Kitabı oku: «Sanft bis stürmisch»

Yazı tipi:

Rainer Zak

Sanft bis stürmisch

Mehr erotische Utopien

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Edition Paradice, Band 2

Frei übersetzt

Abgeschleppt

Die Verschwörung

Mannsbild

In einem Boot

Die richtige Dosis

Umarmung im Kleinen

Die Sprache der Hände

Engste Zusammenarbeit

Aschermittwoch

Werberin frei Haus

Trost mit Folgen

Lampenfieber

Ghana und Kalabrien

Geschenk mit Schleifchen

Querfeldein

Auf gleicher Höhe

Auktion mit Gewinn

Frau an Bord

Ausflug ins Gebirge

Impressum neobooks

Edition Paradice, Band 2

Im Mai 2013 erschien in der

edition winterwork

der erste Teil der erotischen Erzählungen

als Band 1 der Edition Paradice

Ein Fest für die Haut

-Erotische Utopien-

ISBN 978-3-86468-445-6

11,90 €

Frei übersetzt


I.

Die Lichter über den Gleisen schaukelten heftig und sandten blinkende Signale in Sonjas Abteil. Schräg voraus tauchte der Vorposten des Bahnhofs Lyon-Perrache aus dem Halbdunkel der Gleisanlagen auf.

Die Hände fest, ja sogar leicht verkrampft um den Griff ihres Koffers, verspürte Sonja das erste weiche Abheben durch die beginnende Bremswirkung. Der Zug erreichte die Halle des Großstadt-Bahnhofs, rollte langsam aus und hielt.

Am späten Nachmittag hatte der Zug bei Genf die französische Grenze überquert und Sonja damit das Land erreicht, in dem ihre Bücher bislang unbekannt waren.

Ausgerechnet in dem Land, das im Deutschland der vorigen Jahrhunderte den romantischen Stempel des ‚Landes der Liebe’ aufgedrückt bekommen hatte.

Für Sonjas erotische Geschichten war Frankreich bisher noch ein weißer Fleck auf der verlegerischen Landkarte.

Gerade in diesem Moment kam ihr zu Bewusstsein, dass sie sich damit auch das erste Mal im Land ihres Vaters aufhielt, den sie nie kennengelernt und der sich nie für sie interessiert hatte. Überflutet von einem flauen Gefühl, versuchte sie die Gedanken an dieses leidige Kapitel ihrer Lebensgeschichte beiseitezuschieben; aber es gelang ihr fast gar nicht.

Denn als sie mit vorsichtigen Schritten den Zug verließ, fiel ihr Blick auf Hinweisschilder und Werbeplakate in Französisch, der Sprache, von der sie sich Zeit ihres Lebens möglichst ferngehalten hatte.

Sie war gekommen, um den Vertrag für die französische Ausgabe ihres ersten Erzählungsbandes auszuhandeln und für die Übertragung ins Französische möglichst den besten aller Sprachkünstler zu finden.

Der Verlag in Lyon hatte ihr einen aufstrebenden Übersetzer empfohlen, dessen Vater Deutscher und dessen Mutter Französin war.

Als Sonja dies kürzlich erfuhr, hatte sie still in sich hinein gelacht: ein Team deutsch-französischer Mischlinge schenkt der Welt ein erotisches Gesamtkunstwerk.

Sie musste jetzt erst mal zur Ruhe kommen. Bei einem Kaffee auf der Bahnhofsterrasse zog sie den Brief des Kandidaten aus der Mappe, um ihn erneut zu lesen.

Alain Taragot lebte in Lyon und sie hatten verabredet, dass er einige Probearbeiten für sie anfertigen sollte; danach würde sie beurteilen, ob er sich für den Auftrag eignete.

II.

Bei der Ankunft in einem Hotel war es zu Sonjas Ritual geworden, das Gepäck hinter der Tür abzustellen, sich auf den Weg zur Dusche zu machen und unterwegs ihre Kleidungsstücke jeweils dort fallenzulassen, wo sie sich gerade befand.

Den ersten Schwall des noch kalten Wassers begleitete sie regelmäßig mit einem erleichternden spitzen Schrei; danach genoss sie die Massage durch das nach und nach sich erwärmende Wasser der Dusche.

Sonja mochte ihren Körper und fühlte sich wohl darin; nie hatte sie die heimliche oder offen eingestandene Abneigung mancher Frauen gegen die scheinbaren äußerlichen Unzulänglichkeiten verstanden.

Im gelben Bademantel des Hotels warf sie sich entspannt auf das Sofa.

Sie richtete sich gerade darauf ein, erst einmal eine halbe Stunde die Beine baumeln zu lassen, als sie ein deutliches Klopfen an der Zimmertür vernahm.

Ein wenig mürrisch wegen der späten Störung öffnete sie die Tür nur einen Spaltbreit.

Sie schaute in ein Gesicht mit lachenden Augen über unrasierten Wangen.

Von glatten Rasuren und schlechter Laune schien der sportlich gekleidete Mann vor ihrer Tür überhaupt nichts zu halten.

„Sonja Vollrath, nicht wahr?“ ließ er in entspanntem Ton fallen und strahlte sie an; Sonja konnte nicht anders als zurückzulächeln.

„Ich bin Alain! Alain Taragot! Ich bin gleich wieder weg! Wollte mich nur davon überzeugen, dass Sie gut angekommen sind.“

Für eine Weile war sich Sonja unschlüssig, was sie von diesem Überfall halten sollte. Dann öffnete sie die Tür mit einem vorsichtigen Lächeln.

„Wenn Sie schon mal da sind... “

Während der wenigen Schritte, die er tat, um ihr Hotelzimmer zu betreten, ruhte sein Blick erst auf ihrem Gesicht, streifte dann den Bademantel und fiel schließlich auf die bunte Spur ihrer verstreuten Kleidungsstücke.

„Ich sehe, Sie komponieren gerade eine neue erotische Geschichte!“ stellte er beiläufig fest und angelte sich ihre zerknautschte Bluse vom Boden.

Sonja konnte keinen Zusammenhang zwischen dem von ihr angerichteten Durcheinander und seiner rätselhaften Hellsichtigkeit herstellen.

„Szene Hotelzimmer!“ deklamierte er und schwenkte die Bluse umher.

„Sie hat ihn sehnsüchtig erwartet. Er stürmt voller Leidenschaft herein. Auf dem Weg ins Bad schält er sie ungeduldig Stück für Stück aus ihren Hüllen. Der zweite Teil der Geschichte handelt davon, was im Bad geschieht.“

Einen Moment der Stille lang schauten sie sich gegenseitig in die Augen, in einem Schwebezustand zwischen Heiterkeit und erotischer Fantasie.

Bei Sonja überwog ganz eindeutig der erotische Impuls, da sich ein Film vor ihrem Auge abspulte, der Alain und sie in den Hauptrollen der Ereignisse im Bad sah.

Bevor diese Sehnsucht nach spontaner Wildheit ganz von ihr Besitz ergriffen hatte, signalisierte sie mit einem hellen Lachen Entspannung.

Alain stimmte ein.

„Und jetzt ruhen sie sich erst mal aus!“ leitete er den Abschied für heute ein.

„Schauen wir morgen nach dem Frühstück weiter? Bis dann, Sonja!“

Als er gegangen war, hangelte sie sich zum Sofa, schlang ihre Arme um ein Kissen und drückte ihr Gesicht hinein.

III.

