Kitabı oku: «Passion Laufen»

Yazı tipi:



Von Rafael Fuchsgruber und Ralf Kerkeling ist außerdem im Delius Klasing Verlag erschienen:

Running wild – Vom Partykönig zum Extremläufer

Meine weltweiten Laufabenteuer sind sehr aufwendig. Über die schöne Zusammenarbeit mit und den Support von folgenden Partnern freue ich mich immer wieder:


1. Auflage

© Delius Klasing & Co. KG, Bielefeld

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-667-11050-3 (Print)

ISBN 978-3-667-11196-8 (E-Pub)

ISBN 978-3-667-11197-5 (PDF)

Lektorat: Niko Schmidt

Illustrationen: Fotolia, Shutterstock

Umschlaggestaltung und Layout: Felix Kempf; www.fx68.de

Abbildungsverzeichnis:

Cover: Harald Tauderer © Lux Musik

Hintere Klappe: Bertram Bölow © Lux Musik (l.),

Ralf Kerkeling (r.)

Rückseite: www.canal-aventure.com © V. Kronental

www.4deserts.com: 4, 14/15, 46/47, 48/49, 55, 58/59, 65, 66, 70/71, 98, 156/157, 164/165, 167 (3), 172/173; Mohamad Ahansal: 36/37, 39, 41, 42; Berliner Mauerweglauf: 159; www.canal-aventure.com © V. Kronental: 12/13, 28/29, 30, 33 (3), 34, 75, 77, 108; www.canal-aventure.com © J. Lollier: 16/17, 27; fotolia: 138 (3), Rafael Fuchsgruber: 24, 93; Rickey Gates: 118/119; Kilian Jornet: 110/111, 116/117; Kilian Jornet, Summits of my life: 115; Andrew King: 122/123, 127; Köln Marathon, Manuel Werners: 150; Köln Marathon, Norbert Wilhelmi: 149; Sandra Mastropietro: 81, 83; Steffen Neupert: 9, 44; Nike: 144/145, 147, 152; www.oakspics.com: 135; PlanB, GORE-TEX® TRANSALPINE-RUN_Lars Schneider: 104/105; PlanB, TAR16, Harald Wisthaler: 78/79, 86/87; PlanB, TransalpineRun: 132/133; PlanB, TransalpineRun, Harald Wisthaler: 96/97; PlanB, Zugspitzultra, Kelvin Trautmann: 162; Philipp Reiter: 90/91, 113, 125, 128; Shutterstock: 142; Sportograf: 61; Carsten Stegner: 106; Tor de Geants, HOKA ONE ONE, Jeantet Stefano: 6/7, 52; Transvulcania Ultramarathon, Dominic Dähncke: 2, 161; Unimedica: 155; UVU: 130; Franca Voli: 19, 23; zooom.at/markusberger: 120

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk, auch Teile daraus, nicht vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.delius-klasing.de


PROLOG

NACHDENKEN – VORDENKEN

KAPITEL 1

GEDANKEN ZUM LAUFEN: LAUFEN – DIE BESTE ZEIT

KAPITEL 2

STARTLINIE: IL CAMPIONE: MARCO OLMO

KAPITEL 3

WETTKAMPF: BACK ON THE TRACK!

KAPITEL 4

MOHAMAD AHANSAL: DER WÜSTENSOHN

KAPITEL 5

ERNÄHRUNGSSTEUERUNG / WOLFGANG FEIL: ENERGIE UND INTELLIGENTE WETTKAMPFSTRATEGIEN

KAPITEL 6

MENTALCOACHING / OLIVER STOLL: DIE KRISE ALS BAUSTEIN DES ERFOLGES

KAPITEL 7

MOTIVATION / SANDRA MASTROPIETRO: VOM LAUFEN DAS BESTE

KAPITEL 8

LAUFTRAINING / CARSTEN STEGNER: FASZINATION LANGSTRECKE

KAPITEL 9

IM GESPRÄCH MIT KILIAN JORNET: »ES IST EINFACH MEINE PASSION …«

KAPITEL 10

BERGTRAINING / ANNE-MARIE FLAMMERSFELD: VON DER FREIHEIT ZU LAUFEN

KAPITEL 11

MEDIZIN / FRANK SCHMÄHLING: LÄUFERKNIE UND CO.

KAPITEL 12

AUF DER ZIELLINIE MIT JAN FITSCHEN: DIE SEELE DES LÄUFERS

KAPITEL 13

LAUFABENTEUER: TRAUMWELT ULTRA

KAPITEL 14

DER SCHRITT ZUM ULTRALAUFEN: SAHARA RACE – WIR WAREN DESERTEURE

DANKSAGUNG

PROLOG

NACHDENKEN – VORDENKEN

Überraschend. Sehr überraschend war der Erfolg von Running wild. Die kleine Autobiografie eines Alkoholikers, der mit dem Laufen angefangen hat, schaffte es bis in die Amazon-Top-100 aller deutschen Buchveröffentlichungen und war wochenlang Bestseller in verschiedenen Kategorien zum Thema Laufen – bis hin zu den Sportlerbiografien. Vor allem wegen des Eintrags bei den Biografien fühlte ich mich geehrt. Ich hatte ein paar Wüstenläufe ordentlich gefinished, ging aber bis dato davon aus, dass das keinen Menschen bis auf drei Dutzend Extremläufer in Deutschland interessiert … Und das ist mein Ernst.

Der feine Herr Fuchsgruber saß auf einmal in der Talkshow bei Markus Lanz, unterhielt sich mit Judith Rakers in 3nach9 mit Betina Tietjen vom NDR. Die ZDF SPORTreportage begleitete mit einem zehnminütigen Film das 527 km lange Rennen im australischen Outback, und es gab Reportagen in SAT1 news und im RTL Nachtjournal. Wer allerdings vermutet, dass er diese Tatsache oder gar sich selbst besonders wichtig nimmt, liegt komplett daneben. Völlig.

ICH! HATTE! VIEL! SPASS! UND DAS WAR’S AUCH SCHON.

Ich weiß heute sehr genau, wo ich stehe. Mit zwei Beinen fest auf dem Boden. Das war nicht immer so. Für diejenigen, die mich noch nicht so gut kennen: Es gab eine lange Zeit in meinem Leben, da kroch ich ziemlich flach und fertig über den Boden. Ich war Alkoholiker, litt viele Jahre an Depressionen und lag im Alter von 41 Jahren mit Verdacht auf Herzinfarkt auf der Trage vorm Internisten. Ich stand quasi mit dem Rücken an der Wand. Ehrlich gesagt: Ich hockte schon am Boden vor dieser Wand. Eine Position, aus der schwer wieder hochzukommen ist. Ich habe Entschlüsse gefasst, ich habe mir Hilfe gesucht, und ich bin aus der Scheiße ’rausgekommen. Nicht einfach so. Und nebenbei. Nein! Es war extrem hart. Aber ich bin raus. Seit 14 Jahren trocken.

Vor einem Jahr kam unsere kleine Tochter Mara zu mir und sagte wortwörtlich: »Papa, kannst du ein neues Buch schreiben, ich kann mein altes nicht mehr finden.« Sie hatte zwei Jahre zuvor die allererste druckfrische Ausgabe von Running wild bekommen. Es wäre glattweg gelogen, Maras Bitte als Startpunkt für Passion Laufen zu benennen. Allerdings gab es mir schon den letzten emotionalen Kick, Gas zu geben.

Zu diesem Zeitpunkt gab es zwei Alternativen, über die ich mit Ralf Kerkeling nachgedacht habe – wie natürlich vieles andere, was zu dem Buch geführt hat, eine gemeinsame Sache von Ralf und mir ist. Eine Überlegung war, Running wild weiterzuschreiben. Eine andere Möglichkeit war, ein klassisches Hand- oder Trainingsbuch zum Laufen zu konzipieren.

»Running wild« wird seine Fortsetzung erfahren. Zwei Themen haben mich damals zum Ende des Buches sehr beschäftigt. Zum einen unsere Tochter Mara. Das letzte Kapitel endete damals in einer entsetzlich süßen Szene mit der Kleinen: Ich hatte sie mehrfach dafür gelobt, dass sie beim Schlittenfahren immer wieder tapfer und ohne Murren den Berg hochgestapft war, und sie sagte an diesem Silvesterabend zu mir: »Ach, so einen Papa wie dich habe ich mir schon immer gewünscht.« Obwohl schon im sechsten Lebensjahr, hatte sie einen sehr eigenen Umgang mit Sprache. Den Grund dafür sollten wir aber erst später herausfinden. Das andere Thema: Es stand nach einer Operation am Knie und einer fast halbjährigen Laufpause in den Sternen, ob ich wieder zum Laufen kommen würde. Fünf Monate, nachdem ich die letzten Zeilen zu Running wild geschrieben hatte, bin ich in Australien bei The Track gestartet – mit 527 km das längste Etappenrennen der Welt in Eigenversorgung. Das Knie hat gehalten. Die Geschichte dazu folgt hier später im Buch.


Finishline: Kids im Iran.

DAS THEMA LAUFEN HATTEN WIR DAMIT WIEDER IM GRIFF

Die süße Mara … Das Thema ist trauriger. Seit Sommer 2015 hatten wir die Gewissheit, dass ihre Entwicklungsverzögerung massiv ist. Zwei Jahre hatten wir uns mithilfe der Pädagogen des Frühförderzentrums darum gekümmert, weil klar war, dass irgendwas schief lief. Im Februar 2016 haben wir nach einem Jahr mit diversen Krankenhausaufenthalten, intensiver Diagnostik und mehreren Anläufen den Grund gefunden. Mara hat einen Gendefekt (Mikrodeletionssyndrom 22q11), der bei Mara zu einer geistigen Behinderung geführt hat.

Als wir die Diagnose bekamen, lagen Ute und ich uns anschließend heulend vorm Krankenhaus in den Armen. Und während ich das hier gerade schreibe, sieht’s nicht besser aus.

Wir hätten alles gegeben, um für unsere Tochter irgendwas an diesem Schicksal ändern zu können. Eine Trauer und Not, die sich leichter verstehen lässt, wenn man selbst Kinder hat. Mara war immer noch das gleiche süße und auch glückliche Kind wie an dem Morgen, als wir zum Genetischen Institut gefahren sind.

Aber die Hoffnung, die wir immer hatten, die über die Zeit angehäuften Defizite noch aufzuholen, war verloren.

