Kitabı oku: «Bochumer Häuser - Neue Geschichten von Häusern und Menschen»
Rainer Küster
Bochumer Häuser
Neue Geschichten von Häusern und Menschen
ATHENA
edition exemplum
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E-Book-Ausgabe 2014
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ISBN (Print) 978-3-89896-356-5
ISBN (ePUB) 978-3-89896-857-7
Für Hanns und Peter
Vorwort
kein haus wurde je gefragt,
ob es bleiben will,
während seine bewohner
selbst noch im schlaf
auf reisen gehen.
(michael starcke)
Die Eingangsstrophe eines neuen Gedichts von Michael Starcke gefällt mir gut, denn auch die Häuser, über die ich geschrieben habe, sind vor Ort geblieben, hier und da ein wenig verändert, aber alle noch da, wo sie einst hingesetzt wurden. Von ihnen zu erzählen, heißt, sich auf die Reise machen, eine Reise oft in die Vergangenheit, zusammen mit ein paar Menschen, die noch wissen, wie es einmal war, und die im besten Fall solche Häuser mit Leben füllen oder gefüllt haben. Ich glaube, Michaels Gedicht passt zu meinen Texten, die versuchen, für eine kleine Zeit festzuhalten, was am Ende nicht bleiben wird.
Als im Jahr 2006 mein Buch über »Bochumer Häuser« erschien, forderte mich Hugo Ernst Käufer in seinem Nachwort auf, ich solle weitermachen. »Es gibt noch viel zu tun in der Aufspürung der Nachrichten von Häusern und Menschen in der Stadt Bochum«, schrieb er mir damals in mein imaginäres Stammbuch. Ein bisschen Zeit habe ich mir gelassen, andere Dinge waren inzwischen zu erledigen, aber nun kann ich noch einmal fünfzehn Geschichten vorlegen, deren Gegenstände mich interessiert, mich gereizt haben, sie aufzuschreiben. Wenn das nicht so gewesen wäre, hätte ich es nicht getan.
Natürlich habe ich noch weitere Häuser im Blick gehabt, habe auch manches angefangen, was mir dann aber nicht gelingen wollte. Wer mich kennt, weiß, dass der Bekanntheitsgrad von Bochumer Häusern nicht die Richtschnur meiner Schreiblust gewesen ist. Wenn der kreative Zugang zu den Häusern und ihren Geschichten fehlte, war nichts zu machen.
Wieder habe ich den Begriff des Hauses gelegentlich ein wenig gedehnt. Nach dem Erscheinen des ersten Häuserbuchs sind in dieser Hinsicht keine Klagen gekommen, im Gegenteil: Wenn ich daraus lesen durfte, bin ich oft gebeten worden, die Geschichte »Steine« vorzutragen, die den Jüdischen Friedhof an der Wasserstraße zum Thema hat. Auch dieses Buch endet mit dem Bericht über einen Friedhof.
Die Jahreszahlen unter den einzelnen Texten geben an, wann die Geschichten entstanden sind. Bei derjenigen über die »Burg Blankenstein und die Wahrheit des Mythos« sieht man, dass ich mir die Sache nach ein paar Jahren noch einmal vorgenommen und sie vervollständigt habe.
Die hier vorgelegten Texte wurden in den letzten sieben Jahren geschrieben, und zwar zu recht unterschiedlichen Zeiten. Folglich enden nicht alle da, wo wir heute sind. Aus der »Krümmede« haben inzwischen wieder ein paar Lebenshungrige das Weite gesucht, nicht alle zu ihrem Glück. An der Theodor-Körner-Schule hat man die alte Turnhalle abgerissen und das betagte Schulleiterhaus gleich mit. Ob der VfL Bochum jemals wieder, wie in der zweiten Geschichte erwähnt, ein Erstligaheimspiel gegen Bayern München austragen wird, steht in fernen Galaxien geschrieben. Auf der Frontseite des Steakhauses »El Rancho«, das von dem hohen Siloturm der Schlegelbrauerei überragt wird, prangt seit einem halben Jahr in großen, natürlich blauen Lettern die Inschrift »Schlegel-Haus«, ganz sicher zur Freude von Klaus-Joachim Schlegel. Aber so ist das eben mit diesen Häusern – ihre Geschichten gehen weiter.
Viele, die mir etwas über Häuser und Menschen erzählt haben, werden auch in den entsprechenden Texten erwähnt, aber nicht alle. Bei Letzteren bedanke ich mich ausdrücklich am Ende des Buches. Dazu gehören auch diejenigen, die mir weitere Häuser empfohlen haben, also Geschichten, zu deren Niederschrift mir bis jetzt die erzählerische Phantasie gefehlt hat.
Vier Namen sollen allerdings schon hier genannt werden. Besonderer Dank gilt Thomas Zehnter, der mit seinen schönen Illustrationen von Häusern, Mauern und Menschen auch dieses Buch bereichert hat. Es macht immer Freude zu sehen, dass Thomas die Gegenstände seiner Wahl nicht nur abbildet, sondern auf seine Weise die Geschichten weitererzählt, ihnen neue Details hinzufügt und manchmal Dinge entdeckt, die mir beim Schreiben entgangen sind. Karl F. Gehse, Architekt und mitleidender Fußball-Genosse, hat zwei authentische Federzeichnungen beigefügt, die meine Geschichte über »Hugos Imperium« illustrieren. Gehse hat Sir Hugo Berghüser im Jahre 1991 auf Papua-Neuguinea besucht und sein Haus in Stiepel entworfen.
Schließlich muss ich mich unbedingt bei Christine Zehnter und Ansgar Loheide bedanken, durch deren gründliche und kluge Korrekturen das Buch lesbarer geworden ist.
Rainer Küster
Bochum, im März 2013
Hämmerchenbier
Man darf wirklich nicht allzu lange darüber nachdenken, welche und wie viele Zufälle unser Leben bestimmen. Dass ich zum Beispiel im Jahre 1967 mein Studium hier in Bochum fortsetzte und dann ein Leben lang auch hier geblieben bin, hat wesentlich damit zu tun, dass ich bei meiner ersten Visite in der neuen und noch unfertigen Universität, unten vor der alten Mensa, Kalle von Lengerke wiedertraf. Wir stammen beide aus derselben Gegend im Weserbergland, er aus Vlotho, ich aus Rinteln. Kennen gelernt hatten wir uns aber erst während unseres Englischstudiums an der Hamburger Universität.
Noch ein Jahr zuvor hatten Kalle und ich gemeinsam bei Broder Carstensen im Altenglisch-Seminar gesessen und uns auch gemeinsam mit einem gewissen Erfolg auf die abschließende schriftliche Prüfung vorbereitet. Dann hatten wir uns erst mal wieder aus den Augen verloren und trafen uns nun zufällig vor einem Anschlagbrett vor der provisorischen Bochumer Mensa. Kalle, damals schon ausgestattet mit Frau und Kind, hatte sich bereits für Bochum entschieden. Und weil das so war, blieb ich am Ende auch, denn ich wollte irgendwie ins Westdeutsche. Meine damalige Freundin und spätere Ehefrau arbeitete zu der Zeit in Wesel, und ich verspürte Lust, ihr nah zu sein. Aber es hätte natürlich genauso gut Münster sein können oder meinetwegen auch Köln. Ich entschied mich kurz entschlossen für Bochum, weil Kalle schon da war, weil er zur rechten Zeit am rechten Ort war und, ganz wichtig, weil ich nun nicht mehr länger suchen musste. Ob er mir damals auch diesen seltsamen, durchlöcherten Studentenausweis gezeigt hat, habe ich vergessen.
Im Übrigen war mir Bochum völlig fremd, bis auf ein kleines Detail, das, wie ich fand, Kalle von Lengerkes Votum für Bochum noch Rückhalt verlieh. In meinen drei Hamburger Studienjahren hatte ich bei Vetter Hartwig Küster in Altona gewohnt, und zwar in der Altonaer Bahnhofstraße, die heute Max-Brauer-Allee heißt. Wenn man links um die Ecke ging, war man auf der Ehrenbergstraße, die nach einem Onkel des Bochumer Pfarrers Hans Ehrenberg benannt war, von dem ich in diesem Buch an anderer Stelle erzählen werde. Damals sagte mir der Name Ehrenberg noch nichts. Ich ging auch vorzugsweise rechts um die Ecke herum, bis zur »Großen Bergstraße«. Dort gab es eine beschauliche Hamburger Kneipe. Sie hieß »Bodega« oder so ähnlich. Aber für meinen Vetter Hartwig und mich war sie nur die Schlegel-Kneipe. Der Wirt war ein bisschen muffelig oder, genauer gesagt, norddeutsch einsilbig, was uns aber nicht im Mindesten störte, denn das Pils, das dort ausgeschenkt wurde, war Schlegel-Pils, und es schmeckte uns wunderbar und gar nicht so selten.
Immer nämlich, wenn wir das Gefühl hatten, wir seien über Gebühr von den Lasten unseres jugendlichen Daseins gezeichnet, dann vertraten mein Vetter und ich uns abends noch ein wenig die Füße und kehrten mit geradezu schlafwandlerischer Sicherheit in der Schlegel-Kneipe ein. Der Wirt nahm sich trotz, vielleicht auch wegen seiner kommunikativen Defizite stets sieben bis acht Minuten Zeit, um auf die Tulpe einen hoch aufgeschossenen Feldwebel, also eine Schaumkrone, zu zaubern. Er murmelte etwas, das irgendwie besagte, nun sei »erst der richtige Druck« auf dem Bier, was immer das heißen mochte. Aber geschmeckt hat es uns, und ich würde mir wünschen, dass ich auf einem meiner heutigen Hamburg-Besuche noch einmal mit meinem Vetter in die Schlegel-Kneipe gehen könnte.
Ich weiß auch gar nicht mehr, ob ich damals in Hamburg schon ahnte, aus welcher geografischen Himmelsrichtung Schlegelbier denn überhaupt kam. Als ich jedoch im Jahre 1967, nach erfolgreicher Immatrikulation, meinen ersten Rundgang durch die Bochumer Innenstadt machte, war mir schnell alles klar. Ich begab mich dorthin, wo zwölf Jahre später die große Weltausstellungsglocke aufgestellt wurde, also an die Stelle, an der ich mehr oder weniger das Zentrum meiner neuen Heimstatt vermutete: Hinter mir lag das Rathaus und vor mir das große Gelände der Schlegel-Brauerei mit dem wuchtigen Siloturm, damals noch selbstbewusst und weithin sichtbar das traditionelle Warenzeichen, die drei Hämmerchen aus dem alten fränkischen Wappen der Familie Schlegel, präsentierend. Das gefiel mir irgendwie, und ich gewann den Eindruck, dass ich außer Kalle von Lengerke einen zweiten Freund hatte in Bochum.
Seitdem ist viel passiert. Schon zwanzig Jahre später gab es Schlegelbier nicht mehr, denn im Jahre 1980 stellte die Bochumer Brauerei, die noch in den sechziger Jahren zu den zehn größten Braubetrieben der Bundesrepublik Deutschland gehört hatte, die Produktion ein. Für ein paar Jahre braute man Schlegel bei der Dortmunder Union-Brauerei, und Ende 1987 wurde Schlegelbier, wie es in der betriebswirtschaftlichen Fachsprache heißt, endgültig vom Markt genommen. Aber der Siloturm ist noch da, auch das Sudhaus, das man ebenfalls gern abgerissen hätte, das aber so beharrlich, vielleicht sogar tückisch über Stahlträger mit dem Turm verbunden war, dass der auch eingestürzt wäre, wenn man getan hätte, was man zunächst vorhatte. So gehört denn der Schlegel-Turm nach wie vor zu den wenigen Wahrzeichen, die Bochum geblieben sind. Und man kann sogar noch eine Geschichte erzählen, nämlich die Geschichte, wie es dazu kam, dass mitten im Westfälischen irgendwann einmal bayerisches Bier gebraut wurde.
Der diese Geschichte ganz genau kennt, heißt Klaus-Joachim Schlegel. Er ist das letzte männliche Glied einer ganzen Kette von Herren aus der Schlegel-Dynastie, die alle irgendwie mit Bier zu tun hatten. Zwölf Generationen kann Herr Schlegel aufzählen. Erst mit seiner Tochter Sibylle endet diese Tradition, der sie sich nur noch privatissime verpflichtet fühlt, wenn sie mal ein Gläschen Bier trinkt. Aber wir wandern zunächst in unserer Erzählung zurück ins Jahr 1850, als das Brauen von Bier noch das eigentliche Metier der Schlegels war; da machte sich nämlich einer von ihnen im fränkischen Steigerwald auf, um den preußischen Bierbrauern im Westfälischen zu zeigen, wie man es richtig macht.
Herr Schlegel empfängt mich in seinem gemütlichen Heim an der Uhlandstraße. Der Dackel wird erst mal in ein anderes Zimmer bugsiert, wo er von Zeit zu Zeit auf sich aufmerksam macht, indem er Töne von sich gibt. Wir trinken vorsichtshalber Mineralwasser, damit die Erzählung nicht ins Schwärmerische abdriftet.
