettopalmen und sprintete den Pfad entlang. Unter seinen Laufschuhen gab der Sand nach, sodass er sich auf jeden der langen Schritte konzentrieren musste.

Eine niedrige Steinmauer umgab das Sommerhaus, das recht typisch war für St. Simons. 1902 war es der königlichen Familie von Brighton, genauer Ur-Ur-Großvater Nathaniel I., geschenkt worden. Vor dem Krieg hatte die Familie jedes Jahr die Reise nach St. Simons Island unternommen. Aber in den letzten Jahrzehnten … Die rostigen Scharniere des schmiedeeisernen Gartentors quietschten, als Nathaniel es aufschob und den Vordergarten betrat.

Er hielt an, um seine Umgebung zu betrachten. Der Garten war ein ganz schönes Durcheinander und ziemlich heruntergekommen, kümmerlich und vernachlässigt.

Nathaniel war zwanzig Jahre lang nicht auf der Insel gewesen, aber er erinnerte sich an Vaters schönen Garten und Rasen. Wo heute das Unkraut wucherte, war einmal ein Rosenbeet gewesen. An der Einfassung der Veranda hatte Vater gemulchte Beete mit Hecken und Hibiskus gehabt. Nathaniel erinnerte sich nur wegen der Alliteration daran … Hecken und Hibiskus. Gärten waren Vaters Zeitvertreib gewesen. Er sagte, die Gartenarbeit helfe ihm, mit Gott Zwiesprache zu halten. Stunde um Stunde kniete er im Dreck, grub und pflanzte, hegte und pflegte. Hielt Zwiesprache.

Als er krank wurde, wurden auch seine Gärten krank.

Nathaniel ging den ramponierten Weg entlang und hielt auf halber Strecke zum Haus an.

Er hatte das Talent seines Vaters im Umgang mit Pflanzen und Blumen nicht geerbt, aber er kannte jemanden, der ein Auge dafür haben könnte, die vergangene Schönheit des Gartens wiederherzustellen. Vielleicht eine schöne Landschaftsarchitektin, die Arbeit suchte.

Jonathan betrat die Veranda vor der Küche und ließ die Zwischentür aus Fliegengitter hinter sich zufallen.

„Du bist in den Nachrichten.“ Er hielt sein iPad hoch.

„Amerikanische oder brighton’sche?“ Nathaniel gesellte sich zu ihm. Salzige Meeresbrise strich unter das Vordach. Mit einem letzten Blick in den Garten entschied er sich. Um seines Vaters Willen würde er etwas gegen den jämmerlichen Zustand unternehmen. Das würde das Herz des Königs erwärmen.

„Brighton‘sche. Wir haben dich aus den Lokalgazetten hier herausgehalten. Mrs. Butler hat ihren Teil der Vereinbarung eingehalten.“

Jonathan zog einen Stuhl mit einem seiner mit Sandalen bekleideten Füße heran und begann zu lesen, als er sich setzte. „Obwohl sie sehr aufgebracht war über dein Verschwinden.“

„Lad sie zum Tee ein. Ich werde mich entschuldigen.“ Nathaniel saß auf dem Stuhl gleich neben ihm. Er hörte Jon zu, der laut vorlas und spürte, wie sich Spannung in seiner Brust aufbaute.

„ … angesichts der Krankheit des Königs stellt sich die Frage, ob Prinz Nathaniel bereit ist, das Königreich zu übernehmen und das Ende des Abkommens zu meistern? Er scheint noch nicht einmal imstande zu sein, Liebe und eine Ehefrau zu finden und dem Hause Stratton einen Erben zu schenken.“

„Jon, ganz ernsthaft: Erfindest du das gerade?“

„Ich lese es direkt von der Internetseite der Liberty Press.“

„Der Liberty Press? Und die schimpfen sich eine seriöse, etablierte Zeitung … Wollen sie auf etwas Bestimmtes hinaus?“

„Ja, ich komme gleich darauf.“ Er scrollte etwas. „Ah, hier haben wir es. ‚Wir haben dem Prinzen einen Vorschlag zu machen – Lady Genevieve Hawthorne.‘“ Jonathan machte eine Pause, um Nathaniels Reaktion abzuwarten.

