Kitabı oku: «Ich komm, weiß wohl woher!»

Yazı tipi:

Rainer Köpf

Ich komm, weiß wohl woher!

EINE REISE ZU MARTIN LUTHER

Rainer Köpf

Ich komm, weiß wohl woher!

EINE REISE ZU MARTIN LUTHER

Calwer Verlag Stuttgart

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung

der Calwer Verlag-Stiftung

Die im Text verwendeten Lutherzitate sind kursiv gedruckt.

Beim Zitieren wurde auf sinngemäße Wiedergabe

und verständliches Deutsch geachtet.

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

ISBN 978–3–7668–4342–5 (Print)

ISBN 978–3–7668–4360–9 (eBook / epub)

© 2015 by Calwer Verlag GmbH Bücher und Medien, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten.

Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags.

Lektorat: Andrea Scholz-Rieker, Herrenberg

Satz und Herstellung: Karin Class, Calwer Verlag

Umschlaggestaltung: Karin Class, Calwer Verlag

Umschlagmotiv: Porträt Martin Luther um 1525 von Lucas Cranach d.Ä.

© LWL-Museum für Kunst und Kultur (Westfälisches Landesmuseum),

Münster / Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland

Foto: Sabine Ahlbrand-Dornseif

Internet: www.calwer.com E-mail: info@calwer.com

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

Danken möchte ich Frau Ingrid Olofsson, Beutelsbach Herrn Kirchenrat i.R. Hans Lachenmann, Satteldorf Herrn Oberstudienrat i.R. Hanns-Hermann Lohrer, Crailsheim und meinem Sohn stud. paed. Frieder Köpf Heidelberg für die fachliche Beratung.

Inhalt

Geleitwort

EINFÜHRUNG

Und dennoch Luther

MÖHRA

Zur Quelle

MANSFELD

Sohn eines Aufsteigers

MAGDEBURG

Sichtbarer Glaube

EISENACH

Singen und Sagen

ERFURT

Über Brücken gehen

WITTENBERG

Ins Licht

WARTBURG

Der Geborgene

EISLEBEN

Auf der Durchreise

Lebensdaten von Martin Luther

Ein Reisevorschlag

Ausgewählte Literatur

Karte: Das Martin-Luther-Land

Bildnachweis

Geleitwort

Beim Lesen der Lutherbiografie kann man auch eine Reise durch Luthers Glaubensüberzeugungen vollziehen. Was ihn antrieb und bewegte, entdeckt man so aufs Neue. Das Lutherbild des Verfassers ist von Bewunderung geprägt, verschweigt aber auch nicht die dunklen Seiten des Reformators.

Mein Dank gilt Pfarrer Rainer Köpf für dieses Buch, das unterhaltsam zu lesen ist. Für Menschen, die an Reformationsgeschichte interessiert sind, ist es ein großer Gewinn. Und wer Freude am Reisen hat, kann die Biographie gar als Reiseführer verwenden. Schön, dass das Buch dazu anregt, eine „Reformations-Reise“ zu machen!

Kurzum: ein gelungener Beitrag zu der Idee, dass das Jubiläum 2017 in den Kirchengemeinden und bei den vielen interessierten Leserinnen und Lesern ankommen möge. Ein Glaubens-, Reise- und Geschichtsbuch mit romanhaften Zügen.

Ich wünsche Ihnen allen eine unterhaltsame und zugleich erbauliche Lektüre. So kann man bei Luther in die Schule gehen und findet unter anderem einprägsame Bilder für die Erneuerungskraft der Bibel, die die eigene biblische Spiritualität neu anregen: „Das Wort Gottes ist wie ein Kräutlein: je mehr man es reibt, umso mehr duftet es“ (Martin Luther).

Landesbischof Dr. h.c. Frank Otfried July

Einführung

Und dennoch Luther

In meinem Amtszimmer hängt ein Porträt Martin Luthers aus dem 19. Jahrhundert. Das unzeitgemäß wirkende Bild entstammt dem Nachlass eines pietistischen württembergischen Kinderheimes. Es zeigt eine vollständig vergoldete Lutherstatue auf schwarzem Hintergrund. Als glorifizierter Glaubenszeuge steht Luther auf einem Steinsockel, in dem das trutzige Pauluszitat aus dem Römerbrief eingraviert ist: „Wenn Gott für uns ist, wer mag wider uns sein?“ Die Bibel fest in der Hand thront der Reformator auf erhöhtem Podest und schaut, Bismarck gleich, entschlossen nach vorne.

Nicht nur schwäbische Waisenkinder sind mit diesem verklärten „Heiligenbild“ groß geworden. Generationen von Protestanten waren von einer geradezu schwärmerischen Lutherverehrung geprägt. In den kritischen 1970er Jahren hat die damalige Heimleitung das Gemälde entsorgt. Es war nicht mehr zeitgemäß. Vom Speisesaal aus gelangte es zunächst in den Speicher und nach einem Frühjahrsputz auf den Flohmarkt. Der neue Zeitgeist hat historische Autoritäten hinterfragt und vermeintliche Helden vom Sockel der Unangreifbarkeit geholt. Hierarchisch Überhöhtes passte nicht mehr zu einer emanzipierten, offenen Gesellschaft. Im Gold eines undifferenzierten Lutherporträts sah man die Schatten überdeckt, im Rausch des Weihrauchs den realen Menschen gefälscht. Unser modernes Lutherbild ist distanzierter, filigraner, vielleicht auch farbiger. Es nimmt zu Recht die grellen, aber auch die dunklen Seiten des Reformators wahr. Luther selbst hätte sicher nichts gegen die Entschleierung seines Denkmals gehabt. Mit scharfem Verstand und drastischer Zunge hätte er jeden Personenkult schnell enttarnt und zur Strecke gebracht. Ich habe mir dieses ausrangierte Lutherporträt dennoch ins Büro gehängt.

Es ist nicht nur das eigenwillig Surreale, das die Darstellung für mich anziehend macht. Und es ist auch nicht bloß das Vergangene, das als Entmachtetes wieder exotisch zu wirken beginnt. Die goldene Lutherikone bringt in ihrer kindlichen Einseitigkeit eine Saite meines eigenen „Luthergefühls“ zum Schwingen. Ein malender Pfarrkollege kam einmal zu Besuch und hat das Bild eingehend betrachtet. Als er die Stirn in Falten legte, fragte ich ihn: „Dir gefällt es wohl nicht?“ Er antwortete ganz offen: „Man muss Luther mögen, um das Bild zu mögen!“

Ich mag Martin Luther. Sein Aufstieg vom Handwerkersohn zum Akademiker spiegelt sich in meiner eigenen Biographie wider. Seine inneren Kämpfe kenne ich: Er ist hin- und hergerissen zwischen Tradition und Aufbruch, zwischen Wurzeln und Wachsen. Das Gesetz des Müssens fordert und überfordert ihn. Er ringt um existentielle Annahme und Überwindung der Daseinsangst. Durch seine unverstellte Art wirkt er gelegentlich wie ein Elefant im Porzellanladen. Calvin und viele Feingeister hat das erschreckt. Ich finde es glaubwürdig und attraktiv, dass Klarheit ihm wichtiger ist als politische Correctness. Er schwadroniert nicht mit staatstragenden Floskeln, sondern trägt munter sein Herz auf der Zunge. Die Bücherregale können die Fülle seiner pulsierenden Schriften kaum fassen. Wie bei einer im innersten Wesen Gottes entsprungenen Quelle sprudeln die Worte aus ihm heraus. Obwohl das ordnende Kriterium „was Christum treibet“ alles intellektuelle Erkennen leitet, fehlt eine schriftliche Dogmatik, die systematische Zusammenfassung seines Denkens. Seine Schlussfolgerungen entziehen sich der berechenbaren Zwangsläufigkeit. Sein Blick ist offen für Gott. Seine dynamische Theologie bleibt im Fluss und bewässert unverbraucht die Felder unserer Gegenwartsfragen. In seiner Sprache fließt Strom von oben. Auch Luthers Persönlichkeit ist mit systematisierendem Schubladendenken nicht zu fassen. Er ist der ganz eigene, zutiefst geniale und zutiefst schwache Mensch. Sein Reflektieren, Predigen und Beten geschieht in kindlicher Unmittelbarkeit vor Gott. Ob er zitternd erschrickt vor dem Dunkel des eigenen Lebens oder ob er sich überschwänglich freut über die leckeren Hechte im Rhein: Der Schöpfer ist immer präsent. Unterschiedliches geht bei Luther noch zusammen: Kopf und Herz, Wort und Tat, Begriff und Bild, Bibel und Bier. Seine ethischen Äußerungen wirken lebendig und überraschend. Seine „Denkschriften und Verlautbarungen“ sind keine im Voraus berechenbaren Gebetsmühlen. Man hört ihm noch zu. Und trotz dampfwalzenartiger Leidenschaft kann er sich einfühlen in Andersdenkende. Dass er dem Gegner Johann Tetzel an dessen Sterbebett einen ergreifenden Trostbrief schickt, zeigt die seelsorgerliche Wärme. „Die Geister lasset aufeinander prallen, aber die Fäuste haltet stille.“ Luther kann hart kämpfen, aber auch vergeben. Wie kaum ein anderer besitzt er ein Gefühl für die wunderbare Bedeutung des Wortes „Gnade“. Natürlich ist da die „gratis“ geschenkte Erlösung zum ewigen Leben, die „Rechtfertigung allein aus Gnaden“. Aber er erlebt sie bereits in der Schöpfung. Dass wir leben und atmen und da sein dürfen, dieses täglich zu erfahrende Geschenk ist spürbare Gnade. Noch in seinen letzten Lebenstagen freut er sich über die köstlichen Eislebener Forellen und den guten örtlichen Wein. Bis zum letzten Atemzug lebt er unmittelbar aus der Hand seines Schöpfers als dankbares Gotteskind. Wo das Leben schon in dieser Welt zu seiner Bestimmung gelangt, triumphiert für ihn göttliche Gnade. Für Johann Wolfgang von Goethe war es besonders „Luthers Charakter“, der „der Menge imponiert“, alles Übrige sei „verworrener Quark“.

Mir erging es anders. Auch ich war als Jugendlicher begeistert von Luthers dramatischer Biographie, wie er als kleines „Mönchlein“ die Welt aus den Angeln gehoben hat. Aber mehr noch faszinierte mich später seine reformatorische Theologie. Aus manchen Verwirrungen heraus hat sie mir die Pforten ins Verstehen der Schrift geöffnet. Erst die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium hat mir die Bibel lieb gemacht. Das Studium seiner Abhandlung „Vom gefangenen Willen“ hat mich in meinem Gottesbild erschüttert und mir schlaflose Nächte bereitet. Es kränkt den Menschen, wenn sein Heil zu hundert Prozent an Gottes Willen hängt. Aber am Ende stand ein befreites Aufatmen und Staunen über die verlässliche Liebe Gottes. Ich empfinde Dankbarkeit für das, was Martin Luther durch sein Vorbild und seine Lehre mir wurde.

