Kitabı oku: «Makk»
1
Der alte Graf stampfte mit dem Fuße, betheuerte, daß das nun die letzten Schulden wären, die er für seinen Sohn, den Herrn Gesandtschafts-Rath in Paris, bezahle, unterzeichnete den Wechsel und händigte ihn dem Secretair zur weitern Besorgung ein; dieser aber zitterte an Händen und Beinen, denn so entrüstet hatte er seinen lieben alten Herrn lange nicht gesehen.
Die Stadt der Welt, sagte begütigend der ehrliche Lippert: hat ein theures Pflaster; die Ambassadeure der andern hohen Potentaten mögen daselbst sich wohl durch manchen luxuriösen Aufwand auszeichnen; unser junger Herr wollen nicht zurück bleiben, meinen vielleicht, daß sie der Ehre unsers Hofes dergleichen kleine Opfer schuldig —
Mein Herr Sohn ist ein Narr, brummte der Graf. Unser Allerhöchster Herr ist ein Muster von Ordnung und weiser Sparsamkeit; wollen dem der Herr Sohn Ehre machen, so nehmen Sie sich ihn zum Exempel. Wäre es des Monarchen Absicht, daß die Beamten, seine Gesandten im Auslande, viel Aufwand machen sollten, und wäre die Kunst, Geld auszugeben, sein Maßstab, ihre Brauchbarkeit zu beurtheilen, so würde er ihnen höhere Gehalte aussetzen; das Schuldenmachen in fremdem Lande entwürdiget das Gesandtschaft-Personale und die Nation, die es zu vertreten das Glück hat. Ferdinand macht seinem Hofe, seinem Vaterlande, mir und sich die meiste Ehre, wenn er ein rechtlicher, vernünftiger Mann bleibt, der nicht mehr ausgibt als er auszugeben hat, und seinen guten Namen wie ein Heiligthum bewahrt. So weit Sie auch hinauf in die Reihe unserer Altvordern zurückgehen mögen, Sie werden keinen Ulmenhorst finden, der, wie Herr Ferdinand, bei Juden und Christen sein Ehrenwort so leichtsinnig verpfändet und dann andern Leuten überlassen hätte, es mit schwerem Gelde wieder einzulösen. Also schreiben Sie ihm, Lippert, daß dieß das Allerletztemal sey, daß ich für ihn bezahle, und schreiben Sie es ihm recht derb und verständlich; denn, weiß der Himmel, wenn ich ein halb Dutzend solcher theuren Herren Söhne hätte, ich liefe in drei Jahren zum Lande hinaus.
Nun, von unserm lieben Herrn Grafen Gotthold haben wir dergleichen nicht zu befürchten, erwiederte der alte Geheimschreiber: der hat bis jetzt doch immer kaum die Hälfte von dem gebraucht, was Ew. Erlaucht ihm ausgesetzt.
Lippert, versetzte der Graf und wendete sich seitwärts, daß der Secretair nicht das Gemeinmenschliche, die Vaterfreude, gewahren solle, die ihm in der Brust aufwallte: ich freue mich doch auf den Gotthold.
Wir alle freuen uns auf ihn, versetzte Lippert mit herzlichem Tone. Er wird neue Lust und neues Leben in das Haus bringen, und daß er in Ew. Erlaucht Wünsche, die Verwaltung sämmtlicher Güter zu übernehmen, eingegangen, gibt uns die angenehme Hoffnung, daß wir ihn hier in unserer Mitte behalten werden.
Lippert, hob der Graf vertraulich an: Sie sind ein alter treuer Diener, und Sie meinen es mit dem Gotthold gut; ich habe einen Plan, der sein Wohl bezweckt, und den Sie mit ausführen helfen sollen.
Der alte Sekretair schwieg und horchte.
Der Gotthold muß sich nun nach einer Frau umsehen, fuhr der Graf, zu Lippert gewendet, mit gedämpfter Stimme fort. Ich habe mehrere auf dem Rohre. Eine – wenn Gotthold die wählte – wenn Sie ihn dahin vermögen könnten —! Er hört auf Sie – ich kann mit ihm von so etwas nicht reden; das schickt sich nicht; aber Sie wissen, welche ich meine.
Lippert wußte es nicht; er sann auf verschiedene ebenbürtige heirathfähige Schönen der Umgegend, aber er wagte nicht, sie zu nennen.
Rathen Sie, sagte der Graf lächelnd. Wen würden Sie für Gotthold wählen?
Fräulein Sara von Agolfingen, rückte Lippert schüchtern heraus.
Ein altes, ursprünglich Baiersches Geschlecht, erwiederte der Graf mit tiefer Achtung: schon im sechsten Jahrhunderte wird seines Namens erwähnt, doch hieß es damals Agilolfingen; wenigstens behauptete der alte Feldzeugmeister, Sara’s Großvater, aus jenem berühmten Hause, aus dem die Fürsten der damaligen Bajoaren ausschließlich gewählt wurden, das doppelt höher stand, als alle übrige edlen Geschlechter, und dessen Sprößlinge doppelt so viel werth waren, als ein jeder andere freie Bajoar, in grader Linie abzustammen. Aber Fräulein Sara hat, fehlender Mittel wegen, sich vor wenig Tagen entschließen müssen, eine Gouvernantenstelle anzunehmen, darum möchte es sich wohl nicht schicken, wenn mein Sohn einer dienenden Person seine Hand böte.
Baronesse Goldstein? fragte, von dem Seitenhieb auf die sogenannte dienende Klasse heimlich verletzt, Lippert halb laut.
Ein wahrer Goldstein, entgegnete lächelnd der Graf: denn das Mädchen wiegt drei Tonnen Goldes; aber was war die Mama? die Tochter eines Wollhändlers; und der Großpapa? ein alttestamentarischer Großwürdenträger, ein Erblandoberhofbarbier; denn bei der Münze und bei dem Tabak-Monopol, und bei der Schlacht- und Tranksteuer, kurz bei allen seinen, mit dem Staate abgeschlossenen Pachtunternehmungen hat er unsern allerhöchstseligen Herrn, und das gesammte Land, ganz unchristlich barbirt. Ein solches Reis mit einem Schößling unsers reinblütigen Stammbaums zu kopuliren, möchte wohl nicht recht paßlich seyn.
Gräfinn von Waiblingen doch nicht etwa? preßte sich Lippert ab, und erschrak, als der alte Herr freundlich blintzelnd nickte; Getroffen, sagte dieser triumphirend. Sehn Sie, Lippert, das wäre ein Pärchen; die einzige Tochter; die große Stammherrschaft Waiblingen Kunkellehn; der Vater ein Allgewaltiger bei Hofe, und das Mädchen schön wie ein Engel.
Lippert schwieg, denn, wie er Gotthold kannte, war, wenn dieser während seiner vierjährigen Abwesenheit sich nicht um und um geändert hatte, Gräfinn Aurora keine Frau für ihn.
Nun, Sie sagen ja gar nichts, hob der alte Herr etwas befremdet an. Sie gefällt Ihnen wohl nicht, meine künftige Schwiegertochter? Aengstigen Sie sich nicht, setzte er spöttelnd hinzu: Sie sollen sie auch nicht heirathen, sondern Gotthold. Ich weiß, Sie meinen das kleine Verhältniß mit dem Erbprinzen! – nicht wahr, das ist der Stein des Anstoßes?
Lippert schlug die Augen nieder und wollte mit den Achseln zucken, aber er getraute sich, das nicht, denn in dem jovialen Tone, in dem die Erlaucht des kleinen Verhältnisses erwähnt, lag die Ansicht, daß etwas der Art eigentlich gar nichts zu bedeuten habe, daß man sich über derlei Bagatellen wegsetzen müsse, und daß Herr Secretair Lippert, wenn ihm an dem fernern Wohlwollen seines Prinzipals gelegen, wohl thun werde, in solchen Kindereien kein Obstakel zu finden, sondern vielmehr, so viel in seinen Kräften stehe, den jungen Grafen mit bearbeiten zu helfen, daß dieser in die Pläne des Vaters ohne Weigerung eingehe.
2
Drei Tage darauf bogen vier Extrapostpferde, lang gespannt, um die kleine Dorfkirche in den Schloßhof; Graf Gotthold flog aus der leichten Reisechaise in die Arme seines Vaters, und die Einsamkeit und das Stillleben, welche jahrelang in dem alterthümlichen Gemäuer des ehrwürdigen Stammschlosses geherrscht hatten, flohen mit diesem Augenblicke in die Tiefen des fernen Schwarzwaldes, wohin sie gehörten.
Es ist noch ganz der Alte! rief die treue Dienerschaft, die sich am herzlichen Wiedersehn zwischen Vater und Sohn theilnehmend ergötzt hatte, erfreut einander zu, nur fand man ihn stärker und größer und kräftiger und frischer; den ehrlichen Lippert schloß der liebenswürdige Gotthold, wie einen väterlichen Freund, an die stürmisch bewegte Brust; den Silberkopf, den Kammerdiener, die alte Bettfrau, und seine Jugendgespielinn, die niedliche Lisbeth, die unterdessen als Silberwäscherinn angestellt, und seinen ehemaligen treuen Jagdgefährten Lebrecht, der während der Zeit zum Büchsenspanner aufgerückt war, herzte und küßte er ab, und den Andern Allen reichte er die Hände, und jedem sagte er Freundliches und Liebes, wie es ihm aus dem Herzen kam, und Alle gingen von dannen gerührt, entzückt und geschmeichelt, und waren seines lauten Lobes voll.
Die folgenden Tage schon fuhr der glückliche Vater mit dem Ankömmling in der Runde umher, und stellte ihn der Nachbarschaft vor, und überall, vornehmlich aber in den Häusern, wo heirathbare Töchter, Nichten oder Cousinen zu finden, empfing man den jungen Grafen mit zuvorkommender Artigkeit, und wünschte dem Alten zur Rückkehr dieses liebenswürdigen Jünglings aufrichtig Glück.
3
Auf allen Rittersitzen der ganzen Runde ward seit dem Besuche des jungen Ulmenhorst in den weiblichen Kreisen die lebhafteste Regsamkeit sichtbar. Frau v. Stetefisch hatte mit unbeschreiblichem Wohlgefallen bemerkt, daß er die ganze Zeit seines Besuchs von ihrer Gundel kein Auge verwendet. Du hast ihn weg, sagte sie, als er fortgefahren war, zum Töchterlein scherzend: der Mensch brennt wie eine Scheune; und Kunigunde ward vor Schreck, daß die Mutter das auch bemerkt, kirschroth im ganzen Gesichte, schlug den Blick nieder und lächelte verschämt. So nicht, Gundel, so nicht, sagte mißbilligend die Mutter, so zimperlich gebehrdet sich jetzt kaum eine Bürgerdirne noch; den Kopf in die Höhe! die Augen gerade aus! ihm keck und lustig in das Gesicht geschaut! Der junge Mensch hat etwas Blödes, wenn Du auch so seyn wolltest, kämt ihr Euch im Leben nicht näher; junge Männer der Art müssen in unserm Entgegenkommen, in unserm fröhlichen Scherz die aufmunternde Versicherung finden, daß sie uns nicht unangenehm sind. Auf den Sonntag sind wir bei Ulmenhorsts zum Souper und Ball eingeladen. Nimm Dich zusammen, Gundelchen; Du bist nicht häßlich und weißt Dich zu produziren; mache mir Ehre, und denke, daß der junge Ulmenhorst mit die reichste Parthie im Lande ist.
Aber den Tod möchte man über Dich doch gleich auf der Stelle haben, hob die Baronesse von Pfortenrode, als die Grafen Ulmenhorst sie verlassen, zur Tochter gewendet, mit leidenschaftlicher Heftigkeit an: kommst du doch wahrhaftig zur Stube hereingefahren, wie eine lebendige Windbraut; ich mag recht gern, daß ein junges Mädchen rasch und lebhaft sey, aber so wild und jäh! – meiner Treu, ein Rehbock, ein Kalb springt nicht so mit beiden Beinen zugleich in das Zimmer, wenn sie sehen, daß bei den Eltern Gesellschaft ist; und dann, Renzchen, fuhr sie mit mütterlichem Ernste fort und steckte das Busentuch fest, das überall zu schmal war, und zog die losen Schnüre des Leibchens fester zusammen: ich bitte Dich um Gotteswillen, wie hängt und fliegt und flattert alles um Dich herum! Du mußt durchaus mehr Aufmerksamkeit auf Dein Aeusseres wenden; Du bist kein Kind mehr, und Ulmenhorsts Gotthold sucht, ich weiß es von sicherer Hand, eine Frau; umsonst kam er nicht zuerst zu uns; umsonst erkundigte er sich nicht nach Dir; umsonst sprach er nicht ausschließlich mit Dir, und immer nur mit Dir! und Du – wie standst Du da! Ich hätte vor Scham und Aerger in die Erde sinken mögen; die Hände auf dem Rücken, lehnst Du Dich mit den Schultern an die Wand, stehst auf einem Fuße, schlenkerst mit dem andern hin und her, klotzest ihn unaufhörlich an, als wolltest Du ihn mit den Augen durchbohren, und lachest in einem fort in die Welt hinein, wie eine junge Gans.
Die muthwillige Emerentia erglühte bei dieser Strafpredigt vor heimlichem Aerger über die Mama, denn ihr ehemaliger Jugendgespiele, der allerliebste Gotthold, hatte in ihr bestimmt weder ein Kalb, noch eine Gans gefunden; er war freundlich und lustig gewesen, wie sonst, sie hatten von den tollen Streichen ihrer Kindheit gesprochen, und dabei hatten sie natürlich ein bischen gelacht; das war Alles gewesen; und wenn Gotthold wirklich eine Frau brauche, so, meinte Emerentia, würde sie sich als Gräfin Ulmenhorst recht gut ausnehmen.
Einen reitenden Boten nach Gimpelstädt! rief die Landräthin, die Grafen Ulmenhorst waren noch nicht die Treppe hinunter, ihrem Kammermädchen mit einer Hast zu, als hinge von der Versäumniß jeder Minute das Wohl eines Welttheils ab; sie hatte deren, wie die Geographen vor Australiens Entdeckung, viere. Papchen, Pipchen, Popchen und Pupchen, das war ihre Welt; vier frische Mädchen, eins derber und runder als das andere; sie standen zwischen 17 und 24 Jahren, galten für die reichsten im Umkreise, legten in der Wirthschaft selbst Hand an, und wären alle viere, längst unter der Haube gewesen, hätte Mama sie nicht in gar zu hohem Preise gehalten; mancher Freier war schon mit tüchtigem Korbe davon gegangen, und darum hatte in der letzten Zeit keiner sich wieder melden wollen; doch Mama Landräthin, die sich auf den in der Umgegend errungenen Beinamen einer resoluten Frau etwas zu Gute that, ließ sich dadurch nicht bange machen. Etwas Rechts, oder gar Nichts, war ihr erster Wahlspruch, und lieber als Jungfrau gestorben, als in schlechter Ehe verdorben, ihr zweiter. Gotthold, das sagte sie sich im Stillen, denn mit ihrem Eheherrn sprach sie über derlei Dinge nicht, der war im Hause, wie im ganzen Kreise, eine reine Null – Gotthold war ein Mann für eine ihrer Töchter, mit dem legte sie Ehre ein, und wenn, wie sie sich ausdrückte, nur einmal ein Loch gemacht wäre, würden die andern nach und nach wohl auch abgehen; Papchen, des Papa’s Liebling, und darum also genannt, denn eigentlich hieß die Susanne, war für Gotthold schon zu alt; Peppy, Josephe, die zweite, hatte schon als Kind das Zeitliche gesegnet; Pipchen, Philippine, war an den Major v. Schnüren bereits halb und halb verthan, wie es die Mutter nannte; Popchen, Pauline, aber stand, wegen einer kürzlich erst entdeckten kleinen Liebschaft mit einem jungen Bürgerlichen, bei der Mama nicht recht gut angeschrieben; Pupchen ward daher dem glücklichen Gotthold bestimmt; das Kind hieß eigentlich Polykarpe; ihrem Pathen, einem Pupillenrath, zu Ehren aber, und um das fünffache Vokal-Kleeblatt voll zu machen, ward ihr Name korrumpirt, und nur, wenn Papa es recht gut mit ihr meinte, nannte er sie witziger Weise, in Bezug auf die Endsylben ihres wahren Namens, sein Karpfenpupchen.
Die Mutter las den Kindern, während der Eilbote seinen Gaul sattelte, nachstehendes, an den Gimpelstädter Perückenmacher Zäusler gerichtetes, in aller Geschwindigkeit hingeworfenes Billet vor. Zu dessen Erklärung ist die Notiz nöthig, daß Herr Zäusler vordem in der Residenz bei der Oper als Theaterfriseur angestellt gewesen war, und beim täglichen Zusehen in der Tanzkunst so erfolgreiche Fortschritte gemacht hatte, daß er, den immer mehr in das Weite gehenden Ansprüchen der eigenwilligen Solotänzerinnen zu genügen, aus Alterschwäche nicht mehr gnügend, sich vor zwanzig Jahren in seinen Geburtort Gimpelstädt zurückgezogen hatte, wo er des Vormittags die hohe Noblesse als Friseur bediente, in den Feierstunden der Abendmuße aber den Tanzgelehrigen für ein Billiges Unterricht ertheilte.
Bester Herr Zäusler!
Und sollte Sie’s auch nicht recht gelegen seyn, so muß ich Ihnen doch tringend bitten, schleinichst mit dem Menschen zu Pfärde raus zu kommen, und den Bäuerschen Kalobb-Walzer mit zu pringen, denn gizt will alles auf Bäuersch Kalobbiren, der erste wie der lätzte. richten Sie Sich Ein, bis zum Sontag Frih hier pleiben, und pringen Sie meune neie Duhr mit den langen Lokken kleich mit. Sie kennen doch den Hoppswalzer, der gizt Mothe ist? ich meine den, der sich so anfänkt: Rumm rumm, rumm rumm, Diideya, Diideya, und bin
Ihre
wohl afekzionirteLina v. Zwickel,Königl. Landräthin desRoggenfelder Kreises.
N. S.
Sie kriegen däglich 1 Rthlr. 12 gr. und aller frei, dafür missen Sie aber so lange hoppsen, bis sie’s können. Hätte Sie fülleicht jemand Andersch schon auf das Bäuersche für seine Döchter bestellt; so gebe ich auch mehr, wenn Sie es anterwärts ausschlagen und zu uns kommen.
In Eil.
Zäusler war in der peinlichsten Verlegenheit; eine ganze Woche bei Landraths in Floribus zu leben, und obenein noch täglich ein so stattliches Honorar zu bekommen, war eine Aussicht, wie sie ihm, seit er seinen Abtritt aus der Residenzwelt genommen, noch nicht geboten worden war; aber der Walzer, der Walzer! Er hatte von dem Baierschen Gallopp in seinem Leben noch kein Wort gehört, und der war, das las er sich wohl aus dem kauderwälschen Brief heraus, die Hauptsache. – Ohne den – durfte er nicht kommen. Er brummte das Rumm, Rumm, zehn- und zwanzigmal vor sich hin, aber da wollte kein Walzer herauskommen. Wie eine Sternschnuppe aus finsterm Himmel, fiel ihm in der Angst seines Herzens bei, daß bei seinem Nachbar, dem Schneider, ein Baierscher Gesell arbeite. Dem heiterte sich das ganze Gesicht auf, als Zäusler mit der höchsten Spannung, der man es anhörte, daß Ehre und Leben auf der Antwort standen, ihn fragte: ob er den Baierschen Gallopp kenne. Mit beiden Beinen war der flinke Gesell vom Tische; im grünen Dachse zu Ingolstadt hatte er ihn zum letztenmale getanzt, daß sich ihm die Gaststube um und um gedreht hatte; er galloppirte dem gelehrigen Zäusler sein Kunstwerk vor; der eiligst herbeigeholte Stadtpfeifer setzte die Musik, wie sie ihm der Schneider vorfistulirte, für das Klavier, und also wohl versehen schwang sich der frisirende Tanzlehrer hinter den landräthlichen Reitknecht auf den Stallklepper, und kam, einen kleinen Sturz abgerechnet, bei dem alle drei, der Gaul, der Pferdebändiger und Zäusler, in eine haushohe Brennnessel-Plantage fielen, wohlbehalten im Kreise der galloppsüchtigen Fräuleins an.
In aller Eile wurden der leberkranke Kreissecretair, das Trampelthier von Kornschreiber, und, als Stellvertreter der vierten fehlenden Mannsperson, die Kammerjungfer als Chapeaux requirirt; der Organist mußte klavieren, und nun wurde gehoppst von früh bis Abends, bis keins mehr ein Glied rühren konnte. Die Goldkinder übertrafen der zärtlichen Mutter kühnste Erwartungen; vorzüglichen Preis errang aber ihr Liebling, das Nesthäkchen, Karpfenpupchen genannt, nur daß Herr Zäusler, seines Eifers nicht immer Meister, ihr zuweilen zuschreien mußte, nicht so schrecklich einwärts zu tanzen; der Kornschreiber trat ihr darum, ohne seine Schuld, mehr als zehnmal auf die Füße, daß Pupchen in der Verzweiflung ihres Schmerzes oft laut auf wimmerte und ihr die hellen Thränen aus den Augen sprangen, doch die Mutter rief, wenn sie dergleichen kleine Unfälle bemerkte, tröstend: Hoffart will Zwang haben! und schalt das Kornthier einen ungeschickten Esel; dieses aber kam, als ihm solcher Sticheleien am Ende zu viel wurden, am letzten Tage am Sonnabende dieser galloppirenden Marterwoche, aus dem Gleichgewichte, und schlug mit Pupchen der Länge nach in den Saal, und sie trug eine tüchtige Brausche auf der Stirn davon, und nur den Brantwein-Bäuschchen, welche die ganze Nacht hindurch, bis zum hellen Sonntag-Morgen, und selbst noch auf der Fahrt nach Ulmenhorst, unausgesetzt aufgelegt wurden, war das Verschwinden des Makels bis auf einen kleinen rothen Fleck zu verdanken, der gerade über der Nase sitzen blieb, ohne jedoch das hübsche Zwickelchen sehr zu verunstalten; dafür verbreitete aber die ganze Familie bei ihrem Eintritt in die Ulmenhorstischen Prunkgemächer einen Fuselduft, daß jedermänniglich vermeinte, sie käme aus dem Schnappshause.
4
Das war ein Ball!
Lange schon hatte der alte Graf die Schönen der Umgegend auf Gottholds Rückkunft von dessen Reisen vertröstet, die er mit einem Tanzfeste verherrlichen wolle, wie weit und breit seit Menschengedenken keins gefeiert worden, und der alte Herr hielt Wort. Mit breiter Beredsamkeit hatte er ihnen die fünf Hauptstücke auseinandergesetzt, aus denen ein ordentlicher Ball bestehen müsse; nämlich geräumiger Platz, sonnenhelle Beleuchtung, die beßtmögliche Musik, ein erquickendes Glas Wein, und die schönsten Mädchen und Frauen des Landes; und in dem prächtigen Ahnensaale, mit dem spiegelglatten Fußboden, strahlte das blendend freundliche Licht von tausend Wachskerzen, und das, aus der Residenz weither verschriebene, funfzig Mann starke Gardemusik-Corps steigerte bald das Entzücken der wunderholden Tänzerinnen, die sich beim schäumenden Champagner, den der Graf gleich nach der ersten Polonaise, statt des ihm verhaßten Thees, herumgeben ließ, einmüthig gestanden, daß der liebenswürdige Wirth auch das sechste, von ihm mit Stillschweigen übergangene Hauptstück, die flinksten Tänzer, nicht vergessen habe, denn von nah und fern, aus allen umliegenden Rittersitzen und Garnisonen, war hier die Blüthe der männlichen Jugend beisammen; alles blanke, rüstige Springinsfeld, die mit Lust und Liebe auf dem Platze waren, und ihren Schönen unter den sinnigsten Huldigungen betheuerten, heute auch auf dem Plane bleiben zu wollen. Doch, so unwiderstehlich sie auch zu seyn sich einbildeten, dem jungen Grafen Gotthold erkannte man doch einstimmig den Preis zu. Eins lobte seine äußere Anmuth, seine Gewandtheit, das Andere seine kräftige Jugend; die ältern Damen waren von der feinen Artigkeit entzückt, mit der er sie unterhielt; die jüngern, von der frohen Laune, von dem gutmüthigen Scherz, von dem fröhlichen Witz, der seiner muntern Rede Leben und anziehendes Interesse gab, und die Männer von der Bescheidenheit und dem Ernste, die den weiten Umfang seines gediegenen Wissens in ein eigenes Licht setzten. Er schien die Pflicht der Stelle zu fühlen, die ihm der heutige Tag angewiesen; die ihm zu Ehren geladenen Gäste waren ihm alle gleich lieb und werth, er zeichnete Keinen aus, er war gegen Alle gleich freundlich und herzlich, und gewann so das Wohlwollen Aller.
Da rissen die reichgallonirten Diener des gräflichen Wirthes die Flügelthüren des Saales auf, und es trat ein die Hofmarschallinn Excellenz, an ihrer Linken ihre Eingeborene, die bleiche Brunehild, und an ihrer Rechten ihre blühende Nichte, die Gräfinn Aurora von Waiblingen.
Die Excellenz entschuldigte beim gastlichen Wirth ihr spätes Erscheinen und die Freiheit, die sie sich genommen, die aus der Residenz heute Nachmittag zufällig bei ihr eingetroffene Nichte uneingeladen mitgebracht zu haben; wenn man aber dieser überschlauen Frau hätte bis auf den Grund ihrer Seele sehen können, so wäre aus diesem Folgendes zu lesen gewesen: Unserer Verabredung gemäß, lieber alter Graf, hat mir Aurorens Vater das Kind heute zugeschickt; hier ist es; seine späte Ankunft verzögerte meine Abfahrt von unserm Gute, daher sind wir die Letzten. Aurora weiß von unserm Plane nichts; wir wollen erst sehen, ob sich die jungen Leute von selbst finden; sollte dieß wider Hoffen nicht der Fall seyn, so müssen wir überlegen, wie wir auf eine feine Weise nachhelfen können. Der Hof, überzeugt, daß, so lange das kleine Verhältniß zwischen dem Erbprinzen und Auroren obwaltet, ersterer an eine, seines Hauses würdige, standesmäßige Vermählung nie denken werde, wünscht um jeden Preis Aurorens Verheirathung, und wird unserm lieben Gotthold alle Wünsche erfüllen, die er zur Bedingung dieser Verbindung macht. Dem Erbprinzen, der von unserem gemeinschaftlichen Plane ebenfalls nichts weiß, wird es ein schmerzliches Opfer seyn, Auroren aufzugeben. Er wird alles in Bewegung setzen, um die Verbindung zu hintertreiben; wir müssen daher, um ihn uns für die Zukunft nicht zum Feinde zu machen, unsere Maßregeln, dem Hofe gefällig zu seyn, an einem höchst delikaten Wege treffen. Für heute mögen sich Gotthold und Aurora bloß kennen lernen. Was weiter zu thun, wollen wir, nach Maßgabe der Umstände, sodann unter uns im Stillen berathen.
War es Aurorens Tannenwuchs, war es die ungezwungene Grazie ihrer schönen Haltung, war es das Geistvolle ihres sprechenden Auges, war es die himmlische Gutmüthigkeit, die in den Zügen dieses Engelköpfchens lag, war es die Strahlenpracht ihres reichen Brillant-Schmuckes, war es die frische Fülle des jugendlichen Körpers, die blendende Weiße der Lilienhaut, das blühende Roth der Gesundheit und engelreinen Unschuld, das, wie vom Morgenkusse ihrer frühen Namenschwester ihr auf die Wangen gehaucht, dem ganzen Gesichtchen einen namenlosen Liebreiz gab, – Gotthold stand versteinert, als er das Mädchen erblickte. Der Vater stellte ihn der Excellenz und deren jungen Begleiterinnen vor, und Gotthold hätte sich, so oft er späterhin an diese verwünschte Vorstellung dachte, die Finger abbeißen mögen, denn er meinte, sich dabei so links und lächerlich benommen, und soviel Albernheiten bei der Gelegenheit gesagt zu haben, daß ihn Aurora für einen Menschen ohne alle Erziehung gehalten haben müsse; und gerade diese Verlegenheit, diese Verwirrung hatten dem feinfühlenden Mädchen wohlgethan; sie waren ihr die sprechendsten Beweise von dem Eindruck gewesen, den ihr Liebreiz auf den schönen jungen Mann gemacht hatte, der von jetzt an nur Augen für sie allein zu haben schien und die übrigen Damen alle vernachlässigte.
Noch vor zehn Minuten hatte Frau von Stetefisch ihrer Kunigunde in das Ohr geraunt: der Gotthold ist ein lebendiger Engel, Du gefällst ihm; er hat dein Tanzen über alle Maßen gelobt. Die Baronesse von Pfortenrode hatte ihn, als sie ihn mit ihrem Renzchen beim lustigen Länderer so fröhlich tändeln und tosen gesehen, im Stillen schon als ihren leibhaften Schwiegersohn betrachtet, und ihn laut den ersten jungen Mann im ganzen Lande genannt; und die Landräthin war mit huldreicher Glorie in den enggeschlossenen Kreis von Papchen, Pipchen, Popchen und Pupchen getreten, und hatte ihnen vertraut, daß sie nach den schmeichelhaften Aeusserungen, die Gotthold über das vierblättrige Kleeblatt habe fallen lassen, über seine ernsten Absichten jetzt keinen Zweifel mehr hege, Gotthold sey ein kompleter Halbgott; es drücke ihr fast das Herz ab, ihm das in das Gesicht zu sagen.
Und jetzt, da Gotthold mit keiner Ballschöne mehr sprach, da der Strahl seines Auges nur auf Auroren fiel, da er für die Musik und für den Scherz der Gäste kein Ohr hatte, sondern wie eingewurzelt stand, und die schöne Waiblingen vom mächtigen Solitair, der in der Mitte des, von den Ringellocken des seidenen Haupthaares leicht umrankten Diadems funkelnd blitzte, bis zur Spitze des niedlichen Füßchens in stummem Entzücken betrachtete, als wolle er das Götterkind mit den Augen verschlingen, und die Quadrille, auf die er mit Pupchen engagirt gewesen war, in den Tod vergessen, und dafür bei dem Quarré unter den Zuschauern, in süße Träumereien versunken, gestanden hatte, in dem Aurora mit der bezauberndsten Anmuth tanzte, da meinten seine eben erwähnten drei Lobpreiserinnen und manche andere Mutter im Saale, daß der Gotthold, bei näherer Bekanntschaft, doch ein sehr gewöhnlicher junger Mensch sey, der die Regeln der guten Lebensart so weit vergesse, daß er über das hübsche Lärvchen einer Erz-Kokette die Pflicht der Aufmerksamkeit, die er der übrigen Gesellschaft schuldig sey, augenfällig verletze.
Das von Gotthold böslicher Weise verlassene Quarré warb sich, nachdem es ihn lange vergeblich gesucht, am Ende ein anderweites viertes Paar, und Pupchen blieb sitzen.
Die Landräthin kochte vor Wuth. Die fürstliche Buhlerin hat ihm den Kopf verdreht, sagte sie zu der Sitzengebliebenen: aber ich will ihm denselben wieder zurecht setzen lassen. Ungebetene Gäste gehören nach altem Sprichwort hinter den Ofen. Was will die Person hier? kein Mensch hat sie eingeladen; sie kann gehen, wohin sie gehört. Aber wir kennen die feine Frau Hofmarschallin, wahrscheinlich ist der Erbprinz des Mädchens, das sich ihm an den Hals geworfen haben mag, nun überdrüssig; Ihre Excellenz hat von ihm den heimlichen Auftrag, die Lästige auf gute Manier unter die Haube zu bringen, und dazu kömmt Graf Gotthold der spekulirenden Hofmarschallin recht gelegen. Ich wette, dieser weiß von dem saubern Verhältniß, in dem Aurora zum Erbprinzen steht, kein Wort; der Mensch ist ja seit vier, fünf Jahren außer Landes gewesen; aber ich will ihm den Staar stechen lassen; rennt er dann mit sehenden Augen in sein Unglück, nun so hat er es bei sich selbst zu verantworten. Aber warnen müssen wir ihn, denn fängt ihn die höfische Kreuzspinne in ihren Netzen, so ist er auf ewig verloren. Sey ruhig, Pupchen, und laß Dir deinen Verdruß nicht merken; er muß Dir Abbitte thun, das ist seine Schuldigkeit, und wenn er kommt, so maule ein bischen, doch nicht zu lange; sey bald wiederfreundlich und gib Dir Mühe, beim Schmollen recht interessant zu seyn. Machst Du deine Sachen gut, so kann Dir die verpaßte Quadrille mehr einbringen, als wenn Du sie getanzt hättest.
Mutter! knirschte Pupchen heimlich, und krampfte die kleine Rechte zusammen, daß in den Glanz-Handschuhen zwischen zwei Fingern alles Nächte platzten: die Aurora – schon als Kind ist sie mir unausstehlich gewesen, könnte ich sie unterkriegen, mit beiden Füßen wollte ich die Schlange zertreten.
Ruhig, ruhig, flüsterte ihr Mama in das, vor Groll und Grimm bis zum dunkelsten Purpur geröthete Ohr, winkte ihren künftigen Eidam, den Major v. Schnüren, zu sich, und sandte ihn mit mündlichen Aufträgen auf seinen Posten.
5
Tanzt die Komtesse nicht wie ein Engel? fragte Schnüren, und klopfte, den Blick auf Auroren gerichtet, dem jungen Grafen, der bei ihrem Quarré noch immer wie angewurzelt stand auf die Achsel.
Gotthold, der des Majors beifällige Aeusserung für unverfälscht hielt, betheuerte, nie etwas Reizenderes gesehen zu haben, und Aurora, die eben im Vorbeischweben aus Gottholds Munde ihr lautes Lob hörte, dankte mit freundlichem Lächeln, und tanzte noch dreimal schöner als vorher.
Sehen Sie diesen göttlichen Wuchs, fuhr Schnüren fort, und lachte heimlich über Gotthold’s Extase: diesen blendend weißen Hals und Busen, diesen Leib zum Umspannen, dieses flinke zarte Füßchen, und nun diese Anmuth, die dieß ätherleichte Wesen umfließt, die zauberische Federkraft, die in dem ganzen zarten Gliederbaue lebt! Und welch eine himmlische Liebe spricht nicht aus diesen schmachtenden Feueraugen! Welch ein lüsternes Verlangen lächelt nicht in dem ganzen Gesichtchen! Dieser kleine Rosenmund, ist er nicht vom lieben Herr Gott zum Küssen wie geschaffen?
Hören Sie auf, sagte der feurige Gotthold und packte, um sich in der stillen Liebeswuth wenigstens etwas zu fassen, den Major scherzend beim Arm: Sie können mit Ihren Schilderungen das sehnsüchtige Herz zur Verzweiflung bringen; das Mädchen ist ja ein vollendeter Seraph!
Bei meiner armen Seele, erwiederte Schnüren: ich kann es unserm gnädigsten Herrn nicht verdenken; wär ich an seiner Stelle, offen heraus, ich machte es um kein Haar anders. Ist es eine Sünde, nun so möchte mir sie Gott verzeihen; aber warum schafft er solche Himmelswesen und macht uns sterbliche Erdensöhne gegen solche Versuchungen nicht stärker!
Unserm gnädig – fragte Gotthold, den dunkeln Sinn der Rede halb ahnend, und das Wort erstarb ihm auf der Zunge.
Der Schmuck, wie Sie ihn da sehen, fiel Schnüren ein, ohne zu thun, als bemerke er Gottholds Ueberraschung, – er ist schön, er ist fürstlich schön, und steht dem Mädchen vortrefflich. Sehn Sie die prächtigen Spangen um dem vollen Oberarm, die funkelnden Steine in den Ohrringen, den zierlichen Geschmack, die Meisterarbeit in dem kunstvollen Blumenstraus, die Verschwendung in dem breiten Leibgürtel; und blitzt der Brillanten-Flimmer des Halsbandes auf dem Marmorbusen nicht wie frisch gefallener Schnee? Und das Diadem! Gräfchen, das Diadem! Seht nur den großen Hauptstein in der Mitte! Spiegelt sich nicht der ganze Ballsaal in diesem Schmucke wieder? Ist es nicht, als sey die Tochter eines indischen Nabobs in all ihrem orientalischen Glanze aufgetreten? Nun, und daß ein solcher Herr Geschenke dieses Werthes nicht umsonst weggibt, das ist wohl an den Fingern abzuzählen.
