Kitabı oku: «Die Sphinx des digitalen Zeitalters»

Yazı tipi:

RAINER PATZLAFF

Die Sphinx des digitalen Zeitalters

Aspekte einer Menschheitskrise

VERLAG FREIES GEISTESLEBEN

Inhalt

Cover

Titel

Geleitwort von Edwin Hübner

Vorwort

Einführung: Vom Schöpferwort zum «Achten Schöpfungstag». Der Weg zur digitalen Technik

Telegraphie

Telephonie und Grammophon

Von der analogen zur digitalen Sprachübertragung

Das Ziel: Den Anschein von Echtheit erzeugen

Das geheime Potenzial digitaler Reproduktionen

Kritische Fragen

Teil I: Außenansicht der Menschheitskrise

1. An der Schwelle zu einem neuen Zeitalter

Vorzeichen eines welthistorischen Umschwungs in der Antike

Das Rätsel der Sphinx

Die Ausbildung des neuzeitlichen Denkens

Denkstrukturen, geronnen im Computer

Die Universalmaschine unserer Zeit

Eine Leere, die nicht leer bleibt

Die Neigung der Intelligenz zum Bösen

2. Schöne neue Welt der Medien

Fernsehen als Fenster zur Welt

Computergestützte Medien

Das Internet

Das Smartphone

Künstliche Intelligenz (KI)

Ein böses Erwachen

Überwachungskapitalismus und Enteignung der Menschenrechte

Internetnutzer in der Skinner-Box

Milliarden Menschen in den Fängen der Suchtmaschinen

Was ist der Preis, den ich zu zahlen habe?

3. Die unauflösliche Ambivalenz digitaler Medien

Der gutgläubige Nutzer wird zum «Nutzvieh»

Die lichte Seite des Smartphones: Werkzeug weltweiter Protestkultur

Die dunkle Seite des Smartphones: Das Ich im elektronischen Kokon

Das Sphinx-Rätsel der Gegenwart

Die Ohnmacht des überkommenen Denkens

Die Suche nach einem neuen Ansatz

Eine epochale Herausforderung. Was tun?

Teil II: Innenansicht der Menschheitskrise

4. Das Nadelöhr und der Hüter der Schwelle

Keine Entwicklung ohne Metamorphosen

Urbanisierung – ein Megatrend unserer Zeit

Die Folgen der Neolithischen Revolution

Wie kann die Entwicklung weitergehen?

Der Gang durchs Nadelöhr – nur eine Hypothese?

Ob bewusst oder unbewusst – die Schwelle wird überschritten

Das Zurückschrecken vor der Schwelle

Die Begegnung mit dem Doppelgänger

Die fortgesetzte Abkapselung und ihre Folgen

Die elektronische Lösung des Problems – bestechend elegant

Online-Kommunikation und virtuelle Freunde

Gregor Samsa und die Hikikomori

Einsamkeit wird zur Epidemie

Gemeinsam einsam – ein lukratives Geschäftsmodell

5. Ahrimanische Gegenbilder zum Schwellenübergang

Die Ausstülpung der seelisch-geistigen Kräfte als Zeitschicksal

Technikschöpfung in drei Schüben

Kraftmaschinen auf dem Weg zur Schwelle

Computertechnik auf dem Weg zur Schwelle

Medientechnik und die Aufhebung von Raum und Zeit

Ahrimanische Aporie

Erste Runde des Kampfes: Unentschieden

6. Die Gespenstergalerie

Scheinzugänge zur geistigen Welt

Der Weg zur neuen Imaginationsfähigkeit

Erwachender Hunger nach imaginativen Bildern

Von der literarischen zur digitalen Imagination

Das Kino und Platons Höhlengleichnis

Filme mit toten Personen

CGI – Computer Generated Imagery

«Morphing»: Wundersame Verwandlungen

Niemandsbilder aus der Retorte

Musik aus dem Nichts digitaler Schnipsel

Videorealistische Lippenbewegungen beim Sprechen

Geklonte Sprechstimmen

Der Präsident als Sprechmarionette

Der Präsident als Mimikmarionette

Wehe, wenn sie losgelassen …

Lügen, täuschen, verwirren – Signatur eines altbekannten Wesens

Souveränität gegenüber Ahrimans Weltmacht

7. Der Sog ins digitale Jenseits

«Total Immersion» – ein Quantensprung der Illusionserzeugung

Rendezvous im Cyberspace

Ein verräterisches Experiment

«Second Life» – Leben außerhalb des Lebens

Telepräsenz: Das Ich verlässt den Körper

Communio digitalis – Das Ich verschmilzt mit seinem Avatar

Der PC-Avatar – Exkarnation bis zum Exitus

Endstation Askaban?

Smartphone-Nutzer: Leibhaftig abwesend

Drohende Zerrüttung der Gesundheit

Smartphones richten mehr an als der Alkohol

Finale Fotosucht

Teil III: Der Drache erhebt sein Haupt

8. Die Büchse der Pandora

Die Tarnkappe, die den Doppelgänger sichtbar macht

Blicke ins Grauen

Im Bannkreis schwarzer Magie

Tauschbörsen für Verbrechen an Kindern

Cybermobbing unter Jugendlichen

Stalking unter Erwachsenen

Identitätsdiebstahl

Der perfekte Trojaner – Jeder betrügt jeden

Automatisierte Cyber-Kriminalität: Botnetze greifen an

900 Millionen Schadprogramme

Cyberangriffe auf öffentliche Institutionen

Das Schüren von Gewalt und Mord, Panik und Massenhysterie als Ziel

Der Kampf gegen das Ungeheuer

9. Digitale Technologie als Herrschaftsinstrument

Der digitale Zwilling – das gläserne Ego

Filterblasen und Echokammern – Isolationshaft des Geistes

Fernsteuerung der Nutzer in «industriellem Ausmaß»

Gefühle und Krankheiten – digital gescannt

Der Röntgenblick der Algorithmen auf das Selbst

Die Enteignung des Gesichts

Die Enteignung der Persönlichkeit

Ist der Wendepunkt erreicht?

Überwachungsstaat China

Eine ganze Nation in der digitalen Skinner-Box

Auf dem Wege zum maschinenlesbaren Menschen

Big Data breitet sein Spinnennetz aus

Der große Angriff auf das Ich hat begonnen

10. Humanoide Roboter und der Cyborg

Robotoide Menschen und humanoide Roboter

Die Kinderstube des humanoiden Roboters

Der Masterplan der ahrimanischen Geister

«Die Cyborg-Ära hat begonnen»

Vernetzte Gehirne – eine Zukunftsvision?

Das Böse in den Dienst des Guten stellen – Aufgabe unseres Zeitalters

11. Das Wort von Mensch zu Mensch – ein Mysterium

Das Gespräch mit der Maschine

Hoffnungszeichen

Ein Hören, das ins Innere dringt

Verständigung über die Sprache hinweg – spirituell oder digital?

Zwei Angriffe auf die frühe Kindheit

Embodiment – die große Wende der Kognitionsforschung

Welches Organ liegt dem neuen Hören zugrunde?

Am Quellort aller Sprachklänge der Welt

Die Kunst der Artikulation

Eine öffentlich-geheime Offenbarung realer geistiger Kräfte

Der entscheidende Punkt

Eine Inspiration für die ganze Menschheit steht bevor

12. Digitalisierung der Pädagogik – der falsche Weg zu einem wünschenswerten Ziel

Die Pandemie beschleunigt die Digitalisierung

«Ich kann nicht atmen»

Rudolf Steiners Stellung zur Technik

Bildungspolitik auf Abwegen

Was hat vermutete Zukunft in der Schule zu suchen?

Die ganz anderen Fundamente einer gelingenden Medienkompetenz

Medienpädagogik in der Waldorfschule

Zusammenfassung: Von der Sphinx zu Mephisto – die Signatur unseres Zeitalters

Anmerkungen und Quellennachweise

Literaturverzeichnis

Impressum

Geleitwort

Auf einer internen Tagung von Fachleuten für Künstliche Intelligenz (KI) Anfang 2018 wurde die gemeinsame Sorge formuliert, dass es in fünfzig Jahren keine Menschen mehr geben könne. 1 Die Teilnehmer befürchteten, dass die autonomen Technologien das Potenzial haben werden, alles Leben zu zerstören. Den Physiker Max Tegmark trieb einige Jahre vorher eine ähnliche Sorge um. Er wurde initiativ und gründete 2014 das Future of Life Institute (FLI). Mit dessen Arbeit will er dazu beitragen, dass sich eine KI-Sicherheitsforschung etabliert, die gefährlichen Fehlentwicklungen vorbeugt. Die Mitarbeiter des FLI organisierten im Januar 2017 eine Konferenz von KI-Ingenieuren, die am Ende Prinzipien für eine den Menschen gedeihlich werdende KI-Forschung aufstellten. Diese Erklärung wurde mittlerweile weltweit von mehr als 1600 KI-Forschern unterzeichnet.2 Dies ist eines von vielen Symptomen, die darauf hinweisen, dass die Menschheit mitten in einer existenziellen Krise steht.

Krisen haben immer auch einen positiven Aspekt, denn in der aktiven Auseinandersetzung mit einer Gefahr erwerben wir Menschen uns neue Einsichten und Fähigkeiten. Man denke nur an die ökologischen Probleme durch die Umweltverschmutzung. Als sie in den 1970er-Jahren allmählich wahrgenommen wurde, führte dies zu einem neuen Umweltbewusstsein. Uns ist heute sehr bewusst, dass wir die Natur schützen müssen und jeder Einzelne dazu seinen Beitrag zu leisten hat.

Bezüglich der Informationstechnologien steht der Menschheit eine ähnliche Leistung noch bevor. Gegenwärtig sind wir der Faszination durch die digitalen Möglichkeiten weitgehend erlegen. Man kann das mit der Entwicklung des Automobils im 20. Jahrhundert vergleichen. Die Freude an der räumlichen Unabhängigkeit, welche uns die Kfz-Technologie gab, ließ den Autoverkehr ins Maßlose steigen. Man kann mit Recht begeistert sein, welchen Komfort und welche Leistungsfähigkeit Automobile mittlerweile besitzen. Allerdings wird uns heute sehr deutlich, dass die Abgase der Fahrzeuge unser Klima zerstören. Genauso haben auch die Informationstechnologien ihre «Abgase», ihre schädlichen Nebenwirkungen.

Rainer Patzlaff macht mit vielen Phänomenen auf diese dunkle Seite des Digitalen aufmerksam. Es geht ihm um ein Bewusstmachen der gegenwärtigen Menschheitskrise, die nicht laut lärmend in unseren Alltag eintritt, sondern schleichend – und daher viel zu wenig gesehen wird. Er zeigt an aktuellen Beispielen auf, dass wir in unserem Alltag mit einer Technik umgehen, deren soziale Auswirkungen geeignet sind, die Menschheit in einen Abgrund des Kulturzerfalls zu ziehen. So wie das Klima der Erde umzukippen droht, steht die Kultur der Menschheit vor der Gefahr eines moralischen, wenn nicht gar physischen Kollapses.

Zugleich – und das sollte der Leser sehr aufmerksam registrieren – geht es Patzlaff überhaupt nicht um Technikfeindlichkeit, sondern er möchte die Krise als eine Herausforderung verstanden wissen, der wir begegnen können, indem wir starke Gegengewichte ausbilden. Wenn er beispielsweise beschreibt, wie das Sprechen per Smartphone oder mit scheinbar «sprechfähigen» Apparaten den Menschen tendenziell vereinsamt und seine sozialen Fähigkeiten verkümmern lässt, dann weist er damit auf die existenzielle Bedeutung der menschlichen Sprache und die Notwendigkeit ihrer Pflege hin. In seiner Monografie über die Sprache im Kindesalter hat er das bereits sehr detailliert und gründlich beschrieben.3

Das Buch, das er jetzt vorlegt, will aufwecken, sodass möglichst viele Menschen den Ernst der Zeit begreifen und sich individuell bemühen, der Krise in der eigenen Praxis etwas entgegenzusetzen. Denn jeder ist heute in den digitalen Alltag hineingestellt. Wie nutze ich Informationstechnologien? Wie gehe ich selbst mit meinem Smartphone um? Kein Smartphone zu haben oder sogar zu sagen «Ich nutze das Internet prinzipiell nicht» – solche Menschen gibt es tatsächlich – ist keine Alternative, sondern die ängstliche Flucht vor der Herausforderung, der die Menschheit in ihrem Entwicklungsgang notwendig begegnen muss.

Das vorliegende Buch beschreibt die Gegenwart vom anthroposophischen Standpunkt aus. Dieser liefert wichtige Aspekte, die Patzlaff klar benennt. Dabei liegt die grundsätzliche Auffassung zugrunde, auf die Rudolf Steiner in verschiedenen Formulierungen immer wieder hinwies: Die moderne Technik trägt zwar den Keim des Todes in sich, aber sie ist für die weitere Entwicklung der Menschheit notwendig: «(…) die moderne Technik trat in (…) Erscheinung gerade wegen ihres zum Tode führenden Charakters, weil nur dann, wenn der Mensch hineingestellt ist in eine tote, mechanische Kultur, er durch den Gegenschlag die Bewusstseinsseele entwickeln kann.»4

Am Gewahrwerden der Gefahr müssen wir aufwachen für das Geistige, das in der Welt wirkt, und in diesem Aufwachen zugleich damit beginnen, aus individueller Anstrengung den menschlichen Ausgleich zu schaffen, der in eine humane Zukunft führt.

Edwin Hübner

Hinweis:

Ich bitte meine Leserinnen und Leser um Verständnis, dass ich im Interesse eines mühelosen Leseflusses auf gendergerechte Doppelungen wie «derjenige, welcher und diejenige, welche», «jeder, der und jede, die», «Forscherinnen und Forscher» etc. verzichte und auch Grapheme wie Wissenschaftler*innen, Beobachter/innen vermeide. Wenn ich die maskuline Form benutze, ist sie stets genauso geschlechtsübergreifend gemeint, wie es bei den Wörtern Mensch, Person, Kind, Individualität von Natur aus der Fall ist.

Vorwort

Als ich im Sommer 2019 mit dem Manuskript zu diesem Buch begann, ahnte noch niemand, dass im Jahr darauf ein bis dahin unbekanntes Virus der Digitalisierung einen großen Triumph bescheren würde. Als sich nämlich Covid-19 weltweit verbreitete und die Bevölkerung unter dem Zwang von Quarantänen und Lockdowns litt, boten digitale Hightech-Geräte die einzige Möglichkeit, den Arbeits- und Gesprächskontakt mit anderen Menschen einschließlich des Unterrichts an Schulen und Hochschulen virusfrei aufrechtzuerhalten. Die Folge war, dass die kurz zuvor noch hitzig geführten Debatten über die Missbrauchsmöglichkeiten digitaler Technik in den Hintergrund traten und Industrie und Politik die Gelegenheit ergriffen, die Digitalisierung weiter Bereiche unseres Lebens voranzutreiben. Ohne Digitalisierung keine Zukunft – so lautete das Mantra, mit dem alle Bedenken beiseitegewischt wurden.

Das bestärkte mich in meinem Bemühen, ohne einer Technikfeindlichkeit das Wort zu reden, doch darauf aufmerksam zu machen, dass mit der Digitalisierung längst schon Gefahren verbunden sind, die denen der Corona-Seuche nicht nachstehen, sondern uns im Gegenteil in noch viel tieferer Weise bedrohen. Wir stehen durch sie vor einer historischen Herausforderung, der wir nur dann gewachsen sein werden, wenn wir sie positiv als eine Aufgabe begreifen, die der Menschheit einen neuen Entwicklungsschritt abverlangt.

Die Notwendigkeit dazu ergibt sich aus der Tatsache, dass uns die Digitalisierung so, wie sie bisher gehandhabt wurde, in eine Zwickmühle bringt, die unauflösbar zu sein scheint: Auf der einen Seite beglückt sie uns mit großartigen technischen Möglichkeiten, auf die niemand mehr verzichten möchte und denen man sich in der Praxis auch kaum mehr entziehen kann. Auf der anderen Seite jedoch hat sich im Laufe der jüngsten Entwicklung in zunehmender Schärfe gezeigt, dass wir für diese Errungenschaften, wenn sich am bisherigen Kurs nichts ändert, einen hohen, eigentlich unannehmbaren Preis zu zahlen haben: den Verlust der Freiheit und Würde unserer Individualität. Das mag maßlos übertrieben klingen, wird aber inzwischen selbst von führenden Persönlichkeiten aus dem innersten Kreis der Technikentwickler im Silicon Valley mit guten Gründen so vertreten und lässt sich auch eindrücklich belegen.

Für diese tückische Ambivalenz unser Bewusstsein zu schärfen, darum geht es. Nimmt man sie ernst, dann erhebt sich unausweichlich die Frage: Woher rührt sie und was können wir tun? Wer sich um eine sachgemäße Antwort bemüht, muss zuerst ein Rätsel lösen, auf das heute jeder aufmerksame Beobachter stößt: Je komplexer die Möglichkeiten der digitalen Technologien werden, desto mehr schwillt im Internet die Zahl der Attacken an, hinter denen die Absicht steht, Menschen systematisch zu betrügen, ihre Identität zu stehlen, sie abhängig zu machen, sie seelisch zu verwunden, sie geistig zu verwirren, zu kontrollieren und aufzuhetzen, durch Falschmeldungen Hass zu verbreiten, Kindesmisshandlungen zu organisieren, wichtige Institutionen lahmzulegen und vieles mehr – Angriffe also, die eindeutig böswilliger Natur sind.