„Ach du liebe Güte. Und wer hat diesen kreativen Text geschrieben?“

„Claudette Hein.“

„Ja, natürlich.“ Sie war eine von Ginnys besten Freundinnen und eine feurige, sehr aktive Reporterin aus Hessenberg, die für Brightons führende Tageszeitung, die Liberty Press, schrieb.

„Und ich sollte Ginny heiraten, weil sie eine entfernte Kusine von Prinz Franz ist?“

Jonathan rutschte nach vorne und legte sein iPad beiseite.

„Natürlich. Sie könnte das Abkommen zu einem märchenhaften Ende führen. Eine hessenbergische Prinzessin aus der Linie von Prinz Franz, die dem Land seine Unabhängigkeit zurückgibt und es wieder zu einer souveränen Nation macht. Es würde dir eine Menge Bonuspunkte bei den Menschen einbringen.“

„Was ist mit diesem Mensch hier?“ Nathaniel tippte sich auf die Brust. „Ich muss mit mir leben und mit den Entscheidungen, die ich treffe.“

Er stand auf und lehnte sich gegen die nächste Verandasäule. Heute wollte er nicht über Vereinbarungen und Abkommen oder Pflichtehen reden. Er wollte sich einen üppigen Garten mit einer schönen Frau darin vorstellen. Susanna. Aber seine Gedanken waren in der Diskussion über das Abkommen gefangen. „Ginny ist nicht die Lösung für Hessenberg. Sie stammt nicht aus der Linie des Großherzogs, sie ist nur eine sehr, sehr entfernte Kusine aus einer morganatischen Ehe von vor 150 Jahren. Die Hawthornes haben ihre Rechte auf den Thron schon lange vor dem Abkommen aufgegeben.“

„Aber das Abkommen endet nächstes Jahr, Nathaniel. Die Leute werden unruhig und suchen nach einer Lösung. Ob es möglich ist, dass Hessenberg wieder unabhängig wird? Die EU hat finanzielle Unterstützung zugesagt, um Hessenberg zu helfen, auf eigenen Beinen zu stehen.“

„Ja, und es laufen ja auch Gespräche über großzügige Handelsabkommen mit Großbritannien und Deutschland. Aber wenn es nötig wäre, dass ich Ginny heirate …“ Dann würde er darüber nachdenken müssen, oder? Oder konnte er rundheraus ablehnen?

„Prinz Nathaniel I. und Prinz Franz müssen doch etwas im Sinn gehabt haben, als sie für das Ende des Abkommens einen Erben bestimmt haben.“

Nathaniel war entschlossen, danach zu suchen.

„Sicher, Hessenberg war der letzte Autokrat. Prinz Franz, nun, das Haus Augustin-Sachsen besaß ja quasi ganz Hessenberg.“

„Deswegen waren sie ja auch nicht in der Lage, den Krieg zu überstehen.“

„Aber ein Jahrhundert später“, Jonathan schüttelte den Kopf, „scheint Ginny doch als ganz passable Erbin durchzugehen.“

„Sie ist vielleicht adelig, aber nicht königlich. Prinz Franz wollte, dass Hessenberg zur königlichen Familie zurückkehrt.“

Ausgehend von den Tagebüchern des Königs Nathaniel I. wusste Nathaniel, dass sein Ur-Urgroßvater die Rolle von Königen in Regierung und Kultur sehr schätzte. Deswegen hatte er überhaupt erst zugestimmt, Prinz Franz zu helfen. Um eine Nation zu retten. Jetzt sah es ganz so aus, als würde es dem nächsten König Nathaniel zufallen, das Ende des Abkommens abzuwickeln. Ihm.