An diesem Morgen war ihre Selbstsicherheit fast schon wieder vollständig hergestellt, da sie ein wenig Distanz zu Alains intensiver Präsenz am Vorabend aufgebaut hatte. Denn er hatte einen weit stärkeren Eindruck bei ihr hinterlassen, als sie zunächst zugeben wollte.

Er war sanft, aber zeigte in seiner Fantasie, dass er der Sanftheit wohl gern mal eine hitzige Auszeit gönnte, so wie sie selbst es liebte.

Sie kämmte sich im Bad die Haare und rief sich gleich zur Ordnung, als die Erinnerung an die erregenden Bilder vom vorigen Abend wieder Besitz von ihren Gefühlen erlangte. Besonders ein Bild hatte sich fest eingebrannt: sie saß mit gespreizten Beinen auf dem Badewannenrand und er strich mit den flachen Händen über ihre Oberschenkel.

Alarmiert flüchtete sie aus dem Bad und schloss die Tür mit einem Ruck.

„Setz dir keine Rosinen in den Kopf, Sonja!“ beschwor sie sich.

Dieser Alain war ein halbes Dutzend Jahre jünger als sie und sicher mit einer süßen Französin zusammen, die ihn ganz in Beschlag legte.

Aber eins wirkte in ihr pulsierend nach: sein sehr direkter Blick und seine erotische Fantasie hatten sie heftig aufgewühlt; er hatte im passenden Moment einen Fuß in den Türspalt gesetzt, hinter dem sie ihre hochgradige Empfindsamkeit für fantasievolle Männer verbarg.

Alain war am Morgen pünktlich und sie hatte sich ihren Panzer der Sachlichkeit sorgfältig angelegt. Jetzt hieß es, ohne Schaden zur Tagesordnung des Literaturgeschäftes überzugehen.

„Es ist so, dass meine Geschichten von den Wendungen aus heiterem Himmel leben“, erklärte sie ihm und ließ ein wahres Trommelfeuer von erotischen Beispielen auf ihn herunterprasseln.

„Also ein lebhaftes Auf und Ab der Gefühle, Wechselbäder der Hoffnungen und Zweifel, Dialoge als Katapult der Erregung!“

Wie immer gelang es Sonja bei solchen Plädoyers für die Leidenschaft nie, ruhig sitzen zu bleiben. Sie durchmaß pausenlos den Raum und unterstützte ihren Vortrag mit Händen und Armen. Ihr Gesicht war die Bühne, auf der das Muskelspiel zu einem Spiegel emotionaler Berg- und Talfahrt wurde.

Im Gegensatz dazu mimte Alain den Zuhörer, den sich jeder Pianist wünschte:

den disziplinierten und nachdenklichen Lauscher auf dem Sofa. Halb lag er in den Kissen, halb war er auf dem Sprung, um nichts zu verpassen.

Am lebhaftesten waren seine Augen beteiligt, folgten aufmerksam und gespannt ihrer Choreografie.

Ihre farbigen Wortbilder wurden mehr und mehr vom erregenden Spiel ihres Körpers überlagert, das Alain ungefiltert auf sich wirken ließ.

Für ihn war dieses Schauspiel ein sinnliches Feuerwerk:

ihr lebhaftes Augen- und Fingerspiel, geradezu virtuos vorgetragen wie ein Spitzentanz, während der Mund sich wie in getakteten Wellen öffnete und schloss; ihr leicht wiegender Gang, -rhythmisch, jedoch deutlich unterhalb der Schwelle des einstudierten Schwingens der meisten Models auf dem Catwalk; die Art, wie sie bei manchen leise gesetzten Worten ihr Kinn hob.

Trotzdem, er konnte sie nicht im Unklaren über die unleugbaren Tatsachen lassen.

„Liebe Sonja Vollrath“, meldete er sich nach einer Weile zu Wort, „so viele klare und anschauliche Worte, die mich sehr berühren. Und alle für mich allein!

Aber ich muss gestehen, dass ich noch keinen Satz von Ihnen gelesen habe.

Hinzu kommt, dass ich bisher überhaupt noch keine erotische Prosa übersetzt habe!“

Sonja war in der Mitte des Raumes stehen geblieben und verharrte für einen Moment stumm.

„Sind Sie sehr enttäuscht von mir?“ fragte er vorsichtig.

„Vielleicht haben Sie eher einen gestandenen Monsieur mit 25jähriger erotischer Praxis erwartet als einen Nobody wie mich?“

„Mag sein, ich mache den Fehler meines Lebens“, dachte sie noch, als sie ihm das Manuskript schon in die Hand drückte.

„Lesen Sie einfach mal! Für einen Anfänger in Sachen Erotik halte ich Sie nun wirklich nicht!“

„Sie riskiert einiges mit mir als Übersetzer!“ dachte Alain, „aufregend wäre es, wenn sie es meinetwegen tut!“

IV.

Sein Anruf am frühen Morgen überraschte sie, kurz bevor sie sich auf den Weg machte. Ein ereignisreicher Tag lag vor ihr: zunächst ein Gespräch beim Verlag, dann der Ausflug ins Rhône-Tal, wo sie Bekannte aus Deutschland besuchen wollte, die sich dort niedergelassen hatten.

„Ich lege gleich los, wenn ich darf“, stellte er sie vor vollendete Tatsachen.

„Es hält mich nichts auf, -wenn Sie einverstanden sind!“

Seine sprühende Begeisterung, die sie so sehr überrollte, dass sie gar nicht daran dachte, ihn mit Nachfragen oder gar Bedenken aufzuhalten, riss sie mit.

„Mein Hotelzimmer ist den ganzen Tag frei und steht zu Ihrer Verfügung, Alain; ich bin lange unterwegs; Sie hätten da genug Platz zum Arbeiten!“

Und er wäre da, wenn sie zurückkommt! Sonja hoffte, ihm beim Übersetzen über die Schulter schauen zu dürfen.

Am Abend betrat sie ein Hotelzimmer, das gegenüber dem Morgen nicht wiederzuerkennen war. Sie hatte es völlig anders in Erinnerung behalten; kaum ein Möbel stand noch an seinem angestammten Platz.

Und die Bezeichnung ‚kreatives Chaos’ wäre für den Zustand des Zimmers noch geschmeichelt gewesen.

Die Hitze des Abends mischte sich mit einer Brise vom offenen Fenster her.

Darüber hatte sich trotz der frischen Luft ein für sie fremder aber äußerst anregender Duft gelegt.

Vom Schreibtisch her verteilte sich dieses Geruchsgemenge aus Kräuteressenzen und Männerschweiß im ganzen Zimmer, -von dort aus, wo Alain noch in seine Arbeit vertieft war. Das Streiflicht der Lampe verwandelte seinen nackten Oberkörper in das Profil einer Hügellandschaft, die umstellt war von leeren Espressotassen.

Als Sonja neben ihn trat, umfasste er vertraut ihre Hüfte und zog sie zu sich heran. Sie lächelte über den Wust von Papier, der den Schreibtisch bedeckte.

„Es geht ganz wunderbar voran!“ rief er aus, „zwei Erzählungen habe ich schon fertig übersetzt. Jetzt geht’s an die dritte.“

In seiner überschwänglichen Begeisterung entging ihm, dass Sonja ihre Hand mit gespreizten Fingern auf seiner bloßen Schulter ablegte, während er fiebrig weiter arbeitete. Seine Haut war von abgekühltem Schweiß bedeckt und schimmerte vor Feuchtigkeit.

Während sein Blick sich auf den Schreibtisch konzentrierte, konnte sie ihren nicht von seinem Profil lösen.