Wie kommt es zu einer solchen Flut krimineller Energien? Lässt die technische Möglichkeit, völlig anonym aus der Ferne andere Menschen zu schädigen, die übelsten Neigungen hervorbrechen, die in den Abgründen der Seele lauern? Steckt das Böse in den Menschen und kommt jetzt zutage, oder ist es die Technik, die die Menschen zum Bösen verführt?

Zugegeben: Es ist problematisch, hier mit dem Begriff des Bösen zu operieren. Wer aber z.B. die grausigen Berichte über den massenhaften internetgestützten Kindesmissbrauch liest und nicht davon ausgehen möchte, dass die Menschen von Natur aus völlig verdorben sind, dem drängt sich die Frage auf, welche Macht da am Werke ist. In welchem Wirklichkeitsbereich ist sie zu suchen?

Die Antwort hängt davon ab, wie weit oder eng unser geistiger Horizont gespannt ist: Eine materialistische Weltsicht wird nichts Außermaterielles als Ursache gelten lassen, sondern es für Hirngespinste erklären. Die alte Menschheit indessen lebte mit der Gewissheit, dass es eine geistige Welt gibt, deren Wesen nicht minder real sind als die irdischen Wesen, und dass es unter ihnen auch solche gibt, die sich als Widersacher den guten Mächten entgegenstellen. Man unterschied dabei zwei gegensätzliche Gruppen: Die eine unterstand einem Wesen, das wegen seiner hohen Bedeutung für die menschliche Kultur als «Lichtbringer» (lateinisch Luzifer) bezeichnet wurde. Die treibende Kraft der anderen Gruppe sah man in einem Wesen der Finsternis, das im Altpersischen Ahriman hieß, im Althebräischen Satanas, im Griechischen Diabolos.

Das alles wird heute als Aberglaube abgetan, weil wir solche Wesen mit unseren leiblichen Sinnen nicht wahrnehmen. Aber ist das denn ein Beweis, dass es sie nicht gibt? Elektrizität und Magnetismus können wir auch nicht mit unseren Sinnen wahrnehmen, und doch steht ihre Existenz für uns außer Frage, weil wir ihre Wirkungen genau beobachten können. Was spricht also dagegen, die Möglichkeit ins Auge zu fassen, dass die Phänomene des «Bösen» die Wirkungen realer übersinnlicher Mächte sind, deren Bestreben sich präzise beschreiben lässt?

Wir können dazu die von Rudolf Steiner geschaffene reiche Phänomenologie des Widersacherwirkens nutzen, denn er hatte die Fähigkeit, in der übersinnlichen Welt forschend tätig zu sein und die geistigen Tatsachen aufzusuchen, die den antiken Überlieferungen zugrunde lagen. Er ging mit außerordentlicher Differenziertheit an das Problem des sogenannten Bösen heran und zeigte auf, wie das Böse sogar zum Unterstützer des Guten werden kann. In anderen Zusammenhängen legte er ausführlich dar, dass wir ohne die luziferischen und ahrimanischen Mächte gar nicht zu unserem Menschsein kommen könnten. Sie gehören mit ihren Gestaltungskräften bis in Krankheits- und Gesundheitsdispositionen hinein unabdingbar zum menschlichen Leben. Unsere Aufgabe kann folglich nicht sein, sie zu hassen und zu bekämpfen, sondern die Balance zwischen ihnen zu finden.

Um sich einer solchen Freiheit anzunähern, sollte man die von mir im Verlauf des Buches zitierten Sätze aus Steiners Werk nicht als abschließende Feststellungen ansehen, bei denen man es belassen könnte, sondern als Augenöffner, um die Vielschichtigkeit und Ambivalenz der Phänomene eigenständig zu durchdringen. Steiners Ziel waren ja nicht mystische Spekulationen oder gar Verschwörungstheorien, sondern eine echte Wissenschaft auf geistigem Felde, und so forderte er wiederholt, dass seine Forschungsergebnisse nicht geglaubt und nachgebetet werden, sondern an den äußeren, für uns wahrnehmbaren Tatsachen geprüft werden. Zu einer solchen Prüfung bietet das vorliegende Buch vielfältiges Material, indem neben eigenen Recherchen zeitgenössische Beobachter zu Wort kommen sowie Presseberichte und weniger bekannte Nachrichten, die zur eigenen Urteilsbildung beitragen.

Auf diese Weise hoffe ich von zwei Seiten her die verwirrende Zwiespältigkeit digitaler Technik in einen großen weltgeschichtlichen Zusammenhang stellen zu können, der jenseits von Furcht und Euphorie die fundamentale Aufgabe sichtbar werden lässt, vor der die ganze Menschheit derzeit steht.

Abschließend möchte ich dem Verlag und besonders seinem Lektor danken für die sorgfältige Betreuung dieser Publikation. Ein herzlicher Dank gilt auch meinem Kollegen Prof. Dr. Edwin Hübner, der mir nach der Durchsicht meines Manuskripts wertvolle Hinweise und Korrekturen zukommen ließ. Sein fast zeitgleich entstandenes Buch über den Transhumanismus5 bildet unverabredet das notwendige Pendant zu der hier vorgelegten Studie.


Michaeli 2020 Dr. Rainer Patzlaff

Einführung: Vom Schöpferwort zum «Achten Schöpfungstag». Der Weg zur digitalen Technik

Sprache ist seit Urzeiten das wichtigste Medium der Menschheit. Gleichwohl unterliegt auch sie den Veränderungen, welche die Menschheit im Laufe der Entwicklung durchmacht. Schon eine oberflächliche Betrachtung zeigt, dass Sprache heute vollkommen anders erlebt wird als in den Jahrtausenden zuvor. Denn wie war es früher?

Die Menschen hatten noch ein sicheres Empfinden, dass in der Sprache Kräfte wirksam sind, die nicht vom Menschen stammen und auch nicht aus der irdischen Welt. Je weiter wir historisch zurückblicken, desto stärker tritt dieses Empfinden in den vorhandenen Dokumenten hervor. Allbekannt ist der Beginn des Alten Testaments, wo Gottvater spricht: «Es werde Licht». Das galt der frühen Menschheit nicht als ein Wunsch, sondern als eine Schöpfungstat, als das Erschaffen einer Wirklichkeit, wie die anschließende Feststellung «Und es ward Licht» bezeugt. Im Neuen Testament finden wir das Entsprechende in den Krankenheilungen, die Christus vornahm; sie geschahen durch nichts anderes als durch sein Wort.

Noch bis weit ins Mittelalter hinein wurde dem Wort magische Kraft zugeschrieben, und das nicht nur im göttlichen Bereich, sondern auch unter den Menschen. Im Reich Karls des Großen z. B. waren im einfachen Volk zahlreiche, rein mündlich tradierte Zaubersprüche im Schwange, die zu einem großen Teil noch aus vorchristlicher Zeit stammten. (Wir kennen die Texte durch die Aufzeichnungen der Mönche in den Klöstern.)

Für den modernen Menschen freilich ist das alles Phantasterei. Er weist mit einigem Recht auf die Tatsache hin, dass heutzutage niemand mehr in der Sprache übernatürliche Kräfte wahrnimmt; und was man nicht wahrnehmen kann, so die Schlussfolgerung, das existiert nicht. Wenn aber in der Sprache nichts Übernatürliches zu finden ist, dann gebührt ihr auch keine besondere Ehrfurcht mehr. Folglich darf man nach Belieben mit ihr umgehen. Führende Köpfe sahen im 19. Jahrhundert sogar einen Fortschritt darin, die menschliche Sprache auf ein Zeichensystem zu reduzieren, das sich in technische Signale umwandeln lässt und dadurch der maschinellen Verarbeitung zugänglich wird.

Telegraphie

Den Weg dazu ebnete die am Beginn der Neuzeit einsetzende praktische Anwendung der Elektrizität. (Bekannt war sie schon seit dem Altertum.) Aufbauend auf dem neu entdeckten Elektromagnetismus entwickelte Samuel Morse 1837 seinen Schreibtelegraphen, der folgendermaßen funktionierte: Über einem langsam fortlaufenden Papierstreifen war ein Schreibstift angebracht, der mit einem Elektromagneten auf das Papier heruntergezogen wurde und dort je nach Dauer der Stromzufuhr kurze oder lange Striche zeichnete. Die elektrischen Impulse dazu kamen durch Metalldrähte von einer weit entfernten Person, und zwar nach einem von Morse erfundenen Code, der für jede Zahl und jeden Buchstaben des Alphabets eine bestimmte Abfolge von langen und kurzen Strichen festlegte, die am Empfangsort von geschulten Kräften decodiert werden mussten (siehe Abb. 1). Dieser Code wurde zum internationalen Standard der Telegraphie.

Abb. 1: Der internationale Morse-Code

Als sich zeigte, dass Nachrichten, die früher mühsam von der Briefpost an den gewünschten Ort gebracht werden mussten, jetzt wie von Zauberhand in Minutenschnelle ankamen, wurde die Öffentlichkeit von einem Fieber der Begeisterung gepackt: Immer mehr und immer längere elektrische Kabel wurden verlegt, überall entstanden «Telegraphenämter», die eine ständig wachsende Flut von Telegrammen zu bewältigen hatten, und schon gegen 1870 überzogen Kabelnetze weite Teile der Erde; Tiefseekabel verknüpften sogar die Kontinente miteinander. Ab dem 20. Jahrhundert konnten die Morsezeichen dann auch akustisch per Kurzwellenfunk in alle Winkel der Welt gelangen und wurden besonders im Schiffs- und Flugzeugverkehr eingesetzt. Eine erste, die ganze Menschheit überspannende Kommunikationstechnik war geschaffen – und mit ihr ein früher Vorläufer des heutigen Internets.

Dass die Sprache durch den Morsetelegraphen in einen Wust kurzer und langer Striche verwandelt wurde, die mit dem grafischen Bild der Buchstaben nicht mehr die geringste Verwandtschaft zeigten – daran nahm niemand Anstoß, denn so wie die Sprache hier behandelt wurde, so empfand man sie auch in der Realität des Alltags: als ein System von Zeichen zur Informationsübermittlung und nichts sonst.

Die Faszination, die von dem elektrischen Telegraphennetz ausging, bewirkte, dass deren Technik unreflektiert auf die gesprochene Sprache übertragen wurde, indem man den Sprecher als «Sender» bezeichnete und die von ihm geformten Sprachlaute als «codierte Schallwellen», die der Empfänger decodiert. Ein durch und durch mechanistisches Bild von Sprache entstand, das sich in den grassierenden Materialismus des Zeitalters einfügte.

Telephonie und Grammophon

Rückblickend ist zu bemerken, dass beim Morsealphabet bereits ein wesentliches Merkmal digitaler Technik zur Anwendung kam: Sämtliche Codezeichen bestehen aus einer geregelten Abfolge immer derselben zwei gegensätzlichen Elemente, in diesem Falle Kurz und Lang bzw. Punkt und Strich. Bei der heutigen Digitaltechnik wird dafür der sogenannte Binärcode eingesetzt, der mit nichts anderem als den Werten 0 und 1 die gesamte Datenübermittlung bestreitet (Näheres dazu später). Das bedeutet allerdings nicht, dass damals bereits die «Digitalisierung» einsetzte, von der heute die Rede ist. Dazu waren noch weitere Entwicklungsschritte notwendig, die im Folgenden skizziert werden sollen.

Nach der Etablierung der Telegraphie bemühten sich zahlreiche Forscher um eine praxistaugliche Technik zur Übermittlung auch der gesprochenen Sprache und der Musik. Viele verschiedene Möglichkeiten wurden untersucht. Der Durchbruch gelang Philipp Reis 1861 durch die Erfindung eines Kontaktmikrophons, aus dem in den 1870er-Jahren das Kohlemikrophon entwickelt wurde, das sogar noch in der Frühzeit des Rundfunks Verwendung fand.

Im Kohlemikrophon erzeugen die vom Schall bewirkten Schwingungen der Membran in den darunterliegenden Graphitteilchen Druckschwankungen, durch die der angelegte Gleichstrom moduliert wird. Die daraus resultierenden elektrischen Schwingungen werden zum Hörgerät weitergeleitet und bringen dessen Membran elektromagnetisch zum Schwingen, sodass eine Reproduktion des Schallereignisses entsteht. Da die vom Mikrophon kommenden elektrischen Schwingungen genau analog zu den ursprünglichen Schallschwingungen verlaufen, wird diese Technik im Unterschied zur späteren Digitaltechnik als Analogtechnik bezeichnet.

1877 stellte der Erfinder Thomas Edison ein Gerät vor, mit dem man Schallwellen aufzeichnen und reproduzieren konnte. Er nannte es Phonograph. An der Membran eines Schalltrichters hatte er eine Nadel befestigt, die in eine mit Stanniol überzogene drehbare Walze die Schallschwingungen einritzte. Zur Wiedergabe der Aufnahme wurde die Walze an den Ausgangspunkt zurückgedreht und dort die Nadel eingesetzt; diese wurde dann durch die bewegte Tonspur in Schwingungen versetzt, die sich auf die Membran übertrugen und somit hörbar wurden. Auch hier wurde das analoge Verfahren angewandt, nur dass dabei zunächst noch keine Elektrizität im Spiele war. Daraus entstand später die Schallplatte, die auf dem Grammophon abgespielt werden konnte.

Von der analogen zur digitalen Sprachübertragung

Für Radio und Telefon, Fernsehen und Schallplatten wurde das Analogverfahren noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts und teilweise sogar darüber hinaus beibehalten. In der Bundesrepublik Deutschland wurde erst 1989 bis 1993 das gesamte Festnetz der damaligen Bundespost auf das digitale Netz ISDN umgestellt, wobei die Nutzung analoger Telefonapparate noch viele Jahre möglich blieb. Die Umstellung provozierte naturgemäß die Frage: Wozu dieser ungeheure technische und finanzielle Aufwand, wenn ich doch am Telefon die Stimme meines Partners genauso höre wie zuvor? Die Antwort ist nicht mit einem einzigen Satz zu geben, denn hier kommt eine neue Technik ins Spiel, die sich ab der Mitte des 20. Jahrhunderts rasant entwickelt hat: die Technik der elektronischen Rechner (Computer). Ohne sie wäre die Digitaltechnik unserer Zeit nicht realisierbar geworden.

Um ihr Grundprinzip zu verstehen, kann uns als Beispiel wiederum die Übertragung von Musik und Sprache dienen. Die einfachste analoge Technik praktizierten wir als Kinder mit zwei leeren Pappdosen, deren Böden durch einen langen Faden verbunden sind. Ist der Faden straff gespannt, kann der eine die Dose als Mikrophon benutzen und der andere als Hörer, denn beide Membranen schwingen in völligem Gleichtakt. Diesem Faden entspricht bei der elektrischen Analogübertragung die Stromleitung, in der die Schallereignisse in Form elektrischer Schwingungen weitergeleitet und am Ende wieder in Schallschwingungen zurückverwandelt werden.

Bei einer digitalen Übertragung hingegen werden überhaupt keine Schwingungen transportiert; der Faden zwischen den Pappdosen, bildlich gesprochen, entfällt. Stattdessen wird an den analogen Schwingungen in kurzen Abständen das Maß der positiven und negativen Amplitudenausschläge gemessen («abgetastet» nennt das die Fachsprache), und nur diese Messwerte werden weitergeleitet. Im Empfangsgerät wird aus den übermittelten Messwerten der ursprüngliche Schwingungsverlauf künstlich wieder aufgebaut und steuert dann wie beim alten Telefon eine Hörer- oder Lautsprechermembran. Abbildung 2 veranschaulicht das.

Abb. 2: Digitale Übertragung von Schallschwingungen. Oben: Analoges Signal mit Amplitudenabtastung; unten: Abtastergebnisse, die codiert übertragen werden

In der oberen Hälfte sieht man, wie die vom Originalton analog abgenommenen elektrischen Schwingungen in kurzen Intervallen abgetastet werden, um das Maß ihres Amplitudenausschlags nach oben oder unten festzustellen (symbolisiert durch die eingezeichneten senkrechten Striche). In der unteren Hälfte sieht man nur noch das, was nach dem Abtasten weitergeleitet wird: nicht das Analogsignal, sondern allein die Messergebnisse der Abtastung, die hier vereinfacht ohne Zahlwerte dargestellt sind. In der Realität werden sie als positive oder negative Zahlwerte weitergegeben, und zwar in codierter Form.

Hier kommt der Binärcode zum Zuge, der nur die zwei Elemente «1» und «0» kennt, physikalisch repräsentiert durch die Zustände «Strom-an» und «Strom-aus». Die gemessenen Daten gelangen daher zum Computer in Form einer milliardenfachen Abfolge von «Bits». Jedes Bit beinhaltet entweder eine 0 oder eine 1. Acht solcher Bits werden meist zu einem Oktett zusammengestellt (genannt «Byte»), sodass 28 = 256 verschiedene Kombinationen von 0 und 1 möglich sind – genug, um sie den Dezimalzahlen, den Buchstaben des Alphabets und verschiedenen Zeichen zuzuordnen. Der binäre Code beispielsweise für die Zahl 5 lautet dann 00000101, die Zahl 25 wird zu 00011001, die Zahl 125 zu 01111101.

Das Ziel: Den Anschein von Echtheit erzeugen

Der Laie wird sich beim Blick auf Abbildung 2 fragen: Wie soll denn nach diesem Vorgang der ankommende Ton noch dem Originalklang gleichen, wenn von dem Original nur Stichproben übermittelt werden, zwischen denen sich ein Nichts auftut? Bedeutet das nicht ein völliges Zerfetzen des Originals, das sich auch im Klang bemerkbar machen müsste?

