Kitabı oku: «Kleines Bernstein»


Copyright © Rasa Aškinyte 2016
Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel
»Glesum« bei Vaga, Vilnius, Litauen.
Die Übersetzung des Buches wurde gefördert vom
Lithuanian Culture Institute (LCI) in Vilnius.

Deutsche Erstausgabe 2021
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten.
© mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)
www.mitteldeutscherverlag.de
Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)
Lektorat: André Schinkel, Halle (Saale)
Layout und Satz: Stefanie Bader, Leipzig
Umschlagabbildung: © iStock – o-che, Baksiabat
ISBN 978-3-96311-593-6
Der Siegerin gewidmet
So war es nicht, aber so hätte es sein können.
Inhaltsverzeichnis
I. Alpha Ursae Minoris oder der Polarstern Im Kleinen Bären
1. Schnee
2. Wasser
3. Blut
4. Nebel
5. Met
6. Tränen
7. Milch
II. Beta Ursae Minoris oder Kochab Im Kleinen Bären
8. Nebel
9. Regen
10. Tränen
11. Blut
12. Milch
13. Met
14. Wasser
III. Gamma Ursae Minoris oder Pherkad Im Kleinen Bären
15. Met
16. Milch
17. Nebel
18. Regen
19. Tränen
20. Wasser
21. Blut
IV. Delta Ursae Minoris oder Yildun Im Kleinen Bären
22. Milch
23. Met
24. Wasser
25. Tränen
26. Regen
27. Blut
28. Nebel
V. Epsilon Im Kleinen Bären
29. Blut
30. Tränen
31. Schnee
32. Wasser
33. Nebel
34. Milch
35. Met
VI. Zeta oder Alifa al Farkadain Im Kleinen Bären
36. Wasser
37. Nebel
38. Milch
39. Met
40. Blut
41. Regen
42. Tränen
VI. Eta oder Anwar al Farkadain Im Kleinen Bären
43. Tränen
44. Blut
45. Met
46. Milch
47. Wasser
48. Nebel
49. Schnee
I.
ALPHA URSAE MINORIS
oder
DER POLARSTERN
IM KLEINEN BÄREN
Der Polarstern ist der hellste Stern im Kleinen Bären und, wenn man es genau nimmt, ein Dreifachsternsystem, bestehend aus einem großen Stern mit zyklisch sich ändernder Helligkeit und seinen zwei Begleitern. Einer dieser Begleiter ist 17-mal weiter vom Hauptstern entfernt als die Erde von der Sonne und umkreist jenen in dreißig Jahren, während der andere in 2.400-facher Erde-Sonne-Entfernung für eine Umkreisung 42.000 Jahre braucht.
Der Polarstern ist dem nördlichen Himmelspol am nächsten und nimmt, was die Helligkeit betrifft, den 48. Platz unter den Sternen im bekannten Universum ein. Er leuchtet 45.000-mal heller als die Sonne und hat die 45-fache Größe. Man sieht ihn das ganze Jahr über von jedem Ort der Nordhalbkugel aus an derselben Stelle. Als Navigationsstern hilft er Reisenden bei der Feststellung der Richtung. Um den Polarstern kreisen der Große und der Kleine Bär sowie weitere Sterne, deshalb hielt man ihn in alten Zeiten für das Zentrum des Himmels. Seine Entfernung zur Erde beträgt 432 Lichtjahre.
1. Schnee
Der Schnee lag so hoch, dass die Frau fast bis zum Knie einsank. Auch die Pelze, die sich um die muskulösen, mit Fellen umschnürten Beine flochten, störten beim Gehen. In einer Schulter der Frau klaffte eine tiefe Wunde, aus der ganz langsam Blut sickerte. Noch bevor die roten Tropfen den Boden erreichten, verschlang sie auch schon die blendende Weiße des Schnees.
Die Frau war mutterseelenallein. Sie wusste, dass sich im Umkreis, den sie mit ihren Sinnen erfassen konnte, kein anderer Mensch befand. Sie hätte ihn sonst gewittert oder gehört. Ihr Zuhause hatte sie weit hinter sich gelassen. Sie wusste, in welche Richtung sie gehen musste, konnte sich ausgezeichnet orientieren. Die anderen zu finden gehörte zu den Grundvoraussetzungen fürs Überleben, deshalb marschierte die Frau schon seit Tagen unbeirrbar nach Hause. Sie fühlte sich hungrig und erschöpft, doch sie durfte nicht anhalten. Schlaf hieß Tod.
Rundherum nichts auszumachen, nur Schnee, Schnee und nochmals Schnee. Und Wölfe. Noch kamen sie nicht gefährlich nahe, drehten nur in einigem Abstand ihre Runden um sie. Die Nüstern der Frau weiteten sich, sie schnupperte schweigend die Luft, erfüllt von Grausamkeit und dem Instinkt, um jeden Preis zu überleben.
Die Frau hatte keine Angst. Dieses Land war nie das ihre gewesen, hatte ihr niemals gehört. Ebenso wie ihr Leben.
Die Frau wusste nicht, wie man trauert. Und auch nicht, wie man weint. Oder Erbarmen zeigt. Und auch nicht, wie man wartet oder hofft. Das Einzige, von dem sie etwas verstand, war zu kämpfen und zu leben. Sie konnte dem Wolf direkt in die Augen sehen, aus dem Atem und dem Herzklopfen schließen, wer stärker ist.
Die Wölfe kamen immer näher, schlichen sich mit immer mehr Mut an. Sie sah ihre großen grauen Körper. Leises Knurren und blendendes Weiß.
Die Frau hob einen großen Knüppel vom Boden auf, drückte ihn fest in ihrer gesunden Hand zusammen, atmete aus und hieb mit aller Kraft auf den am nächsten bei ihr stehenden Wolf ein.
Es schneite immer stärker.
2. Wasser
Selija öffnete die Tür. Sonne und Schnee blendeten, sie hielt die Hände vor die Augen. Die Hälfte eines Fingers bedeckte ein Ring mit der Gestalt einer Schlange. An Silber mangelte es Selija nicht, ihr Mann Gondas brachte viel davon mit. Und bunte Glasperlen. Selija konnte bei den örtlichen Handwerkern Halsketten, Broschen oder Armreife für sich bestellen, wann immer sie Lust hatte. Und das tat sie auch – sollten doch alle sehen, dass es ihr an nichts mangelte. Sollten das doch nur alle denken.
Selija rückte ihren Mantel zurecht. Der Pelz rutschte ihr runter, deshalb durchstach sie ihn voller Ärger mit einer Messingnadel und befestigte ihn am groben Wollstoff. Man sollte den Pelz nicht durchlöchern, aber was soll’s, sie würde ihn den Armen hinwerfen und sich einen neuen nehmen. Die Wagen ihres Mannes Gondas waren immer mit Pelzen gefüllt, die er von den Jägern der Gegend eingesammelt und zum Abtransport vorbereitet hatte. Selija durfte sich ohne zu fragen jeden Pelz nehmen, den sie gerade begehrte, Gondas war nie böse auf sie. Gondas war gut, Gondas beschützte sie, Gondas hatte einen Draht zu den Göttern, Gondas kehrte immer zu ihr zurück, Gondas war ein schöner Mann mit langem, strohfarbenem, auf dem Scheitel zusammengebundenem Haar, blauäugig wie alle unsere Männer, aber auch wieder nicht wie alle anderen, eine Narbe teilte Gondas’ Gesicht in zwei Teile. Gondas sagte, auf dem Weg nach Carnuntum hätten ihn Burgunden überfallen und ihm alles wegnehmen wollen, doch er, Gondas, und seine Leute hätten das nicht zugelassen, es habe fürchterlich geregnet und geblitzt, Gondas wusste selbst nicht, ob der Blitz oder das Schwert eines Burgunden sein Gesicht entzweigeschnitten hatte. Von dieser Reise kehrte Gondas lange nicht zu ihr zurück, er sagte danach, die Wunden seien lange nicht geheilt. Gondas war gut, Gondas hatte ihr einen großen Silberarmreif mitgebracht, der ihre Hand absinken ließ.
Kirnis brachte mehr Brennholz, Selija wollte ihm sagen, es reiche jetzt, es sei schon heiß drinnen, aber Kirnis ließ sich nichts sagen, Kirnis war alt, er hatte schon im Haus von Gondas’ Eltern Feuer gemacht. Alle sahen, dass Kirnis zu alt zum Arbeiten war, aber das konnte man ihm nicht sagen, er tat, was er wollte, ging schweigend, ein alter Krieger, obwohl er schon lange kein Schwert mehr zu heben vermochte, nur drei Scheite, um Feuer zu machen. Seinen Wildschweinanhänger nahm er nie vom Hals, was immer auch geschah, als wäre er auch hier, am Feuer, auf den Schutz der Göttermutter angewiesen, wie im Kampf gegen die Germanen.