Allerdings gibt es auch die düstere Seite. Das offene Visier Luthers macht auch die Schwächen sichtbar. Sein ungebremstes Auftreten hat einen Preis. Die theologische Eindeutigkeit löst in einer multikulturellen, um Toleranz bemühten Gesellschaft Widerspruch aus. Manche seiner Briefe strotzen geradezu vor Beleidigungen. Manche Hetzformulierungen wären nach heutigem Gesetz strafbar. Im Internet kann sich der User mit Lutherworten persönlich beschimpfen lassen. Die kämpferische Forschheit hinterlässt bei Gegnern tiefe Verletzungen, denn „nichts wird langsamer vergessen als eine Beleidigung“. Die Ökumene wird belastet durch entwürdigende Ausfälle Luthers gegen den Papst und die römische Kirche. Wirkt er manchmal nicht rechthaberisch? Seine krankhaft hasserfüllten Äußerungen über die Juden sind unentschuldbar. Hat er dem Antisemitismus nicht die Sprache geliefert? Sein obrigkeitsorientiertes Denken wirkt anachronistisch. Friedrich Engels sieht in ihm einen „Bauernverräter“. Schaden Luthers „Heftigkeit, Wildheit und Zorn“ (Calvin) nicht dem reformatorischem Werk? Kritische Fragen rütteln heute am Denkmal. Mit Recht wird am Glanzlack des Lutherbildes gekratzt. Luther hat das selbst auch schon getan. Er sah sich nicht als heiliges Vorbild oder gar Kirchenpatron. Auf die Frage, ob man seine Anhänger „lutherisch“ nennen sollte, antwortete er: »Wie käme denn ich armer stinkender Madensack dazu, dass man die Kinder Christi mit meinem heillosen Namen nennen sollte?“ Warum wird er dennoch im Rahmen einer eigenen Reformationsdekade gefeiert? Warum gehört er dennoch laut Umfragen zu den „größten Deutschen“? Finden wir in diesem schwachen Gefäß nicht doch am Ende eine Perle, die strahlt? Gibt es in der Bewertung seiner Person und ihres Werkes nicht doch am Ende „mehr Licht als Schatten“ (Paul Dieterich)? Wenn Großes entsteht, sind die Spötter nicht weit, denn „wo Christus seine Kirche baut, baut der Teufel seine Kapelle daneben“. Ganz klar: Wer die Stacheln einer Blume nicht beachtet, wird sich daran stechen. Wer aber ausschließlich auf die Dornen schaut, wird die Rose nie blühen sehen. Was ist das Gold, das uns in Luther entgegenglänzt?

Im Rahmen einer Familienfreizeit in der Wittenberger Elbregion wollte unsere Urlaubergruppe eine alte Klosterkirche besichtigen. Sie befand sich unweit unseres Freizeitheims. Das dazugehörige Dorf hatte vielleicht 120 Einwohner. Das einstige Pfarrhaus war vermietet, die Kirche verschlossen. Als Kontaktadresse wurde im Schaukasten der Kirche das Büro der Superintendentur angegeben. Die Leitung des Kirchenkreises war für die Verwaltung der Kirche zuständig. Wir interessierten uns für eine Kirchenführung. Bei der telefonischen Anfrage wurde uns allerdings mitgeteilt, dass es niemanden gäbe, der uns die Kirche öffnen und erklären könne: „Im Dorf gibt es keine aktiven Gemeindeglieder mehr!“ Wir waren betroffen von dieser Information. Ist der evangelische Glaube hier ausgestorben? Gibt es niemanden mehr, der sich mit dem Gotteshaus identifiziert? Wie konnte am Quellort der Reformation der Strom des Glaubens derart versiegen? Nach ein paar Stunden erreicht uns ein überraschender Rückruf. Am Apparat ist das Kirchenkreisbüro: „Eine Kirchenbesichtigung ist nun doch möglich. Der Superintendent selbst wird Sie führen.“

Was wir nun in der Kirche erleben, ist ein Feuerwerk der Worte und Gefühle. Der erwartete Kirchenfunktionär entpuppt sich als leidenschaftlicher Geistlicher und mitreißender Prediger. Nüchtern schildert er uns die Situation seiner ostdeutschen Heimat: „Es wächst jetzt die dritte Generation ohne Gott heran. Sozialismus und Nationalsozialismus haben die Menschen gegen die Gottesfrage immunisiert. Viele haben Gott nicht nur vergessen: Sie haben vergessen, dass sie Gott vergessen haben. Der Atheismus ist zum Alltagsgefühl der Menschen geworden. Man definiert sich nicht als evangelisch oder katholisch. Man sieht seine Konfessionslosigkeit als sinnvoll und normal an. Unsere Kirchgemeinden sind oftüberaltert. Die Jüngeren sind in den Westen gezogen. Der Genosse Trend der Kirche heißt immer noch Rückzug. Manche Kollegen haben resigniert.“ Doch statt in dieser Beschreibung mutlos aufzugehen, strömt uns sprühende Zuversicht entgegen. Der Superintendent erinnert uns an die vielen Wunder, die geschehen seien: dass bei der friedlichen Revolution die Kerzenlichter stärker waren als die Kanonenrohre der DDR-Panzer. Dass die Kirche den harten Gegenwind dieser Jahrzehnte überlebt habe und heute in vielen Dörfern als verlässlicher gesellschaftlicher Partner von den Kommunen geschätzt werde. Dass sich neue Möglichkeiten ergeben im Bereich von Religionsunterricht und Schulgründungen. Dass konfessionslose Menschen ganz selbstverständlich bei der Renovierung ihrer Dorfkirche mithelfen. Dass es neben harter Gleichgültigkeit doch auch Bewegung gäbe: Erwachsenentaufen und Kircheneintritte. Wie ein Steuermann, der kraftvoll gegen den Sturm segelt, erzählt er:

„Diese Klosterkirche stand kurz vor dem Abbruch. Es gab hier keine Gemeindegottesdienste mehr. Niemandem schien sie mehr wichtig zu sein. Doch die Wende kam genau rechtzeitig. Mit westlicher Finanzhilfe konnten wir sie erneuern. Örtliche Hände haben sich motivieren lassen zur Mithilfe. Heute gibt es ein wöchentliches Friedensgebet, regelmäßige Konzerte, vierteljährliche Gottesdienste. Die Kirche beginnt wieder zu arbeiten. Ich bin dankbar für den Wohlstand, der aus dem Westen kommt, aber er wärmt nicht die Herzen. Auch unsere Seelen brauchen eine Heimat. Die Menschen werden wiederkommen. Hier wurde achthundert Jahre lang Gottes Wort verkündigt, und ich bin gewiss, dass dies auch noch in achthundert Jahren so sein wird.“

Und dann erinnert er uns an die reformatorische Tradition und an das reiche Erbe dieser Region, und es war, als wäre es in ihm lebendig geworden, als gehöre er zu denen, die das Feuer des Glaubens weitertragen, weil er mit Luther weiß: „Wir sind es doch nicht, die da die Kirche erhalten könnten. Unsere Vorfahren sind es auch nicht gewesen. Unsere Nachfahren werden’s auch nicht sein; sondern der ist’s gewesen, ist’s noch und wird’s sein, der da sagt: ‚Ich bin bei euch alle Tage bis der Welt Ende. ‘“ Aus den hoffnungsvollen Augen dieses Mannes hat ein trotziges Dennoch gefunkelt, das an Luther erinnert. Plötzlich leuchten die Steine, und durch den Staub der Geschichte funkelt das Gold des Evangeliums. Der glaubensgewisse Superintendent hat uns bei seiner Kirchenführung die toten Steine lebendig gemacht. Was zu kalter Leblosigkeit geronnen erschien, begann plötzlich durch seine Worte zu wärmen.

Dasselbe Anliegen verfolgt dieses Buch. Auf dem Hintergrund seiner Wohnorte wird Luthers Leben erzählt. Dem schweigenden Vergessen wird das „Schreien der Steine“ (Lukas 19,40) entgegengestellt. Luthers Lebensstationen sollen transparent werden für seine theologischen Entdeckungen und die aktuelle Relevanz seiner Gedanken.

Bei Luther lernen wir, dass religiöse Gleichgültigkeit keine moderne Erscheinung ist. In einer Predigt über die Freude auf das ewige Leben zitiert Luther ein Stammtisch erprobtes mittelalterliches Gedicht von Martinus von Biberach. Es nimmt das unbekümmerte Lebensgefühl vieler Zeitgenossen auf und wurde später von Bertolt Brecht zitiert:

Ich komm – weiß nit, woher.

Ich geh – weiß nit, wohin.

Mich wundert, dass ich fröhlich bin.

Luther lehnt diesen Spruch als „Reim der Gottlosen“ ab. Die Christen lebten doch genau in der umgekehrten Situation. Sie kennen Ursprung und Ziel ihres Lebens. Und trotzdem hätten sie oft Angst in der Welt. Deswegen hat Luther daraus ein ermutigendes Gegengedicht gemacht:

Ich komm – weiß wohl, woher.

Ich geh – weiß wohl, wohin.

Mich wundert, dass ich traurig bin.

Deswegen gefällt mir mein vergoldeter „Büro-Luther“. Die Worte des Reformators sind für mich wie ein erquickender Strom mitten in Wüstenzeiten, ein Aufruf zur Zuversicht, wenn die Anfechtung groß ist.

Vorschläge für Stadtrundgänge von Möhra bis Eisleben sind mit einem grauen Strich auf den jeweiligen Seiten markiert.

Möhra

Zur Quelle

Man kann das Leben Martin Luthers mit einem Fluss vergleichen. Mal wild und sprudelnd in den Kämpfen der jungen Jahre, dann wieder in sich ruhend dahingleitend an hellen Sonnentagen, wenn das „Evangelium seinen Lauf“ von ganz alleine tut. Reißende Stromschnellen und gefährliche Untiefen, wenn er wie ein Getriebener hastend fortgerissen wird vom Gefälle der sich verändernden Zeiten. Zum Ende hin dann ein breiter Strom, eine fast melancholische Schwere. Das Fließen wird langsamer, manchmal wie träge stehendes Wasser. Doch es gibt kein Zurück.

Da sind die vielen Rinnsale und Bäche, die den Fluss auf den Weg gebracht haben: eine herausfordernde Erziehung durch die Eltern, die gründliche Schulausbildung, klärende Zeiten im Kloster und an der Universität. Da sind menschliche und geistliche Lernerfahrungen, welche die ausgetrockneten Bachläufe seiner Existenzfragen tropfenweise angefüllt haben. Und dann die große Unterbrechung, wie ein vulkanisches Geschehen unmittelbar aus dem Herzen Gottes heraus: Er entdeckt die voraussetzungslose Gnade des himmlischen Vaters. Er macht die bestürzende Grunderfahrung des geschenkten Daseins. Für Luther war das nicht nur ein geistiges, sondern vielmehr ein alle Lebensadern umfassendes schöpferisches Ereignis. Er hat das Paradies erlebt und zittert vor glücklicher Erschütterung. Als ob ein Erdbeben ihm ein ganz neues Flussbett aufgerissen hätte, den Weg in die herrliche Freiheit der Kinder Gottes.

Dieser Strom verändert die deutsche Landschaft. Er ordnet mit seiner Fließrichtung die ganze Welt neu. Wie eine Kultur schaffende Lebensader ziehen Luthers Leben und Denken die Menschen in ihren Bann. Die Reformation prägt die westliche Gesellschaft über Jahrhunderte hinweg. Flüsse stiften Identität.

Vergleicht man also Luthers Leben mit einem Fluss, dann liegt hier im beschaulichen Möhra dessen Quelle. Hier fängt seine Familiengeschichte an. Hier steht das Stammhaus der Luthers.

Zur Welt gekommen ist der kleine Martin zwar woanders. In Eisleben, im östlichen Harzvorland, rund 160 Kilometer nordöstlich von hier. Sein Vater Hans war dort mit der Familie auf der Suche nach einer neuen beruflichen Existenz kurzzeitig untergekommen. Im Mansfelder Land boomte damals das frühindustrielle Wirtschaftsleben. Mit seiner hochschwangeren Frau war er hier angelangt. Eisleben ist eher zufällig zum Geburtstort geworden. Die Beziehungen dorthin gehen nicht in die Tiefe. Ein dort ansässiger Onkel der Mutter ist der Anknüpfungspunkt. Die Bande zu diesem Ort sind eher oberflächlich episodenhaft.

Gezeugt jedenfalls könnte Martin Luther hier in Möhra geworden sein, der jahrhundertelangen Heimat seiner Vorfahren. Frisch verheiratet haben seine Eltern wohl noch manche Zeit im Haus des alten Vaters Heine Luder verbracht, bevor sie sich auf den Weg in die weite Welt gemacht haben ins Mansfelder Land. Hier in Möhra, auf der Westflanke des nördlichen Thüringer Waldes, ist der Lebensraum des Lutherclans. An den Quellen dieser Landschaft wurzelt ihr starker Stamm.

