Kitabı oku: «Populismus leicht gemacht»
Ralf Grabuschnig
Populismus leicht gemacht
Erfolgreich lernen von den großen Diktatoren der Geschichte
Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis
Titel
Einleitung
Seien Sie kreativ mit Ihrer Biografie
Basteln Sie ein Feindbild
Finden Sie Ideale und unterwandern Sie sie
Seien Sie nicht für, sondern gegen etwas
Seien Sie Nationalist. Notfalls internationalistischer Nationalist
Die Krise ist Ihre Chance zum Aufstieg
Ihr Land ist immer in Gefahr
Die Partei hat immer recht. Sie sind die Partei
Balancieren Sie zwischen den Weltmächten
Meistern Sie die Propaganda, knebeln Sie die Medien
Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s auch Ihnen gut. Notfalls auf Pump
Fördern Sie Ihre Freunde und trennen Sie sich rechtzeitig von ihnen
Nutzen Sie die Religion. Seien Sie Auserwählter oder seien Sie Gott
Dagegenhalten!
Der Autor
Impressum neobooks
Einleitung
Populismus leicht gemacht. Erfolgreich lernen von den großen Diktatoren der Geschichte
Es ist wieder in, Diktator zu sein! Zumindest müsste man fast zu dem Schluss kommen, wenn man sich heute in Europa und der Welt umschaut. Wie sonst wollen Sie sich die zahlreichen „demokratiepolitischen Neuerungen“ von Leuten wie Viktor Orbán in Ungarn oder Recep Tayyip Erdoğan in der Türkei erklären? Der Drang zur absoluten Macht ist in gewissen Teilen der Welt nicht mehr zu übersehen, und das ist gleichermaßen bedrohlich wie unspektakulär. Bedrohlich ist es für einige, weil … nun, weil gestandene Demokraten die westliche Welt lieber so lassen würden, wie sie ist. Aber zu denen zählen Sie, der Sie dieses Buch in Händen halten, doch hoffentlich nicht, also kümmern Sie sich mal nicht darum. Unspektakulär ist das Ganze, weil diese Entwicklung in der Geschichte beim besten Willen nichts Neues ist. Die „Populisten“ von heute finden in der Vergangenheit einen reichen Fundus an Vorbildern. Das 20. Jahrhundert wimmelte nur so vor Autokraten, Alleinherrschern und solchen, die es gerne gewesen wären, und selbst die Einflussreichsten von ihnen fingen irgendwann als ganz kleine Populisten an – genau wie ihre Schüler heute. Sie und Ihre Kollegen haben also Grund zu jubeln! Und abgesehen davon: Wenn das letzte Jahrhundert ein so großes Zeitalter der Diktatoren war, warum sollte diese Ära nun plötzlich vorbei sein? Offensichtlich funktionieren die alten Taktiken doch noch, und was ein Herr Orbán kann, das können Sie schon lange! Sie müssen nur wissen, wie Sie dorthin kommen, wo Sie sich so sehnlich hin wünschen. Sie haben sich daher richtig entschieden, dieses Buch zur Hand zu nehmen und endlich an Ihrer Gewaltherrschaft zu werkeln. Denn Sie und die anderen Diktatorenschüler von heute sollen schließlich nicht dieselben Fehler begehen müssen wie Ihre Vorbilder aus der Geschichte. Dieses Handbuch wird Ihnen die dreizehn Schritte aufzeigen, wie Sie genau das vermeiden. Diese Schritte werden jeweils mit Beispielen aus den Leben der europäischen Diktatoren der Vergangenheit illustriert, von den großen Namen wie Adolf Hitler und Josef Stalin bis hin zu kleinen regionalen Machthabern wie Enver Hoxha in Albanien und Nicolae Ceaușescu in Rumänien. Ich werde dabei Begriffe wie „Diktator“, „Autokrat“ oder „Alleinherrscher“ verwenden, aber natürlich existieren diese Begriffe in Abstufungen. Ein Adolf Hitler ist nicht dasselbe wie ein Nicolae Ceaușescu. Ein Viktor Orbán unterscheidet sich wiederum von diesen beiden Herren.
Nach der Lektüre dieses Buches werden Sie aber eine zentrale Wahrheit der Weltpolitik verstehen: Der sogenannte Populismus von heute ist keine neue Erfindung. Die vielen autokratisch gesinnten, na ja, nennen wir sie mal Politiker, sind alles andere als herausragende Exemplare einer neuen, bislang unbekannten Menschengattung. In Wirklichkeit unterscheiden sie sich nicht nur von ihren Vorgängern eher marginal, auch untereinander kann man sie leicht verwechseln. Und noch mehr: Tatsächlich folgen sie alle in ihrem Leben und Streben demselben Handbuch, welches von den Stalins und Hitlers, den Ceaușescus und Hoxhas dieser Welt geschrieben worden ist. Und dieses Handbuch halten Sie jetzt in Händen! Es ist nun zwar nachvollziehbar, dass Sie als chronischer Demokratieallergiker neidisch auf jene Kollegen schielen, die auf diesem Weg schon weiter sind als Sie – auf Donald Trump, auf Viktor Orbán oder auf Recep Erdoğan. Aber es sollte Sie trösten, dass diese Leute trotzdem alle nach denselben Regeln spielen. Sie werden in diesem Buch also von den großen Diktatoren der Geschichte lernen, wie der Aufstieg an die Macht gelingen kann, und diesem Weg genauso folgen wie Ihre Mitstreiter. Denn auch wenn wir es uns heute kaum noch vorstellen können: Selbst ein Josef Stalin fing einmal ganz klein an, als unbedeutender, aber dafür umso lauterer Populist. Und das Beste: Niemand erinnert sich mehr daran! Der Pluspunkt für Sie: Sie können sich frei der Methoden eines Stalin bedienen, Sie können genau denselben Weg einschlagen, und kaum jemand wird sich daran stören oder gar Ihre Originalität in Zweifel ziehen. Denn für das Gedächtnis der Menschen von heute wirken die paar Jahrzehnte, die zwischen uns und der goldenen Zeit der Diktatoren liegen, wie ein unüberwindbares Bollwerk. Niemand weiß mehr von den politischen Aufstiegen von damals – oder zumindest will sich niemand mehr so recht daran erinnern. Selbst wenn das spätere Bild der brutalen Herrscher Hitler, Stalin oder Mao Zedong heute noch präsent sein mag, hält das also keinen modernen Populisten von seinem Aufstieg mithilfe derselben Methoden ab. Schauen Sie sich doch nur in Deutschland um. Die AfD wird, seit es sie gibt, dafür kritisiert, dass Elemente der Partei antidemokratisch auftreten, und trotzdem rennen ihnen die Wähler die Türen ein. Wohin antidemokratische Politik am Ende führen kann, das ist in Deutschland offensichtlich vielen Menschen nicht mehr bewusst. Sogar im Osten des Landes, wo jene unfreie Zeit doch erst drei Jahrzehnte her ist. Ihre Erfolgschancen als machthungriger Aufstiegsautokrat könnten also kaum besser sein. Ich möchte Ihnen auf den nächsten Seiten das dafür nötige Handwerkszeug mit auf den Weg geben.
Dieses Buch gliedert sich in dreizehn Kapitel, die Ihnen die wichtigsten Taktiken und Schritte auf dem Weg zum erfolgreichen Diktator näherbringen werden. Ich gehe dabei davon aus, dass Sie bei der Erfüllung Ihrer feuchten Allmachtsträume noch ganz am Anfang stehen. Daher geht es in den ersten sechs Kapiteln um Methoden, mit denen Sie aus dem Nichts heraus die Macht im Staat an sich reißen können. Wir werden darüber sprechen, wie Sie Ihre unspektakuläre Herkunft zu einer veritablen Heldenstory umgestalten, wie Sie Feindbilder bedienen und in den Köpfen Ihrer zukünftigen Untertanen frischhalten können und wie Sie genau die Ideale finden, die beim Volk ankommen. Sie werden lernen, warum es sich niemals lohnt, für etwas aufzutreten, und warum konsequentes Dagegensein Ihr zuverlässigster Begleiter auf dem Weg zur Macht ist. Nebenbei sprechen wir bei der Gelegenheit über den besten Freund des Alleinherrschers – den guten alten Nationalismus. Ausgestattet mit diesem Wissen können wir uns zum Ende des ersten Teils dieses Handbuchs daran machen, über die konkrete Machtübernahme zu sprechen. Sie werden lernen, wie Sie Staatskrisen bauen, füttern und ausnutzen, um dorthin zu kommen, wo Sie sich selbst schon lange sehen – an die Schalthebel der Macht. Im zweiten Teil des Buchs wenden wir uns dann der Zeit danach zu und befassen uns damit, was Sie dafür tun können, Ihre hart errungene Allmacht auch zu erhalten – und zwar ohne Unterstützung aus dem ohnehin wankelmütigen Volk. Denn legitime Macht ist etwas für verweichlichte Demokraten! Und zu allem Überfluss mit einem gewissen Unsicherheitsfaktor verbunden. Lernen Sie mithilfe dieses Buches stattdessen, wie Sie dank fulminanter Drohkulissen die Bevölkerung in einer permanenten Habachtstellung halten, wie Sie Ihre Partei im Inneren und die Diplomatie im Äußeren dazu nutzen, Ihre tägliche Unentbehrlichkeit zu demonstrieren, und wie Sie es mit dem Wundermittel Propaganda halten sollen. Außerdem lernen Sie alles über die Bedeutung der Wirtschaft und warum sie Ihnen am Schluss völlig egal sein kann, wie Sie mit Ihren politischen Wegbegleitern (lästig!) umgehen und was zum Teufel Sie mit den Religionsgemeinschaften (noch lästiger!) anfangen. Mit diesen Tipps und Tricks haben im Laufe der Geschichte schon die unqualifiziertesten, unfähigsten und unwahrscheinlichsten Herrscher den Aufstieg geschafft. Sind Sie bereit, in diese stolze Riege einzutreten?
Seien Sie kreativ mit Ihrer Biografie
Alleinherrscher zu sein ist mehr, als nur seine innersten Allmachtsfantasien auszuleben und dabei bestmöglich seine traurige Kindheit zu vergessen. Es bedeutet auch mehr, als einfach nur allein zu herrschen. Das Dasein eines Diktators ist ein in sich geschlossenes, auf Feinste austariertes Gesamtkunstwerk, das der ständigen Fürsorge bedarf, die Ihren Alltag sowohl vor als auch nach der Machtübernahme begleitet. Alles, was Sie tun und was Sie sind, ist Bestandteil wie Garant Ihrer Macht und muss entsprechend gepflegt werden. Eine Grundlage ist dabei von ganz zentraler Bedeutung: Ihre Herkunftsgeschichte, die Sie niemals mit Ihrer Herkunft verwechseln sollten. Denken Sie doch an Ihre Lieblingsdiktatoren: Hatte nicht jeder von ihnen eine heldenhafte, legendäre Geschichte zu erzählen? Eine Story über seine Herkunft und seinen Weg zum unwahrscheinlichen Aufstieg? Eine Geschichte, die dem Volk eine Erklärung dafür bieten konnte, warum genau dieser Herrscher ein besserer sein soll als jeder andere. Natürlich hatte Ihr Lieblingsdiktator diese, sonst wäre er doch nicht Ihr Lieblingsdiktator! Und was ist die logische Konsequenz? Richtig: Dass auch Sie schleunigst an Ihrer Geschichte arbeiten sollten! Ich weiß schon: Ihre Herkunft ist völlig unspektakulär, Ihre Kindheit war depressiv und extrem langweilig, Sie hatten kaum Freunde, und von den wenigen, die Sie hatten, möchten Sie heute ungern erzählen, und auch sonst ist die Geschichte Ihres Heranwachsen alles andere als abendfüllend. Aber genau das ist der Punkt. Sie brauchen eine bessere Geschichte! Die Leute benötigen einen emotionalen Schub, damit sie sich Ihnen zu Füßen werfen. So sind die Menschen nun mal. Kein Grund zur Sorge, vielmehr ein Ansporn zur Fantasie. Sie müssen jetzt nicht Ihre tiefsten inneren Unsicherheiten auspacken. Eine Geschichte zu erzählen, bedeutet nicht, mit der öden Wahrheit hausieren zu gehen. Das geht viel bunter! Sehen Sie Ihre Geschichte als eine Sage, als ein Epos an. Mit Ihnen in der Hauptrolle. Sie nehmen einige Kernpunkte Ihrer Biografie und stricken darum eine heldenhafte Erzählung, die Ihren gleichermaßen unwahrscheinlichen wie unaufhaltsamen Aufstieg begründet. Solange die Eckpunkte glaubwürdig erscheinen, werden die Leute auch die Geschichte drumherum schlucken. Zum Glück bieten uns unsere großen historischen Vorbilder eine Vielzahl lehrreicher Beispiele, wie man die eigene Vergangenheit zu einer fesselnden Heldengeschichte ausschmücken kann. Drei bewährte Methoden möchte ich Ihnen in diesem Kapitel näherbringen.