Erst als sie das Blut sah, begriff Selija, dass sie sich in den Finger gestochen hatte. Sie leckte das Blut ab, warf einen Blick auf den Hof, um sich zu überzeugen, dass sich nichts geändert hatte. Die Sonne stieg immer höher, vermutlich schneite es zum letzten Mal. Selija holte tief Luft, sog den Schnee und die Kälte in die Lunge. Ihre Finger runzelten sich, Selija rückte den Pelz zurecht. Sie sollte die Tür schließen, die Hitze von drinnen und die schaudernde Kälte vermischten sich, wirbelten im Kreis um Selija; ihr gefiel dieses Leben nicht, das sie nicht im Griff hatte: Ihr Mann, Gondas, war gut, aber er hatte eine andere Frau mitgebracht.
War mit ihr und mit der Narbe im Gesicht zurückgekehrt. Er war lange weg gewesen, hatte gesagt, die Narbe stamme von den Burgunden, und Selija glaubte ihm; wem sonst, wenn nicht ihm, hätte sie denn glauben sollen.
Wenn er sich nach Carnuntum aufmachte, füllte Gondas die Wagen jeweils bis oben hin mit Pelzen, Honig, Bernstein. Von dort brachte er Silber, Kupfer, Blei und Zink mit; Selija wusste nicht, was das war, also ging sie hin und sah nach, bekam jedoch nichts Besonderes zu Gesicht, nur voll beladene Wagen. Er brachte auch Männer mit, jung, doch vom langen Fußmarsch ermattet – wenn man sie angriff und ihnen alles wegzunehmen versuchte, fingen Gondas und seine Männer die Überlebenden ein und banden sie an einem Wagen an oder verkauften sie, einige opferte man auch der Göttermutter.
Er brachte Männer mit, jetzt aber hatte er eine Frau mitgebracht.
Kirnis drängte sich an Selija vorbei durch die Tür, wohl schon ganz blind, ging langsam über den Hof davon; er war bei der Reise nicht dabeigewesen, ihn konnte sie nicht fragen.
Das war noch gar keine Frau, sondern ein Kind. Er hatte sie auf dem letzten Wagen mitgebracht, Selija hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sie ausstieg. Mit einer Leichtigkeit, die zeigte, dass sie noch ganz jung war. Sie, Selija, könnte nicht mehr so vom Wagen springen, das entspräche weder ihrem Alter noch ihrer Stellung. Selija ballte die Faust, die Fingernägel bohrten sich in ihre Hand. Sie könnte nicht mehr so herunterspringen. Nicht mehr. Sie drückte die Faust noch stärker zusammen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie vier bogenförmige Abdrücke, die erst nach mehreren Stunden verschwanden – früher verschwanden sie sofort, jetzt nicht mehr.
Jene Frau aber, dieses Kind, schaute sich um, hielt sich am Wagen fest, als fiele sie zu Boden, wenn sie losließe. Vielleicht würde sie das ja wirklich, sie war so lange gefahren, wahrscheinlich ohne auszusteigen, niemand hatte sie rausgelassen. Sie schien verängstigt und zur Verteidigung bereit. Der Blick eines gefangenen Jungwolfs. Sollte sie sich ruhig fürchten, sie, Selija, aber hätte keine Angst, wovor auch?
Die Männer luden die Sachen auf, sie schenkten den beiden Frauen keine Aufmerksamkeit. Selija tat so, als würde sie die Ladung prüfen und kam dem letzten Wagen immer näher. Sie wollte das gar nicht, aber sie tat es. Man kann den Feind nicht besiegen, wenn man ihn nicht kennt. Die Männer riefen einander immer wieder etwas zu, mehr Helfer herbei; Gondas hatte viele Männer, die Krieger durften zu ihren Frauen und Kinder gehen, die Speere und Schilde an die Wänden stellen, sie hatten ihre Arbeit getan, die Ladungen und Gondas sicher nach Hause gebracht.
Gondas war ein guter Mann, er hatte Selija einen großen Silberarmreif mitgebracht, in der Mitte schmal, aber zu den Enden hin breiter; er hatte ihn ihr über die Hand gestreift, sein Gewicht ließ sie absinken. Selija berührte die Narbe, Gondas wich zurück. Er war noch nie vor ihr zurückgewichen, doch jetzt tat er das. Selija versuchte es noch einmal, aber Gondas wandte sich um und ging. Die Männer türmten die Waren zu riesigen Haufen auf, sie wussten, sie könnten später wiederkommen, um sich ihren Anteil zu nehmen, Gondas war gut, er würde alle gerecht entlohnen, sowohl die Mitgereisten als auch die Hiergebliebenen.
Die Frau, das Beinahe-Kind, war anders. Sie hatte kein strohfarbenes, sondern leuchtend braunes Haar, gewellt, und hellbraune, glasklare Augen.
»Das ist Glesum«, sagte Gondas.
Selija zuckte zusammen, sie hatte gar nicht gespürt, wie er nähergekommen war; der Name ließ sie zusammenzucken, so einen hatte sie noch nie gehört, solches Haar, solche Augen, diesen Blick eines verängstigten Wolfjungen noch nie gesehen.
»Sie ist stumm, niemand hat je ihre Stimme gehört, du kannst sie nichts fragen«, sagte Gondas.
»Das sehe ich selbst«, erwiderte Selija.
›Sie sollte besser nicht bei uns wohnen‹, dachte sie bei sich. Besser wäre, sie würde überhaupt nicht leben, dachte sie.
Das Pferd schüttelte sich, weil die Mücken es von allen Seiten angriffen, und stürzte den Bottich um, das Wasser ergoss sich immer weiter, endlos. Selija kam es so vor, als würde sich auch ihr Leben genauso ergießen, mir nichts, dir nichts im Boden versickern, während das Pferd dem Bottich einen Tritt versetzte und ihn in unbestimmte Weiten davonfliegen ließ.
Glesum klammerte sich fest an den Wagen, die Männer machten einen Bogen um sie, schubsten sie nicht herum. Sie beruhigte sich ein wenig, alle kamen zur Ruhe, und allmählich kehrte das Leben in seine gewohnten Bahnen zurück.
3. Blut
Selija bog die Finger um, sie zählte die Tage. Es waren wirklich zu viele, das Blut der Menstruation zeigte sich nicht, Selija begriff, dass geschehen war, was nicht hätte passieren dürfen. Sie hatte schon einen Sohn von Gondas, Bentis, über zehn Winter alt; und wenn die Schneeschmelze käme, wenn Tag und Nacht gleich lang wären, würde er erwachsen genug sein, um als Krieger und einer der Stammesführer in die Fußstapfen seines Vaters zu treten.
Selijas Sohn Bentis kam im ersten Winter zur Welt, kaum dass sie zu Gondas gezogen war. Bentis war ihr ganzes Leben, mehr Leben hatte sie nicht. Jetzt war sie noch einmal schwanger, das Blut zeigte sich nicht, obwohl Selija es herbeizurufen versuchte. Die Tage vergingen, die Abende jagten die Morgen, Selija musste sich beeilen, denn wenn das Kind sich zu bewegen begann, war es zu spät, es herauszuholen.
Selija klopfte an, eine alte Frau, die mit einem Bein voller vernarbter Wolfsbisse humpelte, das wohl noch immer schmerzte, obwohl es längst verheilt war, machte die Tür auf. Die beiden Frauen gingen hinein, die Hütte war klein, für einen Menschen reichte der Platz aus, zumal für ein altes Weib mit Wolfsbissen an einem Bein.
An den Wänden hingen überall Kräuter zum Trocknen, es roch streng nach Wundsalben, die die Alte selbst gemischt hatte. Drinnen bekam man kaum Luft, der stickige Dunst getrockneter Pflanzen und kochenden Schweinefetts, vermischt mit dem von Blättern, drang in Selijas Herz. Ihr wurde speiübel, der Boden unter ihr geriet ins Wanken, drehte sich, die Pflanzen erwachten zu neuem Leben, die vertrockneten Blüten öffneten sich, die Zweige streckten sich in die Länge und wanden sich um Selijas Beine.
Als sie erwachte, lag sie auf dem schmutzigen Lehmboden, mit einem abgetragenen Pelz zugedeckt. Die Alte hielt ihr etwas scharf Riechendes vors Gesicht, Selija drehte den Kopf weg, damit es nicht so in den Augen brannte. Da könnte sie ja blind werden! Diese Alte mit den Wolfsbissen am Bein war zu allem fähig. Sie konnte mitten im Sommer Wasser zu Eis gefrieren lassen, indem sie ihm Kräuter beigab. Sie wusste, wie man Leichname so präparierte, dass sie bis zum Begräbnis frisch blieben. Sie heilte die Wunden der Männer, strich sie mit allem möglichen ekelhaften Zeug ein, sodass sogar gestandene Männer sich übergaben, doch die Wunden verheilten. Sie verband gebrochene Beine und hieß die Patienten, dreißig Nächte liegenzubleiben, manchmal auch zweimal dreißig, dann konnte man wieder gehen, seine Arbeit verrichten, als wäre nichts gewesen. Sie linderte Husten und Fieber, verwandelte Schmerz in Ruhe, erweckte Tote zum Leben, machte Lebende tot.