Die für Bochum wichtige Etappe seiner Erzählung beginnt mit Johann Joachim Schlegel. So hieß nämlich der Urgroßvater, der aus Bergtheim im fränkischen Steigerwald stammte und der aus alter Familientradition in Erlangen das Brauhandwerk erlernt hatte. Nach Schlegels Lehrjahren kamen seine Wanderjahre, die ihn zunächst einmal als Brauer in den Süden, nach Augsburg, München und Innsbruck und sogar bis ins heutige Italien führten. Nach fast vierjähriger Wanderzeit kehrte Johann Joachim Schlegel heim ins Fränkische, und es dauerte dann gar nicht mehr so lange, bis an ihn der Ruf aus dem nördlichen Ausland erging, nämlich aus dem eigentlich ungeliebten Preußen. Dass Johann Joachim Schlegel sich trotz väterlicher Bedenken aufmachte, sollte weit reichende Folgen haben. Am 1. Oktober 1850 reiste er von Fürth in das künftige Bochum-Hamme – »zu Condition nach Overdyk bei Cöln fahrend«, wie es bei großzügiger Auslegung der geografischen Verhältnisse in seinem noch erhaltenen Wanderbuch heißt.
Hinter der Ortsbezeichnung »Overdyk« verbarg sich ein Anwesen, von dem heute nur noch Restbestände in Form des Evangelischen Kinderheims Overdyk erhalten sind. Der Besitzer des damaligen Anwesens war Gotthard Graf von der Recke-Volmarstein. Er hatte durchaus politischen Einfluss, war Landrat des Kreises Bochum, außerdem nach Angabe des Schlegelschen Urenkels ein Philanthrop und eben Gutsherr auf »Haus Overdyk«, wo er auch eine eigene Brauerei betrieb. Diese Brauerei versorgte aber nicht nur die gutsherrlichen Bedürfnisse, sondern das Bier aus Hamme konnte man auch käuflich erwerben.
Nun muss dem Grafen von der Recke-Volmarstein, dem nichts Menschliches fremd war, irgendwie zu Ohren gekommen sein, dass die von den Braukünsten seines Hauses profitierenden Einheimischen des herkömmlichen, etwas säuerlich schmeckenden, obergärigen Biertyps, der im westfälischen und darüber hinaus auch im norddeutschen Raum gebraut wurde, überdrüssig waren. Man verlangte nach den erheblich besser mundenden, auch kräftigeren, untergärigen Bieren, wie sie im bayerischen Ausland gebraut wurden. Die Sache hatte jedoch einen Haken: Die bayerischen Biere waren teuer, weil zollpflichtig, mussten gewissermaßen importiert werden. Was den Preis betraf, so verhielt es sich damit wie heute mit den Spritpreisen, denn die steigende Nachfrage verteuerte das aus dem Süden angereiste Bier zusätzlich.
Hier nun regte sich das philanthropische Gewissen des landrätlichen Grafen. Mit Sorge erfüllte ihn, so erzählt es Klaus-Joachim Schlegel, dass vor allem die ärmeren Bevölkerungskreise sich bei ihrer Getränkewahl in Unkosten stürzten, die weit über ihre Verhältnisse gingen. Um das begehrte Gebräu, auf das man trotz finanzieller Engpässe nicht verzichten wollte, seiner Einwohnerschaft billiger anbieten zu können, war er auf den Gedanken verfallen, einen Fachmann aus dem bayerischen Raum herbeizurufen, der nun den neuen »Stoff« nach Erlanger und Augsburger Art brauen sollte. In Mittelfranken wurde der Ruf gehört.
Im Oktober 1850 schon nahm Urgroßvater Schlegel seine Tätigkeit als Braumeister in der Brauerei des Grafen auf. Das von ihm hergestellte Bier schmeckte den Einheimischen vortrefflich, zumal sie es sich jetzt leisten konnten. Außerdem war es haltbarer als das bisher bekannte. Das erste Opfer des nun einsetzenden Konkurrenzkampfes war die unweit von Haus Overdyk gelegene Brauerei von Wilhelm Kabeisemann, die schon 1852 schließen musste.
Aber es dauerte nicht lange, da war abzusehen, dass auch die Haltbarkeit der Brauerei auf Haus Overdyk mit derjenigen des dort gebrauten Bieres nicht konkurrieren konnte. Nicht etwa, weil sich die Bedingungen des Brauens im landrätlichen Hause verschlechtert hätten, sondern weil inzwischen die wirtschaftlichen Verhältnisse des Grafen prekärer geworden waren. Sein Sohn, der den erzieherischen Maßnahmen des vom Vernunftgedanken beseelten Vaters erfolgreich widerstanden hatte, war offenbar hoch verschuldet, wobei nicht überliefert ist, ob der Genuss des neuen Bieres damit im Zusammenhang stand. Jedenfalls musste der Graf, um die Schulden des Sohnes zu begleichen, seinen Besitz nebst Brauerei nach und nach zerstückeln und schließlich verkaufen. Damit endete im Jahre 1853 auch das Engagement des Braumeisters Schlegel für den Grafen von der Recke-Volmarstein.
Doch Schlegel hatte inzwischen Erfolge zu verzeichnen. Sein bayerisches Bier war gut aufgenommen worden, er selbst scheint sich auch nicht vollkommen unwohl gefühlt zu haben im westfälischen Ausland. Insofern war es nur konsequent, dass er Pläne schmiedete, sich in Bochum niederzulassen und selbstständig zu machen. Das war aber gar nicht so einfach, denn zu diesem Zweck musste er die preußische Staatsangehörigkeit beantragen, ein trotz aller Erfolge im Westfälischen gleichwohl herbes Ansinnen für jemanden, der sich eigentlich eher im Bayerischen heimisch fühlte. Und doch musste es sein: Am 30. Dezember 1853 wurde der in Mittelfranken gebürtige Johann Joachim Schlegel von der Königlich Preußischen Regierung zu Arnsberg in den »Preußischen Untertanen-Verband« aufgenommen.
Zuvor hatte er klugerweise mit dem Maurermeister Wilhelm Hasselkuss verhandelt, dessen Wohnhaus mit kleiner Brauerei und Gaststätte an der Essener Chaussee – vor dem Bongard-Tor – Schlegel für die Dauer von acht Jahren pachten wollte. Man wurde sich einig. Zu den amtlichen Formalitäten gehörte es, dass der Magistrat der Stadt Bochum am 5. November 1853 die Braukonzession erteilte – ein landesherrliches Privileg, das der Stadt seit der Verleihung stadtähnlicher Rechte durch Graf Engelbert II. im Jahre 1321 zustand.
Allerdings gab es noch ein kleines Problem: Braumeister Schlegel musste einiges investieren und benötigte für seine Unternehmung natürlich Geld, das ihm der Vater auch durchaus hätte geben können, aber nicht geben wollte. Der hatte seinem Sohn übel genommen, dass er nicht in die Heimat zurückgekehrt und überdies noch zu den Preußen gegangen war. Da gab es zu Hause nichts zu holen. Doch der Schwiegervater seines Bruders sprang ein und investierte in die Aktivitäten des unternehmungslustigen Braumeisters.
Auch die privaten Verhältnisse sollten sich nun klären. Anfang Januar 1854 wurde im Fränkischen geheiratet. Anna Christiane Schwarz aus Erlangen war die Auserwählte. Ihr Vater musste vor dem Magistrat der Königlichen Universitätsstadt Erlangen einwilligen, dass seine Tochter den Ausländer Schlegel aus Bochum, gelegen im Königreich Preußen, heiraten würde. Der Umzug des jungen Paares war dementsprechend als Auswanderung zu betrachten. Am 7. Januar 1854 kehrte Schlegel mit seiner jungen Frau, beide biografisch gewissermaßen mit Migrationshintergrund ausgestattet, teils per Postkutsche, teils auf einem Rheinkahn nach Bochum zurück.
Im Mai 1854 eröffnete dann der junge Braumeister Johann Joachim Schlegel, der noch keine 33 Jahre alt war, in den Kellereien des Wirtshauses Hasselkuss und gleich vor den Toren der genau im selben Jahr aus der »Gußstahlfabrik Mayer & Kühne« hervorgegangenen Aktiengesellschaft »Bochumer Verein für Bergbau und Gußstahlfabrikation« die »Bayerische Bierbrauerei J. Schlegel«. In der Nummer 35 der ersten Tageszeitung der Stadt Bochum, des »Märkischen Sprechers«, las sich das Gründungsinserat wie folgt:
Anzeige und Empfehlung.
Die Eröffnung meiner Bierbrauerei und Wirthschaft in dem bisher von Herrn Köchling bewohnten Hause des Herrn Hasselkuss zeige ich Freunden und Bekannten hiermit ergebenst an.
Bochum, den 1. Mai 1854.
Schlegel, ehemaliger Braumeister der Overdykschen Brauerei.
So hat es einmal angefangen mit den Schlegels in Bochum. Bleibt noch nachzutragen, dass schon im Jahre 1857 die gepachtete Braustätte zu klein geworden war. Die Nachfrage nach dem bayerischen Bier war ständig gestiegen. Bedingt durch die Schließung vieler kleiner Braustätten in der Stadt Bochum, konnte der junge Brauereibesitzer bald die Belieferung weiterer Gaststätten mit seinem Bier übernehmen und so den sich anbietenden Übergang von der Hausbrauerei zum gewerblichen Unternehmen vollziehen.
Schlegel kaufte einen Grundstücksstreifen der »Ecker’schen Posthalterei«, der seiner bisherigen Braustätte genau gegenüberlag. Und das war dann der Standort der Schlegelbrauerei, wo heute noch der weithin sichtbare Siloturm zu sehen ist. 1859 begann Braumeister Schlegel mit der Arbeit im eigenen Brauhaus. Das nach bayerischer Art nun in eigener Regie gebraute Bier fand bei der Bevölkerung weiterhin lebhaften Anklang. Die Brauerei wuchs zur maßgeblichen Brauerei Bochums heran. Sie ist es geblieben, bis im Jahre 1980 die Produktion im Bochumer Betrieb eingestellt wurde. Dem Urenkel des Gründers fiel als Personalchef die undankbare Rolle zu, die Auflösung des Betriebs mit zu betreiben. Er sitzt mir gegenüber, und ich habe das Gefühl, dass es ihm mehr Spaß macht, von den guten, alten Zeiten zu erzählen.
Bevor ich mich verabschiede, zeigt er mir nicht ohne Stolz den 23. Band der noblen »Neuen Deutschen Biographie«, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Auf den Seiten 43 und 44 des Bandes wird das Wirken des Bierbrauers Johann Joachim Schlegel gewürdigt und klug in den ihm zukommenden historischen Kontext gesetzt. Dort heißt es über den Gründer der Schlegel-Brauerei:
Schlegels unternehmerischer Weg und Erfolg, aus den kleinsten Anfängen einer Hausbrauerei heraus eines der führenden Brauereiunternehmen aufzubauen, spiegeln prägende Charakterzüge einer Epoche, in der die deutsche Brauwirtschaft einen grundlegenden Umbruch erlebte. Mit der seit den 1830/40er Jahren einsetzenden Umstellung von der in Nord- und Westdeutschland vorherrschenden obergärigen auf die untergärige »bairische« Braumethode, die zahlreiche bayerische Braumeister nach Norden führte, begann die Industrialisierung des Braugewerbes innerhalb der industriellen Ballungsräume.
Ich bin beeindruckt. Klaus-Joachim Schlegel, der Urenkel und fleißige Sammler familien- und firmenträchtiger Devotionalien, verabschiedet mich aufs Herzlichste und stattet mich auch noch aus mit allem Möglichen, was ich aus seiner Sicht für meinen Text gebrauchen kann. Soll ich das wirklich alles lesen? Mal sehen. Zunächst will ich hingehen und mir den Turm angucken, den der Gründer ja nicht mehr kennen gelernt hat, der aber dort steht, wo alles einmal angefangen hat. Und dann haben Herr Schlegel und ich noch etwas vor. Wir sehen uns wieder, ziemlich bald.
Es ist ein paar Wochen später, ein ganz normaler Donnerstagnachmittag im wunderschönen Monat Mai des Jahres 2012. Der Mai ist heute fast zu schön, eher ein bisschen drückend. Ich habe schon zweimal das Hemd gewechselt. An der Haltestelle Rathaus Nord verlasse ich die U 35 und begebe mich auf die Suche nach dem, was einmal die Gaststätte Hasselkuss war. Und ich werde fündig: Eine Gaststätte ist wirklich da, wo sie sein sollte. Allerdings heißt sie nicht mehr »Hasselkuss«, sondern »Game food & fun«, was immer sich hinter dem Namen verbergen mag. Über dem Eingang prangt das Label der Biersorte »Brinkhoff’s No. 1«, mit angelsächsischem Genitiv geadelt und als Premium Pilsener etikettiert.
Ich gehe mal rein, lande in einer Mixtur aus Restaurant und Bar, um diese Zeit noch ziemlich leer. Das Etablissement ist erheblich größer als eine normale Gaststätte, aber was ist heute schon eine normale Gaststätte? Ich frage nach, nenne den Namen Hasselkuss, doch der freundliche, junge Mann, der vorgibt, seit zwölf Jahren an Ort und Stelle tätig zu sein, hört auf sein Ehrenwort diesen Namen im Augenblick zum ersten Mal. Da kann man nichts machen. Draußen knipse ich noch ein bisschen herum, mache die obligatorischen Fotos.
