Kitabı oku: «Running wild in Afrika»

Yazı tipi:


Lauf-Statistik

Länge: 1.000,01 km

Zeit:406 Std. und 44 Min. = 17 Tage reine Laufzeit

Da wir an einem späten Nachmittag starten, sind das 18 Kalendertage.

An Tag 19 folgt der Spendenlauf für die Mount Etjo Junior School.

Tagesetappen


Tag 1 - 14,86 km
Tag 2 - 62,69 km
Tag 3 - 61,87 km
Tag 4 - 65,30 km
Tag 5 - 51,10 km
Tag 6 - 64,07 km
Tag 7 - 60,82 km
Tag 8 - 56,39 km
Tag 9 - 63,01 km
Tag 10- 43,25 km
Tag 11 - 61,70 km
Tag 12 - 61,25 km
Tag 13 - 62,94 km
Tag 14 - 49,52 km
Tag 15 - 56,74 km
Tag 16 - 59,25 km
Tag 17 - 61,59 km
Tag 18 - 43,66 km
Gesamt 1.000,01 km
plus Tag 19 – 43,37 km Spendenlauf


RAFAEL FUCHSGRUBER

TANJA SCHÖNENBORN

RUNNING WILD

IN AFRIKA

PAARLAUF DER EXTREME

IN 17 TAGEN 1.000 KM DURCH DIE WÜSTE


1. Auflage 2021

© Delius Klasing & Co. KG, Bielefeld

Folgende Ausgaben dieses Werkes sind verfügbar:

ISBN 978-3-667-12254-4 (Print)

ISBN 978-3-667-12341-1 (Epub)

Lektorat: Carola Pröbstle, www.carolaproebstle.de

Fotos: Paul Hartmann, mit Ausnahme von:

Rafael Fuchsgruber, Tanja Schönenborn: Seite 70

Jan Fitschen: Seite 16

Karte: Inch3, Bielefeld

Umschlaggestaltung und Layout: Felix Kempf, www.fx68.de

Datenkonvertierung E-Book: Bookwire - Gesellschaft zum Vertrieb digitaler Medien mbH

Alle Rechte vorbehalten! Ohne ausdrückliche Erlaubnis des Verlages darf das Werk weder komplett noch teilweise vervielfältigt oder an Dritte weitergegeben werden.

www.delius-klasing.de



SAND IN SICHT

DAS »DAVOR«

HUNDERT JAHRE UND TAUSEND KILOMETER WIE EINE IDEE ENTSTEHT

DA IST ER WIEDER DER ZAUBER DES ANFANGS

DIE NAMIB EIN ORT JENSEITS VON RICHTIG UND FALSCH

VOM WÜSTEN-CHAMÄLEON UND ANDEREN BEGEGNUNGEN

TOURSTART ZWEIER LANDSTREICH(L)ER

DAS HUPEN DER AFRIKANISCHEN AUTOFAHRER UNSER APPLAUS

»WENN ES KRIEG GIBT, GEHEN WIR IN DIE WÜSTE« DIE GROTTEN IM KUISEB CANYON

JOY AND PAIN ODER: SCHWIERIGE STRASSEN FÜHREN OFT ZU WUNDERSCHÖNEN ORTEN

EIN FUCHS ZU SEIN ALLEIN REICHT NICHT ABSCHIED VON DER JUGEND

FLOW UNLIMITED

RICHTUNG ATLANTIK RICHTUNG BERGFEST

EIN AUSSERGEWÖHNLICHER VIERZIGSTER

NICHT MEHR WEIT ABER GRAS WÄCHST AUCH NICHT SCHNELLER, WENN MAN DRAN ZIEHT

DIE ROUTE WIRD NEU BERECHNET MOUNT ETJO JUNIOR SCHOOL

BEREIT ZUM ABSCHIED

EQUIPMENT



Spuren im Sand – der Naukluft National Park.

SAND
IN SICHT

RAFAEL

Wir sind seit fünf Tagen in der Namib unterwegs – unter sehr schweren Bedingungen. Die ersten Etappen haben enorm Kraft gekostet. Von Anfang an laufen wir gegen konstant harten, heißen Wind. Von den bisherigen 300 Kilometern war einiges zu marschieren – vor allem in Wind und Mittagshitze. Weitere 700 Kilometer liegen noch vor uns. Wo soll das hinführen? Laufen macht oft keinen Sinn. Dazu habe ich aus zwei Wüstenrennen in Namibia bereits Erfahrungen gesammelt; gesehen, wie gestandene Läuferinnen und Läufer eingegangen sind – wenn sie versuchen, gegen Wind und Hitze anzulaufen.

Es ist der Vorabend meines sechzigsten Geburtstags. Ich habe mich lange darauf gefreut. Der eine Teil der Freude begann schon in Kindertagen und bezog sich auf meinen Wunsch, Afrika zu erkunden. Den anderen Teil, nämlich sechzig Jahre alt zu werden … nun ja: dem gewinne ich sehr viel Positives ab. Mein Vater starb in dem Alter an Drogen und bei mir sah es auch viele Jahre nach einem eher kürzeren Leben aus. Aber ich bin noch da – oder anders ausgedrückt: ich bin mit Mitte Vierzig wieder zurück ins Leben gekommen. Ich feier meinen Geburtstag immer am Abend vorher – dieses Mal und an diesem Ort erst recht. Ich dachte, es wird einfach – wird es aber nicht.