Bereits um das Jahr 1300 herum findet sich in Möhra ein Wigand von Lüder. Ritter soll er gewesen sein und aus Großenlüder bei Fulda stammen. Ist er zum Ahnherrn des Reformators geworden? Eine adlige Herkunft? Namen erschlossen sich im Mittelalter nicht vom Schreiben, sondern vom Hören her. Es gab keinen Duden, der die orthographische Richtigkeit eines Begriffes bestätigte. Die meisten Menschen konnten nicht lesen. Ob Lüder, Luder, Ludher oder Luther, ob hessisch, thüringisch oder sächsisch – je nach Mundart klang es stets ein wenig anders, aber alle wussten: Das ist ein und dieselbe Person. Auch Martin Luther selbst hat seinen Namen mindestens auf drei verschiedene Weisen geschrieben. Und das Wörtchen „von“ charakterisierte damals nicht unbedingt eine adlige Herkunft. Es hatte vor allem einen ortsanzeigenden Charakter und konnte auch sagen: Wigand, der „von“ dem Ort „Lüder“ herstammt.

Auch Ortsnamen veränderten sich. Möhra hieß früher einfach nur „Moor“. Das erinnert an die namensgebende geologische Landschaft, ein ausgedehntes Feuchtgebiet, das auch im Namen der heutigen Großkommune weiterlebt. „Moorgrund“ nennt sich der Gemeindeverband, zu dem Möhra mit seinen rund 600 Einwohnern seit 1994 gehört.

Durch seine Nord-Südlage liegt das Mittelgebirge des Thüringer Waldes wie eine 150 Kilometer lange Staumauer frontal zur Hauptwetterseite. Es regnet überdurchschnittlich viel. Aus Sümpfen werden Moore. Die kargen Böden können nur wenige Menschen ernähren. Der mühevolle Lebenskampf, der manchmal wie ein Fluch auf dem Land lastete, konnte aber auch Segen bedeuten. Zum einen sagt Luther einmal rückblickend: „Anstrengungen machen gesund und stark.“ Segen ist nicht nur das Geschenkte, sondern auch das Erworbene, auch die Erfahrung des Bewältigens von Problemen durch eigene Kraft. Und dann: Wer angesichts solcher herausfordernden Lebensbedingungen freiwillig hierher zieht, dem muss man schon etwas bieten. Von der Grundherrschaft her müssen attraktive Autonomie- und Besitzrechte garantiert werden, die das Siedeln und Bleiben in diesem herben Gebiet fördern.

So entstand im Thüringer Wald eine relativ freie, selbstbewusste Bauernschaft, die nur einen weltlichen Patron über sich kannte, den sächsisch-thüringischen Kurfürsten. Die hiesigen Landwirte mussten nicht vielen Herren dienen, wie ihre Berufskollegen in Süddeutschland, von woher im späteren Bauernkrieg die stärkste revolutionäre Sprengkraft kam. Sie waren keine Leibeigenen, die von den Erwartungen ihrer Besitzer schier erdrückt wurden. Der Kurfürst verlangte nicht viel mehr als den jährlichen Gulden für ein Zugviehgespann, eine Art Maschinensteuer. Dazu eine überschaubare Abgabe für Haus und Hof. Das war bezahlbar. Der Freibauer war nicht am Fürsten festgekettet. Er durfte den Wohnort wechseln und besaß das damals nicht selbstverständliche Recht, sich die Ehefrau ohne obrigkeitliche Mitsprache aussuchen zu dürfen. Eigenständig waren die hiesigen Bewohner auch in der Bewirtschaftung der Allmenden, der gemeinsamen kommunalen Güter. Wald, Weide und Wasser wurde ohne Zutun des Grundherrn untereinander verteilt. Auch kleinere Rechtssachen durften auf gemeindlicher Ebene entschieden werden. Ein Dorf mit einem hohen Maß an politischer Selbstbestimmung.

Bei aller Freiheit, die den Möhraer Bauerngeschlechtern gewährt wurde: Eine juristische Bedingung gab es. Das Erbe durfte nicht geteilt werden. Der Hof musste am Stück an die nächste Generation weitergegeben werden. Erbberechtigt war immer der jüngste Sohn.

Nur wenn der Hof beieinanderbleibt, kann eine Familie davon existieren. Und dass gerade der jüngste Sohn erben sollte, war weitsichtig. Die Eltern konnten somit den Hof relativ lange selber bewirtschaften und die Kinder als Arbeitskräfte in ihrer Obhut behalten. Dadurch war es ihnen möglich, sich um deren weitere Versorgung nachhaltig zu kümmern. Denn von welchen Gütern leben die übrigen, die nicht-erbberechtigten Geschwister?

Wer nicht auf andere Bauernhöfe „einheiraten“ oder sich eine eigene kleine Existenz aufbauen konnte, der diente als Knecht oder Magd beim Bruder auf dem elterlichen Hof. Einige der leer ausgegangenen Geschwister verließen aber auch ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit und Brot. Der Abwanderungsdruck war groß in Gegenden, in denen das so genannte Anerbenrecht herrschte.

Diese harte Erbregelung war der Preis dafür, dass den bestehenden Höfen eine effiziente, wirtschaftliche Existenz bewahrt wurde und führte dazu, dass die Familien über Generationen hinweg sehr beständig auf ihren Höfen saßen. Die Sippschaft des Reformators zeigt sich als eine überaus ortsgebundene Familie. Im Jahr 1531 sind es mindestens vier Familien „Luder“, die in Möhra wohnen. Sie halten ihre Stammhäuser jahrhundertelang in Familienbesitz. Auch in den umliegenden Gemeinden ist der Name vertreten. Martin Luther sagt einmal, dass seine Verwandtschaft „fast die ganze Gegend einnehme“. Und dieser Eindruck gilt bis heute. Waren in vielen Regionen Deutschlands durch den Dreißigjährigen Krieg ganze Bauerngeschlechter ausgelöscht oder von ihren Dörfern vertrieben worden, so haben sich die Luthers am Ort behauptet. Im Telefonbuch des Jahres 2013 findet man für die Gemeinde Moorgrund noch neun verschiedene Anschlusspartner mit dem Namen „Luther“.

Zur bodenständigen Stabilität kommt die finanzielle Solidität. Aus Steuerlisten geht hervor, dass Luthers Großvater Heine und die mit den Luthers verschwägerten Familien Ziegler, Parchelt, Eckhardt und Kehr zu den sieben reichsten Bauern des Dorfes gehören. Innerhalb der örtlichen Honoratiorenschicht verehelicht man sich untereinander. Es geht nach dem Motto frommer Lebenstüchtigkeit: „Gott hat sie zusammengeführt, aber die Äcker liegen auch beieinander.“ Aus deren Häusern kommen die Entscheidungsträger des Ortes: ehrenamtliche Bürgermeister, Räte und Dorfrichter. Martin Luther bekennt einmal, dass er selber, wenn sein Vater nicht nach Mansfeld gezogen wäre, in diesen Tätigkeiten seine Bestimmung gefunden hätte: „Ich hätte eigentlich ein Vorsteher, Schultheiß und was sie sonst im Dorf haben, irgendein oberster Knecht über die anderen, werden müssen.“ In solchen Familien ist man gewohnt, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen und Vorbild für andere zu sein.

Martins Vater Hans war nicht erbberechtigt. Er scheint der älteste der vier Luder-Buben gewesen zu sein. Heinz war der jüngste Sohn des Heine, der designierte Hoferbe. Was bekam der Erstgeborene? Gab es für ihn eine berufliche Perspektive?

Aufschlussreich ist, dass die Familie Eigentumsanteile an einer Mühle besaß, die zwischen Möhra und Ettenhausen lag. Ursprünglich war es eine Kupfermühle. Zahlreiche aufgelassene kleine Bergwerke zeigen, dass es durch das ganze Mittelalter hindurch Versuche gab, im Thüringer Wald Eisen, Kupfer und andere Mineralien zu gewinnen. Doch die Bemühungen blieben meistens enttäuschend. Die Erträge deckten oft nur die Binnenbereiche des regionalen Eigenbedarfs ab. Das Kupfererz war von schlechter Qualität. Es lohnte sich nicht mehr. Als das Mühlengebäude später verkauft wird, ist zu erfahren, dass in den 1480er Jahren aus der ehemaligen Kupfer- eine Getreidemühle geworden war. Die Umwandlung von der Metall- zur Kornverarbeitung geschah ungefähr zu der Zeit, als Hans ins Mansfelder Hüttenrevier ausgewandert ist. Ist das ein Zufall? Hat er sich vielleicht bereits als junger Erwachsener in einer Art Nebenerwerbstätigkeit den Geschmack und die Kenntnisse geholt für sein weiteres berufliches Fortkommen als Bergmann? Hätte er vielleicht, bei guten Umständen, die Mühle und das Hüttengewerbe übernommen? Und wollte er nun dorthin, wo der Kupferabbau lukrativer zu sein schien? Das junge Ehepaar verließ jedenfalls die Gegend. Der zukünftige Reformator wurde im Mutterleib davongetragen.

Aber Martin Luther ist später gerne hierher zurückgekommen. Er hat sich seines Möhraer Familienclans nicht geschämt. Als er die weiterführende Schule besucht und zu diesem Zweck ins nahe Eisenach umzieht, pflegt er Kontakt hierher. Ein dreistündiger Sonntagsspaziergang führt den Lateinschüler von seiner Lehranstalt aus leichtfüßig zu seinen Cousins und Cousinen hinter dem Wald. Vorbei an der Wartburg steigt ein Seitenpfad des Rennsteigs munter hinauf in den Thüringer Wald. Nobelpreisträger Thomas Mann schwärmt davon, dass die Natur hier „immer schöner, bedeutender und romantischer“ wird. Man gelangt durch das Dickicht des Gehölzes in die Weite des Moorgrundes. Der Wanderer wird von „freundlichen Haufendörfern aus Fachwerkhäusern“ sonnig begrüßt. Für den städtischen Teenager ist es eine fröhliche Landpartie. Ein Stück Heimat abseits des fernen Mansfelder Elternhauses.

Luther redet positiv über seine Verwandtschaft. Seinem Landesherrn bekennt er später, dass die hiesige Familie ihm „geholfen hat“. Selbst als er bereits deutschlandweit bekannt ist, stellt er sich vorbehaltlos zu seinen bäuerlichen Angehörigen und verwendet sich beim Kurfürsten für den in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Onkel Heinz. Dieser würde gewiss „tun, was er für diesen Hof schuldig ist“. Luther bürgt für ihn und macht deutlich: Ich kenne ihn. Er wird seinen fälligen Kredit baldmöglichst begleichen. Offenbar war Heinz durch außergewöhnliche Umstände in Zahlungsrückstand geraten.

