Kitabı oku: «Auguste Viktoria»
RANDY FINK
AUGUSTE
VIKTORIA
DIE LETZTE DEUTSCHE KAISERIN

Für meine Großeltern
Elfriede – Gisela – Herbert – Horst
INHALT
IEinleitung
IIDie Jugend (1858–1888)
Die Ehefrau
IIIDie Kaiserin (1888–1914)
Die Kaiserin
Der Hof
Der Alltag
Der Kaiser
Die Familie
Die Innenpolitik
Die Fürsorge
Die Außenpolitik
IVDer Krieg (1914–1918)
VDas Exil (1918–1921)
VISchlussbetrachtung
Anmerkungen
Quellen- und Literaturverzeichnis
Archivale Quellen
Zeitungen
Zeitgenössische Literatur
Literatur
Bildnachweis
I
EINLEITUNG
Die Namen dreier Kaiserinnen sind verzeichnet in der noch kein halbes Jahrhundert langen Geschichte des neuen deutschen Kaiserreichs. Und bei jedem Namen tritt ein völlig anderes Bild vor unsere Seele. […] Auguste Victoria hat keinen politischen Ehrgeiz gekannt, hat sich nie in den Parteikampf gestellt, hat keinen Mittelpunkt des geistigen Lebens bilden wollen. Es war ihr genug, Gattin und Mutter zu sein und daneben die Last der Krone zu tragen.1
Die letzte deutsche Kaiserin Auguste Viktoria handelte aus Liebe. So kann man das Leben der Frau beschreiben, die an der Seite Wilhelms II. das Deutsche Kaiserreich von 1888 bis 1918 regierte. Als die Kaiserin am 11. April 1921 im niederländischen Exil nach langer Krankheit starb, zeichneten zahlreiche Nachrufe das damalige geschlechtertypische Bild der still leidenden, engagierten Frau und Mutter, »deren herzgewinnende[n] Züge uns fast ein Menschenalter hindurch auf unseren Wegen begleitet haben« und deren »Heimgang […] in unzähligen Herzen ein Gefühl der Wehmut und Ergriffenheit« ausgelöst hat.2 Dabei war die Landesmutterpräsenz der Kaiserin kein Mythos der Trauerbewältigung, sondern wurde maßgeblich durch ihr eigenes Handeln geschaffen und tief in der deutschen Bevölkerung verankert.
Das deutsche Volk erinnerte sich an Auguste Viktoria, wie sie Freibier für Soldaten vor dem Neuen Palais in Potsdam ausschenkte, karitative Einrichtungen besuchte oder bei Wanderungen durch Siedlungen mit Anwohnern auf der Dorfstraße plauderte. Eindrucksvoll sind Anekdoten wie diese, als Auguste Viktoria eine Kadettenanstalt besuchte und einer der Schüler vermutlich aus Heimweh weinte. Die Kaiserin legte einen Arm um den Jungen, führte ihn in ein Nebenzimmer und setze ihn sich auf den Schoß, um ihn zu trösten.3 Das Image der deutschen »Vorbildsmutter« wurde obendrein durch umfangreiche Fotografien und Postkarten verstärkt, die, teils unterschrieben, als eine Art Gunstzeichen vergeben und angefragt wurden, ähnlich wie heute Autogrammkarten von Prominenten. »Majestät brauchen Sonne« galt nicht nur für die Selbstdarstellung des Medienkaisers Wilhelm II., sondern auch für seine Frau, deren tadelloser Leumund sich durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit des Kaiserhauses verstärkte. Zu den Ehrungen gehörten Benennungen medizinischer Einrichtungen mit ihrem Namen ebenso wie ihre Unterschrift in Gästebüchern und gestifteten Bibeln für neu errichtete Gotteshäuser. Wenn auch die Berliner, ihrer christlichen Wohlfahrtsbestrebungen wegen, sie liebevoll neckisch die »Kirchenjuste« nannten, erkannte die Berliner Schnauze, dass durch Auguste Viktoria wichtige Prozesse und die Gründung von Einrichtungen zur medizinischen Versorgung angestoßen wurden. Dazu gehören allen voran die 1905 gegründete Gesellschaft zur Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit und das daraus resultierende Kaiserin-Auguste-Victoria-Haus, durch deren Wirken die Säuglingssterblichkeit im Kaiserreich fachkundig gesenkt werden konnte.
Trotz zunehmender körperlicher Gebrechen folgte die Kaiserin einem rigorosen Pflichtbewusstsein, das ihr das Volk hoch anrechnete. Ihre Tochter Viktoria Luise erinnerte sich, dass »[w]enn es sich gar nicht anders einrichten ließ, […] sie im langen Schleppkleid und mit großem Diadem [erschien], aber sie erschien.«4 Die Kaiserin war verlässlicher, mitfühlender und stiller Ruhepol in der Hektik der Jahrhundertwende. Dafür wurde sie geachtet und geschätzt. Sie spendete jene zwischenmenschliche Zuneigung, nach der sich das Volk sehnte. Sie war präsent und spendete Trost. Zum 20. Regierungsjubiläum von Auguste Viktoria 1908 schrieb die Berliner Börsenzeitung daher die rezeptionsrelevanten Worte: »Wo immer soziale Schäden, wo immer Leiden und Unglück, Not und Kummer an den Tag treten, finden sie im Gemüt der Kaiserin jederzeit den Widerhall liebevoller Teilnahme und Hülfsbereitschaft.«5
Das ruhige und sanfte Gemüt der Kaiserin war von Bedeutung für die Beziehung zu ihrem Mann, dessen Sprunghaftigkeit und launenhafte Natur so sinnbildartig für die deutsche Gesellschaft waren, und bildete so einen ausgleichenden Faktor. Die Person Wilhelms II., mit ihrem militärischen Gehabe, ihrer präpotenten Selbstüberhebung, aber auch ihrer Anziehungskraft, war der beste Vertreter des Wilhelminismus. Auguste Viktorias Hingabe und Zurückhaltung passten zum obrigkeitstreuen Epochenbild, obwohl die Beziehung des Kaiserpaares zutiefst ungleich war, auch wenn öffentlich das Gegenteil stilisiert wurde. Das egoistische Verhalten Wilhelms II. traf auf die hinnehmende Anhänglichkeit Auguste Viktorias, die zeitweise solch extreme Züge annahm, dass sich der engere Hofkreis um die Gesundheit der Kaiserin sorgte. Als die kranke Kaiserin zum Beispiel bei einem Spaziergang mit kurzem Atem keuchte: »Aber Wilhelm, jetzt kann ich wirklich nicht mehr!«6, riet Wilhelm ihr, sich hinzusetzen und spazierte alleine weiter. Der Kaiser war das Zentrum in der Existenz Auguste Viktorias, sie betrachtete ihn als Herrscher und erwartete von allen dieselbe Hörigkeit. Sein Wohlergehen und seine Machterhaltung waren ihre Raison d’Être.
Eine andere Alternative hätte Auguste Viktoria auch nicht gehabt, denn einen eigenen Glanz, eine faszinierende Aura oder Größe, besaß sie nie. Der erste Reichskanzler Otto von Bismarck nannte sie die »holsteinische Kuh«. Fürstin von Pless urteilte, sie sei »wie eine stille, sanfte Kuh, die Kälbchen hat und Gras frißt und sich dann niederlegt und wiederkäut.«7 Mit ihrer hingebungsvollen, fürsorglichen, pflichtbewussten, taktvollen, unprätentiösen und dumpfen Art entsprach sie dem zeitgenössischen Ideal einer Frau. Reichskanzler Bülow äußerte sich anlässlich der Silberhochzeit, das Kaiserpaar sei »zu dem Vorbild echt deutschen Familienlebens und Familienglücks auf dem Kaiserthron«8 aufgestiegen. Alles sprach für dieses Bild, die Inszenierung funktionierte.
Warum nun eine Biografie über eine Person, die keinerlei Reiz auszustrahlen vermag und niemandem Rätsel aufgibt? Eine Monarchin, die Historiker »als zu taktvoll oder zu dumm gehalten [haben], um überhaupt eine politische Rolle in der Wilhelminischen Ära zu spielen. Wenn sie ihr überhaupt einen Platz in den Fußnoten ihrer Studien gaben, dann wurde sie als vorbildliche Frau und Mutter beschrieben, die sich eifrig an ihre hausfraulichen Pflichten klammerte.«9 Eine politische Kaiserin war in den zeitgenössischen Köpfen nicht im Rahmen des Möglichen und so ist es bis heute geblieben. Es ist diese einseitige und fehlende kritische Forschung über Auguste Viktoria, die der Grund für diese Betrachtung ist.
Denn wo Liebe ist, ist auch Hass. Diese Extreme prägten Auguste Viktoria und machen sie in ihrer Stellung als Mitglied der höchsten gesellschaftspolitischen Ebene interessant. Dabei richtete sich ihre Feindseligkeit gegen alles, was die Größe ihres Mannes und des Reiches vermeintlich untergrub und war geprägt durch starren Konservatismus und Xenophobie. Meist äußerte sich dies in Verstimmungen, die auf den ersten Blick als Schrullen oder Launen erscheinen. So zum Beispiel 1897, als die Kaiserin nach dem goldenen Thronjubiläum Königin Victorias von Großbritannien, der Großmutter Wilhelms II., meinte, am englischen Hof »mit ausgesuchter Kühle … kaum höflich« behandelt worden zu sein, und sich darüber echauffierte, dass man sie »immer hinter der schwarzen Königin von Hawaii placiert« habe.10 1903 weigerte sie sich, die – aus ihrer Sicht unebenbürtige – Königin von Serbien zu empfangen, was Spannungen zwischen Deutschland, Serbien und Russland hervorrief. Versuchte sich Auguste Viktoria hingegen öffentlichen Empfängen und Staatsbesuchen zu entziehen, musste sie dazu teilweise vom Auswärtigen Amt und ihrem Mann gezwungen werden. Reichskanzler Bernhard von Bülow äußerte sich schonungslos in seinen Memoiren:
Bei aller Trefflichkeit ihres Wesens hat die Kaiserin Auguste Viktoria unsere Beziehungen um Rußland wie namentlich zu England und bis zu einem gewissen Grade auch zu Italien durch ihr Ausländern gegenüber steifes und prüdes Wesen nicht erleichtert. Wenn ihr Gemahl in dieser Beziehung zu viel tat, war sie bisweilen geneigt, zu wenig zu tun.11
Auguste Viktorias Pflichtbewusstsein hörte außerhalb der Reichsgrenzen auf. Dabei entfaltete sie durch ihren Glauben an die Macht der Krone und die deutsche Suprematie eine erstaunliche Macht als Ratgeberin. Als 1908 die Daily-Telegraph-Affäre das Ansehen und die Mentalität des Kaisers wie nie zuvor erschütterte, war es die Kaiserin, die ihren Mann von einer Abdankung abbrachte und gleichzeitig vergeblich versuchte, Reichskanzler Bülow, der durch die Affäre und sein Handeln beim Kaiser in Ungnade fiel, im Amt zu halten. Jahre später, während des Ersten Weltkrieges, plante sie durch Vermittler im preußischen Herrenhaus die Wiederernennung Bülows zu erwirken. Vehement wehrte sie sich gegen eine Machteindämmung ihres Mannes und sah in jedem, der Änderung in der Prärogative der Krone für notwendig hielt, einen Feind. So sind der Sturz von Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg und des Chefs des Zivilkabinetts Rudolf von Valentini entscheidend durch die Kaiserin beeinflusst worden. Derweil schirmte sie in ihrer ehelichen Hingabe ihren Mann während des Krieges teils wochenlang ab. Scharfzüngig schrieb Admiral Müller 1916 deswegen in sein Tagebuch: »Der Kaiser ist wegen Erkältung zu Bett geblieben. Da wird also wohl bald die Kaiserin kommen.« Einige Monate später musste sich Wilhelm einer kleineren Operation unterziehen und die Kaiserin wachte »wie ein Cerberus darüber, daß niemand zu ihm kommt«12. Dadurch erschwerte Auguste Viktoria die Kommunikation zwischen oberstem Kriegsherren, seinen Generälen und seinen Beratern.
Die Nähe zum Kaiser machte die Kaiserin zu einem wichtigen Bestandteil der politischen Entscheidungsfindung. So drängte sie ihren Mann und Reichskanzler Bethmann Hollweg 1912 nach zähen Verhandlungen zur Annahme einer Flottennovelle zur Vergrößerung der deutschen Seemacht. Ein Akt der von Admiral Tirpitz mit größter Freude gesehen wurde und der »ihr im Namen aller Patrioten dankbar die Hand« küsste.13 Während des Krieges äußerte sich die Kaiserin verstärkt als Vertreterin einer harten Kriegsführung und befürwortete den uneingeschränkten U-Boot-Krieg, der die fatalste Entscheidung in der Militärpolitik des Deutschen Reiches darstellen sollte. Gegen Ende des Krieges hatte sich die Macht der Kaiserin als politische Akteurin so sehr gefestigt, dass insbesondere Personalentscheidungen ohne sie kaum noch durchzusetzen waren. Auguste Viktoria war, entgegen bisheriger Urteile, eine resolute und politisch treibende Figur.
Dies sind Facetten der deutschen Kaiserin, die weder Zeitgenossen noch Historiker bisher beachtet haben, obwohl die Zeit des Deutschen Kaiserreichs zu den meist diskutierten Epochen deutscher Geschichte zählt und sich weiterhin enormer Popularität erfreut. In Übersichtswerken über die Geschichte des Kaiserreiches fehlt ihre Darstellung komplett. Ausstellungen wie Frauensache. Wie Brandenburg Preußen wurde (2015) und Kaiserdämmerung (2018) oder aber Dokumentationen wie Majestät brauchen Sonne (1999) behandelten die Kaiserin nur am Rande – in ihrer Rolle als Frau. In fiktiven Werken, etwa im ZDF-Mehrteiler Das Adlon14 (2013) und in der ersten Staffel der Serie Charité(2017), tritt sie lediglich als Statistin auf. Eine herausstechende Ausnahme bildet der an originalen Schauplätzen gedrehte dokumentarische Spielfilm Kaisersturz (2018) des ZDF, in dem die Kaiserin präzise von Sunnyi Melles dargestellt und als Stütze hinter dem geschwächten Kaiser charakterisiert wurde.
Auch in der deutschen Erinnerungskultur ist die Kaiserin kaum präsent. Ihre bekannteste und wertvollste Darstellung ist ein Mosaik in der Gedenkhalle der Berliner Gedächtniskirche. Vereinzelt freuen sich Sammler über Postkarten mit ihrem Porträt, die sie auf einem der zahlreichen Berliner Flohmärkten ausgraben. Von den zahlreichen Namensgebungen, die auf sie zurückzuführen, sind heute nur noch wenige existent. Der sehr luxuriöse Schnelldampfer Kaiserin Auguste Victoria, welcher 1905 vom Stapel lief und von der Kaiserin persönlich in Stettin getauft wurde, erfreute sich bei Nordatlantikreisen wegen des Komforts großer Beliebtheit. Nach dem Krieg wurde er als Reparationszahlung an Großbritannien abgegeben und fuhr ab 1921 unter kanadischer Flagge mit anderem Namen – bis er 1931 abgewrackt wurde. Der Kaiserin-Auguste-Victoria-Marsch, op. 145 von Eduard Funck wird heute vereinzelt in Schleswig-Holstein gespielt, erreichte aber nie »Kultstatus«. Nach ihrem Tod wurde die Pfingstkirche in Potsdam zur Kaiserin-Auguste-Viktoria-Gedächtniskirche umgetauft, sie verlor ihren Namen jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg wieder. Einzig das Kaiserin-Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin-Schöneberg, die Kaiserin-Auguste-Viktoria-Stiftung für Senioren mit Sitz in Hamburg sowie die 2015 geschlossene Zeche Auguste Viktoria in Marl und Haltern am See, eine der letzten Steinkohlebergwerke in Deutschland, erinnern zumindest mit ihrem Namen an die ehemalige Kaiserin. Eine Statue von Auguste Viktoria in Marl schaut bis heute auf das ehemalige Bergbaugelände. Ihrer Leidenschaft für Rosen wegen wurde zu ihrem 25. Regierungsjubiläum 1913 im Rosarium Sangerhausen eine Büste von ihr aufgestellt. Als 1950 die Landesregierung Halle diese Statue entfernen lassen wollte, vergruben Gärtner des Rosariums die Büste heimlich. Sie wurde 1983 zufällig bei Grabungsarbeiten wiedergefunden und steht seit 2001 auf ihrem ursprünglichen Platz.
Von wesentlicher Bedeutung für eine kritische Studie der Kaiserin war der Aufsatz von Andreas Dorpalen in einem amerikanischen Geschichtsmagazin von 1952.15 Heute, 70 Jahre später, trägt die fehlende mediale Präsenz Auguste Viktorias maßgeblich dazu bei, dass sie als Forschungsobjekt unattraktiv ist. Dabei ist das Deutsche Kaiserreich eine der umfangreichsten Forschungsgebiete der deutschen Geschichte, eine frühere Dämonisierung und Apologetik ist zu einer unglaublich objektiv-kritischen Debatte geworden. Dies gilt allerdings nicht für die Monarchie, Aristokratie und Eliten – Begriffe, die bis heute von Historikern belächelt werden. Im Vergleich zu England, Frankreich und den Niederlanden hat der deutsche Tenor der »Geschichte von unten« und die kontinuierliche Aufarbeitung (man mag sagen: Überstrapazierung) des »Dritten Reiches« und der DDR erhebliche Lücken in der Betrachtung deutscher Adelsbiografien hinterlassen.
