Kitabı oku: «Türzwerge schlägt man nicht»
Ralf Sotscheck
Türzwerge schlägt man nicht
Mit einem Vorwort von Vincent Klink
Illustrationen von © Tom
FUEGO
– Über dieses Buch –
Neues über die absonderlichen Bewohner der keltischen Inseln. So erfährt man einiges, von dem man gar nicht wusste, dass es einen interessieren könnte. Elisabeth II. hat beispielsweise Geldsorgen, aber einen eigenen Händewäscher. Dieser hat stets einen Silberkrug, eine Schüssel und ein Tablett mit einem Leinentuch bei sich, falls die Queen sich mal die Hände fettig macht. Ihr Sohn Charles hinterzieht in seinem Herzogtum Cornwall munter Steuern, wie es schon sein Vorfahr, der »schwarze Prinz«, im 14. Jahrhundert tat. Charles findet, es sei auch heute noch ungehörig, in den finanziellen Angelegenheiten eines Prinzen herumzustöbern. In einigen Geschichten geht es sogar um Sex.
»Sotscheck gelingt es bei allem glänzend geschliffenem Spott, mit dem er die Zustände der grünen Bananenrepublik überzieht, dass ein Grundton amüsierter Sympathie für das komische Volk durch die Texte summt.« Frankfurter Allgemeine Zeitung
VORWORT
von Vincent Klink
Ralf Sotscheck lebt in einem Land, in dem ordentlich gesoffen wird, doch auch in gewissem Maße Feststoffe zu sich genommen werden. Als ich ihn vor einem knappen Jahr das letzte Mal sah, hatte sich der inzwischen gesetzte Herr trotz seines gefahrvollen Umfeldes überraschend gut gehalten. Ich fragte mich, wie entgeht man all den Verführungen der irischen Insulaner. Herr Sotscheck schaffte das eigentlich nie. Es mag am Irish Stew oder am Black & White Tard gelegen haben. Auf alle Fälle hat die Familie Guinness einiges dazu beigetragen, dass ein Koch über diesen Mann sagen kann: »Er ist einer von uns!«
Religiöse Hardcore-Prägung traue ich seinem freien Geist nicht zu, aber seine irische Staatsbürgerschaft hat über all die Jahrzehnte zweifelsfrei für eine Pint & Pub-Prägung gesorgt. Dagegen kann niemand etwas haben, wenn man sich auf die wenigen Generaltugenden dieser Geisteshaltung beschränkt: Verzeihen können, mangelhafte Kenntnisse der Naturwissenschaften, darüber hinaus: Kopfrechnen schwach, Appetit gut.
Der Mann wollte schon immer höher hinaus, und ich könnte ihn mir gut vorstellen, dass er über Irland und vor allem dem Commonwealth auf einer Wolke wie ein Cherubin dahinsegelt. Nicht nur weil er aussieht wie ein Wolkenpilot, sondern aus Gründen einer gewissen überlegenen Abgeklärtheit.
So ist er ständig auf Ausguck und richtet seine Lupe auf all die Wahnsinnigen, die sich nicht zum Kontinent zählen wollen und sich einiger Entwicklungsstufen über den Europäern wähnen.
Da Herr Sotscheck alles andere als kontaktscheu ist, sondern auch als Professor für Sozialkompetenz habilitieren könnte, hockt er meisten nicht auf der Wolke, sondern gräbt tief und ständig in den guten Pubs Irlands, Englands und Schottlands nach Hintersinn und Wahrheit.
Gute Resultate sind obligat. Seine Geschichten liefern streng fokussiert, doch stets wohlwollend Außen- und Innenansichten. Der sympathische Neugierler navigiert direkt am Volk, im Volk und stöbert nach Meinungen, falschen wie richtigen.
Daraus zieht er seine gescheiten lesenswerten Schlüsse. Er sorgte auch für die Beseitigung vieler blöder Vorurteile, die wir gegen die Insulaner hegen, und die in Deutschland gerne leichtfertig schwadroniert werden.
Ralf Sotscheck brachte mir die etwas schwer zugänglichen Wesenszüge der Kelten nahe, und sein Zutun für die Erkennisanreicherung seiner deutschen Leser kann man getrost als völkerverbindend loben. Darin ist er den »United Nations« um Lichtjahre überlegen. Und das meine ich nicht ironisch!
Keep on truckin‘, altes Haus. Allen seinen Lesern kann ich nur empfehlen: Lest dieses Buch – und nichts als dieses Buch.

Essen und Trinken
IRISCHER ALCOHOLIDAY
Jedes Jahr im September sieht die Grüne Insel schwarz: Es ist »Arthur’s Day«. Im September 1759 hatte Arthur Guinness nämlich den Pachtvertrag über 9000 Jahre für das Grundstück an der Liffey in Dublin unterschrieben, wo die Brauerei steht. Deshalb rief Guinness 2009 zum 250-jährigen Jubiläum erstmals den »Arthur’s Day« aus. Weil sich das überaus gelohnt hat, wie die vollgekotzten Bürgersteige am nächsten Morgen bewiesen, müssen die Iren nun jedes Jahr feiern. An jenem Tag finden rund 500 Veranstaltungen mit tausend Bands statt.
Irgendwie hat man den Iren eingeredet, dass das schwarze Gesöff eine irische Institution sei. Staatsgästen wie Barack Obama oder der englischen Queen wird ein Glas davon in die Hand gedrückt, und die Nation freut sich wie ein Schnitzel, wenn sie einen Schluck davon trinken. Dabei gehören die Brauerei sowie die 3000 führenden Schnapsmarken in der Welt seit 1997 zu dem britischen Getränkemulti Diageo. Der erfundene Name setzt sich aus dem lateinischen Wort für den Tag und dem griechischen Wort für die Welt zusammen. Damit will man suggerieren, dass der Konzern jeden Tag und überall Freude verbreitet.