„Es spielt keine Rolle, was sie wollten, Nathaniel. Es ist nur wichtig, was du und dein Vater wollen.“

„Doch, es spielt durchaus eine Rolle, was sie wollten. Sie mögen vergangen sein, aber ihr Wille wirkt auf uns heute nach. Das Blut des König Nathaniel I. fließt durch meine Adern.“ Nathaniel setzte sich wieder und griff nach Jons iPad. „Ich werde keine Frau heiraten, die ich nicht liebe. Ich schätze Freiheit und Unabhängigkeit, aber ebenso sehr schätze ich wahre Liebe.“ Er scrollte durch die Story. „Denkst du, Ginny wusste von diesem Artikel? Sie und Claudette kennen sich seit der Universität.“

„Wer weiß? Will Ginny die Erbin sein? Wenn ja, ist der einzige Weg für sie, königlich zu werden, jemanden aus der königlichen Familie zu heiraten. Das bist dann du, Kamerad.“

„Meinen Bruder, den wunderbaren Prinzen Stephen, gibt es ja auch noch.“ Nathaniel gab das iPad zurück. Er wollte nicht mehr lesen. Es verdarb nur seine Gedanken um den Garten und das Mädchen. „Das wäre eine schöne Bescherung.“

„Was mich wundert ist, dass du doch seit Jahren mit Ginny befreundet bist, Nathaniel“, sagte Jon. „Zeitweise sogar romantisch verbunden.“

„Wir sind ein paar Mal ausgegangen.“ Außerdem hatte er da noch nicht jemanden wie Susanna getroffen.

„Wieso also nicht heiraten? Sie ist eine Ikone in Brighton. Olympiasiegerin. Miss Brighton Universe. Ich glaube nicht, dass ich dich daran erinnern muss, dass sie heiß ist, mein Freund. Unglaublich heiß.“

„Eine Beziehung besteht aus mehr als, heiß’, Jon.“ Da war Susanna. Schön in jeder Hinsicht.

„Ja, aber das ist doch ein fantastischer Anfang.“

Nathaniel sah seinen ehrwürdigen Berater böse an. „Dann heirate du sie doch.“

„Ich? Ich habe ja noch nicht einmal einen Titel. Technisch betrachtet hat sie einen höheren Rang als ich.“

„Na gut, dann kümmere ich mich sofort nach unserer Rückkehr darum. Ich sehe zu, dass der König dich zum Ritter schlägt. Sir Jonathan Oliver.“

„Super, aber das bringt Ginny doch auch nicht weiter. Sie will keinen Ritter, sie will einen Kronprinzen.“

„Da kann sie warten, bis sie graue Haare hat.“

Der Gedanke daran, sich mit Genevieve zusammenzutun, wühlte Nathaniel auf. Der Druck, zu heiraten, lastete immer auf dem Kronprinzen, aber der Druck, jemand ganz Bestimmten zu heiraten, war neu und unwillkommen.

„Jetzt komm schon, Nate.“ Jonathan verschränkte die Hände hinter dem Kopf und nahm eine Haltung ein, als würden sie Rugbyergebnisse diskutieren und nicht Nathaniels Leben, sein Herz und die Zukunft zweier Nationen. „Lady Genevieve könnte die einfache Lösung für ein sehr emotionales Problem sein.“

„Leicht für wen?“ Ginny war zweifellos ein echter Star in Brighton. Aber nicht seiner. Obwohl Mama und der größte Teil des Königshofes sie zu lieben schienen. „Das Abkommen verlangt einen legitimen Erben mit Anspruch auf den Thron. Ginny ist das nicht.“

„Schade, dass du sie nicht einfach zu einer königlichen Prinzessin aufbauen und dem Ganzen ein Ende machen kannst.“