BLASEN, HALLUZINATIONEN UND EIN BREAKDOWN

Wir haben 60 Kilometer hinter uns. Tanja ist durch. Die Blasen an den Füßen, die Schmerzen in den Beinen und die Strapazen der letzten Tage haben ihr sehr zugesetzt. Sie fängt an, Unsinn zu erzählen. Wenn ich nicht direkt neben ihr gehe, beginnt sie zusätzlich die gesamte Breite der vor uns liegenden Schotterstraße zu vermessen. Sie sieht kleine Tierchen am Boden – erste Halluzinationen. Wir haben es nicht mehr weit zu unserer Crew, die irgendwo in einer windgeschützten Senke unser Camp für die Nacht aufgebaut hat. Aber wie weit weg? Das ist unklar. Ich nehme Tanja an der Hand, und über unser Funkgerät erreiche ich Nel, unseren Crewchef. Tanja kann in dem Zustand unmöglich weiter – das erste Mal auf der Tour funke ich um Hilfe. Wenig später sehe ich nach einer Kurve die Lichter vom Camp und gebe Nel über Funk Entwarnung. Die 400 Meter können wir jetzt auch noch gehen – denke ich. Denke auch, dass es Tanja eventuell nicht mag, abgeholt zu werden. Ihr O-Ton wäre sicherlich gewesen: »Wie sieht das denn aus?!« Aber O-Töne kann sie grad nicht mehr. Wir erreichen das Camp und Tanja sackt in sich zusammen. Eine Liege steht bereit und Bruno Thomas, unser Doc aus Bordeaux, kümmert sich sofort um sie. Bruno ist ein guter Freund geworden, bei Rennen in Australien und Mozambik, aber vor allem hat er mit seinen 75 Jahren alle Erfahrung der Welt als Buschdoktor. Der Wüstenläufer, den ein Skiunfall fast komplett »gehimmelt« hätte, hat seitdem als Arzt 43 Wüsten- und Dschungelrennen begleitet; aber das Wichtigste in diesem Moment ist: Tanja vertraut ihm!

DAS IST NICHT IRGENDEIN 60STER …

Die Sekunde, in der Tanja zusammensackt, ist heftig für mich. Stell dir eine Marionette im Puppentheater vor: gerade noch voll in Aktion, und dann schneidet eine Schere alle Fäden durch. Rumms! Mir kommt in dem Moment die Frage: Wie wird es weitergehen? Machen wir uns nix vor: Tausend Kilometer durch die Wüste – das ist nicht mal eben so ne kleine Geburtstagsparty. Das ist schon eher ein wildes Rockkonzert. Sechzig Kilometer an siebzehn aufeinanderfolgenden Tagen – in der Wüste, in Hitze, Wind und Sand – mir ist nicht bekannt, dass das überhaupt schon mal ein Liebespaar versucht hat.

Bruno spricht mit Tanja, als sie wieder die Augen öffnet – ich halte ihre Hand. Reaktion, normaler Blutdruck und regelmäßiger Puls lassen noch ein bisschen auf sich warten. Als Bruno mich nach einigen Minuten bittet, für sie eine Cola zu organisieren, hellt sich meine Stimmung ein wenig auf. Kurz danach drückt Tanja meine Hand ein wenig fester und nippt an ihrem koffeinhaltigen Zuckergetränk. Bruno nickt – und wir sind für den Moment aus der Sorge raus.

UND DANN WAR DA NOCH …

Ach ja – ich habe Geburtstag. Nels Frau Ute und ihre Freundin Anita kommen zu Besuch, es gibt von verschiedenen Seiten Marzipan (ja, es hat sich bis nach Afrika rumgesprochen!), es wird schön gesungen, ein kleiner Kuchen mit Kerze stilvoll serviert … und das alles mitten in der Wüste Namibias – der ältesten Wüste der Welt. Ich fühle mich geehrt und nehme mir vor, auf jeden Fall auch stilvoll zu altern. Wie erwähnt geht ein Traum in Erfüllung – nicht nur an diesem Tag.

Trotz Geburtstag haben Bruno und ich noch ein ernstes Gespräch. Er weiß, dass ich gut auf Tanja aufpasse, äußert aber trotzdem seine Bedenken: »Das kann passieren und Tanja ist hart im Nehmen, aber ein zweites Mal möchte ich das als Arzt nicht sehen.« Wir wissen beide, dass diese Nummer für sie – mit nur drei Jahren intensiver Lauferfahrung – eine grenzwertig große Herausforderung ist. Auf der anderen Seite hat Bruno aber schon ein wenig realisiert, wo und wie der Hase bei Tanja läuft. Wer sie kennt, der weiß, was ich meine. Für die, die sie noch nicht so gut kennen, sei hier erwähnt dass, wenn sie sich etwas vorgenommen hat oder von etwas begeistert ist, oft allein der Moment für sie zählt. Bremsen lassen ist dann nicht.

Die Nacht wird ruhig und Tanja kommt auf acht Stunden Schlaf. Die Tage vorher waren es häufig viel weniger – zu wenig. Tanja erholt sich, aber die Ampel ist an diesem Tag auf Gelb umgesprungen.


»Ich liege noch etwas länger wach.

Angst habe ich keine, mache

mir aber so meine Gedanken –

auch über die Anfänge dieser etwas

wahnwitzigen Idee, die ziemlich

genau vor einem Jahr an meine

Tür klopfte. Ich war wie immer

neugierig und habe geöffnet …«

Rafael

Ich liege noch etwas länger wach. Angst habe ich keine, mache mir aber so meine Gedanken – auch über die Anfänge dieser etwas wahnwitzigen Idee, die ziemlich genau vor einem Jahr an meine Tür klopfte. Ich war wie immer neugierig und habe geöffnet …


Das
»Davor«


KURZ VOR DER ABREISE NACH NAMIBIA INTERVIEWT UNS JAN FITSCHEN. DER EHEMALIGE EUROPAMEISTER ÜBER 10.000 METER IST HEUTE ERFOLGREICHER FREELANCER UND PODCASTER UND HAT EIN PAAR FRAGEN AN UNS.

Jan Fitschen:
Wie groß ist die Aufregung bei Euch? Jetzt – eine Woche vor dem Start?
Tanja:

Meine Stimmung schwankt in den letzten zwei Wochen vor der Abreise von absoluter Tiefenentspannung bis hin zur panischen Schnappatmung. Es ist kein tägliches Durchdrehen mehr wie im Jahr 2018 vor meinem ersten Etappenrennen in der Mongolei. Dennoch stehen die Gedanken nicht mehr still. Merkwürdigerweise kreisen sie fast ausschließlich um organisatorischen Kram. Kommt der Zug pünktlich? Wie wird der Flug? Was sagt der Zoll, wenn wir mit über 20 Kilo Nahrungsergänzungsmitteln einreisen? Haben wir an alles gedacht?

Die To-do-Liste haben Rafael und ich gestern Punkt für Punkt abgehakt. Alles, was elementar wichtig ist, ist da: Kleidung, Schuhe, Essen. Am Wochenende werden wir die Koffer final packen. Wenn dieses Tetris-Spiel vollbracht ist, fällt mir sicher ein Stein vom Herzen.