Und Leberzirrhose, meint der Sänger Christy Moore, der eine echte irische Institution ist. In seinem Lied »Arthur’s Day«, das an eben diesem Tag 2013 erschienen ist, beklagt er, dass dieser »Alcoholiday« von Werbefuzzis erdacht worden sei, während Ärzte und Krankenschwestern in den Krankenhäusern an dem Tag Überstunden schieben müssen. Aber es hat sich gelohnt, 2013 stellten sie einen neuen Weltrekord auf: Am »Arthur’s Day« pumpten sie innerhalb von 24 Stunden 921 Mägen aus. Das berichtete das Nachrichtenportal Waterford Whispers. Der bisherige Rekord vom St. Patrick’s Day 2012 stand bei 907 Mägen. Der Bier-Konzern bestätigte, dass die neue Bestmarke ins Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen werde. Die Krankenschwestern waren überglücklich. Ihre Sprecherin Siobhán Murphy sagte: »Als wir schon um 19 Uhr die 300-Mägen-Grenze durchbrachen, wussten wir, dass wir es schaffen würden.« Diageo erklärte, man sei stolz auf die Iren. Als kleine Geste der Anerkennung will man die zehn Pubs, die am »Arthur’s Day« den höchsten Umsatz verzeichneten, auf Firmenkosten mit marmornen Kotzbecken ausrüsten.
Darüber hinaus, so prahlte der Konzern, sei der »Arthur’s Day« ein »einzigartiges Musikereignis, bei dem irische Nachwuchskünstler eine einmalige Chance bekämen. Die Manic Street Preachers zum Beispiel? Die stammen zwar aus Wales und sind schon vor 27 Jahren gegründet worden, aber wer ein Grundstück für 9000 Jahre pachtet, denkt wohl in anderen Zeitdimensionen.
Ein Politiker hat sogar verlangt, den »Arthur’s Day« zu einem nationalen Feiertag zu erklären. Aber muss es denn bei einem »Arthur’s Day« im Jahr bleiben? Es gibt doch so viel zu feiern im Hause Guinness. Leider ist Arthurs Geburtstag nicht bekannt, nicht mal das Geburtsjahr. Die Brauerei behauptet zwar, er sei am 28. September 1725 auf die Welt gekommen, doch das stimmt nicht mit seinem Grabstein überein. Aber man könnte die Geburtstage seiner Kinder mit »Arthur’s Children’s Day« begehen, denn deren Daten sind bekannt. Dann kämen die Iren gar nicht mehr aus dem Feiern heraus. Guinness und seine Frau Olivia Whitmore hatten 21 Kinder.
Der von der Schriftstellerin Dorothy L. Sayers erfundene Werbeslogan »Guinness is good for you« gilt übrigens nur, wenn das irische Nationalgetränk nicht in Irland gebraut ist. Das Wasser für den Brauprozess stamme aus den Wicklow-Bergen südlich von Dublin, heißt es in der Guinness-Werbung. Dabei stellt man sich grüne Hügel vor, in denen Quellen mit kristallklarem Wasser entspringen. Daneben stehen die Nachfolger des Firmengründers Arthur Guinness mit Kristallkrügen und fangen das köstliche Nass auf, um es dann mit geröstetem Malz und Gerste zu veredeln.
In Wirklichkeit kommt das Wasser aus dem öffentlichen Poulaphouca-Trinkwasser-Reservoir in Wicklow. Und das wird mit Hexafluoridokieselsäure versetzt, weil es ein irisches Gesetz von 1964 so vorschreibt. Die damalige Regierung meinte, durch die Zugabe von Fluor würden die Zähne der Kinder gestärkt. Das Fluor-Niveau von irischem Guinness ist sechs Mal so hoch wie bei dem gleichen Gesöff aus der Londoner Brauerei, wo dem Trinkwasser weniger Fluor beigemischt wird.
Hexafluoridokieselsäure ist ein giftiges Abfallprodukt der Düngemittelindustrie. Die irische Regierung – also der Steuerzahler – kauft es in Spanien teuer ein und mischt es als vorbeugendes Medikament dem Trinkwasser bei. Eigentlich wäre dafür eine Lizenz erforderlich. Gäbe es Guinness dann auf Rezept? Die Brauerei kann man dafür freilich nicht verantwortlich machen. Die Hexafluoridokieselsäure ist in allen irischen Lebensmitteln enthalten, die bei der Herstellung irisches Trinkwasser verwenden. Eigentlich müssten diese Produkte für den Export mit Warnhinweisen versehen werden, denn in den restlichen EU-Ländern ist die Zwangsfluoridierung verboten.
In Irland sind sämtliche Initiativen, das Zeug aus dem Trinkwasser zu verbannen, bisher gescheitert. Schon in den sechziger Jahren ging Gladys Ryan, eine Hausfrau mit fünf Kindern, gegen die Verabschiedung des Gesetzes gerichtlich vor – ein unerhörter Vorgang für die damalige Zeit. Die Richter fanden das so absurd, dass sie die Klage immer wieder abwiesen. Am Ende saß Ryan auf 230.000 Pfund Gerichtskosten. Zum Vergleich: Ein anständiges Einfamilienhaus kostete damals 2500 Pfund. Der Staat verzichtete auf die Zahlung. Ryan starb 2012 im Alter von 91 Jahren. Sie hatte stets öffentliches Trinkwasser gemieden.
Neuere Untersuchungen bestätigen Ryans Vermutung, dass die erzwungene Medikamentierung den Intelligenzquotienten senken kann. Das erklärt, warum sich die Regierung beharrlich weigert, das Gesetz aufzuheben. Es geht um die Verdummung der Bevölkerung, damit sie nicht merkt, wie sie von den Politikern über den Tisch gezogen wird. Und wer wegen der Austeritätspolitik aus Verzweiflung in den Alkohol flüchtet, wird noch dümmer. Bisher hatte man angenommen, dass der Alkohol daran schuld sei. Im Leinster House, dem irischen Parlamentsgebäude, sind übrigens sämtliche Wasserhähne mit Filtern gegen Hexafluoridokieselsäure ausgerüstet.
Manchmal kommt aber gar kein Wasser aus dem Hahn, wie ich betrübt feststellen musste, als ich mir einen heißen Whiskey zubereiten wollte. Ich hatte vergessen, dass abends ab acht das Wasser für die Nacht abgestellt würde. Wie soll man auch an Wasserknappheit denken, wenn es draußen pausenlos vom Himmel stürzt? Im Wasserreservoir Ballymore Eustace habe sich »der Charakter des Wassers stark verändert«, sagte Michael Phillips, der Ingenieur des Dubliner Stadtrats. Man arbeite rund um die Uhr, um die Ursache herauszufinden. Vorerst bleibe es aber bei den nachts versiegenden Hähnen, sonst säße Dublin binnen drei Tagen auf dem Trocknen, jedenfalls drinnen. Die Besitzer edler Restaurants rauften sich die Haare. Sie mussten das Foie Gras auf Papptellern und den Champagner in Plastikbechern servieren, weil sie den Geschirrspüler nicht einschalten konnten.