„Wenn die Krone sie vor dem Ende des Abkommens zur Prinzessin aufbaut, finden wir uns vor dem europäischen Gerichtshof wieder. Von den Sanktionen unseres eigenen Parlaments ganz zu schweigen. Oder der Tatsache, dass es sehr danach aussähe, als ob man einen königlichen Titel kaufen könne. Verkauft an den höchsten Bieter.“

„Wenn du also Ginny nicht heiraten willst, wen dann?“

„Die Frau, die ich liebe.“ Nathaniel ging ans Ende der Veranda und sah über den Rasen. „Ich denke darüber nach, den Garten neu zu gestalten. Ich glaube, das würde Papa gefallen. Was meinst du?“

„Wir? Du und ich? Ich kann noch nicht mal Unkraut züchten, ganz zu schweigen von echten, richtigen Blumen.“

„Susanna ist Landschaftsarchitektin.“

„Das Mädchen, mit dem du von Mrs. Butlers Abendessen verschwunden bist?“ Jonathan gesellte sich auf den Stufen der Veranda zu Nathaniel. „Bitte sag mir nicht, dass du für sie schwärmst.“

„Sie ist momentan arbeitslos. Ein kleiner, schnell erledigter Gartenbauauftrag könnte genau die Ermutigung sein, die sie braucht.“

„Ein Ausweichmanöver kommt einem Geständnis gleich.“

„Ich gebe gar nichts zu.“

„Du hast mir noch nicht einmal erzählt, wie du sie kennengelernt hast.“

Er bewahrte die Erinnerung an ihr erstes Treffen unter dem Baum wie einen Schatz auf. Wenn der Rest seines Lebens schon in den Zeitungen von Brighton und Hessenberg breitgetreten wurde, wollte er Susanna für sich behalten. „Ich glaube, sie würde mit dem Garten gute Arbeit leisten.“

„Wenn du den Garten neu gestaltet haben möchtest, werde ich Angebote von anderen Landschaftsgärtnern und Architekten einholen.“ Jon sprang die Stufen hinunter und trat gegen die braune, moosige Rasenkante.

„Kein Bedarf. Meine Wahl ist Susanna.“ Nathaniel wies mit einer Geste auf die kleine, eingezäunte Fläche. „Es ist ein Garten, Jon.“

„Du stehst auf sie!“ Jon starrte ihn an. „Nathaniel, was denkst du dir eigentlich? Sie weiß, wer du bist und …“

„Sie weiß es nicht.“ Nathaniel griff nach den grünen Blättern eines tiefhängenden Astes, die in der Brise schaukelten. „Ich habe mich als Nate Kenneth vorgestellt.“

„Was ist mit deiner Rede bei der Benefizveranstaltung?“

„Da war sie draußen und hat telefoniert.“

„Wie passend.“

„Ja, sehr.“ Nathaniel schnitt eine Grimasse in Jons Richtung. „Aber ich bin ein Prinz, kein Wundertäter. Der Anruf war purer Zufall.“

„Du verschwendest deine Zeit.“

„Im Gegenteil, wenn ich den Garten neu gestalten lasse, nutze ich meine Zeit sehr gut.“

„Du weißt, was ich meine, Nathaniel.“

„Rufst du sie an, um einen Termin zu machen, oder soll ich?“

„Ich kümmere mich darum.“ Jonathan nahm sein iPad. „Wenn du schon dabei bist, ruf bitte Mrs. Butler an. Lade sie zum Tee ein. Ich werde mich für meine Abwesenheit gestern Abend entschuldigen.“

„Bereits erledigt. Steht für morgen um vier in deinem Kalender.“

„Gut, gut. Dann bestell Susanna doch für den Vormittag.“ Oder für heute Abend. Oder für jetzt gleich.

Wenn er könnte, würde Nathaniel jeden einzelnen seiner Urlaubstage mit ihr verbringen.

Ein Gärtnereiprojekt wäre die perfekte Verbindung. Und der perfekte Abstandhalter. Nathaniel war von ihr bezaubert und angetan, sehr sogar. Ihm wurde bewusst, dass Jonathans alarmierte Reaktion gerechtfertigt war. Er musste sich schützen. Er würde mit Susanna Truitt höchstens befreundet sein können, nicht mehr. Nie.


