Kitabı oku: «Der lange und der kurze Weg»
Rainer Zak
Der lange und der kurze Weg
-Neue erotische Utopien-
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Edition
Die Männerversteherin
Spagat
Ein Fall für Hendrik
Schwarze Schafe
Die Zelte der Cevennen
Kettenreaktion
Notquartier
Nicht sein Typ
Der lange Weg
In der Fremde zuhause
Im Trainingscamp
Desmond im Feldversuch
Der kurze Weg
Lauter Überraschungen
Reife Leistung
Laufsteg
Canossa und zurück
Fernbus
Springflut
Mann im Angebot
...und zum Letzten
Porno für Adorno
Impressum neobooks
Edition
Paradice
Band 3
Rainer Zak
Der lange und der kurze Weg
-Neue erotische Utopien-
mit Illustrationen
von
Dita Zak
Die Männerversteherin

I.
Die Autotür musste dafür büßen, dass Ilona genug vom ewigen Promi-Gefasele hatte. Sie knallte die Fahrertür ihres City-Flitzers mit zusammengekniffenen Lippen das zweite Mal ins Schloss, weil nach dem ersten Mal noch eine große Portion Unzufriedenheit übrig geblieben war.
Fast wäre noch der Saum ihres halblangen Rockes eingeklemmt worden. Sie strich ihn an Bauch und Hüfte glatt.
Vor einem Jahr war sie mit aller Entschlossenheit an der lukrativen Falle vorbeigesteuert, als eine der großen Kultzeitschriften für das Prominentenwesen sie als Chefreporterin engagieren wollte. Im Normalfall für eine Jungjournalistin wenige Jahre nach der Ausbildung unwiderstehlich.
Kollegen und Freunde waren fassungslos, als sie den Job umgehend ablehnte und sich dabei eine Begründung sparte.
Heute, in ihrem neuen Wirkungskreis, einer kleinen aber kritischen Zeitschrift, traf sie bei ihren Interviews fast täglich auf schillernde interessante Typen, die sie häufig mehrere Stunden befragte und daraus brillant formulierte Reportagen verfertigte.
Aber jetzt hatte Ilona der Horror der Yellow Press wieder eingeholt, auch wenn es sich nur um eine einzige Reportage handelte, die ihr Blatt von ihr verlangte.
‚Leben Schauspieler ihre Rollen?’ lautete die Leitfrage für ihre Arbeit und als Interviewpartner hatte ihr Chef den Schauspieler Julius Hertram ausgewählt, der in seinen letzten Filmen den Herzensbrecher gab. Er kreuzte dynamisch den Lebensweg aufstrebender Frauen, köderte sie mit dem Versprechen eines Lebens in Wohlstand und brachte sie dann zu Fall.
Julius Hertram spielte dort einen schlampigen aber wohlhabenden Mittvierziger, der seine Scheußlichkeiten eiskalt plante, zudem seine Opfer auch noch verhöhnte.
Nachdem sich Ilona ein wenig an ihrer Autotür abreagiert hatte, machte sie sich eilig auf den Weg.
„Bringen wir es hinter uns“, dachte sie bei sich, „frauenverschlingende Monster warten nicht gern.“ Für sie war das Interview insgeheim schon gelaufen.
„Also: Leben Schauspieler ihre Rollen?“
Jedenfalls dürfte es unmöglich sein, als Engel ein Monster darzustellen; das stand für sie fest.
II.
In der Gartenwirtschaft, wo sie mit ihrem Interviewpartner verabredet war, entdeckte sie unter den Sonnenschirmen niemanden, der dem Bild entsprach, das sie sich nach seinen Filmauftritten von Julius Hertram gemacht hatte.
Als sie das Areal zum zweiten Mal vergeblich durchstreifte, erhob sich etwas entfernt ein leger gekleideter Mann, etwas älter als sie, und gab ihr ein Zeichen.
„Na ja“, dachte sie, „der sieht im richtigen Leben ja viel jünger aus, zwar nicht gut aussehend aber interessant.“
Ilonas Erfahrungen mit allzu attraktiven Männern waren nicht die besten, mit deutlich älteren allerdings noch schlechter.
„Bei mir sind Sie richtig“, begrüßte er sie, „ich bin Julius Hertram.“
Nur widerstrebend gestand sie sich ein, dass sein Händedruck warm und einfühlsam war.
„Sie sind also das Monster aus ‚Gleiches mit Gleichem’?“
„Höchstpersönlich! Soll ich mal mein gemeinstes Gesicht machen?“
Darauf blinkte er ihr komplizenhaft mit geneigtem Kopf zu und wirkte dabei nicht im Geringsten gemein sondern unglaublich komisch.
Und im nächsten Augenblick, wieder völlig entspannt, machte er Ilona seine Rechnung auf.
„Was ich in diesem Film bin und verbreche ist zu 50% Maske plus Kostüm, zu den anderen 50 % ist es die Performance und zu 0% bin ich es selbst.“
Für einen Moment vergaß Ilona ihren Auftrag, denn sie spürte, dass er sich ihr gegenüber nicht verstellte. Er suchte nicht nach wohlformulierten und druckreifen Plattitüden, um diese irgendeiner Interviewerin in das Notebook zu diktieren. Alles, was er wollte, war, sich von dem Druck der klischeehaften Rolle zu befreien, sich einer Frau gegenüber unmissverständlich aber aufrichtig zu offenbaren.
Ilonas unterkühlte Selbstsicherheit begann zu flattern und die Alarmglocken klangen nur noch wie aus weiter Ferne.
„Pass auf, Ilona, das ist genau die Masche wie in seinen Filmen! Und wenn er in dir sein nächstes Opfer sucht?“
Sie riss sich zusammen.
„Aber es heißt doch, zu der wirklich brillanten Darstellung eines Schauspielers gehört, dass er die Rolle lebt.“
Obwohl sie sich selbst eine große Portion Misstrauen und Angriffsfreude schuldig war, erschreckte sie sogleich über ihre eigenen Worte und bereute sie sofort. Denn er zeigte sich sichtlich getroffen, zog sich augenblicklich und deutlich spürbar zurück.
„Wo haben Sie denn diesen Quatsch aufgeschnappt? Vielleicht gibt’s mal den einen oder anderen Kollegen, bei dem mir dieser Gedanke auch nicht fremd ist.
Für mich kann ich nur sagen: ich liebe die Frauen, aber ich benutze sie nicht.“
„Aber warum stellen Sie sich dann für die Rollen solcher Frauenvernichter zur Verfügung?“
„Nennen Sie es Karrieregeilheit oder Existenzangst. Sie haben mit Ihren Bedenken schon recht; diese Rollen waren zuletzt für mich unerträglich; ich bereue sie sehr. Auch wenn ich wenigstens inzwischen meine horrenden Schulden aus früheren Jahren dadurch abtragen konnte.“
Ilona hakte sofort erleichtert ein.
„Dann hätte Ihnen ja wohl auch das Geld zum Frauenködern gefehlt!“
Da erst merkte sie, dass sie die Rolle der alles verstehenden Anwältin bei ihm eingenommen hatte; die zweifelnde Journalistin war anscheinend irgendwann in den letzten Minuten in der Versenkung verschwunden.
„Hoffentlich hat er es nicht bemerkt!“ ging es ihr durch den Kopf.
„Langer Rede, kurzer Sinn“, schloss er ab, „unter das Ganze mache ich in zwei Monaten einen Schlussstrich und wechsele zum Theater, zur klassischen Bühne. Das tut einfach gut und ich kann dann zum Beispiel im echten Leben einfach mal eine aufregende Frau fragen: Haben Sie nach dem Interview Zeit für mich?“
Ilona blickte von ihrem Notebook auf, überlegte kurz und sah ihn erstaunt an.
„Ach“, warf sie ein, Sie haben heute noch ein weiteres Interview?“
Sie hatte den Sinn seines letzten Satzes nicht verstanden; vor allem hatte sie nicht verstanden, dass seine Frage ihr selbst galt.
Er klopfte auf ihr Notebook, zog ihre Hand von der Tastatur weg zu sich hin und wurde deutlicher.
„Wenn Ihr Notebook Pause macht, möchte ich Sie zu einem Besuch im Filmstudio einladen, am liebsten noch heute. Eine der letzten Chancen, mich als den Bösewicht der Frauenwelt zu erleben.“
Noch unentschlossen hielt sie sich mit der rechten Hand am Notebook fest, während er ihre andere Hand immer noch nicht losgelassen hatte.
„Ich glaube“, -sie kam aus dem Staunen über sich selbst nicht heraus-, „ich glaube, die Pause hat schon begonnen.“ Dann klappte sie das Notebook zu.
III.
Julius hatte dafür gesorgt, dass die Präzision ihrer Wahrnehmung heute schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Davon zeugte nicht nur, dass seine Einladung erst im zweiten Anlauf zu ihr durchgedrungen war.
Der gemeinsame Rückweg zu ihrem City-Flitzer wurde eine kleine Odyssee zwischen Suchspiel und Schnitzeljagd; Ilona hatte im Gewirr der Altstadtgassen die Orientierung verloren.
Julius aber nahm dies nicht zum Anlass, sich darüber lustig zu machen, sondern spendete ihr Trost mit seinen Worten und seinen Händen, bis sie überraschend über den gelben Flitzer stolperten.
Aber als sich beide in den Kleinwagen gezwängt hatten, machte sich der Wagenschlüssel selbstständig und verschwand im Pedalraum. Bevor sie Julius daran hindern konnte, hatte er sich über sie gebeugt und angelte mit einer Hand nach dem Schlüsselbund.
Jedoch sein erster Fund zwischen Gashebel und Bremse war ganz anderer Art.
Sie spürte seine Hand, die sich vom Knöchel her hinaufschob und unter ihrem Rock den Weg bis weit über das Knie fand, wo sie zum Halt kam. Sein Griff war sanft und besitzergreifend zugleich.
„Haben Sie gefunden, was Sie suchen?“ fragte sie lächelnd.
„Aber ja“, antwortete er, „Suchen ist eine meiner großen Leidenschaften. Es fällt mir häufig schwer, so ganz einfach damit aufzuhören.“
„Die Schlüssel!“ murmelte Ilona.
Er verstand dieses Signal; die Suche hatte ein Ende gefunden!
Auf dem Weg ins Studio versuchte Julius anscheinend, diese kleine Zurückweisung zu verarbeiten. Er hielt ihr einen Vortrag über den Kleinwagen als dem größten Feind der Erotik.
„Zu nichts taugt er, wenn es darum geht, die Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau enger zu gestalten! Von Anfang bis Ende: es taucht ein Hindernis nach dem anderen auf!
Eine erste spontane Begegnung des Paares scheitert daran, dass Frauen sich in solchen Kisten nicht trauen Männer als Anhalter mitzunehmen.
Wenn man sich dann aber schon näher gekommen ist, möchte man keine Gelegenheit zum Knutschen auslassen.
In diesen Sardinenbüchsen aber verlässt einem dazu das Verlangen, wenn im entscheidenden Moment der Zärtlichkeit der Ellbogen mit dem Lenkrad kollidiert.
Über die ausbleibende Lust beim herbeigesehnten Schenkelverschränkungsspaß brauch ich ja wohl kaum viele Worte verlieren.“
IV.
Im Filmstudio schleuste er sie problemlos in seine Garderobe ein.
„Sie wollen’s doch so authentisch wie möglich?“ suchte er bei ihr die Absolution für diese Zumutung, die er ihr damit bot. Denn das Chaos, welches sie durchschritt und in dem sie auf einem blanken Hocker Platz nahm, hatte Charme, aber wohl nur für ihn. Es schien so, als gestalte er auf diese Weise eine ganz besondere Art von Ordnung, denn mit nur einem Griff fand er jeweils die Utensilien, welche er genau in diesem Augenblick brauchte.
Ilonas Faszination wuchs in dem Maße, wie seine unprätentiöse Art des Umgangs mit den Dingen für sie Gestalt annahm.
Sie dachte zurück an seinen witzigen Verriss der Kleinwagen-Erotik. Mittlerweile konnte sie nicht mehr glauben, dass er damit wirklich seine eigene Auffassung wiedergegeben hatte. Solch ein Auto ermöglichte nämlich in Wirklichkeit ein großes Maß an Intimität, war ein Ort der Nähe und der Vertrautheit.
Für sie beide wäre ihr Mini sicher das wunderbarste Liebesnest geworden, wenn sie ihn einfach aufgefordert hätte, den Weg seiner Hand ungehindert fortzusetzen und weit über ihr Knie hinaus sein zärtliches Spiel voranzutreiben.
Das Licht in der Garderobe war grell und lästig.
Julius hatte damit begonnen sich in den älteren Herrn zu verwandeln, der in seiner Rolle gnadenlos Schrecken bei Frauen verbreitete. Zuvor aber entledigte er sich seiner privaten Attribute, und ohne dass Ilona davon überrascht war, gehörte dazu auch seine gesamte private Kleidung.
Unbefangen wand er sich ihr zu und ebenso unbefangen betrachtete sie ihn, lächelnd und mit Wohlgefallen. Seine Schultern, seine mäßig behaarte Brust, schließlich seine Hüften mit seiner schwach pendelnden Rute im Zentrum.