Irrsinnigerweise gehen wir Menschen ja lange Phasen unseres Lebens davon aus, dass wir viel Zeit haben. Mit Mitte Fünfzig hat man schon konkretere Vorstellungen zu diesem Thema. Ich wollte keine Zeit vertrödeln. Ich wollte schnell eine Haltung finden zu den neuen Umständen. Als Mara auf die Welt kam, hatte ich mal gesagt: »Wenn sie 14 Jahre alt ist, kann sie gleich nebenan in unsere Gästewohnung ziehen.« Ich war knapp Fünfzig bei ihrer Geburt und sie ein Wunschkind. Aber so lautete der Plan: sie früh selbstständig – und ich dafür meine Ruhe im Alter. Ob sie je selbstständig leben kann, ist ungewiss.

Es war gar nicht die Frage, welche Haltung wir beziehen wollen, sondern es stellte sich die Frage: wann? Die lässt sich eigentlich schnell beantworten: Trauer? JA! Für Haltung aber auch ein JA!

Der Familienrat tagte: Meine Frau Ute, Mara und ich. Als Thema stand an: Sollte Papa fünf Tage nach der Diagnose zu einem Rennen in den Dschungel Sri Lankas fliegen oder nicht? Ich konnte diese Frage für mich nicht beantworten. Aber die Mädels. Mara wusste zwar nicht, um was es ging, aber war wie immer stolz wie Bolle, dass Papa rennt, und sie will eines Tages unbedingt mit ihm in Afrika laufen. Klares »Go!« von ihrer Seite. Meine Frau sieht es genauso, will aber nicht nach Afrika – ist ihr zu heiß. Nur am Rande: Sie läuft lieber 100 km bei acht Grad im Nieselregen. Kein Scherz.

Somit wurde der Beschluss verkündet. Ich habe mir noch auserbeten, bei der Ankunft in Colombo den nächsten Flieger zurück nach Hause nehmen zu dürfen. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich das emotional durchstehen würde. Ich flog und lief ein gutes Rennen. Ein saugutes. Das erste Mal in diesem Jahrzehnt, dass ein Läufer der Altersklasse 55 oder älter bei der weltweit erfolgreichsten Wüstenlaufserie 4deserts am Ende auf dem Podest stand. Das Ganze – wie so oft im Leben – für und im Geiste mit meiner Kleinen.

Ich kann über unsere Erlebnisse und meine Gedanken zu Mara sprechen, aber wir sind im Moment an dem Punkt, dass mit ihrer Behinderung eine ganz neue Perspektive in unser Leben kommt. Diese »Geschichte« ist aber noch nicht erzählbar. Sie hat gerade erst angefangen und ist die ersten paar Schritte gegangen. Ich hab’ schon einiges durch im Leben, und trotzdem glaube ich immer an ein gutes Ende. In diesen ersten, traurigen Tagen fiel mir ein Zitat von Mark Twain in die Hände, das die Umstände besser beschreibt, als ich es könnte: »Ich bin ein alter Mann und habe viel Schreckliches erlebt, aber zum Glück ist das meiste davon nie eingetroffen.« Und genau so werden wir das machen.

So! Es brauchte ein paar Sätze mehr, um zu erklären, warum Running wild hier und heute nicht einfach seine Fortsetzung finden kann.

Warum ich kein Handbuch machen wollte, ist schnell erklärt: Ich bin ein Snob. Ich mache heute nur noch Sachen, die mir Spaß machen. Basta! Ausnahmen: ab und an bei der Arbeit. Über das Laufen schreiben fällt aber nicht unter den Begriff »Arbeit«.

Ein Trainings- oder Handbuch ist eine feine Sache. Die Informationen dazu stehen aber bereits mannigfaltig in den Bibliotheken dieser Welt und sind zu jeder Tages- und Nachtzeit im Internet abrufbar. Das war Ralf und mir als Konzept zu wenig.

Bock zu schreiben hatten wir beide allemal, und es gab viele Themen. Aber wir wollten etwas anderes. Einerseits will ich Geschichten erzählen. Noch lieber höre ich sie mir jedoch an. Da kann ich viel mehr Aufregendes, Neues entdecken. Meine kenn’ ich ja schon. Unsere Fragen waren: Was interessiert die Läufer, was treibt sie an? Geschichten hören und erzählen, Gespräche, Tipps und Informationen bis hin zum greifbaren Nutzwert, gute Zeit, gutes Gefühl, gute Leute. Oft erlebe ich das bei meinen Etappenrennen und der wunderbaren Zeit vor, zwischen und nach dem Laufen. Jeder kennt es vom Zusammensitzen am Abend vor dem Start, am frühen Morgen oder nach dem Zieleinlauf. Es entstehen Gespräche, die weit über das Laufen hinausgehen. Das ist es, was ich in Buchform haben wollte.

Ich wollte ein Treffen von interessanten Menschen, die ich irgendwo in der Welt kennengelernt habe und von denen ich aus unseren Gesprächen wusste, dass es herrlich werden würde, ihr Wissen, ihr Denken und ihre Gedanken im Buch zu haben.

Passion Laufen entwickelte sich für mich mit der Zeit zu einer Art Treffen nach einem schönen Lauf, zu einem Fest, zu einer virtuellen Gartenparty.

Die Vorstellung war: Der Sommer geht zu Ende. Es ist ein schöner Sonntag nach einem langen Lauf. Wen hätten wir gern als Gäste auf unserer Party? Die Gästeliste ist attraktiv. Verzeichnet sind Junge, Alte und Mutige. Und dann passiert etwas, was mich vollkommen aus den Socken haut. Wichtiger als jede TV-Show oder 100.000 Downloads von einem Podcast.

WIR FRAGEN AN – UND ALLE SAGEN ZU!

Das war in dem Moment für mich nicht zu fassen. Schaut mal, wo ich herkomme. Im Jahr 2006 hatte ich ein Laufmagazin in der Hand in dem Fotos vom Marathon des Sables abgebildet waren. Es war um mich geschehen. Ich hatte mich verliebt. Ohne Worte, ohne Erklärung – wie das halt so passiert, wenn man sich verliebt. Ein Jahr später stand ich an der Startlinie dieses Wettkampfs in der Sahara. Ich hatte keine Ahnung von nichts. Und jetzt kommt es: Heute, genau zehn Jahre später, sagen Jungs, die damals am Ende des Rennens auf dem Treppchen standen, ihre Mitwirkung an diesem Buch zu. Vor etwas mehr als 14 Jahren konnte ich keine 3 km am Stück laufen. Bei allem, was passiert und was ich erzähle: Das ist mir immer klar. Das habe ich und das werde ich nie vergessen.

Die Gästeliste unserer Gartenparty in alphabetischer Reihenfolge, weil ich sie alle lieb gewonnen habe und so stolz bin, dass sie uns die Ehre geben: Mohamad Ahansal (mit seinem Bruder Lahcen die erfolgreichsten Läufer in der Geschichte des Wüstenlaufs), Wolfgang Feil (Autor und Ernährungswissenschaftler), Jan Fitschen (Europameister über 10.000 m und Motivationscoach), Anne-Marie Flammersfeld (Gewinnerin des Zugspitz Ultratrail, der 4desert-Serie und Trainerin), Kilian Jornet (vielfacher Weltmeister), Sandra Mastropietro (Autorin, Ascis Frontrunner und Motivatorin), Marco Olmo (Ultratrail-Weltmeister), Dr. Frank Schmähling (Orthopäde und Ironman), Carsten Stegner (Trainer und Deutscher Meister über 100 km), Prof. Dr. Oliver Stoll (Psychologe und Ultraläufer).

KAPITEL 1 / GEDANKEN ZUM LAUFEN

LAUFEN – DIE BESTE ZEIT

Es ist meine beste Zeit des Tages: mein Lauf. Ich könnte den ganzen Tag laufen. Schöner ist nur noch die Zeit mit meiner Familie und wenigen Menschen, die mir ganz nahestehen.

Was kann Laufen? Es macht uns nachgewiesen glücklich. »Uns« sind 20 Millionen Menschen in Deutschland, die sich regelmäßig etwas Gutes tun, und ich sage es gern immer und immer wieder: Die Welt kann gerade in diesen Zeiten viele glückliche Menschen brauchen.

Ansonsten sehe ich das so: Wir sind hier unter uns. Läufer. Das ist ein Buch für Läufer. Ich will an dieser Stelle nicht lange philosophieren und belegen, dass Laufen gut ist, gesund ist. Wissen wir alles längst!

Passion Laufen ist eine Sammlung. Es will Geschichten erzählen, beinhaltet Gespräche, Erlebnisse, Tipps von den ganz Großen der Szene, Wissenswertes und Erklärungsansätze von Ärzten und Wissenschaftlern, die sich intensiv mit den Bedürfnissen von Läufern beschäftigen. Bedürfnissen von allen Läufern – wir wollen keine Unterschiede machen nach Straße oder Trail, und auch nicht nach Marathon oder weniger oder mehr.

Auf eine gewisse Weise bin ich ja ein typischer Läufer. In der Jugend trieb ich Sport – dann machte ich ganz lange nichts, und erst mit Vierzig fing ich wieder an zu laufen. Es sind nicht wenige, die einen ähnlichen Weg genommen haben. Ich hab’ mir Mühe gegeben und mit meinen Mitteln für meine Möglichkeiten verhältnismäßig gut gearbeitet. Das geht aber noch besser. So haben wir uns bei Themen wie Training oder mentale Strategien gemeinsam folgende Ideen entwickelt: Wir nehmen die Konzepte von mir, als ambitioniertem Dauerläufer. Carsten Stegner und Prof. Dr. Oliver Stoll – also der Oli – nehmen dies als Grundlage und gehen darauf ein. Sie sagen, was gut ist daran ist (weil ich das gern höre), und sie zeigen, was man daran optimieren und zusätzlich noch rausholen kann (weil ich das auch gern höre).

WENIGER ODER MEHR?