Wie denn Geschenke? fragte Gotthold, der mit der gespanntesten Neugierde den Major aus dem Gedränge der Zuschauer in ein Nebenzimmer zog, um über die ihm hingeworfenen Räthsel nähern Aufschluß zu erhalten.
Schnüren gehörte zu der Sorte Residenz-Menschen, die aus Mangel an Beschäftigung, aus Langweile, den ganzen Tag in der Stadt von Bekannten zu Bekannten umherlaufen, die Kunst, die Leute bis auf den Grund auszufragen, praktisch studiren, daher alles ganz genau zu wissen gegen jedermänniglich behaupten, und sich ein Lieblinggeschäft daraus machen, die eingeholten Nachrichten auf das fleißigste weiter zu verbreiten.
Schnüren kannte, wie er dem, über seine Mittheilungen immer mehr staunenden Gotthold wiederholentlich betheuern mußte, den Stand der Dinge zwischen Auroren und dem Erbprinzen ganz genau; er hatte überall aus den ersten Quellen geschöpft; das, was man ihm darüber vertraut, mit einander combinirt, und sich daraus ein Ganzes zusammengestellt, das so wahr war, daß er selbst daran glaubte. Der Erbprinz hatte, fuhr Schnüren im vertraulichen Ergusse seiner Rede fort:
Auroren, die jetzt unstreitig das schönste Mädchen in der Residenz ist, gleich das erstemal, als sie von ihren Gütern in der hiesigen Gegend in die Stadt kam und bei Hofe erschien, mit ungemeinem Wohlgefallen ausgezeichnet und ihr jedesmal, wenn er sie gesehen und gesprochen, eine huldigende Aufmerksamkeit, eine ehrerbietige Achtung bewiesen, wie noch Keiner vor ihr. Bis dahin war er gegen die Huldinnen aller Hofkreise gleichgiltig gewesen; der Eindruck, den Aurora auf ihn machte, war auffallend. Sein Betragen hatte früher zuweilen ein wenig an das Rohe gestreift; die Scherze, die er sich gegen die Damen erlaubte, waren nicht immer die feinsten gewesen, und der ehrenwerthen Mutter deßfallsige Verweise, die sie aber freilich immer nur unter vier Augen, und selbst da mit der möglichsten Schonung laut werden ließ, faßten im Herzen des muthwilligen Jünglings selten Wurzel.
Aurora – der Erbprinz hatte, einst bei einem Spaziergange, auf dem sie mit mehrerem Gefolge die fürstliche Mutter begleitete, einer alten Hofdame, von der er wußte, daß sie vor allen Insekten und Gewürmen eine unüberwindliche Scheu habe, einen Maikäfer hinter die Ohren gesetzt; die arme, durch das Krabbeln des Thieres fast bis zum Wahnwitz gepeinigte Person schrie, als stecke sie am Spieße, und fiel in so heftige Konvulsionen, daß einige ältere Herren der Gesellschaft sie in ein nah gelegenes Haus tragen und ärztliche Hülfe holen lassen mußten. Der Erbprinz und zwei unnütze Kammerjunker, mit denen er auf sehr vertrautem Fuße zu stehen schien, wollten sich über den Schwank vor Lachen ausschütten, die übrigen zwangen sich, den komischen Spaß, wie sie die rohe Neckerei nannten, zu belächeln; die Mutter warf auf den Prinzen einen bösen Blick, der ihn aber nicht zu treffen schien; Aurora verzog keine Miene, senkte den Blick zur Erde, sprach den ganzen Spaziergang kein Wort, wich dem Prinzen, der sich ihr einigemal nähern wollte, absichtlich aus, verabschiedete sich, sobald es thunlich war, und schlug vier kurz auf einander folgende Einladungen, nach Hofe zu kommen, unter gesuchtem Vorwande aus.
Bei dem Besuche, den sie der armen Hofdame abstattete, um sich nach dem Befinden zu erkundigen, ließen einige eben anwesende Frauen vom Hofe dem Zünglein freien Lauf, und es ging über den Prinzen etwas hart her; Aurora schwieg, und als man sie in das Gespräch zu ziehen suchte, äußerte sie in sehr bestimmten Ausdrücken, daß es ihr als Unterthaninn nicht gezieme, des Fürstensohnes Betragen laut zu beurtheilen. Diese unerwartete ernste Antwort schloß der ganzen Gesellschaft den Mund, aber mit diesem Augenblicke entstand auch der erste Verdacht von der Annäherung, die zwischen Auroren und dem Erbprinzen Statt finden müsse, denn nur eine überwiegende Vorliebe für letztern konnte, wie man meinte, den Scharfblick des feingesitteten Mädchens für die unzeitigen Scherze desselben in dem Grade blenden.
Der Prinz, der in jedem Kreise der Hofumgebungen Menschen hatte, die ihm alles berichteten, erfuhr von diesen Aurorens schonende Aeusserung, und er fühlte sich von der Zartheit ihres Unwillens, den er in ihren Augen und in ihrem, seit jenem Verfalle wahrgenommenen absichtlichen Bestreben, sich vom Hofe und von ihm entfernt zu halten, recht wohl bemerkt hatte, beschämt und bestraft.
Bei einem Geburtstagfeste im Hause des Finanz-Ministers, wo Aurora auch zugegen war, erschien der Prinz uneingeladen; die Excellenz schmeichelte sich mit der Idee, daß die ehrende Aufmerksamkeit ihr gelte; der Prinz ließ den Minister bei dem Wahne; sein Besuch galt Auroren, die er da vermuthet hatte; er näherte sich ihr nach aufgehobener Tafel mit der gutmüthigen Frage: ob sie noch auf ihn böse sey; Aurora entgegnete mit einer Verbeugung, wie sie nur die strengste Hof-Sitte vorschreiben kann, daß sie die Frage des Durchlauchtigen Herrn nicht verstehe, und, ihre Stellung im Auge, nur für einen gnädigen Scherz halten könne.
Der Prinz, von dieser kalten Entgegnung etwas verletzt, bot seine ganze Gutherzigkeit auf, das ihm gerade durch dieses Benehmen immer achtbarer werdende Mädchen zu versöhnen; ich weiß, sagte er scherzend: worüber Sie unzufrieden sind; Sie haben Recht, es war eine Albernheit von mir, wir waren aber einmal in der Lust, und da wissen Sie, springt man leicht über die Grenze; doch, setzte er mit freundlichem Lächeln hinzu: wenn das reuige, Kind sagt, bitte, bitte, sey wieder gut, ich will’s nicht mehr thun, dann muß der strafende Engel auch wieder gut seyn.
Hundert andere Mädchen hätten in den scherzenden Ton jetzt mit eingestimmt und die Sache auf sich beruhen lassen. Aurora ging ihren Gang fester; sie freuete sich in ihrer edeln Seele des feinen Gefühls für Recht und Unrecht, das in der Brust des Prinzen lebte; sie hatte gegen den bangen Glauben der fürstlichen Mutter und Aller, denen das Wohl des Landes am Herzen lag, die innige Ueberzeugung, daß der Prinz den Folgen seiner verschrobenen Erziehung entgegen zu arbeiten noch Zeit und Kraft habe, nur fühlte sie vor Allem die dringende Nothwendigkeit, ihn von den Umgebungen loszumachen, die auf die Schwächen seines Charakters vom gefährlichsten Einfluß seyn konnten.
Sie machte ihm darum mit sehr feiner Wendung bemerklich, wie leicht man doch, wenn man sich schuldig wisse, geneigt sey, seine Schuld auf Andere mit zu vertheilen, und sagte, als er sie nicht zu verstehen schien: Ew. Durchlaucht halfen sich vorhin mit der Ausrede: wir waren aber einmal in der Lust; hier darf sich Ihnen Niemand gleich stellen, und geschieht es, so ist es ein Mißverhältniß, Ihrer unwürdig.
Die fast zu starke Aeusserung rollte gewitterähnlich über den Prinzen weg; so hatte noch Niemand mit ihm gesprochen. Er verstummte vor der Gewalt des freimüthigen Ernstes, mit dem die gräfliche Jungfrau diese Worte gesprochen, und vor dem dunkeln Flammenblitz, der dabei aus dem sonnenklaren Auge des schönen Mädchens auf ihn schoß.
Sie haben wieder Recht, sagte er nach einer kleinen Pause, in der er sich mit dem, ihm vom Ober- Hof- und Ceremonienmeister eingeimpften Selbstdünkel gefragt zu haben schien, ob er sich ein solch kühnes Wort von der Tochter eines seiner Vasallen gefallen lassen dürfe, etwas verstimmt: und Sie sollen morgen sehen, fuhr er freundlicher fort: daß ich Sie verstanden habe und Ihre Ansicht ehre.
Am folgenden Vormittage schon fuhren die beiden Kammerjunker mit trübsinnigem Gesichte in der ganzen Residenz umher, um bei ihren Bekannten Abschiedkarten abzugeben; sie waren in die entlegensten Grenzgarnisonen als Lieutenants versetzt.
In diesem kleinen Ereigniß lag der Keim unzähliger Folgen. Die Fürstinn Mutter, die jahrelang vergeblich daran gearbeitet hatte, die beiden von ihr verhaßten jungen Leute aus der Nähe ihres Sohnes zu entfernen, traute ihrem Ohre kaum, als sie deren schleunige Abreise vernahm. Der eine dieser Wüstlinge war der Sohn des Gesandten an einem auswärtigen Hofe, der andere der Neffe des Oberstallmeisters; Beide waren als Gespielen mit dem Prinzen aufgewachsen, und darum von ihm unzertrennlich. Beider Familien rechneten, wenn der Prinz einmal zur Regierung kommen werde, auf den Kanal, den sie durch die jungen Leute immer offen zu erhalten suchen wollten, und darum hatten sie den wiederholten Bemühungen der fürstlichen Mutter immer entgegen zu arbeiten gewußt.
Sie erkundigte sich jetzt nach der nähern Bewandniß dieses überraschenden Vorfalls, und erfuhr durch ihre Vertrauten, daß der Prinz gestern, nachdem er von dem Feste des Finanz-Ministers zurückgekommen, bei dem Kriegs-Minister und dem Ober-Kammerherrn lange Konferenzen gehabt, und bei ersterem die Anstellung der beiden Verwiesenen mit einer an ihm früher nie bemerkten Festigkeit bewirkt habe; Andere hatten ihn vorher beim Finanz-Minister mit der Gräfinn Waiblingen nach der Tafel im Garten, in einer entlegenen Seiten-Allee auf- und abgehen gesehen, und Beide waren in sehr ernstem lebhaften Gespräch verwickelt gewesen; der Prinz hatte, wie er sich bei Auroren verabschiedet, etwas mißgestimmt ausgesehen.
Die Waiblingen hatte, nach dem frühern Bericht einer Hof-Ohrenbläserin, bei der Maikäfergeschichte mit der alten Hofdame über den Prinzen selbst sich jeden Urtheils enthalten, über das unverständige Betragen der beiden Kammerjunker aber sehr laut gesprochen, und über das Kapitel, daß böse Beispiele gute Sitten verderben, und, daß für Hof und Land die möglichstbaldige Ausrottung solches Unkrautes aus dem Waizenfelde der Hoffnung auf allgemeine Wohlfahrt höchst wünschenswerth scheine, sich recht erbaulich ausgelassen. Der Prinz hatte vom ersten Augenblicke an, da er Auroren gesehen, eine entschiedene Vorliebe für sie geäußert.
Da hatte die Mutter die Schlüssel zu dem Kammerjunker-Exil mit einemmale in der Hand. Hatte das Mädchen über den Prinzen eine solche wirksame Gewalt, so stand durch dasselbe noch mehr zu bewirken. Die wackere Frau sah und wußte Manches, was nicht hätte seyn sollen, was sie aber nicht ändern konnte, einmal, weil, während ihr Gemahl, seit Jahren auf das Krankenlager gebannt, sich der Regierunggeschäfte im Ganzen entzog, das Staats-Ruder in den Händen von einigen Männern lag, die wohl wußten, daß ihre Herrlichkeit nach des regierenden Herrn bald zu befürchtendem Tode nicht lange mehr dauern werde, und daher die kurze Frist mehr zu ihrem, als zum allgemeinen Nutzen verwenden zu müssen glaubten, und dann, weil der Prinz, in dem von den feinen Rechenmeistern absichtlich alle, früher zuweilen wohl an ihm bemerkte Liebe zu ernster Beschäftigung, durch Vergnügungen, Jagd und ähnliche nutzlose Zerstreuungen ertödtet worden war, jedem Versuche, ihn zur Besorgung dieser und jener, auf das öffentliche Landeswohl Bezug habenden Angelegenheiten zu vermögen, unter dem Vorgehen sich entwand, daß er in das Joch der Regierung zeitig genug werde eingespannt werden, und daher die schönen Jahre seiner Jugend lieber frei und ungestört genießen wolle.
Denselben Abend noch ließ die Fürstinn Auroren zu sich entbieten, und machte ihr den schmeichelhaften Antrag, sie zu ihrer Ehrendame ernennen zu wollen, um, wie sie sich ausdrückte, ein so geist- und gemüthreiches Mädchen immer in ihrer Nähe zu haben. Aurora, der die Hofluft nie wohlthat, lehnte auf die zarteste Weise das Anerbieten unter dem Vorwande ab, daß nach dem vor kurzem erfolgten Tode ihrer Mutter die Kindespflicht ihr nicht erlaube, den tiefgebeugten Vater jetzt allein zu lassen. Die Fürstinn, die um dieser Kindlichkeit willen Auroren noch lieber gewann, die es aber nicht über sich bringen konnte, ihren einmal gefaßten Plan aufzugeben, ließ sich mit der ihr eigenen Huld und Herzlichkeit herab, Auroren für die Annahme ihres Vorschlags durch freundliches Zureden geneigter zu machen, und warf endlich, da sie sah, daß auch dieß erfolglos blieb, die Aeusserung hin, daß Aurora nur dem Titel nach Ehrendame seyn solle; Deine eigentliche Stellung aber, setzte sie halb im Scherz hinzu: ist auf etwas Höheres berechnet; Du sollst, sie zögerte etwas, als getraue sie sich kaum, die ihr fast selbst seltsam vorkommende Idee in Worte zu übersetzen – Du sollst die Ober-Hofmeisterinn meines Sohnes seyn. Viktor’s frühere Erziehung, fuhr sie ernster werdend fort: ist vernachlässigt worden. Alle meine deßhalb bei meinem Gemahl zur Sprache gebrachten Vorstellungen blieben unbeachtet. Es mag vielleicht die schwerste Aufgabe seyn, einen Prinzen, den das Schicksal zum Thronerben bestimmt hat, zu erziehen, denn er soll kein Mensch, er soll ein Engel seyn, aber mehr als hier, hätte wohl geschehen können. Viktor’s Herz und Kopf sind gesund; er hätte den Vorzüglichern seiner Zeit sich vielleicht zur Seite stellen können, wenn auf die Bildung seines klaren Verstandes, auf die Richtung seines unverdorbenen Gemüthes strengere Sorgfalt verwendet worden wäre. Die Schule der Frauen, behauptet man ja allgemein, soll dem Jünglinge ersetzen, was bei ihm früher versäumt worden; sie soll das Herz des Mannes verfeinern, Lebenstact und Haltung berichtigen, und ihm das Gefühl einhauchen, ohne das der Mensch jedes Standes und Verhältnisses ewig und überall anstößt, und sich und Andere oft schmerzlich verwundet, das Gefühl des Schicklichen. Meine liebe Aurora, Du lieferst einen neuen Beweis, daß das, was die Beobachter des menschlichen Treibens von dem wirksamen Zauber der Frauen-Schule berichten, seinen Grund habe. Viktor’s höchstes Ziel ist deine Zufriedenheit mit ihm; Du bist seine Heilige, sein Idol. Deine Wünsche sind sein Gesetz. Ein Wink von Dir reicht hin, um sich und seinen Gewohnheiten Opfer zu bringen, die ich, und mancher verständige, wohl meinende Mann von ihm vergeblich verlangt, vergeblich erbeten haben. Sey, ohne daß er es weiß, seine Führerinn; werde sein Schutzgeist. Bleibe in meiner Nähe, daß er Dich täglich sehe, täglich Dich höre, und daß Du täglich ihm mit deiner Besonnenheit, mit deinem engelreinen Herzen zur Seite stehest – die Mutter bittet, das Land fordert, die Fürstinn befiehlt, daß Du Dich diesem, das Glück unsers Hauses, und das Gemeinwohl Deines Vaterlandes bezweckenden Vorschlage fügest, dessen Eröffnung nur die bange Sorge für Viktor’s Zukunft dem gepreßten Mutterherzen abdringen konnte.
Aurora sah weiter als die Fürstinn. Wenn sie den gebotenen Platz annahm, so trat sie in die Kategorie der beim Hofe angestellten Dienerinnen, und mußte fürchten, dem Prinzen alltäglich, und von ihm in Kurzem mit derselben Geringschätzung behandelt zu werden, mit der er den übrigen Hofdamen gemeinhin zu begegnen pflegte. Auf den Standpunkt zu ihm hatte erst die Fürstinn sie aufmerksam gemacht; denn in ihrer anspruchlosen Bescheidenheit hatte sie das Gewicht bis dahin noch gar nicht gekannt, das ihr die Zuneigung des Prinzen, selbst ohne sein Wissen, eingeräumt hatte; sie gefiel sich in der neuen ihr zugetheilten Rolle, aber sie wollte sie nicht vor der Fürstinn spielen; sie wollte nicht einmal den Schein haben, daß sie diese Rolle übernähme.
Um sich für den Augenblick wenigstens los zu machen, versprach sie, mit dem Vater zu sprechen, und ward in Gnaden entlassen.
Neugierig, ob das alles so wahr sey, was die Fürstinn ihr von der Macht ihres Einflusses auf Viktor vertraut, erlaubte sie sich das nächstemal, als sie ihn sprach, ihn, auf eine sehr schonende und verdeckte Weise, auf die nutzlose Versplitterung seiner Zeit dadurch aufmerksam zu machen, daß sie sich über den jungen Grafen von Stufen äusserte, der, statt sich um die Verwaltung seiner weitläufigen Güter zu bekümmern, die bei der Kränklichkeit seines Vaters lediglich in eigensüchtiger Beamten Händen liegen, Jahr aus Jahr ein seine Tage in der Residenz mit Nichtsthun verbringe, und dafür jetzt die furchtbare Plage der Langweile, das Zurückkommen seiner Revenüen, die Verschlechterung seiner Besitzungen, den Mangel der Liebe seiner Unterthanen, und den Verlust der Achtung seiner verständigern Standesgenossen als natürliche Folgen seines zweckwidrigen Benehmens ansehen müsse.
Viktor schlug die Augen nieder. Sein Gefühl für Wahrheit sagte ihm unverholen, daß er bis jetzt in dieser Hinsicht ein würdiges Seitenstück des geschilderten Stufen sey; auch er hatte bis hierher vom Morgen bis zum Abend nichts gethan; auch ihn quälte die bleierne Marter der langsamen Zeit; auch ihm waren Klagen über Minder-Einnahme in den Staats-Kassen zu Ohren gekommen, und was den Wohlstand des Landes, die Liebe der Unterthanen und die Achtung der Zeitgenossen betraf, so meinte er im Stillen, daß es ihm vielleicht nur an einer freimüthigen Stimme fehle, um über diese Punkte ebenfalls gleiche Aeusserungen zu vernehmen; er schwieg zu Aurorens scharfem Tadel, die, wenn sie einmal sprach, immer, wie es schien, die Worte absichtlich spitzte, daß sie wie Pfeile trafen, und die bittere Arzenei mit einemmale reichte, um der Wirkung desto sicherer zu seyn.
Noch denselben Abend aber fuhr er zum Minister des Innern, einem alten wakkern Herrn und treuen Diener seines Hauses, und bat ihn, sich seiner anzunehmen und ihn nach und nach mit der Landesverwaltung und mit dem praktischen Geschäftgange bekannt zu machen. Die alte Excellenz drückte freudig die Hand des lernbegierigen Schülers an sein Herz, hieß ihn im Namen des ganzen Landes willkommen, und meinte, daß ihm diesen großherzigen Einfall ein Engel eingegeben haben müsse.
Viktors Wangen erglühten bei diesem Worte im Purpur seiner himmelreinen Liebe. Aurora war sein Engel, und diesem zu gefallen scheute er das Trockene nicht, das er anfänglich in seinen neuen Studien zu finden sich nicht verhelen konnte. Aber bald gewann er seine neuen Beschäftigungen so lieb, daß er sich selbst nicht begreifen konnte, wie er seine edle Zeit früher mit Nichtsthun hatte vergeuden können; er nahm späterhin, als ihm sein würdiger Lehrer das Zeugniß der Reife gab, an den Vorträgen Theil, bereis’te eine Provinz des Landes nach der andern, sprach die Provinzialbehörden alle persönlich, verschaffte sich von der Oertlichkeit überall die nöthigste Kenntniß, und ward jetzt erst in dem Lande seiner Väter heimisch.
Alle diese ernsten Beschäftigungen wandelten Viktors Charakter von Grund aus um; der jugendliche Muthwille verschwand und mit ihm die ehemalige barsche Aussenseite; er lernte den Menschen achten, und den Schweiß, in dem er das Brod ißt, schätzen; Arbeit ward ihm selbst zum Bedürfniß; die Sorge für das Wohl der Unterthanen seines Vaters erfüllte ihm Herz und Seele; mit freundlicher Milde lieh er dem Bittenden sein Ohr, und die zarte Weise, mit der er bei seinen, zur Zeit noch beschränkten Mitteln, dem schuldlosen Unglücklichen nach Kräften Hülfe gewährte; die Regsamkeit, die er in die öffentlichen Angelegenheiten brachte; die Strenge, mit der er gegen säumige oder unredliche Beamten verfuhr; der Eifer, mit dem er sich ausschließlich dem Gemeinwohl widmete und die gewissenhafte Rechtlichkeit, die jede seiner Handlungen zum reinen Tugendwerke stempelte, erwarben ihm gar bald die allgemeine ehrfurchtvollste Achtung des ganzen Volkes, die treueste Anhänglichkeit Aller, die ihm näher standen, das unbegrenzte Wohlwollen der Fürstinn Mutter, und Aurorens hingebende Lie —
Aber Kinder, rief der alte Ulmenhorst, in das Zimmer tretend: was seyd Ihr für Menschen! Drinnen im Saal die ausgesuchtesten Blumen der schönen Welt, und hier stehen meine beßten Tänzer und plaudern stundenlang mit einander, wie ein paar alte Hypochondristen. Allons, marsch, in das Feuer!
Beide eilten zurück, und der Vater flisterte, sie begleitend, dem Sohne, mit dem Tone freundlichen Verweises, in das Ohr: Du hast wohl noch gar nicht mit der Waiblingen getanzt? sie ist unter den jungen Damen hier dem Range nach vel quasi die Erste, und somit scheinen es die Dehors zu verlangen, daß Du sie aufforderst; überdieß tanzt sie nicht schlecht.
Wie ein Engel tanzt sie, erwiederte Gotthold, noch verloren in stille Verzückung über alles, was ihm eben Schnüren über sie mitgetheilt hatte, und sah sich, unterdessen in den Saal gelangt, nach ihr um, sie um den nächsten Cotillon zu bitten.
Eingedenk der linkischen Weise, mit der er sich vorhin bei ihr eingeführt zu haben vermeinte, setzte er in Gedanken seine Worte, mit denen er sie um den Tanz ansprechen wollte, recht sinnreich zusammen; aber, als er sich der zarten Hebegestalt näherte, in der er den wohlthätigen Schubgeist des ganzen Landes verkörpert vor sich zu sehen wähnte, entsank ihm wieder der Muth zur Anrede, und er stand in stummes, liebendes Staunen versunken, hinter ihr und betrachtete sie mit landeskindlicher Ehrfurcht, wie der Gläubige seine Heilige.
Der Vater, dem diese sonderbare Schüchternheit nicht entging, und der bei sich denken mochte, daß auf diese Manier die beiden für einander Bestimmten sich im Leben nicht kennen lernen würden, machte kurzen Prozeß, trat Auroren an, und bat für seinen Sohn, den er zum zweitenmale ihr mit einem empfehlenden Handwink vorstellte, um das Glück des nächsten Tanzes. Aurora wendete sich mit freundlicher Anmuth zum Sohne und bedauerte, für den ganzen Abend schon versagt zu seyn, und Gotthold zog sich nach einer verlegenen Verbeugung zurück, und erhielt, zur Verstärkung seines heimlichen Aergers über das erhaltene Körbchen, vom Vater, seiner unverantwortlichen Vernachlässigung Aurorens wegen, einen wohlverdienten Wischer.
Auch Aurora erhielt einen von der Hofmarschallinn, die ihr die, dem Sohne vom Hause und dem eigentlichen Könige des Festes gegebene abschlägliche Resolution als eine Unschicklichkeit darstellte, die sie auf dem Flecke durchaus wieder gut zu machen habe; zum Glücke war Aurora auf den nächsten Tanz mit einem ihrer Cousins versagt; diesem auseinander zu setzen, daß er heute dem jungen Ulmenhorst nachstehen müsse, nahm die gewandte Frau über sich, und Aurora, die mit dem Cousin alle Tage tanzen konnte, und der dieser viel weniger gefiel, als der sehr hübsche Ulmenhorst, in dessen komischer Befangenheit ihr feiner Mädchenblick die schmeichelndste Huldigung las, ließ sich den Tausch gern gefallen.
Sie empfing daher von der Tante Hofmarschallin die Botschaft, daß der Cousin, in Betracht der hier zu nehmenden Rücksichten, auf den Cotillon verzichtet, mit Vergnügen, und bat, den jungen Ulmenhorst davon in Kenntniß setzen zu lassen; aber die schlaue Excellenz entgegnete, daß sie das selbst thun müsse; sie habe dem armen Menschen vorhin durch ihre Versagung des Tanzes wehe gethan, und nun sey es an ihr, dieß selbst wieder gut zu machen.
Aurora entgegnete zwar in ihrem fein geregelten Anstandgefühl, daß es sich für sie wohl nicht recht schicken möchte, ihn im ganzen Saale aufzusuchen, ihm gewissermaßen nachzulaufen, und daß es daher vielleicht am beßten wäre, wenn der Cousin die Güte habe, ihm zu sagen, daß er – doch die Tante, die, dem alten Grafen gleich, die Leutchen bald näher aneinander bringen wollte, und die Gottholds Schüchternheit ebenfalls bemerkt hatte, berechnete sehr richtig, daß diese sich bald verlieren werde, wenn ihm die schöne Aurora auf halbem Wege entgegen komme, und daher erwiederte sie auf deren Bedenklichkeiten lächelnd: Wir sind hier auf keinem Hofballe; auf dem Lande nehmen wir das nicht so genau; da sind wir ungebundener, natürlicher; wen wir, wenn auch ohne unsere Schuld, böse gemacht, den suchen wir auf, geben ihm freundlich die Hand, und machen ihn wieder gut; darum geh’, mein Goldkind, und damit Du nicht allein im Saale umherirrst, soll Dich Brunehild eskortiren.
Die Hofmarschallinn hatte mit ihrer tiefen Menschenkenntniß das Mädchen bei der schwachen Seite gefaßt; sie hatte ihre Gutmüthigkeit berührt. Der Gedanke, Jemand wehe gethan zu haben und ihn wieder versöhnen zu können, hätte das engelgute Kind meilenweit zu steinfremden Menschen treiben können, geschweige denn durch einen Saal, zu einem bildhübschen jungen Mann, in dessen ganzem Wesen für Auroren etwas lag, was sie selbst sich noch nicht recht nennen konnte, was ihn ihr aber unbeschreiblich anziehend machte.
Auf ihrem kleinen Streifzuge fragte sie im Vorbeigehen Fräulein Pupchen, und dann weiter unten die junge Baronesse Emerentia, ob sie den Gotthold gesehen; und die alte Zwickel, wie die alte Pfortenrode, die in der Nähe der Töchter gesessen und die in sehr fröhlichem Tone hingeworfene Frage mit angehört hatten, murmelten, den Schaum des bösen Leumundes immer auf den Lippen: nun, die ist doch wieder einmal auf die jungen Herren versessen; ist kaum in den Saal getreten und sucht den Menschen, den Gotthold schon, wie eine verlorne Stecknadel.
Gotthold stand am letzten Fenster, schaute in das Blaue hinaus und bemühete sich, durch zusammengesuchte Entschuldigungen auf die empfindliche Wunde ein Heilpflaster zu legen, die ihm die vom Vater eben erhaltenen Vorwürfe über sein Benehmen geschlagen hatten.
Du wirst mit Deiner nutzlosen Bescheidenheit in deinem Leben zu nichts kommen, hatte dieser gesagt: immer stellst Du Dich unten an die Thür; immer dünkst Du Dich der Letzte zu seyn; immer lässest Du Dir das Beßte wegfischen; immer nimmst Du vorlieb, was Dir Andere übrig lassen; so hast Du es von Jugend auf gemacht, und darum wirst Du ewig unten bleiben und ewig übersehen werden; denn wo der Mensch sich hinstellt, da steht er. Die Gräfinn Waiblingen, was muß sie von Dir denken! Sie ist vielleicht die Einflußreichste im ganzen Lande! wußtest Du Dich ihr zu empfehlen, Dich ihr angenehm zu machen, die erste Ehrenstelle, das glänzendste Hofamt, der ausgezeichnetste Wirkungkreis, vielleicht ein noch höheres Besitzthum konnte Dir werden. Sie hat von Dir gehört; sie weiß von Deinen Kenntnissen, von Deinem moralischen Werthe; sie weiß, daß Du von deinen Reisen zurückgekehrt bist, und dem glücklichen Zufalle, oder was mir fast wahrscheinlich ist, ihrem heimlichen Wunsch, den Gepriesenen persönlich kennen zu lernen, haben wir die unvermuthete Freude zu danken, sie heute hier zu sehen; und wie nimmst Du Dich nun! Statt ihr etwas Verbindliches über das Glück zu sagen, womit unser Haus heute durch ihre Gegenwart beehrt werde, was jedem nur irgend gebildeten Manne so nahe lag, machst Du, als ich Dich ihr vorstelle, eine Verbeugung, wie sie unsers Schulmeisters Eingeborener nicht ungeschickter zu Stande bringen kann, murmelst, aus lauter kleinbürgerlicher Verlegenheit, ein paar unverständliche Worte in den Bart, und starrst sie mit so unverwandten Augen an, daß sie die ihrigen niederschlagen muß und über und über roth wird. Du warst, als Sohn vom Hause, dem es zukam, die Honneurs desselben zu machen, ihr, Dir und mir schuldig, sie zum Tanze aufzufordern. Zehn Andere, die klüger sind und mehr Lebenstakt haben als Du, drängen sich herzu; Du, wie immer, bleibst hinten; ich muß Dich endlich holen; ich muß, weil Du mit Deiner ärgerlichen Blödigkeit kein Wort über die Lippen bringen kannst, für Dich sprechen; und als sie Dir in den verbindlichsten Ausdrücken ihr Bedauern zu erkennen gibt, deinen Wunsch nicht gewähren zu können, machst Du, statt ihr, wie sie das von einem jungen Manne deiner Erziehung wohl erwarten konnte, auf eine schmeichelnde Art deinen Schmerz über die Einbuße des gehofften Glückes zu betheuern, einen nichtssagenden Bückling, und ziehst schweigend von dannen. Was hilft Dir all Dein Wissen, deine Bildung und dein innerer Werth, wenn Du Dich nicht geltend zu machen verstehst! – Einen Freudentag wollte ich Dir machen, und Du verbitterst mir ihn durch deine Manier, die mich für deine ganze Lebenszukunft in gerechte Sorge setzt; der Junge meines Kammerdieners würde sich gewandter zu nehmen wissen, und dessen Erziehung kostet seinen Vater nicht den hundertsten Theil von dem, was ich auf Dich gewendet.
Ganz Unrecht hatte, meinte Gotthold bei sich im Stillen, der Vater nicht. Sollte er das Gefühl, das von der frühesten Jugend an seine Handlungen leitete, Blödigkeit, Bescheidenheit, Genügsamkeit, oder Mangel an Egoismus nennen, aber er konnte sich darum nicht hassen. So hast Du es von Jugend auf gemacht, hatte der Vater gesagt, und er mußte in der Erinnerung an die Vergangenheit lächeln, denn was der Vater darüber erwähnt, war buchstäblich wahr; so entsann er sich z. B., daß, wenn er mit seinen Spielkameraden Kirschen gegessen, er entweder die schlechtesten oder gar keine bekommen, weil die andern immer besser zugelangt, und entweder die bessern herausgelesen oder alle aufgegessen hatten; indessen er konnte sich darum nicht gram seyn. Hatten doch die Kirschen seinen kleinen Freunden damals geschmeckt, und lebte er doch auch noch. Später, als er in das gesellschaftliche Leben der größern Welt getreten – er konnte nicht läugnen, daß er sich da überall mehr in sich zurückgezogen hatte, als eigentlich nöthig gewesen wäre; aber das Vordrängen, was er hie und da bei andern jungen Leuten seines Alters bemerkt hatte, war ihm immer in den Tod zuwider gewesen; sie hatten, das konnte er nicht in Abrede stellen, wie die Dränger überall, mehr Glück gemacht als er; sie waren mehr bemerkt worden als er; sie hatten, wenigstens im Anfange, mehr gefallen als er; aber wer ihn mit der Zeit näher kennen gelernt hatte, war ihm ja auch gut geworden, und hatte ihn immer lieber gewonnen; wozu, meinte er also, sollte er sein Glück erjagen, erstürmen; was ihm werden sollte, war ihm bisher ja doch immer geworden.
Heute, – des Vaters bitterer Tadel, hatte ihn tief verwundet, am meisten die Bemerkung, daß Aurora die gute Meinung, die sie von ihm vielleicht vorgefaßt, durch sein Benehmen verloren haben könne; doch, bei näherer Bekanntschaft, dachte er, wird sich das wohl wieder in das Geleis bringen lassen. Hofämter, Ehrenstellen, – die mochte er nicht – der ausgezeichneteste Wirkungkreis – er kannte keinen ausgezeichnetern, als den ihm das Schicksal zugesichert hatte, das Glück, auf seinen dereinstigen Gütern Gutes zu schaffen – vielleicht ein noch höheres Besitzthum – vielleicht ein noch höheres Besitzthum, wiederholte er, und stellte sich gegen sich selbst, als wolle er sinnen, was damit der Vater habe sagen wollen, und lächelte über dessen Eitelkeit, sich einzubilden, daß sein Gotthold der Seligkeit werth seyn könne, dieses reizende, ihn an Einsichten, Verstand, Bildung und Lebensweisheit weit überwiegende Götterkind einmal als Schwiegertochter ihm zuzuführen.
Da lispelte es hinter ihm in süßem Flötenlaut: Sie sind wohl böse auf mich? er wendete sich schnell und die blühend schöne Aurora stand mit der bleichen Brunehild hinter ihm, und fragte ihn, worüber er so tief in Gedanken verloren gewesen, daß er ihr: lieber Herr Graf, und ihr: beßter Herr Graf, mit dem sie ihn angeredet, so gänzlich überhört habe, und nun erzählte sie mit der ihr eigenen Herzigkeit, daß sie sich mit ihrem Cousin zu einem andern Tanz versagt, und daher den Cotillon frei habe. Gotthold war von des liebreizenden Mädchens holdseliger Freundlichkeit so überrascht, fühlte sich von ihrer zuvorkommenden Gutmüthigkeit so aufgeregt, daß er im Ueberwallen seiner Freude ihre Hand an seine Lippen zog, und ihr mit dem leidenschaftlichsten Entzücken gestand, daß sie ihn durch ihre himmlische Güte zum glücklichsten Menschen mache.
Aurora hätte nicht Mädchen seyn müssen, wenn sie nicht in diesem stürmischen Ausbruche das Gefühl bemerkt hätte, das für sie in Gottholds Brust lebte; der junge, schöne Mann, von dessen Unverdorbenheit und Natürlichkeit ihr die Tante Hofmarschallin absichtlich nichts als Gutes und Liebes erzählt hatte, war ihr im ersten Augenblicke eine recht wohlthätige Erscheinung gewesen, und der Trübsinn, in dem sie ihn am Fenster gesehen hatte, und dessen Veranlassung ihre kleine Eitelkeit sich jetzt durch die, mit ihrem Anerbieten auf einmal wiederkehrende gute Laune ziemlich deutlich zu erklären wußte, und die überselige Fröhlichkeit, mit der er sie in den bereits angetretenen Kreis führte, machte ihn ihr noch interessanter.