Die Methode Hitler: Was nicht passt, ist auch nie passiert
Die wohl einfachste Methode, Ihre fade Kindheit zur fesselnden Erzählung aufzubauschen, ist das Ausblenden all jener biografischen Belanglosigkeiten, die nicht zu Ihrer angepeilten Geschichte passen. Das Paradebeispiel für die konsequente Umsetzung dieser Methode bietet uns sogleich der wohl brutalste europäische Diktator des letzten Jahrhunderts: Adolf Hitler. Seine Biografie ist ohnehin bemerkenswert – bemerkenswert darin, wie wenig bemerkenswert sie ist. Wenn sogar der todlangweilige Adolf Hitler es schaffte, aus seiner Herkunft eine Legende zu basteln, können Sie das schon lange. Geboren ist Hitler bekanntlich 1889 im oberösterreichischen Städtchen Braunau am Inn. Ein Ort, so langweilig, wie Hitlers frühe Lebensgeschichte. Sein Vater arbeitete an der deutsch-österreichischen Grenze für das Zollamt der k. u. k.-Monarchie, die Mutter war, wie damals üblich, Hausfrau. Üblich für diese Zeit sind auch ein paar andere Merkmale der Familie Hitler. So war Hitlers Vater 23 Jahre älter als seine Mutter, und – soweit wir das sagen können – waren die beiden auch entfernt verwandt. Aber gut, die Familie stammte ursprünglich auch aus dem niederösterreichischen Waldviertel, und da sieht es Gerüchten zufolge heute noch nicht viel anders aus. Üblich waren auch die innovativen väterlichen Erziehungsmethoden im Hause Hitler, die den jungen Adolf mit regelmäßigen Prügelportionen versorgten. Einmal soll sein Vater ihn sogar bewusstlos geschlagen haben. So weit, so gewöhnlich also.
Mit einem Umweg über Linz zog es Hitler in seinen Teenagerjahren schließlich nach Wien, wo er sich an der Kunstakademie bewarb, allerdings gleich zwei Mal durch die Aufnahmeprüfung rasselte. Er blieb die nächsten Jahre über trotzdem in der Hauptstadt und gab sich dabei auch immer wieder als Kunststudent aus. Über Wasser hielt er sich nach dem frühen Tod seiner Mutter und dem nicht ganz so frühen Tod seines Vaters (der stilecht an einem Glas Frühstückswein verendete) mit einer Waisenpension und regelmäßigen Finanzspritzen seiner Tante. Als diese Geldquelle irgendwann versiegte, sah sich der verkannte und chronisch erfolglose Hitler 1910 sogar gezwungen, in ein sogenanntes Männerheim zu ziehen, was im Prinzip nichts anderes war als ein Obdachlosenheim. In der Zeit begann er, Postkarten mit Ansichten Wiens zu malen und über einen Freund zu verkaufen. Wie viel Geld er damit verdiente, wissen wir nicht genau. Man kann sich aber vorstellen, dass er damit nicht unbedingt reich wurde. Irgendwann hatte Hitler genug. Im Jahr 1913 ließ er Wien für immer hinter sich und zog nach München. Warum er das tat, ist bis heute schwer zu sagen. Einerseits wollte er sicherlich seinem elenden Leben entkommen, wobei man sich schon fragen muss, was er als gescheiterter Künstler ohne sonstige nennenswerte Talente in München anders machen wollte. Gerüchten zufolge wollte er aber auch einfach dem Militärdienst in Österreich entkommen. Warum aber zog er dann ein Jahr später für Deutschland in den Ersten Weltkrieg – noch dazu illegal als Nichtstaatsbürger? So viel zu dem Teil von Hitlers Biografie, über den wir später nicht mehr viel hören werden.
Nach Kriegsende 1918 ist Adolf Hitler knapp dreißig Jahre alt, und erst jetzt wird er historisch greifbar. Sein gesamtes bisheriges Leben ist uns ja nur wegen seines späteren Aufstiegs bekannt, wenn auch nur zu Teilen. Und wenn es nach Adolf Hitler selbst gegangen wäre, hätte er über diese Zeit wahrscheinlich danach nie mehr gesprochen – sein Versagen in Wien hat ihm mit Sicherheit noch lange zugesetzt und war für einen selbsterklärten Herrenmenschen nun wirklich nicht angemessen. Aber eine Legende braucht man eben, das wusste auch der zukünftige „Führer“. Deshalb begann er schon früh, über seine Kindheit zu reden, diese bei der Gelegenheit aber gründlich zu schönen. Das Ziel dabei war einfach: Niemand sollte zu viel über seine wahre Herkunft erfahren. Hitler wollte die alleinige Kontrolle darüber behalten, was er über sich verriet und was davon stimmte. Er untersagte sogar seinem Halbbruder, sich öffentlich als solcher zu bekennen, um nur nichts über sich preiszugeben. Und das funktionierte auch wunderbar! Je weniger die Menschen über Hitler wussten, desto mehr verfielen sie (und mit ihnen die Medien) in den Zwanzigerjahren in Spekulationen, die seinen Mythos weiter befeuerten. Ein weiterer Grund für die Geheimnistuerei war wahrscheinlich auch, dass Hitler die leicht inzestuösen Verwicklungen in seiner Familie verheimlichen wollte. Wohl nicht jeder im Deutschen Reich hätte diese kulturelle Eigenheit der Waldviertler geschätzt. Später kamen aufgrund dieser jahrelangen Geheimniskrämerei sogar Gerüchte auf, einige von Hitlers Vorfahren seien Juden gewesen, was mit ziemlicher Sicherheit reine Erfindung war. So schizophren war dann nicht mal er.
Weder die Kindheit noch die Wiener Jahre spielten konsequenterweise eine große Rolle in der Erzählung, die der „Führer“ ab den Zwanzigerjahren für sich strickte. Dafür nahmen andere Teile seiner Biografie eine umso zentralere Stellung ein, insbesondere der Erste Weltkrieg. An diesem Krieg beteiligte sich Hitler als Meldegänger an der deutschen Westfront, und gegen Ende des Krieges – so behauptete er zumindest störrisch – wurde er auch Augenzeuge des Dolchstoßes, den die linken Aufständischen und Juden dem Deutschen Reich verpassten, während sein Heer auf dem Feld ungeschlagen blieb. Diese „Dolchstoßlegende“ hatte zwar keinerlei Wahrheitsgehalt, wurde in jener Zeit aber gern erzählt und noch viel lieber gehört. Und falls Ihnen das bekannt vorkommt, kann ich nur sagen: Das ist das gesamtstaatliche Äquivalent für eben jenes Kind, das nach seiner Niederlage das „Mensch ärgere dich nicht“-Spielbrett umwirft und die Partie für unentschieden erklärt. Die Deutschen waren noch nie gute Verlierer. Die Kriegszeit, der folgende Aufstieg in der NSDAP, der Putschversuch von 1923 – all das diente später als zentraler Bestandteil des Designs der Hitler-Biografie, wie nur er sie verbreiten durfte und sie auch in „Mein Kampf“ niederschrieb – und bei der Gelegenheit mit zahlreichen Halb- und Unwahrheiten ausschmückte. Über die Jahre und Jahrzehnte haben Hitler und der Propagandaapparat des Nazi-Regimes diese Geschichte immer weiter heroisiert. Hitler wurde im Nachhinein zum Tribun und Volkserlöser aufgebauscht, dessen Bedeutung für Deutschland schon in den Zwanzigerjahren allen klar gewesen sein musste. Nur über die Zeit vor 1914 verlor man wie schon angedeutet kaum ein Wort. Eine souveräne Art, mit der unliebsamen Vergangenheit umzugehen, und eine Taktik, die sich unter Herrschern aller Art auch heute noch größter Beliebtheit erfreut. Konsequent verdrängt Viktor Orbán das Studentenstipendium, das ihm in den späten Achtzigern von seinem heutigen Erzfeind George Soros gewährt wurde. Der ehemalige österreichische Vizekanzler und FPÖ-Vorsitzende Heinz-Christian Strache versteckte Zeit seines politischen Lebens mehr oder weniger erfolgreich seine Jugendjahre im Umfeld von politisch fragwürdigen Gruppierungen. Der serbische Ministerpräsident Aleksandar Vučić verbirgt seine Zeit als Minister unter Slobodan Milošević, sein bulgarischer Kollege Bojko Borissow seine Karriere als Bodyguard des kommunistischen bulgarischen Machthabers Todor Schiwkow. Nein, das ist kein Witz.
Die Methode Stalin: Photoshop-Meister der Dreißigerjahre
Auch der zweite große europäische Despot des letzten Jahrhunderts, Josef Stalin, bediente sich der „Methode Hitler“. Immerhin hatte er auch so einiges aus seinen Jugendjahren unter den Teppich zu kehren. Der junge Iosebb Dschugaschwili, geboren im völlig unbedeutenden georgischen Städtchen Gori, war nicht gerade von Kindheitstagen an das Urbild eines sozialistischen Revolutionärs. In seiner Jugend besuchte er für längere Zeit eine kirchliche Schule und war auf dem besten Weg, Priester zu werden. Zeitweise war Stalin sogar Klassenbester! Es ist wohl wenig überraschend, dass man darüber in seiner offiziellen Biografie später nichts mehr erfahren konnte. So ganz wollte so eine Geschichte nicht zum sozialistischen Charme passen … Also verschwieg Stalin diese Zeit bereits in seinen frühesten politischen Lebensjahren nach Kräften, und das Resultat war ganz ähnlich wie bei Hitler. Bis in die Zwanzigerjahre hinein galt Stalin auch unter seinen Parteigenossen als „Mann ohne Biografie“ – niemand schien sonderlich viel über diesen Georgier zu wissen, obwohl er sich nun schon seit längerem im inneren Zirkel der Bolschewiki bewegte. Wirklich berühmt wurde der sowjetische Gewaltherrscher aber für eine andere Methode der Biografiekorrektur. Er hatte nämlich die magische Gabe, Menschen um sich herum einfach verschwinden zu lassen! Diese Fähigkeit besaß er sowohl im wörtlichen Sinn, indem sich Leute, die ihm zuvor nahegestanden hatten, plötzlich vor dem Erschießungskommando oder in Sibirien wiederfanden. Er besaß sie aber auch im übertragenen Sinn. Stalin ließ jene Leute, die seiner Gunst verlustig gegangen waren, auch gerne mal aus alten Fotografien entfernen. So wurde zum Beispiel das Bild einer Lenin-Rede aus Revolutionszeiten später „korrigiert“, um die inzwischen in Stalins Kreisen nicht mehr willkommenen Weggefährten Leo Trotzki und Lev Kamenew zu entfernen. Wäre es nicht gar zu aufwändig gewesen, hätte sich Stalin sicher auch selbst in das Foto setzen lassen, aber leider war die Technik hierfür wohl noch nicht ganz ausgereift. Auch die lächerlichsten Kleinigkeiten fielen Stalins Retuschierwahn zum Opfer. Auf einer Postkarte, die eine Szene während der Oktoberrevolution zeigte, war zum Beispiel ursprünglich ein Geschäft im Hintergrund zu sehen, auf dessen Schild „Uhren, Gold und Silber“ angeboten wurden. Der Schriftzug wurde unter Stalin in den Zwanzigern in „Kämpft für eure Rechte“ abgeändert. Warum ein Geschäft im Jahr 1917 so etwas hätte aushängen sollen, hinterfragte offensichtlich niemand. Dass das Ganze stattdessen etwas damit zu tun haben könnte, dass sich in der Sowjetunion kaum jemand Uhren, Gold oder Silber leisten konnte, ist freilich nur üble Spekulation.
Teilweise wurden Fotos in der späteren Sowjetunion sogar gleich mehrmals verändert, um immer wieder auf neue „Erkenntnisse“ zu reagieren. Das geschah zum Beispiel mit einem alten Foto von Lenin und seinen frühen Mitstreitern aus dem Jahr 1897. Ein Genosse namens Alexander Malchenko war auf diesem Foto ursprünglich an der Seite des Parteigründers zu sehen. Als dieser 1930 wegen konterrevolutionärer Umtriebe hingerichtet wurde (die beliebteste Anschuldigung der Sowjets, weil sie wirklich alles und nichts bedeuten konnte), wurde er kurzerhand aus dem Foto entfernt. Drei Jahrzehnte später – nach dem Tod Stalins – erkannte die neue Sowjetführung, dass es sich bei dieser Verurteilung wohl doch um einen Fehler gehandelt haben könnte. Sie fügte Malchenko dem Bild also wieder hinzu. Warum auch nicht? Inzwischen dürfte sich in der Sowjetunion doch wirklich niemand mehr über solche Aktionen gewundert haben. Man kann die Liste der Photoshop-Korrekturen unter Stalin und seinen Nachfolgern noch eine ganze Weile lang fortsetzen. In den Sechzigerjahren wurde etwa ein sowjetischer Astronaut – ähm … Kosmonaut – aus allen offiziellen Fotos gestrichen. Er war nämlich bei einem Trainingsunfall gestorben, den man mit Blick auf die Kontrahenten in den USA vertuschen wollte. Das tat man, indem man schlichtweg behauptete, den Mann habe es nie gegeben. Und einer, den es nicht gibt, kann auch keinen Unfall haben. Eine Strategie, wie sie auch nur die Sowjets verfolgen konnten. Ein weiteres sehr bekanntes Foto, das dem Stalin’schen Photoshop-Pinsel zum Opfer fiel, ist das der roten Fahne, die 1945 nach dem Sieg über Nazi-Deutschland auf dem Berliner Reichstag gehisst wurde. Einer der sowjetischen Soldaten auf dem Foto trug bei der Aufnahme auf beiden Handgelenken je eine Armbanduhr, was nur auf Plünderungen schließen lassen konnte. Das war zwar nicht gerade unüblich, passte aber nicht ins Weltbild der Sowjetführung, die sich ja als Befreier und Verteidiger der menschlichen Zivilisation darstellte. Deshalb retuschierte man die zweite Uhr einfach aus dem Bild. Aber schön zu sehen, dass es für sowjetische Soldaten 1945 doch wieder Uhren und vielleicht sogar Gold und Silber gab.