Sie verzichtete darauf, ihm zu sagen, wie sehr er ihr gefiel. Denn sein Blick sagte mehr als deutlich, dass er dies ohnehin verstanden hatte.
Als auf dem Set die Kameras liefen, kauerte sich Ilona seitlich in eine Ecke und sah ihn kraftvoll agieren, unverkennbar das Ekel, nach dem sie bei ihrem Treffen im Gartenlokal Ausschau gehalten hatte.
Aber sein Spiel war heute doch ein wenig anders als in den Filmen, die sie von ihm kannte. Möglich, dass er die Chance nutzte, seinen Abschied von der alten Rolle in den Schlussszenen des Filmes zum Ausdruck zu bringen.
Julius Hertram spielte sich frei. Und Ilona freute sich auf den neuen Julius.
V.
Nun stand sie in seiner Wohnung und glaubte, sie hätten sich in der Tür geirrt. Das konnte nicht das Domizil des gefragten Filmschauspielers Julius Hertram sein. Ihre Bude während des Studiums war kaum kleiner als dieses Ein-Zimmer-Appartement mit einem großen Fenster.
Er deutete die Ratlosigkeit und die leichte Irritation in ihrem Blick richtig.
„Wer Schulden abtragen muss, kann sich keine Villa leisten; und wer Filmverträge schießen lässt, kann sich auch in Zukunft keinen Bungalow von 200 qm zulegen.“
Sie ließ die frugale Ausstattung der Kleinwohnung amüsiert auf sich wirken: ein Küchenblock, eine Dusche, ein Tisch, zwei schmale Schränke, ein Bett und ein Sessel.
„Gäste haben bei dir die große Auswahl, ob sie auf dem Boden, auf dem Sessel oder auf deinen Knien Platz nehmen wollen, oder?“
Ilona ließ das Bett links liegen und begutachtete den Sessel.
„Immerhin doch ein breit gefächertes und teilweise auch reizvolles Angebot!“ sagte er. „Und hast du dich schon entschieden?“
„Du hast vorhin behauptet, dass du die Frauen liebst, also überlässt du mir den Sessel!“
Doch er schlenderte an ihr vorbei und nahm vor ihren Augen in diesem Sessel Platz.
„Da ich als Schauspieler an Überheblichkeit und Größenwahn leide, kommen nur meine Knie als Liebesbeweis in Frage.“
Sie schaute sich im Zimmer um und tat so, als hätte sie das Bett erst jetzt völlig überraschend entdeckt.
„Bei deinem egoistischen Starrsinn zwingst du mich doch tatsächlich, die Notlösung zu wählen.“
Ilona entledigte sich der Schuhe, schlüpfte aus ihrer Jacke und streckte sich auf dem Bett aus.
„Jetzt gehst du aber doch ein wenig zu weit! Erst den gemütlichen Sitz auf meinen Knien verschmähen und dann mein einziges Bett besetzen! So gehst du mit meiner Gastfreundschaft um!“
Während er die letzten Worte sprach, hatte Julius den kurzen Weg zum Bett zurückgelegt und die andere Hälfte seiner Schlafstätte in Beschlag genommen.
„Sag mal, bist du der heilige Sankt Martin?“, fragte sie, während sie sich auf der Seite liegend an ihn lehnte.
„Weiß nicht“, sagte er nahe an ihrem Ohr, „und wenn doch: so nahe bei dir werde ich nicht lange keusch und heilig bleiben können.“
„Ich frag nur, weil Sankt Martin alles mit den Bedürftigen teilt, zum Beispiel Mäntel, Betten und so weiter.“
Ilona stemmte sich hoch, rutschte zu ihm hinüber und robbte an ihm empor, bis ihr Kopf unter seinem Kinn ruhte.
„Der hat schon Phantasie, dieser Sankt Martin“, flüsterte er, „aber mir fällt da auch einiges ein.“
Dabei griff er in das Fleisch ihres Rückens, presste dann ihre Schenkel an sich.
„Lass mich eine Weile so auf dir liegen, Julius!“ verlangte Ilona.
„Und alles, was deine Hände mit mir machen, ist wunderschön; ich halte sie nicht mehr auf.“
Da hatte Julius aber auch schon damit begonnen, den Bund ihres Slips über ihre Hüften hinabzuschieben. Ilona hob dafür ihr Becken an und sank dann zurück.
„Julius“, murmelte sie, „deine Hände sind ja kalt. Komm ins Warme?“
Spagat

I.
In dem Appartementhaus am Gansforth gab es ein ständiges Kommen und Gehen. Selten verging ein Monat, ohne dass nicht wenigstens an ein oder zwei Tagen der Aufzug des 10stöckigen Gebäudes für einige Zeit blockiert war. Umzugkartons und Kleinmöbel sammelten sich im Flur des Erdgeschosses und verschwanden dann nach und nach; ein Klingelschild wurde ausgewechselt.
Gestern hatte Ute sich auf diese Weise in der dritten Etage niedergelassen und anschließend unternehmungslustig eine Erkundung in alle Nischen und Ecken des Gebäudes gestartet. Die Architektur ihrer Etage sah der darüber und der darunter zum Verwechseln ähnlich und nirgendwo zeigten sich nennenswerte Spuren von Leben. Im Keller gelang es ihr schließlich, erste Anzeichen menschlicher Zivilisation aufzuspüren; im Waschmaschinenraum gurgelten zwei Geräte vor sich her und in der Ecke hockten zwei kaugummikauende Barbiepuppen und tratschten. Ute sah ihre kommunikative Ader von zähen Ablagerungen der Einsamkeit bedroht.
II.
Als Ute nach einer Woche den Zeitpunkt gekommen sah, selbst im Kellerverließ eine erste Ladung schmutziger Wäsche einer Waschtrommel anzuvertrauen, stieß sie dort auf den ersten männlichen Mitbewohner.
Das Haus der 60 Einzelzellen war seit zwei Jahren Helges Stützpunkt für sein improvisiertes Leben. Seine langjährigen Erfahrungen als Einsiedlerkrebs schlossen immer noch nicht die Bewältigung aller alltäglichen Routineübungen ein. Zum Beispiel Wäsche waschen nach den Regeln der Schadensbegrenzung.
Der mürrische Typ, der mit einem Brummen auf Utes heitere Begrüßung geantwortet hatte, machte sich unverzüglich und hemmungslos ans Verfüllen der nächsten Maschine. Seine sowohl einzigartige als auch eigenartige Methode bestand darin, seine Kleidungsstücke wahllos und ungeordnet nach Materialien und Farben zusammenzustopfen.
„Machen Sie das immer so?“ fragte Ute voller Verblüffung, weil sie ihren Augen nicht traute. Und als er sich schweigend abwandte, versuchte sie es mit einem freundlichen Rat.
„Sie werden sehen, dass die weiße Wäsche länger weiß bleibt, wenn sie das Farbige separat waschen!“
An seinem darauf folgenden Blick erkannte sie schon, was er von ihrer Empfehlung hielt; aber er verzichtete dennoch nicht darauf, ihr seine Meinung um die Ohren zu hauen.
„Ihre klugen Sprüche können Sie ruhig für sich behalten. Darauf kann ich gern verzichten!“
III.
Nach dieser Begegnung legte sie verständlicherweise keinen Wert darauf, ihn so bald wiederzusehen. Am nächsten Tag jedoch hatte sie keine Chance, ihm aus dem Weg zu gehen. An einer scharfen Kurve hinter der Fleischtheke kam es nach einem Beinahe-Zusammenstoß zum Showdown. Die Gänge beim größten Discounter des Viertels waren nun einmal sehr eng geschnitten, und so kam es zur gegenseitigen Blockierung ihrer Einkaufswagen. Helge erstarrte, Ute zuckte die Schultern.
Auch beim anschließenden Rangieren ähnelten ihre Entwirrungsversuche eher dem Duell zweier Auto-Scooter-Piloten.
Nebenbei bemühte sich Ute, ihr Befremden über das Chaos in seinem Einkaufswagen, über die Menge der Fertig- und Tiefkühlprodukte zu verbergen.
Er hatte jedoch ihren missbilligenden Seitenblick aufgefangen und trat ihr ergrimmt entgegen.
„Wahrscheinlich wissen Sie auch hier alles besser! Sie kennen nicht nur die Rezepte für die perfekten Waschmethoden, sondern werden mir wohl gleich einen Vortrag über die richtige Ernährung halten. Alles in allem wären sie sicher die perfekte Frau für jemanden wie mich! Was gäbe es denn sonst noch, das sie zu meiner Vervollkommnung beitragen könnten?“
„Der Typ ist ja völlig verkarstet!“ dachte Ute. Sie schwankte kurz zwischen Mitleid und Empörung; dann aber lief das Fass bei ihr über.
Sie konnte auch anders und zeigte dies mit einem Steilangriff unter die Gürtellinie, um diesem Gorilla seine Unverschämtheiten heimzuzahlen.
„Wenn Sie nicht so ein Brechmittel wären, gäbe ich Ihnen ein paar gute Tipps, wie sie es einer Frau fantastisch besorgen könnten. Ich wette, dass es da bei Ihnen auch nicht zum Besten steht.“
Drei Kundinnen an der Fleischtheke hatten diese saftige Tirade Wort für Wort mitbekommen und prusteten gleich darauf begeistert los.
Helge aber fand eine Lücke neben dem Tresen und machte sich wagenklappernd aus dem Staub.
Früher hatte sich Helge noch nie so aufmerksam und vorsichtig zwischen seiner Wohnungstür und dem Parkplatz vor dem Haus bewegt wie in den Tagen danach. Dieser Megäre wollte er unter gar keinen Umständen zufällig über den Weg laufen.
Einmal bewältigte er sogar die 124 Stufen zu seinem Appartement zu Fuß, da Ute zur gleichen Zeit mit dem Fahrstuhl einige Regalbretter und Polsterteile nach oben beförderte.
IV.
Es gab eine Zeit, wo solch eine Treppenbesteigung für ihn eher eine Auflockerungsübung war. Da war er in den Kampfstätten der Leichtathleten in ganz Europa zu Hause und zählte meist zu den Favoriten. Dann passierte in Barcelona die katastrophale, völlig verdrehte Landung in der Sprunggrube. Nach Krankenhaus und Reha brach die Zeit an, wo mehr als fünf Stufen für ihn nicht ohne Schmerzen zu bewältigen waren.
Mittlerweile konnte er den Weg hinauf zu seinem Appartement wieder problemlos bewältigen. Aber er wollte mehr!
Noch hegte Helge die Hoffnung, der Muskel wäre später einmal wieder voll belastbar und seine Weitsprungleistungen könnten wieder das europäische Niveau erreichen. Er wehrte sich noch beständig gegen den Gedanken, die schwere Muskelverletzung am Oberschenkel vor zwei Jahren wäre möglicherweise das Ende seiner sportlichen Karriere.
„Wir brauchen dich hier im Verein!“ versicherte ihm Matthias, der führende Konditionstrainer im größten Sportverein vor Ort, unter dessen Leitung Helge die Betreuung des Gymnastik-Trainings in die Hand genommen hatte.
Als Helge am Mittwochabend die Sporthalle betrat, erfuhr er als Erstes, dass die Frauengymnastik-Gruppe Zuwachs bekommen hatte.
Er traute seinen Augen nicht! Alle Bemühungen waren vergeblich gewesen.
Sie stand mitten in der Gruppe und schaute ihm ganz unbefangen entgegen. Und als er sich zur Kiste mit den Sprungseilen hinunterbeugen wollte, tat sie schnell ein paar Schritte auf ihn zu und stand vor ihm.
„Hallo“, sagte sie, „ab heute mache ich hier mit.“
Es blieb ihm gerade die Zeit einmal durchzuatmen.
„Ich heiße Ute; die anderen haben mir schon gesagt, dass du Helge heißt!“
Helge war zwar verunsichert, überspielte die Situation jedoch geschickt und mit charmanter Grimmigkeit.
„Willkommen bei uns, Ute!“ sagte er routiniert. Und dann sehr viel leiser: „Du hast mir hier noch gefehlt!“
In sein ein wenig starres Lächeln hinein flüsterte Ute zu seiner größten Verblüffung: „Frieden?“
V.
Helge tat es manchmal gut, wenn hin und wieder eine der Frauen in seiner Gymnastikgruppe ein vorsichtiges Interesse für ihn signalisierte, -für ihn als Mann. Den unauffälligen Blicken und Berührungen begegnete er einfühlsam mit Gesten, die weder als Ermunterung noch als Zurückweisung verstanden werden konnten. Seine Hilfestellung bei der Einübung neuer Bewegungsfolgen war sparsam bemessen und gleichmäßig auf alle Frauen verteilt.
Bei der Einweisung einer neuen Teilnehmerin sah dies aber völlig anders aus.
Und wenn dieses neue Mitglied der Gruppe erst kürzlich ihn als Mann in aller Öffentlichkeit lächerlich gemacht hatte, stünde ihm wohl eine Zerreißprobe bevor. Dem sah Helge mit banger Erwartung entgegen.