Die Antwort des Technikers lautet: Wenn die Abtastungen häufig genug geschehen, wird es beim rekonstruierten Klang keine Einbußen geben; er wird sich nicht oder höchstens geringfügig von dem Klang einer analogen Wiedergabe unterscheiden. Um diesen Effekt zu erreichen, genügen für eine normale Sprechstimme am Telefon 8.000 Abtastungen pro Sekunde; bei deutlich höheren Frequenzen, z.B. bei Musik, erhöhen wir die Abtastfrequenz entsprechend; das ist technisch überhaupt kein Problem. Im Übrigen sorgt im Empfangsgerät ein Kondensator dafür, dass die zwischen den Abtastungen real vorhandenen Lücken überbrückt werden und so der Eindruck eines durchgehenden Klangs erzeugt wird.

Mag die Klangqualität auch noch so echt erscheinen, so ist doch nicht zu leugnen, dass es sich um eine bewusst herbeigeführte Illusion handelt. Folglich ist die Frage erlaubt, was dieser Umstand auf Dauer im Menschen bewirkt. Aber die Frage wird kaum je gestellt geschweige denn untersucht. Das Publikum nimmt die Illusion wie selbstverständlich hin und erfreut sich daran, nicht anders als beim Kinofilm, der dem Auge durch die schnelle Abfolge von Momentaufnahmen eine flüssig strömende Bewegung vorgaukelt, die nicht vorhanden ist.

Das digitale Verfahren wird auch für optische Aufzeichnungen eingesetzt, stark abweichend vom natürlichen Sehen. Die Augen des Menschen nehmen jedes Objekt und jede Landschaft, die sich ihnen darbietet, als eine in sich konsistente Ganzheit wahr, über die die Blicke nach Belieben schweifen können. Die klassische Fotografie fixiert den momentanen Eindruck in Form eines Bildes, das immer noch eine in sich geschlossene Einheit darstellt. Die Digitalkamera hingegen kann mit dieser Ganzheit nichts anfangen. Sie bemächtigt sich des optischen Eindrucks in der Weise, dass sie das mit der Linse eingefangene Bild in Abertausende kleine Splitter zerlegt.

Genauer gesagt überzieht sie das Bild mit einem Raster aus winzigen Messpunkten, die in ungeheurer Geschwindigkeit nach Lichtstärke, Farbe usw. abgetastet werden. Die Messergebnisse gelangen binär codiert in den Computer, der dann auf dem Screen das ursprüngliche Bild Punkt für Punkt wieder aufbaut und so die Wirklichkeit gerastert vor Augen rückt (ähnlich den Bildern aus der Druckerpresse) – mit dem Anspruch, die Wirklichkeit exakt reproduziert zu haben. Dass sie in Wahrheit fragmentiert ist in Einzelpunkte, sieht jeder, der mit einer starken Lupe an den Screen heranrückt.

Das geheime Potenzial digitaler Reproduktionen

Wäre das Ziel der Digitaltechnik lediglich dieses, möglichst perfekt den Anschein echter Wirklichkeit zu erzeugen, dann wäre sie nichts weiter als eine Alternative zu den längst vorhandenen Reproduktionstechniken, von denen Film und Fernsehen, Radio und Grammophon erfolgreich Gebrauch machten; sie wäre keine besondere Attraktion. Ihr eigentlicher Reiz jedoch liegt in der Tatsache, dass sie die sichtbare und hörbare Realität verwandelt in elektronische Daten, die durch den Computer gehen, ehe aus ihnen die Abbilder generiert werden. Und das bedeutet: Der Mensch bekommt am Computer eine Verfügungsgewalt über den Wiederaufbau des Bildes, den er bei den herkömmlichen Verfahren nicht oder nur in sehr geringem Maße hatte. Er kann die Daten unverändert so weiterleiten, wie sie eingegangen sind; er kann sie aber auch, wenn er das möchte, nach Belieben verändern, indem er in den binären Code der Einzeldaten eingreift und die Zahlwerte ein wenig erhöht oder verringert. In der Masse Abertausender Rasterpunkte fallen solche Eingriffe nicht als Verfälschung auf, vielmehr bleibt der Eindruck eines echten Bildes weiterhin bestehen.

Praktisch gesprochen: Man kann Bilder unbemerkt manipulieren, kann Farben und Kontraste verändern, kann missliebige Objekte herausschneiden oder neue hineinbringen, die im Original gar nicht vorhanden waren, kann Gesichter verändern usw. Das dient oft nur dem «Aufhübschen» der Bilder, kann aber auch in böswilliger oder betrügerischer Absicht geschehen. Ebenso bei digitalen Sprach- und Musikaufnahmen: Störgeräusche kann man löschen, einzelne Orchesterstimmen hervorheben oder abschwächen, den Klang eines Instruments schärfer oder weicher machen, die Stimme des Sängers mit Halleffekt versehen usw. Die Zeit ist endgültig vorbei, in der Filme und Tonaufnahmen als ein getreuer Spiegel der Wirklichkeit gelten konnten. Fotos in der Presse oder im Fernsehen beweisen keineswegs mehr unwiderleglich, «wie es wirklich war». Überall ist mit der Möglichkeit einer Fälschung zu rechnen, sodass man seinen Augen und Ohren buchstäblich nicht mehr trauen kann.

Was sich für Fälschungen aller Art verwenden lässt, ist andererseits aber auch geeignet zum Aufbau einer virtuellen Realität, also zu Szenarien, in denen nichts mehr das Abbild einer äußeren Wirklichkeit ist, sondern alles von Anfang bis Ende am Computer konstruiert wurde. Architekten beispielsweise können das künftige Haus schon detailgetreu auf dem Bildschirm erscheinen lassen, von allen Seiten betrachtbar, ja sogar in den Innenräumen begehbar – und vor allem: jederzeit nach Wunsch veränderbar, bevor man es gebaut und eingerichtet hat. Jeder wird darin einen großen Nutzen sehen.

Wie ist es aber, wenn virtuelle Räume für Computerspiele aufgebaut werden, in denen Monster oder Aliens, Krieger von fremden Sternen, Zauberer und Hexen bekämpft werden können oder in denen monströse Kriegsszenen die Sinne gefangen nehmen, Spiele, in denen der Spieler mit einer eigenen Waffe Personen töten kann, jedwede Gewalt ausüben darf und dabei nicht die geringste menschliche Empathie zeigt, sondern nur die Sucht nach Punktegewinn auslebt?

Kritische Fragen

Die vorangegangenen Passagen konnten einen ersten Eindruck von den Möglichkeiten digitaler Technik vermitteln; viele weitere Bereiche sind noch zu besprechen. Doch dürfte schon deutlich geworden sein, dass wir es mit einem zweischneidigen Schwert zu tun haben: Auf der einen Seite sehen wir großartige Erfindungen, auf der anderen Seite öffnet sich zunehmend die Büchse der Pandora mit fragwürdigen oder sogar kriminellen Anwendungen, befeuert von Machtgelüsten und Allmachtsphantasien. Nicht zufällig sprachen Digital-Freaks schon vor Jahren vom «Achten Schöpfungstag», der erreicht sei, weil die Menschheit sich ab jetzt mit einer Sinneswelt umgeben könne, die nicht von Mutter Natur oder irgendwelchen Göttern erschaffen wurde, sondern vollständig des Menschen eigenes Werk sei, bis in jede Einzelheit seinem Geist entsprungen und mit höchster Intelligenz verwirklicht.

Was ist von einer solchen Auffassung zu halten? Erfüllt sich jetzt tatsächlich ein alter Menschheitstraum, den schon Prometheus träumte? Oder droht ein Menschheitswahn, der sich bitter rächen könnte? Berechtigte Fragen brechen auf:

Dürfen wir achtlos darüber hinwegsehen, dass die Sprache eines Menschen während der digitalen Übertragung abgetötet wird zu einem milliardenfachen Wechsel von «Strom an» und «Strom aus», aus dem dann ein Schallgebilde konstruiert wird, das nicht mehr eine vollmenschliche Realität darstellt, sondern ein technisches Scheingebilde, eine Art Gespenst?

Kann es uns gleichgültig sein, dass diese Technik bei Musik und Sprache wie auch bei visuellen Vorgängen von Anfang an auf Sinnestäuschung angelegt ist und wir uns schleichend daran gewöhnen, keinen Unterschied mehr zu sehen zwischen Original und Imitat?

Wohin führt es, wenn wir die Bilder von irgendwelchen Ereignissen noch immer ungeprüft als getreue Abbildungen der Wirklichkeit auffassen und in der Folge unser Urteil auf Fälschungen gründen? Wollen wir uns in einer Welt der Fake-News einrichten? Zugegeben, meistens können wir die Echtheit nicht prüfen. Aber dann müssten wir auch unser Urteil zurückhalten, uns nach anderen Quellen umschauen und die entstandenen Fragen bis zu einer möglichen Klärung offenlassen. Sind wir bereit, uns diese strenge Disziplin aufzuerlegen?

Ein sachgemäßes Urteil zu diesen und vielen weiteren Fragen wird nicht zu erreichen sein, wenn man die Digitaltechnik einfach euphorisch in den Himmel hebt und sie unkritisch als immensen Menschheitsfortschritt preist. Ebenso wenig angemessen wäre es, sie schlichtweg zu verteufeln und möglichst von sich fernzuhalten, denn sie schafft schon jetzt Realitäten, denen wir uns gar nicht mehr entziehen können. Wir müssen sie nicht um jeden Preis in jedem Detail akzeptieren; eines aber ist in jedem Falle gefordert: begründet Stellung zu beziehen, um verantwortlich handeln zu können.

Damit stehen wir vor einer Aufgabe, zu der wir uns Grundlagen verschaffen sollten, indem wir einerseits die geistesgeschichtlichen Hintergründe digitaler Technik erkunden, andererseits ihre konkreten Realisierungen kennenlernen und drittens deren soziale Auswirkungen zu beobachten versuchen. Dazu möchte dieses Buch einen bescheidenen Beitrag leisten.

Teil I Außenansicht der Menschheitskrise

1. An der Schwelle zu einem neuen Zeitalter

Das Zeitalter der Digitalisierung hat begonnen – so lautet das Mantra der Industrie, der Wirtschaft und Politik, das uns täglich entgegentönt. «Digitalisierung» ist zum Leitbegriff unserer Epoche geworden. Viele wissen zwar gar nicht, was er genau beinhaltet, doch meint man sicher zu wissen, dass in ihm der Schlüssel für die Zukunft der Menschheit liege. Nicht anders als die Industrielle Revolution, die vor mehr als 200 Jahren die moderne Industriegesellschaft heraufführte, werde jetzt die Digitale Revolution eine umwälzende Veränderung des gesamten Lebens auf der Erde bewirken, so die allgemeine Erwartung.

In der Tat: Atemberaubend schnell sind in den letzten Jahrzehnten auf der Grundlage der Digitaltechnik elektronische Geräte und Systeme erfunden worden, die für unsere Großeltern noch jenseits des Vorstellbaren gewesen wären. Die Entwicklung schreitet derartig rasant voran, dass mit Recht von einem tiefgreifenden Wandel gesprochen wird, dessen Dimensionen gewaltig sein werden. Jedoch ist dieser Wandel – wie jeder große Umbruch in der Menschheitsgeschichte – nicht nur von Hoffnungen getragen, sondern auch von Ängsten begleitet. Begeisterung und Euphorie paaren sich zunehmend mit Furcht und Sorge. Paradoxerweise aber wirken im Falle der Digitaltechnik Angst und Sorge bisher nicht hemmend auf den Fortschritt, sondern sind selbst zu Triebfedern der Entwicklung geworden. Dieser überraschende Befund ergibt sich bereits bei einem Blick auf die Anfänge.

Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA die Computertechnik zu etablieren begann, waren Forscher und Wissenschaftler fasziniert von den Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz elektronisch gesteuerter Rechner eröffneten. Gefördert von der ARPA, einer Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums, verbanden sie ab 1969 die Großcomputer mehrerer US-Universitäten zu einem Netz, das unter dem Akronym ARPANET bekannt wurde. Dahinter stand zunächst nur der Wunsch der Wissenschaftler, die Ressourcen dieser Rechner durch einen landesweiten Datenaustausch besser zu nutzen. Die US Air Force indes verfolgte damit noch ein ganz anderes Interesse, das sich nicht aus der Begeisterung für die neue Technik speiste, sondern aus der Angst vor einer drohenden militärischen Gefahr, die sich abzuzeichnen begann:

Die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten befanden sich zu jener Zeit im Kalten Krieg mit der Sowjetunion und ihren Vasallen und bangten nach dem Sputnik-Schock von 1957 sowohl um ihre globale technische und wirtschaftliche Überlegenheit wie auch um ihre nationale Sicherheit. Dass die Sowjets als Erste über eine Rakete verfügten, mit der man Satelliten in den Weltraum befördern konnte, bedeutete, dass sie künftig auch in der Lage sein würden, atomar bestückte Raketen auf das Gebiet der USA zu richten. Hätte man dort das militärische Computernetz zentral strukturiert, hätte ein Raketentreffer es möglicherweise auf einen Schlag vernichten können, mit verheerenden Folgen für die gesamte Kriegsführung der USA. Deshalb setzte die US Air Force auf die dezentrale Struktur, die ihr Forscher Paul Baran bereits zu Beginn der 1960er-Jahre zum Schutz gegen einen vernichtenden Atomschlag vorgeschlagen hatte, und eben dadurch wurde das ARPANET unbeabsichtigt zum Vorläufer des heutigen Internets.

Schon bald aber entdeckte der US-Geheimdienst NSA (National Security Agency), dass die viel größere Gefahr in den Computern selbst lauerte, weil sie statt von außen auch von innen attackiert und zerstört werden konnten: Daniel J. Edwards, ein NSA-Mitarbeiter, stellte 1972 eine Studie vor, der zufolge es trotz oder gerade wegen der Dezentralisierung möglich sei, in den bestehenden elektronischen Datenverkehr ein feindliches Computerprogramm einzuschleusen, das sich hinter einem unverfänglich erscheinenden Dokument verbirgt, beim Herunterladen nicht bemerkt wird und sich sofort in die befallene Festplatte einnistet, um von dort aus je nach Absicht des Absenders wirksam zu werden.

Das war anfangs eine rein theoretische Überlegung, doch mit ihr war eine Idee geboren, die bald darauf weltweit zu einer realen Bedrohung wurde. Sie bereitet bis heute allen Benutzern digitaler Geräte Sorge, denn wer sein Gerät mit dem Netz verbindet, muss damit rechnen, dass er sich ungewollt ein Schadprogramm einfängt, das schrittweise oder auch schlagartig die Herrschaft über seinen Computer übernimmt, indem es heimlich Daten abfängt, Passwörter ausspioniert, Programme manipuliert oder den Zugang zu allen Dateien blockiert und sie im schlimmsten Falle sogar zerstört. Diese Gefahr wiederum führte einerseits zur Entwicklung ständig aktualisierter Antivirenprogramme, die den Computer schützen sollen, und andererseits bei Kriminellen zur Entwicklung immer neuer Schadprogramme zur Überwindung ebenjener Abwehr. Ein nicht endender Wettlauf entstand, wie der zwischen Igel und Hase im Märchen.

Doch zurück zu Edwards: Auf der Suche nach einem einprägsamen Titel für seine Studie besann er sich auf den griechischen Mythos von der Stadt Troja, die nicht auf reguläre Weise durch eine militärische Niederlage unterging, sondern durch das sorglose Hereinholen eines hölzernen Pferdes in die Stadt, in dem feindliche Soldaten versteckt waren. Nach diesem Vorbild taufte er das unbemerkt in den Computer gelangte Schadprogramm auf den Namen «Trojanisches Pferd» (meist abgekürzt «Trojaner» genannt).

Vorzeichen eines welthistorischen Umschwungs in der Antike

Das mythische Bild, das Edwards da in die Computerwelt einführte, hat in unserer Zeit eine unvorhergesehene Aktualität gewonnen, die weit über das Problem der Schadprogramme hinausgeht. Das Trojanische Pferd kann heute als Allegorie gelten für eine umfassende Gefährdung und Herausforderung der Menschheit, die Thema dieses Buches sein wird, zu Edwards’ Zeit aber noch nicht gegeben war. Für ihn handelte es sich lediglich um eine Metapher, die er als vermutlich humanistisch gebildeter Mensch aus Homers Epos Ilias entnahm. Blickt man jedoch auf unsere gegenwärtige Situation, dann lohnt es sich, die fragliche Passage der Ilias genauer anzuschauen, denn in ihr steckt zugleich eine Botschaft, die uns auf die Spur zu den geistesgeschichtlichen Wurzeln des Computerzeitalters führen kann.

Homer erzählt, wie die vereinten Heere der Griechen zehn Jahre lang vergeblich versuchten, die an der kleinasiatischen Küste gelegene Stadt Troja zu erobern. Nach zahllosen verlustreichen Kämpfen griffen sie schließlich auf den Rat des Odysseus zu einer List: Sie zogen eines Abends im Schutz der Dunkelheit geräuschlos ab und hinterließen auf dem geräumten Strand ein riesiges, aus Holz gefertigtes Pferd, in dem Krieger versteckt waren. Die Trojaner sahen am nächsten Morgen mit Erstaunen die leere Ebene vor ihrer Stadt und betrachteten das Pferd als ein Geschenk der Götter. Ungeachtet der dringenden Warnung der Seherin Kassandra zogen sie es triumphierend in die Stadt und feierten dort ihren «Sieg». Spät in der Nacht kletterten die versteckten Griechen heraus, öffneten die Stadttore und ließen die Heere herein, die inzwischen zurückgekehrt waren und nun mühelos alles niedermachten.