Am besten dokumentiert ist Luthers Aufenthalt in Möhra am 4. Mai 1521. Diese Sternstunde der Ortsgeschichte ereignet sich auf dramatischem Hintergrund. Mit dem Pferdewagen vom Rhein herkommend hat er bewegende Erlebnisse im Gepäck. Auf dem Wormser Reichstag hatte Luther öffentlich das Evangelium bezeugt, sich geweigert, seine Lehren zu widerrufen und war verurteilt worden. Vom Papst gebannt und vom Kaiser geächtet befindet er sich nun fast schutzlos auf der Rückfahrt nach Wittenberg. Unterwegs erreicht ihn eine durch Boten überbrachte Einladung zum Besuch seiner Verwandtschaft. Wer steckt dahinter? Gibt es eine kurfürstliche Regieanweisung für diesen Umweg? In Eisenach verlassen er und seine immer weniger werdenden Begleiter den breiten Heerweg, die Hauptstraße nach Gotha. Der Wagen biegt ab Richtung Südosten. Auf unübersichtlichen Seitenpfaden geht es weiter durch baumreiches, bergiges Gelände. Möhra kommt in Sicht. Von dort aus würde er morgen weiterreisen. Bei der Steige des Steinbacher Glasgrundes, zwei Wegstunden entfernt von hier, wenn die Pferde langsamer werden, würden sie ihn dann in Schutzhaft nehmen und auf die Wartburg bringen. Die Bergfeste seines Landesherrn würde zum Kavaliersgefängnis, zum rettenden Exil werden. Aufregende letzte Stunden vor der geplanten Hilfsoperation seines Schutzherrn Friedrichs des Weisen. Wie gut tun einem in Zeiten der Anfechtung die vertrauten, kampffreien Räume. Der Hof des Onkels. Ein warmes Willkommen. Das stärkende Essen. Eine sichere Schlafstatt. Wohltaten für Leib und Seele. Als ob sich der prominente Durchreisende in dieser Heimatlosigkeit noch einmal seiner Wurzeln versichern wollte, ein Rasten des Hastenden. Er holt sich Kraft an der erfrischenden Quelle des familiären Zusammenhaltes.

Und er versammelt sie alle um sich. Am nächsten Morgen hält er eine Predigt unter freiem Himmel. Auf dem Dorfplatz wollen ihn Hunderte hören. Man kennt sich und weiß voneinander. Es ist ein Heimspiel. Luther steht im Nachrichtenzentrum des Ortes, direkt unter der mächtigen Dorflinde. Hier wurde früher Gericht gehalten. Auch manch politischer Friedensschluss ist unter dem Baum bekannt gegeben worden. Der berühmt gewordene Wittenberger Professor – freilich ein Aufsteiger, aber doch auch „einer von uns“ – verkündigt unter dem Baldachin des Blätterdaches das Evangelium: das Gericht über fromme Werkgerechtigkeit und den Frieden für verängstigte Seelen. Ganz Möhra steht hinter ihm in diesen schweren Stunden vor seiner fingierten Gefangenahme.

Luther predigt in Möhra

Was ist von dieser innigen Beziehung geblieben? Wie stellt sich der Ort dem heutigen Besucher dar?

Die Dorflinde gibt es seit 150 Jahren nicht mehr. Da, wo Luther einst predigte, steht seit dem Jahr 1861 sein fünfeinhalb Meter hohes Bronzedenkmal. Es ist der augenscheinliche Ausgangspunkt einer „neueren“ Luthererinnerung des 19. Jahrhunderts. Die Welt hat in den davorliegenden Jahrhunderten nicht viel von Möhra gewusst. Luthers Stammort lag im Windschatten der Geschichte. Man war hier evangelisch geworden, nicht aus Lokalpatriotismus, sondern weil es der zuständige Kurfürst angeordnet hatte. In manchen eingesessenen Familien mag das Luthergedächtnis wach geblieben sein, aber die Augen der gebildeten Gesellschaft richteten sich auf andere Lutherstätten, vorrangig nach Wittenberg. Die Universität an der Elbe wurde zum blühenden Anziehungspunkt vieler protestantischer Studenten. Über zweihundert Jahre hinweg prägte sie geistiges Leben im reformatorisch gesinnten Europa.

Erst am Ende des 18. Jahrhunderts verändert sich die akademische Wahrnehmung. Der Blick geht weg von den alten Griechen und ihren klassischen Vorbildern. Wissenschaftler und Künstler entdecken die eigene Nation. Die nun einsetzende Zeit der Romantik sucht ihre Ideale nicht mehr im antiken „ausländischen“ Götterhimmel, sondern im Wurzelwerk germanisch-mittelalterlicher Mythen. Das „Kind aus dem Volk“ mit seiner authentischen Reinheit wird zum Gegenstand forschenden Interesses gegen alles „Verbildete“. Das sich emanzipierende Bürgertum sucht seine Identität im eigenen Herkommen. Die Werte der überschaubaren Welt des bäuerlichen Dorfes werden verklärt gegenüber der vermeintlich dekadenten, städtischen Lebensweise des Adels. Das 19. Jahrhundert ist eine Zeit der Ausgräber und Quellensucher. In der Gegenbewegung zur aufkommenden Industrialisierung entdeckt man den „deutschen Wald“ als Ur-Ort des Lebens. Man sucht den geheimnisvollen Zauber verwunschener Plätze in Mooren, Bachläufen und Bergschluchten. „Ad fontes“, der humanistische Ruf „zu den Quellen“, wird in der Romantik zu einem Appell, die Wahrheit nicht in den Tempeln von Peloponnes, sondern im kulturellen Wurzelgrund des eigenen Landes zu finden. Der schwäbische Musikpädagoge Friedrich Silcher notiert die Lieder des einfachen Volkes. Die hessischen Gebrüder Grimm veröffentlichen alte Erzählungen, die die Großmutter noch wusste. Es entstehen gedruckte Sammlungen von Liedern und Sagen. Es ist, als würde ein verschütteter Quelltopf wiederentdeckt, ausgegraben und neu für die Menschen gefasst.

Aus diesem Geist heraus entsteht auch das berühmte „Deutsche Märchenbuch“. Es stammt von dem Meininger Apotheker und Sagenforscher Ludwig Bechstein. Der herzogliche Kabinettsbibliothekar ist ein Universaltalent und wird auch zum Hauptinitiator des Möhraer Lutherdenkmals. Die romantische Sehnsucht braucht Pilgerorte und Symbole, deutsche Helden wie Martin Luther, die aufs Podest der Bewunderung gestellt werden. Bechstein geht voran und ruft eine Spendenaktion ins Leben. Zum 300. Todestag des Reformators 1846 soll die bronzene Skulptur fertig sein. Bechsteins Freund, der Meininger Hofbildhauer Ferdinand Müller, hat sie entworfen. Aber es zieht sich hin. Zwischen ungestümer Anfangsbegeisterung und praktischer Umsetzung liegt der meist lange Weg finanzieller und handwerklicher Realitäten. Als die überlebensgroße Darstellung 1861 in Anwesenheit fürstlicher Vertreter und unter Absingen des Chorales „Ein feste Burg ist unser Gott“ feierlich enthüllt wird, ist Ludwig Bechstein bereits gestorben. Seine Dichterworte aber fassen die Gefühle der Festgesellschaft zusammen und klingen als Rezitation übers Land:

O Möhra, so beglückt und so verlassen.

Du hast ein Recht zu jubeln und zu klagen.

Der arme Bergmann ist davon gezogen.

Im fremden Land vielleicht das Glück zu fassen.

Dir – ward dein Stern im Mutterschoß enttragen.


Lutherdenkmal neben dem Stammhaus

Ist dieses Ehrenmal mit seiner hel- denhaften Gestik und den im Sockel dargestellten biographischen Schlüsselszenen ein idealisiertes Lutherbild, eine überhöhte Heiligendarstellung? Zumindest ist es ein Trostpflaster für die entgangene Ehre, der Geburtsort dieser einmaligen Persönlichkeit geworden zu sein. Den bronzenen Reformator jedenfalls ließen sich die Einwohner Möhras nicht mehr nehmen. Als das Denkmal während des Zweiten Weltkriegs zu Kanonenfutter verwandelt und eingeschmolzen werden sollte, gab es mutige Ortsverantwortliche und gewiefte Beamte,die mit einer behäbigen Verzögerungstaktik die in Berlin befohlene Ablieferung zu verhindern wussten. Diesmal haben sie sich ihren Luther nicht „enttragen“ lassen.

Die Ortsbesichtigung beginnt man am besten hier, im Zentrum des Dorfes, auf dem Lutherplatz, Auge in Auge mit dem denkmalgewordenen Glaubenszeugen. Auf den ersten Blick sieht man schon das Wichtigste:

Luthers rechte Hand zeigt auf ein typisch thüringisches Fachwerkhaus am Lutherplatz Nr. 1. Es ist „Dr. Martin Luthers Stammhaus“. Aller Wahrscheinlichkeit nach war er in diesem Haus des Großvaters mehrfach zu Gast. Es ist der mutmaßliche Geburtsort seines Vaters. Das Gebäude wurde nach einem Brand 1618 von einem Georg Luther wieder neu aufgebaut. 1982 wurde bei einer Renovation der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt. Das Haus ist nicht zu besichtigen, aber zu bewohnen. Wer rechtzeitig bucht, kann in einer der Ferienwohnungen unterkommen.

Am hinteren Ende des Platzes steigt man zum Kirchberg hinauf und betritt durch eine unauffällige Gartentüre den Kirchhof. In freundlicher Anmut steht dort ein ländliches Gotteshaus. Eine kleine Ausstellung befindet sich im Inneren der Kirche. Um das Jahr 1700 erhielt das Gebäude seine heutige Gestalt. Dem Turm wurde die typische „Thüringer Haube“ als Dach aufgesetzt. So schön die Vorstellung gewesen wäre, dass Hans und Margarethe Luder hier geheiratet haben, so fand deren Vermählung tatsächlich wohl aber in der stattlichen Wehrkirche im Filialort Ettenhausen statt, der damaligen Hauptkirche des Kirchspiels. Sie stand für Brautmessen größerer Familien zur Verfügung. In Möhra selbst gab es nur eine kleine Kapelle. Ein Ort des Gebets und der Seelenmessen für Verstorbene, vielleicht auch für Taufen. Dieser bescheidene Andachtsort entsprach in der Größe ungefähr dem heutigen Chorraum. Die steinerne Tischplatte auf dem Altar mit den fünf eingehauenen Weihekreuzen stammt noch aus dieser Zeit. Viel später dazugekommen sind die bunten Bleiglasfenster, die ein Medizinalrat Luther aus Luckenwalde gespendet hat. Dass man sich auf Lutherland bewegt, zeigt auch der Gang über den angrenzenden Friedhof. Wer die Namen der Verstorbenen liest, wird fündig werden.

Die Höhepunkte des Ortes sind schnell erfasst: Lutherplatz, -denkmal, -haus und -kirche. Fehlt nur noch das 2002 eingerichtete Lutherzimmer. Es findet sich im Dorfgemeinschaftshaus, wenige Gehminuten vom Ortszentrum entfernt an der Hauptstraße. Ein nett gemachtes Museum, das einführt in die historischen Verbindungen Luthers hierher. Am eindrucksvollsten ist das große Bild, das Möhras geschichtsträchtigste Stunde zeigt: den predigenden Mönch unter der Dorflinde. Nach der Besichtigung lädt eine Bäckerei im unteren Stockwerk ein zum kulinarischen Nachklang bei Kaffee und Kuchen.

Das heutige Möhra ist noch immer ein kleiner Flecken, der von landwirtschaftlichem Leben geprägt zu sein scheint. Bellende Hofhunde und aufmerksame Nachbarn verfolgen den Weg des fremden Besuchers. In das beschauliche Bild passt der Geflügelpark, der auf Initiative des örtlichen Rasseflügelzüchtervereins gegründet wurde. In Volieren und Teichen sind heimische Geflügelrassen wie Steinbacher Kampfgänse und Thüringer Barthühner zu bestaunen. Luther hätte sich daran gefreut. Immer wieder nimmt er Bilder aus dem Tierreich auf und benützt sie als rhetorische Gleichnisse. Dem faulen Schüler rät er zum Beispiel: „Liebes Kind, lernst du wohl, wirst du gebratner Hühner voll, lernst du aber übel, so geh mit den Säuen über den Kübel.“

Ob Luther auch das buddhistische Karmazentrum gefallen hätte, mag dahingestellt bleiben. Ein wachsendes „Unternehmen“: Über dreißig neue Wohneinheiten sind am Ortsrand geplant. Im Angebot sind Kontemplation und Achtsamkeitswochenenden, Lebenshilfe und buddhistische Sterbebegleitung. Das Kloster auf Zeit lädt den Besucher ein, durch tibetische Meditation seine eigenen spirituellen Wurzeln zu finden. Bewusst wurde ein abgelegener Ort der Stille gewählt. Was würde Luther dazu sagen? Er hat ja sein Ordensgewand abgelegt und geäußert, dass „alle Klöster und Stifte ausgewurzelt“ werden sollten. In seinem mönchischen Ringen hat er erfahren: Wer in sich geht, trifft immer auf den Sünder. Im Lied zeichnet er sein dramatisches Erleben nach: „Die Angst mich zu verzweifeln trieb, dass nichts denn Sterben bei mir blieb, zur Hölle musst ich sinken.“ Empfände Luther diese karmasuchende, friedliche Lebensgemeinschaft als Untergangszeichen für das abendländische Christentum? Eine Rückkehr zu längst überwunden Geglaubtem? Oder könnte er darin vielleicht auch ein geistliches Suchen entdecken? Ein erster Schritt auf dem Weg zum Evangelium? Sicher würde er uns eine wahrnehmende und gleichzeitig kritische Gelassenheit empfehlen. Und uns an das Versprechen Jesu erinnern, dass seine Gemeinde nicht von den Pforten der Hölle überwunden wird.