Ute betrachtete Helge aber inzwischen in einem neuen Licht. Sie hatte von dem schweren Schlag erfahren, von der immer noch offenen Wunde seiner Enttäuschung.
Und mit jeder Trainingsstunde erfreute sie sich mehr daran, wie wunderbar er sich mit all den Frauen verstand, die seinen Fähigkeiten und Erfahrungen vertrauten.
„Ich bitte dich, meine Entschuldigung anzunehmen. Ich war beim Discounter sehr hässlich zu dir!“ murmelte sie nach dem Training beim Verlassen der Halle.
Helge wusste noch nicht, ob er nur einfach zufrieden damit oder sogar begeistert davon war, wie sie die Heilung ihrer gegenseitigen Verletzungen ohne zu zögern in Angriff nahm.
„Gut“, sagte er, „Hauptsache du machst nicht dauernd Verbesserungsvorschläge für meinen Trainingsstil!“
„Das lässt sich machen“, erwiderte Ute, „solange du mir keine Vorschriften machst, wie ich Hörgeräte einstelle!“
„An Intelligenz scheint es ihm ja nicht zu fehlen“, dachte sie, als sie an seinem sparsam hochgezogenen Mundwinkel erkannte, dass er sofort verstanden hatte und ihn der Vergleich amüsierte.
Utes Mutter hatte sie lange Zeit als den größten Dickkopf aller Zeiten bezeichnet. Wenn dies stimmen sollte, bekam Ute wohl soeben harte Konkurrenz.
Aber dann war alles doch viel einfacher. Seine Arbeit als Trainer war hervorragend und sie sagte es ihm. Das Training bei ihm tat ihr, ihrem Körper und ihrer Seele gut.
Und als sie ihm auch dieses sagte, geriet er einen Moment lang in Versuchung, ihr zu gestehen, dass er sich schon lange jedes Mal auf die Trainingsstunde mit ihr freute.
Ute sah ihm nach, dass er es nicht wagte, dies auszusprechen. Denn sie wusste längst, vielleicht schon länger als er selbst, dass die übrigen Frauen im Gymnastikkreis nur den Rahmen für ihr Zusammensein abgaben.
VI.
Ute hatte bei einem Gespräch gelauscht, als Helge sich über das Weihnachtsfest lustig machte und seine Absicht verkündete, dieses Jahr wieder komplett zuzumachen: kein Baum, kein Geschenke-Rummel und Medien-Verweigerung.
Das war der Tag, als sie sich für Helge ein alternatives Weihnachtsprogramm ausdachte; und dies hieß ‚Ute’.
Helge beendete die letzte Trainingsstunde vor Weihnachten; die Halle leerte sich und er angelte nach dem Schlüssel für das Portal. In diesem Moment hielt ihn ein Ruf aus dem Hintergrund zurück.
Im Laufschritt eilte Ute quer durch die Halle auf ihn zu. Ihre wippenden Brüste hatten schon seit Längerem bei den Laufübungen seine Konzentration sehr beeinträchtigt.
„Helge“, rief sie im Ansturm von Weitem und landete fast in seinen Armen, „geh noch nicht; bleib doch eine Weile und hilf mir noch mal bei diesem vertrackten Überroller.“
Sie hielt sich an seinem Arm fest, stemmte sich dagegen, dass er die Halle verließ, und sah ihn mit bittenden Augen an.
„Sag bloß, ich muss jetzt noch Überstunden machen?“ tat er mürrisch, legte aber den Arm versöhnlich um ihre Taille, sodass ihre Brust und ihre Hüfte ihn streiften.
Sie strich kurz mit einer Hand über seine Brust und lächelte ihn an.
Er zögerte bei dem Gedanken, dass nur eine kleine Körperdrehung gereicht hätte, sie ganz in seine Arme zu schließen.
„Mit mir kann man’s ja machen“, brummte er dann doch nur und nahm sie bei der Hand.
„Komm schon, Ute!“
Sie packte sich selbst eine der Matten, platzierte sie am Hallenrand und streckte sich flach auf dem Rücken vor ihm aus. Das dünne Turntrikot umschloss sie wie eine zweite Haut; die Formen ihres Körpers zeichneten sich im Detail ab.
Er kniete über ihr und hatte ihre Brüste dicht vor sich. Er merkte sofort, wie seine Konzentration sich verflüchtigte.
Seitlich in Höhe ihrer Taille brachte Helge seine Knie in Position, legte eine Hand auf die Kuppe ihrer Schulter und die andere unter die Kniekehle.
Als er so den Oberschenkel zu ihrem Körper führte, rutschte seine Hand weg und glitt in ihren Schritt. Ute ließ einen schwachen Laut hören.
„Schlimm?“ fragte er nur.
„Nein“, kam es von ihr leise, „schön!“
Statt seine Hand zurückzuziehen, ließ Helge sie dort ruhen und Ute legte ihre eigene Hand mit leichtem Druck auf seine.
In diesem Moment war ein Rütteln an der Hallentür zu hören. Am anderen Ende der Halle erblickte Helge die Silhouette des Hausmeisters, der bei einem letzten Rundgang entdeckt hatte, dass die Halle nicht verschlossen war.
„Wir werden gerade mit dem Aufräumen fertig“, rief ihm Helge zu.
Ute tat geschäftig, indem sie heftig an der Turnmatte zerrte.
Der Hausmeister entfernte sich mit einem unverständlichen Gemurmel.
„Komm“, sagte Helge, „die wollen uns hier nicht mehr haben.“
Und fünf Minuten später schloss er die Halle von außen zu.
Als Ute vor dem Umkleideraum für Frauen stehen blieb, hielt sie sich an seinem Arm fest.
„Helge, ich gehe duschen. Wie ist es mit dir?“
„Kann schon sein, dass ich mich auch noch ein wenig begießen lasse!“
„Bei den Frauen ist außer mir niemand mehr. Und ich dusche nicht gern allein!“
Ute war noch einen Schritt näher an ihn herangerückt und schenkte ihm einen klaren und tiefen Blick, der ihn sofort erregte.
„Komm“, sagte sie nur, „bleib bei mir!“
Sie nahm ihn einfach bei der Hand, zog ihn in den Umkleideraum und durch die angrenzende Tür in den kleineren Duschraum.
Sie wandte ihm den Rücken zu, der im schwachen Licht der einzigen Wandleuchte lag, und wartete ab, ob er sich ihr näherte.
Mit zwei schnellen Bewegungen schob sie die beiden Träger ihres Trikots von den Schultern und zog das Trikot hinunter bis zur Taille.
„Hilfst du mir, Helge?“ fragte sie ihn mit einem einladenden Blick über die Schulter.
Er trat hinter sie, führte seine Fingerspitzen langsam über ihre Schultern den Rücken hinunter, bis seine Hände auf ihren Hüften ruhten.
Geschmeidig lehnte sich Ute zurück und griff nach hinten, bis ihre Handflächen seine Oberschenkel berührten.
Helges schob seine Hände von oben in ihr Trikot und zog dies hinunter, bis Ute hinaussteigen konnte.
Langsam drehte sie sich zu ihm um und gab den Blick auf ihren fraulichen Körper frei.
Aus der Hocke emporsteigend, tastete Helge sich an ihr empor. Er spreizte die Finger auf ihrem Rücken und griff zu.
Lachend entzog sich ihm Ute und stand kurz darauf unter der rauschenden Dusche. Im Nu war ihr Körper von Wasserfontänen und herabperlenden Rinnsalen umhüllt. Sie griff mit einer Hand nach ihren Brüsten und streckte die andere nach ihm aus.
Mit einer kurzen Körperdrehung schlüpfte er aus seinem Sporthemd und entledigte sich seiner Sporthose. Jetzt streckte Ute ihm voll Ungeduld auch den anderen Arm entgegen und umrahmte so ihre wasserumspülten Brüste, die sich aus dem Strom der perlenden Kaskaden hervorhoben.
Helge ergriff ihre Hände und zog sie unter der Dusche hervor, bis sein Blick ihren Körper von den Fußspitzen bis zum triefenden Haarschopf erfassen konnte. Zum Schein schlüpfte er zurück in seine Rolle als Trainer.
„Welche Turnübung wolltest du noch mit mir unter der Dusche trainieren?“
Er ließ ihre Hände los und strich fest über ihre Hüften. Seinem Druck gab sie bereitwillig nach und ihre Körper berührten sich fast.
„Kann man auch Massage trainieren? Wassermassage?“
Dabei umschlossen ihre Finger seine Schultern und deuteten ein sanftes Kneten an, während sich die letzte kleine Lücke zwischen ihren Körpern schloss.
Gleichzeitig streiften ihre Brustwarzen elektrisierend über seine Haut und sie drückte fordernd ihren Bauch gegen seine aufgerichtete Rute.
Leicht schwankend gerieten beide in den Wasserstrahl der Dusche und gaben zugleich einen Laut des Erschreckens von sich.
Helge war plötzlich von einer unbändigen Neugier erfasst, wie sich ein leidenschaftlicher Kuss unter dem Schwall einer Dusche anfühlte.
Nach kurzer Zeit blieb beiden fast die Luft weg; weder Ute noch Helge wussten, ob es an dem rauschenden Wasserfall ringsum oder an der gegenseitigen Lust aufeinander lag.
Inzwischen machte er sich daran, Utes Wunsch nach einem Massagetraining zu erfüllen. Außer Atem stellte er die Dusche kurzerhand ab.
„Dachtest du beim Massagetraining nur an die Hände oder sind auch Lippen und Zunge erlaubt?“
„Natürlich ist alles erlaubt.“
Er fühlte, wie ihre Hand seine Rute umschloss und einen sanften Druck ausübte.
Sie lachte ihn an.
„Der ist auch erlaubt!“
Ein Fall für Hendrik

I.
Hendrik hatte sich die Arbeit bei der Polizei vorher interessanter vorgestellt; zugegeben, er hatte sich wohl als Halbwüchsiger den einen oder anderen Krimi zu viel angesehen, bevor er sich für diesen Beruf entschied.
Die hochbrisanten Mordfälle spielten sich aber nun mal nicht in dem Dezernat ab, dem er seit 6 Monaten angehörte: Einbruch und Diebstahl.
Die immer gleichen Arbeiten bei der Besichtigung ausgeräumter Läden oder verwüsteter Wohnungen und die ermüdende Spurenauswertung danach hatten ihn zermürbt. Die fade Routine bei der Zeugenvernehmung machte ihn träge. Und auch die intelligenteste Befragungsstrategie führte oft nur zu spärlichen Ergebnissen.
„Vielleicht habe ich heute endlich mal eine Sternstunde“, hoffte er auf dem Weg zum Vernehmungsraum.
„Da geht’s doch um den Einbruch bei der Firma Höfermann: Phantombild mit einer Zeugin erstellen.“
Auf ihn wartete eine Krankenschwester, die soeben ihren Nachtdienst hinter sich gebracht hatte.
„Hoffentlich fallen ihr beim Bildergucken nicht die Augen zu.“
Als er die ersten Schritte ins Vernehmungszimmer machte, erspähte er mit einem Seitenblick das Profil einer jungen Frau, die ihre Arme hinter dem Kopf verschränkt hatte und so auf ihn wartete.
In einer weichen Bewegung nahm sie die Arme herunter, richtete sich auf und folgte ihm mit aufmerksam geweiteten Augen, bis er auf dem Sessel ihr gegenüber Platz genommen hatte. Ihre braunen Locken wippten hinunter bis auf die Schultern.
„Sieh mal an“, dachte er, „so heiter und zum Anbeißen frisch würde ich auch gern mal nach dem Spätdienst aussehen!“
II.
„Guten Morgen, Frau Gieseking.“ Er legte sich seine Unterlagen zurecht und blickte auf.
„Mein Name ist Hendrik Kortum. Danke, dass Sie die Zeit gefunden haben, uns zu helfen.“
Erst jetzt blickte er der jungen Krankenschwester in die Augen und wurde dort von einem Lächeln in Empfang genommen, das Wärme ausstrahlte. Er war sich sofort sicher: ihr Lächeln war keine einstudierte Geste, sondern spiegelte lebhaft ihre Neugier und ihr Interesse wieder, - so machte ihm die Arbeit Spaß.
„Bis jetzt habe ich hier im Hause nur im Dienst ergraute Bullen angetroffen!“ sagte sie leise. „Wie ich sehe, gibt es aber doch auch vorzeigbare frischere Exemplare.“
Mit einer solch umarmenden Attacke hatte Hendrik ganz und gar nicht gerechnet. Für seine Schlagfertigkeit jedoch war er im ganzen Hause bekannt und brauchte deshalb auch nicht zurückstehen.
„Zum Glück entsprechen die Krankenschwestern von heute auch kaum noch dem alten Bild. Die sich aufopfernd verzehrenden Muttis mit den behütenden Patschhändchen sind auf dem Rückzug.“
Fröhlich wedelte die junge Krankenschwester mit ihren schmalen Fingern vor Hendriks Nase herum.
