Kitabı oku: «Ich wünsche mir ... einen Prinzen»

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-96140-008-9

© 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Originaltitel: A Royal Christmas Wedding

Erschienen 2014 bei Zondervan, Grand Rapids, Michigan 49530, USA

Copyright © 2014 by Rachel Hauck

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Anja Lerz

Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers

Titelfoto: fotolia Kalim; fotolia Evgeniy Kalinovskiy

Satz: Brendow Web & Print, Moers

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017

www.brendow-verlag.de


All jenen gewidmet, die es wagen, zu träumen.


Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Prolog

Kapitel eins

Kapitel zwei

Kapitel drei

Kapitel vier

Kapitel fünf

Kapitel sechs

Kapitel sieben

Kapitel acht

Kapitel neun

Kapitel zehn

Kapitel elf

Kapitel zwölf

Kapitel dreizehn

Kapitel vierzehn

Kapitel fünfzehn

Kapitel sechzehn

Kapitel siebzehn

Kapitel achtzehn

Kapitel neunzehn

Kapitel zwanzig

Kapitel einundzwanzig

Kapitel zweiundzwanzig

Kapitel dreiundzwanzig

Kapitel vierundzwanzig

Epilog

Weitere Bücher


Prolog

Königreich Brighton

1834

Es war eine mondlose Nacht, tintenschwarz, kein einziger Stern funkelte am Firmament. Schnee stob durch die kalte, frische Luft.

Die Alten nannten eine solche Finsternis den Stiefel Gottes. Aber für Prinz Michael gab es keine Dunkelheit. Der Glanz der Gaslaternen, die die Palastanlagen säumten, und die hell strahlende Liebe in seinem Herzen leuchteten ihm den Weg.

Lady Charlene war eine Herausforderung. Und er beabsichtigte, sich dieser zu stellen.

Michael rannte außerhalb der Reichweite des Lichts entlang. Sein Ziel war die Pembroke Chapel und ihr berüchtigter Glockenturm.

„Mick, alter Kamerad, was ist denn mit dir los?“, erklang hinter ihm die Stimme seines Freundes Paulson. „Die Musik, das Essen, das gute Bier und all die hübschen Damen sind hinten im Ballsaal. Letztere warten darauf, dass wir mit ihnen tanzen.“

„Halt mich nicht auf, Pauls. Ich habe vor, die Glocke zu läuten.“ Michael mühte sich an dem schweren Eisenriegel der Pforte des Glockenturms ab, bis sie aufsprang.

„Was? Du machst Witze. Und welche nichts ahnende Dame wird das Objekt deiner unerwünschten Zuneigung?“ Paulsons Schritte näherten sich. Er atmete schwer, und seine Laterne spendete etwas Licht.

„Wenn ich es dir sage, wo bleibt dann das Geheimnis?“ Michael begann, im Dunkeln die rutschigen Stufen des Glockenturms hinaufzusteigen. Er ertastete seinen Weg und versuchte, mit der Hand auf dem klapprigen Holzgeländer sein Gleichgewicht zu halten.

Heute Abend wollte er nichts lieber, als um Mitternacht die Glocke der Kapelle zu läuten – ganz der Tradition des Erntefests entsprechend –, um dadurch seine Liebe zu Lady Charlene sowie seine Absicht, sie am Weihnachtsmorgen zu heiraten, zu verkünden.

Einhundertundzweiundachtzig Stufen weiter würde er auf der Turmspitze ankommen.

Paulsons Stimme echote unter ihm. „Wenn du diese Glocke läutest, wird jeder wissen, wer deine Zukünftige ist. Du wirst nicht davonkommen, alter Knabe. Was ist mit deinem Vater? Der wird das eine oder andere zu sagen haben.“

„Der wird die Wahrheit am Weihnachtsmorgen herausfinden. Genau wie alle anderen auch. Wer bin ich, dass ich mit einer guten Tradition Brightons bräche, indem ich den Namen meiner Angebeteten schon vorher preisgebe?“

Oben angekommen, warf sich Michael gegen die Tür der Glockenkammer und zwang die rostigen Scharniere nachzugeben, bis er unter der vierhundert Jahre alten Glocke stand.

Paulson traf einen Augenblick später ein. Die Laterne baumelte in seiner Hand, und das goldene Licht spiegelte sich in seinem breiten Grinsen. „Da ist sie, deine Glocke. Was hält dich auf, mein Guter?“ Er zeigte auf den Glockenstrang. „Oder bist du wieder zu Verstand gekommen, als du dich gegen die Tür geworfen hast?“

„Der Strang …“ Michael ruckte an dem verdrillten Hanfseil, das an einem Haken in der Steinwand befestigt war. „Er rührt sich nicht. Er ist eingefroren.“

„Dem Himmel sei Dank, du bist gerettet.“

„Ich will nicht gerettet werden.“ Michael rieb entschlossen seine Hände, umklammerte das Seil und stemmte sich mit aller Kraft gegen den Zug.

„Mick, hör auf, denk nach. Was wirst du tun, wenn du die Glocke geläutet hast und dir bewusst wird, dass du die Frau heiraten musst, die du im Überschwang umwirbst? Brightons Traditionen sind bald so heilig wie die Heilige Schrift, will ich meinen. Du wirst es dir nicht mehr anders überlegen und dich auf Feigheit oder Derartiges berufen können.“

„Meine Füße sind hinreichend warm, besten Dank auch. Ich werde meine Angebetete am Weihnachtsmorgen in der Watchman Abbey heiraten. Wie es die Tradition verlangt. Es wird von meiner Seite her keinen Traditionsbruch geben. Und jetzt mach dich einmal nützlich. Hilf mir.“

Mit Paulsons Hilfe befreite Michael den Strang, der an einem Haken an der Wand befestigt war, als die herrlichen Kirchenglocken in Brightons Hauptstadt Cathedral City zu läuten begannen.

Wenn der letzte Ton verklungen war und den Anbruch eines neuen Tages verkündet hatte, das Ende der Ernte und den Beginn der Weihnachtszeit, würde Michael die Glocke der Kapelle läuten, und der Klang der einzelnen Glocke würde aller Welt sagen, dass es am Weihnachtsmorgen eine königliche Hochzeit geben würde.

Wenn denn der tapfere Prinz das Herz seiner schönen Maid gewinnen konnte.

„Du bist irre geworden, Mann.“ Paulson stampfte mit dem Fuß auf. Das Geräusch hallte in der frostigen Luft wider. „Wie viele arme Seelen, übrigens alles Prinzen und Adlige, sind diese Stufen heraufgeeilt? Und haben ihre wahre Liebe verkündet, nur um ohne Braut und, wenn ich das mal so sagen darf, ohne Stolz vor der Watchman Abbey zu warten, während die Presse sich über sie hermachte?“

Michael lehnte sich mit dem kalten Seil in seinen verschwitzten Händen an die Wand und zählte die Glockenschläge der Kathedralen der Stadt.

Vier … fünf …

„Mein Schicksal ist nicht wie das der anderen.“

„Hier ist doch irgendetwas im Gange. Heraus damit.“ Paulson stellte die Laterne auf dem Sims des zur Stadt hin offenen Fensterbogens ab. „Für wen läutet diese Glocke?“

„Charlene.“ Im flackernden Licht der Laterne erwiderte Michael den Blick seines Freundes. „Aber nun bist du zur Geheimhaltung verpflichtet. Kein Wort, zu niemand.“

Paulson trat Michael gegenüber, so nahe, dass er ihn beinahe anrempelte, und riss ihm das feuchte, abgenutzte Seil aus den Händen. „Lady Charlene of Clounnaught?“ Sein Gesichtsausdruck, sein Tonfall, seine Haltung passten sich schlagartig dem Gebäude an – wurden eiskalt, hart wie Stein. „Willst du mich herausfordern?“

Die Luft vibrierte im hallenden Glockengeläut der Kathedralen der Stadt.

Sechs … sieben …

„Dich herausfordern? Was um alles in der Welt …?“ Michael bekam den Strang zu fassen und nutzte all seine Kraft, um ihn Paulsons Händen zu entwinden. Doch ohne Erfolg.

„Charlene und ich sollen einander versprochen werden. Das weißt du doch.“

„Ich weiß nichts Derartiges. Wenn deine Worte wahr sind, warum hat dein Vater dann noch nichts angekündigt? Warum seid ihr euch dann noch nicht versprochen? Ihr seid beide volljährig.“

„Alles zu seiner Zeit. Ich habe zuerst noch wirtschaftliche Angelegenheiten zu klären und meine Position in der Anwaltskanzlei meines Vaters zu bedenken. Aber wenn du diese Glocke läutest, um Lady Charlene zu heiraten, befinden wir uns im Krieg, Mann.“

„Lass die Schlacht beginnen.“ Michael rammte Paulson, bekam das Seil zu fassen, während das Läuten der Stadtglocken ihn und den Turm in der Kälte der Nacht durchdrang.

Acht … neun … zehn …

Paulson, der Sohn des Earl of Granite, hob seine Hand an Michaels Kehle. „Ich werde dich bezwingen. Fordere mich nicht heraus.“

Unfähig zu atmen, stampfte Michael ihm verzweifelt auf den Fuß. Der gab den Prinzen mit einem Schmerzensschrei frei.

„Fordere du mich nicht heraus. Sie hat mir so gut wie gesagt, dass ich die Glocke läuten soll, weil sie mich heiraten will.“

„Ha! Trotzdem wird ihr Vater das letzte Wort haben.“ Elf … zwölf.

Ein letztes Mal erklangen die Glocken der großen Kathedralen der Stadt; ihr Läuten schallte laut über die Palastanlage.

„Ein Prinz gegen einen Earl? Ich glaube, sie gehört so gut wie sicher mir.“ Michael stieß Paulson die Hand vor die Brust. „Tritt beiseite, während ich die Glocke läute.“

Er umklammerte das dicke Seil und zog daran, indem er sich mit seinem ganzen Gewicht gegen das der Sechshundert-Pfund-Glocke stemmte und sie dadurch in Bewegung setzte. „Für Lady Charlene, für Lady Charlene.“

Paulson schaute durch die Fensterbögen. „Die Palasttüren öffnen sich. Ich kann das Leuchten aus dem Ballsaal sehen.“

Michael konzentrierte sich darauf, die Glocke zu läuten, zog am Glockenstrang, ließ ihn durch die Hände gleiten, zog wieder, und das Seil flog immer höher.

Der einzelne Glockenton klang heller und lauter.

„Menschen verlassen den Ballsaal.“ Paulson schnappte sich sein Licht und strebte zur Treppe. „Überall auf dem Gelände tauchen Laternen auf. Sie kommen hierher, Mann.“

Endlich war die Glocke in vollem Schwung. Michael ließ das Seil los und folgte dem schwankenden Laternenlicht.

„Aus dem Weg, Paulson, ich muss zuerst unten ankommen.“

„Nun gut, dann betrachte ich das als Herausforderung.“ Paulson wandte sich um und schubste Michael, sodass der gegen die Steinmauer fiel. Seine Füße glitten auf den Stufen aus, und er rang darum, das Geländer zu fassen zu bekommen und sein Gleichgewicht wiederzufinden.

„Bleib stehen!“ Michael fand seine Balance und tastete sich die tückische Treppe hinunter, an deren Ende das Licht verblasste. „Ich weiß, was du vorhast, und es wird nicht funktionieren, das sage ich dir gleich. Ich habe diese Glocke geläutet.“

Seit hundert Jahren läuteten Prinzen und Adlige mit vor Liebe überströmendem Herzen die Glocke. Diese Nacht gehörte ihm. Seiner Erklärung. Für Lady Charlene. Das würde er sich nicht von seinem sogenannten besten Freund rauben lassen.

Michaels Herz raste, während er die Treppe hinabeilte, sich bei jedem schlüpfrigen Schritt fangen musste, doch als er um eine Biegung kam, traf ihn ein harter Schlag auf dem Kopf. Mit schmerzverzerrtem Gesicht taumelte Michael gegen die Wand und versuchte mit aller Macht, sich aufrecht zu halten. „Paulson …“

„Muss ich mich wiederholen? Wir befinden uns im Krieg, Mick.“ Paulson beugte sich zu ihm vor. „Ich werde der Erste sein, der durch die Tür der Kapelle tritt …“

„Aus dem Weg!“ Ausatmend donnerte Michael seine Faust gegen Paulsons Unterkiefer. Der größere Mann krümmte sich und empfing den Schlag mit einem leisen Ächzen.

Doch es reichte. Michael schoss um ihn herum, fand aber keinen Halt auf dem glatten Stein. Er rutschte aus, fiel, ruderte mit den Armen …

Das Geländer … wenn er doch nur das Geländer erreichen könnte …

Seine Finger streiften das alte, ausgetrocknete Holz. Im Ausstrecken bekam Michael den Handlauf endlich zu fassen. Seine Hände fuhren über das Holz, Splitter bohrten sich in seine Haut. Als er zum Halten kam, holte er tief Luft und richtete sich auf.