Am Dienstagmorgen wachte Susanna früh auf, zog ein Paar Shorts und ein T-Shirt an, nahm ein paar Kartons aus der Garage mit, die von ihrem Umzug zurück auf die Insel übrig geblieben waren, und fuhr ins Büro.

Gage war dort, aber er machte sich rar, während sie ihre Sachen einsammelte. Nur Myrna versuchte, sie aufzuhalten.

„Suz, bleib. Er braucht dich. Wir alle brauchen dich. Du bist das ruhige Auge im Sturm.“

„Selbst wenn ich wollte, könnte ich nicht, Myrna. Ich muss das hier machen. Ich kann nicht erklären, warum. Ich weiß einfach, dass ich es tun muss.“

Susanna trug die Kartons beschwingt zum Auto. Sie war frei … wirklich frei … und brachte zu Ende, was Adam begonnen hatte. Legte ihre Pläne und ihre Komfortzonen in Schutt und Asche.

Als Nächstes hielt sie am Krankenhaus an, um bei Daddy zu sitzen. Er hatte die Operation schon hinter sich und erholte sich in seinem Zimmer.

„Die Operation ist traumhaft verlaufen“, hatte Mama ihr sehr gefühlvoll zugeflüstert, als Susanna früher am Morgen angerufen hatte, um sich zu erkundigen, wie es ihm ging.

Gegen Mittag war sie wieder zu Hause und hatte einen freien Nachmittag vor sich. Sie hatte noch nie einen Tag ohne Pläne gehabt.

Um zwei hatte sie die Küchenschränke saubergemacht und den gefliesten Boden gesaugt und gewischt. Nach einer zweiten Dusche schnappte sie sich eine Orange und ging auf die Terrasse im Hinterhof hinaus.

„Suz, bist du da?“

„Ja, auf der hinteren Terrasse.“ Susanna kniff die Augen zusammen und sah über ihre Schulter durch das helle Sonnenlicht Gracie auf sie zukommen.

Beste Freunde trösteten die Seele wie nichts anderes.

Gracie ließ sich auf den Adirondack Stuhl neben Susanna fallen, nahm ihr dunkles Haar im Nacken zusammen und türmte es sich auf den Kopf.

„Mann, ist das heiß.“ Sie musterte Susannas Orange. „Isst du die noch?“

„Ich esse sie in diesem Augenblick, ja.“ Susanna pulte einen Schnitz ab und reichte ihn Gracie.

„Also, ich hab da mal ’ne Frage.“ Gracie schob das Stück in den Mund. „Wie kommt es eigentlich, dass ich von Mary Jo auf dem Wochenmarkt erfahre, dass meine beste Freundin sich von ihrem Freund getrennt hat?“

„Ich war beschäftigt.“

„Ja? Womit? Gekündigt hast du auch.“

Susanna sah sie skeptisch an. „Woher weißt du das nun wieder?“

„Myrna hat mich angerufen. Du weißt doch, dass sie ganz dicke ist mit meiner Tante Lisa.“

„Sorry.“ Sie gab Gracie noch ein Stück Orange. Das sollte ihr ein paar Gramm Vergebung einbringen. „Ich wollte dich anrufen, aber …“

„Es ist schon okay, Suz.“ Gracie hob ihr Gesicht zur Sonne. „Nach 15 Jahren Freundschaft weiß ich doch, dass du Zeit brauchst, um das sacken zu lassen. Aber ich will dir sagen, dass ich stolz auf dich bin. Das Mädchen mit dem Plan, das Mädchen, das sogar vor Impulskäufen recherchiert, versucht sich freestyle.“

Gracie streckte die Hand nach einem weiteren Orangenschnitz aus. „Erinnerst du dich an das Fahrrad, das du vor ein paar Jahren kaufen wolltest?“

„Das wirst du mir bis zum Sankt Nimmerleinstag aufs Butterbrot schmieren, oder?“ Susanna gab reichte ihr mehr Orange. „Ich wollte doch nur das richtige Rad kaufen. Damit ich es auch wirklich benutze.“

„Und du hast es … wann nochmal zuletzt benutzt?“ Gracie nickte dem gelben Strandrad zu, das an die hintere Veranda angekettet war.