Während meine Seele mit tausend Gedanken Ping-pong spielt, hat sich mein Körper bereits in den Tape-ringmodus verabschiedet. Ich bin müde, habe keine Lust mehr zu trainieren, dafür ständig Hunger. Mein Körper wird sich dabei bestimmt etwas »denken«. Ich stelle es nicht infrage.

Rafael:

Es ist definitiv das erste Mal nach zehn Jahren, dass mich intensive Aufregung überkommt. Erinnert stark an die Anfänge meines Laufens. Der erste Marathon, der erste Wüstenlauf … die Bilder und alles, was damals dranhing, kommen wieder zum Vorschein. Genau das wollte ich ja unbedingt wieder erleben und nicht so abgeklärt am Start stehen wie in den Rennen zuvor. Es ist wunderschön – und nervt wie die Sau. Im Moment stehe ich regelmäßig um vier Uhr morgens auf – auf grundlos folgt dann ziellos. Es gibt nichts mehr zu trainieren und alle Vorbereitungen zu unserer kleinen Expedition laufen in die richtige Richtung. Ich sitze mit Kaffee vorm Rechner und schreibe am Buch, was es vorab schon zu schreiben gibt. Ich begrüße die Pferde im Stall, die sich genau so verwundert wie Hund und Katze fragen: »Was hat er bloß?« Tja, Leute: er ist aufgeregt.


Neue Asana: der Baum in der Wüste.

Jan Fitschen:
Wie kam es zu diesem Plan?
Rafael:

Die Idee entsteht in einer schweren Lebenskrise Anfang 2020 – einer Ansammlung von Schicksalsschlägen, die nicht ohne sind. Im Januar wirft mich ein schwerer Band-scheibenvorfall aus der Bahn. Mit Laufen ist erst mal nix mehr. Am 11. März ist mein letztes Konzert – James Blunt in der Elbphilharmonie. Ich war mein Leben lang als Konzertveranstalter oder Produktionsleiter tätig. Meine eigene Firma ist durch die Pandemie von einem auf den anderen Moment ohne Arbeit. Und das bedeutet nicht nur einfach weniger Arbeit – es ist das komplette Aus. Das hat schwere finanzielle Konsequenzen, aber auch inhaltliche, weil ich meinen Job einfach liebe.

Im April folgt ein Stressbruch in der Hüfte und am 1. Mai verstirbt meine Mutter Anja durch einen Fahrradsturz. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Sie war Künstlerin, Weltreisende, Bergsteigerin – und mit ihren 83 Jahren noch wenige Monate vorher in Südafrika unterwegs gewesen. Unterwegs hieß bei ihr: jeden Tag woanders – auch in Afrika. Anja war ihr ganzes Leben gerne unterwegs und so ist sie auch gestorben: unterwegs. Dass Sterben zum Leben gehört, war mir klar, aber dieses Paket an Niederlagen in vier Monaten war einfach zu groß für mich. Ich fiel in eine depressive Phase und gefiel meiner Tochter und Tanja gar nicht mehr. Ich hab das Rauchen wieder angefangen – in dem Moment, als die Polizei mich anrief, dass Anja verstorben sei. Ich saß nur noch auf der Terrasse und starrte in die Gegend. Ich musste raus, und nachdem Mama beerdigt war, fuhr ich Richtung Meer, um wieder Luft zu kriegen.

Jan Fitschen:
Wann hast du, Tanja, das erste Mal von dieser Idee zu einem Tausend-Kilometer-Wüstenlauf erfahren? Was waren deine ersten Gedanken in dem Moment?
Tanja:

Rafael lieh sich das Wohnmobil einer Freundin und fuhr an die Urlaubsorte seiner Kindheit. Im Gepäck hatte er die Hoffnung, den Kopf frei zu bekommen. Als er mir dann bei der Heimkehr von seinem Plan berichtete, hatte ich große Sorge, dass er nun vollkommen durchgeknallt ist. Tausend Kilometer?! Das ist ja wohl nicht dein Ernst. Was für ein Schwachsinn! Oder …? Ab diesem Moment war die Idee aber in meinen Kopf gepflanzt. Und sie wuchs wie ein Pflänzchen von Tag zu Tag ein bisschen weiter. Ebenso wie die Neugierde, es versuchen zu wollen. Ich war schon mal 30 Kilo schwerer gewesen als heute und hatte es geschafft, mein Leben komplett zu verändern. Schaffe ich es auch, tausend Kilometer zu laufen? Challenge accepted!

Jan Fitschen:
Wie muss man sich eure Vorbereitung vorstellen? Lief alles rund?
Tanja:

Da muss ich tatsächlich erst einmal schmunzeln. Die Startlinie eines Rennens ist unendlich weit entfernt, wenn man sich dafür anmeldet. Pläne werden geschmiedet, während es überall in einem kribbelt und sich vor Freude die Gedanken überschlagen. Nicht nur das reine Trainingspensum wird akribisch vorbereitet, sondern auch vieles, was ich zusätzlich machen möchte, um das Beste aus mir rauszuholen. Ich möchte alles tun, um körperlich und mental stark an den Start zu gehen. So der Plan.

Doch oft kommt es ja ganz anders als man denkt. Das habe ich ja bereits bei den letzten Vorbereitungen für die Rennen in der Mongolei oder der Atacama-Wüste zu spüren bekommen. Diesmal sollte alles perfekt werden. Keine Ausreden. Ich hatte mir einen Schlachtplan der Superlative überlegt, da es sich bei dem Geburtstagslauf um ein »Once in a Lifetime«-Projekt handelte.

Kurz vor dem Jahreswechsel begann ich daher, motiviert bis in die Haarspitzen, mit den ersten Läufen. Dann schmerzte plötzlich mein linker Fuß, mal mehr, mal weniger – und meine Stimmung wurde rapide schlechter. Das ist nun wirklich der falsche Zeitpunkt für sowas! Ja, es gibt nie den richtigen, aber jetzt grad geht das gar nicht! Nach einer Woche Eigenbehandlung nach Doktor Google entschied ich mich dann doch, den Arzt meines Vertrauens, Frank Schmähling, aufzusuchen. Die ernüchternde Diagnose des Facharztes: Fersensporn. »Das ist eine langwierige Sache, Tanja.« Nach dem ersten Schock und zahlreichen Tränen schwenkte ich dann trotzig in den Angriffsmodus um. Da ich jetzt wusste, was der Grund meiner Schmerzen war, konnte ich auch etwas dagegen tun. Und das tat ich, wenn auch freudlos. Klare Ansage vom Arzt und Physiotherapeuten war: Keine schnellen Läufe! Und keine Bergläufe! Na toll. Dabei macht mir das doch am meisten Spaß.

