Kitabı oku: «500 Jahre Reformation: Bedeutung und Herausforderungen»

Yazı tipi:

Petra Bosse-Huber, Serge Fornerod,

Thies Gundlach, Gottfried Wilhelm Locher (Hg.)

500 Jahre Reformation:

Bedeutung und Herausforderungen

Internationaler Kongress der EKD und des SEK

auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017

vom 6. bis 10. Oktober 2013 in Zürich

Theologischer Verlag Zürich

EVANGELISCHE VERLAGSANSTALT

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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar.

Umschlaggestaltung: Simone Ackermann, Zürich

ISBN 978-3-290-17765-2 (Buchausgabe Theologischer Verlag Zürich)

ISBN 978-3-374-03916-6 (Buchausgabe Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig)

ISBN 978-3-290-17847-5 (E-Book)

|XX| Seitenzahlen des E-Books verweisen auf den Beginn der jeweiligen Seite der gedruckten Ausgabe.

© 2014

Theologischer Verlag Zürich Evangelisch Verlagsanstalt, Leipzig

Alle Rechte vorbehalten.

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Inhalt

Einleitung

Biogramme Mitwirkende

Einführung

Michel Müller, Zürich Eröffnungspredigt

Gottfried Wilhelm Locher, SEK, Bern Eröffnungsrede

Nikolaus Schneider, EKD, Hannover «Was ist das Reformationsjubiläum? Wem gehört es? Warum sind wir alle hier zusammen in Zürich?»

Bibelarbeiten

Karen Georgia Thompson, UCC, Cleveland/Ohio Römerbrief 3, 21–31

Margot Käßmann, Berlin Johannes 3, 1–15 (Lutherübersetzung 1984)

Klára Tarr Cselovszky, Budapest Matthäus 5, 13–16

I Theologische Grundlagen

Rowan Williams, London Das Erbe der Reformation

Ulrich H. J. Körtner, Wien Exklusiver Glaube – Das vierfache «Allein» reformatorischer Theologie

Peter Opitz, Zürich Der spezifische Beitrag der Schweizer Reformation zur reformatorischen Bewegung |6|

Jong Wha Park, Seoul Protestantismus und Postkonfessionalismus in Südkorea

Olav Fykse Tveit, ÖRK, Genf Das Erbe der Reformation und seine Bedeutung für die ökumenische Bewegung heute

II Spezifische Themen der Reformationsgeschichte und deren Wirkungsgeschichte

Kirchengeschichtlich

Fulvio Ferrario, Rom Frühere Reformationen und die Reformation: Petrus Valdus, Jan Hus, John Wycliffe, Girolamo Savonarola

Volker Leppin, Tübingen Mit dem Mittelalter gebrochen oder aus ihm emporgewachsen?

Christine Christ-von Wedel, Basel Humanismus – Reformation – Aufklärung: Zusammenhänge und Brüche

Martin Wallraff, Basel Neue Medien und neue Netzwerke

Athina Lexutt, Giessen Fürstenreformation und Volksreformation

Walter Fleischmann-Bisten, Bensheim Reformation, radikale Reformation, Täufer und die Bauernkriege

Erik A. de Boer, Amsterdam Reformationsfeier und Bekenntnisbildung: Kirche und Credo

Martin Ernst Hirzel, Bern Der Pietismus als zweite Reformation? |7|

Sozialgeschichtlich

Anne-Marie Heitz-Muller, Straßburg Auswirkungen der Reformation auf das Leben der Frauen in Straßburg im 16. Jahrhundert

Marianne Carbonnier-Burkard, Paris Die Reformationsjubiläen: Protestantische Konstruktionen (17.–20. Jahrhundert)

Frédéric Elsig, Genf Die Rolle der satirischen Darstellung im Zeitalter der Reformation und Konfessionalisierung288

Martin Sallmann, Bern Reformation und Demokratie: Die Bedeutung von Subsidiarität und Priestertum aller Gläubigen

Systematisch

Christophe Chalamet, Genf Die Reformation und ihre unvorhergesehenen Konsequenzen

François Dermange, Genf Die ökonomische Ethik von Calvin – «kapitalistisch», «sozialistisch» oder ganz anders?

Douwe Visser, Hannover Reformation und Politik: Zwischen Prophetenstimmen und Obrigkeitshörigkeit

Ökumenisch

Wolfgang Thönissen, Paderborn Luthers Streit mit seinen katholischen Gegnern in den Jahren 1517/1518 am Beispiel der Frage nach dem Fegefeuer

Viorel Mehedinţu, Stuttgart Der Dialog, der zum Monolog wurde |8|

Johanna Rahner, Kassel Reform oder Reformation? Die Konzilien von Trient, Vatikanum I und II

III Chancen und Herausforderungen des Jubiläums für die Kirchen

Thies Gundlach, Hannover Am Anfang war die Freiheit – Reformationsjubiläum 2017

Anne Burghardt, Genf Herausforderungen und Chancen des Reformationsjubiläums aus der Sicht des Lutherischen Weltbundes

Aiming Wang, Nanjing Das Reformationsjubiläum im chinesischen Kontext

Kurt Kardinal Koch, Vatikan, Rom Reformationsgedenken in ökumenischer Sicht

IV Feedbacks und Auswertungen

Michael Bünker, Wien Protestantische Vielstimmigkeit: Zwischen Appenzeller «Zäuerli» und gemeinsamer Ausrichtung

Frank Fornaçon, Kassel Freikirchen bereiten Reformationsjubiläum mit vor

Ibrahim Wushishi, Lagos Rückblick auf den Kongress

Hanspeter Jecker, Bienenberg Gedanken zum Internationalen Kongress zum Reformationsjubiläum in Zürich

Martin Schindehütte, Hannover Nachwort

Dankeswort

Fussnoten

Seitenverzeichnis

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Einleitung

Wann hat die Reformation stattgefunden? Und worin besteht sie letzten Endes? Die protestantischen Kirchen feiern den Reformationssonntag gewöhnlich um den 31. Oktober. Nach traditioneller Überlieferung soll an diesem Tag des Jahres 1517 Martin Luther, ein junger deutscher Mönch und Theologieprofessor, 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen haben, in denen er die Praxis des Ablasses kritisierte, der es den Gläubigen ermöglichte, mit klingender Münze ein Stück ihres Seelenheils zu kaufen. Diese Einladung zu einem Disput unter Theologen bildete den Ausgangspunkt eines Konfliktes zwischen verschiedenen theologischen Standpunkten, die sich rasch als unversöhnlich herausstellten. Unter anderem dank politischer Unterstützung und massivem Einsatz von Druckschriften änderte damals ein großer Teil der römisch–katholischen Kirche in kürzester Zeit ihre Praxis und einen Teil ihres Denkens. Diese Bewegung breitete sich in ganz Europa aus, und zwar so schnell, dass die Argumente Luthers gegen den Ablass nicht die einzige Ursache dafür sein konnten.

2017 werden die protestantischen Kirchen, die aus dieser Bewegung hervorgegangen sind, des 500. Jahrestages der Reformation gedenken. Was soll aber 2017 genau geschehen? Wozu dieses Ereignis feiern, das von der heutigen Situation der Kirchen und den geistigen Sorgen und Fragen unserer Zeitgenosse so weit entfernt scheint, auch wenn es damals die Geschichte des europäischen Kontinents tiefgehend verändert hat und historisch von weltweiter Bedeutung war? Hat die Reformation nicht auch zu zahlreichen Gewalttaten geführt? Woran wollen wir uns erinnern und was wollen wir eigentlich feiern? Worin besteht diese Reformation? Wie weit kann sie die Kirchen und die Welt von heute betreffen?

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die aus der Reformation von Luther hervorgegangen ist, und der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK), der aus der Reformation von Zwingli und Calvin entstanden ist, haben 2012 beschlossen, ein Zeichen der Einheit des Protestantismus zu setzen, indem sie einen gemeinsamen Vorbereitungskongress für das Reformationsjubiläum 2017 organisierten. Damit haben der SEK und die EKD bekräftigt, dass durch die 1973 auf dem Hügel von Leuenberg bei Basel getroffene theologische Vereinbarung, die unter dem Titel «Leuenberger Konkordie» bekannt geworden ist, die |10| kommenden Feiern des Reformationsjubiläums eine neue gesamtprotestantische Bedeutung erreichen. Dahinter soll und kann das Verständnis evangelischer Kirchen nicht mehr zurückfallen. Im Lauf dieses Kongresses, der im Oktober 2013 in Zürich stattfand, versuchten die EKD und der SEK, eine Standortbestimmung zu den genannten Fragen vorzunehmen zum Zeitpunkt, da die meisten Kirchen ihre Aktivitäten planen. Wir wollten vor allem zusammen mit den Mitgliedkirchen der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) und anderen Partnerkirchen weltweit diskutieren, was wir feiern wollen und weshalb wir das tun. Heute wird die Reformation nicht mehr nur über die Wirksamkeit von Luther in Deutschland oder von Zwingli oder Calvin in der Schweiz definiert, so bedeutend und entscheidend das Wirken dieser Persönlichkeiten auch sein mag. Die Reformation muss heute vielmehr als vielfältige und europäische Bewegung verstanden werden, deren Ursprünge in die früheren Jahrhunderte zurückreichen. Sie ist aber vor allem unter dem Aspekt des aktuellen Kontextes der weltweiten Christenheit neu zu betrachten: Wir sehen auf der einen Seite eine Verweltlichung und ein Abbröckeln, auf der anderen Seite Wachstum und fundamentalistische Tendenzen; eine zunehmend multikulturelle und pluralistische Religionslandschaft. Wir sehen auch die Errungenschaften, die Wirklichkeit und die Zukunft des ökumenischen Dialogs und die globalen Fragestellungen zur Zukunft der Erde. Für die evangelischen Kirchen kann es sich also nicht bzw. nicht bloß darum handeln, sich 2017 das Geschehen der Vergangenheit in Erinnerung zu rufen und dessen Spuren im Lauf der Geschichte zu verfolgen. Es geht vielmehr darum, sich die Botschaft der Befreiung, wie sie bereits Luther und andere wiederentdeckt haben, neu anzueignen, indem wir die Bibel neu lesen. Wir wollen diese damaligen Entdeckungen für die Christen von heute neu interpretieren. Wenn also 2017 ein Jubiläum und ein Fest sein soll, dann kann es nur ein Fest des Evangeliums und nur ein Fest für Jesus Christus sein.

Die in diesem Band vereinten Texte geben deshalb nur einen Teil dessen wieder, was den Reichtum dieses Kongresses ausmachte. Sie wollen die Kirchen einladen und dazu auffordern, zu diskutieren und miteinander auszutauschen, was die Botschaft des Evangeliums uns heute sagen will und wie wir das Jubiläum von 2017 und darüber hinaus am besten feiern. Darin bestand auch der Mehrwert des Kongresses, der hier dokumentiert wird. Diese Texte sollen verlässliche Orientierungspunkte und interessante Hinweise anbieten für all jene, die sich auf internationaler Ebene darauf vorbereiten, 500 Jahre Reformation zu feiern – ohne zu |11| triumphieren, ohne sich aus falscher Scham zu verstecken, ohne gegen andere Konfessionen zu polemisieren und ohne die ökumenische Herausforderung zu unterschätzen. Am Kongress trafen sich 250 Teilnehmer aus 35 Ländern, Professoren, Kirchenführer, interessierte Pfarrer, Multiplikatoren und Ökumenefachleute. Dadurch wurde die weltweite Dimension der evangelischen Kirche sichtbar und spürbar. Die hier abgedruckten Texte kommen von sehr unterschiedlichen Autoren und aus verschiedenen Kontexten. Einige sind mehr akademisch, andere mehr narrativ oder deskriptiv verfasst. Für viele Autoren waren die Kongresssprachen auch nicht ihre Muttersprache. All dies ist im Stil der Beiträge spürbar. Wir haben diese Elemente, die zuerst stören oder irritieren können, nicht vollständig bereinigen wollen. Denn genau darin sehen wir ein Zeichen der Stärke und der Qualität der Beiträge, ein Indiz dafür, dass die Wette dieses Kongresses gelungen ist: evangelische Stimmen aus der ganzen Welt um unsere gemeinsame theologische Identität heute zu versammeln, ohne Vorurteil oder vorgefertigte Regelung.

Das Buch folgt dabei der inneren Logik des Kongresses:

– In einem ersten Teil werden die theologischen Grundlagen der Reformation hinterfragt. Die Analysen beziehen sich einesteils auf die Bedeutung, die der Entdeckung der Reformation heute zukommt, was natürlich einen ökumenischen und internationalen Ansatz voraussetzt. Andererseits aktualisieren sie spezifische Themen, aus denen sich die Reformation herauskristallisiert hat. In den letzten Jahren hat nämlich sowohl die historische wie auch die theologische Forschung große Fortschritte gemacht bei der Klärung der Frage, was die Reformation wirklich Neues gebracht hat und wieweit sie auch eine Frucht der damaligen Zeitverhältnisse darstellt.

– In einem zweiten Teil befasst sich der Band mit den möglichen Inhalten und Grenzen, die sich heute aufgrund des Kontextes und der verschiedenen Gesprächspartner des Jubiläums ergeben: Welche Gemeinsamkeiten bestehen zwischen der Situation in Deutschland und in China? Wie wird unsere Botschaft von einem römisch-katholischen oder einem afrikanischen Standpunkt aus verstanden?

– Schließlich enthält der Band Bewertungen des Kongresses und Rückblicke, insbesondere aus Sicht der Freikirchen bzw. der Kirchen, die aus der radikalen Reformation entstanden sind.

Wir hoffen, dass die Leser von der Vielfalt und vom Reichtum dieser Perspektiven auf 2017 für ihre eigene Projekte und Vorbereitung angeregt werden.

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Biogramme Mitwirkende

Bünker, Michael; *1954, Dr. theol, Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Wien.

Burghardt, Anne; *1975, Pfarrerin, Sekretärin für die ökumenischen Beziehungen, Abteilung für Theologie und Öffentliches Zeugnis, Lutherischer Weltbund, Genf.

Carbonnier–Burkard, Marianne; *1949, Dr. phil. in Geschichte der Philosophie, Honorardozentin am Evangelischen Institut an der Theologischen Fakultät in Paris, Vizepräsidentin der Gesellschaft für Geschichte des französischen Protestantismus, Paris.

Chalamet, Christophe; *1972, Prof. Dr. theol, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Genf; 2003–2011 Professor für Geschichte der evangelischen Theologie an der Universität Fordham, New York.

Christ–von Wedel, Christine; *1948, Dr. phil., Historikerin, Spezialgebiet Humanismus und Reformation; Präsidentin des Vorstandes von Mission 21, Basel.

de Boer, Erik Alexander; *1957, Prof. Dr. theol., Professor für Reformationsgeschichte an der Freien Universität Amsterdam und für Kirchengeschichte an der Theologischen Universität Kampen, a.o. Prof. für Patristik an der Free State University Bloemfontein.

Dermange, François; *1962, Prof. Dr. theol., Professor für Ethik an der Theologischen Fakultät der Universität Genf.

Elsig, Frédéric; *1972, Prof. Dr. litt., Professor für Kunstgeschichte des Mittelalters am Institut für Kunstgeschichte der Universität Genf.

Ferrario, Fulvio; *1958, Prof. Dr. theol., Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Fakultät der Waldenserkirche, Rom.

Fleischmann-Bisten, Walter; *1950, Dr. theol., Historiker und Theologe, seit 1984 Generalsekretär des Evangelischen Bundes in Deutschland, Leiter des Konfessionskundlichen Instituts in Bensheim.

Fornaçon Frank; *1958, Pastor der Evangelisch–Freikirchlichen Gemeinde Kassel-West, «Kirche im Hof», Mitglied des Präsidiums des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland (Baptisten), Beauftragter der Vereinigung Evangelischer Freikirchen in Deutschland für die Reformationsdekade, Ahnatal. |13|

Gundlach, Thies; *1956, Dr. theol., Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Leiter der Abteilung «Kirchliche Handlungsfelder», Hannover.

Heitz-Muller, Anne-Marie; *1978, Dr. theol. in evangelischer Theologie, Spezialgebiet Frauen- und Reformationsgeschichte, zurzeit Gemeindeassistentin, Straßburg.

Hirzel, Martin Ernst; * 1965, Pfr. Dr. theol., Beauftragter für Ökumene und Religionsgemeinschaften des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Bern; bis 2006 Professor für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Waldenserkirche, Rom.

Jecker, Hanspeter; *1954, Dr. phil., Dozent am Theologischen Seminar Bienenberg, wissenschaftliche Mitarbeit bei diversen Forschungsprojekten zum Täufertum, Konferenz der Mennoniten der Schweiz, Basel.

Käβmann, Margot; *1958, Professorin Dr. Dr. h.c., Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017, Berlin.

Koch, Kardinal Kurt; *1950, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, Rom.

Körtner, Ulrich H. J.; *1957, Prof. Dr. theol., Professor für Systematische Theologie an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

Leppin, Volker; *1966, Prof. Dr. theol., seit 2010 Professor für Kirchengeschichte in Tübingen; 2000–2010 Professor für Kirchengeschichte in Jena.

Lexutt, Athina; *1966, Prof. Dr. theol, Professorin für Kirchen– und Theologiegeschichte am Institut für Evangelische Theologie der Justus-Liebig-Universität Gießen.

Locher, Gottfried Wilhelm; *1966, Dr. theol., Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK), Bern; Mitglied des Präsidiums der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Wien.

Mehendinţu, Viorel; *1939, Dr. theol., Erzpriester der Rumänisch-Orthodoxen Kirche, Stuttgart.

Müller, Michel; *1964, Pfarrer, Präsident des Kirchenrates der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich.

Opitz, Peter; *1957, Prof. Dr. theol., Professor für Kirchen- und Dogmengeschichte von der Reformation bis zur Gegenwart an der Theologischen Fakultät der Universität Zürich und Leiter des Instituts für Schweizerische Reformationsgeschichte, Zürich. |14|

Park, Jong Wha; *1954, Dr. theol., Dr. h.c., Hauptpastor der Kyungdong Presbyterianischen Kirche in Seoul, Vorsitzender des Verwaltungsrats von Kukmin Daily Newspaper, Seoul; bis November 2013 leitender Vorsitzender des koreanischen Gastgeberausschusses der 10. ÖRK-Vollversammlung, Busan, Südkorea.

Rahner, Johanna; *1962; Prof. Dr. phil., Professorin für Systematische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Kassel.

Sallmann, Martin; *1963, Prof. Dr. theol., Professor für Neuere Kirchen- und Theologiegeschichte und Konfessionskunde an der Theologischen Fakultät der Universität Bern.

Schindehütte, Martin; *1949, Pfarrer, seit Ende 2013 im Ruhestand, zuvor Bischof für Ökumene und Auslandsarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Hannover.

Schneider, Nikolaus; *1947, Dr. theol. h.c., Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Berlin.

Tarr Czelovszky, Klára; *1971, Dr. theol., Leiterin der Abteilung Ökumenische und Außenbeziehungen der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ungarn, Budapest; Mitglied des Präsidiums der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE), Wien.

Thönissen, Wolfgang; *1955, Prof. Dr. theol., Professor für Ökumenische Theologie an der Theologischen Fakultät Paderborn und Leitender Direktor des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik, Paderborn.

Thompson, Karen Georgia A.; *1965, Pfarrerin, Leiterin der Abteilung Ökumenische und Interreligiöse Beziehungen, Vereinigte Kirche Christi, Cleveland (OH), USA.

Tveit, Olav Fykse; *1960; Pfr. Dr. theol., Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Genf.

Visser, Douwe; *1953, Dr. theol., Geschäftsführer für Theologie, Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, Hannover.

