Kitabı oku: «Die Burnout-Lüge: Ganz normaler Wahnsinn»

© 2012 EHP - Verlag Andreas Kohlhage, Bergisch Gladbach www.ehp.biz
Inhalt
Einleitung: Burnout – meine postmoderne Existenz
Unsere tägliche Prominenz
Der Kerkeling-Effekt – Holzweg nach Santiago – Ich bin dann mal weg – Schein-Riesen der Medienlandschaft – Reality oder Illusion? – Deutschland sucht den Superstar – Unsere tägliche Prominenz
Der Trend zum Event
Was ist echt? – My second life – Guggenheimisierung der Kultur – Trend zum Event – Kultur des Glotzens – Event und Prominenz – Kaisers neue Kleider – Die Burnout-Gesellschaft
Geborgte Leidenschaft
Vagabunden der Postmoderne – Renaissance der Leidenschaft – Tango forever – Das Fremde und das Eigene – Erotik und Exotik – Leiden und Leidenschaft – Nur nicht aus Liebe weinen!
Coolness
Diktatur des Frohsinns – Liebe ist nur ein Wort – Kein Gefühl – Emotional farbenblind – Wo kaufe ich mir ein Gefühl? – Anleitung zum Burnout
Normaler Wahnsinn
Neurosen ändern ihr Gesicht – Die narzisstische Dynamik – Ein postmoderner Menschentyp? – Das geborgte Selbst – Pathologie der Normalität – Ganz normales Burnout
Ausgebrannt
Im Biotop des Marktes – Die Stunde der Spekulanten – Der spekulative Charakter – Narzisstische Epidemie? – Die marktorientierte Persönlichkeit – Ein erschöpftes Selbst – Die Burnout-Lüge – Störungen haben Vorrang
Nachtrag: Erinnerung an die Zukunft
Literatur
Zum Autor
Burnout: Meine postmoderne Existenz
Einer postmodernen Epidemie widmet das Nachrichtenmagazin Der Spiegel einen Aufmacher. Millionen Deutsche leiden demnach unter Burnout. Laut Spiegel sind die Deutschen ein Volk der Erschöpften: Nahezu jeder dritte Zeitgenosse entwickelt innerhalb eines Jahres eine psychische Störung, über vier Millionen Bundesbürger leiden unter behandlungsbedürftigen Depressionen.
Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts haben sich Krankschreibungen wegen psychischer Belastung fast verdoppelt; die Deutschen schlucken heute zweimal so viele Antidepressiva wie Ende der 1990er-Jahre. Und die Patienten werden immer jünger, heißt es in der zitierten Spiegel-Titelstory, die mit zahlreichen Fallbeispielen aufwartet.
In den folgenden Monaten wird das sogenannte Burnout-Syndrom zu einem Dauerbrenner des Feuilletons und liefert Stoff für zahlreiche Titel der großen Magazine und Wochenbeilagen. Burnout avanciert offiziell zu einem Wort des Jahres: Zwar ist das Wort und insbesondere die Krankheit schon seit längerem verbreitet, doch ist Burnout zunehmend als Ausdruck der Probleme unserer heutigen schnelllebigen Zeit zu verstehen und verbreitet sich als Begriff derzeit geradezu inflationär, lautet die diesbezügliche Begründung der Gesellschaft für deutsche Sprache vom Dezember 2011.
Es ist zu befürchten: Zur inflationären Verbreitung des Wortes wird auch meine vorliegende Publikation beitragen, in bescheidenem Umfang. Ob ein schillerndes Phänomen dadurch klarer wird, steht auf einem anderen Blatt. Denn eine Unzahl von Presseartikeln und Buchpublikationen der letzten Jahre zeigt, dass dieses Syndrom offenbar ebenso verbreitet wie schwer zu fassen ist.
Gab es Burnout nicht immer schon – z.B. in Gestalt der sogenannten Midlife-Crisis früherer Zeiten – und tritt es nicht lediglich jüngst verstärkt ins allgemeine Bewusstsein? Oder handelt es sich um eine innerhalb kurzer Zeit sprunghaft verbreitete Pandemie, die von drastisch verschlechterten Arbeitsbedingungen und prekären Beschäftigungsverhältnissen begünstigt wird? Vielleicht ist es auch lediglich eine Inszenierung der Massenmedien, die zur Steigerung ihres Absatzes ein Phänomen herbeischreiben, das sich dann vermeintlich in der Realität spiegelt. Wie auch immer: Burnout wurde längst zu einem Verwundetenabzeichen der Leistungsgesellschaft.
Ob und wie weit ein Burnout-Syndrom überhaupt existiert, hängt allerdings in erster Linie ab von Diagnosen und Konzepten, von Definitionen und Konstrukten der Fachleute verschiedener Disziplinen. Beileibe nicht jede Stressbelastung und daraus resultierende Krise führt automatisch in den persönlichen Kollaps. Eine Fixierung auf den beruflichen Aspekt, wie sie seit Beginn der Erforschung des Syndroms stets im Fokus steht, ist ohnehin irreführend. Hier liegt die eigentliche Lüge, wenn Burnout gleichsam als betriebsbedingter Ausfall des Individuums vorgeführt wird, ohne dem gesellschaftlichen Umfeld einer postmodernen Kultur Rechnung zu tragen.
Denn letztlich geht es immer um das Scheitern eines Lebensplans, um die Enttäuschung eines Selbstkonzeptes der Betroffenen, ähnlich der so genannten Midlife-Crisis früherer Jahre. Ein existenzielles Burnout ist nahezu unvermeidlich, wenn man in einem begrenzten Lebensvollzug nicht findet, was man eigentlich sucht, und mit der Zeit neben Glauben, Hoffnung und Liebe auch den Sinn im Dasein verliert.
Wer heute an Burnout erkrankt, hat deshalb mit Sicherheit vor langer Zeit auf ein falsches Pferd gesetzt, hat Grenzen und Begrenzungen seines Selbst nicht erkannt und die Verwirklichung seiner Existenz an irrtümliche Bedingungen geknüpft, die sich eines Tages gegen ihn wenden.
Angesichts ihrer derzeitigen Verbreitung hat die Symptomatik des Burnouts alle Chancen, zum Schlüsselbegriff zu werden; allerdings weniger für das individuelle Scheitern im Beruf. Eher schon wird Burnout zu einer Metapher für den Zustand unserer Kultur im 3. Jahrtausend und zum Paradigma, das eine Grundbefindlichkeit des postmodernen Menschen charakterisieren kann.