„Paulson, wollen wir einen Pakt schließen?“ Michael suchte die tiefen Schatten hinter sich nach seinem Freund ab, während er erneut begann, die Treppe hinabzusteigen.

Doch der Stein betrog ihn ein weiteres Mal. Sein Stiefel glitt aus. Dann brachte ihn ein leichter Schubs von hinten noch mehr ins Taumeln, und er krachte seitlich in das kümmerliche Geländer. Unter seinem Gewicht knackte das Holz.

Das Geräusch berstenden Holzes füllte seine Ohren. Seine Brust dröhnte, als er kopfüber in das tiefe, schwarze Nichts des Glockenturms der Pembroke Chapel stürzte.


Kapitel eins

St. Simons Island, Georgia

November, Gegenwart

Wenn sie ihre Augen schloss, konnte sie so tun, als hätte sich im Rib Shack nichts verändert, seit Daddy gestorben war.

Nicht das Klirren und Klackern des Geschirrs, das Summen der Spülmaschine, das Brutzeln der Fritteuse, Bristol, die Kommandos durch die Durchreiche brüllte, und Catfish, der „Nobody Knows the Trouble I’ve Seen“ sang, während Mama, die Königin des Shacks, ihn ermahnte, aufzuhören, sonst würde er eine ganz andere Art „trouble“ zu spüren bekommen.

Catfish neigte einfach den Kopf und sang ein bisschen lauter.

Avery lachte über den Schlagabtausch und war sich dennoch der Leere sehr bewusst, die sich in ihrer Brust breitgemacht hatte, seitdem ihr Held diese Erde viel zu früh verlassen hatte.

Daddy war gerade sechzig gewesen, als sein Herz sagte, es hätte genug. Ohne ihn war nichts mehr wie vorher. Das Shack nicht, Zuhause nicht, Mama nicht und auch nicht das Leben. Für Avery waren es mehr als nur Worte, wenn sie sagte, sie vermisse ihn.

Sie vermisste ihn, wie er an der Fritteuse stand und Mama sagte, sie solle ihn in Ruhe lassen. Vermisste ihn an der Anrichte, wo er seine berühmte Grillsoße machte. Vermisste seine weisen Antworten auf ihre ängstlichen Fragen.

Schlimmer als die Tatsache, dass nichts mehr dasselbe war, war, dass alles sich verändert hatte. Selbst sie hatte sich verändert. Sie war sich ihrer selbst, ihrer Zukunft, nicht einmal mehr ihrer Gedanken sicher.

Mama hatte sich am allermeisten verändert. Das Feuer hatte ihre Seele verlassen. Tag um Tag versickerte ihr mutiges Selbstbewusstsein mehr. Sie bewegte sich langsamer, redete langsamer, kümmerte sich weniger.

„Avery?“ Mama blieb bei ihr stehen, die mehlbepuderten Hände auf den beschürzten Hüften. „Du hast noch gar nicht erzählt, wie dein Arzttermin war.“

„Gut.“ Ohne groß darüber nachzudenken, berührte Avery ihre Schulter. „Der Arzt sagt, es verheilt alles gut.“

„Aber deine Zeit als Spielerin ist vorbei?“ Mama warf einen Blick auf die neue Kellnerin. „LuEllen, stell das Geschirr einfach in die Spülmaschine. Ich lass die gleich durchlaufen. Geh du zurück in den Gastraum.“

„Ich kann die Spülmaschine beladen, Mama.“ Avery wollte um den Vorbereitungstisch herumgehen, doch Mama hielt sie sanft am Arm fest.

„Beantworte meine Frage.“

Sie erwiderte Mamas Blick, und Tränen stiegen ihr in die Augen. „Ja, meine Zeit als Spielerin ist vorbei. Jedenfalls die als aktive, professionelle Spielerin.“

„Also keine Chance, was Beachvolleyball angeht?“

Alleine dass sie Mama die Worte sagen hörte, die sie sich selbst weigerte, laut auszusprechen, brachte noch mehr Tränen hervor. Kopfschüttelnd duckte sich Avery an Mama vorbei.

Als Spielerin des Jahres der Big Ten Conference hatte ihr die Zukunft zu Füßen gelegen. Als starke Außenangreiferin mit 1,80 m Größe hatte eine Profikarriere auf sie gewartet.

Sie hatte einen Agenten gehabt. Ein Weilchen. Und das Interesse der Olympiasiegerin Ella Watson.

Aber die Rotatorenmanschette, die sie sich während ihrer Zeit als Jugendspielerin verletzt hatte, verfolgte sie noch in ihrem Abschlussjahr bei den Collegemeisterschaften. Es folgten eine Operation und die strenge Erklärung des Arztes: „Sie sind fertig.“

„Wie geht es dir damit?“ Mama hatte überhaupt keine Skrupel, sich in anderer Leute Angelegenheiten einzumischen, baute selbst aber hohe Backsteinmauern auf, wenn man es wagte, sich bei ihr nach persönlichen Dingen zu erkundigen.

„Ich weiß es nicht.“ Avery stellte sich an die Spülmaschine und begann sie zu bestücken. Dabei schluckte sie einen ganzen Klumpen Emotionen hinunter, der aber wahrscheinlich mehr mit Daddy als mit dem Ende ihrer Volleyballkarriere zu tun hatte. „Gruselig irgendwie, nehme ich an. Volleyball war dreizehn Jahre lang mein Leben. Was jetzt?“

Zwei Sommer in Folge war sie mit einer Auswahl von Collegeathleten durch Europa getourt, mit Zwischenstopps im Königreich Brighton, wo sie ihre Schwester, Ihre Königliche Hoheit Prinzessin Susanna von Brighton, verheiratet mit König Nathaniel II., besucht hatte. Das war bei ihren staunenden Teamkolleginnen ganz gut angekommen.

„Du siehst zu, dass du mit deinem Leben weitermachst, so sieht’s aus.“ Mama zog ein Geschirrtuch durch die Hände. Ein nervöser Tick, den sie sich nach Daddys Tod angewöhnt hatte. „Ich könnte dich öfter hier gebrauchen, jetzt, wo Daddy weg ist.“ Sie sagte das so nüchtern. So endgültig. Wo Daddy weg ist.

„Das Shack, Mama? Ehrlich?“ Sie würde einen jungen, tragischen Tod sterben, wenn sie für den Rest ihres Daseins an das Rib Shack gefesselt wäre.

Das Restaurant der Familie war zweifellos ihr zweites Zuhause. Sie war in den Schatten der Anrichte und der Fritteuse aufgewachsen und hatte dabei viel Freude gehabt. Ihre Kindheitserinnerungen waren ihr großer Schatz.

Aber sie hatte Träume. Wollte das Leben mit beiden Händen ergreifen. Wollte einen Unterschied machen auf der Welt. Volleyball war ihr vorgezeichneter Weg gewesen. Aber jetzt, wo diese Tür verschlossen war, fielen ihre Zukunftshoffnungen in sich zusammen.

Und dann war noch nicht mal Daddy da, um ihr den Weg zu zeigen.

Avery lächelte LuEllen an, die ein weiteres Tablett mit Geschirr für die Spülmaschine brachte, und wandte sich dann an Mama. „Sie scheint sich ganz gut zu machen.“

Mama sah über ihre Schulter. „LuEllen? Ja, sie ist eine tüchtige Mitarbeiterin. Avery, Liebes, sei vorsichtig mit den Tellern. Die sind ganz schön robust, aber trotzdem aus Ton.“

Ja, aus Ton. Wie Mama. Wie Avery.

„Ich habe über das Trainieren nachgedacht.“ Avery stellte den letzten Teller in die Maschine und knipste sie an.

Mama seufzte. „Na, gut wärst du schon. Daddy hat immer gesagt, du könntest alles tun, was du dir in den Kopf setzt. Aber ich würde dich hier doch ziemlich vermissen.“

„Ja, aber ich habe eben nie vorgehabt, mein ganzes Leben hier zu verbringen.“ Avery schaute zu Mama hinüber. Die stand am Vorbereitungstisch und machte Kekse. Auf ihren Schultern lastete ein Mantel aus Traurigkeit. Der hatte sich an dem Tag auf sie gelegt, als sie mit Avery und Susanna Daddys Asche über dem Atlantik verstreut hatte.

„Tja, nun, Liebes, das Leben hat es nun einmal so an sich, dass sich der Wind gelegentlich dreht.“

„Ich sage dir was“, sagte Avery und schob Mama beiseite. „Warum gehst du nicht nach Hause? Du bist seit dem Morgengrauen hier. Nimm den restlichen Nachmittag frei. Ruh dich aus. Ich glaube, seit Saisonbeginn hast du noch keinen einzigen freien Tag gehabt.“

„Ich würde lieber arbeiten.“ Mama rührte sich nicht. Avery verstand sie. Ihr ging es genauso. Die Arbeit lenkte sie ab, hielt sie vom Selbstmitleid ab. Hielt sie fern von einem Zuhause, dem Daddys Licht fehlte.

„Du könntest allerdings nach Hause gehen“, sagte Mama. „Schone deine Schulter. Schau mal nach, ob die neuen Jalousien fertig sind, für die ich Bill Springer bezahlt habe. Es gibt keine Ausrede für schlampige Arbeit, sage ich immer.“

Aber Avery wollte auch noch nicht nach Hause gehen. Dort war es dunkel und einsam, ein leeres Überbleibsel dessen, was es einst gewesen war – ein Heim voller Leben und Lachen, Daddys und Mamas freundlichen Kabbeleien, Susannas Kommen und Gehen. Bis sie einen König geheiratet hatte.

„Ich glaube, ich würde auch lieber arbeiten.“

Mama nahm einen langsamen, tiefen Atemzug. „Du warst mir in den letzten Monaten ein Fels in der Brandung, Aves. Hast dein Leben hintenangestellt, um mir zu helfen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich musste mich daran gewöhnen, dass Susanna weg war, erst auf dem College, dann viertausend Meilen weiter in Brigthon, als Prinzessin und alles. Dann habe ich dich aufs College geschickt, auch noch auf ein Yankeecollege zu allem Überfluss, wo du ein Volleyballstar geworden bist. Jetzt muss ich mich daran gewöhnen, dass …“ Ihre Stimme brach, ein leiser Schluchzer entwich ihren zusammengepressten Lippen.

„Ich vermisse ihn auch.“ Avery legte die Arme um Mama, die mit geballten Fäusten steif über den Vorbereitungstisch gebeugt blieb.

„Es ist nur …“ Mama schlug mit der Faust auf den Tisch. „Ich kann mich nur einfach nicht daran gewöhnen.“ Sie hob ihren Kopf und wischte sich mit dem Handrücken über die Wangen. „Aber, ach, was war dein Daddy nicht stolz auf dich.“ Mama wandte sich wieder dem Keksteig zu. „Der wäre bald aus den Bändern seiner Schürze geplatzt, wenn er von dir erzählte. Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft ich ihn mit Boss, Duke und den Jungs in der Altherrenecke drüben gefunden habe, wo er erzählt hat, dass du wieder Spielerin der Woche warst oder Spielerin des Jahres oder was es nun gleich war …“ Ihre Stimme verlor sich. „Aber ich nehme an, das habe ich dir alles schon einmal erzählt.“

„Ich höre das gerne noch einmal.“ Avery versuchte, Mamas Gesicht zu sehen, aber die hielt eine Schulter hochgezogen, sodass man es schlecht erkennen konnte. Also schlenderte sie zur Spüle, um einen sauberen, feuchten Lappen zu holen und die Arbeitsfläche abzuwischen. Die Geschichten über Daddy füllten die Löcher in ihrem Herzen. Sie wusste ja, dass er stolz auf sie gewesen war, aber seine Gedanken hatte er doch meist für sich behalten.

Komisch irgendwie, dass das Letzte, was er ihr je gesagt hatte, etwas über die Liebe war, über Prinz Colin. Sie seufzte. Es hatte keinen Sinn, diese sehr endgültige Sackgasse entlangzugehen.

„Wir werden es gut haben, Avery, uns wird es gut gehen.“ Mamas Erklärung klang etwas wackelig. „Der gute Herr vergisst die Seinen nicht, nicht wahr?“

„Nein, das tut Er nicht.“ Das war jedenfalls Averys Überzeugung, wenn auch nicht ihre Erfahrung. Obwohl, konnte sie wirklich eine Zeit ausmachen, in der Gott sie vergessen hätte?

„Glo?“

Mama sah Catfish an, Chefkoch und Flaschenwäscher, wie sie ihn gerne nannte. Er war lang und schlank mit einem dünnen, zotteligen Schnurrbart. Wie ein Catfish eben, ein Wels.