Es wird Sie nicht überraschen, zu hören, dass sich die Methode Stalin heute noch großer – ja sogar wachsender – Beliebtheit erfreut. Immerhin bietet die digitale Fotobearbeitung ganz andere Möglichkeiten, als das noch unter Stalin der Fall war. Ist Wladimir Putins Oberkörper tatsächlich derart gestählt, wie er in russischen Zeitungen anlässlich eines Ausritts dargestellt wird? Wir werden es wohl nie wissen … Die Frage ist aber ohnehin eher, warum Zeitungen es für nötig erachten, das überhaupt zu drucken. Vielleicht inspirierte sie der gestählte Oberkörper dazu.
Wenn es Sie jetzt auch schon unter den Nägeln juckt und Sie sofort damit beginnen wollen, Ihre Vergangenheit nach allen Regeln der Diktatorenkunst zu retuschieren, möchte ich Sie an der Stelle aber auch warnen. Werden Sie der Fälschung überführt, kann das in der Weltöffentlichkeit ziemlich peinlich für Sie werden. Vorsicht ist also geboten! Andererseits kann es auch peinlich werden, wenn Sie das Retuschieren unterlassen. Die Amtseinführung von Donald Trump (Sie wissen schon: die „größte Menschenmasse der Geschichte“) wäre mit einem passend zurechtgerückten Bild vielleicht doch etwas glaubwürdiger gewesen als mit dem des halbleeren Platzes …
Die Methode Tito: Wann Ihr Leben beginnt, bestimmen immer noch Sie!
Nun haben wir zwei Tricks der ganz Großen kennengelernt, mit welchen Sie Ihre Biografie so richtig schön auf Vordermann bringen können. Lassen Sie einfach jene Teile Ihres Lebenslaufs weg, die nicht zu Ihrer Geschichte passen, und vernichten Sie jeden Beweis von Weggefährten und Ereignissen, an die Sie nicht erinnert werden wollen. Die beiden brutalsten europäischen Diktatoren des 20. Jahrhunderts kamen schließlich nicht ohne Grund an ihre Position! Aber es gibt auch einen Mittelweg, und wie so oft im weiteren Verlauf dieses Buchs manifestiert sich dieser am deutlichsten an Josip Broz Tito, dem jahrzehntelangen Herrscher über das kommunistische Jugoslawien. Dabei zeichnet sich Marschall Tito im Unterschied zu seinen meisten autokratischen Zeitgenossen generell durch seine Vorsicht aus. Und noch heute wird im ehemaligen Jugoslawien diese kalkulierte Besonnenheit mit Güte verwechselt, was Tito nach wie vor Sympathien einbringt. Diese Charaktereigenschaft war auch der Grund, warum dieser Mann überhaupt erst zur starken Hand auf dem Balkan werden, sich aus dem Orbit der Sowjetunion befreien und zum weltweit angesehenen Staatsmann avancieren konnte. Wohl auch nicht ohne Grund zerfiel sein Reich wenige Jahre nach seinem Tod wieder … Aber lassen Sie sich davon mal nicht die Laune verderben. Tito musste den Zerfall seines eigenen Staates schließlich nicht mehr miterleben. Er starb auf dem Zenit seiner Macht eines natürlichen Todes. Solange Sie das auch schaffen, ist doch alles in Butter. Widmen wir uns also wieder den schönen Dingen im Leben! Tito war nun zwar vielleicht nicht ganz so gütig, wie einige seiner ehemaligen Untertanen das heute noch gerne sehen. Er war aber doch zumindest ein ungewöhnlicher Diktator. Er schuf in Jugoslawien eine verhältnismäßig sanfte Diktatur, die er vor allem mithilfe seines Personenkultes und der Propaganda beherrschte. Damit ist er auch ein phänomenales Vorbild, wenn es um den kreativen Umgang mit der Biografie geht.
Die Umgestaltung der Herkunftsgeschichte beginnt bei Tito schon mit der eigenen Kindheit – das kennen wir ja bereits von Adolf Hitler. Aber Tito toppt den „Führer“ hier. Nicht einmal sein Geburtsjahr ist mit Sicherheit geklärt. Und als würde das noch nicht genügen, kursieren nicht etwa zwei oder drei unterschiedliche Daten, sondern gleich zehn! Nach allem, was man weiß, dürfte der Mann in den frühen 1890ern geboren worden sein, wahrscheinlich irgendwann im Mai. Dass ganz Jugoslawien irgendwann den 25. Mai als seinen Geburtstag beging, ist keine Garantie für die Korrektheit dieses Datums, sehr wahrscheinlich ist es nicht der tatsächliche Tag seiner Geburt. Aber was soll der ganze Trubel, letzten Endes ist es doch völlig egal. Das Kernelement von Titos biografischer Elastizität ist ohnehin ein komplett anderes. Er hat seine Biografie in späteren Jahren nämlich auf de facto vier Jahre reduziert: die Zeit des Partisanenkrieges gegen die deutschen und italienischen Besatzer Jugoslawiens. Zu diesem Zeitpunkt war Tito zwar schon ungefähr (wie gesagt, so sicher können wir uns da nicht sein) fünfzig Jahre alt – über die Zeit davor wurde während seiner Herrschaft aber kaum gesprochen. Wozu auch? Was wirklich zählt im Leben dieses großen Marschalls, fand doch in jenen vier Jahren statt! Tito hatte erkannt: Alle anderen Details um sein früheres Leben würden die Menschen nur von der eigentlichen Geschichte ablenken. Die Zeit als orientierungsloser Jugendlicher, als Soldat der österreichisch-ungarischen Armee im Ersten Weltkrieg, als kommunistischer Zögling in Russland, als Lehrling Stalins … das wollte doch niemand hören! Hören wollten die Menschen von der Legende Tito. Der Marschall, der sich mit seinen treuen Partisanen in den Wäldern und Bergen verschanzte, den Besatzern den Guerillakrieg erklärte und den dann auch noch gewann! Tito setzte als Präsident also alles daran, genau diesen Teil seines Lebens immer wieder hervorzuheben. Das war für ihn auch nicht sonderlich schwierig. Immerhin entstand der Staat Jugoslawien, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1991 existierte, doch aus genau jenem Partisanenkampf. Im Gegensatz zu Hitler und Stalin stand Tito mit seiner Methode vor einer viel leichter zu bewältigenden Aufgabe. Er musste nicht ganze Abschnitte seines Lebens, die Kindheit und Jugendzeit sowie alle anderen unpassenden Augenblicke vertuschen. Genauso wenig musste er krankhaft seine Photoshop-Skills aufbessern und der Bevölkerung ständig neue Versionen alter Propagandabilder vorführen. Tito musste einfach nur immer dieselbe Geschichte erzählen und dafür sorgen, dass sie im Volk hängen blieb. Das war ihm schon während des Kriegs bewusst. So hat sein langjähriger Gefährte Aleksandar Ranković später erzählt, dass Tito immer darauf geachtet hatte, mit ja nichts in Verbindung gebracht zu werden, was später kompromittierend wirken könnte. Er hat nie ein Todesurteil oder den Befehl zur Niederbrennung eines Dorfes unterschrieben. Das heißt aber freilich nicht, dass das nicht geschehen wäre oder er es nicht mündlich angeordnet hätte.
Sein Regime nutzte über die nächsten Jahrzehnte zahlreiche Mittel, um ständig über diese Zeit des Kriegs und Titos Rolle als Partisanenführer zu sprechen und die Erinnerung daran frischzuhalten. Eine davon prägte die Menschen besonders und genießt bis heute ungebrochene Berühmtheit: die jugoslawischen Partisanenfilme. Der Film war Titos Lieblingsmedium. In seinen Residenzen unterhielt er Privatkinos und hatte einen eigenen Angestellten, der die Filme für ihn einlegte und ihn im Kinosaal betreute. Kein Wunder, dass das Medium bald auch für Propagandazwecke Verwendung fand. Und noch viel weniger ist es ein Wunder zu nennen, dass der Partisanenwiderstand zum beliebtesten Thema dieser Filme wurde. Einige der über hundert Produktionen stechen als besonders eindrucksvoll hervor. Das liegt vor allem daran, dass Tito es sich durchaus wert war, für die Filme ausländische Stars zu casten. Kaum etwas war zu teuer, und irgendwie ermöglichte Tito die Finanzierung jedes Mal. Ein Paradebeispiel ist der Film „Sutjeska“ über die Schlacht desselben Namens im Jahr 1943. In der Hauptrolle war kein Geringerer zu sehen als Richard Burton! Ganz ähnlich im Film „Bitka na Neretvi“, Schlacht an der Neretva, der – Sie haben es wahrscheinlich erraten – der Story von „Sutjeska“ einigermaßen ähnlich ist. Aber gut, das zeichnet diese Filme generell aus: Sie fühlen sich alle irgendwie gleich an, was seinen ganz eigenen Propagandawert hatte. Für „Bitka na Neretvi“ wurde unter anderem Orson Welles verpflichtet, und der Film wurde 1970 sogar für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Den Erfolg kann man der titoistischen Propagandamaschine also nicht absprechen. Die Dreharbeiten für den Film, die eineinhalb Jahre in Anspruch nahmen und gerüchteweise bis zu zwölf Millionen Dollar verschluckten, wurden von Tito persönlich genehmigt. Er stellte bei der Gelegenheit auch gleich 10 000 Soldaten der jugoslawischen Armee ab, um dem Ganzen einen realistischen Touch zu verleihen. Die absurdeste Entscheidung war aber, dass er es erlaubte, eine voll funktionsfähige Eisenbahnbrücke zu sprengen, anstatt für die Dreharbeiten eine Replik zu bauen. Es sieht halt viel realistischer aus, wenn es echt ist! Und wenn der Diktator sagt, man soll die Brücke für den Film sprengen, dann macht man das auch. Dumm nur, dass die Aufnahmen der Sprengung wegen der entstandenen Rauchwolke letzten Endes unbrauchbar waren, weshalb man sie in einem Studio nachstellen musste. Die Überreste der Brücke – allerdings wohl einer Replik – kann man in Bosnien bis heute bewundern. Ob irgendjemand der Besucher dort auf die Idee kommt, dass Tito vielleicht doch ein exzentrischer Alleinherrscher gewesen sein könnte? Herzallerliebst, wenn Sie das jetzt glauben …
Diese Filme besaßen für Tito einen enormen Wert, der weit über seine persönliche Liebe zum Medium hinausging und die Kosten in seinen Augen auch rechtfertigte. Die Filme erinnerten sein Volk immer und immer wieder an den alten Partisanenkampf, den bei weitem wichtigsten Teil von Titos Biografie. Als Herrscher wollte er immer und überall mit genau dieser Zeit seines Lebens in Verbindung gebracht werden, denn dieser Moment der „Volksbefreiung“ bildete die Grundlage seiner Herrschaft, seines Personenkultes und seines Staates. Hollywood-Stars nach Jugoslawien zu holen, passte außerdem wunderbar ins Bild des luxusverwöhnten Marschalls. Geld war kein Problem für den alten Genossen. Man lebte ja ohnehin auf Pump – wie wir im Verlauf dieses Buches noch sehen werden.
Wie bringen wir Ihre Biografie auf Vordermann?
Hitler, Stalin und Tito – drei Namen, die für unterschiedliche Methoden stehen, mit deren Hilfe es Diktatoren in der Vergangenheit gelang, ihre Biografien aufzubessern. Man weiß: Jeder Diktator ist anders. Und das gilt auch für aufstrebende Miniautokraten, wie Sie einer sind. Und doch trifft eines auf jeden zu: Die Biografie ist wichtig! Überlassen Sie es also auf keinen Fall einem anderem, zu beschreiben, wer Sie sind und wofür Sie stehen. Das sollten Sie schon selbst in die Hand nehmen. Welche Methode für Sie persönlich zielführend ist, können Sie problemlos herausfinden. Gibt es Teile Ihrer Biografie, die Sie lieber verheimlichen würden? Dann wählen sie die Methode Hitler und streichen diese überflüssigen Details aus Ihrem Leben. Einige Ihrer derzeitigen Kollegen zeichnen das bereits erfolgreich vor: Viktor Orbán und sein Soros-Stipendium, Aleksandar Vučić und seine Rolle im Milošević-Regime, Heinz-Christian Strache und seine Jugendbekanntschaften … Und seien wir doch ehrlich: Wer von uns hat denn keine Leichen im Keller, die es zu verbergen gilt? Sollte das bei Ihnen nicht der Fall sein, dann sind Sie vielleicht doch kein Diktatorenmaterial. Legen Sie Wert auf das Verschwinden von Zeitgenossen, kann Ihnen eine Prise Stalinismus nicht schaden. Kein Diktator der Welt weist gerne auf die Gehilfen hin, die ihn an seinen Platz gebracht haben. Ein paar Photoshop-Tricks hier, ein paar Erschießungskommandos da, und schwups: Schon sind die unliebsamen Steigbügelhalter verschwunden. Wie immer führen viele Wege nach Rom (oder nach Pjöngjang, wenn Sie wollen). Jeder Diktator ist anders, jede Biografie ist anders und verlangt nach einer anderen Behandlung. Welche ist die Ihre?