Wallraff, Martin; *1966, Prof. Dr. theol., Professor für Kirchen– und Theologiegeschichte, Universität Basel.

Wang, Aiming; *1963, Pfr. Dr. theol., Dr. h.c., Ordinarius (Systematische Theologie, Historische Theologie, Hermeneutische Theologie), Vizepräsident des Nanjing Union Theological Seminary, Nanjing, China.

Williams, Lord Rowan Douglas; *1950, Dr. theol., The Rt Revd & Rt Hon Baron Williams of Oystermouth, Rektor des Magdalene College, Cambridge, UK; ehem. Erzbischof von Canterbury. |15|

Wushishi Ibrahim Yusuf; *1964, Dr. theol., Pfarrer der Nigerian Baptist Convention, Mitglied des Exekutivausschusses der Christian Association of Nigeria(CAN) und Christian Health Association of Nigeria (CHAN), Generalsekretär des Christian Council of Nigeria. (CCN), Lagos. |16|

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Einführung

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Michel Müller, Zürich

Eröffnungspredigt

Zu Apg 11, 1–18

Liebe Gemeinde

Viele von Ihnen werden nun also 3–4 Tage und Nächte hier in Zürich verbringen anlässlich des Kongresses, den wir mit diesem Gottesdienst eröffnen. Ich vermute, dass manche von Ihnen zu Hause berichten werden, wollen oder müssen, was Sie hier Sinnvolles getan haben. Sie sind in einer bedeutenden Stadt der Christentumsgeschichte, und deshalb sind Sie hierhergekommen. Andere kommen her wegen der Streetparade und des Zürich Film Festivals, das gestern zu Ende ging. Sie könnten hier auch völlig überteuerte Designerhandtaschen oder Luxusuhren kaufen. Ob die Daheimgebliebenen da vorwurfsvolle Fragen stellen oder es gar einen medialen Sturm auslöst? Vielleicht nicht. Aber es stellt sich eine andere, die entscheidende Frage: Kann an einem solchen Ort, hier und heute, der Geist Gottes uns auf eine Art begegnen, dass es einen Sturm auslöst? Erwarten wir überhaupt so etwas? Oder wozu sind Kongresse sonst da?

Werden wir uns im Nachdenken über Reformation rechtfertigen müssen für unser Tun und Nichtstun? Kommt es denn überhaupt auf uns an? Mit Petrus fragen auch wir doppeldeutig: «Wer bin ich, dass ich Gott hätte in den Weg treten können?»

Das formuliert der Apostel zunächst einmal ganz zurückhaltend in der Tradition eines Mose oder Jeremia. Der Geist Gottes baut an seiner Kirche! Wer wären die einzelnen Dienerinnen und Diener – und wenn es der erste Papst wäre –, dass er dem Geist entgegen treten könnte? Der Geist ist bei Lukas frei, Fakten zu schaffen, denen die Kirche dann folgen kann, folgen muss mit ihren Handlungen. Hier konkret folgt die Taufe dem Empfang des Geistes. Manchmal ist es bei Lukas auch umgekehrt, und der Geist folgt erst der Taufe. Der Geist ist frei. Denn es ist Gottes Geist. Aber das heißt nicht, dass er nicht wirkt. Sein Wirken darf erwartet werden, und zwar auch überraschend und gegen eigene wohlgepflegte theologische Überzeugungen. Die Geschichte der Kirche ist entsprechend dem dritten Artikel des Glaubensbekenntnisses auch die Geschichte des Heiligen |20| Geistes. Nun haben die christlichen Kirchen ausgeklügelte Systeme entwickelt, um das Wirken des Geistes zu prüfen und zu domestizieren. Ja, wir müssen den Geist prüfen. Dazu verpflichten uns die Irrungen und Wirrungen der Kirchengeschichte, gerade auch unserer eigenen. Darum müssen wir fragen: Wie sind die letzten 500 Jahre als Wirkung des Geistes Gottes zu verstehen? Wie hätte Lukas seine Geistgeschichte fort-geschrieben? Kämen die Protestanten darin vor, als eine Wirkung des Geistes? Manche Vertreter anderer Kirchen würden das wohl auch nach 500 Jahren bezweifeln. Wir hier in der Zürcher Kirche hingegen glauben das. Unsere Kirchenordnung (KO) bekennt, dass Kirche «gebaut wird durch Gottes Geist»1. Punkt – Doppelpunkt: Nicht nur wir, sondern eine Vielzahl von Kirchen, die in den letzten Jahrhunderten entstanden sind und von hier und Wittenberg und all den Reformationsorten ausgegangen sind, sehen sich im Glauben als Wirkungen des Geistes Gottes. Aber wie geht das zusammen: der eine Geist und die vielen Kirchen?

Der vor Jahren verstorbene Ökumeniker Oscar Cullmann verstand die Vielfalt der christlichen Kirchen geradezu definitorisch als eine Wirkung des Geistes. So schreibt er in seinem berühmten Buch «Einheit durch Vielfalt»: «Wer den Reichtum der Fülle des Heiligen Geistes nicht respektiert und Uniformität will, sündigt gegen den Heiligen Geist»2. Und ist es dann nicht umgekehrt auch als Wirkung des Geistes zu betrachten, dass es da nach wie vor neben den protestantischen Kirchen eine römisch–katholische Kirche gibt? Deshalb könnte gelten: «In den ökumenischen Beziehungen ist dies wichtig: Das, was der Geist in den anderen gesät hat, nicht nur besser zu kennen, sondern vor allem auch besser anzuerkennen als ein Geschenk auch an uns»3. Das war nun nicht Cullmann mit seiner Idee der Charismen in allen Kirchen, sondern ein Zitat des römischen Bischofs! Und gleich anschließend sagt Papst Franziskus in diesem kürzlich geführten Interview mit der Jesuitenzeitschrift «Civiltà Cattolica»: «Wir müssen vereint in den Unterschieden vorangehen. Es gibt keinen anderen Weg, um eins zu werden. Das ist der Weg Jesu.» «Vereint in den Unterschieden» ist vielleicht nicht dasselbe wie «versöhnte Verschiedenheit», wie wir Protestanten sie verstehen, aber auch nicht etwas völlig |21| anderes als das Konzept unserer Leuenberger Gemeinschaft. Ist dies die aktuelle Herausforderung für uns alle – gerade auch gegenüber den jungen Kirchen wie den Pfingstkirchen, die den Geist programmatisch im Namen tragen? Wir reden hier von der mittlerweile zweitgrößten Gruppe im weltweiten Christentum – wie werden wir eigentlich mit ihnen Reformation feiern und Erneuerung thematisieren, erbitten, erfahren? Und wie werden wir mit den ganz alten Kirchen umgehen? Werden wir allen Ernstes bald nach 500 Jahren Reformation des tausendjährigen Schismas gedenken müssen?

Wirklich: Wir müssen sie alle prüfen, die Geister, und gerade das kann und soll eine Aufgabe eines Kongresses von theologischen und kirchenleitenden Fachleuten sein. Wir besprechen die Geschichte und deren Folgen, lernen daraus und beziehen daraus auch unsere Inspiration. Wozu sonst sollten wir uns treffen? Ist unsere Lage also ähnlich wie jene derer, die damals in Jerusalem zu prüfen und zu entscheiden hatten?

Wer sind wir? Wer bin ich? Diese Fragen stellt derselbe Petrus, der gesagt hat, man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen. Eine Haltung, die Martin Luther in Worms vor Augen hatte, als er sagte, er müsse seinem Gewissen mehr gehorchen als Kirche und Kaiser: «Hier stehe ich und kann nicht anders.» Wirklich so gesagt oder nicht: Es macht ja den Reiz solcher Sätze aus, dass sie exemplarisch etwas vom Wesen des Geschehenen auf den Punkt bringen. Da steht ein Einzelner vor Machthabern und vor Gott, vom Geist bewegt, seinem Gewissen und dem Wort Gottes treu zu sein, gegen den Rest der Welt. Da kommt es plötzlich auf den einen Einzelnen an, der tapfer Rechenschaft ablegt. Der in Gottes Namen «etwas Tapferes tut.» Diese Wendung, «etwas Tapferes tun» steht in Zürich beispielhaft für das Wirken Zwinglis. Sie wurde in einem anderen Zusammenhang als Luthers Satz geschrieben, und doch galt und gilt auch hier: Wenn der Geist Gottes uns durch die Schrift dazu bringt, dann müssen wir ihm folgen. «Tuont um Gottswillen etwas Dapfers», schrieb Zwingli. Sie können es in der Sakristei nachlesen. Wer wären wir, ihm entgegenzutreten? Dabei ist die Spannung, ja Widersprüchlichkeit auszuhalten: Nein, es geht hier nicht um einzelne heroische Gestalten, sondern um Christi Kirche, gebaut durch seinen Geist. Nie aber geht es, ohne dass eine oder einer, auch von uns, diesem Geist folgt. Nein, nicht um uns geht es, aber eben auch nicht ohne uns. Wer sind wir heute?

Wer bin ich? Noch einmal leihe ich mir Worte vom römischen Bischof Franziskus, der so antwortet: «Ein Sünder, der vom Herrn angeschaut wird.» Ein Sünder, weil selbst vermeintlich unfehlbare Entscheide nicht |22| an Gottes Stelle treten können? Ein Sünder, der es wagen darf, etwas zu tun, weil er vom Herrn angeschaut wird, anders ausgedrückt in unserer Tradition: weil er zugleich Sünder und Gerechter ist?

Was aber ist es dann, was für uns zu tun ist, hier und heute und in den nächsten Jahren als protestantische Kirchen? Wir hier in Zürich feiern gerade 50 Jahre Frauenordination. Dafür erhalten wir zwar eine gewisse Aufmerksamkeit, aber keinen Applaus, zu selbstverständlich müsste es eigentlich in einer modernen Gesellschaft sein. Zölibat? Das ist bei uns Protestanten seit Katharina von Bora, der Lutherin, und Anna Zwingli, geborene Reinhart, kein Thema mehr. Wir haben in vielen evangelischen Kirchen Schluss gemacht mit der Normierung bestimmter Lebensweisen und der Diskriminierung derer, die anders sind. Und das, weil wir evangelisch sind und nicht zum Trotz. Gut. Aber: Was bleibt für uns zu tun, dort, wohin der Geist uns leiten will?

Die protestantischen Kirchen Frankreichs als ein ganz aktuelles Beispiel haben dieses Jahr einen großen Schritt getan mit ihrer Union. «Ecoute – Dieu nous parle», heißt es dort, und wenn Gott spricht: Wer könnte ihm entgegentreten? Er beruft uns zu Zeugen, témoins, in einer modernen Gesellschaft. Auf die noch relativ reichen deutschsprachigen Kirchen sehe ich die Frage zukommen: Wie lange werden wir uns die Erhaltung einer Struktur leisten wollen, die den tatsächlichen Erfordernissen und der Größe gar nicht mehr entspricht? Und die dem Auftrag, das Evangelium allen Völkern in Wort und Tat zu verkündigen, Mittel entzieht?

Wer bin ich, dass ich das sage? Kein anderer als der, der an seinem Ort, mit seiner Kirche und mit seinen Gaben das Notwendige tun soll und will. Der sich im Rahmen seiner Möglichkeiten bemüht, dem Geist nicht entgegenzutreten. Dem Geist, der «auch den anderen Völkern die Umkehr zum Leben gewährt», wie es Lukas zusammenfasst.

Ich meine und sage es offen: Wir müssen hinaus aus unseren alten Mauern. Hinaus in die Welt – nicht in die Welt, wie wir sie gerne hätten, sondern in die Welt, wie sie nun einmal ist. Zu den Menschen, die nun einmal sind, wie sie sind. Wir müssen die Sicherheit gegenseitiger Bestätigung in geschlossenen Kirchen verlassen, uns selbst vergessen und den Menschen begegnen in ihren tatsächlichen Bedürfnissen, gerade auch den spirituellen, also geistlichen.

Hinausgehen. Das kann man auch mal während eines Kongresses versuchen, hinausgehen aus sich selbst, sich hinsetzen auf eine Bank, den Menschen zuschauen, mit jemandem ein Wort wechseln. Auch in Zürich |23| hat’s ganz einfach Menschen. Die Ökumene beginnt in der persönlichen Begegnung mit meinem Nächsten, auf den ich höre, für den ich beten kann, dem ich dienen kann. Wer, wenn nicht ich?

Dann wird die weltweite Kirche, die Ökumene, eine spirituelle und eine diakonische Ökumene sein, eine Kirche, die betet und dient, die aus dem Wort Gottes geboren wird, die genährt wird am Tisch des Herrn. An diesen Tisch sind alle geladen, die der Herr einlädt, der gegenüber Petrus erklärt hat: «Was Gott für rein erklärt hat, das erkläre du nicht für unrein.»

Wer bin ich, dass ich Gott hätte in den Weg treten können?

Amen

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Gottfried Wilhelm Locher, SEK, Bern

Eröffnungsrede
Reformation: Das Evangelium im Mittelpunkt

Die Reformation wird 500 Jahre jung: 2017 werden sich die Kirchen der Reformation an den berühmten Thesenanschlag Martin Luthers an die Türe der Schlosskirche in Wittenberg erinnern. Und 2019 wird des Beginns der Predigttätigkeit Huldrych Zwinglis auf der Kanzel des Großmünsters gedacht werden. Schon jetzt zeigt sich: Das Reformationsjubiläum hat das Potenzial, weltweit viel Dynamik auszulösen. Es ist Anlass, der Freude über die Wiederentdeckung der Befreiungsbotschaft des Evangeliums auf vielfältige Weise Ausdruck zu geben. Diese hat ihr Zentrum in der Botschaft von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott allein durch den Glauben an Jesus Christus. Oder anders ausgedrückt: Der Mensch kann bestehen in Zeit und Ewigkeit, weil Gott ihn liebt. Das Evangelium soll im Mittelpunkt stehen und gefeiert werden. Das ist die Botschaft der Reformation. Eine befreiende, beglückende Botschaft. Die evangelischen Kirchen feiern also nicht sich selber. Der Reformation ging es um die Erneuerung der einen Kirche. Dem Reformationsjubiläum kommt deshalb von Anfang an eine ökumenische Dimension zu.

Zeit für die Vorbereitung

Hier in der Schweiz und erst recht in Deutschland sind die Vorbereitungen fürs Reformationsjubiläum schon angelaufen. Doch manches ist noch offen. Diese Gelegenheit haben der Schweizerische Evangelische Kirchenbund und die Evangelische Kirche in Deutschland ergriffen und Sie alle hier nach Zürich zu einem internationalen Vorbereitungskongress eingeladen. Sein Ziel ist es, gemeinsam darüber nachzudenken, wie wir das Reformationsjubiläum feiern möchten und welche Bedeutung die Botschaft der Reformation für die Kirche und Gesellschaft von morgen haben kann.

Wir freuen uns, dass Sie von nah und fern, aus über 35 Ländern und fünf Kontinenten, hierher nach Zürich gereist sind. Sie stehen dafür, dass die Botschaft der Reformation sich weltweit in den verschiedensten Kontexten ausgebreitet hat und Menschen bis heute bewegt. Die verschiedenen Erfahrungen und Horizonte, die Sie mitbringen, werden |25| unseren Kongress bereichern. Dabei sollen Brücken zwischen Menschen mit kirchlichem und universitärem Hintergrund geschlagen werden. Wir wollen miteinander in ein kritisch-konstruktives Gespräch eintreten über die Epoche der Reformation, um neue Perspektiven auf unsere kirchliche und gesellschaftliche Gegenwart zu gewinnen.

Die Schätze gegenseitig entdecken

«Über die Zeit, in der wir die reformatorischen Traditionen gegeneinander ausspielten, sind wir hinaus. Wir wollen vielmehr die Schätze entdecken, die sie bergen.» Dieser Satz Wolfgang Hubers anlässlich des Calvinjahres 2009 ist wegweisend für diesen Anlass und den Weg bis 2017. Wir wollen den Reichtum der jeweiligen anderen Tradition sehen und voneinander lernen. Ökumene ist Lerngemeinschaft.

Zürich – ein Ursprungsort der Reformation

Für diesen Kongress sind wir Gast bei der Evangelisch–reformierten Landeskirche des Kantons Zürich in Zürich, einem Ursprungsort der Reformation. In Zürich und dann an anderen Orten in der Schweiz, etwa in Bern, St. Gallen, Basel und in Genf, hat die Reformation bekanntlich eine eigene Wendung genommen. Ganz vergessen sind die unversöhnlichen Urteile Luthers über Zwingli und das bedauerliche Scheitern des Marburger Religionsgesprächs 1529 ja noch nicht. Doch nach der Leuenberger Konkordie und den ihr vorangegangenen guten Erfahrungen, die es neben der konfessionellen Gleichgültigkeit zwischen Lutheranern und Reformierten im Laufe der Kirchengeschichte auch gab, wissen wir: Die Reformation war eine Epoche evangelischer Gemeinsamkeiten, auch wenn dies aus politischen und teilweise persönlichen Gründen nicht von allen Akteuren gesehen wurde. Da ist die Freude darüber umso größer, dass sich in diesen Tagen Lutheraner, Reformierte, Unierte und Angehörige weiterer Konfessionen in dieser Form erstmals in dieser Stadt begegnen, die neben Wittenberg und später Genf für den weltweiten Protestantismus eine große Bedeutung hatte. Ohne Zwingli, Bullinger und Calvin wäre die Reformation wohl ein deutschsprachiges und nordeuropäisches Phänomen geblieben. An diesem Kongress wird also evangelische Katholizität sichtbar werden, zu der die Vielfalt dazugehört. Ein Stück weit haben wir dies soeben im Gottesdienst erlebt. |26|

Erinnern für die Zukunft

«Erinnern für die Zukunft.» Dies soll in den nächsten Tagen die Devise sein. Reformationsgedächtnis soll primär heißen, nach dem Stellenwert der reformatorischen Botschaft in den evangelischen Kirchen und der Gesellschaft heute zu fragen. Vermögen die Kirchen Gottes Wort der Versöhnung und Veränderung genügend kräftig zu bezeugen? Wie steht es mit der Klarheit und Verständlichkeit ihrer Verkündigung? Die Interpretation der reformatorischen Befreiungsbotschaft heute und damit theologische Fragestellungen sollen im Zentrum dieses Kongresses und des Jubiläums stehen.

Die bleibende Wirkung der Reformation

Als Teil einer Gedächtniskultur bringt das Reformationsjubiläum aber auch die Aufgabe mit sich, sich an die Vergangenheit zu erinnern. Die Reformation hat die Welt geprägt. Sie hat eine vielfältige Wirkung auf die frühneuzeitliche Gesellschaft ausgeübt. Einzelnen Spuren, etwa im Bereich des Verhältnisses von Kirche und Staat, soll in diesen Tagen exemplarisch nachgegangen werden. Wie stehen Kultur, Wirtschaft und Politik heute zur Reformation? Um solche Fragen soll es in diesem Zürcher Kongress auch gehen. Im Mittelpunkt der Debatten soll jedoch, wie gesagt, Reformation als gegenwärtige Aufgabe stehen. Evangelische Glaubensinhalte und Weltverantwortung wirken in unseren Gesellschaften bis heute. Welches Potenzial hat die Botschaft der Reformation für Kirche und Gesellschaft morgen?