Die köstliche Musik des wohlbesetzten Orchesters, die Flimmerpracht des herabstrahlenden Lichts; die blanke Glätte des getäfelten Fußbodens; das magische Wunderspiel der im großen Ahnensaale ringsum befindlichen deckenhohen Spiegel, welche das Bild der fröhlichen Reihen hundertfach wiedergaben; die Kunstfertigkeit der raschen Tänzer; der sylvenleichte Tanz der mit Brillanten und Blumen und aller Toiletten-Herrlichkeit reich geschmückten Ball-Schönen; die sinnvollen Touren – für alles das hatte Gotthold jetzt weder Ohr noch Auge. Er sah und hörte nur Auroren.
Durch das, was ihm Schnüren von ihr erzählt, hatte er sie sich ernst, stolz, bloß mit dem Wohle des Landes beschäftigt, vom Gefühle ihres gewichtigen Einflusses auf den Prinzen und auf den Gang der öffentlichen Geschäfte durchdrungen, hofmeisterlich streng, für die schuldlosen Freuden der Jugend unempfänglich, und bloß in der Atmosphäre der Hoflust heimisch gedacht, und sie war die Natürlichkeit, die Unbefangenheit selbst, sie plauderte, wie ihr das Rosenschnäbelchen gewachsen war, lachte lustig in die Welt hinein, und ergoß sich in Scherz und Schwank, und über das Alles schwebte der Geist der holdesten Anmuth, der süßesten Unschuld und der zartesten Mädchenhaftigkeit, daß Gotthold, je länger er mit dem Zauberkinde sprach, je tiefer er ihm in die geistvollen Feuer-Augen sah, je mehr sich vor ihm der Reichthum dieses Geistes, die Güte dieses Herzens entfalteten, immer mächtiger und unwiderstehlicher zu ihm hingezogen fühlte.
Anderthalb Stunden hatte der Cotillon gedauert; ihm nur so viel Minuten, und aus dem Schade, ewig Schade, das sie beim letzten Bogenstrich der erschöpften Musiker fallen ließ, entnahm er mit wohlthuender Selbstzufriedenheit, daß auch sie keine Langweile gehabt zu haben schien.
Im Saale hatte sich unterdessen Mancherlei gestaltet, von dem Gotthold, der nur Auroren gehört, nichts wahrgenommen hatte. So verdrießlich der Vater über Gottholds Benehmen vorhin gewesen war, so zufrieden äusserte er sich jetzt über ihn. Mit innigem Vergnügen hatte er im Stillen bemerkt, wie bald die jungen Leute sich einander genähert, wie bald sie sich verstanden hatten.
Das war ein Lachen und ein Erzählen gewesen; alle Augenblicke hatten sie zur Beachtung der Touren aufgerufen werden müssen, so zerstreut, so wenig beim Tanze selbst waren sie gewesen, und wenn Aurora durch einen fremden Tänzer von Gottholds Seite geholt worden war, hatte dieser von ihr kein Auge verwendet; er hatte sie mit seinen Blicken begleitet, als sollte er sie in seinem Leben nicht wieder sehen, und kam sie wieder zu ihm zurück, war das, eine Freude gewesen, als wenn sie, wer weiß wie lange, getrennt gewesen wären; und Aurorchen, hatte ihn die väterliche Eigenliebe nicht geblendet, so war das kleine Gräfchen bei der Sache auch nicht ganz gleichgiltig gewesen.
Alle Augenblicke waren Papchen, Pipchen, Popchen und Pupchen, oder Emerentia, oder eine Sechste und Siebente gekommen, und hatten Gotthold zu einer Tour aufgefordert, und immer hatte es geschienen, als ob dergleichen Störungen der unterhaltunglustigen Aurore recht unwillkommen gewesen waren, und immer hatte sie ihn mit den Augen verfolgt, und – doch das wollte er nicht ganz bestimmt behaupten, aber als Gotthold einmal mit der schönen Oberforstmeisterinn von Preisler gewalzt, und während des Tanzes mit ihr mehr als vorher mit den andern geschwatzt, da hatte es dem alten Herrn bedünken wollen, als wäre über Aurorens freundliche Stirn ein kleines Wölkchen gezogen, als habe sich das Rosen-Grübchen in der blühenden Wange, das sich immer so wunderlieblich bildete, wenn sie lachte, ein wenig verflacht.
Unsere Aktien stehen gut, wisperte die Hofmarschallin, und weckte den in gefällige Träume Versunkenen durch eine leise Seitenberührung mit dem Ellnbogen. Aurora, fuhr die Mittheilungsüchtige vertraulich fort: Aurora, wie nun einmal, wenn sie bei Laune ist, alles heraus muß, was ihr das Herz drückt, hat gegen Brunehilden über Gotthold nicht genug Wesens machen können; sie hat seine Unterhaltung gelobt, die Leichtigkeit seines Tanzes, seinen Anstand, sein Aeusseres, den Umfang seines Wissens, und, so weit sich aus einzelnen Aeusserungen in so kurzer Zeit Herz und Gemüth beurtheilen lassen, die Gediegenheit seines Charakters; Brunehilde versichert, Auroren mit solchem Enthusiasmus über einen Mann noch nie sprechen gehört zu haben. Kurz, Freund, ich sage Ihnen, unsere Aktien stehen gut; nur jetzt nichts übereilt; lassen wir der Sache Zeit, sie macht sich von selbst.
Das Schlußwort war ein Wort zu seiner Zeit; denn der Alte war in seiner raschen Lebendigkeit eben schon im Begriff gewesen, zu Gotthold zu gehen, und ihm über seine heutige Liebenswürdigkeit etwas Freundliches zu sagen, und ihn zu fragen,wie ihm die junge Waiblingen gefalle, und nebenbei hätte er dann bestimmt so viel Seitenbemerkungen fallen lassen, daß Gotthold, war er nicht ganz mit Blindheit geschlagen, sehen mußte, was hier geschmiedet wurde.
Aurora – das junge Blut, vom wilden Cotillon hoch aufgeregt, jagte dem Mädchen tosend durch die Pulse und drängte nach dem, vom süßen Schauer der ersten Liebe wunderbar überflogenen Herzen; der jungfräuliche Busen wogte rasch auf und nieder, und ein nie gekanntes Gefühl blitzte mit der Gewalt eines verzehrenden Feuers im Tiefsten ihres Innern auf – sie wehete sich mit ihrem Fächer Kühlung zu und die Neckereien ab, mit denen sie Brunehild und einige andere Bekanntinnen nach ächter Mädchenweise umsumsten, die alle einstimmig versicherten, Auroren so hinreißend schön nie tanzen gesehen zu haben, die Alle lose und leichtfertig betheuerten, Gotthold habe vor lauter Seligkeit ausgesehen, wie ein verklärter Cherub, die Alle aus Gottholds hier verlebten Jugendjahren eine Menge lustiger Tollheiten, auf der andern Seite aber auch wieder die empfehlendsten Züge seiner Herzensgüte und seines feinen Gefühls erzählten, und die alle dadurch, und durch ähnliche Scherze, den stillen Johanniswürmchen-Funken in Aurorens Allerheiligstem zur unauslöschlichen Feuersbrunst anfachten.
Ist das der Erfolg Ihrer Sendung? fragte die alte Zwickel mit lange verhaltenem Ingrimm, als sich, die Strapatzen des Cotillons in allen Gliedern, der Major Schnüren keuchend neben sie setzte. Mit Euch Männern ist in derlei Angelegenheiten doch auch gar nichts anzufangen. Ich handle nicht für mich; ich will den Gotthold nicht heirathen, ich nicht; aber Pupchen, glaube ich, ist ein Mädchen für ihn. Die Mutterpflicht heischt von mir, für des Kindes Wohl zu sorgen; unsere Güter grenzen an einander. Verübeln Sie es der Mutterliebe nicht, wenn sie wünscht, ihre Kinder in der Nähe zu behalten. Ich hätte von Ihnen erwarten dürfen, daß Sie in meine Ideen eingehen, daß Sie meine Wünsche verstehen, daß Sie die Flamme, die im jungen Ulmenhorst für die Waiblingen aufzugehen schien, löschen würden durch ein vernünftiges Wort über des ehrvergessenen Mädchens Verhältniß zum Prinzen; Ihr Schade war es auch nicht, lieber Major, wenn Gotthold Ihr Schwager wurde. Es hätte heute einmal ein nettes Reitpferd, morgen einen eleganten Postzug gesetzt, denn Sie wissen, wenn der junge Mann gibt, gibt er mit vollen Händen, und auf dem Gestüte in Graserode wachsen ihm ja die Pferde umsonst zu; das ganze Jahr ist er nicht hier. Es hätte ein Wort gekostet, und Sie hätten hier jagen können, so weit der Himmel blau ist. Reviere, wie hier die Ulmenhorster, gibt es im ganzen Lande nicht mehr, denn der alte Narr wickelte seine Hirsche und Rehe lieber alle in Baumwolle ein, als daß er eins schießen ließe. Wir Alle hätten hier ein Leben haben können, wie der liebe Herr Gott in Frankreichs denn Gotthold würde auf dem Lande nicht lange ausgehalten, Pupchen, das Weltkind, würde ihn schon angeregt haben, in der Residenz zu leben, und dann wären wir, wenn der alte Graf, der ja doch nicht ewig leben kann, das Zeitliche gesegnet, hier Hahn im Korbe gewesen. Ich dachte, als ich Sie vorhin an den Gotthold abschickte, in meinem Sinn, der wird ihn wohl bearbeiten; er wird ihm schon reinen Wein einschenken, und wenn der Gotthold erfährt, was die Waiblingen für eine Sorte Krebse ist, wird er die leichte Fliege wohl fahren lassen und sich zu Pupchen wenden, das in der Gottesfurcht groß geworden ist und ihren Jungfernkranz wie ein Kleinod in Ehren bewahrt hat; und schon darum für jeden Brautwerber ein gangbarer und preiswürdigerer Artickel seyn muß, als solch ein Romanengesicht, dem man schon von weitem ansieht, weß Geistes Kind es ist. Aber Sie haben entweder gar nicht, oder nur halb gesprochen, denn der Mensch ist ja wie toll und thörig in das Mädchen geschossen. Aber sich ihm auch so an den Hals zu werfen! Denken Sie, die Gräfin ist ihm nachgelaufen, hat ihn selbst um den Cotillon gebeten; ist das Manier? Solch eine Person will vom Hoftone wissen! Als ich jung war, da war das am Hofe nicht Mode. Ich glaube, unsere in Gott ruhende Ober-Hofmeisterin Excellenz hätte einer jungen Dame, die sich das erlaubt, das Genick höchsteigenhändig umgedreht. Und so etwas kann den Männern heut zu Tage gefallen. Gotthold ist, als ihn die Waiblingen zum Tanz engagiert, wie elektrisirt gewesen; er hat ihr die Hände bald abgebissen, und Beide thaten während des Tanzes, das habe ich mit eigenen Augen gesehen, als wären sie schon Braut und Bräutigam. Ich wollte, der alte Ulmenhorst wäre mit seinem ganzen verwünschten Balle, wo der Pfeffer wächst. Was haben sich die Kinder darauf gefreut! Was habe ich’s mir für Geld kosten lassen! Wie allerliebst war der Mensch nicht im Anfange; er flatterte ja um meine Mädels, wie ein lustiger Schmetterling, und ich dachte in meinen Gedanken, daß die Sache mit Pupchen schon so gut wie richtig sey; und, kaum tritt die boshafte Tigerkatze, die Keiner etwas Gutes gönnt, in den Saal, so thut er, als wäre kein Papchen und kein Pipchen, kein Popchen und kein Pupchen mehr in der Welt; möchte man sich nicht da gleich den Schlag auf dem Fleck an den Hals ärgern! Dort sitzt Pupchen nun und mault, und hat hoch und theuer geschworen, keinen Schritt mehr zu tanzen. Sie wissen, wann sie grollt, läßt sie ihren Unmuth immer gern handgreiflich aus. Beide Handschuhe hat sie schon heimlich kurz und klein zerrissen, und der Blumenstrauß, den sie an der Brust stecken hatte, liegt in lauter Stücken um sie herum; und hätte ich sie nicht um tausend Gotteswillen gebeten, vor den Leuten kein Skandal zu machen und sich ein bischen Gewalt anzuthun, sie hätte sich schon über den Blondenbesatz hergemacht. Ich habe für die Elle 20 Thlr. 8 gr. gegeben, und sie nennt ihn in der Bosheit einen nichtsnützigen Plunder; nun, freilich mit Diamantenschnürchen und Juwelenschleifchen, wie die Komtesse Waiblingen, kann ich meinen Kindern die Kleider nicht garniren lassen, und Brillanten-Bouquets habe ich für sie auch noch nicht erschwingen können, aber um den Preis, mein lieber Major, den die Waiblingen dafür gegeben, möchte ich, beim grundgütigen Gott, die Herrlichkeiten auch all nicht haben. Lieber sächsische Zwirnspitzen um den Rock, böhmische Glaskorallen um den Hals und einen Straus ordinaire Feldblümchen vor die Brust, als solchen schandbedeckten Fürstenstaat. Pupchen – ich habe ihr zugeredet und ihr gesagt, daß der Mensch, wenn er sich zu dem Mädchen wenden könne, ihrer gar nicht werth sey; aber sie ist ja wie versessen auf ihn, und ich fürchte mich schon für den Lamento’s, die zu Hause angehen werden, denn jetzt verbeißt sie mit heroischer Selbstbeherrschung die Thränen, die ihr Haselnuß groß in die Augen schießen, und schneidet Gesichter dazu, als hätte sie Leibschmerzen; also Major, liebster Major, wollen Sie, daß wir Ruhe haben daheim, und daß Pupchen nicht vor der Zeit hinwelkt, wie eine geknickte Rose, so gehen Sie und stechen Sie dem Menschen den Staar; aber ordentlich, und nicht so halb obenhin, wie das erstemal. Was haben Sie ihm denn vorhin gesagt?
Der Major, während der langen Eiferrede der verehrten Schwiegermama in Hoffnung, von dem anderthalbstündigen Cotillon wieder zu Athem gekommen, betheuerte mit geziemenden Worten, seines Auftrages wohl eingedenk, und von dessen Wichtigkeit um so mehr durchdrungen gewesen zu seyn, als auch er die Freudentage, die seiner warteten, wenn die gewünschte, Verbindung zu Stande kommt, und, bei seiner Passion für das Jagdplaisir, die hiesigen unerschöpflich reichen Reviere im Auge gehabt habe, setzte auseinander, wie er, um nicht mit der Thür in das Haus zu fallen, etwas weit habe ausholen müssen, und wie der alte Ulmenhorst eben, als er die erste Hälfte seiner Parlementair-Unterhandlungen beendigt, und, nun auf die Hauptsache, auf das gegenwärtige Verhältniß des Prinzen zu Auroren habe kommen wollen, dazwischen getreten und ihn unterbrochen habe, und stand nun auf, um das Versäumte sofort nachzuholen.
Wer doch in großen Gesellschaftkreisen immer überall seyn, immer alles hören könnte, was da in den Fensterbogen, in den Nebenzimmern und in den kleinen, eng zusammengedrängten Gruppen beschwatzt und verhandelt wird, man würde oft Aehnliches von dem finden, was diesen Augenblick im Ulmenhorstschen Ahnensaale vorgegangen war. Doch nein! Es ist wahrhaftig nicht gut, immer Alles zu wissen! Wenn die Menschen besser wären, ja; wer sie aber auf diese Weise durchschauen, wer ihr Geheimstes belauschen könnte, würde bald alles Glaubens an die Mehrzahl, und mit diesem aller Heiterkeit, aller frohen Laune verlustig gehen. Ich mag nicht hinter die Koulissen, wo es winklig und finster ist, und wo die grob geschminkten Menschengesichter gar häßlich und entstellt aussehen; ich will in meinem Parket für mein schweres Geld sitzen bleiben, und mich lieber täuschen lassen. Das Meiste in dieser buntgemalten Breterwelt ist und bleibt ja doch immer Täuschung. Ich will nicht wissen, wie viel mißgünstige, abholde Menschen es giebt, ich will sie lieber alle für gute und für meine Freunde halten, am Ende, wenn sie erkennen, daß sie mir wehe gethan, müssen sie es ja auch in der That werden, wenn sie nicht bodenlos schlecht sind.
6
Gotthold saß für sich allein, fächelte sich, ohne zu wissen, was er that, mit dem Taschentuche Kühlung zu, und träumte sich in die eben selig durchlebten Augenblicke zurück. Er wiederholte sich jedes Wort, was Aurora gesprochen, und schwelgte in der stillen Anschauung des Bildes, das ihm seine, vom Feuer der glühendsten Liebe durchfieberte Phantasie vormalte.
Er zählte in aller Geschwindigkeit ein ganzes Register von Tugenden zusammen, die er in ihren Aeusserungen über dieß und jenes aus ihrem Charakter herausgefunden hatte. Ihre bestimmte Neigung für das Landleben war ihm ein schätzbarer Beweis, daß sie fern von aller Prunksucht und Eitelkeit, den Hofzirkeln und der großstädtischen Welt keinen Geschmack abgewonnen; daß ihr ein einfaches Stillleben mehr zusage, als das geräuschvolle Treiben der Residenz, was sie von der Eintheilung ihres Tages ihm vorgeplaudert hatte, zeigte von dem hohen Werthe, den sie auf die Zeit legte, von dem Glücke, das sie in immerwährender Beschäftigung fand; aus dem, was sie von ihren Uebungstunden gesprochen, entnahm er, mit welchem Eifer sie den Studien der Sprachen, der Musik und Zeichenkunst, der Malerei und den feinen weiblichen Arbeiten obliege; das, was sie ihm von der Führung des väterlichen Haushaltes erzählt, beurkundete ihr wirthliches Talent und ihr Urtheil über mehrere neue, eben erst gelesene Werkes über Kunst und Theater, ihre höhere Ausbildung, ihren Geschmack und ihren tüchtigen, gesunden Scharfblick.
Ihr Großonkel, der alte Obermundschenk, war, der frühern Absage ungeachtet, dennoch gekommen, und hatte sie während des Cotillons freundlich begrüßt. Die Freude, mit der sie auf einen Augenblick aus dem Kreise trat und auf ihn zueilte, um den Silbergreis zu begrüßen; die Ehrerbietung, mit der sie ihm die Hand küßte, die Herzlichkeit ihres Willkommens, – Gotthold nahm in Gedanken seinen Zeichengriffel und fügte den Zügen seines lieben Bildes noch den der rührendsten Kindlichkeit hinzu, und die Einbildungkraft malte ihm, der Zeit vorauseilend, schon die Scene, wie dereinst Aurora mit gleicher kindlicher Liebe seinen wackern alten Vater umfassen und diesem seinen Lebensabend durch ihre freundliche Hingebung versüßen werde.
Als ihm vorhin Schnüren so Vieles und Manches von dem Prinzen vorgeschwatzt, hatte ihn eine Art Besorglichkeit überfallen, daß der Prinz in Auroren wohl mehr als seinen Schutzgeist, wohl mehr als seinen kleinen Reichsrath gefunden haben möge; er hatte angefangen, sich an Viktors Stelle zu denken, und da war ihm recht erklärlich geworden, wie es möglich seyn könne, ein solches reizendes Wesen durch die Gewöhnung des täglichen Umgangs immer lieber zu gewinnen, und am Ende, im vollen Sinne des Worts, zu lieben; war es von ihm Neugierde oder der erste Schlangenbiß der Eifersucht gewesen, er wußte es selbst nicht recht genau mehr, aber er hatte im Laufe des Gesprächs mit Auroren, wie zufällig, die Rede unter andern auch auf den Prinzen gebracht; wenn seine Besorgniß nur im Entferntesten gegründet war, so hätte, meinte er, Aurora bei seiner absichtlich recht trocken hingeworfenen Frage, wie man in der Residenz über den Prinzen urtheile, und ob an dem hie und da laut werdenden Gerüchte von seiner baldigen Vermählung mit der Prinzessin eines benachbarten Hofes wirklich etwas Wahres sey, bestimmt roth, oder doch wenigstens ein bischen verlegen werden müssen; allein zu seiner großen Beruhigung war sie weder roth noch verlegen geworden, sondern hatte mit der, dem Prinzen gebührenden Achtung, aber ohne im Mindesten weiter einen besondern Antheil zu verrathen, von ihm Gutes gesprochen, und die zweite Frage mit der Aeusserung beantwortet, daß das wohl der allgemeine Wunsch des Hofes und gewiß auch des ganzen Landes sey, weil die nachbarliche Fürstentochter höchst liebenswürdig und Viktors Hand in jeder Hinsicht vollkommen werth seyn solle, daß indessen die Sache noch nicht so weit gediehen zu seyn scheine, um davon mit Bestimmtheit sprechen zu können; das alles hatte sie mit derselben Gleichgiltigkeit gesagt, mit der sie ein ähnliches Gespräch von jeder andern Verbindung geführt haben würde, und somit strich er die schwarzen Flecke, die ihm seine Eifersucht auf die entworfne Zeichnung von Aurorens Charakterbilde wider seinen Willen hatte hinkleksen wollen, mit der beruhigenden Ueberzeugung aus, daß —
Das war einmal ein Cotillon, der sich gewaschen hat! sagte der Major, den Schweis von der Stirne trocknend, und warf sich auf den Stuhl neben Gotthold: der ganze Kreis, wahrhaftig alle Tage konnte er sich beim Ballet anstellen lassen, so wundervoll ward getanzt, die erste Solotänzerinn aber ist und bleibt doch immer die Waiblingen. Ein Göttermädchen, eine wahre Hebe ist sie. Haben Sie denn die Anmuth, die hinreißende Anmuth gesehen, mit der das Mädchen tanzte? Was ist das für ein Gliederbau, und welche Federkraft steckt in diesem Luftgebilde! Auf Ehre, zuweilen war es doch, als schwebte sie, von leichten Zephyren getragen, im Kreise herum, denn Sekunden währte es oft, ohne daß das niedlichste Fußspitzchen die Spiegelglätte des Bodens berührte. Weiß Gott, es war, als ob man eine mit Rosenschwingen beflügelte lebendige Grazie vor sich sehe. Auro – o ich bin auch einmal durch die Schule gelaufen, und wenn der Professor auf die hübschen Mädchen der Alten kam, da habe ich immer aufgepaßt, wie ein Heftelmacher – Auro hießen die Athenienser die erste ihrer beiden Grazien; da haben wir sogar die Namenähnlichkeit mit Auroren. Bei meiner armen Seele, ich nehme es dem Prinzen nicht übel; er ist auch ein Mensch, und den Mann will ich mal sehen, der bei diesen verführerischen Reizen seine Fassung behält. Aber auch auf sie, auf Auroren, werfe ich den Stein nicht. Der Prinz ist hübsch, sehr hübsch; das ewige Beisammenseyn, – Gelegenheit macht Diebe, sagt das Sprichwort; seine fürstlichen Geschenke, seine Aufmerksamkeiten; seine täglichen Huldigungen, das zu ihren Füßen ausgesprochene Geständniß seiner unauslöschlichen Leidenschaft, seiner glühenden Liebe! – Macht mir doch nichts weiß! – Mädchen bleibt Mädchen, keins ist von Stahl und Eisen, und ich möchte mal das sehen, das bei solchen Verlockungen unerschütterlich bliebe, absonderlich, wenn ihm solches Blut durch die Adern rinnt! Denn man darf Auroren nur in die fackelnden Feueraugen sehen, die Lebendigkeit ihrer Bewegungen nur einmal beobachten, die Schnelligkeit ihres redseligen Mäulchens nur einmal hören, um die Lebendigkeit dieses Temperaments —
Also meinen Sie wirklich, daß der Prinz? – fragte, aus allen seinen Himmeln stürzend, Gotthold, blutig zerrissenen Herzens, und krallte seine Rechte krampfhaft in das Knie des Majors.
Meinen, wiederholte dieser, und freute sich heimlich, daß sein Gift so schnell und so kräftig wirke: meinen! liebster Graf, da ist nichts zu meinen; über so etwas zu sprechen, seine Meinung darüber gerade heraus zu sagen, Freund, das sind kitzliche Halssachen. Indessen, daß der Prinz oft, merken Sie wohl auf, oft, das heißt fast täglich, von 5 Uhr Abends bis spät in die Nacht allein bei Auroren ist, das ist Thatsache, daß er neulich Nachmittag, bei Justizministers im Garten, mit ihr ganz allein, über eine Stunde Arm in Arm herumspazirt ist, und sie einmal beim Baßin, und dann auf der kleinen Brücke und dann in der Jelängerjelieber-Laube geküßt hat, und daß sie sich ohne Sträuben von ihm hat küßen lassen, daß er dann mit ihren Locken gespielt, ihre Hand genommen, und sich damit das Gesicht gestreichelt, daß er, ehe sie zu der übrigen Gesellschaft, die vorn im Gartensaale Thee getrunken, zurückgekommen, daß er, sage ich, sich herabgebeugt, und – Sie wissen die kleinen rosigen Grübchen auf den vollen schneeweißen Vorderachseln, – daß er in die einen Kuß, dann noch einen und dann noch einen gedrückt, – das ist Thatsache, denn das alles hat ein Bekannter von mir aus der Dachluke seines Hauses mit seinem Fernrohr erlauscht; daß der alte Waiblingen, von dem vor zehn Jahren kein Mensch sprach, den keiner damals kannte, jetzt liebes Kind bei Hofe ist; daß seit achtzehn Monaten bei unserem und beim Nachbarhofe alle Maschinen in Umtrieb gesetzt sind, um Prinz Victors Vermählung zu bewirken; daß dieser sich aber jeder desfalsigen endlichen Erklärung bisher immer zu entziehen gewußt hat; daß er gegen Vertrautere sich bestimmt geäußert, ohne sein Herz nie eine Verbindung der Art eingehen zu wollen, und darum, merken Sie wohl auf, darum es nicht zu können, das alles, Freund sind Thatsachen; und stellt man diese Thatsachen zusammen, und ist in der Zusammenstellung nur ein wenig bewandert; so läßt sich das, was Sie meinten, daß ich es meine, wohl so ziemlich herausresultiren; und wenn das Rechenexempel noch nicht stimmen will, kann man die Probe rückwärts machen, an Auroren selber. Ich weiß nicht, ihre Taille – ich verstehe mich auf so etwas nicht; aber einige Damen hier gloßirten ziemlich deutlich darüber, und wenn man das Gesicht sowohl wie das Benehmen recht prüfend betrachtet, finden Sie nicht auch, daß, wie soll ich sagen, daß so etwas Frauliches darin liege? Bei der rasenden Eifersucht des Prinzen ist mir nur unbegreiflich, wie sie es hat wagen können, hier zu erscheinen, denn in den Zirkeln, wo er nicht ist, sieht man auch sie nicht. Entweder er ist nach Pappelhein, wo er in diesen Tagen hinwollte, und dann hat sie es einmal gewagt, auf den Husch zur Tante Hofmarschallinn herauszukommen, oder es liegt ein höherer Plan im Werke! – ein Plan, von der Noth, von dem Drange der Umstände, die man sonst gute nennt, eingegeben, der Plan, hier im Kreise unsers Landadels einen gutmüthigen Tropf zu finden, der Auroren nicht mißfällt, und der sich, gegen glänzende Versprechungen, dazu hergibt, die fremde Schuld auf seine Hörner zu nehmen, und, sich die unaufschiebliche Schnellpost-Heirath gefallen zu lassen.
Tod und Hölle! rief Gotthold, sich vergessend, sprang mit geballter Faust vom Stuhle auf und knirschte sich den heimlichen Schwur zu, in diesem possierlichen Trauerspiel die Heldenrolle gewiß nicht übernehmen zu wollen. Wie ungeheuer hat er sich in dem Mädchen getäuscht! Mit welchem unermeßlichen Schmerze füllt sich seine Seele, den Glauben an dieses Engelwesen aufgeben zu müssen!
Sie taugen alle nicht, sagte er mit bitterer Giftigkeit, und zwang sich vor Schnüren den Ingrimm zu verbergen, der ihm aus dem blutig zerrissenen Herzen zu Gehirn stieg. War er doch wahrhaftig von dem bischen Aeußern des buhlerischen Mädchens und, ihrer anziehenden Weise, vorhin so rein weg, so toll und thörig besessen gewesen, daß er, ja, er gestand sich die Schwäche, daß er diesen Abend noch, ihr Hand und Herz hatte anbieten wollen. Wie lächerlich hätte er morgen vor dem Hofe, vor der Residenz, vor dem ganzen Adel der Umgegend da gestanden! Welch ein Glück, daß ihm der Zufall den ehrlichen Schnüren zugeführt!
Aber warum, rief er im Kampfe mit sich selbst, und mit seinem Jammer, diesen kaum gefundenen Schatz, der ihm sein ganzes Leben lang hatte vorhalten sollen, mit einemmale wieder auf immer und ewig verloren zu haben: warum hat der Gott, in dem die Wahrheit wohnt, solche schreiende Lüge in diese Züge geschrieben! Ist es denn möglich, die Unschuld, die Tugend täuschender zu malen! Ist denn in diesen frommen Tauben-Augen nur ein falscher Blick zu finden? Lächelt denn in diesem ganzen Madonnengesicht etwas anders als die reinste Liebe, verschleiert durch die züchtigste Scham, durch die unbefleckteste Jungfräulichkeit? O, warum ist ein gefallener Engel so schön, so überschwenglich reizend!
Wollen der Herr Graf wohl die Gnade haben, nachzusehen, ob die Tafeleinrichtung so nach Ihrem Gefallen sey? fragte Lippert, ein langes Namenverzeichniß in der Hand, auf dem, in Folge der vom alten Grafen Ulmenhorst ertheilten Bestimmungen, die Plätze der Gäste an der reich besetzten Abendtafel verzeichnet waren, und machte ein Gesicht dazu, als wäre ihm darin Manches enthalten, was seinen Ansichten nach nicht ganz passend sey, worein er sich aber geduldig habe fügen müssen, weil er die Vorschriften des alten Herrn zu befolgen genöthigt gewesen sey, und setzte, sich gewissermaßen im Voraus entschuldigend, hinzu, daß es eine recht schwierige Aufgabe gewesen, bei diesem Arrangement die nöthigen Rücksichten auf das bestehende Rangreglement mit denen auf die vorhandenen Familien- und auf die – er schob das Wort schüchtern ein – beabsichtigten Herzens-Verhältnisse klüglicher Weise zu verbinden.
Schön, schön! entgegnete Gotthold, das Verzeichniß überfliegend, und in diesem Augenblick zu nichts weniger aufgelegt als nachzusehen, ob der Herr neben der Dame, und die Dame neben dem Herrn bei Tische zu sitzen komme, und ob der und die oben oder unten ansitze; selbst wo man ihn hin placirt, war ihm einer – doch eben fiel ihm sein Name in die Augen; seine Nachbarinn rechts, sollte die Hofmarschallinn, seine Nachbarinn links, Aurora —
Hm, brummte er erschrocken vor sich hin, und dankte dem vermeintlichen Zufalle, daß ihm Lippert das Verzeichniß mitgetheilt. Alles recht gut, sagte er beifällig lächelnd, und zwang sich, den Aerger zu verbergen, der ihn bei dem Gedanken überflog, daß ihm der Vater oder der überkluge Herr Secretair Lippert, Auroren zur Tischnachbarinn bestimmt: alles recht gut, alles recht umsichtig, als ob es vom Oberhofzeremonienmeister selber angeordnet worden, nur – hier – des Herrn Obermundschenken Excellenz sind, wie Sie wissen, noch unvermuthet gekommen; den müssen wir hier hineinschieben; der kann, ohne Euer Rangreglement zu verlegen, nirgend anders sitzen, als hier neben der Hofmarschallinn.
Die Zettel sind schon alle gelegt, wie sie hier im Verzeichnisse auf einander folgen, versetzte Lippert, zwischen Angst, den Vater durch die gewünschte Abänderung unwillig zu machen, und zwischen heimlicher Freude, über des Sohnes unerwartete Abneigung gegen die verrufene Person, die Waiblingen.
Ist eine Kleinigkeit, fiel ihm Gotthold mit verhaltener Heftigkeit in das Wort: Sie nehmen den Zettel, auf dem mein Name steht, weg, und legen einen andern mit dem Namen des Hrn. Obermundschenk dafür hin, damit ist es abgemacht.
Und der hochgräfliche Herr Papa? fragte Lippert, über das Donnerwetter besorgt, das er dann schon im Voraus heraufkommen sah.
Dem Vater sagen Sie nur, wenn er Sie fragt, ich hätte Sie darum gebeten, die Rücksicht auf den Herrn Obermundschenk —
Und wo befehlen Ew. Gnaden nun? unterbrach ihn Lippert, als verstehe er schon den Wink.
Ganz einerlei, antwortete Gotthold gleichgiltig, und nur froh, von dem ihm zugedachten Platze wegzukommen. Setzen Sie mich hier in die Nähe des Herrn Majors, wir haben so noch Manches mit einander zu besprechen. Melden Sie Sr. Excellenz nur, wer Hochderen Nachbarinnen sind, damit Dieselben sie, wenn zur Tafel geblasen wird, in den Speisesaal führen können.
Lippert, der wegen Gottholds verabredeter Verbindung mit Auroren in der letzten Zeit die Korrespondenz des Vaters mit der Hofmarschallinn geführt, und nach dem Gesetz der täglichen Erfahrung, daß Fama, wenn sie aus den Kreisen der höchsten Stände Wahres oder Unwahres berichtet, einen desto bereitwilligern ungeprüfteren Glauben findet, je tiefer zum Volke herab ihre Posaune dringt, von Aurorens Wandel und Leben die krassesten Gerüchte vernommen hatte, fühlte sein Herz, das den jungen Grafen bis zur Verehrung liebte, um mehrere Centner leichter, als er jetzt ziemlich deutlich sah, wie die Sachen standen; verbeugte sich mit freundlichem Gesichte, und ging und that treu wie ihm befohlen; sechs Trompeter bliesen zur Tafel, und die bunten Gruppen drängten sich im lustigen Gewühl zum hocherleuchteten Speisesaal; Gotthold schlenderte allein ganz zuletzt hinter drein, und wollte sich freuen über den Jubel der Fröhlichen, in dem sich Alles gepaart hatte, aber ein mißbehaglicher Unmuth schauerte ihm eisig kalt durch das verstimmte Herz, denn er war der Einzige im Kreise, der den Frohsinn verloren, in dessen wunder Brust ein nie gekannter Schmerz heimlich wühlte.
7
Hier, hier, lieber Graf! schrie Mama Landräthinn, als sie, mit den Ihrigen schon sitzend, Gotthold nach langem Warten endlich in den Saal treten sah, und klopfte auf die Lehne des ihm bestimmten Stuhles. Pupchen, seine Nachbarinn, hatte ihm von der ersten Schüssel, aus purer blanker Liebe, einen Haufen auf seinen Teller gelegt, daß, wie der Major sich witziger Weise ausdrückte, kein Landwehrdragoner darüber wegzusetzen im Stande wäre; sie klagte ihm ihre Noth, beim Tanzen immer so entsetzlich schwitzen zu müssen, daß sie jedesmal wie aus dem Wasser gezogen sey, stieß mit ihm auf gute Nachbarn und desgl. an, und kicherte über das sinnreiche und darum von ihr sehr verständlich betonte – und desgleichen mit der Mama um die Wette.
Gotthold aber sah und hörte von allem dem nur die Hälfte, und auch die nur halb, denn er lugte in Einem hinüber nach Auroren, und freute sich, daß sie recht verdrießlich aussah, und sich recht systematisch zu langweilen schien; der Obermundschenk unterhielt sich größtentheils ausschließlich mit der Tante Hofmarschallinn, und der zweite Nachbar, ein invalider Generallieutenant außer Dienst, stocktaub und kurzen Gesichts, der früher vom Vater oder von Lippert dahin postirt worden zu seyn schien, damit die jungen Leutchen recht ungestört hatten mit einander schwatzen können, sprach keine Sylbe, sondern hieb in die vor ihm stehenden Schüsseln ein, als habe er an der Spitze seines Kavallerieregiments Marsch blasen lassen.