Ihr Lidschlag wurde spürbar langsamer, da sich ihre aufsteigende Erregung niederschlug. Nichts wollte sie von diesem Anblick verpassen: das vorgereckte Oval seines Kinnes und die Lippen, die unablässig in Bewegung waren, als widmeten sie sich fantasievoll einem Mund, der auf gleiche Weise zärtliche Antworten gab.

In diesem Augenblick war Sonja ihm so nah wie nie zuvor; er aber befand sich weit entfernt von ihr in einer anderen Welt.

Dort hatte ein Arbeitsrausch von ihm Besitz ergriffen, wie sie ihn vorher nie beobachtet hatte.

So schwer es ihr auch fiel, löste sie ihre Hand von ihm und zog sich auf das Sofa zurück.

V.

Ein halblauter Ruf weckte Sonja auf; das Licht am Schreibtisch war gelöscht und Alain vor ihr in die Hocke gegangen, gleich neben dem Sofa, wo sie eingenickt war. Die Uhr auf der gegenüberliegenden Wand zeigte drei Uhr.

Seine leicht geröteten Augen glänzten und verkündeten ihr seinen Triumph.

In seinen Worten lag eine vibrierende Begeisterung, als er mit großer Überzeugungskraft loslegte und ein Blätterbündel hin und her schwenkte.

„Ihr Buch wird ein riesengroßer Erfolg und ich bin ganz aufgeregt, dass ich etwas dazu beitragen kann.“

In seiner Begeisterung bemerkte er kaum, dass er halb über ihr kniete und kurz davor war, ihren Körper unter sich zu begraben.

In dieser Position zog er alle sprachlichen Register; jedes Wort, das auf Sonja hinuntertropfte, vertiefte die im Raum schwebende Intimität.

„Die deutsche Sprache tut sich so unsäglich schwer: mit der Liebe, mit dem Sex und mit dem Versuch, darüber zu sprechen und zu schreiben.

Warum bricht eine Frau in Deutschland nicht in Gelächter aus, wenn ein Mann ihr mit Leidenschaft zuflüstert: Ich will mit dir schlafen!“

Sonja kramte ihre wenigen Brocken Französisch hervor, die ihr einfielen, um ihn aus dem Takt zu bringen.

„Je...veux...faire…l’amour…avec...toi!“ hauchte sie empor zu Alain und hoffte, dass ihr Pfeil Wirkung zeigte.

„Ja“, sagte er, „das hört sich doch gut an! Und dazu noch ein verführerisches Her-Zeigen, ein vorsichtiges Berühren!“

Als sich der Ausdruck seiner Augen merklich veränderte, wusste sie, dass Alain erst in diesem Moment die Intimität ihres Arrangements auf dem Sofa deutlich wurde.

Sofort ließ er sich auf den Teppich zurückgleiten.

„Ach wäre es schön, wenn ich mehr Französisch könnte“, bedauerte Sonja und begann interessiert in Alains Manuskriptbündel zu blättern.

„Zum Beispiel hier oder zum Beispiel dort, ich verstehe kaum etwas davon!“

Dabei blieb ihr Blick am Fuß einer Seite an aufregend aussehenden Worten hängen.

„Ja“, rief sie, „zum Beispiel dieses Wort hier. Wirkt wie ein Gebetsanfang, aber was heißt es bloß: c-a-j-o-l-e-r?“

Von unten her peilte er sie an, mit einer großen Portion Zweifel im Blick, ob sie ihn auf den Arm nehmen wollte.

„Darf ich?“ fühlte er vorsichtig vor, führte dann seine Hand sacht über ihren Unterarm, dessen feine Haare sich sofort aufrichteten. Sonja sah ihm zu und genoss es stumm.

„Das ist ‚cajoler’!“ erklärte er. „In Deutschland sagt man dazu ‚liebkosen’!“

Ein schneller Blick aus dem Augenwinkel zeigte ihr, dass er sich ganz auf ihren Arm konzentriert hatte; seine Hand ruhte warm auf ihrer Haut.

„Das gleiche bedeutet übrigens auch ‚caresser’!“ fuhr er fort.

Dabei glitten seine Fingerspitzen am Ellbogen entlang ihren Oberarm hinauf.

Wie im Reflex zuckte seine Hand zurück; wieder war sich Alain bewusst geworden, dass er sich allzu bereitwillig von seinen Wünschen und Impulsen vorantreiben ließ.

Und er murmelte: „Pardon. Je m’excuse!“

Er wusste ja nicht, dass ihr gesamter Körper sich in Aufruhr befand, nicht allein durch seine zärtlichen Berührungen, sondern auch durch den Klang seiner Stimme.

Sie traute sich nicht, die Wünsche auszusprechen, die in diesem Moment durch ihren Kopf wirbelten.

„Mach weiter“, dachte sie. „Hör jetzt nicht auf“, beschwor sie ihn stumm.

„Es ist mir gleich, ob du dazu ‚cajoler’ oder ‚caresser’ sagst!“

Es gab eben noch sehr viele Stellen ihres Körpers, wo sie sich die Berührung seiner Fingerspitzen und seiner Hände herbeisehnte.

„Ich lerne sehr schnell“, behauptete Sonja, während sie sich an seinen Ellbogen festhielt.

„D’abord tu me cajole, puis tu me caresse et enfin tu fais l’amour avec moi, richtig? Oder?“

„Richtig!“ nickte er. „Völlig richtig !“ Seine Augen signalisierten gleichzeitig Unruhe und Konzentration.

„Was hat sie da jetzt gesagt?“ rätselte er. „Hat sie damit wirklich sagen wollen...?“

„Ich glaube mein Französisch ist doch noch nicht verständlich genug!“ unterbrach sie sein Grübeln und rückte an ihn heran, bis ihr Arm seinen Rücken fassen konnte.

„Besonders für dich ist es noch nicht verständlich genug!“ wurde sie jetzt noch deutlicher. Aber da hatte sie auch schon den anderen Arm um ihn geschlungen, sodass alle Quellen des Missverständnisses mit einem Schlag versiegten.

„Gib zu, dass du heimlich Französisch geübt hast!“ forderte Alain Sonja auf.

Da lag er rücklings auf dem Teppich, von den Haarspitzen bis zu den Schuhsohlen zugedeckt von einer Frau, die entschlossen war, nichts an ihm unentdeckt zu lassen.

„Eine schrecklich alberne Sprache, findest du nicht?“ nuschelte sie mühevoll, da sie zwischendurch ihre Zunge mit Alains Brustwarzen und den Haaren darüber bekannt machte.

Alain setzte sich vorsichtig auf, bis sie mit gespreizten Schenkeln auf seiner Mitte hockte.

„Hast du die Szene aus deiner neuen Geschichte eigentlich schon fertig geschrieben?“ fragte er, während er sich ihren Mund zurechtlegte, um dort gleich eine Expedition zu starten. „Du weißt welche? Die im Bad!“

„Musst du ausgerechnet jetzt so viel reden?“ dachte sie noch und kam sofort zu ihrem Vorschlag, der so nahe lag.

„Ich hab die Szene vom Bad auf den Teppich verlegt! Ist dir nicht auch schon die Idee gekommen, dass wir schon mitten in der Hauptszene sind?“

Da er mittlerweile damit beschäftigt war, mit den Lippen die salzig gewürzte Haut zwischen ihren Brüsten zu kosten und dabei war, diese aus ihrer Umhüllung zu befreien, sah sie ein, etwas spät dran zu sein mit ihrer Frage.

Sonja lachte auf.