Ihr Bein mit den Wolfsbissen hatte sie selbst geheilt, nachdem die Kinder sie mit vereinten Kräften nahezu ohne einen Hauch von Leben aus dem Wald getragen hatten, ihr Blut war schon herausgeflossen; wieder zu Hause, sagte sie, mit welcher Salbe die Kinder das Bein einstreichen sollten, das taten sie immer wieder, mit sehr viel Salbe, sie hatte es ihnen so befohlen, sie strichen sie immer weiter ein und würgten dabei wegen des Gestanks und ob des Anblicks der herunterhängenden Fleischfetzen. Dann hieß sie sie noch, die Beine mit Leinenlumpen zu verbinden, sie hatte welche bereitgelegt, aber nicht gedacht, dass sie für sie selbst wären – sie richtete alles für andere, aber siehe da, jetzt brauchte sie es selbst. Die Kinder verbanden das Bein, die Frau schlief ein, die Kinder gingen nach Hause und vergaßen das Ganze. Die Wölfe griffen oft an, bissen die alten Frauen, wenn sie sich zu weit von zuhause entfernten. Wenn sie nicht starben, versuchten sie sich auf alle möglichen Arten zu heilen, aber das gelang ihnen nur sehr selten, meist kamen sie zur Göttermutter und fielen dem Vergessen anheim. Die Kinder hatten nur selten Mitleid mit den alten Frauen, die Kinder hatten das Leben lieber als den Tod.
Auch diese Alte vergaßen die Kinder, doch eines Tages erinnerte sich eines von ihnen an sie und schaute bei ihr vorbei, sie war putzmunter, nur noch älter als zuvor, und zog das Bein nach. Sie humpelte erneut durch die Wälder und über die Wiesen, sammelte Pflanzen, denn wer sollte das an ihrer Stelle für sie tun?
Selija weinte, sie wusste selbst nicht, warum. Man erzählte sich im Dorf, in der Hütte der Alten würden alle weinen. Die einen um die Toten, die anderen um die Lebenden, denn aller Wunden seien gleich, man sollte sie nicht vergleichen.
Die Frau streichelte Selijas Kopf, und alles kam zur Ruhe, der Schmerz verschwand, die Angst war weg, die Übelkeit, selbst sie war wie verflogen.
»Wozu bist du hergekommen, Selija?«, fragte die Frau. »Deinem Kind geht es gut und auch dir, du kannst ruhig nach Hause gehen, du brauchst nichts, du hast alles.«
»Ich habe alles«, pflichtete Selija ihr bei.
»Aber du bist hergekommen, als würde es dir an etwas mangeln«, sagte die Frau.
Selija sah ein, dass die Frau alles wusste. Sie wusste, dass sie das Kind nicht brauchte. Selija ärgerte, dass sie ihr nicht einfach von diesem Gebräu gab und sie wegschickte.
»Selija, du wirst die Göttermutter erzürnen. Tu das nicht, Selija.«
Selija lachte nur schallend.
»Selija, ich werde dir diesen Trunk nicht zubereiten, nicht einmal für alles Silber, das dein Mann schon besitzt oder noch mitbringen wird.«
Selija lachte. Sie hatte noch nie davon gehört, dass Silber Herz und Gedanken nicht milder stimmte, die Gottesfurcht nicht verringerte.
»Selija, du hast alles, ich habe nur ein Bein voller Wolfsbisse. Aber ich brauche nicht mehr«, sagte die Frau ganz ruhig.
›Den Menschen, dem es an nichts fehlt, gibt es nicht‹, dachte Selija bei sich. ›Auch du, Alte, hättest gern etwas.‹
»Ich werde Gondas sagen, er soll dich in den Wald werfen, dann hast du niemanden mehr, für den du deine stinkenden Salben zubereiten kannst; niemand wird dich mehr brauchen, dann kannst du die Wölfe heilen, die dir das Bein zerfleischt haben.«
»Selija, du wirst die Göttermutter erzürnen. Tu das nicht, Selija.«
»Mein Mann Gondas ist stark und reich. Ich kann machen, was ich will.«
Die alte Frau zuckte zusammen. Sie konnte alles, aber Selija überstieg ihre Kräfte. Selija besaß weder Herz noch Verstand, Selija konnten nicht einmal ihre allerbesten Salben helfen.
Die Frau humpelte, das Bein mit den Wolfsbissen hinter sich herziehend, zur Wand, nahm eine gute Handvoll getrockneten Stechapfel, Bilsenkraut, dazu je ein paar Zweige vom einen und anderen Kraut, Samen und kochte alles zusammen auf. Sie rührte nicht um, diesen Trunk durfte man nicht rühren.
Dann goss sie ihn in ein kleineres Tongefäß, ein hübsches, das sie erst kürzlich getöpfert hatte, zusammen mit allen Kräutern, verbeugte sich vor der Göttermutter, verzeih mir, wir haben nicht immer die Wahl, und reichte Selija das Gefäß.
Das Blut erschien, und das Leben kehrte in seine gewohnten Bahnen zurück. Den restlichen Trunk goss Selija nicht weg, sondern bewahrte ihn für das nächste Mal auf.
4. Nebel
Kirnis trug ein weiteres Bündel trockenes Brennholz herum, das er selbst hackte und zu so großen Scheiterhaufen aufstapelte, dass es für all die Winter reichen würde, die ihm noch blieben. ›Warum nur schleppst du, Kirnis, du alter Krieger, Brennholz durch die Gegend, wie oft haben wir dir doch schon gesagt, dass du das Deine getan, dem Anführer nach Kräften gedient hast. Dein Schild und dein Speer stehen an die Wand gelehnt in deiner Hütte und warten darauf, mit dir im Grab ihre letzte Ruhe zu finden.‹ Aber was konnte man einem Greis schon sagen, welcher uralte Greis würde denn auf einen hören?
Kirnis zwängte sich mit einem weiteren Bündel Brennholz an Selija vorbei durch die Tür, an einem Fuß ein luxuriöser Lederstiefel, unterhalb des Knies zugeschnürt mit einem Riemen, dessen Schnalle glänzte, und Glöckchen daran, die leise klingelten – klingeling –, wenn Kirnis langsam seine alten Beine anhob, ein luxuriöser Lederstiefel, den Kirnis einem Germanen vom Fuß genommen hatte, nachdem er zuvor seine Brust mit seinem langen, meisterhaft gefertigten Speer durchbohrt hatte. Kirnis sagte, da sei auch ein anderer Schuh gewesen, vom selben Germanen, genauso schön, gleichfalls aus Leder, mit Riemen und Anhängern, sogar die Bewohner anderer Siedlungen seien gekommen, um ihn sich anzusehen, so schön und einzigartig sei er gewesen, nur glaubt ihm das kaum einer mehr, denn Kirnis’ anderes Bein war mit Pelzen umwickelt, sowohl im Sommer als auch im Winter, Kirnis war weder kalt noch heiß, doch die Anhänger bimmelten immer – klingeling.
»Kirnis, du lieber Kirnis, du uralter Greis, wo ist denn dein Schuh, wo ist dein Verstand?«
»Verbrannt«, erwiderte Kirnis, er sagte immer dasselbe.
»Wirklich verbrannt«, sagten die Älteren, die sich noch daran erinnerten. Damals, vor langer Zeit, als Gondas noch nicht gehen konnte und sich erst langsam auf die Beine stellte, erhielt sein Vater eine Nachricht, ob gut oder schlecht, weiß allein die Göttermutter. Julian, der für Kaiser Nero die Gladiatorenkämpfe veranstaltete, hatte Gesandte an die Ostseeküste geschickt, um Bernstein für ihn zu erwerben. Eine Gruppe Reiter, einige Händler und viele weitere Männer waren schon seit einer Woche am Meer unterwegs und tauschten allen Bernstein, den die Küstenbewohner gefunden hatten, gegen Geld ein. Man sagte, sie seien vierzig Tage lang ohne Rast gereist und deshalb wütend und erschöpft angekommen, ihre Pferde prusteten und scharrten mit den Hufen den Boden, glänzten in der Sonne – der Schweiß und die gute Rasse –, die Reiter stellten Schilde und Schwerter auf den Boden, wie sie hier noch keiner gesehen hatte, ihre Händler aber waren friedlich und wussten genau, was sie wollten.
Gondas’ Vater, der erfahrene Krieger und oberste Stammesführer, war benachrichtigt, man musste über das weitere Vorgehen entscheiden. Im Heiligen Hain wurde umgehend eine Versammlung der Männer des Stammes einberufen, sie besprachen die Angelegenheit, berieten sich mit der Göttermutter, und schließlich erkannten sie, dass sie selbst an die Küste reisen und nachsehen mussten. Nebel kann man nur vor Ort auseinandertreiben.
Kirnis rückte die Schuhriemen zurecht, nahm seinen Schild und den Speer mit der schmalen und kurzen Spitze zur Hand, scharf genug, dass er bei Bedarf sowohl aus einiger Entfernung als auch aus der Nähe kämpfen konnte. Als zweitstärkster Mann folgte er auf Gondas’ Vater, Kirnis war schlau und erfahren, auch wenn es noch viele andere Männer gab, ging er immer neben dem Anführer und kämpfte um kein Haar schlechter.