Es folgte eine gefühlte Ewigkeit der emotionalen Hochs und Tiefs. Armer Rafael. Über Wochen hakte ich täglich meine Liste ab: warmes Fußbad mit Kaisernatron, danach eins mit Eiswasser, die Fußsohlen rollen, exzentrische Übungen an der Treppe (um die Wade zu dehnen) und zur Entspannung eine Massage. Ganz ehrlich: nach einem langen Arbeitstag musste ich mir oft gut zureden. Doch dann stellten sich nach zwei Monaten endlich kleine Erfolge ein, die ich glücklich in meinem Trainingstagebuch vermerkte. »Endlich! Ich habe fast keine Schmerzen mehr. Namibia, ich komme!«

Einige Tage später hatte ich gedanklich bereits die Koffer gepackt und Lust zu rennen. Ich rief eine Freundin an, um gemeinsam über die heimischen Trails zu fliegen. Schließlich war ja nun wieder alles bestens mit dem Fuß. Am Morgen nach dem Lauf bekam ich prompt die Retourkutsche. »Heute bricht die Panik in mir aus. Der Fuß tut weh. Richtig weh! Warum bin ich nur gestern so gerannt? Ich bin ein Idiot!«, schreibe ich in mein Tagebuch. Der Lauf war zwar Balsam für meine Seele, aber leider Gift für meinen Fuß. Mit schlechtem Gewissen bestellte ich im Internet alles, was irgendwie helfen könnte: homöopathische Mittel, eine Akkupressurmatte, Manukahonig und Salben. Die Wiedergutmachung kostete mich viel Geld, doch dadurch fühlte ich mich nicht mehr so schlecht. Die Zeit bis zum Abflug habe ich mich dann brav an die Vorgaben gehalten und so meinen Fuß bei der Heilung unterstützt.

Wenn ich eins immer wieder durchs Laufen lernen kann, dann ist es das Thema »Geduld«. Bei meinen ersten Läufen mit Rafael sprach er bereits davon, wie wichtig Geduld und Demut beim Laufen sind. Ich habe das nicht verstanden. Doch mit der Zeit und mit jedem Kilometer mehr in Laufschuhen stimme ich ihm zu. Geduld zahlt sich aus. Im Training wie auch bei der Regeneration meines Fußes.

Rafael:

Das mit der Vorbereitung ist bei mir übersichtlich: Ich laufe seit 2002 und habe nicht aufgehört – in der Regel jeden Tag. Ich finde, ich habe in meinem Leben genug trainiert, so dass ich heute vor allem nach Genuss laufe. Ich liebe es und das ist der Kern. Über Mengen und Trainingskonzepte denke ich im Moment für mich nicht mehr so viel nach. Veränderung? Das Marschieren mit Stöcken über viele Stunden hinweg wurde ins Training aufgenommen. Und es gibt ein Defizit in der Vorbereitung gegenüber den vergangenen Jahren: das Frühjahr war recht kalt und alle Saunen hatten zu, was dazu geführt hat, dass das gesamte Hitzetraining ausfiel. Diese Tatsache wird uns die ersten Tage in der Wüste sehr zusetzen. Ganz sicher!


Jan Fitschen:
Wie waren die Nächte?
Tanja:

Rafael sagte einmal zu mir: »Schatz, Du bist ein guter Schläfer.« Und üblicherweise hat er Recht damit. Ich schlafe schnell ein und wache ohne besondere Vorkommnisse wieder auf. Selbst bei unseren Rennen, wo wir mit wildfremden Menschen in Zelten übernachten, ist das kein Problem für mich. Augen zu und ab ins Schlummerland. Oft kann ich mich am Morgen sogar noch daran erinnern, was mein Unterbewusstsein da an Emotionen und Gedanken in der Nacht zusammengewürfelt hat. Vom klassischen »Start eines Rennens verpassen« oder dem verlorenen Koffer bis hin zum kompletten Schwachsinn ist tatsächlich alles möglich. Vor einigen Wochen hatte ich beispielsweise einen merkwürdigen Traum, den ich nicht vergessen konnte. Ich dieser Nacht wurde ich von meinen Gefühlen und Gedanken überrannt.

Rafael und ich laufen durch verschiedene Szenerien und Landschaften. Wir rennen, drehen uns dabei ständig um. Ich habe Angst und fühle mich verfolgt. Ein kaum hörbares Geräusch wird immer lauter. Ich kann es nicht zuordnen, spüre aber, dass es nichts Gutes bedeutet. Auf meinem Rücken trage ich einen tonnenschweren Rucksack, der mich mit jedem Schritt weiter in die Knie zwingt. Aber wir müssen weiter. Der Schweiß rinnt und meine Kehle ist trocken. Wir laufen wie von der Tarantel gestochen durch eine glühend heiße Wüste, über Dünen. Der Sand ist tief und mit jedem Schritt vor rutsche ich einen halben zurück. Es ist so unglaublich anstrengend. Ich möchte nicht mehr weiter. Doch stehen bleiben geht nicht. Das Geräusch treibt uns voran. Rafael läuft vor und ruft mir zu, dass ich mich beeilen soll. Der hat gut reden. Plötzlich ein Szenenwechsel. Der Weg führt in eine Höhle tief unter die Erde. Das Geräusch ist zwar weg, doch vor uns zeigt sich ein Labyrinth aus vielen Gängen, von denen jeder gruseliger aussieht als der nächste. Wo ist der Ausgang? Wie kommen wir bloß raus? Die stickige Luft klebt und lässt uns langsamer werden. Dann sehe ich endlich Licht. Juchuu! Raus hier. Heißer Wind bläst uns wie ein Föhn entgegen. Ich fühle mich wie damals in Marokko beim Ultra Trail Plage Blanche. Als ich wieder den Himmel über mir sehe, liegt eine endlose Straße vor uns. Die Schuhsohlen werden mit jedem Meter heißer. Wer schon einmal mit nackten Füßen über heißen Sand gelaufen ist, kennt das Gefühl. Da ist auch wieder das Geräusch. Vollkommen panisch rennen wir wieder los. Die Hitze raubt uns den Atem. Doch wir ergeben uns nicht. Was ist das nur? Wer verfolgt uns? Und warum? Rafael schaut sich um und schreit plötzlich: »Achtung, Aliens!«.