„Telefon. Es ist Susanna.“

„Du liebe Güte, ich habe es nicht einmal klingeln gehört.“ Mama schnappte sich Averys feuchten Lappen und wischte sich die Hände ab, während sie im Büro verschwand, wo sie mit schriller Stimme überschwänglich ihre älteste Tochter begrüßte. „Susanna, was in aller Welt … Wie geht es dir?“

„Catfish“, sagte Avery, „ich komme gleich wieder. Ich mach mal fünf Minuten Pause.“

Er winkte ihr zur Antwort, den Kopf schon wieder über der Fritteuse. Draußen auf der hinteren Terrasse setzte sich Avery an einen der Picknicktische, fischte ihr Telefon aus der Hosentasche und schaute nach ihren E-Mails.

Mama hatte sie noch nichts davon gesagt, aber sie hatte sich für ein paar Trainerposten in der Nähe beworben. Valdosta State, Jacksonville State und Appalachian State.

Wenn sie schon nicht selbst spielen konnte, wollte sie andere trainieren.

Dann hatte ihr heute Morgen ein Freund eine Ausschreibung für eine Trainerstelle der Herrenmannschaft an der UCLA geschickt. Warum nicht? Männer trainierten schließlich schon seit Ewigkeiten Frauenmannschaften. Also hatte sie sich beworben. Kalifornien, hier komme ich. Der goldene Staat war weit weg von zu Hause, aber sie brauchte Veränderung, musste ihre Trauerkleidung ablegen, musste Leben und Abenteuer atmen.

Durch Palmettopalmen und Pinien hindurch starrte Avery auf den Pfad zum Strand hinunter, wo der Atlantik seine Wellen auf den Sand warf. Sie hatte hier schon eine Million Mal gesessen, aber heute fühlte sie sich wie ein Gast, eine Fremde in ihrem eigenen Leben.

Das erinnerte sie alles so sehr an die Zeit vor vier Jahren, als sie am gleichen Tisch gesessen und schmerzerfüllt versucht hatte, ihr gebrochenes Herz wieder zusammenzusetzen.

Sie hatte bereits ein Stipendium für die Ohio State angenommen, also gab es einen Weg, dem sie folgen konnte, sie hatte etwas zu tun. Aber nichts fühlte sich richtig an. Sie weinte sich in den Schlaf. Weinte sich wieder wach.

Die kühle, salzige Brise strich über die Terrasse, und Avery atmete ein, während die Erinnerungen mit den dazugehörigen Gefühlen an die Oberfläche stiegen.

Sie war genau hier gewesen, nur wenige Wochen vor ihrem 18. Geburtstag, ihrem Abschlussball und dem Schulabschluss überhaupt. Nur wenige Monate hatten sie von der Universität getrennt. Wenn sie denn überhaupt hingehen würde.

Denn im vorherigen Winter und Frühling hatte sie sich verliebt. Nein, nicht verliebt, sie hatte die Liebe gefunden. Tiefe, das Herz raubende Liebe. Träume, die sie vorher nie geträumt hatte, waren plötzlich wahr geworden.

Aber an jenem Abend … Avery zitterte und rieb sich den Arm. An jenem Abend war ihr eine frische Brise über die Wange gestrichen, während sie wartend an einer großen Cola light genippt hatte. Auf seinen Anruf wartend. Den Anruf dessen, der ihr Herz mit nur einem Blick erobert hatte.

Als das Telefon in ihrer Hand endlich gesummt hatte, war es kein Anruf, sondern eine Textnachricht gewesen.

Colin: Ich kann nicht kommen.

Avery: Warum? Ist alles in Ordnung?

Colin: Ich kann einfach nicht. Verpflichtungen und so.

Avery: Ich komme zu dir. Ich muss nicht zum Abschlussball. Ich wäre lieber mit dir zusammen.

Colin: Nein. Geh du mal. Du gehörst dahin. Ich bin mit Lernen und Prüfungen beschäftigt und bereite mich auf den Militärdienst vor.

„Aves“, die Fliegengittertür klapperte im Hintergrund zu Mamas Stimme. „Pack deine Taschen. Wir fliegen über Weihnachten nach Brighton.“ Mama setzte sich auf den Picknicktisch neben Avery und strich sich das wilde, krause Haar aus dem Gesicht.

„Was?“ Avery steckte überrascht ihr Handy weg. Der fröhliche Ton in Mamas Stimme gefiel ihr. „Das Rib Shack über die Feiertage sich selbst überlassen?“

Mama verließ das Restaurant nie, am wenigsten in der Weihnachtszeit. Na gut, ein einziges Mal. Als Susanna vom College zu Hause gewesen war und Daddy sie mit Tickets nach Vermont überrascht hatte. Mama hatte noch nie im Leben Schnee gesehen. Also hatte Daddy Susanna und Avery die Verantwortung übergeben und Mama ins romantische Stow verschleppt, wo sie eine unfassbar gute Zeit verbracht hatten.

„Deine Schwester ist wieder schwanger.“ Mama klopfte ihr aufs Knie.

„Wirklich?“ Susanna versuchte jetzt seit drei Jahren, einen Erben für den Thron von Brighton hervorzubringen. Avery konnte sich den Druck gar nicht vorstellen.

„Beinahe dreizehn Wochen. Sie ist sehr hoffnungsvoll. Glaubt, dass sie dieses nicht verlieren wird.“ Susanna hatte in drei Jahren fünf Babys verloren und ihnen allen damit jedes Mal das Herz gebrochen. „Würde dein Daddy diese Nachricht nicht bis in den Himmel rufen?“ Mama schlug ihr noch einmal aufs Knie. „Also, was meinst du? Ab ins Königreich Brighton zu Weihnachten?“ Sie sagte alles in einem Atemzug. Als müsste sie es sagen, bevor sie es sich anders überlegte.

„Dir ist schon klar, dass Susanna das Baby nicht nächsten Monat bekommen wird, oder?“

„Jetzt komm du mir nicht so naseweis, Avery Mae. Das ist die erste gute Nachricht seit einem halben Jahr. Also, warum nicht über Weihnachten nach Brighton fahren? Es fuchst mich, dass Daddy immer hinwollte und ich mich geweigert habe, weil das Shack uns über die Feiertage brauchte.“ Mama hob ihr linkes Bein und zog die Hose hoch. Ihre Beinschmerzen waren eine Folge der langen Zeit, die sie auf ihnen verbracht hatte. Jahrzehnte. „Seit dreißig Jahren schufte ich in diesem Schuppen vor mich hin, und wie werde ich belohnt? Mit Krampfadern und schlimmen Füßen.“

„Du hast wirklich vor, zu fahren? Willst Catfish und Bristol das Ruder überlassen, während du und ich nach Brighton rüberfliegen?“ Avery hatte ihre Zweifel. „Das glaube ich dir nicht.“

Mama schlug die Hände zusammen und hüpfte vom Picknicktisch. „Glaube mir, mein Kind, wir fliegen nach Brighton. Ich werde Weihnachten in einem Palast verbringen und für das Baby im Bauch meiner Tochter beten. Stell dir nur vor, mein Enkelkind ist ein Prinz oder eine Prinzessin. Das ist schon was, oder? Außerdem ist mir der Gedanke gekommen, dass wir von allen Weihnachtsfesten vor allem dieses als Familie gemeinsam verbringen sollten. Gib hätte es so gewollt.“

Avery stand auf und machte sich auf den Weg zurück in die Küche. „Du wirst dir die ganze Zeit über wegen des Shacks Sorgen machen.“

„Nein, da hab ich mich schon dagegen entschieden. Ich werde mir keine Sorgen machen.“ Mama folgte Avery durch die Küchentür, räumte nebenbei beim Gehen auf, stellte ein benutztes Backblech in die Spülmaschine, alles eine automatische Bewegung, weil das Shack so sehr Teil ihrer Natur war. „Wir werden nach Thanksgiving fahren, weil meine sture Schwester darauf besteht, dass die ganze Familie zum Abendessen hierherkommt. Aber wir werden gerade rechtzeitig zu dem Budenzauber in Cathedral City ankommen, den sie dort jeden Herbst haben.“ Mama schnippte mit den Fingern und drehte sich zu Avery. „Wie nennen die das noch mal?“

„Das Erntefest.“

„Das war’s. Wird das nicht spaßig? Das Ende der Erntezeit und der Beginn der Weihnachtszeit. Tschüss, Landwirtschaft und hallo, Jesu Geburt.“

Avery grinste. Keiner konnte uralte europäische Traditionen so auf Felder bestellen und Gebären herunterbrechen wie eine Frau aus Georgia.

Mama legte ihr den Arm um die Schultern. „Was sagst du, Kleine? Du und ich, ab nach Brighton. Dir wird ein Tapetenwechsel auch ganz guttun, würde ich sagen. Komm aus der Deckung, Aves. Schau dir an, wie der Rest der Welt so lebt. Mal eine neue Perspektive auf alles bekommen.“

Avery betrachtete ihre Mutter. Sie würde es ihr nicht abschlagen, nicht nach dem Jahr, das hinter ihr lag. Außerdem liebte sie die Weihnachtszeit in Brighton. Es war ungefähr der bezauberndste Ort der Welt – uralte Tradition, eine historische Architektur, die sich mit sterilen modernen Bauten mischte, schneebedeckte Hügel, über denen sich in mondlosen Nächten Sternenlicht und Meeresleuchten zu einem ätherischen Glanz um die grüne Nordseeinsel vereinten, die man als das Königreich Brighton kannte.

Aber da war immer noch die Angelegenheit mit ihm. Prinz Colin. Sie wollte nicht, dass das überhaupt noch eine Angelegenheit war, nicht nach viereinhalb Jahren, aber dem Ziehen in ihrem Herzen nach zu schließen, das sich jedes Mal einstellte, wenn nur jemand Brighton erwähnte, war es ganz eindeutig eine Angelegenheit.

Vor drei Jahren war Avery an Weihnachten in Brighton gewesen, aber Colin war mit der Marine auf See gewesen, also waren sie sich nicht begegnet.

„Na ja, ich gehe besser zurück an meine Kekse.“ Mama ging mit einer gewissen Leichtigkeit in ihrem Gang zurück zum Vorbereitungstisch und hielt dann inne. „Schau mich nur mal an.“ Sie hielt ihr die Hand hin. „Ich zittere. Ich bin noch nie ohne deinen Daddy verreist.“ Die Kommandeurin der USS Rib Shack zeigte Schwäche. Eine, die sie hinter der Liebe zu ihrem Ehemann versteckte, mit dem sie 34 Jahre lang verheiratet gewesen war.

Avery hatte schon immer vermutet, dass Glo Truitt es hasste, alleine zu sein.

„Ich werde bei dir sein, Mama“, sagte sie. „Mach dir keine Sorgen.“

„Natürlich, natürlich. Wer macht sich denn Sorgen?“ Aber ihr Blick sagte: Danke. „Catfish, Bristol, wir machen eine Lagebesprechung, wenn wir abgeschlossen haben.“ Mama wandte sich in Richtung ihres Büros. „Pass auf, Avery, mach du die Kekse. Ich muss mal telefonieren gehen.“

Jetzt stand Mama unter Strom. Aber auf eine gute Art. Eine Reise nach Brighton, Susanna besuchen, Cathedral City während der Feiertage erleben, all das ließ in Avery eine Kerze entflammen, die hell im Fenster ihrer Seele leuchtete.

Brighton, das bedeutete mehr als der dumme alte Prinz Colin. Genauer gesagt bedeutete der wunderbare Ort den Truitts sogar eine ganze Menge. Familie. Liebe. Das Unerwartete. Oh, besonders das Unerwartete.

Zuerst war da ihre Schwester, die sich in einen Prinzen verliebt hatte, der König wurde. Zeugin davon zu werden, wie sie inmitten von Glanz und Gloria den Mittelgang durchschritt, um den Mann zu heiraten, den sie liebte … Avery wusste, dass das Unmögliche nur von Zweifeln und Angst aufgehalten wurde.

Aber das wahrhaft Unerwartete in jenem Jahr war Prinz Colin gewesen, wie er sie für sich eingenommen, sie auf eine Art mitgerissen hatte, die sie nie für möglich gehalten hätte. Mit ihren siebzehn Jahren war sie Hals über Kopf verliebt gewesen, so richtig. Hätte er sie gefragt, sie hätte ihn geheiratet.

Am Vorbereitungstresen rollte Avery mehr Teig aus und griff nach dem Ausstecher, um die dicken, runden rohen Kekse dann lässig auf das Backblech zu werfen, eine vertraute, tröstliche Routine.

Brighton stand auch für unerwarteten Herzschmerz. Die Liebe, die sie für Colin empfunden hatte, hatte sich nicht wie Susannas Liebe für Nathaniel entwickelt.

Diese Weihnachten war es fünf Jahre her, dass sie ihn kennengelernt hatte, ihren Prinzen, den Cousin des Königs, als sie und Susanna zu Nathaniels Krönung in Brighton gewesen waren.

Dann waren sie fünf Monate lang junge Liebende gewesen. Nicht einmal die fünftausend Meilen zwischen ihnen hatten ihre Zuneigung mindern können. Über Nacht war er ihr bester Freund geworden.