Eigentlich durften sich die Trojaner zu Recht als Sieger empfinden, denn der Angriff der Griechen war objektiv gescheitert. Doch wiegten sie sich in Sicherheit und waren von der Gunst ihrer Götter so fest überzeugt, dass sie das vermeintliche Siegeszeichen, in dem die tödliche Gefahr lauerte, gar nicht untersuchten. Selbst die Warnung einer Wahrsagerin von untadeligem Ruf vermochte nicht ihr Vertrauen zu erschüttern. Arglos wie Kinder rechneten sie nicht mit einer so hinterhältigen Kriegstaktik. Wir Heutigen haben kein Recht, darüber zu spotten, denn das sorglose Nichtbeachten einer lebensbedrohenden Gefahr ist auch der modernen Menschheit nicht fremd, wie später zu besprechen sein wird.

Ob und inwieweit Homers Epen Ilias und Odyssee auf Wirklichkeit oder auf Fiktion beruhten, war unter den Fachgelehrten schon im Altertum heiß umstritten und ist es bis heute. Hinsichtlich der Erzählung vom Trojanischen Pferd jedoch ist der Gelehrtenstreit müßig; er geht am Kern der Sache vorbei. Denn ob Mythos oder nicht – Homers Darstellung greift statt in die Vergangenheit in die Zukunft: Wie ein Wetterleuchten am Horizont kündigt sich in der Gestalt des «listenreichen Odysseus», der das raffinierte Täuschungsmanöver mit dem Pferd ersann, das Heraufkommen eines künftigen Zeitalters an, zu dessen hervorstechenden Merkmalen das allgemeine Erwachen der Verstandeskräfte gehörte – ein Ereignis von ungeheurer Tragweite bis in die Gegenwart.

In Homers Epen steht der Held Odysseus unter dem Schutz der Göttin Athena, von der es hieß, sie sei direkt aus dem Haupt des Zeus geboren worden – ein symbolischer Hinweis auf die starke Gedankenkraft, die von ihr ausging. Entsprechend war Odysseus im Altertum für seine Klugheit und Redegewandtheit berühmt; mit seinem erfindungsreichen Verstand wusste er jeder Schwierigkeit zu begegnen und jedes Abenteuer zu bestehen. Mochten seine Listen moralisch mitunter auch angreifbar sein, wirkungsvoll waren sie immer.

Dieser souveräne, selbstbewusste Umgang mit den Möglichkeiten des verstandesmäßigen Denkens entfaltete sich in der etwa 500 v. Chr. einsetzenden griechischen Klassik in vielfältigen Facetten: Da agierten auf der einen Seite die wandernden Sophisten, die ihr Wissen und ihr ausgefeiltes rhetorisches und argumentatives Können zu Geld zu machen wussten. Ihnen gegenüber standen wahrheitssuchende Denker wie Sokrates, Platon und Aristoteles, die zu den Vätern der abendländischen Philosophie wurden. Selbst das einfache Volk in Athen diskutierte öffentlich über Politik und trieb – ein unerhörtes Novum – die Erprobung einer echten Volksherrschaft (Demokratie) voran. Gleichzeitig kam es zu einer Blüte der Wissenschaften, die das Fundament der abendländischen Bildung legte, und nicht zuletzt zu großartigen Werken der Dichtkunst, Architektur und bildenden Künste. Die durch Jahrtausende gepflegte Verehrung der Götter endete zwar noch nicht, doch machte sich auch im Volk mehr und mehr die Kraft des eigenen Denkens geltend. Diese umfassende Kulturströmung wirkte durch Alexander den Großen ostwärts bis weit nach Asien hinein und westwärts durch das Römerreich, zu dem Griechenland seit 146 v. Chr. politisch gehörte, in das gesamte Abendland.

Das Rätsel der Sphinx

Es wäre ein großes Missverständnis, wollte man aus den Errungenschaften der griechischen Kultur den Schluss ziehen, in der vorgriechischen Zeit habe es kein wirkliches Denken gegeben. Es gab es durchaus und sogar in reichem Maße. Jedoch hatte es einen gänzlich anderen Charakter als dasjenige Denken, das wir seit der griechisch-römischen Kulturepoche gewohnt sind. Und das hatte seinen guten Grund: Solange die Menschen noch über ein gewisses Maß an hellseherischen Fähigkeiten verfügten, beschränkte sich ihre Wahrnehmung der Welt nicht auf das rein Physisch-Materielle, wie es später der Regelfall wurde, sondern hinter dem Sinnlich-Äußeren nahmen sie (wenn auch in abnehmender Deutlichkeit) noch übersinnliche Kräfte und Wesenheiten der geistigen Welt wahr. Sie erlebten also in der Natur zwei Wirklichkeiten ineinandergewoben. Davon künden die kulturellen Zeugnisse aller alten Kulturen. Solche Erfahrungen aber konnte man nicht anders zum Ausdruck bringen als in Bildern (Imaginationen), deren Elemente zwar der Sinneswelt entnommen waren, sich aber auf eine übersinnliche Realität bezogen und insofern nicht im materiellen Sinne «wörtlich» zu nehmen waren. Ein solcherart bildhaftes, imaginatives Denken und Sprechen wird heute – oft herablassend oder sogar abwertend – als «mythisch» bezeichnet.

Mit dem zunehmenden Verblassen der übersinnlichen Wahrnehmung und dem Heraufkommen der nur noch äußerlich mit Götterverehrung verbundenen «Verstandesseelen-Kultur», wie Rudolf Steiner sie nennt, verlor das mythische Denken seine Berechtigung und musste sich grundlegend verändern. Das erwies sich, wie nicht anders zu erwarten, als äußerst schwierig. Und doch war der Wandel unabweisbar notwendig, um dem eigenständigen Denken zum Durchbruch zu verhelfen, mit dem der Mensch in Freiheit sich selbst bestimmen kann.

Den frühen Griechen war die Schwierigkeit des Übergangs bewusst. Sie brachten sie, wie es dem alten imaginativen Bewusstsein entsprach, in ein mythisches Bild, das Bild vom «Rätsel der Sphinx». Die schon aus der ägyptischen Kultur bekannte Gestalt der Sphinx wurde in der bildenden Kunst als ein verderbenbringendes Ungeheuer dargestellt, das auf einem geflügelten Löwenkörper mit Schlangenschwanz den Kopf einer Frau trug. Dieses Untier, so erzählt die antike Ödipus-Sage, versperrte den einzigen Zugangsweg zu der Stadt Theben und stellte jedem, der an ihr vorbeiwollte, ein Rätsel. Konnte er es nicht lösen, wurde er erwürgt und gefressen. Tausende fielen der Sphinx zum Opfer, bis endlich Ödipus des Weges kam und das Rätsel löste, woraufhin das Ungeheuer seine Macht verlor und sich selbst in den Abgrund stürzte. Theben war befreit. Wie aber lautete das Rätsel?

Was ist das?

Morgens geht es auf vier Beinen, mittags auf zwei und abends auf drei.

Und es ist am schwächsten, wenn es die meisten Beine hat.

Auf den ersten Blick erscheint der Spruch simpel: Jeder kann sofort erkennen, dass es sich um ein Lebewesen mit Beinen handelt. Verglichen aber mit der Alltagserfahrung ergibt sich kein stimmiges Gesamtbild. Verwirrende Widersprüche und Ungereimtheiten fallen auf: Lebewesen, die im Laufe ihres Lebens verschieden viele Beine haben, gibt es nirgends. Ferner ist der korrekten Abfolge von Morgen, Mittag und Abend die falsche Zahlenfolge 4 – 2 – 3 zugeordnet. Und wie soll es angehen, dass die wenigste Kraft hat, wer die meisten Beine hat?

Heutzutage wundern sich schon elfjährige Kinder darüber, dass die Thebaner ein «so einfaches Rätsel» nicht lösen konnten. Es sei doch ganz klar, sagen sie, dass damit der Mensch gemeint sei, der als Baby auf allen vieren krabbelt, als Erwachsener auf zwei Beinen geht und am Lebensabend den Stock als drittes Bein zu Hilfe nimmt, und natürlich sei er als Baby am schwächsten. Sie ahnen nicht, was es vor drei Jahrtausenden für eine Überwindung kostete, von der anschaubaren Wirklichkeit eines Säuglings, eines Erwachsenen und eines Greisen völlig abzusehen und die drei Erfahrungen gedanklich auf ein einziges Merkmal zu reduzieren, nämlich auf die Anzahl der Beine. Aus dem Umgang mit lebensvollen Bildern aus der Sinneswirklichkeit wurde ein bildloses Operieren mit nackten Begriffen. Die Philosophie nennt diesen Vorgang Abstraktion (von lateinisch abstrahere = wegziehen, entfernen, trennen).

Das Rätsel der Sphinx ist also als ein Signum zu verstehen für die große Aufgabe, die der Menschheit im anbrechenden Zeitalter der Verstandeskräfte gestellt war. Um ihr gerecht zu werden, musste der Schritt vom imaginativen zum abstrakten Denken vollzogen werden. Das war die Forderung, die die Sphinx als Wächter an der Schwelle zu der neuen Zeit mit Macht erhob, und nur dem, der sich wenigstens anfänglich darin geübt hatte, gab sie den Weg in die Zukunft frei. Alle anderen waren dem Untergang geweiht.

Die Ausbildung des neuzeitlichen Denkens

In Griechenland entwickelt und von den Römern weitergeführt, verbreitete sich das bildlos-abstrakte Denken über die Welt. Gefordert waren jetzt Denkanstrengungen, die sich klar abgrenzen von der Gewohnheit, die Sinneseindrücke unreflektiert auf sich wirken zu lassen und sich mit dem zu begnügen, was sie spontan im eigenen Inneren anregen. Solange die äußere Welt noch atavistisch als geistdurchdrungen und seelisch belebt erfahren wurde, war eine solche Haltung berechtigt. Doch diese Zeit war vorüber, und wenn jetzt keine besonderen Anstrengungen unternommen wurden, konnte die seelische Resonanz auf Sinneserfahrungen nur noch in der Form auftreten, in der wir sie bis heute kennen: als ein kaum entwirrbares Gemenge assoziativ sich ergebender Vorstellungen und Empfindungen, die ziellos hierhin und dorthin schweifen und sich im Nu vom Ausgangspunkt entfernen.

Die geforderte strenge Schulung bestand folglich darin, einen Gedanken vorsätzlich zu fassen und ihn kontrolliert Schritt für Schritt weiter zu entwickeln, unabhängig sowohl von äußeren Reizen wie auch von seelischen Regungen. Nur so konnte das Ziel erreicht werden, Herr über sein Denken zu werden.

Indem sie sich darin schulten, gelangten die führenden Philosophen zu einer epochalen Entdeckung: Jedes exakt geführte Denken stößt auf unverrückbare Gesetzmäßigkeiten der Logik, die nicht aus der Willkür des eigenen Subjekts stammen, sondern sich objektiv aus dem Denken selbst ergeben und folglich für alle Menschen gelten. Die Wissenschaft, die daraus entstand, wurde von Aristoteles (384 – 322 v. Chr.) begründet. Seine Schriften zur Logik wurden wegweisend für die folgenden Jahrhunderte.

In der lateinisch sprechenden Gelehrtenwelt des Hochmittelalters griffen die Scholastiker seine Ergebnisse auf und entwickelten sie weiter, indem sie systematisch daran arbeiteten, gedankliche Schlüsse nach allen Seiten gegen Missbrauch und Fehlschlüsse so abzusichern, dass man das Ergebnis als «wahr» und der Wirklichkeit entsprechend ansehen konnte. Ihre Bemühungen gipfelten in dem erfolgreichen Versuch, gültige Regeln für jede wissenschaftliche Beweisführung zu entwickeln. Wikipedia führt das folgendermaßen aus:

«Bei dieser Methode handelt es sich um ein von den logischen Schriften des Aristoteles ausgehendes Verfahren zur Klärung von Fragen mittels theoretischer Erwägungen, ausgehend von Prämissen (‹Voraussetzung, Annahme›). Dabei wird eine Behauptung untersucht, beispielsweise Die Erde ist eine Scheibe, indem zuerst die für und die gegen sie sprechenden Argumente nacheinander dargelegt werden und dann eine Entscheidung über ihre Richtigkeit getroffen und begründet wird. Behauptungen werden widerlegt, indem sie entweder als unlogisch oder als Ergebnis einer begrifflichen Unklarheit erwiesen werden oder indem gezeigt wird, dass sie mit evidenten oder bereits bewiesenen Tatsachen unvereinbar sind.»

Diese methodisch streng kontrollierte Führung der Gedanken wurde zum Vorbild für alle wissenschaftlichen Disziplinen unserer Zeit, besonders für die am Beginn der Neuzeit einsetzende moderne Naturwissenschaft. Sie stützte sich bewusst auf die abgesicherten Methoden der Scholastik, wendete sie aber nicht mehr auf theologische Themen an wie im Mittelalter, sondern auf die Phänomene der Natur, deren Erforschung damals mit Macht einsetzte.

Denkstrukturen, geronnen im Computer

Es blieb nicht dabei, dass die scholastische Methode zum Paradigma ernst zu nehmender Wissenschaft wurde; nach ihrem Muster formte sich auch die in der westlichen Welt vorherrschende Art des Denkens, die allgemein als diskursiv bezeichnet wird. Man versteht darunter ein methodisches Vorgehen, das von Vorstellung zu Vorstellung, von Begriff zu Begriff logischgesetzmäßig voranschreitet und dadurch zu Schlussfolgerungen gelangt, mit denen sich z.B. eine Auffassung oder eine Theorie begründen lässt.

Gedankengänge in Sprache und Text diskursiv zu entwickeln ist im Laufe der Zeit so selbstverständlich geworden, dass eine wichtige Eigenart, die damit verknüpft ist, kaum mehr auffällt: Bei jedem Schritt der Darlegung prüft der Zuhörer oder Leser unwillkürlich: Ist die Aussage richtig oder falsch? Ist sie logisch einwandfrei? Entspricht sie den bekannten Tatsachen? Zustimmung oder Ablehnung ist gefragt, Ja oder Nein. Sinnvolle weitere Schritte können sich erst anschließen, wenn die Frage beantwortet ist. Am deutlichsten zeigt sich das in der Mathematik, die nach jeder Rechenoperation prüft: Ist das Ergebnis richtig oder falsch? Kein Weg führt dort an einer eindeutigen Festlegung vorbei, denn das Ergebnis kann nur richtig oder falsch sein, eine andere Alternative gibt es nicht.

Nicht auf allen Forschungsfeldern ist die Entscheidung so eindeutig zu treffen. Die streng mathematisch orientierte Naturwissenschaft allerdings hat es mit dieser Methode weit gebracht; sie ist zur beherrschenden Wissenschaft der Neuzeit aufgestiegen. Im 20. Jahrhundert war es eines ihrer Anliegen, die schon in der Antike und dann wieder ab der Renaissance verfolgte Idee einer mechanischen Rechenmaschine neu aufzugreifen und ein Gerät zu entwickeln, mit dem die logischen Strukturen des diskursiven Denkens technisch nachgeahmt werden können. Das Projekt begann in den 1930er-Jahren und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem triumphalen Erfolg: Der Computer (abgeleitet von lat. computare = berechnen) eroberte die Welt, einige Zeit noch mit analoger Technik, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts dann nur noch mit der Digitaltechnik.

Die heute gebräuchlichen Computer werden elektronisch mit dem Binärsystem betrieben. Ihre Grundfunktion besteht aus Entscheidungen zwischen Ja oder Nein, die physikalisch realisiert werden durch die Befehle «Strom an» für Ja und «Strom aus» für Nein (binär ausgedrückt «1» und «0»). Die im diskursiven Denken ständig sich wiederholende Grundstruktur (zuerst die Prämissen, dann der logische Schluss daraus) wird vom Digitalrechner mit Millionen winziger elektrischer Schalter imitiert, die jeweils zu kleinen Einheiten zusammengefasst sind. Letztere bestimmen, ob der Strom zur nächsten Einheit weiterfließen darf oder nicht, indem sie die Prämissen festlegen: Entweder lassen sie mehrere Bedingungen zu, von denen wenigstens eine erfüllt sein muss (sog. Oder-Schaltung), oder sie fordern eine bestimmte Anzahl von Bedingungen, die gemeinsam erfüllt sein müssen (sog. Und-Schaltung). Hinzu kommt als drittes Element die Nicht-Schaltung, die den in einem sekundären Stromkreis fließenden Strom aus- statt anschaltet. Durch die Kombination dieser drei Schaltungen kann jeder logisch strukturierbare Vorgang dargestellt werden. Anzumerken ist noch, dass die «Schalter» heute so winzig sein können, weil sie nicht mehr aus mechanischen Teilen oder aus Röhren bestehen, wie es zunächst der Fall war, sondern aus winzigen Transistoren, deren Siliziumschichten je nach angelegter Spannung den Strom durchlassen oder stoppen.

Die Universalmaschine unserer Zeit

Auf diese Weise hat sich im Computer zum Schein eine Intelligenz materialisiert, die in den Jahrhunderten zuvor noch zur gedanklichen Klärung von Naturphänomenen verwendet wurde, jetzt aber jeglichen Bezug zur Sinneswirklichkeit abgestreift hat. Es sind rein formale, maschinell ausgeführte logische Strukturen, mit denen eingegebene Daten in ungeheurer Geschwindigkeit bearbeitet werden. Mit der radikalen Ablösung vom menschlichen Denken und seiner Wahrnehmungswelt wurde die einst von der Sphinx geforderte Abstraktion ins Extrem getrieben. Man mag das bedauern oder sogar erschreckend finden, muss aber gleichwohl zur Kenntnis nehmen, dass genau darin die Stärke der Digitaltechnik liegt: Ihre Prozesse sind nicht mehr auf mathematische Aufgaben beschränkt oder an die Sinneswirklichkeit gebunden, sondern stehen zur Verfügung für Daten jeglicher Art. (Technische Einzelheiten dazu in einem späteren Kapitel.) Der Computer ist zur Universalmaschine unserer Zeit geworden, mit der «prinzipiell jedes Problem des Alltags, das sich auf kausale Abfolgen und algorithmisierbare Zusammenhänge reduzieren lässt, durch Schaltungen darstellbar ist».6

Technikbegeisterte Forscher veranlasste das zu der Erwartung, schlechterdings alles in der Welt müsse «computerisierbar» sein; Grenzen könnten sich höchstens aus mangelnder Leistungsstärke der Rechner ergeben, und da sei es lediglich eine Frage der Zeit, bis sie überwunden sind. Tatsächlich gelang es der Technik in einem bis heute anhaltenden Wettlauf, die Spitzenleistungen der Computer in immer gewaltigere Dimensionen hochzuschrauben.