Schlagartig werde ich wach. Ich liege in meinem Bett. Mein Herz rast noch immer und es dauert einen Moment, bis ich realisiere, dass es nur ein Traum war. Einige Sekunden später verstehe ich auch, woher das UFO-Geräusch in meinem Traum kam: Über unserem Haus fliegen nachts Transportflugzeuge, die teilweise einen Höllenlärm machen. Und genau jetzt höre ich eine solche Maschine. Da haben wir ja nochmal Glück gehabt, denke ich lächelnd und kuschle mich wieder unter die Decke. Und weil ich so ein guter Schläfer bin, verschwinde ich innerhalb weniger Sekunden erneut ins Land der Träume.

Am nächsten Morgen erzähle ich Mara von meinem Traum. Sie erwidert empört, dass ihr Traum viel schlimmer gewesen sei: ihr Handy hätte minus zehn Prozent Akkuladung gehabt!! Okay, für ein fast zwölfjähriges Mädchen ist das tatsächlich ein absoluter Albtraum. Wir lachen herzlich – die Aliens sind vergessen.

Jan Fitschen:
Was bedeutet euch dieses Projekt?
Tanja:

Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir meinen vierzigsten Geburtstag mal ganz anders vorgestellt: eine nette Gartenparty mit gutem Essen und leckerem Wein; es wird getanzt, gelacht und bis in die Nacht gefeiert; vielleicht auch ein »Verwöhnwochenende« am Meer zu zweit. Doch wie so vieles in meinem Leben hat sich auch meine Vorstellung des vierzigsten Geburtstags durch Rafael verändert. Er schenkte mir 2018 die Teilnahme zu meinem ersten Etappenlauf, dem Gobi March über 250 Kilometer. Seither sind diese langen Läufe zu meiner großen Liebe geworden. Dabei genieße ich die Stille über Stunden. Ich höre nur meine Schritte und meinen Atem. Beim Laufen kann ich vollkommen Ich sein. Und das ist mir wichtiger denn je. Ich bin dankbar, an einem so verrückten wie auch wunderschönen einzigartigen Projekt teilnehmen zu können. Danke, Schatz für Deine verrückte Idee!

Rafael:

Ich danke auch! – Auf der einen Seite sind die tausend Kilometer die Antwort auf meine Lebenskrise vor einem Jahr. Auf der anderen Seite erfülle ich mir zu meinem sechzigsten Geburtstag einen Kindheitstraum. Der kleine Rafael saß in den 1960er-Jahren vollkommen fasziniert vorm Fernseher, wenn endlich wieder eine Folge von Prof. Dr. Bernhard Grzimeks TV Sendung »Ein Platz für Tiere« lief. Grzimek war zu der Zeit Leiter des Frankfurter Zoos und setzte sich schon ganz früh für die artgerechte Haltung von Tieren ein. In seinen Sendungen ging es ganz oft um die Tierwelt Afrikas; am Ende der Sendung präsentierte er meist ein Tier live im Studio: ein Raubtier oder eine Wildkatze wie einen Gepard, der, während die Kameras liefen, an ihm rumkrabbelte. Ich war fasziniert und mir war klar: Ich will, wenn ich groß bin, nach Afrika und das alles erleben!

Inzwischen bin ich etwas größer geworden. Dass ich mir meinen Kindheitstraum jetzt zu Fuß in Namibia erfüllen darf, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Ich hab in meinem Leben viel Scheiß erlebt, schwere Alkoholsucht und Depressionen überlebt; so sind die Worte »… ein großes Glück, jetzt hier zu sein …« fast ein wenig unscheinbar für mein aktuelles Seelenleben.

Jan Fitschen:

Gemeinsam durch die Wüste Namib laufen – eine Idee ist Wirklichkeit geworden.

HUNDERT JAHRE UND TAUSEND KILOMETER
WIE EINE IDEE ENTSTEHT

RAFAEL

Nach dem Tod meiner Mutter bin ich allein an die Côte d’Azur gereist. Das war meine Zeit des Trauerns, mein Tal der Tränen nach den Niederlagen der vergangenen Monate. Und das an einem Ort voller Energie und Lebensfreude – »la pura vida« im Süden Frankreichs. Ende des Sommers fahre ich mit Tanja zusammen nochmal los – diesmal an die französische Atlantikküste. Die Côte d’Argent wäre mein Ort zum Leben, wenn ich mich nochmal verändern würde. Fast hundert Kilometer lang ist der Sandstrand zwischen Bordeaux und Biarritz. Das Meer ist wild und mit enormen Wellen – eins der Surfer-Paradiese in Europa. Ich hatte Tanja bereits von meinem Plan mit Namibia erzählt – sagen wir mal, ich hatte es angedeutet – aber in Contis Plage machen wir den Sack zu. Wir versprechen uns gegenseitig, dass wir das gemeinsam angehen wollen. Nur wir zwei und die tausend Kilometer durch die Namib.

Es ist zu diesem Zeitpunkt Mitte August 2020 und noch aus dem Urlaub gehen die ersten E-Mails an mein Netzwerk raus. Über die vielen Jahre habe ich einige wunderbare Menschen kennengelernt, die ihren Job als Renndirektor bei großen Wüstenläufen wirklich mit Haut und Haar leben. Um dem Thema mehr Inhalt und Rahmen zu geben, spreche ich auch mit verschiedenen Coursemakern. Das sind die Jungs und Mädels, die die Laufstrecken durch die Wüsten konzipieren. Sie dokumentieren in der Vorbereitung die Kurse per GPS-Points und markieren nach diesen Geodaten letztendlich per Flatterband oder Fähnchen die Kurse für die Läufer. Unsere Idee findet sofort positives Feedback. Sie alle lieben die Story dahinter und finden, dass Namibia in der aktuell schwierigen Lage in der Welt eine gute Wahl ist. Das Land ist wunderschön und hat eine gute Infrastruktur. Das ist hilfreich, wenn man mit seinem Projekt nicht riesige Kosten produzieren will. Es macht das Leben auch sicherer – und das ist in weiten Teilen Afrikas gewalt- und terrorbedingt momentan nicht gewährleistet.