„Du findest dich total witzig, haha. Ich wollte heute Abend Fahrrad fahren.“ Susanna schnitt ihr eine Grimasse. „Aber Mama hat mich für das Rib Shack eingeplant, solange sie an Daddys Bett sitzt.“

„Wenn ich deine Mama nicht so gut kennen würde, würde ich das als lausige Entschuldigung bezeichnen. Im Shack arbeiten. Wie geht es eigentlich deinem Dad? Das hab ich dir übrigens vergeben, dass du mich nicht angerufen hast, als er ins Krankenhaus musste.“ Gracie streckte die Hand aus und Susanna reichte ihr einfach den Rest der Orange.

„Ich hatte vor, dich anzurufen. Und Rad zu fahren.“ Eine Radtour über die sonnenbeschienene Insel wäre schön … Meeresbrise im Haar, Sonne auf den Schultern, den süßen Kuss der Freiheit in ihrem Herzen.

„So, jetzt aber mal wirklich. Wie geht es dir, Suz? Warum hast du gekündigt?“

„Ich weiß es nicht. Ich hab einfach … ich hab‘s einfach gesagt. Vielleicht war das meine Reaktion auf Adam, weißt du? Kontrolle zu übernehmen, wo ich doch so lange ihm die Zügel überlassen habe.“

„Hast du ein Foto gemacht? Ich hätte so gern Gages Gesicht gesehen.“

„Ja, klar, ein Foto zu machen war mit mein erster Gedanke, als ich sagte, ich kündige. Er rannte raus, ich hätte also nur seinen Hinterkopf erwischt. Ich weiß auch nicht, Gracie.“ Susanna ging langsam auf die Rasenkante zu, wo das ordentlich gemähte Gras das Wildblumenbeet berührte, das sie gepflanzt hatte.

„Heute Morgen um drei bin ich mit einem Ruck aufgewacht und habe mich gefragt, ob ich den Verstand verloren habe. Aber als ich im Büro meine Sachen zusammengepackt habe, fühlte es sich an wie der größte Moment meines Lebens. Gage hatte ehrlich gesagt doch sowieso keine Arbeit für mich. Bei der Wirtschaftslage ist Landschaftsbau ein echtes Luxusgut.“

„Was hast du von Adam gehört?“

„Schweigen.“ Susanna warf einen Blick auf ihre Freundin, die gerade den letzten Orangenschnitz aß. „Was völlig in Ordnung ist. Was gibt es denn noch zu sagen? Ich fühle mich erleichtert. Als hätte ich zehn Jahre lang den Atem angehalten.“

„Ich bin mal so frei und sag dir, dass ich mir nie viel aus ihm gemacht habe.“ Gracie ging zum Gartenschlauch hinüber und fummelte an der Düse herum.

„Du Lügnerin! Du warst doch grün vor Eifersucht, als Adam und ich anfingen, miteinander auszugehen.“

„Das war in der High School. Jedes Mädchen wollte mit Adam Peters ausgehen.“

„Jetzt ist er wieder auf dem Markt, falls du interessiert bist.“ Susanna ging ebenfalls zum Gartenschlauch und wusch sich die klebrigen Hände.

„Als ob ich deine abgelegten Sachen wollte“, sagte Gracie und ging mit tropfnassen Händen zurück zu ihrem Stuhl. „Aber immerhin hattest du eine Beziehung, die gehalten hat, Suz. Ich habe längere Beziehungen zu meinen Schuhen als zu den Männern in meinem Leben.“

„Weil du dir in den Kopf gesetzt hast, dass jeder Mann da draußen wie dein Vater ist.“ Susanna stellte das Wasser ab und rollte den Schlauch auf.