Dieses Buch wird daher Kaiserin Auguste Viktoria, ihr Wirken und ihren Einfluss in vier grob chronologischen Kapiteln untersuchen. Ziel ist nicht die Dämonisierung der Landesmutter, sondern die Wahrnehmung ihrer Person als politische Akteurin einer Epoche, die in einer der größten Katastrophen der Menschheitsgeschichte endete. Nicht die volkstümliche Rezeption der Kaiserin soll zerstört werden, sondern aus der häufig einseitigen Betrachtung ihrer Person soll sich eine differenziertere und kritische Betrachtung entwickeln und Auguste Viktoria in den Kontext des paradoxen Deutschen Kaiserreiches eingeordnet werden. Einem Staat, der geprägt war von Leistungsfähigkeit und Schnelligkeit, von Konventionalität und Neuzeit, von nationalem Stolz und regionaler Eigentümlichkeit und schließlich von Ehrgeiz und Furcht. Als Staat lag das Deutsche Kaiserreich im Zentrum eines fragilen Europas, welches sich beinahe selbst zerstörte. Ein Europa, das durch eine bedeutende und kontroverse Gruppe von Herrschern, Diplomaten und Politikern geformt wurde. Als letzte deutsche Kaiserin war Auguste Viktoria Teil dieser Gesellschaft illustrer Herrschaften, die am Ende die Glorie oder die Schuld auf ihren Schultern trugen.
II
DIE JUGEND (1858–1888)
Als die letzte deutsche Kaiserin geboren wurde, existierte das Deutsche Kaiserreich noch nicht. Mitte des 19. Jahrhunderts befand sich in der Mitte Europas unter der Bezeichnung »Deutscher Bund« ein Flickenteppich größerer und kleiner Einzelstaaten ohne zentrale Staatsgewalt. Ausschlaggebende Bedingung für die Mitgliedschaft in diesem Bund war die Zugehörigkeit zur deutschen Sprache. So kam es dazu, dass Luxemburg, damals noch ein Teil der Niederlande, und die Herzogtümer Holstein und Lauenburg, damals ein Teil von Dänemark, im Deutschen Bund aufgenommen wurden, während weitgehende Gebiete von Österreich und Ostpreußen nicht dazu zählten.
Der Deutsche Bund war weder ein einheitlicher Staat, noch eine Nation mit geschlossener ethnischer und historischer Zugehörigkeit. Insbesondere in den Grenzgebieten konkurrierten die Angehörigkeitsvorstellungen der Bevölkerung und nationale Differenzen luden sich zunehmend auf. So auch in den Herzogtümern Holstein, Lauenburg und Schleswig, die alle dem dänischen Staat angehörten und bis auf Schleswig gleichzeitig Teil des Deutschen Bundes waren. Im Zuge der revolutionären Erschütterungen erhoben sich im März 1848 deutschnationale Bewegungen in allen drei Herzogtümern gegen Dänemark, woran maßgeblich Herzog Christian August von Augustenburg beteiligt war. Der Erste Schleswig-Holsteinische-Krieg endete siegreich für Dänemark und wurde im Londoner Protokoll von 1852 völkerrechtlich ratifiziert. Die Einheit des dänischen Staates wurde somit gesichert, während Holstein und Lauenburg weiterhin Teil des Deutschen Bundes blieben. Ebenfalls wurde die Erbfolge in Dänemark festgesetzt, denn der dänische König aus dem Haus Oldenburg war kinderlos. Während Dänemark die weibliche Thronfolge anerkannte, galt dies nicht für die Herzogtümer Holstein und Lauenburg, die beide Teil des deutschen Bundes mit männlicher Erbfolge waren. Wäre die Nichte des Königs, Louise von Hessen, Königin geworden, wäre die Personalunion mit den Herzogtümern beendet gewesen. Ein dynastischer Wechsel aufgrund der Kinderlosigkeit des dänischen Königs war für die Einheit des dänischen Staates unabwendbar. Auch Christian August von Augustenburg, der aus einer Nebenlinie der Oldenburger stammte, hatte Anrecht auf den dänischen Thron. Er war jedoch aufgrund seiner pro-deutschen Beteiligung während des Konflikts ins Exil verbannt worden und zog sich nach Primkenau in Niederschlesien zurück. Christian von Glücksburg, der einer weiteren Nebenlinie der Oldenburger angehörte, wurde zum Thronfolger ausgerufen, was das Erbfolgeproblem elegant löste. Denn Prinz Christian war der Ehemann von Louise von Hessen, die nun zwar nicht Königinregentin wurde, sondern nur Königingemahlin, aber die dynastische Linie zumindest aufrechterhielt, während man die Herzogtümer im Königreich behalten konnte.16
Der exilierte Herzog Christian August und seine Frau Luise Sophie von Danneskjoeld-Samsøe hatten sieben Kinder. Dazu gehörte der 1829 geborene Friedrich Christian August, der, wie sein Vater, an der deutschen Erhebung gegen Dänemark teilnahm. Der stattliche Mann mit dem mächtigen Backen- und Schnurrbart heiratete am 11. September 1856 die 1835 geborene Adelheid zu Hohenlohe-Langenburg, deren Mutter eine Halbschwester der britischen Königin Victoria war. Letztere war es auch, die sich vehement gegen eine Ehe ihrer Cousine mit dem 27 Jahre älteren Napoleon III. aussprach, nachdem dieser um die Hand von Adelheid anhielt. Zwar weinte sich die beinahe Kaiserin der Franzosen die Augen aus, aber die Ehe mit Friedrich von Augustenburg verlief dennoch harmonisch und besonnen.17
Die letzte deutsche Kaiserin wurde am 22. Oktober 1858 um 7.30 Uhr als Tochter von Friedrich und Adelheid auf einem Rittergut in Dolzig, einem kleinen Dorf mit knapp 450 Einwohnern geboren. Ihr im Jahr 1857 geborener Bruder verstarb sieben Tage nach ihrer Geburt. Das kleine Mädchen wurde am 30. November 1858 auf den Namen Augusta Victoria Friederike Luise Feodora Jenny zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg getauft. Zu seinen Taufpaten gehörten der Prinzregent von Preußen und seine Frau, Wilhelm und Augusta, deren Sohn und dessen Gattin, Friedrich Wilhelm und Victoria, eine Tochter von Königin Victoria. Diese war zum Zeitpunkt der Taufe schwanger mit ihrem ersten Sohn, dem späteren Wilhelm II., der am 27. Januar 1859 im Kronprinzenpalais in Berlin zur Welt kam. Die Holsteiner bekamen noch fünf weitere Kinder: 1860 Karoline Mathilde, 1862 Friedrich Viktor, der im selben Jahr verstarb, 1863 Ernst Günther, 1866 Luise und 1874 Feodora.
Der Vater, Friedrich VIII. von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg, hier um 1870, heiratete 1856 Adelheid zu Hohenlohe-Langenburg. (Künstler: Carl Fischer)
Die ersten fünf Jahre ihrer Kindheit verbrachte Dona, wie Auguste Viktoria im Familienkreis genannt wurde, in der ländlichen Idylle der Niederlausitz. Der Tod des kinderlosen dänischen Königs im November 1863 änderte dies, als Prinz Christian von Glücksburg ihm auf den Thron folgte und somit auch die Regentschaft über die Herzogtümer Schleswig und Holstein übernahm. Am 16. November rief sich Donas Vater, nachdem sein Vater ihm die herzoglichen Anrechte übertragen hatte, zu Friedrich VIII. Herzog von Schleswig und Holstein aus und richtete sich mit dem Pamphlet Mein Recht ist Eure Rettung an die Bevölkerung. Die Spannungen zwischen Dänemark und dem Deutschen Bund führten durch Annahme der dänischen Novemberverfassung unter dem neuen König Christian IX. zum Casus Bello. Sein Ziel, beide Herzogtümer näher an den dänischen Staat zu binden, brach die Londoner Protokolle ebenso wie die Selbstausrufung Friedrichs VIII.
Obwohl die Situation zwischen den Staaten auf das Äußerte gereizt war, kam es zu keinerlei Kampfhandlungen. Auch nicht als Truppen im Namen des Deutschen Bundes in Holstein und Lauenburg im Rahmen der Bundesexekution einmarschierten und Friedrich VIII. am 30. Dezember unter Jubel der Bevölkerung und unterstützt vom Militär in Kiel einzog. Dazu kam es erst, als der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck ein Ultimatum an Dänemark richtete, indem er zur Aufgabe der Novemberverfassung innerhalb von 48 Stunden aufforderte – wohl wissend, dass der dänische König dazu nicht fähig war, ohne innenpolitische Spannungen auszulösen. Als Reaktion darauf erklärten Preußen und Österreich den Dänen den Krieg und überschritten am 1. Februar 1864 die Grenze zu Schleswig.
Der Deutsch-Dänische-Krieg endete nach einem halben Jahr mit einer Niederlage Dänemarks und dessen Einflussverlust über Lauenburg, Holstein und Schleswig. Die Hoffnung Friedrichs VIII., die Herzogtümer zu regieren, wurde zerschlagen, als Preußen und Österreich sich die Kontrolle über die Gebiete teilten. Die Entschädigung, die Preußen dem Augustenburger anbot, lehnte dieser aus Stolz ab. In den folgenden Jahren verkaufte er das Grundstück in Dolzig und zog für fünf Jahre mit seiner Familie in das Holsteinische Palais in Gotha. Der Tod von Donas Großvater Christian-August von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg im März 1869 führte die Familie schließlich nach Primkenau in Schlesien.
Während der Zeit in Gotha veränderte sich der Deutsche Bund rapide. Der Konflikt zwischen Österreich und Preußen über die Kontrolle der annektierten Herzogtümer Schleswig und Holstein verschärfte sich zunehmend. Nachdem preußische Truppen in das von Österreich verwaltete Holstein einmarschierten, entzündete sich aus dem Konflikt der Deutsche Krieg, der nach nur sieben Wochen in der Schlacht von Königgrätz zugunsten der Preußen entschieden wurde. Die beim Prager Frieden vom 23. August 1866 beschlossenen Veränderungen waren massiv. Der Auflösung des Deutschen Bundes folgte die Gründung des von Preußen dominierten Norddeutschen Bundes mit 22 Mitgliedstaaten, aus dem im Folgenden das Deutsche Reich hervorging.
Dabei war der Norddeutsche Bund nur eine Zwischenlösung auf dem Weg zur Formierung eines deutschen Gesamtstaates im Sinne einer kleindeutschen Lösung. Preußens Machterweiterung und der Ausschluss Österreichs wurden durch den Deutsch-Dänischen-Krieg und den Deutschen Krieg essenziell vorangetrieben. Die Lunte zur nationalen Geschlossenheit und dem Anschluss der süddeutschen Staaten Bayern, Württemberg, Baden und Hessen-Darmstadt an den Norddeutschen Bund legte 1870 eine diplomatische Krise um den spanischen Thron. Dieser wurde dem Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen angetragen, was in Frankreich zur Befürchtung führte, man wäre bald von Hohenzollern in Preußen und Spanien eingekreist. Zwar zog Prinz Leopold seine Kandidatur zurück, doch wollte der preußische König Wilhelm I. bei einem Gespräch mit dem französischen Diplomaten de Benedetti in Bad Ems von einem endgültigen Verzicht eines Hohenzollern auf den spanischen Thron nichts wissen. Das Gespräch wurde von einem Mitarbeiter des norddeutschen Kanzlers und preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck an eben diesen telegrafiert. Der Kanzler kürzte die Nachricht seines Mitarbeiters so, dass die Veröffentlichung dieser Emser Depesche in Deutschland als auch in Frankreich für Empörung sorgte. Für die Franzosen war die – laut gekürzter Depesche und einem Übersetzungsfehler der französischen Presse – brüske Ablehnung ihres Diplomaten durch den preußischen König ein Affront und bedrängte den Nationalstolz. Frankreich erklärte dem Norddeutschen Bund am 19. Juli 1870 den Krieg, was exakt der Funke war, der die Zündschnur zur Deutschen Reichsgründung entfachte. Nachdem sich die vier süddeutschen Staaten auf der Seite ihrer norddeutschen Nachbarn in den Krieg einschalteten und die deutschen Truppen ab September 1870 Paris belagerten, waren Baden, Bayern, Württemberg und Hessen-Darmstadt bereit, sich dem Norddeutschen Bund anzuschließen. Am 10. Dezember stimmte der norddeutsche Reichstag zu, dem preußischen König die Kaiserkrone anzutragen und die Verfassung des Deutschen Kaiserreiches ab dem 1. Januar 1871 in Kraft treten zu lassen. Noch während der Belagerung von Paris wurde am 18. Januar im Spiegelsaal von Versailles der preußische König Wilhelm I. in einer Proklamation zum Deutschen Kaiser ausgerufen. Zehn Tage später endeten die Kriegshandlungen, während der Friedensschluss formal am 10. Mai 1871 im Vertrag von Frankfurt unterzeichnet wurde.18
Die Anwesenheit Friedrichs VIII. von Schleswig-Holstein bei der Proklamation des deutschen Kaisers in Versailles und bei der Siegesparade in Berlin war nur ein kurzer Glanzmoment im Leben des Herzogs, der sich anschließend nach Primkenau zurückzog. Das neugotische Schloss seines verstorbenen Vaters bot seiner Familie genügend Annehmlichkeiten. Der weitläufige Park mit seinen Teichen und der Roseninsel boten, abgesehen von den im Park herumlaufenden Pfauen, die gerne die Besucher anbrüllten, eine idyllische Umgebung für die Familie. Die Hofhaltung in Primkenau war gänzlich glanzlos, ohne Zeremoniell und spiegelte sich in der bieder-gemütlichen Einrichtung wieder. Zwar gab es Personal, allen voran den Chef der Hausverwaltung und die respektierte alte Hofdame Fräulein von Krogh, dennoch war Friedrich VIII. der Mittelpunkt seiner Familie. Er überwachte die Ausbildung seiner Kinder und führte ab 1870 einen mit den eingestellten Lehrern und Erziehern vorher abgesprochenen Unterricht ein. Für Dona bedeutete dies die Erziehung zur künftigen Ehefrau mit zeitgemäßer und provinzieller Wertevermittlung von Repräsentation, Häuslichkeit und Konversation. Daneben lernte sie Englisch, Französisch, Literatur und Geschichte, später noch Schwedisch und Dänisch. Auf die Rolle der Frau eines hohen Würdenträgers wurde sie allerdings nicht vorbereitet. Daher ist der Ausspruch Wilhelms II. über seine Frau rückblickend nicht verwunderlich: »Man merkt ihr immer wieder an, […] daß sie nicht in Windsor aufgewachsen ist, sondern in Primkenau.«19 Eine galante und weltoffene Frau im Sinne des Hochadels wurde Auguste Viktoria nie. Stattdessen war Patriotismus für ihren Vater unabdingbar, was sich in Donas Nationalstolz zeigte. Als seine beiden ältesten Töchter zu seiner Schwester Karoline Amalie nach Südfrankreich fuhren, instruierte Friedrich VIII. seine Schwester, sie sollte auf keinen Fall mit seinen Töchtern über Politik reden »und immer im Auge behalten, daß sie Deutsche seien«20.