Wer aber ist der Mensch? Zugestanden, im 3. Jahrtausend kommt diese Frage reichlich spät. Und ist zudem nicht sonderlich originell. Denn sie begleitet uns seit geraumer Zeit, genauer gesagt seit Beginn des Denkens. Verschiedenste Antworten wurden im Lauf der Jahrhunderte akzeptiert und verworfen.
Dennoch ist jeder von uns genötigt, diese Menschheitsfrage wohl oder übel an sich selbst zu richten und mehr noch, sie durch seine eigene Lebenspraxis zu klären, bewusst oder gedankenlos. Sein oder Nicht-Sein, Sinn und Unsinn beweisen wir ständig im täglichen Lebensvollzug. Unter diesem Aspekt bleibt sie sich immer gleich, die Frage nach dem Menschen, der ich selbst bin – und kommt bei aller Beantwortung an kein Ende.
Was sich allerdings stetig wandelt, sind unsere Lebensbedingungen, die Umstände unserer Existenz. Ändert sich damit auch der Mensch, womöglich in seiner Substanz, vielleicht innerhalb kurzer Zeit? Dieses Thema soll mich auf den folgenden Seiten beschäftigen. Meine Leserinnen und Leser lade ich ein, mich auf diesem Weg einige Stunden zu begleiten.
Welcher Menschentyp entfaltet sich im sozialen und kulturellen Biotop der Gegenwart? Was sind die Hoffnungen unserer späten Moderne, wo liegen unsere Leiden und Leidenschaften?
Von drei Seiten her droht das Leiden: Vom eigenen Körper her, der, zu Verfall und Auflösung bestimmt, sogar Schmerz und Angst als Warnungssignale nicht entbehren kann, von der Außenwelt, die mit übermächtigen, unerbittlichen, zerstörenden Kräften gegen uns wüten kann, und endlich aus den Beziehungen zu anderen Menschen.
Der Autor dieser Gedanken, Sigmund Freud, vergisst hier eine weitere Quelle des Unbehagens in der Kultur, zumindest ist sie ihm einer Erwähnung nicht wert. Jene Behandlung nämlich, die dem Individuum zuteil wird durch sich selbst. Was Leid und Missbehagen betrifft, muss das Verhältnis des Menschen zu sich selbst und damit unsere Beziehung zur eigenen Emotion im Mittelpunkt der Erörterung stehen, heute vielleicht mehr als ehedem.
In diesem Zusammenhang die schlechte Nachricht zuerst: Zehn Prozent aller deutschen Erwachsenen haben laut wissenschaftlichem Befund keinen Zugang zu Gefühlen. Jetzt die gute: Dies kann sich ändern, wenn man in den Inszenierungen, Produkten und Symbolen der Konsumlandschaft einen käuflichen Ersatz für die eigene Gefühlswelt erkennt und damit jene Coolness, die uns der eigenen Gefühlswelt entfremdet – und somit einem emotionalen Burnout Vorschub leistet.
Erfahrungen mit Klienten im Coaching meiner Beratungspraxis sowie Gespräche mit Freunden und Kollegen brachten für mich die Frage: Gibt es ein Grundgefühl der Gegenwart, eine Mentalität des 3. Jahrtausends, einen Gesellschaftscharakter der Postmoderne? Anders gesagt: Wo liegt der emotionale Mainstream unseres heutigen Lebens?
Suchen wir Vagabunden der späten Moderne einen Rückzug auf uns selbst aus Furcht vor sozialer Kälte – oder bringen wir diese als Coolness selbst hervor? Die folgenden Seiten suchen Antworten auf diese Fragen und wollen dabei nicht im Allgemeinen bleiben. Zudem soll die Erörterung lesbar sein, streckenweise unterhaltsam vielleicht. Konkrete Beobachtungen aus dem Panorama der Gegenwartskultur werden im Lauf der Diskussion herangezogen. Gewiss: Manches gleicht einer Karikatur, anderes erinnert an Satire, an absurdes Theater – das Drehbuch schreibt aber immer die Realität.
Im Folgenden präsentiere ich Erfahrungen und Beobachtungen aus unserer täglichen Begegnung mit Massenmedien und Kulturbetrieb, mit Konsum- und Finanzwirtschaft. Bei manchen Aspekten werde ich länger verweilen, einige Beispiele sind zuweilen detailliert geschildert. Eine Plausibilität zahlreicher Beispiele, wenn sie auch meiner Leserschaft einleuchten, legitimiert hoffentlich den folgenden Versuch einer psychodynamischen Interpretation kultureller Kälte, die ich als ein Symptom des postmodernen Burnouts verstehe. Den Gedankengang des folgenden Essays kann ich in wenigen Worten oberflächlich skizzieren:
Coolness wurde zu einer postmodernen Überlebensstrategie und begegnet uns allenthalben: in den Giganten des Kulturbetriebs ebenso wie in den Inszenierungen der Erlebniswirtschaft, vor dem Fernseher wie im Internet. Der Wahnsinn einer flächendeckenden Medien- und Eventkultur leistet dem postmodernen Burnout Vorschub und tarnt sich dabei mit scheinbarer Normalität (Kapitel Unsere tägliche Prominenz und Der Trend zum Event).
Geborgte Leidenschaft ist ein Mainstream, der Leiden um jeden Preis vermeiden will, und deshalb Teile des eigenen Selbst ausgelagert hat. Ein erschöpftes Selbst ist zu eigener Betroffenheit immer seltener fähig und bedient sich stattdessen geborgter Leidenschaften, die außerhalb der eigenen Person stattfinden. Der Rückzug auf sich selbst führt dabei zu narzisstischer Kälte, die als Coolness in Erscheinung tritt und ein kulturelles Burnout vorbereitet.
Ein Menschentyp, der eigene Emotionen ersetzen muss, macht allerdings beim gekauften Selbst nicht halt. Die Inszenierungen eines spekulativen Marketingcharakters bedrohen Wirtschaft und Gesellschaft – sie provozieren das Burnout einer sozialen Eiszeit.
Wenn bisher und im Folgenden des Öfteren von Postmoderne die Rede ist, so wird dieser Begriff anfangs des 3. Kapitels näher erläutert. Nicht zufällig steht er in enger Beziehung zu anderen Schlüsselwörtern dieses Essays, wie etwa Coolness und Leidenschaft, Narzissmus und Burnout. Kurz gesagt: Nach meiner Einschätzung ist das gegenwärtige coole Zeitalter ein Burnout der Moderne. Eine narzisstische Dekompensierung führt dabei zahlreiche Menschen drastisch an ihre Grenzen. Dies zu verdeutlichen ist Anliegen der folgenden Seiten.