Aurora, durch einige ihrer Bekanntinnen, die aus löblicher Neugierde, vor Tische die Tafel umflattert hatten, um zu sehen, wo der und der, und die und die zu sitzen hinkommen werde, bereits vorläufig von der, in Gottholds Person ihr anfänglich bestimmten Nachbarschaft unterrichtet, war nicht wenig überrascht gewesen, statt des erwarteten Gotthold, den alten Obermundschenk angewackelt kommen zu sehn, der sie am rechten, und die Tante am linken Arme zu Tische geführt hatte; sie konnte den alten Mann im Ganzen wohl leiden, aber heute wäre ihr Gotthold neben sich bei Tische doch lieber gewesen. Es war unter den Hunderten, die bald von ihrem persönlichen Reize hingezogen, bald aus Spekulation auf ihre Fürsprache beim Prinzen, täglich zu ihren Füssen lagen, der erste junge Mann, der ihr gefiel, dem sie gut, recht gut geworden war, und den sie meinte, bei näherer Bekanntschaft noch lieber gewinnen zu können, denn er war ihr, trotz der tausend lustigen Dinge, die er vorhin während des Tanzes hatte ausgehen lassen, doch verständig und unterrichtet vorgekommen, und die Gutherzigkeit, die ehrliche Biederkeit, die ehrenfeste Zuverlässigkeit hatten sich in jedem seiner wohlgefälligen Züge, in jeder seiner Aeußerungen ausgesprochen; daß die Etikette von ihm hatte fordern können, seinen Tischplatz dem später unvermuthet gekommenen Obermundschenk abzutreten, sah sie ein; aber daß er sich gerade da unten hinunter, an die zweite Tafel, bei Landrath Zwickels hatte setzen müssen, das wollte ihr nicht als ganz unbedingt nöthig einleuchten. Auch sie freuete sich, daß er verdrießlich aussah; denn, daß er lieber neben ihr, als neben dem doch in Allem auch gar zu sehr zurückgebliebenen Pupchen Zwickel gesessen, lag ihr, alles Selbstgefühl dießmal völlig bei Seite gesetzt, am Tage.
Er stand schon bei der dritten Schüssel hastig, und wenn Aurora sich nicht irrte, verstimmter auf als er sich niedergesetzt hatte; sie hielt das zu ihrer Freude und zu Gottholds Ehre für sehr natürlich; bestimmt hatte das Gänschen Polykarpe von Zwickel so viel Albernes zum Beßten gegeben, daß er es nicht länger hatte aushalten können; er ging von einer Tafel zur andern, stellte sich bald hinter den Stuhl einer ihm näher bekannten Dame, bald hinter einen Herrn, plauderte und spielte den Wirth, und suchte (wenn auch selbst im Innern bis zum Tode erkaltet) die Freuden der Tafel zu beleben. Jetzt – bestimmt kam er nun endlich auch zu ihr. Zweimal war er schon ganz in der Nähe gewesen; jetzt stand er drüben bei der kleinen Goldstein, jetzt mußte er zu ihr herüberkommen, und wenigstens der Artigkeit halber bedauern, seinen Platz haben aufgeben zu müssen. Und vielleicht bat er sich, zur Entschädigung seines unermeßlichen Verlustes, nach Tische noch einen Tanz von ihr aus, und aus schuldiger Rücksicht auf den Sohn vom Hause, und wenn er sie recht hübsch bat, hatte sie ihm schon einen aufgehoben.
Aber er kam nicht, er bedauerte nicht, er bat nicht. Von der Goldstein wendete er sich, ohne sie einmal anzusehen, – nein, einen Blick hatte er ihr hinübergeworfen, aber der war so kurios, so ganz sonderbar gewesen, daß sie sich lieber weiß machte, er hätte gar nicht hergesehen, – zu der dritten und vierten Tafel; mit jeder nur irgend interessanten jungen Dame knüpfte er eine kleine Unterhaltung an, nur zu ihr kam er nicht, zu ihr allein nicht.
Er mied sie absichtlich; denn als die Gesellschaft nach aufgehobener Tafel wieder zu tanzen anfing, und der Obermundschenk ihm in das Ohr flisterte, daß die Gräfinn Waiblingen auf den nächsten Walzer noch nicht engagirt sey, that er, als ob es ihm außerordentlich leid sey, sich schon versagt zu haben; und mit wem trat er an? mit einem zwölfjährigen Kinde, das bestimmt ihm und sich kein Haar ausgerauft haben würde, wenn er es unter Vertröstung auf den nächsten Tanz hätte sitzen lassen, und dafür mit ihr gewalzt hätte. Aber es war recht absichtliche Absicht von ihm, ihr aus dem Wege zu gehen, denn in welcher Gegend des Ball-Saales sie sich nur sehen ließ, augenblicklich war er daraus verschwunden.
Aurora – ein Zurückziehen der Art war ihr noch im Leben nicht vorgekommen. In der Residenz, am Hofe, flog ihr alles entgegen, selbst hier hatten sich die Ersten des umliegenden Landadels an sie gedrängt, nur Gotthold, der im ersten Augenblicke ihres Eintretens ihr die unzweideutigsten Beweise der ausgezeichnetesten Aufmerksamkeit, der zartesten Huldigung gegeben hatte, war auf einmal wie umgewandelt, und floh ihre Nähe.
Sie ärgerte sich über sich selbst, daß sie nicht stark genug war, den wandelbaren Menschen im Augenblick wieder aufgeben zu können, aber gerade seine scheinbare Gleichgiltigkeit gegen sie, machte ihn ihr um so interessanter; es lag in diesem auffallenden Benehmen, das sie entweder für erzwungen, oder für die Folge irgend eines ihr unerklärlichen Mißverständnisses hielt, eine Art von Herausforderung, diese Kälte zu schmelzen, oder dieses Mißverständniß aufzuhellen. Allein da er ihr überall auswich, konnte-sie ihren Zweck, wenigstens diesen Abend nicht erreichen.
Sie verließ, sichtbar verstimmt, mit der Tante Hofmarschallinn beim anbrechenden Morgen die Gesellschaft, und stellte sich, als ob sie schliefe, um den wiederholten Fragen der Tante, was ihr fehle, und warum sie so einsylbig dasitze, ein Ende zu machen. Als aber die Tante gesprächweise Brunehilden mittheilte, daß sie Ulmenhorst Vater und Sohn zum nächsten Sonntag eingeladen, und daß der Alte zugesagt habe, da drückte sie die Aeuglein fester zu, huschte in ihren weichen Mantel tiefer hinein, und überdachte sich die Weise, wie sie den räthselhaften Herrn Gotthold recht unbemerklich in die Enge treiben wollte, bis er ihr über sein gar sonderbares Benehmen den gewünschten Aufschluß gegeben, und meinte, daß sich das Uebrige schon von selbst finden solle.
8
Hätte vielleicht die lange Woche bis zum Sonntage den Rosenflimmer des Strahlenkranzes, mit dem die Gewalt des ersten Eindrucks Gottholds Liebenswürdigkeiten in Aurorens Augen umzogen hatte, etwas schwächen können, so sorgte Brunehild wider ihren Willen dafür, daß das nicht geschah. Deren liebeschmachtendes Herz war mit voller Ladung vom Balle zurückgekommen. Gotthold, ob er gleich nicht zehn Worte mit ihr gesprochen und sie fast gänzlich übersehen hatte, war ihr Gott; sie lös’te sich in Entzücken und Sehnsucht, vor der Trauten ihrer Seele, vor Auroren fast auf, und sprach, wenn sie mit einander allein waren, die ganzen, langen sechs Tage, von Sonnenaufgang bis zum Niedergang, von nichts als von ihm.
Jetzt erst erkannte sie den Werth einer wahren Freundinn, denn der Antheil, mit dem ihr Aurora jedes Wort, das sie über Gotthold sprach, von den blassen Lippen sog, ihre drei- und mehrmal wiederholten Geschichten von ihm immer mit erneueter Aufmerksamkeit anhörte, und ganze Nachmittage mit ihr allein im spart und Wald umherschweifte, um nur ungestört sich ausschwatzen zu können, was war er anders, als der rührendste Beweis der theilnehmendsten Freundschaft; sie fiel, wenn ihr der romantische Raptus ankam, Auroren täglich wohl zehnmal um den Hals, und dankte ihr für ihre Geduld, für ihre Ausdauer, und Aurora sog, zur Strafe für die Heuchelei der ihr aufgedrungenen Vertrauten-Rolle, das süße Gift der Liebe immer tiefer ein, denn Brunehild malte den Gotthold mit immer reizendern Farben.
Der Himmel weiß, wo diese alle Nachrichten über ihn her hatte, aber sie lieferte aus den einzeln eingeholten Bruchstücken ein so anziehendes Ganze, daß Aurora mit jedem Morgen und Abend das Idol ihres Herzens immer liebenswerther fand. Bald lachte sie im Stillen über die komische Scene, die ihr Brunehild erzählt, wo er einen kleinen Bauerjungen, der auf einem himmelhohen Eichwipfel Vogelnester gesucht, und weil er an den Unterhöschen hängen geblieben, nicht wieder heruntergekonnt, mit gewandter Kraft herab geholt hatte; bald nickte sie dem kecken Muthe wohlgefällig zu, mit dem er noch als Knabe auf einem der entferntern Güter des Vaters, in Falkenwerder, Justizraths fünfjähriges Julchen aus dem Buschteiche vom Wassertode gerettet; bald standen ihr die Thränen in den Augen, wenn sie ihn in der Hütte der armen Hirtenfrau dachte, der, nach dem Tode des Mannes, ihr Einziges, ihre Kuh hatte abgepfändet werden sollen, und wo er seine ganze Sparbüchse hingegeben hatte, um der Frau ihr kleines Eigenthum zu erhalten, und wie da die arme Wittwe mit all ihren Kindern ihn knieend umringt, und wie der Pfarrer, der zufällig herbeigekommen, in tiefer Rührung segnend auf Gottholds Haupt die Hand gelegt und gesagt habe: solchen ist das Reich Gottes.
Der Oberstallmeister – das war zwar gegen jene Tugenden der Menschenfreundlichkeit, der Selbstverläugnung und der Liebe zum Wohlthun nur eine der geringsten, aber sie hörte ihn doch gern loben, – der Oberstallmeister hatte ihn den beßten Reiter der ganzen Gegend genannt, und der Oberamtsrath, ein tüchtiger Oekonom, der ihn, wie er sich geäußert, im ehrenwerthen Felde des Landbaues haarscharf auf den Zahn gefühlt, hatte mit einer Art von Ehrerbietung versichert, daß er vor dem jungen Manne allen möglichen Respekt habe. Mit eigenen Ohren hatte ihn Brunehild mit der Ober-Kammerherrinn französisch plaudern gehört, und sein Mäulchen war gegangen, wie ein Uhrwerk, und die Ober-Kammerherrinn hatte versichert, man spreche es in den ersten Salons zu Paris nicht besser. Mit dem Legationrath war eben so geläufig die Unterhaltung italienisch und englisch gewesen, und sein Klavierspiel, sein Gesang —
Brunehild legte ihm schon eine Auswahl ihrer beßten Musikalien hin, und beredete mit Auroren den Plan, wie es anzufangen, daß Gotthold mehrere Tage hier bleibe, und Beide studirten über die beßte Weise, ihn zu unterhalten, daß ihm die Zeit nicht lang werde, und während Brunehild im Geheimsten ihrer Seele an dem Netzchen strickte, in dem er sich fangen sollte, ließ Aurora sie nach Gefallen schalten und walten, sah mit lustiger Selbstgefälligkeit in den Spiegel und meinte, daß der Herr Gotthold ein paar recht gesunde Augen im Kopfe habe, und daß ihr daher für seine Wahl zwischen Beiden ganz und gar nicht bange sey.
9
Der Sonntag Vormittag währte aber auch ewig lange. Nach der Kirche war noch kein Mensch da. Die Mädchen wollten auf den Schloßthurm, von dem aus rundum die weiteste Aussicht sich bis hinunter zu dem grünen Waldkranze dem Auge darbot, aber die Hofmarschallinn meinte, der scharfe Luftzug da oben könne den leicht gekleideten Kindern nachtheilig seyn, und fragte lächelnd: wer denn zuerst den Einfall gehabt; sie sehe ja wöchentlich mehreremale aus der Nachbarschaft Leute bei sich, und bis jetzt habe man deren Ankunft immer ruhig im Zimmer abgewartet.
Aurora wollte hinauf, entgegnete Brunehild, und ward, als sie den Purpur gewahrte, der Aurorens Wange pfeilschnell übergoß, feuerroth, denn sie hatte den feinen Stachel, der in der Mutter Frage gelegen, im Gefühle ihrer kaum mehr zu gewältigenden Sehnsucht verstanden, zugleich aber war ihr auch in der Rosenflamme, die auf Aurorens Wangen erglühte, das erste Lichtchen aufgegangen, und hatte den Argwohn geweckt, daß die Engelgeduld, mit der die werthe Cousine die ganze Woche lang ihre kleinen Schwärmereien ertragen und genährt, wohl etwas anders, als Freundschaft für sie seyn könne.
Ihr habt Euch ja geputzt, Kinder, fuhr die Hofmarschallinn beifällig scherzend fort: als erwarteten wir den Fürsten selber.
Nun, ich doch wahrhaftig nicht, erwiederte Aurora schnell und mit einem Tone, dem man es anhörte, daß sie der Tante Neckerei verwunde, und es war wahr, es blitzte, während Brunehild die ganze Herrlichkeit ihres beßten Schmuckes ausgelegt, kein Steinchen an ihr, dafür aber war ihr Haar und Anzug auf das sorgfältigste und geschmackvollste geordnet, sie prangte in dem allerfeinsten Hauskleide, und ihr jugendlich schöner Körper, die Frische ihrer zarten Haut, die Formen ihrer üppigen Fülle und ihre blühende Farbe, der Seidenglanz ihres Ringelhaares, das Schmelzende ihrer brennenden Augen, die milde Lieblichkeit ihres Engelgesichtchens, die Anmuth ihres natürlichen, frohen Sinns, alles war so sonntäglich, so feiertagmäßig, daß die Tante selbst die eigene Tochter darüber vergaß und Freund Gotthold in diesen Reizen unrettbar, unwiederbringlich verloren, sich aber für das gelungene Meisterwerk, Auroren dem Prinzen glücklich entrückt zu haben, von Viktors Eltern fürstlich belohnt und mit dankbaren Auszeichnungen beehrt sah.
Endlich rollte ein Wagen nach dem andern in den Schloßhof; zuletzt auch der Gräflich-Ulmenhorstsche mit sechs schaumbedeckten Rappen; Papa ward aus dem Wagen gehoben; jetzt kam Gotth – nein er kam nicht.
Brunehild und Aurore standen mit einigen bereits versammelten Gästen an den Fenstern. Brunehilden verging, als der Wagen, ohne daß Gotthold ausgestiegen, nach dem Stalle zu fuhr, die Sprache. Auroren vergingen die Sinne. Keines wagte das Andere anzusehen, denn Beide fürchteten, sich vor den Umstehenden zu verrathen, und die Hofmarschallinn las jetzt erst in den langen Gesichtern der Mädchen recht deutlich, mit welcher Sehnsucht sie den Säumigen erwartet hatten.
Graf Ulmenhorst entschuldigte des Sohnes Ausbleiben mit heftigen Zahnschmerzen, die ihn heute früh, kurz vor der Abfahrt, überfallen; daß dieß aber bloßer Vorwand war, und daß selbst der Vater an die Zahnschmerzen nicht glaubte und den Sohn lieber verdammt als entschuldigt hätte, ward aus der Weise seines Vortrages jedermänniglich klar.
Die Hofmarschallinn gab bald nach den ersten Begrüßungen dem Grafen einen Wink, sich aus dem Versammlungzimmer zu entfernen und ihr in ein Seitenkabinet zu folgen.
Hier sollte er beichten. Aber er wußte nichts.
Aus dem Eifer, mit dem der Vater Auroren um einen Tanz für ihn gebeten, aus der Anordnung der Tischnachbarschaft, aus dem, was der Vater von dem höheren Besitzthum erwähnt, und was Schnüren von dem, den dringenden Umständen abgenöthigten Plane gesagt, hatte Gotthold das ganze Spiel zusammen gereihet, das der Vater, der hoffentlich von dem vorgeblichen oder wahrscheinlichen Drange der Umstände nichts wußte, und von den glänzenden Aussichten, die seinem Gotthold durch Aurorens Hand eröffnet werden sollten, geblendet worden, gekartet habe.
Beweise für seine, ihm von Schnüren in das Herz geschraubte Vermuthung fehlten; über die ganze Angelegenheit viel zu sprechen, hatte Schnüren selbst zu den kitzlichen Halssachen gezählt; überdieß hatte dieser ihm noch vor dem Nachhausefahren vom Balle sein Ehrenwort abgefordert, ihn nie und gegen keinen Menschen als den zu nennen, der ihm über Aurorens Verhältniß zum Prinzen das nähere Licht gegeben. Folglich hielt Gotthold für das Klügste, sich über die Geschichte mit keinem Worte auszulassen.
Des Vaters Frage, warum er dem Obermundschenk seinen Tischplatz überlassen, beantwortete er mit der Aeusserung, daß er das für schicklich gehaltene, auf des Vaters Aeusserung, daß es geschienen, als ob er bei und nach dem Essen nicht recht aufgelegt gewesen, erwiederte er ein kurzes, daß ich nicht wüßte; auf die Erkundigung, welche der Ball-Damen ihm am beßten gefallen, ließ er sich in ein breiteres Detail ein und nannte deren ein Dutzend, unter diesen, nach seiner Meinung recht fein berechneter Weise, auch Auroren, und auf die Meldung, daß die Hofmarschallin ihn mit zum Sonntage eingeladen, entgegnete er gar nichts.
Im Laufe der Woche brachte der Vater, auf weiten Umwegen, das Gespräch öfter wieder auf die Hofmarschallin und dann auf Auroren zurück; Gotthold, der ihn immer von weitem kommen sah, bestätigte sich dadurch in der Gewißheit des vorhandenen Heirathplanes, und schlug, um sich nie zu verrathen, den Weg der diplomatischen Schweigsamkeit ein; er machte, wenn der Vater auf dieß Kapitel kam, bloß den Zuhörer, und antwortete nur, wenn er ausdrücklich um seine Meinung gefragt ward.
Bis jetzt hatte der Vater immer nur mit Enthusiasmus von Auroren gesprochen und ihre guten Seiten nach allen Kräften herausgestrichen; auf diese Weise sah er wohl, kam er nicht zum Zweck, Gottholds Gesinnungen zu erforschen, denn er konnte, die Hände auf dem Rücken, stundenlang neben ihm hergehen und brachte keinen Laut über die Lippen, ungeachtet er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit immer bei dem Gespräche war, denn er fand es höchst interessant, zu sehen, wie sich sein guter Vater abmühete, ihn für Auroren, die dieser wohlgemeinten Verwendung wahrhaftig nicht werth war, endlich zu gewinnen.
Der Vater hieb sich jetzt einen neuen Weg in das Holz. Er tadelte Auroren und meinte, daß Gotthold, wenn er etwas für sie empfinde, gewiß bald auftreten und sich ihrer annehmen, sie zu entschuldigen oder zu rechtfertigen suchen werde. Das Mädchen schien ihm etwas gefallsüchtig, auch etwas gar zu lebhaft, gar zu lustig; sie gebe sich, wie sie sey; so habe sie nicht einmal so viel Gewalt über sich gehabt, es zu verbergen, wie ungelegen ihr des Obermundschenks unerwartete Tisch-Nachbarschaft gewesen; ein tüchtig Portiönchen Eitelkeit sey ihr auch nicht abzusprechen, und – er wollte ihr zwar nicht Unrecht thun, aber das Uebergewicht, das sie hinsichtlich ihrer Kenntnisse und ihrer Hoferziehung über manche andere Fräulein der Gesellschaft unläugbar gehabt, sey doch fast ein wenig zu bemerkbar geworden; auch scheine Aurora die Huldigungen der sie umschwärmenden jungen Männer als einen ihr von Gott und Rechtswegen gebührenden Tribut anzusehen, und, wohl aus unzeitigem Stolze, ein fast zu geringes Gewicht darauf zu legen, denn außer mit Gotthold, bei dem sie, vermuthlich als den Sohn vom Hause, eine Ausnahme machen zu müssen geglaubt, habe sie mit Keinem so lange und so freundlich gesprochen, sondern sie immer kurz und beinahe spröde abgefertigt.
Gotthold spazirte nach wie vor, die Hände auf dem Rücken, neben dem Vater, und biß oft gewaltsam die Lippen zusammen, um kein Wort herauszulassen. Der Vater that dem Mädchen, mit den mehresten seiner Urtheile, schreiend Unrecht, das mußte er zu ihrer Ehre selbst jetzt, wo er ihr nicht grün war, wo sie seine Achtung und Liebe verloren, eingestehen, aber wenn er nur eine Sylbe zu ihrer Rechtfertigung fallen ließ, so hatte der Vater ein Häkchen, um das weitere Gespräch, das dieser auf dem Herzen hatte, daran zu hängen, das sah er wohl im Voraus, und darum nahm er zu seiner Diplomatenklugkeit wieder seine Zuflucht, und schwieg als hätte er keine Zunge im Munde, und ließ das Mädchen frisch weg verdammen und verurtheilen; wußte er doch aus den früheren Lobreden des Vaters, und aus dem weither zusammengeholten, ganz einseitigen und meist ungegründeten Tadel, was der alte Herr mit der ganzen Komödie beabsichtigte.
Den Sonnabend war der Vater noch auf demselben Flecke, auf dem er am Montage früh gewesen war. Jetzt schoß ihm das Blatt. Bestimmt hatte Gotthold sein Herz schon irgendwo aufzuheben gegeben, und daher dessen unbegreifliche Kälte gegen die reizende Aurora, deren Zauber ja sonst in das jugendliche Pulverfaß augenblicklich hätte einschlagen müssen.
Die bei Gottholds raschem Temperamente, bei seinem für Liebe so empfänglichen Herzen, und bei seinen, von den festen Grundsätzen des Vaters, über das Heiligthum einer unverfälschten Ahnenreihe abweichenden Ansichten, wohl zu entschuldigende Angst, daß der Herr Sohn bereits eine Wahl getroffen, deren Billigung in das Reich der Unmöglichkeit gehöre, und daß es dann mit dem, gerade in diesem Punkte unbeweglichen Starrkopfe, zu starken und hartnäckigen Tänzen kommen werde, drückte ihm jetzt, nach weiter, umschweifiger Auseinandersetzung der Nothwendigkeit, nun auch auf eine anständige, den Ansprüchen der Familie genügende Verbindung mit der Zeit denken zu müssen, die vertrauliche Frage ab: ob Gotthold unter den vielen Bekanntschaften, die er aus seinen Reisen gemacht, vielleicht ein Mädchen gefunden, das der Ehre werth sey, in seinen Siegelring sein Wappen neben dem Gräflich Ulmenhorst’schen stechen zu lassen?
Gotthold lachte verneinend, und aus der Unbefangenheit seiner Antwort, in der die Versicherung lag, an etwas der Art zur Zeit noch, nie – er hielt im Augenblick inne, denn er besann sich, am letzten Balle doch ziemlich nahe daran gewesen zu seyn, und fuhr dann mit gedämpfterer Stimme fort, – noch nie ernstlich gedacht zu haben, nahm der Vater, der des Sohnes untrügliche Wahrheitliebe kannte, zu seiner großen Beruhigung wahr, daß von der Seite, gegen den Plan mit Auroren, nichts im Wege liege.
Gotthold aber durchschaute seiner Seits die Absicht dieser Präliminairfrage bis auf den Grund, und nahm sich in diesem Augenblicke vor, morgen um keinen Preis mit zu fahren.
Am Sonntag Morgen, als der Vater schon im Wagen saß, ließ Gotthold hinab sagen, daß es ihm wegen heftiger Zahnschmerzen, die ihn die ganze Nacht gequält, unmöglich sey, ihn zu begleiten. Auf das Höchlichste überrascht, sprang der Alte wieder heraus, eilte auf Gottholds Zimmer, und wollte vor ihm seinen Aerger über die wahrscheinlich blos vorgewendete Krankheit ausschütten, und ihn gerade heraus fragen, was er gegen Auroren und das Haus der Hofmarschallinn habe, aber auf der Treppe besann er sich wieder der ausdrücklichen Ordre der Hofmarschallinn, vor der Hand den jungen Leuten von irgend einer Absicht, sie mit einander zu verheirathen, durchaus nichts merken zu lassen; er bezähmte also seinen aufwallenden Zorn, und stellte sich, als komme er bloß, sich nach des armen Sohnes Befinden näher zu erkundigen.
Logen die über der Stuhllehne hängenden Kleidungstücke nicht, so hatte Gotthold wirklich den Willen gehabt, mitzufahren; log das schwarzseidne Tuch, das er um Kinn und Wangen, das weiße, das er um den Kopf gebunden hatte, und der mit allen möglichen Hausmitteln besetzte Tisch nicht, so hatte er wirklich Zahnweh. War er die ganze Woche einsylbig und maulfaul gewesen, so war er jetzt gar stumm.
Der alte Graf meinte, daß man sich zuweilen zwingen müsse, und daß namentlich der Zahnschmerz einem festen Willen, ihn zu verläugnen, unterthan sey, und erzählte mehrere Beispiele von Schauspielern, die mit dem wüthendsten Zahnweh hinter den Coulissen gestanden, und, sobald sie auf die Bühne getreten, ihn augenblicklich verloren hätten. Gotthold machte eine Pantomime dazu, als wolle er sagen, daß seine Sorte nicht so fügsam zu seyn scheine; die Hofmarschallinn, meinte der Vater, würde ihm gar nicht glauben wollen, daß Gotthold sich von einer solchen Kleinigkeit – bei dem Worte Kleinigkeit fuhr Gotthold nach dem linken Backen, wimmerte laut, schnippte mit den Fingern der Rechten und schnitt Gesichter, als sey der Höllenschmerz, den Ihre Excellenz, die Frau Hofmarschallinn für eine Kleinigkeit anzusehen geruhen wollten, im Stande, den daran Leidenden an die Grenze der Verzweiflung zu bringen; der Vater murmelte, um die letzte Mine springen zu lassen, etwas von Brunehilden und Auroren vor sich hin, das ungefähr so klang, als ob diese beiden den verhätschelten Zärtling auslachen würden, der es vorzöge, lieber zu Hause zu bleiben, und ihre Gesellschaft Preis zu geben, als in das nächste Städtchen zu fahren, sich den heillosen Störenfried ausziehen zu lassen, und dann frisch und wohlgemuth bei der Mittagtafel, zwischen ihnen Platz zu nehmen; aber Gotthold hörte vor dem schwarzseidenen Tuche, das er über die Ohren gezogen, von den Lockworten nichts, und überdieß hatte er sich in ein scharfes Aetzmittel getauchte Baumwolle zwischen die Zähne gestopft, und stand über dem Spucknapf, um sich des Wassers, das ihm in deren Folge im Munde zusammenlief, zu entledigen, und schüttelte in dieser Märtyrer-Stellung, auf die Frage, ob für dießmal durchaus keine Hoffnung sey, der Frau Hofmarschallinn Excellenz heute aufwarten zu können, ohne aufzusehen, achselzuckend mit dem Kopfe.
Der alte Herr fuhr brummend von dannen, und Gotthold freute sich, mit seiner ihm abgedrungenen Nothlüge dießmal glücklich durchgekommen zu seyn.
Der Domestiken halber spielte .er seine Krankenrolle noch fort, und hütete das Zimmer, versicherte jedoch einige Stunden später dem alten Lippert, der ihm die von dem nächsten Postamte eingelaufenen Briefe überbrachte, daß ihm schon um Vieles besser sey, und schrieb den, von diesem ihm empfohlenen Hausmitteln, zu dessen großem Gaudium, übermenschliche Heilkräfte zu.
Unter gedachten Briefen befand sich ein Schreiben eines Universitätfreundes, des Assessors Brauer, der ihm meldete, in einer der entferntesten Regierungen angestellt worden zu seyn; er werde morgen dahin abgehen, komme auf seiner Reise den Donnerstag durch Falkenwerder, und werde sich außerordentlich freuen, wenn er das Glück haben könne, dort seinen alten ehrlichen Gotthold zu finden.
Anspannen, – vier Pferde! rief der junge Graf, sich vergessend, riß die Tücher vom Kopfe, schrieb ein Paar Zeilen an den Vater, in welchem er ihm die Veranlassung seiner schnellen Abreise meldete, damit dieser, wenn die Dienerschaft von seiner schnellen Genesung etwa erzählte, über die Wahrheit seiner Krankheit keinen bösen Verdacht schöpfe, und ihm die Wahrheit seiner Behauptung, daß starke Gemütherschütterungen das Zahnweh augenblicklich vertreiben könnten, durch das Anführen bestätigte, daß über die unvermuthete Freude, seinen alten Freund, den Assessor zu sehen, seine Schmerzen sich sofort verloren hätten.
10
Brauer, der sich in Falkenwerder nur einige Stunden bei Gotthold hatte verweilen können, war längst wieder fort; aber Gotthold gefiel sich in der Ruhe seiner Umgebungen, wo ihn Niemand mit unwürdigen Heirathprojekten quälte, und in der stillen freundlichen Gegend, wo ihm aus der Erinnerung seiner frühesten, vor zwölf, dreizehn Jahren hier verlebten glücklichen Kinderzeit, jedes Plätzchen lieb war, so, daß er seine Rückreise von einem Tage zum andern aufschob.
Er ritt und fuhr täglich aus, besuchte die zu dem weitläufigen Hauptgute gehörigen Vorwerke, durchstreifte die Forsten, durchsah die Rechnungen, besprach sich mit den Verwaltern, Schulzen und Bauern über künftige Verbesserungen, brachte die, während seiner Abwesenheit vernachlässigte Bibliothek in Ordnung, und hatte vom frühsten Morgen an, den ganzen Tag so viel zu thun, daß er kaum an sich, geschweige an etwas anderes denken konnte; nur Abends ward es ihm in dem alten geräumigen Schlosse unheimlich, mißbehaglich. Die Unterhaltung des wackern Verwalters, und das Geschwätz der alten ehrlichen Försterinn, fing an ihn zu langweilen, das ewige Alleine seyn in den scheunenähnlichen großen Stuben aber war ihm auch unerträglich, und er freute sich daher, zu hören, daß der landesherrliche Kreisrichter, Justizrath Strenge, der hier am Ende des der Kreisstadt nahgelegenen Dörfchens, seit Jahrzehnden schon, den Sommer über seine romantischen Besitzungen bewohnte, und auf mehrere Wochen verreist gewesen war, morgen wieder zurückkehren werde; der geistreiche, unterrichtete Mann war durch seine unzerstörbar frohe Laune, durch sein lebendiges Auffassen der ihm aufstoßenden Begegnisse, und durch seine herrliche Darstellgabe, einer der vorzüglichsten Gesellschafter, besorgte die wichtigern Rechtsangelegenheiten des Hauses mit der ihm eigenen Gewandtheit und Umsicht, und spielte Schach und Piket vielleicht im ganzen Lande am beßten.
Die Försterinn hatte Gottholden eben im Vorbeigehen von dem himmlischen Geruch der Lindenblüthe erzählt, die sie in der großen Allee am Ende des Parks genossen, und von dem Balsamduft der frischgemäheten Wiese außerhalb des Gartens; er nahm sich daher die vor wenig Minuten eingetroffenen Zeitungen mit, um sie in dem Lusthause, in der Nähe des belobten Platzes, zu lesen.
Wie so still und abgeschlossen war es hier! Vom Lusthause aus, das auf der Gartenmauer stand, hatte er die reizendste Aussicht über die waldumgrenzte große Wiese, von der die Bauermädchen, die das Heu gewendet, auf den Heimruf des Abendglöckleins vom Kirchthurme, mit den schönsten Wald- und Wiesenblumen geschmückt, unter Scherz und Lachen nach Hause zogen; die untergehende Sonne vergoldete die lichtgrünen Wipfel der hundertjährigen Lindenallee, die aus ihren Millionen Blüthen den süßesten Wohlgeruch verbreitete, und von Wald und Wiese stieg ein Meer balsamischer Düfte in die sanftbewegten Abendlüftchen empor; und das ferne Murmeln des Waldbaches, der die Wiese durchschlängelte, und das Rauschen im nahen Buchenhain, und das Klappern der fleißigen Mühle im Elsenbusch – Gotthold legte die Zeitungen weg, er konnte, er mochte nicht mehr lesen! Was gingen ihn hier die Welthändel an! Was konnte es ihm hier gelten, ob der oder der zum Handkuß gelassen, ob in den Kammern die linke oder rechte Seite obgesiegt, ob im Parlamente die oder jene Spiegelfechterei durchgegangen, ob die Staatspapiere ein Viertelprozent gestiegen oder gefallen waren; er stand auf und wollte ausreiten, um die durchwürzte Abendluft auf hundert Punkten der schönen Umgebung in die Brust zu saugen, in der eine ihm selbst unerklärliche Sehnsucht ihn ewig bestürmte, in der ein banges, unstetes Treiben lebte, und ihm das Gefühl abdrang; daß – und wenn auch alles um ihn her hier noch tausendmal schöner wäre, ihm doch noch Etwas fehle.
Noch einmal schweifte sein Blick auf den vor ihm liegenden Matten umher, und längs dem Gebüsche vor dem Walde hin, da – nein, er hatte sich wohl getäuscht – dort, wo das, Weiß der jungen Birken ihm entgegen schimmerte – aber er hatte sich bestimmt geirrt – sein Auge sah unverwandt auf den Fleck dort, wo der Fußsteig waldeinwärts nach dem Buscheteiche zuging – er sprang die Treppe hinab und beflügelte seine Schritte als wolle er die Sonne einholen, und – bei den Blumenbeeten stand des Gärtners Aelteste, Susanne, und begoß die Lilien, den Levkoi und die Resede.
Er fiel seiner hastigen Eile in den Zügel; was hätte das Mädchen von ihm denken müssen, wenn er so vor ihr vorbeigesaus’t wäre. Der – sanfte Kühlregen, der aus Susannens blanker Gießkanne auf das, von der Hitze des langen Juliustages fast versengte Blumenvölkchen erquickend herabsprühte – er hätte sich gleich mit begießen lassen mögen, so unruhig, so heiß, so glühend brannte ihm das verzehrende Feuer des Verlangens im kranken Herzen; auch ihm war es, als habe ihm die versengende Hitze alles Blut in den Adern gekocht, als durste ihn nach kühlender Erquickung.
Da ging, hob er, zu Susannen gewendet, an, und wußte in dem Augenblick nicht recht genau, warum er eigentlich fragte: da ging vorhin Jemand, weiß gekleidet, nach dem Buschteiche zu, das ist wohl – er wollte hinzusetzen: die Christiane, die alte Bettfrau gewesen, ob er gleich recht gut wußte, daß diese heute, am Sonnabend Abend, wo sie das ganze Schloß scheuern zu lassen pflegte, nicht abkommen konnte, und daß das Weiße, was er im jungen Birkengebüsch wahrgenommen zu haben vermeinte, ganz anders ausgesehen hatte, als die alte pumpelige Christiane; aber Susanne ließ ihn nicht ausreden, sondern fiel ihm mit einer Sicherheit in das Wort, als könne sie ihm hierüber die allergenauste Auskunft geben, und erzählte, daß das der taube Jakob, der Köhler, werde gewesen seyn, der seinen weißen Leinkittel zum Sontage gewöhnlich im Dorfe waschen lasse, und über die Wiese nach Hause, in seine Köhlerhütte gegangen seyn müsse.
Wie ein Leinkittel hatte die schnellfüßige Nymphe des Waldthales, die zwischen den weißstämmigen Birken durchgehuscht, auch nicht ausgesehen! Aber wer – wer war die Erscheinung gewesen!
Längs dem Buschteiche lief auf dem Damme der Fußsteig, auf dem er von der Wiese das unbekannte Luftgebilde in die Birken hatte verschwinden gesehen, ganz richtig durch den Eichenkamp hin, und dann durch die hohen Tannen zu Jakobs Köhlerhütte, und hinter dieser war die Welt zwar nicht mit Bretern zugenagelt, aber alle weitere Verbindung mit den Nachbargütern war dort durch einen meilenlangen und über tausend Schritte breiten Moor-Bruch abgeschnitten, den wahrscheinlich noch nie ein menschlicher Fuß durchwatet hatte, denn er war an den meisten Stellen mehr als fünf Ellen tief und hie und da grundlos.
Die weiße Gestalt mußte also entweder in der Köhlerhütte übernachten wollen, oder im Geröhrig des Buschteiches, oder im Moorbruche ihre Wasserresidenz haben, oder im Abendnebel verschwinden, oder wieder auf dem Fußsteige zurückkommen, – wieder zurückkommen, wiederholte er heimlich vor sich hin, eilte durch das Schloß über den Hof in den Stall und rief dem Reitknecht zu: den Braunen, den Ali heraus! – Der Reitknecht stürzte mit sämmtlichen Stallleuten in die Geschirrkammer, um Sattel und Zeug zu holen, und zehn geschäftige Hände sattelten und zäumten, von dem Hastrufe aufgeschreckt, mit einer Eil, daß in zwei Minuten der vogelschnelle Araber marschfertig war.