Der durchgetaktete Tagesablauf in Primkenau begann um 8 Uhr mit einem Morgenkaffee und einem Spaziergang, gefolgt vom Unterrichtsbeginn um 9.30 Uhr. Friedrich und Adelheid nahmen vereinzelt am Unterricht teil, wobei die Herzogin besonders dem Religionsunterricht beiwohnte, was Auguste Viktoria später bei ihren eigenen Kindern ebenfalls tat. Nach einer Frühstückspause um 13 Uhr ging der Unterricht weiter, bis der Tag mit einem Spaziergang und dem anschließenden Abendessen um 18 Uhr beendet wurde. Sofern das Wetter es zuließ, spielten die Kinder im Garten, wobei Auguste Viktoria einmal dem Präsidenten der Generalkommission von Schlesien einen Ball auf seinen Kaffeeteller schoss, als sie damit in der Nähe spielte. Jahrzehnte später traf sie dann als Kaiserin auf den Enkel besagten Gastes und erzählte ihm die Geschichte.21
Ausfahrten mit dem Kahn oder der Kutsche brachten ebenso Abwechslung in den Alltag wie Reisen zu Verwandten oder Aufenthalte in Gotha. Im Frühjahr 1868 traf die herzogliche Familie in Rheinsberg auf das preußische Kronprinzenpaar Friedrich Wilhelm und Victoria und deren Kinder. Augustenburger und Hohenzollern trafen sich in den 1870er-Jahren vermehrt, aber weder der junge Prinz Wilhelm, noch Auguste Viktoria schienen sich anfangs füreinander zu interessieren. Stattdessen warf die Prinzessin ein Auge auf Ernst von Sachsen-Meiningen. Wilhelm seinerseits verguckte sich in Ella, die Tochter seiner englischen Tante Alice. Auf Drängen des Kronprinzenpaares wurde der Kontakt zwischen ihrem Sohn und der ältesten Augustenburger Tochter forciert, sodass der 20-jährige Wilhelm nach einem Jagdausflug im April 1879 in Primkenau in überschwänglicher Manier an Friedrich VIII. schrieb:
Deine von mir so innig verehrte Tochter Dona, in ihrem ganzen Wesen und ihrer ganzen Erscheinung mich so entzückt und hingerissen hat, daß mein Entschluß, alles daranzusetzen um sie mir zu erkämpfen sofort klar und fest war. Ich kann Dir gar nicht beschreiben wie lieb sie mir in den letzten Tagen geworden ist, und schwer ward es mir als ich von ihr Abschied nehmen mußte, ihr nur die Hand drücken zu dürfen.22
Auguste Viktoria war nach den zahlreichen Begegnungen so vernarrt in »ihren« Wilhelm, dass sie sein Foto unter ihr Kissen legte. An eine Verlobung war zunächst nicht zu denken, denn die unscheinbare und schüchterne Dona wurde weder von Otto von Bismarck, der Friedrich VIII. und seine Tochter nicht mochte, noch von Wilhelm I., ohne dessen Zustimmung eine Hochzeit nicht stattfinden konnte, als ideale Partie angesehen. Für den Kaiser war die Tochter des holsteinischen Herzogpaares nicht bedeutend genug, um die Frau des künftigen Deutschen Kaisers zu werden. Gleichzeitig hielt er die Einfädlung dieser Beziehung für eine Intrige seiner ungeliebten Schwiegertochter, der Kronprinzessin Victoria. Neben der »Stellung und des Ranges der Augustenburgischen Familie im Allgemeinen« hielt man die umstrittene Stellung des Herzogs nach seiner Ausrufung und seinem Exil für einen Grund, dass »der Eindruck der beabsichtigten Vermählung im Lande ein befriedigender nicht überall sein wird«.23
Diesen Eindruck versuchten der Kronprinz und der Herzog zu verbessern, indem Auguste Viktoria und ihre Schwester Karoline Mathilde im Juli 1879 nach Bad Ems geschickt wurden, wo Wilhelm I. und Augusta zur Kur weilten. Während Auguste Viktoria bei der Kaiserin »einen außerordentlich guten angenehmen Eindruck« gemacht hatte, war der Kaiser immer noch wenig angetan: »Wir haben gewisse junge Damen gesehen und sie sehr nett gefunden, doch fände ich die 2. [Karoline Mathilde] fast hübscher. Von inneren Eigenschaften kann man bei solchen Entrevuen natürlich nichts errathen.«24 Um eine mögliche Hochzeit voranzubringen, übte sich der Kronprinz in zunehmender Lobpreisung der Prinzessin, deren »lieblicher Ausdruck […] nach meinem Geschmack die Schwester verdrängt« und deren »Gang u. Haltung […] vornehm u. graziös« sind, sodass ihr sympathisches Auftreten »bald Propaganda machen wird«25. Gleichzeitig plante Friedrich VIII. den Verzicht auf seine umstrittenen Ansprüche auf Schleswig und Holstein und schrieb an den Kronprinzen:
Würde Schleswig-Holstein wie vor 16 Jahren unter fremder Herrschaft stehen und nicht im Laufe der Ereignisse an Preußen und dadurch an Deutschland gekommen sein, so würde nichts mich abhalten, mit allen erlaubten Mitteln die Losreißung vom Auslande und die Vereinigung desselben mit Deutschland zu erstreben. […] Das Land gehört aber jetzt völkerrechtlich anerkannt und in fester Verbindung zum deutschen Reiche, und die Macht seiner Majestät des Kaisers und Königs sichert diese Zusammengehörigkeit. Was ich darüber hinaus erstrebte, habe ich immer dem nationalen Gedanken untergeordnet. Umso weniger würde ich in Zukunft, wo uns, wie wir hoffen, noch ein innigeres Familienband als bisher verknüpfen wird, es vor meinem Gewissen rechtfertigen können, das damals nicht Erreichte unter Gefährdung des Wohles und der Ruhe Preußens und des Deutschen Reiches und in Gegnerschaft zu demselben zu erstreben.26
Niemand konnte ahnen, dass sich diese Kontroverse am 14. Januar 1880 erübrigen sollte, als Friedrich VIII. in Wiesbaden plötzlich verstarb und am 22. Januar 1880 in Primkenau beerdigt wurde. Sein 16-jähriger Sohn Ernst Günther, nun das Oberhaupt der Familie, verzichtete sofort auf seine Erbansprüche und erhielt als Gegenleistung die Schlösser Augustenburg und Gravenstein. Der Kronprinz behielt seine Heiratsabsichten trotz der Umstände weiterhin im Auge und schrieb in seinem Beileidsbrief an die Herzoginwitwe, »daß wir im Sinne des Verklärten handeln«, wenn die »Frage, welche die Entscheidung über das Wohl und die Zukunft unserer Kinder bedeutet, selbst angesichts Deiner tiefen Trauer« weiterverfolgt werde.27
Die Hartnäckigkeit, mit der das Kronprinzenpaar an der Vereinigung ihres Sohnes mit Dona festhielt, erklärt sich anhand familiärer Zwistigkeiten am kaiserlichen Hof. Die für Preußen übliche Spannung zwischen Vater und Sohn existierte auch zwischen Kronprinz Friedrich Wilhelm und Prinz Wilhelm, der sich der elterlichen Hörigkeit komplett entzog. Seine militärisch-konservative Ader entsprach wesentlich mehr dem Gemüt des alten Kaisers als dem seines Vaters und schon gar nicht seiner liberalen Mutter, welche die Nähe ihres Sprösslings zu seinem Großvater und seiner Großmutter mit Argwohn betrachtete. Ihre Hoffnung, den Prinzen im liberalen Sinne zu erziehen, war gescheitert und die Hochzeit mit der folgsamen Auguste Viktoria sollte ihr die Möglichkeit geben, Einfluss über ihren Sohn zu erlangen.28
Nachdem Friedrich VIII. gestorben war, beriet sich Wilhelm I. mit dem preußischen Staatsminister über eine mögliche Hochzeit seines Enkels Prinz Wilhelm, der er schließlich am 28. Januar 1880 zustimmte. Da die Etikette eine solch rasche Verlobung nach dem Tod des Brautvaters nicht erlaubt hätte, hielt Wilhelm im Geheimen am 14. Februar im Holsteinischen Palais in Gotha um die Hand Auguste Viktorias an.29
Trotz der Geheimhaltung berichtete im März die Neue Preußische Zeitung von einer Verlobung des Prinzen, allerdings mit Auguste Viktorias Schwester Karoline Mathilde, was der Kronprinz als »Frechheit« bezeichnete und als »doppelt peinlich für unsere beiden Häuser« empfand. Die »Taktlosigkeit«30 der Presse verbreitete sich im Laufe der Tage durch mehrere Gazetten, wobei das Verhalten von Wilhelm wenig hilfreich war. So verließ er am 22. März nicht nur die Stadt Berlin in Richtung England, um mit seiner Verlobten Ostern zu feiern, sondern fädelte während ihrer gemeinsamen Rückreise auch einen Besuch der noch geheimen Verlobten in Berlin ein. Dieser gelang, weil Auguste Viktoria und Karoline Mathilde bei Wilhelms Schwester übernachteten. Klatschmaterial lieferte der Prinz schließlich vollends selbst, als er mit Dona allein eine Spazierfahrt durch Berlin machte, was vom Kaiserhaus gerügt wurde.
Prinzessin Auguste Viktoria vor ihrer Verlobung. Zu der Zeit hieß sie noch Augusta Victoria, sie änderte ihren Namen offiziell ein Jahr nach ihrem Regierungsantritt.
Das offene Geheimnis führte zunehmend zu Kritik an Auguste Viktoria. Große Teile der Hofgesellschaft hielten sie für eine schlechte Partie und störten sich an der Tatsache, dass ihre Tante mit einem bürgerlichen Doktor verheiratet war. Noch dazu war Dona drei Monate älter als Wilhelm. Dessen Schwester Charlotte fand Auguste Viktoria und ihr schlichtes Wesen im Vergleich zu Karoline Mathilde wenig anziehend und behandelte sie mit zunehmender Kühle. Prinz Carl, der Bruder des Kaisers, fand sie nicht standesgemäß und hielt ihren Vater für einen Parvenü. Probleme machten auch der Titel und die Anrede Auguste Viktorias. Kaiser, Hofmitarbeiter und Beamte fragten, ob die Braut Prinzessin zu oder von Schleswig-Holstein sei oder vielleicht doch lieber von oder zu Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg. Ebenso diskutierte man, ob sie nun als Hoheit oder Durchlaucht angesprochen werden sollte, wobei man sich hier auf ersteres einigte.31
Nach Ablauf der Trauerzeit ließ Wilhelm I. am 2. Juni 1880 im Schloss Babelsberg offiziell den Minister des königlichen Hauses verlesen, dass im »Auftrage Sr. Majestät des Kaisers und Königs […] soeben die Verlobung Sr. Königlichen Hoheit des Prinzen Wilhelm mit Ihrer Hoheit der Prinzessin Auguste Viktoria von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg in Gegenwart der Mitglieder der Königlich-preußischen Familie und des Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburgischen Hauses stattgefunden hat«. Beim anschließenden Abendessen saß Auguste Viktoria, in einem weißen Seidenkleid mit Maiglöckchen auf ihrer verschleierten Kopfbedeckung, plaudernd neben dem Kaiser, der einen zunehmend positiven Eindruck von ihr gewann. An seine Schwester Alexandrine schrieb er:
Nach dem Vorhergegangenen bin ich nicht bezahlt, für sie eingenommen zu sein. Daher freut es mich, sagen zu müssen, daß sie nach allen Richtungen meine Erwartungen übertrifft; sie ist embelliert seit vorigem Jahr und würde in der Gesellschaft als eine sehr hübsche Erscheinung auffallen; schlank, blond, sehr angenehmer Ausdruck, natürlich und doch würdige Haltung ohne Steifheit, freundlich gegen jedermann.32
Auguste Viktoria und Karoline Mathilde blieben noch einige Tage im Neuen Palais im Park Sanssouci, bevor sie nach Primkenau zurückkehrten, um von dort erneut nach Cumberland Lodge zu reisen. Die Briefe, die Auguste Viktoria dort ihrem Verlobten schrieb, waren ebenso abhängig wie exzessiv rührselig und teils naiv:
Mein Herzens Schatz!
So vielen Dank für das Telegramm welches ich diesen Nachmittag von Dir erhielt. Gott Lob daß es dir wirklich besser geht. Ich kann Dir nicht sagen, wie ich mich freue lieber Herzens Schatz. Könnte ich doch bei Dir sein, gewiß sorgen Alle gut für Dich, aber ich könnte fast eifersüchtig auf sie werden, da ich diese Sorgen nur zu gerne übernehmen würde. Ich drücke einen innigen Kuß in Gedanken auf Deinen lieben Mund u. Deine lieben Augen, derselbe sei der Ausdruck meiner Gefühle. Bitte versprich mir etwas vorsichtiger zu sein u. das Reiten nicht zu früh wieder anzufangen. Wir haben in diesen Tagen fortwährend ängstige Nachrichten, gestern von Dir, und heute von Ernst Günther aus Dresden, derselbe liegt an einer Magenverstimmung zu Bett, mit Fieber, doch geht es ihm Gott Lob heute etwas besser. Mama war natürlich auch gleich ängstlich. – Das Resultat der gestrigen Hühnerjagd waren 50 Hühner, d. arme Issendorff [Hofchef der Schleswig-Holsteiner] ist gar nicht zu Schuß gekommen. – Seit 2 Tagen läuft hier ein Photograph herum, um die verschiedenen Ansichten des Hauses u. Parks aufzunehmen, Issendorffs meinen, ich sollte mich für Dich im Reitkleid photographiren lassen, doch glaube ich, würde Dir das doch kein großes Vergnügen bereiten. Mama läßt Dir sagen, wie sehr sie sich über Deine Besserung freue.
Mit 1000000 Küssen stets Deine Dich v. ganzem Herzen liebende Dona33
Die Hochzeit des zukünftigen Kaisers war angesetzt für Sonntag, den 27. Februar 1881. Am Freitag zuvor ging es nach einem Abschiedsgottesdienst, bei dem auf Wunsch der Braut das Lied Jesu geh’ voran auf der Lebensbahn gesungen wurde, mit dem Zug von Niederschlesien Richtung Berlin. In ihrer Begleitung waren ihr Onkel Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Augustenburg und Hofchef Baron Issendorf. Weibliche Verwandte waren laut Hofetikette bei dieser Reise nicht erlaubt. In Sagan/Żagań schlossen sich zwei von Auguste Viktorias neuen Hofdamen der Entourage an: Gräfin Mathilde Keller und Gräfin Brockdorff. Nach einem Stopp in Frankfurt (Oder) fuhr der Zug verspätet weiter Richtung Berlin, was dazu führte, dass Kronprinz Friedrich Wilhelm und sein Sohn auf dem Bahnsteig warten mussten, um sofort nach Ankunft Donas ins Schloss Bellevue zu fahren.
Die traditionelle Einholung der Braut nach Berlin am 26. Februar hatte für die Berliner den Charakter eines Stadtfestes. Allein mehrere zehntausend Soldaten waren nur für Absperrungen entlang der Strecke aufgestellt, damit die Kutsche mit der Braut ohne Vorkommnisse von Bellevue durch den Tiergarten und das Brandenburger Tor auf den Pariser Platz fahren konnte. Nicht nur die Straßen, auch die mit Fahnen und Girlanden geschmückten Gebäude platzten vor Schaulustigen, die ihre Hälse aus den Fenstern streckten oder auf Dächern warteten. Der Klang von Militärmusik war für die Schaulustigen das Zeichen, dass die Zeremonie mit Prinz Wilhelm begann, der an der Spitze des ersten Garderegiments zu Fuß durch das Brandenburger Tor und anschließend Unter den Linden entlang zum Berliner Schloss ritt.
Währenddessen verließ Auguste Viktoria, die in ihrem hellblauen Brokatkleid und einer Perlenkette laut ihrer Schwiegermutter »reizend« aussah, Schloss Bellevue und bestieg die achtspännige, vergoldete Kutsche, mit Kronprinzessin Victoria zu ihrer Linken und Gräfin Brockdorff, die beiden gegenüber saß. Als die Kutsche das Brandenburger Tor passierte und Auguste Viktoria vom Berliner Bürgermeister von Forckenbeck begrüßt wurde, wurden weiße Tauben freigelassen. Daraufhin äußerte sie die Hoffnung, bald von den Berlinern zu einer der ihren gezählt zu werden. Am Berliner Schloss, wo Wilhelm inzwischen mit seiner Kompagnie Aufstellung genommen hatte, half der Kronprinz seiner Schwiegertochter aus der Kutsche und begleitete sie ins Schloss. Dort wurde der Ehevertrag unterzeichnet, der eine Auflistung von dem wenigen Schmuck und der Garderoben, die Auguste Viktoria in die Ehe brachte, und eine Verzichtserklärung auf die väterlichen Erbansprüche enthielt. Das militärische Paradefaszinosum der Einholung war damit beendet. Die eigentliche standesamtliche Eheschließung folgte am Abend darauf in der Neuen Galerie. Anschließend wurde der Braut im Chinesischen Kabinett von Kaiserin Augusta die Prinzessinnenkrone aufgesetzt, mit der sie an der Seite von Wilhelm, in Uniform des 1. Garde-Regiments und Kette des Schwarzen Adlerordens durch die Bildergalerie in die Schlosskapelle einzog. Hofprediger Rudolf Kögel hielt die Traurede und nachdem das Paar die Ringe gewechselt hatte, verkündeten 36 Salutschüsse der Bevölkerung die Eheschließung des Prinzen mit Auguste Viktoria.
Das junge Prinzenpaar, beide waren 22 Jahre alt, nahm nun die Glückwünsche der Familie entgegen. Danach folgte der »Gratulationsdefiliercour der übrigen Hochzeitsgäste«. Daran schlossen sich ein Bankett und die Zeremonientafel an. Der erste von drei Tagen der Feierlichkeiten endete mit einem traditionellen Fackeltanz, bei dem Wilhelm und Auguste Viktoria durch die Reihen der Gäste schritten, während ausgewählte Minister mit Wachsfackeln vorangingen. Am zweiten Tag folgten ein Galadiner und ein Besuch der Oper Armide im Opernhaus. Am Dienstag, dem letzten Tag der Feierlichkeiten, wurde zu Ehren des Brautpaares ein Quadrille-Ball veranstaltet.34
Die Ehefrau
Der Mann, den Auguste Viktoria geheiratet hatte, besaß zur Hochzeit noch nicht seinen bekannten Schnurrbart, der später mit viel Pflege vom Hoffriseur Herrn François Haby mit den Spitzen nach oben drapiert wurde, um den sogenannten »Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger« zu kreieren. Zweimal hatte er sich einen Vollbart stehen lassen, rasierte ihn aber auf Wunsch seiner Frau wieder ab. Wilhelm hatte einen hellen Teint, gute Zähne, blondes Jahr, welches ab dem 50. Lebensjahr ergraute. Er wog bei 1,76 Meter circa 70 Kilogramm, seine Bewegungen waren ruckartig und temperamentvoll zugleich. Gerne fuchtelte er mit dem rechten Zeigefinger vor dem Gesicht desjenigen, den er in einer Diskussion überzeugen wollte. Seine Stimme war klar, nach einer Halsoperation 1903 jedoch flach und unlebendig. Bei seiner komplizierten Geburt am 27. Januar 1859 im Kronprinzenpalais wurden Nervenstränge am linken Arm verletzt, sodass sein linker Arm kürzer und zurückgebliebener war als der rechte, dessen kräftiger Händedruck schmerzharft stark war. Besonders wenn er die Ringe an seinen Fingern mit den Steinen nach innen drehte, was er gerne machte, um Leute zu ärgern. Sein sarkastischer, schwarzer Humor sowie seine impulsiven Äußerungen und sein mangelndes Taktgefühl führten häufig zu Spannungen. Dem König von Italien etwa gab er einen Klaps auf den Po – genau wie dem Sohn des letzten Sachsenkönigs, wobei sich Wilhelm auch über die Größe des prinzlichen Gesäßes amüsierte. Seiner Schwägerin, Auguste Viktorias Schwester Karoline Mathilde, schlug er, nachdem sie sich beim Essen verschluckte, so heftig auf den Rücken, dass sie »etwas rot und erregt geworden« äußerte: »Aber ich möchte so eine Kur doch nicht öfters durchmachen.«35 Wilhelms Interessen sprangen von einem Thema zum anderen. Er meinte, alles zu kennen und machen zu können, auch wenn er dabei wenig Geschick zeigte und nie lange bei einer Sache blieb, wobei sein gutes Gedächtnis bemerkenswert war.36
Prinz Wilhelm im Jagdanzug, 1879 (Fotgrafie: Hills & Saunders, London). Seinen linken, kürzeren Arm versteckte oder kaschierte er auf Fotografien.