Allerdings: Manche geben sich etwas zu leicht damit zufrieden, über den nur allzu bekannten Orientierungsverlust des modernen Menschen, die daraus folgende Schwächung der sozialen Bindungen, die Privatisierung der Existenz und den Niedergang des öffentlichen Lebens zu klagen (Ehrenberg 2008: 18).
Diese Gefahr besteht, und ich will ihr so weit wie möglich nicht erliegen. Nostalgie einer besseren Zeit oder Sehnsucht nach klaren Verhältnissen sind nicht das Motiv meiner Darstellung. Nicht ein Blick zurück steht im Mittelpunkt der Diskussion. Meine Frage auf den folgenden Seiten gilt der künftigen Dimension unserer Gesellschaft zwischen sozialer Polarisierung und einem kulturellen Burnout, das immer deutlicher zutage tritt.
Unsere tägliche Prominenz
Der Kerkeling-Effekt – Holzweg nach Santiago – Ich bin dann mal weg – Schein-Riesen der Medienlandschaft – Reality oder Illusion? – Deutschland sucht den Superstar – Unsere tägliche Prominenz
Der Kerkeling-Effekt
Die Wanderimpressionen des deutschen Entertainers Hape Kerkeling auf dem spanischen Jakobsweg machen als Bestseller von sich reden. Sein Titel Ich bin dann mal weg! hält sich hundert Wochen lang auf Platz eins der Sachbuchlisten. Mit diversen Printausgaben und Hörbüchern erzielte der Comedian seit dem Jahr 2006 eine Gesamtauflage von mehr als vier Millionen Exemplaren. Damit ist dieser Erlebnisbericht das meist verkaufte deutschsprachige Sachbuch überhaupt, sozusagen das Buchereignis der letzten Jahre.
Über Kerkelings Reiseziel und den Weg durch Spaniens Nordwesten nach Santiago de Compostela wird man hier jedoch nicht unbedingt klüger. Allerdings ist das Buch flüssig geschrieben und stellt geringe Ansprüche an die Konzentration des Publikums, somit die ideale Bettlektüre. Den mehrfach preisgekrönten Verfasser hat man im Fernsehen mit teils köstlichen Persiflagen erlebt, als sympathischer Entertainer sind seine Popularitätswerte bei Unterhaltungssendungen garantiert, deshalb empfiehlt sich sein Pilgerbuch auch als Geschenk im Freundeskreis: Donnerwetter, Jakobsweg, hätte man gar nicht erwartet vom Hape!
Aus einem anfänglichen Geheimtipp wird somit ein millionenfacher Bestseller und allein die Tatsache dieser flächendeckenden Präsenz sorgt bereits für Gesprächsstoff. Ein Band, dessen Verbreitung mit dem Telefonbuch und der Bibel konkurrieren kann, muss nahezu unverzichtbar sein. Das Phänomen des Buchautors Kerkeling verdient deshalb einige Beachtung.
Weniger allerdings der Inhalt einer Publikation, die mit dem Symbolwert der Pilgerstraße spielt, ohne ihre historische oder spirituelle Dimension ernst zu nehmen. Nicht etwa der vermeintlich in Santiago de Compostela begrabene Patron des katholischen Spanien wird hier zum Motiv eines beschwerlichen Fußweges, sondern ein Fernsehstar auf der Suche nach sich selbst – der allerdings seinen Urlaub auch anderswo verbringen könnte. Entsprechend erfährt der Leser so gut wie nichts über Spanien und seine historische oder aktuelle Szenerie. Nach überstandener, bald kurz- und bald langweiliger Lektüre weiß er hingegen so manches über einen postmodernen Pilger, der in erster Linie Geschmack findet an der Wirkung seiner eigenen Person.
Kerkeling outet sich als sogenannte Couch-Potato und erwartet von sich keine sportlichen Höchstleistungen. Auf dem Pilgerweg will er die Folgen eines Hörsturzes überwinden, der ihn zeitweise aus der Bahn geworfen hat. Einzelne Etappen der rund 750 Kilometer langen Wegstrecke legt er aber lieber mit dem Automobil zurück. Pilgerunterkünfte für das gemeine Volk sind seine Sache nicht, er bevorzugt bessere Hotels; schließlich will er sich verständlicherweise für die körperliche Anstrengung des Tages abends nicht bestrafen.
Städte, Dörfer und Landschaften des vielseitigen spanischen Nordens spielen bei ihm keine Rolle, noch weniger Kirchen und Klöster, wie sie Kulturtouristen eifrig frequentieren: Auf dieser Bühne will er nicht auftreten. Stattdessen widmet er seine Aufmerksamkeit den Menschen und Weggenossen, die ihm während des Marsches begegnen und ihn streckenweise begleiten. Und natürlich seinen Impressionen, der Reaktion des eigenen Körpers auf die ungewohnten Beschwerden des Wanderns und zahlreichen Fragen an sich selbst. Hat man ihn wohl hier oder dort als Prominenten erkannt?
Sein erheblicher Bekanntheitsgrad ist ihm Lust und Last, denn schließlich will er dem Gegenüber als Mensch begegnen, als Pilger unter seinesgleichen. Fühlte sich die Kanadierin gestern von ihm angemacht oder hat sie ihn heute als Schwulen ausgemacht, was den Umgang erleichtern könnte? Den deutschen Spießern von der letzten Mittagsrast will er jedenfalls nicht wieder begegnen. So gehen die Tage hin und füllen sich die Buchseiten.
Mit wenigen Episoden der Schilderung, die ausdrücklich ernst und besinnlich werden, ist der Leser nicht eben überfordert. Auf einem Pilgerweg sollte man ja auch an Gott denken, was immer das sein mag. Im heimatlichen Religionsunterricht hat er davon einiges gehört, aber liegt Gott nicht eher in uns selbst? Und was er wohl von mir denken mag, wenn er mich hier wandern sieht?
In einigen Buchzeilen zeigt sich Kerkeling tatsächlich innerlich berührt, wenn er etwa am Beispiel einer Krebserkrankung auf den Tod zu sprechen kommt. Dass sich die Christenheit über Gott und die Welt und die letzten Dinge seit zweitausend Jahren den Kopf zerbrochen hat und dabei zu Ergebnissen kam, ist ihm aber ziemlich schnuppe. Denn nichts Genaues weiß man lieber nicht, sonst wäre Glauben ja Wissen und damit überflüssig. Außerdem hat das womöglich unerwünschte Nebenwirkungen. Also vertraut man besser auf den inneren Kompass der eigenen Ahnung, die uns sagt: Irgendwie ist da was, und dahin bin ich unterwegs.