Basteln Sie ein Feindbild
Ich muss Ihnen an dieser Stelle des Buches bereits eine unangenehme Wahrheit näherbringen: Ihr Volk wünscht sich in Wirklichkeit gar keinen Diktator. Ich weiß schon, was Sie jetzt sagen werden: „Das mag vielleicht im Allgemeinen stimmen, aber bei mir ist das anders!“ Immerhin sind Sie doch der beste Politiker, den Ihr Land je gesehen hat, und das Volk kann sich nur glücklich schätzen, Sie zu haben. Das mögen Sie als Resultat von Jahren feuchter Träume glauben, doch diesen Zahn muss ich Ihnen leider ziehen. Wenn es anders geht, wünscht sich die Menschheit üblicherweise keinen starken Herrscher, der von oben herab über ihr Leben entscheidet. Schon allein um die Menschheit von diesem Irrtum zu erlösen, gilt es, an die Macht zu kommen und dort zu bleiben. Hierfür bedienen sich Diktatoren seit jeher einer ebenso schlichten wie effektiven Methode. Anstatt sich selbst als die objektiv beste Wahl zu positionieren und um die Menschen zu werben, präsentieren sie sich als eine konkrete Lösung. Lösung wofür? Der Diktator ist die Lösung für ein ganz bestimmtes Problem, das übrigens rein gar nichts mit seinen Fähigkeiten zu tun hat. Wenn dieses Problem nämlich groß genug ist (oder die Menschen in Ihrem Land das glauben), müssen Sie über kein besonderes Know-how verfügen. Sie müssen nur die Lösung darstellen! Aber von welchen Problemen sprechen wir denn hier? Von Feinden natürlich! Der zukünftige Diktator muss das letzte Bollwerk gegen einen gemeinsamen Feind sein, einen Feind, der die Gesellschaft und den Staat in seiner Gesamtheit bedroht. Das und nur das erlaubt ihm seine Stellung als Alleinherrscher. Aber woher soll dieser Feind denn kommen? Das beste Problem ist immer das, das man selbst schafft. Denn dann fällt die Lösung meist nicht schwer. Schauen Sie sich nur um in der Welt. Kim Jong-un beschützt wie schon sein Vater und Großvater das nordkoreanische Volk vor den Imperialisten im Süden und in Amerika, nachdem sie selbst den Koreakrieg vom Zaun gebrochen hatten. Wladimir Putin schützt das russische Volk seit Jahrzehnten vor dem ausbeuterischen Westen und dessen moralischen Verfall, nachdem er selbst dem Land jegliche Hoffnung auf Reform genommen hatte. Donald Trump schützt das amerikanische Volk vor … oh, Moment! Ich entschuldige mich. Jetzt hätte ich Präsident Trump fast in eine Reihe mit solchen autokratischen Herrschaften gestellt.
Der Schlüsselbegriff für uns ist also das Feindbild. Wenn Sie zum alleinigen Machthaber Ihres Landes aufsteigen wollen, brauchen Sie ein solches, denn ohne Bedrohungsszenario, ganz ohne eine böse äußere Gruppe, vor der es die Nation zu schützen gilt, ist Ihre Machtübernahme vor dem Volk nur schwer zu rechtfertigen. Aber Sie haben Glück! Feindbilder haben doch gerade in diesen Jahren wieder Hochkonjunktur. Die Flüchtlinge, der Islam, der „Deep State“ … es gibt so viele reale und fiktive Feinde, die man als aufmerksamkeitssüchtiger Jungautokrat bekämpfen kann. Das Buffet ist eröffnet! Die Menschen lieben eben ihre Feindbilder, und seit jeher teilten alle sozialen Gruppen solche Vorstellungen. Immerhin bieten gemeinsame Feinde eine Grundlage für Rudelbildung, und nicht erst seit gestern nutzen aufstiegshungrige „Politiker“, wie Sie sich wohl gerne auch sehen, diese Neigung. Egal, wohin man in der Geschichte blickt, so gut wie jeder große Herrscher baute seine Macht zuallererst auf ein wohlgenährtes Feindbild auf. Die ganz Großen unter diesen Politikern verließen sich dabei aber nicht auf das Glück. Sie gingen ganz aktiv daran, solche Feindbilder zu erfinden, zu schüren und damit immer weiter aufzublasen, bis der Ruf im Volk nach einer „Lösung“ nicht mehr zu überhören war. Dreimal dürfen Sie raten, wer diese Lösung dann parat hatte.
Den Roten kann man nicht über den Weg trauen
Nun habe ich gerade gesagt, dass es in so gut wie allen menschlichen Gesellschaften schon immer Feindbilder gegeben hat und ebenso machthungrige Menschen, die diese für sich ausgenutzt haben. Allerdings gibt es doch Zeiten in der Geschichte, zu denen diese ewige Wahrheit wahrer ist und stärker zutrifft als zu anderen. Zeiten des politischen Umbruchs und der Unsicherheit sind nämlich die beste Voraussetzung für Feindbilder und ihre politische Verwertung. Wenn wir uns das letzte Jahrhundert anschauen, gibt es da ein ganz besonderes Datum, das jedem Autokratie-Fan bekannt sein sollte: der Jahreswechsel von 1918 auf 1919. Da herrschten in Europa noch so richtig wilde Zeiten! Anfang November 1918 endete der Erste Weltkrieg, und mit ihm kam unter anderem das Ende des Deutschen und des Habsburgerreiches. In Mittel- und Osteuropa entstanden neue Staaten wie Jugoslawien, die Tschechoslowakei, Ungarn und Polen, während sich in schon zuvor existierenden Staaten wie Rumänien massiv die Grenzen verschoben. Bereits ein Jahr vor Ende des Krieges war außerdem die Oktoberrevolution über Russland hinweggefegt, und damit war das politische Chaos in weiten Teilen des Kontinents perfekt. Heute lässt es sich manchmal viel zu leicht über diese Umbrüche reden, ohne den mit ihnen verbundenen Einschnitt für die Menschen der Zeit wirklich zu begreifen. Die Etablierung dieser neuen Nationalstaaten und die damit verbundene Unsicherheit brachten gigantische Zäsuren im Alltagsleben mit sich, die die Menschen noch über Jahre hinweg prägten. Teils komplett neue Politiker, die zuvor keine Rolle gespielt hatten, neue Grenzen – zuweilen mitten durch existierende Lebensräume … Auch muss ich wohl nicht betonen, dass diese Verschiebungen für die wirtschaftliche Entwicklung direkt nach dem Krieg nicht gerade zuträglich waren. Für die Erholung nach einem Krieg ist es nicht die beste Idee, etablierte Handelswege und Wirtschaftsräume zu durchschneiden und alles auf null zu stellen. Aber gut, darum ging es den politischen Führern der Zeit ja nicht. Diese außen- und innenpolitische Unsicherheit und wirtschaftliche Misere spiegelten sich somit bald im innenpolitischen Leben vieler Staaten Europas wider. Radikale Zeiten verlangen eben nach radikalen Antworten, und so griffen über den Kontinent hinweg politische Extrempositionen um sich.
Besonders erfolgreich erschien in den ersten Monaten nach dem Krieg zunächst eine bestimmte Extremposition: die des Kommunismus. Auch das kann man sich gegenwärtig nur schwer vorstellen. Heute wirkt – zumindest in Europa – die Oktoberrevolution eher wie ein isolierter Einzelfall, der nur durch sowjetische Gewalt und durch den nächsten Weltkrieg in die Länder Mittel- und Osteuropas getragen werden konnte. Von der von Lenin versprochenen „Weltrevolution“ kann im historischen Rückblick keine Rede sein. Im Winter 1918 sah das allerdings noch ganz anders aus. Die Oktoberrevolution lag erst ein Jahr zurück, und plötzlich gab es vielerorts in Europa linke Gruppierungen, die eine ganz ähnliche Revolution wie in Petersburg anstrebten. Eine Zuspitzung schien unausweichlich. In Deutschland geschah das schon sehr früh in der Novemberrevolution, die 1918 zumindest in Teilen des Landes Arbeiter- und Soldatenräte nach sowjetischem Vorbild hervorbrachte. Einen Höhepunkt erreichte die Entwicklung im Frühling 1919 mit der Münchner Räterepublik und ihrer gewaltsamen Niederschlagung durch regimetreue und rechtsradikale Verbände, die freilich genauso wenig demokratiebegeistert waren wie die Anhänger der Räterepublik. Nach der Oktoberrevolution und einer ganz ähnlichen Revolution in Ungarn war der in München nun schon der dritte dieser bolschewistischen Aufstände. Sorge vonseiten der rechtsautoritären Kräfte war also durchaus angebracht!
Ein besonders lehrreiches Beispiel kann uns die Niederschlagung der erwähnten ungarischen Räterepublik bieten. Immerhin kam als Folge dieser kurzlebigen Revolution ein ausgesprochen ehrenwerter Kollege von Ihnen in Budapest an die Macht. Ein Mann, der Ihnen als Mentor so einiges über autoritäre Politik beibringen kann. Der roten Republik in Ungarn wäre aber wohl auch ohne ihn kein gutes Schicksal bestimmt gewesen. Als diese im April 1919 proklamiert wurde und die neue Führungsschicht daran ging, ihre links-revolutionären Ideen zu verwirklichen, waren die Probleme eigentlich schon vorauszusehen. Zu mächtig und zu zahlreich waren die Gegner der Maßnahmen, und schon im August fand das Regime sein Ende, als zu allem Überfluss auch noch rumänische Truppen in Budapest einmarschierten. Die rechtsautoritäre Gegenbewegung ließ nicht lange auf sich warten. Bereits im Frühjahr des Folgejahres saß ein gewisser Herr Miklós Horthy im Sessel der Macht. In einem absurden ungarischen Königreich ohne König wurde er Reichsverweser. Wir werden in diesem Buch noch an einigen Stellen von diesem Mann hören, doch eine seiner ganz zentralen Charaktereigenschaften möchte ich gleich am Beispiel seiner Machtübernahme ansprechen: Er spielte von Beginn an meisterhaft mit den Feindbildern der ungarischen Gesellschaft. Feind war zuallererst der Kommunist. Nach der blamablen Niederlage gegen Rumänien war auch der letzte Bonus der Kommunisten verspielt, und Horthy verstand es aufs Beste, sich als Bollwerk gegen eine Rückkehr dieser „linken Chaoten“ und „Volksverräter“ zu positionieren. Ganz nach dem Handbuch also. Dennoch traf auch auf Ungarn im Jahr 1919 zu, was fast immer zutrifft. Die Allerwenigsten wünschten sich einen Diktator, auch nicht in Person Miklós Horthys. Aber sie sahen das Problem, und dieser Horthy, Admiral der k. u. k.-Armee und Vertreter einer „alten Größe“, war zumindest ein ausgewiesener Gegner des kommunistischen Terrors und somit eine glaubhafte Lösung. Er war ein Garant für die Stabilität des Landes und dadurch ein Kompromiss, den viele Schichten Ungarns zu tragen bereit waren.
Als echter Diktator verstand sich Horthy in der Folgezeit allerdings nicht, zumindest nicht, was seinen Herrschaftsstil anging. Er bevorzugte es, wie ein herkömmlicher Monarch zu regieren und Ministerpräsidenten unter sich einzusetzen, die die Tagespolitik Ungarns gestalteten – wie in der guten alten Zeit eben, in der Horthy selbst aufgewachsen war. An seiner Legitimation änderte das freilich nichts. Er war angetreten, um ein Problem zu lösen, und der Reichsverweser stand die nächsten zwei Jahrzehnte vor allem für ein Versprechen: Unter ihm würde es in Ungarn niemals wieder eine linke Revolution oder auch nur eine starke linke Bewegung geben. Und dieses Versprechen vertrat er recht glaubwürdig. So war Horthy der letzte nennenswerte europäische Staatsmann, der Anfang der Dreißigerjahre die Sowjetunion als Staat anerkannte – über fünfzehn Jahre nach der Oktoberrevolution und zu einem Zeitpunkt, an dem niemand mehr die Staatlichkeit dieses Regimes hätte anzweifeln können. Dass ihn sein Lieblingsfeindbild, die Bolschewisten, später auch in den politischen und persönlichen Abgrund trieb und ihn zu einer Allianz mit Nazideutschland und der Teilnahme am deutschen Russlandfeldzug verführte, ist ein anderes Thema. Und es ist auch alles nicht so tragisch! Zum Zeitpunkt seines Sturzes war Reichsverweser Miklós Horthy immerhin 24 Jahre lang im Amt gewesen und inzwischen weit über siebzig Jahre alt. Seinen Lebensabend durfte er dann außerdem im klimatisch wie politisch freundlichen Portugal verbringen. Ich bin mir sicher, als Möchtegerntyrann werden Sie mir zustimmen: Man kann sich für die eigene Rente Schlimmeres vorstellen.