Mit diesem den Menschen zugewandten Gottvertrauen hat Christoph Martin Neumann von 1988 bis 2009 seinen Dienst als evangelischer Pfarrer in Möhra getan. Das Pfarrhaus steht neben der Kirche. Als Neumann in Pension ging, wurde es gründlich renoviert. Trotz kirchlicher Stellenreduzierungen soll die Möhraer Pfarrstelle mit Rücksicht auf die kirchengeschichtliche Bedeutung des Ortes erhalten bleiben. Neumann, der hier die Zeit der politischen Wende erlebt hat, lobt die positive Haltung der Menschen zur Kirche. So wurde der örtliche Kindergarten in den 1990er Jahren in die Obhut der Kirchengemeinde übergeben. Die christlichen Erzieherinnen wirken heute auch in Familien hinein, „die nicht mehr viel vom lieben Gott wissen“. Ein hoher Anteil der Bevölkerung ist nach wie vor evangelisch. „Die Tradition wirkt nach“, sagt der beliebte Seelsorger, dem eine „zu den Leuten hingehende Gemeindearbeit“ wichtig war. Manche Kritiker würden die örtlichen Bewohner zwar als „lutherische Dickschädel“ bezeichnen. Er jedoch habe seine Gemeindeglieder als vielleicht „bedächtig, aber immer offen und liebenswert“ erlebt. „Viele sind bereit, sich mit ihren Gaben in die Kirchengemeinde einzubringen.“ Seinen interessanten Dienstort empfand er als ein „Dorfpfarramt mit dem Blick zur Welt“. Auch im Ruhestand bringt er vielen Reisegruppen in humorvoller Lebendigkeit die Geschichte des Lutherstammortes nahe.

Was bleibt nun, wenn wir weiterziehen? Warum ist das unspektakuläre Möhra so wichtig für ein vollständiges Lutherporträt? Was ist die Mitgift dieses Ortes für Erben, die den Reformator verstehen wollen?

Vielleicht hilft uns dabei der Blick auf einen ganz anderen, einen lutherischen Theologen der Neuzeit. Eberhard Bethge, der Freund und Biograph Dietrich Bonhoeffers, schildert in seiner Lebensbeschreibung die „reiche Welt der Vorfahren“ Bonhoeffers, der wegen seines mutigen Widerstandes gegen die Nazis zum Märtyrer geworden war. Seiner familiären Herkunft verdanke er „eine Sicherheit des Urteils und des Auftretens, wie sie nicht in einer Generation erworben werden kann“. Bethge sieht im verwandtschaftlichen Wurzelgrund einen entscheidenden Faktor für die Souveränität und Unerschrockenheit Bonhoeffers: Wer auf sicherem Boden steht, kann sich weit aus dem Fenster lehnen.

Ist es nicht gerade diese innere Freiheit, mit der uns viereinhalb Jahrhunderte zuvor auch Luther in seinen entschlossenen Stunden begegnet? Luther kommt nicht aus großbürgerlichen Kreisen. Er hat keine Ratsherren, Generäle und Universitätsprofessoren in der Ahnenreihe. Seine Vorfahren gehören zum „gemeinen Volk“. Er sagt auch, dass „stolze Esel aus den Söhnen der Helden werden, die sich ihrer Tüchtigkeit rühmen“. Für ihn ist es ein „närrischer Traum“, wenn man meint, man würde der geistlichen Gaben „durch fleischliche Abstammung teilhaftig“.

Er hat einen völlig anderen persönlichen Hintergrund als Bonhoeffer, aber dennoch gibt es auch in seiner Familie ein unbeugsames Autonomiebewusstsein. Man sieht sich nicht als rechtlose Klasse, die mit devotem Sklavengeist passiv dahinvegetiert. Der starke Stamm dieser Thüringer Sippe gestaltet aktiv die Welt. Martin Luther ist geprägt von einem Selbstverständnis, das nicht nur über die eigene Leistung definiert wird, sondern auch aus dem Herkommen der Väter. Eine Standesehre, die „nicht in einer Generation erworben werden kann“.

Luthers Vater war in seinem zweitgelernten Beruf Bergmann. Das war eine industrielle Tätigkeit, kein Bauerntum. Martin hat von Kindheit an in kleinstädtischen Verhältnissen gelebt, nicht auf dem Land. Dennoch stellt er sich entschieden zu seiner dörflichen Herkunft. Nur im Nachsatz zählt er fast leidenschaftslos die berufliche Erwerbstätigkeit des Vaters auf. Geradezu bekennerhaft dagegen stellt er fest: „Ich bin eines Bauern Sohn, mein Vater, mein Großvater, mein Urgroßvater sind rechte Bauern gewesen.“ Aus bäuerlicher Herkunft heraus entwickelt er sein erdiges Selbstverständnis. Hier in Möhra geht es um Luthers Identität.

Alte Heimatbücher schildern den Volkscharakter der Thüringer Waldbewohner. Sie beschreiben die „einladende Distanzlosigkeit“ und „fehlende Zimperlichkeit“ der örtlichen Bevölkerung. Im Ringen um das tägliche Brot wird ihre Kraft gestärkt. Im Moorgrund stellt man sich kampfesmutig den Widrigkeiten des Lebens, die nur mit ausdauernder Arbeit besiegt werden können. Es findet sich etwas Entschlossenes, Handgreifliches. Man ist aktiv und konservativ. Man kämpft gegen Ungerechtigkeiten, neigt aber nicht zu Revolutionen. Auch heute noch. Im örtlichen Gemeinderat bestimmt die CDU mit absoluter Mehrheit die kommunalen Geschicke. Die lebensnahe Orientierung am Machbaren entzaubert den künstlichen Schein weltfremder Ideologien. Es findet sich ein ausgeprägtes Rechtsgefühl, das im landwirtschaftlichen Herkommen und den Traditionen der Alten wurzelt. In manchem Beschriebenen mag man Luthers Wesen und Eigenarten wiedererkennen.

Da ist Luthers Nähe zum Kreatürlichen, das oft den Duft des Ackers in sich trägt. Der Landwirt erfüllt unmittelbar den biblischen Befehl des Schöpfers an den Menschen. Sein Ur-Beruf ist das „Bebauen und Bewahren“ der Erde. Auftrag und Erfüllung, Wort und Antwort sind beim mittelalterlichen Bauern ungetrennt beieinander. In jeder eingebrachten Weizenähre und mit jedem gepflückten Apfel erfährt er handgreiflich die „väterliche, göttliche Güte und Barmherzigkeit“, durch die wir „reichlich und täglich versorgt werden mit allem, was Not tut für Leib und Leben“. Luther hat sich das dankbare Staunen des erntenden Landwirts bewahrt, wenn er appetitanregend bemerkt: „Darf Gott gute, große Hechte und gute Rheinweine erschaffen, so darf ich sie wohl auch essen und trinken.“

Entschlossene Arbeit macht hungrig. Dass dabei im Überschwang der Freude auch manches Maß verloren geht, sieht man an der üppigen Körperfigur des verheirateten Luthers. Ein verwandter Großneffe wird in den Analen als „Georg der Dicke“ beschrieben. Offenbar liegt auch etwas Maßloseses, Ungebremstes in den Genen der Familie, ein Hang zur Leibesfülle.

Der Bauer kennt das Ernteglück, aber er weiß auch um die andere Seite, den „Fluch“, der die Schöpfung durchzieht. Eine schöne und gleichzeitig schwere Welt, die dem Schöpfer wie ein tönernes Gefäß durch menschlichen Hochmut entglitten zu sein scheint. Das Wunder zeigt sich dem Landwirt nun in einer eigentümlichen Gebrochenheit: Ernte und Hunger, Sonne und Hagel, Kraut und Unkraut, Geburt und Tod. Er erlebt die Sünde nicht als harmlosen moralischen Defekt, sondern als wirkmächtige Tatsache, die der ganzen Schöpfung wie eine Klette „am Hals“ liegt. Ein substantieller, bäuerlicher Realismus, der Luther in seinem Reden und Denken prägt.

Luthers Sprache ist alles andere als „professoral“. Er schaut „dem Volk aufs Maul“. Er neigt zu emotionsgeladenen Formulierungen, zu drastischen Bildern aus dem ländlichen Umfeld. Sein Vokabular ist reich an beleidigenden Ausdrücken. Nichts für den Hörsaal. Die Hölle vergleicht er mit einer „Kloake“, dem Teufel will er nicht „einen Furz schenken“ und die Kardinäle sind für ihn schlichtweg „Scheißdreck“. Das ist nicht die feine englische Art, sondern ätzende Fäkalsprache aus der untersten Schublade. Steckt dahinter eine schlechte Kinderstube? Ist er eben doch „ein ungehobelter Bauer“? Nein, es ist gezielte Absicht. Seine anschauliche Sprache erreicht die Menschen über Milieugrenzen hinweg. Die leibhaften Formulierungen geben den Sprachlosen eine Stimme. Mit Analrhetorik macht er das Abgründige seine Gegner plastisch. Durch das Fassbare seiner Sprache macht er deutlich: Das Beschriebene ist ekelhafte Realität. Man spürt seine Schmerzen. Es ist Kampfvokabular gegen den Teufel und all diejenigen, die mit ihm im Bunde stehen. Sein theologisches Erkennen wird im Leiblichen festgemacht. Die australische Historikerin Lyndal Roper fasst es so zusammen: „Luther denkt durch seinen Körper hindurch.“

Und wenn Luther das christliche Ethos beschreibt, wenn er feststellt, dass ein Christ „niemandem untertan“ ist im Glauben, aber „allen untertan“ durch die Liebe, wenn er Freiheit und Verantwortung zu Zwillingsschwestern erklärt, sieht er da nicht seinen Großvater vor sich? Ein unabhängiger Bauer, der nur einem Herrn verpflichtet ist. Diese Beziehung zu dem einen Herrn macht ihn frei gegenüber den Ansprüchen der vielen kleinen „Herrlein“. Diese Beziehung verpflichtet ihn aber auch zur Schuldigkeit gegenüber jedermann, zum gerechten Umgang mit seinem Nächsten.

Der Weg nach Möhra ist der Weg zur Quelle. Ein Ort, an dem Unterirdisches ans Tageslicht kommt und Verborgenes offenbar wird. Wie groß ein Fluss auch werden mag, die Quelle lebt doch stets in ihm weiter.

Mansfeld

Sohn eines Aufsteigers

Ein Aufstieg kostet Kraft. Verlässt ein Wanderer die weite Ebene, um den steilen Berg zu erklimmen, so steigt sein Puls. Die Lungen füllen sich, das Blut pulsiert in den Adern, sein Herz schlägt höher, der Kopf wird frei. Der Mensch kommt zu sich selbst und spürt seine Fähigkeiten und Grenzen. Er ist nun allein mit sich und dem Berg. Und die Strapazen sind nicht vergeblich: Eine faszinierende Aussicht lohnt die Mühe vergossenen Schweißes. Wer oben steht, sieht weiter. Der Blick über die Landschaft zeigt ihm seither unentdeckte Wege und Möglichkeiten. Das Gesehene macht Lust auf Neues. Aufstiege mögen wohl Kraft kosten, aber sie bergen in sich auch eine aufrüttelnde Dynamik.