Ein paar Schritte weiter, am Platz »An der Christuskirche«, werde ich dann doch noch fündig. Der äußerlich ein wenig lädierte Gebäudetrakt, der dort, von zwei kräftigen Pfeilern gestützt, in den Platz hineinragt, scheint, das legt jedenfalls die hochfrequente Reklame für »Brinkhoff’s No. 1« nahe, immer noch zu »Game food & fun« zu gehören. Aber von der Frontseite dieses Gebäudeteils her begrüßen mich die drei Hämmerchen des Schlegel-Emblems, als Relief in einer Art Stuckarbeit auf die Wand gesetzt; daneben befindet sich, ebenfalls als Relief, die Abbildung eines zweigeschossigen Fachwerkhauses, vor dem ein Bierfahrer oder der Wirt des Hauses ein Bierfass irgendwohin rollt; vielleicht hat das »Haus des Herrn Hasselkuss« einmal so ausgesehen. Schräg hinter dem Fachwerkhaus erhebt sich eine Abbildung des Schlegelturms; darunter sind die Jahreszahlen 1854 und 1959 abgebildet; ganz unten steht, angesichts der abblätternden Farbe nur mit Mühe zu entziffern, die Erklärung des künstlerischen Ensembles in Großbuchstaben: »ERSTE BRAUSTÄTTE«. Ich hoffe, dass ich auf meinen Fotos später noch mehr erkennen kann als jetzt. Aber eins ist klar: Die Jahreszahl 1854 bezieht sich offensichtlich auf die Schlegelsche Gründungsphase im Hause Hasselkuss. Die Jahreszahl 1959 gibt mir Rätsel auf, sie könnte auf die Entstehungszeit des Reliefs hinweisen.
Dann führt mich mein Erkundungsweg auf die andere Seite der Essener Chaussee, die heute Willy-Brandt-Platz heißt, und zwar in die kurze Passage mit dem Namen »Am Schlegelturm«. Vor mir erhebt sich das 58 Meter hohe Malzsilo aus dem Jahre 1926, rechts daneben das ebenfalls hohe Sudhaus, das schon früher, nämlich im Jahre 1906, gebaut wurde. Links vom Malzsilo sind flachere Gebäude angeschlossen, die auch älter aussehen als die Gebäude auf der anderen Seite des Platzes. Da gibt es ein Haus mit einem dunkelrot gestrichenen, runden Vorbau, das in blauen Lettern als Schlegel-Haus firmiert. Wenn ich mich richtig an die Karten erinnere, die mir Klaus-Joachim Schlegel gezeigt hat, dann muss hier der Generaldirektor residiert haben. Dahinter, also zur Straße hin, lag das Hotel Schlegel. Alles andere, die Gebäude der Verwaltung und der Abfüllung, das Labor, die Schwankhalle, Werkstätten, Küferei und Kesselhaus sind in den achtziger Jahren abgerissen und durch Neubauten ersetzt worden.
Mir wird klar, dass alles, was hier einmal gestanden hat, eine geschlossene Welt für sich gewesen sein muss. Sie reichte im Süden bis zur Junggesellenstraße, die dort früher auch Diekampstraße hieß und noch früher sogar Schillerstraße. Im Westen erstreckte sich das Schlegelsche Territorium bis zum Westring und darüber hinaus, wovon noch zu berichten sein wird. Jedenfalls ist auf diesem Areal Brauereigeschichte geschrieben worden, Aufstieg und Fall eines traditionsreichen Unternehmens haben sich, soweit Bochum betroffen ist, hier abgespielt. Ein paar Hinweise müssen in diesem Rahmen genügen:
Als Johann Joachim Schlegel im Jahre 1890 stirbt, hinterlässt er seinen Söhnen Wilhelm und Hermann Schlegel ein großes Unternehmen, das sich im Sinne des Slogans »Bochums Dreiklang, merk ihn dir: Kohle – Eisen – Schlegelbier« zur bedeutendsten Bochumer Brauerei entwickelt hat. Im Jahre 1899 wird das Unternehmen in eine Familien-Aktiengesellschaft umgewandelt. Vor dem Ersten Weltkrieg zählt Schlegel mit einem Ausstoß von mehr als 100.000 Hektoliter bereits zu den Großbrauereien.
Im Jahre 1918 genehmigen die Hauptversammlungen der Schlegel-Brauerei und der 1853 gegründeten Bochumer Bierbrauerei Moritz Scharpenseel AG die Verschmelzung beider Brauereien zur Schlegel-Scharpenseel-Brauerei AG. Der Zusammenschluss vollzieht sich nicht unbedingt stromlinienförmig, hat er doch seine kirchenpolitischen Knackpunkte; denn was geplant ist und am Ende auch realisiert wird, bedeutet, dass in Bochum das evangelische »blaue« Schlegelbier mit dem katholischen »schwarzen« Scharpenseel-Bier fusionieren wird. Das ist manchem Bochumer ein Dorn im Auge, so dass man anfangs sogar darüber nachdenkt, den Zusammenschluss als »Bochumer Bürgerbräu« firmieren zu lassen, um die konfessionellen Hakeleien zu entschärfen.
Ein Motiv für die Fusion beider Brauereien liegt wohl auch in der Tatsache begründet, dass der im Jahre 1896 geborene Hans Schlegel, Sohn und Erbe Wilhelm Schlegels, der als Kriegsfreiwilliger im Ersten Weltkrieg gedient hat, seit 1915 in Russland vermisst wird und auch in der Familie als tot gilt. Doch Hans Schlegel hat das Glück, dass ihm, wie vielen anderen deutschen Kriegsgefangenen, die legendäre schwedische Rot-Kreuz-Schwester Elsa Brändström, die als »Engel von Sibirien« in die Geschichte eingegangen ist, hilft zu überleben. Im Oktober 1920 kehrt Hans Schlegel, der Vater von Klaus-Joachim Schlegel, nach fünfjähriger Kriegsgefangenschaft im ostsibirischen Wladiwostok, wo deutsche Kriegsgefangene in einer Seifenfabrik arbeiten, in seine Heimatstadt Bochum zurück. Hinter ihm liegt eine Odyssee durch verschiedene mittel- und westsibirische Gefangenenlager und eine entbehrungs- und schreckensreiche Flucht quer durch Russland, die ein halbes Jahr gedauert hat. Er tritt schon im Dezember 1920 als kaufmännischer Angestellter in die Schlegel-Scharpenseel-Brauerei ein und wird bis 1961 als Direktor im Unternehmen tätig sein.
Die wichtigste Führungspersönlichkeit der Bochumer Brauerei ist in der Mitte des 20. Jahrhunderts Alfred Hövelhaus, seit 1921 im Unternehmen tätig, später Generaldirektor und Ehrensenator der TU Berlin. Auch während der Naziherrschaft leitet er den Betrieb. In einer Jubiläumsschrift zum 85-jährigen Bestehen der Brauerei heißt es:
Mit besonderem Stolz erfüllt uns alle die hohe Auszeichnung, die dem Werk durch Ernennung zum nationalsozialistischen Musterbetrieb zuerkannt worden ist. Die Schlegel-Scharpenseel-Brauerei war bei den ersten 30 Betrieben, denen diese ehrenvolle Anerkennung am 1. Mai 1937 durch den Führer Adolf Hitler persönlich zuteil wurde; seitdem ist sie ihr zweimal bestätigt worden, am 1. Mai 1938 und am 1. Mai 1939. Diese Auszeichnung ist uns Ehrung und Ansporn zugleich. Ansporn, allezeit einsatzbereit an unserer Stelle mitzuwirken an der Erfüllung der großen volkswirtschaftlichen Aufgaben der Gegenwart.
Im Zweiten Weltkrieg wird aufgrund der zentralen Lage auf der Turmplattform eine leichte Kanone zur Flugabwehr in Stellung gebracht. Genützt hat es nichts. Im November 1944 kommt nach der Zerstörung der Brauerei durch Bomben die Produktion zum Erliegen. Bei Kriegsende ist das gesamte Gelände der Brauerei nur noch ein Trümmerhaufen. Als es ans Aufräumen geht, findet man die geliebte Symbolfigur aus den dreißiger Jahren, das »Schlegel-Männeken«, unversehrt im Schutt. Es war stets Mittelpunkt bei allen Festakten im Schalander gewesen, also im Pausen- und Schankraum der Brauerei.
In den ersten Nachkriegsjahren sinkt der Bierausstoß auf seinen Tiefpunkt, und das Bier – eigentlich ein Ersatzgetränk aus Molke und Süßstoff – schmeckt auch so. Aber es geht dann doch noch einmal bergauf. Ab 1949 gibt es Schlegel-Bier wieder in bewährter Friedensqualität. In den fünfziger Jahren erhält Schlegel-Scharpenseel sogar die Generalvertretung für die Dubliner Guinness-Brauerei in der Bundesrepublik Deutschland. Ausdruck des wachsenden Erfolgs ist die Einrichtung der legendären »Senatorstube« hoch oben im Schlegelturm, mit Blick weit über Bochum. Im Jahre 1966 wird mit 587.000 Hektoliter der größte Brauausstoß erreicht; die AG beschäftigt in Bochum und Recklinghausen, wo das »Vest Pils« gebraut wird, insgesamt 763 Mitarbeiter.
Dann kommt der Abstieg. Die brauhistorischen Fakten, nüchtern aufgereiht, lauten folgendermaßen: Anfang der siebziger Jahre werden zunächst die Schlegel-Scharpenseel-Brauerei AG und die Dortmunder Union-Brauerei AG miteinander verschmolzen. Dann fusionieren die DUB-Gruppe und die Schultheiss-Brauerei-Gruppe miteinander. Am 11. Dezember 1979 wird vom Aufsichtsrat der Dortmunder Union-Schultheiss Brauerei AG beschlossen, den Bochumer Hauptbetrieb der Schlegel-Brauerei stillzulegen. Nachdem schon ein paar Jahre zuvor der Braubetrieb in Recklinghausen geschlossen worden ist, wird im Juni 1980 auch derjenige in Bochum eingestellt. Nur wenige Jahre danach beginnt der Abriss.
Ich blicke auf das, was damals stehen geblieben ist. Oben am Turm sind die bekannten Schlegel-Hämmerchen entfernt und vor zwanzig Jahren durch das Bochumer Stadtwappen ersetzt worden. Statt der Küfer-Hämmerchen nun also das Buch. Wenn man auf die große Tafel neben der Eingangstür guckt, weiß man, warum. Die Stadt hat das hohe Haus in Beschlag genommen, ist wohl auch die Besitzerin. Das Schulverwaltungsamt residiert hier und auch das Schulamt für die Stadt Bochum. Um Gottes willen! Wo ist der Unterschied? Besucher sind nicht zu sehen. Vielleicht sind auch nur noch die Schilder da, während die Ämter längst ausgezogen sind? Potemkinsche Ämter? Die Gleichstellungsstelle – was für eine unglückselige Wortbildung – und das Integrationsbüro, auch das Ordnungsamt, das Presse- und Informationsamt und noch viel mehr. Alles im alten Malzsilo.
Zwei städtisch uniformierte Herren, die aussehen, als wüssten sie, wo sie sind, nehmen mich mit ins Gebäude. Einer wählt den Fahrstuhl, der andere begleitet mich über die Treppe auf die nächste Etage. Er zeigt mir die Übergänge zum Nachbarhaus, also zu dem, was einmal das Sudhaus, einst Herz der Brauerei, gewesen ist. Hinter der Durchgangstür muss irgendwo das Fundbüro sein – habe ich auch nicht gewusst. Bevor er mich allein weiterwandern lässt, fragt er mich noch, halb im Vertrauen, ob ich denn überhaupt wisse, dass dies alles spätestens 2014 abgerissen werden soll? Wieso abgerissen? Wenn das Gerichtsgebäude fällt, sagt er, dann soll auch dies hier fallen. Eine neue Einkaufsmeile, mit vielen Geschäften, mehr oder weniger Einzelhandel, Boutiquen, durchaus höherwertig – so sei es geplant.
Ich bin perplex. So etwas darf man doch nicht abreißen! Nicht hier bei uns in Bochum, wo die paar mehr oder weniger historischen Gebäude, die uns geblieben sind, an zwei Händen abzuzählen sind! Außerdem ist der Turm tatsächlich so etwas wie eine Landmarke, gibt der Bochumer Mitte ein Gesicht.
Wie es der Zufall will, habe ich am selben Abend Gelegenheit, Frau Dr. Ottilie Scholz, die Oberbürgermeisterin der Stadt Bochum, die in der »Herrengesellschaft Kanone« einen Vortrag hält, zu fragen, ob an den kolportierten Plänen etwas dran sei. Sie weiß es – glaubwürdig – nicht, nimmt auch nicht an, dass es so sei. Das Postgebäude, ja, das könnte sein. Aber nicht Schlegel. Schließlich habe sie erst kürzlich veranlasst, dass abends das Wappen am Turm angestrahlt werde. Aber sie will noch einmal nachfragen, will sich drum kümmern, lässt sich meine Karte geben.