An allem sind die Juden schuld … und die Kommunisten … und die Demokraten sowieso
Wir müssen aber natürlich nicht bis nach Ungarn schauen, um zu sehen, welche Auswirkungen eine gescheiterte Revolution haben kann. Die Räterepublik von München und ihre Niederschlagung im April 1919 hatten es schließlich genauso in sich! Die eigentliche Revolution begann in Deutschland schon deutlich früher als in Ungarn, und zwar im November 1918. In den meisten Teilen des Landes flaute die revolutionäre Laune im Laufe des folgenden Frühlings aber schon merklich ab. Nicht so jedoch in Bayern. Nach der Ermordung des revolutionären Ministerpräsidenten Kurt Eisner durch einen rechtsradikalen Attentäter heizte sich die Stimmung ab Februar 1919 erst so richtig auf und mündete Anfang April in der Ausrufung einer Räterepublik nach sowjetischem Vorbild. Die hatte mit ihrem fast zeitgleich entstehenden Pendant in Budapest auch sonst so einiges gemein. In Bayern wie in Ungarn waren Revolution und Räterepublik – soweit kann man es wohl sagen – nie von einer Mehrheit getragen. So genoss diese Republik auch nur in der Stadt München und in der unmittelbaren Umgebung eine gewisse Autorität. Bereits am 1. Mai 1919 war es mit dem Spuk wieder vorbei. Da marschierten antirevolutionäre Truppen in München ein, teils Anhänger des ehemaligen (oder nach seiner Meinung noch aktiven) sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Hoffmann, teils gewalthungrige Freikorps, Überbleibsel der Weltkriegsarmee mit oft rechtsradikalem Hintergrund.
Das Ende der Münchner Räterepublik war dann auch entsprechend blutig. Hunderte meist unschuldige Münchner wurden von den heranrückenden Truppen auf offener Straße ermordet. Als Resultat herrschten in der Stadt schon bald wieder „Recht und Ordnung“. So sehr sogar, dass München in der Folgezeit eine Kehrtwende um 180 Grad hinlegte und vom linksrevolutionären Hort zur „Ordnungszelle“ Deutschlands wurde. Nirgends waren das rechtskonservative und rechtsradikale Lager in der Zeit der Weimarer Republik stärker verwurzelt als hier. Der Feind war in diesem antirevolutionären Lager Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg bereits deutlich erkennbar. In allem, was in Deutschland seit dem Kriegsende schiefgelaufen war, gab es einen gemeinsamen Nenner: die Juden. Die Juden waren daran schuld, dass Deutschland den Krieg verloren hatte. Wir haben ja bereits über die Dolchstoßlegende gesprochen, die zwar ein schon damals offensichtliches Lügenkonstrukt war, trotzdem aber weitum geglaubt wurde. Darüber hinaus war nach Meinung der Rechtsradikalen auch die Räterepublik in München ein jüdisches Konstrukt. Gleichzeitig aber hielten die Juden nach wie vor alle Produktionsmittel und das Kapital der Welt in ihren Händen. Man wollte ja keine altehrwürdigen Vorurteile opfern, nur weil sich auch neue boten. Wie ein und dieselbe Gruppe zugleich den bolschewistischen Umsturz des Systems und die Profitmaximierung in eben jenem System betreiben konnte, das unter einen Hut zu bekommen, war ein besonderes Kunststück … Aber so genau hat damals wohl keiner nachgefragt. Für das Nachfragen sind Rechtsradikale ja auch heute noch nicht berühmt.
Nach der Niederschlagung der Münchner Räterepublik wurden diese rechten Meinungen in Bayern zum neuen Mainstream. Antisemitismus hatte es zwar schon lange gegeben, so massentauglich wie in der „Ordnungszelle“ war er aber noch nie gewesen. Es gab im München der Zwanzigerjahre ein Feindbild, das die Mehrheit der Menschen bereit war zu glauben. Der Feind, das waren die Kommunisten und als Verlängerung die Juden. Schon bald fand sich konsequenterweise auch jemand, der sich als Lösung für dieses Problem präsentierte: ein junger Österreicher namens Adolf Hitler. Und Hitler gab sich nicht damit zufrieden, die Ängste der Menschen und ihre etablierten Feindbilder auszunutzen, wie das die etwas denkfauleren Autokraten dieser Welt gerne tun. Er fachte diese Vorurteile aktiv an, um die Bedrohung durch den jüdischen Feind weiter aufzublasen. Bei der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten war der Weg somit schon geebnet. In Bayern – aber auch fast überall sonst in Deutschland – war der Antisemitismus im Laufe der Zwischenkriegszeit zur neuen Normalität geworden. Was mit rechten Verschwörungstheorien wie der Dolchstoßlegende begann, hatte es in breite Teile der Bevölkerung geschafft. In den Dreißigern hätten wohl die meisten Deutschen der Parole zugestimmt: Die Juden sind das Problem. Adolf Hitler und die Nationalsozialisten sind die Lösung. Als Folge war es für Hitler auch nicht sonderlich schwierig, über Nacht schwere Geschütze gegen diesen jüdischen „Feind“ aufzufahren. Ohne die vorangegangenen Jahre der Normalisierung des Unmenschlichen ist das Regime Hitlers nicht zu erklären. Ohne die Jahre, in denen von nationalsozialistischen wie anderen Seiten die Unterschiede zwischen „uns“ Deutschen und den „anderen“ heraufbeschworen wurden, kann man den folgenden Weg in Richtung Massenmord nicht verstehen. Gegen Adolf Hitler gab es im Volk jedenfalls keinen echten Widerstand, als er in den Dreißigerjahren mit der massiven Diskriminierung der jüdischen Mitbürger begann. Als er später den Zweiten Weltkrieg vom Zaun brach, war es für die Propaganda des Regimes bereits problemlos möglich, die deutschen Angreifer als die wahren Opfer darzustellen, so absurd das in Wirklichkeit anmutet. Denn sie wehrten sich mit diesem Angriffskrieg doch nur gegen die Bedrohung durch den ewigen Feind, das Weltjudentum! Und selbstverständlich hat in dem Kontext Polen zuerst geschossen. Noch im politischen Testament, das er kurz vor seinem Tod aufsetzte, legte Hitler auf diese Tatsache besonderen Wert. Nicht er hatte den Krieg begonnen, er war ihm und dem deutschen Volk durch das Weltjudentum aufgezwungen worden. Dass ihm die breite Mehrheit der Deutschen in dieser vollkommen geisteskranken Einschätzung zustimmte, zeigt uns die wahre Macht der Feindbilder. Trotzdem scheinen sie bis heute nichts an ihrer Beliebtheit unter autokratischen Zeitgenossen wie Ihnen verloren zu haben.
Mit denen ist kein Staat zu machen
Lassen Sie mich Ihnen an der Stelle noch eine Weisheit bezüglich Feindbilder mitgeben: Der Staat sind Sie – und Ihre Feinde sind somit die Feinde des Staates. Diese an sich banale Tatsache, die schon im absolutistischen Frankreich von anno dazumal zutraf, hat von ihrem Wert bis heute nichts verloren. Andere politische Gruppen sind nicht nur Ihre „Mitbewerber“, wie das in demokratischen Ländern gerne dahingesäuselt wird. Mit ihnen ist kein Staat zu machen, sie müssen geradezu mit Gewalt ausgemerzt werden. oder Ihre Nation ist dem Untergang geweiht! Diese Argumentation kennen Sie vielleicht. Sie wird besonders gerne von Parteien benutzt, die schon lange allein herrschen. Aber auch als (noch) Außenstehender können Sie sich dieser Tricks bedienen und die (noch) regierende Partei als Feind brandmarken, von dem der Staat schnellstmöglich befreit werden muss. In irgendeiner Form haben fast alle großen Diktatoren der Vergangenheit diesen Trick angewandt, wenn auch in unterschiedlicher Intensität. Ein lehrreiches Beispiel können wir im Österreich der Zwischenkriegszeit finden. Wie auch anderswo in Europa war die politische Lage im damaligen Österreich eine angespannte. Mit Ende der Donaumonarchie fand sich das Land plötzlich als demokratische Republik wieder, ohne nennenswerte Erfahrung in dieser Regierungsform aufweisen zu können. Schnell bildeten sich in dieser Lage zwei politische Blöcke heraus, die sich die Wählerschaft in vollkommener gegenseitiger Ablehnung untereinander aufteilten und sich anschickten, den neuen Staat im Alleingang zu führen. Auf der einen Seite dieses Kampfes standen die Sozialisten mit ihrer breiten Unterstützung innerhalb der seit Kriegsende erstmals wahlberechtigten Arbeiterschaft. Auf der anderen Seite bildeten sich die Christlichsozialen heraus, die die konservativen Kräfte des Adels, des Bürgertums, des Militärs und der Bauernschaft bündelten. Daneben gab es zwar noch kleinere Parteien, etwa die Deutschnationalen, doch die beiden Großblöcke teilten sich die Mehrheit der Wähler. Nach anfänglichen (wohl nie allzu ernst gemeinten) Versuchen der Zusammenarbeit wurde schnell klar, wohin die Reise in diesem Staat gehen würde. Die „Roten“ setzten sich mit einer absoluten Mehrheit in der Hauptstadt Wien fest und dominierten dort schon bald die politische Szene. Der Rest des Landes wurde „schwarz“. Durch das demografische Übergewicht Wiens in der österreichischen Gesamtbevölkerung waren die Ergebnisse der beiden Blöcke bei landesweiten Wahlen dennoch recht ähnlich, und die Sozialisten waren auch landesweit eine ernstzunehmende Kraft. Da sich aber alle politischen Kräfte rechts der Mitte einig darin waren, ihnen keine politische Mitbestimmung zu gewähren, wurden sie isoliert und im Nationalrat zur Daueropposition gezwungen. Die Christlichsozialen (und in geringerem Ausmaß ihre nationalistischen Partner) wussten spätestens zu diesem Zeitpunkt: Der Staat, das waren jetzt sie. Und bald wurde es Zeit, sich den Feinden zuzuwenden.
Dieser Kampf verlagerte sich binnen kurzem vom Parlament auf die Straße. In einem Land, in dem das Gewaltmonopol des Staates so gut wie nicht existierte, bildeten sich schnell die ersten rechten Milizen heraus, die auf den Straßen auf „Rote“ losgingen – die bedeutendste dieser Gruppen war die faschistische Heimwehr. Als Gegenmaßnahme gründeten die Sozialisten schließlich den Republikanischen Schutzbund. Man muss es wohl nicht erwähnen: Diese beiden paramilitärischen Gruppen gingen sich in den nächsten Jahren gehörig an die Gurgel, was die Zentralgewalt des Staates nicht nur einmal an den Rand des Untergangs brachte. Die Nähe zwischen Christlichsozialer Partei und den Heimwehren fluktuierte in dieser Zeit zwar, man arrangierte sich üblicherweise aber schnell. Denn auch wenn die Heimwehren im Gegensatz zu den eher traditionellen Christlichsozialen eine waschechte faschistische Bewegung darstellten, konnte man sich auf das gemeinsame Ziel einigen: Das große Feindbild, die Sozialisten, war mit allen Mitteln von der Macht fernzuhalten! Einen Höhepunkt erreichte das in den frühen Dreißigern. Zuerst war es die Heimwehr, die sich öffentlich vom Parlamentarismus abwandte und einen autoritären „Ständestaat“ forderte. Bald folgten ihr auch die sich rapide radikalisierenden Christlichsozialen unter Engelbert Dollfuß nach. Dieser neue Mann an der Spitze der Partei (wegen seiner wenig beeindruckenden Körpergröße von seinen Gegnern auch „Millimetternich“ genannt) brachte ohnehin einen wahren Zaubertrick zustande. Er schaffte es, die tief autoritäre Christlichsoziale Partei der Zwanzigerjahre noch weiter nach rechts zu rücken und dem Faschismus zu öffnen. Im Frühjahr 1933 war es dann soweit. Kanzler Dollfuß schaltete das Parlament aus und regierte den Staat von nun an offen autoritär. Neue Wahlen verbot er unter anderem mit der großartigen Begründung, dass das den Tourismus in Österreich einschränken könnte … In der Öffentlichkeit gab es außerhalb des sozialistischen Milieus trotzdem keine Aufschreie. Das Feindbilderschmieden der letzten Jahre hatte sich bezahlt gemacht, und von der Demokratie hielten die meisten ohnehin wenig. Das Parlament war für viele konservative Österreicher nicht mehr als das Sprachorgan der Sozialisten. Es zu schließen, war der einzig richtige Schritt.
