Kitabı oku: «Juma»
Ralf Lothar Knop
Juma
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Augustinus
Feuerbach
Ranke-Heinemann
Schopenhauer
Biko
Archetypen
Reich
Kierkegaard
Meister Eckhart
Lenin
Glaube, Liebe, Hoffnung, Erkenntnis
Zarathustra
Der Gottesstaat
Heiliger Frühschoppen Erster Tag
Heiliger Frühschoppen Zweiter Tag
Heiliger Frühschoppen Dritter Tag
Vorspiel
Die sieben Siegel
Die sieben Posaunen
Die sieben Schalen
Die Hure Babylon
Impressum neobooks
Augustinus
Ralf Lothar Knop
Juma
Fiktion
Alle Ereignisse und Personen in diesem Roman sind völlig frei erfunden. Irgendwelche Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder lebenden Personen sind rein zufällig und beabsichtigt.
Für meine Brüder Günter und Herbert
Karl ging bereits seit zwei Jahren zu Carl zur Psychotherapie, ohne dass irgendeine Besserung zu beobachten wäre. Woche für Woche spielte sich dieselbe Begrüßungszeremonie ab.
„Guten Tag Herr Marx, bitte kommen Sie herein und nehmen Sie Platz.“
„Bitte unterlassen Sie den Unsinn, Herr Jung, mein Name ist Augustinus von Hippo Regius. Sie dürfen mich Augustinus nennen.“
„Selbstverständlich. Bitte entschuldigen Sie, Herr Augustinus, ich habe so ein fürchterlich schlechtes Namensgedächtnis. Ist es richtig, dass Sie am fünften Mai 1818 in Trier geboren wurden?“
„Na, mein lieber Jung, heute sind Sie aber wirklich mal wieder vollkommen verwirrt. Ich wurde am dreizehnten November 354 in Tagaste geboren.“
Carl war diese Zeremonie sehr wichtig, weil er auf diese Weise feststellen wollte, ob es irgendein Anzeichen von Verbesserung oder auch nur die kleinste Veränderung gab. Als nächstes versuchte er Karls Geist durch dessen eigene Theorien aus der Dämmerung wieder hervor zu holen. An diesem Tag wollte er sich mit ihm über seine Einstellung zur Ehe, über den Menschen im Allgemeinen und über die Dreifaltigkeit unterhalten.
„Herr Augustinus, können Sie mir sagen, was Sie damit meinten, als Sie schrieben, dass „mit Aufhebung der jetzigen Produktionsverhältnisse auch die aus ihnen hervorgehende Weibergemeinschaft, d. h. die offizielle und nichtoffizielle Prostitution, verschwindet“. Soll das etwa heißen, dass Sie Ehefrauen für Prostituierte halten?“
„Einen solchen Unsinn habe ich natürlich niemals geschrieben, mein lieber Jung, Sie müssen sich wirklich besser vorbereiten. Ich habe vielmehr sehr deutlich ausgeführt, dass die Begierlichkeit des Fleisches allen sinnlichen Freuungen und Genüssen zugrunde liegt und dass sie deren Knechten nur Verderben bringt, genauso wie die Begierlichkeit der Augen und die Hoffart. Schon als kleines Kind habe ich gesündigt, denn noch bevor ich sprechen und laufen konnte gierte ich plärrend nach den Brüsten und mit bitterbösem Blick schaute ich auf meinen Milchbruder hin, trotz reichem Fluss und Überfluss des Milchquells habe ich den andern Bedürftigen nicht als Genossen geduldet. Später habe ich dann unter den Stachelstößen der Begierden die Fuhre meines Elends gezogen und im Ziehen immer noch gehäuft.“
„In Ihrem „Manifest der Kommunistischen Partei“ sprechen Sie nicht von Genossen, sondern vom modernen Arbeiter und Sie führen dort aus, dass die Bourgeoisie nicht nur die Waffen geschmiedet habe, die ihr den Tod bringen, sondern sie habe auch die Männer gezeugt, die diese Waffen führen werden – die modernen Arbeiter, die Proletarier.“
„Mein lieber Jung, ich habe Ihnen doch schon zig mal erklärt, dass der Ursprung des Bösen allein im freien Willen des Menschen besteht und nur durch das Licht der Seele können wir an Weisheit (sapientia) und Glückseligkeit (beatitudo) teilhaben. Nur durch Erkenntnis und Liebe erlangen wir die Teilhabe an Weisheit und Glückseligkeit.“
„In Ihrem Werk „Das Kapital“ haben Sie behauptet, dass alle Geheimnisse in der trinitarischen Formel „Kapital – Zins, Boden – Grundrente, Arbeit – Arbeitslohn einbegriffen seien und Sie haben dies die Dreieinigkeit genannt.“
„Das ist ja heute mal wieder kaum auszuhalten. Sie haben zwar Recht, dass ich mich auch über die Dreieinigkeit geäußert habe, aber in völlig anderer Weise: da hätten wir den Vater, den Urgrund der Weisheit, und aus ihm gezeugt und ihm gleich und gleichewig den Sohn und schließlich finden wir den Geist, der über den Wassern schwebte. Ich zitiere aus meinen Bekenntnissen: ‚da ist sie, die Dreifaltigkeit, mein Gott: Vater und Sohn und Heiliger Geist, Ein Schöpfer der Schöpfung allgesamt.‘“
„Ich möchte auf ein letztes Problem zu sprechen kommen. In Ihrem „Manifest“ behaupten Sie, dass der Mensch „allen selbständigen Charakter“ verloren habe und dass sich seine Kosten „fast nur auf die Lebensmittel, die er zu seinem Unterhalt und zur Fortpflanzung seiner Race bedarf“, beschränken. Sind Sie immer noch der Meinung?“
„Na, mein lieber Jung, Sie machen es sich heute aber sehr einfach. Glauben Sie wirklich, dass ich auf so plumpe Fragen hereinfalle? Ich habe weder ‚Das Kapital‘ noch das ‚Manifest‘ geschrieben. Ja ich habe mich auch über den Menschen geäußert, ich darf mal wieder zitieren: ‚Ein abgrundtiefes Geheimnis ist sich der Mensch. Selbst noch seine Haare, die Du, Herr, gezählt hast, und deren keines verlorengeht bei Dir, sind leichter zu zählen, als was sich regt und wegt in seinem Herzen.‘ Ich glaube, das ist etwas völlig anderes als der Unsinn, den Sie da zitiert haben.“
„Mein lieber Herr Augustinus, das soll für heute genügen, wir sehen uns in einer Woche wieder. Friedrich Nietzsche ist ein Zeitgenosse von Karl Marx, ich möchte Sie bitten bis zur nächsten Woche dessen Schrift ‚Menschliches, Allzumenschliches‘ zu lesen. Leben Sie wohl!“
„Ich weiß weder, was ich mit Karl Marx zu tun habe, noch mit Friedrich Nietzsche, aber wenn Sie es wünschen, werde ich selbstverständlich diese Schrift lesen. Leben Sie wohl, mein lieber Jung!“
Unmittelbar nach der Therapiestunde flog Karl alias Augustinus von Zürich nach London zurück, wo er in der Campden Hill Road in der Nähe von Holland Park eine Wohnung hatte. Da er die überfüllten Londoner U-Bahnen hasste, nahm er sich am Flughafen Heathrow ein Taxi zur Hyde Park Corner, von dort schlenderte er durch den Green Park zum Buckingham Palace, wo er jedoch von den vielen Touristen genervt wurde, die auf den Palace schauten, als würden sie von dort ihre Erlösung erwarten. Deshalb ging er weiter durch den St. James’s Park, wo er sich bei dem sonnigen Wetter für eine Weile auf eine Bank setzte und auf den St. James’s Park Lake schaute.