Nach der Hochzeit richteten sich Prinz und Prinzessin zunächst in den kalten Wohnungen des Potsdamer Schlosses ein, wo Auguste Viktoria sich mit der Etikette am Hof beschäftigte und anfing, die verschiedenen Uniformen der Regimenter zu studieren, die sie zunächst nicht unterscheiden konnte. Währenddessen wurde das Marmorpalais, ein zweistöckiges, u-förmiges und sanft rotes Gebäude mit direktem Zugang zum Heiligen See, umgebaut und mit neuen Wasserleitungen ausgestattet. Die Sparsamkeit, die Kaiser Wilhelm I. für den Umbau forderte, führte zur Unterbringung des Hofstaats außerhalb des Palais, die Herren im Kavalierhaus, die Damen im Hofdamenhaus. Beide Gebäude waren jedoch so weit vom Palais entfernt, dass sich der Hof über die langen Wege beschwerte, insbesondere bei Regen und Kälte. Einzig das Garderobenpersonal wurde direkt im Palais untergebracht.37
Auguste Viktorias Tagesablauf richtete sich vollkommen nach ihrem Mann, dessen Dienst bei der Garnison in Potsdam oft um 7 Uhr begann. Sofern sie Wilhelm nicht nachreiste, den Exerzierübungen zuschaute und mit den Soldaten sprach, begann Auguste Viktoria karitative Einrichtungen zu besuchen. In der Freizeit schipperte das Ehepaar über den Heiligen See, nur begleitet von einem Adjutanten und einer Hofdame in einem zweiten Bötchen.
Die Pflicht, als Frau des Thronfolgers schnellstmöglich einen Sohn – im Idealfall mehrere Söhne –zur Welt zu bringen, erfüllte Auguste Viktoria bereits ein Jahr nach ihrer Hochzeit mit der Geburt von Friedrich Wilhelm Victor August. In der Nacht vom 6. Mai 1882 schritt Kronprinz Friedrich, der durch ein Telegramm seines Sohnes von der baldigen Niederkunft erfuhr, vor dem Marmorpalais auf und ab und blickte dabei ständig zu den beleuchteten Fenstern im ersten Stockwerk hinauf. Im Hintergrund des Geschehens standen die Hofdamen Claire von Gersdorff und die Gräfin von Keller und beobachteten den nervösen Kronprinzen. Gegen 22 Uhr öffnete Wilhelm das Fenster und rief zu seinem Vater: »Papa, er ist da! Ein Sohn«, und bevor die draußen wartenden Hofdamen es realisierten, war der Kronprinz auch schon im Haus verschwunden. Am nächsten Morgen erfuhr Berlin durch 101 Salutschüsse von der Geburt des Erben. Kaiser Wilhelm stellte sich im Marmorpalais ein, um seinen ersten Urenkel zu sehen, der wegen unentwegtem Geschreie »ein richtiger Posaunenengel« gewesen sei.38 Die stolze Mutter schrieb an ihre Schwester, der »Herr hat meinen größten Wunsch erfüllt, in dem er mir den herzigen Kleinen schenkte«, und sie freute sich darüber, dass ihr Mann »bei Babys Bad assistiert [hat] gewiß ¾ Stunden … nachher brachte er ihn mir herein«39.
Die Taufe des Prinzen, die vom Kronprinzen überwacht und mit dem Hofpersonal geprobt wurde, fand im Juni in der Jaspis Galerie des Neuen Palais in Potsdam statt. Am Ende des Saales, der durch seine großen Spiegel und Kronleuchter geprägt war, wurde ein Altar errichtet, vor dem im Halbkreis die Taufpaten standen. Die Eltern des Kindes saßen neben dem Altar, wobei Wilhelm I. auffiel, dass die »junge Mutter […] charmant« aussah und »sich gut die ganze Zeit über« hielt. Nachdem eine Schwester des Kaisers das Kind hereintrug, nahm Wilhelm I. persönlich die Taufe vor. Nach dem Galadiner im riesigen Marmorsaal verteilten sich die Gäste auf 72 Kutschen und fuhren zum Bahnhof Wildpark (der heutige Bahnhof Potsdam Sanssouci wäre auch zu Fuß bequem erreichbar gewesen), um eine Ballettvorstellung in Berlin zu besuchen.40
Der zweite Sohn, Wilhelm Eitel Friedrich Christian Karl, wurde am 7. Juli 1883 morgens um 6 Uhr geboren, was der stolze Kronprinz in seinem Tagebuch festhielt, als »bald nach 4 Uhr ward Frauchen nach dem Marmorpal[ais] gerufen; Wilhelm aus Berlin traf 5 Minuten vor der Geburt ein. Dauer der Wehen von 1 Uhr Morgens nur. Alles verlief normal und leicht. Der Kleine ist vielleicht noch stärker als der Aelteste bei seiner Geburt war […] Ich war bald nach seinem Erscheinen eingetroffen.«41 Fast genau ein Jahr später, am 14. Juli 1884, folgte Adalbert Ferdinand Berengar Viktor, zu dessen Geburt Kaiser Wilhelm I. das Wortspiel veröffentlichte: »Die Geburt des dritten Sohnes des Sohnes meines Sohnes ist mir eine große Freude, da, wenn Gott den Kindern Leben schenkt, sie gute Stammhalter des Hauses werden können.«42 Nach drei Jahren Pause folgte am 29. Januar 1887 August Wilhelm Heinrich Günther Viktor.
Trotz der Harmonie, die bei der Geburt der Enkelkinder zwischen dem Kronprinzenpaar und dessen Sohn existierte, war die Beziehung zunehmend emotionsgeladen. Als Auguste Viktoria und Wilhelm am 12. November 1883 den Kronprinzen in Potsdam besuchten, folgte ein Abend voller politischer Diskussionen und Anschuldigungen zwischen Vater und Sohn. Als Friedrich das Paar nach Hause schicken wollte, wehrte sich Auguste Viktoria dagegen, denn »in solcher Stimmung [wollte sie] nicht fort«43.
Insbesondere Wilhelms ehrgeizige Mutter fühlte, dass ihr der Einfluss über ihren Sohn entglitt, und ihre Schwiegertochter wurde in ihren Augen zu einer rechten Enttäuschung. Zu ihrer Hochzeit hoffte Victoria noch, dass »Dona mit am geeignetsten schien, eine ausgezeichnete Frau und Mutter zu werden. Wir schätzen und achteten ihren Vater sehr, der großes Vertrauen zu uns hatte; wir waren sehr vertraut mit ihm«44. Sie realisierte bald, dass Auguste Viktoria nicht ihr folgte, sondern willenlos ihrem Gemahl und nichts unternahm, »um den Riß zu heilen: Sie spielte die Rolle einer Sklavin, was immer er auch tun mochte«45. Befremdlich wirken die kontinuierlichen Drohgebärden und die erstaunliche Prahlerei der Kronprinzessin in Briefen an ihre Mutter:
Dann hoffte und glaubte ich, daß sie dankbar und anhänglich sein und mir Vertrauen entgegenbringen würde – in diesem Punkt sind allerdings meine Hoffnungen gänzlich enttäuscht worden! Sie hat vollkommen vergessen oder will sich nicht erinnern, oder versteht in der Tat nicht, was sie mir schuldet. Sie hat ein starkes Pflichtgefühl, aber sie scheint ihre Pflichten mir gegenüber nicht zu kennen!46
Königin Victoria, die selbst eine beachtliche Störrigkeit und familiäre Überheblichkeit an den Tag legte, übernahm die Abneigung ihrer Tochter gegenüber Wilhelm und Dona. Als diese sich 1885 gegen eine Hochzeit von Prinzessin Beatrice, Königin Victorias jüngster Tochter, mit Heinrich von Battenberg äußerten, schrieb sie:
Dein Brief … mit dem Du [Kronprinzessin Victoria] mir von der außerordentlichen Impertinenz und Unverschämtheit und, ich muß noch hinzufügen, großen Unfreundlichkeit Willys mir gegenüber und (von) dieser dummen Person Dona erzählst, zwingt mich zu sagen, daß ich weder ihm noch ihr schreiben werde. Was Dona betrifft, diese armselige, kleine, unscheinbare Prinzessin, die nur durch Deine Liebenswürdigkeit in die Stellung gekommen ist, die sie heute einnimmt – fehlen mir die Worte! … Was nun diesen albernen, pflichtvergessenen und – ich muß sagen – gefühllosen Willy betrifft, kann ich keine Geduld mehr aufbringen und würde hoffen, daß er, wie die Schotten sagen, ein gutes »skelping« (eine Tracht Prügel) und den Kopf zurechtgesetzt bekomme …47
Nachdem im Juni 1887 das fünfzigjährige Regierungsjubiläum von Königin Victoria gefeiert wurde, bei dem auch Prinz Wilhelm und seine Frau sowie deren ältester Sohn – seine erste Auslandreise – anwesend waren, verurteilte die Kronprinzessin Auguste Viktorias »hochnäsige[n] Prätensionen, [die] höchstens ein mitleidsvolles Lächeln« erweckt hätten.48
Das Verhältnis zwischen Eltern und Sohn erhielt tiefste Risse als die Öffentlichkeit Ende des Jahres von Versammlungen Wilhelms und Auguste Viktorias mit dem antisemitischen Hofprediger Alfred Stoecker, Generalfeldmarschall Alfred von Waldersee, dem Chefredakteur der konservativen Neuen Preußischen Zeitung, Wilhelm Freiherr von Hammerstein, und dem Hofmeister Auguste Viktorias, Ernst Freiherr von Mirbach, erfuhr. Eigentlich sollten für die Stadtmission Stoeckers Spenden gesammelt werden. Eine lobende Ansprache Wilhelms zu Stoeckers Werk wurde jedoch vom Reichskanzler Otto von Bismarck nicht gut aufgenommen, da der Prinz darin direkte Kritik an der »Verwahrlosung der Massen«, der »drohenden Gefahr von Seiten der Sozialdemokratie und des Anarchismus« und an der »jüdischen Presse« äußerte. Solche unbedachten Äußerungen des Prinzen hätten Bismarcks kirchlicher Konsolidierungspolitik nach dem Kulturkampf Schaden zufügen können; gleichzeitig sah Bismarck in Generalfeldmarschall Waldersee einen direkten Gegner seiner Kanzlerschaft.
Besonders schockiert über diese Situation war Kronprinzessin Victoria, die an ihre Mutter schrieb: »Wilhelm und mehr noch Dona haben stets diese […] ›Clique‹ bevorzugt – deren Mitglieder alle heftige Bismarckisten, Konservative usw. sind. […] Die Menschen, die seit (bald) 30 Jahren zu Fritz und vor allem zu mir widerlich gewesen sind, sind genau dieselben, die Wilhelm nachlaufen, die ihn und auch Dona ganz in ihrer Tasche haben.«49 Für sie waren Bismarck und Waldersee aus einem Guss, während Hofmarschall Eduard von Liebenau vermutete, dass die »orthodoxen Ideen des Hofes der Frau Prinzessin [Auguste Viktoria] […] bekannt sind. Auf den Prinzen haben dieselben aber nur einen geringen Einfluß, da er mit den Damen kaum spricht und den Kammerherrn [Mirbach] sehr selten sieht.«50 Damit hatte er nicht ganz Recht, denn es war Auguste Viktoria, die auf die Unterstützung von Waldersee und Stoecker setzte und beide bat, »de[m] Prinzen mit Rath zur Seite zu stehen«51. Die Kritik war so groß, dass er sich von Stoecker distanzierte und ihn schließlich 1890, gegen den Willen seiner Frau, als Hof- und Domprediger entließ.52
Die Kritik an Wilhelms Anwesenheit bei der Waldersee-Versammlung wurde auch durch das Wissen um seine baldige Thronbesteigung extensiviert. Wilhelm I. war zu diesem Zeitpunkt beinahe 90 Jahre alt und eine anhaltende Heiserkeit des Kronprinzen führte nach einer Untersuchung am 12. November 1887 zur Gewissheit, dass er an Kehlkopfkrebs litt. Mehrere vorherige Versuche, den Krebs mit einem heißen Eisendraht abzutrennen, gelangen zwar, brachten aber nur kurzzeitige Linderung. Damit er nicht an der Geschwulst in seinem Hals erstickte, entschied man sich nach zähen Verhandlungen am 9. Februar 1888, einen Luftröhrenschnitt beim ihm durchzuführen. Durch den Eingriff verlor Friedrich Wilhelm seine Sprachfähigkeit. Er konnte nur noch durch eine Kanüle atmen und kommunizierte mithilfe von Zetteln. Da sich der alte Kaiser bewusst war, dass sein Sohn durch seine Erkrankung unfähig war, Regierungsgeschäfte zu übernehmen, erließ Wilhelm I. eine Order, die Prinz Wilhelm als Regent eingesetzt hätte, wenn seine Kräfte nicht mehr ausgereicht hätten. Vom Kronprinzen und seiner Frau wurde diese Übergehung mit Unmut aufgenommen.53
Im Februar 1888 zogen Auguste Viktoria und Wilhelm ins Berliner Schloss, wo Wilhelm seinen Posten als Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Brigade antrat. Der Kronprinz reiste zur Kur ans Mittelmeer in das italienische San Remo, von wo man die Verwandten über den Zustand des Kranken auf dem Laufendem hielt. An ein privates Familienleben gewöhnt, hoffte die Prinzessin, dass ihr Schwiegervater die Krankheit besiegen würde und »von Herzen dem Kaiser noch ein langes Leben« geschenkt sei, denn »sie fürchte Pz [Prinz] Wilhelm sei für die Stellung des Kaisers noch zu jung«54. Die Nachrichten, die sie jedoch aus San Remo erreichten, waren besorgniserregend. Der Kaiser hatte sich Anfang März eine Erkältung zugezogen und verlor zunehmend an Kraft. In der Nacht vom 8. zum 9. März 1888 bekamen Prinz und Prinzessin Wilhelm die Mitteilung, dass der Kaiser im Sterben lag. Gegen halb 9 Uhr in der Früh verstarb Wilhelm I. mit 90 Jahren, und Auguste Viktoria, nun Kronprinzessin, verließ um 10 Uhr »ganz gebrochen«, wie eine Hofdame notierte, das Palais des verstorbenen Kaisers.
Der neue Kaiser Friedrich III. verließ Italien trotz gegenteiliger Ratschläge aufgrund seines Zustandes und traf am 11. März in Charlottenburg ein. Fünf Tage später wurde sein Vater dort im Mausoleum seiner Eltern, König Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise, beigesetzt. Am Gedenkgottesdienst im Berliner Dom, der durch das Läuten aller Berliner Kirchenglocken angekündigt wurde, konnte er aufgrund seines gebrechlichen Zustands nicht teilnehmen. Der Hof versank in Trauer mit der entsprechenden Anweisung vom Minister des königlichen Hauses, dass die Damen »schwarz-wollene Schlepp-Kleider mit schwarzen Handschuhen (nicht glacé) und schwarz[en], glanzlose[n] Fächern« zu tragen hätten. Kaiser Friedrich zog sich ins Neue Palais zurück, wo er nach 99 Tagen als Regent am 15. Juni 1888 verstarb. Sein ältester Sohn war nun mit 29 Jahren Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen. Er ließ das Neue Palais sofort abriegeln und nach belastbaren Dokumenten untersuchen. Friedrich III. wurde am 18. Juni in der Potsdamer Friedenskirche beigesetzt, deren Glocken von 10 bis 11 das Geläut aller Potsdamer Glocken anführten. Neben dem neuen Kaiser nahm auch der König von Sachsen an der Beisetzung teil.55
Eröffnung des Reichstags am 25. Juni 1888. Die schwangere Kaiserin steht unter dem Baldachin, der Kronprinz vor ihr. (Künstler: Anton von Werner)
Sieben Tage später, am 25. Juni, verlas Kaiser Wilhelm II. im Weißen Saal des Berliner Schlosses die Thronrede bei der Eröffnung des Reichstags, wo für »Ihre Majestät die Kaiserin und Königin […], welche um 11.45 Uhr [Andacht im Weißen Saale hörte], […] eine Tribüne errichtet« wurde.56 Neben der hochschwangeren und in schwarz gekleideten Auguste Viktoria standen die Fürsten der deutschen Länder und wichtige Herren aus Politik und Gesellschaft. Vor dem Podest stand Wilhelm II. und verlas die ihm vom Reichskanzler Bismarck übergebene Thronrede:
Geehrte Herren!