»Nein, Kirnis, du musst hierbleiben«, sagte Gondas’ Vater. Kirnis blinzelte in die Sonne schauend, schnappte nach Luft, wusste nicht, was er sagen sollte.
»Jetzt, Kirnis, wo ich den Sohn Gondas habe, ist es deine Pflicht, dort zu sein, wo er ist, um ihn zu beschützen.«
Kirnis blinzelte in die Sonne schauend, schnappte nach Luft, wusste nicht, ob das eine Ehre oder sein Niedergang war, doch dem Stammesführer widersetzt man sich nicht.
Es verging kein Tag, und Gondas’ Vater versammelte die stärksten Männer und die schärfsten Speere – man konnte ja nie wissen, ob jene Krieger und Händler Gutes oder Böses im Sinn hatten, sie würden unsere Länder durchqueren, wer weiß, ob in Frieden oder raubend und mordend –, und sie setzten sich, kaum hatten sich die Morgennebel gelichtet, auf ihre Pferde oder liefen in Richtung Küste los, ihre Kinder und Frauen ließen sie in der Obhut von Kirnis und einiger Vertrauter zurück. Unruhe stellte sich ein. Kirnis wusste als alter Krieger mit gutem Riecher, was das bedeutete.
Ein seltsames dumpfes Grollen kam immer näher, Kirnis wusste, das war kein Gewitter und auch keiner der anderen natürlichen Donner. Pferdehufe polterten über die Erde. Ihre Erde. Dem alten und mutigen Krieger Kirnis stockte das Herz. Am Klang erkannte er, wie ungleich die Kräfte verteilt sein würden. Diese verfluchten Langobarden, so nannten sie die Germanenstämme: Wer weiß, welcher genau es diesmal war, die Gotonen, Lugier oder auch Burgunden, grausam und gierig, sie hatten alle nur eins im Sinn – fette Beute. Kirnis hatte schon Siedlungen gesehen, die sie verwüstet hatten, obwohl er noch keinem von ihnen begegnet und auch keinen niedergekämpft hatte.
Kirnis wusste, die wenigen Männer wären nicht genug, er wusste, dass die Schutzzäune mit den spitzen Pfosten die Langobarden nicht aufhalten würden. Sie mussten möglichst schnell fliehen, in die Erdhöhlen kriechen, die sie für das Getreide gegraben und von außen gut mit Mist abgedeckt hatten, vielleicht würden diese Scheusale sie ja dort nicht finden.
›Gondas. Ich muss immer da sein, wo er ist, und ihn beschützen.‹ Kirnis packte Gondas, steckte ihn unter einen Arm und stürmte wie ein Wilder davon. Den Speer in der einen Hand, den Schild in der anderen, die Mutter folgte ihm laut kreischend, sie begriff vielleicht nicht einmal, was in ihn gefahren war, warum er mit ihrem Kind davonlief, mit ihrem Leben, sie hatte doch kein anderes; die vom Geschrei geweckten Leute aber, alte Männer und Frauen liefen ihnen samt den Kindern hinterher. Jetzt hörten alle das Grollen, ihre Herzen blieben vor Angst stehen, die Füße zertrampelten das Getreide, wer weiß schon, ob sie es überhaupt noch brauchen würden.
Es schrie nur die Mutter, ihr hatte jemand das Kind weggenommen, die anderen schwiegen beim Rennen, bewahrten den letzten Schrei für den Abschied auf, wenn ein Langobardenspeer sich in ihren Rücken bohren würde oder auch ein Schwert in ihr Herz.
5. Met
Kirnis rannte voran, Gondas, den er unter den Arm geklemmt hatte, schlief, seine Mutter kreischte, wenn jemand euer Kind davontrüge, würdet ihr auch schreien, dieser Verrückte, Gondas’ Mutter bedauerte, dass sie kein Messer dabei hatte, sie würde es ihm in den Rücken rammen, das Grollen kam immer näher, während die Glöckchen seiner Stiefel immer weiter bimmelten, das hatte gerade noch gefehlt.
Die Mutter hörte die Pferde nicht, nur den Atem des schlafenden Kindes, es war noch so klein, erwachte nicht einmal, wenn es herumgetragen wurde, und das wurde es, weil man es schon verstecken musste. Die Mutter weinte, ohne Tränen, der Abend nahte, Wind kam auf, die Bäume rauschten gleichgültig.
Kirnis legte Waffen und Kind auf den Boden, grub mit den Händen ein Loch in den Mist, die Mutter hob Gondas auf und wandte sich um, sah die anderen angelaufen kommen, erst jetzt wurde ihr klar, was eigentlich los war. Das Grollen war nun ganz nah, es dämmerte, man konnte kaum etwas sehen; Kirnis schob die Leute in die Erdhöhle, so viele Platz fanden, zuerst die Mutter und Gondas, die anderen gruben sich in andere Erdhöhlen durch, krochen hinein, die Männer schlossen die Höhlen von außen wieder mit Mist. Auch die stärkeren Frauen blieben draußen, erhielten jede ein Messer und einen Speer mit schmaler und kurzer Eisenspitze, scharf genug, dass sie bei Bedarf sowohl aus einiger Entfernung als auch aus der Nähe kämpfen konnten.
Alle rannten zurück ins Dorf, so wären sie nicht in der Nähe der Erdhöhlen, wenn ein Kind weinte oder einer der Alten es nicht mehr aushielt und stöhnte. Die schützende Palisade stand schon in Flammen: ›Gleich brennen auch alle Häuser‹, dachte Kirnis bei sich, es herrschte Trockenheit, es dämmerte, das Löschen war ein Ding der Unmöglichkeit. Das Wiehern der Pferde und die ihre Schwerter schwingenden Langobarden mit ihren vor Gier geweiteten Nüstern. Kirnis hatte weder Frau noch Kinder, in den Diensten von Gondas’ Vater hatte er nie die Zeit gefunden, um darüber nachzudenken – und das war gut so, denn er musste dessen Kind beschützen.
Die Häuser in der Nähe der Palisade brannten schon lichterloh, sie waren aus Holz, schön mit Lehm verputzt. Rauch, Schreie, Metall auf Metall, der stumme Abschiedsgruß der Sterbenden an die Göttermutter.
Kirnis drückte die Wildschweinfigur, die an seinem Hals hing: »Beschütze mich, beschütze Gondas«, und stach zu. Immer wieder, wo immer er ein Loch in der Rüstung ausmachte; den Speer hielt er in die Höhe, die Vandalen stürzten von ihren Pferden, Kirnis, blutüberströmt, wer weiß, ob es ihr Blut war oder seines, er würde später nachsehen, jetzt stach er einfach immer wieder zu. Er, der alte Krieger, hatte viele Schlachten geschlagen, aber nie zuvor hatte er eine solche Wut im Bauch gespürt, er wusste, wenn nicht er, dann niemand, ein paar Männer und Frauen, es wurden immer weniger, Kirnis sah, wie die Vandalen in ihren Häusern herumtrampelten und das Beste mitnahmen. Kirnis hörte nicht auf zuzustechen, der Geruch von Blut und Hass war stärker als der schwärzeste Rauch.
Er würde nicht fliehen, aber auch nicht sterben, das durfte er jetzt nicht, er musste dort sein, wo Gondas war, und ihn beschützen. Stille trat ein, keiner lebte mehr, nur Kirnis und die Vandalen, sie lachten laut, zeigten einander, was sie gefunden hatten, und klimperten nicht mehr mit Schwertern, sondern mit dem Silber. Kirnis drückte sich an die Außenwand des Eckhauses, den Speer fest umklammernd für den Fall, dass eines dieser Scheusale ihm zu nahe kam. Ein Schuh war weg, offenbar hatte sich der Riemen gelöst, alles stand in Flammen, Kirnis’ Haare waren versengt, das Feuer kam immer näher, er legte sich ins Gras und kroch leise zum Wald hin los. Die Vandalen setzten sich schon auf ihre Pferde und verschwanden johlend in der Dunkelheit.
Es war Kirnis’ kühnste Schlacht, aber auch seine letzte. Kirnis’ Haus brannte im Gegensatz zu den meisten nicht nieder, daher brachte er Gondas zu sich, und dessen Mutter folgte ihm. Alle im Dorf hatten Angst und schwiegen, starrten mit leeren Augen in die nächtliche Finsternis – aber was hätten sie dort sehen sollen? Am Morgen machten sich die Überlebenden sofort an die Arbeit und räumten in den Brandruinen auf, sammelten herumliegende Sachen ein, fingen ein paar entlaufene Pferde der Langobarden ein, während Gondas seine ersten festen Schritte ging und Kirnis Schild und Speer an die Wand im großen Raum seiner Hütte stellte, wo sie bis zu seinem Tod auf ihn warten würden. Nach jener Schlacht verstummte Kirnis, beantwortete nicht einmal mehr Fragen, sogar als Gondas’ Vater zurückkehrte, sagte er nichts, erklärte nichts, sondern übergab Gondas nur schweigend seinem Vater, sah sich in der ausgebrannten Siedlung um, das linke Bein hatte er schon mit Pelzen umschnürt, und nur die Glöckchen des rechten Schuhs bimmelten wie gewöhnlich – klingeling, klingeling.