Eigentlich ist die Arbeit getan – bis auf eine Kleinigkeit. Klaus-Joachim Schlegel hatte mir bei unserer ersten Begegnung erzählt, dass Mitte der fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ein Tunnel gebaut worden sei, der die Werksgelände dies- und jenseits des Westrings miteinander verband. Wie – ein Tunnel? Ich war sofort elektrisiert von der Annahme, dass man da unter Umständen noch einmal reingehen oder vielleicht auch trotz lädierter Bandscheibe reinkriechen könnte. Der Tunnel soll sieben Meter unter dem Westring gelegen haben und sei begehbar gewesen. Er sei bergmännisch vorgetrieben worden, heißt es. Davon müsste doch noch etwas zu sehen sein, vielleicht ein Loch mit einer Platte drauf oder eine Treppe, die vor eine Wand läuft. Herr Schlegel hat Menschen, die sich auskennen, befragt, und – er hat inzwischen etwas herausgekriegt.
Freitagmittag. Ich hole Klaus-Joachim Schlegel in der Uhlandstraße ab. Wir haben Glück, können sogar ganz in der Nähe unseres Ziels auf dem Westring parken, überqueren zu Fuß die Alleestraße. Vor dem Gebäude Westring 23 werfen wir einen Blick auf das große Schild einer Anwaltskanzlei. Einer der Anwälte heißt Michael Emde. Herr Schlegel hat mit ihm telefoniert, und Herr Emde hat uns erlaubt, dass wir mal in seinen Keller blicken dürfen. Er selbst wird allerdings nicht da sein, vielleicht ist er zu Tisch oder schon im wohlverdienten Wochenende. Als wir die Anwaltskanzlei betreten, werden wir gleichwohl erwartet; eine vorgewarnte Sekretärin geleitet uns zu einer Treppe aus Lichtgitterrost, die wir tief hinuntersteigen. Sieben Meter – ja, das könnte schon sein. Unten lagern tausende von Akten, eng in Regalen gestapelt. Um sich hier zurechtzufinden, dürfte man einen Kompass brauchen. Aber ich denke, die meisten der hier abgelegten Ordner wird wahrscheinlich nie wieder jemand hervorholen.
Wir sehen uns um und finden auch etwas. Auf dem Betonboden entdecken wir Spuren, die irgendwie auf die Träger von Förderbändern schließen lassen, die natürlich längst entfernt worden sind. Hier oder bis hierher könnten tatsächlich Bierkästen zur Verladerampe transportiert worden sein. Zur gegenüberliegenden Seite, also zum Westring hin, befindet sich eine Stahltür, die allerdings einen sehr verschlossenen Eindruck macht. Was dahinter ist, weiß niemand mehr. Herr Schlegel und ich sind uns sicher: Es ist der alte Verbindungstunnel.
Postskriptum: Es gibt ja doch noch ein Schlegelbier. »Schlegel Urtyp« heißt es und ist irgendwie ein Nostalgiebier, vor zehn Jahren ins Leben gerufen von zwei Schlegel-Freunden, die sich mit dem endgültigen Verlust ihrer Marke nicht abfinden wollten. Man bekommt es auch in Bochumer Getränkemärkten. Aber mit Bochum als Brauort hat es nichts mehr zu tun, selbst wenn die Rezeptur, was wir mal hoffen wollen, immer noch die alte ist. Übrigens war »Schlegel Urtyp« in den guten alten Zeiten von dem Verdikt, nach übermäßigem Genuss von Schlegelbier würden die heraldischen Hämmerchen des Hauses im Schädel des Genießers für den unvermeidlichen Kater sorgen, stets ausgenommen. Vielleicht eignet diese Qualität auch dem Nostalgie-Schlegel. Gebraut wird es, wie gesagt, nicht in Bochum, sondern seit seiner Wiederbelebung zunächst in Schwelm, heute in Iserlohn, wenn ich richtig informiert bin.
Ach, noch eins, ganz zum Schluss: Frau Oberbürgermeisterin wollte sich doch eigentlich melden, den angedrohten Abriss der Schlegelreste betreffend. Das hat sie bisher noch nicht getan und auch nicht tun lassen. Was soll man dazu sagen? Jammern nützt nichts, denn so eine Oberbürgermeisterin hat wirklich anderes zu tun.
[2012]
Im Kinderland der Kohlengräber
Diese Bochumer Straße ist noch immer ein Mythos, zumindest ein bescheidener. Sie wird es bleiben trotz mancher Umbenennungen, die auch Gutwillige zum Verzweifeln bringen können. Wenn am Samstag, dem 20. Oktober 2007, wieder Dreißigtausend, davon die meisten in banger Hoffnung, zum Spiel gegen die Bayern aus München ins Rewirpower-Stadion pilgern werden, dann liegt dieses stilistische Monstrum nach wie vor an der Castroper Straße. Das ist die Straße, nach der das Stadion einst benannt wurde, lange bevor es zum Ruhr-Stadion mutierte, und auf der nach dem Abpfiff eine zähe Autoschlange in beide Richtungen kriechen wird. Wenn man Glück hat, regeln ein paar Polizisten den Verkehrsfluss; Fußgänger, die sich zwischen den Autos hindurchquetschen wollen, leben an solchen Tagen gefährlich, riskieren alles Mögliche – je nach Ausgang des Spiels mit oder ohne Bierflasche in der Hand.
Fast unmerklich steigt die Straße stadtauswärts an. Das Nahziel ist die große Kreuzung von Harpener und Castroper Hellweg, wo sich die Ströme der Heimkehrer zum ersten Mal verästeln; auf dem Sheffield-Ring, der guten alten NS 7, können die Fußballfreunde aus dem Bochumer Süden bald wieder richtig aufs Gas treten. Aber noch sind wir nicht dort, so schnell geht das nach einem Spiel gegen die Bayern nicht. Wer angesichts des mühsamen Flusses der Kolonne aus dem Fenster sieht, gewahrt einen Ruhrpott, wie er im Buche steht. Rechts Häuserreihen, die schon bessere Tage gesehen haben, dahinter mehr oder weniger Industrielles, nicht unbedingt einladend. Links kann man durchaus wohnen, einkaufen, zur Schule oder in die Kirche gehen.
Genau dort, wo es für den Fußballfreund manchmal schon ein bisschen schneller vorwärtsgeht, steht ein bescheidenes, eher unscheinbares Haus mit der Nummer 233, gleich neben der Schule, nämlich da, wo von der Castroper Straße links die Wichernstraße abzweigt. Zwei Betonpfeiler blockieren von diesem Ende der Straße her die Einfahrt für Autofahrer. Am anderen Ende mündet sie in die Josephinenstraße. Von dort sind Autos willkommen. Die Straße ist benannt nach dem Hamburger Theologen Johann Hinrich Wichern, der damals, im einschlägigen Jahr 1848, auf dem Evangelischen Kirchentag in Wittenberg, nicht etwa den VfL Bochum, sondern die segensreiche Organisation der »Inneren Mission« gründete. Aber das hat mit dem Haus, von dem ich erzählen will, wirklich nichts zu tun. Man kann leicht daran vorbeifahren, ohne es wahrgenommen zu haben. Unscheinbar ist es auch deshalb, weil es vielen anderen Wohnhäusern in der unmittelbaren Umgebung und sonst im Revier so ähnlich ist, trotz mannigfaltiger Umbauten, die es immer wieder über sich hat ergehen lassen.
Im Frühjahr habe ich mir das Haus schon einmal angesehen, das sich aus zwei einigermaßen symmetrischen Hälften zusammensetzt. Hellgrau ist der Putz auf der linken, grau in grau auf der rechten Seite. Hier und da sind die Rollläden heruntergelassen. Mit Gardinen geschmückte Fenster an den Kopfenden signalisieren, dass es über der ersten Etage jeweils noch ein bewohnbares Dachgeschoss gibt. Zentral dem Doppelhaus vorgelagert ist ein kleiner, durch ein Satteldach geschützter Windfang, an dem die beiden Hälften des Hauses partizipieren und der sicherlich erst nach dem Kriege angelegt wurde. Zumindest auf der rechten Seite dient der Windfang als Eingangsportal. Eine blaue Plastikbank lehnt an seiner Wand und bringt etwas Farbe ins Bild.
Zwischen Haus und Straße liegt ein gar nicht so kleiner Vorgarten, der auch Platz für die Mülltonnen bietet. Das Grundstück umschließt das Gebäude auf beiden Seiten; zur Wichernstraße hin lehnt sich ein Schuppen an, der so aussieht, als habe man ihn irgendwann einmal vergessen. Eine triste Steinmauer mit aufgesetztem Stacheldraht schützt das Areal vor manchen Unbilden, die entnervte Fußballfreunde der Castroper Straße zugemutet haben. Drei große Reklametafeln flankieren das Ensemble.
In diesem Haus hat der Bergmannssohn Heinz Esken (eigentlich Heinrich), der am Karfreitag im Jahre 1930 geboren wurde, die Kindheit verbracht. Heute lebt er in der Bochumer Constantinstraße und dokumentiert in mächtigen Aktenordnern sein Leben, das in vieler Hinsicht seine Besonderheiten aufweist, das aber zugleich auch exemplarisch ist. Gewissenhaft schreibt er auf, wie es ihm, dem Bochumer Jungen, in bald achtzig Jahren ergangen ist, wie der Lebensweg, privat und beruflich, durch die jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse geprägt wurde, fügt Bilder und vielfältige Dokumente hinzu, so dass eine Vita rekonstruiert und wieder belebt wird, die so wohl nur im Ruhrgebiet, im Kohlengräberland, wie es der Dichter Heinrich Kämpchen genannt hat, verlaufen konnte. Vor einem halben Jahr hat auch die WAZ unter dem Titel »Als ›Knochen-Karl‹ zurückkam« über Esken berichtet. Er hofft natürlich, dass seine beiden Töchter irgendwann die Zeit finden, einen Blick in die Ordner zu werfen. Vielleicht interessiert sich auch das »Institut für soziale Bewegungen« an der Ruhr-Universität für Eskens Sammlung.
Für unseren Weg in die Vergangenheit wählen wir einen normalen und glücklicherweise sonnigen Oktobertag, nicht den zwanzigsten, an dem die Bayern kommen. Das geht auch gar nicht, sonst würde im Block L ein kostbarer Platz frei bleiben. Und kampflos geben wir die Sache sowieso nicht her, denn sogar gegen die großen Bayern fängt ein Spiel zunächst einmal bei 0 : 0 an.
Wir parken auf der Wichernstraße, gleich neben der Schulhofmauer. Fast hätten wir den Fotoapparat vergessen. Linker Hand liegt die Grundschule »In der Vöde«, auf deren Gelände sich ein paar Skater vergnügen. Hinter der Schule, aus ähnlich rotem Backstein errichtet, erhebt sich die katholische »Heilig-Kreuz-Kirche«, seit 2002 degradiert zur Filialkirche der Grummer Liborius-Gemeinde. Heinz Esken erzählt im Vorbeigehen die Geschichte von den Schweinen, die ausgebrochen waren und an die Tür des Pfarrers klopften. Aber davon wird später die Rede sein. Wir wollen vorn anfangen.
Für Heinz Esken ist es schon mit merkwürdigen Erinnerungen verbunden, das Haus seiner Kindheit jetzt wiederzusehen, da zu stehen und zu fotografieren. Gemischte Gefühle kommen auf, Wehmut und auch ein bisschen Skepsis. Wenn er in der Gegend war, hat er das Haus zwar immer wieder flüchtig wahrgenommen, aber seltsamerweise nie mehr so richtig beachtet. Von 1930 bis 1943 oder vielleicht auch 1944 hat er, hat seine Familie hier gelebt. Der Vater war 1942 tödlich verunglückt, und dann ist die Mutter zur Oma gezogen, in die Schmechtingstraße.
Ob das nun Ende 1943 oder Anfang 1944 geschah, weiß Esken deshalb nicht so genau, weil er da gerade in Pommern in der Kinderlandverschickung war, und zwar in Treptow an der Rega. Heute ist das noch weiter weg als damals; jetzt heißt der Ort Trzebiatów und ist eine polnische Stadt, die in der Woiwodschaft Westpommern liegt. Als der Junge im Jahre 1944 aus Treptow zurückkam, da wohnte die Mutter jedenfalls auf der Schmechtingstraße, was schon deshalb keine Verschlechterung bedeutete, weil die Familie dort eine richtige Etagentoilette hatte mit einem Zugband dran. Man brauchte also nicht mehr aufs Plumpsklo im Hof wie an der Castroper Straße. Aber zu dieser Zeit lag die Kindheit längst hinter ihm. Im Krieg wurden die Kinder aus dem Ruhrgebiet früh erwachsen.