„Du weißt doch noch gar nicht, was da alles vorkommt!“

Für einen Moment unterbrach er alle Zuwendungen, die er Sonja mit Händen, und Lippen zukommen ließ, und versprach:

„Warte nur ab! Ich lass mir etwas besonders Schönes einfallen!“

Abgeschleppt


I.

Wer hatte ihm noch diesen fantastischen Tipp gegeben? Eine grandiose Abkürzung über die Dörfer! 10 Kilometer gespart!

Herold trat fluchend auf die Bremse. Auch wenn er sich im Verdacht hatte, die entscheidenden Hinweisschilder übersehen zu haben. Eher wurde er sich immer sicherer, dass es hier gar keine Hinweisschilder mehr gab.

Ein Wunder, dass die Straße nicht plötzlich endete, vielleicht an einem pompösen Hinweisschild: Hier entsteht im kommenden Jahr ein weiteres Stück Straße!

Und dann noch dieser ununterbrochene Schnürregen, der heute den letzten Rest Tageslicht am frühen Abend auch noch verschluckte.

Mach ich schon die Scheinwerfer an oder warte ich noch?

An der Ortsausfahrt gab er Gas zur Geradeausfahrt und spürte plötzlich, wie die Wegstrecke rumpelig wurde; er sah gerade noch, dass er auf tief eingefahrene Spuren zusteuerte, und blieb abrupt stecken.

„Willkommen in der Hölle“, dachte sich Herold, „das konnte ja nun wirklich nicht die Hauptverkehrsstraße sein.“

Ein Blick aus dem Fenster machte ihm klar, dass er im größten Schlammloch weit und breit gelandet war. Ein Desaster, eigentlich ein erstklassiger Grund für ultimative Panik, - aber ihm gingen mit zunehmender Erheiterung die lustigsten Sprachbilder durch den Kopf: versackt sein, tief im Dreck stecken, bis zum Kopf im Schlammassel stecken.

Er schätzte ab, ob es intelligenter wäre, im Wagen sitzen zu bleiben, bis eine lange Trockenperiode ihm freie Fahrt verschaffte oder mit den Beinen die Tiefe dieser Schlamm-Einöde zu vermessen und die Umgebung zu erkunden.

Das schmatzende Geräusch beim Öffnen der Wagentür verriet ihm, dass er wohl auch im Inneren des Wagens nicht länger auf Schmutzbrühe und Schlamm verzichten brauchte. Da stieg er doch lieber gleich aus, schließlich trug er ja Stiefel.

Danach konnte er die Tiefe des Schlammloches schon wesentlich genauer bemessen; das Wasser lief ihm von oben in den Stiefelschaft und der maß knapp 50 Zentimeter Höhe.

Eine Bestätigung dieser ersten Schätzung erhielt er sogleich, da er beim ersten Schritt ausrutschte und auf dem Grund der Riesenpfütze zu sitzen kam.

Fluchen oder lachen: Die Entscheidung fiel ihm nicht so schwer, wie er vermutet hatte. Der Vorrat an guter Laune aus der ersten Tageshälfte schien immer noch nicht aufgebraucht.

II.

Dinah war mit dem Traktor auf dem Heimweg und zuckelte die letzten hundert Meter auf den Ortseingang zu. Nicht das erste Mal im Lauf des Nachmittags verhedderte sich ihre Hose am Schalthebel, als sie eine ungeschickte Bewegung machte.

Vielleicht sollte sie sich für die verbleibenden Wochen doch noch eine grobe Hose in ihrer Größe besorgen, statt sich mit den ausgeliehenen Mordssäcken von Trainingshosen zu behelfen, die der große Bruder ihr überlassen hatte.

Die Ortseinfahrt war erreicht; flüchtig warf sie einen Blick nach rechts, wo der Feldweg zu den mittlerweile abgesoffenen Feldern abzweigte; als Erstes fiel ihr ein großer roter Fleck ins Auge.

Ein roter Fleck in einem Tümpel? Sensationell für diese ereignisarme Gegend;

sie fuhr den Traktor an die Seite.

„Ganz niedlich“, dachte sie, „sich ausgerechnet hier einen Abstellplatz zu suchen. Halb versackt, wie der Wagen ist, dürfte das sogar ein Dauerparkplatz werden.“

Erst danach entdeckte sie, dass der Tümpel anscheinend bewohnt war; eine Gestalt hockte neben dem Wagen im Wasser und wedelte mit einem Arm, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen.

„Der Meisterfahrer schwenkt wohl die weiße Fahne“, dachte sie nicht ohne Häme und schlich misstrauisch ein paar Schritte heran.

Herold witterte die Erlösung aus der ansonsten hoffnungslosen Situation, obwohl er sich einen lieblicheren Rettungsengel gewünscht hätte als einen schlampig gekleideten Bauerntrampel auf einer altersschwachen Rostmühle.

Von der einen Sekunde zur anderen verwandelte sich seine pure Arroganz jedoch in Verblüffung. Die himbeerroten Lippen in dem jungen Gesicht, das aus dem fleckigen Arbeitskittel herauslugte, ließen ihn fast seine durchtränkte Montur vergessen. Schon ein einziger Blick aus ihren lebhaften Augen genügte, seine inzwischen versickerte Euphorie wiederzubeleben.

„Ich schwöre“, sagte er, „ich bin sonst eine überaus imposante Erscheinung. Nur so, wie ich im Moment aussehe, habe ich furchtbar schlechte Karten. Aber können Frauen nicht mit ihrem Blick Dreckschichten durchdringen und den attraktiven Kern eines Kerls trotzdem erkennen?“

Dinah öffnete den Mund für eine Antwort, aber verkniff sich dann doch eine böse Bemerkung.

„Dem geht es anscheinend noch nicht dreckig genug oder er ist beim Ausrutschen mit dem Kopf auf einen Stein gefallen“, dachte sie stattdessen in einem ersten Anfall von Spott.

In der Hoffnung, bald von Dreckkrusten und feuchter Unterwäsche befreit zu werden, lief Herold aber dann zu einer beängstigenden Form auf, sodass Dinah fast die Luft wegblieb.

„Ich bin ein von der Bankenkrise gebeutelter verwunschener Finanzmanager und möchte mich ab sofort den zuverlässigen und stabilen Werten dieser Welt zuwenden, zum Beispiel einem ergiebigen Stück Ackerland und einer Milchkuh. Besteht da bei Ihnen möglicherweise eine Chance einzusteigen?“

Auf den Mund gefallen war Dinah sicher nicht; sie gab ihm kräftig Kontra.

„Was denn“, fuhr sie ihm in die Parade, „halten Sie mich denn für eine Milchkuh, in der Sie Ihre letzten Euros investieren wollen? Und, Sie verkanntes Finanzgenie, eines sag ich Ihnen gleich: Für Ihr abgesoffenes Auto könnte ich Ihnen höchstens unser ältestes Suppenhuhn anbieten.“

Das hätte sie lieber nicht sagen sollen; denn Herold verließ die Kraft, als er in ein sich überschlagendes Lachen ausbrach, sodass er ein weiteres Stück in der Brühe versackte.

III.

So tief, wie die Karre im Dreck steckte, - natürlich war dies nicht ihre sondern seine trockene Art, die Situation zu beschreiben-, war an Abschleppen im Moment nicht zu denken.

Dinahs Traktor hatte 20 Jahre auf dem Buckel; der Motor hatte die Grenze seiner Leistungsfähigkeit längst erreicht.