Ist das alles, was einer auf 350 Seiten über sich zu sagen hat? Denn über anderes als die eigene Person spricht er ja selten in diesem Reisebericht.
Holzweg nach Santiago
Kerkelings flüssig erzählte Erlebnisschilderung gerät zu einer Mischung von Ausgleichssport, Zufallsbekanntschaften und einer tieferen Bedeutung, die sich bald im Banalen verliert. Ein wochenlanger Fußmarsch bietet dazu reichlich Anlass, wenn mürrische Gastwirte, skurrile Weggenossen und lädierte Fußsohlen farbig geschildert werden: Jakobsweg light, Pilgerschaft als zeitgemäße Kulisse einer Selbstbespiegelung, die aufgrund der Prominenz des Autors mit millionenfacher Beachtung rechnen darf.
Wenn sich etwa Lieschen Müller beim Wandern eine Blase läuft, so handelt es sich um eine Banalität, die man eher schamhaft nur im engsten Freundeskreis erzählt. Geschieht ebendies jedoch einem sogenannten Prominenten, wird ein vorübergehender Muskelkrampf schnell zum Kulturereignis.
Doch wird der Leser auf Kerkelings Weg durchaus mitgenommen, denn was ihm widerfährt, könnte jedem von uns ebenfalls geschehen. Nicht das Außergewöhnliche oder Einzigartige scheint hier mitteilenswert, sondern das, was jedem passiert und was im Grunde jeder schon weiß oder ahnt. In diesem Sinn läuft Hape Kerkeling als pilgernder Marathon-Man auf internationalem Asphalt stellvertretend für Deutschland.
Anders steht es etwa um den Bergsteiger und Autor Reinhold Messner, der in seinen Büchern über extreme Erfahrungen berichtet und uns darüber staunen lässt, wozu ein Mensch, aus welchen Motiven auch immer, fähig ist. Von ihm sind wir aber meilenweit entfernt und wir werden ihn niemals einholen, schon gar nicht auf einem Achttausender. Wenn jedoch Kerkeling, der sympathische Prominente von nebenan, nur das erlebt, was auch ich so ähnlich erleben kann, dann bin ich selbst dadurch ebenfalls ein Stück weit prominent.
Deshalb macht es nichts aus, wenn Kerkeling am Ende nichts Besonderes zu sagen hat, denn ich hätte auch nicht mehr zu berichten aus diesem Wanderurlaub auf den Spuren mittelalterlicher Pilger, und dieses Wenige wird gleichsam geadelt von Kerkeling. Durch die Lektüre des Buches erfahren auch wir durchschnittliche Leser den Ritterschlag einer gewissen Prominenz. Hier überschneidet sich das Interesse des Autors mit dem seines Publikums, was vielleicht erklären mag, warum ein Buch mit wenig Inhalt viel gelesen wird oder zumindest weit verbreitet ist.
Daneben beruhen dieser Effekt und sein Erfolg auf dem kurzen Gedächtnis eines Medienbetriebs, der sich der authentischen Bedeutung des Pilgerwegs nicht erinnern kann, weil der historische Zusammenhang dem europäischen Kulturbewusstsein abhandenkam. Ihrer Hintergründe entkleidet steht die jüngst erst wiederentdeckte Pilgerstraße recht plötzlich im grellen Scheinwerferlicht einer postmodernen Sinnsuche, deren Bedarf an Wertorientierung immer verzweifelter wird. Der Camino als Symbol einer längst vergessenen Spiritualität signalisiert zumindest die Ahnung einer einstmals vertikal verankerten Gesinnung, die über die eigene Person hinaus weist.
Gewiss waren die mittelalterlichen Pilger aus mancherlei Gründen unterwegs zum Ende der damaligen Welt; in zeitgenössischen Berichten sind diese Anlässe gut dokumentiert. Die lange Wanderung nach Santiago verspricht seit dem Hochmittelalter vor allem die Vergebung von Sündenstrafen, daneben spielen allerlei Ziele eine Rolle: Handel und Wandel, Tourismus, soziale und erotische Erfahrungen fernab heimatlicher Zwänge. Die Suche nach sich selbst zählt allerdings durchaus nicht unter diese oftmals recht weltlichen Motive. Der Sinn des Lebens steht seinerzeit außer Frage, und der spirituelle Kompass weist nicht auf die eigene Person, sondern in die Vertikale.
Demgegenüber geht man heute wie selbstverständlich davon aus, dass sich der Wanderer am Pilgerweg irgendwie auf der Suche befindet. Unterwegs-Sein heißt demnach, ein Ziel suchen, im Zweifelsfall einen Sinn, zumindest aber einen Weg zu sich selbst. Oder eben: Der Weg ist sein eigenes Ziel. Dieses Konzept des Pilgerns als Sinnfindung steht in klarem Gegensatz zur traditionellen Bedeutung eines Pfades, dessen Sinn man nicht erfragen musste, weil sein Ziel jedem bekannt war.
Wer nicht weiß, wohin er will, darf sich nicht wundern, wenn er woanders ankommt, sagt Mark Twain. Soll der Weg ein Ziel haben, muss man um seinen Sinn bereits wissen, sonst bricht man auf, weiß nicht wohin und landet entsprechend wieder bei sich selbst. Zudem: Wege zu sich kann man und muss man immer und überall suchen und findet sie womöglich im heimischen Stadtpark oder auf der Couch des Analytikers besser als im sommerlichen Geschiebe eines Wanderpfads, der inzwischen von Abertausenden belaufen wird. Nicht zu reden von der Weisheit des spanischen Dichters Antonio Machado: Wanderer, deine Spuren sind der Weg, sonst nichts. Es gibt keinen Weg. Weg entsteht im Gehen … und schaust du zurück, dann siehst du einen Pfad – den du nie mehr betreten kannst!
Das postmoderne Konzept des Wanderns auf dem Jakobsweg ist somit das ziemliche Gegenteil seiner ursprünglichen Dimension. Weil er aber Jahrhunderte lang gründlich vergessen wurde, wird der Pilgerweg heute – ganz unbelastet von historischer Erinnerung – neu erfunden. Er führt dann nicht über Santiago in die Transzendenz oder, wie tausend Jahre zuvor, mit einem christlichen Apostel in den Kampf gegen muslimische Spanier, sondern endet in der horizontalen Dimension des eigenen Hörsturzes, den es auf einem Umweg über das Mittelalter zu kurieren gilt.