Engelbert Dollfuß radikalisierte seine Regierung – getrieben vom fanatischen Feindbild der immer noch aktiven Sozialisten – nach Ende des Parlamentarismus stetig weiter, und am Schluss wurde sogar die Christlichsoziale Partei selbst aufgelöst, um in eine neue Staatspartei, die Vaterländische Front, überzugehen. Man gönnte sich bei der Gelegenheit sogar ein hippes neues Logo, das Kruckenkreuz. Ich bin nun zwar kein Anwalt, aber hätten es die Nazis versucht, hätten sie die Front wegen Markenrechtsverletzung drankriegen müssen, so ähnlich sah das Symbol dem Hakenkreuz. Um die endgültige Umwandlung in den „Ständestaat“ zu vollenden, musste Dollfuß nun nur noch die Sozialisten als politische Kraft ausschalten. Die Chance für einen zünftigen Frühjahrsputz ergab sich schließlich im Februar 1934. Da ging die Staatsführung daran, das Gewaltmonopol wiederherzustellen und die Waffenlager des Republikanischen Schutzbundes der Sozialisten auszuheben. Es fällt auf, dass die rechten Milizen und die Heimwehr kein Problem für dieses Monopol darzustellen schienen, obwohl sie mindestens auf genauso vielen Waffen saßen. Es kam, wie es vielleicht kommen musste, und die Militäraktion gegen den Schutzbund artete in einen dreitägigen Bürgerkrieg aus. Die Armee und die Heimwehren auf der einen und der Schutzbund auf der anderen Seite kämpften erbittert um die Gemeindebauten Österreichs, die sich in Festungen und Schlachtfelder verwandelten. Am Ende stand die totale Niederlage der hoffnungslos unterlegenen Sozialisten. Dem Aufbau des autoritären „Ständestaates“ stand nichts mehr im Weg. Na ja, außer vielleicht die Tatsache, dass Engelbert Dollfuß nur Monate darauf von Nationalsozialisten ermordet wurde. Aber was hätte er auch machen sollen? Man kann das Volk ja nicht verwirren. Ihnen zu erzählen, dass nun sowohl die Sozialisten ALS AUCH die Nazis Feinde des Staates waren, das war doch zu viel verlangt vom einfachen Bürger. Während die Sozialisten blutig zerschlagen wurden, konnten die Nazis in Österreich also in Ruhe weiterwerkeln. Erst nach der Ermordung Dollfuß’ zog sein Nachfolger Kurt Schuschnigg auch hier die Daumenschrauben an. Sein Regime endete trotzdem vier Jahre später im „Anschluss“. Die Führer des „Ständestaates“ Österreich sahen sich danach gemeinsam mit den von ihnen eingekerkerten Sozialisten im KZ wieder. Manchmal kennt die Geschichte ja doch Ironie.
Ein Feindbild will gepflegt sein
Auch wenn wir in diesem Kapitel über eine für uns Demokratieallergiker ganz besondere Zeit in der Geschichte Europas gesprochen haben, die nicht so ohne Weiteres auf andere Zeitpunkte umzulegen ist, sind die Lehren daraus noch immer aktuell. Gewisse Dinge ändern sich nicht, und ein Feindbild ermöglicht Ihnen nach wie vor einen Aufstieg zum Alleinherrscher, wo dieser ansonsten unvorstellbar wäre. Nur wenn eine existenzielle Gefahr besteht, wird Ihr Volk auch bereit sein, Ihnen ohne Widerrede die Zügel in die Hand zu geben. Was Sie dann mit den Zügeln machen, ist freilich Ihnen überlassen und kann vom Volk hingenommen werden oder nicht. Dann schickt man eben die Geheimpolizei. Nun leben wir heute zwar in weitaus weniger radikalen Zeiten als noch 1918. In jüngster Vergangenheit gab es in den meisten Teilen Europas keinen Krieg, es gab keine Revolution, und so gibt es eigentlich nichts, wogegen Sie sich stellen könnten. Das bedeutet aber nicht, dass Sie nicht trotzdem mithilfe von Feindbildern an Ihrer Machtbasis arbeiten könnten. Denn was ein Problem ist, entscheiden immer noch Sie! Heute reicht es ja schon, wenn eine Zeitlang etwas mehr Flüchtlinge als üblich über die Grenzen nach Deutschland kommen. Schauen Sie sich die AfD nur an! Das Feindbild „Flüchtling“ bringt der Partei seit Jahren stetige Gewinne ein, das noch ältere Feindbild „Islam“ spielt dem noch weiter in die Hände. Bei Pegida kann man sogar beobachten, wie die Feindbildmacherei auf ganz neue Ebenen gehoben wird. Da sind es dann plötzlich nicht mehr nur die Flüchtlinge und Muslime, die uns und unsere Lebensart in Deutschland bedrohen. Plötzlich trägt die Kanzlerin persönlich Schuld an alledem und wird zum Teil der Verschwörung. Danke Merkel! Auch der Antisemitismus ist im Europa des 21. Jahrhunderts noch lange nicht tot und findet in neuer Gestalt weiterhin begeisterte Anhänger. Sogar in obersten Regierungskreisen! Die modernste Gestalt des jüdischen Feindbildes ist dabei wohl George Soros, seines Zeichens Milliardär, Philanthrop und internationaler Geldjude vom Dienst. In seinem Geburtsland Ungarn steht er durch das Orbán-Regime schon seit Jahren im Kreuzfeuer und wird für so ziemlich alles verantwortlich gemacht, was schiefläuft. Die von ihm gegründete Central European University wurde aus dem Land gedrängt, und letzten Endes war Soros sogar persönlich an der „Flüchtlingskrise“ schuld, da dieser Jude aus New York doch offensichtlich eine „Umvolkung“ Europas plant. Inzwischen erfreut sich dieses neue antisemitische Feindbild weltweiter Beliebtheit. Überall reden autokratische Geister über diesen Mann. Denn „George Soros“ – das darf man noch sagen. Vom „jüdischen Kapitalisten“ zu reden, kommt heute dagegen nicht mehr so gut an. Das haben inzwischen alle verstanden, von Mitgliedern der FPÖ, die Soros die Unterstützung von Umsturzplänen in Osteuropa andichten (in klassischer 1919er-Tradition) bis hin zu Donald Trump und seinem ehemaligen Chefpropagandisten Steve Bannon, für die Soros sogar Schuld an den Migrationsbewegungen aus Lateinamerika trägt. Manche Feindbilder sind eben einfach zu gut, um sie aufzugeben. Nehmen Sie sich ein Vorbild. Konsequenzen scheint es ja keine zu geben, und auch das genannte Mitglied der FPÖ musste nicht wegen antisemitischer Ausfälle den Hut nehmen. Dazu musste Herr Gudenus dann doch erst nach Ibiza reisen.
Finden Sie Ideale und unterwandern Sie sie
Nichts ist mächtiger als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Haben Sie diesen Spruch schon mal gehört? Er ist absoluter Blödsinn. Es gibt da so einiges auf dieser Welt, das mächtiger ist als eine Idee, deren Zeit gekommen ist. Eine sauber indoktrinierte Geheimpolizei zum Beispiel oder die Armee! Trotzdem haben die Menschen eine gewisse Schwäche für Ideen. Denn gut formulierte Ideen sind einleuchtend, wir können sie uns leicht merken und uns mit ihnen identifizieren. Wenn Sie gerade auf dem Weg zur absoluten Macht stehen – oder sich zumindest gerne den Glauben daran erhalten und ausbauen möchten – kann es also nicht schaden, ein paar Ideen mit auf diesen Weg zu bringen. Wobei: Echte Ideen sind vielleicht doch ein bisschen gar speziell. Da müssten Sie am Ende noch Ahnung davon haben, wovon Sie sprechen. Aber wozu Ideen, wenn es Ideale gibt? Ein Ideal, dieser kleine Bruder der Idee, ist etwas wahrlich Fantastisches. Im Gegensatz zur Idee muss ein Ideal nämlich gar nichts! Es muss keine tatsächliche Position wiedergeben, sondern kann aus einer Anhäufung leerer Phrasen bestehen. Mit der Hilfe von Idealen können Sie so tun, als ginge es Ihnen in der Politik um die Sache, als würde sich bei Ihnen nicht alles um sich selbst drehen und als ob Sie von Ihren Idealen und nicht etwa von der Aussicht auf die Macht getrieben würden. Umso vager Sie sich bei der Formulierung Ihrer Ideale halten, desto besser ist es am Ende für Sie. Ihr Ideal muss für möglichst viele Menschen intuitiv gut und richtig klingen, dann haben Sie schon einen weiten Teil des Weges hinter sich gebracht. Im Zeitalter des Marketings kann es darüber hinaus auch nicht schaden, wenn sich Ihre Ideale in eine einfache Formel pressen lassen, einen simplen Slogan. Wir wollen die Aufmerksamkeitsspanne des Volkes ja nicht überstrapazieren.
Einige Ihrer Kollegen führen das bereits auf beeindruckende Weise vor. Schauen Sie nur auf Donald Trump – und ja, jetzt stelle ich ihn in diesen Kontext. Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2016 ließ sich seine politische Linie mit einigen markanten, aber gleichzeitig völlig inhaltsleeren Slogans zusammenfassen. „Make America Great Again!“ Was soll das denn heißen? Was bedeutet denn „great“ genau? Und warum „again“? Wann war Amerika zuletzt „great“, und wie wollen wir dahin zurückkehren? Vollkommen egal! Hauptsache jene Amerikaner, die sich aus welchen Gründen auch immer abgehängt fühlen, können sich in den Slogans wiederfinden. Donald Trump bietet ihnen ein Ideal. Er will dem Land und vor allem den Abgehängten wieder zu alter Größe verhelfen, oder zumindest glauben ihm die Menschen das. Auch andere von Trumps Slogans verfolgen dieselbe Logik. „Drain the Swamp“ etwa. Den Sumpf trockenlegen. Das klingt doch super! Die Abgehängten fühlen sich von Washington nicht vertreten, die Politikerszene dort ist für sie ein großer Sumpf, der trockengelegt werden muss, und dieser Trump spricht genau das aus. Klasse! Das ist unser Mann! Da macht es dann auch nichts, wenn der Kerl in Wirklichkeit selbst Teil eines korrupten Systems ist, sich so gut wie ausschließlich auf eine Politik für die Superreichen des Landes konzentriert und in ziemlich jeden Skandal verwickelt ist, den man sich nur vorstellen kann. Doch um den Sumpf trockenzulegen, muss man eben erst mal knietief in ihn eintauchen, werden Trump-Anhänger entgegnen. Aber auf solche Diskussionen müssen wir uns nicht einlassen. Was Sie als Diktatorenaufsteiger mitnehmen sollten, ist klar: Machen Sie es wie Donald der Große. Finden Sie einfache Ideale, fassen Sie sie prägnant zusammen und hintergehen Sie sie dann nach Lust und Laune. Sie werden sehen: Im Nullkommanichts gelten Sie als Mann des Volkes. Oder Frau des Volkes, wobei Sie damit schon eine bemerkenswerte Ausnahme wären.
Der Vater der Nation kümmert sich um seine Kinder
Es wird Sie kaum überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass die Kommunisten in den letzten hundert Jahren unter allen Herrschern am erfolgreichsten darin waren, mit Idealen zu spielen – die gesamte Logik des Kommunismus baut darauf auf. Der Kommunismus steht für eine Ansammlung großer Ideale, die dann auf die eine oder andere Art aufgegeben werden, um eine Einparteienherrschaft durchzusetzen. Die „Diktatur des Proletariats“, das „Arbeiterparadies“, die „Gleichheit aller Menschen, Geschlechter und Nationalitäten“, der „kollektive Wohlstand“, „Freiheit“, das „Ende der Gewalt“ … all das sind Dinge, die der Kommunismus schon versprochen hat, und diese Ideale wurden in der sozialistischen Realität mit großer Verlässlichkeit auf so ziemlich jede erdenkliche Art gebrochen. Am schlimmsten traf es dabei aber wohl die Freiheit. Frei war man als Mensch in keinem kommunistischen Regime, das es auf dieser Welt jemals gegeben hat. Was die Sowjetführung nicht davon abhielt, den eigenen Staat als „freiestes aller Länder“ zu bezeichnen. Aber ich wiederhole es nochmal: Das ist vollkommen egal! Ideale klingen gut und lassen sich wunderbar in einfache Slogans verpacken. Damit erfüllen sie ihren Zweck.
Nun schauen wir doch mal, wie der Vater der kommunistischen Diktatur schlechthin mit solchen Idealen umging. Josef Stalin ist mit Blick auf die von ihm bedienten Ideale eine spannende Person. Bei seiner Machtübernahme in der Sowjetunion der Zwanzigerjahre musste er sich erst mal mit einigen Altlasten herumschlagen. Vor ihm hatte Wladimir Lenin an der Spitze des revolutionären Staates gestanden, ein waschechter marxistischer Theoretiker! Als solcher hatte Lenin ganze Abhandlungen über den Kommunismus geschrieben, die – das versichere ich Ihnen – genauso lesbar und fesselnd sind wie alle anderen kommunistischen Abhandlungen von Marx abwärts. Da ist jede Dauerwerbesendung auf RTL interessanter. Als Konsequenz vertrat Lenin all die Ideale, die man klassischerweise mit kommunistischen Bewegungen verbindet: Gleichheit, Frieden und so weiter – das ganze Programm. Dass er nach der Oktoberrevolution nichts davon wahr machte, ist ein anderes Thema, das kann dem besten Revolutionär passieren. Stalin, als Lenins Nachfolger, fühlte sich diesen Idealen in gewissem Maße verpflichtet, er präsentierte sich als denjenigen, der – im Gegensatz zu seinem bösen, bösen Kontrahenten Leo Trotzki – die Politik Lenins weiterführen wollte. Nicht unbedingt, weil er so sehr an diese geglaubt hätte, sondern weil der Staat auf eben diese Ideale aufgebaut war. Dadurch dass Stalin aber anders als Lenin kein marxistischer Theoretiker war und er keine nennenswerten Schriften vorzuweisen hatte (außer einer Abhandlung über die Nationalitätenfrage, die er wohl auf Drängen Lenins verfassen musste) und auch sonst nicht gerade häufig über solche Ideale sprach, gestaltete sich seine Herrschaft schon bald anders als die seines Vorgängers. Dafür mussten irgendwann neue Ideale her.