Anschließend ging er weiter zur Westminster Abbey, da er ein kurzes Gebet sprechen wollte, doch leider war der Eingang von der Polizei abgesperrt, weil mal wieder irgendein ausländischer Politiker unbedingt diese Abbey besichtigen musste, deshalb ging er weiter hinüber zu den Houses of Parliament, wo er eine Weile stehen blieb und sich vorstellte, welche wichtigen Entscheidungen in diesem Haus getroffen wurden, von hier ging er durch die Downing Street zurück zum St. James’s Park, am Buckingham Palace vorbei durch den Green Park, den Hyde Park, Kensington Gardens und durch die Holland Street schließlich zu seiner Wohnung in der Campden Hill Road, wo er sich vollkommen erschöpft erst einmal auf sein Bett fallen ließ und sofort einschlief.
Als er mitten in der Nacht wieder aufwachte, musste er sich zunächst einmal orientieren, indem er die Ereignisse des vergangenen Tages noch einmal im Geiste durchlief. Dieser Carl Gustav Jung war schon ein sehr merkwürdiger Vogel, aber sein Freund Friedrich hatte ihn in den höchsten Tönen gelobt, er sollte angeblich eine anerkannte Kapazität sein, die einen völlig neuen Zugang zur menschlichen Seele gefunden habe. Trotzdem wusste Karl, alias Augustinus, nicht, ob er die Therapie fortsetzen sollte, da er sich eigentlich vollkommen gesund fühlte, es waren ja die anderen Menschen, die ihm diese Therapie empfohlen hatten.
Er konnte es zwar nicht leugnen, dass er immer noch nicht die Beziehung zu seiner Mama verarbeitet hatte, doch das war schließlich keine Krankheit. Einerseits liebte er seine Mama Monnica und er war ihr außerordentlich dankbar, weil sie sich ihr ganzes Leben lang um ihn gekümmert hatte. War sie es doch, die ihn aus der Irrlehre des Manichäismus befreit hatte und sie hatte auch in den Jahren seines lasterhaften Lebens zu ihm gehalten, obwohl es ihr so manches Mal die Tränen in die Augen getrieben hatte, wenn sie sah, dass sein einstiges Leben von Diebstählen, Lügen und vor allem der Raserei der Lust geprägt war.
Sie hatte es wirklich nicht verdient, dass er sie so kläglich hinterging, als er ohne sie nach Rom abreisen wollte. Da sie ihn einfach nicht loslassen wollte, hat er sie getäuscht und belogen und fuhr heimlich in der Nacht fort und am nächsten Morgen stand sie fassungslos vor Schmerz mit Klagen und Seufzen an der Küste, denn sie hing ja nach Art der Mütter an ihrem Beisammensein mit ihm und trotz seiner Falschheit und Grausamkeit betete sie wieder für ihren Sohn. Liebesstark im Glauben ist sie Gott sei Dank dann später jedoch, als er schon in Mailand war, mit seinem Bruder nachgekommen und sie waren wieder vereint.
Im Gegensatz zu Karl alias Augustinus, der in seinen frühen Jahren dem Alkohol sehr zugetan war und dem das Loblied der Nüchternheit genauso zum Ekel war, wie der wassergemischte Trunk dem Säufer, hatte bei seiner Mama die Trunksucht keinerlei Macht über ihren Geist.
Andererseits hatte seine Mama dafür gesorgt, dass die Beziehung zu seiner über alles geliebten Aemilia beendet wurde, wodurch auch seinem Sohn Adeodatus die Mutter genommen wurde und das konnte er ihr auf keinen Fall verzeihen. Die Wunde, die die Trennung von der Geliebten geschlagen hatte, wollte nicht heilen und schmerzte noch lange, weshalb er sich auch sogleich nach der Trennung als ein Sklave der Lust einer anderen Frau hingab, um die Sucht seiner kranken Seele nicht nur zu befriedigen, sondern sie in üppigen Orgien bis zur Ekstase zu steigern, wodurch sich der wühlende Schmerz über den Verlust der Geliebten von einer Entzündung in Fäulnis verwandelte.
Fressen, Saufen und Huren, das war sein Leben, er konnte sich gar nicht erinnern, mit wie vielen Frauen er es getrieben hatte, selbst als er schon mit seiner Geliebten Aemilia zusammen war, hatte er immer wieder Beziehungen zu anderen Frauen gehabt. Aber selbst mit Aemilia war er ja nicht verheiratet, da sie für ihn nicht standesgemäß war; er lebte also mit ihr in einer unzüchtigen Beziehung. Karl, alias Augustinus, war froh, dass seine Mutter seine Bekehrung noch erleben durfte, andererseits war er sehr traurig, dass sie viel zu früh gestorben war.
Aber es war keine Frage, ohne seine Mama wäre sein Leben vollkommen anders verlaufen, obwohl der eigentliche Wendepunkt in seinem Leben einen anderen Grund hatte, den er wohl niemals vergessen wird, diese Kinderstimme, die ihm immer und immer wieder sagte: Tolle, lege! Und was las er dann in der Heiligen Schrift:
Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.
Karl alias Augustinus wunderte sich doch sehr über all diese Gedanken, weshalb er den übrigen Teil der Nacht wach auf seinem Bett liegen blieb. Er stellte fest, dass all diese Bilder in seinem Gedächtnis noch sehr lebendig waren und sie in ihm immer noch ein außerordentliches Wohlgefallen verursachten, besonders im Schlaf konnten diese Bilder ihm Gefühle vermitteln, derer er im wachen Zustand nicht fähig war. Dann fragte er sich: „Bin ich dann nicht ich? Wahrhaftig solch ein Unterschied ist zwischen mir und mir, dass die gesehene Wirklichkeit mir vollkommen gefühllos erscheint.“
Am nächsten Morgen machte er sich gleich nach dem Frühstück an die Lektüre von ‚Menschliches, Allzumenschliches‘ von Friedrich Nietzsche und er stellte natürlich sehr schnell fest, dass Carl ihn mit dieser Schrift offensichtlich nur provozieren wollte. Da behauptet zum Beispiel dieser Nietzsche, dass ‚der starke Glaube nur seine Stärke, nicht die Wahrheit des Geglaubten beweist‘. Einen solchen Unsinn konnte doch nur jemand schreiben, der die Gaben des Heiligen Geistes nicht empfangen hatte.
Es wurde jedoch noch grotesker, wenn Nietzsche aussagt, dass der Glaube daran, dass ein Gott das Schicksal der Welt bestimme, längst nicht mehr existiere und dass deshalb ‚die Menschen selber sich ökumenische, die ganze Welt umspannende Ziele stellen‘ müsse. Mehr noch, er behauptet sogar, dass möglicherweise im Interesse der Bedürfnisse der Menschheit ‚unter Umständen sogar böse Aufgaben zu stellen‘ seien. Was war das nur für ein verderbter Mensch, der solche Lügen und Irrtümer in die Welt setzte. Man musste sich wirklich fragen, ob solche Frechheiten wirklich verbreitet werden durften. Er selbst hatte ja persönlich ein Erweckungserlebnis gehabt und nur durch die Kraft seines Glaubens konnte er sein liederliches, sündhaftes Leben beenden und zu einem gottgefälligen Leben übergehen.
Schließlich kommt jedoch noch der absolute Höhepunkt in den Ausführungen von Nietzsche, wenn er dazu auffordert, alle Vorstellungen über ‚die christliche Seelennot, das Seufzen über die innere Verderbtheit, die Sorge um das Heil‘ zu vernichten, weil es sich hier um Vorstellungen handle, die auf Irrtümern der Vernunft beruhen. Wie konnte er nur jemals behaupten, dass der ‚Glaube an Wert und Würdigkeit des Lebens‘ ausschließlich auf unreinem Denken beruhe und dass ‚das Mitgefühl für das allgemeine Leben und Leiden der Menschheit sehr schwach im Individuum entwickelt‘ sei. Auch hier konnte Karl, alias Augustinus, aus voller Überzeugung sagen, dass es genau umgekehrt sei, nämlich dass das Denken dieses Herrn Nietzsche sehr schwach entwickelt sei.