Irgendwie war das absehbar. Die technische Beraterfirma RPS hatte schon 2006 gewarnt, dass man etwas investieren müsse, um die Wasserversorgung zu sichern. Ein Projekt, um Wasser vom Shannon nach Dublin zu pumpen, würde 500 Millionen Euro kosten. Das hat man auf die lange Bank geschoben, so dass die Probleme für die nächsten zehn Jahre vorprogrammiert sind. In der irischen Hauptstadt werden täglich 540 Millionen Liter verbraucht, und die werden gerade mal so produziert, wenn alles glatt geht. Dabei entfallen auf die Haushalte lediglich 16 Prozent. Mehr als doppelt so viel versickert im Boden, denn die Rohre stammen noch aus viktorianischen Zeiten. Die Insel ist also gar nicht wegen des feuchten Klimas grün, sondern wegen der Lecks.
Nun hat die Regierung 539 Millionen Euro bereitgestellt – aber nicht, um die löchrigen Rohre zu erneuern, sondern um Wasseruhren zu installieren, damit man endlich abkassieren, dann privatisieren und schließlich den verarmten Banken wieder etwas Geld geben kann. Umweltminister Phil Hogan verkündete konziliant, dass jeder Haushalt 30.000 Liter im Jahr kostenlos erhält. Für jedes Kind unter 18 kommen nochmal 38.000 Liter hinzu.
Dem Nachrichtenportal Waterford Whispers erklärte Hogan, dass für geschlechtsreife Teenager eine weitere Freimenge von 100.000 Litern im Jahr vorgesehen sei, weil »sie bekanntermaßen gerne unter der Dusche masturbieren« und deshalb das Wasser ziemlich lange laufen lassen. Er sei ja auch mal jung gewesen, fügte Hogan hinzu. Ein Extra-Einkommen verspricht sich die Regierung von der Installation spezieller Hähne in Dublins vornehmen Vierteln. Aus ihnen soll kohlensäurehaltiges Mineralwasser fließen, damit sich die Herrschaften nach einer Runde Golf geschwind erfrischen können. Man verhandelt derzeit mit Apollinaris.
LAMBRINI-MÄDCHEN WOLLEN NUR SPASS HABEN
Herr Lambrini ist gestorben. Er hat sich zu Tode gesoffen, und irgendwie ist das auch angemessen. John Halewood, wie Herr Lambrini richtig hieß, besaß das größte unabhängige Getränkeunternehmen in Großbritannien. Seit 1978 stellt es die sprudelnde Alkoholplörre Lambrini her, von der 40 Millionen Flaschen jedes Jahr verkauft werden.
Mit seinem Billiggesöff hat Halewood reihenweise junge Leute an den Rand des Abgrunds gebracht. Eine Alison Whelan kaperte eine Personenfähre in Dartmoor, nachdem sie zwei Tage lang Lambrini gesoffen hatte. »Ich bin eine Piratin«, schrie sie, sprang an Bord des Schiffes und übernahm das Ruder. Die Fähre krachte wie bei einem Flipper-Automat in andere Schiffe, bevor Whelan die Polizei anrief und erklärte, dass sie ein Problem habe. 30 Polizeiautos und Krankenwagen rückten umgehend an. Der Lambrini-Werbespruch lautet: »Lambrini-Mädchen wollen nur Spaß haben.«
Besonders am »Suizid-Sonntag«, dem Tag nach Abschluss der Universitäts-Examen Ende Juni in Cambridge, bricht das Lambrini-Chaos aus. Einmal hatten die Organisatoren des Festes, die »Wyverns Drinking Society«, der natürlich nur Männer angehören, ein aufblasbares Schwimmbecken im Durchmesser von zwei Metern mit Gelee gefüllt. Darin fanden Ringkämpfe von Studentinnen im Bikini statt, der Gewinnerin winkten 250 Pfund.
Eine Nadia Witkowski, die im Halbfinale verloren hatte, rastete vor Wut und voller Lambrini aus. Die 23-jährige schwang die Flasche wie eine Keule, stürzte sich auf ihre Kommilitonin Hannah Ford, die aus unbekannten Gründen als Schmetterling verkleidet war, und schlug ihr die Nase blutig. Als zwei Ordner die gelierte Witkowski überwältigen wollten, versetzte sie einem einen Kopfstoß und dem anderen einen Boxhieb in den Magen. Erst eine Polizeieinheit bekam die glitschige Studentin zu fassen. Ein Sprecher der Wyvern-Trinkgesellschaft sagte: »Fräulein Witkowski wird künftig nicht mehr zu Gartenpartys eingeladen.«
Dabei entsprach ihr Benehmen durchaus der Tradition. Bei Oxfords Gegenstück zu Cambridges »Wyvern Drinking Society«, dem »Bullingdon Club«, dem früher Premierminister David Cameron, Schatzkanzler George Osborne und Londons Bürgermeister Boris Johnson angehörten, geht es ebenso lustig zu. Einmal rollten sie einen Studenten im Frack in einem mobilen Toilettenhäuschen einen Hügel hinab. Ein anderes Mal zerstörten die Studenten sämtliche 500 Fenster in der Universitätskirche. Seitdem dürfen sie ihre Treffen nicht mehr innerhalb eines Bannkreises von 25 Kilometern um die Universität abhalten. Einige Restaurants in Universitätsstädten haben inzwischen untersagt, dass Gäste ihre eigenen Getränke mitbringen und dafür Korkengeld bezahlen, weil die Studenten stets Lambrini mitbrachten und das Lokal vollkotzten.
Halewood selbst hat nie Lambrini angerührt, er hat guten Wein bevorzugt. Deshalb ist er auch nie in ein aufblasbares Schwimmbecken mit Gelee gesprungen, sondern starb standesgemäß neben dem Swimming Pool im Garten seiner Villa.
HAVARIE MIT HANGOVER
Schiffsunglücke müssen nicht immer tragisch enden. Manchmal spenden sie Freude, und noch Jahrzehnte später lässt sich die Havarie zu Geld machen. Am 5. Februar 1941 lief die SS Politician auf einen Felsen im Sund von Eriskay auf, einer Insel im Süden der Äußeren Hebriden. Das Schiff war unterwegs nach New York und hatte eine interessante Ladung an Bord: 264.000 Flaschen Whisky. Die Inselbewohner stürzten sich beherzt ins Meer, um die wertvolle Fracht zu retten.