Dieser entfesselte Schwung beflügelt Hans Luder, als er mit seiner jungen Familie im Frühsommer des Jahres 1484 nach Mansfeld zieht. In der Stadt im Wippertal macht er Karriere. Hier beginnt sein Aufstieg vom Bauern zum Bürger, vom armen Auswanderer zum angesehenen Unternehmer. Der spätere Bergwerksbesitzer am Mansfelder Rabenhügel symbolisiert mit seinem wirtschaftlichen Erfolg die aufstrebende Mentalität einer ganzen Epoche.

„Renaissance“ wird dieses energiegeladene Zeitalter genannt, das den Platz des Menschen im geweiteten Universum neu definiert. Die veränderte Denkperspektive macht den Christen nicht gottlos, aber er sieht, dass Gott größer ist als seither geglaubt. Der Sterbliche begreift, dass der Urheber des Kosmos ihn nicht nur für den Himmel geboren, sondern auch für die Erde begabt hat. Zur Last des Pilgers, der vor dem Jüngsten Tag zittert wie ein Kandidat vor der Prüfung, tritt nun auch eine unbefangene Lust an der heutigen Welt. Deswegen ist es kein Teufelswerk, wenn der Mensch in der eigenen Anstrengung seine Talente entdeckt und im irdischen Handeln entfaltet. Darin kommen vielmehr die Gaben des Schöpfers zur Welt. Dem schwerblütigen, mittelalterlichen Dunkel wird nun das atmende Glück eines Gottes entgegengehalten, der sich an seinen Werken freut und nach deren Erschaffung lobend feststellt: „Siehe, es ist alles sehr gut!“

Die neue Sinngebung für das eigene Dasein lässt die Mauern eines seither geordneten Gemeinwesens bröckeln. Die jahrhundertealte Statik eines in Nähr-, Lehr- und Wehrstand dreigeteilten Gesellschaftsgebäudes bekommt durchlässige Risse. Die Zugehörigkeit zu einer Kaste mag noch wichtig bleiben, aber gewürdigt wird nun auch das Können des Menschen. Es ist die Zeit der beherzten Pioniere. Mit der Entdeckung Amerikas sprengt Christoph Columbus das Blickfeld des alten Europas. Johannes Gutenbergs Erfindung des modernen Buchdrucks macht es möglich, dass alle Welt diese Nachricht erfährt. In späteren Jahrhunderten wird der Forscher zum Prototyp der Epoche der Neuzeit. Als Erster erschließt er sich neue, unberührte Pfade. Er braucht Eigenschaften wie Mut, Experimentierfreude und Durchhaltevermögen. Der Weg zur Spitze kostet Schweiß und Tränen, doch das Geschaute ist Belohnung genug. Wie in einem wiedergefundenen Paradies eröffnen sich reiche Ressourcen und gestaltbare Lebensräume. Der Zauber des Ursprungs setzt bereits zum Ende des Mittelalters hin schöpferische Kräfte frei. Wissenschaft, Kunst und Kultur erblühen unter der belebenden Sonne prachtliebender Mäzene. Die Menschen zieht es nach oben. Tuchhändler werden zu Päpsten und Kaufleute zu Großbankiers. Die Familien Medici, Fugger und Welser sind die bestaunten Vorbilder des Aufstiegs. Fast ein Millennium lang waren die Menschen geborgen, aber auch gefangen in einer vermeintlich gottgegebenen hierarchischen Ordnung. Nun öffnen sich bislang verriegelte Tore. Vieles ist möglich. Auch wenn es noch keinen utopischen, optimistischen Zukunftsglauben gibt – wie in späteren Zeiten, als man das Paradies durch menschliche Kraft erlangen wollte –, so gibt es doch so etwas wie die Hoffnung auf ein besseres Leben. Dieser Geist durchströmt jene Aufbruchsjahre.

Auf diesem zeitgeschichtlichen Hintergrund dürfen wir die Übersiedelung der Familie Luder vom Thüringer Wald nach Mansfeld nicht nur als einen gewöhnlichen Umzug verstehen. Es ist vielmehr der Schritt aus dem sich auflösenden Mittelalter in die anbrechende Neuzeit. Der Beginn eines Aufstiegs, dessen mitreißende Dynamik auch in der nächsten Generation fortwirkt. Martin Luthers Ausbildung steht im Sog des „Wind of Change“, der ihn nach oben trägt. Zwei Generationen vorher wäre dieses familiäre Vorwärtskommen noch undenkbar gewesen. Der spätere Theologe kennt freilich auch den Preis für den Fortschritt. Er weiß etwas von den Schmerzen des Menschen im Unterwegssein zwischen den Zeiten. Stets muss ein neuer Schritt gewagt und die angeborene Bequemlichkeit überwunden werden. Vertrautes ist freizugeben, um Großes zu gewinnen. In der Auslegung zu Philipper 3,13 äußert sich Luther zur Mühe des ständigen Aufbrechens im Blick auf das geistliche Leben: „Einem Gläubigen ist nichts schädlicher, als dass er meint, er habe es schon ergriffen, und es sei nicht nötig, es erst zu suchen. Viele fallen zurück in Sicherheit und Faulheit. Das Leben ist keine Frömmigkeit, sondern ein Fromm-Werden, keine Gesundheit, sondern ein Gesund-Werden, kein Wesen, sondern ein Werden, keine Ruhe, sondern ein Üben. Wir sind es noch nicht, wir werden es aber.“

Der Grund für Hans Luders ökonomisches „Werden“, die Basis seines wirtschaftlichen Erfolgs, liegt buchstäblich unter ihm. Im Boden der Ostharzer Mulde lagert ein Schatz, der sich weithin sichtbar dem Besucher erschließt. Grün überwucherte Abraumhalden und Pyramiden aus Schlackeresten sind die markanten Überbleibsel einer 800-jährigen Bergwerkstradition im Mansfelder Land. Ein außergewöhnlich hoher Anteil an taubem Ballastmaterial macht die riesigen Schuttberge erklärbar. Lediglich drei Prozent des hier gebrochenen Kupfererzes sind nutzbares Metall, das übrige ist unverwertbarer Abfall. So war zur Gewinnung des Rohstoffs von jeher ein beträchtlicher technischer Aufwand mit hohen Investitionskosten nötig. Für die oft selbstständigen, kleingewerblich organisierten Bergleute bedeutete das erhebliche finanzielle Risiken, die später das Entstehen von Solidargemeinschaften und Kupfergesellschaften begünstigten. Bis in die DDR-Zeit hinein wurde im einstmals größten deutschen Kupferrevier das begehrte Bronzemetall zu Tage gefördert. Auch Silber und achtzig weitere Begleitmetalle sind aus den Sedimenten dieses prähistorischen Zechsteinmeeres entnommen worden. Endgültig eingestellt wurde die Grubenarbeit im östlichen Harzvorland nach der politischen Wende im Jahr 1990. Bereits in den Zwanziger Jahren war die letzte Mansfelder Hütte geschlossen worden. Damit endete eine erfolgreiche Industriegeschichte, die schon im Hochmittelalter begonnen hatte. Zwei aus Goslar stammende, miteinander befreundete Bergleute mit den fremdartigen Namen Nappian und Neucke sollen hier im Jahr 1199 das Kupferschieferflöz rein zufällig entdeckt haben. Bei ihrer Suche nach einer neuen Arbeitsstelle waren sie nicht nur auf die hübsche Tochter eines Köhlers gestoßen. Im Dunst seines abgebrannten Kohlefeuers hatten sie auch das rotfunkelnde Juwel dieser Gegend entdeckt. Als Happy End erzählt dann die Finderlegende von der glücklichen Braut und einem neuen, allerdings knochenharten Job für die zugewanderten „Kumpel“. In der Eislebener Lutherausstellung kann man die beiden Gefährten in Ausübung ihrer schweren Arbeit betrachten. Auf zwei Konsolsteinen, die einst den Chorbogen einer örtlichen Kapelle trugen, sind sie am Boden kauernd dargestellt. Ihre verkrümmte Haltung zeigt das mühselige Handwerk der Mansfelder Bergknappen. Dass der Broterwerb für die Steiger hier so außerordentlich unbequem war, hat mit der Besonderheit des Flözes zu tun. Die Mansfelder Kupferschieferschicht ist ein sehr gering mächtiges, aber gleichzeitig sehr ausgedehntes Flöz. Die für den Bergbau interessante Gesteinsschicht ist rund einen halben Meter dick und lässt sich in einer breiten, sanften Wellenlinie von der Erdoberfläche bis in die Tiefe von 1200 Meter fallen. Der Abbau, anfangs über Tage, dann in unterirdischen Schächten, gestaltete sich im Lauf der Jahrhunderte immer schwieriger: Die mit fragilem Holz verstrebten Gänge sind allenfalls schulterhoch und lassen nur ein gebücktes Durchkommen zu. Hockend oder auf dem Bauch liegend schuftet der Bergmann an der vorderen Bruchfront des Stollens. Auf Knien rutschend bohrt er sich in die schwarze Tonsteinschicht wie ein Wurm in den Apfel. In ermüdender Handarbeit schlägt er das Schiefererz mit dem Eisenkeil wuchtig heraus. Seine gedrehte Körperhaltung widerstrebt der normalen orthopädischen Physionomie. Beständig verbiegt er den Kopf gegen den Hals. „Krummhälser“ nannte man früher die Mansfelder Bergarbeiter. An den Haltungsschäden hat man ihnen auch über Tage den Beruf angesehen. Das außergewöhnliche Flöz bringt weltweit einzigartige Arbeits- und Lebensverhältnisse mit sich. Die Gesteinsschicht ist schmal, der Abbau gefährlich, der Steiger braucht Mut. Der Kampf mit den Elementen schweißt die Knappen zusammen. Ein früherer Direktor des deutschen Bergbaumuseums in Bochum, Dr. Rainer Slotta, stellt achtungsvoll fest: „Der Mansfelder Bergmann fühlte sich im Vergleich mit Berufskollegen anderer Reviere immer als etwas Besonderes, als ein von der Natur Benachteiligter, der der Natur aber dennoch ihre Schätze abgerungen hat. Dieses Dennoch machte ihn einerseits stark, selbstbewusst und es befähigte ihn zu besonderen Leistungen, andererseits wurde er dadurch aber auch streitbar und kampfeslustig.“ Die spezielle Mansfelder Mentalität, die sich aufgrund der herausfordernden Arbeitsbedingungen entwickelt hat, erinnert an die unerschrockene Beharrlichkeit des späteren Reformators, der sich von Widerständen nicht beirren lässt und immer wieder mutig „anklopft“ am biblischen Wort. Als Sohn eines „Häuers“ hat er das unermüdliche Graben gelernt – freilich nicht wie sein Vater im Erdboden, sondern in den Worten der Heiligen Schrift. Er sucht nach dem Schatz des Evangeliums, das Gott in der Bibel verborgen hat, so wie er „Gold und Silber in die Berge“ gelegt hat, dass es die „menschliche Arbeit soll finden“.