Selbstverständlich ist es auch vollkommen falsch, dass der junge Mensch sich gerne der Metaphysik zuwende, weil er durch sie die Möglichkeit habe, in den Dingen, die er an sich selbst missbilligt, „das innerste Welträtsel oder Weltelend“ zu erkennen. Es war einfach falsch, dass der Mensch auch durch historische Erkenntnisse das Interesse am Leben und seinen Problemen gewinnen könne. Nein, der Mensch war von Grund auf verderbt und nur durch die Gnade Gottes, so wie es auch bei ihm selbst geschehen war, konnte er sich zu einem guten Menschen wandeln. Nur wenn der Mensch seinen eigenen Willen aufgab, konnte er Gottes Willen erfüllen.
Nachdem Karl alias Augustinus den ganzen Aufsatz gelesen hatte, war ihm klar, dass es sich bei Nietzsche um einen Menschen voller Verachtung für die Menschen und die Welt und vor allem auch für Gott handle; er war ein Anwalt des Teufels und ein Feind Gottes, den man zum Schweigen bringen musste, seine Schriften sollten einfach verboten werden.
Karl alias Augustinus war nun bereit mit Carl über diese Schrift zu diskutieren und er würde ihm in aller Deutlichkeit sagen, dass er ihn in Zukunft bitte mit solchen gotteslästerlichen Schriften verschonen solle.
Feuerbach
Kaum hatte Karl alias Augustinus wieder in Carls Arbeitszimmer Platz genommen, wurde Carl wegen einer wichtigen Angelegenheit aus dem Zimmer gebeten. Während Karl alias Augustinus sich im Zimmer umschaute, entdeckte er eine Mappe mit der Aufschrift „Karl Marx“ auf dem Schreibtisch und natürlich konnte er seine Neugier nicht zügeln, er ging um den Schreibtisch herum und schlug die Mappe auf.
Diagnose:
Dissoziative Identitätsstörung verbunden mit wesentlichen Anteilen einer Schizophrenie (endogene Psychose, Realitätsverlust, Wahnvorstellungen)
Bei Herrn Marx zeigte sich in der Vergangenheit eine rücksichtslose Männlichkeit und damit verbunden der Ehrgeiz, nach höchsten Zielen zu streben. Dies äußerte sich in einer Gewalttätigkeit gegenüber Dummheit, Verbohrtheit, Ungerechtigkeit und Faulheit. Er zeigte eine Opferwilligkeit für das als richtig Erkannte, die an Heroismus grenzt. Weiterhin konnte ich bei ihm beobachten Ausdauer, Unbeugsamkeit und Zähigkeit des Willens, Neugier, die auch die Welträtsel nicht schrecken und schließlich einen revolutionären Geist, der seinen Mitmenschen ein neues Haus baut oder der Welt ein anderes Gesicht aufsetzt.
Aufgrund eines traumatischen Erlebnisses, das in der Therapie bislang noch nicht identifiziert werden konnte, versuchte Herr Marx sich zu erlösen, indem er zeitweilig eine andere Identität annimmt, diese andere Identität ist der Kirchenlehrer Augustinus von Hippo, der sich dadurch auszeichnete, dass er sich von einem Saulus in einen Paulus verwandelte, sodass Herr Marx nun die Möglichkeit hat, sich selbst in einem positiven Licht zu betrachten.
Augustinus hatte einen Mutterkomplex, durch den er unbewussterweise die Mutter in jedem Weibe suchte. Er hatte sehr viele sexuelle Beziehungen zu vielen verschiedenen Frauen und schließlich eine fünfzehn Jahre dauernde uneheliche Beziehung zu einer Frau, mit der er auch einen Sohn zeugte. Durch ihre Beharrlichkeit und ihr intrigantes Vorgehen erwirkte die Mutter die Trennung von dieser Frau, sorgte dafür, dass ihr Sohn sich taufen ließ und schließlich ein anerkannter Bischof wurde.
Es ist noch nicht eindeutig, ob Herr Marx sich lediglich in der Frömmigkeit des Augustinus als Gegenpol zu seinem eigenen Leben spiegelt oder ob auch Herr Marx an einem Mutterkomplex leidet.
Therapie:
In diesem Moment öffnete sich die Tür des Arbeitszimmers, sodass Karl alias Augustinus nicht weiterlesen konnte, er machte die Mappe schnell wieder zu und ging auf seinen Platz zurück. Carl tat so, als hätte er nicht bemerkt, dass Karl alias Augustinus in seinen Unterlagen geblättert hatte, schließlich konnte es nicht schaden, wenn er seine Diagnose kannte.
„Ich bitte diese Verzögerung zu entschuldigen. Es war mal wieder eine dieser impertinenten Personen am Telefon, die sich einfach nicht von meiner Sekretärin abwimmeln ließ. Eine gewisse Ellis Wogel bestand darauf, mich persönlich sprechen zu müssen, da es außerordentlich dringend sei. Sie könne ihre Homosexualität einfach nicht länger ertragen und außerdem dulde ihre Partei, die AfS, keine lesbische Frau an ihrer Spitze, deshalb müsse sie unbedingt sofort bei mir eine Therapie machen.
Ich habe ihr klargemacht, dass Homosexualität keine Krankheit sei und dass ich der Überzeugung bin, dass Nazis absolut untherapierbar seien, woraufhin sie einfach den Hörer auflegte. Ich hoffe, dass sie nicht mehr anruft, aber ich muss jetzt natürlich damit rechnen, dass sie mich wegen sexueller Diskriminierung anzeigt. Es ist doch erstaunlich, dass diese Nazis, deren einzige Politik darin besteht, andere Menschen zu diskriminieren, so empfindlich sind, wenn es sie selbst betrifft.
Aber jetzt wollen wir endlich von ihnen reden, mein lieber Herr Augustinus. Haben Sie den Text von Nietzsche gelesen?“
„Wer ist Augustinus? Mein Name ist Marx, Karl Marx. Ich habe die Welt in Angst und Schrecken versetzt vor allem durch meine Werke ‚Manifest der Kommunistischen Partei‘ und ‚Das Kapital‘. Die Menschen sind so erschrocken, dass sie sogar sagten ‚Ein Gespenst geht um in Europa‘. Dabei habe ich nur unser politisches und ökonomisches System ganz sachlich analysiert und bin dabei zu dem Ergebnis gekommen, dass die große Mehrheit der Menschen in unserer Gesellschaft von einer Minderheit ausgebeutet wird und dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Mehrheit sich von diesem Joch befreit. Die Expropriierten müssen sich von der Expropriation durch die Expropriateure befreien, damit sie endlich ein freies und menschenwürdiges Leben führen können.
Diese Minderheit, die sich auf Kosten der Mehrheit bereichert, wird von einer solchen Angst um ihren Reichtum getrieben, dass sie sogar die Kirche in ihren Dienst gestellt hat, um die Menschen von ihrem Elend abzulenken und sie auf ein Jenseits zu vertrösten, in dem sie dann glücklich werden.
Ich nehme an, dass ich ja deshalb den Aufsatz von Friedrich Nietzsche lesen sollte, denn er sagt vollkommen richtig‚ dass ‚die Menschen selber sich ökumenische, die ganze Welt umspannende Ziele stellen‘ müssen, wobei sie möglicherweise im Interesse der Bedürfnisse der Menschheit unter Umständen sogar böse Aufgaben erfüllen müssen.