Das Reformationsjubiläum als ökumenische Aufgabe

Reformationserinnerung soll also nicht der Selbstdarstellung von Kirchen, Konfessionen und Kulturräumen dienen, sondern zur produktiven und gemeinsamen Gestaltung des heutigen Kircheseins anstiften. Voraussetzung dafür ist, dass die damals gestellten theologischen Fragen neu bedacht werden. Voraussetzung dafür ist auch, dass wir uns immer wieder kritischen Anfragen stellen. Ich freue mich sehr, dass wir gleich schon mit dem Referat von Rowan Williams, dem ehemaligen Erzbischof von Canterbury, mit einer etwas anderen Sicht auf die Reformation konfrontiert werden (ein Blick von außen ist es angesichts der Tatsache, dass die Kirche von England in ihren Anfängen eng mit Zürcher Reformatoren verbunden war, nicht). |27|

Wenn Reformationserinnerung also der Gestaltung des Kircheseins heute dienen soll, schließt dies, wie zu Beginn gesagt, eine ökumenische Dimension ein. An diesem Kongress wollen wir bewusst auch das Gespräch mit ökumenischen Partnern suchen. Im Hinblick auf das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche bedeutete es einen großen Schritt, wenn es uns gelänge, eine gemeinsame Sicht auf die Geschichte der Reformationszeit zu gewinnen, wie sie gerade jüngst das Dokument des vatikanischen Einheitsrats und des Lutherischen Weltbundes «Vom Konflikt zur Gemeinschaft» angeregt hat. Nicht nur die evangelischen Kirchen, sondern auch die römisch-katholische Kirche ist bekanntlich von der Reformation geprägt. Heute bietet sich die zukunftsträchtige Chance einer gemeinsamen ökumenischen Auseinandersetzung. Dies könnte die große Besonderheit des Reformationsjubiläums im beginnenden 21. Jahrhundert sein. Im Hinblick auf das Verhältnis zu denjenigen Freikirchen, die sich auf die radikale und damals verfolgte Reformationsbewegung berufen, bedeutet die ökumenische Dimension des Reformationsjubiläums für uns eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit.

Der Kongress: Einladung zur Zusammenarbeit

Neben der Reflexion soll dieser Kongress aber auch ganz praktisch eine Plattform für den Austausch von Ideen bieten. Aus verschiedenen Kirchen werden Vorhaben und Perspektiven im Blick auf das Reformationsjubiläum präsentiert werden. Schön wäre es, wenn Kooperationsmöglichkeiten angedacht und gemeinsame Projekte auf lokaler, regionaler, nationaler oder internationaler Ebene angestoßen würden. Zunächst aber soll dieser Kongress bei Ihnen allen die Motivation für die aktive Teilnahme am Reformationsjubiläum fördern und das Interesse wecken für die Reformation und ihre Bedeutung für die Gegenwart. Dabei soll die Reformation als vielgestaltig und der Protestantismus als weltweite und plurale Bewegung sichtbar werden.

Für diesen Kongress und das Reformationsjubiläum insgesamt scheint mir wichtig, was Zwingli am Ende seines «Kommentars über die wahre und falsche Religion» von 1525, der ersten Darstellung der evangelischen Lehre überhaupt, schreibt: «Alles, was ich hier gesagt habe, habe ich zur Ehre Gottes, zum Nutzen der christlichen Gesellschaft und zum Besten der Gewissen gesagt. Gott sei gedankt.»

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Nikolaus Schneider, EKD, Hannover

«Was ist das Reformationsjubiläum? Wem gehört es? Warum sind wir alle hier zusammen in Zürich?»

Sehr geehrte Damen und Herren

Das Reformationsjubiläum 2017 ist ein Ereignis von Weltrang!

In Deutschland ging der erste Anstoß zum Thema «Reformationsjubiläum» schon 2003 aus den Reihen der katholischen Kirche hervor, nämlich von Kardinal Kasper auf der Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Winnipeg. Kardinal Kasper verwies damals auf dieses Datum 2017 und stellte die Frage nach den ökumenischen Dimensionen des Ereignisses. Bald danach nahm der damalige Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer, den Ball auf und lud Staat und Kirche ein, das Reformationsjubiläum 2017 gemeinsam in den Blick zu nehmen.

Wir sind dankbar, dass gegenwärtig nicht nur die Bundesregierung, sondern auch viele Bundesländer und betroffene Kommunen bei der Vorbereitung des Jubiläums mitwirken. Und es gehört zweifellos zu den eher seltenen Ereignissen im Deutschen Bundestag, dass alle Parteien – also auch die Linken – gemeinsam im Oktober 2011 den Beschluss gefasst haben, dass das Reformationsjubiläum 2017 als «ein Ereignis von Weltrang» von der Bundesregierung zu fördern und zu unterstützen sei.

Wir werden also in Deutschland ein großes Jahr mit Kirchentagen und einer Weltausstellung der Reformation in Wittenberg feiern. Es werden nationale Ausstellungen, erstklassig restaurierte und museumspädagogisch herausragende touristische Attraktionen etwa in Wittenberg, Eisenach, Eisleben und Torgau Menschen in das «Kernland der Reformation» locken. Große Fachkongresse ziehen ein Fachpublikum nach Wittenberg, Halle und Berlin.

Der Wissenschaftliche Beirat, der die staatlichen und die kirchlichen Partner inhaltlich berät, hat im Jahre 2009 «Perspektiven für das Reformationsjubiläum 2017» vorgelegt. Da heißt es unter anderem:

Es gilt «auf dem Weg zum Reformationsjubiläum 2017 die Relevanz, die die Reformation weit über Theologie und Kirche hinaus für die unterschiedlichen Bereiche unserer gegenwärtigen Kultur besitzt, herauszustellen |29| und nach deren Deutungspotenzial in einer von Individualisierung, Pluralisierung und Globalisierung bestimmten Zeit zu fragen. Solche Gegenwartsdeutung … stellt angesichts der Signatur des Protestantischen in der modernen westlich geprägten Kultur einen Beitrag zur Bewahrung wie zur Fortentwicklung der Identität dieser Kultur dar.»4

Nun kann man natürlich fragen, ob eine von kirchlichen und staatlichen Stellen getragene Vorbereitung des Reformationsjubiläums gut und richtig ist. Schimmert hier nicht vielleicht eine veränderte Wiederauflage der alten Verbindung von Thron und Altar, von Staat und Kirche, ja, von Preußen und Protestanten durch, die niemand ernsthaft wünscht? Doch eine kulturelle «Signatur des Protestantischen», die unsere Gesellschaft, die auch unseren Lebensraum Europa prägt, bleibt eben nur «Signatur». Für eine inhaltliche, theologisch fundierte Ausgestaltung des Reformationsjubiläums ist das nur ein Baustein. Wir sind davon überzeugt, durch unsere genuin theologischen Beiträge der Gefahr einer Neuauflage der überholten Allianz von Thron und Altar widerstehen zu können.

Ich will das an zwei inhaltlichen Akzentsetzungen verdeutlichen:

1. Das Reformationsjubiläum feiert das Heilshandeln Gottes in Jesus Christus!

Der 31. Oktober 1517 ist ein Symboldatum für die Wiederentdeckung der befreienden Kraft des Evangeliums. Die immer wieder neu faszinierende Erzählung vom Anschlag der 95 Thesen Martin Luthers zur Buße an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg hat sich in das kulturelle Gedächtnis unseres Landes eingeprägt. Wir feiern mit diesem Datum nicht den Geburtstag unserer evangelischen Kirche – den sehen wir im Übrigen im Heilshandeln Jesu Christi und dem gemeindegründenden Reden und Handeln der Apostel gut aufgehoben. Wir feiern, dass das Evangelium mit diesem Ereignis einen neuen Weg zu den Menschen gefunden hat. Und wir feiern die befreienden theologischen Kerngedanken, die in den vier soli der Reformation zum Ausdruck kommen:

die grundlegende Christuszentrierung, das solus Christus;

die neu entdeckte Bibelfrömmigkeit, das sola scriptura; |30|

die staunenswerte Gnadentheologie, die sola gratia;

die befreiende Glaubenskonzentration, das sola fide.

Das sind die entscheidenden inhaltlichen Orientierungspunkte für die Feier und Gestaltung des Reformationsjubiläums. In einer Welt, die ihre eigenen religiösen Wurzeln leicht vergisst, wird es immer wichtiger, sich an theologisch bedeutsamen Symboldaten und Kerngedanken zu orientieren.

Heute sind Menschen in einer ganz anderen Weise auf der Suche nach einem gnädigen Gott als zu Luthers Zeiten. Menschen, die von ihrer Geburt an darauf getrimmt sind, zu arbeitsmarkttauglichen Kompetenzträgern zu werden, brauchen den ganz anderen Klang, den das Heilshandeln Gottes in ihr Leben einspielt. Während die Spirale von Leistung zu Effizienz zu noch mehr Leistung und immer weiter gesteigerter Effizienz beständig weitergedreht wird, brauchen Menschen den Einspruch des Evangeliums: Nicht die Leistung und das Können, nicht die Anstrengung und der eigene Erfolg entscheiden über mich und meinen Wert.

Menschen brauchen die Erinnerung an die fundamentale Einsicht der Reformatoren, dass uns der Christusglaube ein Leben ohne Angst, ohne den inneren Zwang zur Selbstrechtfertigung und Selbstüberhöhung schenkt. Dass uns der Glaube frei macht vor Gott und für Gott. Und dass diese Freiheit uns in den verantwortlichen Dienst ruft für andere Menschen und für unsere Welt. Dem Evangelium geht es um Kernthemen für alle Menschen. Es geht um die Fragen nach einer unverfügbaren Menschenwürde, nach dem Verständnis einer gemeinschaftsförderlichen Freiheit, nach einer nachhaltigen sozialen Verantwortung aller Menschen füreinander und für die Welt.

Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, diese Kerneinsichten der Reformation für unsere Zeit so zu formulieren, dass sie innerhalb und außerhalb unserer Kirchen verstanden werden. Wir suchen und brauchen eine solche Auskunfts–, Sprach– und existenzielle Anschlussfähigkeit, die auch Fernstehenden und Ungeübten verständlich machen kann, warum das Reformationsjubiläum ein Erinnerungsfest an Gottes Heilshandeln in Jesus Christus ist und zugleich auch zentrale Bedeutung für das gegenwärtige und zukünftige Leben in der modernen Gesellschaft hat. |31|

2. Das Reformationsjubiläum 2017 gehört in unsere ökumenische Kirchengemeinschaft

Die Evangelische Kirche in Deutschland will 2017 feiern – fröhlich, selbstbewusst und selbstkritisch und offen für unsere ökumenischen Geschwister.

In Deutschland haben wir eine zehnjährige Reformationsdekade vereinbart. In zehn thematischen Jahresschritten versuchen wir seit 2008 die «Länge und Breite und Höhe und Tiefe» (vgl. Eph 3, 18) der auf das Evangelium bezogenen Bedeutung der Reformation auszuloten – einschließlich der Schatten und Grenzen dieser Bewegung. So geht es im Jahr 2013 mit dem Thema «Reformation und Toleranz» darum, auch die Grausamkeiten und Zerstörungen zu bedenken, die Luther und die Reformation mit ihrer Intoleranz bewirkt haben. Dabei wollen wir zugleich das bei uns oftmals mit einem nationalen Pathos gezeichnete Bild vom «deutschen Helden Martin Luther» korrigieren. Die neuere Lutherforschung zeigt deutlich: Luther war eine ambivalente Persönlichkeit, mit bewundernswerten Eigenschaften und mit nachhaltigen theologischen Inspirationen. Aber er war auch ein heftiger Polemiker und beschämender Antijudaist.

Im Blick auf diese «Schattenseite» der Reformation wird eine konfessionsverbindende Kommission zwischen der EKD und der römisch-katholischen Kirche in Deutschland unter dem Leitgedanken «healing of memories» den Versuch unternehmen, die uns noch heute belastenden Bilder und Typisierungen der Reformation zu klären. Wir wollen vor Gott und voreinander die Wunden zur Sprache bringen, die unsere Erinnerung bis heute prägen. Wenn dies gelänge, wäre die gemeinsame Feier eines Versöhnungsgottesdienstes im Jahr 2017 ein deutlicher Fingerzeig auf die befreiende und heilende Kraft des Evangeliums und ökumenisch ein großes Zeichen.

Wir haben unsere römisch-katholischen, orthodoxen und freikirchlichen Geschwister zur Mitwirkung am Reformationsjubiläum eingeladen, auch wenn die einen bei der Reformation eher an die Spaltungen und Trennungen der Westkirche denken, die anderen einen inneren Bezug zu den reformatorischen Themen noch nicht explizit entwickelt haben und die Freikirchen eine auch schmerzliche Geschichte mit den Landeskirchen erinnern. Die EKD hat mit der Deutschen Bischofskonferenz einige Verabredungen getroffen, um unsere Gemeinschaft zu stärken: So werden nicht nur die 95 Thesen ökumenisch kommentiert, |32| sondern auch eine evangelisch-katholische Schrift erarbeitet mit dem Arbeitstitel «Was jeder vom Christentum wissen sollte.»

Die ökumenische Dimension und die internationale Ausrichtung des Reformationsjubiläums 2017 ist der EKD ein zentrales Anliegen. Darin unterscheiden wir uns von den Jubiläen, die seit 1617 alle einhundert Jahre gefeiert worden sind.

Es ist, historisch gesehen, nicht nur zweifelhaft, ob es 1517 den berühmten Thesenanschlag an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg überhaupt gegeben hat. Es kann auch bezweifelt werden, ob die 95 Thesen schon als eine neue reformatorische Theologie anzusehen sind oder ob sie nicht doch gute katholische Theologie im damaligen Sinne waren. Unbestreitbar aber ist, dass der Aufbruch Martin Luthers und seiner Generation von Reformatoren alle unsere Kirchen beeinflusst hat – wenn auch zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Weisen. Die Niederländer erzählen deshalb eine andere Reformationsgeschichte als die Schwestern und Brüder in Afrika. Die Evangelische Kirche in Italien lebt mit anderen Reformationsgeschichten als die großen Kirchen in Skandinavien.

Aber genau deswegen sind wir hier in Zürich zusammengekommen: Wir wollen voneinander Geschichten der Reformation hören, wollen wahrnehmen, welche Wurzeln unsere reformatorischen Kirchen haben, welche Gegenwart sie gestalten, welche Hoffnungen sie leiten. Wir wollen voneinander erfahren, welche theologischen Einsichten uns besonders wichtig sind und welche Unterschiede unseren gemeinsamen Reichtum ausmachen. Wir wollen in unserer Vielfältigkeit und mit unserer Vielstimmigkeit nach gemeinsamen Formulierungen für den Kern des Reformationsereignisses suchen, das vor 500 Jahren von Zürich, Wittenberg und vielen anderen Orten ausging. Damit Christusgeschichten als Befreiungsgeschichten auch für heutige Menschen und für unsere heutige Welt Bedeutung gewinnen.

Lassen Sie uns darüber hier in Zürich sprechen und arbeiten!

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Bibelarbeiten

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Karen Georgia Thompson, UCC, Cleveland/Ohio

Römerbrief 3, 21–31

Der Bibeltext, den wir heute Morgen gehört haben, ist uns allen gut bekannt. Er gehört zu den Perikopen, die für die Reformation von zentraler Bedeutung wurden. Martin Luther berief sich besonders auf diesen Text als Argumentationsbasis. Luther hatte es zu seiner Zeit mit einer korrupten Kirche zu tun, mit einem Volk, das man lehrte, seinen Weg zur Ewigkeit käuflich zu erwerben, und einem Klerus, dem die Pflicht oblag, den Willen einer festen klerikalen Hierarchie auszuführen, mit offensichtlicher Unterstützung des Kaisers. Kirche und Staat traten vereint für den Ablasshandel ein, der als Mittel galt, der retributiven (vergeltenden) Gerechtigkeit Gottes zu entgehen. Die Entrichtung von Geldgaben an die Kirche in Form des Ablasserwerbs verwandelte Sündenstrafen, die der Sünder als Buß- und Reueakt auf sich zu nehmen hatte, in Finanztransaktionen.

Seine ausführliche Beschäftigung mit dem Römerbrief führte Luther zu einer gewagten Herausforderung der Kirche, und das zu einer Zeit, in der es für alternative christlich-religiöse Überzeugungen und Ansichten, die im Widerspruch zur damals herrschenden christlichen Lehre standen, kaum Chancen gab, sich Gehör zu verschaffen. Luther kam aufgrund seines Verständnisses des Römerbriefes zu der Erkenntnis, dass der Mensch durch Gottes Gnade als freie Gabe Gottes vermittels des Glaubens gerechtfertigt werde. Rechtfertigung ließe sich also nicht käuflich erwerben. Indem er die Heilige Schrift zur einzigen Quelle verbindlicher Autorität für die Kirche erhob, stellte Martin Luther die Autorität des Papstes und der römisch-katholischen Kirche in Frage.

Doch Luther war, wie wir wissen, kein Lutheraner, sondern ein römisch-katholischer Priester, der die Ausbeutung der Armen kritisierte und die Missbräuche des Papsttums anprangerte. Das führte ihn dazu, eben die Institution, in deren Dienst er stand, einer strengen Kritik zu unterziehen. Luther zahlte einen hohen Preis für seinen Wagemut: Er wurde in der Folge vom Papst exkommuniziert und vom Kaiser in Acht und Bann getan. Nach Luther werden wir erlöst sola scriptura, sola gratia, |36| sola fide – allein durch die Schrift, allein aus Gnade und allein durch Glauben.5

Wenn wir nun an das rasch auf uns zukommende 500-jährige Jubiläum der Reformation denken, ist dieser Anlass gewiss auch eine Gelegenheit, uns auf unsere Vergangenheit zu besinnen und das Werk unserer Vorgängerinnen und Vorgänger zu ehren. Und dieses historische Ereignis fordert uns zugleich auf, unsere kirchliche Gegenwart zu bedenken und die Zukunft der Kirche ins Visier zu nehmen.

Röm 3, 21–31 ist ein ebenso bekannter wie herausfordernder Text. Die Christinnen und Christen, Mitglieder der römischen Gemeinden jenes ersten Jahrhunderts, denen der Brief des Paulus vorgelesen wurde, hatten den Apostel nie gesehen und kannten ihn nicht. Unser Text schließt sich an den Schluss an, den Paulus in Röm 1, 17 zieht; den Abschluss bildet Röm 3, 20, wo Paulus schreibt: «…weil kein Mensch durch die Werke des Gesetzes vor ihm gerecht sein kann. Denn durch das Gesetz kommt Erkenntnis der Sünde.» Damit ist der Rahmen für das, was Paulus zu sagen hat, abgesteckt.

In ihrem Buch «The First Paul» widmen Marcus Borg und John Dominic Crossan der Diskussion über das Thema «Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben» ein ganzes Kapitel. Als Paulus «von der Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben sprach», dachte er nach Meinung der Autoren des Buches nicht an die Art und Weise, wie wir in den Himmel kommen, sondern an die Transformation unserer eigenen Person und der Welt in unserem diesseitigen Leben. Mehr noch: Wenn Paulus Glauben und Werke gegenüberstellt, denkt er nicht an Glauben ohne Werke – was ein Unding wäre, denn Glaube umfasst stets Werke – sondern an Werke ohne Glauben, ein leider allzu häufiger Tatbestand, bisweilen aus Gründen der Gewöhnung oder von Schuld, bisweilen auch aufgrund gedankenloser Wiederholung oder kalkulierter Heuchelei.

Es ist die uns in Christus Jesus geschenkte Gnade Gottes, die Ort und Raum für Werke schafft, nicht als Vorschrift, sondern als natürliche Folge der aktiven, umgestaltenden Kraft Gottes. Weil wir Empfänger von Gottes Gnade sind, sind wir motiviert, Teilhaber von Gottes aktiver Gerechtigkeit in unserer Welt zu sein. |37|

Glaube ist die Aktion des Individuums, nicht Werke. Glaube ist unsere Antwort auf Gottes Wirken. Die Aktivität des Glaubens ist jedoch nicht unabhängig von Gottes Gegenwart und Gottes Wirksamkeit. Wäre Glaube allein auf die Aktion des Individuums zurückzuführen, gäbe es Gründe, sich seines Glaubens zu rühmen, ähnlich wie man sich seiner Werke rühmen könnte.