„Stattdessen gibt es genau solche!“ bestätigte er. „Da möchte man am liebsten Patient sein.“
Gern hätte sich Hendrik in diese liebevolle Rangelei mit der lebhaften Zeugin vertieft und sie fortgesetzt. Ihr Lachen lud ihn dazu ein.
„Ich glaube aber, liebe Frau Gieseking, wir sollten uns jetzt daran machen, einem Ganoven das Handwerk legen. Es kommt dabei ganz entscheidend auf Sie an.“
Denn so verhielt sich die Sache tatsächlich! Katja -wie er sie schon für sich nannte- hatte von ihrem Fenster aus einen Einbrecher beobachtet und war in der Lage Details für ein Phantombild zu liefern.
Ihre gemeinsame Arbeit an dem Phantombild war aber dann doch keine so bierernste Sache wie sonst üblich. Die Kollegin draußen im Aufsichtszimmer wunderte sich sehr über das Gelächter, das hin und wieder aus dem Raum nebenan schallte.
III.
Die Arbeit dort brachte jedoch außer dem Vergnügen der Beteiligten in kurzer Zeit auch den gewünschten polizeilichen Erfolg. Mithilfe der Zeichnung konnte der Täter ausfindig gemacht und festgenommen werden.
Für Hendrik jedoch, der bei der Festnahme zum Team gehörte, gab es trotz des großen Erfolges einen bitteren Tropfen in den Wein; er trug einen Armbruch und eine leichte Gehirnerschütterung davon, als der Verdächtige um sich schlug.
Hendrik war zum Pausieren gezwungen und bewegte sich nun schon seit einer Woche schlecht gelaunt und genervt durch sein Wohnviertel.
Denn immer wenn er zuhause in Selbstmitleid zu versinken drohte, flüchtete er in das geschäftige Leben seines Viertels, besonders oft in das Straßencafé an der Ecke.
Als er seinen zweiten Capuccino an diesem Morgen Schluck für Schluck die Kehle hatte hinunterlaufen lassen, tippte ihm jemand auf die Schulter und nahm schwungvoll neben ihm Platz.
Sie hatte heute ihre braunen Haare im Nacken zusammengebunden und überfiel ihn mit einem Schwall von Fragen.
„Geht es Ihnen inzwischen besser?“ war nur der Anfang.
Ihr Verhör gipfelte in einer Frage dritten Grades: „Ist das der Arm des Gesetzes?“ Dabei umschloss der lästige Gips doch nur seinen Unterarm und sah völlig harmlos aus.
Ihre Augen glänzten mit den Lippen um die Wette und sie legte ihre Hand dicht neben seine gipsfreien Finger auf den Tisch.
„Ja“, gab er zurück, „es geht schon etwas besser. Und in diesem Moment sorgen Sie für einen weiteren gewaltigen Schub in meiner Gesundung.“
Dabei bewegte er seine Hand so weit auf sie zu, dass seine Fingerspitzen ihren Daumen und auch noch den Zeigefinger bedeckten.
„Ich merke schon, dass Sie bereits übermütig werden!“ murmelte sie.
Statt sich aber zurückzuziehen, schob sie ihre Hand weiter vor, bis sie fast ganz von seiner Handfläche bedeckt war.
„Kann ich sonst noch etwas für ihre Dienstfähigkeit tun?“
Sie schaute dabei gegen die Sonne und Hendrik nutzte dies dazu, mit seinem Blick die feinen Linien ihres Gesichtes abzutasten; ihr Mund zog seine Aufmerksamkeit so sehr an, dass er der Illusion verfiel, Katjas Lippen bewegten sich auf ihn zu. Sie blinzelte und hob zum Schutz eine Hand ins Sonnenlicht.
„Es ist ganz einfach, Katja“, versicherte er ihr, „je länger Sie bei mir sind, desto besser geht es mir.“
Sie lachte hell auf und zog ihre Hand unter seiner hervor.
„Wer sich sogar schon wieder an den Vornamen von Zeuginnen erinnern kann, ist kerngesund und in höchstem Maß dienstfähig. Aber jetzt muss ich ganz schnell zu meinem Mittagsdienst.“
Hendrik war entschlossen, sie so bald wie möglich wiederzusehen und tat alles, um seinen Wunsch Wirklichkeit werden zu lassen.
„Dann tun Sie doch wenigstens meinem angeknockten Kopf und dem Ungetüm von Armgips einen Gefallen. Statten Sie ihnen bald einen Krankenbesuch ab. Wenn ich nicht gerade hier herumsitze, finden sie mich zu Hause.“
Dabei schob er ihr seine Karte in die Hand, bevor sie endgültig davoneilte.
IV.
Katja verbrachte ihre Pause in der Cafeteria des Krankenhauses. Heute Vormittag hatte sie erhebliche Schwierigkeiten bei der Konzentration auf die einfachsten Dinge verspürt; ihre Gedanken zwischendurch kehrten immer wieder zu Hendrik zurück, dessen Nähe sie heute Morgen in eine pulsierende Aufregung versetzt hatte, die immer noch anhielt.
Als sie sich im Toilettenspiegel aufmerksam betrachtete, sich prüfend über die Wangen strich, wünschte sie sich in diesem Augenblick, es wären seine Hände, die sie spürte, und nicht nur in ihrem Gesicht sondern auch an ihrem ganzen Körper, erst ganz zart aber auch hin und wieder fester zupackend.
Ihre Wünsche machten ihr klar, dass sie ein großes Verlangen nach dem jungen Polizisten hatte.
Nach dem Dienst lag sie zu Hause lang ausgestreckt auf ihrem Hochflorteppich, döste vor sich hin und versuchte sich zu entspannen.
„Morgen beginnt mein Dienst erst am Mittag“, rief sich Katja in Erinnerung.
Wie gerne würde sie heute Abend zu Hendrik gehen! Beim letzten Mal, als ein Mann ihre Gefühle so aufgewühlt hatte, war sie kopflos in einen Strudel der körperlichen Liebe eingetaucht, aus dem sie mit schmerzhaften Erfahrungen zurückkehrte. Diesmal nahm sie sich fest vor, sich nur in kleinen Schritten auf Hendrik zuzubewegen.
Nur neben ihm sitzen, ein Glas Tee miteinander trinken und ihn nach und nach kennenlernen!
Kurz vor acht Uhr machte sie sich auf den Weg.
„Katja, ich freu mich so, dass du zu mir kommst! Ich hab es mir so sehr gewünscht.“
Hendrik hatte ihr die Tür mit seiner heilen Hand geöffnet und strahlte sie an.
„Als Krankenschwester muss ich doch alles tun, damit du schnell wieder gesund wirst!“ Seine temperamentvolle Umarmung mit Worten versuchte sie sacht zu bremsen.
Aber sofort bedauerte sie, dass ihre Antwort so viel Distanz signalisierte; in den begeisterten Ausdruck seiner Augen mischte sich ein Funke Enttäuschung.
Rasch versuchte sie, dies wieder gutzumachen.
„Besonders Männer brauchen ja fürs Gesundwerden sehr viel Zuwendung!“
Gleich hatte sie den Eindruck, dass ihn ihre Bemerkung so sehr aufmunterte, dass er ihr seine Gefühle offen legte.
„Bei Zuneigung geht es noch sehr viel schneller als bei Zuwendung.“
Katja bewegte sich vorsichtig ans Fenster und stützte sich mit dem Rücken ans Fensterbrett.
„Sag mal, Hendrik!“ forderte Sie ihn von dort aus auf. „Du bist doch nicht der Abenteurer-Typ; dauernd auf der Suche nach den Gefahren und bereit zum täglichen Risiko! Polizist sein passt doch gar nicht zu dir!“
Hendrik warf zuerst einen Blick auf seinen Gipsarm und dann hinüber zu Katja, deren Gesicht im Schatten ihm nichts weiter von ihren Gefühlen verriet.
„Das ist dir sehr wichtig, nicht wahr?“ fragte er nachdenklich und trat an ihre Seite.
Katja lehnte sich leicht hinüber zu ihm; ihre Nasenflügel waren in Bewegung und sie presste ihre Lippen leicht aufeinander.
„Ich möchte nicht Angst vor solch einen Anruf haben, eine Nachricht, die jederzeit kommen kann. Zu hören, dass dem Mann, zu dem ich gehöre, etwas Schlimmes zugestoßen ist.“ Hendrik fiel nichts ein, Katjas Befürchtungen auszuräumen, erst recht nicht, als sie ihm den Grund für ihre Angst verriet.
„Vor zehn Jahren starb so mein Onkel; er war Wachmann bei einem Sicherheitsdienst“, sagte Katja.
V.
Hendrik hatte an diesem Tag gespürt, dass Katja die wichtigste Frau in seinem Leben war und dass sie beide Arme nach ihm ausgestreckt hatte. Er musste nur seinen Teil tun, um diese Arme zu ergreifen.
Zwei Tage später rief er sie an.
„Katja, ich hab dir etwas Wichtiges zu erzählen!“
„Wirst du deinen Gips los oder was gibt es Neues?“
Er wollte ihr jedoch das, was er sich hatte einfallen lassen, von Angesicht zu Angesicht sagen, kitzelte ihre Neugier so lange hoch, bis sie ihn zu sich einlud.
Sie öffnete ihm die Tür mit ihrem schönsten Lächeln; nur mit dem größten Einsatz seiner Willenskraft schaffte er es, sie nicht sofort stürmisch in seine Arme zu schließen. Schon ihre vertraute Berührung seiner Schulter, als sie den Platz neben ihm auf dem Sofa einnahm, machte ihn glücklicher und gab ihm Mut.
„Sag mal“, forderte sie ihn auf, „das muss ja etwas sehr Bedeutendes sein, wenn du am Telefon nicht damit herausrücken willst!“
„Katja“, sagte er, „es ist mir sehr wichtig und hoffentlich auch für dich; denn dann ist es für uns beide wichtig!“
„Was ist bloß los mit dir?“ fragte sie und lachte ihn dabei an. „Kommt das vom Wodka oder vom Whisky?“
„Ich hab mich als Assistent an der Polizeischule beworben“, kam er endlich mit der Sprache heraus. „Deinetwegen!“
Katja sah ihn an, als hätte er ihr einen Vortrag in einer fremden Sprache gehalten, obwohl sie alles sofort verstanden hatte.
„Waffen gibt’s dort nur zum Üben“, beeilte er sich zu erklären. „Und dort kommen keine Straftäter hin und überhaupt ist das alles völlig ungefährlich... “
Wie in Zeitlupe nahm er wahr, wie Katjas Gesicht sich auf ihn zu bewegte, spürte gleichzeitig, wie sie ihre Arme fest um seinen Hals legte; die Wärme ihres Körpers tat ihm unendlich gut.
„Meinetwegen?“ flüsterte sie und stieß dabei an seinen Gipsarm.
Er versenkte seinen Kopf in ihren Locken und atmete deren Duft tief ein; sie drückte ihre Lippen auf seine Kehle und lachte leise.
„Vorläufig bist du ja als einarmiger Bandit sowieso noch außer Gefecht!“
„Als Polizist schon“, gab er zu, „aber nicht als Mann.“
„Warte“, gab sie zurück, „warte nur ab, bis ich dafür sorge, dass du Bettruhe verordnet bekommst! Und dabei liegt die Betonung auf ‚Ruhe’.“
„Halten sich die Patienten auf deiner Station denn an alle Anweisungen?“
„Manchmal ja, manchmal nein, manche immer, manche nie!“
Vier Mal nacheinander streifte sie mit ihren Lippen dabei über die Haut unter seinem Kinn. Dann schloss sie die Augen und wartete.
Denn sie hatte grenzenloses Vertrauen in den Einfallsreichtum Hendriks.
„Mit einem Gipsarm kann man wunderbare Ablenkungsmanöver starten“, verriet er ihr. Katja warf einen raschen Blick auf den weißen Klumpen.
„Denn wer weiß denn, was ich inzwischen mit dem anderen Arm mache?“
Sie drehte den Kopf zur Seite, um nachzuschauen, was dort geschah.
Diesen Moment nutzte Hendrik, um mit seinen Lippen über die Flanke ihres Halses bis unter ihr Ohr zu wischen.
„Oder mit meinem Mund!“ flüsterte er. Sie hielt sich an seinen Schultern fest.
„Oder mit meiner Zunge!“ Seine Lippen zupften und saugten an ihrer Ohrmuschel; dann drang seine Zungenspitze dort streichelnd tief ein. Aus Katjas Mund erreichte ihn ein heller Ton, ein langgezogenes Summen; seine von ihr herbeigesehnte Zärtlichkeit hob sie in die Höhe.
Sie nahm daher zuerst nicht richtig wahr, dass er nun noch seinen freien Arm mit ins Spiel brachte.
Seine Finger schoben einen ihrer kurzen Ärmel hinauf zu ihrer Schulter.
In Erwartung eines Kusses schloss Katja die Augen und griff nach seiner Hand, doch er beugte sich stattdessen zu ihrem Arm hinunter.
Gleich darauf spürte sie seine warme und raue Zunge, die sich an der Innenseite ihres Armes auf ihre Achsel zu bewegte.
Sie erschauderte augenblicklich vor Wohlgefühl.