Das Unverwechselbare des Jakobswegs, seine historische Szenerie und zeitliche Landschaft, die ihn von den Wegen nach Rom oder Altötting unterscheidet, kommt dabei zu kurz. Seine politische Dimension, die Gratwanderung christlicher und muslimischer Bevölkerung in Spanien und darüber hinaus, ist den allermeisten Besuchern heute kaum einen Gedanken wert. Zu Unrecht, denn die historische Wanderung der Iberischen Halbinsel – Terror und Toleranz in einer Jahrhunderte währenden Konfrontation mit dem Islam – wäre vielleicht hilfreich in Zeiten eines religiös bemäntelten Fundamentalismus auf muslimischer Seite. Nachdem die Christenheit zwischenzeitlich ihre totalitären Impulse, geläutert durch die Moderne, weitgehend unterdrücken musste.
Andererseits ist der Patron des christlichen Spanien überall am Wege als Matamoros dargestellt, als Maurentöter, und schon deshalb kein guter Gesprächspartner für den Islam. Jakobus empfiehlt sich unter diesem Aspekt nicht unbedingt als Kandidat für den Friedensnobelpreis und präsentiert sich alles andere als politisch korrekt. Der Pilgerweg als Kriegspfad gegen Muslime! Da ist man schon froh, wenn postmoderne Pilger wie Hape Kerkeling diesen ideologischen Aspekt einfach ausblenden.
Sonst wäre nämlich der Weg nach Santiago längst, seiner historischen Bedeutung entsprechend, zum heutigen Symbol eines Heiligen Krieges gegen den Islam avanciert; statt Hape Kerkeling wäre George W. Bush nach Santiago gepilgert; Attentate nicht der baskischen ETA, sondern der muslimischen Al Kaida wären dort an der Tagesordnung, der Fremdenverkehr am Jakobsweg bräche zusammen – und Kerkeling hätte den Weg zu sich selbst in der Eifel suchen müssen. Oder im Schwarzwald.
Ich bin dann mal weg
Reichlich Polemik bei der Rezension eines harmlosen Reiseberichtes, möchte man sagen. Noch dazu aus der Feder eines Entertainers, dem auch der Autor dieser Zeilen durchaus einiges an Sympathie entgegenbringt. Das heißt, mit Kanonen schießen, und zwar auf Spatzen. Etwas Toleranz täte gut! Hat nicht jeder längst seinen eigenen Jakobsweg? Oder gibt womöglich ein millionenfach verkaufter Buchtitel Hinweise auf die Mentalität und das Grundgefühl der Gegenwart, auf eine Art postmodernen Mainstream, falls es ihn geben sollte? Die Antwort überlasse ich meiner Leserschaft – und erinnere mich eines Bonmots von Woody Allen: Ich wollte immer mal in mich gehen – aber leider war da auch niemand!
Bei aller Selbstironie des amerikanischen Komikers gibt es hier wenig zu lachen und keinen Grund zu Schadenfreude. Denn dieses Zitat deutet auf ein Dilemma, das alle betrifft. Ein direkter Kontakt mit der inneren Lebenswirklichkeit scheint heute mehr denn je geboten, will man sich nicht verlieren im verwirrenden Angebot der Lebensmöglichkeiten, im Wald der Optionen, im Dschungel der Existenzverwirklichung. Der gelegentliche Besuch bei sich selbst, das Horchen auf eine innere Stimme, ist hier gewiss eine gute Investition, wo immer sie stattfinden mag, und sei es auf dem Jakobsweg. Allerdings bietet ein innerer Monolog wenig Inhalt, sucht er nicht früher oder später eine Brücke zur gemeinsamen Realität, die offenbar immer schwerer zu finden ist.
Dem Psychoanalytiker und Fromm-Schüler Rainer Funk zufolge begegnet uns heute als neuartiger Persönlichkeitstyp der sogenannte Ich-Orientierte. Statt sich einer vorgefundenen Realität unterzuordnen oder auf hergebrachte Vorbilder zu rekurrieren, erzeugt dieser Zeitgenosse selbstbestimmt und frei von Vorgaben seine eigene Realität (Funk 2005). Ein europäischer Wanderweg nach Santiago, der, losgelöst von seinem traditionellen Hintergrund, neuerdings das eigene Selbst zum Pilgerziel erhebt, deutet womöglich in diese Richtung: die Orientierung am eigenen Ich als Grundzug der postmodernen Kultur?
Bald Mitleid und bald Ärgernis heischen Zeitgenossen, die sich selbst wichtig nehmen ohne hinreichenden Grund. Bedauerlicherweise bleibt unsere Egozentrik für die nähere und weitere Umgebung nur interessant, solange das Ego auch für andere etwas hergibt. Vor allem Künstler und Kulturschaffende wissen um diesen Engpass, wenn sie aus dem kreativen Potenzial ihrer Persönlichkeit nicht allein neue Wirklichkeiten schöpfen, sondern diese einem Publikum erfolgreich präsentieren und somit verkaufen müssen.
Demgegenüber zeigt ein Blick auf die Inszenierungen der heutigen Medienlandschaft, dass ein exklusiver Selbstbezug bald an gewisse Grenzen stößt. Das Ergebnis heißt dann Langeweile. Allerdings muss man nicht einen millionenfach verkauften Buchtitel als Referenz bemühen, diese These zu erhärten – es genügt ein Blick ins abendliche Fernsehprogramm.
Schein-Riesen der Medienlandschaft
Die Zuschauer öffentlich-rechtlicher Sender werden hier bereits Anfang der 1990er-Jahre von einem neuartigen Format überrascht, das den Auftrag des Fernsehens als Dokumentator gesellschaftlicher Realitäten in bislang ungeahnter Weise erfüllt. In langen Einstellungen wird dem Publikum eine Alltagserfahrung präsentiert, die jeder aus eigenem Erleben kennt, aber bislang kaum für berichtenswert hielt: Ein Mann mittleren Alters im Trainingsdress, modisch frisiert mit damals aktuellem Minipli, von der Kamera in der kleinbürgerlichen Umgebung seines heimischen Schlafzimmers überrascht, spekuliert in unverfälscht rheinischem Dialekt minutenlang über die Herausforderungen eines arbeitsfreien Tages: Erst noch eine Zigarettenpause lang aus dem Fenster schauen oder unverzüglich die Betten aufdecken und den Teppich säubern, das ist hier die Frage.
Wer die Einstellung zunächst für ein Amateurvideo halten muss, das unverdient seinen Weg in ein Massenmedium gefunden hat, wird bald eines Besseren belehrt. Es handelt sich um eine Folge der Dokumentarserie Die Fussbroichs (WDR ab 1990), Episoden aus dem Alltag einer Kölner Arbeiterfamilie, deren Staffeln monatelang von sich reden machten und aufgrund hoher Einschaltquoten inzwischen Kultstatus beanspruchen können.