Schließlich blieb ihr nichts Anderes übrig, als dem schlammgrauen Piloten des roten U-Bootes eine Generalüberholung auf ihren Hof anzubieten.

Auf den Traktor ließ sie ihn erst hinauf, als er sich grob vom Schlamm gesäubert hatte; dazu war die Decke auf dem Rücksitz seines Autos doch noch von Nutzen. Dinah rückte ein Taschentuch heraus und entfernte eigenhändig die Dreckspritzer aus seinem Gesicht.

„Das erleichtert die Identifizierung bei der Polizei, falls Sie sich doch noch als Trickverbrecher entpuppen“, begründete sie ihre Beharrlichkeit und Sorgfalt dabei. Sie amüsierte sich heimlich darüber, wie schweigsam er bei dieser Prozedur war. Auf einen gelegentlichen Augenkontakt über den sehr kurzen Weg aber verzichtete er nicht. Dinah fand die Gesichtszüge, die sie soeben freilegte, sehr anziehend.

Herold hätte es für eine gewaltige Untertreibung gehalten, wenn jemand das Profil seiner Traktoristin so beschrieben hätte. Auf den seitlichen Beifahrersitz gequetscht, hatte er sie während der ganzen Fahrt im Blick und lernte dabei jedes Detail ihrer Wangen, ihrer Lippen und ihrer Stirn auswendig.

Auf halbem Wege begann Herold erst kaum vernehmlich, dann aber mit sonorer Stimme eine Live-Reportage vom Ort de Geschehens.

„Liebe Zuhörer in der großen weiten Welt, wo es zurzeit hoffentlich mal nicht regnet! Unsere Retterin und Gastgeberin tritt den Beweis an: die ländliche Bevölkerung hat keine Vorurteile gegenüber den hier ungeschickt auftretenden Städtern. Sie ist ganz ohne Zweifel eine der reizvollsten Frauen, die je einen Traktor gelenkt hat, obwohl die ortsübliche Kleidung kaum etwas dazu beiträgt, ihre Attraktivität voll zur Geltung zu bringen. Aber sie trägt ja auch die Dienstkleidung einer Hofbesitzerin und Landwirtin!“

„Sie sind ja ein richtig geschwätziger Springteufel“, unterbrach sie ihn, aber zeigte dabei ihr schönstes Lächeln.

„Außerdem bin ich nicht die Bäuerin. Ich helfe nur ein paar Wochen aus, bis meine Eltern aus dem Krankenhaus kommen... “

Dinah unterbrach sich und blinzelte maliziös zu ihm hinüber.

„... nach einem Autounfall mit einem Besucher aus der Stadt!“

Beim Einschwenken auf den Hof erfuhr Herold dann noch aus erster Hand, dass es ihr Bruder war, der bald den Hof übernehmen werde.

IV.

Von dem Bruder selbst aber gab es keine Spur auf dem ganzen Hofgelände.

„Es sieht ja beinahe so aus, als hätten Sie den nur erfunden, damit ich keine Angst bekomme, hier mit Ihnen allein zu sein!“ versuchte er, sie zu ärgern.

Da läutete das Telefon; sie lauschte eine Weile und legte den Hörer dann achselzuckend auf.

„Der hat sich mal wieder freigenommen und feiert mit seinen Freunden Werweißwas bis morgen früh“, berichtete sie.

„Schon wieder dieser ominöse Bruder! Schon wieder kein Beweis, dass es ihn wirklich gibt!“ legte er nach.

Sie winkte lachend ab. Mit herabgesenkten Lidern ließ Dinah ihren Blick noch einmal über das schlammüberzogene Exemplar von Mann gleiten, das ihr für heute erhalten blieb. Alle Unsicherheit wich von ihr; eine Leichtigkeit kehrte ein, wie sie sie lange nicht gekannt hatte.

„Das ist ein ganz Lieber!“ dachte sie. „Der kann ruhig noch bleiben!“

„Und jetzt zurück in die Zivilisation!“ machte sie ihm Dampf. „Die Dusche ist links hinten.“

Bevor er sich auf den Weg machte, warf er ihr von der Tür aus einen langen Blick zu, den sie zurückgab, ohne die Augen niederzuschlagen.

Als er nach dem Duschen herein spazierte, nur mit einem Badetuch um die Hüften, zeigte sie keine Befangenheit, obwohl er es offensichtlich darauf anlegte, sie herauszufordern. Sie gab sich interessiert, aber ruhig.

In Wirklichkeit wurde ihr aber der Atem doch ein wenig knapp. Die feinporige und noch leicht vor Feuchtigkeit glänzende Haut seiner Schultern war zum Greifen nahe.

Danach greifen! Genau diese Versuchung spürte Dinah einen Moment lang. Als sie diesen Wunsch nur mühevoll unterdrücken konnte, wusste sie, dass ihre Zurückhaltung bei diesem Mann in größte Gefahr geriet.

Hinzu kam, dass Herold so lange an seinem Badetuch herumzupfte, bis sie spürbar unruhig wurde, den alten weißen Bademantel ihres Vaters heraussuchte und ihm diesen regelrecht aufdrängte.

Als Herold ihre Aufgeregtheit bemerkte, wurde ihm nach und nach deutlich, welch großen Appetit er inzwischen auf sie bekommen hatte.

Mittlerweile ahnte er auch, was alles unter ihrem groben Arbeitskittel verborgen war. Leichtfüßig und nach einem herben Parfüm duftend, tänzelte sie durch die Küche. Der weiße Leinenkittel, der sie eng umschloss, regte Herolds Vorstellungskraft gewaltig an.

Aber kurz darauf schwappten seine Fantasiebilder ins Leere und seine Hoffnungen für diesen Abend erhielten einen deutlichen Dämpfer. Sie zeigte ihm eilig das ehemalige Zimmer ihrer älteren Schwester und wünschte ihm eine gute Nacht. Das nannte er eine Verurteilung zur Einzelhaft nach vorheriger Aussicht auf Bewährung.

V.

Am nächsten Morgen holte Herold ein energisches Klopfen aus dem Schlaf. Noch im Halbschlaf trottete er zur Tür und öffnete.

Bevor ihm klar wurde, dass seine einzige Bekleidung während der Nacht die Bettdecke gewesen war, stand er vollkommen entblößt in der offenen Zimmertür und erblickte gerade noch seine Gastgeberin, die sich am Absatz der Treppe zu ihm herumdrehte.

„Verkühlen Sie sich bloß nicht, sonst muss ich noch auf Krankenschwester umschulen!“ rief Dinah ihm frech zu und eilte lachend die Treppe hinunter.

Jetzt erst entdeckte er an einer Hängeleiste neben der Tür seine komplette Kleidung, gewaschen und getrocknet.

Beim Frühstück sprühte sie vor guter Laune und war ganz um sein Wohl bemüht. Während er in seinem Kaffee herumrührte, ließ er keinen Blick von ihr.

Sie verzichtete aber auch auf keine Gelegenheit seine Nähe zu suchen, stützte sich flüchtig auf seine Schulter, während sie den Brotkorb auffüllte.

Ihr Pullover rutschte dabei soweit hinauf, dass ein Streifen ihrer hellen Haut in Reichweite seines Mundes geriet.

Er zögerte zu lange. Seine Lippen hätten ohne Mühe die kleine Hautfalte an ihrer Hüfte erreicht.

„Ich habe mich heute Nacht sehr einsam gefühlt!“ klagte er stattdessen und versuchte, ihren Arm zu sich heranzuziehen. Aber sie entkam ihm.