Im Rahmen meiner Vorträge bei Firmen, Sportgalas oder auch in Kliniken für suchtgefährdete Menschen höre ich oft: »Ich würde auch gern solche Läufe machen, aber ich traue mir das nicht zu.« Andererseits habe ich gerade bei meinen letzten beiden Läufen in Sri Lanka und im Iran die Rookies genau beobachtet. Habe ihre unglaubliche Freude und Stolz erlebt, als sie die Ziellinie überquert haben. Dank dieser Erlebnisse entstand die Idee zum Little Desert Runners Club. Wir griffen einen Gedanken aus dem Podcast mit Philipp Jordan von Fatboysrun auf, es folgte ein dazugehöriger Aufruf. Ein weiterer kleiner Post auf Facebook war der nächste Schritt, und so kamen 15 Läufer zusammen, die noch niemals einen 250-km-Etappenlauf in der Wüste gemacht hatten. Wir gingen im Mai zusammen beim Sahara Race an den Start. Leute, Leute! Ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Kurz nach dem Ende des Rennens saßen einige von uns erstmal ratlos zuhause rum. Wir waren sprachlos in den ersten Tagen. Jetzt geht es wieder, und der Bericht fand – Gott sei dank – noch seinen Weg ins Buch.

Die nun folgenden Beiträge haben mir als lesendem, laufendem Autor im Bereich Ernährung, Training oder Entwicklung neuer mentaler Strategien mächtig auf die Sprünge geholfen. Es hat mich tatsächlich aus einer gewissen »Im-Grunde-weiß-ich-doch-fast-alles-Lethargie« bzw. Überheblichkeit geholt. Beim Schreiben hat es ungewollt sofort den Läufer in mir gepackt, und ich fange gerade an, einige neue Ideen und Strategien anzuwenden. Einige Dinge greifen sofort.


Atacama Crossing/Chile.

So habe ich einen Vortrag bei UltraSPORTS in Kusterdingen gehalten und hatte dort die Chance, andere Referenten zum Thema Ernährung zu hören. Und zum diesem Thema ein kleines, ganz simples Beispiel: Allein die Umstellung meiner Ernährungsstrategien vor und nach dem Training haben innerhalb weniger Wochen zu dem sensationellen Ergebnis geführt, dass ich mittlerweile morgens die steile Treppe von unserem Schlafzimmer zur Espressomaschine fehlerfrei und geschmeidig ’runterkomme. Ich könnte sogar laufen – aber ich will ja nicht übertreiben. Auf jeden Fall legt der Fuchsgruber diese Strecke und die ersten Schritte des Tages nicht mehr wie ein Kleinkind zurück (immer erst beide Füße auf die eine Stufe, dann erst die nächste usw.). So war das die Jahre zuvor!

Die neuen Ideen und Anregungen aus dem Trainingsbereich werden ebenso ihre Früchte bringen – vielleicht benötigt deren Umsetzung ein wenig mehr Zeit.

Auf der anderen Seite sind während der Arbeit am Buch Dinge passiert, die ich gar nicht auf dem Zettel hatte. Mein Besuch und das Gespräch mit Marco Olmo in Italien gehört mit Sicherheit dazu. Ich dachte, ich fahre dorthin, um den vielleicht besten Läufer der Welt zu seinen Erfolgen und seinen Strategien zu interviewen. Und wie kehrte ich zurück? Mit dem klarsten Bild, das ich je vom Laufen hatte. Meine grundsätzliche Frage lautet: Warum laufe ich überhaupt, und wo will ich mit dem Laufen hin? Seit diesem Gespräch bin ich der Antwort so nah wie nie zuvor – Grazie, Marco!

HERE WE GO …

KAPITEL 2 / STARTLINIE

IL CAMPIONE: MARCO OLMO

Endlich geht es los. Meine Bahnstation unten im Tal morgens um 5.30 Uhr. Der Bahnsteig, von dem aus ich fast alle meine weiten Reisen gestartet habe. Vertraute Wege am ICE und anschließend am Flughafen. Latente Aufregung, wie beim Start zu einem großen Rennen irgendwo in der Welt. Ich habe eine Verabredung mit Marco Olmo in Mailand.

Marco ist mein persönlicher Hero. Ich habe es gar nicht so mit Vorbildern, hatte aber immer einen Riesenrespekt vor Lebensleistungen. Während meiner Zivildienstzeit habe ich viele alte Menschen kennengelernt. Einige habe ich über den mobilen sozialen Hilfsdienst zuhause unterstützt, andere wiederum im Heim intensiv gepflegt. Es geht hier nicht um die Umstände, in denen sie lebten, aber ihre Geschichten haben mich sehr interessiert. Bestürzend, berührend, erschreckend, aber oftmals erzählten die Geschichten der Menschen auch von der Kraft und Energie, mit der die Menschen gelebt haben. Manchmal war aber auch gar nichts da außer Geringschätzung über das eigene Leben – und Resignation. Es hat mich anfangs sehr verwirrt. Bald habe ich aber gemerkt, dass ich mich über jede steinalte Oma freute, die noch mit dem Bus in die Stadt fuhr, um ihre Besorgungen zu machen. Dieser Respekt begleitet mich schon ein Leben lang. Es geht nicht um Medaillen und Rekorde, sondern um den Wunsch, aus seinem Leben etwas zu machen.

Ich treffe Marco Omo das erste Mal beim Marathon des Sables (MdS) 2007. Es ist mein erstes großes Wüstenrennen. Am Ende des Rennens gibt es auf der Terrasse einer großen Hotelanlage in Zagora die gemeinsame Siegerehrung. Lahcen Ahansal gewinnt, sein Bruder Mohamad Ahansal belegt Platz zwei. Kurz darauf kommt es zur Siegerehrung der Altersklassen. Volker Voss, der bei den deutschen Teilnehmern so etwas was wie ein Urgestein des MdS ist, macht mich schon vor der Ehrung auf Marco Olmo aufmerksam. Ein großer, hagerer Läufer, er steht zurückhaltend, fast ein wenig schüchtern, zwischen den hunderten von Läufern aus aller Welt. Als er aufgerufen wird als Gewinner der Altersklasse 50–60 gibt es den größten Applaus des Tages. Viele Läufer erheben sich von den Stühlen. »Bravo! Marco, Bravo!«, hört man sie von allen Seiten rufen. Er hat mit 59 Jahren Platz 9 in der Gesamtwertung beim MdS belegt und die AK gewonnen. Sein Ansehen innerhalb der Szene begründet sich natürlich in seiner Leistung, aber andere haben auch große Rennen gewonnen. Seine Zurückhaltung, sein freundliches Auftreten, das wirkt fast scheu, aber genau diese Haltung macht ihn vielen Menschen sympathisch. Wenn es dir gelingt, einen seiner »Augenblicke« einzufangen, dann ist dieser glasklar, ganz fest und direkt aus seinen sehr blauen Augen. Stolz und Bescheidenheit – zwei Eigenschaften, die nicht immer und von allen als Talent gesehen werden. Zwei Eigenschaften, die sich aber noch seltener in einem Menschen einfinden, um sich zu einer besonderen Charaktereigenschaft zu entwickeln. Es ist ganz schwer zu erklären, was Marcos Faszination ausmacht. Tatsache ist, dass die Läufer keine Erklärungen benötigen, um zu erkennen, dass hier ein ganz Besonderer vor ihnen steht. Ich würde gern mit ihm reden an diesem Nachmittag in Zagora. Ich bin fasziniert und neugierig, aber schüchtern genug, um diesen zurückhaltenden Mann nicht zu stören. Ich beobachte ihn seit dieser Zeit. Ich lese über ihn und von ihm. Im Jahr 2010 kommt eine DVD heraus mit dem Titel Il Corridore. Das gleichnamige Buch erscheint 2012. Da ich zu dieser Zeit nur zehn Worte Italienisch kann, denke ich viele Jahre der Film heißt Der Korridor. Im Sinne von »Weg«, »Flur«, »Tunnel« – hat man ja schon mal als Läufer. Gefühlt bin ich jedenfalls der erste in Deutschland, der den Film Der Läufer sieht. Bis heute mein Lieblingswerk über das Laufen. Vollkommen unspektakulär im Gegensatz zu heutigen High-End-Produktionen.


Marco Olmo: The Legend.

DER GRÖSSTE TRIUMPH. ODER: WIE MARCO OLMO DIE ZEIT STILLSTEHEN LIESS

Zahlreiche Szenen, ohne viele Worte. Trocken. Schlechtes Wetter. Gutes Wetter. Atmosphärisch. Über das Leben. Die Höhen und die Tiefen. Valley deep – Mountain high. Bergläufer halt. Ich finde ja seit jeher, dass das Unspektakuläre dem Laufen sehr gut steht – auch den Läufern. Man kann ihnen viele verrückte Dinge nachsagen, aber es sind anständige Leute.

Im gleichen Jahr startet Marco Olmo beim Ultra-Trail du Montblanc (UTMB) über die Strecke von 165 km mit 9.000 positiven Höhenmetern. Ein Lauf der Superlative: eine vollständige, durch drei Länder (Frankreich, Italien und die Schweiz) führende Runde um das Montblanc-Massiv – sieben Täler, 71 Gletscher, 400 Gipfel. Und Marco Olmo wird kurz vor seinem 59. Geburtstag Weltmeister beim Ultra-Trail du Montblanc.

Damals sieht der Gewinn dieses Titels für mich so aus, als könnte Marco die Zeit stillstehen lassen. Als gäbe es eine reelle Chance, die Lebenszeit, den Prozess des Älterwerdens, in die Irre zu führen. Er wird Weltmeister – nicht nur in seiner Altersklasse, sondern im Gesamtklassement. Der Zweitplatzierte ist eine knappe Stunde langsamer und fast zwanzig Jahre jünger. Leute! Wir sprechen nicht von Dart oder Dressurreiten. Weltmeister im Laufen, mit knapp 59 Jahren auf einer der schwersten Strecken überhaupt. Mein Respekt – unser Respekt – dafür ist zeit- und grenzenlos.