Walter Brueggemann und andere halten fest, dass ein Verständnis des Textes, welches impliziert, der Glaube sei eine Sache ausschließlicher Aneignung durch das Individuum, «den Text zu einer Erklärung umfunktioniere, deren Schwerpunkt auf den Folgen der Rechtfertigung Gottes für uns Menschen liegt». Doch «der Fokus des Textes», schreibt er, «liegt nicht auf der menschlichen Suche nach einem gnädigen und liebenden Gott, sondern auf dem radikalen Handeln Gottes, dessen Gnadenanspruch die ganze Menschheit umfasst.»6 Selbst wenn eine individuelle Person den Glauben besitzt, ist dies auf Gottes Gerechtigkeit zurückzuführen.

Ein rechtes Verhältnis zu Gott ist keine Verheißung für ein paar Auserwählte, sondern ist für «alle» Menschen bestimmt. Mehrmals hebt Paulus die universale Natur der Sünde hervor – «alle haben gesündigt und die Herrlichkeit verloren, die Gott ihnen zugedacht hatte», ganz wie die «Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus» allen, die glauben, zugesprochen ist. Nach Paulus zeigt Gott keinerlei Parteilichkeit im Angebot der Rechtfertigung. Es gibt keine Bedingungen oder Voraussetzungen, die zum Erwerb der Gnade Gottes erfüllt werden müssten.

Paulus vertritt diese Überzeugung «des Zugangs aller Menschen» gegenüber dem Gesetz, das den Zugang für ein bestimmtes Volk regelte. Es gibt keine Vorschriften, die eingehalten werden müssten, um das zu erreichen, was Gott frei anbietet. Allen gilt die Erlösung, die ihren Glauben auf Gott werfen.

Gott als Handelnder ist am Werk, um die Menschheit wieder in ein rechtes Verhältnis zu Gott zu bringen. Gott will ein rechtes Verhältnis zu uns schaffen, und als Ergebnis seines Handelns erfahren wir die Gerechtigkeit Gottes, wie sie sich zu unseren Gunsten auswirkt. Paulus schreibt: «Nun aber ist ohne Zutun des Gesetzes die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, offenbart, bezeugt durch das Gesetz und die Propheten. Ich rede |38| aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben.» (V. 21f.)

Walter Brueggemann und andere Kommentatoren schreiben: «Gottes Gerechtigkeit ist keine Eigenschaft, die mit Gottes Güte oder Gottes Unveränderlichkeit vergleichbar wäre. Obwohl wir uns Gottes Gerechtigkeit nie von Gott abgetrennt vorstellen dürfen, ist Gottes Gerechtigkeit ein Geschenk, das Gott uns Menschen in seiner Gnade verleiht. Gottes Gerechtigkeit ist ein Ausdruck von Gottes Handeln, um Gottes Anspruch auf die Welt erneut zur Geltung zu bringen.»7

Luther rang mit diesem Text vor fast 500 Jahren, in einer Welt, die in keinem rechten Verhältnis zu Gott stand. Luther blickte sich in der ihn umgebenden Welt um und sah in ihr die Notwendigkeit zu einem tiefgreifenden Wandel. Die in der Kirche herrschende Korruption war an sich nichts Neues. Der Ablasshandel war keineswegs nur für reiche Leute bestimmt; er zielte genauso auf die Armen ab. So bereicherte sich die Kirche ständig, während das Volk immer ärmer wurde. Luther war nicht nur darauf bedacht, die kirchlichen Zustände zu verändern; seine Motivation erstreckte sich ebenso sehr auf die Situation der Armen und Ausgeschlossenen. Die Reformation veränderte das Leben der Menschen. Die Reformation veränderte die Kirche. Die Reformation veränderte die Welt.

500 Jahre später vermögen wir die Änderungen zu erkennen, welche das Eingreifen der Reformatoren innerhalb und außerhalb der Kirche bewirkt hat. Dabei war die Reformation keineswegs ein vollkommenes Experiment; sie hatte auch den Ausschluss von Personen zur Folge, deren Interpretation und Verständnis Gottes von den Reformatoren als häretisch angesehen wurde. Und wir werden das Reformationsjubiläum im Kontext einer ökumenischen Gemeinschaft begehen, die immer noch dem Tag entgegensieht, an dem die Kirche geeint ist, gemäß der Fürbitte Jesu für seine Jüngerschaft: «damit sie alle eins seien» (Joh 17, 21). Manche sehen in der Reformation die Ursache der Kirchenspaltung. Trennungen sind auch innerhalb unserer eigenen protestantischen Kirchenfamilie auszumachen. Hier haben sich Kirchen noch und noch aufgrund verschiedenartigster Differenzen gespalten. Unsere christliche Familie manifestiert sich unter den verschiedensten Namen: Methodisten, Anglikaner, |39| Orthodoxe, Lutheraner, Baptisten, Pfingstkirchler, Heiligkeitskirchen, Evangelikale, wobei jede dieser Gruppierungen sich noch in Untergruppen unterteilt. Wie rechtfertigen wir die Tatsache, derart uneins in der Frage zu sein, wie wir Gott, Jesus, den Heiligen Geist oder die Sakramente verstehen, wenn wir erkennen, welchen Weg Gott für uns alle aufgetan hat, um mit Gott durch Christus versöhnt zu sein?

Ungeachtet der Frage, wie wir uns den Inhalt von Röm 3, 21–31 in diesen Tagen und Monaten im Vorfeld der Reformationsfeiern neu aneignen, sind wir alle mit dem Leben und Werk Luthers und der anderen Reformatoren und deren Beitrag zur Gestaltung – oder vielleicht zur Neugestaltung – des Christentums konfrontiert: Wie wollen wir unseren christlichen Glauben heute als unsere Religion leben und in die Praxis umsetzen?

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Margot Käßmann, Berlin

Johannes 3, 1–15 (Lutherübersetzung 1984)

Lieber Kongressteilnehmerinnen und Kongressteilnehmer

Was für ein Text am frühen Morgen! Das ist wirklich ein harter Brocken und es ist schwer, sich ihm in 30 Minuten anzunähern. Denn wir haben es mit einem gut durchdachten, tiefgründigen und durchkomponierten Abschnitt zu tun. Nur beim Evangelisten Johannes finden wir dieses «Nikodemusnachtgespräch», das aufhorchen lässt. Was ist gemeint? Wenn Sie nach der ersten Lektüre denken: Das ist mir zu komplex, schwer verständlich, kann ich Sie beruhigen: Das findet sogar der große Johannesexeget Rudolf Bultmann. Das ganze Gespräch atmet, so Bultmann, «die Atmosphäre des Mysteriösen», entfaltet es doch «das Geheimnis der Wiedergeburt, des Menschensohns und des Zeugnisses.»

Schauen wir uns die Situation zunächst näher an. Ein Mann namens Nikodemus, offenbar bekannt, von Jesus sogar als «Lehrer Israels» angesehen (3, 10), kommt zu Jesus nach Anbruch der Nacht. In der Literatur und in vielen Predigten wird das als Ängstlichkeit interpretiert: Der Mann mit einer führenden Position im Hohen Rat wagt es nicht, öffentlich mit Jesus zu sprechen. Aber wovor sollte er Angst haben? Um seinen Ruf? Der Evangelist Johannes selbst sieht Nikodemus wohl als opportunistisch an. Jedenfalls sagt er über die «Oberen», die sich aus Furcht nicht offen zu Jesus bekennen: «Doch auch von den Oberen glaubten viele an ihn; aber um der Pharisäer willen bekannten sie es nicht, um nicht aus der Synagoge ausgestoßen zu werden. Denn sie hatten lieber Ehre bei den Menschen als Ehre bei Gott.» (12, 42f.)

Der Neutestamentler Klaus Wengst stellt dementsprechend die These auf, dass Nikodemus als Einzelperson für Johannes eher uninteressant sei. Vielmehr stehe er für eine Gruppe von «heimlichen Sympathisanten aus der Oberschicht, die sich nicht offen bekennen, weil sie befürchten, aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden. Weil sie ihren sozialen Status nicht aufs Spiel setzen wollen…»8. Ein hartes Urteil. Dass Nikodemus Jesus als von Gott gekommenen Lehrer (3, 2) anspricht, sich aber nicht zu |41| ihm bekennt, das wirft Johannes ihm offensichtlich vor und damit vielen, die sich ebenso verhalten. Hier findet sich wohl auch ein latenter Antijudaismus bei Johannes. Der flackert auch in den exegetischen Betrachtungen zu unserem Text immer wieder auf, etwa bei Emmanuel Hirsch, wenn er schreibt: «Der Jude ist in einen Dienst gebunden, der seinen Blick verschließt für eine Gotteskindschaft, die als Wundergabe Gottes in das erdgebundene Leben sich senkt.»9

Nikodemus taucht mehrfach auf im Johannesevangelium. Er tritt für ein faires Verfahren gegen Jesus ein (7, 50f.) und er ist es, der gemeinsam mit Josef von Arimatäa für eine würdige Bestattung sorgt (19, 39ff.). Wäre es nicht auch möglich, dass Nikodemus schlicht Interesse an der Lehre Jesu hatte, nachdenklich war und offen das Gespräch suchte? Dass es abends stattfand, ist nicht außergewöhnlich. Der Talmud beschreibt, dass Rabbiner sich manches Mal nachts in die Tora vertieften:

«Preiset den Herrn, alle Diener des Herrn, die ihr in den Nächten im Hause des Herrn steht.» (Ps 134,1) «Was heißt: in den Nächten? Rabbi Jochanan erwiderte: Das sind die Schriftgelehrten, die sich nachts mit der Tora befassen. Die Schrift rechnet es ihnen an, als würden sie sich mit dem Opferdienst befassen.» (bMen 110a)

Die Situation könnte doch schlicht sein: Zwei Männer kommen am Abend zusammen und führen ein intensives Gespräch über die Grundfragen des Lebens und des Glaubens. Das gibt es doch auch noch heute. Vielleicht sogar hier auf unserem Kongress in Zürich! Und in der Tat sogar mit und auch unter Frauen! Abseits von aller Geschäftigkeit des Alltags gibt ein solcher Abend Raum für Dialoge, die tasten, fragen, nicht gleich alles unter Ergebnisdruck stellen. So verstehe ich dieses Gespräch, ein Ringen um Antworten im Glauben, die alle nicht leicht zu finden sind. Und es ist gut, wenn es solche Gespräche gibt. Allzu selten stellen wir uns diesen Glaubensfragen: Glaubst du an Auferstehung? Kann ich sagen, dass Jesus Christus für mich der Weg, die Wahrheit und das Leben ist? Was heißt Gottessohnschaft? Was bedeutet mir die Taufe? Und sind wir offen genug für Menschen wie Nikodemus, die interessiert sind, aber nicht gleich konvertieren oder sich bekennen? Ich denke, wir brauchen mehr Nikodemusnachtgespräche in unserer Zeit! |42|

Aber schauen wir uns den Dialog näher an, den Rudolf Bultmann übrigens in der Komposition bei Johannes als traditionelles Schulgespräch10 versteht:

Erst einmal stellt Nikodemus gar keine Frage, sondern erkennt Jesus als Lehrer im Glauben an. Wir befinden uns ja ganz am Anfang des Evangeliums. Johannes der Täufer hat erkannt, dass der Geist Gottes bei Jesus ist, und die Hochzeit zu Kana mit dem Weinwunder sowie die Tempelreinigung sind erste Zeichenhandlungen. Niemand kann solche Zeichen tun, wenn Gott nicht mit ihm ist, erkennt Nikodemus. Darauf reagiert Jesus mit seiner zentralen These: «Es sei denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich Gottes nicht sehen.» (3, 3)

Das Reich Gottes kommt im Johannesevangelium nur in diesem Kontext vor, in Vers 3 und in Vers 5. In anderen synoptischen Evangelien wird es ja immer wieder mit dem Vergleich eingeführt, dass wir uns Kindern annähern müssen, um Zugang zu finden. So etwa Mk 10, 15: «Lasst die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solchen gehört das Reich Gottes» oder auch Mt 18, 3: «Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen.» Im Grunde ist das Johannesevangelium noch radikaler: nicht nur wie ein Kind werden, nein, neu geboren werden. Was kann das heißen?

Genau das fragt Nikodemus: «Wie kann ein Mensch geboren werden, wenn er alt ist? Kann er denn wieder in seiner Mutter Leib gehen und geboren werden?» (Joh 3, 4) Das ist, finde ich, eine sehr angenehm realistische Frage! Kann denn ein alter Mann neu anfangen? Gibt es das wirklich, als alte Frauen alles hinter sich lassen, noch einmal zurück auf Los? Ich sehe solche Thesen mit wachsendem Unbehagen. Beim Hamburger Kirchentag im Mai dieses Jahres war ich auf einem Podium zur Zukunft des Alterns in Deutschland. Eine Wissenschaftlerin beschrieb, dass wir alle immer älter werden, ständig Neues lernen sollen, neue berufliche Wege einschlagen, uns neu orientieren… Ich habe tiefe Erschöpfung gefühlt. In unserer Gesellschaft sollen wir uns alle verjüngen, ob durch Botox oder Haarimplantate, neu aufbrechen sollen wir, mobil und flexibel sein. Vielleicht möchte ich aber gar nicht mehr ständig neu anfangen, sondern endlich mal Ruhe haben und alles lassen wie es ist? Da kann die Forderung, neu geboren zu werden, ja auch Stress auslösen! Oder ist etwas ganz anderes gemeint als der Jugendwahn unserer Zeit? |43| Ein Geburtsvorgang ist ein tiefgreifendes einmaliges Geschehen. Es geht doch Johannes viel mehr um eine Erfahrung von Neu-Werden, die das Leben neu orientiert. Nicht aus mir selbst, aus Gnade lebe ich, aus Gottes Lebenszusage und nicht aus meinen Leistungen definiere ich den Sinn meines Lebens, im Glauben finde ich Halt im Leben und im Sterben – sola gratia und sola fide, wie die Reformatoren es konzentriert ausgedrückt haben.

Was kann das aber heißen, aus dem Geist geboren? Erst wird vom Geist gesprochen, dann vom Wasser: «Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.» (3, 5)

O ja, jetzt kommen wir in diffiziles ökumenisches Minengelände! Da gibt es diejenigen, vor allem Baptisten, die sagen: erst der Geist, dann das Wasser – der Taufe! Für die Reformierten ist diese Frage nach Geistwirken besonders wichtig. So heißt die Frage 53 im Heidelberger Katechismus, dessen 450. Jubiläum wir 2013 feiern: «Was glaubst du vom Heiligen Geist?» Und die Antworten lauten:

Erstens:

Der Heilige Geist ist gleich ewiger Gott

mit dem Vater und dem Sohn.

Zweitens:

Er ist auch mir gegeben

und gibt mir durch wahren Glauben

Anteil an Christus

und allen seinen Wohltaten.

Er tröstet mich

und wird bei mir bleiben in Ewigkeit.

Für die Getauften ist der Heilige Geist in dieser Tradition also bleibender Beistand Gottes.

Aber ich bin Lutheranerin und frage mich natürlich: Warum hat der ökumenische Kongress gerade mir einen solchen Text vorgegeben?

Für Martin Luther wurde immer klarer: Die Taufe ist das zentrale Ereignis und Sakrament. Hier sagt Gott einem Menschen Gnade, Liebe, Zuwendung, Lebenssinn zu. Und alles Scheitern, alle Irrwege des Lebens können das nicht rückgängig machen. Gehen wir zur Taufe zurück, brauchen wir keine Buße, kein Bußsakrament: Wir sind erlöst, wir sind längst Kinder Gottes. «Baptizatus sum» – ich bin getauft. In den schwersten Stunden seines Lebens hat Martin Luther sich das gesagt und daran Halt gefunden. |44|

Und: Jeder, der aus der Taufe gekrochen ist, ist Priester, Bischof, Papst. Von da her hat Luther auch den Respekt gegenüber Frauen entwickelt. Sie sind getauft und damit stehen sie auf gleicher Stufe. Zu sagen: Wir sind getauft und damit vor Gott gleich, war ein theologischer Durchbruch und zugleich eine gesellschaftliche Revolution. Aus diesem Taufverständnis entwickelte sich durch die Jahrhunderte die Überzeugung, dass Frauen in der Tat jedes kirchliche Amt wahrnehmen können. Mir ist wichtig, die theologischen Hintergründe deutlich zu machen, gerade da, wo von anderen Kirchen die Ordination von Frauen in Pfarr- und Bischofsamt infrage gestellt wird. Es geht nicht um Zeitgeist, es geht um Theologie.

Das gilt auch mit Blick auf Rassismus. In Südafrika erzählte ein Missionar, dass viele weiße Farmer sich in der Zeit der Apartheid dagegen wehrten, dass ihre schwarzen Arbeiter getauft werden sollten. «Dann sind sie ja wie wir» – o ja, eine tiefe theologische Einsicht, denn genau so ist es! Die Taufe ist ein Zeichen gegen alle rassistischen, sexistischen und anderen Ausgrenzungen innerhalb der Gemeinschaft der Kirche.

Zölibatäres Leben galt vor der Reformation als vor Gott angesehener, der gerade Weg zum Himmel sozusagen. Für viele Reformatoren war der Schritt zur Ehe ein Signal, dass auch Leben in einer Familie, mit Sexualität und Kindern von Gott gesegnetes Leben ist. Die öffentliche Heirat von bisher zölibatär lebenden Priestern und Mönchen und Nonnen war ein theologisches Signal. Die Theologin Ute Gause erklärt, sie sei eine Zeichenhandlung, die «etwas für die Reformation Elementares deutlich machen wollte: Die Weltzuwendung und demonstrative Sinnlichkeit des neuen Glaubens»11. Nun wird ja den Evangelischen im Land eher unterstellt, dass sie weniger sinnlich seien als die römischen Katholiken oder die Orthodoxie. Die Reformatoren aber wollten gerade deutlich machen: weltliches Leben ist nicht weniger wert als priesterliches oder klösterliches. Es geht darum, im Glauben zu leben im Alltag der Welt – da dürfen Protestanten auch sinnlich sein.

Und das finde ich in unserem Bibeltext für heute Morgen bestätigt. Im Johannesevangelium heißt es: «Was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch: und was vom Geist geboren ist, das ist Geist.» (Joh 3, 6) Das muss doch gerade kein Dualismus sein, auch wenn es in der Exegese oft so gesehen wird: sarx und pneuma! Natürlich sind wir als Menschen eingebunden in die Zusammenhänge unseres Lebens. Wir wären doch |45| verantwortungslos, würden wir alles abstreifen hier und jetzt um einer vermeintlich geistgewirkten Zukunft willen! Genau da mahnt Luther zu Verantwortung in der Welt mit seinem Begriff von Berufung als Beruf, den wir da ausüben, wo Gott uns hingestellt hat. Und doch wirkt die Frage nach der Geistgeburt wie ein Korrektiv: Gibt es nicht noch eine ganz andere Wirklichkeit Gottes? Eine, in der Gut, Ehr, Kind und Weib oder eben alles das, was wir besitzen, woran unser Herz hängt, völlig in den Hintergrund tritt? Oder wie Bultmann schreibt: Der Mensch kann wissen, «dass er eigentlich in das jenseitige Sein gehört und doch faktisch in das diesseitige geraten ist»12. Ich denke nicht, dass hier ein Entsagen der Welt angedeutet ist. Es wird vielmehr die Frage gestellt, in welchem Horizont ich mein Leben verstehe. Gehe ich auf in sarx, Fleisch, dem Weltlichen, oder weiß ich um die Realität Gottes, pneuma, das zwar viele, gerade heute in einem säkularisierten Zeitalter nicht wahrnehmen wollen, als «Opium des Volkes», Selbsttäuschung, ein Weglaufen vor den Realitäten ansehen. In welchem Licht begreife ich mein Leben? Darum geht es.