„Nein, hab ich nicht“, sagte Gracie. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass sie noch schlimmer sind.“

„Von diesem Gedanken musst du einfach mal wegkommen.“ Susanna kehrte zu ihrem Platz auf der Terrasse zurück. „Du hast jeden Mann beurteilt und verdammt, noch bevor ihr euch vorgestellt und Telefonnummern ausgetauscht habt. Du musst mal loslassen, ein bisschen vertrauen. Einem Kerl auch mal ‘ne Chance geben.“ Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und ließ sich auf das entfernte Brummen eines Rasenmähers ein, genoss das Aroma des frisch gemähten, sonnengetrockneten Grases.

„Mal loslassen? Ein bisschen vertrauen? Ha! Die Krähe schimpft den Raben schwarz, was?“

„Welche Krähe? Hier ist keine Krähe. Ich war zwölf Jahre mit demselben Typen zusammen.“

„Weil du einen Plan hattest.“

„Jetzt klingst du wie Adam.“ Susanna ließ ihren Arm über die Lehne baumeln und grub ihre Zehen in die Kante des Terrassengeländers. „Genug über mich geredet. Was ist mit dem Segler passiert? Mit dem, der mit seiner Jacht um die Welt segeln wollte?“

„Ethan? Den gibt’s noch“, sagte Gracie leichthin. Ein bisschen zu leichthin.

„Oha, es geschehen doch noch Zeichen und Wunder. Jetzt sind es, warte mal, zwei Wochen?“

„Drei.“

„Meine Damen und Herren, ich glaube, wir dürfen einen Rekord vermelden.“ Susanna setzte sich aufrecht hin und applaudierte ihrer Freundin.

„Okay, du kleine Klugscheißerin, vielen Dank auch. Wenn du es unbedingt wissen musst: Ich mag ihn. Sehr sogar.“

Susanna beugte sich in ihrem Stuhl vor, um ihrer Freundin die Hand zu drücken. „Ich freue mich für dich.“

„Und was ist mit dir? Was wirst du machen?“

„Über Adam hinwegkommen und Perspektiven entwickeln.“ Sie überlegte, ob sie ihre Faszination für ihren neuen Freund, Nate Kenneth, beichten sollte. Aber außer den zufälligen Rettungsaktionen gab es nicht viel zu erzählen. Sie hatte noch keine Worte für die Gefühle gefunden, die er in ihr weckte.

Er hatte Susanna am Montagabend zu Hause abgesetzt. Immer wieder hatte sie sich bedankt. Aber zu dem Zeitpunkt, als Liam in ihre Auffahrt fuhr, hatte ihre Beziehung ihren Höhepunkt erreicht.

Sie hatte gerade erst eine Beziehung hinter sich. Und in etwa einer Woche würde er nach Hause fliegen … ein Zuhause, das viertausend Meilen entfernt war. Was sollte da schon aus ihren Gefühlen für ihn werden?

„Ich bin froh, dass du so gut drauf bist“, sagte Gracie. „Weil ich einigermaßen schlechte Nachrichten habe. Tante Rue hat angerufen.“

„Oho. Was gibt’s?“ Susanna setzte sich aufmerksam hin und rieb sich die Sonnenwärme von den Oberschenkeln. „Hat sie das Haus verkauft?“

„Schlimmer. Sie kommt im Herbst auf die Insel.“ Gracie zog ihre Schultern bis zu den Ohren hoch.

„Und ich muss umziehen.“ Rue Prather war eine Modedesignerin, die in Alanta lebte. Sie vermietete das Haus an Susanna für kaum mehr als die Nebenkosten. Die einzige Fußangel war, dass Susanna eine andere Unterkunft finden musste, falls Rue eine Zeit auf der Insel verbringen wollte.