Die Häuser wurden wieder aufgebaut, Silber häufte sich an, und alles ging wieder seinen gewohnten Gang, nur Kirnis verlegte sich auf das Herumtragen von Brennholz und ließ sich nicht beirren. In der warmen Jahreszeit saß er in seiner Hütte oder ging in den Wald, und sobald der Frost kam, tat er alles, was nötig war, um Gondas vor der Kälte zu schützen. Manchmal öffnete er auch einfach die Tür, sah nach Gondas und ging wieder nach Hause, ohne zu jemandem ein Wort zu sagen, er atmete die Luft ruhig ein, schnupperte, ob alles in Ordnung war, drehte den Kopf zur Seite und horchte, ob da keine Pferde waren, fremde, die eigenen kannte er, er zog nie mehr mit Gondas’ Vater aus, selbst wenn er ihn dazu einlud, aber weder eine Frau noch Kinder hatte er je, niemand begriff, was er ferner zu tun oder wohin er zu gehen gedachte, niemand sah ihn je mehr glücklich oder traurig, also vergaß man ihn und ließ ihn in Ruhe auf den allein der Göttermutter bekannten Wegen wandeln.
Wenn Kinder oder Frauen an guten Tagen gerade nichts zu tun hatten und jemanden necken wollten, dann sagten sie:
»Kirnis, du lieber Kirnis, du uralter Greis, wo ist denn dein Schuh, wo ist dein Verstand?«
»Verbrannt«, erwiderte Kirnis, er sagte immer dasselbe.
Es braucht so wenig, dass der Verstand verbrennt.
Einmal reisten Soldaten des Kaisers Nero auf den Handelswegen an der Ostseeküste und brachten von dort so viel Bernstein nach Rom mit, dass man damit das Podium der Gladiatorenkämpfe und die Knoten des Netzes zum Schutz vor den wilden Tieren verzieren konnte, während der Sand der Arena, die Leichentragen und die Utensilien, die für Abwechslung bei den täglichen Prozessionen sorgten, aus Bernstein bestanden. Sie brachten winzige Stücke mit und auch sehr große, die mehr als ein neugeborenes Kind wogen.
Die Häuptlinge der Ästier bereiteten ihnen einen freundlichen Empfang, töteten keinen von ihnen und tauschten den Bernstein gegen eine Fülle von Silber, Münzen und anderen Schätzen ein, an denen Männer und Frauen gleichermaßen Gefallen fanden. Sie bereiteten ihnen einen freundlichen Empfang, töteten niemanden, denn wer bekommen hat, was er wollte, kommt wieder.
6. Tränen
Wie jeden Frühling würde auch dieses Jahr der Tag kommen, an dem sich alle freuten, tanzten und sangen, der richtige Tag, um den Willen der Göttermutter zu erfahren, um sie um Gefallen zu bitten. Das war Frauenarbeit, die Männer mischten sich nicht ein, sie hatten ihre eigenen Pflichten, als Soldaten und Händler, die Frauen hätten sie auch gar nicht teilnehmen lassen, es überstieg die Kräfte der Männer, sich um Geburt, Fruchtbarkeit, Ernte und ähnliche Angelegenheiten zu kümmern, mit der Natur zu beraten.
Wenn der Schnee langsam schmolz und die Tage länger wurden, sahen sich die Frauen allmählich rastlos um, schienen stets auf etwas zu warten, aber keine ahnte, worauf – nur die Alte mit den Wolfsbissen am Bein wusste es, sie rief plötzlich alle zusammen, sagte, es sei Zeit; und alle Frauen, ob jung oder alt, ob voller Kraft oder kränkelnd, wenn die Beine sie nur trugen, die Wohlhabenden und sogar die Sklavinnen, flochten, bevor die Dämmerung hereinbrach, ihre Zöpfe, wuschen das Haar mit Kräutersuden, damit es im Abendrot so richtig glänzte, hüllten sich in ihre schönsten Schleier, ließen Kinder und Männer zurück und eilten auf den Lindenhügel, fröhlich und außer Atem; alle liefen sie hin, die jungen und die alten, als wären sie jung, sie spürten keinen Schmerz, sie spürten weder das Knirschen der Gelenke noch die Alltagsmüdigkeit noch irgendeine Art von Furcht: Du bist am Leben, solange du auf den Frauenberg steigen kannst, und wenn du das nicht mehr kannst, wozu dann leben?
Sie mussten auf den richtigen Augenblick warten, wenn Tag und Nacht gleichlang waren; nur die alte Frau wusste Bescheid, sie bereitete sich vor, kochte Trünke für alle und Tollkirschensalbe für die Greisinnen: Die Zutaten waren jetzt vorhanden, die dünnen Frühlingskräuter hatte sie schon in den Kessel geworfen, das Quellwasser und der Zauber der Alten entzogen ihnen ihre Essenz; nur in den Händen der Alten wurden sie so, sonst grünten sie nutzlos, auch die anderen alten Frauen wussten viel über Kräuter, die Hexen, sie wussten zu heilen und zu verzaubern, doch nur die Alte mit den Wolfsbissen am Bein wusste, wie sie sich mit der Göttermutter unterhalten musste, sie um Gnade und Erlaubnis bittend, ihr die auf der Zunge liegenden Fragen stellend; nur sie kannte die Sterne und sah, wann der Tag lang genug war zum Feiern und Bitten.
Ihre Geheimnisse hütete die Alte wie ihren Augapfel. Aber sie war schon alt – was wäre nach ihrem Tod? »Seid beruhigt, habt keine Angst, die alte Frau mit den Wolfsbissen am Bein lässt euch nicht allein, sie weiß viel besser als ihr, wann der Tod kommt, und wird ganz sicher nicht von euch gehen, ohne eine von euch in ihre Geheimnisse eingeweiht zu haben.« Keine der Frauen wusste, wen von ihnen sie im Sinn hatte, alle wollten diejenige sein und warteten voller Ungeduld, aber es war nicht an ihnen zu wählen, die Alte würde die Geeignetste nennen, die Göttermutter würde sie auswählen, und ihr könnt nicht anders, als ihrem Willen zu folgen.
So tanzten jetzt alle ihre Reigen, flochten die ersten Kränze, ganz kleine noch aus kurzen Gräslein, gerade erst hervorgesprossenen, setzten sie sich oder eine der anderen auf, spritzten mit frischem Wasser um sich, nicht eine von ihnen sah nach, ob die andere ihr eine Freundin oder verhasst war, sie gaben sich so, wie sie es nur ohne Männer taten, sangen Lieder, traurige und auch fröhliche, wie sie gerade an die Reihe kamen, wie die Alte sie anstimmte, die anderen begleiteten sie nur, machten Feuer, erbaten bald die eine bald die andere, was ihr Herz begehrte oder woran es in ihrem Heim mangelte, baten um eine gute Ernte, um Weizen, Gerste und Hafer, dazu ein wenig Roggen und Hirse, dass die Kinder nicht hungrig wären, baten darum, dass weder wilde Tiere noch Krankheiten sie heimsuchten, baten um Kampferfolg für ihre Männer, baten um Silber und andere wunderschöne Dinge, baten um Kinder, wenn sie keine hatten, baten um Ruhe, wenn sie schon von allem reichlich hatten. Sie hörten nicht auf zu bitten, so wollte es der Tag, so wollte es das Fest, die Göttermutter erhörte eine jede, sah jede Träne, man durfte sie selbst wegen des kleinsten Begehrens stören. So sagte es die Alte mit den Wolfsbissen am Bein, wer sollte es auch besser wissen als sie?
Sie tranken, was die Alten für sie zubereitet hatte, für jede einen eigenen Trunk, die Alte achtete genau darauf, dass sie nicht verwechselt würden. Auch Selija schlürfte den ihren, die Alte reichte ihr eine rote Flüssigkeit zur Reinigung, so eine würde nicht einmal die Göttermutter erhören, aber was soll’s, Selija wusste, was sie wollte und bekam es auch. Und auch Glesum trank, die anderen hatten sie gegen ihren Willen hergebracht, völlig verängstigt hierher gezerrt; sie stand starr vor Angst da, glaubte vermutlich, man würde sie opfern, aber nein, du Dummerchen, dieses Fest ist nicht von dieser Art, keine Opfer, der Weihrauch, den die Alte aus Bernsteinstaub gemischt und ein wenig weiter weg von den Tänzerinnen unter der Linde mit den meisten Ästen entzündet hat, um die Göttermutter zu betören und ihr Herz zu erweichen, damit keine der einfachen Frauen verletzt würde, ist genug. Die Alte reichte Glesum ihren Trank, damit sie sich beruhigte, sie würde noch lange hier weilen, wie sollte sie alles aushalten, die Ärmste – sie musste zu Kräften kommen, um für all das bereit zu sein, was sie erwartete. Die Alte mit den Wolfsbissen am Bein streichelte Glesums Haar: »Mein Kind, womit hast du das alles verdient, der Sturm wird sich legen, alles wird gut, du wirst leben.« Und wirklich, Glesum kam zur Ruhe, eine starke Friedlichkeit löste den Blick des verängstigten Wolfswelpen ab.