Mit tiefer Trauer im Herzen begrüße ich Sie und weiß, daß sie mit mir trauern. Die frische Erinnerung an die schweren Leiden meines hochseligen Herrn Vaters, die erschütternde Tatsache, daß ich drei Monate nach dem Hinscheiden weiland Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm berufen war, den Thron zu besteigen, üben die gleiche Wirkung in den Herzen aller Deutschen […], daß ich entschlossen bin, als Kaiser und König dieselben Wege zu wandeln, auf denen mein hochseliger Herr Großvater das Vertrauen seiner Bundesgenossen, die Liebe des deutschen Volkes und die wohlwollende Anerkennung des Auslands gewonnen hat. […] Deutschland bedarf weder neuen Kriegs, Ruhms noch irgendwelcher Eroberungen, nachdem es sich die Berechtigung, als einige und unabhängige Nation zu bestehen, endgültig erkämpft hat […]. Im Vertrauen auf Gott und auf die Wahrhaftigkeit unseres Volkes hege ich die Zuversicht, daß es uns für absehbare Zeit vergönnt sein werde, in friedlicher Arbeit zu wahren und zu festigen, was unter Leitung meiner beiden in Gott ruhenden Vorgänger auf dem Throne kämpfend erstritten wurde.57
Im Dezember 1889 erklärte die neue Kaiserin einer »amtlichen Mittheilung zufolge«, dass sie »beim Gebrauch Ihres Namens allerhöchst sich nicht Augusta Victoria [,] sondern Auguste Victoria nenne«58.
III
DIE KAISERIN (1888–1914)
Das Deutsche Kaiserreich, über das Wilhelm II. mit Auguste Viktoria an seiner Seite regierte, war aufgrund seiner inneren Widersprüche ein Paradox. Wissenschaftlicher Aufschwung traf auf gesellschaftlichen Stillstand und das Streben nach internationaler Anerkennung und einer bedeutenden Rolle in der Weltpolitik auf nationale Zukunftssorgen. 25 Bundesstaaten formten das große Reich im Herzen Europas, das trotz des Anscheins kein einheitlicher Fürstenbund war, sondern ein föderaler Gliedstaat, in dem Bürokratie für die reibungslose Funktion sorgte. Das größte Bundesland war Preußen, dessen König als Präsident der Bundesstaaten Deutscher Kaiser war. Kabinette und Ämter kümmerten sich um die jeweiligen Verwaltungsakte, wobei das Geheime Zivilkabinett, das Militärsowie das Marinekabinett direkt dem Kaiser als Beratungsgremium unterstanden.
Die Macht der Kaiserkrone stand in einem für europäische Verhältnisse sogar progressiven 50/50-Verhältnis zum Parlament. Der Kaiser war nicht Teil der Regierung, auch wenn er den direkten Oberbefehl über die Armee besaß und das deutsche Volk völkerrechtlich nach Außen vertrat, was dem Benehmen des Hauses Hohenzollern gegenüber anderen Staatsoberhäuptern und Diplomaten wesentliche Bedeutung verlieh. Fundamental war die Macht des Kaisers, den Reichskanzler zu ernennen und zu erlassen, ohne dabei den Bundestag- oder -rat berücksichtigen zu müssen, was ihm quasi eine Richtlinienfunktion gab. Der Reichskanzler war gleichzeitig preußischer Ministerpräsident und Chef der Reichsleitung, die aus Staatssekretären bestand. Er wurde de jure vom Reichstag kontrolliert, dessen Mitglieder von männlichen Bürgern über 25 Jahren gewählt wurden und der die Legislative des Staates darstellte. Die einzelnen Bundesländer waren durch den Bundesrat Teil der Gesetzgebung, auch wenn von 58 Vertretern bereits 17 aus Preußen stammten, sodass das Königreich einen wesentlichen Einfluss auf die Geschicke des Reiches besaß. Insbesondere, da der preußische Ministerpräsident (ergo Reichskanzler) den Vorsitz über den Rat innehatte.
In der Person Kaiser Wilhelms II. spiegelte sich die Gesellschaft des Kaiserreiches wider, die im Monarchen das Symbol der Einheit des Reiches sah. Sein militärisches, gottesfürchtiges und von Nationalstolz erfülltes Auftreten war für alle Klassen eine idealtypische Tugend, vom Großbürgertum und der Aristokratie bis hin zur wachsenden und emanzipierten Arbeiterklasse. Trotz der hierarchischen Herrschaftsstruktur wurde das soziale Gefüge dynamischer, wenn auch gesellschaftliche Umbrüche ungern gesehen wurden. Der Adel legte höchsten Wert auf Abgrenzung zu neureichen Emporkömmlingen. Die gesellschaftlichen Unterschiede wurden durch allumfassende Obrigkeitstreue aufrechterhalten, brachen jedoch mit voller Wucht auf, als der Krieg die herrschende Klasse und den Militärmythos jäh zerstörte.
Die gesellschaftlichen Eigentümlichkeiten der deutschen Nation trafen dabei auf enorme wirtschaftliche und wissenschaftliche Entwicklungen. Die landwirtschaftlich geprägten Territorien wurden zu einer stark und schnell fortschreitenden Industrienation, was Folgen für beinahe alle Branchen hatte. Die Urbanisierung änderte das Erscheinungsbild der Städte, in denen Markthallen, Kaufhäuser, riesige Fabrikkomplexe und Mietskasernen aus dem Boden schossen. Eisenbahnstrecken vernetzten die Großstädte mit den ländlichen Orten, Technik und Mobilität veränderten den Lebensstandard der Bevölkerung ebenso wie Chemie, Bildung, Industrialisierung und medizinischer Fortschritt. Infolgedessen kam es zu einem demografischen Wandel sondergleichen: Hatte das Reich um 1890 noch 49 Millionen Einwohner, waren es 1910 bereits 65 Millionen.
So sprunghaft diese innenpolitischen Wandlungen innerhalb kürzester Zeit waren, so flatterhaft war auch die Außenpolitik des Kaiserreiches, das sich bis 1890 durch ein mehrfaches Bündnissystem ohne weitere Gebietserweiterung und ohne Spannungen mit Nachbarländern aus Konflikten heraushielt. Daher wirkte das plötzliche Streben nach einem »Platz an der Sonne« und der Beginn der deutschen Weltpolitik mit gleichzeitigem Aufrüsten der Flotte ab 1900 auf die europäischen Nachbarländer besorgniserregend. Durch die sprunghafte und extrovertierte Natur des Kaisers war seine Vertretung des Reiches nach außen denkbar schlecht geeignet, um diese Sorgen zu zerstreuen. Sein Auftreten verhinderte einen europäischen Ausgleich ebenso wie fehlende Bündniserneuerungen nach Bismarcks Saturiertheitspolitik. Das internationale Gefühl der Bedrohung durch Deutschland und das nationale Gefühl der feindlichen Einkreisung ließen eine Zeit gegenseitigen Misstrauens entstehen, die durch die europäischen Facetten von Nationalismus, Abgrenzung und Machtkämpfen auf dem Kontinent verstärkt wurden.
Die Kaiserin
In dieser Zeit des Umbruchs war die deutsche Kaiserin als private Person Teil der herrschenden Gemeinschaft. Als politische Institution existierte sie staatsrechtlich jedoch nicht. Sie war weder Teil der Verfassung noch im politischen Weltbild der Deutschen vorhanden. Somit war die deutsche Kaiserin und Königin von Preußen eine Instanz des gesellschaftlichen Lebens, deren Existenzgrundlage ihre Eheschließung war. Ihre einzige Entfaltungsmöglichkeit lag in der beständigen Erhaltung des kaiserlichen Hofes und des monarchischen Gedankens. Durch die exponierte Funktion der Kaiserin im gesamten Kaiserreich und ihre Angehörigkeit zur höchsten Ebene der Gesellschaft hatten ihre Charaktereigenschaften jedoch substanzielle Auswirkungen auf die Innen- und Außenpolitik. Das war insbesondere deshalb der Fall, weil sie durch das Fehlen ihrer verfassungsrechtlichen Definition keinem Kontrollorgan unterlag.59
Die letzte deutsche Kaiserin war die Verfechterin des monarchischen Gedankens und besaß eine unnachgiebige Starrheit bei der Verteidigung der kaiserlichen Prärogative. Jegliche Veränderung im Staatsgefüge war ihr zuwider, gesellschaftliche Umbrüche sah sie mit Argwohn. Jegliche Kritik am Kaiser bekämpfte sie mit eisernem Willen. Sie vertrat den »Standpunkt eines orthodox-protestantischen Konservativen mit instinktiver Vorliebe für die Agraner als die erste Stütze von Thron und Altar«60. In ihrer endlosen Liebe zu ihrem Mann, ihren Kindern und notleidenden Menschen sowie in ihrem ländlichen Konservatismus war sie in ihrer diametralen Existenz lückenlos zeitgemäß. In dieser kleinbürgerlichen Art war »ihre Liebe zu Deutschland […] provinziell und xenophobisch« verankert, sie war dadurch »durch und durch Pflichttreu und so ganz deutsch!« urteilte Reichskanzler Bernhard von Bülow weiterhin:
Im Gegensatz zu ihrer Schwiegermutter, der Kaiserin Friedrich, die immer Engländerin geblieben war, im Gegensatz zur Kaiserin Augusta, die als echte Tochter Weimars über nationalen Differenzen schwebte, war die Kaiserin Auguste Viktoria durch und durch deutsch. Sie mochte die Ausländer nicht. Die Russen erschienen ihr barbarisch und frivol, die Engländer hielt sie für selbstsüchtige und brutale Heuchler und liebte sie noch weniger als die […] anderen.61
Während viele ihrer Kolleginnen und Vorgängerinnen einen künstlerisch gebildeten Hof um sich sammelten, hatte Auguste Viktoria keinerlei Interesse an kulturellen Themen und folgte mit Scheuklappen dem Geschmack ihres Mannes. Mit den Repräsentanten der Historienmalerei, der Hof- und Akademiekunst, die sich in monumentaler Heroisierung und einem realistischen Malstil äußerte, fühlte sie sich am wohlsten. Ihr Desinteresse an Kunst wurde vom Satiremagazin Simplicissimus aufgegriffen, das sie in einem Spottprint bei einem Galeriebesuch vor Gemälden der moderneren Kunst zeigt und ihr die Worte in den Mund legt: »Diese moderne Malerei ist entsetzlich. Und dabei hat mein Mann den Leuten so oft gesagt, wie sie malen sollen!«62 Ob sie diese Worte wirklich sagte, bleibt zweifelhaft, inhaltlich sind sie jedoch ein (vorzüglicher) Treffer. Der Berliner Secession konnte sie nichts abgewinnen und hielt sie für rebellische Dissonanz. Kulturgespräche mit ihr führten ins Leere wie Diplomat Ludwig Raschdau feststellte, da »ihre Unterhaltungen auch über die einfachen Vorgänge des Tages selten hinausging[en]«63. Einzig an der Fotografie fand sie Freude und so wurde sie zu einer begeisterten Amateurfotografin, deren Schnappschüsse von Jagdausflügen und Gartenfeiern vereinzelt in höherer Auflage gedruckt, verschenkt oder verkauft wurden.
Das kulturelle Desinteresse der Kaiserin wurde mitunter von ihrer Umgebung als sehr kritisch angesehen. Fürstin Daisy von Pless, schrieb:
Was für eine einfältige Frau ist sie doch. Kleider und Kinder sind ihr hauptsächliches Unterhaltungsthema und das einzige, wovon sie wirklich etwas versteht. Wir waren ganz alleine, nur sie, ihre Hofdame, ich und die Kinder; dazu trug sie ein Chiffonkleid mit einer langen Schleppe und einen großen hässlichen Hut, der ganz mit Federn bedeckt war. Ein häßliches Kleid hatte sie auch zum Lunch auf der »Hohenzollern« in Kiel getragen – statt eines einfachen, schicken Marinekostüms … Ich habe nie eine Frau in solcher Stellung gesehen, die so absolut kein Verständnis hatte. Sie ist wie eine stille, sanfte Kuh, die Kälbchen hat und Gras frißt und sich dann niederlegt und wiederkäut. Ich blickte ihr direkt in die Augen, ob ich dahinter irgendein Gefühl entdecken könne, wenn auch nur Freude oder Traurigkeit, aber die Augen waren wie Glas.64
Ähnlich urteilte der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow über sie: »Sie hatte nicht die komplizierte Seele der Russin, nicht den Elan der Polin, nicht die Härte und noch weniger die Koketterie der Französin, nicht die Leidenschaft und den Charme der Italienerin. Sie war auch keine Sport-woman wie die Engländerin, und jeder Gedanke an Flirt lag ihr meilenfern.«65 Innerhalb des Reiches legte sie sogar einen fragwürdigen Partikularismus an den Tag, sei es gegenüber der Glücksburger Linie ihres eigenen Adelsgeschlechts oder gegenüber den katholischen Bayern. Salopp gesagt: Die deutsche Kaiserin war plump und fad.
Vielseitiges gesellschaftliches Interesse, »sei es in der Kunst, in Religion oder im sozialen Verhalten waren der blassen Dona fern und sie war rasch misstrauisch gegenüber Allem, was nicht Altmodisch und Deutsch war. Sobald die Kaiserin traditionelle Werte angegriffen fühlte, zögerte sie nicht sich einzuschalten und Wilhelm zur deren Sicherung zu drängen.«66 Ausgelöst wurde diese Starrheit durch ihren frommen Glauben, der sich in den vermutlich von ihr gesprochenen Worten »Mit der Bibel, damit stehe ich und damit falle ich, damit fällt unser ganzer Staat, unser ganzes Haus«67 widerspiegelte. Auch Kronprinzessin Luise von Sachsen erinnerte sich, dass sie »den Eindruck einer ausgezeichneten Mutter« machte. »Ihr Gesprächsthema berührte nur zwei Punkte, der erste war der unendlich große Trost, den sie in der Religion fand, der andere die Pflege der Kinder«, zu denen nach ihrem Amtsantritt noch der sechste Sohn Joachim im Jahr 1890 und zwei Jahre später die Tochter Viktoria Luise kamen.68
Eine Loslösung von der evangelischen Kirche kam für Auguste Viktoria nicht in Frage, jede Abwendung vom Protestantismus war Blasphemie und Glaubensübertritte innerhalb der Familie wurden von ihr aufs schärfste verurteilt. Diese Haltung zeigte sich zum Beispiel, als Elisabeth von Hessen-Darmstadt 1884 den Großfürst Sergej Alexandrowitsch heiratete. Ebenso 10 Jahre später, als deren Schwester Alix Zar Nikolaus II. von Russland ehelichte. Beide traten der russisch-orthodoxen Kirche bei, was Auguste Viktoria ihnen nicht verzieh.69 Ein weiteres Beispiel für die starre Haltung der Kaiserin war die Hochzeit von Wilhelms Schwester Sophie mit Kronprinz Konstantin von Griechenland im Oktober 1889. Wilhelm drohte seiner Schwester an, ihr die Rückreise nach Deutschland zu verbieten. Nun schaltete sich auch die Mutter von Wilhelm und Sophie ein. Sie drohte ihrem Sohn, ihn nicht mehr zu empfangen, sollte er die Einreise seiner Schwester weiterhin verbieten wollen. Sie vermutete, dass seine Frau der Grund für seine abwertende Äußerung war. Zwischen Sophie und Auguste Viktoria hatte es in der Vergangenheit solch erhitzte Diskussionen gegeben, dass Gerüchte aufkamen, dass die Kaiserin ihren Sohn Joachim Franz Humbert am 17. Dezember 1890 deshalb sogar zu früh zur Welt brachte. Der Kaiser befand sich zu diesem Zeitpunkt gerade in der Oper und verließ die Vorstellung, als er von der bevorstehenden Geburt hörte. Als Kaiserin Friedrich ihren neugeborenen Enkel besuchen wollte, ließ der Kaiser sie nicht durch und führte sie stattdessen zu ihrem Wagen zurück. Später schrieb Auguste Viktoria ihrer Schwiegermutter, dass sie ihr Angebot ablehne, das Neugeborene bei der Taufe zu halten. Die Ehre gebührte nun der Großherzogin von Mecklenburg-Schwerin, die den Kleinen durch die ständige Berührung ihrer zahlreichen Ketten »so tüchtig« zum Schreien brachte, »daß der armen Kaiserin glühend heiß wurde«70.