Duncan MacInnes war damals 15. Neben dem Whisky waren Fahrräder, Zigaretten, Obstkonserven, Bier, Leinen und kistenweise linke Schuhe an Bord, sagt er. Schuhe wurden damals nie paarweise verschifft, um Diebstahl zu vermeiden. MacInnes, der an Whisky nicht interessiert war, klaute ein elektrisches Bügeleisen, was töricht war, denn auf Eriskay gab es keinen Strom.
Die erwachsenen Inselbewohner waren sehr wohl am Whisky interessiert, und weil das Schiff sieben Monate auf dem Felsen lag, bis es weggeschleppt wurde, hatten sie genügend Zeit, sich um die hochprozentige Ladung zu kümmern. McCall, der örtliche Zollbeamte, wurde zwar misstrauisch, weil die Fischer, die sonst ständig im Wirtshaus hockten, sich nicht mehr blicken ließen, aber nachdem er das Schiffswrack mit ein paar Einheimischen inspiziert hatte, verließ er es recht fröhlich und pfiff ein paar Gassenhauer vor sich hin, erinnert sich MacInnes.
Die auswärtigen Zollbeamten waren nicht so leicht zu betäuben, aber als sie schließlich eintrafen, war das Schiff bis auf die Kisten mit den linken Schuhen bereits leer. So durchstöberten sie das Moor mit langen Stäben, aber weil die 130 Inselbewohner schlau genug waren, die Whiskykisten über das ganze Moor zu verteilen, war es so, als ob die Beamten mit einem Stock in einem Heuhaufen herumstocherten, um ein paar Nadeln zu finden.
2011 Jahren wurde eine Flasche aus der Beute versteigert. Es handelte sich um Ballantine’s, nicht eben die Perle unter den Whiskys, aber sie brachte dem Verkäufer 2200 Pfund ein, so dass er sich nun ein paar anständige Flaschen kaufen kann.
Compton Mackenzie schrieb 1947 ein Buch über das Glück der Insulaner, und zwei Jahre später wurde die Geschichte verfilmt, allerdings auf der Nachbarinsel Barra, weil es dort Strom gab. Der Film hieß »Whisky Galore!«, was »reichlich Whisky« bedeutet. Die Produktionsfirma »Whisky Galore Film Limited« plant nun einen Remake des Films, diesmal in Farbe und mit internationaler Besetzung. Zu spät für Harald Juhnke. Und rechtzeitig zum Filmstart soll es auch den ersten Whisky aus Barra geben, der seit 2009 gebrannt wird.
Vor der Küste der Grafschaft Clare im Westen Irlands ist im 19. Jahrhundert ebenfalls ein Frachter gekentert. Die Bewohner hatten weniger Glück. Nachdem sie die Ladung bei Nacht an Land geschafft hatten, stellte sich heraus, dass es sich um Tausende von Akkordeons handelte. Seitdem spielt die halbe Grafschaft die Quetschkommode. Es hätte freilich schlimmer kommen können, hätte das Schiff Vuvuzelas geladen.
BEZIRKSVERORDNETE IN 3-D
In der Grafschaft Kerry im Südwesten Irlands leben merkwürdige Menschen, die einen sonderbaren Dialekt sprechen. Und stets wählen sie den Merkwürdigsten unter ihnen ins Dubliner Parlament. 14 Jahre lang war das Jackie Healy-Rae, ein Kneipier mit Gummistiefeln und Tweedmütze. Für seine Unterstützung der jeweiligen Regierung wurde er mit neuen Straßen für seinen Wahlkreis und dem Vorsitz des Umweltausschusses belohnt. Da er sich in der Großstadt aber nicht wohl fühlte, ließ er sich bei den Sitzungen des Ausschusses nur selten sehen. 2011 zog sich der damals 80-jährige aus der Politik zurück.
Da Parlamentssitze im ländlichen Irland vererbbar sind, gewann sein Sohn Michael Healy-Rae das Mandat. Ein anderer Sohn, Danny Healy-Rae, ist Bezirksverordneter in Kerry. Er stellte bei der Ratsversammlung einen interessanten Antrag. Weil Pubs – wie sein eigener – auf dem Land wegen des Fahrverbots unter Alkoholeinfluss immer mehr Kundschaft verlieren und allein lebende Menschen zum Suizid neigen, forderte er, dass die Polizei Sondergenehmigungen ausstellt, die es Einsamen gestatten, nach dem Pubbesuch betrunken nach Hause zu fahren. Allerdings sollten sie nur wenig befahrene Straßen benutzen und höchstens 30 Kilometer pro Stunde fahren dürfen. »Die Menschen auf dem Land müssen wegen der Gesetze ihre Flasche Whiskey zu Hause trinken«, argumentierte er, »und dann fallen sie in tiefe Depressionen und bringen sich um.« Ein Pubbesuch könnte da Abhilfe schaffen.
Da der 3-D-Bezirksverordnete – »drink, drive, die« – nicht die einzige Knalltüte im Bezirksrat ist, wurde sein Antrag mit fünf zu drei Stimmen angenommen. Auf die Idee, sich für einen anständigen öffentlichen Nahverkehr einzusetzen, kam niemand. Die meisten Bezirksverordneten waren der Abstimmung vorsichtshalber ferngeblieben, da sie nicht mit solch törichtem Vorschlag in Verbindung gebracht werden, aber auch nicht als Spielverderber gelten wollten. Danny Healy-Raes Bruder Michael legte den Antrag auf eine Gesetzesänderung dem Parlament vor. Transportminister Leo Varadkar weigerte sich zum Entsetzen der Landeier jedoch, sich mit dem Antrag überhaupt zu befassen. Er finde es »schwierig, auf einen Vorschlag zu antworten, der die Fortschritte bei der Verkehrssicherheit« unterminiere, sagte er.
Die linke Abgeordnete Clare Daly, so höhnte eine Zeitung, habe offenbar angenommen, dass Healy-Raes Vorschlag bereits umgesetzt worden sei. Sie wurde angeblich mit Alkohol am Steuer geschnappt, weil sie an verbotener Stelle gewendet hatte. Das verkündete jedenfalls die Polizei triumphierend. Auf Gnade konnte Daly nicht hoffen. Sie hatte sich vehement für Verfahren gegen Polizisten eingesetzt, die sich von Autofahrern bestechen ließen, um deren Strafpunkte aus der Verkehrssünderkartei zu streichen. Die Rache ging jedoch nach hinten los. Daly konnte nachweisen, dass sie stocknüchtern war. Die Polizisten mussten sich entschuldigen.