Mein Freund Ludwig Feuerbach hat zu diesem Zweck zum Beispiel die Religion als das entlarvt, was sie in Wirklichkeit ist, wenn er darauf hinweist, dass das angebliche Bewusstsein Gottes nichts weiter ist als das Selbstbewusstsein des Menschen und dass die Erkenntnis Gottes nichts weiter ist als die Selbsterkenntnis des Menschen. Übrigens war Feuerbach bei weitem nicht der Erste, der diese Erkenntnis hatte, sondern schon der Vorsokratiker Xenophanes hat bereits fünfhundert Jahre vor Christus darauf hingewiesen, dass die religiösen Götterbilder durchaus nichts anderes seien als Projektionen menschlicher Erfahrungen, Hoffnungen und Befürchtungen. Schon Xenophanes hat sehr deutlich gesagt, dass die Menschen Gott nach ihrem eigenen Bild formen, während sie das Gegenteil behaupten.
Das Christentum selbst hat ja Gott zum Menschen erniedrigt und dadurch den Menschen zu Gott gemacht. In der Religion offenbart sich die Liebesfähigkeit des Menschen, seine Liebe ist fatalerweise jedoch auf ein vermeintlich anderes Wesen gerichtet, er liebt also sich selbst als ein anderes Wesen. Der Mensch hat Gott nach seinem Ebenbild geschaffen, wenn ein Mensch also Gott erkennt, dann erkennt er sich selbst in seiner Vollkommenheit. Ein Gott ohne Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit ist kein Gott und diese Eigenschaften sind nicht göttlich, weil Gott sie hat, sondern Gott hat sie, weil sie göttlich sind, ohne diese Eigenschaften wäre Gott ein mangelhaftes Wesen, daraus folgt, dass der Mensch ohne diese Eigenschaften nicht vollkommen ist.
Die Religion macht nun den fatalen Fehler, dass sie behauptet, Gott könne nur allmächtig sein, wenn der Mensch ohnmächtig ist, der Mensch muss also alle positiven Eigenschaften an sich verneinen, um sie Gott zuschreiben zu können. Gott ist alles und der Mensch ist nichts, obwohl sich doch Gottes Handeln nicht vom Handeln des Menschen unterscheidet. So wie ich gezeigt habe, dass der Mensch durch die moderne Produktionsweise von sich selbst entfremdet wird, so hat Feuerbach gezeigt, dass die Religion die Entfremdung des Menschen von sich selbst ist, da er sich Gott als ein fremdes Wesen gegenübersetzt, sodass er sich von sich selbst entzweit. Es ist endlich an der Zeit, dass wir die an den Himmel verschleuderten Güter wieder auf die Erde zurückholen.
Seitdem der Mensch denken kann, ist er auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, also nach einer letzten Ursache, die durch nichts Anderes verursacht wird oder wie schon Aristoteles es vor über zweitausend Jahren formuliert hat, da alles, was bewegt wird und bewegt, immer ein Mittleres ist, sucht der Mensch nach etwas, das bewegt, ohne selbst bewegt zu werden. Den Grund für diese letzte Behauptung ist Aristoteles allerdings schuldig geblieben.
Ohne einen Urgrund für die Existenz der Welt und des Menschen fühlt der Mensch sich einem sinnlosen Zufall preisgegeben und dieser Zustand ist für ihn so unerträglich, dass er bereit ist, sich einem Wesen anzuvertrauen, das er als diese erste Ursache betrachtet und dem er gegebenenfalls auch die Schuld für seine Misere geben kann. Er ist nicht bereit, den Sinn und Zweck der Welt in seinem eigenen Wesen zu suchen, denn dann wäre er ja auch selbst verantwortlich für alles, was ihm widerfährt.
Feuerbach hat sehr deutlich aufgezeigt, dass die Vorstellungen, die der Mensch von Gott hat, seinen eigenen Verstand spiegeln, sodass also die Vorstellung von einem unendlichen Gott nichts Anderes ist als der Beweis für einen unendlichen Verstand. Solange die Menschen an Gott als ein körperliches Wesen glaubten, war auch ihr Verstand an den Körper gebunden; erst durch die Vorstellung eines immateriellen Gottes hat der Mensch die Freiheit seines Verstandes erkannt und ihn, den Verstand, damit zum höchsten Wesen erklärt, nur wer denkt, ist frei, unabhängig und selbstständig und somit keinem anderen Wesen unterworfen. So wie Aristoteles auf der Suche nach der Wesenheit war, die bewegt, ohne selbst bewegt zu werden, so gilt es nun zu erkennen, dass der Verstand das einzige ist, was selbst genießt, ohne genossen zu werden.
Der Monotheismus stellt insofern einen Fortschritt der Menschheit dar, weil durch ihn erkannt wurde, dass es für den Verstand unmöglich ist, sich mehrere höchste Wesen vorzustellen, weil dies ja bedeuten würde, dass der Verstand sich selbst widerspricht, sein eigenes Wesen verleugnet und damit sich selbst vervielfältigt. Wir messen alles mit dem Verstand, sodass also der Verstand das Maß aller Maße ist, hier lassen sich Existenz und Wesen nicht unterscheiden. Erst durch den Verstand entsteht das Bewusstsein und durch das Bewusstsein erklärt sich die Existenz der Welt und des Menschen, denn ohne Bewusstsein würde die Welt nicht existieren, es würde also das Nichts existieren, was ein vollkommener Unsinn wäre. Der Unsinn des Nichts ist der Grund für den Sinn der Welt, denn Nichtsein ist sinnlos. Der Durst, das Bedürfnis, die Notwendigkeit und der Mangel sind die Ursachen und der Sinn des Lebens.
Wie könnte ein Mensch in Gott Frieden finden, wenn Gott ein ganz anderes Wesen wäre als der Mensch. Heißt es nicht sogar in der Heiligen Schrift der Christen: ‚Wenn jemand dich zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh mit ihm zwei‘. Das bedeutet doch nichts anderes, als dass man ein anderes Wesen nur verstehen kann, wenn man sich in seine Lage versetzt. Der Mensch kann sich also nur in Gottes Lage und Gott nur in die Lage des Menschen versetzen, wenn beide eines Wesens sind oder wie Feuerbach es formuliert: ‚Und soll und will daher der Mensch in Gott sich befriedigen, so muss er sich in Gott finden‘. Alle Religionen, insbesondere die christliche, sind also nichts Anderes als die Verehrung eines anthropotheistischen Wesens, also die Liebe des Menschen zu sich selbst in seiner Vollkommenheit, die absolute Bejahung des Lebens.
Es kommt also darauf an, dass der Mensch sich von der Qual seines Sündenbewusstseins und seines Nichtigkeitsgefühls, die ihm die Herrschenden und die Kirche seit zweitausend Jahren einreden, befreit. Erlösung kann er nur finden, wenn er sich der Liebe des Herzens bewusst wird und sie als das Höchste ansieht, ohne das nichts existieren kann, sodass also auch Gott nur als herzliches, liebendes, menschliches Wesen existieren kann.
Im Gegensatz zu dieser Liebe steht das Gesetz, dem kein Mensch wirklich genügen kann, da es immer von der Vollkommenheit ausgeht. Schon Seneca erkannte, ‚mit dem Gesetz begannen die Vatermörder‘ und Luther sagte: ‚Das Gesetz bringet uns um‘. Es ist nur die Liebe, die den Menschen frei machen kann. Im Gesetz stellt der Mensch Gott sich als ein anderes fremdes Wesen gegenüber, wodurch er sein eigenes Leiden verursacht, erst wenn er sich mit Gott versöhnt, indem er sich ihm gegenüberstellt als sein eigenes Wesen, kann der Mensch Frieden finden.
Daher ist die Inkarnation auch nichts Anderes als die Erscheinung eines menschlich fühlenden Wesens, auch hier kann Ludwig Feuerbach es noch viel genauer beschreiben: ‚Allein der menschgewordene Gott ist nur die Erscheinung des gottgewordenen Menschen; denn der Herablassung Gottes zum Menschen geht notwendig die Erhebung des Menschen zu Gott vorher. Der Mensch war schon in Gott, war schon Gott selbst, ehe Gott Mensch wurde, d.h. sich als Mensch zeigte‘.