„In Einzelzimmern geht es vielen hin und wieder mal so“, beruhigte sie ihn.

Dabei hatte sie sich aber hinter seinem Rücken an ihn herangeschlichen und ihre Lippen berührten fast sein Ohr, in das sie flüsterte.

„Das kommt davon, wenn man nicht rechtzeitig ein Doppelzimmer reserviert.“

Gerade als er mit beiden Händen zugreifen wollte, öffnete sich die Tür.

Ein magerer Bursche stapfte herein und brummte einen kaum verständlichen Gruß.

Dinahs Bruder griff nach einem Becher mit Kaffee, sammelte drei Brötchen ein und war schon wieder auf dem Weg zur Tür.

„So ist er“ rief sie ihm hinterher, „charmant, gastfreundlich und gesprächig wie der neue Futter-Automat!“ Sie wandte sich Herold zu.

„Der am Frühstückstisch bekommt aber auch nicht die Zähne auseinander.“

Herold überlegte, ob er sie nicht vielleicht doch schon viel besser kannte, als sie ahnte; er bot ihr als Vorschuss ein verführerisches Lächeln an.

„Du ärgerst dich doch nur, weil er jetzt glauben wird, dass du die Nacht mit mir verbracht hast!“ sagte er ihr auf den Kopf zu.

Und ... hatte ins Schwarze getroffen.

Diesmal war sie es, die im ersten Moment schwieg, dann aber umso temperamentvoller loslegte.

„Na, und wenn schon! Soll er’s doch glauben! Wir beide wissen’s besser! Da ist bisher doch noch gar nichts passiert!“

Herold sah an ihren Augen, dass sie bemerkt hatte, was beim letzten Satz schief gelaufen war.

„Stimmt!“ sagte er ruhig. „Ganz richtig! Noch nicht!“ Er stand auf.

„Bist du sicher, dass dein Bruder nicht vielleicht hellseherische Kräfte hat? Vielleicht schaut er nur eine weitere Nacht voraus!“

Sie stand mit dem Rücken zur Tür und stützte sich dort mit einer Schulter ab.

Als er zielstrebig auf sie zu ging, zögerte sie zuerst, tat dann einen Schritt auf ihn zu und wieder einen Schritt zurück, worauf er mitten im Raum stehen blieb.

Dinah hielt seinen Blick jetzt aus, setzte mehrmals zum Sprechen an und öffnete schließlich die Tür.

„Hab ich dir eigentlich schon das Haus gezeigt?“ sagte sie im plaudernden Tonfall der stolzen Gastgeberin.

Er antwortete nicht und sie reagierte so, als hätte er in überschwänglicher Begeisterung diese Einladung angenommen.

„Das Erdgeschoss kennst du ja schon ein wenig; dann beginnen wir am besten bei den Räumen oben.“

Auf dem Weg zur Treppe war sie ihm immer drei Schritte voraus und drehte sich erst am Treppenansatz zu ihm um.

„Soll ich vorausgehen?“ fragte sie ihn. Er schaute sie fragend an.

„Du wirst dich aber zu nichts hinreißen lassen!“ forderte sie ultimativ und lenkte seinen Blick hinunter auf das kurze Kleid, das ihre Hüften eng umspannte.

Ehe er eine Reaktion zeigen konnte, war sie ihm auf der Treppe schon einige Stufen vorausgeeilt. Es schien ihm so, als unterdrückte sie dabei erfolglos ein Kichern. Erst oben vor der Tür seines Gastzimmers trafen sie wieder zusammen.

„Das furchterregende Einzelzimmer kennst du ja schon, das lassen wir aus“, entschied sie, ohne auf seinen Versuch zu reagieren dem zu widersprechen. „Doppelzimmer interessieren dich ja sehr viel mehr.“

Sie führte ihn den Gang entlang und murmelte im Vorbeigehen:

„Bad, Vorratskammer, Wäscheschrank... “

Am Ende des Ganges öffnete sie die Tür zu einem größeren Raum, der in helle Farben getaucht war.

„Dieses Doppelzimmer überlassen wir unseren Gästen nur für besondere Anlässe.“

Herold wusste nur zu genau, dass sie sich mitten in Dinahs eigenem Zimmer befanden; es war genau so, wie er es sich gewünscht hätte: verspielt und selbstbewusst, geradlinig und überraschend. Und natürlich alles gleichzeitig!

„Bei welchen besonderen Anlässen brauchen denn deine Gäste im Doppelzimmer nur ein Bett?“ Er freute sich diebisch, und das schon im Voraus, denn gleich würde sie ihm eine Antwort schuldig bleiben, ganz sicher!

„Ach, ihr Städter seid aber auch völlig ahnungslos. Nicht mal die einfachsten Sachen wisst ihr mehr!“

Es war einfach nicht zu glauben! Hatte sie ihn entgegen aller Erwartung doch noch aufs Glatteis geführt? Diese wahnsinnige Frau hatte wohl immer noch ein As im Ärmel.

„Wahrscheinlich werde ich vor Langeweile sterben, wenn ich wieder wegfahre“, ging ihm durch den Kopf. „Aber wieso eigentlich sollte ich sie hier allein lassen?“

Zu alledem wollte sie ihn jetzt wohl auch noch zappeln lassen, nahm behutsam auf der Bettkante Platz und lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich neben sie zu setzen.

„Schau!“ sagte sie. „Wenn die beiden eine Frau und ein Mann sind wie wir, die sich gegenseitig so sehr wollen, wüssten sie gar nicht, wozu ein zweites Bett gut sein soll, wenn man doch mit einem auskommt.“

„Stimmt“, dachte er, aber seine Gedanken überschlugen sich.

„Was philosophierte sie da über Männer und Frauen und Betten?“

„Oder“, sprach sie weiter und ihre Stimme war gleichzeitig viel leiser und doch sehr viel näher bei ihm, „oder meinst du wirklich, dass wir ein zweites Bett brauchen?“

Seine Verwirrung war so groß und seine Aufmerksamkeit so sehr geschwächt, dass er, ganz und gar überrumpelt, sich von ihr rücklings aufs Bett drücken ließ.

Sie schob sich mit ihrem warmen Körper so weit über ihn, dass ihre Wange an seiner Schulter lag und ihre Lippen die Flanke seines Halses wärmten.

Sie begann mit einer flüchtigen, zarten Berührung, drückte ihre Lippen zuerst sanft auf seine Kehle und fuhr dann fort seine Haut mit Beharrlichkeit zu küssen und zu streicheln.

Herold spürte ihre Hände auf seinen Rippenbögen und wusste, dass sie keine weitere Lust auf kluge Wortspielereien sondern auf Spiele hatte, an denen die Haut und auch der ganze Körper beteiligt waren.

Ihr fordernder und auffordernder Mund verlangte nach einer Antwort. Seine Hände griffen in das feste Fleisch ihrer Schenkel, verschoben den unteren Saum ihres Kittels. Dinah spürte durch den Stoff der Hose seine pralle Rute, die sich zwischen ihre Schenkel drängte, und flüsterte Unverständliches in sein Ohr.

Mit einer Körperdrehung balancierte er sie in die Mitte des Bettes, wo sie rücklings landete und voller Verlangen versuchte, ihn mit sich zu reißen.

Der sich von unten her öffnende Kittel machte ihm eine Bahn frei, auf der er sich mit seiner Zungenspitze, unterbrochen von einem Zwischenhalt am Bauchnabel, den freiliegenden Ansätzen ihrer Brüste näherte.