Zurück zum Haus an der Castroper Straße. Hierher waren die Eltern erst gezogen, als der Nachwuchs sich ankündigte. Eine Hausgeburt sollte es werden, das war damals nichts Ungewöhnliches. Heinz Esken erzählt:
Meine Eltern haben sich 1929 verlobt und kurz darauf geheiratet. Zuerst wohnten sie für ein paar Monate auf der 2. Parallelstraße, also da, wo du immer dein Auto parkst, wenn du zum Stadion fährst. Und als ich dann unterwegs war, da bekam der Vater von der Zeche diese größere Wohnung auf der Castroper Straße. Vier Familien lebten in den beiden Haushälften, jeweils unten und oben eine Familie. Ich hab hier einen Zettel mit den Namen, die habe ich zu Hause aufgeschrieben.
Wir stehen inzwischen auf der anderen Seite der Castroper Straße, mit Blick auf die Vorderfront des Hauses, den Windfang im Auge. Hinter uns das Haus mit der Nummer 234a, in dem früher ein Schreibwarengeschäft war, wo Heinz die Hefte für die Schule besorgte und der Vater auch seine Zigaretten kaufen konnte. Die Graffiti an der Hauswand sind jüngeren Datums.
Für kurze Zeit versperrt uns die Straßenbahn, die 318, den Blick. Eine Straßenbahn gab es früher auch schon, die war aber deutlich kleiner und erheblich langsamer, manchmal musste man aussteigen, wenn sie zu voll war und den leichten Anstieg stadtauswärts nicht schaffte. Die Fahrt zur Oma in der Schmechtingstraße kostete 10 Pfennig. Heinz Esken erzählt, dass er und sein Freund Heinz Brandau, der um die Ecke wohnte, gern Nägel auf die Schienen legten, bevor die Bahn kam. Wenn die Räder die Nägel plattgefahren hatten, sahen die aus wie türkische Säbel.
Jetzt ist der Blick wieder frei, und Heinz Esken zeigt mir zunächst auf seinem Zettel, dann auch am Objekt selbst die Lage der Wohnungen und die verschiedenen Gebäudeteile. Im milden Herbstlicht sieht das Haus heute schöner aus als bei meinem ersten Besuch im Frühjahr. Esken findet sich schnell zurecht. Irgendwie ist alles noch da, so wie vor siebzig Jahren, sogar der Stall auf dem Nachbargrundstück. Er erklärt:
Also im linken Haus, da wohnte oben die Familie Hornberg. Die hatten eine Tochter, das war die Elisabeth Hornberg, genannt Elli; sie war älter als ich. Sie ist übrigens die Mutter von dem jetzigen VfL-Präsidenten. Unten links wohnte das Ehepaar Goldmann mit einem Jungen. Der war viel jünger als ich, deshalb hatte man wenig Kontakt. Und dann wir, Esken, wir wohnten unten rechts. Über uns die Familie Vierhok, die hatten drei Kinder. Mit dem ältesten Sohn von Vierhok war ich im selben Alter. Wir waren Freunde, haben gespielt, eigentlich alles zusammen gemacht. Insgesamt müssen acht Erwachsene und sechs Kinder in dem Haus gelebt haben.
Heinz Esken beschreibt Lage und Größe der Räume in der elterlichen Wohnung. Das waren drei Zimmer, die Miete betrug 12 Reichsmark. Wohn- und Schlafzimmer waren fast quadratisch, vielleicht 4 × 4 Meter; die Küche kleiner, schmaler, wie auch der Eingang, von dem aus man nach oben oder in den Keller gelangte. Die reine Wohnfläche schätzt er auf 45 Quadratmeter. Allerdings war da noch die Bodenkammer, denn zu jeder Wohnung gehörte ein Zimmer ganz oben unter dem Dach. Das diente als Lagerraum, hatte ein ähnliches Grundmaß wie das Wohnzimmer, nur eben mit Schrägen. In dieser Kammer hingen bei Eskens die Schweinewürste von der letzten Schlachtung. Am Sonntag, wenn die Mutter in der Kirche war, stieg der Vater mit dem Jungen rauf, um sich außer der Reihe ein Stück vom Schinken abzuschneiden. Die Mutter durfte das nicht merken; Vater und Sohn gingen gleich mit dem Messer an das Geräucherte, sie brauchten kein Brot dazu.
Die Dachgeschosszimmer in den Bergmannssiedlungen, das waren praktisch die Zimmer für die Kostgänger. Aber in der Castroper Straße 233 gab es keine Kostgänger, jedenfalls nicht in den frühen dreißiger Jahren. Da herrschte auch im Ruhrgebiet die große Arbeitslosigkeit, so dass Arbeitskräfte kaum nachgezogen wurden. Auch Vater Esken, der bei der Harpener Bergbau-AG auf der Zeche Robert Müser als Hauer beschäftigt war, wurde für kurze Zeit entlassen. Zwischenzeitlich erhielt er Arbeit auf der Zeche Constantin, Schacht 3, nicht weit von der Wohnung entfernt, dort, wo heute der Turm der Telekom steht, gegenüber dem Stadion. Später konnte er in Bochum-Werne auf der Zeche Amalia wieder für die Harpener Bergbau-AG arbeiten, also für die Gesellschaft, der auch die Bergmannskolonie an der Castroper Straße gehörte.
Heinrich, so hieß der Vater, so nannte er auch den Sohn. An sechs Tagen fuhr er mit dem Fahrrad zur Arbeit. Unter der Woche rauchte er nach dem Dienst seine Pfeife; sonntags gönnte er sich drei Zigaretten, immer die grüne Dreierpackung der Firma Eckstein. Wenn er rauchte, saß er auf einem Stuhl neben dem Küchenofen.
Er war ein lustiger Mann. Manchmal wurde bei Eskens gefeiert, dann drängte man ihn, den berüchtigten »einarmigen Geiger« zu spielen. Er besorgte sich einen Krückstock, der als Violine diente, und ein kleineres Stöckchen, das war der Geigenbogen. Allerdings musste die Sache gründlich vorbereitet werden. Im Hausflur präparierte der Vater seinen Auftritt. Den linken Arm steckte er in die Hose und schob den Krückstock so durch den freien Ärmel der Jacke, dass er in Geigenstellung sehr schön hoch stand.
Nun betrat er das Wohnzimmer und forderte die Anwesenden auf, ihm, dem einarmigen Geiger, alles nachzusingen. Er strich die »Geige« mit dem »Geigenbogen« und sang Goethes »Heideröslein«. Beim ersten Mal noch Zeile für Zeile, »Sah ein Knab’ ein Röslein stehn …«, und so weiter, alles wurde von den lernwilligen Zuschauern mit Inbrunst repetiert. Dann steuerte die Vorstellung auf ihren Höhepunkt zu. Da das Publikum inzwischen textsicher war, konnte man die Ballade noch einmal gemeinsam singen. Jetzt kam endlich der versteckte Arm zur Geltung. Der Vater fuhr den Mittelfinger aus dem Hosenschlitz, klemmte damit den »Geigenbogen« ein und betätigte sich gleichzeitig mit der rechten Hand als Dirigent. Heinz Esken sagt, das sei der Moment gewesen, auf den besonders die Frauen, die das Schauspiel schon kannten, gewartet hatten. Sie kreischten aufgeregt. Und manch eine von denen, die den einarmigen Geiger noch nicht kennengelernt hatten, mag zunächst nicht gemerkt haben, dass es nur der Mittelfinger war, der da ausgefahren wurde und den Geigenbogen hielt.
Einmal in der richtigen Stimmung hielt der Vater auch noch eine Sonntagspredigt. Er zog seine Jacke verkehrt herum an, setzte ein Taschentuch als Latz auf die Brust und mimte derart kostümiert einen evangelischen Pastor. Wieder wurde ein Wechselgesang zelebriert, Zeile für Zeile, diesmal mit klerikalem Pathos:
Pastor sine Husölschke
Hätt Sundags nummedags
Von vier bis fünf Utgang
Mit dem Paraplüie
Halleluja
Zum Schluss machte der Vater noch einen Handstand. Dabei, sagt der Sohn, sei ihm einmal ein Fünfmarkstück aus der Westentasche gefallen. »Den Heiermann hatte er wohl beim Restlohn plattgemacht.« Die Mutter hob das Geldstück auf und rief: »Heinrich, du betrügst mich!«
Solche Feiern fanden im Wohnzimmer statt, das für entsprechende Gelegenheiten und für Familienfeste reserviert war, das nur benutzt wurde, wenn Besuch kam. Zum Inventar dieses Zimmers gehörten der Dauerbrenner-Ofen, eine Couch, ein Tisch, zwei Sessel und eine Blumenbank. Dann war da noch ein kleiner Schrank, der eigentlich in die Küche gehörte, dort aber keinen Platz mehr fand. Oben im Schrank hatte der Vater den Bergmannsschnaps, seinen »Klaren mit Speck« – in Bochum Schweinchen genannt – deponiert, von dem die Ehefrau jedes Mal nach der Schicht ein Gläschen für ihn bereithielt. Daneben lagen die Tabakwaren. Unten im Schrank wurde das Spielzeug des Jungen aufbewahrt. Das beste Stück war die Eisenbahn, die man aufziehen konnte. Normalerweise waren Couch und Sessel im Wohnzimmer mit Schonbezügen abgedeckt. Das wollte die Mutter, und bei den anderen Familien in der Kolonie war es genauso.
Das Familienleben spielte sich in der Küche ab. Da war’s gemütlicher als in der kalten Pracht des Wohnzimmers. Es gab den Kohlenherd, den großen Küchenschrank, auf dem der Volksempfänger stand, der im Krieg immer so tolle Erfolgsmeldungen von der Front verkündete. Außerdem ein Sofa, Tisch und Stühle. Heinz Esken hat einen kleinen Lageplan mitgebracht:
Hier war die Hauptfeuerstelle und da rechts der Backofen oder der Aufsatz, in dem es immer heißes Wasser gab. Und hier war der Rauchabzug, gleichermaßen vom Wohnzimmerofen, das war so eine Art Dauerbrandofen im Wohnzimmer – ja, hier saß der Vatter nach der Arbeit und wärmte sich, das hab ich noch in Erinnerung, die Füße angezogen. Mein Platz war auf dem Sofa, das war ein Ledersofa, war nicht so bequem, ich mag auch heute noch kein Leder. Ich weiß nicht, was das für ’ne Lederart war, da klebte man richtig dran fest.
Eine Waschküche gab’s nicht. In der Küche musste auch die Wäsche gemacht werden. Und das ging ja nur auf dem Waschbrett. Hier war der Spülstein, also ein Waschbecken im weitesten Sinne. Da bin ich als Baby reingesteckt worden. Und dann war da ja der Stöpsel, man machte ihn auf, dann lief das Wasser frei nach draußen in die Gosse. Bei der großen Wäsche durchsuchte die Mutter regelmäßig das Arbeitszeug des Vaters, seinen Püngel, um herauszukriegen, ob er etwa auf der Arbeit einen Priem genommen hatte.
Das Schlafzimmer war genauso groß wie das Wohnzimmer, also auch 4 × 4 Meter. Das Ehebett und die Schränke waren aus Eiche und auf Abzahlung gekauft. Hier schlief die ganze Familie, denn im Raum befand sich auch ein großes Kinderbett.
Im Keller lag die Deputatkohle, in den Regalen standen die Gläser mit dem Eingemachten. Strom und Wasser gab es schon im Haus. Das Abwasser lief durch ein Rohr von der Küche in eine Wasserrinne hinter dem Haus. Von dort führte die Rinne um das Gebäude herum bis hin zur Gosse an der Castroper Straße, die war kanalisiert. Direkt neben dem Haus befand sich der Doppelstall mit dem Plumpsklo für jede Familie. Das Klo bestand aus einer runden Holzklappe mit einem Holzgriff, an der Wand hing das Zeitungspapier. Für das kleine Geschäft ging man nachts nicht nach draußen, da hatte man seine Hilfsmittel. Aber wer ein großes Bedürfnis hatte, der musste raus, bei jedem Wetter ums Haus herum. Neben dem Plumpsklo wohnten die Schweine, ein paar Kaninchen und Hühner. Die Mistkuhle war nach beiden Seiten offen, gewissermaßen zu Mensch und Tier; der Inhalt mischte sich harmonisch und wurde naturnah verarbeitet, und zwar auf dem Acker im Grabeland hinter dem Grundstück, dort, wo die Kartoffeln für die Schweine angebaut wurden. Der Kreislauf war gesichert.
»Hat es nicht eine Menge Abfall gegeben, wenn Schweine da waren? Was habt ihr damit gemacht?«, will ich wissen. Heinz Esken sagt:
Was wir an Abfall hatten, das wurde in dem großen Küchenofen verbrannt. Da blieb also nichts über. Die Kartoffelschalen kamen in den Schweinetrog und wurden verfüttert. Die Kartoffeln wurden ja extra gezüchtet, die Schweine kriegten sogar gekochte Kartoffeln und eben Essensreste. Die waren bestens im Fleisch. Da blieb dann nur noch die Asche übrig. Und dafür wurde gesorgt, denn einmal im Monat kam eine zweirädrige Pferdekarre von der Zeche, die die Asche abholte.