Wir wissen doch: Mit der Bibelstelle von heute Morgen haben wir manche Probleme als Kirchen in ökumenischer Gemeinschaft. Kann die Kindertaufe wirkmächtig sein, wenn Menschen nicht auch mit ihrem Verstand, mit bewusstem Ja zur Taufe stehen? Muss es dann nicht eine zweite Taufe als Erwachsener geben oder nur eine Erwachsenentaufe?

Schon zu reformatorischen Zeiten war das eine Auseinandersetzung. Die von den Gegnern sogenannten Anabaptisten oder Wiedertäufer wurden hart verfolgt von der «Mainline-Reformation». Ihnen lag an einer Gläubigen– bzw. Erwachsenentaufe, denn die Taufe setze ein persönliches Bekenntnis zu Jesus Christus voraus. Die Säuglingstaufe sei unbiblisch und damit ungültig, die Erwachsenentaufe also eine Ersttaufe.

Wir haben manche Differenzen überwunden. Bei seiner Vollversammlung in Stuttgart hat der Lutherische Weltbund am 22. Juli 2010 ein Schuldbekenntnis gegenüber den Mennoniten als geistlichen Erben der zur Reformationszeit brutal verfolgten Täuferbewegung (s. o.) abgelegt. In der Erklärung heißt es: «Im Vertrauen auf Gott, der in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnte, bitten wir deshalb Gott und unsere mennonitischen Schwestern und Brüder um Vergebung für das Leiden, das unsere Vorfahren im 16. Jahrhundert den Täufern zugefügt haben, für das Vergessen oder Ignorieren dieser Verfolgung in den folgenden |46| Jahrhunderten und für alle unzutreffenden, irreführenden und verletzenden Darstellungen der Täufer und Mennoniten, die lutherische AutorInnen bis heute in wissenschaftlicher oder nichtwissenschaftlicher Form verbreitet haben.»13

Das war wichtig. Und heilsam. Im Jahr 2007 haben fast alle Kirchen in Deutschland ihre Taufe erstmals formell gegenseitig anerkannt und so ein gewichtiges Zeichen der Gemeinsamkeit gesetzt. Der römisch-katholische Bischof Feige sagte damals, die gegenseitige Anerkennung zeige, «dass mit der Taufe etwas gegeben ist, was getrennte Kirchen und Christen fundamental verbindet». Diese Rückbesinnung auf die Taufe schließt zwar leider noch nicht alle überall ein. Die Taufanerkennung kann aber ein gewichtiger ökumenischer Schritt sein. Ich erinnere mich gut daran, wie überlegt wurde, welches sichtbare Zeichen von Gemeinschaft denn beim Ersten Ökumenischen Kirchentag in Berlin 2003 gesetzt werden könnte. Es war am Ende im Schlussgottesdienst die Tauferinnerung. Protestanten und Katholiken und Christen anderer Konfession malten einander mit Taufwasser gegenseitig ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Mich hat das berührt.

Was aber ist die Geistgeburt? Unser Bibeltext heute Morgen ist eine deutliche Herausforderung. Alle Exegeten, bei denen ich nachgelesen habe, betonen, wie sorgfältig dieses Gespräch im Johannesevangelium aufgebaut ist. Johannes will Jesus schon hier, zu Beginn seines Wirkens als den erweisen, als der er erst nach der Auferstehung sich erschließt: der Menschensohn, der Messias, der Sohn Gottes. Johannes der Täufer hat nach diesem Evangelium gesehen, wie bei der Taufe der Geist Gottes als Taube zu Jesus kam. Im Reden und Wirken Jesu können Menschen Gott erkennen. Sie erfahren, wie Gott ist, wie ein liebender Vater, wie eine suchende Witwe, wie ein fürsorgender Weingartenbesitzer, wie Jesus, der alle an einen Tisch lädt.

Aber wie verhalten sich Geist und Taufe? Wirkt die Taufe die Anwesenheit des Geistes? Noch einmal Klaus Wengst: «Gottes Geist ist souverän. Sein Wirken kann von Menschen nicht festgelegt werden – auch nicht durch die Taufe.»14 Das stimmt gewiss, die Taufe domestiziert das Wirken des Geistes nicht. Manches Mal haben wir ja eher Angst vor zu viel Geistwirken. Das war schon bei den Reformatoren so, Luther eilte von |47| der Wartburg nach Wittenberg zurück, als allzu viel freier Geist zu wirken begann. Und auch Zwingli und Calvin legten Wert auf klare Ordnung statt viel freiem Geist.

Auch heute suchen wir die Balance zwischen notwendiger Ordnung und ebenso notwendiger Freiheit des Geistes. Eine Kirche als Institution kann da von viel Geist schon mal irritiert werden. Ich erinnere mich an den konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. In Westdeutschland wurde er von manchen als nervender Störfaktor gesehen. In Ostdeutschland führte er zu übervollen Kirchen, in denen politisch debattiert wurde – da fürchteten manche, es werde die Kirche beschädigen. Aber am Ende führte es zu einer friedlichen Revolution. Ich denke auch an die Schweiz; hier in Basel fand 1989 die Erste Europäische Ökumenische Versammlung statt und es war zu spüren: In den Kirchen Osteuropas gärt es, da will sich ein Geist der Freiheit Raum verschaffen. Das kennen auch unsere Partnerkirchen in den Ländern des Südens, etwa wenn angefragt wird, wie viel Patriarchat die Kirche verträgt, ob es zu viel Anpassung gibt an eine Diktatur, ob über Homosexualität überhaupt gesprochen werden darf.

Wie aber unterscheiden wir die Geister? Ist es purer Libertinismus oder Geist Gottes? Wirkt hier Gottes Ruach oder der Geist des Chaos? Ich denke, es gibt zwei Kriterien. Zunächst: Jesus Christus. Es heißt im Text: So muss der Menschensohn erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben (3, 15). Es geht um den Glauben an Jesus, der einsteht für Gottes Wort in der Welt und bei dem aus genau diesem Grund der Tod nicht das letzte Wort hatte. Der Geist mag fröhlich brausen, aber Menschen, die sich auf den Geist berufen, müssen sich daran messen lassen, ob es um sie selbst geht, um selbst ernannte Ziele oder um Jesus Christus, der für diesen Geist steht.

Das zweite Kriterium ist der Aufbau der Gemeinde. Und hier finden wir auch den Zusammenhang zur Taufe. Ein letztes Mal Klaus Wengst: «Da die Taufe zugleich Aufnahmeritus in die Gemeinde ist, wird damit auch deutlich, dass der Geist nicht voneinander isolierte Individuen produziert, sondern dass die Geburt aus dem Geist in die Gemeinschaft der Gemeinde versetzt. Die Taufe mit Wasser ist daher gegenüber dem primären Wirken des Geistes als menschlicher Gehorsamsakt zu bestimmen, der diese Wirken als ein in die Gemeinde berufendes öffentlich und |48| verbindlich anerkennt.»15 Die Taufe nimmt uns hinein in eine Gemeinschaft. Und wo der Geist wirkt, will er diese Gemeinschaft aufbauen. Allzu oft beruft man sich auf die Freiheit des Geistes im Namen der Individualität. Nun ist Individualität für Protestanten nicht negativ besetzt. Aber wo sie zur Egomanie wird, die Gemeinschaft nicht mehr zählt, sondern nur die persönliche Grundüberzeugung, da wirken andere Geister. Ein Unterscheiden der Geister kennen wir doch auch bei anderen Institutionen. Denken wir an die Olympischen Spiele. Da soll der Geist von Sport und Völkerverständigung wirken und die Spiele verlieren ihre Glaubwürdigkeit, wenn er sich nur als Geist von Doping und Geld entpuppt.

Unsere Kirchen werden sich immer wieder daran messen lassen müssen, ob das solus Christus der Reformatoren den Geist bestimmt. Und daran, ob sie der Gemeinschaft dienen. Für Protestanten gilt es, auch mit Blick auf das 500-jährige Jubiläum darüber nachzudenken, was es bedeutet, dass der Geist der Spaltung sie so oft umweht hat. Das ist eine berechtigte Anfrage. Als ich im Juni in den USA war, hat mich noch einmal neu berührt, dass es dort 22 lutherische Kirchen gibt, die nicht alle Abendmahlsgemeinschaft haben. Was für ein Zeichen ist das?

Gott sei Dank gibt es auch eine 500-jährige Lerngeschichte der Reformation. Seit 40 Jahren haben wir mit der Leuenberger Konkordie eine Form von Kirchengemeinschaft in Europa gefunden, die Unterschiede respektiert, aber doch die gegenseitige Anerkennung als Kirchen und damit das gemeinsame Abendmahl möglich macht.

«Es sei denn, dass jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen.» (3, 5b) Vielleicht will Johannes vor allem sagen: Du musst dich auch öffnen für den Geist. Nikodemus verschwindet ja eigentümlich leise aus dieser Szene, der Dialog geht über in eine Offenbarungsrede Jesu. Ob das andeutet: Nikodemus kann sich nicht wirklich öffnen? Kann sich auf den Weg Jesu nicht einlassen? Bultmann sieht das Wort als «Mahnung – freilich nicht eine moralistische, sondern die Mahnung, sich selbst in Frage zu stellen»16. Es geht nicht um «Besserung des Menschen»17, sondern darum, dass der Mensch seinen Ursprung in Gott findet und begreift, dass er das Leben nicht im Griff hat. Das finde ich einen äußerst hilfreichen Gedanken. Heil lässt sich nicht |49| herstellen, nicht kaufen, sondern ist Gottesgeschenk, Gnade. Ich muss mich mit meinen Sicherheiten in Glaubens- und in Lebensfragen öffnen, mein ganzes Vertrauen auf Gott werfen, nicht auf all das, was so richtig und wichtig erscheint: Geld, Rechtgläubigkeit, Konformität.

Die Taufe ist ein Zeichen der Zugehörigkeit. Sich auf Gottes Geist einlassen ein Zeichen für Gottvertrauen. Das gilt im persönlichen Leben. Das gilt aber auch für Kirchen als Institutionen, die immer mal wieder ein Geistbrausen brauchen, wenn sie es sich allzu behaglich in der Welt eingerichtet haben. Ich denke an unsere Strukturen, aber auch an die Herausforderungen, in den Fragen der Gerechtigkeit, der Flüchtlinge, des Kriegs und der Waffengeschäfte, der Bedrohung der Zukunft dieser Erde mutige Worte und Taten zu wagen. Am Ende aber können wir uns als Getaufte in all unserem Ringen nur Gott anvertrauen, dem Wirken des Geistes Gottes, das wir immer wieder spüren dürfen.

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Klára Tarr Cselovszky, Budapest

Matthäus 5, 13–16

Liebe Schwestern und Brüder

1838 gab es ein gewaltiges Hochwasser in Budapest. Vergleichbar mit dem diesjährigen Hochwasser im Frühling in Ulm, an der Donau und im Elb-Raum in Deutschland. Kurz zuvor, im Jahr 1811, wurde die Kirche am Deak Platz gebaut. Sie ist die Kirche der Gemeinde, in der mein Mann heute als Pfarrer dient und neben der wir leben. Die Kirche ist auf der flachen Pester Seite der Stadt ein hohes und festes Gebäude. Wegen des sandigen Bodens wurde sie höher gebaut. Als nun 1838 das Hochwasser kam, blieb nur die Kirche trocken. Viele Hunderte von Menschen fanden in ihr Zuflucht, unter anderem auch die Mitglieder der jüdischen Gemeinde in der Nähe. Nachdem der Wasserstand wieder gesunken war, schenkte die jüdische Gemeinde unseren lutherischen Vorfahren einen Abendmahlskelch, der seitdem als «Hochwasserkelch» bezeichnet wird. Die Kirche war Zufluchtsort, eine feste Burg, eine Stadt auf dem Berg. Über dieses Bild und andere lesen wir bei Matthäus, im Kapitel 5, die Verse 13 bis 16:

«13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und es von den Leuten zertreten lässt.

14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein.

15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es allen, die im Hause sind.

16 So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.»

Das Wesen dieser Verse kann man mit einem Wort zusammenfassen: Ausstrahlung.

Heutzutage hören wir dieses Wort in vielen Zusammenhängen.

In der Meteorologie steht es für die Wärmeabgabe der Erdoberfläche bzw. der Atmosphäre. Ausstrahlung sagt aber auch etwas über die Anziehungskraft oder das Charisma eines Menschen. Das Wort Ausstrahlung bedeutet Sendung, Übertragung. Das Gegenwort ist Empfang, der Oberbegriff Ermittlung. |51|

Als «geborene» Linguistin habe ich der ursprünglichen Bedeutung von Strahl nachrecherchiert. Strahl ist demnach in der Mathematik bzw. Physik eine einseitig infinite Linie, die an einem festen Punkt beginnt, bzw. ein von einer Energiequelle ausgehendes Bündel elektromagnetischer Wellen.

Die Schlagwörter in unserem Bibelwort, das Licht, die Stadt auf dem Berg, das Salz, sind kleine Einheiten, die eine sehr große Auswirkung, Ausstrahlung haben. Man kann sie nicht mehr abdecken, verleugnen, ihre Wirkung verändern, wenn sie einmal angefangen haben, das zu tun, was ihren Sinn ausmacht: Das Licht – Helligkeit auszustrahlen, um die Dunkelheit völlig zu vernichten. Die Stadt auf dem Berg – sich als Leuchtturm, als Wegweiser, als Schutz zu erweisen, damit sie von weiter Entfernung sichtbar ist. Und das Salz – die fad schmeckende Speise schmackhaft werden zu lassen.

Es ist bewundernswert, wie genau Sprache wiedergibt, was der biblische Sinn des Wortes Ausstrahlung ist: Sendung und Übertragung. Ausstrahlung bedeutet in der Physik, dass Strahlen kommen, die von einer Energiequelle ausgehende Bündel elektromagnetischer Wellen sind. Von einer einzigen Energiequelle. Diese Quelle wird oft gar nicht wahrgenommen, wir spüren nur ihre Wirkung. Die Helligkeit, den Geschmack und das Sicherheitsgefühl. Auch Jesu Nachfolger sind nur Mittel. Durch ihre Taten, ihr Leben und mit ihren Worten geben sie das Evangelium weiter. Sie wirken wie eine Schmerztablette: Sie sind klein, haben aber eine große Wirkung. Ich komme ja aus Ungarn, aus dem Land des Paprikas. Einmal kaufte ein Bekannter aus Deutschland irgendwo Kirschpaprika. Das sind diese ganz kleinen, kirschförmigen Paprika. Er wollte sie zu seinem Sandwich essen. Er biss hinein, konnte aber den Paprika nicht mehr essen, weil er so scharf war. Er spürte die Wirkung noch lange auf der Zunge. So erlebe ich die Kirche auch. Die Diasporasituation bedeutet lange nicht, dass es mit der Kirche zu Ende ist. Seit meiner Geburt lebe ich als Teil einer Diasporakirche. Das war mir aber immer ganz natürlich, denn die Wirkung einer Kirche hängt nicht nur von der Größe ab. Wir brauchen aber auch feste Städte, die stark und groß sind. Nicht jeder kann jedoch in der Nähe einer festen Burg leben. Eine Ausnahme sind wohl nur die Österreicher, denn sie haben eine Stadt, die von gleich zweien unserer Bilder, vom Salz und der Stadt auf dem Berg geprägt ist: Das ist Salzburg.

Licht: Bis weit in die Neuzeit hinein war weitgehend unklar, was Licht tatsächlich ist. Teilweise glaubte man, dass «Strahlen» von den Augen |52| ausgehen, die die Umwelt beim Sehvorgang abtasten. In Wahrheit ist nicht das Auge die Lichtquelle, sondern das menschliche Auge und das Gehirn nehmen mit Hilfe des Lichtes die Umwelt wahr. Ohne Licht kann man die Umwelt überhaupt nicht sehen, gar nicht wahrnehmen.

Das Licht kommt in mehreren Bibelstellen vor, zu allererst aber im Buch Genesis. Der dritte Satz in der Schöpfungsgeschichte berichtet, dass bereits am ersten Tag Gott das Licht schuf! Unmittelbar nachdem er Himmel und Erde geschaffen hatte. Das Licht ist die Trennung des Hellen vom Finsteren. György Jakubinyi, ein katholischer Theologe aus Siebenbürgen, schreibt 1991: «Das Licht ist die Erlösung durch Jesus Christus aus der Dunkelheit der Gottesferne.» Wilhelm Stählin (1958) sagt sinngemäß: Es ist das Licht, was die Dinge voneinander unterscheiden lässt. Das Gute vom Bösen. Das Helle vom Dunklen. Das Bild des Lichtes, die Flamme selbst ist sehr vielsagend, denn das Feuer ist kein Gegenstand, es ist ein Prozess. Im Prozess der Veränderung passiert etwas ganz Wichtiges: Aus einem Gegenstand, aus Holz, und aus einem Funken wird Licht. Das ist das Mandat der Jünger. Das Licht in der Welt zu werden.

Das Salz: Salzen tut einer Speise gut. Eine Speise kann nicht mehr entsalzt werden, wenn der Geschmack einmal drin ist, kann er nicht mehr zurückgenommen werden. Auch das ausgesprochene Wort kann man nicht mehr zurücknehmen, seine Bedeutung rückgängig machen. Das Wort Jesu ist auch wie Salz in der Speise: Es verändert das Wesen wie der Geschmack eine Speise verändert.

Dies tut Jesus durch uns. Er spricht uns nicht im Konjunktiv an, sondern im Indikativ: Ihr seid. Ihr seid das Salz der Erde, das Licht der Welt. Jesus sagt nicht, ihr sollt euch bemühen, Salz und Licht zu werden, sondern er sagt: Ihr seid es bereits!

Seine Worte haben schöpferische Kraft. Wie Gott im Buch Genesis sagt, es werde Licht, so sagt Jesus, ihr seid das Licht und das Salz. So schafft er aus einfachen Menschen Jünger, durch die seine Kraft in die Welt strahlt. Diese Aussage Christi ist eine unvorstellbar große Ehre, dass man ein Mandat bekommt, Jünger zu sein. Amen.