„Weiß er, wie empfindsam ich dort bin, wie mich das anmacht?“ dachte sie für einen Moment.
Hendrik aber war inzwischen leicht benommen von dem Duft ihrer Haut, den er aufgesogen, und von ihrem Geschmack, den er über seine Zunge in sich aufgenommen hatte.
Als ihr Mund seiner streichelnden Zunge entgegenkam, nahmen seine Lippen sie in Empfang.
„Ich möchte noch viel mehr von deiner Haut entdecken!“ sagte er.
„Aber wegen meines Gipsarms kann ich nichts mit Knöpfen und Verschlüssen anfangen!“ Katja nickte amüsiert und zog ihn vom Sofa hoch, bis sie einander gegenüberstanden. „Als Krankenschwester bin ich da gut in Übung!“ sagte sie und begann sein Hemd aufzuknöpfen, löste seinen Gürtel und fuhr rasch fort, in völlig zu entkleiden, nicht ohne zwischendurch ihre Hand sanft hier und dort auf seinem Fleisch ruhen zu lassen.
Hendrik war verstummt; seine Augen folgten Katjas Bewegungen, bis er völlig nackt vor ihr stand, geschmückt mit einem weißen Fremdkörper am Ende seines Armes.
Dann schaute sie ihm fest in die Augen und legte eine Hand auf seinen Bauch.
Zuletzt strich sie ihm zärtlich über seine halb aufgerichtete Rute.
„Von deiner Haut kann ich auch nicht genug bekommen!“
Mit diesen Worten zog sie sich geschickt die Bluse über den Kopf und schlüpfte mit wenigen Bewegungen aus ihren Jeans.
In ihren blauen Dessous stand sie kurze Zeit vor ihm.
„Noch mehr Haut?“ fragte sie mit einem unbefangenen Lächeln auf den Lippen.
„Ja“, nickte er, „ich will 100% von dir!“ Und sie erfüllte ihm seinen Wunsch.
Hendrik tat nur einen Schritt auf sie zu und holte sie mit einem Arm zu sich heran, bis ihre Körper aneinander ruhten, Haut auf Haut.
Es war einer der schönsten Sommertage; die Sonne füllte den Raum mit Licht und Wärme. Doch Katja überlief ein tiefgehendes Frösteln, das sich aber sofort verlor, als Hendrik auch seinen gipsgeschmückten Arm vorsichtig um sie legte und ihre Hüfte gegen seine Lende presste.
Schwarze Schafe

I.
Als die ausgelassenen Lieder zum Mitsingen ihren Höhepunkt erreicht hatten, gelang es Marlene endlich sich zur Haustür zu schleichen, ohne aufzufallen.
Aufatmend ließ sie kurz darauf den ganzen Mummenschanz hinter sich und schlenderte in tiefschwarzer Dunkelheit hinters Haus, wo sie einen Platz zu finden gedachte, ohne der grölenden Verwandtschaft zwischen die Finger zu geraten. Der für sie ungewohnte, leicht schwingende Rock flatterte in einer frischen Brise.
Die Hochzeitsfeier ihrer jüngeren Schwester Pia im Haus konnte ungetrübt ihrem Höhepunkt entgegenschunkeln; es gab eine Spielverderberin weniger im Festsaal, die das Affentheater mit gequälter Miene über sich ergehen ließ.
Die letzten Schritte zur großen Gartenschaukel legte sie mit neu belebtem Schwung zurück. Fast vergessen vergammelte diese in der dunkelsten Ecke hinter den neu gepflanzten Zypressen.
Sie näherte sich ihrem Jungmädchenparadies blind von hinten, schwang sich um die Ecke und ließ sich erleichtert in die Höhlung fallen.
II.
Ein heißer Schreck durchfuhr sie im gleichen Moment, der von einem durchdringenden Schrei begleitet wurde, von ihrem eigenen.
Statt in die blaugestreiften Polster einzusinken, traf sie auf ein lebendiges Wesen, das sich zappelnd und mit einem dunklen kehligen Laut dagegen wehrte, zerdrückt zu werden.
Das war Marlenes blitzartiges Empfinden, bevor etwas nach ihr griff, an ihr zog und nicht wieder losließ.
„Das Fallobst ist diese Saison besonders saftig und fühlt sich reif an!“ brummte eine Stimme.
Marlene fühlte zwei kräftige Arme an ihrem Körper, einer umklammerte ihre Taille, die Hände des anderen erkundeten mit Gefühl die weich gepolsterten Regionen ihrer Bluse.
Als der Schreck wich, begann sie zu strampeln, um sich aus der Umarmung zu befreien. Sie empfing einen warmen Atemstoß an ihrer Wange, der den Geruch von Rotwein und einen Hauch Knoblauch transportierte. Ein Mann ihres Alters, ein Mann, der festhielt, was er zu fassen bekam.
„Was machen Sie in meiner Schaukel? Und lassen Sie mich endlich los!“
Marlenes Stimme klang fordernd und kleinlaut zugleich, nur Angst war bei ihr keinen Moment lang aufgekommen.
„Aber, aber!“ beschwichtigte er sie. „So spricht man doch nicht mit lieben Gästen, Marlene!“
Er schwang seine Beine von der Schaukel und machte ihr Platz. Erst dann gab er sie frei und ließ sie in die Höhlung der Schaukel rutschen.
„Oder sollte ich eher sagen ‚mit lieben Verwandten’? Denn schließlich bin ich ja so was wie dein Schwager.“
Marlene schwirrte der Kopf; sie schwieg eine Weile ins Dunkle hinein. Dann löste sich das Rätsel für sie auf.
Pias Mann Harald hatte seinen Halbbruder zur Hochzeit eingeladen, dem sie nur kurz begegnet war. Gutaussehend, aber sehr frech und von einer überfallartigen Direktheit. Denn er hatte zur Begrüßung versucht, sie zu umarmen und zu küssen, anstatt ihr dezent die Hand zu reichen. Wenn man bedenkt: der Halbbruder ihres neuen Schwagers.
Nicht mal Harald, den Bräutigam, kannte sie so gut, dass sie so etwas Intimes zugelassen hätte.
Jetzt saß sie dicht neben Florian -der Name fiel ihr soeben wieder ein- und rief sich den energischen Zugriff seiner Hände in Erinnerung.
Und was sie am meisten verwirrte, sie erinnerte sich sehr gern daran.
„Alle Achtung“, raunte er ihr zu, „aber erstaunlich, dass du dieses Abfeiern und Abfüllen der Meute da drinnen so lange ausgehalten hast. Ich hab mich schon vor einer halben Stunde vom Acker gemacht.“
„Ich wusste ja nicht, dass du schon vorausgegangen bist und hier auf mich wartest!“
Sie hatte sich schnell entschieden, seine Frechheit noch zu überbieten und ihn halsbrecherisch herauszufordern; sie lauschte angespannt zur Seite hin.
„Du darfst nicht heimlich hoffen, dass ich das als ironisch verbuche, meine Liebe!“ war nach kurzer Stille seine Antwort.
„Darf ich die misslungene Begrüßung von heute Mittag nachholen?“
Es war so dunkel, dass sie ihn nicht sah, nur seinen Oberschenkel spürte, den er fest an sie presste. Sein ruhiger Atem war in der Stille deutlich zu vernehmen; sie war auf alles gefasst. Eine Umarmung, ein Kuss oder gar der ungestüme Versuch einer spontanen Eroberung! Warum nicht selbst das?
Als er mit seiner Hand den Griff an ihre Taille wiederholte, sie leicht zu sich hin zog, gab sie mit großer Vorfreude nach. Sie spürte seine Bewegung auf sie zu, wobei sich ihre Wangen ganz leicht streiften. Im Moment, da seine Hände auf ihren Schulterblättern lagen, spürte sie sein Kinn in ihrer Halsbeuge und nahm sie seinen leicht herben Geruch in sich auf.
Marlene kam ihm jetzt ohne Zögern stärker entgegen, umschlang seine Schultern und fuhr mit einer Hand streichelnd durch seine Nackenhaare.
Sie vernahm seine Stimme sehr leise direkt an ihrem Ohr.
„Das ist doch schon ganz was Anderes als vorhin. Ich halte dich solange fest, bis… “
Florian unterbrach sich und schwieg.
„Sag schon! Bis w a s geschieht?“ drängte ihn Marlene.
Statt einer Antwort ließ er mit leichtem Druck eine Hand an ihrem Rücken entlang nach unten zu ihren Schenkeln gleiten. Seine Lippen saugten sich gleichzeitig an der empfindsamsten Stelle ihres Nackens fest, die er anschließend mit seiner kreisenden Zunge reizte, bis Marlene vor Entzücken einen Laut von sich gab, -halb heftiges Atmen, halb unterdrücktes Stöhnen.
„Ich halte dich solange fest, bis du genug von mir hast“, setzte er sein Versprechen fort.
Dann löste er sich so weit von Marlene, dass sie pulsierend seinen Atem an ihrem Kinn spürte.
„Darauf kannst du lange warten!“ flüsterte sie mit gespieltem Trotz.
Sie fühlte wie seine Hand über Rücken, Schulter und Wange sich ihrem Mund näherte. Sein Daumen strich einfühlsam vom Mundwinkel her über ihre Lippen, hob dann ihr Kinn vorsichtig an.
Er zupfte zunächst mit halb geöffnetem Mund an ihrer Unterlippe und biss sehr sanft zu, worauf sie ihn heftig bedrängte. Mit ihrer Zungenspitze trennte sie seine Lippen voneinander und drang tief in seinen Mund ein.
Seine andere Hand war inzwischen damit beschäftigt, die bloße Haut ihrer Pobacken zu massieren und zwischen ihre Schenkel vorzudringen.
III.
„Florian!“
Marlene unterbrach ihre Invasion seines Mundes nur, weil sie sich wärmere Plätze vorstellen konnte als ihre Schaukel, um ihr eigenes Liebesfest fortzusetzen.
„Ich glaub, meine Gänsehaut kommt nicht nur von deinen zärtlichen Bemühungen, sondern auch von dem kühler werdenden Wind hier draußen.
Willst du mich nicht woanders hin entführen?“
„Wie wär’s mit einem Zimmerchen im Hotel Grotius?“ fragte er nach kurzem Zögern.
„Hauptsache wir sind weit genug von dieser ganzen Hochzeitsblase weg. Nicht dass wir den Figuren dort noch über den Weg laufen,“ kicherte Marlene.
„Ich muss dir noch was beichten!“ gestand Florian nun kleinlaut. „Du sprichst mit Haralds Hof- und Quartiermeister, meine Süße. Hab die Fete organisiert und die Hochzeitsnacht im Hotel Grotius dazu! Das konnte ich ihm nicht abschlagen, dem alten Romantiker!“
Marlene kuschelte sich sehr beeindruckt in seine Arme; mit seinem Halbbruder hatte Harald es wirklich gut getroffen, -und sie wohl auch.
„Wir könnten ja schon mal das Hochzeitszimmer testen!“ schlug sie leise vor.
„Vorläufig kommen Pia und Harald ja noch nicht dazu, oder?“
„Mein Gefühl sagt mir, dir würde solch eine Verrücktheit einen Mordspaß machen!“ brummte er.
Sein Zupacken wurde wieder fester; er suchte nach ihrem Mund. Ihr warmes Fleisch in seinen Händen brachte ihn auf Touren. Es schien aber, als könnte ihn die Aussicht auf ein warmes Bett nicht zusätzlich locken.
Doch Marlene war hartnäckig.
„Florian!“ erinnerte sie ihn zärtlich aber energisch.
Eine halbe Stunde später standen sie auf der Schwelle des Hochzeitszimmers ‚Venedig’, das Florian für das Brautpaar gebucht hatte.
Marlene machte große Augen, wurde -für Florian völlig unerwartet- seltsam stumm und blieb es auch eine Weile. Ihm kam gleich ein Verdacht.
„Schon mal gehabt?“ fragte er „Hochzeitsnacht mit allem Drum und Dran?“
Sie lachte kurz und verkrampft.
„Jung gefreit und so weiter“, spottete sie, „vor 10 Jahren; die Scheidung war 5 Jahre später. Erster Tag und erste Nacht bei einer bescheidenen Hochzeitsreise nach Tirol. Die Sprungfedern der Betten quietschten so laut, dass wir auf den Fußboden umgezogen sind. Aber wir lebten ja sowieso schon 5 Monate wie Mann und Frau zusammen.“ Dann wandte sie sich ihm mit einem fragenden Ausdruck in den Augen zu.
„Nein, nein“, wehrte er ab, „bei mir hat es zur Hochzeit nicht gelangt. Da gab es nur zwei lange Beziehungen von 4 und 7 Jahren. Und die jeweils ersten Nächte waren zwar rauschende Feste, aber ohne Prunk und Protz.“
„Na also“, schloss Marlene daraus, „es spricht doch alles dafür, dass wir beide endlich auch mal so was verdient haben? Die Gelegenheit war noch nie so günstig. Komm, wir machen mal Probeliegen!“
Mit großen Schritten eilte Florian der Brautschwester hinterher; es gelang ihm gerade noch rechtzeitig sie einzufangen, bevor Marlene sich mit Anlauf und Schwung auf das große Hochzeitsbett werfen konnte.