»Ich hatte Tanja bereits von

meinem Plan mit Namibia

erzählt – sagen wir mal,

ich hatte es angedeutet –

aber in Contis Plage machen

wir den Sack zu. Wir versprechen

uns gegenseitig, dass wir

das gemeinsam angehen

wollen. Nur wir zwei und

die tausend Kilometer durch

die Namib.«

Rafael

VON DROHNENFLUGANTRAG BIS STRECKENFÜHRUNG – WER ÜBERNIMMT DIE LOGISTIK?

Anfang September ist ein erster Ansprechpartner für Expeditionslogistik gefunden. Ich hab den Mann 2017 beim Rennen von RacingThePlanet in Namibia kennengelernt. Allerdings kommt der Kollege nach unseren Videocalls nicht ins Handeln. Gründe sind mir nie ganz egal – aber ab einem gewissen Punkt schon. Der ist nach vier Wochen erreicht – ich sag ihm ab. Bei so wilden Projekten, die in der geplanten Form eine Premiere darstellen, muss man mit kleinen Niederlagen in der Vorbereitung leben. In dem Fall war es nur eine Veränderung im Team. Ich kontaktiere meinen Freund Carlos Garcia in Madrid. Er hat einige der besten Kurse ausgetüftelt und markiert, die ich jemals laufen durfte. Mein Highlight 2012: Jordanien – Wadi Rum mit Zieleinlauf an den Felsenpalästen und Felsentempeln von Petra. Ich lag ihm am Ende dieses 250-Kilometer-Rennens in den Armen, habe fast geheult und mich bedankt, dass er mir die schönsten Lauftage meines Lebens beschert hatte. Carlos hat die Idee, Ute und Nel de Jager in Windhoek zu kontaktieren.

Das mache ich und merke sofort: hier bin ich gut aufgehoben. Sie haben die Erfahrung mit Läufern in der Wüste, da sie regelmäßig für einen italienischen Rennveranstalter in Namibia ein Rennen organisieren. Wir tauschen Eckdaten zu Streckenführung und landschaftlichen Highlights, Arbeitsgenehmigungen und Drohnenfluganträgen. Wichtig ist: Alle glauben fest daran, dass sich das umsetzen lässt. Klar weiß zu diesem Zeitpunkt keiner, was die Pandemie noch bringen wird. Wir treffen uns über Weihnachten in der Nähe von Frankfurt. Ute ist auf Heimaturlaub und Nel ist mit dabei. Ich nutze die Chance auf ein persönliches Kennenlernen, ohne nach Namibia fliegen zu müssen. Es wird ein wildes Meeting – genauso wie ich es schätze, wenn Menschen mit Herz und Seele bei der Sache sind.


Die Schotterpisten in der Wüste Namib sind eine Herausforderung, für Fahrzeuge ebenso wie für uns Läufer.

Wir sind schnell, ungestüm in der Kommunikation. Nel und ich müssen schon mal von Ute eingebremst werden. Das passt gut. Sich zu verstehen bei gleicher Wellenlänge ist die Grundvoraussetzung, wenn man siebzehn Tage gemeinsam durch die Wüste ziehen will. Auf der Heimfahrt werde ich gleich zweimal geblitzt – so gute Laune hab ich.

SICH SELBST PROMOTEN? GRAUENHAFT

Parallel läuft bereits im Winter die Vorbereitung im Bereich Promotion. Sich selbst zu promoten ist grauenhaft. Da ich das mein Leben lang als Künstlermanager für andere gemacht habe, sind mir Strukturen und zeitliche Abläufe ein wenig bekannt. Und feige bin ich eh nicht, wenn mich die Leidenschaft packt. Aber ich wiederhole es gern nochmal: Ich brauche jedes Mal einen Riesenanlauf. Meine Geschichten aus meinem seit sechzig Jahren laufenden Versuch der Menschwerdung zu erzählen, das mag ich. Ich war schon als Kind ein Geschichtenerzähler. Aber: das Positive an mir selbst zu betonen und hervorzuheben, liegt mir nicht so. So funktioniert aber Promotion. Mir fällt es leicht, das für andere zu tun; so kamen durch mein Mitwirken Künstler zu goldenen Schallplatten und schöne Bücher über das Laufen auf den Markt. Bücher, in denen ich nicht drin bin. Gut so! Das gleiche jetzt mit mir zu tun, fällt mir extrem schwer.

Ich suche also für unser Projekt Partner im Bereich Presse und TV und rede mit dem Verlag. Der Verlag ist sofort dabei – das Ergebnis haltet ihr gerade in den Händen. Bei Presse und TV tun sich einige Kollegen etwas schwer. Ich verstehe es, und wiederhole in den Redaktionen gebetsmühlenartig: »Ich brauche keine festen Zusagen, und dieses Projekt wird sowieso nur stattfinden, wenn die Pandemie es zulässt, Reisen behördlich erlaubt und von der Gesellschaft akzeptiert sind.« Zu diesem Zeitpunkt gibt es bereits die ersten zugelassenen Impfstoffe; was noch fehlt, sind die notwendigen Mengen an Impfstoff und die Logistik zum Impfen. Bis zum Erscheinen von Buch, Artikeln und TV-Sendung sind es aber vom Winter 2020 aus gerechnet mindestens noch zehn Monate, die hoffentlich eine positive Entwicklung nehmen. Wie beim Laufen gilt auch hier: Dranbleiben. Bei mir ist Dranbleiben genetisch und systembedingt. Aber es geht mir im Kern immer um das Erlebte. Nicht das Buch, nicht den Film oder die Platzierung. Die Leidenschaft ist der Lauf.