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I Theologische Grundlagen

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Rowan Williams, London

Das Erbe der Reformation

1. Was bedeutet es heute, das Erbe der Reformation des 16. Jahrhunderts zu feiern? In den letzten Jahrzehnten haben viele Kommentatoren argumentiert, dass wir keine klare Vorstellung mehr davon haben, was es bedeutet, ein europäischer Protestant im «klassischen» Sinn zu sein. In Großbritannien bestehen nach Auffassung mehrerer Beobachter die Überreste der Volksreligion, sofern überhaupt vorhanden, in der mehrheitlich als typisch «katholisch» bezeichneten Religionsrichtung: Im Mittelpunkt stehen Rituale, heilige Stätten und der numinose Charakter der geliebten Verstorbenen (das dramatischste Beispiel ist die Reaktion auf den Tod von Prinzessin Diana). Ein verbreitetes britisches christliches Selbstverständnis, das auf der Bibel, dem Gebet im Kreis der Familie und der Papstfeindlichkeit (sowie einem gewissen Gefühl für die von der Vorhersehung bestimmte Rolle der Nation) gründet, ist endgültig verschwunden. Anderswo in Europa finden vergleichbare Entwicklungen statt. Während säkulare Beobachter die «katholische Soziallehre» als kohärente und erkennbare Präsenz in der allgemeinen Diskussion zum sozialen Wohlergehen und zur politischen Gerechtigkeit betrachten, findet die deutlich protestantische Stimme in der Sozialethik im weiteren kulturellen Kontext trotz vieler und hochstehender Beiträge aus Kirche und Universität kaum Gehör. Daher erstaunt es nicht, dass das Selbstverständnis der Protestanten und insbesondere der Reformierten in Europa und anderswo von einer gewissen Unsicherheit umgeben ist. Die «protestantische» Identität wird häufig mit der typisch amerikanischen Prägung von wörtlicher Bibelauslegung und Sozialkonservativismus in einen Topf geworfen und einem gleichermaßen typischen «liberalen Protestantismus» gegenübergestellt, der sich nicht um Dogmen kümmert und sich allgemein für fortschrittliche Belange engagiert. Dieser Hintergrund hilft nicht, die eigentliche Reformation zu verstehen, geschweige denn die Bedeutung der reformierten Theologie in den letzten hundert Jahren. Studenten stehen oft ratlos vor der Frage, wo sie Karl Barth auf einer theologischen Karte, die durch die einfachen Gegensatzpaare rechts-links und konservativ-liberal definiert ist, ansiedeln würden. |56|

2. Ich möchte in meinen kurzen Ausführungen den Beitrag einer erkennbar «protestantischen» Theologie zur christlichen Kultur generell untersuchen und dabei auf einige bleibend konstruktive Elemente sowie auch auf Faktoren mit eher gemischten Auswirkungen eingehen. Ich schreibe als Anglikaner, d. h. als Person, deren ekklesiale Identität durch die Zurückhaltung geprägt ist, die Kluft zwischen Protestanten und Katholiken nur als binären Gegensatz zu sehen, und die sich der Schlüsselrolle der reformierten Theologie für das Selbstverständnis der anglikanischen Kirche unbedingt bewusst ist. Ich erhielt meine geistliche Bildung im «katholischen» Flügel der anglikanischen Familie, wurde aber auch durch die Kindheit in der presbyterianischen walisischen Kirche und das stetige Interesse und den Enthusiasmus für verschiedene Strömungen der reformierten Tradition geprägt, für die Autoren wie Richard Baxter, Thomas Torrance und natürlich Karl Barth selbst stehen. Vor diesem persönlichen Hintergrund wage ich den Versuch, drei Themen der reformatorischen Theologie und Praxis zu behandeln, die nach meiner Auffassung von zentraler und dauerhafter Bedeutung für die theologische Gesundheit der christlichen Gemeinschaft sind. Außerdem möchte ich über drei weitere Themen nachdenken, die weniger offensichtlich fruchtbringend waren und die in der Tat zum Teil mitverantwortlich sind für die heutige kulturelle Trostlosigkeit und Verwirrung. Meine vorsichtige Schlussfolgerung lautet, dass man letzteren Themen nur mit einem theologisch fundierten Verständnis der ersteren entgegentreten kann, um letztlich eine positive, eigene und kreative Rolle für das Erbe der Reformation zu erkennen.

3. Bei den anscheinend positiven Themen handelt es sich um folgende: Erstens bekräftigte die Reformation die absolute Unterscheidung zwischen geschöpflichem und unendlichem Handeln; mit der ständigen Betonung der Souveränität Gottes wird auf die Wahrheit verwiesen, dass Gottes Handeln und unser Handeln weder im Wettbewerb miteinander noch in Zusammenarbeit stehen können. Zweitens begründete die Reformation das Prinzip, wonach die Schrift nicht nur als Quelle der wahren Lehre sowie zu deren Veranschaulichung diente, sondern auch eine kritische Präsenz in der Kirche war; die Schrift «mischte sich» in das Leben der Kirche «ein» und war nie nur ein Instrument derselben. Drittens bezweifelte die Reformation grundsätzlich, dass Gnadenmittel durch menschliche Vermittler «verabreicht» werden konnten, und bekräftigte, dass die Kirche keine Versammlung von Herrschern und Untertanen, sondern in erster Linie eines Volkes sei. |57|

4. Das ambivalente Erbe der Reformation lässt sich wie folgt zusammenfassen. Erstens verbündete sich die Betonung der souveränen Würde von Gottes Wort mit dem entstehenden Rationalismus und zeichnete so ein eindimensionales Bild der menschlichen Erkenntnis, in dem das Nonverbale als minderwertig galt. Zweitens leistete das Misstrauen gegenüber der Hierarchie einer halbherzigen Theologie der Kirche Vorschub; die Frömmigkeit und die Erkundungen des Einzelnen standen im Mittelpunkt, auf Kosten des Verständnisses der Gemeinschaft in Christus und im Geiste und einer intelligenten Aneignung der christlichen Vergangenheit. Drittens suggerierte die Hervorhebung der göttlichen Souveränität (gleichsam im Widerspruch zur eigentlichen theologischen Bedeutung) letztlich einen Gegensatz zwischen Menschlichem und Göttlichem, der durch die einfache Unterwerfung des erschaffenen Willens gelöst wurde: Die Emanzipation des Menschen, so dachte man, erfordert den Verzicht auf den theologischen Diskurs.

5. Zum ersten der drei Punkte: Der Fokus des Protestes der Reformation gegen die populäre Theologie und Praxis des späten Mittelalters lag auf einem Sprach- und Gewohnheitsmuster, das scheinbar davon ausging, ein versöhntes, gnadenerfülltes Leben lasse sich mit Gott «aushandeln.» Die Welt der Frömmigkeit wurde (nicht immer gerechterweise) als Weg für die Menschen gesehen, um bestimmte erschaffene Mittel, deren Auswirkungen Gott gewährleistete, dazu zu nutzen, die von Gott versprochenen Belohnungen zu erhalten. Obwohl Gott in diesem Rahmen als der prioritäre Handelnde anerkannt wird, entsteht unmittelbar der Eindruck einer «spirituellen Technologie», wobei Gott verpflichtet ist, die Konditionen, die er selbst festgelegt hat, einzuhalten. Der erschaffene Akteur weiß, wozu Gott «verpflichtet» ist – das ist der wunde Punkt: Gottes Handeln erscheint wie aus der gegenwärtigen Lage herausgelöst und wird zu einem abstrakten Rahmen, in dem das menschliche Handeln plant und das menschliche Schicksal zu kontrollieren versucht (nicht zuletzt durch die besonderen Arten von Kontrolle im Zusammenhang mit dem geweihten Amt, das die Verabreichung des Gnadenmittels kontrolliert). Das Ergebnis ist entweder eine selbstgefällige Reduktion des Lebens der Jüngerschaft auf die Befolgung des neuen «Gesetzes» oder, wie Luther entdeckte, eine zerstörerische Verzweiflung daran, der Gnade Gottes als unmittelbare Lebenswirklichkeit zu begegnen; in diesem Zustand herrscht eine Dissonanz zwischen dem, was die Kirchenbehörden verbindlich als wahr erklären, und dem persönlichen Empfinden von Schuld oder Verlassenheit. |58|

6. Luther setzt die göttliche Souveränität wieder ein, indem er sich an einen Gott wendet, der immer im Verborgenen ist; einen Gott, mit dem man nicht verhandeln kann und dessen Gegenwart man immer im Herzen seiner eigenen anscheinenden Abwesenheit findet und nicht dort, wo man seine Gegenwart gemäß einer systematischen Karte seiner Tätigkeiten vorhersagen kann. Die Theologie ergibt nur dann Sinn, wenn das wiedergefunden wird, was seit je ein Grundprinzip der katholischen Theologie bildete, aber immer wieder verdeckt wurde: das Prinzip, dass Gottes Handeln und endliches Handeln nicht zwei Beispiele ein- und desselben sind; sie können nicht miteinander wetteifern und sie können nicht wie im Wettstreit um ein einziges umstrittenes Gebiet gesehen werden. Dieses Prinzip durchzieht die theologische Welt von Thomas von Aquin (es ist in sehr interessanter Weise besonders in seiner Christologie am Werke). Der Protest der Reformation beharrt jedoch darauf, dass es auf jeder Ebene der Theologie und Praxis angewandt werden muss. Theologische Idiome oder Gebetsgewohnheiten, die davon ausgehen, dass Gott auf die Initiative des Menschen reagiert, sind vom echt theologischen Diskurs auszuschließen, weil Gottes Handeln in keiner Weise durch menschliches Handeln bedingt ist. In der von Calvin vertretenen Prädestinationstheologie – die umstritten, ja schockierend ist – geht es im Wesentlichen um diese grundlegende Unvergleichbarkeit des erschaffenen und des nicht erschaffenen Akts: zeitliche Abfolge, logische Konsequenz, moralische Angemessenheit – all dies sind ein fatal falscher Rahmen für Überlegungen über das Verhältnis von Gott zur Schöpfung. Paradoxerweise impliziert dies – dem calvinistischen Gedankengut nicht so fremd, wie einige glauben –, dass die Würde des Menschen durch die Erhabenheit Gottes nie bedroht werden kann, so wie auch die Erhabenheit durch die Affirmation konkreter Menschenrechte nicht bedroht werden kann, weil das Endliche und das Unendliche gar nicht miteinander konkurrieren. Der Grundsatz der Reformation, die bedingungslose Souveränität Gottes, sollte uns vor Angst und Groll gegenüber Gott befreien und eine solide Theologie der menschlichen Berufung und der Freiheit im sozialen/politischen Bereich zulassen.

7. Dies hängt mit dem zweiten positiven Argument zusammen. Wenn die Schrift «Gottes geschriebenes Wort» ist, dann ist sie eine Trägerin desselben bedingungslosen göttlichen Handelns. Die Schrift ist kein vom Menschen zu entdeckendes passives Instrument, das Wahrheiten äußert, die in ein ordentliches Schema von Konzepten gegossen werden können (aus diesem Grund bildet der Fundamentalismus im Wesentlichen eine |59| Antithese zur echten reformierten Theologie); die Schrift lebt und wirkt, ein Feld voller Erinnerungen, Lieder und Maximen, in dem der menschliche Diskurs jederzeit in greifbarer Weise zum Träger einer verbindlichen Kommunikation werden kann und zur Jüngerschaft ermahnt. Dies bedeutet, dass die Schrift in der Kirche immer eine entscheidende Präsenz darstellt. Obwohl manche reformierte Theologen dies so auslegen, dass die Schrift eine genaue Verfassung für die Kirche bildet – was dort nicht vorgeschrieben ist, ist implizit verboten (die Auffassung einiger englischer Calvinisten im 16. und 17. Jahrhundert) –, vertieften die meisten reformierten Denker des Mainstreams das Argument anders. Der Grundsatz, wonach alles im Leben der Kirche daran zu messen ist, ob es der Verkündigung des Evangeliums von Gottes freier Wahl und Gnade dient, ist nicht gleichbedeutend mit der Aussage, dass die Schrift ein umfassendes Rechtsbuch für die Kirche darstellt. Die Schrift kann jedoch nie als einfaches Instrument für die Zwecke der Kirche oder als Quelle von Dokumenten zur Veranschaulichung der kirchlichen Lehre gesehen werden. Sie muss als Anfrage von außerhalb des kirchlichen Lebens gehört werden, obwohl die Schrift selbst in das Leben der Kirche eingebunden ist und nicht in einem luftleeren Raum existiert. Sie bleibt ein Buch, das von der Kirche gelesen wird; doch sie wird von der Kirche gelesen, damit die Kirche hören kann, was sie sonst nicht hören würde.

8. Im Leben der Kirche – und besonders im Gottesdienst der Kirche – werden wir in Frage gestellt. Wir werden zu aufmerksamem Schweigen geführt, zu Lob und Bestätigung; das Lesen und Hören der Schrift ist eine primäre Verkörperung dieser Dimension. Beim Zuhören vernehmen wir nicht automatisch die genaue Äußerung von Gottes Willen; wie bereits festgestellt können wir die Handlungsmacht Gottes keineswegs als automatisch vorhersehbar betrachten. Wir hören aber in der Erwartung zu, einer mehr christusgleichen Art des Seins gewandelt zu werden. Manchmal geschieht dies in einer Weise, die wir sehen und verstehen können. Meistens hingegen geschieht es in einer Weise, die nicht sofort wahrnehmbar ist. Die Disziplin des erwartungsvollen Zuhörens bedeutet aber, dass wir uns immer fragen müssen, was wir Neues über unsere Jüngerschaft lernen sollten. Dabei geht es nicht darum, sich neue Auslegungen von bekannten Texten zurechtzulegen oder radikal neue Doktrinen zu erarbeiten: Es gibt bereits einen Rahmen für die Lehre und Praxis, nämlich die gemeinsame Identität der in Christus Getauften, die allen unseren Handlungen im Gebet Bedeutung verleiht; ohne sie wäre unser Tun sinnlos. Aber innerhalb dieses Rahmens streben wir ständig nach |60| Unterweisung und Vertiefung beim Lesen, beim Dienst und beim Zeugnis. Die bezeichnende Form des Gottesdienstes kann genau die Einstellung des erwartungsvollen Zuhörens, verbunden mit unaufhörlichen Zeichen von Dankbarkeit für das, was wir gehört haben und was uns geschenkt wurde, sein.

9. Der oft missverstandene reformatorische Grundsatz der offenen Bibel und der allen zugänglichen Schrift bildete vor dem damaligen Hintergrund einen Protest gegen die Behörden, die weder der Gesellschaft als Ganzes noch der vorausgehenden Wirklichkeit von Gottes Kommunikation in der Schrift Rechenschaft schuldeten. Dieser Grundsatz war nicht als Freibrief für unbegrenzte individuelle Auslegungen gedacht, sondern sollte das Leben der Kirche für einen gemeinsamen Prozess des Lesens und Erkennens öffnen, in dem alle Getauften mitsprechen durften. Christi Gnade wurde nicht von einer Priesterkaste an den Leib der Gläubigen weitergegeben; die Priesterweihe bildete in der Kirche ein feierliches, lebenslanges Amt und die Zusicherung ihrer Kontinuität eine ernsthafte Angelegenheit, jedoch keine Einführung in eine regierende Elite. Mit der klassischen calvinistischen Unterscheidung zwischen regierenden und lehrenden Kirchenvätern sollten diesbezügliche Bedenken aufgegriffen werden. Obwohl der lehrende Priester häufig bald genauso autoritär wurde wie das System, das er ersetzt hatte, bildete das Ideal des «dialogorientierten» Leseprozesses, bei dem alle gleich verantwortlich waren, eine zutiefst theologisch motivierte Anstrengung, um dem Grundsatz der Würde aller Getauften Ausdruck zu verleihen. Eine «offene» Bibel gibt der Gemeinde eine gemeinsame Sprache; alle haben das Recht in dieser Sprache zu sprechen und es ist nicht mehr vertretbar, den Zugang zur gemeinsamen Welt zu begrenzen, um die Macht einer regierenden Klasse zu festigen. Darin steckt ein solider Kern von klassischem Republikanismus (ironischer Weise erkennen wir hier einige politische Gedanken von Thomas von Aquin). Der Erfolg dieser Gedanken in der Geschichte verschiedener Nationen überrascht daher wenig. Dies ist aber weder als Anarchie der Liebe noch als Demokratie, wie wir sie heute deuten, zu verstehen. Es konnte das Streben nach einer realen Theokratie genauso beinhalten wie Ideale der (vielleicht gewerkschaftlichen) Mitbestimmung, Diskussion und Entscheidung. Der springende Punkt ist, dass der universale Zugang zu einer gemeinsamen, maßgebend kulturellen Ressource in Schriftform grundsätzlich der Gründung einer theologischen Konversation gleichkam, in der alle verantwortlich waren und die keine Stimmen |61| von vornherein ausschloss. Die von der Reformation nicht immer erfolgreich bewältigte Herausforderung bestand darin, einen Konsens zu finden, der maßgeblich bleiben würde.

10. Im Sinne dieser Ausführungen ist das positive Erbe der Reformation eng mit der Idee einer (säkularen und kirchlichen) Gesellschaft verbunden, die sich selbst hinterfragt und die auf die vorausgehende Bekräftigung von Gottes Handeln vertraut, so dass Angst und Konkurrenzkampf entfallen; die geeint ist in einem gemeinsamen Gespräch zur Erzählung der Schrift; und die wachsam und aufmerksam für die Möglichkeit neuer Einsichten und Herausforderungen vor diesem Hintergrund ist. Dies ist nicht einfach identisch mit der sogenannten «modernen» Gesellschaft, geschweige denn mit der «aufgeklärten» Gesellschaft, obwohl es letztere sonst nicht geben würde. Der Hauptunterschied liegt darin, dass die Moderne die Autonomie besonders begünstigt, so dass Gottes Souveränität (trotz der wichtigen Klarstellungen der Reformation) als Gefahr für die menschliche Würde bzw. die Sprache der Rechenschaft gleichermaßen als Gefahr für die individuelle Freiheit gesehen werden. Die reformatorische Vorstellung vom menschlichen Gedeihen beinhaltet Gehorsam: Die tiefsten Freiheiten hängen also mit der Unterwerfung zusammen, sich von einer Realität, einer Wahrheit, die über unsere individuellen Pläne hinausgeht, hinterfragen zu lassen.

11. Die Moderne erscheint in diesem Lichte als systematisches Missverständnis des Bildes der Reformation. Was oben als zwiespältige Aspekte des Erbes der Reformation bezeichnet wurde, sind im Grunde Umkehrungen der grundlegenden theologischen Prinzipien der Reformation des 16. Jahrhunderts, die vieles, was die Bewegung hinwegzufegen suchte, wieder einführten. Ein bestimmtes Rationalitätsmodell galt als allerwichtigst und normativ; darin zeigte sich ein tief verwurzeltes Misstrauen gegenüber Wissensansprüchen, die sich nicht mit der Argumentation erwachsener Menschen verteidigen lassen. Die Denker der Reformation beharrten gegenüber der Mystifizierung und Manipulation darauf, dass Gott sich in einer allen zugänglichen Weise mitteilte. Sofern Symbole verwendet wurden, dienten sie hauptsächlich zur Verdeutlichung von Dingen, die in anderer Weise klarer – wenn auch vielleicht weniger anschaulich – dargestellt werden konnten. Trotz Luthers ausgeklügelter Theologie zur Dialektik zwischen dem Verborgenen und dem Offenbarten im Wirken Gottes an uns tendierte das protestantische Denken zunehmend zur Annahme, dass wahres Wissen zwangsläufig eine Frage von klarer verbaler Kommunikation sei. Dies war schwer mit |62| dem Verständnis des «unausgesprochenen» Erkennens zu vereinbaren, wie Denker jüngeren Datums es nannten, bzw. mit den materiellen Dimensionen des Erkennens (z. B. der Fähigkeit, ein Gesicht zu erkennen, ein Instrument zu spielen, auf einem Pferd zu reiten, aus Zeichen am Himmel das Wetter vorherzusehen) – ganz zu schweigen von Codes in Gesten, Zeichen und vor allem visuellen Bildern, die das übermitteln, was nicht effizient oder ausreichend in Sprache codiert werden kann. Wörter sollten für alles ausreichen; die Reformation legte deshalb – wie Torrance und andere es festhalten – einen deutlichen Akzent auf das Hören gegenüber dem Sehen als Paradigma des Erkennens.

12. Letztlich kam es zu einer Polarisierung zwischen den verschiedenen Beschreibungen des menschlichen Erkennens. Entweder wissen wir, weil wir in der Schrift die einfachen Aussagen der göttlichen Wahrheit hören/lesen, oder wir lesen aus der Natur und Umwelt alles heraus, was wir wissen müssen, und ignorieren Wissensansprüche, die bestimmten Prozessen der Erkenntnisgewinnung widersprechen. Wir geraten in eine sinnlose und törichte Pattsituation zwischen «Wissenschaft» und «Religion», die in unserer Kultur immer noch in vielen Köpfen vorherrscht. Um zu einer gesamtheitlichen Sicht des Erkennens zurückzufinden, müssen wir wie bereits angedeutet die besten Erkenntnisse der Reformation gegen ihre eigenen Verzerrungen stellen.