Möglich wurden die rasanten Fortschritte durch die Tatsache, dass die auf Mikrochips aufgetragenen elektronischen Schaltungen im Laufe der technischen Entwicklung immer kleiner und kleiner wurden. Dadurch konnten einerseits Supercomputer mit gigantischen Rechenleistungen für wissenschaftliche Forschung in vertretbaren räumlichen Ausmaßen gebaut werden. Vor allem aber ermöglichte die fortschreitende Miniaturisierung die Massenproduktion der Personal Computer (PC), der Laptops, der Tablets und der Smartphones, von denen heute alle Welt Gebrauch macht.

Seitdem der Markt auf diesem Gebiet nahezu gesättigt ist, sieht sich die Industrie gegenwärtig nach neuen Anwendungen der Digitaltechnik um und richtet ihren Blick dabei vor allem auf den weiteren Ausbau des Internets, damit die sogenannte smarte Technologie zum Zuge kommen kann. Sie produziert elektronische Automaten aller Art, wie z.B. Ampelsteuerungen, die im Verbund mit benachbarten Ampeln und Messstationen die Ampelphasen ohne menschliches Zutun flexibel der aktuellen Situation anpassen. Auf einem zweiten Gebiet, dem Smart Home, soll alles mit allem vernetzt, automatisiert und von außen steuerbar werden: Beleuchtung und Heizung, Herd und Waschmaschine, Jalousien und Blumenbewässerung, Energiespareinrichtungen und die Überwachung der Vorräte im Kühlschrank.

Für zahlreiche öffentliche und private Bereiche sind solche Dinge geplant oder schon im Gange – mit dem erklärten Ziel, nach und nach jedes algorithmisch fassbare Geschehen zuhause und in unserer Umwelt «intelligent» zu steuern, also nicht durch menschliche Aktivität, sondern durch die (vermeintliche) Intelligenz von Maschinen. Es zeichnet sich ab, dass wir bald auf Schritt und Tritt von solcher Technik umgeben sein werden, die mit immer höheren Funkfrequenzen bis in den letzten Winkel unseres Privatlebens dringt. Schon ist geplant, Zehntausende kleine Satelliten in den Orbit zu schießen, um das digitale Netz lückenlos über die ganze Erde auszubreiten7 und die Maschen immer enger zu ziehen. Ob wir es wollen oder nicht, wir gehen der Technik «ins Netz».

Eine Leere, die nicht leer bleibt

Was bedeutet diese Entwicklung für uns Menschen? Können und sollen wir tatenlos zusehen, wie die Allgegenwart digitaler Technik unser Leben verändert? Wird sie wirklich nur zu unserem Nutzen sein, wie die Verfechter beteuern, oder bezahlen wir den Nutzen schleichend mit dem Verlust eigener Fähigkeiten und Freiheiten? Erliegen wir der Illusion, die digitale Revolution werde uns weder gesundheitlich noch psychisch noch geistig unberührt lassen? In den Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte hat sich immer wieder gezeigt, dass eine neu eingeführte Technik nicht nur die Welt veränderte, sondern stets auch die Menschen selbst in ihrem Denken, Fühlen und Handeln.

Das wird jetzt nicht anders sein. Die Frage ist nur: Welcher Art werden dieses Mal die Veränderungen sein? Gehen wir womöglich einem menschheitlichen Massenexperiment mit ungewissem Ausgang entgegen?

Um zu einer realistischen Einschätzung zu kommen, scheint es mir notwendig, auf eine wenig beachtete Tatsache zu blicken, die zu den Fundamenten der Digitaltechnik gehört. Der binäre Rechner arbeitet mit einer «Intelligenz», die gar keine ist, sondern ein inhaltsleerer Maschinenprozess, der zwar logische Denkstrukturen imitiert, aber nicht die geringste Verbindung hat zu der Lebenswirklichkeit, aus der die Daten stammen. Weder hat er sie zu den Objekten, die er abbildet, noch zu den Menschen, die sich in der Welt betätigen. Zu jedem Gemälde gehört ein Maler, zu jedem Buch ein Autor, zu jedem Musikstück ein Komponist, zu jeder Aufführung ein Interpret, und auch zum Aufsetzen des Computerprogramms gehört ein Mensch mit individuellen Zügen und persönlicher Prägung. Nichts von alledem findet Eingang in die Abfolge der Bits und Bytes. Daher ist es berechtigt zu sagen: Die Abläufe des digitalen Rechners sind im wörtlichen Sinne «ent-menschlicht».

Das ist nicht als moralischer Vorwurf zu verstehen, sondern als ein feststehendes Faktum von großer Tragweite. Denn aus der absoluten Leere gegenüber Welt und Mensch resultiert, wie ausgeführt, die universelle Einsetzbarkeit des Computers, resultiert aber auch die häufig vorgetragene Behauptung, die digitalen Medien seien weder gut noch schlecht, sondern ein ganz neutrales Instrument wie jedes andere technische Gerät; man müsse nur vernünftig mit ihnen umgehen. Mit dieser These wird bewusst oder unbewusst ein gravierender Trugschluss verbreitet, denn die Wirklichkeit zeigt ein anderes Bild:

Vergleichbar einem physikalischen Vakuum übt auch die perfekte menschliche Leere des Rechners einen gewaltigen Sog aus. Sie kann zwar als Plattform für sinnvolle und nützliche Anwendungen dienen; doch weil sie völlig ohne den Menschen agiert, saugt sie in erschreckendem Umfang auch unmenschliche Neigungen an: Sie wird immer häufiger genutzt, um unerkannt Machtgelüste auszuleben, krassesten Egoismus und niederste Instinkte zu befriedigen. Man kann gefahrlos Betrug, Manipulationen und sogar kriminelle Handlungen organisieren, weil sich die Herkunft solcher Angriffe im Internet technisch verschleiern lässt, sodass die Täter anonym bleiben. Von einem «vernünftigen Umgang» kann da keine Rede sein; vielmehr meldet sich das Pferd von Troja zurück. Spezialisten setzen aus dem Hinterhalt sogar sogenannte Bots ein, automatische Computerprogramme, die im weltweiten Netz massenhaft bestimmte Aufgaben selbstständig und vor allem unbemerkt durchführen. Der Entleerung von allem Menschlichen ist also nicht nur technisch, sondern auch moralisch Tür und Tor geöffnet.

Die Neigung der Intelligenz zum Bösen

Auf rätselhafte Weise ist in der Digitaltechnik das Gute engstens verknüpft mit dem Schlechten, obwohl das niemand beabsichtigt hat. Wie konnte es dazu kommen?

Wir stoßen hier auf ein menschheitsgeschichtliches Phänomen, das Rudolf Steiner schon 1919 zum Thema eines Vortrages gemacht hat.8 In der Kulturepoche, die der griechisch-römischen vorausgegangen ist, so schildert er, war Intelligenz etwas ganz anderes als das, was wir heute darunter verstehen. Wenn Ägypter oder Chaldäer9 «dachten, wenn sie ihre Intelligenz in Fluss brachten, dann lebte in dieser Intelligenz ihr Zusammenhang mit dem Kosmos». Die Verwandtschaft «der eigenen Wesenheit mit dem ganzen Kosmos» war der bestimmende Inhalt ihres Denkens. In der griechischen Epoche ab dem 8. Jahrhundert v. Chr. wusste man noch von diesem Zusammenhang, doch richtete sich der Blick von jetzt an vor allem auf das eigene Wesen und seinen Zusammenhang mit allem Irdischen, Vergänglichen. Der Grieche «begriff alles dasjenige von der irdischen Welt durch diese Intelligenz, was dem Tode unterliegt».

Zu der nach dem Ende des Mittelalters beginnenden Neuzeit bemerkt Steiner:

«Heute sind wir noch sehr stark in einer solchen Entwickelung der Intelligenz darinnen, wie sie die Griechen hatten. Wir begreifen durch unsere Intelligenz dasjenige, was dem Tode unterliegt. Aber auch diese Art von Intelligenz, die das Tote begreift, verwandelt sich. Und in den nächsten Jahrhunderten und Jahrtausenden wird diese Intelligenz etwas anderes, etwas weit weit anderes werden. Sie hat heute schon eine gewisse Anlage, unsere Intelligenz. Wir werden als Menschheit einlaufen in eine Entwickelung der Intelligenz so, dass die Intelligenz wird die Neigung haben, nur das Falsche, den Irrtum, die Täuschung zu begreifen, und auszudenken nur das Böse.»

Blicken wir vor diesem Hintergrund auf unsere gegenwärtige Situation, dann scheint es, dass wir dem Bösewerden der Intelligenz in den letzten hundert Jahren seit Steiners Äußerung schon ein Stück näher gekommen sind. Die täglichen Nachrichten sind heute voll von Berichten über übelste Machenschaften mithilfe des Internets. Die geronnene, tote «Intelligenz» des Computers wird zum Instrument, um böse Absichten zu verwirklichen, Betrug, Lügen und Verleumdungen in die Welt zu setzen, den Unterschied zwischen Wahrheit und Irrtum zu verwischen und auf diese Weise nicht nur materiellen Schaden anzurichten, sondern auch seelische und geistige Verwüstungen zu schaffen, die zu heilen gewaltige und lang anhaltende Bemühungen erfordern würden.

Dennoch – es wäre nicht in Steiners Sinne, seine Aussagen als Glaubenssätze zu behandeln. Sie sind als Hinweise zu verstehen, die anhand der Wirklichkeit geprüft werden sollten. Dazu bieten die folgenden Kapitel Gelegenheit.

2. Schöne neue Welt der Medien

Die angedeutete Zwiespältigkeit der digitalen Technik stellt unser Zeitalter vor ein großes Problem. Dennoch scheint es mir nicht sachgemäß, von Anfang an nur auf die negativen Seiten zu blicken. Wir müssen auch verstehen, warum die Menschen von den neuen Errungenschaften derartig fasziniert waren, dass sie zuerst nur das Gute und Vorteilhafte im Auge hatten und kritische Einwände lange Zeit in den Wind schlugen. Ich möchte dazu eine kleine historische Skizze entwerfen, die uns bis zu dem Punkt führt, an dem es schließlich zu einem bösen Erwachen kam.

Ein großes Thema des 19. Jahrhunderts war das Bemühen, sowohl optische als auch akustische Sinneseindrücke in technische Vorgänge zu überführen. Den Beginn machte die Erfindung der Fotografie. Aufgetragen auf Zelluloidfilme wurde sie universell einsetzbar, besonders auch in Form von «bewegten Bildern», die durch die schnelle Abfolge von 24 Aufnahmen pro Sekunde die Illusion echter Bewegungen erzeugten. Daraus entstand die Gattung der Spielfilme, die ab 1895 einem staunenden Publikum vorgeführt wurden – zunächst als Stummfilm. Den Ton konnte man erst nach der Erfindung von Mikrofon und Lautsprecher hinzufügen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trat neben den Kino-Spielfilm ein mächtiger Konkurrent: das Fernsehen. Hier wurde das bewegte Bild auf dem Schirm einer Kathodenstrahlröhre elektronisch erzeugt. Die Geräte, die zu dieser Zeit in die Läden kamen, steckten noch in den Kinderschuhen: Anders als viele längst in Farbe produzierte Kinofilme war das Fernsehbild schwarz-weiß, und vor allem flimmerte und flackerte es ständig, sodass das Zusehen wenig angenehm war. Außerdem gab es lange Zeit nur ein einziges Programm zu sehen (1963 begann das ZDF, erst 1984 folgten die privaten Sender).

Umso mehr überrascht es im Rückblick, wie schnell sich die Öffentlichkeit trotz aller Mängel mit dem neuen Medium anfreundete. Allerdings waren dabei zwei Publikumsmagnete im Spiel, die das Interesse anstachelten. Ähnlich wie Adolf Hitler 1936 durch die erstmalige Fernsehübertragung der Olympischen Spiele die Öffentlichkeit beeindruckte, waren es auch nach dem 2. Weltkrieg zwei Großereignisse, die wie geschaffen waren, um die Massen für das Fernsehen zu begeistern: 1953 die Krönung der englischen Königin Elisabeth II. und 1954 die Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz. Obwohl es zu beiden Ereignissen in den Kinos farbige und technisch viel bessere Präsentationen gab, erregte das Fernsehen weit mehr Aufsehen.

Die Fernsehproduzenten wie auch die Gerätehersteller hätten sich keine bessere Werbung wünschen können als diese erregenden «Events», die vom Publikum als welthistorisch empfunden wurden. Denn mit ihnen eröffnete sich den Menschen eine neue Dimension: War man bisher auf Berichte in der Zeitung oder im Radio angewiesen, um zu erfahren, was in der Welt vorgeht, konnte man jetzt, so meinte man, alles «mit eigenen Augen» sehen. Etwas wie Magie schien dem Fernseher anzuhaften: Ohne dass der Zuschauer sich von der Stelle rührte, entrückte ihn das Gerät an den Ort des Geschehens, wo er unmittelbar «am Ball» war und bei jedem Tortreffer gemeinsam mit den fernen Stadionbesuchern jubeln konnte. An diesen prickelnden Effekt des Dabeiseins reichten selbst gute Dokumentarfilme nicht heran, weil sie immer erst nachträglich erschienen.

Damit war der Weg bereitet für die rasante Ausbreitung des Fernsehens im ganzen Land, und bald schon gehörte die «Glotze», wie man sie spöttisch nannte, zur festen Einrichtung jedes Wohnzimmers und wurde extensiv genutzt. Die berechtigten Warnungen vor einem allzu ausgiebigen Fernsehkonsum, besonders bei Kindern, stießen auf taube Ohren, und so zeigten sich mit der Zeit immer gravierendere Folgen, die hier aber nicht thematisiert werden sollen.10

Fernsehen als Fenster zur Welt

Es verdient festgehalten zu werden, dass die Begeisterung des Publikums für das Fernsehen nicht allein der Sensationsgier entsprang. Was dabei von Anfang an mitschwang, war die freudige Entdeckung, plötzlich angeschlossen zu sein an das Weltgeschehen und aktuelle Ereignisse quasi hautnah miterleben zu können, ohne vor Ort zu sein. «Bei uns sitzen Sie in der ersten Reihe», lautete der kesse Werbespruch von ARD und ZDF, und so wurde es auch empfunden, denn die Fernsehkamera holte alles Ferne auf Greifweite heran. Ein für den Menschen der Neuzeit charakteristischer Drang machte sich hier geltend, der bereits mit den Entdeckungsfahrten der Portugiesen und Spanier begonnen hatte, nämlich die große ferne Welt kennenzulernen und über die Enge des eigenen Horizonts hinauszublicken. In der anbrechenden Neuzeit wurde das Interesse des Publikums durch unzählige Flugschriften aus der soeben erfundenen Druckerpresse befriedigt, jetzt aber wurde dem Sehsinn selbst das «Fenster zur Welt» geöffnet.

In diesem Bedürfnis lag und liegt der Keim für eine Fähigkeit, die in unserem Jahrhundert unverzichtbar wird für den Erhalt unseres Planeten, der durch die Klimakrise und viele andere Nöte in höchste Bedrängnis geraten ist. Der Allgemeinheit ist endlich bewusst geworden, dass die Menschheit nur dann überleben kann, wenn sie ihren Blick auf den gesamten Lebensraum Erde richtet und sich verantwortlich für dessen Erhaltung und Pflege einsetzt.

Den globalen Blick zu fördern und ein erdumspannendes Bewusstsein zu wecken, dazu könnte das Fernsehen – sinnvoll genutzt – einen wichtigen Beitrag leisten, indem es das notwendige Okular für die erweiterte Weltwahrnehmung zur Verfügung stellt. Ob es allerdings in seiner heutigen Form dem gerecht wird, ist fraglich. Die Sehzeiten im Schnitt der bundesdeutschen Bevölkerung sind (ähnlich wie in den USA) im Laufe der Jahrzehnte exorbitant angestiegen,11 und nur ein geringer Teil davon dient der Information über aktuelle Geschehnisse; der weitaus größte Teil wird mit Unterhaltungssendungen aller Art gefüllt. Nur bei besonders erregenden Zeitereignissen wie beispielsweise Natur- und Kriegskatastrophen kommt das «Fenster zur Welt» wieder zu seinem Recht, abzulesen an dem oft beeindruckenden Spendenaufkommen, das ohne die schockierenden Bilder aus fremden Ländern niemals in dieser Höhe und in dieser Geschwindigkeit zusammengekommen wäre.

Wir dürfen also feststellen: Das Medium Fernsehen könnte ein bedeutsames Wahrnehmungsinstrument sein, das den Sinn für die Weltprobleme schärft. Wohlgemerkt: es könnte. Bleibt nur die Frage: Wie kommt es, dass diese mögliche Funktion immer wieder überdeckt und erstickt wird durch belanglose Zerstreuung, die den Willen der Menschen zu tatkräftiger Gestaltung der Welt eher lähmt als fördert? Wer sind diejenigen, die ein Interesse haben an dieser ständigen Ablenkung vom Wesentlichen?