Sie zappelte in seinen Armen, bis er sie mit Mund und Händen in eine schnurrende Katze verwandeln konnte.
„Du spinnst wohl, Süße,“ flüsterte er dann, „wir können den beiden doch nicht den Spaß verderben. Verknüllte Laken, fremde Düfte und was sonst noch alles zurückbleiben kann.“
Florians Erkundung bei der Hotelleitung sorgte jedoch eine Viertelstunde später für großes Entzücken bei der von Hochzeitsnacht-Gefühlen angefixten Marlene. ‚Nizza’ stand in verschnörkelter Schrift über der Tür gleich neben dem Hochzeitszimmer. Das fand Marlene sowieso schicker als ‚Venedig’.
Es fehlte hier die Opulenz der Ausstattung; fast alles in diesem Raum war ein paar Nummern kleiner als nebenan.
„Aber das Bett ist genau so groß!“ Sie glich mit ihrem Strahlen ohne Weiteres die Schummrigkeit in den Winkeln des Raumes aus.
IV.
„Muss man bei einer Hochzeitsnacht eigentlich auf etwas Besonderes achten?“ fragte Marlene vom Fußende des Bettes her, als warte sie auf so etwas wie einen Startschuss aus der Kulisse.
„Das Rezept für ‚Hochzeitsnacht’ ist so einfach wie bei Hausmannskost“, witzelte er. „Man nehme: einen Mann, eine Frau und ein Bett. Alles Weitere ist Dekoration!“
„Na gut“, sagte Marlene. „Es ist von Allem genug da!“ fand sie schließlich und schubste ihn ohne Ansatz und Vorwarnung aufs Bett. Sie dachte nicht daran, ihm eine Chance zu geben, aus der Käfer-Rückenlage zu entkommen; denn sie setzte sich einfach auf ihn.
„Hatten wir das nicht alles schon einmal?“ erinnerte er sich und suchte unter ihrem Rock wieder Halt für seine Hände.
„Genau!“ stimmte sie zu. „Aber es wird jedes Mal schöner.“
Sie hatte mittlerweile ihren Oberkörper auf ihn hinuntersinken lassen und ihre Worte waren immer leiser geworden.
Marlene spreizte sich über ihn und verschränkte ihre Schenkel mit seinen; ihre sanft kreisenden Hüften spielten vorsichtig mit seiner Erregung, die merklich wuchs. Mit Mühe zügelte Marlene die eigenen Wünsche, ihre Lust auf ihn, zögerte den Moment hinaus, alle Dämme brechen zu lassen.
„Sprich mir nach!“ flüsterte sie.
„Was kommt denn jetzt?“ tauchte er aus dem Gefühl der Vorfreude auf, das ihn schon in fortgeschrittenem Maße benommen gemacht hatte.
„Jetzt kommt das Gelübtnis des Bräutigams!“ kicherte sie, stützte ihre Arme auf seine Schultern und nahm dabei gerade noch wahr, wie er seine Augen verdrehte.
„Ich gelobe, keinen Quadratzentimeter von Marlenes Haut auszulassen, wenn es Zärtlichkeiten setzt... “ Er brummte zustimmend.
„ ...werde dabei weder meine Hände und Lippen, die Zunge, sowie alles, was sonst noch in Frage kommt, schonen...“ Florian ächzte und stöhnte vernehmlich.
„ ...und dieses Weib unablässig in Bewegung halten, bis morgen früh!“ Marlene wurde von einer sich aufschaukelnden Welle heftiger Atemzüge ins Schaukeln versetzt.
Dann packte Tobias Marlene mit einem triumphierenden Ausruf, wirbelte sie im Bett herum und begrub sie unter sich.
„So!“ sagte er. „Immer ich! Immer nur ich! Dein Beitrag beschränkt sich wohl auf wohliges Schnurren und heftiges Stöhnen?“
Als Antwort rieb sie sich schlangengleich an ihm, wo immer sie ihn erreichen konnte, zog ihn schließlich voller Hingabe zu sich herab.
„Wie wäre es, wenn ich die wundervolle Aufgabe übernähme, dich glücklich zu machen?“ Sie lagen regungslos und still in den frisch duftenden Laken, mit ihren Körpern verschränkt, als gäbe es in diesem Bett nur ein einziges Wesen.
Dann rollte er sich ein Stück beiseite und begann ihre Wünsche zu erfüllen.
Als er ihr Rock und Bluse abgestreift hatte, war ein guter Teil von dem getan, was Platz schuf für die Wege seiner Lippen und Hände über ihre freigelegte Haut.
Bald lag Marlene wie eine aufgeblühte Rose mitten im großen Bett, folgte mit vor Freude weit geöffneten Augen Tobias Bewegungen, als er zuletzt seine Cord-Jeans beiseitelegte und auch sein letztes Kleidungsstück abstreifte.
Sie rekelte sich, spannte die Muskeln an und schob sich lächelnd auf ihn zu.
„Ich weiß immer noch nicht, was ich an dir so Besonderes finde!“ sagte sie in die Stille der auf beiden Seiten wachsenden Erregung hinein.
„Du bist mir gegenüber frech, unverschämt und himmelschreiend selbstbewusst gewesen!“
„Ich weiß!“ erwiderte er. „Aber manchmal fängt etwas genauso an, was man ‚Liebe’ nennt. Das ist so, auch wenn zwei zuerst glauben, dass man den Anderen nicht ertragen kann. Man reibt sich aneinander; dann wird das Aneinander-Reiben immer zärtlicher, bis man entdeckt, dass nichts wichtiger ist, als mit dem Anderen zusammen zu sein.“
„Ja“, sagte sie, „ich möchte mit dir zusammen sein, -jetzt!“
Sie bemerkte ein Frösteln auf ihrer Haut, obwohl der Raum wohl temperiert war.
Dies war kurz bevor er eine Hand auf ihre Hüfte legte und die andere unter ihrer Achsel hindurch zu ihrer Schulter hinaufschob. Dann deckte er ihren Körper wie mit einem samtenen Mantel zu. Tobias ruhte zwischen ihren Schenkeln und ließ sie spüren, dass sie seine Frau war.
Die Zelte der Cevennen

I.
Neville wuchtete sein Gepäck aus dem Zug, der im winzigen Bergbahn-Bahnhof haltmachte; er rechnete damit, der einzige Passagier zu sein, der hier den Zug verließ.
Sein Kumpel Lester sollte heute dabei sein, hatte sich aber dann drei Tage vor der Abreise beim Sprung aus dem Bus das Bein gebrochen. Er aber ließ sich nicht abhalten und machte sich allein auf die lange geplante Cevennentour.
Beim Absetzen des Rucksacks auf dem Bahnsteig nahm er aus dem Augenwinkel am anderen Ende des Zuges eine Bewegung wahr.
Zwei weitere Passagiere rollten und schoben ihr Gepäck ins Freie.
Als die beiden sich Neville näherten, konnte er einen Blick auf vier wundervolle Frauenbeine werfen, die aus kurzen Leinenhosen mit verführerischen Rundungen herausschauten.
„Hey“, begrüßte er sie, „sagt bloß, ihr wollt die Cevennen unsicher machen. Die schmalen Passagen sind ja hier nicht ohne; da hat frau aber einiges dran zu knabbern!“
Hanna und Jeanette, die beiden Alpinen aus Deutschland, gruben ihm gleich das Oberwasser ab.
„Wenn du dich alleine nicht traust, darfst du bei uns Sherpa spielen“, gab ihm die blonde Hanna Zunder, während die dunkle Jeanette sich gnädiger zeigte.
„Drei gegen die Cevennen schaffen das besser als nur zwei.“
II.
So waren sie sich schnell einig, den Weg durch Wald und Fels gemeinsam anzugehen und verbrachten einen sonnigen und fröhlichen Tag bei einem geruhsamen Anstieg.
Das eine oder andere Mal kam Bedauern in ihm auf, Bedauern für Lester, der sich so gut darauf verstand, das lebhafte Interesse attraktiver Frauen auf sich zu ziehen. Auf der anderen Seite genoss es Neville aber auch über alle Maßen, so die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner beiden liebenswerten Begleiterinnen zu erhalten, die mit zunehmender Hitze und Anstrengung nach und nach auf Teile ihrer Kleidung verzichteten.
In der Nacht jedoch ließen sie ihn allein in seinem Zelt, wo die Bilder des Tages ihn noch lange nicht zur Ruhe kommen ließen. Die weich schwingenden Hüften Hannas vor Augen und in frischer Erinnerung der Blick zurück auf Jeanettes Oberkörper, den ein Bikini-Oberteil nahezu rein symbolisch verhüllte.
Am Vormittag des folgenden Tages querten sie einen Geröllhang, dessen Tücken alles veränderte.
Neville verlor für kurze Zeit den festen Stand, seine Packtasche mit Zelt und Schlafsack glitt ihm von der Schulter und rutschte weiter unten in einen tiefen Spalt, - ohne Chance, ihn dort wieder herauszuangeln.
Schon in der Nacht zuvor waren sie sich einig gewesen, dass selbst jetzt im Hochsommer es am Berg doch zu kühl war, um im Freien zu übernachten.
Neville war jetzt auf die Großzügigkeit von Hanna und Jeanette angewiesen.
„Das hatte ich mir schon etwas komfortabler vorgestellt!“ verkündete Jeanette. „Aber was hilft es? Du kommst mit in unser Zelt!“ gab sie ihren Entschluss bekannt.
Hanna schien die Sache noch viel lockerer anzugehen.
„Den klemmen wir zwischen unsere beiden Schlafsäcke ein; dann kann uns nichts passieren, nicht wahr, Neville? Wirst schon nicht erfrieren. Und dann schauen wir weiter.“
Doch nach drei Stunden, in denen er wegen der Kühle kein Auge zu bekommen und den Schlaf aller unmöglich gemacht hatte, musste auf die Schnelle eine Lösung her.
Hanna fackelte nicht lange und machte dem Gezappele ein Ende.
„Wir sind beide ziemlich schlank, Neville. Du passt mit in meinen Schlafsack, aber versprich mir… na, du weißt schon!“
Einen Moment lang war er versucht, seine Wohltäterin zu ärgern.
„Ich kann dir da überhaupt nichts versprechen“, lag ihm auf der Zunge.
Stattdessen spielte er das Unschuldslamm.
„Aber, Hanna, ich bin ja schon deswegen garantiert brav, weil ich total übermüdet bin.“
Tatsächlich schlief er sofort ein; aber als er aufwachte und den warmen Körper der jungen Frau, ihren Rücken und ihre Schenkel spürte, stellte er fest, dass er sie von hinten umarmt hielt, eine Hand auf ihrem Bauch, die andere auf ihren Brüsten.
Vorsichtig zog er seine Hände zurück und bemerkte dabei, dass sie längst wach lag, ohne sich zu rühren und ohne sich zu empören.
„Ich wollte das nicht, Hanna“, gestand er kleinlaut, „warum hast du mich nicht geweckt?“
„Warum denn?“ murmelte sie, „ich fand es so ganz schön.“
Er bedauerte, ihr Gesicht dabei nicht sehen zu können. Der Klang ihrer Stimme unterstrich, dass sie seine Hände an ihrem Körper genossen hatte.
Von der anderen Seite her mischte sich jetzt Jeanette ein.
„Was ist schön, Hanna?“, fragte sie voller Neugier.
„Nicht so wichtig“, behauptete Hanna, „ich erzähl es dir später.“
III.
Neville hatte während des ganzen Tages keine Gelegenheit herauszubekommen, ob Hanna ihrer Freundin deutlich gemacht hatte, was denn so schön gewesen sei, dass sie dies ihm, Neville, unbedingt mitteilen musste.
Als sich der Abend näherte und sie einen Schlafplatz für die Nacht gefunden hatten, führte jedoch nichts an einer gemeinsamen Beratung darüber vorbei, wie Neville die Nacht verbringen könne, ohne durch heftiges Zittern die Nachtruhe der beiden Freundinnen zu stören.
Hanna rückte zögernd mit der Wahrheit der letzten Nacht heraus; Jeanette wirkte zunächst pikiert, da sie draußen vorgeblieben war.
Neville beteuerte in einer Tour, dass er die ganze Zeit über in Hannas Schlafsack wie ein Stein geschlafen habe, keusch und unschuldig.
Er stellte mit großem Erstaunen fest, wie leicht Jeanette bereit war, seinen Beteuerungen Glauben zu schenken, zu Hannas Erleichterung.
Aber sowohl sie als auch Neville wunderten sich doch dann sehr, als Jeanette den Vorschlag unterbreitete, Neville möge, aus Gründen der Gerechtigkeit, in der kommenden Nacht Gast in ihrem Schlafsack sein.
Er sah gewisse Komplikationen auf sich zukommen, da er während der ersten beiden Tage bei sich eine zunehmende Unruhe festgestellt hatte, wenn ihm Jeanette sehr nahe kam oder zeitweise mit ihm allein war.