Soll ich mit? fragte der Reitknecht, der irgendwo eine Feuersbrunst, oder sonst ein Unglück in der Nähe vermuthete, und seinen Herrn begleiten zu dürfen wünschte.
Nein, brummte dieser verdrießlich, denn er ärgerte sich über sich selber, daß er durch sein auffallendes Dringen die Leute auf den vorhabenden Ritt aufmerksam gemacht, und über das unselige Verhältniß, nichts unbemerkt thun zu können.
Um der unzeitigen Neugier der Lästigen nur aus den Augen zu kommen, schwang er sich auf den spiegelblanken Renner und stürmte zum Hofe hinaus nach der frisch gemäheten Wiese zu, den Blick auf die jungen Birken gerichtet. Beim letzten Hause des Dorfes erst fiel ihm das lange schmale Brückchen über das Fluthbette beim Ständer des Buschteiches ein; da hinüber mußte er, wenn er bis zur Köhlerhütte wollte, und das schmale Beet war bloß für Fußgänger zu passiren; der keckste Waghals hätte sich nicht erdreistet, sein Pferd über diesen halsbrechenden Steig zu führen.
Noch verstimmter als zuvor befahl er dem vor dem Hause stehenden Knecht, den Braunen auf das Schloß zurückzubringen, und setzte seinen Weg über die Wiese zu Fuß fort. Die ganze Familie stürzte aus der Hütte und sah verwundert dem jungen Herrn nach, der durch das Dorf gesprengt gekommen war als brenne es hinter ihm, und jetzt beim heraufdämmernden Abende nach dem Walde zu wanderte, wo, nach ihrer Meinung, weder Hund noch Katze zu finden sey.
Gotthold fühlte die Blicke der Staunenden hinter sich her, wie Nadelstiche, verwünschte die Sucht der Menschen, sich um Dinge zu bekümmern, die sie nichts angehen, und dachte sich recht lebhaft in die peinliche Lage der Großen der Erde, die im ganzen Leben auch keinen Schritt thun können, ohne von der unleidlichen Menge überall ausspionirt und bekrittelt zu werden. Zuletzt, als er sich den Unmuth allmälig vergangen, kam er nach und nach zur Betrachtung seiner selbst, und wußte am Ende nicht, oh er sich schämen, oder sein werthes Ich auslachen solle.
Er war in hundert Gesellschaftzirkeln gewesen, wo er die schönsten Frauen und Mädchen gefunden, ohne einen Schritt gethan zu haben, um sie wieder zu sehen, und hier ritt und lief er sich außer Athem und brachte seine Dienerschaft, das ganze Dorf in Aufruhr, um – — ja, eigentlich wußte er wahrhaftig nicht recht, was er hier wollte; er übersetzte sich zwar sein Jagen und Treiben in eine Art zu rechtfertigender Neugierde, zu sehen, wer hier, auf dem Grund und Boden seines väterlichen Erbes, und meilenweit fern von aller Nachbarschaft aus den gebildetern Ständen, das gewesen seyn könne, und meinte, daß er, hätte er die weiße Gestalt auf dem Gute eines Dritten, oder in der Nähe einer volkreichen Stadt erblickt, kein Glied darum gerührt haben würde; aber so ganz unvermischt war jene sogenannte Neugierde doch nicht.
Wenn er sich nur nicht vor seinem Verstande gefürchtet hätte, der ihm, meinte er wieder, wenn es sich doch noch ergeben sollte, daß er sich getäuscht, und daß es dennoch der taube Jakob in seinem morgigen, Sonntag-Staate, oder eine andere, dem ähnliche Person gewesen, gewaltig beißende Rübchen schaben werde, er hätte gern mit sich selbst darauf wetten wollen, daß das räthselhafte Figürchen das anmuthigste Grazienkind gewesen wäre; der Gang, wenn man dieses Schweben anders so nennen konnte, die Grazie, die Haltung, die schönen Formen – er hatte das alles nur mit halbem Blick gesehen, und wegen der, das Ganze hie und da verdeckenden Birkenzweige nicht einmal mit halbem, aber – die Erinnerung an Auroren, deren Bild ihm, selbst wider seinen Willen, in der Seele fester geblieben als er glaubte – konnte mit Theil an der Einbildung haben, – aber hatte ihn nicht alles getäuscht, so war diese Gestalt hier der ihrigen nicht unähnlich gewesen; nur diese hier war ihm feiner, veredelter, geistiger vorgekommen!
Wenn es Aurora selbst – dummer, einfältiger Gedanke! – er hätte gleich stehen bleiben und auf dem Flecke umkehren können! – Aber wenn sie das Mädchen hieher gesendet – ganz unmöglich war das wahrhaftig nicht; denn daß es im Plane gelegen, ihn mit Auroren zu verbinden, darüber hatte er mathematische Gewißheit, und daß diesen Plan nichts mehr zu befördern im Stande gewesen wäre, als das Mädchen hieher gehen zu lassen, in die tiefe Einsamkeit, die recht geeignet war, das Herz für das sanfte Gefühl der Lie —
Da kam, nicht 50 Schritte weit von ihm, über den schmalen Steig Auro – nein, Aurora war es nicht – ein Feenkind, eine Himmelsbotinn der göttlichen Unschuld nur konnte das Zauberkind seyn, das von den letzten Strahlen der scheidenden Sonne goldig und wundersam umglänzt, ihm hier – entgegen schwebte. —
Gotthold starrte athemlos hin; das Mädchen sah ihn nicht, denn es hatte die Augen auf das geländerlose Bret geheftet, über das es eben etwas zaghaft herüberschwankte; in der einen Hand den Strohhut und die Handschuhe, und in der andern ein zierlich geflochtenes, mit frischen Waldblumen geschmücktes Körbchen mit Erdbeeren; auf dem Arme ein buntes Umschlagetuch; das seidenglänzende, rabenschwarze Lockenköpfchen mit einem leichten Gewinde von Heideblüthen umschlungen; die jugendlich frische Gestalt von einem schneeweißen überfeinen Gewande umflossen, und vor der jungfräulichen Pracht des Busens eine nickende Rose nebst Blatt und Knospe – so schaukelte das engelschöne Mädchen auf dem wippenden Brete herüber, und Gotthold war unterdeß mit Meilenschritten heran geeilt; fast dicht vor ihm schlug das Mädchen die großen veilchenblauen Augen auf, und mit dem Entzücken des Wiedersehens rief es, sich freundlich verbeugend: Guten Abend Herr Graf!
Guten – hob Gotthold an, aber der Abend blieb ihm im Munde stecken, denn er hätte das Mädchen, das ihm mit seiner überirdischen Anmuth immer noch halb wie eine himmlische Erscheinung vorkam, mit den Augen verschlingen mögen, und der Wohllaut ihrer Silberstimme klang ihm im Tiefsten seiner trunkenen Seele melodisch wieder.
Sie kennen mich wohl gar nicht mehr? fragte das holde Kind des Waldthales, zwischen Scherz und ernster Erinnerung der Vergangenheit. Aus den Augen, aus dem Sinn, fuhr sie im Tone des leichten Vorwurfs fort, und schien sich an Gottholds fortwährendem Sinnen über ihr kleines Ich zu ergötzen: nein, da sind wir Landmädchen beständiger, setzte sie hinzu: und gehn mit der Erinnerung an das, was uns das Glück bescheert hat, haushälterischer um; noch heute auf dem Herwege dachte ich mit recht herzlicher – aber das ist doch seltsam, unterbrach das Mädchen, auf einmal sehr ernst geworden und mit fast feierlicher Betonung, sich selbst – hier – sie sah scheu hinab in den schillernden Wasserspiegel des Buschteiches – hier auf der nämlichen Stelle!
Julchen! schrie Gotthold, freudig überrascht, auf, umschlang das schöne Mädchen, drückte, sie an das überfröhliche Herz, nannte sie mit den süßesten Schmeichelnamen und küßte das Rosenmündchen, den Sammet der blühenden Wangen, die dunkelblauen, langbewimperten Liebesterne, die schwarzen, feingeformten Bogen darüber, und das ganze lustige Amorettenköpfchen in so übermäßiger Unzahl, und betheuerte immer dazwischen seine Freude, sie so groß und wunderhübsch wieder zu finden, in so seligem Ungestüm, daß Julchen in den ersten Minuten gar nicht zum Worte kommen konnte.
Ihre Hauptangst bei dieser Sturmfeier des Wiedersehens schien die Besorgniß zu seyn, daß Jemand in der Nähe gewesen und Gottholds wilden Wiedererkennung-Jubel mit angesehen haben möge, denn noch lange nachher blickte sie fast hinter jeden Strauch, und forschte auf jeden Baum, ob nicht etwa ein unzeitiger Lauscher sich irgendwo versteckt gehabt habe, aber Gottholds zehnmal wiederholte Versicherungen, daß er sie nie gekannt haben würde, wenn er ihr an irgend einem dritten Orte begegnet wäre, daß er gleich bei seiner Ankunft hier nach ihr gefragt, daß man ihm aber von einer kleinen Reise zu einer ihrer befreundeten Familie erzählt, daß ihm überall etwas gefehlt habe, und daß es ihm nun erst gefallen werde, verscheuchten bald jeden andern Gedanken, als den an ihn, und an die Freude, ihn endlich wieder, und so wieder zu sehn, aus ihrer Seele, und sie erzählte ihm nun mit der ihr eigenen lebendigen Lust und Laune, wie oft sie sich den Augenblick gedacht, wo sie ihm einmal auf ihrem Lebenswege begegnen werde, und wie sie sich ihn immer vorgestellt, wie sie das Bild, das sie sich von ihm in die Seele geprägt, festgehalten, und wie sie ihn überall, wo sie ihn gefunden, auf der Stelle würde wieder erkannt haben; sie war heute erst von ihrem kleinen Ausfluge zurückgekommen, hatte von seiner Ankunft gehört, und war, wie sie in der Unschuld ihrer Natürlichkeit mit Schelm-Lächeln gestand, nach der Köhlerhütte gegangen, in der Hoffnung, ihn auf dem Wege über die Wiese vielleicht im Garten zu sehen.
Vor zwei Jahren hatte sie bei den sieben Linden, wo sie sonst als Kinder immer in die Erdbeeren gegangen, seinem Andenken zu Ehren die schönsten Ananas-Erdbeeren, die der Vater weither aus den berühmten Vierlanden bei Hamburg verschrieben, eigenhändig gepflanzt, von diesen hatte sie hier die Erstlinge gepflückt, um sie ihm zum Willkommen zu senden, und als ich, fuhr sie fort: das Körbchen bis an den Rand gefüllt hatte, eilte ich zurück und hoffte, Sie auf dem Heimwege vielleicht, wenigstens in der Ferne zu seh’n, da begegnen Sie mir hier – setzte sie mit weicher Stimme hinzu, und in die Veilchenspiegel ihrer Seele traten helle Perltropfen tiefster Rührung: hier auf dieser Stelle, wo Sie mit eigener Todesgefahr mir das Leben gerettet. Hundertmal wohl bin ich seit der Zeit da gewesen, und immer habe ich Ihrer mit frommem Danke gedacht und für Ihr Wohl still zu meinem Gott gebetet, und er hat mein Gebet erhört; Sie sind groß und stark geworden, und, wie Alle uns erzählt, die von Ihnen Nachricht hatten, gut und brav geblieben.
Ja, hier war es, fiel Gotthold, von ihrer Rede und von dem sonderbaren Zufalle, Julchen gerade auf dieser Stelle wieder zu finden, begeistert ihr in das Wort: noch sehe ich Dich, als wenn es heute wäre, nach dem Vergißmeinnicht-Busche hinab gehen, wie Du vom schlüpfrigen Ufer abglittest, augenblicklich zu Grunde gingst, und wie das schwarze Köpfchen wieder auftauchte und dann verschwand.
Und wie Sie dann mit lautem Schrei nachstürzten, fuhr Julchen, fröhlich weinend, fort: mich umschlangen, mit mir rasch herausschossen, mit mir herüberschwammen und mich hier bei dem Weidenstrauche auf das Ufer legten. Sie weinten vor Freude, nahmen Ihr kleines Mützchen vor das Gesicht, knieten nieder und beteten: Vater unser der Du bist im Himmel. O, mein edler Gotthold, das werde ich, das kann ich nie vergessen. Das alles wird ewig in meinem Herzen leben.
Sie zog seine Hand an die hochwogende Brust und wollte in der Seligkeit des Augenblicks ihre Lippen darauf drücken, aber Gotthold umschlang das liebreizende Kind, besiegelte das Entzücken des Wiedersehens mit einem minutenlangen herzlichen Kusse, und Julchen sah sich nach keinem Späher um, denn sie meinte in ihrer heiligen Unschuld, daß die Engel im Himmel selber gegen diesen Kuß nichts einwenden könnten; sie reichte dem geliebten Retter ihres Lebens, als Huldigungopfer ihrer Dankbarkeit, die Erstlinge der selbstgepflanzten Vierländer Erdbeeren, suchte die schönsten und größten aus, und als er im Scherze der kosenden Liebe versicherte, daß sie ihm noch besser schmecken würden, wenn sie ihm solche würze, und ihr die aromatische Beere vor den kleinen Mund hielt, daß sie die Hälfte davon genieße und ihm die andere gebe, und Julie, während sie, vom Sinne seiner zarten Bitte geschmeichelt, die blendend weißen Perlzähne, schalkhaft lächelnd, auf das saftreichste Pracht-Exemplar ihrer Erdbeeren setzte, und die sprechenden azurblauen Augen zu ihm aufschlug, da rissen alle Sehnen, da sprangen alle Fesseln, die ihm bis dahin das Herz zusammengeschnürt hatten, und es flog hinüber zu der keuschen Jungfrau, die in ihrer Unschuld mit sorglicher Theilnahme ihn fragte, was ihm fehle, denn seine Wangen hatte der dunkelste Purpur überflogen; das aber war das Herzblut, das ihm unter süßem Schmerz aus der frischen Wunde entquoll, die ihm die Liebe geschlagen.
Er eilte hinab zu dem erwähnten Vergißmeinnicht-Busche, pflückte einige Blumen und steckte sie – indem er ihr mit gesenktem Blick und mit sichtbarer Verwirrung bedeutete, daß dieß das Blümchen der Treue sey, was er zu dem der Liebe auf den heiligen Altar der Unschuld lege, – neben die Rosen, an Juliens Brust, aber die Hand zitterte ihm gewaltig, denn durch das Miederchen, das die schönen Formen ihres schlanken Gliederbaues wohlgefällig bezeichnete, fühlte er den raschen Schlag ihres, ihm gehörenden Herzens.
Arm in Arm gingen sie über die Wiese zurück, in Juliens Wohnung, und setzten sich in den Garten; das wirthliche Mädchen trug in der blühenden Jelängerjelieber-Laube dem willkommenen Gaste ein einfaches Abendmahl auf, und Beide saßen, kos’ten und plauderten, Gotthold von seinen weiten Reisen, und Julie von den kleinen Begebnissen ihres bisherigen Stilllebens, bis der Wächter im Dörfchen eilfe abrief; da stieg der Vollmond aus dem schweigsamen Waldthale auf und leuchtete dem Glücklichen heim, dem es schwer geworden seyn mußte, aus dem stillen Blumengärtchen, aus dem Meere seiner balsamischen Wohlgerüche, und aus den Armen des Mädchens zu scheiden, das in traulichem Geschwätz die Reife ihres Verstandes, die himmlische Güte des Herzens, und die Tiefe ihres Gemüths vor ihm entfaltet hatte, denn er hatte mehr als zehnmal Abschied genommen und der Gutenachtküsse viele gefordert, und war immer wieder geblieben, und hatte immer noch etwas zu sagen und zu fragen gehabt, bis endlich, als er im Scherz vorgab, auf einmal von einer so gewaltigen Schläfrigkeit befallen worden zu seyn, daß er nicht fort könne, und sehr naiv erklärte, den kurzen Rest der Nacht hier in der Laube bleiben zu wollen, um sie morgen früh recht zeitig wieder zu sehen, Julie einen thaugetränkten Nachtviolenstengel brach, mit diesem ihm, um ihn wieder munter zu machen, muthwillig in das Gesicht spritzte, und ihn unter tausend Tändeln und Lachen aus dem Garten drängte.
Ueber der niedrigen Geländerthür, die sie wohlweislich gleich hinter ihm verriegelt hatte, mußte sie ihm, auf seine Versicherung, daß er sonst kein Auge zuthun könne, noch den allerletzten Kuß geben, und ausserdem versprechen, den allallerletzten ihm noch nachzusenden, wenn er um die Ecke der Schulzenwohnung biege, und Julchen war ehrlich genug, ihr gegebenes Wort zu halten und die verschwiegenen Nachtlüftchen trugen ihm das Verheißene nach, was sie mit beiden Händen; freundlich nickend, spendete.
In dem, von schwer seidenen Vorhängen umrauschten breiten Paradebette, legte sich der arme Gotthold bald auf die rechte, bald auf die linke Seite, bald auf den Rücken, bald auf die Nase, bald in die Länge, bald in die Quere, er konnte vor süßer Unruhe nirgend den gewünschten Schlaf finden; machte er die Augen auf, so sah er gerade in das mild ihm zulächelnde Vollmondgesicht, in das, wie er sich einbildete, Julchen jetzt gewiß auch noch schauete, und machte er sie zu, so ward das Uebel noch ärger, dann kehrte das Bild des eben verlebten seligen Abends ihm vor die berückte Seele, und die Phantasie malte ihm, was ihr seine heimlichen Wünsche eingeflüstert, mit gefälligem Pinsel hinein, und warf auf die Hauptstellen so blitzende Lichter, und auf andere wieder so dunkel verhüllende Schatten, und überfirnißte das Ganze mit so lüsternem Glanze, daß, Gotthold in dem Traumwahne, als sey das alles diesen Abend in der Wirklichkeit so vor ihm vorübergegangen, aus einer Verzückung in die andere verfiel, und erst zu einiger Ruhe gelangte, als er aufsprang, das Fenster öffnete, und Brust und Stirne in der Kühle des frühen Morgenthaues badete; doch auch hier verkümmerte ihm das Krähen der muntern Hähne sein Verlangen nach endlichem Schlafe. Die Glücklichen, sagte er verdrießlich halblaut zu sich selbst: sie sitzen im Kreise ihrer Lieben, und ich bin in meinem weiten Prunkzimmer allein, und immer allein.
11
Die kleine Kirchthurmglocke weckte ihn am folgenden Morgen aus seinem ewig langen Schlafe. Julchen hatte ihm gestern Abend zufällig gesagt, daß sie in die Kirche gehen werde; er warf sich eilig in die Kleider, verschlang sein Frühstück, und eilte in das einfache, von hohen Kastanien umschattete Gotteshaus. Die ganze Gemeinde, die aus der gutsherrlichen Familie in der ihr bestimmten Emporkirche lange Keinen gesehen, – denn der alte Graf hielt nicht viel von Religion-Zeremoniel, wie er das Kirchengehen nannte, und die junge Herrschaft war seit länger denn zwölf Jahren abwesend gewesen – erbauete sich an Gottholds Erscheinen in ihrer Mitte, und Aller Blicke waren ihm bei seinem Eintreten zugewendet, und Alle meinten, er sehe noch viel hübscher aus, als die bisherigen höchsten Kunst-Ideale der Bauerjugend, die beiden Posaunen-Engel, welchen die Zipfel der karmoisinrothen Draperie vor seinem Sitze in die Hände gesteckt waren, daß die erlauchten Kirchgänger wie unter einem Baldachin saßen.
Aber nicht nur Aller Blicke, sondern auch Aller Herzen waren ihm zugewendet, denn er hatte die ehrerbietigen Grüße des Aeltesten der Gemeinde, des Schulzen und der Schöppen durch ein freundliches Kopfnicken beantwortet, und die junge Pfarrfrau, die ihm der Verwalter, der ihn hatte begleiten müssen, auf dem Sitze, der Kanzel gegenüber, gewiesen, mit einer zuvorkommenden, sehr artigen Verbeugung überrascht, und die ganze christliche Gemeinde mit einem rund umschweifenden, so huldreichen Blicke bewillkommt, daß Jeder meinte, der liebe junge Herr habe ihm ausschließlich einen guten Morgen gesagt.
Sonst, das entsann er sich aus seinen Kinderjahren noch deutlich, sonst hatte die ganze Kirchfahrt die Gesänge abgebrüllt als stecke sie am Spieße; jetzt begleitete die über ihm befindliche Orgel mit den leisesten Akkorden das Lied, dessen Strophen die Männer und die Frauen, untereinander abwechselnd, mit gemäßigter Stimme vortrugen.
Der Verwalter erklärte, auf Gottholds Befragen, daß diese Einrichtung von der Mamsell Strenge herrühre, die vor zwei Jahren in einer Herrnhuter-Colonie gewesen, wo ihr diese Singweise so gefallen habe, daß sie den damals eben angezogenen neuen Herrn Pfarrer gebeten, solche auch hier einzuführen, und der Mamsell Strenge zu Liebe hätten sich die Kirchväter auch unweigerlich in ihren Wunsch gefügt.
Der Mamsell Strenge zu Liebe? fragte Gotthold, und er that ihm gut, hier in den Gott geweihten Hallen von ihr zu hören, von ihr sprechen zu können.
O, entgegnete der Verwalter, ohne zu wissen, welcher Honigseim seine Worte waren: die gilt hier viel, die gilt alles; aber sie verdient’s auch. Sehen Ew. Erlaucht da vorn am Altare die Kinder auf dem Bänkchen! – und Gotthold gewahrte auf dem bezeichneten Platze drei kleine Mädchen und zwei Knaben, alle in gleiche Farben, in die des Gräflich-Ulmenhorst’schen Wappens gekleidet, reinlich und einfach, und frisch und gesund – das sind unsere Waisen; sie haben weder Vater noch Mutter und müßten betteln oder verkümmern; da hat sich Mamsell Julchen ihrer angenommen und verwendet ihr ganzes Taschengeld auf deren Verpflegung und Erziehung; den andern Mädchen im Dorfe aber gibt sie täglich bei sich im Hause drei Stunden Unterricht in weiblichen Arbeiten; da lernen sie Wäsche ausbessern, Stricken, Nähen und Schneidern, und alles, was eine tüchtige Bauerfrau von feiner Handarbeit zu wissen braucht, und für die Größern, die sich bald auf eigenen Heerd Rechnung machen können, besoldet sie eine eigene erfahrene Wirthinn, die Frau Sander, welche die Mädchen unterweisen muß im Backen, Kochen, Waschen, Platten, Obstdörren, Früchte einlegen, Spinnen, Weben, in der Federviehzucht und in andern nützlichen Dingen der Art, und da lernt sie selber mit, als sollte sie morgen ihre kleine Bauerwirthschaft antreten; der Frau Sander hat sie eine Apotheke eingerichtet; in der fehlt kein Hausmittel; Hunderten schon hat sie damit geholfen, und wo ihr Wissen nicht ausreicht, schickt sie die Kranken, wenn sie mittellos sind, auf ihre eigene Kosten zum Kreisarzt. Hat Jemand Kummer, oder ist er in Verlegenheit und Noth, so wandert er getrost zu Mamsell Julchen und schüttet da sein Herz aus, und immer findet er dort ein freundlich beruhigendes Wort, immer guten Rath und thätige Hülfe.
Gotthold sah tief beschämt mit niedergeschlagenen Augen in sein Gesangbuch. Er, der Sohn des Hauses, der einstige Miterbe dieser Güter, hatte sammt Vater und Bruder für die ihnen, vom gütigen Geschick anvertrauten Unterthanen, hier nichts, gar nichts gethan, und diese Fremde, diese Eingemiethete, war sie nicht die Schutzheilige des ganzen Dorfs!
Wenn die einmal von uns wegheirathet, fuhr der Verwalter fort: ein solches Julchen kriegen wir hier im Leben nicht wieder.
Sie hat wohl bereits? – fragte, von der grimmigsten Angst schnell erfaßt, Gotthold, und glaubte, in des Verwalters Tone die Gewißheit ihrer baldigen Verheirathung schon wahrgenommen zu haben; doch dieser sah, ohne des jungen Grafen Frage gehört zu haben, beifällig in den langen Gang zwischen den Bänken der Frauen und Mädchen hinab, und sagte: da kommt sie! und Julie schwebte, links und rechts die Bäuerinnen freundlich grüßend, wie ein Gottgesandter Engel der Liebe durch die Reihen der Andächtigen, die, wie auf ein Zeichen, sich Alle von ihren Sitzen erhoben und den gefeierten Liebling ihrer dankbaren Herzen durch Knixchen und Kopfnicken bewillkommten.
Julie setzte sich neben die junge Pfarrfrau, legte das in schwarzen Korduan gebundene Gesangbuch, in dessen blankem Goldschnitte die Morgensonne sich spiegelte, vor die Stirn des gesenkten Lockenköpfchens und betete; dann kam das Aelteste ihrer verwais’ten Schützlinge von seinem Bänkchen und schlug ihr das Lied auf.
Gotthold verschlang fast das schöne Heiligenbild mit seinen Blicken; Julie aber that nicht, als ob eine Gräflich-Ulmenhorst’sche Emporkirche im Gotteshause wäre; wollte sie sich in ihrer Andacht nicht stören, oder glaubte sie, daß es Entweihung des heiligen Orts sey, wenn sie ihrem schwachen Herzen folge und dort hinauf schaue, wo es sie hinziehe, oder fürchtete sie von seiner Lebhaftigkeit, daß, wenn sie einmal den heimlichen und hier gewiß sündhaften Weg der Augensprache eingeschlagen, er durch auffallendes Mienenspiel der Gemeinde ein Aergerniß geben möchte, sie sah nur und einzig und allein in ihr Buch, und, als jetzt der Prediger die Kanzel bestieg, zuweilen zu ihm, dem Diener des Herrn auf. Dieser aber sprach, nach Anleitung seines heutigen Evangelii, mit frommer Salbung über die Worte Jesu:
Welcher Mensch ist unter Euch, der hundert Schaafe hat, und so er deren Eins verlieret, der nicht lasse die neun und neunzig in der Wüste, und hingehe nach dem verlorenen, bis daß er es finde?
Jedes Wort des Herz und Seele ergreifenden Redners paßte, nach Gottholds Deutung, auf Juliens Engelmilde, mit der sie die verlornen Kinder aufgenommen, auf ihre gediegene Charaktergüte, mit der sie unter den Töchtern seiner Unterthanen, denen es an Mitteln gebrach, die für ihre Lebensbahn nöthigen Kenntnisse zu erlernen, Licht und Wissen verbreitete, und auf ihre zarte Theilnahme an fremder Noth in geistigen und leiblichen Dingen.
Von dem Allen hatte er, seiner reichen Fonds und seiner ihm eigentlich viel näher liegenden Pflicht ungeachtet, bis jetzt noch gar nichts gethan. Wenn Julie ihn mit sich verglich – doch dazu war sie zu bescheiden, aber wenn der Richter der Welt, der jede unserer Handlungen abwägt, ihn fragte, was Er denn in dem Sinne, den sein eingeborner Sohn in jenen Worten ausgesprochen, bis jetzt gewirkt! – und er fragte ihn in diesem Augenblicke strenger Selbstprüfung durch den, in der menschlichen Brust ewig wohnenden göttlichen Legaten, durch den Verkündiger der Allgegenwart Gottes im Menschen, – durch das Gewißen! – und das beschämende Gefühl, nichts, gar nichts Genügendes aufweisen zu können, drückte ihm die Augenlieder nieder, und des Pfarrherrn bedeutsame Behauptung, daß nur der im Sinne Jesu lebe, der, mit Aufopferung aller Selbstsucht, seine Kraft, sein Wissen, sein Beispiel und seine Mittel zum Beßten seiner Mitbrüder verwende, und wenn er auch gegen neun und neunzig derselben dieser strengen Pflicht genügt, nicht genug gethan zu haben glaube, sondern auch dem Hundertsten mit gleicher, unermüdlicher Liebe gehöre; daß nur dann erst, wenn Alle so dächten, fühlten und handelten, die Welt das verheißene Paradies schon hienieden seyn werde; und daß es jedes Rechtlichen, der auf die Achtung und Liebe seiner Mitwelt, auf seine innere Zufriedenheit, auf eine sanfte Sterbestunde und auf die jenseitige Gnade Gottes Anspruch mache, unerläßliche Pflicht sey, auf jenes, der ganzen Menschheit vorgesteckte hohe Ziel, so viel an ihm sey, mit allem Eifer hinzuarbeiten, fiel in das Tiefste seines Innern, und das Wort der Schrift fand hier einen guten Boden, den der Donner des Gewissens mächtig aufgelockert und mit elektrischer Kräftigkeit befruchtet hatte.
Als das Lied nach der Predigt beendigt war, und der Diener Christi die Gemeinde mit dem Segen Gottes entlassen hatte, ertönte – auch eine von Julien veranlaßte Einrichtung, wie, der Verwalter erzählte – von der Orgel herab eine sanfte Musik, während der die Gemeinde-Mitglieder ein stilles Gebet verrichteten und heimgingen. Die Dorfwaisen aber stellten sich, während Julie, das Gesangbuch vor dem Gesichte, betete, um ihren Sitz, und überreichten ihr, als sie geendet, kleine Sträuße von Rosen, Lavendel, Rosmarin und Basilikum, alles Blumen, die sie in ihrem Gärtchen selbst gezogen, und küßten ihr die Hände; und die himmlische Freundlichkeit, mit der Julie mitten unter den verlassenen Kleinen stand, sie begrüßte und sich mit ihnen unterhielt, rief ihm des göttlichen Kinderfreundes sanfte Worte in die Seele, als er sprach: Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes.
Ihre Pfleglinge begleiteten sie bis zur Kirchthüre, wo sie von den jungen Bäuerinnen umringt ward, die sich alle freueten, sie von ihrem kleinen Ausfluge gesund wieder zurückgekehrt zu sehen, und ihr aus dem Kreise ihres Hauses die kleinen Begebenheiten der Zwischenzeit traulich mittheilten. Einfacher konnte keine Huldigung seyn, aber sie war für Gotthold um so rührender, als sie die herzliche Liebe, die ungeheuchelte Anhänglichkeit beurkundete, die sich das wunderliebliche Mädchen bei diesen unverdorbenen Naturkindern zu erwerben, gewußt hatte.
Das stille Anschauen, in das versunken er hier von ferne stand, störte der Pfarrer, der, von ihm durch den Verwalter zum heutigen Mittag eingeladen, herantrat, und sich entschuldigend, um die Erlaubniß bat, auf die ihm zugedachte ehrenvolle Auszeichnung verzichten zu dürfen, indem er selbst einen Gast für diesen Mittag zu sich gebeten.
Bringen Sie ihn mit, sagte Gotthold, ein Freund von Ihnen wird mir immer willkommen seyn; wer ist es denn? —
Es ist, entgegnete der Pfarrherr lächelnd; kein Freund, sondern eine Freundin meiner Frau, Mamsell Strenge; der Vater ist verreist, sie allein. —
Beide, Mamsell Strenge und Ihre liebe Frau werden mir sehr, recht sehr willkommen seyn, fiel ihm Gotthold in das Wort, und mußte sich alle Gewalt anthun, dem schwarzen Herrn seine unermeßliche Freude über die erwünschte Fügung des Zufalls nicht zu verrathen.
Er eilte jetzt nach Hause, um in der größten Geschwindigkeit die möglichsten Vorbereitungen zu Bewirthung seines, ihm von Priesterhand so unvermuthet zugeführten Gastes zu treffen; im Sturmschrittt rannte er in die Küche hinab und verkündete dem erstarrenden Koch, daß durchaus noch wenigstens zwei Gerichte besorgt werden müßten; die kleinen Schwierigkeiten, die dieser achselzuckend hervorbringen wollte, drängte Gotthold mit einem hastigen: es muß seyn, zurück, und schob, als er sah, daß dem Manne die Angsttropfen perlengroß vom bratfeurigen Gesichte auf das schneeweiße Jäckchen fielen, die Schuld des verlängerten Küchenzettels, dem er gern in seiner kindischen Freude, Julien heute in seinem Hause bewirthen zu dürfen, noch eine Elle zugesetzt hätte, auf die arme junge Pfarrfrau, die von ihrem frühern Gouvernantenverhältnisse im Hause des Oberküchenmeisters verwöhnt, sich wahrscheinlich von einem Gräflich Ulmenhorstschen Leibkoche keine schlechte Idee machen und heute eine sehr stattlich besetzte Mittagtafel erwarten werde.
Von dem Prasselfeuer, das der, bei der Ambition erfaßte Koch mit Butter jetzt anschürte, von aussen, und von den Loderflammen der ersten Liebe von innen erglüht, stieg er nun mit dem Kellner in die tiefsten Grundfesten des Schlosses hinab, und holte aus den alten Vorräthen der seltensten Weine, die seit Jahrzehnden hier lagerten, die beßten Sorten selbst heraus.
Die grünbemoosten Flaschen unterm Arm ging es jetzt in den Speisesaal! Was wollten die fünf Menschen – der Herr Verwalter war natürlich mit eingeladen – in dem großen Prachtsaale, der an dreihundert Gäste hätte fassen können! Im dunkelumschatteten Gartensalon, beim Blumenbosket, wo zwei kleine Springbrunnen plätscherten und eine murmelnde Kaskade die Luft kühlte, war es freier, heimischer. Hieher wurde die Tafel verlegt; alles, was Beine hatte, mußte helfen tragen, und holen und laufen, und immer ging alles dem raschen Gotthold noch viel zu langsam.
Ulrich, der Reitknecht, flog auf dem flinksten Renner des ganzen Stalles eben zum Hofe hinaus, in die Kreisstadt, um den Wein, der im alten deutschgräflichen Keller der Vorzeit nie genannt noch gekannt war, um Champagner zu holen, und seine Ordre lautete, auf Tod und Leben zu reiten und zur Nachtischzeit wieder hierzu seyn; und Susanne und ihr Vater, der Gärtnerbursche und der Gesell, alles hatte alle Hände voll zu thun, denn in die großen Porzellain-Vasen auf den Pfeilertischchen mußten die schönsten Blumen, und in die schweren silbernen Fruchtkörbe die beßten Kirschen, Beeren, Melonen und Ananas; Lisbeth aber, des Büchsenspanners junge Frau, hätte Gotthold im Uebermaße fröhlicher Ueberraschung beinahe bei dem Kopf genommen und abgeküßt; ihr Mann hatte heimlich, auf den Fall, daß die Herrschaft einmal herkäme, vor dem Jahre schon eine kleine Eisgrube angelegt, und jetzt brachte die niedliche Frau die Erstlinge dieses glücklichen Einfalles, die schönsten Schollen blankes Eis, in einem funkelneuen weißen, mit Eichenlaub umwundenen Eimer, und bat, den Wein hinein zu stellen, daß er frisch und kühl bleibe; einen zweiten Eimer aber werde der Mann dem Koche eine halbe Stunde später zustellen, um darin Gefrorenes zu bereiten.
Es war zum erstenmale in seinem Leben, daß Gotthold den Wirth spielte, aber er meinte, daß es seinen Gästen schon schmecken solle. Sie kamen jetzt die schattige Lindenallee herauf, und Gotthold eilte ihnen entgegen. Julie war das lustige Kind von gestern; sie hatte, erzählte sie mit ihrer bezaubernden Unbefangenheit selbst, anfangs einen Stein des Anstoßes in der Junggesellenwirthschaft gefunden, und darum nicht mitkommen wollen, aber unter dem Schutze einer ehrwürdigen Pfarrfrau, meinte sie, hätte sie geglaubt, es wohl wagen zu dürfen, und so schlug sie den Ton des Scherzes und des Frohsinnes an, den die kleine Tafelrunde bis zum Ende festhielt.
Das Gespräch sprang, wie das unter fein gebildeten, sittlich guten und lebensfröhlichen Menschen ja immer der Fall ist, vom Hundertsten auf das Tausendste, aber immer kehrte es, vielleicht vom wackern Pfarrherrn, oder vom ehrlichen Verwalter, oder von Julchen absichtlich geleitet, auf einen Hauptpunkt zurück, auf mehrere Einrichtungen und Verbesserungen, die alle das hiesige Gemeinwohl bezweckten, und darum dringend gewünscht wurden.