Wir haben es der Anthropologie zu verdanken, dass die Illusion von Gott als einem übernatürlichen Wesen zerstört und die Liebe als der eigentliche Ursprung und Mittelpunkt der Welt erkannt wurde. Wenn man Gott als ein übernatürliches Wesen ansieht, das auch ohne die Liebe existieren kann, dann entsteht der religiöse Fanatismus, dann werden Ketzer und Hexen verbrannt und es werden Kriege geführt gegen sogenannte Ungläubige, dann segnen die Popen Waffen, mit denen Menschen getötet werden und der Papst verbietet den Gläubigen, den Kriegsdienst zu verweigern, mit anderen Worten, er zwingt sie, andere Menschen zu töten, weil er Angst hat um seine Macht und weil er keine Liebe kennt, jedenfalls nicht die menschliche Liebe.
Es gibt jedoch gar keine andere als die menschliche Liebe, auch Gott kann den Menschen nur um des Menschen Willen lieben, um ihn glücklich zu machen, er liebt also genauso wie die Menschen es tun. Nichts anderes lehrt die Heilige Schrift der Christen, wenn sie sagt, dass die Liebe des Menschen vollkommen und ungeteilt sein soll. Aber die Kirche behauptet, dass es unterschiedliche Arten von Liebe gebe, so als hätte die Liebe einen Plural.
Wenn ein Mensch einen anderen Menschen liebt, dann hat er das außerordentliche Verlangen, diesen Menschen zu sehen, denn in ihm erscheint die Liebe von Angesicht zu Angesicht, sodass die Menschwerdung Gottes auch nichts anderes ist, als die Erscheinung der Liebe, der Liebe Gottes zu den Menschen und damit des Menschen zu sich selbst, durch diese Erscheinung wird die Liebe in sich selbst zur Gewissheit, um es erneut mit Feuerbach zu sagen: ‚In Gott kommt daher mein eigenes Wesen mir zur Anschauung; ich habe für Gott Wert; die göttliche Bedeutung meines Wesens wird mir offenbar‘. ‚Gott ist der Spiegel des Menschen‘.
Wir können den Sinn des Lebens also nicht in irgendwelchen metaphysischen Wesen, sondern ausschließlich in uns selbst finden; weil wir existieren, haben wir Gefallen an uns selbst, haben wir das Recht, uns zu lieben; wer den Menschen verurteilt, weil er sich selbst liebt, der macht ihm den Vorwurf, dass er existiert. Der eigentliche Sinn des Lebens ist also der Lebenstrieb, die Vereinigung von Natur und Geist im Menschen.
Anders ausgedrückt, erst wenn Verstand und Gefühl, Verstand und Liebe zusammen kommen, ist der Mensch vollkommen; der Mensch braucht also unbedingt ein Gegenüber zu seiner Vollkommenheit, ich und du sind zwei unterschiedliche Wesen und doch bilden sie eine Einheit; der Gott Vater braucht den Gott Sohn, da sonst seine Liebe nicht manifest werden kann. Erst durch die Verbindung von Vater und Sohn, von Verstand und Liebe, von Ich und Du entsteht der Geist, der dem Menschen als ewige Wahrheit inne wohnt.
Der Geist ist also nichts anderes als die Liebe zwischen den beiden Personen, aber da er für den Menschen als Person nur schwer zu begreifen ist, musste unbedingt noch eine weitere Person hinzukommen, nämlich die Mutter Gottes. Die Trinität von Vater, Sohn und Heiliger Geist ist also in Wahrheit eine Quaternität von Vater, Mutter, Sohn und Heiliger Geist, eine Vierfaltigkeit oder auch eine Quadrophonie. Erst durch das weibliche Element kann die Liebe vollkommen werden, nur die Sexualfeindlichkeit der Kirche verhindert eine Liebesbeziehung zwischen Vater und Mutter, aus der der Sohn als Inkarnation der Liebe hervorgeht.
Im Gebet schließlich hat der Mensch die Möglichkeit, sich selbst als einem anderen Wesen gegenüber zu treten, sich selbst mit Du anzureden und in dem Gefühl, dass es für ihn keine Grenzen gibt, seine tiefsten und innigsten Wünsche auszusprechen und darauf zu vertrauen, dass sie tatsächlich Realität werden können, sei dies auch noch so unwahrscheinlich. Außerdem ist er nicht mehr mit seinem Leid alleine, sondern er kann es mit seinem Gegenüber teilen und so das Gefühl bekommen, dass ihm dieses Leid abgenommen wird, dabei spielt es überhaupt keine Rolle, dass es sich im Grunde um ein Selbstgespräch handelt. Im Gebet verschließt der Mensch sich aller Außenwirkung auf ihn und er konzentriert sich voll umfänglich auf sein eigentliches, vollkommenes Wesen.
Im Christentum sind Geist und Natur, Körper und Seele, Individuum und Kollektiv nicht mehr voneinander getrennt, sie bilden eine Einheit, eben die göttliche Vollkommenheit des Menschen, des unsterblichen Menschen oder wie Feuerbach es formuliert: ‚Der Glaube an die Unsterblichkeit des Menschen ist der Glaube an die Göttlichkeit des Menschen‘. Wenn der Mensch nicht unsterblich ist, dann existiert auch kein Gott, denn Gott ist letztlich nichts anderes als ein von allen Unvollkommenheiten befreiter Mensch. In der Religion geht es um die absolute Freiheit des Menschen, eine Freiheit, die von allen Einschränkungen durch die Natur befreit ist.
Der Traum des Menschen von der Glückseligkeit verwirklicht sich in der Religion, der Mensch projiziert seine Vorstellungen auf ein anderes Wesen, das ihm folglich als Erlöser erscheint, denn hier begegnet er sich als das Wesen, das er sein möchte, er sieht seine idealisierte, ewig existierende Persönlichkeit, an der er seine Wirklichkeit messen kann und die ihm als Sinn und Zweck seines Lebens erscheint. Letztlich kann der Mensch den Sinn seines Lebens also nur in sich selbst, in seinem Innersten finden, in dem er noch nicht von sich selbst entfremdet ist.
Deshalb ist die Liebe auch nicht an das Christentum gebunden, sondern sie ist universell, die wahre Liebe bezieht sich immer auf die Gattung Mensch, auf die gesamte Menschheit und ist deshalb vollkommen unabhängig von jeglicher Religion; sobald sie mit einer Religion in Verbindung gebracht wird, ist sie auch immer an den Glauben gebunden und führt dann zu Gräueltaten, wie sie das Christentum und der Islam über die ganze Welt verbreitet haben.
Der Mensch erlangt erst seine göttliche Bestimmung, wenn er eins wird mit der Liebe, mit der grenzenlosen Liebe. Der Mensch ist erst heil, er ist erst heilig, wenn er mit der Liebe eins wird, wenn die Liebe zum Menschen zu seinem wahren Wesen wird, in dem er den Sinn und Zweck seines Lebens findet, all dies hat Feuerbach zusammen gefasst in dem einen Satz: ‚Homo homini Deus est‘.