Computergestützte Medien

In denselben Jahrzehnten, in denen das Fernsehen sich über alle Kontinente verbreitete (von mir exemplarisch am deutschen Beispiel demonstriert), erlebte auch die kurz vor Kriegsende begonnene Entwicklung des elektronischen Computers einen rasanten Aufschwung. Die zunächst noch tonnenschweren Geräte wurden in staunenswertem Tempo immer kleiner, und die Rechenleistung wurde gleichzeitig immer größer. Je weiter die Wissenschaft Hand in Hand mit den Ingenieuren vorankam, desto vielfältiger wurden die technischen Anwendungsmöglichkeiten. Die Forschung verschlang zwar gewaltige Summen, doch wusste man einen großen Teil davon wieder hereinzuholen durch die Eröffnung eines neuen Wirtschaftszweigs: Den jeweils erreichten Stand der Technik nutzte man auf der Stelle zur Entwicklung von Videospielen, Spielautomaten, Spielekonsolen und Computerspielen, die durch ihren millionenfachen Verkauf «zu einer der einflussreichsten Freizeitgestaltungsformen des 21. Jahrhunderts» geworden sind, wie Wikipedia euphemistisch vermerkt. Immer mehr junge Menschen zwischen 15 und 25 Jahren machen heute reichen Gebrauch von diesen Angeboten, freilich mit häufig unangenehmen Folgen, über die noch zu berichten sein wird.

Nicht weniger bedeutsam war der in den 1970er-Jahren einsetzende Übergang von den Großcomputern alter Art, mit denen nur Spezialisten, Techniker oder Wissenschaftler arbeiteten, zu kleineren, für individuelle Bedürfnisse nutzbaren Mehrzweckcomputern, die als Personal Computer (PC) bezeichnet wurden. Sie eroberten sich ihren Platz nicht nur in unzähligen Privathaushalten, sondern revolutionierten auch weltumspannend die gesamte Arbeitswelt. Kein Büro ist heute mehr denkbar ohne einen PC mit Internetanschluss.

Last but not least profitierte auch das Fernsehen von diesen Fortschritten, und zwar durch die Einführung des digital ansteuerbaren Flachbildschirms, der aufgrund seiner geringen Tiefe, seines geringeren Energieverbrauchs und vieler weiterer Vorteile die klobige Kathodenstrahlröhre völlig verdrängt hat. Mit ihm sind heute Bildschirmgrößen erreichbar, die mit der alten Technik unmöglich gewesen wären.

Das Internet

Der Vorläufer des Internets, das 1969 eingerichtete ARPANET zwischen den Großrechnern amerikanischer Universitäten, wurde oben schon erwähnt. 1989 konzipierte der britische Informatiker Tim Berners-Lee das «World Wide Web» (WWW), das 1990 zur kommerziellen Nutzung freigegeben wurde und sich fortan ständig weiterentwickelte. Das schon ab dem 19. Jahrhundert aufgebaute interkontinentale Kabelnetz für Telegrafie und Telefonie wurde durch Funkverbindungen und vor allem durch hochleistungsfähige Glasfaserkabel ersetzt, die es in Verbindung mit der Digitaltechnik ermöglichen, weltweit nahezu in Echtzeit Daten jeglicher Art und jeglicher Menge auszutauschen, nicht nur Texte und Audiodateien, sondern auch Videodateien, komplette Computerprogramme und deren Updates und sogar Telefonie und Videotelefonie (z.B. Skype), um nur einige Anwendungen zu nennen.

Ab 2004 wuchsen die Social-Media-Plattformen (Facebook, Twitter, Instagram und andere) zu speziellen Netzwerken von ungeahnten Dimensionen heran: Die Zahl der Nutzer stand im Juli 2019 weltweit bei mehr als 3,5 Milliarden. Das bedeutet: Fast die Hälfte der Weltbevölkerung nimmt daran teil!

Zu den Massenmedien kann auch die 2001 begründete, gratis benutzbare Website Wikipedia gezählt werden, eine ständig aktualisierte Enzyklopädie, die zu einer Fülle von Wissensgebieten detaillierte Auskunft gibt. Im Januar 2019 bot sie mehr als 49,3 Millionen Artikel in annähernd 300 Sprachen.

Insgesamt ist ohne Übertreibung festzustellen, dass heute der größte Teil der Menschheit in der einen oder anderen Weise in das World Wide Web eingebunden ist, teils kommerziell und beruflich, teils privat. Es scheint sich zu bestätigen, was Fachleute immer wieder raunten: Das Internet hat zu der größten Umwälzung des Informationswesens seit der Erfindung des Buchdrucks geführt. Man darf von einer Revolution sprechen.

Das Smartphone

Ihren (einstweiligen) Gipfelpunkt erreichte diese Revolution am 9. Januar 2007. An diesem Tag stellte Steve Jobs, der Chef des Computerherstellers Apple, der Öffentlichkeit das neueste Produkt seiner Firma vor: das «iPhone». Entgegen den Usancen der Wirtschaft, jedes neue Erzeugnis in den höchsten Tönen zu loben, stellte Jobs nüchtern fest: «Today Apple is going to reinvent the phone.»12 Und er behielt recht: Dieses Smartphone war technisch gesehen ein Wunderwerk. Die Grundausstattung umfasste bereits ein Musikabspielgerät (iPod), Telefon, Internet und E-Mail. Durch weitere schon eingebaute oder später herunterladbare Apps konnten Medien wie Fernsehen, Spielfilme, Computerspiele, eine leistungsfähige Kamera, GPS-Navigation und tausenderlei andere Funktionen hinzugefügt werden.13

Kurzum: Sämtliche gängigen Digitalmedien waren hier in einem einzigen Gerät vereinigt und ließen sich durch eine neu entwickelte berührungsempfindliche Bildschirmoberfläche (Touchscreen) genial einfach dirigieren. Noch dazu war das Gerät leicht und formschön, passte in jede Hosentasche und verführte als ständiger Begleiter im Alltag zur Dauernutzung. Bis November 2018 hatte Apple davon mehr als 2,2 Milliarden verkauft, in immer wieder neuen Modellen und Variationen. Damit waren die Maßstäbe gesetzt für alle nachfolgenden Anbieter, wie etwa Samsung und Huawei, die nur durch vergleichbare Angebote auf dem boomenden Markt bestehen konnten.

Die Milliarden von Smartphones, die innerhalb von rund 10 Jahren weltweit von den drei Anbietern verkauft wurden (allein im Jahr 2018 waren es in Summe 1,4 Milliarden14) lassen erahnen, in welch gewaltigem Maße sich die Menschheit mit diesem Gerät verbunden hat. Kaum eingeführt, wurde es zum Lieblingsgerät der heutigen Welt.

Künstliche Intelligenz (KI) 15

Im Zuge der Computerentwicklung entstand eine zweite Gattung von Computern, die inzwischen in immer mehr Bereichen zum Einsatz kommen. Im Gegensatz zu den herkömmlichen Rechnern, die den logischen Strukturen des Denkens nachgebildet sind, werden hier die biologischen Vorgänge imitiert, die im Gehirn beim Denken stattfinden (was zu der populären, aber sachlich falschen Meinung führte, diese Computer könnten «denken».) Nach dem Vorbild der neuronalen Netzwerke des menschlichen Gehirns bestehen sie aus elektronischen Netzwerken mit einer Vielzahl künstlicher Neurone, von denen jedes mit Hunderten anderen verschaltet ist.

Diese Netzwerke werden nicht mehr vom Menschen programmiert, sondern darauf trainiert, gewisse Aufgaben selbstständig erfüllen zu können. Eine Aufgabe kann z.B. sein, aus unzähligen Porträtfotos ein ganz bestimmtes Gesicht, das gesucht wird, herauszufinden. Millionen von Trainingseinheiten sind notwendig, bis das Netzwerk sich dem gesetzten Ziel angenähert hat.

Der springende Punkt dabei ist, dass diese «Künstliche Intelligenz» ihre Arbeit im Wesentlichen unabhängig vom Menschen verrichtet, indem sie ständig «dazulernt», womit suggeriert wird, es handele sich um einen kognitiven Vorgang. Edwin Hübner schreibt dazu:

«In ein neuronales Netz ist zwar außerordentlich viel menschliche Intelligenz eingeflossen, aber sie ist in ihm erstarrt. Ein neuronales Netzwerk besitzt deshalb keine eigenständige Intelligenz. Es ist weder dumm noch klug, noch entscheidet es irgendetwas, das sind schlichtweg Begriffe, die auf dieses Gerät nicht anwendbar sind. Eine Mausefalle ist auch nicht klug, nur weil sie genau dann zuschnappt, wenn die Maus den Käse frisst. Die sogenannte Künstliche Intelligenz ist zwar durch menschliches Denken intelligent gemacht, aber sie denkt nicht selbst.»16

Ein böses Erwachen

Es ist nicht zu verkennen: Über alle Erdteile hinweg wurde die «schöne neue Welt» der Medien freudig begrüßt und dauerhaft in den Alltag integriert. Ein Leben ohne die unerschöpfliche Fülle der abrufbaren Informationen, der Spiel- und Unterhaltungsmöglichkeiten, aber auch der Gesprächsforen in den Social Media, konnten sich die meisten schon bald nicht mehr vorstellen. Dazu kamen zahllose Annehmlichkeiten, wie z.B. sich von dem Universalgerät Smartphone navigieren zu lassen, Schnappschüsse oder Videos sofort an Freunde und Verwandte zu schicken, statt Fahrkarten und Kreditkarten einfach das Handy vorzuzeigen – das und vieles mehr trug und trägt dazu bei, das Publikum bei Laune zu halten.

Zwar gab es im Laufe der Jahre immer wieder einzelne Wissenschaftler, Pädagogen, Ärzte und engagierte Gruppen, die mit guten Gründen vor gefährlichen Fehlentwicklungen warnten. Doch sie wurden in der Regel als weltfremde Spinner abgetan, als Fortschrittsbremser und Technikfeinde diffamiert oder als naive Gesundheitsapostel verspottet. Wenn hingegen deren Argumente in den sozialen Netzwerken anfingen Gehör zu finden, dann wussten große Konzerne ihre Interessen zu schützen, indem sie die öffentliche Meinungsbildung auf vielerlei Weise manipulierten und die Kritiker damit niederbügelten – und schon war die hochglanzpolierte Oberfläche der schönen neuen Welt wieder hergestellt.

Dieser Zustand währte viele Jahre lang. Das Blatt begann sich erst zu wenden, als der Amerikaner Edward Snowden, ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter, nach seiner Flucht nach Hongkong im Sommer 2013 hochgeheime Dokumente des US-Geheimdienstes NSA veröffentlichte, zu denen er als IT-Mitarbeiter in einem NSA-Büro auf Hawaii Zugang gehabt hatte. Daraus erfuhr die Öffentlichkeit erstmals von den amerikanischen und britischen Geheimdienstprogrammen zur Überwachung der gesamten weltweiten Internetkommunikation. Das Ausmaß der Spionagepraktiken, das Snowden mit reichem Datenmaterial belegen konnte, war für die Öffentlichkeit schockierend. Gleichwohl blieben die Reaktionen der internationalen Politik außer in Deutschland sehr verhalten.

Und doch: Das Misstrauen war geweckt, der wunde Punkt erkannt, und so versprachen die Konzerne Google, Microsoft und Apple neue Verschlüsselungstechniken, um die Daten ihrer Kunden besser zu schützen. Das aber war ein scheinheiliges Manöver, um von der eigenen Spionage abzulenken. Denn diese drei digitalen Großkonzerne verdienen ihr Geld – wie viele andere Firmen auch – mit Werbung. Genauer gesagt: mit personalisierter Werbung, die auf den einzelnen Kunden und seine speziellen Bedürfnisse abgestimmt ist. Dazu brauchen die Konzerne jede Menge Daten zum Kaufverhalten etc., und die holen sie sich vom Smartphone des Nutzers, ohne dass er es merkt.

Überwachungskapitalismus und Enteignung der Menschenrechte

Wie das in der Praxis konkret abläuft, demonstrierte die Süddeutsche Zeitung (SZ) 2019 durch ein kleines Experiment: Eine Münchnerin (Tarnname: Maria Brandl) erlaubte dem Team der SZ, einen Tag lang den Datenverkehr ihres ganz normalen Smartphones mitzulesen, zu speichern und zu analysieren. Beobachtet wurde vor allem, wie viele Informationen von dem Smartphone ständig an Empfänger im Hintergrund abflossen und an welche und wie diese Informationen zu Geld gemacht wurden. Hier zwei Beispiele aus dem Bericht:17

«In der App von Tchibo sieht Maria Brandl sich Campingzubehör an. Von diesem Interesse erfährt in diesem Moment aber nicht nur Tchibo. Die Information geht auch an Google. (…) In der Datenindustrie heißt dieser Vorgang ‹third party tracking›, Dritte verfolgen, was Menschen online so treiben. In diesem Falle ist dies der kalifornische Konzern. Er betreibt den Analysedienst Google Analytics. Millionen Websites und Apps integrieren diesen Dienst. Er ermöglicht es ihnen, nachzuvollziehen, worauf ein Nutzer klickt, wie lange er in der Anwendung bleibt, und vieles mehr. (…) Auch Adjust, ein Berliner Unternehmen, erfährt von Brandls Camping-Vorlieben. Dabei bleibt es nicht. Adjust und Google erhalten zudem eine Nummer, die die Münchnerin eindeutig identifiziert, vergleichbar mit einer Steuernummer. Die Analyse des Datenverkehrs von Maria Brandls Smartphone ergab, dass die meisten ihrer Apps diese Nummer auslesen und übertragen.»

Maria Brandl sieht sich in einem Onlineshop für Naturkosmetik um, klickt auf ein Shampoo. Ihre Bewegungen auf der Seite werden im Hintergrund beobachtet – von Facebook, Google und einem Dienst namens Hotjar. Hotjar kann aufzeichnen, wie sie sich auf der Website verhält, worauf sie tippt, sogar welche Bewegungen ihr Finger auf dem Bildschirm macht. Der Betreiber des Onlineshops kann dann eine Art Video ansehen, wie sich seine Kunden durch den digitalen Laden bewegen. Die Kunden erfahren davon nichts.

Die SZ zitierte dazu die ehemalige Harvard-Professorin Shoshana Zuboff. Sie prägte für dieses Geschäftsmodell den Begriff des «Überwachungskapitalismus», der einer «parasitären ökonomischen Logik» folge und zu einer «Enteignung kritischer Menschenrechte» führe. Die SZ gab abschließend zu bedenken: «Das Problem ist nur: Dieses System hat den Alltag von Millionen Menschen durchdrungen, weil seine Dienste das Leben leichter machen.» Wie sich das Problem lösen ließe, dazu schwieg der Berichterstatter.

Internetnutzer in der Skinner-Box

Das Geschäftsmodell der Firma Facebook erwies sich auch noch in einer anderen Hinsicht als ethisch fragwürdig, um nicht zu sagen: verwerflich. Sean Parker, Gründungspräsident der Firma, Start-up-Investor und enger Berater von Mark Zuckerberg in der Anfangszeit, erklärte im November 2017:

«Die Motivation bei der Entwicklung der frühen Applikationen – und Facebook war die erste – war: Wie können wir so viel Zeit und Aufmerksamkeit der Nutzer wie möglich bekommen. Das bedeutete, dass wir einen regelmäßigen Dopaminausstoß triggern mussten, weil jemand ein Bild oder Post likte oder kommentierte. Das führte dazu, dass mehr Leute mehr Content lieferten, die wiederum mehr Likes und Kommentare erzeugten. Facebook ist eine soziale Bestätigungsmaschine, genau die Sache, die ein Hacker wie ich entwerfen würde, weil es sich die Verletzlichkeit der menschlichen Psyche zunutze macht. Die Erfinder – ich, Mark Zuckerberg und Kevin Systrom bei Instagram – haben das verstanden. Und wir haben es trotzdem gemacht. (…) Nur Gott weiß, was es mit den Gehirnen unserer Kinder anrichtet.»18

Einen Monat später bekannte Chamath Palihapitiya, der ab 2007 verantwortlicher Manager für das Nutzerwachstum des sozialen Netzwerks war, dass er durch seine Beteiligung «unendliche Schuld» auf sich geladen habe. Er warf Facebook vor, das menschliche Verlangen nach Feedback und Bestätigung auszubeuten. Die durch die eingebauten «Likes» erzeugte Dopaminausschüttung im Gehirn bringe die Nutzer dazu, immer wieder und wieder diese Bestätigung zu suchen und dabei den Bezug zur Realität zu verlieren. Das Funktionieren der Gesellschaft werde zerstört, denn durch die Pseudo-Interaktion auf die geposteten Inhalte finde kein ziviler Diskurs und keine Kooperation mehr statt; stattdessen dominierten Falschinformation und Unwahrheiten. «Wenn du das Biest fütterst, wird es dich zerstören.» Er habe seinen Kindern verboten, «diesen Scheiß» zu benutzen.19

Es hätte dieser freimütigen Selbstbezichtigungen nicht bedurft, um schon längst zu wissen, dass alle privaten Anbieter im Medienbereich wegen der unverzichtbaren Werbeeinnahmen existenziell darauf angewiesen sind, mit ihren Angeboten den Nutzer möglichst lange am Bildschirm festzuhalten, und dass sie dafür alle erdenklichen Tricks einsetzen. Solange zwischen Nutzer und Bildschirm keine Interaktion möglich war, kam es auf die Musik und starke Bildeindrücke an, z.B. durch Aggression und Sex. Sobald aber die fortgeschrittene Computertechnik die Interaktion möglich machte, konnten die Produzenten weit wirksamere Mittel einsetzen, um den Nutzer an sich zu binden. Eines davon sind die oben angedeuteten Feedback-Schleifen, die das dopamingesteuerte «Belohnungssystem» im Gehirn stimulieren. Der bei ehrlicher Selbstbeobachtung schon früher spürbare Sog des Bildschirms, dem man nur schwer widersteht, wurde dadurch auf eine neue Stufe gehoben, die tief in die Physiologie des Gehirns eingreift und nichts Geringeres darstellt als eine Konditionierung zur Sucht, ohne dass der Nutzer dazu sein Einverständnis gegeben hätte. Absichtliche Förderung einer Sucht bedeutet aber de facto Freiheitsberaubung, und sie ist umso heimtückischer, als der Nutzer sich dessen gar nicht bewusst ist, sondern sich im Gegenteil für völlig frei und unbeeinflusst hält.