An ihn zu denken weckte einen dumpfen Schmerz, und es irritierte sie, dass er nach all dieser Zeit immer noch etwas Macht über sie besaß. Aber sie musste über ihre Gefühle bestimmen.

Colin war seinen Lebensweg sicher weiter munter vorangeschritten. Sicher wusste sie das nicht, weil sie die Klatschblätter im Supermarkt mied und Susanna nie nach ihm fragte, aber er war ein zu guter Fang, um lange alleine zu bleiben.

Sie hatte gedacht, sie wäre ebenfalls weiter. Dennoch brachte der Gedanke, einen Monat – einen ganzen Monat – in Brighton zu verbringen, alles zurück.

Herr, bitte mach, dass die Marine ihn wieder zur See schickt.

Avery trug das Keksblech zum Backofen, stellte den Wecker und schob dann die Fliegengittertür auf. „Ich komme gleich wieder!“ Sie verließ die Terrasse und schlug den Pfad durch Pinien und Palmettopalmen zum Strand ein.

Das Mondlicht spiegelte sich auf dem ruhigen Ozean, neckte sie, lud sie ein, auf dem Wasser zu gehen. Wenn sie ihre Augen zusammenkniff, schien es ihr, als könnte sie dem weißen Weg nach Nordosten folgen, ganz bis nach Brighton.

Avery näherte sich dem Wasser, wo die Wellen ihre Füße umspielten, den Sand darunter wegspülten. Es wäre besser, sie würde ihr Herz in den Griff bekommen, ihre Gedanken, bevor sie fuhr. Sonst würde sie ganz schnell als ein einziges Häuflein Elend enden.

Aber für den Moment atmete sie aus und erlaubte ihren rohen, wahren Gefühlen, sich die Wahrheit einzugestehen. Die eine Sache, die sich nicht verändert hatte, seit Daddy gestorben war.

Sie war immer noch sehr in Prinz Colin aus dem Königreich Brighton verliebt.


Kapitel zwei

Königreich Brighton

Hinter der Bühne von Madeline & Hyacinth Live! nahm Prinz Colin einen letzten Schluck Wasser. Schweiß rann ihm in den Kragen seines Strickpullovers.

Er war schon auf einem Kriegsschiff durch Stürme gefahren und nicht annähernd so ängstlich gewesen. Denn wenn es darum ging, dem Sturm und den Wellen zu trotzen, kam es auf seine Männer an, seine Crew, dann waren alle Mann an Deck, wo jeder seinen Teil tat.

Bei der Maddie-und-Hy-Show blickten alle Augen auf ihn.

„Zwei Minuten, Eure Hoheit.“ Der Bühnenmanager machte ihm ein Zeichen mit der Hand.

„Bitte, ich bin nicht ,Eure Hoheit‘.“ Seine Stimme krächzte und brach, während der Bühnenmanager weiterging, ohne ihm zuzuhören. „Ich bin kein S.K.H“, murmelte Colin vor sich hin.

Wenn es schon sonst niemanden kümmerte, ihm war es wichtig. Es war eine Ehre, Seine Königliche Hoheit zu sein. Colins Status war der eines einfachen Prinzen. Ein Titel, für den sein Vater gekämpft und den er schließlich gewonnen hatte.

Als Mitglied der königlichen Familie von Brighton, der fünfte in der Anwartschaft auf den Thron des Hauses Stratton, war Colin mehr als bereit gewesen, seinen Teil zu tun, als sein Cousin, König Nathaniel II., ihn darum gebeten hatte, an diesem Nachmittag in der Talkshow aufzutreten.

Es gab in Brighton und im benachbarten Großherzogtum Hessenberg keine beliebteren Moderatorinnen als Madeline und Hyacinth. Die königliche Behörde behauptete, die Frauen seien voll am Puls der Populärkultur.

Colin war hier, um über die Weihnachtszeit und anstehende Veranstaltungen zu sprechen, unter denen ihm eine besonders wichtig war, doch im Konferenzraum seines Vaters oder beim Sport oder auf der Jagd oder auf See in einem königlichen Marineschiff fühlte er sich unendlich viel wohler, als wenn er die Familie im landesweiten Fernsehprogramm repräsentieren sollte.

In seiner Jacke summte sein Handy. Es war die Assistentin seines Vaters.

Ihr Vater sagt: „Hals- und Beinbruch!“

Colin atmete ein und dann grinsend ganz langsam wieder aus. Dad, ein echter Tycoon, besaß kein Mobiltelefon. Er arbeitete unermüdlich an einem iPad, aber SMS oder dergleichen schrieb er nicht. Wenn man mit Edward Tattersall Kontakt aufnehmen wollte, musste man sich schon auf die gute alte E-Mail beschränken.

Dads Stolz ermutigte und ängstigte Colin. Das Zutrauen seines Vaters hatte ihm dabei geholfen, das Mobbing im Gymnasium durchzustehen. Er hatte Colin beigebracht, wie man seinen Mann stand, wie man auch mal austeilte, zur Not mit Fäusten. Dads Führung hatte Colin durch die Universität und die Kadettenschule geleitet.

Dad war sein Held. Die eine einzige Person auf der Welt, die er nicht im Stich lassen durfte. Das verfolgte ihn.

Wäre Dad nicht, wäre Colin nicht einmal Teil der königlichen Familie. Was bedeutete, dass er dann auch nicht hier stehen und im Schweiß zerfließen würde. Das Königtum brachte seine ganz eigenen, äh, Privilegien mit sich.

„Fünf Sekunden, Prinz Colin“, sagte der Bühnenmanager im Vorbeigehen.

Colin wagte einen Blick auf die Bühne. Madeline und Hyacinth standen lächelnd der Kamera und dem recht großen Publikum gegenüber.

„Ladys und Gentlemen, wir freuen uns sehr auf unseren nächsten Gast.“

Colin fühlte sein Blut rauschen. Die Visagistin hechtete zu ihm, tupfte sein Gesicht ab und pinselte ihm durchsichtigen Puder ins Gesicht.

„Versuchen Sie bitte, nicht so viel zu schwitzen.“

„Ich tu mein Bestes.“

Aber er hatte da so seine Zweifel. Die Bühne lag im gleißenden Scheinwerferlicht. Und jedes Auge im Studio und in ganz Brighton würde sich auf ihn richten.

„Bitte schenken Sie unserem Gast, der heute zum ersten Mal hier ist …“

„Aber wir hoffen doch sehr, dass er uns von nun an öfter beehren wird!“

„… ein herzliches Willkommen, wie wir es von der Madeline & Hyacinth Live!-Show gewohnt sind!“

Er sprintete aus den Schatten ins blendend helle Licht, dem vorwiegend weiblichen Applaus, den Rufen und Pfiffen entgegen.

„Willkommen, willkommen!“ Erst Madeline, dann Hyacinth begrüßte ihn mit einem Kuss auf die Wange.

Nur ein Schiff auf See, nur ein Schiff auf See … Colin saß zwischen den beiden Moderatorinnen in dem hohen Regiestuhl, zwang seine Nervosität beiseite und besann sich auf sein Selbstbewusstsein.

Sein Blick fiel auf sein Gesicht in einem der Monitore. Er lächelte. Und war zum Glück nicht schweißgebadet.

„Es ist so gut, Sie hier zu haben.“ Madeline stupste ihn mit ihren Notizen am Knie an. „Warum haben Sie denn so lange gebraucht, hier in die Show zu kommen?“

„Sie waren einfach zu vernarrt in Nathaniel und Stephen, aber ja, danke dass ich hier sein darf.“

Das Publikum lachte, und er atmete ein bisschen aus.

„Na, sieh mal einer an. Schön uns den schwarzen Peter zuschieben!“, sagte Hyacinth.

Mit den Händen auf den Armlehnen des Stuhls lehnte sich Colin zurück. Entspann dich, du bist ein gestandener Seemann. Ein Prinz in der Geschäftswelt, wenn schon nicht in diesem Königreich. Sein Vater würde sagen: „Du bist der Sohn deines Vaters!“

„Hört mal, wir wollen über all die tollen Sachen sprechen, die während der Vorweihnachtszeit im Palast und in der ganzen Stadt stattfinden werden.“ Madeline war die ernsthaftere der beiden Zirkusdirektorinnen hier.

„Wie zum Beispiel der Abend für die Kinder im Palast“, sagte Hyacinth. „Ihr Onkel, Prinz Aris, spielt den heiligen Nikolaus, stimmt’s?“

„Prinz Aris?“ Colin täuschte Überraschung vor. „Aber ganz und gar nicht. Wir wissen aus zuverlässigen Quellen, dass der echte Sankt Nikolaus im Palast nach den Kindern schauen wird.“ Er zwinkerte Hyacinth zu, die verschwörerisch nickte. „Aber ich werde auch da sein. Es macht Spaß, mit den Kindern Zeit zu verbringen.“

„Oh Maddie, ich glaube, mein Herz ist gerade dahingeschmolzen.“ Hyacinth, die mit der rauchigen Stimme und dem atemberaubenden Aussehen einer echten Diva gesegnet war, warf ihr langes Haar über die Schulter.

Colin brauchte keinen Monitor, der ihm bestätigte, dass er gerade royalrot angelaufen war.

„Hör auf, du machst ihn verlegen“, sagte Madeline. „Seit Ihr Cousin Prinz Stephen die amerikanische Milliardärstochter Corina Del Rey geheiratet hat, sind Sie der begehrteste Junggeselle des Landes.“

Madeline und Hyacinth waren regelrecht versessen darauf, den begehrtesten Junggesellen Brightons zu küren. „Ich weiß nicht, begehrtester Junggeselle …“

„Ich weiß, das ist ganz verkehrt“, sagte Madeline. „Sie sind mehr so … der begehrenswerteste Junggeselle.“

Jetzt lachte er. „Auf gar keinen Fall. Sie können gerne meine Mutter danach fragen, wie ordentlich ich nicht bin.“

„Na, Sie sind jederzeit herzlich willkommen, bei mir zu Hause ein Durcheinander zu veranstalten.“ Hyacinth wandte sich an die Kamera. „Aber werdet mir nicht zu aufgekratzt, meine Damen. Unser Prinz hier geht mit einer brightonschen Schauspielerin aus, der charmanten Lady Jordan Skye, deren letzte romantische Komödie Ein ganzes halbes Wir ein echter Blockbuster war.“

„Also, ist da Liebe im Spiel bei Ihnen beiden?“ Madeline runzelte die Stirn, so begierig war sie in ihrer Neugier.

Die königliche Behörde hatte ihn vorgewarnt, dass Madeline und Hyacinth gerne ans Eingemachte gingen.

„Wir verstehen uns sehr gut“, sagte er.

„Heirat?“

Ah, ja, hier kam nun also der sichtbare Schweiß. „Machen Sie mir etwa gerade einen Heiratsantrag, Hyacinth?“

Das Publikum schnappte nach Luft und brüllte dann, als sich Hyacinth mit geröteten Wangen zurücklehnte.

„Jetzt hat er dich, Hyacinth.“ Madeline hielt Colin die Hand zu einem high-five hin. „Er ist ein Fuchs, dieser Prinz. Also, lassen Sie uns über die großartigen Weihnachtstraditionen in Brighton sprechen, von denen viele hier in unserer Hauptstadt, Cathedral City, beheimatet sind.“

Die Moderatorinnen begaben sich auf bekannten, stabilen Grund. Ehe, das war für ihn ein heikles Thema. Mit Jordan hatte er noch nicht einmal ansatzweise darüber gesprochen. Was ihr ganz gut in den Kram zu passen schien. Immerhin war er erst 26. Sie war eben erst 28 geworden, und ihre Karriere nahm gerade so richtig Fahrt auf.

Wenn sie je heiraten sollten, hatten sie noch eine Menge Zeit.

„Weihnachten ist der königlichen Familie die liebste Zeit des Jahres“, sagte Colin, der es einfach fand, sich dazu vom Grund seines Herzens zu äußern. „Eine Zeit, die wir lieben, weil wir den Menschen etwas zurückgeben und alte Traditionen aufrechterhalten können.“

Am besten daran, zur königlichen Familie zu gehören, fand er seine Möglichkeiten, anderen helfen zu können. Stimme und Anwalt zu sein. „Wir wollen alle dazu ermuntern, zu allen öffentlichen Veranstaltungen zu kommen. Und wenn Sie selbst etwas in Ihrem Kiez oder Ihrer Nachbarschaft veranstalten, geben Sie bitte der königlichen Behörde Bescheid. Die wird es umgehend auf die Weihnachtsseite im Internet stellen.“

Madeline zeigte auf die grüne Wand hinter sich. „Hier ist eine Liste der anstehenden Veranstaltungen … Weihnachtsliedersingen auf dem Platz in der Innenstadt, am Sonntag ein weihnachtlicher Filmnachmittag und -abend im Königlichen Kino ,Zum Dämmerschuppen‘, Eintritt frei. Die Weihnachtsfeier im Palast für Kinder unter zehn Jahren … bitte melden Sie Ihre Kinder über Ihre jeweilige Schule an.“ Sie beugte sich zu Colin hinüber. „Und natürlich die Weihnachtssymphonie, von der wir wissen, dass es eine Tradition der Familie Tattersall ist.“

„Richtig.“

„Und der Höhepunkt, der Weihnachtsball am 28., die aufregendste und traurigste Nacht der Saison. Ein rauschendes Fest, aber gleichzeitig das Ende der Weihnachtszeit.“

„Aber dann geht es ab ins neue Jahr.“ Colin lächelte das Publikum an, ermunterte es, zu applaudieren. Neujahr war eine ruhige Zeit für die meisten Menschen in Brighton, nachdem alle Energie in die Weihnachtsfeierlichkeiten geflossen war. Die meisten Leute feierten eher im kleinen Kreise mit Freunden und Familie.