Gleiches war ihm bisher mit Hanna noch nicht passiert, selbst wenn sie, -er war sich dessen sicher-, bewusst seine Nähe suchte oder ihn berührte.
In der vorigen Nacht war er ja aus den bekannten Gründen nicht ansprechbar; in einer der folgenden Nächte würde Hanna die Gelegenheit nicht so einfach verstreichen lassen, wenn er gut ausgeruht zu ihr in den Schlafsack kriechen würde.
Zunächst jedoch sah Neville der kommenden Nacht mit großer Unsicherheit entgegen. Allein schon weil die weiblichen Formen Jeanettes viel ausgeprägter waren, würde die größere Enge im Schlafsack seine heimlichen Wünsche wachsen lassen. Und Hanna würde gewiss ein wachsames Auge auf das Geschehen im Schlafsack nebenan haben.
IV.
Wie schon am vorigen Abend wechselte er seine Kleider für die Nacht im Zelt, die Frauen absolvierten den Wechsel diesmal dahinter.
Nacheinander schlüpften die beiden wieder ins Zelt; im schummrigen Licht sah er kaum etwas, wusste aber, dass ihre Pyjamas die gleichen blauen Streifen aufwiesen.
„Komm“, hörte er Jeanettes Stimme zu seiner Linken, „ich bin schon drinnen.“
Er schob seine Hand tastend vor, bis er auf ihre Schulter traf und erwischte mit der anderen Hand den Reißverschluss.
So glitt er ohne große Schwierigkeiten an ihre Seite.
Erst als er begann den Reißverschluss hinaufzuziehen, wurde es enger.
Ihre Hüften stießen aneinander und er wusste nicht so recht, wohin er mit seinen Händen sollte.
Zuletzt ließ er es einfach darauf ankommen, wie Jeanette darauf reagieren würde. Auf der Seite liegend, Jeanettes Rücken vor sich, legte er vorsichtig seine Hand auf ihrer Hüfte ab und wartete verhalten atmend ab.
Schon glaubte er, sie hätte seine Hand deshalb nicht bemerkt, weil sie sehr schnell Schlaf gefunden hatte. Doch dann legte sich ihre Hand streichelnd auf seine, zog ihn näher, sodass er mit seinem Körper folgte.
Der stärker werdende Duft ihrer Haare zeigte ihm an, dass er sich ihren Schultern und ihrem Nacken näherte.
Seine Hand an ihrem Körper, spürte er, dass sie begann, die Lage ihres Körpers zu verändern; sie wendete sich ihm zu.
Als Neville den warmen Hauch ihres Atems an seinem Hals spürte, ließ ihr Griff an seiner Hand los und wurde gleich darauf an seinem Rücken spürbar, denn sie schmiegte ihren Körper fest an ihn.
Ihre Lippen berührten seine Brust; der Druck ihrer Brüste fachte seine Erregung an und schließlich schob sie ein Knie zwischen seine Beine.
In dieser Weise umarmt, ganz und gar aufgeputscht, war er zur Passivität verurteilt.
Kein Gedanke daran, mit Armen und Mund auf Erkundung zu gehen, seine Bewegung den ihren entgegenzusetzen; denn nebenan wäre Hanna mit solch einer hörbaren und spürbaren Entwicklung nicht einverstanden gewesen.
Neville hielt still, genoss zwar die zärtlichen Berührungen, litt aber auch fast in gleichem Maße.
Während Jeanettes gleichmäßige Atemzüge verkündeten, dass sie in Nevilles Umarmung Schlaf gefunden hatte, erlaubte ihm seine Erregung kaum mehr als ein paar kurze Phasen der Nachtruhe.
V.
Gegen Morgen schien er jedoch längeren Schlaf gefunden zu haben, denn er erwachte im Schlafsack, auf dem Rücken liegend und allein. Zunächst erhoben sich bei ihm Zweifel, ob die vorige Nacht wirklich so verlaufen war, wie er sich erinnerte. Also, alles nur ein Traum?
Flüsternde Stimmen, die von draußen an sein Ohr drangen, machten ihn neugierig, aber Hannas und Jeanettes Worte waren hier drinnen nicht zu verstehen. Als er an die frische Luft kroch, verstummten sie.
Sein Blick wanderte zwischen beiden hin und her.
„Na gut, ich gebe auf“, gestand er den beiden, „ich nehme den unteren Weg nach Flammeron, das schaff' ich bis heute Abend. Und ihr habt euren Frieden!“
Jeanette und Hanna wechselten einen schnellen Blick.
„Hast du gehört, Jeanette“, sagte Hanna, „er will sich aus dem Staub machen!“
„Ja“, echote Jeanette, „kaum wird es etwas kompliziert, hat er schon genug von uns.“
„Und dabei hat es doch gerade erst angefangen, Spaß zu machen“, bemerkte Hanna halblaut.
„Soll ich es ihm erzählen“, fragte Jeanette, „soll ich sagen, was er in der kommenden Nacht alles verpassen könnte?“
Jeanette bewegte sich tänzelnd auf Neville zu, blieb sehr knapp vor ihm stehen.
Über die Schulter rief sie Hanna zu:
„Ich glaube, ein klein wenig erinnert er sich wieder an die letzte Nacht.“
„Und wo er seine Hände hatte, als er am Morgen davor wach wurde!“, ergänzte Hanna mit Nachdruck.
„Es gibt keine Probleme mehr“, verkündete Jeanette fröhlich.
„Die Reißverschlüsse unserer beiden Schlafsäcke lassen sich miteinander verbinden; dann gibt es ganz leicht Platz für drei Personen.“
Sie schaute Neville jetzt mit glitzernden Augen an.
„Für drei Männer oder drei Frauen oder… na ja, du weißt schon!“
Jeanette und Hanna lachten hell auf.
VI.
Den größten Teil des Tages hatten sie sich heute durch wellige Talgründe bewegt; die Sonne entfaltete ihre volle Kraft und Neville bewegte sich die ganze Zeit über im Schlepptau der beiden besonders aufgekratzt wirkenden Zeltbesitzerinnen.
Nach einem Blick über die Schulter zu Neville wandte sich Hanna an ihre Freundin.
„Heute Nacht wird es draußen wohl sehr warm bleiben. Vielleicht braucht Neville dann weder Schlafsack noch Zelt.“
Und Jeanette konnte ein Prusten kaum unterdrücken, als sie noch eins drauf sattelte.
„Vielleicht braucht er ja nicht einmal seinen Pyjama.“
Da rief Neville schlagfertig dazwischen:
„Ich vergaß: mein Pyjama ist vorhin in einen Bodenspalt gefallen. Auf den werde ich heute Nacht verzichten müssen!“
Hanna und Jeanette flüsterten darauf hektisch miteinander, kicherten laut, bevor Jeanette hinüberrief:
„Armer Neville! Wir erklären uns mit dir solidarisch!“
Das Nachdenken über diese schräge Bemerkung beschäftigte ihn bis zum Abend.
VII.
Nachdem das Zelt aufgebaut war, sortierte Neville sein restliches Gepäck unter einem Baum am Rand der Wiese. Er hob den Kopf, lauschte und hörte …nichts. Von seinen beiden lebhaften Reisegefährtinnen war nichts zu hören.
Und als er um sich blickte, wurde ihm klar, dass sie weit und breit auch nicht zu sehen waren.
Dies hielt er für eine gute Gelegenheit, das Zelt zu inspizieren; die Geschichte mit den beiden Schlafsäcken, die zu koppeln waren, interessierte ihn.
Außerdem gab es noch ein wenig Helligkeit, um sich alles genau anzusehen.
Als er die Plane zurückschlagen wollte, schallte ihm hell und laut entgegen:
„So kommst du nicht herein!“
Vom Eingang her erspähte er Jeanettes dunkle Locken und Hannas blonde Strähnen. Der Rest steckte im großen Schlafsack.
Er zögerte noch, ob er beleidigt abdrehen sollte, als Jeanette mit sanfter Stimme
fortfuhr.
„Jedenfalls nicht so und auch nicht im Pyjama! Lass dir was einfallen!“
Ihm schwirrte der Kopf.
Was machten die beiden so früh schon im Schlafsack? Hatten sie ihn schlitzohrig beim Wort genommen, als er ihnen von seinem Pyjama etwas vorschwindelte? Und solidarisch wollten sie mit ihm sein!
Der Gedanke ließ ihn nicht los, dass die beiden ihn dort im großen Schlafsack gemeinsam erwarteten, -oder quälten ihn bereits Halluzinationen?
„Egal“, entschloss er sich, „ich wage es einfach.“
Neville begann sich vor dem Zelteingang zu entkleiden; kurz darauf stand er nackt und voller Erwartung im Licht der Dämmerung, holte einmal heftig Luft und schlug ein zweites Mal die Plane zurück.
VIII.
Diesmal war von Hanna und Jeanette, die im Restlicht der Dämmerung sehr wohl erkennen konnten, dass Neville selbst auf seinen Pyjama verzichtet hatte, kein Wort zu hören.
Er ließ sich auf die Knie nieder und tastete sich wie ein Blinder heran, als sähe er nicht die Gesichter der beiden vor sich. Hanna zu seiner Linken, Jeanette zu seiner Rechten, und dazwischen eine Lücke, gerade so breit, dass sie für ihn Platz bot. Dort entdeckte er auch den durchgehenden Reißverschluss.
„Ich hab mir was einfallen lassen! Ihr müsst nur sagen, wenn es euch nicht gefällt.“
Als er in den Schlafsack hineingeschlüpft war, brauchte er nicht allzu lange auf eine Antwort zu warten, auch wenn weiterhin nicht ein Wort gesprochen wurde.
Auf beiden Seiten gab es schwache raschelnde Geräusche.
Erst an der Hüfte, dann unterhalb seiner Achseln und an seiner Brust spürte er weiche Haut, streichelnde Hände und wärmenden Atem.
Hanna und Jeanette deckten je eine Hälfte seines Körpers zu.
Kettenreaktion

I.
„Und wie läuft bei dir das Geschäft, Elzbieta? Waren die Kunden von der letzten Woche noch mal da?“
Die langmähnige Blonde sorgte sich schon eine ganze Weile um ihre Freundin, deren Kreationen für den gängigen Geschmack des Publikums in dieser Stadt zu ausgefallen waren. Sie rückte ihre Kaffeetasse nervös zurecht.
Ihrer Nachbarin am Café-Tisch jedoch war dieses Maß von Unruhe und Besorgnis völlig fremd; sie fuhr sich eher gelassen durch ihr kurzgeschnittenes braunes Haar.
„Ja, schon!“ antwortete sie dann. „Aber die haben sich nur 5 Stücke ausgesucht. Sie wollen aber ihre Geschäftsfreunde demnächst zu mir schicken.“
Sie liebte dieses Murmeln und Gezwitscher ringsum, die ununterbrochene Dynamik der hin und her trippelnden Bedienungen, wenn die Betriebsamkeit ihren Höhepunkt erreichte.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen?“ Der halblaute Klang eines Baritons sickerte aus dem wattig-lauen Dunst über ihrem Kopf zu ihr herab.
Ein Mann in weinroter Cordjacke beugte sich zu ihr herab und peilte den freien Stuhl auf der Gangseite an. Da sie auf Sichtweite nur diesen einzigen freien Stuhl erspähen konnte, gab sie ihm schulterzuckend grünes Licht.
Es dauerte nicht lange, bis die blonde Harriet sich aufgekratzt verabschiedete und ins Freie schlenderte; Elzbieta aber ließ sich noch einmal in ihren Stuhl zurücksinken.
Sie rührte unkonzentriert in ihrem Kaffee, -völlig unnötig-, schaute hin und wieder auf und senkte zwischendurch den Blick unruhig auf den Tisch.
Noch ein Schluck und ein Seitenblick, dann war das Maß voll. Sie hob ihr Kinn energisch an und richtete ihre ganze Energie auf den Typ in Weinrot neben ihr.
„Sie schauen mich die ganze Zeit so intensiv an. Manche halten so etwas für unhöflich; andere meinen sogar das wäre aufdringlich. Ist da irgend etwas Besonderes?“
Während sie ihn mit mindestens hundert Volt anblitzte, fing er dieses Gewitter mit einem provozierend ruhigen Blick ab: nachgiebig und werbend. So sehr sie sich auch bemühte und dagegen anging, Elzbieta stand auf verlorenem Posten; sein Blick tat ihr einfach höllisch gut!
Deutlich empfand sie sein Vergnügen, sie zu betrachten; ihre kleine Attacke hatte ihn nicht im Geringsten erschüttert.
„Ja“, antwortete er entspannt, „ganz ohne Zweifel gibt es etwas ganz Besonderes zu sehen. Und das sind natürlich Sie!“
Wer Elzbieta kannte, wusste, dass solch ein Kompliment sie sofort entwaffnen würde. Ihre Bereitschaft zur Empörung war mit einem Mal verschwunden.
Aber so ganz wollte sie ihm seine sie aufwühlende Unbefangenheit nicht durchgehen lassen.
„Ich glaube eher, dass Sie es mit ihrem Blick eher auf mein Dekolleté als auf mich selbst abgesehen haben“, ließ sie einen Hieb gegen ihn los. Ein Akt der berechtigten Notwehr, wie sie meinte.