Bevor wir unser Treffen in Mailand angehen wollten, war ein Besuch zuhause bei ihm und seiner Frau Renata in den Alpen geplant. Allerdings hatte mich eine ausdauernde Lungenentzündung und in der Nacht vorm Abflug zusätzlich ein Norovirus so aus den Latschen gehauen, dass nix mehr ging. War ich vorher durch die Lungenentzündung etwas matschig, hatte der Virus meinen Aggregatzustand endgültig Richtung Ursuppe verschoben. Mein Hirn funktionierte nur noch nach ausdrücklicher Aufforderung. Das sind die Tage, an denen ich mich diebisch freue, wenn ich ein Zimmer betrete und noch weiß, was ich eigentlich da will. Ich versuchte alles und war morgens noch ganz früh beim Doc, aber auf dem Weg dorthin hatte ich schon gemerkt, dass selbst Autofahren grenzwertig ist. In Italien hätte ich vom Flughafen Turin noch 200 km mit dem Wagen in die Berge fahren müssen. Das war einfach kein guter Plan. In meinen Überlegungen, wie man mit Norovirus am besten fliegt – außer am besten natürlich gar nicht –, hatte ich grundsätzlich den obligatorischen Spuckbeutel oder auch die Kotztüte im Flieger einkalkuliert. Mein Arzt Doktor Maylahn klärt mich aber über zwei Dinge auf: »Tut man nicht in Ihrem Zustand, und wenn es ein unruhiger Flug wird, müssen sie aus Sicherheitsgründen angeschnallt auf ihrem Sitz bleiben. Das setzen die Flugbegleiter gegebenenfalls physisch durch.« Okay! Beim Norovirus liegen die Wörter Überfall und Durchfall eng beieinander und erfordern schnelles Handeln. Soweit hatte ich noch nicht gedacht, und wir wollen hier nicht weiter »ausmalen«, was da in dem Sitz hätte passieren können.

Somit komme ich eine Woche später zu unserem Treffen nach Mailand. Paolo Zubani – der italienische Repräsentant des Marathon des Sables – ist seit 20 Jahren ein sehr guter Freund von Marco und dolmetscht, da meine mittlerweile 20 Worte Italienisch nicht reichen werden. Paolo ist selbst ein alter Hase und startet dieses Jahr zum 29. Mal beim MdS. Er weiß fast alles über Marco. Das ist gut, beim Gespräch wird das noch hilfreich sein, da Marco ein ehrenwerter, großer Mann der Berge, des Laufens ist, aber auch ein Gentleman, der manchmal gar nicht so gern und wenig über sich spricht. Das ist ein feiner Charakterzug. Macht ein Interview oder ein Gespräch im ersten Moment jedoch nicht einfacher.

Paolo verspätet sich. Das macht nichts. Als ich ankomme und Marco treffe, ist es wie immer. Er steht da vor dem riesigen Hauptbahnhof und wir begrüßen uns. Nur dass wir uns noch nie getroffen haben, wenn man mein Beobachten aus der Ferne in Zagora mal außen vor lässt. Aber es ist alles ganz vertraut. Das passiert gern unter Läufern. Hatte ich mit Jan Fitschen genauso. Man kennt sich nicht und man kommt sich vor, als hätte man sich nur ein paar Wochen nicht gesehen. Etwas aufgeregt bin ich allerdings schon, was man daran merkt, dass ich sofort losplappere. »Ciao – come stai? Bel tempo – a freddo!« Blieben meinerseits noch 13 Wörter über, die ich dann auch schnell verbraucht hatte. Mein Wortschatz war aufgebraucht und ich befreit. Wir verstanden uns von nun an prächtig. Ist mir ja immer sehr unangenehm, wenn ich eine Sprache nicht kann. Dann lieber vollkommen wild mit Händen und Füßen, mit Draufzeigen oder internationalen Wörtern und Gesten. Kauen für Hunger, Mittelfinger für die Politik etc., und wenn gar nix mehr geht, stelle ich fest, dass einige Worte aus meinem Lateinwortschatz helfen. Ich kann mir ja nix merken – aber manchmal den totalen Schwachsinn wie z.B. Lateinvokabeln von vor 40 Jahren. Beim Gespräch über Lieblingstiere wird mir zwei Stunden später das englische Wort für Esel fehlen. Das Lateinische habe ich aber gerade parat: Asinus. Wurde sofort verstanden, und wir kommen überein, dass Esel ganz wunderbare Tiere sind. Das ist halt so – treffen sich zwei alte Männer, die das Laufen lieben. Ohne Worte – die Kommunikation geht einfach weiter. Wir gehen auch weiter. Wir suchen uns ein kleines Restaurant und unterhalten uns auf dem Weg dorthin. Ein wenig – nicht viel. Wozu auch?

Paolo stößt dazu, und wenn es nicht im Winter mitten in Mailand gewesen wäre … ich glaube, wir hätten gemeinsam einen ganzen langen Nachmittag im Spätsommer auf einem Marktplatz in den Alpen sitzen können. Wir hätten Espresso, Wasser, leichten trockenen Weißwein und vielleicht einen Pastis zu uns genommen. Wir hätten die vor uns liegende Piazza beobachtet. Wir hätten vorbeifahrende Autos und Motorräder gesehen, spielenden Kindern zu- und Frauen hinterhergeschaut, und für die Kommunikation hätten meine zwanzig Worte italienisch gereicht – wahrscheinlich für uns alle Drei.

Ich liebe diese Momente, wenn man – oder Männer – zusammensitzt und es braucht keine Gespräche. Alle fühlen sich trotzdem sehr wohl. Aber für ein Interview ist das eine denkbar ungünstige Ausgangssituation.

Ich habe Fragen über Fragen, und es ist mir fast peinlich, sie zu stellen, aber ich will unbedingt die Geschichte des Marco Olmo erzählen. Hier in diesem Buch. In dem Moment, wo wir beschließen offiziell anzufangen, fällt mir schlagartig der Titel für ein weiteres Buch ein: »Ich wär’ viel lieber schüchtern geblieben!«

HERE WE GO …

Was war eigentlich dein allererstes Rennen, Marco?

Ich habe nie großartig gezielt Sport gemacht, war aber als Kind der Berge immer viel draußen unterwegs. Mit 26 Jahren hatten wir eine Sache laufen, wegen einem vier Kilometern langen Rennen bei uns im Dorf. Es ging mit 400 Höhenmetern viel rauf und runter auf der kurzen Strecke. Ich habe dafür das erste Mal trainiert, um dort gegen die anderen Jungs zu gewinnen. Es brachte enorm viel Spaß und ich wurde im Ziel Vierter.

Wie ging es danach weiter mit dem Laufen?

Ich bin bei Rennen in den Bergen mitgelaufen – meistens in unserer Gegend. Die Läufe waren sehr unterschiedlich, aber ich bin noch nie einen Marathon gelaufen. Erst später, mit 47 Jahren, ging ich dann zum Marathon des Sables. Zusammen mit Paolo, weil er ein Team für das Rennen gegründet hatte. Das war 1996, und der MdS war mit 200 Teilnehmern noch relativ klein. Heute sind es über 1.300 Starter in der Wüste.

Wenn du zurückblickst: Was war dein größter Erfolg?

Sicherlich der Sieg und die Weltmeisterschaft in 2007 beim UTMB. Ich hatte das Rennen im Jahr zuvor bereits gewonnen, aber diese Strapaze mit einem weiteren Sieg im darauffolgenden Jahr zu krönen, das war etwas Besonderes.

Du vergisst zu erwähnen, dass dies kurz vor deinem 59. Geburtstag passierte, und tatsächlich ist das Meisterstück mit zwei Siegen in Folge danach nur noch einmal vollbracht worden: von Kilian Jornet. Wie war das im Ziel für Dich?

Überwältigend war die Freude, der Zuspruch, den ich von allen Seiten bekam. Ich hatte tatsächlich Tränen in den Augen auf der Ziellinie.

Wie wichtig war dieser Sieg?

Nun ja – ich hatte nicht Amerika entdeckt, aber ich fühlte mich sehr gut.

Das ist eine sehr knappe Umschreibung.

Du sprichst nicht so viel und so gern über dich?

(Er beantwortet die Frage mit einem Grinsen.)

Was passierte noch?

Neben der Erschöpfung und Freude? Ach ja (und er lacht dabei): Als ich meinen Siegerpokal erhielt, stand Renata neben mir. Das Erste, was ihr in diesem Moment einfiel, war der Hinweis darauf, dass sie nicht mehr wisse, wo sie in der Hektik das Auto geparkt hatte für die Heimfahrt. Ich dachte noch: So schnell hat einen das normale Leben zurück.

Das war vor zehn Jahren. Das wichtigste Rennen aus den vergangenen Jahren für dich?

Im Herbst 2016 war ich auf einem sehr schönen Rennen: Ultra Bolivia Race. Wir liefen teilweise in Höhen von über 3.600 Metern. Es war ein Lauf über sechs Etappen und 170 km Länge. Teilweise liefen wir auf dem Salar de Uyuni – die mit mehr als 10.000 Quadratkilometern größte Salzpfanne der Erde. Die Salzkruste entstand vor über 10.000 Jahren durch das Austrocknen eines riesigen Sees.

… und du hast das Rennen mit über zwei Stunden Vorsprung im Alter von 68 Jahren gewonnen.

Ja, das stimmt. Ich bin auch sehr stolz darauf. Ich liebe die Berge. Ich bin ein Mann aus den Bergen. Ich habe viele Rennen gemacht und auch einige gewonnen. Bestimmte Rennen bleiben einem aber besonders im Gedächtnis.

Welche noch?

Ein Skirennen: Abfahrt. Das Rennen hieß Tri Rifugi und ich konnte es im Jahr 1985 gewinnen. War mir irgendwie auch wichtig. Ich hebe nicht so viele Sachen auf, aber dieses Paar Ski und die Gewinnerschuhe vom UMTB habe ich behalten.

Welches war dein anstrengendstes Rennen?

Das war hier bei uns in der Heimat: Marathon Alpes. Es war ein Etappenrennen über knapp 200 Kilometer mit 18.000 Höhenmetern. Das war das Härteste, was ich je erlebt habe.

Was waren die aufregendsten Länder, die du besucht hast?

Aufregend und sehr interessant war es bei der Libyan Challenge im Akakusgebirge, in Ägypten und Jordanien. Faszinierende Rennen in Ländern mit einer langen und interessanten Geschichte, die für die ganze Welt von Wichtigkeit ist. Nehmen wir die beeindruckenden Pyramiden von Gizeh oder die Felsenstadt Petra in Jordanien mit ihren Tempeln.

Dem stimme ich gern zu – das waren auch mit meine schönsten Rennen. Der Zieleinlauf an den Pyramiden beim Sahara Race und ebenso das Ziel bei den Felsentempeln in Petra ist atemberaubend. Was war richtig übel?

Beim MdS 2016 ging ich richtig unter. Auf der langen Etappe ging es mir ganz schlecht. Es war sehr heiß, und es lief gar nicht gut. Mir war übel, und ich musste viel gehen. An einem Checkpoint mit Arzt wurde ich untersucht. Mein Blutdruck war normal. Was soll ich sagen? Es gab somit keinen Grund aufzuhören, also marschierte ich weiter.