Auch die anderen tranken, bis die alte Frau zum Abschiedstanz lud, zum allerschönsten; eine nahm die andere an der Hand, und so bildeten sie einen riesigen Kreis, beugten sich vor und wieder zurück wie im Fieberwahn, wussten nicht mehr, wer sie waren, in ihrer Weiblichkeit erstarkt, zu einer Einheit, zur unteilbaren FRAU geworden, deren Stärke für Nöte erforderlich war. Als der Gesang verstummt war, eilten alle nach Hause, noch benommen, überglücklich, zurück blieben nur einige der Ältesten und die Alte mit den Wolfsbissen am Bein.
Wer bleiben durfte, wusste es selbst, sie setzten sich unter die alte Linde, der Bernsteinstaub war schon aufgebraucht, und strichen sich Achselhöhlen und Knöchel mit Tollkirschensalbe ein, murmelten halblaut wer weiß was, die Alte mit den Wolfsbissen am Bein führte sie – sie verwandelten sich in Kolkraben oder schwarze Wolken, erhoben sich in die Lüfte und flogen davon, um sich mit den Alten der anderen Stämme zu treffen, landeten auf den Ästen der Linden, schnatterten und erfuhren so den wahren Willen der Göttermutter, die dieses Jahr dies und das versprach, sowohl Besseres als auch Schlechteres. »Das Leben wird nicht so, wie ihr es gerne hättet, aber es wird zum Aushalten sein, wie immer.«
7. Milch
Gondas hatte die Wagen schon wieder mit allerlei wertvollen Gütern vollgeladen: an vorderster Stelle Bernstein, große Brocken und kleinere, unbearbeitet, dazu, soviel davon Platz fanden, von den nach dem Winter wieder guten Pelzen – er schickte sich an, nach Carnuntum zu reisen, vielleicht sogar bis nach Aquileia, das würde er später entscheiden.
Gondas rief erneut die stärksten Männer der benachbarten Stämme desselben Namens, desselben Blutes im Heiligen Hain zusammen, vollgesogen mit den Prophezeiungen der Ahnen und alter Furcht. Ein abgelegener Ort, niemand störte sie hier, und die Götter waren hier besonders nahe. Natürlich würde es mehr Gewinn abwerfen, die Waren nach Aquileia zu bringen, dort kann man den Bernstein direkt an die Handwerker verkaufen, die ihn später bearbeiten. In Carnuntum bekamen sie erheblich weniger dafür, die römischen Zwischenhändler wollten ja auch etwas verdienen. Sie hatten schon einmal Bernstein nach Aquileia gebracht und waren dafür so reich belohnt worden, dass die Achsen ihrer Wagen auf der Rückreise fast gebrochen wären, sie hatten nicht nur Geld und Glasgeschirr mitgebracht, sondern auch Kupfer, Zinn und Zink, das reichte den örtlichen Meistern für Jahre, so viele Messingarmreife, Broschen, Anhänger und anderen Schmuck konnten sie daraus fertigen, mehr als es Leute gab, die Frauen und Männer schmückten sich jeden Tag mit etwas anderem.
Für Selija hatten die Meister damals ein wunderschönes Brustband gefertigt, wie sie es nur in anderen Ländern hatten kennenlernen können, aber auch von sich noch vieles hinzugefügt, sie verstanden nicht weniger von ihrem Handwerk: An den Seiten je zwei Nadeln mit einem runden, perforierten Kopf, eine für die linke, die andere für die rechte Brustseite. An den Köpfen je ein Anhänger befestigt, halbkreisförmig, ebenfalls mit einem hübschen Lochmuster. Auf der flachen Seite je fünf Kügelchen, von denen lange Ketten aus kleineren Kügelchen ausgingen, fünf an der Zahl, von unterschiedlicher Länge, die die ganze Brust bedeckten. Selija trug das Brustband, wenn sie guter Stimmung war oder auch, um zu zeigen, wer im Stamm das Sagen hatte.
Selija stand hinter einem Baum und horchte. Sie wusste, dass sie das nicht durfte, na und? Eine andere Frau mitbringen, das durfte man ja auch nicht, aber wer hörte schon auf sie? Wie sehr sie sich auch immer zu beruhigen versuchte, sie bekam eine Gänsehaut. Die Bäume rauschten irgendwie zornig, und dann war da noch diese Eule, ›U-huuu‹, wie verhext. Warum konnte sie nicht einfach still sein? Sie machte ihr Angst und störte sie beim Zuhören. Und auch die Männer wurden leiser, sie redeten weiter, aber halblaut, sodass Selija kaum noch etwas verstehen konnte.
Es werde immer schlimmer, sagte Gondas, die Germanen witterten die Händler: die Lugier, die Burgunden, die Markomannen, die Quaden – alle warteten nur darauf, die Wagen zu überfallen und die Männer zu erdolchen oder gefangen zu nehmen und den Bernstein für sich zu behalten, als hätten sie ihn selbst eingesammelt. Die Markomannen und die Quaden drangen ins Römische Reich ein, zogen mit ihren Kriegern bis nach Aquileia. Auf dem Weg dorthin traf man jetzt schon nicht mehr nur auf germanische Räuberbanden, sondern auch auf ganze, gut bewaffnete Armeen, den Bernstein und den Proviant, den sie immer mit sich führten, wollten alle. Von so einer Reise konnte man nicht nur ohne Reichtümer, sondern auch gar nicht mehr zurückkehren. Sie sollten sich besser nach Osten wenden, meinte Gondas, über die Berge ziehen, das dauere länger, mindestens fünfzig Tage in eine Richtung, aber so sei nun einmal das Leben, es lasse uns eben oft keine Wahl.
Verhandelt, abgemacht, die Trinkhörner standen bereit, mit Met gefüllt, um die Vereinbarungen zu bekräftigen.
Selija weinte, das hatte ihr gerade noch gefehlt, den Mann zu verlieren, Bentis war noch zu klein, Getier schlich um ihre Beine, im Wald funkelten die Augen der wilden Tiere, Selija rannte, so schnell die Beine sie trugen, nach Hause, völlig außer Atem.
Am Morgen kehrte Gondas müde, aber ruhig zurück – nach der Entscheidung war ihm leichter ums Herz –, er sagte Selija nur, in ein paar Tagen werde er sich mit den besten Männern auf den Weg machen. Selija weinte, bat ihn, nirgendwohin mehr zu gehen, sie hätten auch so schon genug, sogar mehr als genug.
»Was wäre ich für ein Anführer, wenn mich nicht nach mehr dürstete?«, fragte Gondas, und damit war alles entschieden.
Damit auch Selija zu wollen lernte, ließ sie Gondas zu den Wagen gehen, die die Soldaten selbst für alle Fälle abwechselnd bewachten, und sich nach Belieben zu bedienen. Gondas hatte Recht, er war nicht umsonst der Anführer, ohne Grips wird man nicht zum Besten. Zuerst nahm Selija ein paar von den allergrößten Stücken zur Hand: »Aber die kannst du dir nicht um den Hals hängen, und zum Zerteilen sind sie zu schade«, meinte Gondas. Worum es Gondas schade war, darum war auch ihr schade. So gebot es die Pflicht der Ehefrau.
›Vielleicht sollte ich ja, wenn Gondas weg ist, wieder bei der Alten mit den Wolfsbissen an einem Bein vorbeischauen, vielleicht würde sie ja etwas für Glesum zusammenbrauen, damit alles ruhig und schmerzlos vorbei wäre?‹ Später, jetzt war der Bernstein an der Reihe.
Und dann sah Selija das, was sie brauchte. Ein kleines Stück Bernstein, weiß wie Milch, auf dem Wagenboden, gut, dass sie tiefer gegraben hatte. Selija drückte ihn fest in ihrer Hand, den Tropfen, so voller Leben, die allerliebste Milch, am Rand entlang ein feiner Streifen, rot wie geronnenes Blut. Selija würde zu Handwerksmeistern gehen, sich nicht bei ihnen anstellen, das musste sie nicht, die anderen mussten warten, sie würde zu ihnen gehen und sie bitten, einen Anhänger für sie zu fertigen, mit feinen Ketten, damit sie ihn immer um den Hals tragen konnte als Zeichen – sollen die Menschen und Götter nur sehen, wer hier das Sagen hat.
II.
BETA URSAE MINORIS
oder
KOCHAB
IM KLEINEN BÄREN
Kochab (arabisch: al kaukab »Stern«) ist ein orangeroter Riese von etwas geringerer Helligkeit als der Polarstern. Der zweithellste Stern im Kleinen Bären belegt den 49. Platz auf der Helligkeitsskala der Sterne und war im ersten Jahrhundert dem nördlichen Himmelspol am nächsten. Bis heute bleibt unklar, welchen Stern im Kleinen Bären die alten Balten als Polarstern ansahen: Alpha (den heutigen Polarstern) oder Beta (Kochab). Für andere Völker wie die alten Araber war Kochab der Polarstern. Er leuchtet 450-mal heller als die Sonne und ist 42-mal größer als sie. Seine Entfernung zur Erde beträgt etwa 130 Lichtjahre. Sein Alter wird auf etwa 2,95 Milliarden Jahre geschätzt.