Seine Hände waren der Zungenspitze vorausgeeilt und öffneten zuletzt auch noch den obersten Knopf ihres Kittels.

Die Besichtigung des Hauses hatte ihren Abschluss gefunden.

Die Verschwörung


I.

Sina freute sich schon seit dem frühen Morgen auf den Start zum neuen Projekt in der Waldsiedlung, für das man ihr die Federführung übertragen hatte.

Es war erst ihr zweiter größerer Auftrag, seit sie nach der Fachschule für Gestaltung auf eigenen Füßen stand und hier den Job als Einrichtungsberaterin übernommen hatte.

Bei diesem Projekt hatte sie sich vorgenommen, viele ihrer eigenen Ideen, auch gegen den Wunsch des Auftraggebers, durchzusetzen.

Sie stand vor der Wohnungstür, in der Hand den Grundriss der Vier-Zimmer-Wohnung, die es zu gestalten gab, sammelte ihre Kräfte und…

Die Tür öffnete sich in diesem Moment lautlos und von ganz allein. Ein junger Mann mit Bartstoppeln und zerzaustem Haar lächelte sie an.

„Nein“, sagte er, „die Tür ist nicht von innen durchsichtig und eine Beobachtungskamera gibt es auch nicht!“

„Solch ein Klugscheißer!“ dachte sie und konnte sich in ihrem spontanen Ärger nicht zurückhalten.

„Aber Sie können hellsehen, Gras wachsen hören und kennen alle Duftspuren, was?“

Mit einem Blick auf das Namensschild, das den Türöffner als ‚A. Eickenbusch’ auswies, fragte sie: „Herr Eickenbusch, nicht wahr?“

Zu ihrem Erstaunen tat er nicht beleidigt oder wies sie gar zurecht, was sie nach ihrem flegelhaften Ausbruch befürchtet hatte.

„Sind in Ihrer Firma alle so temperamentvoll oder nur Sie?“ war alles, was er beizusteuern hatte.

Beim Gang durch die fast noch leeren Räume speicherte sie in ihrem Kopf Idee auf Idee ab, die sie hier durchboxen wollte. Mit einem gelegentlichen Seitenblick taxierte sie ihn, ob er wohl ein starker und hartnäckiger Gegner wäre.

Aber ihr analytischer Blick versagte völlig, weil von ihm nur Wärme und Liebenswürdigkeit ausgingen.

„Was die Gestaltung der Räume insgesamt angeht“, sagte er beiläufig, „machen wir es ganz einfach. Richten Sie alles so ein, als wäre es ihre eigene Wohnung!“

Sina hatte das Gefühl, durch alle offenen Türen einer langen Zimmerflucht gejagt zu werden. Sie schwankte zwischen Energieaussetzern und elektrisierender Begeisterung, ehe sie wieder Boden unter den Füßen gewann.

„Auch das Schlafzimmer?“ war die einzige Frage, die ihr ansonsten gelähmtes Denken noch hergab.

„Ja! Warum fragen Sie?“

Er sah sie in diesem Moment mit einem anderen Augenausdruck an als zuvor, viel weicher und weniger bestimmt, da war sich Sina sicher.

„Weil ich wissen muss, ob ich es für eine oder zwei Personen einrichten soll!“

Sie wusste nicht genau, wie sie seine leichte Gefühlsschwankungen von eben deuten sollte.

„Wie ist es bei Ihnen?“ wälzte er die Frage geschickt auf sie ab, sodass ihre Verunsicherung wieder wuchs.

„Oh“, lenkte sie ab, „ich habe kein Schlafzimmer; ich lebe in einem Appartement.“

Er überlegte laut: „Ich weiß noch nicht, ob das Schlafzimmer für ein oder zwei Personen eingerichtet werden soll. Gehen Sie bei der Planung zunächst mal von einem sehr großen Bett aus.“

Jetzt wollte sie es genau wissen, obwohl dies sie ja wohl nicht im Geringsten anging.

„Wieso wissen Sie das noch nicht? Ihre Frau oder Freundin wird sich doch wohl schon mal Gedanken darüber gemacht haben, oder?“

Obwohl Sina damit erneut sehr heftig aus ihrer Rolle gefallen war, die Grenze der Indiskretion sehr grob überschritten hatte, blieb eine berechtigte Zurechtweisung erneut aus.

„Unter uns: sie weiß noch gar nichts davon, dass ich mit ihr hier leben möchte!“

„Was für ein herrlich verrückter Typ!“ dachte Sina und konnte sich immer weniger zurückhalten. Sie entlud ihre Vergnügtheit in einem hellen und ausgelassenen Gelächter, ohne auch nur eine Sekunde an ihren Job zu denken.

„Und da lassen Sie die Wohnung von einer anderen Frau nach deren Geschmack einrichten. Ich sag Ihnen, das lässt sich keine Frau gefallen. Mein Tipp: Sie wird es ablehnen, hier zu leben, auch wenn sie Sie noch so sehr mag.“

Auch diese niederschmetternde Voraussage zeigte bei ihm nicht die geringste Wirkung; eher schien sein Interesse an ihren vorlauten Kommentaren zu wachsen.

„Sie meinen also, an meiner Person kann es nicht liegen, wenn sie ablehnt?“

Sina zögerte. „Nein“, dachte sie, „den meisten Frauen gefällt er sicher sehr! Mir gefällt er ja auch!“ Aber natürlich würde sie ihm das nie sagen!

Erwartungsvoll hatte er sich ihr inzwischen genähert.

„Sie meinen also, dass es nicht an mir liegen kann?“

„Wahrscheinlich nicht!“ brachte sie eilig hervor und zog sich einen Schritt zurück. „Bestimmt nicht sogar, glaub ich!“

Täuschte sie sich oder sah er in diesem Moment sehr erleichtert, ja beinahe glücklich aus?

„Haben Sie sich als Frau schon ein Bild von mir gemacht?“ wollte er, für sie völlig unerwartet, wissen.

„Du wärst für mich schon ganz richtig!“ dachte sie.

Ihm gegenüber aber setzte sie ihr tadelndes Gesicht auf und entzog sich im letzten Moment dieser verführerischen Aufgabe.

„Ich bin hier, um Sie bei der Einrichtung Ihrer Wohnung zu beraten und nicht als Psychologin oder Beziehungscoach.“

„Wäre das nicht auch eine interessante Tätigkeit für Sie?“

Sie verbarg mit Mühe, wie aufregend sie es fand, dass er sie ganz offen umwarb.

„Merken Sie nicht, dass Sie mich von der Arbeit abhalten. So werden Sie noch lange brauchen, bis die Wohnung bezugsfertig ist.“

Er machte zögernd den Weg frei und deutete in Richtung der nach hinten gelegenen Räume.

„Beraten Sie mich doch zuerst mal beim Bad.“

“Na ja“, begann sie ihre Gedanken neu zu ordnen, „ein paar Einbauschränke hier an dieser Wand tun es da ja schon. Sonst ist ja alles da.“

„Eine Badewanne vermissen Sie also auch nicht?“

„Ach so“, fiel ihr ein, „dass sie fehlt, ist mir völlig entgangen, weil ich selbst eine begeisterte Duscherin bin und keine Wanne brauche; wie sieht Ihre Wunschpartnerin das?“

„Völlige Übereinstimmung, denke ich! Gemeinsames Duschen ist viel erotischer als gemeinsames Baden in der Wanne, meinen Sie nicht auch?“

Eine Sekunde lang erlaubte sie sich die Vision, mit ihm gemeinsam unter der Dusche zu stehen; ein kurzer Schauer der Erregung erfasste sie.