Bist du jemals verlorengegangen oder hast den Weg verfehlt?

Nicht wirklich. Bei der Libyan Challenge 2008 über 200 Kilometer nonstop habe ich mal zwei Stunden den Weg nicht gefunden, weil das GPS nicht mitgespielt hat.

An der Stelle stand ich – glaube ich – im Jahr darauf auch. Aber doppelt so lang. Irgendwann bin ich die Felswand vor mir einfach hochgeklettert. Irgendwo sollte dort ein kleiner Tunnel durch dieses Felsmassiv sein. Der war aber im Dunkeln für mich damals nicht zu finden.

(Er lacht und scheint sich auch daran zu erinnern.)

In deinem Film Il Corridore erzählst du von dir, dass du dich als Loser, als Verlierer siehst. Warum?

Ich bin aus den Bergen. Dort bin ich großgeworden. Aber um Geld zu verdienen und mein eigenes Leben leben zu können, musste ich runter. Ich wurde Lkw-Fahrer und habe mit Dreißig angefangen, im Betonwerk in Robilante zu arbeiten. Dort war ich dann 23 Jahre, bevor ich in Rente ging. Durch das Verlassen der Berge habe ich meine Wurzeln verloren. Es gab die Notwendigkeit. Es ist schwer zu erklären, und das können vielleicht nur Menschen verstehen, die auch in den Bergen geboren sind. Das Zitat mit dem »Loser« ist aus dem Film von 2010. Vielleicht bin ich bei diesem Thema heute etwas entspannter.

Aber du bekommst soviel Anerkennung heutzutage für dein Laufen, für dich als Person …

Das ist richtig. Es freut mich auch, dass dieser Zuspruch über alle Generationen geht. Es gibt ganz viele junge Menschen, die mir schreiben, die zu meinen Vorträgen kommen, auch viele aus meiner Altersklasse.

Kannst du mit diesem Zuspruch gut umgehen?

Eine gute Frage. Viele Menschen denken, es ist leicht im Mittelpunkt zu stehen und gelobt zu werden. Das ist es nicht. Ich kann heute besser damit umgehen als vor 20 Jahren. Damals war ich viel unsicherer, ich war schnell nervös und habe die Welt in Gut und Böse eingeteilt, meist aber sehr schnell viele Feinde gesehen. Das ist heute anders.

Welche Rolle spielt deine Frau Renata?

Sie ist die große Stütze. Wir haben uns kennengelernt, als ich 24 war, und mit 30 haben wir geheiratet. Sie ist meine bessere Hälfte. Somit gebührt ihr auch mit Recht die Hälfte der Anerkennung für meine Erfolge beim Laufen. Sie betreut mich bei den Wettkämpfen. Sie fährt zu den diversen Checkpoints. Sie gibt mir Essen und Informationen über den Stand im Rennen. Welche Läufer direkt vor oder hinter mir sind. Wichtig ist sie natürlich auch als Stütze, wenn es nicht läuft, dann baut sie mich auf. Sie steckt dann voller Energie und gibt alles. So manches Mal ist sie dabei aufgeregter als ich und am Ende des Rennens oft vollkommen erschöpft.


Die Beine eines 68-jährigen Champions.


Mailand: Zum ersten Mal treffe ich Marco.

Hast du Laster?

Nein! Aber ich liebe Desserts nach dem Essen und Schokolade überhaupt. Das könnte meine Schwäche sein.

Andere Dinge, die dich faszinieren?

Außer Laufen? Ich mag Maschinen, und da ich zehn Jahre als Lkw-Fahrer und danach 23 Jahre im Betonwerk gearbeitet habe, saß ich viel auf dem Bagger. Ich mag gern zügig Auto fahren – auch heute noch. Vor ungefähr zehn Jahren hatte ich einen Lancia Delta Integrale. Lancia hatte mit dem Wagen viele Jahre fast alle Rallyes auf der Welt gewonnen. Ein vierradgetriebenes kleines Ding mit knapp 200 PS. Das brachte viel Spaß beim Fahren in den Alpen. (Marco und Paolo grinsen sich an.) Ich bastele gern an meinem Equipment herum und mache mir Rucksäcke und Schuhe passend nach meinen Vorstellungen. Gerade früher gab es wenig gutes Equipment für Ultraläufe. Die Trailschuhe waren schwer wie Wanderstiefel, und Rucksäcke zum schnellen Laufen gab es kaum.

Ich habe Bilder gesehen, wo du mit scharfen Messern den Schaft der Schuhe kürzt. Geht es dir dabei um das Gewicht der Schuhe? Leichte Schuhe – schnelles Laufen?

So entscheidend sind ein paar Gramm mehr oder weniger nicht – entscheidend ist die Passform und der Halt im Schuh. Das ist meist der Grund für mich, am Schuh zu optimieren.

Stimmt die Geschichte, dass du oft irgendeinen Berg hochgelaufen bist, während deine Kollegen auf der Arbeit vom Betonwerk mit dem Bus dort hochgefahren sind? Es gibt Interviews im Film, in dem die Kollegen erzählen, dass du »etwas anders« warst.

Für viele war es unverständlich, was ich gemacht habe. Morgens vor der Arbeit erstmal zwei Stunden Laufen gehen, das kam ihnen verdächtig vor. Ich war auch nicht so der Gruppenmensch. Ich war ganz gern allein und habe z. B. mittags auch oft allein gegessen. Das war mir ganz recht so.

Du bist mit 53 Jahren in Rente gegangen.

Ja. Ich hatte schon lange genug gearbeitet, und es gab in Italien die Möglichkeit, zu diesem Zeitpunkt in Rente zu gehen. Eine sehr richtige Entscheidung für mich.

Glückwunsch! Nenn mir doch bitte mal eine Entscheidung, die du bereut hast.

Dass ich nicht früher zum Vegetarier wurde. Heute bedauere ich das ein wenig.

Wie kam es zu der Entscheidung, Vegetarier zu werden?

Ich war 37 Jahre alt, und es ging mit gesundheitlich nicht so gut. Ich suchte einen Homöopathen hier in unserer Region auf, und der empfahl mir, die Ernährung umzustellen und gänzlich auf Fleisch zu verzichten. Seitdem bin ich Vegetarier. Das »Kein-Fleisch-Essen« wurde über die Jahre zu einer Einstellungsfrage für mich und ist mir ein wichtiges Anliegen. Ich missioniere nicht, aber für mich persönlich ist es ein wichtiges Thema, auf das ich in meinem Buch Il miglior tempo ausführlich eingehe. Neben dem Nutzen für meine Gesundheit und Fitness geht es mir auch um das Leben und Wohlergehen der Tiere.

Du bist seit 20 Jahren ein äußerst erfolgreicher Läufer. Lass uns doch mal über dein Training sprechen. Wie sieht das aus?

Da gibt es keine großen Weisheiten. Alle guten Läufer auf der Welt sind immer sehr viel gelaufen. Ich mache nichts anderes als Laufen. Ich gehe jeden Morgen für 70 bis 90 Minuten raus. Es gibt für mich keine Alternative. Ich fahre nicht mit dem Rad, um zu trainieren. Ich schwimme nicht. Ich bin Läufer – ich laufe.

Jeden Tag?

Du fragst wegen des Alters? Ja, jeden Tag – und am Wochenende einen langen Lauf zwischen fünf bis sieben Stunden. Wenn ich fit bin, mache ich alles in den Bergen. Das gilt auch für meine Lieblingsrunde am Wochenende: Die hat 53 Kilometer, und mit Rucksack und den vielen Höhenmetern bin ich dann knapp sieben Stunden unterwegs.

Wann ist Regeneration? Was machst du nach einem großen Rennen?

Laufen – jeden Tag.

Paolo klinkt sich kurz ein, um Marco ein wenig zu unterstützen – er erklärt mir das Ganze so: Marco laufe immer! So wie »immer« immer bedeutet. Selbst beim Marathon des Sables im Ziel nach 250 Kilometern sei das so. Am nächsten Morgen sieht man Marco vor dem Frühstück seine Laufrunde durch Zagora ziehen. Er reduziere sein Training geringfügig für die ersten vier Wochen nach dem Rennen – laufe aber weiter jeden Tag. Allerdings trainiere er insgesamt etwas weniger als vor zehn Jahren.

Ich denke spontan: Na Gott sei Dank!

Wenn du in ein Rennen gehst – läufst du nach einem Plan oder eher intuitiv?

Ich bin am Start nicht sonderlich schnell, sondern liege meist ein gutes Stück hinter den Spitzenläufern. Das ist kein System, das hat was mit meiner etwas geringeren Grundschnelligkeit zu tun. Allerdings kann ich durch die vielen Jahre an Wettkampferfahrung und Training diese Geschwindigkeit über sehr lange Phasen des Rennens halten. Meist ist es so, dass ich ab der Hälfte der Strecke beginne, Läufer einzusammeln. Ich kann durchaus sagen, dass mir das auch Motivation unterwegs gibt. Vor allem, wenn man vorher einige ziehen lassen musste. Wenn es ein gutes Rennen für mich wird, kann ich mich gerade bei Läufen in den Bergen somit auf dem letzten Drittel noch mal gut nach vorn arbeiten. Ansonsten habe ich außer meinem Tempo keinen Plan. Ich reagiere aber auf Einflüsse von außen wie Wetter und das Streckenprofil. Ich versuche, an den Steigungen nicht zu viel Kraft zu lassen und gehe (!) es entspannt an. Grundsätzlich ist mein Bestreben von Anfang an, ausreichend zu essen. Das kann ich bei sehr langen Läufen auch nur allen raten. Wenn du wartest, bis der Hunger kommt, ist das nicht mehr aufzuholen.

Wenn du die Laufveranstaltungen heute siehst und zehn oder 20 Jahre zurückdenkst – was fällt dir auf?

Es ist ein großes Geschäft geworden. Es ist schön, dass es viel mehr Rennen in der Welt gibt, und es ist gut, dass mehr Menschen laufen als früher. Aber der Kommerz steht leider bei vielen Veranstaltern im Vordergrund. Früher entstanden Rennen, weil Läufer den Mut und die Energie hatten, erste große Rennen zu konzipieren und durchzuführen. Alles war viel persönlicher. Die Freunde und Familien halfen mit, und vieles war auch nicht so perfekt wie heute. Was aber interessant ist und den Läufer fordert. Die Startgebühren sind auch enorm gestiegen – auf der anderen Seite hat der Spirit bei vielen Veranstaltungen gelitten. Aber wer nicht nur auf die bekannten Rennen schaut, findet kleine, feine Rennen. Man muss ein wenig suchen. Ein gutes Beispiel dafür ist vielleicht das Rennen in Bolivien.