Wie den Übertritt zu anderen Religionen betrachtete Auguste Viktoria auch den Katholizismus mit Vorsicht. Näherer Kontakt ihres Mannes mit katholischen Gläubigen verstimmte sie und so achtete sie darauf, dass keine Katholiken Oberhofmeister oder Hofdamen in ihrer näheren Umgebung waren, obwohl Bülow es ihr mehrfach riet.71 Das gleiche galt für Sozialdemokraten und den Liberalismus, die sie als »Schwindel« bezeichnete. Vom Beamten Robert von Zedlitz-Trützschler musste sie sich dafür anhören, dass sie ihm »nicht tolerant genug« war.72 Da sie wenig kritisch dachte, fiel Auguste Viktoria leichtgläubig Gerüchten zum Opfer. So erinnerte sich Kronprinz Rupprecht von Bayern:
Die Kaiserin ist eine pflichttreue Frau und gute Mutter, überaus prüde und ohne Sinn für Humor. Orthodox protestantisch bis in die Knochen schenkt sie Schauermärchen über jesuitische Machenschaften völligen Glauben und erzählte mir solche von der Verabreichung vergifteter Hostien.73
Ihre fehlende Akzeptanz für Menschen mit, laut ihrer Meinung, liederlichem Lebensstil und fehlender Etikette führten zu erbitterter Ablehnung eben dieser. Während eines Diners weigerte sie sich beispielsweise, neben dem französischen Botschafter Jules Herbette platziert zu werden, da sie die Konversation mit ihm als vulgär betrachtete. Auch kam es vor, dass die Kaiserin und ihre Entourage Opern-, Theater- oder Ballettvorstellungen verließen, wenn das Dargebotene ihr zu unanständig erschien. Der Intendant der Königlichen Oper, Graf von Hochberg, musste auf Verlangen der Kaiserin seinen Posten verlassen, nachdem er auf der Bühne eine leichtbekleidete Dame hatte auftreten lassen. Richard Strauss traf die Bigotterie der Kaiserin gleich zweimal. Seine Oper Salome wurde abgesetzt: Die Kaiserin hielt sie für »gotteslästerlich« und sein Rosenkavalier musste in Dresden, und nicht wie geplant in Berlin, uraufgeführt werden. Den schwedischen Lautensänger Sven Scholander fanden sie und ihre Hofdamen moralisch entrüstend, mussten ihn aber dulden – der Kaiser war ein Fan von ihm. Auguste Viktorias »soziale Vorschriften waren absurd unflexibel und sie achtete darauf, dass die Mitglieder des Kaiserhauses nicht Rad fuhren und das Männer beim Tennis spielen ihre Mäntel anbehielten«74.
Die gleiche Borniertheit zeigte sie gegenüber der aufkommenden Frauenrechtsbewegung, die sich nach der Biedermeierprivatheit der 48er-Revolution zunehmend für Bildung und Lockerung des autoritären Patriarchats einsetzte. Als 1904 die »Ikone der amerikanischen Frauenbewegung«, Susan B. Anthony, nach Berlin reiste und mit Auguste Viktoria zusammentraf, ließ diese der 84-Jährigen beim Empfang zwar einen Lehnstuhl bringen, ihre Forderungen, dass man Themen der Frauenbewegung dem Kaiser näherbringen sollte, hörte sie jedoch ungern. Plakate der Deutschen-Heimatarbeit-Ausstellung 1906 ließ sie entfernen, da ihr die Darstellung von abgearbeiteten Frauen missfiel.75 Sie entsprachen weder ihrem noch dem Weltbild ihres Mannes, das von einer gepflegten, weiblichen und enthaltsamen Erscheinung geprägt war. Auch hier war die Bigotterie der Kaiserin zeitgemäß und in der viktorianischen Geschlechtermoral des Deutschen Kaiserreiches tief vernetzt. Ebenso war auch Sex eine private, diskrete Sache. Ein Tabuthema, das dementsprechend zu teils frustrierenden Beziehungen zwischen Mann und Frau führen konnte, sobald man – meist Frau – von Fehltritten des Mannes wusste, aber darüber schwieg. Die drei Ks – Kinder, Küche, Kirche – galten als Ideal, auch für die Kaiserin. Ihre Tochter Viktoria Luise schrieb in ihren Erinnerungen: »Entscheidend aber war, so glaube ich, daß die Kaiserin in den Augen unseres Volkes schlechthin als Idealbild einer liebevollen Ehefrau und Mutter gegolten hat. […] Politik zu treiben oder gar politischer Ehrgeiz war der Kaiserin fremd. Sie lebte für ihre Familie: für ihren Mann und für ihre Kinder.«76 Auguste Viktoria bot allen Klassen in ihrer Tugendhaftigkeit »Heiligkeit und Reinheit der Ehe und des Familienlebens«, auf dem »alles gesellschaftliche und staatliche Heil« beruhte.77
Auch der Kaiser zeichnete dieses Bild von seiner Frau. So am 7. September 1890 bei einer Rede in Schleswig:
Das Band, welches mich mit dieser Provinz verbindet und dieselbe vor allen anderen Provinzen meines Reiches an mich kettet das ist der Edelstein, der an meiner Seite glänzt, Ihre Majestät die Kaiserin. Dem hiesigen Lange entsprossen, das Sinnbild sämtlicher Tugenden einer germanischen Fürstin, danke ich es ihr, wenn ich imstande bin, die schweren Pflichten meines Berufes mit dem freudigen Geiste zu führen und ihm obzuliegen, wie ich es vermag.78
Einige Jahre später verglich er sie mit der einzigen weiblichen Heldenfigur der preußischen Geschichte:
Der Königin Luise gleich an Volkstümlichkeit, gewonnen durch Werke der Liebe an Armen und Leidenden, durch Stärkung und Pflege des Hortes unsers Volkes, des Familiensinnens, steht Ihrer Majestät Bildnis, in den Herzen aller Untertanen unauslöschlich eingeprägt […].79
Und 1912 ließ er in Altona verlauten:
Die erlauchte Frau, welche als Königin von Preußen und Deutsche Kaiserin die Erste in unserem Lande ist, wird […] mit Stolz von jedem Schleswig-Holsteiner als seine Landsmännin angesehen, eine Frau, stets bereit, zu helfen, wo es gilt, Not zu lindern, das Familienleben zu stärken, die Aufgaben zu erfüllen und ihnen neue Ziele zu verleihen. Die Kaiserin hat dem Hohenzollernhause ein Familienleben beschert, wie es vielleicht nur die Königin Luise vor ihr getan hat.80
Die vom Kaiser erwähnte Volkstümlichkeit seiner Frau war ideal für die Bindung zwischen Volk und Dynastie. Unzählige Male nahm die Kaiserin Ehrungen entgegen, auch wenn sie es nicht gerne sah, dass man nervöse Kinder zur Blumenübergabe vorschickte. So war einmal ein kleines Mädchen so aufgewühlt, dass es stammelte: »Diese Rosen … diese Rosen …« und zu schluchzen anfing. Auguste Viktoria rettete die Situation: »Diese Rosen sind gewiß für mich.« Ein anderes Mädchen vergaß ihr Gedicht und meinte schließlich: »Du bist die Kaiserin, oder? Ich bin Anna Krüger. Hier, diese Blumen sind für dich!« Daraufhin drehte sich die Kleine um und trollte davon.81
Zu den weiblichen Repräsentationspflichten hocharistokratischer Kreise galt die Belehnung als Regimentschefin, eine rein formale Zeremonialangelegenheit ohne militärische Verantwortung. Bis zum Jahr 1914 gab es 21 weibliche Regimentschefinnen, darunter die Königinnen der Niederlande, Zarin Alexandra von Russland und Mary von Großbritannien, die in dieser Funktion Uniform trugen, jedoch auf eine Waffe verzichteten.
Auguste Viktoria in ihrer Uniform während einer Parade ihres Regiments. (Künstler: Gustav Liersch)
Die Kaiserin führt ihr Regiment während einer Parade dem Kaiser vor.
Auguste Viktoria war seit ihrer Thronbesteigung Chefin des Kürassier-Regiment Königin (Pommersches) Nr. 2, das traditionell seit Königin Luise die preußischen Königinnen als Chefinnen hatte. Am 9. September 1890 wurde Auguste Viktoria nach dem Kaisermanöver darüber hinaus auch zur Chefin des Füsilier-Regiments Königin (Schleswig-Holsteinisches) Nr. 86 ernannt.82 Bei den Kaisermanövern, den wichtigsten Großübungen im Kaiserreich, die als Grundlage zur Beurteilung der Truppenteile dienten, ritt die Kaiserin ihrem Regiment voran. Gekleidet war sie in der Uniform der Pasewalker Kürassiere, die aus einem weißen Tuschrock, dem Schwarzen Adlerorden am orangefarbenen Band und einem Federhut bestand. In einer Rede an ihre Kürassiere am 4. Juni 1895 in Pasewalk äußerte sie »Zuversicht«, dass »mein Regiment jetzt wie damals bis auf den letzten Mann sein Blut und Leben für König und Vaterland einsetzen wird«, sollte »Euere Majestät dermaleinst wieder das Regiment unter Waffen rufen«83.
Die Entwicklung der Presse und der Massenmedien im Kaiserreich waren indes für die Verbreitung des Rufes der Kaiserin essenziell. So entstand zwischen 1870 und 1900 nicht nur fast die Hälfte aller deutschen Zeitungen, auch die Auflagen der großen Zeitungen vervierfachten sich im Zeitraum von 1885 bis 1918. Durch die fortschreitende Verbesserung der Fotografietechnik konnten zudem Schnappschüsse der Kaiserin bei Paraden und Ausflügen in Umlauf gebracht werden. Ein Hoffotograf begleitete das Kaiserpaar regelmäßig und lichtete es beim gemeinsamen Spaziergang und Picknicken, bei Dampferfahrten oder auch auf Gartenpartys ab. In Porträtfotos wurde Auguste Viktoria meistens lesend, mit einer Blume in der Hand und einem Bild des Kaisers in der Nähe gezeigt, um die Liebe und Anhänglichkeit zu ihrem Mann und ihre Rolle als ergebene Frau auszudrücken. In hoher Auflage wurden Postkarten mit kaiserlichem Antlitz gedruckt, deren Bildgenehmigung vorher von den Druckereien beim Hof angefragt wurde. Die geschickte Inszenierung à la »Majestät(en) brauchen Sonne«, ließ das Kaiserpaar – wortwörtlich – im besten Lichte erscheinen.84
Porträtaufnahme der Kaiserin mit dem vom Kaiser entworfenen Diadem, 1912 (Künstler: Voigt, Hamburg)
Wilhelm II. sorgte stets dafür, dass seine Frau hierbei dem weiblichen Ideal entsprach. Bereits kurz nach der Verlobung ließ er verlautbaren, dass seine künftige Frau ihre Kleider aus London und nicht aus Paris importieren sollte. Ebenso sollte sie ihre Haare nach hinten kämmen und nicht hochstecken. Sie musste ein Korsett tragen und eine Diät befolgen. Auch ließ er Schmuck und Kleider für sie entwerfen, um die äußere Erscheinung seiner Frau, und dadurch ihn selbst, perfekt in Szene zu setzen. Die Repräsentation des Hofes war verbunden mit ständigem Kleiderwechsel, was insbesondere die Frauen des Hofes Unmengen an Zeit und Nerven kostete. Die teils wirren Kleidungskombinationen riefen bei einigen Zeitzeugen ebenso Kritik hervor wie die immer größer werdenden und häufiger stattfindenden Festlichkeiten. Im Dezember 1893 erschien die Kaiserin zu einem Gesangsvortrag von Sängervereinen im Marmorsaal des Neuen Palais in einer »Blausamten-Toilette, mit gelben Moll dazwischen, großem Diamant- und Saphirschmuck«. Das Ensemble führte zu Äußerungen, dass sie »wenig gut angezogen [war]. Der Kaiser denkt sich manchmal solche Sachen aus«85.
Abgesehen von der fragwürdigen Kleiderwahl war das Auftreten der Kaiserin erhaben. Eine ehemalige Erzieherin ihrer Kinder schrieb ehrfürchtig: »Die Kaiserin war eine majestätische Erscheinung, ohne daß es den Anschein hatte, daß sie sich Zwang antun müsse.«86 Das Erhabene dieser subjektiven Aussage wurde von Kaiserin Victoria als Hochnäsigkeit angesehen: »Ihr Stolz ist so gewaltig, und sie hält sich für besser als andere, da sie die Kaiserin ist.«87 Damit passte sie zwar durchaus zum Lebensstil ihres Mannes, »[der] keineswegs frei von majestätischem Auftreten war, aber er war meistens relaxed und heiter«, während »die Kaiserin immer reserviert und königlich wirkte, auf Formalität und Dekor Wert legte und manchmal auch ihre Langeweile bei Zeremonien nicht unterdrücken konnte«88.
Trotz ihrer majestätischen Haltung bei offiziellen Anlässen zeigten sich Zeitzeugen über die zunehmende Gebrechlichkeit der Kaiserin besorgt. Bereits kurz nach der Hochzeit wurde sie im Marmorpalais abgeschottet, weil sie und Gräfin Keller an Scharlach erkrankt waren. 1886 steckte sie sich bei der Pflege ihres Mannes mit Masern an. Im selben Jahr schrieb sie an Kaiserin Augusta, dass sie während einer Erkältung lichtempfindlich sei, was auf Migräneattacken schließen lässt. Auch häufiges Nasenbluten kam hinzu, das ein Zeichen für Bluthochdruck sein konnte. 1890 fehlte sie krankheitsbedingt bei der Einweihung der Kaiserin-Augusta-Gedächtniskirche, ebenso 1906 bei der Enthüllung des Mosaikes in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Bei einem Spaziergang im Park unterhielt sich die Kaiserin einmal mit Eulenburg über die Vermählung ihres ältesten Sohnes. Die vielen Treppen des Parkgeländes machten Auguste Viktoria dermaßen zu schaffen, dass sie am Abend im Bett bleiben musste und schließlich vom Arzt nach Potsdam zurückgeschickt wurde.89
Durch ihren rastlosen Tagesablauf hatte sie im Jahr 1900 mit 41 Jahren bereits graue Haare, sodass sie bei einem Spaziergang von einer Fischersfrau ungeniert gefragt wurde, wie alt sie sei. Auf die Antwort der Kaiserin entgegnete diese: »Du bist jünger als ich, und dabei hast Du schon ganz graue Haare.«90 Auguste Viktorias Schwägerin zeigte sich »schockiert über das plötzliche Vergreisen der Kaiserin – sie sei ›old & white‹ geworden.«91 Hinzu kamen Kurzatmigkeit und ständige Kreislaufprobleme, die so stark wurden, dass man im Neuen Palais und im Berliner Dom einen Fahrstuhl einbauen ließ, um der Kaiserin das Treppensteigen zu ersparen. Während der Kaiser hypochondrische Züge annahm und ein Schnupfen für ihn bereits eine ernsthafte Erkrankung darstellte, führte seine Frau trotz tatsächlicher Gebrechen ihre Aufgaben weiterhin aus, wofür das Volk ihr Anteilnahme und Respekt zollte.