So wie mein Freund Ludwig die Religion und speziell das Christentum entlarvt hat, so habe ich das ökonomische und das politische System unserer Zeit entlarvt, was es in Wirklichkeit ist, nämlich nichts anderes als die Ausbeutung des Menschen.“
„Mein lieber Herr Marx, ich danke Ihnen ganz herzlich für diese wunderbare Therapiestunde, ich durfte mal wieder außerordentlich viel von Ihnen lernen und dabei auch noch viel Geld verdienen. Leider müssen wir nun eine dreiwöchige Pause machen, da ich zu einem Kongress nach Amerika fahre und anschließend noch vierzehn Tage Urlaub machen möchte. Aber Sie brauchen in dieser Zeit natürlich nicht untätig sein, ich gebe Ihnen mal wieder eine Hausaufgabe. Kennen Sie Arthur Schopenhauer?“
„Ich bitte Sie, Arthur ist mein Freund, wir haben schon viele Diskussionen miteinander geführt, er ist für mich einer der größten Philosophen mit einem unglaublichen Wissen.“
„Na, fantastisch, lesen Sie doch bitte das vierte Buch aus seinem Werk ‚Die Welt als Wille und Vorstellung‘, darüber können wir dann in drei Wochen reden. Ich wünsche Ihnen einen guten Heimflug.“
„Ich verstehe, Sie wollen unsere Kontemplation über Erkenntnis und Liebe noch weiter ausbauen. Es ist mir bekannt, dass mein Freund Arthur die Upanishaden über alles geliebt hat, er hat wiederholt zu mir gesagt, dass sein ganzes Werk ohne Plato, Kant und die Oupnekhat, wie er die Upanishaden nannte, niemals entstanden wäre. Interessant ist ja hier schon sein Leitwort: ‚Tempore quo cognitio simul advenit, amor e medio supersurrexit.‘. Ich würde den Satz folgendermaßen übersetzen: Sobald die Erkenntnis entsteht, entwickelt sich aus ihrer Mitte heraus die Liebe.
Andere haben es übersetzt mit: ‚Zur Zeit, da die Erkenntnis sich einstellte, hob sich die Begierde von dannen‘. Ich halte diese Übersetzung für vollkommenen Unsinn, es geht nicht um die Begierde, sondern um die Liebe, bei diesen Übersetzern hat sich wahrscheinlich mal wieder die kirchliche Sexualfeindlichkeit durchgesetzt oder sie haben sich zu sehr an der buddhistischen Lehre orientiert, deren Ziel es ja gerade ist, die Anhaftung an diese Welt durch die Aufhebung aller Begierden auszulöschen. Ganz in dem Sinne Feuerbachs hat Schopenhauer sich in einem Manuskript notiert: ‚Tat-twam-asi‘. Das bist Du! Das Absolute ist mit dir wesensgleich. Erinnern Sie sich, was Feuerbach gesagt hat, homo homini deus est. Das ist ja doch genau dasselbe, es geht um die Identität von Gott, dem Menschen und die Liebe.
Nun, mein lieber Jung, ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrem Kongress und erholen Sie sich von mir in Ihrem Urlaub. Bis in drei Wochen.“
Ranke-Heinemann
Augustinus von Hippo hatte seinem Therapeuten verschwiegen, dass er von Zürich zunächst nach Marburg zu einem Streitgespräch mit der Theologin Uta Ranke-Heinemann fahren würde. Eigentlich war es unter seiner Würde, mit einer Frau über geistige Angelegenheiten zu diskutieren und es war ihm auch unbegreiflich, wie eine Frau sich jemals hatte habilitieren können und dann auch noch als Theologieprofessorin. Andererseits hatte er von ihr schon so groteske Aussagen gehört, dass er es als seine Pflicht empfand, diesen Unsinn einfach mal richtig zu stellen.
Augustinus übernachtete am Marktplatz in dem Hotel ‚Zur Sonne‘ ganz in der Nähe der theologischen Fakultät der Philipps-Universität, wo am nächsten Tag das Streitgespräch zwischen ihm und dieser Frau vor den Honoratioren der Universität, zahlreichen Bischöfen und Kardinälen aus verschiedenen Ländern, sowie dem Nuntius des Papstes stattfinden sollte. Er war sich zwar absolut sicher, dass diese Frau ihm argumentativ unterlegen sein würde, aber es könnte ja nicht schaden, falls der Nuntius sie und ihre Ansichten gegebenenfalls dem Papst meldete, damit dieser geeignete Maßnahmen ergreifen konnte, um die weitere Verbreitung ihrer Irrlehren zu verhindern.
Augustinus hatte außerdem erfahren, dass diese Marburger Universität für ihren revolutionären Geist bekannt war, so sollte sich unter den Gästen auch ein gewisser mit Ranke-Heinemann befreundeter Rudolf Bultmann, Theologieprofessor für Neues Testament, befinden, der so unsinnige Thesen von der Entmythologisierung verbreitete, dass man hier nur noch von Blasphemie sprechen konnte. Außerdem sollte sich unter den geladenen Professoren auch Wolfgang Abendroth befinden, der ihm bekannt war als ein ehemaliger Zuchthäusler und der wegen seiner sozialistischen Gesinnung außerordentlich umstritten war.
Die Nacht verlief für Augustinus sehr unruhig, er war wohl doch nervöser als er gedacht hatte, außerdem wurde er immer wieder von dem Krächzen eines Metallgockels, der sich auf dem Dach des gegenüber liegenden Rathauses befand, in seinem Schlaf gestört, sodass er froh war, als die Nacht endlich vorüber war. Da das Streitgespräch erst am Nachmittag stattfinden sollte, hatte er noch den ganzen Vormittag zu seiner freien Verfügung.
Zunächst einmal ging er über die Marktstraße und die Schlosstreppe hinauf zum Landgrafenschloss Marburg, das im elften Jahrhundert errichtet worden war. Von dort hatte er einen wunderbaren Ausblick über die Stadt. Lediglich störten ihn die vielen Touristen, die sich dort herumtrieben. Offensichtlich hatten viele Studenten sich an diesem Tag vorgenommen, ihren Eltern die Stadt zu präsentieren.
Im Vordergrund befand sich die Lutherkirche, auch Marienkirche genannt, mit ihrem weithin sichtbaren schiefen Turm. der wohl durch die Einwirkung von Wind und Wetter seine Form erhalten hatte. Unfreiwilliger weise wurde Augustinus durch den Vortrag eines Studenten auch noch darüber aufgeklärt, dass dieser Turm sich angeblich von selbst wieder aufrichten würde, sobald die erste Studentin Marburg als Jungfrau verlässt. Er wollte sich gar nicht vorstellen, was diese Aussage über das unmoralische und gottlose Leben der Studenten implizierte.
Vom Marburger Schloss ging Augustinus wieder zurück zum Marktplatz und von dort zum Gebäude der Theologischen Fakultät, die sich zwischen Lahntor und Reitgasse befand. Er wollte das Gebäude besichtigen, damit er sich dort am Nachmittag besser zurecht finden würde. Anschließend ging er über die Wettergasse und den Steinweg zu der berühmten Elisabethkirche, die zu Ehren der heiligen Elisabeth von Thüringen über deren Grabmal errichtet worden war, um eine Weile in Gebet und stiller Meditation zu verharren und sich spirituell auf den Nachmittag vorzubereiten.
Nach seiner Meditation machte Augustinus sich auf den Weg zum Restaurant Dammühle in Wehrshausen, von dem er gehört hatte, dass man dort sehr gut speisen und bei schönem Wetter auch draußen sitzen könnte. Über den Marktplatz, das Barfüßertor und den Rotenberg brauchte er dann doch eine gute Stunde bis zur Dammühle, sodass er sich nach der Anstrengung auf ein gutes Essen mit einem Glas Wein freute.
Nach dem Essen war die Zeit so weit vorangeschritten, dass er sich gezwungen sah, sich ein Taxi bestellen zu lassen, damit er sich vor dem Streitgespräch noch in seinem Hotel frisch machen konnte. Nachdem er sich umgezogen hatte, ging er zur Theologischen Fakultät, wo er schon an der Tür von dem Rektor der Universität empfangen wurde; der Rektor teilte ihm mit, dass Frau Ranke-Heinemann auch schon anwesend sei und dass sie sich gleich in die Aula begeben könnten. Als er die Aula betrat und nach vorne ging, wurde er von einem riesigen Applaus überrascht, damit hatte er wirklich nicht gerechnet, dass er hier eine so große Unterstützung finden würde.