„Wir sind so gespannt, was das neue Jahr angeht“, sagte Hyacinth. „Denn wir dürfen die erste in Brighton live im Fernsehen ausgestrahlte Silvesterparty moderieren. Wir werden im Stadtzentrum in der Leopold Hall feiern, und es wird bestimmt bombig. Kommt bitte alle dorthin, und lasst uns das neue Jahr zusammen einläuten.“

„Aber die Hauptnachricht für heute ist Prinz Colins Organisation, der er gemeinsam mit Prinzessin Susanna vorsteht: ,Verdien-ein-Pfund-und-kauf-ein-Geschenk‘ heißt sie“, las Madeline vom Teleprompter ab. „Im Maritime Park werden Kinder ihre Kunstwerke verkaufen, um Geld für Weihnachtsgeschenke zu verdienen.“

Endlich ging es um den eigentlichen Grund, aus dem er seine Teilnahme an der Sendung zugesagt hatte. „Das ist eine wirklich wichtige Wohltätigkeitsveranstaltung. Studien haben bewiesen, dass Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit mehr Selbstbewusstsein entwickeln, wenn sie Geschenke mit Geld bezahlen können, das sie selbst erwirtschaftet haben. Deshalb veranstalten wir im Maritime Park einen Adventsbasar für Kinder, bei dem sie Dinge verkaufen können, die sie in der Nachmittagsbetreuung hergestellt haben, um Geschenkegeld für ihre Familien zu verdienen.“

Herzlicher Applaus brandete auf.

„Das klingt wirklich nach einer sehr guten Sache“, sagte Madeline. „Letztes Jahr haben Sie sehr erfolgreich einen Probelauf an einer Schule gemacht.“

„Ja, ganz genau. Dieses Jahr haben wir beschlossen, das auf die ganze Stadt auszudehnen. Nächstes Jahr wollen wir auch in andere Städte und Schulen gehen.“

„Das ist so toll. Was gefällt Ihnen an dem Markt am besten?“

„Die Gesichter der Kinder zu sehen, wenn sie am Ende des Tages ihr Geld zählen. Letztes Jahr hat ein Bub mit seinen geschickt gemachten Skateboards 500 Pfund verdient. Rupert. Den werde ich nie vergessen. Und für jedes Pfund, das eingenommen wird, legt unsere Familie ein Pfund obendrauf.“

„Wir werden jedenfalls am nächsten Wochenende auf dem Marktplatz sein, stimmt’s, Maddie?“ Hyacinth heizte die Zuschauer an, und sie reagierten darauf. Colin wäre am liebsten aufgestanden und hätte ihnen eine Predigt gehalten.

Darum geht es doch an Weihnachten!

„Natürlich eröffnen wir die Weihnachtssaison mit dem Erntefest“, sagte Hyacinth. „In Städten im ganzen Königreich wird es Tänze und Partys geben, bei denen wir uns vom Herbst und von der harten Arbeit der Erntezeit verabschieden, eine uralte Tradition in Brighton. Ich liebe diese Feierlichkeiten. Sie bilden den perfekten Auftakt für die Vorweihnachtszeit. Prinz Colin, wird die königliche Familie im Palast tanzen?“

„Natürlich. Das ist so Tradition. Ich freue mich schon darauf.“

„Wird Lady Jordan dort sein?“

Schlau. Madeline brachte das Gespräch wieder auf sein Privatleben. Er lachte, entspannte sich ein bisschen, kam hinter den Rhythmus dieser beiden erfahrenen Moderatorinnen. „Sie wird da sein.“

„Nun, wo wir das schon einmal festgestellt haben …“ Hyacinth griff nach einer Karte, die sie unter ihrem Bein versteckt hatte, und winkte damit. „Unser Team hat ein bisschen gegraben, und wir haben eine alte Tradition aufgetan, von der schon seit Jahren niemand mehr gesprochen hat. Ich erinnere mich ganz flüchtig daran, dass meine Oma sie einmal erwähnt hat.“ Sie sah das Publikum geradeheraus an. „Kennt hier vielleicht jemand die Tradition der Glocke von Pembroke Chapel?“

Diesmal fiel der Applaus deutlich spärlicher aus. Colin zog eine Grimasse und tat so, als würde ihn das alles nicht interessieren. Worauf wollte sie hinaus? Er kannte die alte Kapelle nämlich ziemlich gut.

Obwohl sie heute kaum noch eine Kapelle war – nach dem Zweiten Weltkrieg war nur der Glockenturm übrig geblieben. Die Überbleibsel befanden sich auf dem Rasen hinter dem Palast. Er war überrascht, dass Nathaniels Vater, Onkel Leo, den Schandfleck während seiner Regierungszeit nicht hatte abreißen lassen.

„Prinz Colin, kennen Sie diese Tradition? Sie betrifft Aristokraten und Adelige unseres Landes.“ Hyacinth wartete auf seine Antwort.

Er zuckte mit den Schultern. „Da war irgendetwas mit dem Läuten der Glocke um Mitternacht beim Erntefest.“

Wie auch immer die Tradition aussehen mochte, Colin und sein Kumpel hatten eine eigene Tradition im Pembroke Turm – Pfeifen und Pints um eine Minute nach Mitternacht. Sie entflohen Party und Parfüm, kurz bevor es zwölf schlug, schlichen sich zum Turm und erklommen vorsichtig die glitschigen Steinstufen.

Von dort aus sahen sie auf die Stadt hinunter, redeten über den Abend, über ihre Ziele, was das alte Jahr gebracht hatte und was das neue bringen mochte.

Aber die Glocke? Die mieden sie wie die Pest.

Madeline stand weiter zum Publikum gedreht und erzählte lebhaft und gefühlvoll. „Es heißt, die Glocke wurde 1734 zum ersten Mal von einem Prinzen für seine wahre Liebe geläutet. Hundert Jahre lang wurde die Tradition fortgesetzt.“

Hinter ihnen illustrierten künstlerische Darstellungen von Prinzen und Adligen, die den Glockenturm hinaufeilten, die Geschichte.

„Bis hin zu Prinz Michael im Jahre 1834. Er war in Lady Charlene verliebt und wählte die Tradition in der Nacht des Erntefestes, um seine Gefühle für sie zu verkünden. Um Mitternacht rannte er die 182 Stufen des Turms hinauf und läutete eine Minute nach zwölf, gerade als das Geläut der Kathedralen der Stadt verstummte, laut und lange die Glocke. Dann machte er sich auf, um seine wahre Liebe für sich zu gewinnen und am Weihnachtsmorgen in der Watchman Abbey zu heiraten.“

„Doch …“, Hyacinth nahm den Faden auf, „… er rutschte aus und stürzte in den Tod, den er auf dem kalten Steinboden der Kapelle fand. Sein Freund, Lord Paulson Wetherby, wurde Augenzeuge des Ganzen. Es heißt, er sei hinterher nie mehr derselbe gewesen.“

„Seither hat nie wieder ein Mann versucht, die Stufen zu erklimmen oder die Glocke zu läuten.“

Madeline und Hyacinth starrten Colin an.

„Schauen Sie nicht mich an.“ Er rutschte in seinem Stuhl herum. „Es hat schon seinen Grund, warum fast zweihundert Jahre lang keiner mehr diese Stufen hinaufgerannt ist. Den Tod von Prinz Michael nämlich.“

Madeline sah in die Kamera mit dem rot leuchtenden Licht. „Es ist Zeit, die Glocke wieder erklingen zu lassen. Gibt es einen mutigen Mann da draußen, der sich den 182 Stufen stellt? Um das Herz seiner wahren Liebe in 24 Tagen zu gewinnen und sie am Weihnachtsmorgen in der Watchman Abbey zu heiraten?“

Hyacinth hob zu einem leisen, langsamen Sprechgesang an. „Prinz Colin, Prinz Colin, Prinz Colin …“

„Nein, nein, wow, nein, nicht ich. Das könnt ihr einem Knaben wie mir nicht antun.“ Er schlug sich die Hand auf die Brust. „Ich bin gerade erst aus der Marine raus, habe eine neue Arbeitsstelle bei meinem Vater. Wäre es nicht langsam Zeit für die Werbung?“

Madeline spornte den Sprechgesang weiter an, bis seine Brust im Rhythmus des Klagelieds pulsierte und drohte, an den Geheimnissen seines Herzens zu rühren.

Dann neigte sich Hyacinth vor. „Es ist 182 Jahre her, seitdem ein Prinz die Glocke geläutet hat.“ Sie hielt ihre Moderationskarten hoch. „Und es sind 182 Stufen, die zur Turmspitze führen?“ Sie zitterte und wurde unter ihrem Make-up blass. „Das ist seltsam.“

„Ich habe eine Gänsehaut.“ Madeline fuhr sich mit der Hand über den Arm.

„Es ist ein Zeichen.“

Angesichts der Dynamik der beiden Frauen zuckte Colin schmerzhaft zusammen. Es war kein Zeichen. Jedenfalls nicht für ihn. Er mochte Lady Jordan sehr – Lady Jay für ihre engeren Freunde –, aber er war nicht in sie verliebt. Es gab Zeiten, in denen er sich fragte, ob er sich je wieder verlieben würde.

Wohin ging ein Mann, wenn er die Liebe seines Lebens einmal aufgegeben hatte?

„Das macht mich nervös“, sagte Hyacinth in die Kamera. „Wir werden darüber nachdenken, während wir eine Pause machen. Wir kommen gleich mit mehr über Prinz Colin zurück.“

Die Scheinwerfer senkten sich, und die Kameras glitten zurück.

„Sie machen das großartig“, sagte Madeline, indem sie von ihrem Stuhl aufstand. Die Zuschauer machten es sich bequem, griffen nach ihren Handys und machten Fotos von Colin und dem Set.

Jemand reichte Colin eine Flasche Wasser. Die Visagistin tauchte auf, tupfte sein Gesicht ab und bestäubte ihn mit etwas Puder.

„Sie machen das gut. Versuchen Sie nur, ein bisschen weniger zu schwitzen.“

„Die Lampen sind so heiß.“

Sie zwinkerte ihm zu. „Das Gespräch aber auch.“

Colin schnitt eine Grimasse und sah ihr hinterher, während er einen Schluck Wasser nahm. Er würde sich nicht dazu bedrängen lassen, irgendeine Glocke zu läuten oder einem Mädchen, das er nicht liebte, einen Antrag zu machen.

Außerdem konnte man heutzutage von keiner Frau mehr erwarten, mit nur 24 Tagen Vorlauf in der berühmtesten Kathedrale des Landes zu heiraten. Er hatte zwei jüngere Schwestern, und wenn er eine Sache über Frauen und Hochzeiten gelernt hatte, dann dass die ganze Heiraterei nach den Bedingungen der Braut abzulaufen hatte.

Neben ihm blieb Hyacinth völlig ungerührt. „Ist das nicht eigenartig? Dass wir diese Tradition, 182 Jahre nachdem Prinz Michael in den Tod gestürzt ist, wieder ansprechen? Und dann sind es genau 182 Stufen von ganz unten bis zur Spitze.“ Sie zitterte wieder. „Ich fühle mich, als hätte ich etwas jenseits des Schleiers berührt.“

Colin nippte an seinem Wasser. „Alles Aberglaube, wenn Sie mich fragen. Da ist nichts dran. Das ist purer Zufall.“

„Waren Sie mal oben im Kapellenturm?“ Hyacinth wies ihn mit einer Geste an, ihr auf die andere Seite des Sets zu folgen. Sie wollten für das Erntefest typische Tänze und Reigen vorführen.

„Ein paar Mal.“ Colin wollte dieser Medientussi sein Geheimnis nicht verraten. Sonst würde sie es womöglich nach der Werbung ins ganze Königreich hinausposaunen.

„Je daran gedacht, die Glocke zu läuten?“

„Niemals.“

Die Moderatorin lächelte. „Ich mach Ihnen bestimmt keine Vorwürfe deswegen. Sie sind jung. Leben Sie ein bisschen.“ Sie zwinkerte. „Aber für die Show musste ich schon meine Rolle spielen und ein bisschen sticheln.“

„Und ich musste meine spielen und alles abstreiten.“

„Stimmt, mein Lieber, wie wahr, wie wahr.“

Seltsamerweise hatte Dad neulich ins gleiche Horn gestoßen. „Wird es nicht allmählich Zeit?“ Mum hatte sich an Dads Andeutungen gehängt und schon einen Platz beim Weihnachtsessen für Lady Jordan eingeplant.