Bald war nicht mehr zu unterscheiden, was hier distanzlos berichteter Alltag einer deutschen Durchschnittsfamilie ist oder aber eine ironisch kolportierte Inszenierung aus dem Milieu der unteren Mittelschicht. Diese Begegnung mit einer banalen Realität, die gleichsam im Verhältnis eins zu eins alles abbildet, was jeder täglich erlebt oder in seinem eigenen begrenzten Umfeld erfahren kann, ist allerdings nur Startsignal einer Vielzahl ähnlicher Formate, die seither über ein geduldiges Publikum hereinbrechen – und zwar keineswegs ausschließlich im Privatfernsehen, das seinen Ruf konkurrenzloser Seichtheit zu verteidigen hat.
Die 1999 in den Niederlanden entwickelte und heute bereits legendäre Serie Big Brother (erst RTL, dann Premiere) wird schnell zum Vorbild für andere Sendekonzepte. Ihre Staffeln beobachten bekanntlich das scheinbar alltägliche Leben und Lieben normaler junger Leute, die im engen Raum eines Wohncontainers ständig unter visueller Kontrolle und dabei im gegenseitigen Wettbewerb stehen.
Hier präsentiert sich die einmalige Chance, aus dem Nichts in kurzer Zeit zum Fernsehstar zu avancieren. Man wird berühmt, indem man sein intimes Leben vor der Republik ausbreitet beziehungsweise vor einem Publikum, das bei jeder Ausstrahlung rund drei Millionen Zuschauer zählt. Besonders hohe Zuschaltquoten verbucht die Sendung, wenn sich ein bekannter Gesangsinterpret oder Sportler in den Container verirrt und die Inszenierung mit einer Aura jener Prominenz vergoldet, die andere über ihre Teilnahme am Wettbewerb erst erreichen wollen.
Die ursprünglich in Großbritannien erfundene Erlebnisshow Ich bin ein Star – holt mich hier raus! wird seit 2004 auf RTL ausgestrahlt und in der fünften Staffel 2011 mit dem Untertitel Prominente im Dschungel zu besten Sendezeiten am Samstagabend zelebriert. Wer auch immer aus gleich welchem Grund zeitweise von sich reden macht, kann hier mithilfe einer saftigen Gage seine Privatinsolvenz hinauszögern, indem er Ekelgefühle niederkämpft und sich unter den konstruierten Bedingungen eines exotischen Dschungelcamps endgültig lächerlich macht.
Der Reiz des Formats besteht im schnellen Aufstieg in die Prominentenriege, wie er etwa im hautengen Kontakt mit Spinnen oder Kröten erreicht werden soll. Die Sendung wird im Durchschnitt von fünf bis acht Millionen Zuschauern verfolgt. Der Psychiater Mario Gmür erläutert dazu in der Frankfurter Allgemeinen, die Sendung künde von einer regrediert-infantilen Verfassung. Das Sadistische werde längst nicht mehr sozial geächtet: Die Zuschauer wollten bei der Geburt und der Hinrichtung von Helden dabei sein. Wer aber für ein Honorar von 50.000 Euro Maden und Mäuse verzehrt – was wird der wohl für die doppelte oder die zehnfache Summe tun?
Auf anderen Frequenzen zelebriert man die Einladung zu einem vorgeblich privaten Dinner, dessen Tischgenossen unter dem Vorwand vermeintlicher Bekanntheit vor die Kamera gezerrt werden (Zur Erläuterung: Die Teilnehmer eines so genannten Promi-Dinners sind Prominente, weil sie am Promi-Dinner teilnehmen – Tautologie, die uns sagen will: Eigentlich sind wir alle Promis). In langen Sequenzen wird der Zuschauer Zeuge eines häuslichen Ablaufs vom Erwerb der Zutaten bis zur Zubereitung der Speisenfolge, vom Tafeldecken und Kredenzen des Menus über ein animiertes Tischgespräch (Thema ist das Dinner selbst) bis zur abschließenden Bewertung der gastronomischen Leistung durch die illustren Teilnehmer eines Gastmahls, die ihrerseits demnächst ihre lukullischen Qualitäten offenbaren sollen; womit die nächste Folge einer nicht enden wollenden Gastgeberstory bereits programmiert ist (Das perfekte Dinner seit 2006 auf VOX).
Aber nicht allein Alltagsrituale des Lifestyles unter besser Verdienenden sind den Sendern lieb und teuer, auch die gegenteilige soziale Dimension verdient großformatige Beachtung. Ein wachsender Kreis von Deutschen kehrt seiner gewohnten Umgebung den Rücken auf der Suche nach wirtschaftlich lukrativeren Horizonten. Folglich finden sich abendfüllende Fernsehformate, die hoffnungsvolle deutsche Emigranten auf dem Weg in die neue Heimat (SAT1 ab 2007) begleiten und deren ungewohnte Alltagserfahrung detailverliebt per Kamera dokumentieren. Situationen mithin, die man von zu Hause bestens kennt, die allerdings jetzt unter veränderten Bedingungen einer fremden Auslandsumgebung neu inszeniert werden: Von der Jobfindung oder der Eröffnung des eigenen Restaurants über die Einschulung des Nachwuchses bis hin zur Suche nach einer neuen Bleibe, entsprechender Papier- und Behördenkrieg inbegriffen.
Wer hätte gedacht, dass man es ohne entsprechende Sprachkenntnis in Kanada oder Südspanien anfänglich und womöglich auf Dauer schwerer hat als zuvor in Wanne-Eickel? Mit der Generalbotschaft Alles nicht so einfach! binden entsprechende Serien in der Endlosschleife das Publikum ganzer Fernsehabende. Falls man nicht zum konkurrierenden Nachbarsender umschaltet, der mit dem neu erfundenen Berufsbild eines Finanzcoachs (WDR ab 2007) näher bleibt an der neuen deutschen Realität.