»Wie kam es, dass eines Tages die Schweine ausbrechen konnten?«
Hier [Heinz Esken zeigt auf den Plan] war der Stall offen, da war der Sitz, und genau hier war der Schweinetrog. Da gab es eine Klappe, so dass man den Mist von den Schweinen rausschmeißen konnte. In der Mistkuhle wurden zwei, drei Bretter abgedeckt, aufgenommen, und dann konnte hier der Schweinemist entsorgt werden. Und diese Klappe hatte eine Kette, die ist dann eines Tages ab gewesen. Da sind die Schweine ausgebrochen, bei uns raus, die Castroper Straße entlang, an der Schule vorbei und dann wieder in den nächsten Eingang rein, da ist ja die Kirche – und plötzlich waren sie beim Pastor auf dem Hof. Das passierte auch noch an einem Sonntagmorgen. Ein Nachbar hat bei uns geklingelt, hat gesagt, dass unsere Schweine auf dem Kirchplatz herumlaufen.
Vor dem Haus lag der Gemüsegarten. Hier wurde im Zirkel des Jahres angebaut, was man für den Haushalt brauchte. Aber spielen durften die Kinder nicht im Garten, sondern sie gingen auf die Castroper Straße; so hieß damals auch noch der Teil der Kolonie, der seit 1953 Wichernstraße genannt wird.
Die war mitten in der Kolonie, die Straße. Das war ja eine reine Aschenstraße, da haben wir natürlich auch Fußball gespielt. Aber wir hatten keinen richtigen Ball, sondern irgendwas Zusammengebasteltes aus Stoff; das Ding war zwar weich, flog aber nicht weit, Gott sei Dank. Man durfte ja auch nicht hinfallen. Wenn es doch passierte, dann führte das zu bösen Verletzungen.
Für drei Jungen, Heinz Esken, Paul Vierhok und Heinz Brandau, die in der Kolonie eine verschworene Gemeinschaft bildeten, gab es noch andere Spielplätze. Das Grabeland reichte etwa bis zum Fußgängertunnel, der heute unter dem Ruhrschnellweg hindurch von der Matthias-Claudius-Straße zur Josephinenstraße führt. Da hatte jeder sein Stückchen, da war nichts eingezäunt, sondern die Bergleute aus der Kolonie bauten alle ihre Kartoffeln an und manchmal auch ein paar Bohnen. Dahin wurde auch das, was sich in der Aalkuhle angesammelt hatte, transportiert. Irgendeiner der Nachbarn hatte eine Karre mit einem runden Behälter drauf; in diesen Behälter wurde der ganze Schlamassel hineingeschöpft, dann die Straße entlang geschoben und auf dem Acker verteilt. Aber für die drei Jungen war wichtig, was jenseits lag, denn hinter dem Grabeland gab es ein wildes Feld, und mitten auf dem Feld stand eine Ziegelei, umgeben von Lehmbergen, die dort abgebaut wurden. Das war eine Spielecke, von der die Kinder glaubten, dass sie in die Zeit passte. Wo man sich in den Lehmbergen vergraben, sich vor dem Feind verbarrikadieren, Unterstände bauen konnte.
Damals war das ja bei Jungen so üblich. So wurden wir auch erzogen. Wir haben da alle ein bisschen Krieg gespielt, im Dritten Reich.
Ernster wurde die Sache schon beim Jungvolk. In der NS-Zeit wurden Jungen und Mädchen vom neunten oder zehnten Lebensjahr an uniformiert. Das machte anfangs sogar Spaß. Exerzieren und sportliche Übungen waren an der Tagesordnung. Die Aufmärsche und Versammlungen fanden nebenan auf dem Schulhof statt, wo sich auch die Hitlerjugend traf. Heinz Esken war beim Jungvolk zum Jungenschaftsführer ernannt worden, trug eine rot-weiße Kordel und durfte eine kleinere Gruppe kommandieren. Da er von einem Nachbarjungen gelernt hatte, mit dem Kleinkalibergewehr zu schießen, bewies er auch beim Jungvolk in dieser Sparte eine große Treffsicherheit. Er wurde gefördert und errang als erster Pimpf in Bochum das »Jungvolk-Schießabzeichen«. Heinz war stolz, denn die Zeremonie, in der ihm die Nadel mit dem Abzeichen an die Brust gesteckt wurde, fand auf dem Sportplatz an der Castroper Straße statt, und der gesamte Bann Bochum mit Jungvolk und Hitlerjugend war angetreten.
»Die Schule, zu der du gegangen bist, war die nebenan? Dieselbe, auf der ihr auch exerzieren musstet?«
Nein, erst als die Zusammenlegung kam, als die Konfessionsschulen wegfielen. Wir waren katholisch, und ich besuchte zunächst die Schule an der Ecke Rottmannstraße/Ruhrschnellweg. Das ist etwa da, wo heute die Hauptschule am Lenneplatz steht. Woran ich mich erinnere, ist, dass zwischen Lenneplatz und Ruhrschnellweg eine Müllkippe war. Da wurde gekippt, und wir Schüler wurden direkt nebenan in einem alten, verkommenen Schulgebäude unterrichtet. Als i-Männchen saß ich in einer Doppelbaracke. Dahin sind wir am ersten Tag noch von den Müttern begleitet worden. Und dann hieß es nur noch: ›Lauf mal!‹ Da war ja noch nicht so viel Verkehr auf dem Ruhrschnellweg, der war damals noch dreispurig. Jede Fahrtrichtung eine Spur, und auf der mittleren Spur konnte man von beiden Seiten aus überholen.
»Und da musstest du rüber, über den Ruhrschnellweg?«
Ja, sicher. Ich bin also die Castroper Straße ein Stück raufgegangen, und dann in die Rottmannstraße rein, wo heute noch der Friseur Ungetüm ist – das ist immer noch derselbe Name, wo mir immer ein Kurzhaarschnitt verpasst wurde, mit schrägem Scheitel natürlich – und dann über den Ruhrschnellweg. Das war mein Schulweg.
Heute ist diese Schule samt angrenzender Müllkippe vom Erdboden verschwunden. Der ganze Bereich ist nach dem Kriege siedlungsmäßig bebaut worden, bis hinüber zum Gewerbegebiet. Im Jahre 1939 kam Heinz Esken dann auf die Schule neben seinem Elternhaus. Nach der Zusammenlegung gab es keine Konfessionsschulen mehr. Das war für ihn sehr bequem; er brauchte nur über die Straße zu laufen. Stolz war man, weil die Schule inzwischen auch einen Namen bekommen hatte. Bis dahin gab es viele namenlose Schulen. Nun hieß man plötzlich »Kaiser-Otto-Schule«.
Die Schulmauer war niedrig. Da konnte die Mutter dem Jungen jeden Morgen sein Bütterken rüberbringen. Und weil er so ein schlechter Esser war, stand sie an der Mauer und rief: »Junge, iss doch!«, aber er kriegte nichts runter. Geleitet wurde die Schule vom Rektor Aufderheide, einem strengen Mann, der auch den elfjährigen Heinz Esken unterrichtete. Der Rektor besaß einen kleinen Stock, der ihm zu pädagogischen Zwecken diente, denn je nach Maßgabe der Unbotmäßigkeit verpasste er damit seinen Zöglingen entsprechende Schläge in die Hände. Heinz bekam den Stock zu spüren, als er einen Nachbarn abschreiben ließ.
Spielen durfte man nicht auf dem Schulhof. Der Hausmeister sorgte dafür, dass dieser Ort der Hitlerjugend vorbehalten blieb. Und bald wurde ohnehin Ernst aus dem Spiel. Seit dem 1. September 1939 war Krieg. Das bekam man auch im Ruhrgebiet zu spüren. Zum ersten Mal wurde das Ruhrgebiet im Jahre 1940 von der britischen Luftwaffe bombardiert. Vom Mai 1941 an fielen auch in Bochum die Bomben, zunächst aber noch nicht an der Castroper Straße. Doch das war nur eine Frage der Zeit, und die Fliegerangriffe würden nicht mehr aufhören bis zum bitteren Ende. Vater Esken war als Bergmann vom Kriegsdienst freigestellt worden. Wer in kriegswichtiger Position (Bergleute, Stahlarbeiter, Bauern) tätig war, wurde bis zum Jahr 1943 nicht einberufen.
Auch der junge Heinz Esken machte seine Erfahrungen mit der neuen Situation. Einen Bruder des Vaters hatte es nach Ortelsburg in Ostpreußen verschlagen, heute heißt der Ort Szczytno und liegt im masurischen Seengebiet. Dieser Bruder war zum Kriegsdienst eingezogen worden und besuchte, wie es sich gehörte, in Uniform die Familie Esken in Bochum. Es war Sommer, die Familie ging im Stadtpark spazieren. Der Onkel hatte aufgrund der großen Hitze den obersten Knopf seiner Uniform geöffnet. Daraufhin wurde er von einem Offizier angeschnauzt, musste stramme Haltung annehmen und natürlich den Uniformknopf wieder schließen. Ein deutscher Soldat hatte sich ordentlich zu kleiden. Der Junge verstand nicht, was das sollte.
Der Onkel wurde später an der Ostfront eingesetzt, zuletzt vor Leningrad. Eines Tages wurde die Wohnung an der Castroper Straße gestürmt, vom Ortspolizisten, der sich zu diesem Zweck extra seinen Tschako aufgesetzt hatte, und von einigen Herren in Zivil. Man sperrte die Familie Esken in der Küche ein und durchsuchte die gesamte Wohnung, den Keller, das Dachgeschoss und schließlich auch noch den Stall, ohne dass etwas dabei herauskam. Den Grund nannte man der Familie erst am Schluss: Der Onkel war fahnenflüchtig. Später traf ein Brief des Onkels ein, seine letzten Zeilen. Man hatte ihn gefasst. Als der Brief in der Castroper Straße abgegeben wurde, hatte man den Onkel schon erschossen. Mutter Esken musste der Witwe einen Ariernachweis besorgen, damit sie, nun auf sich allein gestellt, Arbeit bekam.
Der Vater wurde nicht mehr eingezogen. Aber man kann in diesem Fall wohl nicht von Glück sprechen. Im April 1942 ereilte ihn das Schicksal unter Tage. Auslaufende Kohle, so hieß die lakonische Erklärung. Auf der Zeche Amalia. Seinem Jungen erklärte man später, der Vater sei von der abrutschenden Kohle eingeklemmt worden, so dass er sich nicht mehr habe retten, sich nicht mehr habe mitlaufend befreien können. Er war in der auslaufenden Kohle erstickt. Die Nachbarn hörten es eher als die Familie. Die heimkehrenden Kollegen wussten, Heinrich Esken war verschüttet. Ihnen war klar, was das bedeutete. Aber der Junge saß in der Küche der Bergmannswohnung und hoffte noch auf ein Wunder, betete. Aufgebahrt wurden die toten Bergleute damals auf der Zeche. Das war so üblich. Anschließend kam die Beerdigung in der Trauerhalle am Freigrafendamm. Das Bergmannsorchester spielte »Ich hatt’ einen Kameraden …«.
Das war das Ende der Kindheit für Heinz Esken, der eine Woche zuvor gerade zwölf Jahre alt geworden war. Der Krieg brachte für ihn gleich zweimal die Verschickung in eins der weit entfernten Kinderländer. Die alten Freunde aus der Kolonie mussten andere Reiseziele ansteuern. Man verlor sich aus den Augen. Von der Harpener Bergbau-AG wurde Mutter Esken als Witwe die Miete erhöht, die Deputatkohle wurde gekürzt. Die Rente war auch für zwei Personen viel zu gering. Man war jetzt arm. Als Heinz Esken aus der zweiten Kinderlandverschickung, aus Treptow an der Rega, nach Bochum zurückkehrte, war die Mutter schon zur Oma an die Schmechtingstraße gezogen. Die Wohnung in der Castroper Straße 233 hatte sie aufgelöst.
[2007]
Kunst auf Lothringen
Man möchte es gar nicht glauben, aber Politiker können unter Umständen Menschen sein, in besonderen Fällen sogar Menschen mit Sinn für die Kunst. Das Beispiel von Norbert Lammert, dem Bochumer Bürger und Berliner Bundestagspräsidenten, zeigt dies aufs Glücklichste. Im Februar des Jahres 2012 saß er an einem winterlich-frischen Samstagvormittag ein paar Reihen hinter mir in dem kleinen Veranstaltungsraum des Kulturrats in Bochum-Gerthe und freute sich mit denen, die auch gekommen waren, dass man dem Dichter Hugo Ernst Käufer die Ehre erwies und ihn dort anlässlich seines 85. Geburtstags feierte. Das war genau an dem Tag, als Herr Lammert in Berlin noch als möglicher Nachfolger des ausgemusterten Bundespräsidenten Wulff gehandelt wurde. Aber er hatte wohl intern schon abgewinkt, hatte sich anders entschieden. Vielleicht hat ihm damals auch seine Ehefrau abgeraten. Man muss eben Prioritäten setzen, und es ist immer gut, wenn jemand weiß, wo er hingehört.