Hans Luder jedenfalls kommt mit der herausfordernden Lebenssituation dieser Gegend gut zurecht. Innerhalb weniger Jahre bringt es der eingewanderte Thüringer vom einfachen Bergmann zum geschäftsführenden Sprecher der Mansfelder Hüttenbesitzer. Als Ratsmitglied und „Vierherr“ gehört er zu den einflussreichsten Personen des Mansfelder Landes. Pragmatisches Geschick und kommunikative Führungsqualitäten machen ihn zum begabten Netzwerker. Ein ihm scheinbar in die Wiege gelegtes großbäuerliches Selbstbewusstsein lässt ihn freimütig auftreten. Als verantwortungsbewusster Erstgeborener, heute würde man vielleicht sagen „als gebürtiges Alphatier“, rückt er wie von selbst an die Spitze des örtlichen Gewerbevereins. Im bürgerlichen Gegenüber zu den Grafen von Mansfeld, die als Landesherren die eigentlichen Besitzer allen Grund und Bodens sind, tritt er als souveräner Interessenvertreter der lokalen Montanindustrie auf.

Ortsansicht von Mansfeld um 1650

Doch die Klassenschranken der ständischen Gesellschaft bleiben intakt. Die Aristokraten des Ortes sind letztlich immer noch unerreichbar. Sie wohnen hoch auf dem Berg. Wie ein Adlerhorst erhebt sich die monumentale Feste der Grafen von Mansfeld über dem Tal und der namensgebenden Stadt. Die imponierende Burganlage ist dreigeteilt und gilt als eines der größten Renaissanceschlösser Deutschlands. Wegen der politischen Schwäche der deutschen Kaiser konnten niedrigere Adelshäuser ihre Machtfülle erweitern. Die Vielzahl prächtiger Burgen in Deutschland macht die komplizierten, kleinräumigen Herrschaftsverhältnisse sichtbar. Schloss Mansfeld ist mit seiner hochgerüsteten Uneinnehmbarkeit wehrhafter Ausdruck der politischen Autorität und des erworbenen Wohlstands seiner Besitzer. Das Kupfer und Silber dieser Gegend hat die Landesoberen reich gemacht. Scheinbar unbesiegbar von außen, doch tief im Innern zerstritten. Dicke Mauern schützen sie zwar vor äußeren Feinden, doch nicht vor der Habgier im Herzen. Es ist, als ob das erworbene Edelmetall nicht nur in den Schatzkammern des Schlosses läge, sondern auch hinter den Fensterscheiben zum Nachbarn. Eine dünne Silberfolie hinter Glas genügt schon, dass daraus ein Spiegel wird und kein Durchblick mehr möglich ist. Der Egoist sieht nur noch sich selbst. Der lebenskluge Reformator sagt später: „Reichtum ist das geringste Ding auf Erden und die allerkleinste Gabe, die Gott einem Menschen geben kann. Er gibt in der Regel Reichtum den groben Eseln, denen er sonst nichts gönnt.“ Das Mansfelder Adelshaus erlebt die zerstörerische Kraft des materiellen Überflusses. Die Dreiteilung des Schlosses in Vorder-, Mittel- und Hinterort veranschaulicht sichtbar die Spaltung der Familie, deren Geschlecht im 17. Jahrhundert endgültig ausstirbt. Luther ermahnt sie schon vorher: „Wer zuviel haben will, der kriegt das Wenige.“ Geradezu sprichwörtlich waren die „Mansfelder Händel“, die immer wieder aufbrachen und Martin Luther später sogar das Leben kosten sollten. Als Friedensbotschafter hatte er die um ihr Erbe streitenden Grafen miteinander versöhnen wollen. Bei nasskaltem Wetter hatte er sich auf den beschwerlichen hundert Kilometer langen Weg von Wittenberg hierher gemacht. Die Schlichtung war gelungen. Wenigstens für kurze Zeit. Doch von den gesundheitlichen Strapazen der winterlichen Reise sollte er sich nicht mehr erholen. Er stirbt unterwegs in Eisleben.

Dieses tragische Ereignis zeigt die schicksalhaften Beziehungen, die auch schon den Vater Luder mit seinen Landesherren verbanden. Hatte das Kupfer im Boden die wirtschaftliche Ermöglichung seines Aufstiegs bedeutet, so malte das Schloss in der Höhe ihm so manche Sorgenfalte ins Gesicht. Das unberechenbare Gebaren der Grafen mit den sich immer wieder verändernden Pachtbedingungen, Verordnungen und Abgaben hat ihm seinen Wohlstand mehrfach in Gefahr gebracht. Doch wann und warum kommt Hans Luder überhaupt nach Mansfeld? Was führt den gebürtigen Möhraer so überzeugend und bleibend hierher, dass dessen Sohn Martin diese Gegend später als seine „Patria“, seine „Heimat“ bezeichnet? Er bekennt später ausdrücklich gegen das von ihm ungeliebte kursächsische Wittenberg: „Ich bin ein Landkind in der Herrschaft zu Mansfeld, dem es gebühret, sein Vaterland und Landesherren zu lieben und das Beste zu wünschen.“

In den 1480er Jahren ziehen frühlingshafte Friedenslüfte durchs Land. Recht unerwartet hatten die Grafen eine gegenseitige Verständigung erzielt – untereinander und mit dem ebenfalls in den Streit involvierten sächsischen Kurfürsten. Am Horizont wird es heller. Die gräfliche Familie will nun den schwächelnden Bergbau beleben. Nach Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs soll eine neue Form der Verhüttung zur besseren Ausbeute der edlen Metalle führen. Der lange, teure Streit hatte die wohlstandverwöhnten Landesherren in die Schuldenzone geführt. Weil sie Geld brauchen, werden nun auswärtige Bergleute angeworben, gräfliche Stollen verpachtet, alte Hüttenbetriebe wieder eröffnet und frische Bauplätze für Wohnsiedlungen erschlossen. Die Grafschaft steht am Anfang eines Wirtschaftswunders. Der Fahrstuhl zur „Beletage“ des Wohlstands steht für ein kurzes Zeitfenster lang offen. Hans Luder hält ohnehin gerade Ausschau nach einer geschäftlichen Zukunft. Ihm kommt diese Entwicklung gerade recht. Von einem Verwandten seiner Frau, einem Onkel – nicht „aus Amerika“, sondern aus Eisleben – bekommt er einen „Insider-Tipp“. Der Hüttenbesitzer Antonius Lindenmann, Bruder von Margarethes Mutter, lädt den angeheirateten, landlosen Möhraer Bauernsohn ein: „Du kennst doch den Bergbau aus deiner Thüringer Heimat. Mach dich auf ins ‚gelobte Harzer Land‘. Hier tanzt bald der Kupferbär!“

Hans Luder folgt dem Ruf. Kurzzeitig kommen er und seine noch kleine Familie in Eisleben unter. Der Verwandtschaftskontakt wird zum Brückenkopf in die „neue Welt“. Der zweitgeborene Sohn Martin erblickt während dieser beruflichen Orientierungsphase der Eltern das Licht der Welt. Noch bevor er richtig laufen kann, nach einem halben Jahr schon, ziehen die Luders weiter. Vater Hans bekommt die Möglichkeit, eine eigene Kupferhütte im fünfzehn Kilometer entfernten Mansfeld zu pachten. Dass man dort zunächst ein Haus am damaligen „Stufenberg“ bewohnt, mag als programmatisches Zeichen gesehen werden: Die zielbewussten Existenzgründer stehen nun auf den Sprossen nach oben. Nur wenige Jahre später kann sich Hans Luder ein stattliches Anwesen im unteren Talbereich der 2000-Seelen Gemeinde erwerben. Hier wächst Martin auf.


Luthers Vater

Luthers Mutter

Recht ärmlich muss es allerdings in den ersten Jahren seiner Kindheit zugegangen sein. Der soziale Aufstieg wird mit Fleiß und Sparsamkeit erkauft. Martin beschreibt den anfänglich kargen Alltag seiner Eltern: „Mein Vater ist in seinen jungen Jahren ein armer Häuer gewesen. Die Mutter hat all ihr Holz auf dem Rücken heimgetragen. So haben sie uns erzogen. Sie haben harte Mühsal ausgestanden, wie sie die Welt heute nicht mehr ertragen wollte.“ Diese Lebensschwere sieht man ihnen an. Ungefähr drei Jahre vor ihrem Tod reisen Hans und Margarethe Luder zur Taufe der Enkeltochter Elisabeth nach Wittenberg. Ihren längeren Aufenthalt im Haus des Sohnes nutzt der Maler Lucas Cranach d.Ä., um die Eltern des weltweit berühmten Reformators zu porträtieren. Studiert er beim Skizzieren deren Charakter? Sucht er nach Ähnlichkeiten zwischen den Vorfahren und ihrem Abkömmling? Das kantig Massige in den Backenknochen der Mutter, die wache Intelligenz in den Augen des Vaters? Die Festigkeit im Gesicht des Bergmanns, das Depressive im Wesen seiner Ehefrau? Man sieht in die ernsten Gesichter zweier selbstständiger, in sich ruhender Menschen. Vom Existenzkampf geprägt stehen sie am Ende ihrer arbeitsreichen Erdentage. Die Herausforderungen einer müde machenden Lebenswanderung haben sie sicher nicht ohne persönliche Konflikte, aber doch gemeinsam durchgestanden. Von den wohl neun Kindern, die ihnen geschenkt wurden, haben nur vier das Erwachsenenalter erreicht. Auch wenn frühes Sterben zu diesen Zeiten üblich war, so ist doch jedes Kindergrab eine Narbe im Herzen der Eltern. Der lutherische Pfarrer Paul Gerhardt dichtet später aus eigener Erfahrung:

„Ach, es ist ein bittres Leiden und ein rechter Myrrhentrank, sich von seinen Kindern scheiden durch den schweren Todesgang. Hier geschieht ein Herzensbrechen, das kein Mund recht kann aussprechen.“

Zeit für notwendige Trauerarbeit gibt es damals nicht. Man ist nie „privat“ bei Luders. Es gibt kaum Rückzugsbereiche für Muße und seelisches Aufatmen. Geschäft und Familie durchdringen einander. Der berufliche Stress des Vaters und die hauswirtschaftlichen Mühen der Mutter wirken hinein in eine strenge, ergebnisorientierte Erziehung. Man vertraut vor allem auf die „schlagenden Argumente“ der Körperstrafe. Es gilt der alttestamentliche Satz: „Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in Zucht“ (Sprüche 13,24). Diskussionen sind nicht erlaubt. Die Erziehungsberechtigten fordern absoluten Gehorsam. Sie orientieren sich an den Zehn Geboten und den eigenen Kindheitserfahrungen. Sie geben unreflektiert weiter, was sie selbst erlebt haben. Mit der „Prügelpädagogik“ liegen Luthers Eltern im Rahmen des damals Üblichen. Martin erinnert sich, dass sein Vater ihn einmal so sehr „stäupte“, dass er ihn „floh“ und ihm „bange“ vor ihm war. Die Mutter war nicht weniger rigoros. Sie schlug ihn einmal blutig wegen einer „einzigen Nuss“, die er ungefragt stibitzt hatte. Der eisernen Härte des Lebens entspricht die schneidende Schärfe der Erziehung. Auch in der Schule.

Dass Martin Luther die Mansfelder Lateinschule besuchen darf, ist im ausgehenden Mittelalter nicht selbstverständlich. Es besteht noch keine allgemeine Schulpflicht. Vater Luder erreicht seine bedeutende Stellung noch aufgrund von Tüchtigkeit und Charisma. Er macht in dieser weithin schriftlosen Zeit Karriere, obwohl er weder lesen noch schreiben kann. Im Umgang mit den Beamten der gräflichen Administration werden dem Analphabeten allerdings bald die Grenzen seiner bescheidenen Bildung bewusst. Er spürt, dass die Zeit der im Alltag praktizierten Mündlichkeitskultur zu Ende geht. Die Juristen sitzen bei schwierigen Verhandlungen meist am längeren Hebel. „Wer die Begriffe hat, hat die Macht.“ Die ernüchternde Wahrheit dieses antiken Merksatzes erlebt er in zahlreichen Debatten. Auch in der erfolgreichen Verwandtschaft seiner Frau gibt es einige studierte „doctores“. Ihre Aufstiegsgeschichten werden in der Familie bewundernd weitererzählt. Das wünscht sich der willensstarke Vater für seinen begabten Sprössling: „Du sollst es besser haben als ich. Mach dir den Hals nicht mehr krumm und schmutzig wie wir Bergleute, sondern streck ihn strebend und lernend nach oben!“ Und so legt die Familie jeden Kreuzer zurück, um das Schulgeld für ihren Sohn zu bezahlen.