Sina rief sofort sich und dann auch ihn zur Ordnung:

„Ich übergebe an den Beziehungscoach.“

„Wie ist es“, wollte er jetzt wissen, „wenn Sie eine Wohnung nach dem eigenen Geschmack eingerichtet haben, möchten Sie da nicht selbst einziehen?“

Dies gab ihr die Möglichkeit, ihn befreit und frech auszulachen.

„Sie vergessen, dass ich mir das gar nicht leisten könnte!“

„Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen die Wohnung schenke?“

Sinas Lachen klang jetzt noch gelöster als zuvor.

„Sie haben manchmal sehr witzige Ideen. Wahrscheinlich wollen Sie sich mein Honorar sparen! Am besten machen Sie sich mal selbst an die Arbeit!“

„Ich habe da schon einen Hintergedanken“, bremste er Sina.

„Wenn Ihnen die Wohnung gehört, könnten Sie mich als Untermieter aufnehmen. Beim Duschbad sind wir ja schon einer Meinung. Vielleicht ist das ja erweiterungsfähig.“

II.

Drei Tage später fand Sina den großen Umschlag eines Notars in der Post.

Darin befand sich die Schenkungsurkunde über die Wohnung, für deren Gestaltung sie den Auftrag erhalten hatte.

Jetzt war Sina völlig verwirrt, und wie immer, wenn es nicht weiterging und um Klarheit zu bekommen, rief sie ihren Bruder Gernot an, der selbst Anwalt war.

Wenig später meldete er sich.

„Ich habe Kontakt zu dem Notar aufgenommen. Er schlägt für morgen Nachmittag ein Treffen vor.“

Es war für Sina allerdings nicht verständlich, wieso das Treffen in Gernots Wohnung stattfinden sollte. Man bedenke: ein Notar macht einen Privatbesuch, statt in seine Kanzlei einzuladen.

Dass ihr Wohltäter selbst nicht dabei war, fand sie feige. Allzu gerne hätte sie ihn wiedergesehen, um ihm bei seinen verrückten Ideen Kontra zu geben und sich erneut mit ihm die Worte um die Ohren zu hauen und zu streicheln. Bei dem Gedanken daran konnte sie ihm schon nicht mehr böse sein.

III.

Gernot und Sina hatten nur eine kurze Zeit gewartet, als die Türglocke ging.

„Gehe schon“, rief Sina, da ihr Bruder gerade im Bad war.

Statt des von ihr erwarteten Notars im dunklen Anzug stand vor der Tür ihr Wohltäter selbst, leger gekleidet und mit einer Rose in der Hand.

„Ach“, begrüßte sie ihn, „hat Ihr Notar Sie ermutigt, selbst zu kommen und Rede und Antwort zu stehen? An ihm sollten Sie sich ein Beispiel nehmen!“

Er lächelte, überreichte ihr die Rose und murmelte beim Hineingehen:

„Der Notar bin ich!“

Im Hinterherlaufen sah sie, wie ihr Bruder den Gast betont förmlich begrüßte. Dann stellte er ihn vor: „Das ist Herr Eickenbusch, der Notar… “

„ …und auch der edle Spender im Wolfspelz“, ergänzte Sina sehr schnell.

„ …und Achim“, kam es von Seiten des Gastes.

Sina schwirrte der Kopf. Achim, das war doch ein Name aus ihrer Jungmädchenzeit, als sie erst 15 oder 16 Jahre alt war. Ein Schulfreund? Ein Vereinskamerad?

Sie entdeckte eine Spur von Ausgelassenheit und Ungeduld in Gernots Gesicht und wusste sofort, dass ihr Bruder seine Finger in dieser Geschichte hatte.

„Doch nicht etwa Achim aus Giessen“, dachte sie, „Gernots bester Freund während ihres gemeinsamen Studiums, von dem er ihr so viel Tolles erzählt hatte, dass sie bald für ihn schwärmte, ohne ihm je begegnet zu sein.“

Sie sah hinüber zu dem Notar, dann auf sein Geschenk, die Rose, welche sie noch immer in der Hand hielt; sie spürte seinen offenen Blick auf sich ruhen, der ihr schon vor Kurzem sehr zugesetzt hatte.

Gernot brach die angespannte Stille im Raum.

„Achim war schon immer ein sehr zurückhaltender und zögerlicher Mann.

Damals, als du 16 warst, Sina, habe ich wohl mal im Scherz behauptet, ich wüsste schon, wer der Mann deines Lebens wäre, erinnerst du dich nicht?“

Statt in Rührung zu versinken, fühlte Sina heftige Empörung in sich aufsteigen.

Mit Zorn in den Augen blickte sie von einem zum anderen, warf ihnen die Rose vor die Füße und legte los.

„Ja, was glaubt ihr beiden eigentlich? Etwa, dass der orientalische Frauenmarkt bei uns eingeführt wird? Wird schon klappen, wenn man Agenten in der Familie hat und mit Wohnungen ködern kann.“

Sina liefen Tränen der Wut und der Enttäuschung die Wangen hinunter, sodass sie nicht bemerkte, dass Achim an sie herantrat.

Sie sah durch die Tränen hindurch, wie er die Rose vom Boden aufhob, konnte sich nicht wehren, als er sie in die Arme nahm.

„Ich bin nun mal kein verwegener Eroberer“, murmelte er.

„Seit dem Tag in der Wohnung, als ich dich so nahe bei mir hatte, bin ich aber zu allem entschlossen! Ich gebe nicht auf!“

Er tupfte mit einem Taschentuch ihre Tränen weg. Und als sie ihm bereitwillig dafür ihr Gesicht hinhielt, wurde er noch mutiger.

Er nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie auf den Mund.

IV.

Als drei Wochen später die kleine Feier zur Einweihung der neuen Wohnung vorbei war und die Gäste schon lange gegangen waren, konnte Sina ihre Neugier nicht bezähmen.

„Sag mal, Herr Notar, ist das alles eigentlich mit deiner beruflichen Würde vereinbar: lügen, täuschen, Verschwörungen bilden, bestechen?“

„Keine Sorge“, beruhigte Achim sie, „das bleibt ja alles in der Familie und in den eigenen vier Wänden. Allerdings… “

„Also doch“, hakte sie ein.

„Ja“, fuhr er fort, „wenn meine Klienten mich allerdings jetzt beobachten könnten, wäre mein seriöser Ruf endgültig hin.“

„Wie meinst du das?“

Sina fuhr fort, seinen Hals mit kleinen Küssen zu bedecken und schlang ihre Arme um seine Schultern, während er ihr das Problem in Erinnerung rief.

„Es ist doch so: der Herr Notar liegt rücklings im Bett unter seiner Raumausstatterin, wohlgemerkt ‚unter ihr’.“

Achim räusperte sich wichtigtuerisch.

„Zum Glück ist seine Männlichkeit bedeckt! Zwar vom Unterkörper seiner Raumausstatterin, aber sie kann einfach nicht stillhalten.“

Sina tat sogleich alles Erdenkliche, um seine Beschreibung zu veranschaulichen.

„Die Krönung aber ist“, fuhr Achim mühsam fort, „die Hände des Notars, die unter andächtiger Beobachtung seiner Klienten die wichtigsten Schriftstücke unterzeichnen, kneten den Po seiner Raumausstatterin.“

„Du hast recht“, flüsterte sie ihm zu, „das alles kann sich höchstens ein einfacher Rechtsanwalt erlauben, Achim.“

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