Gotthold, in dessen Herzen die Stimmung des heutigen Kirchenmorgens noch anklang, und der sein halbes Leben hergegeben hätte, um Julien zu zeigen, daß gut und brav zu werden sein einziges Bestreben, und ihr Beifall, ihre Zufriedenheit, sein einziges Glück sey, bot zu der Ausführung der ihm mit Liebe vorgetragenen Ideen, mit Freuden die Hand, und so wurden, als zu Juliens großer Freude, das Eis und der Champagner kamen, von ihr an den Rosenfingern die Beschlüsse zusammengezählt, die während des kleinen Tafel-Congresses gefaßt waren: Errichtung einer Industrie-Schule für die Bauerntöchter; Anstellung eines Gärtners zum Unterricht der Knaben in der Obstbaumzucht, im Gemüsebau, und in der Kultur hier gedeihender Kräuter und Pflanzen; Anstellung eines Sing- und Musiklehrers; Verbesserungen des Schullehrergehaltes, und die jährliche Feier eines Rosenfestes, das waren ungefähr die Hauptresultate des glücklichen Tischvereins, bei dem Gotthold für Herz und Sinn, für Geist und Gemüth, mehr Nahrung gefunden hatte, als bei manchem schwelgerischen Feste, bei dem die schale Unterhaltung sich immer um Wetter, Theater und um den guten Namen der abwesenden Bekannten gedreht hatte.
Vor allem machte ihn Juliens herzige Behaglichkeit glücklich; sie hatte, mit der jungen Pfarrfrau um die Wette, Gottholds wirthliche Einrichtungen ihres lauten Beifalls gewürdiget; im Spiegel ihrer veilchenblauen Augen glänzte die edelste Freude des Menschen, die Freude, Gutes gewirkt zu haben, und als der Pfarrherr, nach aufgehobener Tafelrunde, das alte Tischgebet:
Danket dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währet ewig;
verrichtete, warf sie einen frommen, unbeschreiblich wohlgefälligen Blick auf Gotthold, als wolle sie ihm danken, für die menschenfreundliche Güte, mit der er den wohlgemeinten Vorschlägen Gehör gegeben, und zur Verwirklichung ihrer Entwürfe auf das Thätigste beizutragen, bereitwillig versprochen hatte.
Gegen Abend als die Gäste sich verabschiedeten, begleitete er das liebenswürdige Pfarrerpaar, in dessen Wohnung, und von da führte er Julchen nach Hause. Er hatte an der Geländerthür gleich wieder umkehren wollen, aber, er wußte selbst nicht, wie das gekommen war, es schlug abermal eilf Uhr, und er saß noch in der Jelängerjelieberlaube; dreimal hatte ihn Julie, die wohl fühlen mochte, daß sich dieses nächtliche Beisammenseyn nicht recht schicken möge, auf das Schlagen der Schloßuhr aufmerksam gemacht, aber in ihrem Tone – die Liebe hat ein gar feines Gehör – hatte, nach Gottholds Meinung, kein rechter Ernst gelegen.
Sie waren vom Pfarrhause aus, hinter dem Dorfe, nach Julchens Wohnung gegangen; kein Mensch hatte sie gehen gesehen, folglich wußte auch kein Mensch, daß er hier in der gar lieblich duftenden Laube saß; und gesetzt, es wüßte es auch einer, so hatten alle Menschen im ganzen Dorfe Julchen viel zu lieb, als darum gleich etwas Böses zu denken! und sie thaten ja auch nichts Böses. Die höchste Freundschaft hatte schon im Kindesalter ihren Bund geschlossen; die Tugend hatte ihn erneuert, und die Liebe umschlang jetzt die unschuldigen Herzen in ungezählten Küssen. Aber darin konnte, nach ihrer Meinung, nichts Böses liegen, denn alle diese kleinen Zeichen ihres Wohlwollens galten, wie sie sich weiß machte, bloß seinem Edelmuthe, seinem Wohlthätigkeitsinne, seiner wahrhaften Engelgüte.
Selbst in Gegenwart des Vaters und des Pfarrherrn hätte sie, – wenn auch diese Küsse nicht alle, wenigstens doch einen – dem braven Gotthold unbedenklich geben wollen, und beide hätten, bei so bewandten Umständen, gewiß auch nichts Bedenkliches darin gefunden; wenn ein Kuß aber nichts Unerlaubtes war, so waren es auch nicht zwei und drei, und Gotthold, der, wie sie und die andern alle heute gesehen und gehört, ein gar frommer, rechtlicher, wackerer Jüngling war, der gewiß nichts Unrechtes von ihr verlangte, bat immer um noch mehrere, folglich mußte der auch nichts Böses darin finden.
So war ihnen unter Plaudern und Scherzen, und unter Tändeln und Kosen, der wunderherrliche Abend verflogen, und beiden ward es schwer, sich zu trennen, und beide hatten sich noch immer etwas zu fragen und zu erzählen, bis denn endlich die langsamen zwölf Schläge der über die stille Flur weit hinaus verhallenden Mitternachtglocke, Juliens dringendere Bitte, daß Gotthold nun heimgehe, unterstützten, und diese, als sie ihm wieder bis zur bewußten Geländerthür das Geleite gegeben, seinen Armen sich, entwand, und in das Haus schlüpfte.
12
Was doch oft ein einziges Wort in der Welt thut!
Während die drei Herren, nach der Tafel, mit einander über die interessanten Tisch-Verhandlungen noch dieß und jenes besprochen, war die junge Pfarrfrau mit Julien in den Schattenparthieen des Gartens einigemal auf und abgegangen. Sie hatte Gotthold früher nicht gekannt, und war von seinem blühenden Aeußern, von seiner feinen Gewandtheit, von seinem Anstande, von der Bildung seines Verstandes, von der Züchtigkeit seiner Sitte, vom Umfange seines Wissens, von dem Reichthum seiner frohen Laune rein bezaubert; Julie nickte allen ihren Aeußerungen beifällig zu, denn sie hörte sich selbst sprechen; sie hätte das alles einer dritten auch, und mit noch viel feurigerem Enthusiasmus gesagt, wenn es sich, nach ihrem Gefühl, für ein Mädchen geschickt hätte, über einen jungen Mann in der Art sich zu äußern; aber sie erschrak auf einmal so durch und durch, daß sie auf dem Flecke stehen blieb, und daß ihr das Blut in allen Pulsen stockte, als die kleine unbesonnene Frau die Bemerkung fallen ließ, daß der Graf in Julien bis zum Sterben verliebt sey; sie behauptete, das schon in der Kirche bemerkt zu haben, und bei der Tafel sei es ihr vollends klar geworden; sie widerlegte Julchens Sträuben gegen den Glauben an die Wahrheit dieser sie überraschenden Mittheilung durch hundert kleine Züge, durch die sich Gotthold nur gar zu deutlich verrathen habe, und erzählte, als Julchen, halb böse, das Alles für einen albernen Scherz erklärte, und die Neckerinn bat, nicht außer Acht zu lassen, daß Gotthold Graf und sie eine schlichte Bürgerinn sey, ein halbes Dutzend Fälle aus der kurzen Erfahrung ihres Residenz-Lebens, wo Barone und Grafen aus den ältesten Familien des Landes, Mädchen bürgerlicher Herkunft geheirathet hatten, und mit ihnen, so viel man dieß wenigstens äußerlich habe beurtheilen können, recht glücklich lebten – daß in allen diesen Fällen das Geld, und nur das Geld allein, die armen reichen Bürgermädchen unter die Grafenkrone gebracht, und daß in allen diesen Fällen die Liebe und die persönliche Achtung, von Seiten der Goldgierigen, nie in das Spiel gekommen, das erzählte sie freilich nicht —
Julchen hatte sich, ob gleich ihr Geheimgefühl der unvorsichtigen Freundinn Recht gab, und ob sie gleich sich sagte, daß Etwas der Art schon gestern, als er ihr das Vergißmeinnicht überreicht, und als er sie nach Hause begleitet, und als er neben ihr bis eilf Uhr gesessen, so halb und halb selbst vorgekommen, mit Gewalt gegen die Idee von der Möglichkeit eines solchen Falles zwischen sich und Gotthold gestemmt; diesen Mittag nun ja, gut mußte ihr Gotthold seyn, denn wenn er zu des Pfarrers oder des Verwalters Vorschlägen sich auch einmal nicht ganz geneigt gefühlt, oder wenn deren Ausführung ihm zu schwierig, zu kostspielig geschienen, und sie nur ein Wort zu ihren Gunsten gesprochen, so hatte er augenblicklich seine Einwendungen aufgegeben, die dagegen sprechenden Schwierigkeiten selbst beseitigt, und die Idee der Ausgleichung mit lebhaftem Antheil ergriffen.
Er hatte ihr bei Tische das schönste Obst ausgesucht und auf den Teller gelegt; er hatte ihr – eigentlich gebührte der Pfarrfrau, als der Verheiratheten, der Vorrang – aber er hatte ihr immer zuerst eingeschenkt, ihr zuerst alle Schüsseln reichen lassen – das Eis – er hatte ja selbst gesagt, wie ihn Leberechts gescheiter Einfall vorzüglich darum so gefreut, weil es dadurch ihm möglich geworden, ihr Gefrorenes, was, wie er sich von sonsther erinnere, ihre Lieblingspeise sey, bereiten zu lassen. – Den Champagner – noch gestern hatte sie zufällig gesagt, daß ihr das der liebste Wein sey, und heute muß der arme Ulrich auf Tod und Leben reiten, blos um einer ihrer kleinen Liebhabereien willen. – Beim Heimgehen hätte er eigentlich die Pfarrerinn führen sollen; aber er hatte sich ihren Arm ausgebeten, und von der Pfarrwohnung bis nach Hause, war sie hundert und aber hundertmal allein gegangen, und es hätte ihr auch dießmal gewiß kein Mensch etwas gethan, aber er hatte es sich nicht nehmen lassen, er hatte sie heim begleitet, und – indessen, das alles waren noch keine Beweise von dem, was die junge Pfarrfrau gemeint – das alles war nichts als Gutseyn von früher Jugendzeit her, Artigkeit, feiner Anstand, manierlicher Weltton – daß der gute Freund gestern Abend bis eilf Uhr saß, und immer nicht fort wollte, das war wirklich nichts als ein bischen Faulheit. Er mochte den ganzen Tag was Ehrliches herumgelaufen und geritten seyn, und nun war er müde, und es grauete ihm darum vor dem Heimwege; als sie ihm mit dem Levkoie-Stengel den frischen Nachtthau tüchtig in das Gesicht gespeist, und ihn wieder munter gemacht hatte, da hatte er wohl Beine bekommen – daß er heute wieder bis um eilf, – und sogar bis um zwölf Uhr sitzen geblieben war, das lag an ihr; daran war sie selbst Schuld, sie hatte ihn nicht zeitig genug an das Gehen erinnert; und lieber Gott, eigentlich schickt es sich doch überhaupt nicht, einen zu bitten, daß er gehe, – und diese Bitte gar an Jemand zu richten, bei dem man erst diesen Mittag gegessen, und von dem man mit Artigkeiten jeder Art überschüttet worden, schickt sich nun vollends gar nicht; auch waren ihr die Paar Stündchen so schnell vergangen, daß sie selbst, nicht geglaubt hatte, es sey schon so spät.
Aber für Liebezeichen konnte sie das doch wirklich auch nicht nehmen; der Steuerrath, wenn der sie einmal besuchte, klebte jedesmal bis eilf Uhr und noch länger auf dem Stuhle, und ging nie eher, als bis Julchen und der Vater um die Wette gähnten, und er dann, davon angesteckt, laut mitgähnte, und Julie ihm bemerkte, daß er recht schläfrig zu seyn scheine, und, wenn das noch nicht ziehen wollte, das Zaunpfahlwinkchen hinzufügte, daß es auch schon recht spät sey, – aber darum war zwischen ihr, und dem langweiligen Steuerrathe doch kein Liebesverhältniß! —
Heute Abend – als Gotthold neben ihr in der Laube gesessen – einigemal hatte er wohl wunderliche Reden fallen lassen, und so komisch durch einander gefragt, daß ihr heimlich oft das Lachen angekommen; ob es ihr wohl lieb seyn würde, einmal immer auf dem Lande zu leben; und wen sie unter den jungen Leuten ihrer Bekanntschaft am liebsten sähe; und ob es ihr nicht einmal leid thun werde, aus dieser schönen Gegend für immer und ewig zu scheiden; und welchen Berufstand sie wählen würde, wenn sie einen solchen für einen Mann zu bestimmen hätte; und dergleichen sonderbare weit ausholende Fragen mehr, aber das alles konnte er auch aus bloßer Neugierde, ohne alle Nebenabsicht fragen, meinte sie, wider ihre innere Ueberzeugung sich selbst belügend, und lüftete die leichte seidene Decke, die diese Nacht, schwer wie ein Bleidach, auf ihr lag, denn war es der hundertjährige Rheinwein oder Tokayer, oder der junge Schaumwein, den ihr Gotthold fleißig eingeschenkt, oder war es die schwüle Sommernacht, oder die Glut seiner Küsse, mit denen er diesen Abend wohl über die Gebühr freigebig gewesen war, aber sie hatte eine Hitze, daß sie kein Auge zuthun konnte.
Sie wollte an etwas anderes denken, aber immer kam ihr Gotthold vor die Seele, wie er mit so schmachtendem Blick an ihrem Auge gehangen, als er sie gebeten, daß sie ihn doch auch Du heißen möchte, und wie sie, weil er gar zu schmelzend gebeten, und ein Schnippchen geschlagen und geschmollt, da sie es ihm aus guten Gründen auf dreimaliges dringendes Bitten dennoch abgeschlagen, endlich, um ihn nur wieder gut zu machen, zwar zugesagt, aber unter dem Beding, daß das nur unter vier Augen geschehe, und daß sie es lediglich zusage, weil sie sich früher in ihren Kinderjahren auch gedutzt, und daß es gänzlich ihr freigestellt bleiben müsse, dieß Du, späterhin, ohne die veranlassende Ursache angeben zu dürfen, wieder zurückzunehmen, und wie er in das alles gern und freudig gewilliget, und sie nun gebeten habe, ihr zum Gutenachtkuß ein recht herzliches Schlafwohl zu sagen, und wie sie theils, um ihn ein bischen zu necken, theils aus Ungewohnheit der Sache, und aus blöder Mädchenhaftigkeit, das nicht habe herausbringen können, sondern immer, schlafen Sie wohl gesagt habe; und wie er halb in Spaß halb in Ernst, Seele und Leben verpfändet, nicht eher von dannen gehen zu können, als bis sie so gesagt, wie er gebeten und sie es versprochen; und wie über das Wollen und nicht Können, fast eine ganze Stunde verflossen, und zwölf herangekommen, und wie sie, um seiner nur los zu werden, ihm endlich den Willen gethan, und wie sie es ihm, als sie es nur erst einmal über die Lippen gebracht, drei-, viere und fünfmal habe wiederholen müssen, und wie er dann, im Uebermaße seiner Freude, sie mit beiden Armen umschlungen, und ihr Mund und Auge, und Stirn und Wangen mit süßen bedeckt, – das, ja das, meinte sie lächelnd,und legte beide Händchen auf die entfesselte Brust, in welcher der kleine geflügelte Mordbrenner, Amor genannt, eine Feuersbrunst anschürte, die nie verlöschen sollte, das, ja das schien ihr selbst die Ansichten der Pfarrfrau in etwas zu bestätigen.
Sie lispelte leise: Schlaf wohl, lieber Gotthold, schlafe recht wohl, mein süß geliebter Freund, und schlummerte hinüber in das Reich der glücklich Liebenden, in das Reich der Träume.
13
Gotthold hatte auch nicht schlafen können. Die Seligkeit dieses ganzen Tages, vornehmlich aber dieses Abends hatte ihm alle Nerven so durchstürmt, daß er die Munterkeit selbst war. Es brütete Großes in ihm, und um den Augenblick seiner Stimmung zu benutzen, setzte er sich hin und schrieb dem Vater die Geschichte seiner Tage hier vom Anfang bis zu Ende, die sich mit der Bitte um die Erlaubniß schloß, Julien seine Hand anbieten zu dürfen. Er behauptete zwar, das Bild ihrer Tugenden und Reize ganz leidenschaftlos entworfen zu haben, aber das war nicht wahr; die Feder flog ihm, fast schneller als seine Gedanken; jedes Wort athmete die glühendste Leidenschaft, und der Ernst und die Festigkeit, die aus jeder Zeile sprachen, machten es klar, daß diese Wahl eine wohlüberlegte sey, und um keinen Preis der Welt werde aufgegeben werden.
Des Vaters Antwort lautete also:
»Du bist ein Phantast; der Herr Pfarrer ist ein Schwärmer; die Mamsell Strenge eine Närrinn und der Verwalter ein Esel.
Eure philanthropischen Pläne passen recht gut in einen Roman, oder in ein Rührspiel; da mag ich so etwas selber gern leiden, denn da kostet es nichts und liest sich hübsch, oder sieht sich recht gut mit an; aber in der wirklichen Welt muß man am Boden bleiben und nicht im Himmel herumschwärmen. All die Projekte sind unnütz, denn die Bauern haben sich bisher auch ohne Eure herzbrechenden Einrichtungen recht wohl befunden, und die ganze Geschichte ist lediglich auf Geld abgesehen, das ich aber besser brauchen kann und gerade jetzt am wenigsten übrig habe, wo ich für deinen Herrn Bruder in Paris eine unchristliche Schuldensumme zu bezahlen habe. Ihr Beide, wenn ich Euch den Zügel ließe, könntet mich bald auf die Hefen bringen; der, durch seine Spielwuth und durch seinen geldversplitternden Umgang mit einer der ersten dortigen Solotänzerinnen, und durch andere dumme Streiche der Art; Du, durch deine Volkbeglückungwuth. Doch will ich dem Ferdinand, beim rechten Lichte besehen, seine Verirrungen, die am Ende nur vorübergehend sind, und deren sich manche andere seines Standes auch wohl haben zu Schulden kommen lassen, wahrhaftig lieber noch verzeihen, als Dir den Schluß deines Briefes, den Du nur in einem Fieberanfall kannst geschrieben haben. Du kennst meine unerschütterlichen Grundsätze, und weißt, was Du der Ehre deines uralten Geschlechts und deinen ruhmwürdigen Altvordern schuldig bist. Du solltest nur die Gesichter sehen, die an den großen Courtagen geschnitten werden, wenn die Herren Grafen, die sich auch so weit vergessen haben, einer Bürgerlichen ihre Hand zu bieten, mit ihren neugebackenen Gräfinnen bei Hofe erscheinen; ich glaube, alle unsere Ahnen wendeten sich in ihren Gräbern um, wenn sie einen Ulmenhorst durch eine solche Mesalliance entehrt sähen. Sieh, das ist wieder ein Charakterzug, daß Du immer glaubst, das Schlechteste sey für Dich gut genug. Deine Geburt, Dein Rang, Dein Geschlecht geben Dir höhere Ansprüche, und es muß Dir ein Leichtes seyn, sie geltend zu machen. Greife nicht nach dem Kiesel, da Dir ein Diamant geboren worden ist. Wenn, woran ich zu Ehren deines Geschmacks gar nicht zweifeln will, die Mamsell Strenge so tugendhaft und liebenswerth ist, als Du sie schilderst, so wird sie auch ohne Dich einen Mann bekommen, und glücklich seyn, auch wenn Du sie nicht zur Gräfinn Ulmenhorst machst. Uebrigens kürze deinen Aufenthalt in Falkenwerder, der Dir, da Du meinen bestimmten, unabänderlichen Willen kennst, weder angenehm noch nützlich seyn wird, möglichst ab, und kehre, nachdem Du deinen thörigen Gedanken aufgegeben hast, mit geläuterten Ansichten über die Pflicht deiner künftigen Wahl zurück in die Arme
Deines
Dich liebenden Vaters.
Diesem Briefe, der Gotthold nicht überraschte, weil er ihn nach dem, wie er den Vater kannte, nicht viel anders erwartet hatte, folgte 24 Stunden später der alte Lippert, als ausserordentlicher Großbotschafter des Vaters, mit dem Auftrage, das mündlich zu verfolgen, was das Schreiben eingeleitet haben sollte; den jungen Grafen auf die Unausführbarkeit seiner Wünsche des Breitern aufmerksam zu machen, ihm mit der erforderlichen Delikatesse die Aussicht auf das mögliche Glück einer Verbindung mit Auroren zu zeigen, und ihm, wenn er auf dem unsinnigen Entschlusse, sich mit Julien zu verbinden, wider Wunsch und Verhoffen beharren sollte, mit der väterlichen Ungnade, und zuletzt, wenn alle Stränge rissen, mit der vollständigsten Enterbung zu bedrohen.
Ganz glücklich war der Vater in der Wahl seines Gesandten nicht gewesen. Der alte Lippert theilte den Glauben des großen Haufens an die Verwerflichkeit der jungen Gräfinn Waiblingen, und konnte es unmöglich über sich gewinnen, seinen lieben Gotthold zu dieser Verbindung zu überreden, und, was Julien betraf, so hatte er lange schon so viel Liebes und Gutes über sie aus Falkenwerder geschrieben bekommen, und die Idee, daß einmal ein reicher Graf, aus einem der ersten Häuser des Landes, einem Mädchen bürgerlicher Abkunft seine Hand bieten sollte, hatte für seine Kaste so viel Schmeichelhaftes, daß er sich, bei all seinem strengen Pflichtgefühl, immer nur darauf beschränken konnte, das auszurichten, was ihm der Vater wörtlich vorgeschrieben hatte, ein Weiteres aber aus eigener Fabrik hinzuzusetzen, war ihm unmöglich.
Haben Sie Julien gesehen? fragte Gotthold ganz ruhig, als Lippert seinen Auftrag ausgerichtet.
Lippert verneinte. Nun so kommen Sie, ehe ich weiter mit Ihnen über die Sache spreche, und lernen Sie das Mädchen erst persönlich kennen; dann – Sie sind ja auch ein Mann, und haben auch ein menschlich fühlendes Herz in der Brust – dann mögen Sie urtheilen, was ich thun soll, thun kann. In mir steht es unwiderruflich fest. Julie oder Keine. Wohl unserem Stamme, wenn die Frauen unserer Altvordern lauter Julien gewesen sind. Den Hofgesichtern werde ich nie in den Weg treten, also darf mein guter Vater sich wegen deren Grimassen nicht ängstigen. Bei der Wahl meiner Lebensgefährtinn habe ich mein Lebensglück im Auge gehabt, und nichts Höheres und nichts Kleineres. Dieses ist ohne Juliens Besitz mir nicht denkbar. – Noch weiß weder Julie noch ihr Vater, der vorgestern von seiner Geschäftreise zurückgekommen, von meinen ernsten Absichten; ich habe erst meines Vaters Entscheidung abwarten wollen; ich rechnete halb und halb auf die Freude, ihnen sagen zu können, daß mein Vater meine Wahl billige; jetzt, da leider der gegentheilige Fall eingetreten, werde ich ihnen eben so offenherzig sagen, daß ich die väterliche Zustimmung nicht habe erhalten können, daß ich nichts als mein geringes mütterliches Erbtheil besitze, daß ich aber dessen ungeachtet durch Fleiß und Arbeit mir durch die Welt zu helfen gedenke, und daß ich, wenn bei der gegenwärtigen Lage der Sache der Justizrath mir sein Julchen nicht verweigert, und dieses in mir nicht den Grafen, nicht den reichen jungen Mann, sondern mich liebt und ja sagt, der glücklichste Mensch unter der Sonne seyn werde. Jetzt kommen Sie, und gibt es die Gelegenheit, so bringe ich noch heute meine Worte an, und Sie sollen meine Verlobung mit feiern helfen.
14
Der Justizrath und Lippert waren alte Bekannte; sie freueten sich einander einmal wieder zu sehen, und hatten sich tausend Dinge zu fragen und zu erzählen; aber mitten in ihrer lebhaften Unterhaltung faßte Lippert zuweilen die schöne Julie in das Auge, und je länger und je öfter er sie in Betrachtung zog, und je mehr er sie sprechen hörte, und schalten und walten sah, desto mehr bezauberte ihn ihr Thun und Wesen, desto deutlicher ward ihm, daß ein solches Mädchen einen Feuerkopf, wie Graf Gotthold, wohl aus dem Konzepte bringen könne, und an dem, was er in Juliens Benehmen gegen Gotthold bemerkte, konnte er wohl ziemlich klar abnehmen, daß sie ihm auch nicht gram war. Während der Justizrath mit dem alten Lippert bei einem Fläschchen in der Laube saß, rollten und jagten und scherzten die beiden jungen Leute, lustig wie die Rehe, im Garten herum, begossen die Blumen und sich, und aus hundert kleinen Zügen ergab sich dem aufmerksamen Lippert, mit welcher unnennbaren Liebe das Mädchen dem Jüngling angehöre.
Vater Strenge war im ganzen Kreise, seiner unbestechlichen Unpartheilichkeit, seiner Gradheit, seiner gründlichen Kenntnisse und seiner Umsicht halber, geehrt und geliebt; er genoß überall des unbedingtesten Vertrauens, und es ward kein Geschäft von irgend einiger Wichtigkeit abgemacht, ohne ihn dabei zu Rathe zu ziehen. Darum kam auch jetzt Graf Stufen, der seine in der Nähe befindlichen Güter von neuem verpachten wollte, zu ihm, um ihn die Pachtkontrakt-Entwürfe zur Durchsicht vorzulegen.
Hannchen, Juliens jüngstes Waisenkind, spielte im Hofe und theilte sein eben erhaltenes Butterbrod mit Gottholds ihm wohlbekannter Dogge, und mit Pikas, dem Hausspitz; Graf Stufen hatte seinen großen Wolfhund, Makk mitgebracht, der, gleich beim Eintreten durch sein Knurren, durch das Herabhängen seines Schwanzes, und durch die Bleifarbe seiner Zunge, Julchen zu der besorglichen Frage veranlaßt hatte, ob das Thier etwa krank sey; der Graf hatte sie indessen, ihre Frage verstehend, durch die Versicherung beruhigt, daß das so immer des Hundes Art sey, daß er, wenn er gereizt werde, wohl leicht böse werden könne, daß sie aber nichts von ihm zu fürchten habe.
Makk mochte jetzt zu der, den beiden andern Hunden von dem Kinde gebotenen Bewirthung Appetit bekommen und sich gleichfalls gemeldet haben; die Dogge und der Hausspitz hatten sich, wie, das Dienstmädchen, das den Vorgang von der Küche aus mit angesehen, erzählte, diesen dritten Gast verbeten und ihm die Zähne gewiesen; der tückische Makk hatte das übel genommen, war auf den Hausspitz eingesprungen und hatte diesen sammt dem Kinde über den Haufen geworfen; die Dogge stürzte blitzschnell dazwischen, und so bissen, als auf des Kindes Geschrei und der drei Hunde gräßlichen Lärm, Stufen, Lippert, Gotthold, Julchen und der Justizrath aus dem Garten eilend auf den Hof kamen, die drei großen Pakker, das unglückliche Kind unter sich, mit dem wüthendsten Grimme auf einander.
Julie schrie händeringend: Hannchen, um Gottes willen, wer rettet das Kind! Da sprang Gotthold zwischen die rasenden Thiere, holte das vor Schreck halb todte kleine Wesen unter ihnen hervor, und legte es, zu Aller Erstaunen, unversehrt in Juliens Arme, er aber sank leichenblaß zu ihren Füßen nieder, denn Makk hatte ihm die Hand durch und durch gebissen, und der entsetzliche Blutverlust hatten ihm eine minutenlange Ohnmacht zugezogen.
Der Hund ist toll, schlagt ihn todt! schrie ein unterdessen hinzugekommener Bauersmann.
Unser unglückseliger junger Herr ist verloren! ein zweiter.
Ja, wenn Jemand ihm das Gift aus der Wunde saugen könnte, wär’ er noch zu retten! ein dritter.
Da zog Julie, neben dem ohnmächtigen Gotthold knieend, seine durchgiftete Hand an ihre Lippen und doch der Vater stürzte herbei und riß ihr die Hand vom Munde und rief, von der Folterqual der schrecklichsten Angst zerrissen: Du trinkst Dir den Tod, den grausamsten Tod! —
Aber Julie hielt Gottholds Hand fest, entgegnete mit stürmischer Hast: Er setzte sein Leben für mich ein, ich bin ihm das meine schuldig! warf, als wollte sie Gott um Kraft und Stärke und um seinen Segen zu ihrer Großthat bitten, einen festen gläubigen Blick zum Himmel, und drückte nun schnell und mit der ganzen Inbrunst der heiligsten, sich selbst verläugnenden Liebe, ihren Purpurmund auf die ihr den unvermeidlichen Tod bringende Giftwunde.
Gotthold erwachte.
Er hatte alles gehört; er hatte die unermeßliche Größe ihres Liebeopfers gefühlt, aber er hatte nicht Kraft gehabt, ihr zu wehren. Jetzt entzog er ihr, ihres Sträubens, ihrer flehentlichen Bitte ungeachtet, rasch die Hand, und ließ sie sich vom Dorfbarbier verbinden. Er fühlte keinen Schmerz mehr, er hatte für alles Irdische keinen Sinn mehr; die Ueberzeugung von Juliens namenloser Liebe hatte ihn der Erde entrückt, hatte ihn verklärt.
Er umschlang, in Aller Gegenwart, das heldenmüthige Mädchen, und erklärte es, zu ihrer und des Vaters unbeschreiblichen Ueberraschung, laut für seine Braut; zu Lippert aber sagte er: Erzählen Sie dem Vater, was Sie gesehen, und er wird meine Wahl billigen. Ob Gott mich und mein Mädchen vor dem Elende, das Ihr befürchtet, bewahren werde, weiß ich nicht; jetzt in diesem Augenblicke bin ich meiner Sinne noch vollkommen mächtig und bei ganz klarem Verstande, und so schwöre ich denn vor Gott und Euch Allen meiner Julie Liebe und Treue bis zum Tode.
Julie sank fröhlich weinend an seine Brust. Jetzt, sie wußte ja nicht wie lange sie noch leben, wie lange sie noch so glücklich seyn werde, von dem, was sie fühlte, einen unverworrenen Begriff zu haben, und sich durch verständige Rede deutlich machen zu können, jetzt gestand sie, Gotthold, und keinen Andern von ihrer Kindheit an geliebt zu haben; sie nannte ihn Du, sie erbat sich den Segen ihres Vaters, umschlang den Geliebten mit beiden Armen, und drückte ihn mit süßer Liebe an das treue Herz.
Dicht neben ihnen fiel ein Schuß. Graf Stufen hatte, ob ihm gleich der Schäfer und der Hirte, zwei im ganzen Kreise weit und breit berühmte Thierarzneikundige, die sich auf ihre Wissenschaft nicht wenig einbildeten, einmüthig versichert hatten, daß Makk nicht toll sey, das böse Thier, das möglicher Weise doch hier unsägliches Elend angestiftet haben konnte, im ersten Unmuthe über seinen unglücklichen Einfall, es mitgebracht zu haben, erschießen lassen.
Lippert traf hinter dem Rücken der Gesellschaft die Veranstaltung, daß der unheilbringende Hund nicht gleich eingescharrt wurde, und jagte den Kutscher mit einem leichten Wagen nach der Kreisstadt, um den Kreisphysikus herauszuholen, der das Thier zergliedern und dem von heimlicher Todesangst gemarterten Brautpaare ärztlich beistehen sollte.
Man eilte wohl, diesem den tröstlichen Schäfer- und Hirten- Ausspruch beizubringen, und beeiferte sich von allen Seiten, bis zur Ankunft des Arztes, die beßten Hausmittel gebrauchen zu lassen; aber Gotthold wie Julie fühlten, daß all diese gutgemeinten Bemühungen wohl erfolglos seyn würden, und Juliens freudiger Trost war, mit dem Geliebten zugleich sterben zu können.
Gotthold – war es die Angst vor der Möglichkeit, in wenig Tagen Verstand und Leben einzubüßen, aber es trieb ihn eine innere Unruhe, den schrecklichen Fall, den Alle befürchteten, sich nahe zu denken. Er bat die, welche nicht zum engeren Kreise gehörten, abzutreten, setzte, von unnennbarer Fiebergluth überflogen, dem Vater Strenge, seinem alten Lippert, dem Grafen Stufen, und dem unterdessen auch herbeigekommenen Pfarrer seine Lage aus einander, und bat, wenn Julie und deren Vater einwilligten, ihrem Bunde, der wahrscheinlich hienieden nur von kurzer Dauer seyn werde, die Weihe der Kirche zu geben. Der Drang der Umstände setzte er hinzu: wird es entschuldigen, wenn die sonst in der Regel vorangehenden Formalien des Proklama dießmal weggelassen werden; ich darf, nach dem Beweise von seltener Liebe, den meine heilig geliebte Julie mir heute gegeben, der Zustimmung meines Vaters entgegensehen; indessen, wenn er, von Standesvorurtheilen befangen, mir diese, wider Wunsch und Erwarten, auch versagen sollte, – ich bin mündig und mein mütterliches Erbtheil, das mir, falls die väterliche Drohung der gänzlichen Enterbung wirklich wahr gemacht werden sollte, rechtlicher Weise nicht verweigert werden kann, reicht hin, um, wenn ich gesund bleibe, damit ein kleines Unternehmen beginnen zu können, das, bei angestrengter Thätigkeit, mir und den Meinen den nöthigen Broderwerb gewährt. Ich werde für die Einbuße des nichtigen Glücks, meinem bevorrechteten Geburt- und Standesrechte gemäß leben zu können, in Juliens Besitz und in dem ehrenwerthen Gefühle, mir selbst meinen Unterhalt zu verdanken zu haben, die vollkommenste Entschädigung finden, und ich werde im ganzen Umfange des Wortes, glücklich seyn, wenn es mir, was ich von der Güte meines Vaters erwarten darf, gelingt, ihn mit der Zeit zu versöhnen. Zufällig spreche ich vor einem mit den Landesgesetzen wohl bekannten Meister der Gerechtigkeit, vor einem Diener der Kirche, vor einem Ebenbürtigen und vor einem Vertrauten meines Vaters. Euch, achtbare Herren und Männer, deren Ausspruch und Entscheidung ich unbedingt ehren werde, Euch lege ich die Frage vor, ob ich, in meiner Lage, sträflich handle, wenn ich, ohne die Zustimmung des Vaters abzuwarten, zu meiner Verbindung mit Julien, um der Kirche Segen bitte, vorausgesetzt, daß Julie selbst in diesen Wunsch mit einstimmt.
Julie schmiegte sich sanft weinend an Gotthold. Mit Dir zu leben, mit Dir zu sterben, sagte sie, den unvermeidlichen Tod in der geängsteten Brust immer gewisser fühlend: ist mein einziges, mein höchstes Glück. Dich im Auge, Dich im Herzen, habe ich nie an Deinen Rang, nie an Deinen Reichthum gedacht; an Deiner Seite, selbst wenn der Mangel uns zuweilen des Lebens Genüsse verkümmern sollte, werde ich mich ewig glücklich preisen; an Deiner Seite werde ich Gutes und Böses – beides kömmt ja von Gott – mit Dank und Muth tragen, und wären nicht andere Deinem kindlichen Herzen schmerzliche Verhältnisse damit unzertrennlich verknüpft – so wäre mir gerade Deine Entäußerung der Standeshöhe und des Goldglanzes, das Erwünschteste; denn Du steigst dann herab von dem hohen Gipfelpunkte Deiner jetzigen Stellung, und ich stünde dann Dir näher, ich wäre Dir gleicher. – Doch; das alles sind ja nur eitle, leere Ideen, für den kaum denkbaren Fall, daß uns Gott jetzt Leben und Gesundheit der Sinne erhalte. Das Wahrscheinlichere ist der Tod, oder, was noch schrecklicher, die grauenvollste Geisteszerrüttung. Nimm, mein Gotthold – noch weiß ich, was ich fühle, noch weiß ich, was ich denke und spreche – nimm vor Gott, und meinem Vater, vor meinem Beichtiger und vor achtbaren, Dir und mir befreundeten Zeugen, mein Gelöbniß hin, daß ich Dich bis zum Tode, und in allen Verhältnissen des Lebens, wenn es dem Allerbarmer gefallen sollte, mir solches zu fristen, ewig treu lieben, und Dir allein gehören werde, so wahr mir Gott helfe durch seinen Sohn, Jesum Christum.
Ihr habt es gehört, werthe Freunde, hob Gotthold tief bewegt an, und die heißen Thränen rollten ihm über die Wangen: vor dem Allgegenwärtigen ist unser Bund geschlossen, und wir werden an ihm halten fest und bis zum letzten Hauche unsers Lebens. Jetzt sagt uns, ob unserm beiderseitigen, von dem Drange der Umstände in unserm Gewissen gerechtfertigten Wunsche der kirchlichen Weihe gewillfahrt werden könne. Berathet Euch hier unter Euch, und theilt uns dann Euern Beschluß mit.
Der alte Lippert, der zwischen zwei Mühlsteinen, zwischen seiner billigenden Ansicht des vom jungen Paare geäußerten Wunsches, und seiner mißbilligenden Gesandtenpflicht lag, bat, mit Kurierpferden zum Vater eilen und diesem den ganzen Vorgang berichten zu dürfen, wo er dann mit eben der Schnelle zurückkommen wolle, um den hoffentlich gewährenden Bescheid mitzubringen.