Während des Siegeszugs der elektronischen Medien nach 1945 wurde deren Suchtpotenzial vehement bestritten und als Panikmache gebrandmarkt. Nach der Jahrtausendwende indessen waren die aufkommenden Suchtphänomene nicht mehr zu leugnen, und ab etwa 2015 richtete auch das Bundesministerium für Gesundheit seinen Fokus darauf. In seinem Bericht hieß es damals noch vorsichtig: «Viele Jugendliche und Erwachsene zeigen bereits heute Anzeichen einer Medienabhängigkeit. Computerspielsucht oder Internetabhängigkeiten werden zunehmend thematisiert.»20 Zwei Jahre später lautete der Bericht:

«Die Zahlen internetabhängiger Jugendlicher und junger Erwachsener steigen rasant – mittlerweile gehen Experten von etwa 600.000 Internetabhängigen und 2,5 Millionen problematischen Nutzern in Deutschland aus.»21

Gleichzeitig ergab eine Online-Studie von ARD und ZDF, dass in Deutschland 90 Prozent der Gesamtbevölkerung täglich das Internet nutzen, wobei die Altersgruppe 12 bis 25 Jahre im Schnitt pro Woche 22 Stunden online unterwegs sei.22 2018 wurde die Computerspielsucht von der Weltgesundheitsorganisation WHO in die Internationale Klassifikation der Krankheiten (ICD) aufgenommen. 2019 folgte die Online-Spielsucht, mit weiteren Einträgen ist zu rechnen.

Allerdings ist es nicht so, dass sich die Öffentlichkeit von solchen Nachrichten sonderlich beeindruckt gezeigt hätte. Unbehelligt von Protesten pries beispielsweise im Silicon Valley das Startup Dopamine Labs noch Ende 2017 seine neue Software an mit dem Satz: «Macht Ihre App noch suchterzeugender.»23 Das Produkt war nach B. F. Skinner benannt, jenem berühmten Forscher, dem es gelungen war, in einem speziellen Käfig (genannt Skinner-Box) Ratten durch Futterbelohnung zu einem bestimmten Verhalten zu konditionieren. – Menschen wie Ratten ködern und dressieren, um sie dann auszubeuten? Drastischer hätte der Hohn auf jegliche Humanität kaum mehr ausfallen können.

Dieses Menschenbild erinnert fatal an den Zukunftsroman Brave New World, in welchem Aldous Huxley 1932 eine durch und durch konditionierte Gesellschaft beschrieb, in der es im Jahre 2540 n. Chr. kein kritisches Denken und keine Entscheidungsfreiheit mehr gibt. Sind wir im 21. Jahrhundert mit unserer «schönen neuen Welt» schon auf dem Wege dorthin?

Milliarden Menschen in den Fängen der Suchtmaschinen

Adam Alter, seines Zeichens Professor für Marketing an der Stern School of Business der New York University, ist in den USA als Bestsellerautor bekannt. Er hat 2017 ein Buch herausgebracht (2018 auf Deutsch erschienen), das nüchtern und schonungslos die Situation beleuchtet, in die sich die moderne Menschheit manövriert hat. Aus seinen aufschlussreichen Recherchen in den USA sollen hier einige Passagen wiedergegeben werden, in denen u.a. auch führende Köpfe des Silicon Valley zu Wort kommen:

«Walter Isaacson, der während der Recherchen zu seiner Steve-Jobs-Biografie oft mit Jobs’ Familie zu Abend saß, verriet Bilton: ‹Ich habe die Kinder nie mit einem iPad oder einem Computer gesehen. Sie wirkten von technischen Geräten jeder Art ganz und gar unbeeindruckt.› Es schien so, als würden die Menschen, die Hightech-Produkte herstellen, die Grundregel aller Drogendealer beherzigen: Never get high on your own supply (so Michelle Pfeiffer in Scarface – Nimm nie selbst die Drogen, die du verkaufst.) (…) Viele Experten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Hightech-Welt, haben ähnliche Entscheidungen getroffen. Mehrere Spieledesigner erzählten mir, sie würden das extrem schnell süchtig machende Online-Spiel World of Warcraft tunlichst vermeiden. (S. 10)

Greg Hochmuth, einer der Instagram-Gründer, begriff schnell, dass er eine Suchtmaschine baute. ‹Immer findet man einen weiteren Hashtag, auf den man klicken könnte›, sagte Hochmuth. ‹Und dann entwickelt sich wie bei einem Organismus ein hashtaggetriebenes Eigenleben, das Menschen obsessiv macht.› Instagram ist, wie so viele Social-Media-Plattformen, bodenlos. Die Timeline von Facebook ist endlos; Netflix startet die nächste Folge einer Serie automatisch; Tinder ermutigt seine Nutzer, auf der Suche nach immer besseren Partner-Optionen weiterzuklicken. Nutzer profitieren zwar von diesen Apps und Websites, tun sich aber schwer damit, sie nur in Maßen zu benutzen. Der ‹Design-Ethiker› Tristan Harris glaubt, dies liege nicht an mangelnder Willenskraft, doch kämpfe man gegen ‹ein ganzes Heer auf der anderen Seite des Bildschirms, dessen Job einzig darin besteht, jegliche Selbstdisziplin zu unterminieren›. (S. 11)

Die Leute, die Hightech-Geräte, Computerspiele und interaktive Erlebnisse entwickeln und verfeinern, sind sehr gut in dem, was sie tun. Sie führen Tausende Tests mit Millionen von Nutzern durch, nur um herauszufinden, welche Feinjustierungen gut funktionieren und welche nicht – welche Hintergrundfarben, Schrifttypen und Töne maximale Hingabe bei minimaler Frustration versprechen. Wird eine solche Erfahrung immer weiterentwickelt, entsteht schließlich eine unwiderstehliche, hochexplosive Version jener Erfahrung, die sie einst war. 2004 war Facebook Spaß, 2016 ist das Netzwerk eine Droge. (S. 13)

Die meisten Menschen verbringen zwischen einer und vier Stunden täglich an ihrem Smartphone – doch viele weitaus mehr Zeit. Es handelt sich hier also nicht um das Problem einer Minderheit. (…) Sie verbringen im Schnitt ein Viertel ihrer Wachzeit mit ihren Telefonen – so viel wie sonst mit keiner der täglichen Routinen, Schlafen einmal ausgenommen. Jeden Monat gehen fast hundert Stunden für E-Mails-Checken, SMS-Schreiben, Spiele-Spielen, im Internet surfen, das Lesen von Nachrichten, Überprüfen von Bankkonten und so weiter verloren. Bei durchschnittlicher Lebenserwartung addiert sich dies auf niederschmetternde elf Jahre. Im Schnitt nahmen sie ihr Telefon etwa dreimal pro Stunde in die Hand. Diese Form der extremen Nutzung ist so verbreitet, dass Forscher den Begriff der ‹Nomophobie› geprägt haben: der Angst, ohne Mobiltelefon dazustehen (nach der Abkürzung für no-mobilephobia). Smartphones stehlen unsere Zeit, und schon ihre reine Gegenwart ist schädlich.» (S. 22f.)

Was ist der Preis, den ich zu zahlen habe?

Das sind erschreckende Fakten, die uns erkennen lassen: Wir sind offenbar nicht klüger geworden, als es die Trojaner vor drei Jahrtausenden waren, die alle Warnungen in den Wind schlugen und siegesberauscht das verderbenbringende hölzerne Pferd in ihre Stadt zogen. Auch bei uns fehlte es nicht an ernst zu nehmenden Warnungen, und doch wurde die «schöne neue Welt» der Medien gefeiert und bedenkenlos in den privaten Alltag aufgenommen. Anders als in Troja tötet sie nicht, bedroht aber die seelische Gesundheit von Millionen Menschen und könnte sogar, wie es der Facebook-Manager Chamath Palihapitiya schon andeutete, den Zusammenhalt unserer Gesellschaft zerstören.

Was in der Antike das Trojanische Pferd symbolisierte, nämlich das tragische Verkennen einer tödlichen Gefahr, das wurde Jahrtausende später zum Eingangsmotiv einer Dichtung, die uns Heutigen geradezu auf den Leib geschrieben zu sein scheint. Auch in diesem Werk hängt das Wohl oder Wehe des Menschen von dem rechtzeitigen Erkennen oder Verkennen der feindlichen Macht ab. Die Rede ist von Goethes Faust, dem Menschheitsdrama der Neuzeit schlechthin. Mephisto versucht dort, Faust zu ködern mit dem untertänigsten Angebot, ihm auf der Stelle jede erdenkliche Annehmlichkeit, jedes ersehnte Abenteuer und jedes irdische Glück herbeizuschaffen. Faust aber, obwohl noch ein Bürger des Mittelalters, bekreuzigt sich nicht gegen den Versucher und lehnt einfach ab, sondern stellt die entscheidende Frage, die auch der Mensch des 20. Jahrhunderts unbedingt hätte stellen müssen: Was ist der Preis, den ich dafür zu zahlen habe?

Mephisto vermeidet eine klare Antwort und versucht den Anschein zu erwecken, dass alles kostenlos sei, trifft aber bei Faust auf einen erfahrenen Forscher, der hinter dem sinnlichen Schein der Gestalt, die vor ihm steht, dessen übersinnliche Realität erkennt. Auf sein Drängen muss Mephisto zugeben, dass doch ein Preis zu zahlen ist: Er verlangt Fausts Seele nach dem Tode. Das unvergängliche Selbst des freien Menschen soll also eingetauscht werden gegen flüchtige irdische Genüsse.

Hochbedeutsam ist nun die Tatsache, dass Faust nicht bereit ist, diesen Preis zu zahlen, gleichwohl aber nicht auf Mephistos Dienste verzichten möchte. Entgegen der mittelalterlichen Tradition wählt er daher einen völlig neuen, unerhörten Weg: Er schließt keinen Vertrag mit Mephisto, sondern eine Wette, deren Ausgang bis zum Tode offenbleibt. Und worum wird gewettet? Um die Fähigkeit des Menschen, ständig in Entwicklung zu sein, immer wieder neue Schritte zu höheren Zielen zu gehen, ohne sich auf dem Erreichten auszuruhen. Faust geht also dem Bösen nicht aus dem Wege, sondern lässt sich auf ein lebenslanges Ringen mit ihm ein, bei dem er sein Menschsein nur dadurch retten kann, dass er sich selbst ständig weiterentwickelt.

Darin dürfte der entscheidende Wink liegen für den modernen Menschen, der mit den Gegenmächten zu ringen hat. Denn es geht nicht um Technikfeindlichkeit, sondern um die begründete Sorge, dass uns die Autonomie und die Freiheit des Individuums abhandenkommen. Die entscheidende Frage lautet: Sind wir noch Herr über das von uns selbst geschaffene digitale Reich? Oder ergeht es uns wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er rief, nicht zu beherrschen weiß und in die Katastrophe stolpert? Wo soll der «alte Meister», der in Goethes Gedicht in höchster Not die Rettung bringt, heute zu finden sein, falls die Träume vom Achten Schöpfungstag platzen?

3. Die unauflösliche Ambivalenz digitaler Medien

Die höchst fragwürdigen Geschäftspraktiken der Medienkonzerne, von denen im vorigen Kapitel berichtet wurde, hätten noch vor wenigen Jahrzehnten als schlechthin unannehmbar gegolten, ja als Gräuelmärchen. Heute sind sie Wirklichkeit geworden, ohne dass ein Entrüstungssturm ausgebrochen wäre, der dem Treiben Einhalt geboten hätte. Obwohl die Tatsachen allgemein bekannt sind, reagieren die meisten darauf noch immer mit einem Schulterzucken. Wie kann es sein, dass eine sonst so protestfreudige Bevölkerung das eigentlich Unannehmbare lethargisch in Kauf nimmt statt dagegen vorzugehen?

Verbal wird wohl niemand die Auswüchse des skrupellosen Gewinnstrebens der Medienkonzerne gutheißen, und doch ist kein ernsthafter Widerstand in Sicht, weil das System den Alltag der Menschen bereits voll durchdrungen hat, sprich: niemand möchte auf die Leistungen seiner Hightech-Geräte verzichten, auf all den Komfort und Service, der so selbstverständlich geworden ist wie die Waschmaschine und das Auto. Wie also soll man sich verhalten?

Die Begeisterung für die «schöne neue Welt» der Medien ist einem eher zwiespältigen Gefühl gewichen. Man möchte nicht von ihr lassen, sieht sich aber genötigt, sich dafür zu rechtfertigen. In dieser verfahrenen Situation bietet sich der Ausweg an, dialektisch die Gegenfrage zu stellen, ob die Bedrohung überhaupt existiert. Das Argument lautet dann etwa so: Sind die Medien wirklich schlecht? Liegt die eigentliche Gefahr vielleicht gar nicht bei den Medien selbst, sondern bei den Menschen, die mit ihnen nicht sachgerecht umzugehen wissen? Wird die Gefahr nicht unmäßig aufgebauscht?

Wer so argumentiert, erhält dann auch noch Schützenhilfe von angeblichen Experten, die der Öffentlichkeit und vor allem den besorgten Eltern kleiner Kinder predigen, die Medien seien weder gut noch schlecht, sondern ein ganz neutrales Instrument wie andere technische Geräte auch, man müsse nur vernünftig mit ihnen umgehen. Diese These wirkt auf verunsicherte Zeitgenossen ungemein beruhigend, weil sie suggeriert, dass die von den Medien ausgehenden Gefahren, wenn es sie denn gibt, grundsätzlich beherrschbar sind und folglich kein Anlass besteht, sich einzuschränken oder gar radikale Änderungen zu fordern. Don’t worry, be happy, denkt sich da mancher und geht zur Tagesordnung über. Dass die meisten «Experten» in Wirklichkeit im Sinne oder sogar im Auftrag der Medienkonzerne handeln, trifft auf taube Ohren.

Der gutgläubige Nutzer wird zum «Nutzvieh»

Für Digitalkonzerne wie Facebook und Google, YouTube und Instagram könnte es keine bessere Tarnkappe geben als die These von der Neutralität der Medien. Sie verhindert, dass man ihnen in die Karten schaut und erkennt, wie der gutgläubige Nutzer zum Nutzvieh gemacht wird, aus dem man Gewinn ziehen kann.

Von früheren Medien wie Schallplattenspieler, Telefon oder Filmprojektor konnte man noch mit einem gewissen Recht sagen, sie seien neutrale Vermittler von Inhalten. Beim Fernsehen traf das wegen der unbemerkt bleibenden physiologischen Wirkungen auf den Organismus des Betrachters24 schon nur noch bedingt zu, von der Gestaltung der Inhalte ganz abgesehen. Spätestens aber seit der Einführung digitalisierter Medien kann von Neutralität keine Rede mehr sein. Um das zu illustrieren, füge ich hier einen Ausschnitt aus einem bemerkenswerten Interview ein, das die Süddeutsche Zeitung (SZ) 2019 mit dem «Digitalaktivisten» Aral Balkan führte, der mit seiner Organisation «Small Technology Foundation» gegen das kommerziell geprägte Internet und seine Überwachungstechnik kämpft.25

«Aral Balkan: Wenn Sie früher eine Zeitung lasen, las die Zeitung nicht auch Sie. Wenn Sie fernsahen, sah der Fernseher nicht auch Sie. Das Internet hat das verändert. Wenn Sie heute auf YouTube ein Video anschauen, beobachtet YouTube Sie. Überwachung ist das Herz des Geschäftsmodells. Ich nenne es ‹people farming›.

SZ: Das klingt nach Landwirtschaft. Was verstehen Sie darunter?

Aral Balkan: Es ist wie in landwirtschaftlichen Betrieben, nur für Menschen. Wir sind das Nutzvieh, wir werden bewirtschaftet. Google und Facebook beackern uns und extrahieren Informationen aus uns, während wir uns mit ihren funkelnden Spielzeugen beschäftigen. Diese Unternehmen überwachen alles, was Sie im Netz tun. Wenn Sie eine Webseite besuchen, die einen Like-Button von Facebook eingebaut hat, trackt Facebook Ihr Verhalten. Wenn irgendetwas von Google – etwa ein YouTube-Video – in eine Website eingebaut ist, trackt Google Sie damit. Auch dank seines Analytic-Programms, das viele Webseiten verwenden, hat Google 70 bis 80 Prozent des Webs im Blick. Die Tech-Konzerne kombinieren diese Daten mit anderen, zum Beispiel denen von Datenbrokern, die jedes Mal Informationen bekommen, wenn Sie Ihre Kreditkarte in der Apotheke an der Ecke benutzen. Und bald kommen noch Daten aus der ‹smarten Stadt› hinzu. Auch da hängt Google mit drin.

SZ: Was machen die Unternehmen mit den so erstellten Profilen der Menschen?