13. Luthers Revolution des theologischen Denkens implizierte, dass keine Umstände der Welt eine offensichtliche Bedeutung besaßen, die als Instrument der menschlichen Macht ergriffen und eingesetzt werden konnte. Um die Verborgenheit Gottes im gekreuzigten Christus zu verstehen, mussten wir vor dem potenziellen Abgrund der Bedeutungslosigkeit zum Schweigen gebracht und kleingemacht werden, damit wir letztlich frei wurden, Gottes Gabe anzunehmen, ohne auf unsere eigenen anmaßenden Vorhaben, Bedürfnisse und Ehrgeiz zu zählen. Die Klarheit der Wörter allein ändert nichts an der Notwendigkeit dieser Enteignung; je mehr wir uns von einer Sprache abwenden, die den Anspruch hat, die Welt umfassend abzubilden und in ein schlüssiges Erklärungssystem einzufügen, desto mehr erkennen wir, dass unser Lernen als Menschen an die Fähigkeit geknüpft ist, bewusst oder unbewusst auf Zeichen und Signale zu reagieren. Unsere Argumentation muss der für das Thema geeigneten Methode folgen; sie muss davon geprägt sein und soll etwas vom Leben dieses Themas «mitteilen.» Ohne dabei die spätmittelalterliche Besessenheit vom symbolischen Lesen von Texten und Welt wiederzuerwecken, kehren wir zu einer Sensibilität für die Kommunikation |63| zurück, die nicht einfach verbal ist, bzw. wenn sie verbal ist, mit Ironie und Umwegen arbeitet (sehr klar in der protestantischen Poetik von Fulke Greville oder George Herbert im 16. und 17. Jahrhundert).

14. Die Schwäche des Nachdenkens über die Kirche, die ich als weiteres zwiespältiges Erbe der Reformation beschrieben habe, geht auf die komplexe Verzerrung des Begriffs der «unsichtbaren» Kirche zurück. Einmal mehr: Was ursprünglich als Argument zur Betonung der Verborgenheit von Gottes Handeln und damit dessen uneingeschränkter Freiheit und Transzendenz erarbeitet wurde, entwickelte sich im populären Protestantismus zu einer starren Skepsis gegenüber Doktrinen, wonach die christliche Gemeinde für die Formung der christlichen Identität notwendig ist. Die Unklarheit der Grenzen der Kirche, die Wahrheit, die der junge Calvin äußerte, als er «halb begrabene Kirchen» wahrnahm, der Widerstand dagegen, die institutionelle Zugehörigkeit zum Träger einer beinahe automatischen Gnade zu machen: All dies weckte bei vielen das unbestimmte Gefühl, dass das christliche Selbstverständnis nichts sichtbar Gemeinschaftliches aufweisen müsse. Auch hier helfen uns die Grundsätze der Reformation selbst, der Verzerrung zu entgehen – vor allem die offene Bibel als Bereich der gemeinsamen Sprache. Der Einzelne, der sich in die private Frömmigkeit flüchtet (in einer Weise, die Calvin und Luther schockiert hätte), hat noch nicht begriffen, dass eine innere Lebenswelt abseits des geteilten Erkennens und Prüfens von Gottes Willen genau jenen Rückzug des menschlichen Geistes auf sich selbst darstellt, der die Sündenherrschaft festigt. Zu betonen, dass die Fülle der Gnade beim Abendmahlsteilnehmer vom Glauben des Kommunikanten abhängt, ist eine verständliche Reaktion auf den mechanischen Ansatz ohne die Gnade, womit Gottes Gegenwart automatisch gewährleistet wurde; doch die populäre Frömmigkeit deutete dies rasch so, dass die äußere Form einen rein praktischen Weg zur Verstärkung der geistigen Lektion bildet und keinen gemeinschaftlichen objektiven Akt, Gott eindringlich zu bitten, durch das tatsächliche Wirken des Geistes von sich selbst und von seinem Werk in Christus Zeugnis abzulegen. Der Glaube an die bedingungslose Hoheit der Gnade bedeutet nicht, dass wir die Gnade eher in unseren privaten Erfahrungen als Einzelne am Werk sehen müssen als anderswo, ganz im Gegenteil. Der Glaube relativiert private Erfahrungen genauso maßgeblich, wie er gemeinsame Erfahrungen relativiert. Unser gemeinsames Gebet führt uns hin zur bleibenden Wirklichkeit der Schrift und des Sakraments als objektive Zeugen von Gottes |64| Handeln, unabhängig von unserer subjektiven Befindlichkeit oder unseren Bestrebungen.

15. Wie die richtig verstandene reformatorische Theologie die Polarität zwischen Gemeinde und Einzelnen mit dem Hinweis auflöst, dass Gott beiden gegenüber frei handelt, so löst sie auch das quälende und hartnäckige Gefühl von Rivalität zwischen Gott und der Schöpfung auf – eine Rivalität, die wie oben festgestellt viele zur Annahme führt, dass Gott zu entthronen sei, damit die Menschheit frei werde. Gottes Souveränität ist nicht nur eine überhöhte Art der menschlichen Macht. Wenn wir dies begreifen, erkennen wir allmählich die radikalen Implikationen der Erschaffung des Menschen nach dem Bilde Gottes und der Absicht Gottes, dem Menschen über Jesus Anteil am göttlichen Leben zu verleihen. Wie Calvin richtig erkannte, ist diese Einsicht für reformatorischeTheologie nur dann störend, wenn die Würde oder das Gedeihen der Menschen für Gott bedrohlich sein kann, was ex hypothesi undenkbar ist. Die kompromisslose Betonung der absoluten Differenz von Gottes Macht sollte zu einer verstärkten theologischen Bekräftigung der menschlichen Würde führen: Kein Tribut, der der endlichen Menschheit gezollt wird, tut dem, was Gott geschuldet wird, in irgendeiner Weise Abbruch. Götzendienst bedeutet, der Schöpfung das zuzuschreiben, was allein Gott gehört, d. h. Geschöpfe mehr denn nur als Geschöpfe zu behandeln. Die wahre christliche Herausforderung besteht darin, die Menschheit für das zu lieben und zu verehren, was sie ist – sterblich und verletzlich und doch unermesslich glorreich, weil Gott sie als Ort der göttlichen Offenbarung und Wirkung geschaffen hat. Um die Brücke zu den oben behandelten Themen zu schlagen: Unsere Fähigkeit zu radikaler Selbstbefragung als Individuen und als Gesellschaft wird durch diese grundlegende Überzeugung möglich, dass unsere sterbliche und fehlbare conditio humana in ihrer Zerbrechlichkeit von Gott, der das Menschsein erlöst und umwandelt, aber nie aufhebt, bestätigt wird. Mit andern Worten: Wir können alles an unserem Menschsein in Frage stellen – seine genauen Fähigkeiten, Gewohnheiten und Verhaltensweisen – und wir können die gefallene Natur mit fast schon ätzendem Pessimismus betrachten, aber wir können nicht an der Würde zweifeln, die Gott uns ohne Bedingungen verliehen hat – ein Gott, der nicht eifersüchtig ist auf unser Menschsein, weil das göttliche Leben nicht denselben Raum bewohnt wie wir.

16. Dass die reformatorische Theologie es vermochte, diese Aussage zu formulieren, verleiht ihr in den heutigen kulturellen Kämpfen Bedeutung. Christliche Hoffnung zu verkünden bedeutet keineswegs, die |65| Fähigkeiten oder den Charakter des Menschen optimistisch zu schildern; die theologische Perspektive erlaubt uns, das Schlimmste zu befürchten (genauso wie in der populären Assoziation der Denkweise von Augustinus und von Calvin), aber sie erlaubt uns nicht, geringer von unserem Menschsein zu denken, als der Schöpfer es tut. Indem sie uns die Sprache und die Welt der Schrift als das Haus vorschlägt, das wir gemeinsam bewohnen, und als den Dialekt, den wir sprechen, vermittelt sie uns, dass wir eine Richtung und sogar eine Transformation finden könnten, wenn wir die Geschichte von Gottes Umgang mit einem Volk, mit dem er einen Bund abschließt, zu unser eigenen machen. Wer von christlicher Hoffnung spricht, spricht von der Treue Gottes; unsere gesellschaftliche Vision beruht auf dem Glauben an einen Gott, der aus freien Stücken verspricht, der Gott jener zu sein, die seine Liebe weder verdient noch erzwungen haben. Die radikale Andersheit der göttlichen Liebe und Hingabe und demzufolge die nicht reduzierbare, geheimnisvolle Tragweite von Gottes Wahl beinhalten eine systematische Verehrung der Menschen, unabhängig von ihrem Status, von Leistung oder ethischem Verhalten. Alle gehören potenziell zur Geschichte der unvorhersehbaren göttlichen Treue und zur Geschichte der Schrift, in der wir gemeinsamen Boden finden.

17. Dieses Erbe fordert verschiedene negative Kräfte heraus. Es legt Gewicht auf ein Reifwerden, das mit dem Sich-selbst-Infragestellen umgehen kann, und stellt so die Publikums- und Medienkultur infrage, bei der die Verwaltung der persönlichen Bilder im Vordergrund steht. Ein offener, ehrlicher Austausch in der persönlichen und öffentlichen Auseinandersetzung ist dafür wesentlich. Dazu muss grundsätzlich die Bereitschaft bestehen, die eigenen Träume, unangreifbar im Recht zu sein, zum Schweigen zu bringen. Angesichts der vagen Spiritualität, die leicht in tröstliche und sentimentale «Innerlichkeit» umschlägt, ist die öffentliche und persönliche spirituelle Praxis notwendig, um aufmerksam und genau zuzuhören und für das bereit zu sein, was dem faulen Ich nicht angenehm ist – altmodisch gesagt, um auf die «Stimme Gottes» zu hören. Im Unterschied zum allgemeinen Widerwillen, in mehr als lokalen oder kommunalen Erzählungen zu denken, bietet dieser Ansatz eine universale Erzählung der göttlichen Gnade und Wahl, die sich auf einzigartige Weise in der Schrift niederschlägt und sich auf Ereignisse konzentriert, in denen das echte Bild des Menschseins im gekreuzigten und auferstandenen Christus wiederhergestellt wird. Calvin selbst weist den Gedanken von sich, dass unsere Rettung nur in einer formalen, äußerlichen und mechanischen Beziehung zu einem Christus steht, der uns für |66| gerecht erklärt hat, aber keinen echten Wandel in uns bewirkt: «Er teilt mit uns sein Leben und alle Segen, die er vom Vater erhalten hat.» (Bibelkommentar zu Joh 17, 21).

18. Entgegen der angstvollen fundamentalistischen Religion bekräftigt die reformatorische Tradition einen Gott, der von unseren Bemühungen und Erfolgen weder überzeugt werden kann noch muss: Die Sprache unseres Glaubens und besonders unseres Gebets wird bestimmt von der Dankbarkeit für die unverdiente, grundlose Liebe und Vergebung und von der Dankbarkeit gegenüber Gott, dass er Gott ist. Entgegen auch einem rebellischen oder missgünstigen Atheismus, der fremder und zwingender Macht gegenüber misstrauisch ist, präsentiert die Reformation einen Gott, der kein Interesse daran hat, seine Geschöpfe herabzusetzen und dessen uneingeschränkte souveräne Freiheit so weit geht, dass er diese Geschöpfe keineswegs schikanieren oder nötigen muss; Gottes freier Wille ist ein Wille der Vergebung, der Heilung und der Weitergabe der göttlichen Liebe und Wonne an die Schöpfung.

19. Hier zeichnen sich die Umrisse einer Theologie ab, die eine anspruchsvolle spirituelle Disziplin voraussetzt, einen nüchternen und bedachten Gebetsstil, eine Freiheit, die eigene Integrität ständig und ohne Panik prüfenden Blicken auszusetzen und dasselbe für die Gemeinde und ihre Einrichtungen zu tun, ein christozentrisches Verständnis der menschlichen Geschichte und eine radikale politische Vision, die Ungleichheiten und willkürliche Herrschaft jeder Art infrage stellt. Kurz: Die Leitthemen der wirklichen reformatorischen Theologie stellten nicht nur die radikalsten Ideen und Gedanken der Kirchenväter wieder her; sie bieten auch eine ebenso starre und profunde Hilfe zum Umgang mit den heutigen gesellschaftlichen Krisen an wie die Tradition der katholischen Soziallehre – nicht als konkurrierende, sondern als komplementäre Auffassungen, wobei der Beitrag der reformatorischen Tradition vor allem in der Betonnung der unvergleichlichen Souveränität Gottes liegt, die uns von der moralischen Beurteilung von Verdiensten befreit und uns einlädt, in unseren Taten und Beziehungen die «grundlose» Treue zum Liebesversprechen, das zu Gott gehört, zu widerzuspiegeln.

20. Die größten Theologen der Reformation waren keine Zeloten, die die Geschichte und die Symbole aus der christlichen Gesinnung löschen wollten, noch waren sie Individualisten, die sich der Autonomie ihres Gewissens verpflichtet hätten, noch Theokraten, die der ganzen menschlichen Gesellschaft eine unveränderte Version des mosaischen Gesetzes aufzwingen wollten, noch Rationalisten, die, von Wörtern besessen, |67| Schweigen und Zeichen hintanstellten, noch biblische Literalisten mit einem mechanischen Inspirationsmodell. Versehen der Geschichte brachten das reformatorische Christentum jedoch in unterschiedlichen Zusammenhängen mit all diesen Kreisen in Verbindung; natürlich gibt es bei Luther, Calvin, Melanchthon oder Zwingli Elemente, die solche Gedanken fördern könnten. Die gängige Vorstellung vom Protestantismus im Westen wird immer noch stark von solchen Klischees beherrscht. Doch um die Wesensmerkmale und den Wert des Erbes der Reformation für die Gegenwart zu formulieren, müssen wir sie aus den grundlegenden Erkenntnissen und Fragestellungen der Reformatoren lösen.

In meinem bescheidenen Beitrag zu diesem Unterfangen habe ich versucht, darauf hinzuweisen, wo wir meiner Meinung nach die Schwerpunkte setzten sollten. Hilfreich und ermutigend war für mich eine Denkströmung in jüngeren Arbeiten zu Calvin, die ihn als humanistischen Gelehrten betrachten, der Erkenntnisse aus den ersten Jahrhunderten des Christentums zu gewinnen versucht und einen neuen Fokus auf die eucharistische Transformation des Gläubigen und der Gemeinde anbietet; kein Logiker, der die allmächtige Freiheit Gottes auf Kosten der Vernunft und der menschlichen Würde etablieren will. Calvin birgt in sich eindeutig ein «tragisches» Element, das besonders in seiner Betonung der gründlichen Verderbtheit der gefallenen Menschen und der (daraus folgenden) Willkür der Prädestination sichtbar wird. Calvin und weitgehend auch die calvinistische Tradition tun sich damit genauso schwer wie Augustinus. Allerdings handelt es sich nur um eine Nebenströmumg seines Denkens, die wir relativieren sollten. Am bedeutsamsten ist die umfassende Erforschung der Leitmotive der erneuerten Theologie, die der menschlichen Reife derart große – politische und psychologische – Freiheit einräumt und gleichzeitig die menschliche Fähigkeit in einem schonungslos realistischen Rahmen behält. Ein christlicher Glaube, der vom Gläubigen keinerlei Bevormundung verlangt, ist wohl das wichtigste Streben der Reformation des 16. Jahrhunderts; dieses Bestreben ist heute gebotener denn je, wenn der christliche Glaube überzeugen, gewinnen und bekehren soll.

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Ulrich H. J. Körtner, Wien

Exklusiver Glaube – Das vierfache «Allein» reformatorischer Theologie18
1. Reformatorische Theologie

Wenn wir darüber nachdenken wollen, was es heute bedeutet, evangelisch zu sein, müssen wir zunächst zwischen «evangelisch» und «protestantisch» unterscheiden. Das bevorstehende Reformationsjubiläum 2017 bietet Anlass, sich auf die zentrale Botschaft der Reformation zu besinnen, die das Evangelische im Sinn des Evangeliumsgemäßen neu zur Geltung gebracht hat. Das Evangelium von Jesus Christus aber ist ein kritischer Maßstab für die Verkündigung aller Kirchen und Konfessionen, der sich durchaus gegen bestimmte Entwicklungen und auch heutige Tendenzen im Protestantismus richtet. Die Frage, was heute evangelisch ist, soll auch nicht allein als Ausdruck konfessioneller Selbstvergewisserung, sondern in ökumenischer Weite gestellt werden. Ich verstehe das Reformationsjubiläum als Einladung an alle Kirchen und Konfessionen, darüber nachzudenken, inwiefern die Einsichten der Reformation von ökumenischer Tragweite sind, wenn es heute darum geht, sich auf das Evangelium und das Evangeliumsgemäße zu besinnen.

Die nachfolgenden Ausführungen gehen davon aus, dass die Lehre von der bedingungslosen Annahme und Rechtfertigung des Gottlosen und die aus ihr abgeleitete Kirchenkritik zwar nicht der alleinige Inhalt, wohl aber das theologische Herzstück reformatorischer Theologie sind. In ihnen gründen das evangelische Verständnis christlicher Freiheit wie auch das evangelische Kirchenverständnis und sein Kerngedanke vom Priestertum aller Gläubigen.

Nach reformatorischer Auffassung beruht die Rechtfertigung auf der bedingungslosen Vorgabe des Heils und damit auf der klaren Unterscheidung zwischen dem empfangenden und dem tätigen Wesen des Glaubens. Diese Unterscheidung wird durch ein Geviert von Exklusivbestimmungen zum Ausdruck gebracht, deren Sinn für die Gegenwart erschlossen werden soll: Allein durch den Glauben – sola fide – wird der |69| Mensch vor Gott gerechtfertigt, und zwar durch den Glauben an Jesus Christus, weil allein Christus – solus Christus – das Heil und die Rettung des sündigen Menschen erwirkt. Das geschieht allein aus Gnade – sola gratia – und wird gültig bezeugt allein durch die Schrift – sola scriptura – als der Quelle und dem Maßstab des rechtfertigenden Glaubens, des Lebens aus dem Glauben, aller Verkündigung und der Theologie.

Die Pointe der reformatorischen Botschaft erschließt sich nur, wenn man beachtet und bedenkt, wie sich die vier genannten Exklusivpartikel gegenseitig interpretieren. Keine von ihnen darf isoliert genommen werden. Dass das Heil des Menschen allein an Gottes Gnade hängt, konnte auch die katholische Kirche des Spätmittelalters sagen. Und auch das Konzil zu Trient hat in seinem Dekret über die Rechtfertigungslehre die Alleinwirksamkeit der göttlichen Gnade aussagen können – jedoch so, dass diese eben nicht mit der Alleinwirksamkeit des Glaubens gleichgesetzt wurde. Was reformatorisch unter Glauben zu verstehen ist, wird aber auch verdunkelt, wenn man unter Glauben ein allgemeines Urvertrauen, Transzendenzbewusstsein oder Bewusstsein schlechthinniger Abhängigkeit versteht, das allen Menschen mehr oder weniger eigen sein soll. Glaube im reformatorischen Sinne ist Glaube an Jesus Christus als den alleinigen Grund göttlicher Annahme und Vergebung. Was das bedeutet, muss allerdings, wie sich noch zeigen wird, trinitätstheologisch erschlossen werden. Die Rechtfertigung des Sünders um Christi willen ist ein trinitarisches Geschehen. Woher aber wissen die Glaubenden das alles? Worauf gründen sie ihr Vertrauen und ihre Zuversicht? Darauf antwortet die reformatorische Tradition, dass es die Bibel Alten und Neuen Testaments ist, die dies auf gewiss machende Weise bezeugt, weil in ihr Christus selbst zu hören ist.