Er begrüßte Frau Ranke-Heinemann und ganz besonders herzlich den Nuntius des Vatikans, der ihm seine besondere Verehrung mitteilte und dass seine Lehren vom Papst hoch geschätzt würden; außerdem versicherte er ihm, dass er die Äußerungen von Frau Ranke-Heinemann sehr genau registrieren und dass man gegebenenfalls in der Inquisitionsbehörde darüber beraten würde.
Pünktlich um sechzehn Uhr ging der Rektor ans Rednerpult, um die Gäste und die Zuhörer zu begrüßen, doch er hatte noch keine drei Worte gesprochen, als die Tür der Aula aufgerissen wurde und eine Horde von etwa einhundert Studentinnen und Studenten laut grölend in die Aula einzog, und als sie vorne angekommen waren, entrollten sie ein großes Transparent mit der Aufschrift:
„Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren!“
Nachdem sie alle gemeinsam diesen Slogan ein Dutzend Mal skandiert hatten, ging ihr Rädelsführer ans Mikrofon und er forderte den Rektor auf, diese Veranstaltung zu beenden, damit sie mit den anwesenden Professoren über eine Demokratisierung von Forschung, Wissenschaft und Lehre unter Beteiligung der Studenten diskutieren könnten. Natürlich ging der Rektor nicht darauf ein, stattdessen forderte er die Studenten auf, die Aula sofort wieder zu verlassen, da er sich sonst genötigt sähe, die Polizei zu rufen. Die Zuhörer befürchteten schon das Schlimmste, als es zu einer Rangelei zwischen dem Rektor und dem Rädelsführer der Studenten kam, doch als der ebenfalls anwesende Professor Abendroth nach vorne gegangen war und dem Rädelsführer etwas ins Ohr geflüstert hatte, ließ dieser vom Rektor ab und verließ mit seinen Kommilitonen die Aula, erneut ihren Slogan lauthals skandierend.
Nach dieser unerfreulichen Unterbrechung konnte die Veranstaltung nun endlich beginnen; erneut ging der Rektor ans Rednerpult und hielt seine Eröffnungsrede:
„Sehr geehrter Herr Nuntius Clever, liebe Frau Ranke-Heinemann, lieber Herr Augustinus von Hippo, meine Damen und Herren Professoren, ich begrüße Sie ganz herzlich zu unserer heutigen Podiumsdiskussion, in der Frau Ranke-Heinemann und Herr Augustinus über verschiedene strittige Themen, vor allem über Sexualität und die Rolle der Frau in der Kirche diskutieren wollen.
Frau Ranke-Heinemann wurde 1927 in Essen als Tochter von Gustav Heinemann und seiner Frau Hilda geboren, bereits 1944 kam sie das erste Mal zu uns hier nach Marburg, wo sie zeitweise zur Schule ging. Sie wohnte damals bei dem verehrten Professor Rudolf Bultmann, von dem sie in der griechischen Sprache unterrichtet wurde. Nach dem Krieg machte sie dann 1947 am Burggymnasium in Essen als erste weibliche Abiturientin das Abitur. Anschließend studierte sie zunächst evangelische und nach ihrem Konfessionswechsel katholische Theologie. In München war sie die Kommilitonin von Joseph Ratzinger. 1954 wurde Frau Ranke-Heinemann promoviert und 1969 habilitierte sie bei Karl Rahner als erste Frau der Welt in katholischer Theologie und wurde daraufhin im Januar 1970 zur Professorin ernannt. Doch bereits 1987 wurde ihr von dem Essener Bischof Franz Hengsbach die Lehrbefugnis entzogen, woraufhin sie noch im selben Jahr einen kirchenunabhängigen Lehrstuhl erhielt.
Herr Augustinus von Hippo wurde 354 in Tagaste geboren, wo er auch zur Schule ging. Im Grunde genommen brauche ich Ihnen Augustinus überhaupt nicht vorzustellen, denn er ist bis heute der bedeutendste Kirchenlehrer unserer Zeit. Wichtig scheint mir jedoch zu sein, einige Ereignisse zu erwähnen, die vielen vielleicht unbekannt sind, weil sie bei dem Namen Augustinus immer an einen Heiligen denken. Doch vor seinem Bekehrungserlebnis war sein Leben alles andere als heilig, so schloss er sich zum Beispiel zeitweise einer Jugendbande an und bereits im jugendlichen Alter von siebzehn Jahren ging er eine uneheliche Beziehung mit einer Frau namens Floria Aemilia ein, mit der er bereits im darauf folgenden Jahr einen unehelichen Sohn namens Adeotatus bekam.
Diese unheilige Beziehung hielt immerhin fünfzehn Jahre lang, bis seine Mutter, die ihn sein Leben lang begleitete und mit der ihn eine sehr enge Beziehung verband, dafür sorgte, dass diese Frau gezwungen wurde, Augustinus zu verlassen, während sein Sohn bei ihm blieb. Dieser Zustand war für Augustinus jedoch so unerträglich, dass er schon nach kurzer Zeit eine sexuelle Beziehung zu einer anderen Frau aufnahm. Sein Lebenswandel änderte sich erst nach seinem Bekehrungserlebnis, das ihnen allen bekannt sein dürfte, ich sage nur: ‚Tolle, lege!‘
Liebe Frau Ranke-Heinemann, sehr verehrter Herr Augustinus, ich darf sie bitten, hier vorne Platz zunehmen und den Disput mit einem Statement zu beginnen.
Ranke-Heinemann: „Meine Damen und Herren, wie Sie bereits gerade gehört haben, gehört Augustinus seit über tausendfünfhundert Jahren zu den bedeutendsten Kirchenlehrern. Vor allem die Dogmatik der Sexualethik der katholischen Kirche wird bis zum heutigen Tage von seiner Lehre bestimmt. Ich möchte Ihnen nun zeigen, dass Augustinus dafür verantwortlich ist, dass viele Menschen, vor allem viele Frauen aufgrund dieser grausamen Dogmatik, die der Tod jeglicher Liebe ist, gezwungen werden, die Hölle auf Erden zu erleben.
Wer, meine Damen und Herren, wäre jemals auf die Idee gekommen, sich mit der Frage zu beschäftigen, ob Adam und Eva auch im Paradies schon Geschlechtsverkehr miteinander hatten, außer Augustinus natürlich. Wer, meine Damen und Herren, wäre jemals auf die Idee gekommen, zwischen fleischlicher und geistiger Liebe zu unterscheiden und dann zu behaupten, dass im Paradies die Kinder ausschließlich durch geistige Liebe, also ohne Geschlechtsverkehr gezeugt wurden, außer Augustinus natürlich.
Damit jedoch noch nicht genug, plötzlich stellt Augustinus fest, dass er damit im Widerspruch steht zu der Aussage, dass die Frau dem Mann zur Hilfe gegeben wurde und da es für ihn vollkommen unvorstellbar ist, dass sie ihm eine Hilfe in geistigen Dingen sein soll, muss sie jetzt doch wieder zur geschlechtlichen Zeugung herhalten.