Aral Balkan: Sie wollen eine Simulation unseres Selbst besitzen, einen digitalen Zwilling von jedem. So ein Profil ist nicht statisch. Es verändert sich ständig, wird dauernd von Algorithmen analysiert. Damit verdienen die Unternehmen das Geld. Den Zugang dazu vermieten sie an ihre echten Kunden. Denn vergessen Sie nicht, dass Sie nicht deren ‹Kunde› sind. Sie sind deren ‹User›. Die einzige andere Branche, in der das Wort [user RP] im Englischen noch verwendet wird, ist die des Drogenhandels.

SZ: Aber die Apps sind äußerst beliebt, Millionen Menschen benutzen sie freiwillig.

Aral Balkan: Das liegt daran, dass wir Programmierer keine Werkzeuge bauen, sondern Fallen. Die Produkte machen süchtig. Denn nur wenn die Menschen sie ständig nutzen, fallen weiter Daten an, die abgebaut werden können. Google muss hart dafür arbeiten, dass YouTube-Zuschauer nicht merken, dass YouTube zurückschaut. Sie müssen jedes Mal zwei Produkte bauen: Eines, das Menschen jeden Tag nutzen, sie vielleicht sogar süchtig macht. Und eines, das Menschen überwacht, wofür das Unternehmen seine Kunden zahlen lässt.»

Wer die zitierten Ausführungen von Aral Balkan verallgemeinert, könnte zu dem Schluss kommen, digitale Medien seien grundsätzlich kein neutrales Werkzeug, sondern Suchtfallen, die den Nutzer ungewollt zum Datenlieferanten degradieren. In dieser Allgemeingültigkeit jedoch trifft die These nicht die volle Wirklichkeit und wäre auch nicht im Sinne von Aral Balkan, denn sein antizyklisches Bemühen gilt ja dem Ziel, Programme zu kreieren, die dem Nutzer einen Service bieten, ohne ihn seiner Menschenrechte zu berauben. Die Wurzel des Problems sieht er in der Kommerzialisierung des Internets, die eine kaum beherrschbare Eigendynamik entfaltet und folgerichtig zur Ausbeutung der Nutzer führt. Er schließt damit nicht aus, dass es auch Möglichkeiten geben kann, die Technik in einer menschenwürdigen, positiven Weise zu entwickeln. Inwieweit das gelingt, ist eine offene Frage. Immerhin aber sind positive Anwendungen möglich, wie sich schon beim Fernsehen andeutete. Auch beim Smartphone ist das zu beobachten.

Die lichte Seite des Smartphones: Werkzeug weltweiter Protestkultur

Noch nie hat sich der Mensch mit einem elektronischen Medium so rund um die Uhr und vor allem so hautnah verbunden wie mit dem Smartphone. Etwas wie eine Symbiose ist entstanden: Wird das Haus verlassen, steckt das schmeichelnd glatte, allzeit dienstbereite Gerät in irgendeiner Hosen- oder Westentasche bzw. bei den Damen in der Handtasche, und es wird unterwegs bei jeder sich bietenden Gelegenheit gezückt. Nach Hause zurückgekehrt, legt man es keineswegs beiseite, sondern hält es immer griffbereit, und sogar auf manchem Nachttisch findet es seinen Platz.

Bei einer so engen Bindung ist es verständlich, dass dieses Gerät hartnäckig gegen jegliche Kritik verteidigt wird. Ein ganzes Arsenal von Argumenten wird aufgefahren, um zu beweisen, dass das Smartphone ein überaus nützliches, ja sogar unentbehrliches Instrument ist. Und in der Tat, das ist es – vor allem in den Fällen, in denen man auf die Hilfe anderer angewiesen ist. Manch ein im Hochgebirge verunglückter oder verirrter Kletterer oder Wanderer verdankte schon sein Leben der Tatsache, dass er in der Not die Bergwacht oder andere Retter herbeirufen konnte. Ebenso hilfreich ist das Gerät bei schweren Unfällen im Straßenverkehr, bei der Suche nach Vermissten, bei drohenden Naturkatastrophen usw.

Seine Feuerprobe aber hat das Smartphone auf einer ganz anderen, übergeordneten Ebene des menschlichen Zusammenlebens erfahren, nämlich im Bereich der Politik. In den letzten Jahren und ganz besonders 2019 gingen weltweit Massen von Menschen auf die Straße, um gegen unerträgliche Zustände zu protestieren: gegen den Klimawandel, gegen korrupte Regierungen, gegen Wahlfälschung, Aushöhlung der Demokratie, soziale Ungleichheit, extreme Preiserhöhungen und wirtschaftliche Not. Ein wichtiger Faktor war dabei der steigende Anteil junger Menschen, denn sie nutzen die neuen Formen der Kommunikation. Durch die sozialen Medien haben sie die Möglichkeit, in Sekundenschnelle Millionen von Menschen zu erreichen, und das hat das Tempo der Protestbewegungen wie ein Brandsatz beschleunigt. Was früher undenkbar gewesen wäre, trat ein; innerhalb von Stunden konnten sie ganze Länder in den Ausnahmezustand stürzen. Besonders eindrücklich zeigte sich das in dem monatelangen Kampf der Bevölkerung in Hongkong. Dazu hier ein Auszug aus einem Zeitungsbericht vom Ende des Jahres 2019:

«In Hongkong trotzen die Menschen seit Monaten dem massiven Polizeieinsatz. Die Aktivisten, die mehr Freiheit und Demokratie in der chinesischen Sonderverwaltungszone fordern, tauchen meist in einem Stadtviertel auf, blockieren die Straßen und verschwinden, wenn die Polizei zugreift. Sei wie Wasser, sagen die Demonstranten. Dabei folgen sie vor allem einem Strom: dem der Daten. Während die Behörden bei Protestmärschen regelmäßig den U-Bahn-Verkehr lahmlegen, organisieren sich die Demonstranten im Netz. Ihr wichtigstes Werkzeug: das Smartphone.

Ihr langer Atem, ihre Widerstandskraft gegen die Wut Pekings erklären sich zum großen Teil durch die neuen technologischen Möglichkeiten. Da politischen Anführern Verhaftung und Verfolgung drohen, ist die Bewegung gesichtslos. Strategieentscheidungen werden nicht in Versammlungen getroffen, sondern anonym und von Hunderttausenden im Netz. Dafür organisieren sie sich in Chatgruppen auf dem verschlüsselten Messenger Telegram und in Diskussionsforen wie LIHGK. (…) Sie setzen Verschlüsselungssoftware gegen die Ausspähung im Netz ein, Regenschirme und Masken gegen die Kameras auf der Straße. Um Zensur zu verhindern, hat die Bewegung Airdrop genutzt, eine Apple-Technologie zum drahtlosen Übertragen von Daten. Da bei Massenveranstaltungen das Netz häufig zusammenbricht, kommunizieren die Demonstranten über diese Funktion, die keine Netzverbindung braucht.»26

Auch wenn dieser Bericht rückblickend, im Abstand von einem Jahr, eine bittere Note bekommen hat, da die chinesische Zentralregierung mittlerweile die Freiheitsbestrebungen der Hongkonger Aktivisten weitgehend niedergeschlagen hat und die ehemalige britische Kolonie mehr und mehr in das totale chinesische Überwachungssystem zwingt, dürfen wir im Blick auf solche Protestbewegungen dennoch allgemein feststellen: Das Smartphone kann ein hochwirksames Werkzeug sein für den Kampf ganzer Völker gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit, gegen Machtmissbrauch und Korruption und für die Rechte des Individuums. Die 1789 erstmals propagierten allgemeinen Menschenrechte Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit wurden mit seiner Hilfe zum leuchtenden Stern einer wieder erwachenden allgemein-menschheitlichen Bewegung. Neu hinzugekommen ist durch den weltweiten Jugendprotest Fridays for Future die Forderung, den Klimawandel zu stoppen und für den Erhalt unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu sorgen, oder anders gewendet, die zerstörerische Kraft des wirtschaftlichen Egoismus zu überwinden. Ein geradezu idealischer Zug wehte – und weht – durch die Proteste, befeuert durch ein kleines elektronisches Gerät, mit dem der Einzelne seine Stimme in den Chor Hunderttausender einbringen kann und so seine Ohnmacht überwindet.

Die dunkle Seite des Smartphones: Das Ich im elektronischen Kokon

Bedenkt man die in Kapitel 2 ausgeführten Machenschaften der Geheimdienste und der großen Digitalkonzerne, die im Hintergrund ihren fragwürdigen Zwecken nachgehen, so könnte der Kontrast kaum größer sein zu den soeben angedeuteten positiven Möglichkeiten des Smartphones. Das bedrängende Problem dabei ist, dass der Mensch, indem er die lichte Seite des Smartphones für sich nutzt, sich zugleich auch der dunklen Seite aussetzt. Er kann nicht das eine ohne das andere haben, es sei denn, er würde konsequent das Smartphone ausschließlich zur Telekommunikation benutzen und auf den Komfort aller anderen Anwendungsmöglichkeiten verzichten. Aber warum sollte er das? Die positive Kraft des Instruments wird so stark erlebt, dass sie die negative Seite überdeckt, als sei sie nicht vorhanden. Und selbst wenn jemand den Verzicht tatsächlich realisieren wollte, wird er es bald nicht mehr können, denn das Smartphone ist schon jetzt auf dem besten Wege, nach und nach zum alleinigen Bestell- und Zahlungsmittel und zum alleinigen Verkehrsmedium mit Ämtern und öffentlichen Einrichtungen zu werden, sodass die traditionellen Wege vermutlich in absehbarer Zeit verschlossen sein werden.

Wie stark das Smartphone den Nutzer beeinflusst, selbst wenn er mit ganz anderem beschäftigt ist und das Gerät nur in seiner Nähe hat, beweist ein interessantes Experiment:27

«Schon allein die Präsenz eines Smartphones reduziert die Fähigkeiten zu denken und sich zu konzentrieren. Das haben Forscher an der University of Texas in Austin in einem Experiment herausgefunden. Die Wissenschaftler baten Testpersonen, an einer Reihe von computerbasierten Tests teilzunehmen, für die sie ihre volle Konzentration benötigten. Die Tests, so wurde es ihnen erklärt, dienten dazu, die Fähigkeiten des Hirns zu messen, sich Daten zu merken und sie zu verarbeiten. Per Zufallsauswahl wurden die Versuchspersonen dabei gebeten, ihr Smartphone mit dem Display nach unten auf den Tisch zu legen, in ihre Tasche zu stecken oder in einem anderen Raum abzulegen. Alle mussten das Telefon stumm schalten und Vibrationen abschalten. Das Ergebnis zeigt, dass die Personen, deren Handy in einem anderen Raum lag, signifikant besser bei den kognitiven Tests abschnitten als diejenigen, die ihr Smartphone auf dem Tisch liegen hatten, und auch etwas besser als diejenigen, die es in ihrer Tasche hatten.»28

Das Sphinx-Rätsel der Gegenwart

Das beunruhigende Ergebnis des Experiments deutet auf ein subtiles Suchtphänomen hin, von dem der Nutzer keinerlei Wahrnehmung hat, weil es unterhalb der Bewusstseinsschwelle bleibt. Das wirft die Frage auf: Wie ist es möglich, dass ein so geniales Instrument wie das Smartphone sehr wohl die menschliche Freiheit und Unabhängigkeit stärken und idealen Zwecken dienen kann, dasselbe Instrument aber allein schon durch seine Gegenwart auch das Gegenteil fördert, indem es den Menschen in seiner kognitiven Leistung schwächt, ihn von sich abhängig macht und somit in die Unfreiheit führt?

Immer mehr verdichtet sich das Rätsel, auf das wir in den vorangegangenen Abschnitten schon stießen: Digitale Technik, so konnten wir feststellen, führt nicht zwangsläufig zu negativen Effekten, sondern bietet auch bemerkenswerte Möglichkeiten für einen echten, uneingeschränkt positiv zu nennenden Fortschritt, für Chancen, die im wohlverstandenen Interesse der Menschheit zu nutzen wären. Man denke nur an die vielen segensreichen diagnostischen Geräte in der Medizin. Und doch erleben wir bedrängend viele Phänomene, bei denen die positiven Möglichkeiten der Technik trotz bester Absicht in ihr Gegenteil umschlagen. Woher rührt diese Ambivalenz? Und was können wir gegen sie tun?

Bei nüchterner Betrachtung müssen wir zugeben, dass wir vor einer Herausforderung stehen, der wir noch nicht gewachsen sind. Denn wie sollen wir gegensteuern, wenn wir nicht einmal die tieferen Ursachen für das Dilemma kennen?

Wir befinden uns in einer ähnlich irritierenden Lage wie die Menschen vor mehr als 2500 Jahren, die am Morgen des griechischen Zeitalters um die Lösung des Rätsels rangen, an dem ihre Zukunft hing. Ihr mythisches Bild für dieses Ringen hat seine spirituelle Wahrheit bis heute bewahrt: Auch vor uns taucht imaginativ das widersprüchliche, furchterregende Mischwesen auf, das weder Mensch noch Tier ist, sondern beides zugleich – ein Wächter an der Schwelle, der die Menschheit unerbittlich und geheimnisvoll vor eine unlösbar erscheinende Aufgabe stellt, verbunden mit dem Hinweis, dass wir sie unbedingt lösen müssen, wenn wir nicht ins Verderben rennen wollen.

Die Ohnmacht des überkommenen Denkens

Wie kommen wir der Lösung näher? Wir sollten uns vergegenwärtigen, was das Verbindende ist zwischen dem damaligen Sphinx-Rätsel und dem neuen Rätsel, das sich uns heute stellt. Damals ging es, wie in Kapitel 1 dargestellt, darum, sich von der seit Jahrtausenden gepflegten Intelligenz zu lösen, die wie selbstverständlich bestimmt war von der Verwandtschaft der eigenen Wesenheit mit dem ganzen Kosmos. Mit dem Verglimmen des alten Hellsehens, das hinter der sinnlichen Welt noch übersinnliche Kräfte und Wesenheiten wahrgenommen hatte, war diese Form der Intelligenz (die, wie wir aus der Archäologie wissen, eine gewaltige kulturschöpfende Kraft besaß) an ihr Ende gekommen. Sie musste sich verwandeln in eine ganz der Erde und dem eigenen Ich zugewandte Intelligenz abstrakter, bildloser Natur, und ebendie forderte die Sphinx mit ihrem radikalen Rätsel heraus.

Auch diese neue Intelligenz wurde kulturschaffend und legte die Grundlagen für das gesamte Abendland. Mehr als zweitausend Jahre später, am Beginn der Neuzeit, war sie an ihr Ziel gelangt und stand nun, wie Steiner es andeutet, vor einer erneuten, dieses Mal aber hochproblematischen Verwandlung: Sie entwickelt jetzt die Neigung, «nur das Falsche, den Irrtum, die Täuschung zu begreifen, und auszudenken nur das Böse».

Ebendiese beginnende Neigung springt uns aus den angesprochenen, rätselhaft ambivalenten Phänomenen der Digitaltechnik entgegen. Dabei ist zu beachten, dass Steiner vorsichtig von einer «Anlage» zum Bösewerden spricht. Es handelt sich also vorerst noch immer um die in der griechisch-römischen Epoche entwickelte Form der Intelligenz. Während der Antike und auch noch im Mittelalter war sie vor einem Abgleiten ins Negative geschützt, weil der Bezug zum Göttlichen nicht völlig verloren war und durch das ganze Mittelalter hindurch von der katholischen Kirche aufrechterhalten wurde. Die Scholastiker des Hochmittelalters trainierten ihr Denken unter dem Schirm der Kirche ausschließlich anhand theologischer Fragen und Problemstellungen, sodass sich nichts Egoistisches hineinmischen konnte.

Ihre methodisch sorgfältig abgesicherten Strukturen des diskursiven Denkens wurden von der neuzeitlichen Naturwissenschaft übernommen, jedoch losgelöst von jeglicher Religiosität. Wir bewegen uns also in gewisser Weise noch immer in der antiken Form der abstrakt-bildlosen Intelligenz, die perfekt beherrscht wird, und leise erst werden die Anzeichen des bevorstehenden Wandels zum Bösen sichtbar. Steiner formulierte das folgendermaßen:29

«Die Menschheit ist heute in diesem Übergange. Wir können sagen: Gerade noch gelingt es den Menschen, wenn sie ihre Intelligenz anstrengen und nicht in sich ganz besonders wilde Instinkte tragen, nach dem Lichte des Guten etwas hinzuschauen. Aber diese menschliche Intelligenz wird immer mehr und mehr die Neigung bekommen, das Böse auszudenken und das Böse dem Menschen einzufügen im Moralischen, das Böse in der Erkenntnis, den Irrtum. (…) Diese Intelligenz wird eine Verwandtschaft eingehen mit den Kräften des Irrtums, der Täuschung und des Bösen. Das ist etwas, worüber sich die Menschheit eigentlich keiner Illusion hingeben sollte. Die Menschheit sollte unbefangen damit rechnen, dass sie sich zu schützen hat gegen die einseitige Entwicklung der Intelligenz.»

Ob Steiner das heute auch noch so vorsichtig formulieren würde? So viel ist sicher: Allein mit unserem diskursiven Denken, dessen Struktur in den Computer eingeflossen ist, werden wir das Rätsel nicht lösen, vor dem wir heute als ganze Menschheit stehen: Wie sollen wir zurechtkommen mit einer ins Böse abgleitenden Intelligenz, die unsere gesamte Kultur und Moralität in den Abgrund stürzen könnte? Wie können wir wirksame Gegengewichte schaffen, ohne uns in ein pedantisches Moralisieren zu verrennen?

Konfrontiert mit seinen eigenen Errungenschaften, erweist sich das überkommene Denken als machtlos. Offenbar muss etwas vollkommen Neues erworben werden. Schon Albert Einstein wusste: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.»

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