Er stützte lächelnd seinen Arm auf und legte sein Kinn in die Mulde seiner Hand.
„Warum soll das eine denn das andere ausschließen? Und was ist, wenn mich beides zugleich so fasziniert, dass ich nicht wegsehen kann? Was bleibt mir Anderes übrig?“
Elzbieta war nahe daran, sich seiner Liebenswürdigkeit geschlagen zu geben, obwohl sie keine Ahnung hatte, wozu dies führen sollte.
„Sie haben wohl auf alles eine passende Antwort“, entfuhr es ihr eher kleinlaut als patzig.
Er hob den Kopf und deutete flüchtig mit einem Finger auf sie.
„Dabei habe ich noch gar nicht von dem wundervollen Anhänger gesprochen, der ihren Ausschnitt noch faszinierender macht.“
Elzbietas Interesse und Aufmerksamkeit erlebten eine blitzschnelle Belebung.
Angeregt wendete sie sich dem Tischnachbarn in der roten Jacke zu, damit er sie und ihr Lieblingsstück noch besser im Blickfeld hatte: einen ovalen Bimetall-Anhänger, der knapp über ihren Brüsten schwebte.
„Das ist meine eigene Arbeit“, verkündet sie mit hörbarem Stolz.
„Dann liege ich wohl richtig mit meiner Vermutung, dass Sie Goldschmiedin sind?“ wollte er sogleich wissen.
„Ich merke, dass Sie einen Blick fürs Professionelle haben. Kennen Sie sich in diesem Metier aus?“
„Ja, allerdings“, verriet er ihr, „ich betreibe einen Versandhandel mit Unikat-Schmuck.“
In diesem Moment sah Elzbieta ihre Felle davonschwimmen.
„Einer, der ein großes Geschäft wittert! Einer der so cool tut, weil er die Frauen um den Finger wickeln will!“ dachte sie.
In ihrem Kopf war kein Platz mehr für den Gedanken daran, selbst vor einem sehr willkommenen Verkaufserfolg zu stehen. Wieder mal einer, der falsch spielt! Wieder mal ein eiskalter Taktiker!
Ihr Blick wurde dunkel; sie zog sich abgekühlt in ihren Stuhl zurück.
„Ich denke, dass ich jetzt klarer sehe: Sie interessiert wohl eher der Marktwert meines Anhängers als meine Person oder wenigstens mein Ausschnitt?“
Der ruhige und freundliche Ausdruck seiner Augen wirkte für einen Moment wie eingefroren, trübte sich dann allmählich ein. Und plötzlich wusste sie, wie er sie anschauen würde, wenn ihn einmal Trauer überkäme. Wie sich Verletztheit widerspiegeln würde, ahnte sie bereits.
Sie beugte sich rasch zu ihm hinüber.
„Ach ja“, flüsterte sie, „ich weiß schon: Wieso soll das eine denn das andere ausschließen?“
Ihr helles Auflachen erweckte ihn aus der nur von ihr wahrgenommenen Starre und ließ in seinem Gesicht ein bewunderndes Lächeln aufscheinen, das ihr unendlich gut tat.
„Sagen Sie“, fuhr er fort, mit einer Bewegung auf den Ansatz ihrer Brüste zu. „Kann ich davon noch mehr sehen?“
Sie vergaß von einem Augenblick zum anderen all ihre Zurückhaltung, ihre Scheu davor, einem Mann allzu früh ihre Bereitschaft zu offenbaren, sich ganz und gar auf ihn einzulassen.
„Wovon wollen sie mehr sehen? Etwa von mir?“
Er konnte nicht verbergen, dass er wohl überhaupt nichts dagegen hätte.
„Sagen wir mal: zunächst von ihrem Schmuck… “
Sie bemerkte, dass seine Augen den weichen Kurven ihrer Brüste folgten.
„Danach vielleicht von Ihnen!“
Dabei war sie sich so sicher gewesen, ihn mit ihrer frechen Frage in Verlegenheit gebracht zu haben. Nun war er es, der diese Frage für bare Münze nahm und ihr so fast die Fassung raubte.
Als er dies bemerkte, hätte er seine Bemerkung gern zurückgenommen.
Sogleich sah er jedoch, wie ihr Blick nach und nach immer weicher wurde, bis aus ihrem Mund zwei Worte zu vernehmen waren, nur zwei Worte, aber zwei vielversprechende Worte.
„Mal sehen!“
„Das ist viel mehr, als ich erhofft habe!“, bemerkte er leise.
II.
Leanders scheinbar so sicheres Auftreten verbarg, wie sehr seine Gefühle ihn ins Schwanken gebracht hatten. Das Geschäft mit Unikat-Schmuckstücken war seit Jahren sein Lebensinhalt. Und die Erfahrungen dieser Zeit hatten ihn darin bestärkt, dass vor allem die zwar freundliche aber nüchterne Distanz zu seinen Lieferanten Garant für ein passabel gehendes Geschäft war.
Er spürte, dass mit Elzbieta sich da etwas zu verändern begann.
Auf dem Weg zu ihrem Atelier, als sie durch die Altstadt schlenderten, wagte er dann und wann einen schnellen Blick auf ihr jetzt gelöst wirkendes Profil und hörte ihr zu. Jedenfalls glaubte er, sehr genau hingehört zu haben. Erst jedoch als sie einen kurzen Stop vor einem Schaufenster einlegten, wurde ihm bewusst, dass Elzbieta längst völlig unbefangen zum ‚Du’ übergegangen war. Sie zeigte ihm dort einen Design-Sessel und legte dabei wie selbstverständlich den Arm um ihn.
Die Hofeinfahrt zu ihrer Werkstatt machte einen leicht schmuddeligen Eindruck und führte ins Halbdunkle. Sie wischte seinen skeptischen Blick mit einem Lachen weg.
„Dachtest du, ich hätte einen luxuriösen Laden an der Hauptstraße? Ich bin ja nicht die Top-Designerin der Stadt!“
„Wenn du möchtest, mache ich eine aus dir!“ Er reagierte entschlossen auf Elzbietas Versuch, ihre Fähigkeiten kleinzureden.
Und sie hieß sein Angebot willkommen, als zärtlichen Trost und fernes Licht im Dunkeln. „Dann leg mal los!“
Noch wusste Elzbieta ja nicht, dass für Leander dieses Versprechen den Stellenwert eines Gelübdes, eines Schwures hatte. Denn er hasste nichts so sehr wie leere Versprechungen, -bei anderen sowieso-, aber bei sich selbst würde er den Bruch des Versprechens für eine Todsünde halten. Er ging auf Distanz zu sämtlichen Großmäulern, um nicht selbst eins zu werden.
Der kleine helle Raum war so sehr vollgestopft mit Regalen und Materialschränken, dass sie nur weit hinten eine Ecke fanden, wo Elzbieta ihre kleinen Kunstwerke präsentieren konnte.
„Muss ich jetzt auch noch modeln?“ fragte sie in einem Ton, als wäre es die größte Zumutung für sie, mit dem eigenen Schmuck zu posieren. Er aber sah, dass sie vor Wohlgefühl dahinschmolz und ihn dadurch noch stärker in ihren Bann zog.
Immer wenn er die Kette eines weiteren Anhängers in ihrem Nacken befestigte, lag seine Hand einen Augenblick zu lange auf ihrer Schulter. Unter ihrem Hals drapierte er den Anhänger dann sehr sorgfältig. Dabei streichelten seine Finger wie zufällig immer wieder die feine Haut ihres Dekolletés.
Elzbieta konnte sich nicht dagegen wehren, bei jeder seiner Berührungen vor Erregung kurz die Luft anzuhalten.
Als sie gerade mit ihrem Blick zärtlich sein Gesicht abtastete, hob er für sie unerwartet den Kopf. Voller Verlegenheit wollte sie sogleich wegschauen.
Er aber murmelte in diesem Moment halblaut: „Wie wunderschön!“
Dabei drückt er einen zarten Kuss auf den Ansatz ihrer Brüste.
„Von deinem wahnsinnig tollen Schmuck habe ich ja jetzt schon sehr viel gesehen“, blickte er auf die letzte halbe Stunde zurück.
„Hast du dir das andere auch schon überlegt?“
Elzbieta hatte sehr genau in Erinnerung, auf welche verlockende Möglichkeit er geradewegs zusteuerte.
„Gib mir 24 Stunden Bedenkzeit“, bat sie ihn, obwohl sie ihm zu gerne gleich nachgegeben hätte.
„Du hast ja auch 24 Stunden dich zu entscheiden, was du aus meiner Kollektion nimmst.“
Leander brummte furchterregend.
„Da sieht man mal wieder, wie die modernen Geschäftsfrauen zu pokern verstehen!“
Doch der Blick in ihre Augen verriet ihn.
„Ich brauche keine Bedenkzeit, Elzbieta; ich kaufe deine ganze Kollektion und die nächste dazu im Voraus!“
III.
Allzu gerne hätte Elzbieta die Position der Top-Designerin in dieser Stadt erobert und ihre Kreationen danach landesweit unter die Kunden gebracht. Leander stand unverändert hinter seinem Versprechen, seine ganze Kraft dafür einzusetzen.
Bei sonnigem Wetter machten sie sich auf den Weg in die Landeshauptstadt, wo Leander einen Mini-Stand bei der ersten Schmuckdesign-Ausstellung in diesem Jahr gebucht hatte.
„Schweineteuer, solch ein Brettertisch mit Deko“, hatte er gesagt. „Da ist kein Geld mehr fürs Hotel drin.“
Und er überzeugte Elzbieta davon, dass der buntbemalte Campingbus seines Bruders es auch täte. Ein rollender Untersatz mit einem kompakten Schlafgemach, wo man die Nacht zu zweit verbringen konnte, -als hart arbeitendes gemischtes Team allemal. Genauso gut jedoch auch als ineinander verschlungenes Liebespaar. Doch diesen Gedanken schob er verunsichert von sich fort.
Seit Leander wie berauscht alle Kraft in Elzbietas Karriere-Projekt gesteckt hatte, war sein Wunsch, mehr von ihr zu sehen, nicht mehr über seine Lippen gekommen. Und sie, die Liebessüchtige, war viel zu zurückhaltend, als diesen Teil ihrer gemeinsamen Vision anzumahnen.
„Schließen wir ein brüderlich-schwesterliches Abkommen für die Nacht im Bus!“ schlug er ihr vor. Doch er war völlig blind für Elzbietas große Enttäuschung, welche sie mit Mühe vor ihm verbarg. Er türmte ein Hindernis zwischen ihnen auf, schuf einen Abstand zwischen ihnen, den sie nicht verstand.
Dabei hätte die Nacht unterwegs die Erfüllung ihres Wunsches sein können; er und sie nahe beieinander: alles hätte er von ihr haben können!
Sie nickte nur als Antwort auf seinen Vorschlag.
Seit er ihr versprochen hatte, alles zu tun, um ihr die verdiente Anerkennung für ihre kreativen Fähigkeiten zu verschaffen, hemmten Bedenken seine weiterhin starken Wünsche, Elzbieta zum Liebesspiel einzuladen. Er schreckte zurück vor einer Möglichkeit, die ihn lähmte: was wäre, wenn sie das Gefühl überkäme, sich zu verkaufen?
IV.
Auf dem Campingplatz zwischen Wald und Fluss hatten sie am Abend eine Ecke ganz für sich gefunden, wo Leander jedoch nichts Besseres zu tun hatte, als seinen Ärger hinauszulassen.
Seine Empörung kannte keine Grenzen. Die Jury hatte sich aus seiner Sicht selbst das Misstrauen ausgesprochen und disqualifiziert. Er hockte auf dem Einstiegsholm des Campingbusses und jagte eine flammende Anklage in den Himmel.
Elzbieta lauschte seinen Worten und freute sich still über den dritten Platz, den ihr die Jury der Ausstellung am Nachmittag zugesprochen hatte.
„Ein Skandal“, rumorte Leander, „keiner konnte dir dort das Wasser reichen!“
Er griff nach dem Anhänger an ihrem Hals.
„Schau doch mal selbst! Niemand kann so etwas besser als du!“
Sie legte ihre Hände beruhigend auf seine Schultern.
„Solange ich den ersten Platz bei dir habe, ist das nicht so wichtig“, machte sie ihm klar. „Komm, lass ihn uns feiern!“
Leander zuckte die Schultern. „Ich hab nicht mal etwas da zum Anstoßen oder wenigstens ein paar Blumen!“
„Brauchen wir nicht“, entschied sie, „wir schaffen es auch so zu feiern!“
Sie gab ihm einen Stoß, sodass er in die Bettenmulde rollte, schwang sich hinterher und zog die Tür ins Schloss.
Elzbieta war mit ihrem Kopf auf seiner Brust gelandet, zog den Körper blitzschnell hinterher und lag nun in voller Länge auf ihm gebettet.
„Leander“, murmelte sie, „bevor dieser ganze Ausstellungsrummel losging, gab es eine Zeit, wo du mehr von mir sehen wolltest. Willst du das immer noch?“
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