Die finanziell prekäre Situation wachsender Bevölkerungsgruppen, die sich durch Arbeitslosigkeit, Schicksalsschläge oder eigene Unfähigkeit in der Überschuldung finden und ein Leben auf Hartz-IV-Niveau gewärtigen, wird hier zum Anlass einer voyeuristischen Inszenierung. Gezeigt werden kleinere und größere Probleme von Zeitgenossen, deren Haushaltsbudget nicht bis zum Monatsende reicht. Dabei spekulieren die Macher derartiger Pseudo-Dokumentationen und Unterhaltungsshows (Raus aus den Schulden seit 2007 bei RTL) weniger auf die Solidarität einer Zuschauergemeinde, der es durchweg besser geht als den porträtierten Opfern der Wohlstandsgesellschaft. Man baut eher auf den sogenannten Underdog-Effekt: Angesichts brüchiger sozialer Realitäten scheint es zumindest tröstlich, wenn anderen widerfährt, was man für sich selbst nicht als wahrscheinlich erachtet, aber insgeheim doch befürchtet.
Gott sei Dank braucht man ja nicht selber einen Trödel-King, wie er auf dem benachbarten Kanal (WDR ab 2007) ins heimische Wohnzimmer dringt. Wenn man ihn ruft, durchforstet dieser robust tätowierte Herr mit Lederweste in Begleitung eines Sendeteams die Keller und Garagen seiner Mitmenschen auf der Suche nach vermeintlichem Sperrmüll, den man bei souveräner Kenntnis entsprechender Absatzmärkte im Trödlerumfeld noch zu Geld machen kann. Anlass genug zu wöchentlichen und gleich mehrstündigen Expeditionen durch die Rumpelkammern der Nation, die bei aller Banalität reichlich Gelegenheit bieten zu persönlicher Ansprache des Zuschauers: Hand aufs Herz, horten wir nicht alle irgendwo auf dem Dachboden neben Omas Truhe auch des verstorbenen Onkels Briefmarkensammlung, die womöglich ungeahnte Werte birgt – wer weiß das schon so genau wie unser medialer Trödelberater?
Reality oder Illusion?
Unser kleiner Streifzug durch einschlägig bekannte Sendeformate eines Reality-Programms, wie es etwa seit dem Jahre 2005 in zahlreichen Varianten flächendeckend verbreitet ist, er ließe sich beliebig fortsetzen. Wir wollen uns freilich nicht länger langweilen, begegnen wir doch dabei wenig Neuem, sehen uns vielmehr zurückgeworfen auf den Umkreis einer sattsam bekannten und täglich erlebten durchschnittlichen Erfahrung, die unseren Horizont nicht erweitern kann. Eher schon bestätigt die mediale Inszenierung das täglich Gewohnte in seiner Durchschnittlichkeit. Weil es aber im Fernsehen kommt und ein Millionenpublikum erreicht, kann es ganz banal nicht sein: Abend für Abend wird der gewöhnliche Alltag auf dem Bildschirm zum Event.
Freilich, ein elektronisches Medium, das einerseits unterhalten will, seinen ebenfalls erhobenen Informationsanspruch aber fortwährend disqualifiziert, indem es längst Bekanntes zelebriert, macht sich damit seine Existenzberechtigung als Informationsquelle selbst streitig. Doch liegt hier ein entscheidender Vorteil: Eine verdoppelte Realität, die sich sozusagen gleichzeitig auf dem Bildschirm und vor dem Bildschirm abspielt, bestätigt uns in unserer Durchschnittlichkeit, die jetzt paradigmatisch wird.
Früher oder später werden sich alle Zuschauer in gleich welcher privaten Pose symbolisch auf der Mattscheibe abgebildet sehen: Beim Versuch, ein gebrauchtes Auto zu erwerben oder zu verkaufen, bei der Wohnungsanmietung, bei einer Kleiderprobe in der Boutique, in der Tiefkühlabteilung des Lebensmittel-Discounters etc. Wer da noch an sich und seiner Lebenssituation zweifeln mag, dem ist nicht zu helfen.
In den Erfolgsserien zurückliegender Jahrzehnte konnten die Zuschauer, ähnlich dem Genre Ärzteroman, ihr eigenes Leben in einem veredelten Ambiente wiederfinden und ihre Träume medial verwirklicht sehen. Wenn Professor Brinkmann seinerzeit in einem luxuriös umgebauten Schwarzwälder Bauernhaus vor der idyllischen Kulisse des Glottertals vom Herzinfarkt bedroht ist, während sein ebenfalls als Erfolgsmediziner eingeführter Sohn nicht helfen kann, weil er soeben nach einem dämlichen Streit mit dem Vater heimlich in Begleitung einer attraktiven Blondine mit einem Porsche voller Golfschläger nach Freiburg aufgebrochen ist (Mobiltelefone gibt es noch nicht), so konnten wir hier unseren emotionalen Schaltkreis direkt aktivieren.
Zwar sind wir im Regelfall nicht Professor der Schwarzwaldklinik (ZDF ab 1985), nennen kein entsprechendes Landhaus unser eigen und der betreffenden Blondine wären wir vermutlich zu alt oder zu jung, aber die Dramatik einer familiären Notlage, die das Vater-Sohn-Verhältnis betrifft, lässt uns nicht kalt. In einer traumhaften landschaftlichen Kulisse und erträumten sozialen Umgebung können wir unseren Gefühlen Raum geben, indem wir uns mit den dargestellten Figuren identifizieren und nebenbei symbolisch einen höheren sozialen Status erlangen: Chefarztgefühle sind attraktiver als jene eines Pförtners oder Sachbearbeiters, weil sie in der Regel von einer Chefarztvergütung alimentiert werden.
Ähnlich steht es, wenn man seine immer schon ersehnte Traumfrau nicht zufällig an einer Trambahnhaltestelle in Ostwestfalen kennenlernt, sondern auf einem Boot nach Capri, das soeben vom Traumschiff (ZDF ab 1981) abgelegt hat. Zwar ist der erste Fall nicht minder unwahrscheinlich als der zweite, aber wenn schon geträumt wird, können wir der attraktivsten Variante den Vorzug geben und uns mit strahlendem Sonnenschein, schicken Uniformen und luxuriösen Buffets einer Kreuzfahrt identifizieren. Warum eigentlich nicht – zumal bekannte Reedereien an der Ausstrahlung solcher Serien höchstes Interesse zeigen?
Im Gegensatz zu traditionellen Fernsehprojekten, die Traumwelten vor aufwendig konstruierter Kulisse präsentieren – sich damit dem Zuschauer als Projektionsfläche seiner Wünsche anbieten, aber klugerweise Bezüge zu dessen Realität offen lassen – dokumentiert das Reality-TV allerdings mit einfachsten Mitteln einen Alltagsvollzug, der sich selbst genügt. Mit seinem schmalen Ausstattungsbudget und seinen durchschnittlichen Protagonisten, die man an jeder Straßenecke sucht und findet, nimmt es uns jede Möglichkeit zum Träumen und wirft uns zurück auf die eigene Realität.