„Weil ich gerne Gastgeberin bin.“

„Von Oktober bis März.“

„Sechs Monate?“

„Du weißt, dass sie nicht so lange bleiben wird, Suz. Sie wird unruhig werden und wieder abreisen. Sie wird von einem neuen Designer hören, der Atlanta im Sturm erobert, und die Biege machen. Ich wette, sie kommt nicht einmal vor Thanksgiving hierher. Und ist an Weihnachten wieder weg.“

„Ich kann jedenfalls nicht für ein halbes Jahr ausziehen und hoffen, dass es nur für einen Monat ist. Wenn sie sagt, dass sie im Oktober kommt, muss ich spätestens im Oktober umziehen. Was mal echt lustig werden wird, wo ich doch gerade nur im Shack arbeite.“

In fünf kurzen Tagen war alles, was in ihrem Leben stabil und durchgeplant war, mit Karacho in sich zusammengefallen. Verschwunden.

Aber in der Tiefe ihrer Seele glaubte Susanna, dass da etwas Göttliches sich seinen Weg bahnte. Eine himmlische Veränderung geschah. Wenn sie es nur lange genug durchhielt, das Ergebnis zu sehen. Vielleicht hatte Daddy ja recht. Etwas Großes war unterwegs.

„Du kannst bei mir wohnen, wenn du möchtest.“

„Nein, vielen Dank. Dafür mag ich dich zu sehr.“ Sie hatte einmal mit Gracie zusammengewohnt. Gleich nachdem sie ihren Collegeabschluss gemacht hatte. Nie wieder. „Da zieh ich vorher mit in Auroras Zelt ein.“

„Ach wirklich, Suz. So schlimm war es auch wieder nicht.“

„Doch, das war es.“

Gracie lebte sehr raumgreifend. Grenzen waren verhandelbar. Sie breitete sich in der ganzen Wohnung aus. Susanna blühte mit Grenzen erst auf. Wenn alles an seinem Platz war. Vorhersehbar. Geordnet. Routine.

Nach ein paar Monaten war sie ausgezogen, um ihre geistige Gesundheit und ihre Freundschaft zu retten.

Ihr Gespräch drehte sich und verfiel in den leichten Rhythmus einer lebenslangen Freundschaft. Susanna brauchte Gracie nicht jedes Detail ihres Seelenlebens haarklein auseinanderzusetzen. Sie wusste darum. Sie wusste es einfach.

Gracie versorgte Susanna mit den letzten Neuigkeiten aus ihrem Schönheitssalon und darüber, dass ihre neu eingestellte Stylistin dachte, dass es eine freiwillige Sache sei zu arbeiten, wenn man für eine Schicht eingetragen war. „Sie sagte mir, sie, mache in Haar’, weil sie gehört hätte, da könnte man seine Arbeitszeiten selber festlegen.“

Susanna lachte. „Ist das nicht derselbe Grund, warum du in ‚Haar’ machst?“

„Ja, aber immerhin habe ich genug Anstand besessen, erst einmal meinen eigenen Laden aufzumachen. Du, ich muss mich beeilen.“ Die Frau, mit der sie seit der sechsten Klasse befreundet war, nahm Susanna in ihre langen, schlanken Arme. „Ich muss noch ein paar Sachen erledigen, bevor ich den Segler zum Abendessen treffe.“ Sie warf Susanna im Gehen einen Blick über die Schulter zu. „Möchtest du auch kommen?“

„Ich habe doch Dienst im Rib Shack. Außerdem muss ich selber auch noch was erledigen.“

„Okay … Suz, geht es dir gut?“

Wieder alleine.

„Ja, doch, mir geht es wirklich gut.“

Susanna blieb auf der Terrasse sitzen und dachte nach, bis die Sonne am späten Nachmittag lange Schatten über den Hinterhof warf.

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22 aralık 2023
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9783865066954
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