Im glücklichsten Falle, entgegnete Gotthold: sind zu dem allen 5 Tage erforderlich; ist der Vater, wie ich aus einigen seiner Aeusserungen folgern darf, während Ihres Hierseyns aber in die Residenz gereis’t, oder zögert er, was sehr wahrscheinlich ist, mit der Abgabe seines Bescheides, um sich vorher mit Diesem oder Jenem darüber noch zu berathen; so gehen 8 – 14 Tage darüber hin, ehe Sie wieder hier seyn können, unter der Zeit können wir Beide todt, oder, was noch schlimmer ist, unsers Verstandes beraubt seyn; was geschehen soll, muß heute geschehen, oder vielleicht gar nicht!
Lippert schlug nun vor, wenigstens den Kreisphysikus, nach dem er geschickt zu haben jetzt gestand, abzuwarten, um von dem zu hören, ob die Wunde so gefährlich sey, daß die Ausführung des Gotthold’schen Wunsches, mit Julien vor ihrem Tode oder vor dem Verlust des Verstandes, verbunden zu werden, keinen Aufschub leide; der Graf Stufen aber entkräftete diesen Vorschlag durch die geäusserte Besorgniß, daß der Kutscher wahrscheinlich den Kreisphysikus vor übermorgen nicht herausbringen werde, weil dieser, wie er gehört, zu einem, am entgegengesetzten Ende des Kreises befindlichen, sehr bedeutenden Kranken geholt worden sey.
Der Pfarrer meinte, gegen den muthmaßlich ablehnenden Willen seines Kirchenpatrons, des alten Grafen Ulmenhorst, ohne vorherige Anfrage bei seinem Vorgesetzten, dem Herrn Superintendenten, die Trauung, so sehr er solche für seine Person billige, und durch das Zusammentreffen der vorliegenden Umstände gerechtfertigt finde, nicht vollziehen zu dürfen, und Vater Strenge bat, ihn von jeder Theilnahme an irgend einem Beschluß in der Sache zu entlassen, da er interesse ad causam habe, sein Ausspruch daher, er möge ausfallen, wie er wolle, für partheiisch angesehen werden würde, und er um keinen Preis den Verdacht auf sich laden wolle, als habe er auch nur auf das Entfernteste dazu beigetragen, die in aller Hinsicht so ehrenvolle Verbindung seiner Tochter, die aber, so lange noch Standesvorurtheile in der Welt wären, auf Gottholds Seite immer für eine Mißheirath werde angesehen werden, zu befördern.
Nun, da Ihr Herren Euch alle auf die Hinterbeine stellt, hob der alte Graf Stufen, der sich und seinen verendeten Makk als die unglückliche Ursache des ganzen preßhaften Zustandes ansah, und sich verpflichtet fühlte, das Böse, was mittelbar durch ihn dem von der qualvollsten Angst gemarterten Paare zugefügt worden war, nach Kräften wieder gut zu machen, mit ritterlicher Festigkeit an: so will ich mich vor den Riß stellen. Ich kann in der Sache wohl auch am ersten ein Wort mitsprechen. Ich stehe, dem Range und der Geburt nach, meinem Nachbar, dem Herrn Grafen Ulmenhorst, dem Vater, am nächsten; mein Geschlecht ist so alt als das seine; die Stufen gehören, wie die Ulmenhorste, zu den Gerechtigkeit-Rittern1 und leisten der Ahnenprobe in jeder Hinsicht volle Genüge, meine Altvordern sind, wie die seinigen, Alle für ihre Person ebenbürtig, und eben so auch ebenbürtig verehelicht gewesen; sein Haus zählt, wie das meine, 64 Ahnen. Beide sind die ältesten im Lande. Ich führe Euch, Herren, das nicht an, um damit zu prunken, ob Ihr uns gleich nicht verargen mögt, daß es ein wohlthuendes, ein herzerhebendes Gefühl ist, in die graue Vorzeit zurückgehen zu können, und überall, wo es deutsches Recht und deutsche Sitte gegolten, von der Geschichte des Vaterlandes auf einen Ulmenhorst, auf einen Stufen hingewiesen zu werden, der für beides ritterlich gefochten und die Pflicht der Fürstentreue als Ehrenmann im Herzen bewahrt und bewährt hat. Ich erinnere Euch bloß daran, um den, der mit der Muttermilch das Vorurtheil seiner Geburt eingesogen und mit der Geschichte seiner Familie die Unantastbarkeit seiner Standesvorrechte gelernt hat, zu entschuldigen, wenn er vermeint, daß der Glanz seines Hauses durch eine sogenannte Mißheirath verdunkelt werde. Ich bin daher auch der Erste, der den hochachtbaren Grafen Ulmenhorst, den Vater, entschuldigt, wenn er im ersten Augenblicke sich gegen die Verbindung erklärte. Kennte er, wie ich, die fleckenlose Jungfrau, der unser Gotthold seine Liebe geschworen; kennte er, wie wir Alle, ihren Werth in seinem ganzen Umfange; kennte er den Vater, der im edelsten Sinne des Worts der Vater unsers ganzen Kreises, und der würdigste Diener der Gerechtigkeit und unsers gerechten allergnädigsten Herrn ist; und hätte er heute gesehen, was unsere Augen gesehen, er würde, wie ich, der Ueberzeugung seyn, daß Julie, die wahrscheinlich unter allen unsern Cour- und Hoffähigen Keine ihres Gleichen finden dürfte, als die Edelste ihres Geschlechts, des Adels, dessen sich unsere beiderseitigen Mütter und Aelter-Mütter zu erfreuen gehabt, vollständig werth sey, und daß sie den Ruhm und den Glanz, und die Ehre seines Hauses statt zu verdunkeln, in vollem Maße verherrliche; er würde seinem Sohne zum Besitze einer solchen, von Gott gegebenen Haus-Ehre, sich zu einer Liebens- und achtungwerthen Schnur, und seinen Unterthanen zu solch einer mild- und huldreichen Mutter von Herzen eben so aufrichtig Glück wünschen, als ich es thun würde, wenn mein Sohn eine gleiche, ihm, mir und meinen Unterthanen segenvolle Wahl träfe. Und so gebe ich denn, Kraft meines Nachbar-, Freundes- und Ebenbürtigteits-Rechts, zu dieser ehelichen Verbindung in seinem Namen und in seiner Seele den Vater-Segen. Herr Pfarrer, trauen Sie das junge Paar im Namen Gottes. Ich vertrete die Folgen und übernehme alle Verantwortung. —
Hiermit führte er Gotthold und Julie dem Pfarrer zu, und dieser begrüßte sie mit frommer Anrede und sprach, mit Hinblick auf das, was Gotthold früher für Julien, und was diese heute für ihn gethan, über die, seit Jahrtausenden noch nicht verklungenen Worte Jesu:
Das ist mein Gebot, daß Ihr Euch unter einander liebet, gleichwie ich Euch liebe. Niemand hat größere Liebe, denn die, daß er sein Leben lässet für seine Freunde.
und am Schlusse seiner tief ergreifenden Rede legte er segnend die Hände auf die treu Verbundenen, und weihte sie, nach dem Gesetz der Kirche, der Liebe bis zum Tode; und Gotthold und Julie sanken zu des Vaters Füßen nieder, er beugte sich zu ihnen herab und sprach, ihnen seinen Segen unter Thränen der Freude und des Schmerzes ertheilend: Des Herrn Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden.
Nun aber Kinder, rief der alte Graf Stufen: nun seyd fröhlich und guter Dinge; Wein her! Weg mit Thränen und Angst und Sorgen; wir wollen heute leben, als wäre es mit uns Allen morgen all. Und Vater Strenge gab das Beßte, was er im Keller hatte, und Gotthold ließ holen und herbeischaffen, was die Küche und die unterirdischen Tiefen des Gräflichen Schlosses vermochten, und Alle wurden froh und vergaßen der ausgestandenen Angst, und Julie wußte nicht, wie ihr geschehen, und lachte den Dienern des Hauses und den jungen Bäuerinnen, die von der Vermählung gehört hatten, und jetzt mit Blumen und Früchten, mit jungen Tauben und allerlei kleinen Weihgeschenken für die neue Wirthschaft herbeieilten, verschämt in das Gesicht, als sie sie: gnädigste Frau Gräfinn nannten.
Spät am Abend traf der Kreisphysikus ein.
Er erforschte Gottholds Wunde und Juliens Gesundheitzustand genau; er zergliederte Makks sterbliche Reste mit anatomischem Messer, und prüfte den Befund mit strenger Aufmerksamkeit. Alles war auf seinen Ausspruch gespannt; Alles belauschte jede seiner Mienen, und er erklärte bei Verlust seiner Arzt-Ehre und seines Staats-Amtes, daß von der Hundeswuth auch nicht die geringste Spur hier zu finden, und daß daher die gehegte Besorgniß für Gotthold und Julien durchaus ungegründet sey.
Jetzt erst ward die Freude schlackenfrei, sie läuterte sich zur Seligkeit; und als der Himmelsbote, der Kreisphysikus sich von dem stürmischen Jubel, mit dem die, durch seine feste Versicherung hoch entzückten Menschen auf ihn von allen Seiten eingedrungen waren, erholt hatte, und ein in der Kreisstadt mit der Post eingelaufenes, an den Vater Strenge gerichtetes Schreiben hervorbrachte, und der Empfänger solches erbrach, und aus demselben zu seiner und aller Anwesenden großen Ueberraschung vorlas, daß der Fürst ihn, zum Anerkenntniß seiner vieljährigen treuen Dienste, zum geheimen Justizrath beim obersten Gerichtshof in der Residenz erhoben, da brach der ganze Kreis in lautes Entzücken aus, und dem gerechten Fürsten und dem neuen geheimen Justizrathe, dem jungen Paare, dem Vater Ulmenhorst, dem Bruder Ferdinand in Paris, dem Brautwerber Stufen, dem Kreisphysikus und Allen, Allen, erscholl ein Vivat nach dem andern, und das überglückliche junge Ehepaar war längst in die, von der Bettmeisterinn eilig und schleunig festlich bereitete Brautkammer des Gräflichen Schlosses verschwunden, als sich die ersten Morgenstrahlen der Julius-Sonne in den leeren Flaschen brachen, und die vom alten Weine froh berauschten Hochzeitgäste zum endlichen Aufbruche mahnten.
15
Vater Ulmenhorst, bei seiner schwächsten Seite auf das Empfindlichste verletzt, versagte trotzig seine Einwilligung, antwortete auf die rührendsten Briefe Gottholds keine Sylbe, verabschiedete den armen Lippert auf der Stelle, trug beim Konsistorio auf des Falkenwerder’schen Pfarrherrn Entlassung oder Versetzung an, zahlt Gottholden das ihm gebührende unbedeutende Muttertheil aus, enterbte ihn in einem gerichtlich niedergelegten Testamente, sagte dem alten Stufen alle nachbarliche Freundschaft förmlich auf, und reiste in die Residenz, um dort durch seinen Einfluß und sein Geld den, aller gesetzlichen Form und der väterlichen Einwilligung entbehrenden Trau-Akt zu vernichten und Gottholds Ehescheidung zu bewirken.
16
Der Verlust des dereinstigen Erbes galt dem edeln Gotthold kein Opfer. Er übernahm vom Grafen Stufen eine kleine, seinem Vermögen angemessene Pachtung, die ihn, wenn er fleißig war, selbst Hand an das Wert legte, und vom Glücke nicht ganz verlassen wurde, bei der ihm zusagenden einfachen Lebensweise sammt Frau und Kind wohl ernähren konnte; aber der Vaterliebe verlustig erklärt zu seyn, schmerzte ihn unermeßlich tief. Er schrieb dem Erzürnten auf das, was ihm ja ohnehin nur ein sehr betrübender Fall, der Fall des Vatertodes, als Eigenthum dereinst überwiesen haben würde, zum Beßten seines Bruders Ferdinand freiwillig und mit Freuden Verzicht zu leisten, nur solle er ihm sein Wohlwollen nicht entziehen, und ihm in seinem Herzen den Platz lassen, auf den die Natur ihm das heiligste Recht gegeben.
Keine Antwort.
Er wiederholte seine Bitte und setzte hinzu: der Vater solle selbst kommen, oder erlauben, sich mit Julien ihm zu Füßen zu werfen, damit er sich persönlich überzeuge, daß zu seines Sohnes Glück nichts fehle, als des Vaters; Huld und Liebe.
Keine Antwort.
Er ließ durch den Dritten, Vierten, von dem er wußte, daß er beim Vater als Mann von Gewicht etwas gelte, seinen dringenden Versöhnung-Wunsch ihm an das Herz legen; aber Alle antworteten ihm, daß ihre Versuche erfolglos geblieben; er habe hoch und theuer gelobt, im ganzen Leben nie von ihm hören zu wollen; er habe nur Einen Sohn, den Ferdinand; der andere sey aus seinem Herzen für immer und ewig gestrichen.
Ich habe nun meine Pflicht erschöpft, sagte Gotthold tief bekümmert zu sich selbst. Beharrt der Vater auf seinem unseligen Vorurtheile, so muß ich das Mißgeschick, was in dieser schmerzlichen Spaltung liegt, mit Ergebung tragen. Ich will das Meine redlich thun, und Gott walten lassen. – Er stieg von der Höhe seines Ranges in den Mittelstand herab, arbeitete vom Morgen bis zum Abend im Schweiße seines Angesichts, und lebte an der Seite seines Engels, von allen Nachbarn geliebt und geehrt, in seinen stillen Thälern die glücklichsten Tage.
Julie blühte, fern vom schalen Getümmel der großen Welt; sie war, nach einstimmigem Urtheil Aller, die dieses Zauberwesen kannten, die schönste Frau der ganzen Provinz. Ihr Himmel, ihre Welt war Gotthold. Sein Glück war das ihrige; und sein oft wiederholtes zartes Geständniß, daß er jetzt erst den Werth des Lebens schätzen lerne, das sie ihm mit der Aufopferung ihres eigenen habe erhalten wollen, und das sie ihm durch ihre Tugenden und durch ihren süßen Liebreiz täglich immer mehr verschönere, that ihrer bescheidenen Demuth, in der sie sich immer noch des Glücks, einen Mann wie Gotthold zu besitzen, nicht würdig genug glaubte, unendlich wohl; nur im Tiefsten, im Geheimsten ihrer Seele nagte der Gedanke, daß sie die eigentliche Ursache jenes drückenden Mißverhältnisses zwischen Vater und Sohn sey, und trübte den Himmel ihrer innern Zufriedenheit.
Gegen Gotthold durfte sie diese Saite nicht berühren, ohne ihm die gute Laune auf mehrere Tage zu verderben; überwältigt vom grausamen Widerspiel der Doppelpflicht gegen Vater und Gattinn hatte er, da einmal das Gespräch auf dieses Schmerzkapitel gekommen, sie, von seinem fast überspannten Zartgefühl gepeinigt, unter einem Strom von Thränen gefragt, ob sie bis jetzt nur in einer seiner Handlungen, nur in einem seiner Blicke, nur in einem seiner Gedanken die Veranlassung zu dem Vorwurfe gefunden, mit dem sie sich, und natürlich ihn zugleich mit, so ganz ohne Noth und Ursache quäle, und seitdem hatte sie sich fest vorgenommen, das böse Krebs-Geschwür, das vielleicht über lang oder kurz die ganze Seligkeit ihres Verhältnisses doch noch einmal vergiften konnte, sorgfältiger noch zu verhüllen und desselben nie wieder zu erwähnen; dagegen theilte sie, als wieder einmal ihr zu zartes Gewissen sie mit der Idee marterte, daß sie Gottholds zeitliches Glück vielleicht besser begründet haben würde, wenn sie ihn aufgegeben, und dadurch des Vaters Plan, ihn mit einer Ebenbürtigen zu verbinden, unterstützt hätte, ihre Herzensangst dem alten Grafen Stufen mit; doch dieser wählte das beßte Beruhigungmittel, er lachte sie aus.
Laß doch, Kind, hob er in seiner treuherzigen Weise an: den alten Narren seinen Weg gehen. Wem nicht zu rathen, ist auch nicht zu helfen. Er hat den meisten Schaden davon. Er büßt das schönste Glück der Menschen unsers Alters ein, das Glück, im Kreise seiner Kinder und Enkel zu leben. Mein Julchen, wenn mir Gott solch eine Schwiegertochter bescheerte, auf den Händen trüge ich sie, und wenn es eine Hirtentochter wäre. Was hat denn der Trotzkopf jetzt noch für ein Recht zu maulen? Dein Vater hat mit seiner neuen Würde den Dienstadel verliehen erhalten, also, wenn man auch in die Marotte des alten Ulmenhorst eingehen wollte, der Absprung ist jetzt gar nicht mehr so groß, als er vordem war. Vor deinem Vater bücken sich jetzt viel mehr Menschen, als vor dem alten Ulmenhorst. Was ist er denn? was ich bin. Ein Bauer, mit einem bischen mehr Geld als unsere Hüfner und Gärtner. Nein Kind, darum laß Dir kein graues Haar wachsen. Gotthold wird sich rühren und etwas vor sich bringen. Lippert, die treue Seele, tritt morgen mit erklecklicher Zulage sein Secretariat bei mir an; ich habe lange solch einen gediegenen Geschäftmann gesucht, und danke dem Himmel, daß ich den gerade gefunden; und der Falkenwerder’sche Pfarrherr ist, wie sie mir heute aus der Residenz schreiben, zum Superintendenten in Weidenheim befördert. Also hat sich, wie Du siehst, bis hieher Alles recht gut und viel besser gemacht, als wir Alle gedacht; darum, Du frommes Kind, vertraue nur auf Gott, der führt die Seinen immer am beßten. Bei der ganzen Geschichte hat Niemand den Kürzern gezogen, als der alte Kater Murr von Ulmenhorst; er hat seinen wackern Lippert, seinen ehrwürdigen Pfarrherrn, seinen herrlichen Gotthold, und Dich, Du himmelklares Wesen, verloren; und Julchen, etwas bin ich doch auch werth, und mich hat er auch eingebüßt, denn so lange er Dir und Gotthold nicht alles doppelt und dreifach vergütet, was er Euch durch seine verschrobene Ansicht von Anno 1520 wehe gethan, so lange bin ich sein Nachbar nicht mehr, obgleich unsere Güter hier meilenlang mit einander grenzen. Wer hat denn von unsers Gleichen einen Sohn, wie Gotthold. O ja, wenn wir unsern jungen Herren brav Geld in die Residenz schicken, da können sie Alle leben und sich groß und breit machen, und die Dukaten um sich werfen, als wären es Pfeffernüsse; aber sich herstellen, wie Gotthold, Rang- und Standes-Vorrechte wie Papierschnitzel bei Seite legen, und aus eigener Kraft sich und den Seinen Brod erwerben; – laßt doch alle die Jungen unserer Großen herkommen; nicht Einer thut es ihm gleich! – Und statt einem solchen Sohne die Herrschaft Falkenwerder zu geben, und ihm zu sagen, da nimm sie hin auf Abschlag des dereinstigen Vatertheils und wirthschafte darauf, und sey mit Frau und Kindern glücklich, weist ihn der alte Brummbär aus dem Erbe der Väter und degradirt ihn zum kleinen Pächter eines Fremden! Sieh, Julchen, das ist himmelschreiend. Er ist ausgestrichen aus meiner vierten Bitte. Kein rechtschaffener Vater kann mit ihm ein Glas Wein mehr trinken. – Doch ich fahre morgen ohnehin in die Residenz; da will ich ihn schon abkonterfeyen in der geschabten Manier, auch schwarze Kunst genannt!
17
Erzählen Sie uns doch, sagte die Hofmarschallin, die den Grafen in einer kleinen, mit der Gegenwart des Erbprinzen beehrten Soiree beim Großceremonienmeister fand: in Ihrer, Gegend haust ja wohl der junge Ulmenhorst. Wie geht es denn dem Sonderling mit seiner Justizprinzessinn?
In Gegenwart unsers gnädigsten Prinzen, erwiederte der alte Stufen in seiner ländlichen Derbheit, durch die er sich schon früher dem jungen Viktor lieb und werth gemacht hatte: erlaube ich mir nicht zu antworten, wie es die gar sonderbar gestellte Frage wohl verdiente, und wenn es jetzt zum guten Tone der höhern Gesellschaftkreise gehören sollte, wackere Menschen, die hier Niemand beleidigt haben, vor ihrem künftigen Herrn zu verunglimpfen, so will ich machen, daß ich bald wieder auf meine Hufe komme, wo wir uns freuen, wenn wir vom Nachbar und Mitmenschen nur Gutes hören, und Gutes sprechen können. Von hausen, von Sonderling und von Justizprinzessinn darf gar keine Rede seyn, wenn des jungen Grafen Ulmenhorsts Erwähnung geschieht, denn er und seine Gattin sind ein Ehrenpaar, wie wir wenige im Reiche haben. Wohl dem Lande, in dem lauter solche Muster-Menschen wohnen; es dürfte hier in der Residenz gar wenige von der Gediegenheit geben!
Und nun erzählte er mit hinreißender Lebendigkeit und glühendem Wahrheitgefühl die Geschichte ihrer Liebe und ihres glücklichen Stilllebens, und der ganze Kreis rückte enger zusammen, und hörte mit immer gespannterer Aufmerksamkeit zu; der alte Stufen aber wußte nicht, zu welchen Stacheln seine Worte bei den Hauptpersonen des kleinen Zirkels wurden. Die Hofmarschallinn hörte mit Widerwillen den Menschen loben, durch dessen übereilte Verbindung alle ihre geheimen Pläne mit einemmale und wahrscheinlich auf immer und ewig gescheitert waren; Aurora gewann für Julien eine schwärmerische Vorliebe; sie fühlte sich stark genug, für den, den sie mit ihrer ganzen Liebe umfange, auch ihr Leben einsetzen zu können; sie beneidete die junge Frau um die edle Großthat, und um das belohnende Gefühl, ihrem Gatten so sprechende, so überzeugende Beweise von Hingebung und Liebe haben geben zu können, die ihn an sie mit ewiger Treue fesseln mußten, und als sie jetzt von dem reinen Glücke des seltenen Paares, von dem ungestörten Frieden ihres musterhaften Lebens, von der idyllischen Seligkeit ihrer gegenseitigen Liebe, den wackern Greis in seiner hohen Begeisterung sprechen hörte, schwamm ihr schönes Auge in hellen Thränen; sie glaubte, daß Gotthold, als er sie auf jenem Balle so auffallend vermieden und vernachlässigte, seine Julie schon im Herzen gehabt habe, und sie verzieh ihm darum jetzt mit voller Seele seine damalige Kälte, sie ehrte die in den heutigen Tagen, unter jungen Männern ihres Standes so seltene Treue, mit der er seinem Mädchen so ausschließlich angehört hatte, daß er für ein anderes gar keinen Sinn hatte haben wollen; und sann im Geheim darauf, wie sie diesen beiden achtungwerthen Menschen irgend ein Anerkenntniß ihrer Theilnahme an deren Schicksale, bereiten, und die Verbesserung ihrer Lage, oder die Aussöhnung mit Vater Ulmenhorst auf mittelbarem Wege bewirken könne.
Was weinen Sie, Aurora? fragte der Prinz, und drückte ihr unvermerkt die Hand, und wer die geheimsten Fäden der hier berührten Verhältnisse gekannt, würde die Marterqual haben ermessen können, die dem armen Viktor diese Frage abpreßte; sie klang so weich und mild, als stiegen ihm selbst die Thränen aus dem mitfühlenden guten Herzen, in die Augen, aber das Zittern seiner Stimme, mit der er die Frage that, war nichts als die Dröhnung, die im Tiefsten seines Innern auf den Gedanken folgte, dem er lange schon heimlich Raum gegeben hatte, und der jetzt sein Herz blutig zerriß, auf den Gedanken, daß Aurora den jungen Grafen Ulmenhorst liebe, und daß ihre Thränen seinem Verluste gälten.
Der Hofmarschallin dringender Brief, in dem sie Auroren damals eingeladen hatte, sie auf dem Lande zu besuchen, und den ihm Aurora mitgetheilt, war ihm schon verdächtig gewesen, weil die ihm verhaßte Frau jede Gelegenheit benutzte, Auroren von ihm zu entfernen. Der Obermundschenk hatte damals einem seiner Bekannten in der Residenz, über jenen Unglücks-Ball einen weitläufigen schriftlichen Rapport abgestattet, und darin unter andern gemeldet, daß er Auroren, an Gottholds Seite im Cotillon gefunden, daß sie an dem Tage schöner und heiterer und reizender als je gewesen, daß, nach aller Anwesenden einstimmiger Bemerkung, Gotthold in das Mädchen wie toll und thörig verliebt gethan, daß Aurora ihn vor allen andern jungen Männern des Kreises, durch entgegenkommende Freundlichkeit ausgezeichnet, daß man von mehrern Seiten die Hofmarschallinn scherzweise gefragt, ob sie zu der Verbindung der verehrten Nichte Waiblingen Glückwünsche annehme, und daß die Excellenz über dergleichen spaßhafte Anfragen sichtlich erfreut, nicht geradezu Ja, aber auch nicht Nein gesagt habe.
Alles dieß war ihm, da man des Obermundschenken gründlichen Ballbericht in mehrern Zirkeln vorgelesen, bald zu Ohren gekommen, und daß an dem, was darin Auroren betraf, etwas, viel, sehr viel Wahres seyn mußte, las er zu seinem geheimen Schreck auf Aurorens Wangen, die sich, seit ihrer Rückkehr vom Landsitze der Tante Hofmarschallinn, jedesmal mit dunklem Purpur übergossen, wenn auf Gotthold zufällig die Rede kam; er wäre wohl gern so boshaft gewesen, sie, wo es sich thun ließ, nach der Ursache dieses schnellen Erröthens zu fragen, aber er hatte nie den Muth dazu gehabt, denn er fürchtete, Aurora würde daraus die Veranlassung nehmen, ihm mit der ihr eigenen Offenheit, ihre Verlobung mit Gotthold zu bekennen, und diesen furchtbaren Augenblick, der ihn um die ganze Seligkeit seines Glaubens an Aurorens Liebe gebracht haben würde, hatte er so weit hinaus als möglich zu schieben gesucht. Später hatte ihn Gottholds Verbindung mit Julien, die in der Residenz bald ruchbar und von hundert verschiedenen Seiten verschieden beurtheilt und besprochen, zuletzt aber, wie das in allen großen Städten der Fall ist, über andere neuere Tag-Ereignisse vergessen worden war, seiner Angst, Auroren an Gotthold zu verlieren, überhoben, und er hatte Gotthold, der ihm, ohne das sich selbst recht deutlich zu machen, als ein heldenstarkes Vorbild vorgekommen, lieb gewonnen.
So gut, wie dieser sich über die Standesvorurtheile des grauen Mittelalters wegzusetzen den Muth gehabt habe, eben so gut, meinte er, versenkt in den Schmerz seiner Schwärmerei, der in das Geheimste seines Gemüthes sich um so tiefer einwühlte, als er keinem Menschen der Welt sein Herz vertrauen durfte, die gordischen Knoten, die ihn, in Konvenienz und altes Herkommen geschützt, fest hielten, mit einem Gewaltstreich zerhauen und Auroren seine fürstliche Hand bieten zu können.
So widrig Gotthold, der vermeintliche Räuber seines ganzen Erdenglücks ihm früher gewesen war, so ehrenwerth war er ihm später geworden, und er hatte, wenn einmal aus der stillen Zurückgezogenheit, in der Ulmenhorst auf seinem Pachtgütchen lebte, eine Nachricht von dem Sonderling-Paare, wie man es in den gewöhnlichen Residenz-Cotterieen nannte, zufällig an den Hof kam, dem festen freisinnigen jungen Manne immer eine besonders rege Theilnahme geschenkt.
Jetzt erzählte Stufen von den Versuchen, die Ulmenhorst, der Vaters mache, Gottholds Ehe zu trennen, und von den Hoffnungen, die der Alte, wie man sage, haben solle, mit diesem Plane durchzukommen, und Victors eingeschläferte Sorglosigkeit erwachte, von Aurorens stillen Thränen seltsam aufgeschreckt, mit einemmale wieder; Stufen beschwichtigte den in ihm aufbrausenden Sturm in etwas durch die Meinung, daß der Alte, nach seiner Ansicht, seinen herzlosen Plan doch nicht so schnell werde durchsetzen können, und polterte in seiner Heftigkeit heraus: Wenn es, so weit kommen sollte, so müßten wahrhaftig alle rechtschaffene Ritterbürtige im Lande zusammentreten, und dem Starrkopf vollgiltig demonstriren, daß er Unrecht habe. Julie, die junge Gräfinn von Ulmenhorst, hat, im Sinne des uralten deutschen Herkommens, und der ehrwürdigen Observanz, die Ahnenprobe vollkommen bestanden; was waren denn deren zwei Hauptbedingnisse in der ältesten Zeit des Ritterthumes? freie Geburt und Ritterart. Vater Strenge ist ein freier Mann, folglich ist Julie, seine Tochter, freigeboren; mithin ist der erste Punkt in Ordnung und Richtigkeit, und der zweite, die Ritterart? – Nun, weiß der Herr im Himmel, wenn Julie diese nicht im ganzen Umfange des Worts erwiesen, so dürfen sich alle Jungfrauen unserer edeln Geschlechter im ganzen Reiche, nicht für adelig erklären, denn was das Mädchen gethan, thut keins von Euch allen hier. Halte nur Einer, der sich einbildet, von einer Edeln unserer Klasse, geliebt zu seyn, die giftdurchtränkte Hand hin; es wird keine sie an ihre Lippen drücken, um den Geliebten zu retten, und sich, auf Kosten ihres Lebens, den Tod in seinem Blute zu trinken. Was kann des Mädchens Ritterart mehr beurkunden als diese edle Großthat! Was war denn der Hauptcharakterzug des deutschen Ritterthums in seiner schönsten Blüthe anders; als fester Glaube, treue Liebe, und unerschütterliche Selbstverläugnung! Und liegen nicht alle diese idealisch schönen Züge offen da in dem Thun und Wesen des ritterlichen Mädchens? Sonst war es Sitte, daß bei Streitfragen über die Aechtheit des Adels, eine adelige Genossenschaft zusammentrat, welche den Zweifel untersuchte und darüber entschied. Wäre heute jene gute alte Sitte noch an der Tagesordnung, ich wollte bald aus unsern ritterbürtigen Freien eine solche Genossenschaft zusammenbringen, die Juliens Adel einmüthig aussprechen und bestätigen sollte, und dann wäre dem alten Ulmenhorst mit einemmale der Mund gestopft; er müßte seine Scheidung-Idee von selbst aufgeben, und die Versöhnung zwischen dem Vater und den Kindern würde nicht ausbleiben, und alle drei würden in Frieden und Freude leben, bis an ihr seliges Ende.
Nimmermehr, eiferte die Hofmarschallin, des Aergers über den ihr unerträglichen Schwätzer, der ihr alle Hoffnung auf Gottholds Trennung von Julien, und auf dessen ihr in tausendfacher Hinsicht höchst wichtige Verbindung mit Auroren, gewaltsam zu entreißen drohte, kaum mehr Meister: der alte Ulmenhorst hat jetzt mehr als je Ursache und gesetzliche Gründe, die verwünschte Mißheirath zu annulliren; Ferdinand, sein ältester Sohn, der Legationrath in Paris, kränkelt an der Halsschwindsucht, und ist, wie die dortigen Aerzte versichern, unrettbar ein Kind des Todes; stirbt dieser aber, so fallen, da Gotthold enterbt ist, die ganzen großen Lehngüter an den Staat zurück, und sind der Familie Ulmenhorst auf ewig verloren. Das kann der Vater Ulmenhorst bei seinen Vorfahren, wie bei seiner Nachkommenschaft nicht verantworten; die Enterbung kann er aber, so lange Gotthold das Band, das ihn an die ehemalige Mamsell Strenge fesselt, nicht lös’t, auch nicht zurücknehmen, das ist er seiner väterlichen Autorität schuldig. Folglich wird und muß Gotthold nachgeben, und er wird sich am Ende dem väterlichen Willen aus besserer Ueberzeugung freiwillig fügen, wenn ihn nicht unbesonnene Rathgeber, mit ihren Träumereien einer neumodischen, Gott sey Dank noch nie existirten Ahnenprobe, und mit ihren romantischen Ansichten von dem Adelwesen unserer Zeit, in seinem stöckischen Sinne bestärken und auf neue Irrwege verleiten.
Der alte Stufen nahm, von der Hitze überwallt, einen gewaltigen Ansatz zu einem derben Ausfall auf die bittern Anzüglichkeiten der Hofmarschallinn; doch es traten mehrere Theegäste ein, und das sehr lebendig gewordene Gespräch war abgebrochen.
So lange Stufen gesprochen, war der Prinz, dem dessen Rede recht behaglich vorgekommen, über den bewußten Punkt seiner Besorglichkeit ziemlich ruhig geworden; die Hofmarschallinn aber hatte ihm mit ihren Nachrichten wieder alles Blut in die Adern gejagt; er durchschauete jetzt mit klaren Augen ihren Plan; die zornige Gluth, die sich in ihrer Rede ergoß, brannte ihm des längst gehegten Verdachtes Gewißheit in das verzagende Herz ein. Die Hofmarschallinn galt bei seinen fürstlichen Aeltern, in derlei Angelegenheiten, Alles; was sie hinsichtlich der in Rede stehenden Ehescheidung bewirken wollte, bewirkte sie durch ihren Einfluß gewiß, und daß sie den Willen dazu hatte, lag ihm jetzt außer Zweifel. Bei ihrer gewöhnlichen Raschheit war Gefahr im Verzuge. Er durfte also, wenn er eine Gegenmine anlegen wollte, keinen Augenblick versäumen.
Er rieb sich, vor heimlicher Freude, den überfeinen Riegel gefunden zu haben, mit dem er dem alten Ulmenhorst, und der überschlauen Frau Hofmarschallinn, und ihrem ganzen Anhange den Scheideweg versperren wollte, die Hände unter dem Theetische; der Stuhl brannte unter ihm; er mußte sogleich Hand ans Werk zu legen.
Aurora saß, ohne auf das Geschwätz der Theerunde, das sich um Theater und dergleichen Alltagsachen drehte, jetzt weiter zu hören, tief in sich versunken, und grübelte an dem Plane, wie es möglich seyn möchte, die Trennung dieses schuldlosen Paares zu verhindern, und es seinem verdienten Loose, dem ungetrübtesten Glücke entgegen zu führen.
Beide, Victor und Aurora arbeiteten auf Ein Ziel hin, doch beide aus verschiedenen Beweggründen; jener, um des gefürchteten Gottholds Rückkehr zu Aurorens Füßen unmöglich zu machen, diese aus der engelreinen Absicht, der Tugend ihren Lohn zu gewähren.
18
Wenige Tage nach jener Thee-Conferenz verkündeten die Zeitungen, daß der Monarch in Gnaden geruht, dem geheimen Justizrath Strenge, die vor Kurzem vakant gewordene Präsidentenstelle bei dem obersten Gerichtshofe zu verleihen und ihn in den Adelstand zu erheben; zwei Monate später: daß der hochbejahrte Justizminister in den Ruhestand gesetzt und der Präsident von Strenge, mit dem Prädikate Excellenz, zum Justizminister befördert worden sey.
Das ganze Land freuete sich der ehrenvollen Auszeichnung, denn das ganze Land bekannte laut und einstimmig, daß der wackre Mann ihrer werth sey. Seine gründliche Rechts- und Verfassungkenntniß, sein eiserner Fleiß, seine gesunde Urtheilkraft, sein unbestechlicher Sinn, seine strenge Gerechtigkeitliebe, die Milde seines Herzens – er ist ein geborener Justizminister, hieß es allgemein; die vorurtheillose Wahl des Mannes aus dem Mittelstande, des Bürgerlichen, begründete im Volke von Neuem das Vertrauen in die Regierung, daß sie bei Besetzung der wichtigsten Staatsämter nicht auf zufällige Vorzüge der Geburt und des Ranges, sondern auf wahre persönliche Verdienstlichkeit sehe, und die ganze Beamtenklasse ward durch dieß erfreuliche Begebniß zu redlichem Diensteifer und sorglicher Amtsverwaltung von Neuem wohlthätig aufgemuntert, denn Jeder sagte sich, daß, wo bei Dienstbeförderungen solche edle Grundsätze gälten, auch ihm der Lohn seiner rechtlichen Dienstpflichterfüllung nicht ausbleiben könne.