OHNE TEAM GEHT GAR NICHTS

Es war immer klar, dass wir eine Wüstenquerung nicht allein bewältigen werden können. Tanja und ich werden auf der gesamten Strecke über 500 Liter Trinkwasser brauchen – Bollerwagen hinterherziehen ist aber nicht in der Wüste. Und das ist nicht die einzige Herausforderung. Es braucht wüstentaugliche Autos dafür, die auch Sicherheit bieten. Es gibt in Namibia gottseidank immer noch viele frei lebende Tiere. Fangen wir mal mit den Schlangen an: Es gibt drei Arten von Kobras und weitere fünf hochgiftige Schlangenarten inklusive der Schwarzen Mamba – die überhaupt tödlichste Schlange Afrikas. In der Regel ist hier bei einem Biss nach 20 Minuten lebenstechnisch Ende der Fahnenstange. Dann wären da noch Giftspinnen, Skorpione, Hyänen, Geparden, Löwen, Nashörner, Nilpferde, Krokodile, Giraffen, Elefanten und Warzenschweine (saufrech und tatsächlich das einzige Tier in Afrika, das mir mal echt auf die Nerven ging). Dafür ist der Schutz durch Fahrzeuge mit Dachzelt unglaublich sinnvoll.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wir brauchen einen erfahrenen Doc an unserer Seite, dazu einen Fotografen und ein Filmteam zur Dokumentation … und schon sind wir mit zwei Autos plus zwei Fahrern unterwegs. Selbst Fahren in der Wüste und in Dünenlandschaften ist gefährlich. In der Zeit meines ersten Aufenthalts in Namibia ist ein Ehepaar mit seinem Wohnmobil in der Namib liegengeblieben. Motorschaden. Sogar das destillierte Wasser aus der Autobatterie als letzte Flüssigkeit konnte die beiden nicht vor dem Verdursten retten. Viele Landschaften auf der Welt lassen sich »unsupported« durchqueren – die Wüste gehört definitiv nicht dazu.

DOC BRUNO AUS BORDEAUX – TRAUMPARTNER IM TEAM

Mit Bruno Thomas aus Bordeaux finde ich meinen Doc und Traumpartner im Team für diese Expedition. Bruno war einer der ersten, der Wüstenläufe schon in den 1980er-Jahren mitgemacht hat. Ein schwerer Unfall kostete ihn fast das Leben. Er war schon klinisch tot – und kam wieder zurück. Wegen schweren Rückenverletzungen kann er selbst nicht mehr professionell laufen, begleitet aber seitdem die Rennen von Jerôme Lollier (canal aventure).

Bei The Track, einem 520-km-Rennen durchs australische Outback, haben wir uns das erste Mal gesehen. Manchmal nehme ich ein kleines Stück Marzipan mit auf meine Rennen. Es hat sowas Schräges und ich tue es fast unanständig heimlich. Meist erzähle ich keinem davon und nasche ab und an daran. Natürlich nur, wenn keiner schaut – grins. Mit Bruno habe ich mir ein Stück davon in Australien geteilt. Das ist schon was Besonderes, wenn ein Stück Marzipan zwei Männer verbindet. Zwei Jahre später trafen wir uns in Mozambik wieder und hatten grandiose Gespräche über das Leben. Er ist mit seinen 75 Jahren mein ruhender Pol in diesem Team. So stelle ich mir das vor, als er bei meinem ersten Anruf innerhalb einer Militausendstelsekunde zusagt. Alles erfahren, alles erlebt – er wird mein Stammesältester.

»Manchmal nehme ich ein kleines Stück Marzipan mit auf meine Rennen. Es hat sowas Schräges und ich tue es fast unanständig heimlich. Meist erzähle ich keinem davon und nasche ab und an daran. Natürlich nur, wenn keiner schaut. Mit Bruno habe ich mir ein Stück davon in Australien geteilt.

Das ist schon was Besonderes, wenn ein Stück Marzipan zwei Männer verbindet.«

Rafael


Das Team »Namib Crossing« (v.l.): Johannes Meier (Film), Bruno Thomas (Doc), Rafael, Tanja, Nel de Jager (Crewchef), Hein Van Zijl (Crewchef 2), Paul Hartmann (Film und Foto).

MUT, DEMUT UND MENSCHENLIEBE – DAS TV-TEAM

Irgendwie verrückt, diese Zeit im Frühjahr 2021. Das TV-Team mit Johannes Meier und Paul Hartmann findet mich – so muss man es formulieren; und das lief so: in der Mediathek findet mich der Film »Über Grenzen«. Ich hab nicht danach gesucht – er war einfach plötzlich da. Der Film handelt von Margot Flügel-Anhalt, die sich mit 64 Jahren das erste Mal auf ein Motorrad setzt und kurz darauf 18.000 Kilometer nach und durch Zentralasien reist. Auf einer 125er Enduro. Sie hat keinen Motorradführerschein, aber die kleine Maschine darf sie mit ihrem »Uralt-Lappen« für Pkw fahren. Ich seh’ den Film und bin hin und weg. Das TV-Kulturmagazin titel, thesen, temperamente auch: »Ein spektakulärer Reisefilm« sagen sie. Dieses spezielle Roadmovie hat Zeit und erzählt in eigener Geschwindigkeit eine wunderbare Geschichte von Mut, Demut und Menschenliebe. Naheliegend, dass ich auf die Story stehe – aber innig liebgewonnen habe ich den Film, weil er auf schnell, spektakulär und wild verzichtet. Der Film lässt Margot machen. Das war’s!

Und das ist es auch für mich: Wenige Wochen vor unserem Abflug nach Afrika nehme ich Kontakt mit Johannes Meier und seiner Firma Streetsfilm auf. Und tatsächlich gelingt ihm trotz Zeitdruck der große Coup: die ARD für mein Thema zu begeistern, die eine 90-minütige Dokumentation mit uns ins Programm nehmen wird! Johannes ist evangelischer Theologe und hat hauptberuflich als Redakteur beim NDR gearbeitet. Menschen und Bilder kann er … das könnte eigentlich das Kernthema der tausend Kilometer durch Namibia werden. Auf Mut, Demut und Menschenliebe stehen Tanja und ich sowieso.

UTE, NEL UND HEIN – TOURMANAGER UND KATASTROPHENHELFER

Nel de Jager und Hein vervollständigen das Team. Wären Tanja und ich Künstler oder eine Band auf Tour, würde ich sagen: Nel ist mein Tourmanager und Hein sein Assistent. Sie kennen die Wege, die zu nehmen sind, um unser Ziel zu erreichen. Sie bauen das Camp für die Nacht. Bauen die Dachzelte auf und schmeißen unseren Generator an. Sie kochen und alle helfen mit. Sie fahren die beiden Jeeps und organisieren das Camp. Nel und Hein werden sich um allen Scheiß kümmern, der noch daneben gehen wird.