ZWÖLF STATIONEN INS DELIRIUM
Weihnachten sind die Wirtshäuser in Irland geschlossen, dem Himmel sei Dank. Natürlich nüchtert die Nation nicht schlagartig aus, aber wenigstens sind die Alkoholexzesse nicht mehr öffentlich. Die Vorweihnachtszeit auf der Grünen Insel ist eine Periode des Grauens. Jeder noch so kleine Betrieb lädt die Angestellten zur Weihnachtsfeier in irgendein Restaurant. Die Besitzer nutzen das gnadenlos aus und lassen sich für eine Tischreservierung mit dem Gegenwert einer Mittelmeerreise entlohnen. Bei Gruppen von mehr als sechs Leuten gibt es nicht etwa Mengenrabatt, sondern einen Aufschlag von zehn Prozent wegen des Stressfaktors. Nach dem Essen geht es im Pub weiter, bis die Leber quietscht. Wer – wie ich – keinem Betrieb angehört, wird aus falschem Mitleid für einen Abend zum Ehrenmitarbeiter erklärt und zu lauter Fremdfeiern mitgeschleppt.
Als ob das nicht reichen würde, ist vor ein paar Jahren ein Spektakel hinzugekommen, an dem die halbe Nation teilnimmt: »The Twelve Pubs Of Christmas.« Man ahnt worum es dabei geht, aber in Wirklichkeit ist es noch viel schlimmer. Die Teilnehmer müssen Weihnachtsmannmützen sowie geschmacklose Pullover tragen, die sie eigenhändig mit batteriebetriebenen Lämpchen, roten Rudolfnasen und Lametta verziert haben. In jedem der zwölf Wirtshäuser muss man binnen einer halben Stunde ein großes Bier trinken. Aber das ist längst nicht alles, es gibt bei der Kneipenbekriechung strenge Regeln: Im ersten Pub darf man das Getränk nicht in der rechten Hand halten, im nächsten ist Fluchen verboten, im dritten muss man einen Schuh mit jemandem tauschen, und so weiter. Und kein Toilettenbesuch vor der sechsten Kneipe! Wer gegen eine Regel verstößt oder sich gar übergibt, muss zusätzlich einen Schnaps trinken. Kein Wunder, dass die Iren mit einem Liter reinen Alkohol pro Kopf und Monat in der Statistik recht weit vorne liegen.
Der Pfad ins Delirium ist lose an das Lied »The Twelve Days Of Christmas« angelehnt, bei dem es freilich zivilisierter zugeht. Es handelt von zwölf Geschenken, die »meine wahre Liebe mir« an jedem dieser zwölf Tage, die am ersten Weihnachtstag beginnen und am Dreikönigstag enden, gemacht hat, zum Beispiel zwei Turteltauben, drei französische Hennen, sieben schwimmende Schwäne, acht melkende Mägde, elf dudelnde Dudelsackspieler und andere nützliche Gaben. In Chicago münzte man das 1996 zum vorweihnachtlichen Dutzendsaufen um. Ein paar Jahre später importierten es die Iren und erklärten es zu einer Tradition, die bis zu den Kelten zurückreicht.
Man erkennt die Teilnehmer schon von weitem. Sie rennen alles um, was ihnen im Weg steht, denn sie haben es eilig, ins nächste Wirtshaus zu gelangen. Von Stunde zu Stunde werden sie jedoch langsamer, manche müssen gestützt werden, andere kotzen oder pinkeln auf den Gehweg und müssen mit einem Strafschnaps rechnen. Morgens stinkt die ganze Innenstadt. Fröhliche Weihnachten!
Karfreitag ist neben Weihnachten der einzige Tag, an dem Pubs und Schnapsläden, die »Off-Licences«, in Irland geschlossen sind. Entsprechend groß ist der Andrang am Gründonnerstag. Der Weinhändler meines Vertrauens, dessen Laden die Ausmaße einer Kirche hat, muss für den Tag stets drei zusätzliche Mitarbeiter einstellen. Die Regierung hatte 2014 eine halbe Million Euro für eine Anzeigenkampagne bereitgestellt, mit der die Nation daran erinnert werden sollte, sich rechtzeitig vor Karfreitag mit Alkoholika einzudecken. Dennoch ignorierte so mancher die Warnung. Am Karfreitag standen allein im Großraum Dublin 122 Menschen ohne Alkohol da. Dafür mussten sie büßen. Geschäftstüchtige Mitbürger hatten sich Vorräte angelegt, die sie auf dem Schwarzmarkt zu exorbitanten Preisen verhökerten.
Es ist eine Art irischer Nationalsport, dem Alkoholverbot am Karfreitag ein Schnippchen zu schlagen. Viele, die an einem normalen Wochentag keinen Tropfen anrühren, setzten alles daran, um am Karfreitag zügig ins Delirium zu gelangen. Das ist leider alles, was vom Rebellengeist der Iren übrig geblieben ist.
Ich will mich davon gar nicht ausnehmen. Vor vielen Jahren verbrachte ich an der irischen Nordwestküste einen Osterurlaub mit dem schriftstellernden Hooligan John McGuffin und einem ständig Joints rauchenden Elektriker, der wegen seines Berufes Sparky genannt wurde. Der Wirt der kleinen Dorfkneipe mochte uns, weil wir seinen Umsatz erheblich steigerten, und so verabredete er mit uns ein geheimes Klopfzeichen für den Karfreitag. Unglücklicherweise bestand Sparky darauf, vor dem illegalen Kneipenbesuch noch einen Joint zu drehen. Die Folgen waren fatal.
Der Wirt öffnete auf unser Klopfzeichen erfreut, und im Handumdrehen hatte er drei große Biere gezapft. Er versuchte wie immer, uns in ein Gespräch zu verwickeln, worauf vor allem McGuffin sonst freudig angesprungen war. Doch diesmal hockten wir schweigend auf den Barstühlen und hielten uns anderthalb Stunden lang an unserem Glas Bier fest. Am Ende wurde es dem Wirt zu bunt, und er warf uns hinaus. Wenn er schon seine Lizenz riskiere, müsse es sich wenigsten lohnen, rief er uns hinterher.