Daß Victor und Aurora die heimlichen Haupttriebfedern von dem Allen gewesen waren, wußte freilich Niemand. So mag sich oft das Gewebe der Menschenschicksale aus ganz zufälligen Nebenumständen herausspinnen, und die Menge, die tief unten stehende, welcher an den Fäden solchen Gespinnstes bis zu dem Wocken, aus dem sie gezogen, zurückzugehen, selten vergönnt ist, staunt bei derlei Fällen einander an, und raisonnirt, besonders, – was dießmal jedoch nicht der Fall war – wenn das Resultat seinen Ansichten nicht entspricht, gewöhnlich in das Blaue und Bunte durcheinander und der vom Zusammenhange Unterrichtete muß es mit anhören, ohne immer die Albernen eines Bessern belehren zu dürfen.
Beide, Victor und Aurora, hatten jedes für sich, und ohne Zuthun des andern gehandelt. Beide hatten dießmal leichtes Spiel gehabt, denn sie hatten sich bei guten Menschen für eine gute Sache verwendet.
Die Ertheilung des Adeldiploms war auf Aurorens Betrieb erfolgte sie hatte die Fürstinn von dem ganzen Ereigniß in Kenntniß gesetzt, das edle Herz der hohen Frau durch ihre lebhafte Schilderung von der entsetzlichen Lage, in die das junge, wegen seiner himmlisch reinen Liebe und seltenen Treue, der Achtung jedes Tugendhaften würdige Ulmenhorstsche Paar gerathen würde, wenn es bloß um eines blinden Standes-Vorurtheils willen auf immer und ewig getrennt werden sollte, tief ergriffen, und die Erhebung des Vaters Strenge in den Adelstand als das einzige Mittel vorgeschlagen, die herzlosen Scheideprojekte des alten Ulmenhorst unausführbar zu machen oder wenigstens zu erschweren.
Die fürstliche Frau hatte diesem Antrage ein um so willigeres Gehör verliehen, als sie dem alten Strenge für mehrere Rechts-Gutachten und aussergerichtliche Besorgungen in wichtigen Haus-Angelegenheiten eine Bethätigung ihres Dankes noch schuldig, als der Mann vor tausend Andern der in Vorschlag gebrachten Auszeichnung würdig war, und als sie sich freuete, der uneigennützigen Aurora, der sie seit Jahren auf das vielfältigste verpflichtet war, endlich einmal eine Gefälligkeit erzeigen zu können. Die Ernennung zum Präsidenten, und dann die Beförderung zum Justizminister aber war dem Prinzen Victor noch leichter geworden; der geheime Justizrath v. Strenge war so allgemein geachtet, daß, als der Prinz am Morgen nach dem bewußten Thee im Minister-Rathe, wo die dringend nöthige Wiederbesetzung des Präsidenten-Postens zur Sprache kam, nur vorschlagweise den alten Strenge nannte, der ganze Ministerrath einstimmig erklärte, daß dieser, und nur dieser allein, der Stelle gewachsen und zu deren Uebernahme geeignet sey; und die Erhebung zum Justizminister machte sich gewissermaßen von selbst; der bisherige hatte um Versetzung in den Ruhestand gebeten und den schmeichelhaften Auftrag erhalten, drei anerkannt geeignete Männer in Vorschlag zu bringen, um daraus einen zu seinen Nachfolger ernennen zu können. Der Eine der Empfohlenen war fast so alt als der abgehende Minister; der Andere litt an Gesichtschwäche und Körper-Gebrechlichkeiten, folglich war es dem Prinzen ein Leichtes, die Wahl auf den Dritten, auf den Präsidenten von Strenge zu leiten, und daß diesem nun das Prädikat Excellenz nicht entgehen konnte, verstand sich von selbst.
Beide, Victor und Aurora, waren über ihr gelungenes Werk entzückt, und freueten sich der lauten Zustimmung des ganzen Publikums; aber Keins sprach mit dem Andern über die ganze Angelegenheit ein Wort; nur als einmal kurz darauf, in einem kleinen Plauderkreise, einer der Anwesenden zufällig erzählte, daß der alte Ulmenhorst für sein Vorhaben jetzt überall verschlossene Thüren finde, an denen er sich den starren Kopf fast einrenne, lachte Victor fast laut auf; Aurora aber lächelte dazu still vor sich hin, und in beider Miene lag die höchste Selbstzufriedenheit über das glückliche Gelingen ihrer fein berechneten Pläne.
Kein Rechtsverständiger und kein Rechts-Verdreher wollte sich jetzt mit Ausfechtung der Projekte des alten Ulmenhorst mehr befassen; Alle riethen ihm, bei so bewandten Umständen jetzt die Sache auf sich beruhen zu lassen, und er zog, nach vergeblicher Aufopferung bedeutender Geldsummen, von dannen, schimpfte, daß keine Gerechtigkeit mehr im Lande sey, und murrte und knurrte in seinem einsamen, seit Gottholds Entfernung wieder wie ausgestorbenen Grafenschlosse umher, daß Jeder ihm gern weit aus dem Wege ging.
19
Als Stufen heim kam, und bei einem den jungen Ulmenhorsts auf ihrem Pachtgute abgestatteten Besuche zufällig von seinem Zwiegespräche mit der Hofmarschallinn, und von Victor und Auroren erzählte, wunderte sich Gotthold mit spitzer Verächtlichkeit, daß das sträfliche Verhältniß der Waiblingen zum Prinzen immer noch so ungestört fortdauere.
Wer hat Euch das gesagt? hob der alte Stufen im ernstesten Unwillen an. Es ist ein schändliches Zeichen der Zeit, daß sich Mehrere im Volke eine eigene Freude daraus machen, die Ersten ihres Landes durch allerlei üble Nachrede zu verunglimpfen, und dadurch die Liebe und die Ehrfurcht, mit der sonst der Unterthan seinem Fürsten gehörte, zu schwächen; aber noch gräulicher ist es, wenn, wie hier, solch unsinniges Geschwätz auf Lug und Betrug beruht. In der Regel erzeugt sich derlei Natterngerücht nicht in den niedern Klassen, in denen noch die alte Treue und Anhänglichkeit herrscht, mit, welcher der Deutsche, so lange die Geschichte lebt, sein Herrscherhaus umfängt. Wo solch krebsartiges Uebel sichtbar wird, da kann man immer annehmen, daß es von oben herunter frißt, und seinen Ursprung, seinen Sitz in den höhern Kreisen hat, die dem Verläumdeten näher stehen, und dessen menschliche Schwächen leichter belauschen können. —
Gotthold dachte an Schnüren, und schlug, von des alten Grafen Bemerkung getroffen, die Augen nieder —
Prinz Victor, fuhr Stufen fort: ist der fleckenloseste, der edelste Mensch. Es kann seyn, daß vernachläßigte Erziehung und unvorsichtig gewählter Umgang ihm früher nachtheilig waren, aber seit der Schutzgeist unsers Landes ihm Auroren an die Seite stellte, hat der Prinz, von ihr unmerkbar geleitet, sein inneres Selbst von Jahr zu Jahr veredelt. Er liebt sie nicht, er betet sie an. Doch etwas Unzartes, etwas Unklares ist in diesem Verhältniß darum nicht. Aurora hätte nur Einen Schritt von der rechten Bahn abweichen dürfen, und der Neid, den sie durch ihren Einfluß auf den Prinzen, auf den Hof und auf das ganze Land bei den Großen fast ohne Ausnahme erregt hatte, würde sie bald ertappt, und ihre Schuld mit hämischer Freude laut ausposaunt haben. Aber gehen Sie nur hin, lieber Ulmenhorst, und hören Sie die Großen, von denen sie Manchem, ohne es zu wollen oder zu wissen, im Wege gestanden, und die ihr darum in der Regel nicht alle gar zu hold sind, über den Punkt sprechen; ihre himmelreine Unschuld wagt auch nicht Einer anzutasten; und man darf das Mädchen auch nur sehen, um dem bösen Leumund der Schlechtgesinnten aus eigener Ueberzeugung widersprechen zu können. Unsereins hat doch auch seinen Blick; ich habe in der frühem Zeit meiner Jugend, wo, nach Frankreichs Beispiel, unter der Marquise Pompadour die frechste Zucht- und Sittenlosigkeit zum guten Ton mancher deutschen Hofwelt gehörte, wohl hie und da vornehme Buhlerinnen gesehen, die sich durch ihre Reize, zuweilen auch durch die Vorzüge ihres Geistes zu Favoritsultaninnen erhoben hatten, aber – nein, nein, Keine, auch nicht Eine hätte mit Auroren auch nur den allerentferntesten Vergleich ausgehalten, weil zwischen jenem sträflichen Verhältniß zu den Fürsten an den damaligen, in tiefe Sittenverwilderung versunkenen Höfen, und dem schuldlosem zwischen Victor und Auroren auch nicht die allerentfernteste Aehnlichkeit Statt findet; und dann, was Sie und die Erbärmlichen, die Sie belogen, über dieses sogenannte heimliche Verhältniß ausgekundschaftet haben wollen, das müßte doch wohl auch die Fürstinn Mutter, die um jede Kleinigkeit ihres Hauses weiß, erfahren haben, und ist es wohl wahrscheinlich, ist es wohl nur denkbar, daß die strenge Frau, die dem ganzen Lande ein Muster weiblicher Tugend ist, Auroren vom ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft bis heute durch die zarte Huld, durch die herzliche Mutterliebe ausgezeichnet haben würde, deren sich das Mädchen zu erfreuen hat? – Nein, Freund Ulmenhorst, den Wahn laßt fahren. Aurora ist eine Heilige, wie ich nächst unserer lieben Julie Keine im Lande kenne. Sie kommt mir – er betonte diese Worte absichtlich, als habe er vielleicht zufällig Gelegenheit gehabt, die Wege, die das edle Kind zu Gottholds künftigem Heile heimlich eingeschlagen, unbemerkt zu verfolgen – Sie kommt mir, wenn sie von Personen verläumdet wird, denen sie Gutes erwiesen, und darum doch im Gutesthun nicht ermüdet, wahrhaftig wie der Heiland vor, der am Kreuze betete: Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie thun.
Nun, sie soll auch mir vergeben, wenn ich ihr Unrecht gethan, sagte Gotthold, und reichte dem ritterlichen Verfechter der Unschuld die Hand: und nach dem, was Sie uns über Victor und Auroren mitgetheilt, will ich gern an die Reinheit ihres Verhältnisses glauben. Aurora – er lächelte in der Erinnerung der Vergangenheit freundlich vor sich hin – Aurora hat mir wohl einmal gefallen, aber mein Julchen war es doch nicht.
Ist das wahr, Holdchen? fragte Julie scherzend und legte ihre Schwanenarme auf seine Achseln, und sah ihm mit ihren großen sprechenden Augen mild und lieblich in das Gesicht, und als er sie auf die frischen Korallenlippen küßte und sich mit seinem Blicke in die goldig schimmernde Tiefe ihrer veilchenblauen Seelenspiegel verlor, und ehrlich und fest antwortete: ja, mein Leben, mein einziges Julchen, das ist wahr, und wird wahr bleiben, so lange ich Gotthold heiße! da streichelte sie ihm die blaubärtige Wange mit beiden Händchen und betheuerte in seinen Armen, halb komisch und halb ernst, daß er der allerbeßte und der allerschönste Gotthold auf der ganzen Welt sey.
20
Herr Lampe wird vielleicht kommen, wenn ich weg bin, mein Julchen, sagte Gotthold einst, nach Jahresfrist, und hing die Jagdflinte über die Achsel: entschuldige mich bei ihm, ja, daß ich seine Ankunft nicht habe abwarten können; ich habe bis auf die letzte Minute seiner gehofft und geharrt, jetzt darf ich keinen Augenblick mehr zaudern, wenn ich nicht die ganze Wiesenauction drüben auf der Papiermühle versäumen will; in anderthalb Stündchen bin ich auf jeden Fall wieder hier! —
Herr Lampe? fragte Julchen, und schüttelte die ausgemachten Schotenschalen von dem weißen Schürzchen und stand auf, um Gotthold durch den langen Fruchtgarten bis zur Thür, die auf das Feld hinausging, zu begleiten. Was ist denn das für ein Lämpchen?
Das uns die Winterabende recht freundlich erleuchten soll, entgegnete Gotthold fröhlich lachend, und umschlang im Gehen mit seiner Rechten das schmucke Engelweib, das doch heute wieder einmal wie die Liebe selbst aussah. So sah das himmlische Wesen eigentlich immer aus, aber Gotthold meinte in der Seligkeit seiner täglich immer wachsenden Liebe, in der Regel fast jeden Morgen und jeden Abend, daß heute Julie noch viel hundertmal schöner und reizender sey als gestern.
Dieses Lämpchen also, fuhr er fort: ist eigentlich ein Wollhändler, ein alter reicher Kauz, der uns die dießjährige Schur abzukaufen kömmt; vom Erlös bezahle ich den bevorstehenden Michaelpacht, und den Ueberrest brauchen wir im Winter zur Leibes- und Lebens-Nothdurft. Laß Koffer oder sonst so etwas Gutes in Bereitschaft halten, und will er sich unterdessen die Wolle besehen, sie liegt, wie Du weißt, im Speicher. Plaudere ihm nur hübsch vor, daß ihm die Zeit nicht lang werde; ich will schon machen, daß ich bald wieder zurückkomme.
Zum Abschiede setzte es einen Kuß, und noch einen, und noch einen, denn Julie war heute wieder so unbeschreiblich schön, daß er sich gar nicht satt an ihr sehen konnte, und jetzt kam Leo herangesprungen und bot sein Rosenmündchen zum Scheidekuß, und das Kindermädchen brachte der holden Mutter wunderniedliches Ebenbild, das süßeste aller Röschen, das freundlich lächelnd beide Aermchen nach dem Vater ausstreckte, und so hatte der glückliche Vater so viel Abschied zu nehmen, daß er unter einer halben Stunde nicht fertig geworden wäre, wenn ihn die Frau nicht getrieben hätte, zu machen, daß er fortkomme, um bald wieder zurück zu seyn. Bei den Haselsträuchern wendete er sich noch einmal, und Julie warf ihm noch mit eben der zarten Liebe, als in jener Sommernacht über die Geländerthür ihres Blumengärtchens zu Falkenwerder, die herzlichsten Küsse nach, und Leo schrie ihm sein: Adieu, mein Väterchen, mit der angestrengtesten Kraft seiner schwachen Stimme nach, und Röschen quiekte, die dunkelblauen Gukchen auf den Vater gerichtet, fröhlich in die Luft und strampelte dazu mit Händchen und Beinchen; Gotthold aber schwenkte den Seinen den letzten Gruß mit dem Strohhute zu, verschwand im Haselgebüsch und pries sich den Seligsten unter der Sonne, denn so begleitete ihn die Liebe auf jedem Gange, und so empfing ihn die Liebe bei jeder Rückkehr.
Julie saß wieder unter der alten Linde, die über das freundliche Wohnhaus den Schatten ihres grünen Laubdaches malerisch breitete, und machte zu heute Abend Schoten aus; Röschen puttelte zu ihren Füßen im Sande, und Leo trieb mit seinem Lieblinge, einem hypochondischen Mopse, zu Schwester Röschens großer Ergötzlichkeit, allerlei Possen.
Da kam der angekündigte Gast, wider Juliens Erwarten, die sich den alten reichen Kauz in einem eleganten Reisewagen gedacht hatte, zu Fuß zum Hofe herein; indessen sah man ihm darum doch die gediegenste Wohlhabenheit an; er machte, wahrscheinlich mochten ihm die hohen Wollpreise, auf welche die Bewohner der Umgegend die Käufer durch festes Zusammenhalten hinaufgeschraubt hatten, nicht recht gelegen seyn – ein finsteres, eigentlich mehr grämliches Gesicht, und der schwarze Trauerkrepp um den linken Arm bezeichnete ihn als einen Leidtragenden.
Wohnt hier der Pachter? fragte er, den Hut lüftend, als er näher gekommen, und Julie bejahte mit einer höflichen Verbeugung, und fragte, ob sie das Vergnügen habe, den Wollhändler Lampe – und als er nickte, und nach dem Pachter fragte, bat sie, Platz zu nehmen, und versicherte, daß ihr Mann bald wieder kommen werde.
Ihr Mann? wiederholte Herr Lampe überrascht: Sie sind die Frau Pachterinn! Ei, ei, fuhr er schmunzelnd fort: da hat er sich eine recht sehr hübsche Frau Pachterinn ausgesucht; ich hielt Sie, nehmen Sie es nicht übel, noch für ein Mädchen.
Wenn ich mich auch dafür ausgeben wollte, erwiederte Julie schalkhaft lächelnd: die beiden da, würden mich bald Lügen strafen!
Ihre Kinder! fragte er mit sanftem Tone, und streichelte Röschen, das neben ihm im Sande spielte, das goldgeringelte Lockenköpfchen, und nahm die kleine Rechte, die ihm der stämmige Leo, auf der Mutter Wink, mit biederer Treuherzigkeit bot, und sah ihm lange in das blühende gesunde Gesicht, aus dem die Gräflich Ulmenhorst’schen Familien-Züge sich einzeln alle zusammen finden ließen, und fragte, jetzt viel freundlicher, als vorhin, da er kam: wie heißt Du denn, mein alter Junge?
Leo Gotthold Ferdinand, antwortete der dreijährige Kniehoch ganz ernst und fest, und sah dazu dem alten Herrn recht freundlich in die Augen.
Leo, erwiederte dieser, den beifälligen Blick auf den Knaben gewendet: das ist ja ein recht alter, jetzt selten mehr üblicher Name.
Gotthold, hob Julie, in ihrer häuslichen Beschäftigung ungestört fortfahrend, an: heißt er nach dem Vater; Ferdinand nach meines Mannes Bruder; und Leo dem Großvater zu Ehren.
Dem Großvater? fragte Herr Lampe, sichtlich überrascht. Ich komme, setzte er heimlicher sprechend, als brauche der kleine Leo das nicht zu hören: viel beim Landadel herum, und kaufe auch gewöhnlich die Ulmenhorster Wolle; man erfährt daher hie und da Manches; der alte Herr dort und sein Sohn hier sollen, habe ich mir sagen lassen, ein bischen über den Fuß gespannt seyn.
Julie schlug den Blick auf ihre Schoten nieder und schwieg, wie sie über den zarten Punkt gegen Fremde immer zu thun pflegte.
Und doch haben Sie Ihren Erstgebornen nach dem Großvater genannt? sagte Herr Lampe nach einer kleinen Pause mit mildem Tone, aus dem wohl zu hören war, daß ihm das hierin liegende, ehrende Andenken des Sohnes gegen den Vater zu gefallen scheine.
Christus hat uns ja geboten, entgegnete Julie, ohne aufzusehen, und legte die Hände gefaltet auf ihr linkes Knie: unsere Feinde zu lieben, zu segnen, die uns fluchen, wohlzuthun denen, die uns hassen, und zu bitten für die, so uns beleidigen und verfolgen; – und das alte Wort: Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß Du lange lebest, und daß Dir’s wohlgehe; lebt ja im Herzen aller frommen Menschen fort und fort, und es ist wahr an uns geworden.
Sie senkte das Madonnenköpfchen tiefer, damit Herr Lampe die Thränen nicht sehen sollte, die aus der Tiefe des Veilchengrundes ihrer himmelklaren Augen bis zu den Wimpern emporgestiegen waren, und konnte daher auch nicht sehen, wie Herr Lampe sich still abarbeitete, die Thränen wieder hinunter zu drängen, die ihm wider seinen Willen in den Augen schwammen.
Um das Gespräch, was sehr einsylbig geworden war, auf etwas Anders zu bringen, fragte sie, von der Freundlichkeit, mit der er sich zu ihren Kindern geneigt hatte, veranlaßt, ob er Familie habe; aber aus der verneinenden Handbewegung, und daraus, daß er gar nicht antworten konnte, sondern aufstand und das Gesicht halb abwärts drehte, konnte sie abnehmen, daß sie eine ihm sehr schmerzliche Seite berührt haben müsse; Einen Sohn, sagte er nach langer Pause, mit zur Erde gesenktem Blick, und legte seine Rechte auf die schwarze Krepprose am linken Arme und holte tief aus der Brust einen Seufzer, der ihm die Last des heimlichen Kummers zu brechen schien. Einen Sohn habe ich kürzlich verloren: er hieß Ferdinand, wie der Bruder Ihres Mannes.
Weiter konnte er nicht sprechen, er wendete sich noch mehr seitwärts, so, daß er Julien den Rücken zukehrte, ging einige Schritte, nahm sein Taschentuch, und an der zuckenden Bewegung seiner Achseln nahm Julie wahr, daß er heftig weine; da stand Julie auf und ging ihm nach, und sprach ihm, aus dem ewigen Quell der Vernunft und Religion, mit sanfter Weise, die sie zu einem lebendigen Engel verklärte, Trost und Beruhigung zu, und machte es sich zum Vorwurf, daß sie durch ihre unbesonnene Frage die kaum verharrschte Wunde wieder ausgerissen habe.
Er aber schüttelte wehmüthig lächelnd den Kopf und sagte: Mein liebes Kind, die Thränen thun mir wohl; ich habe mich lange darnach gesehnt. Zu Hause konnte ich nicht weinen, da war alles starr und kalt um mich. Ich bin ja ganz allein im Hause; mit mir spricht Niemand; zu mir hat bei meinem jetzigen Trauerfalle noch kein Mensch so gesprochen, wie Sie, so vernünftig und so theilnehmend, und so gut und so herzlich; da sind denn auch die Thränen gekommen, und ich habe weinen können über meinen seligen Ferdinand und über – Er barg von neuem sein Gesicht in das Taschentuch und schluchzte laut.
Julie ließ seinen Schmerz gewähren; das ungestörte Ausweinen, meinte sie, sey dem tief Gebeugten die erste Wohlthat; dann näherte sie sich ihm nach langer Pause wieder mit sanften Worten und klopfte ihm gutmüthig auf die Achsel und bat ihn, sich zu fassen und sich zu ihren Kindern zu setzen, die ihn, wie sie bei sich meinte, durch ihr schuldloses Kosen am ersten wieder aufheitern würden, oder mit ihr dem Manne entgegen zu gehen, der nun bald kommen müsse.
Kommt er denn zu Fuß? fragte Herr Lampe.
Wie anders, lieber Herr; entgegnete Julchen mit leichtem Lächeln, und freute sich nun, den alten Herrn wieder auf andere Gedanken bringen zu können. Zu einem Pferdchen, das sich mein Mann gar zu gern einmal angeschafft hätte, hat es immer noch nicht reichen wollen. Unser Pacht ist nicht leicht, und im Anfange hat er gar zu viel auf die Wirthschaft verwenden müssen, denn es fehlte hier, als wir herkamen, an Allem. Der Gotthold hat tüchtig gearbeitet und es sich rechtschaffen sauer werden lassen; nun wird es hoffentlich späterhin besser gehen, und in ein paar Jahren kann er gewiß sein Roß unter dem Sattel haben; dann ist er ganz glücklich, denn jetzt läuft er den Tag lang gut und gern seine vier, fünf Meilen, und das wird, besonders in heissen Tagen, oder bei bösem Wetter, ihm doch bald zu viel.
Nun, und Sie Frauchen, wie kommen Sie denn fort, wenn Sie einmal zur Stadt oder in die Nachbarschaft wollen? fragte der Alte.
Stadt und Nachbarschaft, beides seh’ ich Jahr aus, Jahr ein nicht, antwortete Julie: Meine Kinder und mein Mann sind meine Gesellschaft, und die Arbeit ist meine Zerstreuung; und will ich einmal in die Kirche, nun, da geh’ ich zu Fuß, wir haben nur eine Stunde bis in unser Kirchdorf. Mein Mann wollte einmal einen Wagen kaufen, wie ihn hier Leute unsers Standes zu dergleichen Fahrten wohl brauchen, allein das Dingelchen war doch auch gar zu schlecht, und sollte 50 Thlr. gelten; die hatte mein Mann damals nicht übrig, und so unterblieb der Handel; gehen doch Tausende zu Fuß in die Kirche, warum sollten wir es nicht.
Aber Ihr Herr Vater eine Excellenz, und seine Tochter in so gar beschränkten Lebensverhältnissen! sagte Herr Lampe, und schrieb, um nicht aufzusehen, mit seinem Stocke Figuren in den Sand.
Wohl hat mein Vater, entgegnete Julie mit unterdrückter Empfindlichkeit über den unverdienten Vorwurf: mehremale sich zum jährlichen Zuschuß bestimmter Summen erboten, und unaufgefordert verschiedene nicht unbeträchtliche Sendungen gemacht; aber Gotthold lehnte jene ein- für allemal ab, und schickte diese uneröffnet zurück, und meinte, daß er darum keine Frau genommen, um sich vom Schwiegervater füttern zu lassen, und daß unser allergnädigster Herr seinen Ministern die Gehalte gebe, nicht um damit Kind und Kindeskinder satt zu machen, sondern um davon sorgenfrei und ihrem Stande gemäß leben, und den in ihren Verhältnissen nöthigen Ehrenaufwand bestreiten zu können. – Doch ich vergesse über unserem Plaudern ganz, daß Sie, vom weiten Gehen erschöpft, einer kleinen Erquickung bedürfen – darf ich mit Kaffee aufwarten, oder —
So sehr weit gegangen bin ich just nicht, fiel ihr Herr Lampe für das gastliche Anerbieten dankbar in das Wort: ich habe meinen Wagen, einer kleinen Reparatur halber, vorn am Dorfe bei der Schmiede stehen lassen und bloß das Stückchen von dort bis hieher zu Fuß gemacht, – Kaffee habe ich schon im letzten Städtchen getrunken; aber wenn ich bitten darf, ein Glas Wein – es ist jetzt ohnehin mein Abendstündchen, wo ich zu Hause wohl gern —
Den, lieber Herr, führen wir nicht im Keller, erwiederte Julie mit leiser Stimme, als gingen ihr die Worte schwer über die Lippen; sie wollte durch Lächeln zu verstehen geben, daß auch dieses Entbehren ihr kein Opfer sey, aber die dunkelste Röthe überflog den Liliensammet ihrer Wangen; ein sehr peinigendes Gefühl des Gebildeten, die Scham der Armuth, drückte sie nieder, und dem alten Mann, der ihr gefiel, und den sie gern recht gut bewirthet hätte, seinen bescheidenen Wunsch aus Mangel versagen zu müssen, that ihr wehe.
Was trinkt Ihr denn, Kinder? fragte der Alte, und bohrte seinen Stock tief in die Erde.
Wasser, lieber Herr! antwortete Julie, und, ein feinfühlender Beobachter hätte in den paar Worten und in der ganz eigenen Weise, wie sie das holde Engelwesen aussprach, dessen ganzes Gemüth erkannt. Sie wollte dem Fremden bemerklich machen, daß sein Antheil an ihrer Lage fast beleidigend zu werden anfange; sie wollte sich gegen ihn verstellen, und ihm weiß machen, daß dem Menschen, der sich über das Gewöhnliche erhebe, die Genüsse der Großen und Reichen gleichgiltig wären, und daß man ohne Wein auch vergnügt und glücklich leben könne; und dabei fiel ihr doch auch wieder ein, daß sie vor dem ihr vom Gatten empfohlenen Gaste eigentlich gar zu arm dastehe, und daß ihr Gotthold sich oft nach recht heißen Tagen, oder, wenn er recht fröhlich und heiter gewesen, nach einem Glase Wein gesehnt, und wie sie sich zusammen oft in die Zukunft besserer Zeiten geträumt, wo es ihnen werde leichter werden, sich zuweilen eines solchen Labetrankes zu erfreuen.
Das Alles lag in den drei einfachen Worten, und der alte Mann mußte das Alles auch herausgefühlt haben, denn er schwieg und schüttelte mit dem Kopfe, und wühlte mit dem Stocke, dessen Knopf seine Rechte krampfhaft umschloß, rechts und links im Sande.
Wie lange sind Sie denn hier? fragte er, um nur die Pause, die ihm selbst peinlich zu werden begann, zu unterbrechen.
Vier Jahre schon, versetzte Julie, Röschen, das nach ihr langte, auf den Arm nehmend, und war froh, daß das Gespräch sich nun auf einen andern Punkt drehte. Wie die Zeit vergeht, ist mir es doch selbst oft kaum glaublich! – Arbeit von früh bis Abend, die beiden kleinen Dinger da, ein braver, herzlieber Mann, und mitunter ein bischen Sorge – das kürzte die Jahre zu Monden.
Vier Jahre Arbeit und Sorge, und nichts als Wasser! flisterte Herr Lampe tiefsinnig und düster.
Sie müssen das aber auch nicht gar zu schwer sich denken, unterbrach ihn Julie und gewann es über sich, das recht leicht hinzuwerfen. Millionen Menschen trinken vom Tage ihrer Entwöhnung bis zum Grabe nichts als Wasser, und sind dabei gesund und stark an Leib und Seele; und zweimal haben auch wir recht flott gelebt; bei unsern beiden Tauffesten, – das ließ sich Gotthold nun schon nicht nehmen – da ging es gar hoch her. Da, der kleine Schelm – sie plauderte absichtlich, was ihr gerade einfiel, um der Unterhaltung eine andere Richtung zu geben – weiß auch schon, daß Wein besser schmeckt als Wasser; er trinkt ihn vor sein Leben gern; bei Röschens Kindtaufe, wie ein Alter stieß er mit seinem Fingerhut-Gläschen an, und trank es bis auf die Nagelprobe aus, als Gotthold des Großvaters Gesundheit ausbrachte.
That er das? rief der Alte, seiner nicht mehr mächtig, und sprang auf und hob den Jungen an seine Brust, und Gotthold, eben in den Hof tretend, schrie: Vater, mein Vater! und stürzte, vor seliger Freude ausser sich, zu seinen Füßen, und Julie sank, ihr Röschen im Arm, das Räthsel der Erscheinung sich augenblicklich lösend, in frommer Demuth vor ihm nieder, und die alte breitästige Linde ward zum Tempel, und der stille Feierabend zum heiligen Feste der Versöhnung.
21
In der Residenz verkündeten Kanonenschüße dem jubelnden Volke, daß Prinz Victor mit der nachbarlichen Fürstentochter vor dem Altare die Ringe gewechselt. In demselben Augenblicke donnerten auch die Pöller und Amüsetten vor dem Portale des hocherleuchteten Schlosses zu Falkenwerder; und drinnen im Ahnensaale saß an einer stattlichen Prunktafel Vater Ulmenhorst zwischen dem, in alle Sohnes-Rechte wieder feierlich eingesetzten Gotthold und der Königinn des Festes, seinem Liebling, Julie, die, mit fürstlichem Schmucke angethan, den ganzen Kreis durch ihre Anmuth, ihre Bescheidenheit und ihren Liebreiz bezauberte.
Zu Gottholds Rechten aber prangte Aurora in der frischen Blüthe ihres neuen Ehestandes; sie begleitete ihren Gatten, einen frohsinnigen, wohlunterrichteten und höchst liebenswerthen jungen Mann, aus einer der ersten Familien des Landes, auf seinen Gesandtschastposten in eine entfernte Residenz; passirte auf dieser Reise Falkenwerder, und hatte, auf des alten Grafen Ulmenhorsts Einladung, ihre Einrichtung so getroffen, daß sie gerade den heutigen Tag, an dem der Vater seinem Gotthold die Herrschaft Falkenwerder zum Eigenthum überwiesen, hier mit feiern half.
Der habe ich, wisperte ihm der Alte in das Ohr, doch so, daß es Aurora hörte, eigentlich meine Rückkehr zu mir selbst und zu Euch Allen zu verdanken; die hat mir den Kopf zurecht gesetzt! Ihr bin ich das Glück meines Lebens-Abends schuldig! und Gotthold zog Aurorens Hand an seine Lippen und sprach tief bewegt ihr seinen Dank aus, und bat ihr in Gedanken ab, wessen er sie früher verdächtiget hatte; Se. Excellenz der Herr Justizminister v. Strenge aber, der zwischen Papa Stufen und dem Superintendenten, dem ehemaligen Falkenwerder’schen Prediger, ihm gegenüber saß, hob, nachdem Stufen das prinzliche Brautpaar hatte hoch leben lassen, das Glas, und brachte zum Tafelschluß Auroren ein Lebewohl aus, und gab ihr beim Scheiden aus dem Vaterlande die Wünsche und den Segen aller der Tausende mit auf den Weg, denen sie Gutes erwiesen, und Aurora setzte mit ihrem Gatten noch denselben Abend ihre Weiterreise fort. Ihren geheimen Schmerz aber erkannte Niemand. Der heiße Thränenstrom, den sie schon bei Stufens und des Justizministers Toast zu gewältigen gesucht hatte, und der, als sie jetzt in den Wagen stieg, unaufhaltsam hervorbrach, galt in den Augen der Umstehenden der Trennung von der vaterländischen Heimath. Gewöhnlich ist es das Loos der Großen, von der Mehrzahl nicht verstanden zu werden.
Julie nur schien einen tiefen Blick in Aurorens gebrochenes Herz gethan zu haben. Sie dauert mich, sagte sie zu Gotthold, und sah mit nassem Auge dem prächtigen Reisewagen nach, in dem der Gesandte mit seiner jungen Frau der nahen Grenze zueilte. Er mag ein recht wackerer, braver Mann seyn, aber sie liebt ihn nicht. Ihr Herz ist in der Residenz geblieben; das verrieth ihr Erblassen und das Zittern ihrer Hand, als sie bei der Gesundheit, die Stufen ausbrachte, das Glas zum Munde führte; wir Alle standen auf, und sie konnte sich kaum vom Stuhle heben. Gute Nacht, du arme Unglückliche, setzte sie hinzu und nickte ihr sanft weinend nach: dein unverdientes Loos ist einer so zartfühlenden Seele härter, als dem gemeinen Menschen lebenslängliche Eisenstrafe.
Nun, nun, erwiederte Gotthold, Juliens theilnehmenden Kummer beschwichtigend: mit was für Augen Ihr Frauen doch alles gleich anseht. Tausend Beamte und Offiziere müssen sich die Versetzung von einem Orte zum andern gefallen lassen. Aurore hat die ihrige, wie mir Dein Vater erzählt, selbst gewünscht; sie hat ihren Gatten selbst gewählt, und wenn sie die rein himmlische Liebe, mit der sie dem Prinzen gehört, auch nicht gleich auf ihren Gatten übertragen kann, so wird ihr Pflichtgefühl und ihr klarer Verstand überwinden helfen, wo ihr der Kampf schwer wird. Wen der Zufall oder der eigene Wunsch in die Nähe der Großen bringt, der muß Convenienz und Observanz und die höhern Rücksichten der Politik über sich walten lassen; der Strahlenglanz des Lebens auf jenem glatten Boden kostet in der Regel die Freiheit des Gefühls und des Willens.
Darum wollen wir auch in Falkenwerder und hübsch unten bleiben, entgegnete Julie, und umschlang ihren Gotthold, als bange ihr davor, daß man ihn nun in höhere Verhältnisse zu ziehen suchen werde, gegen die sich dieser aber rund heraus sehr bestimmt erklärte.
22
Den letzten Morgen seines dießmaligen Aufenthalts in Falkenwerder feierte der alte Graf Ulmenhorst mit der Einführung seines ehrlichen Lippert in die ländliche Besitzung am Ende des Dorfs, die sonst dem Vater Strenge gehört, die dieser bei seinem Abgang in die Residenz veräussert, und die nunmehr der alte Graf dem Käufer wieder abgekauft hatte und heute seinem treuen Diener für dessen spätere Tage als stilles Ruheplätzchen überwies.
Auf dem Flecke, wo vor vier Jahren Gotthold das kleine Hannchen unter den Hunden hervorzog, hatte der alte Herr ein einfaches Denkmal errichten lassen, das Leo, der Erstgeborne, als die Gäste in das Gehöft eintraten, unter Musik und Pöllerdonner mit Blumengewinden bekränzte; aus dem Denksteine stand der Name: Makk, denn dieser, sagte der alte Graf, und schloß Gotthold und Julien in seine Arme und drückte ihre Kinder an sein Herz: ist eigentlich die Ursache, daß Alles sich so gestaltet hat, wie es jetzt ist. Der arme Makk ist damals freilich unschuldig geopfert worden. Möge dafür sein Andenken in unserem dankbaren Herzen fortleben.
Er küßte und segnete die Kinder und Kindeskinder, verabschiedete sich bei den umstehenden Freunden und Bekannten, empfahl den Unterthanen Gotthold, ihren neuen Herrn, setzte sich, von den Wünschen Aller begleitet, in den Wagen, und fuhr, ausgesöhnt mit sich und der Welt, fröhlich von dannen.