Bleibt die Glotterklinik auch für immer außer Reichweite und kann man sich nach Capri jedenfalls heute Abend nicht mehr einschiffen, so bleiben uns immer noch reichliche Fantasien, die über unsere eigene kleine Existenz hinausweisen. Die mittlerweile flächendeckend verbreitete Doku-Soap jedoch will uns weismachen, dass jenseits des medial symbolisierten eigenen Bauchnabels nichts mehr vorhanden sei: Darin liegt ihr narzisstischer Beitrag.
Wie kommt man aber von der täglich selbst erlebten Banalität zu einer erträumten Prominenz, die zur Steigerung des Selbstwertes beitragen kann? Den traditionellen Umweg über eine Identifikation mit exotischen Kulissen und teuren Accessoires kann man sich schenken, präsentiert man sich nur in richtiger Begleitung und im angesagten Medium.
Deutschland sucht den Superstar
Die nach einem patentierten britischen Vorbild erstmals 2002 von RTL ausgestrahlte Castingshow Deutschland sucht den Superstar (bekannt unter dem Kürzel DSDS) verbucht die bislang größte Zuschauerreichweite dieses Formates und zeitweise ein lebhaftes Publikumsecho. DSDS kombiniert das Konzept herkömmlicher Talentwettbewerbe mit interaktiven Elementen; so wird beispielsweise das Fernsehpublikum nach Qualifikationsrunden in die Abstimmung miteinbezogen. Neben dem Gesang jugendlicher Star-Aspiranten, die sich von ihrer Teilnahme den Aufstieg ins Show-Geschäft versprechen, sind auch Kategorien wie Outfit, Auftreten und andere Präferenzen für die Bewertung ausschlaggebend. Die Finalshow der ersten deutschen Staffel am 8. März 2003 erreichte eine durchschnittliche Einschaltquote von 12,8 Millionen Zuschauern (bei Spitzenwerten von bis zu 15 Millionen), 2012 ging die Show bereits in ihre 9. Staffel.
Besonderen Zuspruch und auch Widerspruch erfahren die jeder Staffel vorgeschalteten Casting-Termine, in deren Verlauf sich der Chef-Juror Dieter Bohlen derart abfällig über die künstlerische Leistung einzelner Kandidaten ereifert, dass einige der jungen Leute nervliche Zusammenbrüche erleiden. Ein kontroverses Medienecho im deutschen Blätterwald lässt nicht auf sich warten. Norbert Schneider, Direktor der NRW-Landesanstalt für Medien, übt im Februar 2007 harsche Kritik an einem demütigenden Umgangston, der sich einer Gossensprache bediene: Die Casting-Show rücke damit in die Nähe einer Verletzung der Menschenwürde. Demgegenüber lässt der Sender RTL verlauten, die jugendlichen Teilnehmer seien allenfalls Opfer ihres eigenen Ehrgeizes.
Dass hier ausgerechnet Dieter Bohlen in die Schusslinie gerät, gemeinsam mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin Verona Pooth Spezialist in Sachen einer lediglich für ihre Berühmtheit bekannten Prominenz, ist kein Zufall. Seine verbalen Entgleisungen im Rahmen von DSDS lassen ahnen, was junge Menschen in der vagen Hoffnung auf eine künftige Starkarriere zu investieren bereit sind, um aus der Anonymität ihrer Existenz auszubrechen. Beobachter der Medienszene sprechen vom sogenannten Aschenputtelprinzip. Neben dem Bedürfnis nach Anerkennung, Ruhm und Geld sind die Teilnehmer nicht zuletzt auf der Suche nach einer sozial akkreditierten Identität, die sich am erfolgreichsten durch mediale Beachtung und Bestätigung erreichen lässt.
Angesichts einer komplizierten gesellschaftlichen Realität, die mangelnde Ausbildungsplätze mit hohen Kosten, langen Laufzeiten und der Perspektive auf eine ungewisse berufliche Zukunft offeriert, spekuliert man gerne darauf, durch die Entdeckung eines vermeintlichen künstlerischen Potenzials über Nacht berühmt zu werden. Schließlich gibt es Vorbilder in Gestalt vereinzelter Erfolgsstorys, die diesen Weg symbolisieren können: neben Dieter Bohlen selbst etwa der junge Mark Medlock, der über DSDS vom verschuldeten Jungarbeitslosen zum singenden Medienstar wurde, sie schüren unrealistische Hoffnungen, die mit aller Energie verfolgt werden.
Der Ich-Bezug von Adoleszenten und ihre irrtümliche Selbsteinschätzung, sich als unentdeckten Star zu wähnen, werden von der medialen Inszenierung zementiert. Im programmierten Fall einer Ablehnung bereits im Vorcasting, das in öffentliche Demütigung ausufern kann, bricht das Kartenhaus einer auf jugendlichen Narzissmus gebauten Staridentität abrupt zusammen.
Umfragen zufolge sieht jedoch ein nicht geringer Teil des adoleszenten Publikums in Dieter Bohlen, ungeachtet der Fragwürdigkeit seiner Rolle, eine ideale Vaterfigur, wie man sie für das eigene Leben wünscht. Die in seiner Person auftretende widersprüchliche Mischung aus kumpelhafter Distanzlosigkeit und harter Ablehnung wird offenbar von Jugendlichen auf ihrer nicht selten vergeblichen Suche nach herausfordernden Vorbildern als attraktiv empfunden.
Dennoch: Ein alter Herr steht auf der Bühne und regt sich auf über das Fernsehen. Mit dieser Art von Programm will er nichts gemein haben! Als Marcel Reich-Ranicki die Annahme des Deutschen Fernsehpreises 2008 verweigert und es weit von sich weist, in einer Reihe mit Sendungen wie dem bei dieser Gelegenheit ebenfalls ausgezeichneten DSDS zu firmieren, entfacht er einen Sturm im Wasserglas.
Weithin wohlwollend beachtet ist bei dieser Gelegenheit die selbstdarstellerisch glänzende Medienschelte des Literaturpapstes, aber ebenso ergebnislos sein als Sondersendung platzierter Schlagabtausch mit dem Entertainer Thomas Gottschalk. Mit ihrer erstaunlich naiven Argumentation über Niveau und Geschmack der Zuschauer beweisen beide Fernsehstars lediglich, dass sie in ein und demselben Boot des Massenevents ihren Platz längst gefunden haben und zu verteidigen wissen. Kollektive Hintergründe einer programmierten Langeweile kommen in ihrem Show-Dialog über die Qualität des deutschen Fernsehens nicht zur Sprache.
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