Später gestand Sparky, dass sein Joint diesmal nicht sein selbst angebautes Gras enthalten hatte, sondern Opium, das er in einer chinesischen Spelunke in Belfast günstig erstanden hatte. Ob er noch bei Sinnen sei, wollten wir wissen. Gegen das Betäubungsmittelgesetz konnte man schließlich täglich verstoßen, aber gegen das Ausschankverbot nur zwei Mal im Jahr. Beim Wirt waren wir unten durch. Er glaubte, dass uns der Katholizismus übermannt hatte und wir wegen Gewissensbissen sein Bier verschmäht hatten. Unser Argument, dass wir abends gegen das karfreitägliche Fleischverbot verstoßen und einen Truthahn verspeist hatten, ließ er nicht gelten. Es gebe ja keine Zeugen. Wahre Rebellen hätten das Tier in aller Öffentlichkeit vor der Kirche verzehrt, meinte er.
DAS BUNTE SALZ DER ERDE
Wer betrunken Auto fährt, muss zu Recht den Führerschein abgeben. Ein ähnliches Verfahren sollte es auch für Computer geben – vielleicht ein Röhrchen, in das man pusten muss, bevor man das Gerät einschaltet. Übersteigt der Alkoholwert ein Promille, ist der Computer automatisch gesperrt. So könnte man keinen Unfug anrichten. Ich spreche aus Erfahrung.
Einmal – ich weiß gar nicht mehr, was ich gesucht hatte – landete ich auf einer Seite mit exotischen Blumensamen. Ich interessiere mich nicht für Blumen. Aber die abgebildeten Pflanzen sahen recht hübsch aus. Ein paar Tage später kam ein kleines Päckchen: Blumensamen. Was hatte ich bloß getan? Zum Glück konnte ich das geheim halten. Ich pflanzte die Dinger in meinem Büro, nach zwei Wochen keimten zwei der 50 Samen. Die Pflanzen blühten drei Tage lang und gingen dann ein. Das kann man ihnen nicht vorwerfen, ich habe keine grünen Finger.
Manche Verkäufer bei Ebay bauen offenbar auf die Trunkenheit der potentiellen Kundschaft. Die Firma Mondevana aus Bergisch-Gladbach zum Beispiel bietet den grottenschlechten Asterix-Band »Gallien in Gefahr« gebraucht (»wie neu«) für 151 Euro an. So betrunken kann niemand sein. Auf meine nüchterne Nachfrage, ob man noch bei Trost sei, kam keine Antwort. Vor allem in den USA glauben die Händler offenbar, dass die Kundschaft bei Internetkäufen den Verstand abschaltet. Ich hatte ein Taschenbuch über den irischen Betrüger Paul Singer aus den sechziger Jahren gesucht. Zwei US-amerikanische Händler boten es an. Der eine wollte 741,78 Euro für ein sehr gutes Exemplar, der andere einen Cent mehr für ein lediglich gutes Exemplar. Ich fand das Buch in einem Dubliner Antiquariat für zwei Euro.
Leider bin ich nicht immer so wachsam. Einmal geriet ich auf eine Seite mit Angeboten für Salz und Pfeffer. Ich war fasziniert: Schwarzes Salz aus Hawaii, rotes aus der australischen Wüste, gelbliche Kristalle aus dem Himalaja und fette Salzklunker aus dem Trockenmeer, die man in Wasser auflösen musste. Oder man konnte sie raspeln, es gab dafür passende Salzreiben. Ich kaufte alles mit ein paar Klicks. Eine Woche später kam das Päckchen an. Die Salzreibe erwies sich als Muskatreibe, sie war lediglich umbenannt worden.
Anfangs war es ganz witzig, wenn man Freunden das farbenfrohe Zeug anbot. Besonders dekorativ sah das schwarze Vulkansalz auf Eiern aus. Ich begann, beim Kochen sehr sparsam mit dem Salz umzugehen, so dass die Gäste nachsalzen mussten. Dann konnte ich meine Batterie an Salzstreuern auffahren. Aber schon bald ging meinen Gästen das bunte Treiben auf die Nerven. Sie verlangten nach normalem weißen Salz. Habe ich nicht. Das graue Meersalz aus der Bretagne, das ich ihnen als ungeschältes weißes Salz unterjubeln wollte, fiel durch. Man habe die Nase voll von meinem exotischen Quatsch, wurde mir beschieden. Das ist misslich, weil der exotische Quatsch noch mindestens zehn Jahre reicht, um Speisen zu versalzen. Ganz zu schweigen von dem Sack mit tasmanischem Urwaldpfeffer.
AN DEN SCHWÄNZEN KANNST DU SIE ERKENNEN
Wenigstens weiß man jetzt, wo das Rindfleisch abgeblieben ist, das in Hamburgern und Lasagne durch Pferdefleisch ersetzt worden war: Es steckt in Lamm-Currys. Die schottische Aufsichtsbehörde für Lebensmittel hat 129 indische Restaurants im ganzen Land untersucht. Bei einem Drittel enthielten die Lamm-Currys kein Lamm, sondern billiges Rindfleisch. Von wegen heilige Tiere! Da war der Geiz stärker als der Glaube – immerhin ein Beispiel für eine gelungene Integration. Die Behörde veröffentlichte aber nicht die Namen der Restaurants. Datenschutz geht vor Verbraucherschutz.
In den englischen Midlands hat die dortige Behörde ebenfalls indische Restaurants getestet. Sämtliche der untersuchten Lamm-Kababs enthielten jede Menge Farbstoff sowie eine Mischung aus Schwein, Rind, Huhn und ein bisschen Lamm – aber kein Pferd. Das steckt ja in Hamburgern und Fertiggerichten. Die Witze über Ketten wie Würgerking, wo Spezialburger »My little Pony« für Mädchen angeboten werden, haben bei britischen Schülern solch nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass nicht mal mehr die Hälfte in den Schulkantinen isst. Die meisten bringen stattdessen Sandwiches aus Formschinken, der zwischen zwei Scheiben des britischen elastischen Weißbrots gepresst ist. Der Nährwert ist zwar gleich Null, aber wenigstens wiehert das Sandwich nicht.