Ihre Gesundheit wurde durch zahlreiche Unfälle, in die sie verwickelt war, weiter geschwächt. 1899 verletzte sie sich bei einem verregneten Spaziergang im Wald mit dreien ihrer Söhne in Berchtesgaden am rechten Wadenbeinknochen. Die Gerüchteküche brodelte, und es hieß, dass Auguste Viktoria dabei beinahe in einen Abgrund gestürzt war und die Unachtsamkeit ihres Hofmeisters Ernst von Mirbach der Auslöser dafür war. Letzterer schrieb an den Kaiser, dass er die »Kaiserin nie in Gefahr bringen« würde und sie auf einer feuchten Bohle ausgeglitten wäre, da »Ihre Majestät Gebirgsschuhe nicht erträgt«92. Auguste Viktoria konnte mit Hilfe noch knapp 200 Meter laufen, blieb dann am Wegesrand sitzen und wurde mit einem Tragestuhl in den nächsten Ort gebracht. Das Auswärtige Amt wurde sofort informiert:
Ihre Majestät die Kaiserin hat sich vorgestern [18. Juli] Nachmittag beim Spazierengehen durch Ausgleiten mäßige Verletzungen des rechten Unterschenkels zugezogen, welche noch voraussichtlich eine lange Ruhelage nothwendig machen. Im Laufe des gestrigen Tages, hat Ihre Majestät nicht erhebliche Schmerzen empfunden. Die durch die Verstauchung des Fußgelenkes bedingte Anschwellung beginnt unter fortdauernder Anwendung von Eis sich zu mindern […]. Allgemeinbefinden ist sehr gut.93
Freiherr von Mirbach hielt per Telegramm das Amt auf dem Laufenden. Am 21. Juli drahtete er: »Der gestrige Tag war für Ihre Majestät die Kaiserin allgemein zufriedenstellend.«94
Die Unfälle der Kaiserin waren internationales Gesprächsthema. Der Sultan des Osmanischen Reiches empfing den deutschen Botschafter in Privataudienz,
um sich nach dem Befinden Ihrer Majestät der Kaiserin zu erkundigen und nähere Details über den Unfall zu erfahren. An der Hand der amtlichen Publikationen habe ich Seine Majestät den Sultan die […] Nachricht über des Allerhöchst Befinden getan und die Einzelheiten des Unfalls erzählen können. Der hohe Herr folgte mit […] Aufmerksamkeit und sagte, daß so sehr ihn die Nachricht von dem Geschehenen betrübt habe, er sich ebenso sehr über die schnelle Wiederherstellung Ihrer Majestät der Kaiserin freue.95
Im März 1903 »erlitt [Auguste Viktoria] im Grunewald heute Nachmittag einen leichten Bruch des linken Vorderarms«96. Aus Rom telegrafierte König Viktor Emmanuel III.: »Meine Frau und ich sind sehr betrübt zu hören, dass es der Kaiserin nicht gut geht und sind sehr enttäuscht, dass wir keine Gelegenheit haben werden, Ihre Majestät zu sehen.«97
Mehrfach stürzte die Kaiserin vom Pferd, so einmal in der Umgebung von Potsdam, als ihr Pferd stolperte und mitsamt Reiterin zu Boden fiel. Obwohl es ihr gut ging, gerieten die anwesenden Herren in Panik. Ihr Sohn Oskar versuchte einen in der Nähe stehenden Kutscher aufzufordern, seine Mutter zum Neuen Palais zu fahren. Dieser hielt das alles für einen Scherz, da er die Kaiserin und die anwesenden Herren nicht erkannte. Oskar zwang den Kutscher schließlich im Namen des Militärs Folge zu leisten, während der Kaiser im Hintergrund der Szene hin und her lief und unter Schock vor sich hin fluchte.98
Im August 1907 glitt die Kaiserin in Wilhelmshöhe aus und verletzte sich erneut am Bein. Genesungswünsche kamen vom französischen Botschafter in Großbritannien und selbst die japanische Presse berichtete darüber.99 Interessant ist ein Artikel aus Hongkong, in dem sich die South China Morning Post wohlwollend über die Kaiserin aussprach, während man im selben Zuge auf die angespannten Beziehungen zwischen Deutschland und England anspielte. Das kaiserliche Konsulat berichtete darüber und heftete den Artikel zu den Akten:
Das Mitgefühl des englischen Volks sei bei der Kaiserin und die Nachricht von Allerhöchstihrer Genesung von einem schmerzhaften Unglücksfall werde allgemein erwartet und mit Freude begrüsst werden. Wie auch immer die Beziehungen zwischen Deutschland und Grossbritannien sein möchten, stets werde der aufrichtige Wunsch bestehen bleiben, dass die hohe Frau an der Seite des Kaisers glücklich und gesund bleiben möge und diese Wertschätzung werde heute noch durch die Herrlichkeit vertieft, die bei dem Zusammentreffen des Königs Eduard und des Kaisers Wilhelm bemerkt worden sei[.]100
Nach einem Unfall im Juni 1908 trafen erneut zahlreiche Genesungswünsche aus aller Welt ein: Kaiser Franz Joseph kondolierte ausführlich und auch Eduard VII. von Großbritannien, der Osmanische Sultan, Peter von Serbien und Nikolas II. von Russland telegrafierten an Wilhelm. Der Zar schrieb: »Sehr betrübt von dem Unfall deiner Frau zu hören und kann mir eure Sorge vorstellen. Hoffe sie fühlt sich schnell wieder wohl.« Auf das Telegramm des britischen Königs antwortete Wilhelm am 13. Juni: »Vielen Dank für das Telegramm. Donas Erholung befriedigend; sie konnte Teile des Tages im Garten verbringen und ein paar kurze Spaziergänge machen. Sie sendet Grüße an Tante [Königin Alexandra].«101 Der Königin der Niederlande wurde der Unfall durch ihren Außenminister mitgeteilt. 1912 erkundigte sich Georg V. von Großbritannien mehrfach bei gemeinsamen Essen mit dem deutschen Botschafter in London nach dem Befinden der Kaiserin, während Nikolaus II. von Russland seinem Cousin Wilhelm ein Telegramm sendete, indem er hoffte, »dear Victoria is feeling better«102.
Durch die Unfälle der Kaiserin wurde ihr Ruf als still leidende und pflichtbewusste deutsche Frau zementiert. Dementsprechend eindeutig sind die Tribute zu ihrem 25. Hochzeitstag, der parteiübergreifend als Zeichen »höchster Anerkennung« genutzt wurde. So schrieb Der Grenzbote:
Unserer Kaiserin ist es ungleich leichter geworden, die Güte ihres Herzens durch Werke christlicher Nächstenliebe zu betätigen, und weniger verkannt und mehr unterstützt von ihren Landeskindern, hat sie auch die schönsten Erfolge ihrer stillen und menschenfreundlichen Tätigkeit gesehen. Wie sehr auch unserer Kaiserin das Glück ihres Volkes am Herzen liegt, das geht aus einer Aeusserung hervor, die sie vor Jahren tat, als sie darauf hinwies, dass dem Manne im Staate früh eine Existenz gegeben werden müsse, damit er das Glück der Familie geniessen könne. Ja wahrhaftig, das wäre das wirksamste Schutzmittel gegen eine mögliche Dekadenz unseres Volkes. […] Heil der sorgenden Landesmutter!103
Das Kaiserpaar um 1910, den ehelichen Idealtypus darstellend. Während Wilhelm hier direkt und in machtvoller Pose in die Kamera schaut, wendet Auguste Viktoria ihren Blick ab, wirkt dadurch untergeordnet.
Das Urteil dieser außerordentlichen Lobpreisung wirkt aus heutiger Sicht befremdlich, doch aus Sicht der Zeitgenossen ganz und gar stimmig und persönlich motiviert. Nicht nur, dass die Kaiserin als »gemeinhin, das beliebteste Mitglied der Königsfamilie« galt, sie verstand es auch »vortrefflich ihre Worte der Aufmunterung und des Trostes den einzelnen persönlichen Verhältnissen der Leute anzupassen«104. Der deutsche Bürger fand in ihr zudem »seine juste milieu, seine kleine Welt der Gemütlichkeit und des Gottvertrauens in ihrem inneren Adel anerkannt und repräsentiert«105. Sie war die gesellschaftliche Mitte der Nation.
Der Hof
Bei der Ausführung ihrer gesellschaftlich-repräsentativen Rolle griff Auguste Viktoria auf einen umfangreichen Hofapparat zurück. Der »Hofstaat Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin«, wie es offiziell hieß, war das Organ, welches die Kaiserin in ihren täglichen Aufgaben unterstützte. An erster Stelle stand die Oberhofmeisterin, die alles organisierte, was die Kaiserin innerhalb des Hofstaates betraf, vom Posteingang bis hin zu Reisen. Diese Aufgabe übernahm Gräfin Therese von Brockdorff zusammen mit den Hofstaatsdamen Gräfin Mathilde von Keller und Claire von Gersdorff. Mindestens eine von ihnen – meistens Gräfin von Keller – begleitete die Kaiserin auf Reisen und bei Veranstaltungen. Zusätzlich fanden sich oft zwei sogenannte Ehrendamen aus wohlhabenden Familien an Auguste Viktorias Seite. Diese Funktion war durchaus lohnend und sicherte den Damen Einfluss und Einkommen.106
Die Einwirkungen der Gräfinnen Brockdorff, Gersdorff und Keller auf die Kaiserin waren von religiös-konservativem Ausmaß und gaben den drei Damen im Volksmund den spöttischen Beinamen »Halleluja-Tanten«, da sie sich bei dem kleinsten Verstoß gegen Etikette und Sitte bekreuzigten und den Herrn anbeteten. Für gewitzt und charmant hielt man keine von ihnen; stattdessen galten sie als »ein Klotz am Bein«, deren »Stolz derart groß« war. Auguste Viktorias Schwiegermutter attackierte einst in einem Brief an ihre Mutter den gesamten Hof, denn sie hätte »keinen einzigen klugen oder kühlen Kopf in ihrer Entourage« gehabt. Sie schob das Verhalten ihrer Schwiegertochter auf deren Entourage. Sie vermerkte dazu, dass es »kein Wunder [sei], daß ihre Köpfe verdreht sind«, aufgrund der »Schmeicheleien, mit denen beide überhäuft werden.«107
Von den »Tanten« war Gräfin von Brockdorff die einzige, die es wagte, die Kaiserin in ihren Entscheidungen zu kritisieren. So hörte man sie einmal ausrufen: »Das dürfen Eure Majestät nicht tun, das ist nicht gerecht!«108 Die direkte Art der Gräfin, die nach der Vorstellung von Kaiserin Friedrich »keine Lady« gewesen sei und ein »solch ordinäres Deutsch« sprach, war berüchtigt. Daher geriet sie nicht nur mit Politikern einige Male aneinander, sondern auch mit dem Kaiser höchstpersönlich. Dennoch war sie der Kaiserin gegenüber loyal und immer zuverlässig, ebenso wie Gräfin von Keller, die ihrer »Herrin«, wie sie Auguste Viktoria nannte, in rührseliger Anhänglichkeit ergeben war. Wie ihre »Herrin« besaßen die Damen weder Humor noch verstanden sie Sarkasmus oder Ironie. Beispielhaft dafür ist die folgende Szene: Auf einer Reise nach England bekam das Kaiserpaar von der englischen Königin eine Jacht für die nächtliche Rückreise zur Verfügung gestellt. Gräfin von Brockdorff fragte in Anwesenheit von Gräfin von Keller den Kapitän, ob die Jacht auch seetüchtig sei. Der Kapitän erwiderte spaßend: »Not in the least, ma’am, she has no watertight compartments. If you have a collision, down you go like a sandbox! No time for crying ›Help‹!«109 Alle Anwesenden begriffen den Scherz und schliefen die Nacht an Bord durch. Gräfin von Keller hingegen tat in dieser Nacht kein Auge zu.
Das Fehlen jeglichen Esprits führte dazu, dass die Salongesellschaft im Kaiserreich außerhalb des Kaiserhauses stattfand. Während unter Kaiserin Augusta der Salonbetrieb noch intakt war, fehlten dem Hof von Auguste Viktoria jegliches Bonmot und intellektuelle Kompetenz, sodass die Baroninnen von Spitzemberg und Radziwiłł die Führung in dieser Angelegenheit übernahmen. Den Kaiser selbst langweilte die Hofdamenriege, weshalb er ihr oft aus dem Weg ging.110 Hofmarschall Zedlitz-Trützschler erinnerte sich ungern an die »nicht sehr angeregt[en]« Konversationen, wenn im Neuen Palais im privaten Kreis zu Abend gegessen wurde. Beim anschließenden Beisammensein lagen für Auguste Viktoria der Berliner Lokalanzeiger und ein paar Bücher bereit, für ihren Mann ein paar Zeitungen. Nachdem der Kaiser ein paar Zigaretten geraucht hatte – nur er durfte das in Anwesenheit seiner Frau, die das Rauchen in ihrer Nähe und in der Nähe ihrer Damen verbot –, blätterten das Kaiserpaar und die anwesenden Damen und Herren bis circa 11 Uhr in Büchern und Zeitschriften. Wie sehr selbst Wilhelm II. vom Hofleben gelangweilt war, zeigte sich, wenn er seine Frau mit einem Wink zum Rückzug aufforderte oder er sie eines Abends urplötzlich anfuhr: »Willst du eigentlich hier übernachten?« Auguste Viktoria entgegnete: »Nein, Wilhelm, aber ich wollte dich nicht stören, da du doch den ganzen Abend so beschäftigt bist mit Lesen.« Der Kaiser antwortete mit brutaler Ehrlichkeit: »Na, was soll ich denn sonst machen, wenn es so unglaublich langweilig hier ist.«111
Die drei Hofdamen redeten am Hof über alle Angelegenheiten der Gesellschaft erstaunlich offen, wenn auch mit wenig Einsicht. Ihr konservativer Rigorismus traf bei der Kaiserin, die bei politischen Äußerungen »[a]m Berliner Hofe […] sehr diskret« war, auf offene Ohren. »Sie sprach nur mit ihrer allernächsten Umgebung über Politik, und auch dann mit Reserve und Vorsicht.«112 Im Gegensatz dazu sprachen die Damen »mit einem Freimut vor Seiner [und Ihrer] Majestät […] auch politischer Art«, wie sich Graf Zedlitz-Trützschler erinnerte. In dieser Art waren die drei Hofdamen dem Kaiser sehr ähnlich, denn dieser sprach »[u]m so mehr […], und gerade mit Fremden sprach er besonders gern«. Trotz ihrer Plappermäuler waren die Mitglieder des Trios Meisterinnen der Etikette und hielten sich penibel daran, dass sie in »Gegenwart der Monarchin […] selbst keinen Gruß erwidern. Ihr Schweigen sollte zeigen, daß die Ehrungen allein ihrer Herrin zu gelten hatten«. Dabei führte die Strenge der drei Damen zu Konflikten mit Hofangestellten; insbesondere jüngere Ehrendamen empfanden sie als streng und unsympathisch. Gleichzeitig offenbarte der Hof der Kaiserin eine ungemeine Kleinlichkeit bezüglich ihrer Stellung. Die Ernennung der neuen Palastdamen erfolgte oft im Weißen Saal des Berliner Schlosses und war für bereits eingesetzte Damen aus der Angst heraus, ausgetauscht zu werden, stets ein Grund zur Sorge und gegenüber jedem darüber zu lamentieren. Als der Titel Palastdame 1903 in Hofstaatsdame umgewandelt wurde, maßen die Frauen »der ganzen Sache viel zu viel Wichtigkeit bei« und beschwerten sich beim Kaiser, der genervt stur blieb.113
Gegenüber ihren Ehrendamen entwickelte die Kaiserin eine Beziehung der Zuneigung, auch wenn sie »keine Vertraute[n] im Sinne unbeschränkter Zutraulichkeit« waren. Das äußerte sich beispielsweise in einer Art Bemutterung seitens der Kaiserin, die auf das Aussehen ihrer Hofdamen achtete und bei Bedarf eine Blume an ihre Kleider heftete oder ihnen ein Kleidungsstück schenkte. Kindern von Angestellten überreichte die Kaiserin gelegentlich Puppen zum Spielen, die als »Kaiserin-Puppen« in die Hofhistorie eingingen. Darüber hinaus ließ sie ein Jahr nach Regierungsantritt die Regelung ändern, dass das Personal zu Weihnachten ausschließlich einen Geldbetrag bekam. Fortan stapelten sich jedes Jahr am 23. Dezember auf einem langen Tisch im Muschelsaal des Neuen Palais die Aufmerksamkeiten, und Auguste Viktoria übergab jedem Bediensteten stolz ein Geschenk. Dabei stand sie neben einem der Weihnachtsbäume, die von ihr, den Prinzen und einigen Damen und Herren des Hofes geschmückt wurden. Auch kam es vor, dass die kaiserlichen Söhne sich mit Nüssen bewarfen oder sich Christbaumdekoration ins Gesicht hängten.114
Neben den Hofdamen war das Amt des Oberhofmeisters von großer Bedeutung. Ihm oblag unter anderem die Korrespondenz der Kaiserin mit Behörden. Auch vertrat er sie bei offiziellen Anlässen und führte Buch über ihr Vermögen. Freiherr von Mirbach nahm diese Position ein, nachdem er 1882 als Kammerherr in den Dienst des damaligen Prinzenpaares eingetreten war. Als Oberhofmeister erhielt er bis 1897 ein Gehalt von 9000 Reichsmark im Jahr. Später übernahm er darüber hinaus die Funktion des Kabinettsekretärs, was mit einem deutlichen Zuwachs an Verwaltungsarbeit verbunden war. Sein Gehalt stieg dabei auf 12 000 RM im Jahr an.115 Mirbach entwickelte schnell ein Interesse für Wohltätigkeitszwecke und engagierte sich stark in diesem Bereich. Alle Aufgaben erledigte er mit Eifer und stets im Sinne der Kaiserin. Neben dem Oberhofmeister dienten zwei bis drei Kammerherren, zwei Leibpagen – Walther von Brauchitsch und Freiherr von Wilmowsky –, eine Kammerfrau, die sich um den Schmuck der Kaiserin kümmerte, ein Leibarzt, Dr. Zunker, drei Schatullsekretäre, drei Garderobenfrauen und vier Kammerdiener.116
So sehr der Kaiser eine Abneigung gegen das Gefolge seiner Frau hegte, so hatte auch Auguste Viktoria Scherereien mit dem Hofstaat ihres Mannes. Allen voran mit seinem Oberhofmeister Herrn von Liebenau, der mit »der Kaiserin und den Damen […] schon seit langer Zeit auf schlechtem Fuß gestanden« hatte. Laut Graf von Waldersee, der sich gerne damit rühmte, dem Kaiser am nächsten zu stehen, versuchte Liebenau »mit allen möglichen Mitteln zwischen Kaiser u. Kaiserin Zwietracht oder Abkühlung herbeizuführen«. Im November 1889 verlor Liebenau jedoch die Gnade Wilhelms und wurde daraufhin von ihm so geringschätzend behandelt, dass er sich an die Kaiserin wandte, »um sie um Schutz zu bitten! Zur Kaiserin, gegen die er sich ungeschliffen benommen, die er oft verletzt hat u. die ihn verabscheut. Man sieht, daß er eine ganz klägliche Person ist«, so Waldersees Resümee. Am 23. Mai 1890 entließ Wilhelm seinen Hofmarschall, und Waldersee gratulierte Auguste Viktoria, die ja wegen des »bösen Menschen« so viel gelitten hatte. 117
Eine der einflussreichsten Personen am Hof war der 1847 geborene Philipp zu Eulenburg, der engste Freund Wilhelms II. Seine bloße Existenz löste bei Auguste Viktoria Eifersucht aus, die sie hinter einer immerwährenden Höflichkeitsfassade verbarg, obwohl sich Eulenburg Sticheleien ihr gegenüber selten verkneifen konnte. Er wusste, dass er beim Kaiser in hoher Gunst stand. Dennoch machte die Kaiserin ihrer Eifersucht im September 1900 Luft, als der Kaiser ihr verbot, an der Besichtigung einer neuen Kartoffelausstechmaschine teilzunehmen. Sie reagierte gekränkt und warf ihm vor, an keiner Veranstaltung teilnehmen zu dürfen, wenn Eulenburg an der Seite des Kaisers sei. Daraufhin erwiderte dieser, dass es »nicht schicklich [sei], wenn die Landesmutter im Beisein von Untertanen von oben bis unten mit herausfliegenden Kartoffeln beworfen würde«. Einen Ausflug zu einer Ziegelei am gleichen Tag ließ sie sich jedoch nicht verbieten, auch wenn sie sich am Abend zurückzog. Vermutlich war es zu einem Streit zwischen Kaiser und Kaiserin gekommen.