Wenn du die Chance hättest, dich mit einem Menschen der Zeitgeschichte zu treffen und mit ihm zu sprechen – wer wäre das?

Eindeutig mit Nicola Tesla. Er war ein großartiger Erfinder und Vordenker aus Kroatien, der bis 1943 in New York lebte. Er war der Erfinder der ersten Wechselstromgeneratoren. Seine Lebensgeschichte war ein ständiges Auf und Ab. Er setzte sich mit seinem Wechselstrom gegen Thomas Alva Edison durch, der die ersten Elektrizitätswerke in Amerika mit Gleichstrom gebaut hatte. Er verzichtete auf Lizenzzahlungen in Milliardenhöhe aus bestehenden Verträge zu seinen vielen Patenten im Bereich Wechselstrom, die ihn zu einem der reichsten Männer seiner Zeit gemacht hätten. Er wurde betrogen, aber er war mit ganzer Seele ein Erfinder und kein Geschäftsmann. Außerdem hatte er sich bereits mit neuen Themen beschäftigt: Tesla hatte die Vision einer Welt, in der alle Menschen unbegrenzt und kostenlos mit Energie versorgt werden. Stromnetze begriff er nur als Zwischenstufe auf dem Weg zu einem kabellosen System, das Informationen und Energie über den ganzen Erdball senden sollte. Ohne seine Erfindungen wäre die Industriealisierung nicht möglich gewesen.

Wie beendet man so ein Gespräch? Am besten gar nicht. Aber wir müssen uns mal bewegen. Wir gehen raus auf die Straße, um uns die Beine ein wenig zu vertreten. So lang sitzen ist für uns alle nix. Auf die Schnelle werden ein paar gestellte Fotos geschossen – als Modells taugen wir nicht – und genehmigen uns noch einen Espresso und einen Schokokuchen im nächsten Café. Es gibt eine sehr herzliche Verabschiedung – passend zu dem sehr herzlichen Nachmittag. Auf dem Heimflug fange ich direkt an, das Interview niederzuschreiben. Es ist mein erstes Interview überhaupt – und ich stelle fest, dass es nicht einfach ist. Viele Antworten oder weitere Informationen zu meinen Fragen waren gar nicht im gesprochenen Wort, sondern kamen oft per Blick oder einer Handbewegung. Manchmal ein Schulterzucken. So nach dem Motto: Bist doch selbst Läufer und weißt, wie das ist.

Tage später merke ich, wie dieses Gespräch mit Marco in mir immer noch massiv nachhallt. Dachte ich anfangs, ich fliege nach Mailand, um ein Interview für das Buch zu machen, stelle ich jetzt fest, dass nicht ich einen der größten Läufer aller Zeiten interviewt habe, sondern Marco mich an die Hand und ein Stück weit mitgenommen hat. Nicht mich als Autor, sondern den Menschen und den Läufer. Es ist diese totale Klarheit, die er dem Laufen gibt. Oftmals ist der Anfang einer Sache geprägt von Naivität – und somit Klarheit. Das ist bei Kindern im Spiel zu beobachten, und so ist es auch im Leben. Meiner Meinung nach ist das ebenso in den Anfangswerken von jungen Musikern zu finden. Beim Laufen funktioniert dieser Weg nicht, da Laufen zu Beginn anstrengend ist. Erst über die Jahre verliert sich diese Anstrengung, und es folgt die Zeit, in der man eine Art »Selbstläufer« wird. Es gibt die Themen der Rennen und Platzierungen, wenn man bei diesem Spiel mitmacht, aber wenn man Glück hat, gibt es auch die große Leidenschaft und Liebe für das Laufen. Über Liebe, Leidenschaft und das Laufen kann man endlos philosophieren und komplexe Systeme für viele Themenbereiche entwickeln. Aber es ist wie mit dem Leben: Man kann es auch in aller Klarheit einfach nur machen und genießen. Nicht, dass ich das schon beherrsche, aber für diese gelebte Klarheit zum Thema Laufen bedanke ich mich bei Marco Olmo.

Grazie!


Gewinner des Ultra Bolivia mit 68 Jahren.

KAPITEL 3 / WETTKAMPF

BACK ON THE TRACK!

Das Vorgängerbuch Running wild endet zum Jahreswechsel 2014/2015 nach einer langen Laufpause. Ich hatte eine Operation am Knie, die mich sechs Monate aus der Bahn warf. Es war eine harte Zeit, da die Ansagen vorher anders waren. Was im Mai begann, zog sich bis zu meinem ersten richtigen Lauf am Eibsee am Fuß der Zugspitze im Dezember. Wir hatten diese irrsinnige Show mit Ed Sheeran auf dem Gipfel der Zugspitze, und es war der Tag vor dem Aufbau zu diesem Konzert. Erst ab diesem Tag wusste ich, dass die Lauferei weitergehen wird. Seit Jahren hatte ich dieses 520 km lange Rennen The Track in Australien auf meiner Agenda, und der Start im folgenden Jahr fiel genau auf den Tag, an dem ich operiert wurde. Quasi das Comeback nach genau 365 Tagen. Das war’s für mich! Fünf Monate Zeit – eigentlich zu kurz nach langer Pause. Und das Rennen ein bisschen lang für den Wiedereinstieg, aber Glaube und Symbolik gehen öfter mal vor Vernunft bei mir, und so stehe ich Anfang Mai um drei Uhr morgens in Dubai am Airport und bekomme zu hören: »Hey Alda: was machst du denn hier?« Neben mir am Security-Check steht grinsend Markus Mockenhaupt, den ich Jahre zuvor über seine Schwester Sabrina kennengelernt hatte. Er ist ebenfalls auf dem Weg nach Melbourne, um als deutscher Vorjahressieger der Wings for Life World Run in Australien zu starten. Geht ja schon mal gut los. Wir treffen uns nach gemeinsamem Flug von Dubai nach Melbourne für ein paar Laufrunden am Indischen Ozean. Nach drei Tagen Akklimatisierung und Einrichtung der inneren Uhr auf Down-Under-Zeit geht es weiter nach Alice Springs. Hier treffen sich die 22 Starter zu The Track, dem weltweit längsten Etappenlauf, bei dem Equipment und Verpflegung im Rucksack getragen werden. Der Ablauf ist wie immer: Der Veranstalter stellt die Zelte und zwölf Liter Wasser pro Tag. Die Dimensionen sind gewaltig – Hitze, Sand, Trails. Wir werden 527 km in 9 Etappen hinter uns bringen. Allein die letzte – die Königsetappe – wird knapp 130 km, zu diesem Zeitpunkt werden wir bereits 400 km in den Beinen haben. Daraus ergibt sich die übersichtliche Teilnehmerzahl. Es sind ausnahmslos erfahrene Ultraläufer am Start – und somit viele Freunde aus meinen zurückliegenden zehn Wüstenrennen – launiges Klassentreffen.

ES WIRD EIN LEGENDÄRES RENNEN

Noch nie ist einer von uns 520 km gelaufen – warum auch? Es gibt keine wirklichen Strategien dafür. Wir bekommen ein Roadbook vom Veranstalter, die Strecken sind mit Pfeilen oder Flatterband markiert. Jeweils 15 km voneinander entfernt befinden sich Checkpoints, an denen ein Arzt oder Betreuer postiert ist, der auf den Zustand der Läufer achtet und auf Probleme eingehen kann. Zudem bekommen wir an diesen Punkten jeweils zwei Liter Wasser für den Weg zum nächsten Checkpoint. Die Rucksäcke mit Food, Isomatte, Schlafsack, Klamotten, Stirnlampen etc. wiegen zwischen 8 bis 10 kg. Lebensmittel für den zweiten Teil des Rennens können wir im Dropbag hinterlegen und bekommen diesen am fünften Tag ausgehändigt. Anders wären die Rucksäcke zum Laufen zu schwer geworden. Die beiden ersten Tagesetappen durch den West-MacDonnells-Nationalpark sind je 30 bis 40 km lang, wir müssen mehr als 1.000 hm pro Tag absolvieren. Hier merke ich das Knie nach einem Jahr doch wieder und muss kleine Brötchen backen, aber auch, wenn ich noch nicht wieder ganz fit bin, kann ich in den Bergen Platz neun halten. Das Knie tut es auch – halten.

Sensationell das Treffen mit meinen Spezies aus dem Outdoor Fashionstore am zweiten Tag: Auf den höchsten Bergen der Region treffen wir einige von diesen coolen Wanderern. Vorher mit dem SUV durch den Outdoorstore und für 2.000 Euro Klamotten kaufen. Damit dann am Berg chic im Weg stehen, Fotos machen und immer schön den Thermobecher in der Hand halten. Ich würde mich ja zanken, aber mir bleibt kurz die Sprache weg, als ich hinter dem dicken Wandermonster auf meinem Trailpfad drei Helikopter stehen sehe. Ordentlich abgeparkt auf dem Gipfel. Die »lassen« hier oben wandern – find’ ich vernünftig. Das schont die Rettungskräfte, die heutzutage mit an Selbstüberschätzung leidenden Outdoor-Opfern viel Arbeit haben. Für viele dieser Kollegen wäre der Anstieg zum Heidelberger Schloss schon ein Abenteuer. Die kommen mir gerade recht. Da kann ich mich aufregen und vergesse mein Knie. Vollkommen unüberheblich – wie das so meine Art ist (grins!) – fühle ich mich heute überlegen.


Mein Neuanfang in Down Under.

Wir kommen ins Flache. Die Temperaturen werden höher und es kommt der Sand. Obwohl wir die 30 °C-Marke selten knacken, ist jetzt meine Zeit. Der Alte schafft sich über die Tage bis auf Platz drei nach vorn. Das Tempo ist allerdings vollkommen unphilosophisch. Durch die Tatsache, dass die ersten vier Läufer alle in einer ähnlichen Liga unterwegs sind, wird gerannt, was das Zeug hält, und die Abstände bei den Etappen sind jetzt im kleinen Minutenbereich.