Auch dem Künstlerischen im engeren, folglich im bildenden Sinne ist das Ehepaar Lammert zugetan. Als Horst Dieter Gölzenleuchter vor ein paar Jahren zur Feier seines Fünfundsechzigsten in Wattenscheid eine Ausstellung eröffnete, war auch Herr Lammert dabei und erwarb ein Bild des Bochumer Künstlers, bei dessen intensiver Betrachtung (gemeint ist das Kunstwerk) allerdings der Ehefrau unseres Bundestagspräsidenten nachträglich erhebliche Bedenken kamen. Das Bild – ein großformatiger Holzschnitt, auf dem man auf den ersten Blick nur Linien erkennt, von denen aber einige bei genauem Hinsehen zu ausdrucksstarken Gesichtern werden – erinnerte Frau Lammert zumindest entfernt an diese unsäglichen Präparate des Anatoms Gunther von Hagens. Das ist ein Arzt und Unternehmer, der damit sein Budget erheblich aufbessert, dass er menschliche Leichen konserviert oder plastiniert, wie er selbst dieses Verfahren nennt, und in spektakulären Ausstellungen, die durch die Welt reisen, von noch lebenden Menschen angucken lässt. Wer jemals das Pech hatte, diesen Anatom von Hagens in einer Talkshow wahrnehmen zu müssen, kann auch aus diesem Grund gut verstehen, dass man sich nichts ins Haus hängen möchte, was mit ihm auch nur gefühlt zu tun hat.
Was genau Frau Lammert auf dem Bild gesehen hatte, blieb auch dem Künstler Gölzenleuchter nicht vollends verschlossen; er hatte allerdings nicht das unbedingte Bedürfnis, den assoziativen Bezug zwischen seinem Werk und den Präparaten des besagten Gruselmediziners bis in die letzte Konsequenz hinein nachzuvollziehen. Trotzdem freute er sich, als Frau und Herr Lammert ein paar Wochen später in seinem Atelier im Kulturrat an der Lothringer Straße erschienen und ihn darum baten, das zuvor erworbene Kunstwerk wieder umtauschen zu dürfen. Klar, sagte Gölzenleuchter, umtauschen sei völlig in Ordnung. Die Lammerts haben sich dann ein bisschen vor Ort umgesehen, und sie sollen am Ende sogar mehr aus dem Atelier mit nach Hause getragen haben, als sie mitbrachten, was den Künstler wiederum gefreut hat.
Als mir Horst Dieter Gölzenleuchter, genannt Oskar, diese Geschichte erzählt, sitzen wir genau in demselben Atelier, in dem das Ehepaar Lammert seine künstlerische Auswahl getroffen hat, und trinken Kaffee. Hier sieht es so aus, wie es sich für ein Atelier gehört. Wenn man sich irgendwo hinsetzen möchte oder eine Tasse abstellen will, muss immer erst mal etwas anderes weggeräumt werden. Aber das gehört eben dazu, man fühlt sich trotzdem willkommen. Kaffee gibt es aus einer Stempelkanne, die Becher sind bunt.
Gölzenleuchters Atelier besteht aus einem langen Flur und viereinhalb zum Teil recht großen Räumen, die allerdings gut angefüllt sind mit größtenteils eigenen Kunstwerken aller Art, die an den Wänden hängen, irgendwo angelehnt stehen, auf Tapeziertischen liegen oder vorübergehend abgelegt wurden, und natürlich einer Fülle von Gegenständen und Materialien, die demnächst einmal Kunstwerke werden sollen. In den Ecken oder an den Wänden gibt es ein paar Vitrinen, in denen kleinere Arbeiten aufbewahrt sind, darauf Skulpturen, die hier und da afrikanisch anmuten, und immer wieder stehen da Tische und Regale mit Farbtöpfen und Geräten, die der Hausherr wohl zum eigenhändigen Drucken und Reproduzieren von Kunst gebraucht. Holz, in Scheiben, Planken, Stangen, bearbeitet oder frisch, ist allgegenwärtig.
Manchmal stecke im Holz etwas Erotisches, sagt der Künstler, es habe etwas Sinnliches, müsse in die Hand genommen, müsse gestaltet werden. Manchmal wird aus einer Holztür ein Holzschnitt, ein Druck, menschengroß. Alles ist da, Tischplatten, Baustellenholz, Vierkantbalken, Keilrahmen, Paletten. Wie man in diesem Ensemble allerdings genau das finden kann, was man gerade sucht, kann wohl nur der Künstler selbst wissen. Vielleicht sucht man aber als Künstler ohnehin nur das, was man auch findet. In dem Band »Holzschnittgeschichten« aus dem Jahre 2008 widmet Gölzenleuchter seinem Atelier einen kleinen Hymnus:
Ein Ort der gefangen nimmt. Einer der Inspiration. Eine andere Welt inmitten von sich immer mehr beschleunigenden, unübersichtlichen Lebens- wie Arbeitsabläufen, -verhältnissen. Eine andere Welt inmitten der Sachzwänge und Konsumbanalitäten. Scheinbar ein Ort der Langsamkeit. Noch nicht aus der Hand gegeben: Pinsel, Stift, Kreide, Messer …
Scheinbar ein Ort der stehengebliebenen Zeit. Angefüllt mit Arbeitsmaterialien, Werkzeug, mit Brauchbarem und Nutzlosem. Angefüllt auch mit Nachdenklichkeit, Grübelei, Enttäuschung, Hoffnung, Resignation und Handlung. Angefüllt mit Einsamkeit und Begegnung, Angefangenem, Verworfenem und Akzeptiertem.
An der Wand stehen ein paar großformatige Bilderrahmen, in denen dem Besucher, der Lust hat zu lesen, Zeitungsartikel präsentiert werden, deren Autorinnen und Autoren über die Jahre die Kunst in ihrer ganzen Vielfalt, wie sie hier vor Ort oder in den früheren Ateliers des Künstlers produziert wurde, kommentiert haben. Ein Frauentorso, gearbeitet in einen Baumstamm, zieht meinen Blick auf sich. Und natürlich die große Menge an kunstvoll bebilderten und eingebundenen Büchern, die alle in diesen Räumen hergestellt worden sind.
Hier ist die »Edition Wort und Bild« zu Hause. »Wort und Bild«, das ist Gölzenleuchters schlichtes Etikett, hinter dem sich die Produktion bibliophiler Bücher, gedacht für jedermann, verbirgt. Man hat das Gefühl, nicht nur in einem Atelier zu sein, sondern auch in einer Werkstatt, in der Kunst in einem beinahe archaischen Sinn gearbeitet wird. Der Blick aus dem Fenster erfasst Industriedenkmale aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Der Gedanke, sich noch einmal dieser Nachbarschaft – auch in ihrer historischen Dimension – zu vergewissern, liegt nahe.
Die Atelierräume der »Werkstatt und Edition Wort und Bild« befinden sich im ersten Stockwerk des Bochumer Kulturrats e. V., eines soziokulturellen Zentrums im Norden der Stadt, das seit 1988 seinen Sitz in dem ehemaligen Magazingebäude der Zeche Lothringen im Stadtteil Gerthe hat. Ein gemeinnütziger Verein ist der Träger des Konzeptdachs »Kultur-Magazin Lothringen« und organisiert in seinen Räumen eine Fülle von unterschiedlichen kulturellen Aktivitäten. Der Bogen dessen, was hier passiert, ist weit gespannt, er reicht von traditionellen Formen der Literatur, Musik, Kunst, des Theaters und des Films bis hin zu Experimentalbereichen wie Performance und multimedialen Ausdrucksformen. Auch die Arbeit H. D. Gölzenleuchters gehört in dieses Konzept. Als Mieter seiner Atelier- und Werkstatträume ist er gewissermaßen Partner im »Kultur-Magazin Lothringen«. Arbeit und Initiativen des Kulturrats sind, wie man in Bochum weiß, eng verbunden mit dem Namen seines langjährigen Vorsitzenden Gerd Kivelitz. Seit dessen Tod im Jahre 2010 leitet seine Frau das verdienstvolle Unternehmen.
Wer vor dem Gebäude des Kulturrats steht und sich umsieht, spürt trotz einiger Modernisierungen, die im Eingangsbereich vorgenommen wurden, dass er sich hier gewissermaßen auf historischem Boden, in einem Restensemble von Industriearchitektur aus der Jahrhundertwende befindet. Auf der Schachtanlage Lothringen, in deren ehemaligem Magazin heute Kultur gemacht wird, wurde knapp neunzig Jahre lang Kohle gefördert. Die Anlage zählte eher zu den jüngeren Zechengründungen. Im Jahre 1880 war die Förderung aufgenommen worden. Zu jeder Zeche gehörte als unverzichtbare Einrichtung ein Magazin, also ein Lager für alle möglichen Dinge, die der Kumpel untertage brauchte, vom Nagel und Hammer über die Arbeitskleidung bis zum Gezähe. Es gab einen Magazinverwalter, und die Ausgabestelle des Magazins musste gewöhnlich Tag und Nacht besetzt sein, so dass sich die Bergleute jederzeit die für sie nötigen Utensilien abholen konnten. Dafür brauchten sie einen Bezugsschein, der zuvor vom Steiger unterschrieben wurde. Das System muss trotz oder auch wegen dieser Bezugsscheine gut funktioniert haben, denn unter Bergleuten erzählt man sich, dass ein umsichtiger Kumpel immer eine gut sortierte Auswahl an Nägeln im Hause hatte.
Bis 1913 wurden auf der Zeche Lothringen insgesamt fünf Schächte abgeteuft. Im Jahre 1912, also exakt vor hundert Jahren, erlangte die Anlage traurige Berühmtheit, denn bei einer schweren Schlagwetterexplosion auf Lothringen 1/2 starben 112 Bergleute. Kaiser Wilhelm II., der sich damals gerade zur Jahrhundertfeier der Firma Krupp in Essen aufhielt, besuchte höchstpersönlich die Unglückszeche.
Am 1. August 1929 wurde Gerthe nach Bochum eingemeindet. Die Zeche Lothringen war nun auch eine Bochumer Zeche, gehörte ins Kohlengräberland. Bochum war 1929 die zechenreichste Stadt auf dem Kontinent und hatte nach den vielen Eingemeindungen im Nordosten nun auch gemeinsame Grenzen mit Herne, Castrop-Rauxel und Dortmund.
Dann kam die Nazizeit, und ein paar Jahre später kam der Krieg. Im Gewerbegebiet an der Gewerkenstraße, im nordöstlichen Teil von Gerthe, und zwar direkt bei der Schachtanlage III, wurde während des Zweiten Weltkriegs das Zwangsarbeiterlager Zeche Lothringen errichtet, um den erforderlichen Bedarf an Arbeitskräften zu sichern. Wenn man auf den Stadtplan guckt, erkennt man, dass dieses Lager nur etwa tausend Meter vom Magazingebäude der Zeche entfernt lag.
Heute erinnern neun von ursprünglich elf Baracken an das Lager, in dem im Sommer 1943 einhundert Zwangsarbeiter und über dreihundert sowjetische Kriegsgefangene untergebracht waren. Auch in Gerthe galt, was im gesamten Ruhrbergbau praktiziert wurde: Seit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Belegschaften Schritt für Schritt durch ausländische Arbeitskräfte ergänzt. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 begann in der Gerther Zeche wie in den anderen Bergwerken des Ruhrreviers der Masseneinsatz sowjetischer Kriegsgefangener unter unmenschlichen Bedingungen. Zwischen Januar 1942 und Mitte 1944 wurden rund 215.000 sogenannte Ostarbeiter und Kriegsgefangene in die Zechenlager deportiert. Ihr Anteil an den Belegschaften betrug nun fast 40 Prozent.
Zur Unterbringung wurden in der Regel Barackenlager errichtet. Das Lager der Schachtanlage III entstand als eine von vier vergleichbaren Einrichtungen der Zeche Lothringen. Die Baracken gruppierten sich um zwei ältere Backsteingebäude: die Elektrozentrale und die Waschkaue. Nach dem Krieg wurden die Baracken in kleinere Wohneinheiten aufgeteilt. Zunächst wurden sie als Notunterkünfte für Ausgebombte und angeworbene Bergleute genutzt. Später lebten hier Gastarbeiter aus der Türkei, Italien und Griechenland.
In den achtziger Jahren wurde auf dem Areal ein studentisches Wohnprojekt entwickelt, das die Gebäude mehr oder weniger in den heutigen Zustand versetzte, und zwar – wie es in dem entsprechenden Wikipedia-Eintrag heißt – ohne Wissen um die Geschichte des Lagers. Später kamen andere Mieter, die wussten, wo sie waren, und die sich energisch für den Erhalt der Siedlung einsetzten. Trotz aller Umbauten scheint die Grundstruktur des Lagers heute noch weitgehend bewahrt; das Gerther Barackenlager kann damit als eines der wenigen vorhandenen Beispiele seiner Art in Deutschland gelten.
Wenn man die Anlage besucht und mit einigen der Anwohner spricht und die Kinder auf den Rasenflächen spielen sieht, hat man den Eindruck einer kleinen Insel der Seligen. Natürlich mussten, um hier dauerhaft leben zu können, die vergifteten Böden saniert, die Holzbaracken weiterhin renoviert werden. Sogar zwei Bunker, die vermutlich von den Zwangsarbeitern selbst angelegt worden waren, hat man im Zuge der Sanierungsmaßnahmen unter dem Gelände entdeckt. Dem mehrmals drohenden Abriss durch die Ruhrkohle AG, die alle Bewohner liebend gern umgesiedelt hätte, entging das Lager aufgrund vielfältiger Initiativen und Anstrengungen der heute dort lebenden Menschen, die gegenüber den politischen Gremien, die involviert waren, auch auf die komplexe historische Bedeutung der Wohnanlage verweisen konnten. Das glückliche Ende kam, als das ehemalige Zwangsarbeiterlager der Zeche Lothringen mit Hilfe des Bochumer Ratsmitglieds Dr. Hans Hanke im August 2005 in die Denkmalliste eingetragen wurde.