Gegenüber Gästen des Hofes legte die Kaiserin eine aufmerksame Fürsorge an den Tag. Oft fragte sie das Hofpersonal ihrer Gäste, ob sie sich wohlfühlten, und erkundigte sich, ob sie »auch Seife bekommen« hätten?118 Eine Hofdame von Königin Alexandra von England wunderte sich 1909 bei einem Staatsbesuch, dass ihr Zimmer mit Seifen, Frisiertisch und Badezimmer ausgestattet war. Diese Initiative ging auf die Kaiserin zurück, welche die Räumlichkeiten vor Ankunft der Gäste grundsätzlich inspizierte.
Der Alltag
Nach der Thronbesteigung residierte der Hof zunächst noch im Marmorpalais, wo 1888 die Sicherheitsmaßnahmen verschärft wurden. Ein Drahtzaun grenzte den Garten ab, den sieben Polizeibeamte überwachten. Zwei weitere Polizisten standen am Garteneingang und öffneten das Königstor, wenn eine Kutsche vorfuhr, während sich ein weiterer Polizeibeamter im öffentlichen Teil des Gartens befand und Bettler und Antragssteller zurückhielt.119
1889 zog der Hof in das (1769 fertiggestellte) Neue Palais im Park Sanssouci, das zu einem der Haupt- und Lieblingswohnsitze Auguste Viktorias wurde. Das riesige, rötliche Gebäude mit einer zentralen Kuppel bildete mit zwei Seitenflügeln eine U-Form, wodurch in der Mitte ein großer Hof entstand. Vergrößert wurde der Eindruck der Anlage durch die beiden symmetrischen Communs, den Wohngebäuden der Bediensteten, die separat vom Palais standen. Zusammen bildete die Anlage ein imposantes Statussymbol preußischer Macht, das sich im Inneren mit großen Sälen und Galerien fortsetzte. Im dortigen Muschelsaal ließ das Kaiserpaar stets neue Muscheln ergänzen, die es von Reisen mitbrachte. Dort wurden auch Feste und Weihnachtsfeiern gefeiert. Die Kaiserin ließ dabei für jedes ihrer Kinder einen eigenen Baum aufstellen. Der Nordteil des Schlosses wurde vom Kaiserpaar bewohnt, dabei diente das Obere Fürstenquartier als Privatbereich. Auguste Viktorias Wohnzimmer war die ehemalige Jagdkammer, das Obere Konzertzimmer ihr Salon. Das gemeinsame Schlafzimmer des Paares befand sich im ehemaligen Oberen Damenschlafzimmer, während die Kaiserin das friderizianische Schreibkabinett als Toilettenzimmer benutzte. Dort stand auch ein Rudergerät für ihre körperliche Ertüchtigung bereit. In den 1870er-/80er-Jahren wurde das Gebäude renoviert und in die ehemaligen Puderzimmer – kleine Eckzimmer, die an begehbare Kleiderschränke erinnern – Toiletten und Bäder eingebaut. Nach 1900 kamen elektrische Leitungen hinzu, die nicht nur Lampen erleuchten ließen, sondern auch Dienstbotenklingeln mit Strom versorgten. Ebenso wurde ein neues Heizungssystem eingebaut. Vor dem Gebäude Richtung Park Sanssouci ließ der Kaiser eine Autorampe anbauen.120
1889 leisteten im Neuen Palais 31 Wachposten Dienst, die meisten davon vom Militär. Zusätzlich trat die Schloss-Garde-Kompanie zur Bewachung an, wenn das Kaiserpaar anwesend war. Dabei kam es einmal zu einer Situation, die den Kaiser köstlich amüsierte: Er und Auguste Viktoria machten einen Spaziergang außerhalb des Parks. Als die beiden zurückkamen, stand ein neuer Wachposten vor dem Eingang, der das Paar nicht erkannte. Die Wache sprach Wilhelm als »Herr Leutnant« an und erst nach einiger Überzeugung konnte sich der Kaiser Zugang verschaffen. Er – und beinahe jeder – fragte sich, wo der Wachposten die letzten Jahre über gewesen war, schließlich war das Bild des Kaisers überall präsent.121
Auguste Viktoria lies im Park des Neuen Palais Staudengärten anlegen und besaß dort eine private Grünfläche, in der sie selbst Pflanzen hochzog. Ihre Lieblinge waren Rosen, daher übernahm sie 1891 das Protektorat über den Verein Deutscher Rosenfreunde. Der Trierer Rosenzüchter Peter Lambert hatte bereits ein Jahr zuvor die weiße Rose Kaiserin Auguste Viktoria nach ihr benannt. Das Gewächs erfreute sich großer Beliebtheit bei internationalen Rosensammlern und ist bis heute ein botanisches Sammlerstück. Trotz dieser Ehre und ihrer privaten Leidenschaft war Auguste Viktoria jedoch eher Hobbygärtnerin als eine Koryphäe oder gar wissenschaftliche Botanikerin.
In der Nähe des Palais-Rosengartens befand sich der Tennisplatz, der vom Kaiser und Hof gerne benutzt wurde. Neben dem Neuen Palais wurde auch das naheliegende Krongut Bornstedt besonders häufig von der Kaiserin bezogen. Die Einrichtung ihrer privaten Gemächer, sei es im Berliner Schloss, im Neuen Palais oder im Ferienschloss in Homburg, war immer gleichermaßen geschlechterspezifisch und zeittypisch: Gemälde religiöser oder moralisch-tugendhafter Natur, zahlreiche Bilder sowohl von ihren Kindern und ihrem Mann als auch der Königin Luise, die als Pendant zu Wilhelms Gemälden von Friedrich II. anzusehen waren und die Hohenzollernverehrung widerspiegelten.122
Der Tagesablauf der Kaiserin war strikt geregelt und richtete sich nach ihrem Mann, sofern er anwesend war. Am Morgen um 7 Uhr stand Auguste Viktoria auf und frühstückte meist alleine mit Wilhelm nach englischer Sitte. Das hieß: Tee, kaltes Fleisch, Eier und Weißgebäck. Wobei Salzschrippen dem Kaiser am besten schmeckten. Musste Wilhelm früher aufstehen, tat seine Frau dies auch. Ab und zu war das Paar bereits um 7 Uhr von einem Ausritt zurück, sofern der Kaiser nicht so lange zu Bett blieb, dass er erst ab 9 Uhr ansprechbar war. Der anschließende Arbeitsalltag bestand aus Besuchen, Audienzen, Ausritten und Empfängen. Sofern es die Zeit erlaubte, war die Kaiserin bei Ausritten durch den Berliner Tiergarten dabei. Um 2 Uhr nachmittags gab es das zweite Frühstück, diesmal mit der Abendtafel. Dabei achtete der Kaiser darauf, dass immer frische Blumen auf dem Tisch standen, bevorzugt weiße Rosen und Gardenien. Ansonsten war Wilhelm kein zielgerichteter und elanvoller Arbeitskaiser und legte sich im Laufe des Tages zur Mittagsruhe auch mal drei Stunden hin und überflog am Abend die ihm gereichten Depeschen. Den Rest ließ er liegen
Schnell nahm Auguste Viktoria die Essgewohnheiten ihres Mannes an, bei dem ein Diner nicht länger als 40 Minuten dauern durfte. Das führte dazu, dass Gäste, denen diese hastige Essensart neu war, meist nicht genug zu essen bekamen und über die Obstschalen in ihren privaten Zimmern herfielen. Auguste Viktorias jüngste Schwester Feodora sah »voll Bewunderung […] auf die Damen, die ja aber auch in diesem Hetzen Übung hatten. Sie schienen nie zu essen, und trotzdem wurden ihre Teller leer.«123 Nach der Abendtafel entschuldigte sich Auguste Viktoria, sie müsse nach den Kindern sehen, und Wilhelm zündete sich zusammen mit den Herren des Gefolges eine Zigarre an.124
Wie der Ablauf eines Besuchsprogramms der Kaiserin ablief, gab Viktoria Luise anhand eines Beispiels in ihren Memoiren wieder: Zunächst besuchte Auguste Viktoria die Lungenheilstätten am Grabowsee in der Oberhavel. Von dort ging es am nächsten Morgen weiter nach Breslau, wo sie von ihrem Mann und der städtischen Obrigkeit empfangen wurde. Danach folgte der Einzug in die Stadt, die Enthüllung eines Reiterstandbildes Kaiser Wilhelms I., dann ging es weiter ins Rathaus. Dort Ansprache und Willkommenstrank. Danach ins Schloss und schließlich Begutachtung eines neuen Landhauses. Weiter ging es am nächsten Tag, als das russische Zarenpaar, Nikolaus II. und Alexandra, eintraf. Am Bahnhof fand ein militärischer und ziviler Empfang statt, danach ein erneuter Einzug in die Stadt; diesmal saß der Kaiser mit dem Zar und die Kaiserin mit der Zarin in einer Kutsche. Darauf folgte die Ankunft des Zarenpaares in ihrer Unterkunft, das Kaiserpaar fuhr ins Schloss, wo das Zarenpaar bald zum Gegenbesuch eintraf. Anschließend daran folgte eine Parade, Familientafel, Paradetafel, Cercle und schließlich war Zapfenstreich. Am nächsten Tag ging es nach Görlitz. Frühstück mit Zar und Zarin im Hofzug. Nachmittags wieder zurück nach Breslau, wo die Gäste um 18 Uhr verabschiedet wurden.125
Bei diesen Tafeln wurde die Rückseite der Einladungen oder Menüzettel gerne als Schmierzettel zur Botschaftenübermittlung an Tischnachbarn oder, wie anlässlich des Geburtstags der Kaiserin am 22. Oktober 1904, als Gästebuch genutzt. Jeder Gast unterschrieb die Rückseite des Blattes, das Geburtstagskind inbegriffen. Dennoch wurden Audienzen und Cercles am kaiserlichen Hof von Beteiligten als steif empfunden. Als das Kaiserpaar einst die Frau von Prinz Max von Baden kennenlernte, vermerkte der anwesende Adjutant des Prinzen: »So etwas Steifes wie diesen Besuch habe ich kaum wieder am Kaiserlichen Hof erlebt.«126 Hoffeste kosteten alle Anwesenden Kraft und Schlaf. Häufig wurde in diesen Fällen erst um 23 Uhr zu Abend gegessen, sodass das Kaiserpaar um 1 Uhr im Bett war.
Abwechslung vom höfischen Alltag fand man bei Wanderungen und Picknicken, bei denen Auguste Viktoria »besonders glücklich war«. Ihr Sohn Wilhelm erinnerte sich daran, dass »von der Kaiserin […] hier jene Nervosität und Unrast [abfiel], die sie in der Öffentlichkeit beherrschten, sie zeigte sich als liebe, warmherzige Frau«127. Häufig fuhr das Kaiserpaar mit dem Auto, die Kaiserin mit einem Schleier gegen den Fahrtwind geschützt, zu einem Zielpunkt und wanderte in der Gegend umher. Dabei kamen sie und ihr Gemahl ab und zu durch die Dörfer des Umlandes, wurden dort von den Anwohnern begrüßt, und die Kaiserin unterhielt sich mit ihnen auf offener Dorfstraße. Einfachen Wanderern gleich und fernab des höfischen Zeremoniells setzte sich die kaiserliche Gesellschaft bei Picknicken auf Decken und bediente sich selbst beim Essen. Während Auguste Viktoria den Pfannkuchenteig zubereitete, der in tragbaren Pfannen ausgebacken wurde, mischte der Kaiser den Salat.
An Jagden nahm die Kaiserin selten Teil. Meist nur, wenn das Wild bereits gesehen wurde und daher in der Nähe der zur derzeit bewohnten Residenz durch die Wälder streifte. Die Kutsche mit der Kaiserin sowie die Kutschen ihrer Hofdamen wurden dabei als Lappenersatz – für bemalte Stofftücher – verwendet, die aufgespannt wurden, um das Wildtier in eine bestimmte Richtung zu lenken oder einzukesseln.
Im März und April jeden Jahres reiste das Kaiserpaar ins Ausland und verknüpfte dies mit privaten Besuchen bei anderen Majestäten. Im Juli und August folgte der Sommerurlaub, die sogenannte Nordlandreise, die Wilhelm in Herrengesellschaft unternahm, während Auguste Viktoria sich auf ihre eigene Jacht zurückzog. Die Kaiserin selbst war nur zweimal bei einer Nordlandreise dabei: 1893 und 1894. 1898 wurde die in Amerika gefertigte Segeljacht Iduna für die Kaiserin erworben. Sie war davon zunächst wenig begeistert. Sie ahnte, dass die Jacht dem Kaiser einen Grund geben könnte, ohne sie zu verreisen. Die Mannschaft des Schiffes bestand ausschließlich aus Deutschen: Baron von dem Knesebeck organisierte die Reisen, während Herr Karpf, auch »Kärpfchen« genannt, die Jacht als Kapitän steuerte. Nach der letzten Regatta der traditionellen Kieler Woche in Travemünde nutze die Kaiserin die Jacht für ihren Sommerurlaub. War Auguste Viktorias Tochter mit an Bord, wurde ihr aus Sicherheitsgründen ein Gurt umgelegt, da sich die Jacht bei starkem Wind und beim Wenden recht weit zur Seite neigte. Abends saßen Kaiserin, Gefolge und Besatzung oft auf dem Deckboden, während einer der Matrosen auf einem Klavier spielte, wodurch ebenfalls eine gemütliche Atmosphäre fernab vom Zeremoniell geschaffen wurde. Das Abendessen wurde unter Deck eingenommen. Wie Wilhelm auf der Hohenzollern, so las Auguste Viktoria auf der Iduna die Predigten zum Gottesdienst selbst vor. Den braungebrannten Kaiser traf die Kaiserin in Wilhelmshöhe wieder.128
Morgenausritt in Kassel-Wilhelmshöhe 1906

Ausritte standen auf der Tagesordnung der Freizeitgestaltung. (Künstler: vermutlich Hünich)
Hundertjahrfeier der Berliner Universität am 11. Oktober 1910, Rektor Prof. Erich Schmidt mit Kaiserin Auguste Viktoria und Kaiser Wilhelm II. beim Verlassen des Universitätsgebäudes

Das Kaiserpaar auf dem Weg zur Einweihung des Deutschen Stadions/Grunewald-Stadions am 8. Juni 1913 [?] (Künstler: Robert Sennecke)
1910 beim Besuch des Kaiser-Wilhelm-Kinderheims in Ahlbeck (Künstler: A. Grohs)
Auguste Viktoria und Kronprinzessin Cecilie 1910 beim Empfang eines Gastes am Neuen Palais
1897 reiste Auguste Viktoria ohne Wilhelm nach Bayern und löste dabei öffentliche Kritik an ihrer Person aus, was selten geschah. Die Münchener Neuesten Nachrichten kündigten ihre Reise am 6. Juli 1897 an und schrieben, »[hier] am Tegernsee wird es auch der Kaiserin gut gefallen, hier an der Südgrenze des Reiches, wo die Herzen des Volkes der Deutschen Kaiserin ebenso entgegenschlagen« wie in Schleswig-Holstein. Als der Sonderzug der Kaiserin in München eintraf, waren jedoch kaum Menschen anwesend. Auch Prinzregent Luitpold von Bayern »ließ […] mittheilen, […] das die frühe Stunde sein Kommen verhindert habe«. Die Ankunftszeit um 7.20 Uhr war den Bayern scheinbar zu zeitig, »überdieß« hielt der Zug »außerhalb der eigentlichen Halle«. Tatsächlich galt ihr Wunsch, ihren Hofprediger Dr. Dryander auf die Reise mitzunehmen, als problematisch. Denn dieser predigte nicht im privaten Raum der Kaiserin, sondern öffentlich. Unter dem Titel Gleiches Recht für Alle griff die Augsburger Postzeitung am 5. August die Anwesenheit des Hofpredigers Dr. Dryander an:
Indeß müssen wir hier vom Standpunkt unserer bayerischen Verhältnisse aus doch auf den auffallenden Unterschied zwischen der Herrn Hofprediger Dr. Dryander stillschweigend gewährten Freiheit und der staatlichen Beaufsichtigen der katholischen Kirche aufmerksam machen. […] Wäre die Kaiserin katholisch und hätte durch einen Bischof auf Preußen in Tegernsee predigen lassen, so würde das untersagt worden sein. Oder hatte hier auch dann stillschweigend sich gefügt, weil es die Kaiserin ist?129
Abgesehen von dieser seltenen Kritik an der Kaiserin als öffentliche Person brachte sie ihr gutbürgerliches Auftreten dem Volk näher. Auguste Viktorias Beliebtheit erklärt sich somit durch ihre Vorbildfunktion für die »zutiefst bürgerlich[e]«130 Gesellschaft des Kaiserreiches, die sie durch ihr Privatleben und ihre familiären Interessen verkörperte.
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