„Ich habe gehört, die Stufen des Turms seien glitschig wie Wintereis“, sagte Hyacinth. „Da würde ich nie rennen wollen.“

„Das habe ich auch gehört.“ Colin wusste nur zu gut, dass sie glitschig waren, abgenutzt und rund vom Alter, das Regenwasser lief ungehindert an ihnen herunter, aber er und sein Kumpel kamen schon zurecht.

Vor ein paar Jahren wäre Guy Smoot beinahe in sein Verderben gestürzt. Das Geländer war nach Prinz Michaels Unglück repariert worden, aber nach all der Zeit, die seither vergangen war, war es abgenutzt und ausgedörrt. Guy hatte sich nur gerade eben so noch einmal fangen können.

Vielleicht hatten sie ein Glas zu viel getrunken. Der Vorfall ernüchterte sie auf einen Schlag. Colin hatte sein jugendliches Trinkverhalten seitdem ziemlich eingeschränkt.

„Man muss schon Hals über Kopf verliebt sein, um die Glocke zu läuten, ohne dass die Angebetete vorher davon weiß“, sagte Hy. „Und um sie dann zu umwerben und an Weihnachten zu heiraten.“

„Ein mutigerer Mann als ich“, sagte Colin.

„Waren Sie schon einmal Hals über Kopf verliebt?“ Sie beugte sich zu ihm vor. „Lady Jay ist bezaubernd, aber ich sehe da kein ‚Ich-bin-verrückt-nach-ihr‘ in Ihren Augen.“

Er hatte Hyacinth unterschätzt. „Versteht überhaupt irgendjemand die Liebe?“

„Genau. Das sage ich Maddie auch immer.“

Der Bühnenmanager rief: „Eine Minute!“

Aber Hyacinths Frage hallte in Colin wider. War er jemals Hals über Kopf verliebt gewesen? Doch. Ja. Einmal. Vor langer Zeit. Vor beinahe fünf Jahren. In ein Mädchen, das Welten entfernt war. Doch damals war er ein anderer gewesen als der Mann, der gerade kurz davor war, einen traditionellen brightonschen „Reel“ bei Madeline & Hyacinth Live! vorzuführen.

Er war ein junger, sorgenfreier Collegestudent namens Colin Tattersall gewesen, der ganz und gar nicht darauf vorbereitet war, sich so leidenschaftlich in Avery Truitt zu verlieben.

Aber sein Vater hatte ihm geholfen, seine Dummheit zu erkennen. Colin war ein Mann mit Bestimmung, einer mit Verpflichtungen, Verantwortlichkeiten und Plänen, an denen er mit seinem Vater über Jahre gearbeitet hatte. Seitdem er in das Familienunternehmen eingetreten war, musste er sich mehr denn je konzentrieren. Da war keine Zeit für die Liebe.

Eines Tages mochte vielleicht wieder einer die Glocke zu Pembroke läuten. Wer wusste das schon? Aber so sicher er wusste, dass sein Name Colin Edward Stratton Tattersall war, ein Prinz im Königreich Brighton, so sicher wusste er auch, dass er das nicht sein würde.


Kapitel drei

„Weißt du noch, wie wir zum ersten Mal in Cathedral City angekommen sind?“ Avery drehte sich um und sah Susanna in einem Kleid von Jenny Packham in der Tür stehen. In ihre hochgesteckten glänzenden Locken war kunstvoll ein Diamantdiadem eingearbeitet.

„Du hast das Fenster runtergekurbelt und dich aus dem Auto gehangen.“ Leise lachend setzte sich Susanna auf einen Stuhl. Ihr Rock floss über die roten Polster. „Kommt mir vor, als sei es eine Ewigkeit her.“

Avery betrachtete ihre Schwester über den Kosmetikspiegel, während Susannas Stylistin Natasha ihren Lockenstab wie einen Zauberstab durch Averys lange rötliche Strähnen arbeitete.

Susanna war eine wahre Prinzessin. Auf St. Simons geboren, aber vorherbestimmt für das Inselkönigreich Brighton.

„Kopf hoch, bitte, Miss“, sagte Natasha.

„Suz, hast du dir je vorgestellt, du würdest einmal Nathaniel heiraten?“ Die stürmische Romanze schien dem Untergang geweiht, als Nathaniel gestand, dass sein königlicher Status es ihm unmöglich machte, eine Ausländerin zu heiraten.

„Ich war ja nicht einmal sicher, ob ich ihn je wiedersehen würde. Ich wollte ihn heiraten, das weißt du doch.“ Susanna beugte sich vor, ihre schlanken Arme über den Beinen gekreuzt. „Schön siehst du aus, Avery.“

„Fühlt sich komisch an, so herausgeputzt zu werden.“ Sie sah auf ihr Kleid aus braunem Samt hinunter, das sich über Schichten aus blauem Chiffon und weißem Tüll bauschte. Natasha schnappte sich die Seite ihres Kopfes und richtete sie kurzerhand wieder gerade. „Ich bin es gewohnt, auf dem Volleyballplatz oder in der Küche des Shacks zu stehen.“

„Oder zu surfen.“

„Ja, oder zu surfen.“ Avery lächelte. Die Wellen und der Wind des Atlantiks waren ihr Schlaflied. „Wo hast du dieses Kleid gefunden? Es ist der Wahnsinn.“

„Melinda House. Es ist einem Christian-Dior-Kleid aus den 1950ern nachempfunden. Als ich es gesehen habe, habe ich gleich an dich gedacht. Das Braun passt wirklich gut zu deinem kastanienbraunen Haar. Die perfekten Farben für das Erntefest.“

Die Haare noch in Lockenwicklern, kam Mama herein, in einem schulterfreien Organzakleid in dunklem Orange.

„Mama!“ Avery pfiff und beobachtete ihre Mutter durch den Spiegel. „Du siehst … gar nicht aus wie meine Mama.“

„Miss, bitte, wir sind gleich hier fertig.“ Mit festem Griff hob Natasha Averys Kopf.

„Ich mach mich ganz gut für eine, die länger, als sie sich erinnern kann, in der Küche gestanden hat, was?“ Mama legte eine langsame Drehung hin. „Ich glaube, ich rocke dieses Kleid, wie man so sagt.“

Avery lachte. „Hör mal einer an. Meine Mama, der Hipster.“

„Was das nun wieder heißen soll.“ Mama beugte sich über Averys Schulter. „Du siehst bezaubernd aus, Liebes. Nun, ihr beide werdet schleunigst in meiner Suite erwartet. Rollins bringt Tee auf mein Zimmer.“

„Tee in deiner Suite? Schleunigst?“ Avery zog ein Gesicht und tauschte ein Lächeln mit Susanna. Mama trank morgens nur Kaffee. Und sie sagte nie „schleunigst“.

„Nun, wenn man in einem Palast ist, lebt man wie von königlichem Geblüt. Früh genug gibt es wieder Töpfe, Pfannen und Fritteusen. Ich bin dann mal wieder weg, damit meine Zofe mir das Haar machen kann.“ Mama ging rückwärts zur Tür und versuchte sich an einem brightonschen Akzent, während sie so tat, als würde sie aus einer Tasse Tee trinken. Mit abgespreiztem kleinem Finger. „Bin ich nicht eine Augenweide?“

„Das ist keine Zofe, Mama“, rief Susanna hinter ihr her. „Sie ist eine Stylistin, die der Palast für besondere Anlässe beauftragt.“

Zu spät. Mama war weg.

Natasha gab die letzte Strähne von Averys Haar frei und ließ sie über ihre Schulter fallen. Sie beugte sich vor, um Avery im Spiegel zu betrachten. „Da. Nun schauen Sie sich bloß mal an, mit Ihrem Hals wie dem von Audrey Hepburn. Was meinen Sie, Hoheit?“ Natasha wandte sich an Susanna.

„Ich finde, meine Schwester sieht wunderschön aus.“

„Dann bin ich hier weg.“ Die Stylistin sammelte ihre Sachen zusammen. „Ich werde gehen und Leslie mit der Königinmutter helfen und bei Seiner Majestät vorbeischauen. Ich wünsche Ihnen eine wunderbare Zeit heute Abend.“

„Haben Sie vielen Dank, Natasha.“ Susanna erhob sich, als die Tür ins Schloss fiel. „Avery, wie geht es Mama? Ich meine, wie geht es ihr wirklich?“

„Sie ist anders. Irgendwie gedämpft, auch wenn kleinlaut nicht das passende Wort für sie wäre. Aber seitdem wir hier sind, ist sie lebendiger, als ich sie erlebt habe, nachdem Papa gestorben ist.“

„Sie weiß nicht recht, was sie ohne Daddy machen soll. Diese ganze Pseudozankerei hat nur versteckt, wie sehr sich die beiden geliebt haben und wie abhängig sie voneinander waren.“

„Was ist mit dir? Geht es dir gut?“ Avery schlüpfte in einen passenden Bolero und strich mit den Händen über den weiten Rock. Sie liebte prachtvolle Kleider.

„Ich schlage mich tapfer, obwohl es schwer war, so weit weg zu sein. Nathaniel hat mir geholfen, mit der Trauer zurechtzukommen. Er vermisst seinen Vater immer noch.“ Ihre Hand bewegte sich auf ihren Bauch und blieb dort liegen. „Das Kleine hier hilft.“

„Hast du Angst, es zu verlieren?“ Avery hakte sich bei ihrer Schwester unter. „Lass uns unseren Glauben zusammentun und darauf vertrauen, dass alles gut werden wird.“

Susannas Augen glitzerten. „Wir beten jeden Abend für dieses Baby. Aber ja, lass uns unseren Glauben zusammentun.“ Sie küsste ihre Schwester auf die Wange. „Ich bin so froh, dass du zur Welt gekommen bist. Du warst wie so eine lebendige, atmende, braunäugige, rothaarige Babypuppe für mich.“ Sie grinste und kniff in Averys Wange. „Die zu einer echten Landplage herangewachsen ist.“

„Hey. Aber nur weil ich so sein wollte wie du.“ Avery lachte und machte sich zum vorderen Zimmer auf. „Und wenn du meinst, ich sei eine Landplage, dann warte nur, bis dieses Baby auf der Welt ist.“

„Immer her damit, Schwester.“ Aber der Humor in Susannas Stimme spiegelte sich nicht in ihren Augen. Stattdessen sah Avery dort eine tiefe Ernsthaftigkeit. „Wir sind jetzt über vier Jahre verheiratet. Ich war fünfmal schwanger und habe sie alle verloren. Es fängt langsam an, sich wie eine schlechte Angewohnheit anzufühlen.“

„Nicht dieses Mal.“ Avery nahm das zum Kleid passende Täschchen zur Hand, das Melinda House mit herübergeschickt hatte, und stopfte ein Stück Kaugummi, einen Lippenpflegestift und ihr Lieblingslipgloss hinein. „Ich spüre das.“

„Leider spüre ich das auch. Bei diesem Baby geht es nicht nur darum, dass Nathaniel und ich uns eine Familie wünschen. Da geht es um das Hause Stratton und darum, einen Erben abzuliefern. Die Presse ist völlig verrückt deswegen und bringt Monat für Monat neue Schlagzeilen über unsere Fortpflanzungsfähigkeit. Als ob eine 450 Jahre alte Dynastie nur von meinem Uterus abhängt. Zum Glück versuchen es Corina und Stephen auch.“

Stephen war Nathaniels jüngerer Bruder. Seine Frau, Corina, noch ein Mädel aus Georgia, man mochte es kaum glauben, war eine amerikanische Milliardärstochter, die den Reserveerben heimlich geheiratet hatte.