Die Grundidee der Herrschaft Stalins kann in bester Marketingmanier mit einem Satz auf den Punkt gebracht werden: „Kommunismus in einem Land“. Das bedeutete für die stalinistische Sowjetunion konkret die Abkehr von der Weltrevolution, wie Lenin oder Trotzki sie noch verfolgt hatten, und eröffnete Stalin ganz neue Ebenen der Gewaltherrschaft. Dadurch, dass der Kommunismus nun zuerst in einem Land, der Sowjetunion, errichtet werden sollte, konnte man sich guten Gewissens daran machen, dieses Land mit Gewalt umzuformen. Das bedeutete zunächst die Kollektivierung der Landwirtschaft, die in den Dreißigerjahren zu Hungersnöten und Toten in Millionenhöhe führte. Als nächstes folgte die Säuberung der Partei, des Militärs und des Staates. Denn wie konnte in der Sowjetunion auch wahrer Kommunismus erreicht werden, wenn es immer noch an allen Ecken und Enden von konterrevolutionären Elementen wimmelte! Im besten leninistischen Duktus nannte Stalin diesen Verfolgungswahn den „verschärften Klassenkampf unter den Bedingungen des sozialistischen Aufbaus“.
Die Losung „Kommunismus in einem Land“ bedeutete für Stalin darüber hinaus aber auch, dass er das Unmögliche möglich machen konnte: Er konnte in seinem kommunistischen Staat die Nationalismuskarte spielen! Jeder Diktator und jeder, der es noch werden will, weiß: Nichts zieht beim einfachen Volk besser als die Nationalismuskarte. Sie ist immer Trumpf. Im Zweiten Weltkrieg führte Stalin sein neu gefundenes Ideal zu seinem beinahe logischen Höhepunkt. Der Krieg wurde zum „Großen Vaterländischen Krieg“ hochstilisiert in Anlehnung an den „Vaterländischen Krieg“, der 150 Jahre zuvor gegen Napoleon geführt worden war. Was diese kämpferische Nationsrhetorik noch mit Kommunismus zu tun hat? Völlig egal! Viel wichtiger: Stalin selbst wurde inzwischen nur noch als „Väterchen“ bezeichnet. Der große Krieg war Werk des Vaters persönlich. Er allein konnte das Volk zur Erlösung und zum Sieg über den deutschen Faschismus führen. Über die kommunistischen Ideale eines Lenin sprach man schon lange nicht mehr. Aber auch sein eigenes Ideal des „Kommunismus in einem Land“ nahm Stalin nur oberflächlich ernst. Und zwar genau so lange, bis er auf Grundlage dieser Idee die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft durchdrücken, die Rote Armee von „schädlichen Elementen“ befreien oder das Land für einen national gefärbten Krieg mobilisieren konnte. In Wahrheit war das Vaterland für ihn keineswegs die Sowjetunion, Russland oder gar sein Heimatland Georgien. Nein, das Vaterland war Stalin selbst. In der Folgezeit bekam diese Nicht-Ideologie sogar einen Namen: Stalinismus; und der wiederum wurde voll Freude in die frischgebackenen kommunistischen Staaten des „befreiten“ Ost- und Mitteleuropa exportiert. In den Folgejahren eines verheerenden Weltkriegs und mit der Roten Armee im Land war plötzlich so einiges möglich. Auf einmal konnten sich in Rumänien, Ungarn oder Polen Leute an die Macht schwingen, die nach außen hin als Kommunisten auftraten, aber keines der alten kommunistischen Ideale vertraten. Der Stalinismus war alles, was man benötigte, und das änderte sich in den folgenden zehn Jahren auch nicht mehr. Anders als die Herrschaften Gheorghe Gheorghiu-Dej in Bukarest, Mátyás Rákosi in Budapest und Bolesław Bierut in Warschau können Sie, mein geschätzter Leser, aber wahrscheinlich nicht mit der Unterstützung der Roten Armee rechnen, und der letzte Weltkrieg ist leider auch schon etwas her. Den Luxus, keine Ideale vertreten zu müssen, haben Sie also nicht.
Vier Jahre nicht duschen ist auch ein Ideal
Stalin fand sich also mit der lästigen Situation konfrontiert, dass so unpraktikable Ideale wie Frieden, Freiheit, Gleichheit oder die Diktatur des Proletariats durch Lenin und die Oktoberrevolution zur Grundlage eines neuen Staates auserkoren worden waren. Für einen werdenden Diktator bedeutete das vor allem eines: viel Arbeit. Wie immer, wenn es um marxistische Ideale geht, konnte Stalin aber zumindest die Tatsache ausnutzen, dass diese ohnehin nie in der Realität angekommen waren. Sie standen nur auf dem Papier und waren mühelos zu überlagern. Dadurch gelang es Stalin, eine Form des nationalen Kommunismus zu erschaffen, die ihm letzten Endes die Alleinherrschaft sicherte und ihn zu nichts Geringerem als einen neuen Zaren werden ließ. Die zahllosen Stalinisten von Moskaus Gnaden, die sich ab 1944 in Osteuropa wundersam vermehrten, hatten es da doch um einiges leichter, da sie die neue „Ideologie“ direkt aus der Sowjetunion importieren konnten. Es ist aber wohl auch kein Zufall, dass die Mehrheit dieser stalinistischen Führer in den Ländern des Warschauer Paktes irgendwann gestürzt und durch neue Kader ersetzt wurden. Das geschah spätestens mit dem Tod Stalins und der oberflächlichen Abrechnung mit dem Stalinismus, die sein Nachfolger Nikita Chruschtschow einleitete. Allein auf eine importierte Idee zu setzen und sich bei deren Durchführung auch noch auf eine fremde Armee im Land zu verlassen, führt auf Dauer wohl doch nicht zum Erfolg.
Es gibt in der europäischen Geschichte des letzten Jahrhunderts aber einen Mann, dessen eigener Weg zum Sozialismus besondere Beachtung verdient: Josip Broz Tito in Jugoslawien. Er ist gewissermaßen das Gegenbeispiel. Tito erlangte seine Herrschaft ohne nennenswerte Hilfe der Roten Armee und sorgte mit seinen Partisanentruppen selbst für den Abzug der deutschen und italienischen Besatzer. Sein Weg zur Macht hatte somit von Anfang an eine nationale Komponente. Und wir haben nicht vergessen: Die nationale Karte ist immer Trumpf! Der Mythos Tito, der Aufstieg des zukünftigen Diktators Jugoslawiens, begann im Zweiten Weltkrieg als Partisanenführer. Von 1941 bis zum Ende des Kriegs lieferten sich seine Partisanen Scharmützel und sogar größere Schlachten mit den deutsch-italienischen Besatzern und ihren diversen Handlangern. Das bedeutete, dass sich die Partisanenarmee Titos in den Bergen und Wäldern Bosniens, Montenegros und Serbiens verschanzen musste. Diese Form des Unabhängigkeitskriegs gab der Bewegung von Anfang an eine zutiefst nationale Note. Denn immerhin ging es nicht in erster Linie um den Kommunismus oder die Herrschaft Titos, es ging um die Unabhängigkeit Jugoslawiens! Zumindest wurde das vonseiten der Anhänger Titos immer so rausposaunt. Dass dieses Land dem Wunsch der Partisanen nach später ein kommunistischer Staat werden sollte, war zweitrangig. Hauptsache man wurde die Fremdherrschaft los! Die Ideale, die Tito schon zu Kriegszeiten vertrat, waren in dem Kontext fast allgemeingültig: Unabhängigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Antifaschismus und aufgrund der monatelangen Aufenthalte in Wäldern und Höhlen geringe Körperhygiene. Bis auf Letzteres kamen all diese Ideale ziemlich gut in der Bevölkerung des kriegsgebeutelten Landes an.
Als Befreier des Landes war Titos politische Rolle nach Ende des Weltkriegs auch im Westen nicht zu ignorieren – Kommunismus hin oder her. Winston Churchill traf sich sogar noch während des Kriegs mit dem Partisanenmarschall. Auch wenn der Westen sich im neuen Jugoslawien sicher eine Allparteienregierung mit freien Wahlen wünschte, konnte Tito durch seine Glaubwürdigkeit schon sehr bald allein regieren. Das Volk war dabei auf seiner Seite. Immerhin stand er für Freiheit und Unabhängigkeit, wie konnte man dagegen sein? Der Teil des Volkes, der trotz all der guten Gründe immer noch nicht für ihn war, musste dann eben verfolgt, umgebracht oder weggesperrt werden. Sicher ist sicher, egal wie universell die eigene Herrschaft sein mag. Auf Basis dieser angeblichen Allgemeingültigkeit der Beweggründe und Ideale Titos konnte er die nächsten drei Jahrzehnte mehr oder weniger ungestört vor sich hin regieren. Ein titoistisches Ideal wie die Unabhängigkeit gab es in der Frühzeit des Regimes aber nur für einen sehr speziellen Teil der Bevölkerung: für die Mitglieder der Kommunistischen Partei. Erst im Laufe der Sechziger- und Siebzigerjahre gelangten auch normale Bürger in den Luxus persönlicher Freiheiten, wie etwa der Reisefreiheit, die sie mit Begeisterung wahrnahmen. Oder was denken Sie, warum es überall in Deutschland und Österreich Balkanrestaurants gibt, die mit einem Kilo Grillfleisch für sechs Euro werben? Tito und seine engsten Anhänger nutzten die Freiheit und Unabhängigkeit, die sie nach den ersten Jahren des Regimes genossen, nach Kräften aus. In den Nobelvierteln Belgrads entstanden bald die Residenzen der neuen Elite. Alte Schlösser und Villen wurden aufwändig renoviert, um den neuen Herrenmenschen Platz zu machen. Und die Luxussucht des neuen Staatschefs kannte keine Grenzen. Titos Yacht „Galeb“, mit der er in späteren Jahren die ganze Welt bereiste, seine luxuriösen Anzüge, sein privater Zoo auf der Adriainsel Brijuni, die teuren Autos … Vier Mal täglich ging er obendrein ins Solarium, und wenn er mal entspannen wollte, gönnte er sich ein Milchbad. Ein Milchbad! Klassischer Kommunist eben.
Für die kritischen Teile der Bevölkerung konnte währenddessen von Freiheit und Unabhängigkeit keine Rede sein. Eine Sache teilte das Tito-Regime in Belgrad nämlich mit allen anderen sozialistischen und kommunistischen Staaten der Zeit: Ohne Repression geht gar nichts! Direkt nach dem Krieg fanden tausende Anhänger der alten Besatzungsregimes ihren Tod, etwa in den Bleiburger Todesmärschen, in denen Gefolgsleute der kroatischen und slowenischen Nazikollaborateure in Massen ermordet wurden. Die Tatsache, dass der kroatische Staat die jährlichen „Gedenkfeiern“ für dieses Ereignis bis vor kurzem noch direkt unterstützte, obwohl sich dort erwiesenermaßen Neonazis treffen, sagt auf ihre Weise viel darüber aus, wie gut der Titoismus den Staat nach dem Zweiten Weltkrieg wirklich zusammengeschweißt hat. Auf die Todesmärsche und Verurteilungen nach 1945 folgten bald die ersten Gefangenenlager. Besondere Berühmtheit erlangte die Insel Goli otok, wörtlich die „nackte Insel“. Und der Name ist Programm: Auf diesem lebensfeindlichen Felsen in der Adria wurden politische Feinde seit 1949 festgehalten und mussten Zwangsarbeit verrichten. Böse Zungen mögen nun behaupten, diese Leute hätten herzlich wenig von der versprochenen Freiheit und Unabhängigkeit Titos gehabt. Das wäre aber falsch. Tito war nämlich für alle da. Den Gefangenen auf Goli otok wurde sogar das berühmte Selbstverwaltungssystem Jugoslawiens zuteil! Die schon länger Einsitzenden durften im Gefängnis Wärter und Aufpasser spielen und Neuankömmlinge erstmal zünftig verprügeln. Wenn das mal keine Freiheit ist! Mit dem netten Nebeneffekt, dass die Opfer des Regimes auch gleich zu Mittätern wurden. Wer konnte sich da noch beschweren? Und für Tito selbst funktionierte das System sowieso hervorragend. Im eigenen Land gab es bald kaum noch Widerstand gegen seine Herrschaft oder die der Kommunistischen Partei, und die von ihm vertretenen Ideale wurden zum größten Teil tatsächlich geglaubt. Dass er und seine Elite vielleicht etwas freier, unabhängiger und gleicher waren als der Rest der Bevölkerung, mag diese vielfach hingenommen haben. In den Augen etlicher Zeitgenossen war das einfach der normale Lauf der Dinge. So haben Politiker doch schon immer agiert, und schließlich genossen auch Teile der Bevölkerung ein Maß persönlicher Freiheit, das es in diesem Teil Europas noch nie gegeben hatte. Wer interessiert sich da schon für die paar zigtausend Gefangene und Verfolgte? Oder für den Luxus, in dem Tito und seine Clique lebten? Man selbst konnte in Westeuropa arbeiten und einkaufen, das ist es doch, was wirklich zählte! Auch im Ausland – oder besonders im Ausland – ging die Rechnung für Tito auf. Er blieb bis zu seinem Tod im Jahr 1980 ein gern gesehener Gast in Ost und West und genießt in vielen Kreisen nach wie vor ein hervorragendes Image.