Was die Zeche selbst betraf, so war hier in den achtziger Jahren längst Schicht im Schacht. Im Jahre 1964 waren auf Lothringen im Verbund mit der Zeche Graf Schwerin in Castrop-Rauxel noch 1,6 Millionen Tonnen Kohle gefördert worden; doch nur kurze Zeit später kam das Ende. Schuld war die Krise im westdeutschen Steinkohlebergbau, die dazu führte, dass im Jahre 1967 die Gesamtanlage stillgelegt wurde. Das ist nun auch schon wieder 45 Jahre her. Aber zum Glück gibt es immer Leute, die nicht nur ein paar Ideen haben, was man mit den unterschiedlichen Restbeständen einer Industriearchitektur, die es so nie wieder geben wird, anfangen könnte, sondern die auch die Kraft haben, ihre Vorstellungen durch- und umzusetzen.
Und damit zurück zu dem Künstler Gölzenleuchter, der in dem alten Magazinhaus eine kongeniale Arbeitsstätte gefunden hat. An Werktagen reist er, aus Querenburg kommend, mit öffentlichen Verkehrsmitteln an. Hier arbeitet er, empfängt Besucher, führt Workshops für angehende Künstler durch, erklärt im Rahmen von Führungen seine Arbeit, betreut Gruppen von Kindern, die die Kunst für sich entdecken wollen.
Wie alles anfing, möchte ich wissen. Geboren ist er 1944 in Freiburg. In Dahl bei Hagen lebte die Familie nach dem Krieg, dort gab es beim Friseur die Zweigroschenhefte, Sigurd, Akim, Silberpfeil – hier schon die wechselseitige Erhellung von Wort und Bild –, die es dem Jungen angetan hatten. Später, als die Familie nach Bochum übergesiedelt war, kamen die Landserhefte hinzu. Auch hier wieder Worte (manchmal auch nur Wörter) und Bilder, und zwar der ganz besonderen Art: Der deutsche Held im Zweiten Weltkrieg, Geschichten vom ehrlichen Kämpfer an der Front, das waren die Themen und auch die Botschaften. Neben den deutschen Soldaten gab es noch ganz andere Helden: Aus der Leihbücherei in der Brückstraße holte er sich Tom Prox und andere Wildwestgrößen ins Haus oder unter die Bettdecke.
In diese Zeit reicht auch die Geburt des Namens Oskar zurück, der sich bis heute gehalten hat. Kreiert, weil benötigt, wurde er auf dem Fußballplatz. Da müssen die Namen kurz sein. Horst Dieter war zu lang, Gölzenleuchter noch länger. Hinzu kam, dass sich der Junge einen Igelschnitt, die damals beliebte Meckifrisur, zugelegt hatte. Nun sah er aus wie der österreichische Filmschauspieler Oskar Sima, der in den Filmkomödien der fünfziger Jahre gern die zwielichtigen Typen spielen durfte. Inwieweit die Wahl dieses Spitznamens Oskars Fußballspiel kommentierte, ist nicht überliefert. Auf jeden Fall brauchte man auch auf dem Fußballplatz, der wohl eher ein Bolzplatz gewesen sein dürfte, ein paar Helden.
Aber der junge Gölzenleuchter, der nach dem Schulabschluss in einer Gärtnerei arbeitete, wollte eigentlich kein Held werden. An seinem Arbeitsplatz rettete er lieber Maikäfer, wenn sie in einen Wasserkübel gefallen waren. Das tat der Seele des Jungen gut. Auch optische Reize gab es schon sehr bald: In der Woolworth, gegenüber der elterlichen Wohnung, konnte der Junge Ölbilder sehen, die es ihm angetan hatten, solche mit glühenden Heiden, plätschernden Bächen, röhrenden Hirschen. So wollte er gerne malen können.
Dann kam so etwas Ähnliches wie eine Erweckungsphase. Der Junge hörte von Aktionen der Gewerkschaftsjugend, die sich gegen die kriegsverklärenden Tendenzen der Landserhefte richteten. Das half ihm, wie er heute sagt, »auf die Sprünge«. Er desertierte vom Landser zum Leser einer sozialistisch-pazifistischen Wochenzeitung, sie hieß »Die Andere Zeitung«. Da entdeckte er zuvor nie Gelesenes, Texte von Tucholsky, Brecht, Ossietzky und von der Seghers, zuvor nie Gesehenes, Bilder von Grosz, Pankok, Dix und von der Kollwitz. Er entdeckte die Kunst und die Literatur »der Verbannten, Verbrannten, der Emigration«.
Vom Trinkgeld, das er fürs Blumenaustragen erhielt, kaufte der junge Gölzenleuchter »nicht immer Trinkbares, sondern auch Linolschnittmesser, Druckfarbe und eine Walze«. Damit besaß er nun sein allererstes Druckwerkzeug. Die anfänglichen Schnitt- und Druckversuche erbrachten eine Hafenlandschaft, Tiere nach Franz Marc, eine Trauernde, dem Stil der Kollwitz nachempfunden. Das Logo der Friedensbewegung schnitt er ins Linol, druckte es auf Tapetenreste und schrieb dazu: »Denkt an Hiroshima – nie wieder Krieg!« Das waren dann seine ersten Plakate, die er an die Bauzäune gegenüber dem Bahnhof klebte.
Es kamen die Ostermärsche, auf denen man neue Freunde gewann. Die »Proletenpresse« wurde gegründet, Asphalt-Hefte publiziert, die ersten »abgenudelt mit Wachsmatrizen«. Die Grafiken zu den Heften wurden mit einem selbstgebauten Siebdruckgerät erstellt, die ersten im Keller der künftigen Ehefrau Renate in Wanne-Eickel. Gölzenleuchter erzählt:
Wir agierten gegen den Kapitalismus, war ja nicht so falsch, gegen die Notstandsgesetze, den aufkommenden Neo-Faschismus im Mantel der NPD. Gegen NSDAP-Mitglieder in der Regierung. Aber auch für Mitbestimmung in den Betrieben, waren für den Sozialismus.
In dieser Sache gab es auch in Bochum viele Fraktionen. In unserer Kneipe in der Innenstadt, der »Krim«, war jeder Tisch eine andere Fraktion. Bis weit in den Morgen hinein wurde hier die Welt revolutioniert, lautstark und hemmungslos.
Gölzenleuchter wirkt mit in Werkstätten verschiedener Werkkreise, so auch im Dortmunder »Werkkreis Literatur der Arbeitswelt«. Er lernt zahlreiche Autorinnen und Autoren aus dem Ruhrrevier kennen, darunter Michael Klaus und Hugo Ernst Käufer. Er selbst arbeitet in der »Wedag«, einer Maschinenfabrik in Bochum. Es kommt die Zeit der K-Gruppen, Wohngemeinschaften, die sich anfangs auch Kommunen nennen, die Zeit der Kinderläden. Der bewaffnete Kampf macht blutig von sich reden, das ist nicht Gölzenleuchters Sache.
Im Jahre 1971 verlässt er die Fabrik und wird freischaffender Künstler, will etwas bewegen, schließt sich der Forderung für eine »Kultur für alle« an. »Ob das gelang«, sagt er heute, »ist die Frage.« Das Postulat einer »Kultur für alle« richtet sich auch, wie er resümiert, gegen eine »immer rabiatere Züge annehmende Konsumgesellschaft. Wir sprachen sogar von Konsumterror. Na ja, wir hatten viele Parolen.«
Eng an Gölzenleuchters Seite wirkt Freundin und Ehefrau Renate. Sie ermutigt ihn, die riskante freiberufliche Laufbahn einzuschlagen, hilft über finanzielle Engpässe hinweg, wirkt mit bei der Produktion von Texten, tippt auf der Schreibmaschine, beschreibt Wachsmatrizen. Heute ist sie es, die den Computer bedient, die ihren Mann in Fragen der Typografie berät, gerade wenn es um den Abdruck von Gedichten geht. Ohne Frau Renate geht im Grunde gar nichts, da hat der Künstler richtig Glück gehabt.
Noch in die sechziger Jahre reicht die Begegnung mit den Arbeiten von HAP Grieshaber zurück; irgendwann bei einer Bochumer Grieshaber-Ausstellung springt der Funke über. Gölzenleuchter ist so beeindruckt, dass er einmal sogar von Grieshaber träumt, und zwar trifft er ihn im eigenen Treppenhaus, und auf die Frage, wohin er denn des Wegs sei, bedeutet Grieshaber dem beglückten Gölzenleuchter, er wolle zu ihm. Aber das ist eben nur ein schöner Traum, im richtigen Leben lernen sie sich persönlich nicht kennen. Vielleicht hätte es die Möglichkeit gegeben, aber die Ehrfurcht, die dem Bochumer Künstler zugleich Zurückhaltung gebietet, ist wohl zu groß. Im Jahre 1976 schneidet er das Porträt des verehrten und bewunderten Künstlers ins Holz, nämlich in ein kleines Stück Tischlerplattenabfall. Stolz ist er, als die Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik »die horen« sein Grieshaber-Porträt in der Ausgabe zu dessen 70. Geburtstag veröffentlicht. Ein kleines Gedicht von Gölzenleuchter ergänzt und kommentiert das Porträt:
Wie der ausholt mit seinem Messer
noch immer
heilsame Wunden schneidendübers Holz
in unsere Köpfe
in unsere Herzen
entwirft er
grob und zart
Träume für uns
die nicht locker lassen
im Alltag der Gewalt
Gölzenleuchter räumt ein, seine Vision von einer gerechteren, sozialeren Gesellschaft sei nicht immer ohne Widersprüche gewesen. Aber das Falsche stecke eben manchmal auch im scheinbar Richtigen. Und tröstlicherweise entwickele sich ohne das Falsche selten das Richtige. Das Bedürfnis nach Zwischentönen, von denen »Väterchen« Franz Josef Degenhardt in merkwürdiger Selbstverleugnung noch behauptet hatte, sie seien nur »Krampf im Klassenkampf«, bildet sich bei dem Künstler Gölzenleuchter heraus, feine Unterschiede werden ihm immer wichtiger. Er verabschiedet sich von der proletkulthaften Geste, die noch für die »Proletenpresse« richtungsweisend gewesen ist, und gründet im Jahre 1979 die »Edition Wort und Bild«. Ort des Geschehens ist noch das frühere Atelier in Bochum-Langendreer.
Der erste Titel heißt »Nicht mit den Wölfen heulen« und ist durchaus programmatisch gemeint. Es ist gewissermaßen ein literarisches Bilderbuch mit etwa hundert Zeichnungen des Künstlers und Herausgebers, in die er Texte und Textauszüge von Autorinnen und Autoren aus zwei Jahrhunderten integriert hat. Das Vorwort schreibt Josef Reding; Autoren wie Fried, Kunert und Kahlauf stellen ihre Texte zur Verfügung. Der Anfang ist gemacht.
Das war vor dreiunddreißig Jahren. Eine beachtliche Reihe von Publikationen liegt inzwischen auf den Tischen des Ateliers im Kulturrat, unverwechselbar in ihrem künstlerischen Anspruch, auch und immer noch in ihrer inhaltlichen Prägung. Joachim Wittkowski schreibt in dem kleinen Jubiläumsband »30 Jahre Edition Wort und Bild«:
In der »Edition Wort und Bild« ist es dem Buchkünstler H. D. Gölzenleuchter möglich, sein ihm eigenes Konzept vom Buch ins Werk zu setzen. In keinem anderen Verlag wäre es ihm vergönnt, Wort und Bild so kompromisslos nach seinen eigenen Vorstellungen in Einklang zu bringen und dem Objekt Buch so unverkennbar sein in Holz geschnittenes Gepräge zu geben. Dazu gehört auch, dass H. D. Gölzenleuchter seinen Blick auf die Gesellschaft frei von den Entscheidungen eines verkaufsorientierten Lektorats zum Ausdruck bringen kann. Nicht zuletzt vermag er mit seiner »Edition Wort und Bild« Autoren und Künstler unabhängig von Dritten zu fördern.
Die Geschichte der »Edition Wort und Bild« dokumentiert sich auch in den munteren Gästebüchern, die Gölzenleuchter mir zeigt. Ich lese mich fest in dem großformatigen Album, das die Einträge aus den Jahren 1996 bis 1997 festhält. Es war wohl das erste Buch, das Gästen im damals neuen Atelier des Gerther Kulturrats vorgelegt wurde; die Einladung zur Eröffnung am 5. Februar 1996 ist vorn im Gästebuch eingeklebt. Partner im Atelier war in der Anfangszeit der Gelsenkirchener Künstler Wolfgang Sternkopf.
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