„Dann entspann dich.“ Avery schob ihren Arm durch Susannas, während sie gemeinsam den vergoldeten, geschmückten Korridor mit der geschnitzten Decke (viele Kronen) und dem mehrere Zentimeter dicken burgunderroten Teppich entlang zu Mamas Suite gingen. „Gott hat all das angefangen, oder nicht? Angst und Sorgen helfen da nicht weiter. Schau dir alles an, was Er bisher für uns getan hat. Erinnerst du dich, was Daddy uns immer gesagt hat? ,Er lässt uns alle Dinge zum Besten dienen.‘ Der wird sich um Nathaniels Erben kümmern, Suz. Und in der Zwischenzeit lebst du mit einem Mann zusammen, der dich verehrt und liebt.“

Susanna berührte ihren Augenwinkel und bemühte sich darum, die Tränen zurückzuhalten. „Hör nur mal hin, wie meine kleine weise Schwester Ratschläge verteilt und dem Daddyismus frönt.“

Avery legte ihre Wange gegen Susannas Schulter. „Ich vermisse ihn. Und dich.“

„Es tut mir leid, dass das alles alleine auf deinen Schultern lastet. Für Mama da zu sein, meine ich.“

„Es läuft eigentlich ganz gut zwischen uns. Wir kommen zurecht. Aber als du angerufen hast, um zu sagen, dass du schwanger bist, und uns zu Weihnachten hierher einzuladen, habe ich ein Licht in ihr leuchten sehen wie seit der Beerdigung nicht mehr. Sie ist ganz lebendig geworden.“

„Dann lass uns das zum besten Weihnachtsfest überhaupt machen.“

„Das beste Weihnachtsfest überhaupt?“ Die Schwestern passierten den stimmungsvollen Lichterschein, den die Wandleuchter in den Flur warfen. „Ich glaube kaum, dass du das Weihnachten von 2006 überbieten kannst, als alle Cousinen und Cousins kamen und ich ein neues Fahrrad bekommen habe.“

„Oh, das war gut!“

„Oder das 2007, als es schneite …“

„Na ja, das, was wir im Süden Georgias eben so Schnee nennen.“

Avery lachte. Sie liebte das Rascheln und Rauschen ihres Rockes um ihre Beine. Sie liebte den Wirbel der Vorfreude auf den anstehenden Abend. Eine große, schnieke Party ohne Sorgen. Wenigstens für ein paar Stunden.

„Aber Junge, Junge, was hatten wir Spaß 2007, oder nicht?“ Sie hatte Colin gegenüber Susanna nicht einmal angedeutet. Am besten ließ sie die Vergangenheit einfach hinter sich. Außerdem sagte ihr ihr Bauchgefühl, dass er sowieso zur See war. Oder im Ausland stationiert. „Ich habe versucht, einen Schneeball zu machen, aber nichts wollte zusammenkleben, also habe ich einfach meinen nassen, leicht mit Schnee bepuderten Handschuh in Marco Hernandez‘ Gesicht geklatscht.“

Susanna lachte. „Ich bekomme Heimweh.“

„Aber du gewöhnst dich so langsam an all das hier, oder?“

„Das tue ich, und ein Kind zur Welt zu bringen“, sie umarmte ihren Bauch fester, „wird das Gefühl, eine Familie zu sein, verstärken.“ Mit dem anderen Arm fasste Susanna den ihrer Schwester fester. „Ich hoffe, du findest jemanden wie Nathaniel, Avery. Gib dich nicht mit weniger zufrieden.“

„Das habe ich nicht vor.“

„Sooo“, sagte Susanna langsam, und in dem einen Wort lagen viele, viele Fragen. „Da warst du nun also vier Jahre auf diesem großen Ohio State Campus und hast niemand Besonderes gefunden?“

„Nein.“

„Warum habe ich das Gefühl, dass du mir da irgendetwas nicht sagst?“ Susanna hielt vor Mamas Tür an.

„Es gibt nichts zu erzählen.“ Sie hatte versucht, auf der Ohio State mit Männern auszugehen, aber wo landet ein Mädchen denn, wenn ihre erste Liebe gleichzeitig auch ihre wahre Liebe war? Und obendrein noch ein Prinz. „Ich war zu beschäftigt mit dem Studium und dem Volleyball.“

„Aber du hast dich doch verabredet?“

„Ja, klar. Nur nie jemand Ernsthaftes.“ Avery griff nach dem Türknauf. „Lass uns besser reingehen, sonst haben wir keine Zeit mehr für Tee.“

„Aves …“ Susanna nahm ihre Hand. „Wegen heute Abend … alle werden bei dem Halligalli anwesend sein.“ Ihre Blicke trafen sich einen wissenden Augenblick lang. „Die ganze Familie, meine ich.“

„Nun, natürlich.“ Genervt von ihrem plötzlich lauter schlagenden Herzen, tat Avery Susannas versteckte Andeutung schulterzuckend ab. „Ich hätte sowieso erwartet, dass die ganze Familie da ist.“

„Nathaniel besteht darauf, dass im Dezember alle Mann an Bord sind. Beginnend beim Erntefest bis hin zum Weihnachtsball am 28.“ Susanna drückte Averys Hand. „Es ist ein Riesenspaß, wirklich. Hast du seinen Cousin Prinz Tony mal kennengelernt, den vierten in der Thronfolge? Der ist super. Seine Frau, Prinzessin Rachel, ist meine vielleicht beste Freundin.“

„Dann freue ich mich darauf, die beiden kennenzulernen.“ Avery legte ein breites Lächeln an den Tag. „Können wir jetzt reingehen und nachschauen, was die großmächtige Glo macht?“ Sie versuchte noch einmal, nach dem Türknauf zu greifen, aber Susanna fasste ihre Hand nur fester.

„Du weißt, dass er mit der Schauspielerin Lady Jordan Skye ausgeht.“

Komisch, dass er Colin hieß und sie das auch beide wussten.

Avery betrachtete den Boden und die Spitzen ihrer braunen Riemchenpumps. „Ich weiß.“ Sie hatte sich eines Abends, als sie sich etwas sentimental fühlte und über Weihnachten in Brighton nachdachte, einer mutigen Googlesuche gestellt. Dumm, ehrlich gesagt.

„Er wird heute mit ihr hier sein.“

Avery zog ihre Hand aus Susannas. „Nicht meine Angelegenheit.“

Sie war immer ehrlich gewesen mit ihrer Schwester, hatte ihr Herz immer auf der Zunge getragen, aber in diesem Moment schien es ihr lächerlich, ihre Vergangenheit mit dem Prinzen anzusprechen. Bestehende Gefühle auch nur anzudeuten. Es war über vier, beinahe fünf Jahre her, dass ihre Beziehung geendet hatte. Avery fragte sich manchmal, ob alles nicht mehr eine Art ausführlicher Traum gewesen war.

„Aves?“ Susanna blockierte den Durchgang zu Mamas Suite. „Sprich mit mir.“

„Es ist nur … Ich weiß nicht … Wo Daddy gestorben ist und ich aus der Uni raus bin, runter vom Volleyballplatz, da fühle ich mich manchmal neben der Spur. Und ich denke zu viel nach.“

„Vermisst du Colin?“

„Nicht wirklich.“ Avery drehte ihrer Schwester den Rücken zu, starrte den Flur hinunter auf das Licht, das hinter den Ecken hervorquoll, und hielt eine Tränenflut zurück. „Warum sollte ich ihn vermissen? Er hat mich eine Woche vor meinem Abschlussball versetzt. Hat mir eine SMS geschrieben und danach nie wieder mit mir gesprochen.“

„Aber?“ Wie wusste Susanna nur immer, dass da noch mehr war?

„Es ist nur, dass ich nicht nach Brighton kommen kann, ohne mich an unsere erste Reise hierher zu erinnern, weißt du? An Colin und wie er mich quasi überrumpelt hat.“

„Das hat er, und ihr beide habt euch auf Anhieb gut verstanden.“

„Ich habe ihn geliebt.“ Jetzt hatte sie es zugegeben. Die Liebe wollte sich zu Wort melden.

„Und jetzt?“ Susanna war unermüdlich.

„Es ist Jahre her. Natürlich liebe ich ihn jetzt nicht mehr.“ Averys Hohn unterstrich ihr Leugnen nur.

„Ich frage ja nur“, sagte Susanna lächelnd. „Ich glaube, wenn du ihn wiedersiehst, wird dir klar werden, dass du inzwischen ganz woanders stehst im Leben. Außerdem werden bei der Feier heute Abend reichlich gut aussehende, noch verfügbare Männer anwesend sein. Du wirst kein Mauerblümchen sein, verlass dich drauf.“

„Gut. Ich freue mich auf ein bisschen Spaß. Ich will ihm gegenüber nur nicht bemitleidenswert dastehen.“

„Das wird nicht passieren. Und du könntest in seinen Augen nie bemitleidenswert aussehen. Du bist mutig und selbstbewusst. Du bist schön. Sei einfach die Avery Truitt, die Spielerin des Jahres der Big Ten Conference war. Zweimal.“

Die Wahrheit, die Susanna ausgesprochen hatte – und war sie noch so sanft –, erstickte jeden Gedanken daran, dass dieser Besuch dem ersten gleichen könnte, bei dem sie dem schlanken, aristokratischen Prinz Colin ins Auge gefallen war, einem Mann mit der gesunden Gesichtsfarbe derer, die sich gerne im Freien aufhalten, immer mit der Andeutung eines frechen Grinsens auf den Lippen und einem Glitzern in den Augen, das ihr Inneres aufwühlte.

Mamas Tür schwang auf. „Was um alles in der Welt macht ihr denn hier draußen? Der Tee ist kalt geworden. Aber egal. Rollins hat angerufen. Die Sicherheitsleute sind da.“ Sie stöckelte auf die weite, geschwungene Treppe zu und scheuchte Susanna und Avery vor sich her. „Jetzt mal munter voran. Die Königinmutter und Henry warten im Foyer.“

„Ich treffe euch dann dort.“ Susanna löste sich von ihnen und eilte in die andere Richtung den Korridor hinunter. „Ich werde Nathaniel Beine machen müssen. König hin oder her, der Mann ist ein Trödler.“

„Dann eben wir beide, Aves.“

An der Seite ihrer Mama schritt Avery die prächtige Treppe hinab und traf gleich vor den großen, breiten, bollwerkgleichen Türen auf Nathaniels Mutter, Queen Campbell, und ihren Ehemann, einen früheren Premierminister.

Die Tradition des Erntefests schrieb vor, dass die königliche Familie außen um den Palast herum zum großen Ballsaal ging und den Gratulanten und Zuschauern zuwinkte, die sich an den entfernten Toren versammelt hatten.

Die zugelassenen Pressevertreter gingen mit ihnen, stellten Fragen und machten Fotos.

„Was halten Sie von den Feierlichkeiten, Mrs. Truitt?“

„Ich habe einen Riesenspaß.“ Mama winkte den Leuten zu, als hätte die Königin des Barbecues im Königreich Brighton tatsächlich was zu melden.

Avery ging mit hocherhobenem Kopf, einem fixen Lächeln im Gesicht, aber ihre Gedanken rasten. Verflixt noch mal, was musste Susanna auch Colin zur Sprache bringen. Eine große Nervosität zerstörte ihre innere Ruhe.

Die Vorstellung, ihn zum ersten Mal wiederzusehen, nachdem er für den Abschlussball abgesagt hatte, holte ihre Erinnerungen an die vorderste Front. Ließ ihre längst weggeschlossenen Gefühle frei.

Sie liebte ihn immer noch. Und auf einmal erinnerte sich ihr Herz daran, wie sehr.


Kapitel vier

Mit Lady Jordan am Arm tauchte er aus der Limousine auf. Kameras blitzten und drängten die Nacht zurück. Von den Toren bis zu den Stufen war das dumpfe Raunen der Menschenmenge zu hören.

Colin knöpfte seine Smokingjacke zu und half Jordan, als sie gemeinsam die Stufen zum Ballsaal hinaufstiegen. Rufe und Pfiffe klangen durch die Nacht.

„Lady Jordan, hier drüben …“

„Lady Jordan, wir hören, Sie sind an einem neuen Film dran.“

„Wir werden sehen.“ Sie lächelte und flirtete, bewegte sich wie von Zauberhand, fing alle Blicke ein.

Sie war atemberaubend schön, keine Frage. Ihr langes, kastanienfarbenes Haar floss ihr über die nackten Schultern, und ihre Rundungen waren in ihrem perfekt auf den Leib geschneiderten smaragdgrünen Kleid unübersehbar.

Die Presse bombardierte Colin mit Fragen.

„Was sind Ihre Gedanken zu den Brighton Eagles ohne Ihren Cousin, Prinz Stephen?“

„Ist das mit Ihnen beiden etwas Ernstes? Steht uns bald eine Prinzenhochzeit ins Haus?“

„Wir haben Sie im Fernsehen gesehen, Prinz Colin. Werden Sie die Glocke im Pembroketurm läuten?“

Colin winkte, lächelte und verschwand mit Jordan im Ballsaal, ohne eine einzige Antwort gegeben zu haben.

Es war nämlich so: Er mochte Jordan. Sehr. Für jemanden, der so schön und so begehrt war, war sie ziemlich bodenständig. Aber sie erinnerte ihn an die Porzellanpuppen seiner Schwestern. Etwas, das man in ein Regal setzte und von Weitem betrachtete. Sie war nichts, was man mit ins Leben hinausnahm, das man im Garten herumkarren und mit dem man im Dreck spielen konnte, mit dem man einen Versuch starten konnte, was dieses Ding namens Liebe und Ehe anging.

Im Ballsaal erklang Musik. Die Violinen spielten das „Lied der Ernte“, eine Komposition, die König Leopold III. in Auftrag gegeben hatte, um das Ende der Erntezeit zu feiern.