Am Montag, dem 12. März 1488, ist es soweit: Er wird eingeschult. Zeitgenossen schildern unverblümt das charakteristische Aussehen der Familie Luder. Sie seien eine „bräunliche Sippe“ von „kleinen, kurzen Personen“. Die geringe Körpergröße mag ein Vorzug für die Arbeit im niederen Bergschacht bedeuten, dem noch nicht einmal fünfjährigen Abc-Schützen machen allerdings die kurzen Beine beim Schulweg zu schaffen. So trägt ihn ein Verwandter am ersten Schultag huckepack zur St. Georgenschule. Als so genannter „pusillus“ ist Martin der „Kleinste“ in der Klasse. Das Große wächst aus Unscheinbarem. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Das Schulhaus steht unmittelbar neben der damals sich gerade im Bau befindlichen Georgenkirche in der Mitte der Stadt. Der räumlichen Nähe zur Kirche entspricht auch die inhaltliche Ausrichtung des Lernens. Der Stoffplan zielt vor allem auf das Hineinwachsen der Schüler in die katholisch definierte liturgische Tradition. Im Mittelpunkt steht das Auswendiglernen von Merksätzen und Bibelworten. Grundlegend ist auch die Aneignung der mittelalterlichen Kirchensprache. Latein ist der Schlüssel zum Verstehen der abendländischen Gedankenwelt, der Tunnel ins Licht des Geistes. Latein macht den, der damit umgehen kann, zum Teilhaber der akademischen Führungsschicht. Die Sprache gilt als Kommunikationsschranke zwischen den gesellschaftlichen Ständen. Ein hörbares Erkennungsmerkmal der Gebildeten.

Der oberste Zweck der von der Kirche unterhaltenen Elementarschule besteht in der Befähigung der „Scholaren“ zum rechten Gottesdienst. Als Ministranten und Chorknaben sollen sie die Liturgie der Heiligen Messe kompetent mittragen können. In zweiter Hinsicht geht es aber auch um das gesellschaftliche Fortkommen der Schüler. Die Lateinschule ist eben auch die maßgebliche Einrichtung, die die Bildungsvoraussetzungen schafft für den Besuch von weiterführenden Lehranstalten, für das Universitätsstudium und schließlich für das Erlangen eines angesehenen Amtes.

Hans Luders Kirchlichkeit war moderat. Es hat ihn später „bitter verdrossen“, als sein Sohn Martin Mönch wurde. Mehrfach äußert er Kritik an den lasterhaften Sitten der „Betbrüder und Horensänger“. Trotz des klerikalen Drucks und der eingeredeten Höllenangst weigert er sich standhaft, sein Erbe der Kirche zu vermachen. Im Hause Luder geht man selbstverständlich zur Messe, man ruft die Heiligen an und praktiziert die damals übliche Alltagsfrömmigkeit. Der in seinem gefährlichen Beruf besonders verwundbare Bergmann weiß, wie nötig er die schützende Hand Gottes hat. Die kirchenkritischen Äußerungen zeigen jedoch, dass Hans Luder nicht in einem kniefälligen Abhängigkeitsverhältnis zum „himmlischen Bodenpersonal“ steht. In seiner nüchternen Christlichkeit erinnert er an den verstorbenen Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel. Im Umgang mit ideologisch verbohrten Fanatikern hat dieser einmal den entwaffnend pragmatischen Satz geprägt: „Auch heilige Kühe sind Rindviecher.“ Dem lebenspraktischen Hans Luder war vor allem wichtig, dass sein Sohn „ein Baccalaureus und Magister“ würde, dass er den von ihm begonnenen Aufstieg fortsetzt und eine Stufe weitergeht als er selbst.

Alte Holzschnitte zeigen die dominierende Position des Schulmeisters. Er thront über den Kindern. Das ist kein einfühlsamer Lehrer, der aufmerksam durch den Raum geht, um schwachen Schülern bei ihren Aufgaben zu helfen. Er sitzt vielmehr wie festgenagelt an einem erhöhten Pult in unangreifbarer Autorität. Unterrichtet wird mit der Methode der „imitatio“, der Nachahmung: Der Lehrer spricht eine Formulierung vor, die Schüler wiederholen das Gehörte. Dann müssen sie die neu gelernten Vokabeln entsprechend der eingepaukten Regeln hinsichtlich Zeitform und Kasus verändern. Wer es beim dritten Mal nicht begriffen hat, bekommt das wichtigste Unterrichtswerkzeug zu spüren, den Rohrstock. Der befindet sich in greifbarer Nähe des Lehrers und kommt täglich zum Einsatz. Dem Schwachen werden die Lerninhalte gleichsam „auf den Rücken geschrieben“. Die Schüler werden dressiert wie Hunde. Ob da außer Angst und Schmerzen noch anderes hängen geblieben ist?

Der Unterricht wird jahrgangsübergreifend erteilt, wie es noch lange Zeit in Dorfschulen üblich war. Es gibt die Kleinen, die „Schützen“. Sie lernen zunächst das Lesen und Schreiben, auch ein paar Worte Latein. Auf kleine Wachstafeln ritzen sie ihre ersten Buchstaben ein. Mit der Wärme der Hand können sie ihre unsicheren Schreibversuche wieder kostengünstig einebnen und von neuem beginnen. Auf teures Papier schreiben dann die „Donatisten“, die mittleren Schüler zwischen acht und elf Jahren. Sie beschäftigen sich vor allem mit der lateinischen Grammatik nach dem Lehrbuch des Donatus. Ihren fortgeschrittenen Status sieht man ihnen auch äußerlich an: Sie kommen am Gürtel „bewaffnet“ mit Gänsefeder und Tintenfass zur Schule. Zu ihren Aufgaben gehört auch das langatmige Deklinieren und Konjugieren von Wörtern. Die „Großen“ der Lateinschule sind die „Alexandriner“. Sie lesen bereits anspruchsvolle lateinische Texte und lernen sie auswendig.

Schulferien gibt es zwar keine, dafür aber rund hundert arbeitsfreie Heiligenfeiertage im Jahr. Nur an zwei Dritteln des Jahres wird tatsächlich Unterricht gehalten. Die schlecht bezahlten Lehrer sind nicht besonders ideenreich und kennen keine moderne Pädagogik. Luther erinnert sich an die Schmerzen seiner Schulzeit: „Es sind manche Präzeptoren so grausam wie die Henker. So wurde ich einmal vor Mittag fünfzehnmal geschlagen, ohne jede Schuld, denn ich sollte deklinieren und konjugieren und hatte es doch noch nicht gelernt.“ Man ist den Launen des Lehrers ausgeliefert. Permanenter Druck auf die Schüler wird durch eine Art geheimes Spionagesystem ausgeübt: Ein allwöchentlich neu vom Lehrer verpflichteter „Wolf“ im Schafspelz muss am Ende der Woche seinen Wolfszettel abliefern. Darauf sind namentlich diejenigen Mitschüler vermerkt, die sich ungebührlich verhalten haben. Ihnen wird der öffentliche Prozess vor der Klasse gemacht. Sie bezahlen ihre „Untaten“ mit körperlichen Schlägen und psychischen Entwürdigungen. Wer beispielsweise den Lehrer nachäfft oder im Unterricht gähnt, muss tagelang die hölzerne Eselsmaske tragen. Luther weiß es noch gut: „Ach, der Lupus (Wolf) am Freitag und die Teile des Donat am Donnerstag, wo sie genau jeden einzelnen fragten: legeris, legere, legitur – wo steht das im Donat? Solche Examina waren der reine Totschlag.“ Er lässt kein gutes Haar an seinen früheren Lehrern. Es waren „abgeschmackte Schulmeister, die durch ihr barsches Wesen viele treffliche Anlagen verdarben“. Das Lehrinstitut war für ihn ein „Eselstall mit Tyrannen und Stockmeistern“, die den Jungen das „Fegefeuer und die Hölle“ in den Leib prügelten. Sie „konnten selber nichts“ und haben deswegen auch nicht gewusst, „wie man lernen soll“. Ein hartes Urteil über die Schule seiner Kindheit.

Trotz dieser negativen Erfahrungen widersteht Luther später den Forderungen der wissenschaftsfeindlichen Schwarmgeister von Wittenberg. Die damaligen Pfingsttheologen halten nichts mehr von Bildung und Gelehrsamkeit. Sie würden die unmittelbare Gottesbeziehung zerstören und den kindlichen Glauben der Menschen untergraben. Andreas Karlstadt, ein einstiger Kollege und späterer Kritiker Luthers, meint, dass der Verstand die Wirksamkeit des Geistes dämpfe. Der vom Professor zum Bauern mutierte Enthusiast fordert, man solle die „Kinder aus der Schule nehmen“.

Luther hält dagegen. Trotz negativer Kindheitserfahrungen profitiert er von dem schulisch Erworbenen sein Leben lang. Legendär ist sein gutes Gedächtnis. Durch das frühe Auswendiglernen vollzieht sich bei ihm eine Art Formatierung der intellektuellen „Festplatte“. Auf dieser Grundlage vermag er den Lernstoff systematisch zu erfassen und abzuspeichern. Viele lateinische, auch antike Schriften kann er bei entscheidenden Diskussionen wie aus der Pistole geschossen zitieren. Auch die vorchristlichen Texte sind seiner Meinung nach wichtig. Durch die „Sittenlehre“ antiker Schriften würde den jungen Leuten „etwas dargeboten“, was viel zu deren innerem „Aufbau“ beitrage. Er verteidigt auch das Erlernen der alten Sprachen. Sie seien „die Scheide, darin das Messer des Geistes steckt“. Die kraftvolle Übersetzung der Bibel wäre ohne die scharfen Operationsinstrumente seiner Sprachkenntnisse unmöglich gewesen. Die Auseinandersetzung mit dem Papst und der scholastischen Theologie wäre ohne sein philologisches Auslegungsvermögen stumpf und erfolglos geblieben. Der kämpfende Reformator hat die Schwerter des Geistes am Gelernten geschärft. Luther hat ein positives Verhältnis zur Bildung. Theologisch betrachtet ist sie für ihn nicht in erster Linie der Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg, sondern ein Mittel zur Entfaltung der schöpfungsgegebenen Fähigkeiten. Gott will dadurch Armut und Not in der Welt beseitigen. Die zum Blühen gebrachten Talente des Einzelnen sollen dem Gemeinwohl zu Gute kommen. Deshalb nimmt Luther die „Fürsten und Ratsherren“ in die Pflicht, Schulen „aufzurichten und zu erhalten“. Die Unterweisung der Kinder ist nicht nur die natürliche Angelegenheit von Eltern und Kirche. Für ihn braucht es darüber hinaus tatsächlich ein ganzes Dorf, um Kinder zu erziehen. Für Luther gibt es einerseits den geistlichen Aspekt der Bildung: Die Menschen sollen lesen können, damit sie selbstständig die Bibel „verstehen“ und über die „rechte Lehre“ urteilen können. Nach evangelischem Verständnis ist der Einzelne vor Gott unvertretbar. Er steht eigenverantwortlich für sein Erkennen und Handeln vor Gott. Andererseits ist ihm auch der politische Aspekt eines wirksamen Schulwesens wichtig: Es braucht „geeignete Leute“, die umsichtig das Land regieren und redlich verwalten, damit das Gemeinwesen „Ruhe und Frieden habe“. Es braucht Menschen, die Verantwortung in der Gesellschaft übernehmen und „der Stadt Bestes“ suchen. Beim Unterricht geht es also um beides, um das irdische Wohl und um das ewige Heil des Volkes.

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