Das Leben, das Laufen und die Menschen ändern sich. Die Lauten vom Anfang werden von Kilometer zu Kilometer stiller und nachdenklicher, andere schließen sich in ganz kleinen Gruppen sehr eng zusammen. Wieder andere, die eher schüchtern sind, blühen über die Tage auf. Das Laufen wird zum Bestandteil des Lebens, und beim Gespräch am Lagerfeuer – laufen wir morgen 50 oder 60 km? – stehe ich nicht mehr auf, um das Roadbook zu konsultieren. Ist irgendwie egal. Es beginnt eine andere Zeitrechnung, in uns und um uns herum. Wir laufen schnell, aber alles andere wird langsamer. Eigentlich der ideale Lauf und Ort, um total abzuschalten. Wenn da nicht dieses sportlich so dicht beieinanderliegende Viererfeld an der Spitze wäre. Aber es bringt unerwartet viel Spaß, auf diese lange Distanz jeden Tag wieder von Neuem hart am Limit zu laufen. Die Strecke ist abwechslungsreich, bietet Sandpisten, gelegentlich Flussbetten (ohne Wasser) und wiederkehrende Traversen über kleine Hügelketten.

Es gibt aber auch die typischen langen, geraden, rotsandigen Tracks. Damit es nicht langweilig wird, stolpere ich am fünften Tag über einen Stein, und es haut mich gewaltig hin. Ich habe keine exakte Erinnerung, wie es passiert, da mir eine kleine Gehirnerschütterung anscheinend ein paar Sekunden gelöscht hat. Ich falle, bremse aber den Sturz mit dem Gesicht. Ich habe seltsamerweise keine Verletzungen an den Händen, was normal wäre, wenn man sich nach vorn abfängt. Wahrscheinlich ein altersbedingter Schwächeanfall, oder noch besser: Totalausfall. Ich liege plötzlich mit dem Gesicht in den Steinen. Philippe und Patrick sind kurz darauf zur Stelle. Ich blute, als hätte man mich frisch geschlachtet. Da mir die Suppe auch aus dem Mund tropft, werden Nase und Zähne genauer betrachtet. Die beiden begleiten mich bis zum nächsten Checkpoint. Dort wartet unser französischer Doc Bruno, der mich eingehend untersucht. Viel Blut, aber nix gebrochen. Alles wird getapet. Er tippt auf Gehirnerschütterung und will mich ein wenig dabehalten. Ich will aber weiter und versuche ihm klarzumachen, dass es mir gut geht. Wir einigen uns auf eine finale Testung – ich zähle auf Französisch von eins bis zehn. Bestanden! So geht das in der Wüste … bis ich außer Sichtweite bin und mich hinter dem nächsten Busch erst mal übergeben muss. Gehirnerschütterung. Bruno hat das grundsätzlich richtig entschieden. Im Zweifel auch mal für den Sportler – er war früher selbst aktiver Läufer. Bis zu Patrik und Philippe kann ich wieder aufschließen, und somit wurde auch dieser Tag nicht langweilig. Außer Blut und ein wenig Futter für die Schlangen war ja nix.

Die letzte Etappe mit fast 130 km endet am Uluru (Ayers Rock) und wird – wie erwähnt – legendär. Die Führenden starten einige Stunden nach dem Hauptfeld. Frank Reintjes, der das Rennen auch gewinnen wird, ist vorne weg, Philippe, Patrik, noch ein Philippe und ich laufen fast den ganzen Tag im Vierertrupp durch das Outback. Gegen Nachmittag löst sich das Feld auf. Philippe Richet gibt Gas, und ich konzentriere mich darauf, Patrick nicht aus den Augen zu verlieren. Philippe Manial geht ein wenig verloren. Wir überholen Frank, bei dem ich aber nicht bleiben kann, da ich folgen muss. Patrick ist ein sehr erfahrener Läufer mit mehreren Teilnahmen beim Badwater Ultra, und er ist ein Fuchs. Ich meine das liebevoll und mit großer Anerkennung. Er wartet bis zum Eintritt der Dunkelheit und zieht dann mächtig das Tempo an. Ich versuche dranzubleiben, habe allerdings einen Aspekt nicht bedacht – die Nacht. Als er hundert Meter Vorsprung rausgelaufen hat, kann ich ihn nicht mehr sehen. Tagsüber würde man vielleicht darüber lächeln und sich reinhängen. Da durfte der Fuchsgruber mal wieder was lernen. Sein Abstand wächst von Checkpoint zu Checkpoint. Ich muss mich mittlerweile mit einem Dingo auseinandersetzen, der mich in der Dunkelheit verfolgt. Dingos sind nicht ganz so putzig, wie man meint, vor allem nicht, wenn sie allein unterwegs sind. Oftmals handelt es sich dabei um kranke Tiere, die sich in ihrer Hungernot auch schon mal an einer Beute vergreifen, die eindeutig größer ist als sie. Einen deutschen Touristen haben sie kurze Zeit zuvor so zerlegt, dass er mehrere Wochen in Australien im Krankenhaus lag. Ein neunjähriger Junge starb sogar nach einem Angriff. Trotz meiner Wurfgeschosse in seine Richtung ist er beharrlich. Wir laufen mittlerweile auf der Straße, und ich versuche, dem weißen Randstreifen zu folgen. Obwohl dieser im Schein der Stirnlampe fett vor mir liegt, verliere ich diese Linie immer wieder aus den Augen. Dann heißt es: Augen schließen, Hirn wieder hochfahren, Augen öffnen – und da ist sie dann wieder, die weiße Linie. Das mache ich alle fünf Minuten oder lasse mich wahlweise von einem der riesigen Roadtrains erschrecken. Die sind über 50 m lang und etwa 100 km/h schnell. Schlagartig ist man wieder wach, wenn einem Stirnlampe und Hut wegfliegen.


»Joy and pain« auf 527 Kilometern.


Seite an Seite mit Frank Reintjes.

Als ich kurz vor dem Ziel bin, treffe ich meinen Kameramann Gabriel Pielke, der unser Rennen für das ZDF begleitet. Es gibt mir arg zu denken, dass ich laufe, Gabriel aber mich gehend dabei filmt. Meine Reaktion beschränkt sich in diesem Moment auf die Feststellung: »Hier stimmt was nicht, und ich muss später mal darüber nachdenken!« Im Ziel bin ich zwar drei Stunden schneller als der Gewinner der letzten Ausgabe von The Track, aber ich erfahre auch, dass Patrick mir mit sieben Minuten Vorsprung den dritten Platz stibitzt hat. Das ist ein Kilometer von 520. Das hat er gut und clever gemacht. Ich bin für einige Minuten etwas unglücklich. Aber: Hey, das darf ich! Ich bin nach 17 h laufen dehydriert und komplett durch. Kurz darauf stehen wir alle schon wieder gutgelaunt am Lagerfeuer und feiern das Ende eines ganz besonderen Rennens. So besonders, dass es auch bis heute das einzige ist, bei dem ich noch einmal starten würde.

Frank Reintjes gewinnt nach 61 h Laufzeit das Rennen bei den Männern, und meine Freundin Ita Emanuela Marzotto aus Italien kommt als erste Frau rein. Sie wird mir zwei Jahre später behilflich sein, die ersten Kontakte zu Marco Olmo herzustellen, um auch ihn hier im Buch dabeizuhaben.

Zwei Gedanken bestimmen die Nacht nach dem Zieleinlauf: Ich habe für mich wiedergefunden, was mir in den vorangegangenen Jahren ein wenig abhanden gekommen war: das Glück und Genießen des Laufens. Das macht mich froh. Die lange Verletzung und das drohende Aus für meine heißgeliebten kleinen Abenteuerläufe hatten mir extrem zugesetzt. Ich war teilweise restlos fertig – ohne dabei aufzugeben.

Mara geht mir durch den Kopf. Wir machen gern Deals – wir haben beide großen Spaß daran, und irgendwie kommen wir im Gespräch über das Rennen in Australien kurz vor meiner Abreise auf das Thema »gegenseitige Versprechen«. Ich weiß nicht mehr, wie es dazu kommt, aber ich verspreche ihr, dass ich bei The Track nicht einmal gehen, sondern nur laufen werde. Aus der zeitlichen Entfernung betrachtet hat es sicherlich etwas mit der »Unvorstellbarkeit« dieses Rennens zu tun. Es gibt keinen Plan und keine Taktik, die man mit sich vorher vereinbaren kann. Dieser Deal geht aber! Beziehungsweise »läuft« immer. Ein Vater hält ein Versprechen gegenüber seinem Kind – auch immer!

Über einen Transfer aus diesem Rennen in unser normales Leben nachzudenken, ist ein interessantes und großes Thema – wie dieser Lauf selbst. Die Worte Respekt bzw. Demut und das Thema Selbstwahrnehmung kommen in meinen Monologen während des Laufens im Outback immer wieder vor. Wer der Meinung ist, dass er schon sehr viel über sich weiß, kann viele neue Erfahrungen bei langen Läufen machen. Und wer dazu besonders viel erfahren will, geht zu The Track.

Zum Thema Demut und Respekt: Ich sage es – und ich sage es gern: Nur wer Respekt gibt, kann auch Respekt erhalten. Dies gelingt vielen von uns im täglichen Leben, und wir machen das oft gut mit »unseren« Leuten. Aber eine entscheidende Frage hier in die Runde: Gelingt uns das auch mit uns selbst? Gehen wir respektvoll mit uns um?

Nehmen wir dafür das schöne Wort »Achtsamkeit«. Im ersten Moment mutet es vielleicht ein wenig seltsam an, als extremer Ausdauerläufer über Achtsamkeit nachzudenken. Aber gerade Sportler – insbesondere der Läufer – kann darüber viel erzählen. Sein Umgang mit sich selbst lässt sich praktischerweise direkt in Metern oder Sekunden messen. Im Leben oder in der Berufswelt ist das schwieriger. Ich glaube, hier ist noch viel offen und wir widmen uns im Lauf dieses Buches wieder und wieder diesem Thema.