Bei einem flüchtigen Blick in die Runde erkannte Colin die meisten Gesichter. Da war sein Kumpel Guy Smoot, sein Verbündeter bei der Pembroke-Chapel-Gaudi. Er hoffte, dass Madelines und Hyacinths Geplauder über die längst tote Tradition nicht irgendeinen schwachsinnigen Trottel dazu bringen würde, heute Abend die Glocke für seine wahre Liebe zu läuten. Die Fragen seitens der Presse danach machten ihm Sorgen.

Colin dagegen freute sich ziemlich auf die Tradition mit Guy, freute sich darauf, auf der Turmspitze zu stehen, auf das schöne Cathedral City hinunterzuschauen, mit der Vorfreude auf Weihnachten im Herzen und einer guten Pfeife und einem schönen Pint in den Händen.

„Colin“, sagte Jordan und beugte sich zu ihm. Ihr Parfüm hüllte ihn ein. „Ich sehe Lord Wallaby. Der ist so ein großer Filmliebhaber. Lass mich eben zu ihm hinübergehen und Hallo sagen.“ Sie zog ihre Hand von seinem Arm, aber er bekam sie zu fassen, bevor sie davonging.

„Du brauchst nicht die ganze Zeit auf Sendung zu sein.“

„Dann hast du nie im Kulturbetrieb gearbeitet.“ Sie schenkte ihm einen neckischen Blick, viel zu perfekt, als dass es lustig gewesen wäre, und ließ ihn am Rande der Tanzfläche stehen.

Paare schlenderten um ihn herum und an ihm vorbei. Ihre Gesichter strahlten, sie waren begierig auf einen angenehmen Abend voller Leichtigkeit und Freude. Jede Frau war schön, jeder Mann schneidig.

Das dreihundert Jahre alte Erntefest war eins der Dinge, die Brighton einzigartig unter seinen europäischen Geschwistern machten. Man feierte eine gute Ernte, dankte dem Herrn für seinen Segen und ging dann direkt zu den einen Monat lang andauernden Weihnachtsfeierlichkeiten über.

Diese Zeit des Jahres hatte Colin am meisten vermisst, während er zur See gewesen war.

Am entfernten Ende des Saals saß Nathaniel mit Susanna auf dem Podium, neigte sich plaudernd zu ihr, streichelte ihre Hand. Sie hielten den Raum in ihrem Bann, die beiden, und merkten es nicht einmal. Wenn er haben könnte, was die beiden hatten … eines Tages …

Die Frau neben Susanna sah lächelnd auf und winkte. Colin runzelte die Stirn. Winkte sie etwa ihm zu? Sie sah bekannt aus, aber wer …

Ihm stockte der Atem. Mrs. Truitt. Averys Mum. Er fuhr herum und schaute sich im Saal um. War Avery in der Nähe? Er hatte nichts von ihrer Ankunft gehört.

Seine Suche ließ ihn bei jedem weiblichen kastanien- und rotbraunen Schopf innehalten.

„Lady Jordan also?“ Guy rammte ihm den Ellbogen in die Seite. „Das sieht alles ziemlich ernst aus.“

Colin drehte sich zu seinem Freund um. „Was?“

„Jordan. Du. Ernsthaft. Schau dich an. Kannst deine Augen nicht von ihr abwenden.“

„Ja, natürlich … Jordan.“ Wie es schien, reiste Avery nicht mit ihrer Mutter. Gut … gut. Er war nicht darauf vorbereitet, ihr zum ersten Mal wieder zu begegnen, seitdem … nun, seitdem er die Sache beendet hatte. Er hatte immer gewusst, dass dieser Tag einmal kommen würde. Er würde es nur schlichtweg vorziehen, wenn es nicht gerade dieser Tag wäre. Trotzdem durchmischte ein Hauch Enttäuschung seine Erleichterung. Colin forderte Guy mit einer Handbewegung auf, ihm zu folgen. Er brauchte etwas zu trinken. Seine Kehle war ausgetrocknet. „Also, mit wem bist du denn heute hier?“

„Lady Sarah Frizz. Mit wem sonst?“, sagte Guy ohne großen Enthusiasmus.

„Wenn du sie nicht magst, warum bist du dann mit ihr hier? Ihr beide zofft euch die ganze Zeit über.“ Ah, ein Kellner mit einem Tablett Punsch. Colin nahm zwei Kelche.

„Nicht mögen? Nein, mein Guter, das Wort, das du suchst, heißt extreme Geringschätzung.“ Auch Guy ergriff einen der Kristallkelche. „Aber mein Vater liebt sie, und er hält die Fäden meiner Zukunft in der Hand.“

„Ah, das Geld, natürlich.“ Colin nahm einen tiefen Schluck aus dem Becher in seiner rechten Hand. Der unerwartete Gedanke, Avery Truitt könnte im Ballsaal sein, hatte sein Inneres in eine Wüste verwandelt.

„Höre ich da etwa ein Urteil?“ Guy hob seinen Punsch zum Gruß für irgendjemand auf der anderen Seite des Raumes. „Du bist doch selbst nicht besser, hast dieses arme amerikanische Mädchen hängen lassen an ihrem … was war es noch gleich? Ein Abschlussball oder so etwas? Und nur weil dein Vater nicht einverstanden war.“

„Das ist nicht das Gleiche, und das weißt du auch.“

„Ha! Nichts dergleichen weiß ich. Du stehst ebenso unter der Kontrolle deines Vaters wie ich. Nur gebe ich das zu. Und ich entscheide mich dafür, mit Frauen auszugehen, mit denen er einverstanden ist. Wie kann ich da was falsch machen?“

„Mein Vater mag alle Frauen, mit denen ich ausgegangen bin.“

„Außer die Amerikanerin.“ Guy hob die Augenbrauen und forderte Colin zum Widerspruch heraus.

„Und das ist lange her.“ Dieses Gespräch irritierte ihn. Colin stellte seinen leeren Kelch auf dem Tablett eines vorbeieilenden Kellners ab und trank aus dem in seiner Linken. Warum kam Guy gerade jetzt auf Avery zu sprechen? Vielmehr: Warum saß ihre Mutter bei Nathaniel auf dem Podium?

„Sag, was du willst.“ Guy klopfte Colin auf die Schulter. „Aber wir wissen doch beide, dass wir unserem sozialen Status entsprechend heiraten werden. Und die Stimme dieses Status sind unsere Väter. In deinem Fall auch noch dein Titel.“

„Steck mich nicht mit dir in eine Schublade, alter Freund. Ich mag meinen Vater ziemlich und vertraue ihm. Er ist immer für mich da gewesen. Der würde sich der wahren Liebe und meinem Glück nicht in den Weg stellen.“

Die verklingende Musik ließ Colins Antwort nackt und offen im Raum stehen. Er räusperte sich und trank den letzten Schluck Punsch, während die munteren Töne eines brightonschen Walzers die Tänzer in Bewegung setzten.

Mit einem Lachen auf den Lippen entledigte sich Guy seines leeren Bechers. „Ich würde sagen, dein Vater hat sich schon längst der wahren Liebe und deinem Glück in den Weg gestellt.“ Er nahm Colin seinen Kelch ab und schob ihn zur Tanzfläche. „Aber lassen wir das. Ich bin zum Tanzen hergekommen. Wie sieht es aus – du und Sarah? Jordan und ich?“

Schön. Ihm war alles recht, um seine Gedanken von Avery und Guys Beobachtungen abzulenken. Dad sollte sich seiner wahren Liebe in den Weg gestellt haben? Sicher nicht. So war er nicht. Vor dreißig Jahren hatte er Himmel und Erde in Bewegung gesetzt, um Mum zu heiraten. Hatte noch einmal alles dafür getan, um seinem Sohn und seinen zwei Töchtern zu ihren rechtmäßigen Titeln als Prinz und Prinzessinnen zu verhelfen, als ihr Onkel sie mit niedrigeren Titeln adeln wollte.

„Da ist sie“, sagte Guy und zeigte auf Lady Sarah.

Die entdeckte Colin und lächelte. Guy musste verrückt sein, sie so zu verschmähen. Sie war schön und charmant. Außerdem ziemlich gebildet. Ihr fehlte Lady Jordans erotisches Funkeln, aber wie viele von der Sorte brauchte die Welt denn? Sarah war die Art Frau, mit der ein Mann zusammenleben konnte.

Colin bewegte sich, neue und alte Freunde begrüßend, durch die Tanzenden und hielt inne, als ein weiterer alter Kumpel aus den guten alten Zeiten vorbeitanzte. David Simpson, der nach dem verfrühten Tod seines Vaters kürzlich ernannte Lord Chrysler, war ein alter Weggefährte. Ein Schulfreund.

„David, hallo …“ Colin hielt an, als er einen Blick auf die Frau in Davids Armen erhaschte. Sie war wunderschön, mit einem klaren Profil. Außerdem kam sie ihm irgendwie bekannt vor.

War er ihr schon einmal begegnet? Im Sommer? An der Küste mit seinen ehemaligen Kameraden zur See?

Ein vertrauter Duft umschwebte ihn. Einer, der ihn an warme Südseestrände erinnerte. Sein Puls ging in die Höhe. War sie das? Er ging los, wollte David folgen, aber Guy legte ihm die Hand auf die Schulter.

„Sarah, Prinz Colin wäre entzückt, wenn du ihm diesen Tanz schenken würdest.“ Guy schob sie auf ihn zu.

„Hör auf, mich zu schubsen, du grober Trampel.“ Sarah machte sich mit einem Ruck von Guys Griff los. „Colin, ernsthaft, wie hältst du es nur mit ihm aus?“ Sie sah ihre Verabredung zähnefletschend an. „Er ist so ein Fiesling.“

Colin zwang seine Aufmerksamkeit von David und der Frau, mit der er tanzte, weg, weg von dem sich verflüchtigenden Duft nach Salzluft und Palmen, und schloss Sarah in seine Arme. „Er sagt, er verabscheut dich.“

„Das beruht auf Gegenseitigkeit“, pöbelte sie Guys verschwindendem Rücken hinterher. „Lass mich raten. Er will mit Jordan tanzen.“

„Wollen das nicht alle?“

Sie lachte, ein netter, solider Klang. „Ich bestimmt nicht.“ Sie bewegte sich leichtfüßig zur Musik, folgte Colin durch die geraden Schritte. „Wer war die Frau, mit der David tanzt?“

Er sah Sarah prüfend an. „Was?“

„Ich habe gesehen, wie du ihr hinterhergeschaut hast. Entschuldigung, das kommt wohl von der Ausbildung zur Psychiaterin.“

„Ich weiß es nicht. Sie kam mir bekannt vor. Ihr Parfüm …“

„Natürlich. Wahrscheinlich trägt sie den neuen Duft von D’amond. Das ist der letzte Schrei diese Saison. Bis Weihnachten wirst du die Nase voll davon haben. Selbst ich bin seiner Beliebtheit erlegen.“

Aber der Hauch von Moschus auf Lady Sarahs Haut war nicht das, was ihm eben noch in die Nase gestiegen war.

Dieser andere Duft war ihm nicht neu. Er war tröstlich, hatte etwas davon, nach einem langen, schweren Tag nach Hause zu kommen.

„Sag mal, Sarah, warum hängst du eigentlich mit Guy herum, wenn ihr beide euch hasst?“

„Ah, die Frage aller Fragen. Unsere Eltern haben uns zusammen in einen Laufstall gesetzt, als wir gerade zwei Monate alt waren. Hat er dir das nie erzählt? Es heißt, wir seien so leise gewesen, dass unsere Mütter nachschauen gekommen sind. Wir hätten tief und fest geschlafen, und Guy hätte meine Hand gehalten.“

„Also war es vorherbestimmt?“ Colin bewegte sich mit Sarah geschmeidig über die Tanzfläche, ein Auge auf seiner Partnerin, das andere beständig auf der Suche nach David.

„Keine Ahnung, was das angeht, aber ich habe schon lange den Verdacht, dass er mich eigentlich vergöttert.“

Colin lachte. „Du bist jetzt schon perfekt für ihn.“

„Und was ist mit dir, Prinz Colin? Ist Lady Jordan deine Angebetete? Es gibt immer mehr Hochzeitsgerüchte. Dein Auftritt bei Madeline & Hyacinth Live! hat alle neugierig gemacht.“

„Dann dürfen die neugierig bleiben. Ich bin erst 26. Was weiß ich schon von Liebe?“

Er hatte das Thema ziemlich heftig mit seinen Freunden im Schwert & Schild diskutiert, war aber zu keinem Ergebnis gekommen.

Was macht man, wenn man meint, man habe das Mädchen verloren, das „die Eine“ sein könnte?

Die Jungs hatten keinen Schimmer gehabt.

Sarah wurde ernst. „Ich sag’s mal so, Colin, immerhin weißt du, was du nicht willst.“

„Ist das so? Wendest du jetzt deine Psychiaterinnentricks bei mir an?“

„Jetzt sollte ich wohl besser Ja sagen, aber nein, ich wende meine weiblichen Tricks bei dir an.“

„Ah, dann bin ich geliefert. Und kann mich nirgendwo in Sicherheit bringen.“

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
Hacim:
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