8. Nebel
Einige Wochen nach dem Fest der Frauen kam für die Männer die Zeit, in der Krieger und Händler nicht auf Reisen waren, sie blieben zu Hause, weil Jünglinge ihres Stammes das Alter erreicht hatten, in dem sie zu Kriegerfürsten werden sollten, und das Fest ihrer Initiation anstand. In diesem Jahr war die Reihe an Bentis, dem Sohn des obersten Stammesführers, deshalb bereiteten sich alle auf eine besonders feierliche Zeremonie vor, säuberten den Heiligen Hain, schnitten das Gras und lichteten den Jungwald, luden die Stammesführer ein, um zu schauen, was für eine Feier das würde, mit was für Reichtümern und Macht.
Auch die Frauen gingen hin und beobachteten, wie ihre Söhne zu Männern wurden, denn dazu waren sie von Geburt an bestimmt gewesen.
An jenem Morgen putzte sich Selija noch viel schöner als sonst heraus, hängte sich so viel Schmuck um, wie nur Platz war; die Sonne schien wohltuend, sie wusste, was für ein Tag heute war, also zeigte sie sich nicht störrisch und versteckte sich nicht hinter den Wolken.
Sie musste Bentis bereitmachen, Gondas hatte es schon angeordnet, die Männer warteten. Aber nichts lief nach Plan, die merkwürdigsten Dinge geschahen. Bentis saß auf seinem Bett und weigerte sich, es zu verlassen, die Augen standen hervor, die Pupillen waren geweitet, er sprach bald mit sich selbst, bald mit wer weiß wem, mit Wesen, die kein anderer sah, den Lebenden gab er keine Antwort, als wären sie gar nicht da. Er rupfte und zupfte an seinen Kleidern, als wären sie voller Pferdehaar, doch das waren sie nicht. Manchmal schrie er, als wäre er außer sich, rief laut, dass Käfer über die Wände krabbelten, doch wo sollten die in einer so sauberen Hütte herkommen? Alle sahen sich um, versuchten die nicht vorhandenen Uferfeuchtkäfer, Schnellkäfer und Waldmaikäfer totzuschlagen, aber was hätten sie denn totschlagen sollen, wenn da nichts war?!
Alle waren so mit der Käfersuche beschäftigt, dass sie gar nicht sahen, wie Bentis sich auszog, nackt über die Felder lief und dabei wer weiß was herumschrie, während seine leicht angeschwollene Männlichkeit, die er nicht nur nicht verbarg, sondern ganz offen zur Schau stellte, hin und her baumelte. Das war schon für einen einfachen Mann eine unerhörte Schamlosigkeit, ganz zu schweigen vom Sohn des Anführers. Gondas schickte gleich mehrere seiner Männer aus, um ihn einzufangen, sie wurden Bentis schon nach kurzer Zeit habhaft, fesselten ihn mit Stricken und bedeckten ihn ein wenig, auch wenn der sich nach Kräften wehrte, sich schreiend hin und her wand und sogar zu beißen versuchte. Sie schleppten ihn nach Hause, schlossen ihn ein, verbarrikadierten die Tür, einige der Männer blieben als Wache zurück.
Fast drei Tage brachte Bentis in diesem Wahn zu, erst dann schlief er ein. Wer nichts gesehen hatte, schwieg, und wer es gesehen hatte, machte den Mund nicht auf, denn Gondas war gut, aber wenn er in Wut geriet, konnte er einen eigenhändig mit dem Speer durchbohren, bevor man auch nur einen Mucks von sich gab, da kannte er kein Erbarmen.
Die Gäste gingen auseinander, beluden ihre Wagen mit Gondas’ Geschenken, schlugen sich die Bäuche voll und zechten, ohne sich groß zu wundern, Soldaten bekamen ja noch ganz anderes zu Gesicht. Der Sohn des Anführers, na und? Beim Sterben sind alle gleich.
»Gib ihm Wasser«, hieß die Alte mit den Wolfsbissen am Bein Selija.
Selija gab ihm immer mehr Wasser und hörte nicht auf damit, bis Bentis wirklich zur Ruhe kam und dann genas, danach war er wieder ganz der Alte.
9. Regen
Als sie sich um Bentis keine Sorgen mehr machen musste, bemerkte Selija, dass mit ihr selbst etwas nicht stimmte. Sie war schwanger. Vielleicht hatte sie ja zu wenig vom Gebräu der Alten getrunken, oder er hatte nicht gewirkt, oder vielleicht hatte die verfluchte Hexe ihn auch zu schwach zubereitet. Selija war schwanger, also musste sie es noch einmal versuchen.
Selija griff zum Tongefäß mit dem Tollkirschensud, den sie aus Vorsicht zur Seite gestellt hatte, jetzt würde sie ihn ganz austrinken, wer weiß, was dann kam, vielleicht würde sie vom Wahn heimgesucht über die Felder rennen, laut schreien und um sich schlagen, den Regen herbeirufen, was sonst hätte die Kraft, alles auszuwaschen, bis man sie einfing, fesselte und einsperrte, doch vielleicht wäre sie ja dann losgeworden, was sie nicht wollte.
Der Krug war leer. Bis auf den letzten Tropfen ausgetrunken, so hatte es Selija es gewollt. Aber warum hatte das, was für das eine Kind bestimmt war, ein anderes getrunken?
10. Tränen
Ich bin gar nicht Glesum, mein Name ist Blindė. Ich wurde in einen anderen Stamm hineingeboren, der auch zu den Ästiern gehört, aber das weiß hier niemand und das ist gut so. Ich schweige, sage zu keinem ein Wort, damit niemand merkt, wie ähnlich einander unsere Sprachen sind. Wir wohnen noch weiter weg vom Meer, das weiß ich, denn auch unsere Männer fahren zuweilen an die Küste für Bernstein, aber nicht so oft wie Gondas – wir wohnen weiter weg, es ist nicht einfach für uns, die Küste zu erreichen und den anderen Händlern zuvorzukommen. Wir leben nicht schlecht, auch ohne Bernstein, bauen Weizen an und haben Vieh, dazu Bienen, die uns Honig und Wachs gaben, die tauschen wir gegen römisches Geld und andere Reichtümer ein, die die Bernsteinhändler von dort mitbringen, wir haben von allem genug, sogar mehr als genug.
So hätte ich denn dieses wunderbare Leben gern weitergeführt, aber ich war hässlich, sah anders aus als die anderen, braunes Haar, braune Augen, niemand wollte ein solches Mädchen, alle schubsten mich herum, aber Essen bekam ich, über zu viel Arbeit konnte ich auch nicht klagen, ich musste nur Eicheln einsammeln für die Schweine, in härteren Wintern auch für die Menschen, das war’s schon. Aber mein Name war scheußlich, man sagte, da sei eine Frau gewesen, sehr fruchtbar, sie habe aus jedem beliebigen Körperteil gebären können, sogar aus den Beinen und Armen, und so habe sie die Göttermutter aus Wut in eine Salweide verwandelt, in unserer Sprache Blindė, grün, aber unfruchtbar. Man sagte, wer so hässlich wie ich sei, brauche keine Kinder, die Abscheulichkeit müsse mit mir enden, aber was wusste ich Kind denn schon?
Ich hätte immer so weitergelebt, vielleicht nicht ganz so wunderbar, doch als ich im Wald umherstreifte und nach Eicheln oder wer weiß was Ausschau hielt, ich weiß selbst nicht mehr, wonach, vergaß ich mich völlig, es regnete Bindfäden, da spürte ich plötzlich, dass mich jemand an den Haaren packte, ich schrie laut: »Na und, schrei doch, so viel du willst, wer wird schon auf so eine Vogelscheuche hören, da rein, in den Wagen und fertig.«
Es waren mehrere Wagen, eine ganze Kolonne, ich fuhr zum ersten Mal irgendwohin, wer sollte mich auch herumkutschieren, der Wagen war aus Holz, er holperte so, dass ich mich übergab, bis man mich so mit Fäusten und Füßen bearbeitete, dass ich mich beruhigte. Die anderen Wagen waren vollbeladen mit Sachen und blickfest zugedeckt, nur in einige ganz hinten – wie kleine Häuschen mit Gittern – hatte man ebenso unglückselige Schmutzfinken wie mich gepfercht, nur hübschere. Die meisten davon Frauen und Kinder, die konnten sie leichter einfangen, unterwegs kamen Männer hinzu, die die Wagen anzugreifen versuchten, die wurden eingefangen, gefesselt und landeten bei uns.
Wir fuhren lange durch die Gegend, die Sonne ging auf, die Sonne ging unter, Tag für Tag, die Sprache der Menschen wechselte immer wieder, man gab uns ein wenig zu essen und zu trinken, wir durften abwechselnd auf dem Wagenboden schlafen, der Wagen ratterte und holperte, bis wir vergaßen, wer wir waren und wo wir herkamen.