KAPITEL 4 / MOHAMAD AHANSAL

DER WÜSTENSOHN

Mohamad war der erste Ultratrailläufer, den ich in meinem Leben kennengelernt habe. Im Ernst! Ich begegnete ihm 2006 das erste Mal in der Sahara. Dass er und sein Bruder Lahcen die besten Wüstenläufer der damaligen Zeit waren, war bis kurz vor meiner Reise an mir spurlos vorübergegangen. Die beiden haben zusammen 15 Mal in Folge den Marathon des Sables (MdS) gewonnen. Wie schon in Running wild erwähnt, hatte ich Bilder vom MdS in einer Zeitschrift gesehen, und die ließen mich nicht mehr los. An den MdS hatte ich mich nicht ’rangetraut, weil mir der Mumm fehlte – im Gegensatz zu meinen Rookies im Little Desert Runners Club heute. Ich war damals auf der Suche nach einem leichteren Wüstenlauf – nicht gleich 250 km.

Mohamad und Lahcen hatten damals die zweite Ausgabe ihres Zagora Marathons vorbereitet, und ich hatte das Rennen irgendwo im Internet aufgestöbert. Die Tatsache, dass der Lauf über die klassische Marathondistanz ging, kam mir entgegen. Damals waren Rennen in fernen Ländern noch nicht so professionell gelistet wie heute. Oftmals gab es auch keine eigene Webpräsenz. Mohamad spricht perfekt Deutsch und unterstützte mich in der Planung meiner kleinen privaten Reise nach Zagora, die mich via Casablanca und Quarzazate dorthin führte. Das verbindet. Wir sahen uns ein Jahr später wieder, bei meiner Premiere eines großen Wüstenlaufes, dem Marathon des Sables 2007. Der Kontakt ist nicht abgerissen, vor zwei Jahren kam Mohamad uns sogar besuchen. Wir waren abends mit Aurore Zatopek, Claudi Konowski und Joe Kelbel unterwegs. Gute Leute – guter Abend.

Riesig gefreut habe ich mich, als sich ein paar Wochen vor dem Start des ISRU (Iranian Silk Road Ultramarathon) im Iran herausstellte, dass Mohamad kurzfristig seinen Start zugesagt hatte. Im Jahr 2016 gab es die Premiere des ISRU. Dieser 250 km lange Lauf entlang der alten persischen Seidenstraße war sowas wie ein Traumziel für mich. Ich hatte mich lange Zeit sehr darauf gefreut, und dass der Wüstenläufer – und ich meine der Wüstenläufer! – auch teilnahm, war für mich wie ein Fest. Er lief und gewann die lange Version mit 250 km. Ich tat es ihm gleich; allerdings auf der 180-km-Variante dieses Rennens, da ich wegen einer Knieverletzung, die ich mir zwei Monate zuvor bei einem Trailwettbewerb in Sri Lanka eingefangen hatte, noch arg gehandicapt war.

Eins der geilsten Rennen, die ich bis dato hatte. Perfekte Crew. Perfekte Bedingungen für mich. Fast nur Sand und Tagestemperaturen von 56 °C, die wir mit verschiedenen Uhren auf Brusthöhe gemessen haben. Was wir in Filmen oder Berichten unerwähnt ließen, war die Tatsache, dass auf Schienbeinhöhe die Temperatur 65 °C betrug. Unter der Wüste Lut, die auch als heißester Ort der Welt in Wikipedia steht, ist die Erde sehr aktiv. Es gibt keine Vulkane, aber die Hitze kommt massiv aus dem Boden. Wir haben diese Tatsache nie erwähnt, weil wir Angst davor hatten, dass man uns maßlose Übertreibung hätte unterstellen können.

Da ich auf der kürzeren Distanz unterwegs war, hatte ich andere Startzeiten als Mohamad, aber bei der langen Etappe standen wir alle gemeinsam am Start. An diesem Tag hatte ich mir vorgenommen, Mohamad zu folgen, solange es geht. Ich kann mich noch genau erinnern, wie er vor zehn Jahren in einem Film auf die Frage geantwortet hat, wie man auf Sand am besten läuft: »Das Geheimnis ist, sehr schnell zu laufen.« Eine weise Antwort – und so stimmig. Aber nur, weil sie stimmt, ist sie noch lange nicht umsetzbar. Gilt natürlich nicht für Mohamad! Versuch mal, Mohamad Ahansal auf Sandboden zu folgen. Ich habe es knapp 20 min geschafft. Oder eher versucht. Er hat eine enorme Kraft, sein Laufstil ist sehr elegant, und die Füße berühren den Boden nur einen kurzen Moment. Es wirkt so, als hätte die Schwerkraft einfach nicht genügend Zeit, ihn zu erwischen.


Mohamad Ahansal: Veranstalter des Trans Atlas Marathon.

In Sri Lanka und auch im Iran entstanden zwei Konzepte während des Laufens; einmal wurde der Little Desert Runners Club geboren. Das andere Konzept beschäftigte sich mit dem Buch nach Running wild.

Es gibt ja bekanntlich keine Zufälle, und es war auch nicht abgesprochen. Genau zehn Jahre zuvor hatte ich meinen ersten Wüstenlauf gemacht, und nun stand ich mit dem Meister Seite an Seite an der Startlinie. Welche Ehre! Hätte mich 2006 jemand gefragt, ob ich mir so etwas vorstellen könnte, hätte ich nur gesagt: »Is’ klar, ne?!«

Im Iran bin ich ihm hinterhergerannt, wir haben in der Not aus dem gleichen Infusionsbeutel vom Doc gesoffen. Ja! Die Infusionen sind gemeint, die man mit der Nadel bekommt, wenn man total fertig ist. Richtiger Doc mit Nadel war gerade nicht in der Nähe, aber hier der kleine Insider: anpieksen und trinken, hilft auch. Wir sprachen dabei weniger über das Rennen und die irrsinnige Hitze, die wir beide noch niemals so intensiv bei einem Rennen erlebt hatten. Wir sprachen über Familie, über unsere kleinen Kinder und vor allem über die Zukunft. Mohamad hat ein Trainingscamp in Zagora aufgebaut, in dem man sich sehr schön auf Wüstenläufe vorbereiten kann. In die eine Richtung geht es aus dem Lager in die Wüste, und auf der anderen Seite ins Atlasgebirge, wo es sehr schöne Trails gibt. Mit dem Trans Atlas Marathon und dem Ultra Trail Morocco Eco Sahara (UTEMS) veranstaltet er mit seinem Bruder mittlerweile auch die ersten eigenen Rennen, die schon guten Zuspruch bei den Läufern finden.

Naheliegend war die Idee, ihn im Buch dabei zu haben. Ich bin über die Jahre der Wüste nähergekommen und mir auch – verstehen tue ich immer noch wenig, aber doch viel mehr als früher. Es freut mich ganz arg, dass wir die Chance auf diese schönen Gespräche auf dem Perserteppich hatten und noch mehr, dass wir diese in dem danach stattgefundenen Interview nochmal für Passion Laufen zusammenfassen konnten.

Mohamad, du bist ein Sohn der Wüste, lebst aber große Teile des Jahres auch in Deutschland.

Ja, das stimmt. Ich bin der Sahara geboren. Ich war das jüngste von fünf Kindern, und wir waren anfangs tatsächlich Nomaden draußen in der Wüste. Wir hatten Ziegen, Schafe und Dromedare und lebten von der Zucht und Verkauf der Tiere. Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Vater, und wir zogen für eine Übergangszeit mit unserer Mutter zu unserem Onkel. Aber das war alles sehr schwierig. Es kam ein wenig später das Angebot von meinem Großvater, zu ihm in die Oase von Draa zu ziehen. Sie liegt bei Zagora und bot die Möglichkeit der Schulbildung für uns Kinder, was für meine Mutter äußerst wichtig und Nomaden normalerweise verwehrt war. Wir siedelten um und blieben dauerhaft in der Oase bei unserem Großvater, der starb, als ich neun Jahre alt war. Es wurde noch schwieriger für meine Mutter, aber immerhin durften wir auch weiterhin im Haus von meinem Großvater wohnen. Einer meiner Brüder lebt heute noch dort.

Wie sind die beiden Welten für dich im Vergleich, wo fühlst du dich wohler?

Den Wechsel zwischen den Welten kenne ich ja schon seit meiner Kindheit. Wir lebten bei meinem Opa, und in den Ferien sind wir wieder raus in die Wüste und verbrachten viel Zeit bei unserem Onkel. Ich mochte beide Welten sehr gern, eben weil sie so unterschiedlich waren. Ich ging gern zur Schule, fühlte mich aber auch sehr glücklich in der Einfachheit und Kargheit der Wüste. Heute ist es ähnlich. Ich verbringe viel Zeit bei der Organisation meines Rennens und in unserem Trainingslager. Den Rest des Jahres verbringe ich aber auch sehr gern hier bei meiner Familie in Bayern.

Wo lernt es sich besser?

In der Wüste oder in der Schule?

Schwer zu beantworten … Oder auch ganz leicht. Ich werde oft gefragt, warum es uns ohne Unterbrechung gelungen ist, so viele Jahre den MdS zu gewinnen. Wir haben als Nomaden gelernt, mit Entbehrungen zu leben, und dies in einer Konsequenz und einem Ausmaß, welche mit dem Dasein in Europa nicht zu vergleichen ist. Sicherlich gibt es hier auch manchmal Probleme und schwierige Situationen, da möchte ich niemandem zu nahetreten. Aber die Kindheit als Nomade ist härter. Wir sind gute Läufer, und andere Teilnehmer hatten auf der Marathondistanz sogar bessere Zeiten vorzuweisen als wir, aber mit den Entbehrungen in der Wüste kamen sie nicht so gut klar. Auf der anderen Seite hatte unsere Mutter vollkommen recht mit ihrer Entscheidung, dass wir auf die Schule müssen. Alles, was sie durch den Verkauf von Datteln, Koriander und ein oder zwei Schafen pro Jahr verdiente, steckte sie in unsere Schulsachen und in die Ausbildung. Sie arbeitete extrem hart für uns. Wir sind dafür sehr dankbar. Heute ist sie 82 Jahre und lebt immer noch in Zagora bei einem meiner Brüder und dessen Frau. Einer meiner großen Brüder nahm ein Studium in Agadir auf, das war teuer für die Familie, und für ein weiteres Studium fehlte das Geld. Also gingen Lahcen und ich nach Casablanca an einer Art Berufsschule, wo wir eine Schneiderlehre machen konnten. Ich bekam allerdings kurzfristig die Chance, eine Ausbildung als Bergführer zu machen. Lahcen erlernte somit den Schneiderberuf, und ich ging in die Tourismusbranche.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
12 aralık 2025
Hacim:
271 s. 86 illüstrasyon
ISBN:
9783667111968
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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