Sind die Leute in der Lebensmittelindustrie zu blöd, um die Tiere zu unterscheiden? Rinder haben Hörner, Pferde einen Schweif, Schweine einen Ringelschwanz und Schafe ein wolliges Fell. Ist doch ganz einfach. Das schafft auch die Fleischmafia. Deshalb zeigen die Fälle viel mehr »den internationalen Verschiebebahnhof von Lebensmitteln und die kreativen kriminellen Energien der Fälscher«, wie der Kulinarpapst Manfred Kriener neulich schrieb – »mit rumänischen Ross-Schlächtern, niederländischen und zypriotischen Zwischenhändlern, italienischen Rezepturen und deutschen, französischen und britischen Opfern.«
Kriener ist deshalb so empört, weil er selbst zu den Opfern gehört. Im Januar kaufte er bei einem Metzger in Oberschöneweide vermeintliche Ochsenbäckchen. Erst beim Zubereiten merkte er, dass ihm der kreativ kriminelle Schlächter Hamsterbacken angedreht hatte. Sie waren noch mit den für das Nagetier typischen Wintervorräten gefüllt. »Mit einer Chateau-Lafitte-Sauce haben die Hamsterbacken aber hervorragend geschmeckt«, sagte Kriener.
Selbst die Haustierhandlungen machen bei dem bösen Spiel mit. Der Nachbarsjunge hatte sich drei Goldfische gekauft und wunderte sich, dass die Tiere leblos im Aquarium herumtrieben. Es stellte sich heraus, dass der kreative kriminelle Tierhändler ihm aus Mohrrüben geschnitzte Goldfischimitate untergejubelt hatte.
Eine Frage ist noch offen: Rindfleisch wurde durch Pferdefleisch ersetzt und Lammfleisch durch Rindfleisch. Wo wird denn nun das Lammfleisch auftauchen? In Bio-Eiern? Oder ist das alles eine große Lammverschwörung, und die Viecher sind gar nicht geschlachtet worden, sondern laufen auf der Trabrennbahn?
BÜFFEL HABEN KEINE FLÜGEL
Es war eine jener Buchvorstellungen, zu denen man gehen muss, weil man jemanden kennt, der den Autor kennt. Bei solchen Anlässen werden meist billige Weine und »finger food« gereicht. Letzteres besteht aus Würstchen, Hühnerflügeln, Zwiebelringen und anderen fettigen Häppchen. Danach soll man dann das neue Buch in die speckige Hand nehmen und zur Kasse tragen. Genauso gut könnte man auf einer Vernissage Farbbeutel verteilen.
Noirín war gegen ihren Willen von ihrer Freundin Yvonne, die große Stücke auf den Nachwuchsschriftsteller hielt, in die Dubliner Buchhandlung geschleppt worden und hatte entsprechend schlechte Laune. Die besserte sich nicht, als ihr eine Frau vom Partyservice ein Tablett unter die Nase hielt und sie fragte, ob sie einen »Buffalo Wing« möchte. »Büffel haben keine Flügel«, blaffte Noirín die überraschte Kellnerin an. Vielleicht kämen die Hühner ja aus Buffalo, mutmaßte sie, doch Noirín ließ das nicht gelten: »Die Tiere sollen aus Buffalo im Staat New York importiert worden sein? Das glauben sie doch selbst nicht.« Sie wisse auch nicht, warum die Flügel so heißen, meinte die Kellnerin genervt, sie serviere ja nur. Ob sie jetzt gehen dürfe? Noirín ließ sie ziehen, und um weitere Diskussionen mit anderen Gästen zu vermeiden, pries die Kellnerin ihre Ware nur noch als »Wings« an.
Yvonne hatte inzwischen mit ihrem Smartphone nach »Buffalo Wings« gegoogelt und erklärte Noirín, dass die Flügel nach der scharfen Soße benannt worden seien, in der sie gebraten wurden. »Und die stammt tatsächlich aus Buffalo. Das Gericht wurde 1964 von einer Teressa Bellissimo in der Anchor Bar erfunden. Du solltest dich bei der Kellnerin entschuldigen.«
Noirín ging jedoch zur Bar, um sich ein Glas MiWadi zu holen. Das ist ein irisches Fruchtsaftgetränk, das mit dem Werbespruch »It's not your Wadi, it's MiWadi« berühmt geworden ist. Noirín wollte den Rest aus der einzigen Flasche in ihr Glas kippen, als eine ältere Blondine meinte, MiWadi habe ja viel weniger Kalorien als Limonade. Ihr Mann dürfe gar keine Brause mehr trinken, er sei sehr krank, fügte sie hinzu. Ob Noirín vielleicht für ihn beten würde? Das wolle sie gerne tun, antwortete Noirín. »Jetzt!« befahl die Blondine. Noirín ist zwar Atheistin, aber weil ihr die Frau leidtat, faltete sie ihre Hände und sagte das Vaterunser auf. Die übrigen Gäste hatten inzwischen das Interesse an dem Nachwuchsschriftsteller verloren und beobachteten stattdessen Noirín, die eine Fruchtsaftflasche anbetete. Unterdessen aber griff sich die Blondine eben diese Flasche und schenkte sich den Rest ein.
Das war zu viel für Noirín. Sie nahm sich ein paar Buffalo Wings, tatschte danach die Bücher des Nachwuchsschriftstellers an und warnte ihre Freundin Yvonne, dass sie ihr ein Dutzend Büffelflügel in den Hintern schieben werde, falls sie ihr gegenüber noch einmal das Wort »Buchvorstellung« erwähnte. Das hörte die Kellnerin, und sie rief Noirín höhnisch zu: »Ich dachte, Büffel haben keine Flügel!«
ENGLISCHE LÖFFELDIÄT
Engländer mischen sich gerne in Dinge ein, von denen sie nichts verstehen. In kulinarische Fragen zum Beispiel. So hat Professor Charles Spence von der Universität Oxford herausgefunden, dass Joghurt »teurer und cremiger« schmecke, wenn man es mit einem silbernen Löffel isst. Ein Kupferlöffel ist auch nicht schlecht, er lässt Süßes süßer und Salziges salziger schmecken. Gold ist in dieser Hinsicht dagegen ein Versager, es verbessert den Geschmack überhaupt nicht. Wenn man aber Plastiklöffel benutzen muss, sollte man wenigstens darauf achten, dass er sehr leicht sei, meint der Professor. Das lasse Joghurt wertvoller erscheinen, als wenn man es mit einem schweren Plastiklöffel isst.