Rafaels Tourbuch

Es ist die Nacht vor dem Abflug – während ich hier am Esstisch über die Vorbereitungen dieses Abenteuers schreibe, weiß ich eins genau: Es wird noch viele wilde Themen geben, die da auf uns zukommen. Das mag ich. Ich werde in der Zeit in Namibia meinen sechzigsten Geburtstag feiern und darf dann endlich passend zu meinem Alter meinen Lieblings-Leitspruch raushauen: »Nun bin ich ein alter Mann. Ich habe in meinem Leben viele Katastrophen gesehen. Gottseidank sind die meisten davon nie eingetroffen« … frei nach Mark Twain, der viele schöne Ideen hatte.


Unser Camp im Abendlicht.

DA IST ER WIEDER
DER ZAUBER DES ANFANGS

TANJA

Wenn ich an Zauber denke, habe ich sofort ein Bild vor Augen, wie ich im ersten Camp in Sossusvlei stehe. Die Sonne geht langsam unter. Zum ersten Mal auf diesem Abenteuer sehe ich das schönste Licht, das meine Augen je gesehen haben. Namibia zeigt sich uns in seinem prachtvollsten Gewand. Das Blau des Himmels verschwindet langsam und ein Mantel aus Rot und Gold schmiegt sich um die traumhafte Landschaft. Im Hintergrund rufen Geckos inbrünstig nach Weibchen. Wir haben es geschafft! Nach monatelanger Vorbereitung und vielen Widrigkeiten sind wir tatsächlich am Start unserer Reise über tausend Kilometer durch Namibia angekommen.

Da die Vorbereitungen für unseren Geburtstagslauf zum größten Teil Rafael getroffen hat, kannte er unsere Crew durch Telefonate und Zoom-Calls bereits besser als ich. Die Abläufe der Reise sowieso, denn auch die hat er im Detail geplant. Ganz ehrlich: ich wusste bis einen Tag vor Abreise noch nicht mal, von welchem Flughafen wir starten … Dafür habe ich mich genüsslich beim Packen und Listen-Abhaken ausgetobt.

Die Reise beginnt mit vier großen Koffern und zwei Rucksäcken am Bahnsteig in Siegburg. Der Aufzug zum Gleis ist defekt. Na klasse, denke ich, das fängt ja schon gut an. Reisen macht mich noch immer nervös. Am Flughafen Frankfurt angekommen, werden wir gleich die Jungs vom Fernsehen treffen. Johannes Meier und Paul Hartmann begleiten uns als Mediateam, da sie einen Film über uns und dieses verrückte Abenteuer drehen möchten. Im Vorfeld waren die beiden bereits bei uns zu Hause zu Besuch, haben unser Training und den Packwahnsinn ein stückweit begleitet. Jetzt stehen wir am komplett leergefegten Flughafen und sprechen über unsere Gefühle und Gedanken. Ich versuche, ganz cool zu bleiben, doch die Anspannung steht mir ins Gesicht geschrieben.

Den nächsten im Bunde, Bruno Thomas – »Flying Doctor«, Rennarzt und guter Freund von Rafael – treffen wir am Gate. Der 75-jährige Franzose mit dem Blick eines Lausejungen freut sich, als er uns sieht. Wir lächeln uns an und ich mag ihn sofort. Bruno wird für mich eine sehr wichtige Stütze bei diesem Rennen werden. Ohne diesen wunderbaren Menschen hätte ich wahrscheinlich irgendwo auf dem Weg aufgegeben.

DAS ABENTEUER BEGINNT

Der Flug wird ausgerufen; ein paar Nudeln und Schokoriegel später schlafe ich ein. Nach zehn Stunden landet die Maschine sanft wie eine Feder auf dem Flughafen in Winhoek. Es ist noch dunkel – in Namibia ist Herbst. Rafael und ich gehen Hand in Hand in die Ankunftshalle. Die Reisenden werden durch künstlich hergestellte Gänge wie in einem Vergnügungspark durch die Halle des kleinen Flughafens geleitet. Stopp and Go über eine Stunde. Bäh! Es folgt eine Reihe Kontrollen: PCR-Test, Fieber, Einreisedokumente. Dann die letzte Hürde: der Zoll. Rafael und ich haben über hundert Kilo Gepäck dabei! Zwei der vier Koffer sind voll mit Nahrungsergänzungsmitteln, Riegeln und Astronautenkost, Pulver in Dosen. Bei den Supplementen arbeiten wir seit vielen Jahren mit Dr. Wolfgang Feil und seinem Team bei Ultrasports zusammen. Die hatten auch noch nie die Aufgabe, für einen so langen Lauf eine funktionierende Strategie zusammenzustellen. Wir waren etwas ungläubig, ob wirklich so viel für so eine Strecke nötig ist; im Nachhinein wissen wir, dass es sinnvoll war. Meine Gedanken bei den vielen Koffern und ihrem Inhalt: Ob das mal gut geht … hoffentlich denken die Zollbeamten jetzt nicht, dass wir einen Handel aufmachen wollen oder gar Drogen schmuggeln. Wir brauchen das Zeug selbst! Ich mach mir gleich in die Hose. Die Männer sind derweil komplett tiefenentspannt. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, reiße Witzchen, über die keiner lacht. Doch innerlich dreh ich ein kleines bisschen durch.

Der Doc ist vor uns an der Reihe. Mit Mütze auf dem Kopf, Mundschutz und Arztkoffer in der Hand winkt ihn eine nette Frau durch den Zoll. »Madame, you can go«. Schmunzelnd legen Rafael und ich unsere Koffer aufs Band, gehen durch die Kontrolle und – werden durchgewunken. Keine Fragen, kein Koffer zu öffnen. Alles klappt reibungslos. Puuuh! All die Sorgen waren unnötig. Schön ist das.

Nel de Jager – unser Crewchef, Navigator, Problemlöser und Koch – holt uns in der Eingangshalle ab. Schon von Weitem winkt er herzlich. Er hat Hein dabei – Heinrich Van Zijl, die gute Seele der Gemeinschaft, wie sich in den nächsten Tagen herausstellen wird. Das »Team 1000 k« ist komplett – die Reise kann beginnen.

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Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
09 kasım 2024
Hacim:
176 s. 77 illüstrasyon
ISBN:
9783667123411
Telif hakkı:
Bookwire
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