Augustinus wäre nicht der Neurotiker und Sexualphobiker als den ich ihn kenne, wenn er nicht auch dafür eine Lösung gefunden hätte. Jetzt ist es plötzlich nicht mehr der sexuelle Akt an sich, den Augustinus verurteilt, sondern die damit verbundene Lust und Begierde. Also behauptet er nun, dass im Paradies der geschlechtliche Verkehr vollkommen frei von sexueller Erregung gewesen sei, da der Mann im Paradies sein Glied genauso wie alle anderen Glieder mit dem Willen bewegen konnte, erst nach dem Sündenfall sei die fleischliche Begierde entstanden. Wörtlich schreibt Augustinus: ‚Ohne den verführerischen Anreiz der Begierde, mit voller Ruhe des Geistes und des Leibes hätte sich der Gatte in den Schoß der Gattin ergossen‘. Das ist für Augustinus nun das sündenfreie Ficken. (Unruhe und Empörung unter den Zuhörern)
Damit hat Augustinus den doppelten Sündenfall erklärt, wegen seines Ungehorsams gegenüber Gott wurde der Mensch aus dem Paradies vertrieben und als weitere Strafe versagte sein Glied ihm den Gehorsam, sodass Lust und Begierde die Voraussetzungen für den Zeugungsakt wurden. Und simsalabim war die Erbsünde entstanden: durch den lustvollen Geschlechtsakt wurde die Sünde auf jede neue Generation übertragen, mit anderen Worten, aus dem Hodensack des Mannes dringt die Sünde durch den Schwanz in die Gebärmutter ein und erzeugt dort ein neues sündhaftes Leben. (erneute Unruhe unter den Zuhörern)
Das ist also der Grund für das Dogma der Jungfrauengeburt, Jesus konnte nur frei von der Erbsünde sein, wenn er nicht mit dem sündigen Samen des Mannes in Berührung gekommen war, wenn er nicht durch einen lustvollen Geschlechtsakt entstanden war,. wie Augustinus schreibt: ‚Ohne alle fleischliche Lust wurde Christus gezeugt und empfangen und blieb darum auch von jeglicher Befleckung durch die Erbsünde frei‘.
Damit bin ich bei dem nächsten unseligen Kapitel unserer Kirchengeschichte, das vor allem von Augustinus aufgeschlagen wurde, nämlich die Verdammnis der ungetauften Kinder. Da ein Kind, das vor der Taufe stirbt, direkt in den Limbus infantium, also in die Vorhölle kommt, bestand die Kirche darauf, dass, falls während einer Geburt Gefahr für das Leben des Kindes bestand, das Kind unbedingt noch rechtzeitig vor dem Tod getauft werden musste, indem die Hebamme ein Klistier in die Vagina einführte und das Ungeborene mit Weihwasser bespritzte. Genauso grausam war es, dass tote schwangere Frauen beim Trauergottesdienst nicht in der Kirche aufgebahrt werden durften und dass vor ihrem Begräbnis das tote ungetaufte Kind aus ihrer Gebärmutter herausgeschnitten und außerhalb des geweihten Friedhofs begraben werden musste.
Während Augustinus in der Zeit, in der er ein Anhänger des Manichäismus war, die Zeugung als Teufelsakt ablehnte, die Geburt seines Sohnes war nur darauf zurückzuführen, dass er nicht die fruchtbaren Tage der Frau kannte, aber den lustvollen Geschlechtsakt bejahte, machte er nach seiner Bekehrung eine Wende um einhundert und achtzig Grad und verabscheute nun die Lust und die Begierde und verlangte jetzt, dass der Geschlechtsakt ausschließlich zur Zeugung von Kindern durchgeführt werden durfte, wodurch er für viele, sehr viele Generationen ein moralisches Elend verursachte, indem er nun den Geschlechtsakt, der ohne einen Zeugungswunsch durchgeführt wurde, aufs schärfste verurteilte und Ehemänner als schändliche Liebhaber, Ehefrauen als Huren, Hochzeitsbetten als Bordelle und Schwiegerväter als Zuhälter bezeichnete.
Es ist nun sehr fatal, dass Augustinus von Schuld spricht, falls der Geschlechtsverkehr nicht zum Zwecke der Zeugung durchgeführt wird, aber da ihm wahrscheinlich, nicht zuletzt wegen seiner eigenen Vergangenheit, bewusst ist, dass sich der Geschlechtsverkehr in einer Ehe wohl kaum auf so wenige Male reduzieren lässt, führt er nun eine wahre Hirnakrobatik durch, um es für die Eheleute nicht zu schwer zu machen. Die geschlechtliche Lust ist für ihn zwar nicht schuldfrei, aber sie ist verzeihlich, es handelt sich um eine lässliche Sünde, während derjenige, der nur auf Verlangen, aber ohne Lust sich dem Geschlechtsverkehr hingibt, vollkommen schuldfrei ist. Hierzu schreibt Augustinus: ‚Die Pflicht leisten zieht keine Schuld nach sich, aber die Pflicht über die Notwendigkeit der Zeugung hinaus fordern ist lässliche Sünde‘.
Dass Augustinus bei dem schuldfreien, ohne Lust und auf Verlangen durchgeführten Geschlechtsverkehr wohl ausschließlich an die Frau denkt, zeigt sich daran, dass er von der Pflicht zum Geschlechtsverkehr spricht, damit der Mann nicht eine noch größere Sünde begeht: ‚Man ist verpflichtet, der Schwäche des Mannes, der sonst sich verirren würde, als Asyl zu dienen‘. Deutlicher kann man es ja wohl nicht mehr ausdrücken, dass Augustinus die Frau zum Gebrauchsgegenstand zum Zwecke der Zeugung und zum Genussmittel degradiert.
Nun möchte ich noch ein letztes Problem ansprechen, mit dem Augustinus die Menschen, insbesondere die Frauen, bis in die heutige Zeit schwer belastet hat, ich spreche vom ‚Problem‘ der Empfängnisverhütung. Da die Kirche bis zum heutigen Zeitpunkt der Meinung ist, dass der Geschlechtsverkehr ausschließlich zum Zwecke der Zeugung von Kindern durchgeführt werden darf, lehnt sie natürlich auch jede Form der künstlichen Empfängnisverhütung ab. Andererseits hat die Kirche sich damit endgültig von der Realität dieser Welt verabschiedet, sodass viele Frauen sich entweder über dieses Dogma einfach hinwegsetzen oder sogar aus der Kirche austreten.
Meine Damen und Herren, ich glaube, dass ich sehr deutlich gezeigt habe, dass Augustinus ein neurotischer Heuchler ist, der sein Leben über viele Jahre hinweg mit Fressen, Saufen und Huren genossen hat und dann schließlich zu der Überzeugung kam, dass er seiner Mama das nicht mehr länger antun kann. Nachdem er mit all den Frauen stellvertretend für seine Mama geschlafen hatte, unterwarf er sich anschließend verbrämt durch ein sogenanntes Bekehrungserlebnis dem religiösen Wahn seiner Mama.
Dass Augustinus bis zum heutigen Tage als großer Kirchenlehrer verehrt wird und seine Lehren nach wie vor weitgehend in der kirchlichen Dogmatik Bestand haben, zeigt nur allzu deutlich, dass die Kirche mit Liebe zum Menschen nichts zu tun haben möchte; es geht ihr vielmehr darum, den Machtapparat der in Frauenkleidern herumlaufenden alten Männer zu erhalten, indem sie durch ihre Sündenlehre die bedingungslose Unterwerfung der Menschen fordert und indem sie beharrlich die Frau als minderwertiges Wesen betrachtet und sie von allen kirchlichen Ämtern ausschließt.“
Die Zuhörer sprangen auf und machten ihrer Empörung durch laute Buhrufe Luft. Der Nuntius ging ans Rednerpult, erklärte die Veranstaltung für aufgelöst und verließ gemeinsam mit Augustinus die Aula der Theologischen Fakultät. Der Fahrer des Nuntius brachte beide zur Spiegelslust, wo sie sich beim Abendessen des Panoramablicks über die Stadt Marburg und das Marburger Schloss erfreuten.
„Mein lieber Augustinus, es tut mir Leid, dass Sie den unglaublichen Beleidigungen und Irrlehren dieses Weibes ausgesetzt waren. Es ist mir vollkommen unverständlich, wie sie jemals zur Professorin ernannt werden konnte. Ich werde gleich morgen mit dem Heiligen Vater und der Glaubenskongregation sprechen und wir werden dafür sorgen, dass dieses Weib seine Irrlehren nicht weiter verbreiten kann und dass diese Frau möglicherweise sogar exkommuniziert wird.“
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