Diamonds are forever – Ideale nicht
Man sollte nun denken, Ideale und Opportunismus schlössen sich gegenseitig aus. Doch kann ich Sie beruhigen. Selbstverständlich tun sie das nicht! Sie müssen es nur richtig anstellen. Und um zu sehen, wie man genau das verwirklichen kann, werfen wir einen Blick in das schöne Rumänien. Auch dort griff der … na ja, nennen wir es mal Kommunismus im letzten Jahrhundert bekanntlich um sich. Anfangs lief es in Rumänien ähnlich wie in allen anderen sowjetischen Satellitenstaaten in Mittel- und Osteuropa. Mit dem Einmarsch der Roten Armee kam nach Ende des Zweiten Weltkrieges eine von Moskau gestützte Partei an die Macht, deren Ideologie auf nichts weiter als plumpen Stalinismus fußte. Von Moskau als neue Machthaber anerkannt zu werden, genügte als Basis für die Herrschaft. Das Gesicht dieser Partei war ein rumänischer Altkommunist namens Gheorghe Gheorghiu-Dej. Er unterschied sich nicht grundlegend von anderen Politikern, die es sich zu jener Zeit in Europa gemütlich machten, war ein früher Anhänger des Kommunismus, saß dafür längere Zeit im Gefängnis und genoss nach Ende des Krieges das Vertrauen Stalins. Andere Ideale waren in diesem Kontext weder vonnöten noch wünschenswert. Das sollte sich erst einige Jahre später ändern, mit der Machtübernahme eines gewissen Nicolae Ceaușescu.
Dieser Mann legte Zeit seines Lebens einen Radikalopportunismus an den Tag, von dem Sie sich dringend eine Scheibe abschneiden sollten. In kommunistische Kreise rutschte Ceaușescu als Jugendlicher eher zufällig, sein erster Arbeitgeber in Bukarest war Kommunist und missbrauchte den Jungen für Botengänge der Partei. Doch mit der Zeit verstand Ceaușescu die Spielregeln und erkannte, wie diese Partei ihm einen sonst kaum erreichbaren Aufstieg ermöglichen konnte. Ceaușescu kam aus einem einfachen Haus und brachte keine nennenswerten Fähigkeiten mit. Vielleicht sehen Sie sich ja selbst ein bisschen in ihm? Schon in den Dreißigerjahren und während des Kriegs heftete Ceaușescu sich an die Fersen Gheorghiu-Dejs. Der war damals bereits eine der bestimmenden Personen in der kommunistischen Bewegung Rumäniens, die Nähe zu ihm konnte also mit Sicherheit nicht schaden. Viel weniger klar ist, warum sich Dej Ceaușescus annahm. Unter den Genossen galt der junge Kommunist als naiv und ungebildet, und er war obendrein nicht sonderlich freundlich oder sympathisch. Später wurde gemunkelt, es hätte zwischen den beiden homosexuelle Annäherungen gegeben, was zwar einiges erklären würde, aber nicht erwiesen ist. Beider Freundschaft schien mit der Zeit zu wachsen, und Ceaușescu konnte sich schon bald auf interessante Aufgaben im Regime freuen. Diese musste Gheorghiu-Dej immer wieder gegen den Willen anderer führender Kommunisten durchsetzen, die im jungen Nicolae nach wie vor einen unnützen Hochstapler sahen. Den Aufstieg Ceaușescus konnten sie nicht aufhalten. War er zunächst noch in der Führung der kommunistischen Jugend tätig, saß er ab 1946 bereits als Abgeordneter im Parlament, bald war er Stellvertreter des Landwirtschaftsministers, dann Stellvertreter des Verteidigungsministers und schlussendlich Sekretär des Zentralkomitees der Partei. Im Laufe dieser steilen Karriere übernahm Ceaușescu nicht nur viele Funktionen, sondern auch so gut wie alle politischen Meinungen seines Schirmherrn, wenn er auch oft noch radikaler stalinistisch agierte als der ohnehin schon stalintreue Herrscher selbst. Das war im Rumänien der Zeit auch die beste Entscheidung, die man als guter Pragmatist treffen konnte.
Mit dem unerwarteten Tod Dejs im Jahr 1965 konnte Ceaușescu die Dividenden seiner Strategie einfahren. Er war in der besten Ausgangslage, die Zügel Rumäniens selbst in die Hand zu nehmen. Sein Amt als Sekretär des Zentralkomitees bot ihm schon mal gewisse Vorteile, da er die Kontrolle über die Kommunikationsstrukturen der Partei innehatte. Das beinhaltete auch die Aufgabe, die Genossen über die Tatsache zu informieren, dass Gheorghiu-Dej aufgrund eines Krebsleidens im Sterben lag. Erst kurz vor dessen Tod informierte Ceaușescu das Politbüro, womit er sich einen Startvorteil im Rennen um die Nachfolge schuf. Von allen schirmte er den sterbenden Parteichef ab, um ihm ja nicht die Gelegenheit zu geben, seine Nachfolge zu regeln. Darüber hinaus konnte sich der als unbeholfen und niederintelligent geltende Ceaușescu als Favoriten einiger wichtiger Parteigranden etablieren, die in ihm das geringste Übel sahen. Die Rechnung ging auf, und Ceaușescu wurde Nachfolger Dejs. Nachdem er sich seiner Macht innerhalb der Partei sicher war, ging Ceaușescu schnell dazu über, seine alten Freunde wieder hinter sich zu lassen. Gerade die Führung, die in ihm doch eigentlich einen schwachen Kompromisskandidaten sah, war bald mit einer bösen Überraschung konfrontiert. In der Außenpolitik zeigte sich der Opportunismus Ceaușescus in seinem vollen Glanz. Auch wurde deutlich, in welcher Vollkommenheit er das Spiel mit den Idealen beherrschte. Ceaușescu erkannte nämlich, dass eine Annäherung an den Westen ihm politisch-wirtschaftliche Vorteile und größere Unabhängigkeit bieten konnte, wie das bei Tito in Jugoslawien schon seit längerem der Fall war. Neue Ideale mussten also her, und Ceaușescu entschied sich für den wohl unpassendsten Anstrich, den dieser zutiefst autoritäre Mann sich überhaupt verpassen konnte: Ab Ende der Sechzigerjahre inszenierte er sich in Richtung Westen als liberaler Reformer.
Die Wette ging auf. Das Ansehen Rumäniens verbesserte sich in der westlichen Welt enorm, insbesondere als sich Ceaușescu 1968 weigerte, am Einmarsch des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei teilzunehmen. Obendrein machte der neue rumänische Machthaber immer häufiger mit antisowjetischen Kommentaren auf sich aufmerksam, die jedoch stets vorsichtig dosiert blieben, um beim starken Mann in Moskau keine zu tiefe Verärgerung auszulösen. Dem Westen genügte das Theater. Die USA und Westeuropa erkannten in Ceaușescu bald schon ihr trojanisches Pferd im Ostblock, was sie sich auch einiges kosten ließen. Schnell fanden erste Investitionen ihren Weg nach Rumänien. Ceaușescu setzte seinen Weg in der Zeit aber noch weiter fort. So nahm Rumänien als erstes Land des Ostblocks diplomatische Beziehungen zu Westdeutschland auf (ein absolutes No-Go in den Augen der „Brüder“ in der DDR), er bemühte sich um ein groß angelegtes Handelsabkommen mit den USA und durfte schließlich sogar Richard Nixon in Bukarest begrüßen! Wer weiß, vielleicht hat Ceaușescu dem amerikanischen Präsidenten bei der Gelegenheit das eine oder andere beigebracht, was der im Watergate-Skandal gut nutzen konnte …
Aufgrund dieser frischen internationalen Anerkennung folgte bald die Aufnahme Rumäniens in den Internationalen Währungsfonds und die Weltbank mit allen finanziellen Vorteilen, die diese Institutionen mit sich brachten. Ceaușescu hatte sich seine neuen Reformer-Ideale klug ausgewählt und bei alledem auch Timing bewiesen. Die Sowjetführung hatte nach der Tschechoslowakei keinen Appetit mehr, auch noch in Rumänien einzugreifen. Außerdem war man mit dem Krieg in Vietnam zur Genüge beschäftigt. Solange die Führung in Bukarest also halbwegs auf Linie und im kommunistischen Lager verblieb, ließ ihr Leonid Breschnew in Moskau so ziemlich alles durchgehen. In der Zwischenzeit zog Ceaușescu in Rumänien die Daumenschrauben an. Denn der Liberalismus war schön und gut, aber allein für die Welt da draußen gedacht, nicht jedoch für die Menschen im Land! Es dauerte, bis auch der Westen das Spiel erkannte. Während Ceaușescu schon im Laufe der Siebzigerjahre immer autoritärer regierte, wurde er vom Westen nach wie vor unterstützt und immer wieder zu prestigefördernden Besuchen in die Hauptstädte der „freien Welt“ eingeladen. Erst in den Achtzigerjahren dämmerte es dem Westen langsam, dass man da wohl einem Hochstapler aufgesessen war. Immer häufiger machten Berichte über die untragbaren Zustände in Rumänien die Runde, und langsam wurde der Geldhahn aus dem Westen zugedreht.
Ceaușescus Antwort darauf war ebenso vorhersehbar wie erfolgreich – zumindest auf kurze Sicht. Er schuf sich frische Ideale, die für ihn und das Land zum neuen Selbstzweck wurden: Autarkie, Nationalstolz, die Schaffung eines neuen Menschen – so hieß der wilde Mischmasch aus monarchischen Allüren, gutem alten Nationalismus und einer Dosis Mussolini, auf die der Mann da kam. Dazu gehörten für die Bürger Rumäniens schmerzhafte Einsparungen an allen Ecken und Enden, die komplette Tilgung der rumänischen Auslandsschulden und der Bau absurder Prestigemonumente. Ein wirtschaftlich nicht gerade überzeugender Donau-Schwarzmeer-Kanal und der gigantische Parlamentspalast in Bukarest waren die radikalsten unter diesen Projekten. Der Palast, offiziell „Haus des Volkes“ genannt, wurde von vielen Rumänen schon damals „Haus des Sieges über das Volk“ bezeichnet und ist noch heute einen Besuch wert. Wo sonst kann man so viel über modernes Diktatorentum lernen? Das letzte und wichtigste Ideal der späten Ära Ceaușescu war aber das eigene Luxusleben, das er immer stärker nach außen trug. Es gab im Land schließlich niemanden mehr, der sich über den absurden Lebensstil des Herrschers hätte beschweren können. Ein Zeichen dafür war Ceaușescus Jagdwut. Zwanzig Prozent der Waldfläche Rumäniens waren Ende der Achtzigerjahre den Parteigranden (und vor allem ihm selbst) vorbehalten; in der Trophäensammlung Ceaușescus fand man später allein 400 Bärenschädel, und Tito beschwerte sich einmal darüber, wie wenig Rücksicht Ceaușescu bei der Jagd auf seine Gäste nahm, denen er nichts von der Beute vergönnte. Am Ende der kommunistischen Ära wurde Rumänien nur noch von einer Clique der Ceaușescu-Familie regiert. Seine Frau Elena war stellvertretende Staatschefin, Brüder, Cousins und Schwager saßen an allen wichtigen Schaltstellen der Macht, und was an Posten übrigblieb, war engen Freunden der Familie vorbehalten. Spätestens jetzt war der Kommunismus reiner Anstrich. In der Realität herrschte Ceaușescu wie ein Monarch des 18. Jahrhunderts. Er hatte einen ganzen Hofstaat um sich, nahm auf Auslandsreisen seine eigenen Küchenbediensteten mit, und alle Kinder, die er bei Auftritten küsste, mussten vorher medizinisch untersucht werden. Bei Reisen im Inland sorgten seine Mitarbeiter dafür, dass am Wegesrand wohlgenährte Rinder zu sehen waren. Auch seine bevorzugte Ansprache als „Führer“ (Conducător), die mit der Zeit universelle Verwendung fand, schreit nicht gerade nach Kommunismus. Die Rechnung dafür bekam Nicolae Ceaușescu Ende 1989 serviert, als die eigene Armee sich gegen ihn stellte. Er starb am Weihnachtstag jenes Jahres im Kugelfeuer, die Internationale singend. Man könnte ihm am Ende fast noch die kommunistischen Ideale abkaufen.
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