Die Form spielt dabei auch eine Rolle: Die Holzstückchen, die man in diesen modernen Kaffeeketten als Löffelersatz zum Umrühren bekommt, ruinieren selbst Edelgetränke. Vor allem aber muss man auf die Farbe des Löffels achten. Will man, dass Joghurt süßer schmeckt, muss man einen Löffel benutzen, der dieselbe Farbe wie die Früchte im Joghurt hat. Ein Himbeerjoghurt mit einem blauen Löffel zu essen, wäre demnach töricht. Ein schwarzer Löffel geht gar nicht. Aber warum soll ein Joghurt überhaupt süß und cremig schmecken? Von Natur aus ist es eher herb.
Möglicherweise haben die Betreiber des Gardening Express ihre Gurken mit einem grünen Löffel gegessen, so dass sie süßer schmeckten. Jedenfalls klassifizieren sie Gurken als Obst, ebenso wie Oliven, Auberginen, Butternusskürbisse, Zucchini und Pfeffer. Alles, was Samen habe, sei Obst, meint der Gründer der Webseite, Chris Bonnett. Nach dieser Definition fällt er selbst in diese Kategorie. Der Gardening Express beklagt, dass nur eine kleine Minderheit der Engländer den Unterschied zwischen Obst und Gemüse kenne. Aber sie kennen ja auch nicht den Unterschied zwischen Bier und Hühnerpisse. Vielleicht könnten die Gelehrten aus Oxford untersuchen, ob das warme englische Dünnbier besser aus Silberkübeln schmeckt.
Spences Team von Wissenschaftlern arbeitet jetzt mit Heston Blumenthal zusammen, der in seinem Restaurant »The Fat Duck« neue Löffeldesigns ausprobieren möchte, um »die Erfahrungen der speisenden Gäste zu verbessern«. Spence und seine Co-Autoren schreiben in ihrem Bericht: »Die Ergebnisse kann man benutzen, um Essgewohnheiten zu verändern – zum Beispiel die Größe der Portion oder die Salzmenge.« Löffel als Diätprogramm, warum nicht?
In der englischen Psychiatrie kommen sie schon länger zum Einsatz. Wie bestimmt man, ob ein Patient in eine Anstalt eingeliefert werden soll, wollte ein Besucher vom Direktor wissen. »Wir füllen eine Badewanne mit Wasser und geben dem Patienten einen Löffel, eine Tasse und einen Eimer zur Auswahl, um die Badewanne zu leeren«, antwortete er. Der Besucher kapierte: »Ein psychisch Gesunder würde natürlich den Eimer nehmen, weil er größer als der Löffel und die Tasse ist.« Der Direktor schüttelte den Kopf: »Ein Gesunder würde den Stöpsel herausziehen. Möchten sie ein Bett am Fenster?«
CUSTARD, CHICKEN NUGGETS UND EIN PAAR HAARE
Schulspeisung – welch grässliches Wort. Es klingt nach Turnhallenschweiß, Blechnäpfen, Gummifleisch und leimiger Sauce. Ich weiß das, denn zu meiner Studentenzeit habe ich ein Jahr an einer Belfaster Schule als Deutsch-Assistent gearbeitet und kam mehrmals in der Woche in den Genuss dieser Speisung. Um wegen meines kärglichen Gehalts die Kosten für die warme Mahlzeit zu sparen, meldete ich mich freiwillig zur Essensaufsicht, denn als Lohn durfte man kostenlos mit den Schülern essen. Die aßen jedoch kaum, sondern funktionierten die elastischen Fleischbällchen zu Wurfgeschossen um, die wie Pingpongbälle durch die Halle hüpften, bis einer auf dem Tisch des Schuldirektors landete, was der meiner mangelhaften Aufsicht zuschrieb und den Schülern den Nachtisch strich. Das ertrugen sie mit Freude.
Zum Nachtisch gab es nämlich jeden Tag »Custard«, eine aus Pulver hergestellte Vanillesauce. Die klebrige Masse wurde über alles geschüttet: Kuchen, Eiscreme, Apfelsinen. Zu jener Zeit schlug der Finanzberater der US-Regierung von Ronald Reagan vor, Ketchup als Gemüse zu deklarieren, um die ohnehin niedrigen Anforderungen an die Schulmahlzeiten billiger erfüllen zu können. An meiner Schule galt »Custard« als Gemüse.
Eigentlich sollte die Schulspeisung seitdem verbessert werden. Der Fernsehkoch Jamie Oliver hatte vor ein paar Jahren eine Kampagne gegen Fastfood ins Leben gerufen, worauf die Regierung zusätzliche 280 Millionen Pfund für die Mahlzeiten locker machte. Sogleich organisierte sich eine Gegenbewegung von Eltern, die mehr Fastfood forderten, weil das schließlich zur britischen Grundnahrung gehöre. Es kam zu einem breiten Broccoli-Boykott.
Viel hat sich seit meiner Zeit an der Belfaster Schule offenbar nicht geändert. Die schottische Schülerin Martha Payne hatte in ihren Internet-Blog täglich ein Foto der Schulmahlzeit gestellt. Außerdem stufte sie das Essen auf einer Güteskala von eins bis zehn ein, bewertete den Nährstoffgehalt und notierte die Anzahl von Haaren, die sie im Essen fand. Daraufhin untersagte die Stadtverwaltung der neunjährigen Restaurantkritikerin, die Mahlzeiten zu fotografieren, weil die Küchenangestellten um ihre Jobs fürchteten.
Die Kommunalpolitiker hatten jedoch nicht mit Marthas Fangemeinde gerechnet. Der Blog hatte täglich zwei Millionen Besucher, darunter auch Jamie Oliver, der Martha ein signiertes Exemplar seines Kochbuchs schickte. Das Mädel hatte mit Hilfe ihres Blogs Spenden in Höhe von 3.000 Pfund für »Mary’s Meals« gesammelt, eine Wohlfahrtsorganisation, die Schulspeisungen in armen Ländern organisiert. Nach dem Verbot stiegen die Besucherzahlen auf 6,5 Millionen, das Spendenaufkommen auf 95.000 Pfund, und es setzte eine Zensurdebatte ein, an deren Ende die Stadtverordneten klein beigeben mussten. Martha darf jetzt wieder das überschaubare Erbsen-Mais-Gemüse, den frittierten Chicken-Nuggett und den »Custard« fotografieren, mit dem den Schülern immer noch die Geschmacksnerven zugekleistert werden.
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