Als die Straßen langsam besser wurden, fest und aus Stein, erreichten wir das Land der Krieger und Händler, man hieß uns aussteigen, wir stanken, waren voller Schmutz, man musterte uns von oben bis unten, befahl uns zu schweigen und uns um Kreis zu drehen; dann tauschte ein dickbäuchiger Mann mit einem glänzenden Ring am Finger mich gegen Geld ein, mich und noch ein paar hübschere Frauen, ich weiß gar nicht, warum er mich, so hässlich und klein, zusammen mit ihnen nahm.
Die Fahrt ging weiter, diesmal dauerte sie nicht ganz so lange, wir gelangten in eine riesige Stadt (später sagte man mir, sie heiße Aquileia, doch damals war mir das egal, Hölle ist Hölle, wie immer du sie auch nennen magst), eine, wie ich sie mir nicht einmal im Traum vorgestellt hätte. Man ließ mich an einer Mauer frei, vor einem Tor – weißes zweistöckiges Haus, rotes Dach, das Wasser schoss in Strahlen empor und fiel in große Becken hernieder, nicht nur auf dem Hof, sondern auch in den Gemächern, auf den Innenhöfen spazierten Vögel, große mit farbigen Schwanzfedern herum; dazu kamen die allerschönsten Bäume, Sträucher und Blumenbeete, hübsch zu allen möglichen Figuren zurechtgeschnitten, die Wände im Inneren mit Bildern von Mensch und Natur bemalt; dazu andere Bildnisse aus Stein, wie echt, ein Großteil des Daches fehlte, da war ein Loch, durch das so viel Sonnenlicht hereinstrahlte, dass alles im Inneren funkelte, während der Himmel sich überall im Wasser spiegelte. Ein buntes Farbenspiel wie im wundersamsten Traum – Mosaike an den Wänden und am Boden, farbenfrohe Stoffe – und auch die Stühle ganz weich, die Betten mit unzähligen weichen Stützen.
Ich war hin und weg, konnte keinen Schritt mehr gehen, man musste mich mit Gewalt von dort wegzerren. Ich erlangte meine Fassung wieder, gewöhnte mich an alles, wenn niemand es sah, weinte ich noch, ganz leise, um nicht aufzufallen, ich hatte doch ein paradiesisches Leben. Meine Arbeit bestand darin, der Dame des Hauses die Kleider bereitzulegen und ihr beim Anziehen zu helfen. Das war es auch schon. Meine Herrin besaß von allem im Überfluss, ganze Zimmer waren vollgestellt und -gehängt, der Schmuck fast ausnahmslos aus Gold, in separaten Kästchen verstaut. Sie pflegte sich schön zu machen und für den ganzen restlichen Tag zu verschwinden, vergnügte sich mit Frauen und Männern, war frei, so sehr es ihr Herz begehrte, hatte vom Vater ein Vermögen geerbt und gab es nach eigenem Gutdünken aus, ihr Mann konnte nur zusehen und schweigen.
Ich half ihr beim Anziehen der Tunika, immer aus Seide, leuchtende Farben und bestickt, mit zwei Gürteln, die ich ihr umband, einen um die Taille, den anderen unter der Brust hindurch, um ihre Figur stärker zu betonen. Zuvor band ich ihr noch ein Stoffband eng um die Brust, das ihre Brüste in Form brachte und anhob. Dazu Schuhe, Goldschmuck, das Haar wickelte ich mit einer glühend heißen Zange zu Locken, dann ging meine Herrin. Bei ihrer Rückkehr war sie fröhlich und nicht selten beschwipst vom Wein, dann zog ich sie aus, das war’s, tagsüber hatte ich frei.
Ich dachte mir allen möglichen Schabernack aus – probierte die Kleider der Herrin an, versuchte die Pfauen einzufangen, plantschte insgeheim in den Schwimmbecken; die Bilder, Skulpturen und Wandbehänge habe ich bis heute vor Augen, so oft und so lange bestaunte ich sie. Wenn ich von allem genug hatte, ging ich zur Tür meines Herrn und horchte, der alte Kaufmann hatte stets Gäste, die Getreide und Flachs aus Ägypten, Saphire aus Taprobane, Seide aus China oder ästischen Bernstein zum Verkauf hierherbrachten. Diese Länder klangen in meinen Ohren wie Zaubersprüche, aber ich wusste damals schon, dass es auf der Welt eine Vielzahl davon gibt, und ich gab mir Mühe, sie mir zu merken, für den Fall, dass ich einmal dorthin gelangte.
Besonders mochte ich in die Thermen, auch dort half ich meiner Herrin beim Aus- und Ankleiden. Ich warf den Kopf in den Nacken und schaute lange zur Decke, die allerschönsten Zeichnungen, nur so hoch oben, dass man sie kaum sehen konnte, Säulen und ein Marmorboden, seht nur, da rutscht ein Tollpatsch aus und fällt hin, denn rundum ist nichts anderes als Dampf. Meine Herrin trug dort nur einen Lendenschurz und die Brüste stützende Stoffbänder, während ich die Tunika anbehielt – mich hat noch niemand nackt gesehen, so hässlich, wie ich bin. Obwohl, hier in Aquileia sah ich gar nicht so hässlich aus, hier lebten alle möglichen Menschen, schwarze und noch schwärzere, sogar ihre Haut war schwarz, und schneeweiße wie zu Hause, sogar solche wie ich. Aber wem oft genug gesagt wird, er sei hässlich, der ist es auch, der wird nicht schön, nur weil er am anderen Ende der Welt gelandet ist.
11. Blut
Nackt hatte mich auch mein Herr nicht gesehen. Julianus, er sah nicht sehr oft vorbei, immer erst bei Einbruch der Dämmerung, wenn meine Herrin sich wer weiß wo herumtrieb und noch nicht von dort zurückgekehrt war. Er warf mich aufs Bett, beim ersten Mal begriff ich gar nicht, was jetzt kommen würde, er knetete mich nur, Blut, immer mehr Blut, ich dachte schon, das würde nie mehr aufhören; der Herr wand sich, das Tier, soll er doch verrecken, später hörte ich auf zu denken, lag mit geballten Fäusten da, weinte lautlos und ohne Tränen, biss mir die Lippen wund, jedes Mal, das hörte nicht auf, wie sehr ich mich auch immer an die ganze Abscheulichkeit gewöhnt hatte.
Doch eines Tages, gegen Abend, ich sah mich nach meiner Herrin um, sie konnte nach Hause kommen, sie hatte mich wie immer geheißen, sie an der Tür abzuholen, ich schlurfte herum und wartete, ließ Kieselsteine durch die Luft fliegen, neckte die Hunde – jemand packte mich an den Haaren, schon wieder an diesen verfluchten Locken, nicht umsonst hasste ich sie so sehr, packte mich und hob mich auf einen Wagen. Ich schrie nicht, ich hatte mir schon vor langer Zeit abgewöhnt zu schreien, um Hilfe zu bitten oder zu beten, ich wusste, es würde so kommen, wie es kommen musste, nichts zu machen, nichts zu erflehen, du musst nehmen, was du bekommst. »Du wirst meine Glesum sein«, sagte er, was soll’s, ich bin schon ganz anderes gewesen.
Dieser Mann, Gondas, brachte mich wieder in einem Wagen weg, ohne Gitter, wie einen Menschen, wie seine ermatteten Krieger, die längste Zeit wusste ich nicht, wohin, vielleicht ja nach Hause, ihre Sprache ähnelte der unseren sehr, und sie sahen auch aus wie unsere Männer mit ihren Wildschweinamuletten auf der Brust. Ich schwieg, als hätte man mir den Mund gestopft; es ist stets besser zu schweigen, bis man weiß, was auf einen zukommt, und es kommt, wie es kommt, meist schlecht, also schwieg ich. Der Wagen rüttelte und schüttelte wieder, Holzräder, aber wenigstens lagen auf dem Boden ein wenig Stroh und Pelze. Wir fuhren erneut sehr lange, die Sonne ging auf und unter, immer wieder, er fütterte mich wie eine Prinzessin, rührte mich selbst nicht an, die Krieger hielten überhaupt großen Abstand. Als ich völlig durchgerüttelt war und mich ausgekotzt hatte vor lauter Schaukeln, erlaubte man mir auszusteigen. Ich fühlte mich wirklich wie zu Hause – die Bäume und Häuser und Menschen wie bei uns, sie sahen mich nur böse an, als wäre ich freiwillig hier, als wäre ich zu Besuch, wo mich niemand wollte, alle sahen in mir so etwas wie ein Scheusal, ein von der Göttermutter gesandtes Ungemach. Nur Gondas nicht, obwohl er dem Alter nach hätte mein Vater sein können, noch schön und stark, ich sah, dass er gut zu mir wäre.
Er kam zu mir, als er mir ein Haus gebaut hatte, ziemlich weit weg von den anderen, nur für mich, und obwohl auch er ein Tier war, hatte sein Blick einen anderen Ausdruck, irgendwie sanft, und auch die Hände waren sanft, er gab sich Mühe, mich nicht zu verletzen. Er fand mich nicht hässlich, streichelte immer wieder mein Haar und sagte: »Du bist meine Glesum.« Schon gut, ich werde sein, was du willst, habe ich denn eine Wahl?
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