Der rechtfertigende Glaube ist also nach reformatorischem Verständnis exklusiver Glaube – exklusiv in dem Sinne, dass er allein das Heil bewirkt. Doch erschließt sich dieser exklusive Glaube nur durch das Geviert der sich wechselseitig interpretierenden reformatorischen Exklusivpartikel, wobei dem solus Christus der Primat gebührt, ist doch der Glaube im reformatorischen Sinne wohl eine menschliche Tat, aber kein menschliches Werk. Im Glauben ist der Mensch auf eigentümliche Weise passiv, weil das Glaubenkönnen eben kein menschliches Vermögen und keine von der Natur mitgegebene Begabung, sondern eine unverfügbare Gabe ist und bleibt. Die Tat des Glaubens aber besteht darin, der Christusbotschaft – dem Evangelium – Glauben zu schenken und darauf im Leben und im Sterben zu vertrauen. |70|

Solch ein exklusives, nämlich christologisch zugespitztes Verständnis von Glauben erweist sich nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch heute als anstößig. Mit einem sola gratia mag man sich ja für sich genommen vielleicht noch halbwegs anfreunden. Aber müssen die Exklusivpartikel reformatorischer Theologie in einer pluralistischen Kultur und im Dialog der Religionen nicht ermäßigt werden? Ist das solus Christus nicht enorm intolerant gegenüber nichtchristlichen Religionen? Untergräbt das sola fide nicht jede Ethik und jedes Engagement zur Weltverbesserung? Und lässt sich das sogenannte reformatorische Schriftprinzip, also das sola scriptura, angesichts der Befunde historisch-kritischer Kanonforschung überhaupt noch begründen?

Nun wird bisweilen auch noch eine fünfte Exklusivpartikel genannt, wenn man die Botschaft reformatorischer Theologie zu bündeln versucht: solo verbo – allein durch das Wort. Daran ist richtig, dass sich der Glaube nach evangelischem Verständnis an das Wort hält, das den Menschen Gottes Gnade und Vergebung bezeugt und zuspricht. Das Glauben provozierende und bezeugende Wort wird als Gottes Wort im Menschenwort verstanden, das letztlich den bezeugt, der als Gottes lebenschaffendes und befreiendes Wort in Person begriffen und geglaubt wird, nämlich Jesus Christus. Auch wenn sich die Formel solo verbo gelegentlich bei Luther findet, so ist ihre Zuordnung zu den reformatorischen Exklusivpartikeln doch erst neueren Ursprungs, nämlich eine Auswirkung der Wort-Gottes-Theologie im 20. Jahrhundert. Gegenüber der Reformationszeit finden in der Wort-Gottes-Theologie aber durchaus inhaltliche Verschiebungen und Neuakzentuierungen statt. Das solo verbo kann auch, wie z. B. bei Eberhard Jüngel,19 an die Stelle des sola scriptura treten und erweist sich damit als Reaktion auf die viel diskutierte Krise des reformatorischen Schriftprinzips. Ich werde im Folgenden bei den vier klassischen Exklusivpartikeln reformatorischer Theologie bleiben und ihr hermeneutisches Potenzial auszuloten versuchen. Das solo verbo möchte ich weder neben noch an die Stelle des sola scriptura setzen, sondern als ein Interpretament verstehen, das sich auf alle vier Exklusivpartikel anwenden lässt, weil es in allen vier Fällen den grundlegenden Zusammenhang von Wort und Glauben thematisiert. Dieses Interpretament ist freilich gegen manche Verengungen zu schützen, die der Wort-Gottes-Theologie |71| von Kritikern zur Last gelegt werden, welche die Wortlastigkeit und das Erfahrungsdefizit evangelischer Gottesdienste bemängeln.20 Es sollte auch nicht vorschnell zum kontroverstheologischen Unterscheidungsmerkmal erklärt werden, um die konfessionelle Differenz zwischen evangelischer und katholischer Tradition zu markieren, wie es gelegentlich in der Auseinandersetzung um die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre (GER) geschehen ist.21

Allerdings bleibt die Frage bestehen, ob die Pointen der reformatorischen Rechtfertigungslehre – bei allem Verständnis für das Bemühen um ökumenischen Konsens – in der Gemeinsamen Erklärung hinreichend gewahrt bleiben. Doch wollen wir uns im Folgenden nicht vornehmlich mit dem Stand des ökumenischen Gespräches zur Rechtfertigungslehre beschäftigen, sondern der Frage nachgehen, inwieweit die reformatorischen Exklusivpartikel eine Hilfe bieten, um die Rechtfertigungslehre für die Gegenwart zu erschließen und verständlich zu machen.

2. Rechtfertigung heute

Bei oberflächlicher Betrachtung scheint die reformatorische Rechtfertigungslehre in der Moderne obsolet geworden zu sein, weil die Vorstellung von einem Jüngsten Gericht, die Frage nach dem gnädigen Gott und die Angst vor Sündenstrafen verblasst sind und die Existenz Gottes überhaupt fraglich geworden ist.22

Die moderne Infragestellung der Rechtfertigungslehre ist eng mit dem Theodizeeproblem verbunden. Die Theodizee mutiert zur Anthropodizee. |72| Wenn Gott nicht existiert, bleibt nur der Mensch als Handlungssubjekt in der Welt. Von ihm allein hängt das Wohl und Heil der Welt ab. Weil Gott fehlt, tritt an die Stelle der Rechtfertigung des Menschen eine Unkultur des Rechthabens, wie der Schriftsteller Martin Walser schreibt.23 So steht die vermeintliche Obsoletheit der reformatorischen Rechtfertigungslehre in einem eigentümlichen Widerspruch zum heute allgegenwärtigen Zwang zur öffentlichen Rechtfertigung und zur Tribunalisierung der modernen Lebenswirklichkeit.24

Die Rechtfertigungsbotschaft richtet sich an den Menschen, der, modern gesprochen, um seine Anerkennung kämpft. Existenzielle und soziale Konflikte erklären sich nicht allein aus dem Kampf um Selbsterhaltung, sondern auch aus dem Kampf um Anerkennung.25 Gesellschaftliche Konflikte lassen sich daher nicht auf ökonomische reduzieren, sondern sind immer auch moralische und – wie wir in jüngster Zeit wieder sehen – religiöse. Im – auch massenmedial ausgetragenen – Kampf um Anerkennung, Wertschätzung und Aufmerksamkeit werden die Menschen von der Angst vor der Bedeutungslosigkeit26 getrieben.

Auch die Schuldfrage und damit die Frage nach Vergebung und Annahme sind nicht wirklich verschwunden. Der Sinn der Rechtfertigungsbotschaft erschließt sich freilich nur, wenn nicht allein von unterschiedlichen Gestalten der Schuld, sondern auch von Sünde gesprochen wird. Sünde meint ein verfehltes Gottesverhältnis, das sich in einem verfehlten Selbstverhältnis und einem verfehlten Verhältnis des Menschen zu seinen Mitmenschen wie zur gesamten Schöpfung manifestiert. Sie bildet die Tiefenstruktur des Kampfes um Anerkennung. Schon in der biblischen Überlieferung lässt sich der Kampf um Anerkennung auf Schritt und Tritt festmachen. Das Phänomen der Sünde und das Streben nach Anerkennung gehören bereits nach alttestamentlicher Auffassung zusammen. Paulus bestimmt den sündigen Menschen |73| radikal als Feind Gottes. Die paulinische Rechtfertigungslehre aber besagt, dass Gott die Feindschaft des Menschen überwindet und ihn um Christi willen trotz seiner Sünde bedingungslos annimmt und somit anerkennt.

Die Rechtfertigung des Sünders bedeutet auch, dass dieser sich auf neue Weise als Geschöpf Gottes versteht. Das Ziel der Rechtfertigung ist ein neues Verständnis der menschlichen Geschöpflichkeit. Indem das gestörte Verhältnis zu Gott wiederhergestellt wird, gewinnt der Mensch auch ein neues Verhältnis zur Natur, die ihm nun als Schöpfung aufgeht.

3. Christus allein

In der lukanischen Apostelgeschichte findet sich ein steiler Satz, der für heutige Ohren in einer Zeit der religiösen Toleranz und Pluralität, aber auch der religiösen Indifferenz äußerst anstößig klingt. Petrus und Johannes sind vor dem Hohen Rat angeklagt. In seiner Verteidigungsrede sagt Petrus über Christus: «In keinem anderen ist das Heil, auch ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden» (Apg 4, 12).27 Diese kühne Aussage liest sich wie ein Echo auf die einschlägigen Aussagen des Apostels Paulus in Phil 2, 9–11 und Röm 10, 9.

Martin Luther und die Reformation haben diese Aussagen auf die knappe Formel «solus Christus – Christus allein» gebracht. Beim frühen Luther hat diese Formel allerdings noch nicht jene kirchenkritische Bedeutung, die sie nach seiner reformatorischen Wende annimmt.28 Dass allein in Christus das Heil zu finden ist, ist für sich genommen ebenso eine gut katholische Formel wie das «sola gratia – allein aus Gnade.» Seine reformatorische Zuspitzung und damit zugleich seine Abgrenzung von der spätmittelalterlichen katholischen Gnadenlehre erfährt das solus Christus nach der reformatorischen Wende freilich durch seine Verknüpfung mit dem «Sola fide – allein durch den Glauben» in Verbindung mit dem sola gratia und dem sola scriptura. |74|

In gewisser Weise wird das genannte Geviert von Exklusivpartikeln durch die Formel «Gott allein» gebündelt.29 Eine derart radikale Sicht der alleinigen Heilswirksamkeit Jesu Christi scheint sich mit der heutigen Forderung nach Toleranz, zumal im interreligiösen Dialog, schlecht zu vertragen. Kann diese biblische Aussage auch heute noch theologische Geltung beanspruchen? Oder ist sie im Rahmen einer Theologie der Religionen abzuschwächen? Es sei betont, dass es sich bei dieser Frage um eine gemeinsame ökumenische Herausforderung handelt und nicht nur um ein Problem einer evangelischen Theologie der Religionen.30

In kritischer Abgrenzung von heutigen Konzeptionen einer Theologie, die Religion zu ihrem Leitbegriff erklärt und von der gelebten Religion in ihrer Vielfalt ausgehen möchte, sei hier die These vertreten, dass es beim christlichen Glauben nicht um Religion oder Spiritualität geht, sondern um Gott. Das Evangelium verspricht nicht «kleine Transzendenzen», die man im Urlaub oder im Fußballstadion erleben kann, sondern antwortet auf die Frage, was mein einziger Trost im Leben und im Sterben ist, wie es der reformierte Heidelberger Katechismus (1563) ausdrückt. Und das drängende Problem der Kirchen ist nicht der Mangel an irgendwelcher Spiritualität, sondern die Sprachnot des Glaubens, die sich in einer bisweilen erschreckenden Banalisierung christlicher Glaubensinhalte zeigt, die mit Recht als Selbstsäkularisierung der Kirche kritisiert wird.31 Die Respiritualisierung, die manche als Antwort auf die Krise der Kirchen empfehlen, ist in Wahrheit keine Alternative, sondern leistet solcher Selbstsäkularisierung möglicherweise nur weiteren Vorschub.

Zwar kann auf den Religionsbegriff theologisch nicht verzichtet werden, doch ist zunächst zwischen Religion und Gottesglauben zu unterscheiden. Auch ist zwischen der Frage nach Gott und der Frage nach Sinn zu unterscheiden. Nicht jeder, der nach dem Sinn des Lebens fragt, fragt darum schon nach Gott. Wer heute im biblischen Sinne von Gott reden will, kann nicht davon ausgehen, dass immer schon nach ihm gefragt wird. Der Anknüpfungspunkt einer vorgängigen Gottesfrage ist keineswegs selbstverständlich und unausweichlich. Darum hängt die |75| Möglichkeit, von Gott zu reden, nicht von der Frage nach ihm ab, sondern von der Erinnerungsspur der biblisch bezeugten Gottesoffenbarung.

Die Frage nach Gott kann heute nur gestellt werden, weil vor uns Menschen von Gott geredet und sein Wirken bezeugt haben. Die neutestamentlichen Texte aber tun dies so, dass sie zugleich von Jesus Christus sprechen. Von Jesus wiederum lässt sich angemessen nur sprechen, wenn im Blick auf seine Person und sein Leben zugleich von Gott gesprochen wird, so dass der Sinn seines Lebens im Horizont Gottes offenbar wird, wie umgekehrt das Wort «Gott» erst in Verbindung mit dem Leben Jesu seine letztgültige Bedeutung gewinnt. Das Geschick Jesu macht offenbar, dass das Wesen Gottes Liebe ist.32 Worin aber die Liebe besteht, die Gott ist, lässt sich nur im Verweis auf den Lebensweg Jesu bestimmen. So gewinnt das Wort «Gott» seinen christlichen Sinn, indem Gott und Jesus zusammengesprochen werden. Gott und Jesus von Nazareth aber lassen sich nur so zusammensprechen, dass vom alttestamentlich bezeugten Gott Israels als dem Vater, von Jesus als dem Sohn und vom Heiligen Geist, mit anderen Worten: dass von Gott trinitarisch gesprochen wird.33

In diesem Sinne sehe ich die Kirchen gefordert, das Profil des Christlichen zu schärfen. Christlicher Glaube unterscheidet sich von allen sonstigen Formen von Religion durch das Bekenntnis zu Jesus Christus als Heilsbringer. Eben darum wurden und werden die an ihn Glaubenden Christen genannt. Dieses Bekenntnis aber schließt den Glauben an den von Jesus verkündigten Gott ein, der wiederum der Gott Israels ist. Dennoch: Nicht eine vage Gottoffenheit, sondern das Christusbekenntnis ist der entscheidende «Marker», an dem das Label «Christentum» auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten und Unmöglichkeiten erkannt wird. Von hier aus ist die Identität von Glaube und Kirche zu bestimmen.

4. Allein aus Gnade

Allein aus Gnade – und zwar um Christi willen – wird der sündige Mensch vor Gott gerechtfertigt und von ihm angenommen. Allein aus |76| Gnade – auch das um Christi willen – lebt der gerechtfertigte Sünder als neugewordenes Geschöpf Gottes. «Ist jemand in Christus», schreibt Paulus in 2Kor 5, 17, «so ist er ein neues Geschöpf.» Die Rechtfertigung zielt also nicht nur auf die Vergebung der Sünde und die Versöhnung mit Gott, sondern auch auf die Erneuerung der Schöpfung. Daher sind die Rechtfertigungslehre und das sola gratia nach evangelischem Verständnis das Kriterium aller kirchlichen Verkündigung,34 das Kriterium für das Verständnis des Evangeliums von Jesus Christus und ebenso für das Verständnis der Welt als Schöpfung und des Menschen als Geschöpf Gottes.

Das lässt sich sehr schön an Luthers Auslegung des 1. Artikels des Apostolischen Glaubensbekenntnisses verdeutlichen. Was bedeutet die Aussage: «Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde»? Luther antwortet: «Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält; dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was nottut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit: für all das ich ihm zu danken und zu loben und dafür zu dienen und gehorsam zu sein schuldig bin. Das ist gewisslich wahr.»35

Der Schöpfungsglaube hat nach Luther also die Struktur der Rechtfertigungsbotschaft. Sola gratia: Das bedeutet schöpfungstheologisch gewendet, das Leben als gute Gabe aus Gottes Hand zu empfangen – «und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit.» Dass der Glaube im Sinne Luthers gleichbedeutend mit der Gewissheit des sola gratia erworbenen Heils ist, unterstreicht der Schlusssatz seiner Auslegung des ersten Glaubensartikels: «Das ist gewisslich wahr.»

Das sola gratia bildet aber auch einen Kontrast zur Gnadenlosigkeit unserer heutigen übertribunalisierten Lebenswelt, welche die Frage nach einer Kultur des Erbarmens und des Verzeihens laut werden lässt. Nach christlichem Verständnis ist es Jesus Christus als das fleischgewordene |77| Wort Gottes, in dem eine solche Kultur des Verzeihens ihre Quelle und ihren Maßstab hat.

Das Evangelium ist die Zusage bedingungsloser Liebe. Hat schon der irdische Jesus für sich die Vollmacht beansprucht, im Namen Gottes Sünden zu vergeben, so begreift das Neue Testament schließlich seinen Tod und seine Auferstehung als definitiven göttlichen Akt der Vergebung. Mit Paulus ist der Tod Jesu als Inbegriff göttlicher Feindesliebe (Röm 5, 10) zu verstehen, in welcher die Zuspitzung des Gebotes der Nächstenliebe zum Gebot der Feindesliebe (Mt 5, 38–48) ihren eigentlichen Grund hat. Die göttliche Vergebung aber zielt auf endgültige und universale Versöhnung.

Gerade seine religiöse Dimension macht das Christentum zur maßgeblichen Ressource einer Kultur des Verzeihens. Darauf hat bereits Hannah Arendt aufmerksam gemacht.36 Besondere Beachtung verdienen ihre Ausführungen zu Taten, die von Menschen nicht vergeben werden können, weil sie auch durch keine irdische Strafe gesühnt werden können. Dieser Gedanke ist hilfreich, um den Sinn der biblischen Rede vom Jüngsten Gericht neu zu verstehen. Recht verstanden ist der Gerichtsgedanke eine Implikation der christlichen Gewissheit, dass bei Gott auch in Sachen Vergebung kein Ding unmöglich ist, gerade weil er der richtende, Gerechtigkeit verbürgende Gott ist. Ohne den Gedanken des richtenden Gottes verliert auch derjenige des gnädigen Gottes seine Plausibilität.

Der Gedanke des Jüngsten Gerichts verwandelt sich freilich unter dem Vorzeichen von Rechtfertigung und Versöhnung von einem Symbol der Angst zu einem Symbol der Hoffnung, wie sich schon an der Frage 52 des Heidelberger Katechismus zeigt.37 Der biblische Gerichtsgedanke und die |78| Lehre von der Rechtfertigung des Sünders bringen eine Hoffnung zum Ausdruck, die nicht nur den Opfern der Geschichte, sondern auch den Tätern gilt, freilich so, dass die Mörder nicht über ihre Opfer triumphieren.38

Für den christlichen Glauben erschließt sich der Gerichtsgedanke von der Heilsbedeutung des Todes Jesu her. Hier wird die Verbindung des sola gratia mit dem solus Christus deutlich. Mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis gesprochen, hoffen die Christen auf die Wiederkunft Christi zum Jüngsten Gericht. Dass aller Menschen Richter kein anderer als Jesus Christus ist, sagt uns, dass Gott die Welt heilvoll zurechtbringen will und dass seine Gerechtigkeit vom Geist der Liebe durchdrungen ist.

Das Ziel des Rechtfertigungsgeschehens ist Versöhnung. Alles menschliche Bemühen um Versöhnung hat in der von Gott selbst in Christus gestifteten Versöhnung zwischen Gott und Mensch ihren letzten Grund. Leben aus der Kraft der Versöhnung ist Leben in der Hoffnung auf das Reich Gottes. Diese Hoffnung schließt das Gedächtnis der Toten und ihrer Leiden ein. Sie bildet den uneinholbaren Horizont aller innerweltlichen Bemühungen um Versöhnung.

5. Allein die Schrift

Nach klassischer reformatorischer Lehre ist allein die Schrift Quelle und Maßstab christlichen Glaubens, christlicher Lehre und christlichen Lebens. Man beruft sich dafür auf Luthers Formel sola scriptura, die freilich nicht für sich steht, sondern in das Geviert der sich wechselseitig erläuternden Exklusivpartikel gehört: Sola scriptura – solus Christus – sola gratia – sola fide.39 Allein die Schrift ist Quelle und Maßstab des Glaubens, weil und sofern sie Christus bezeugt, der allein die Quelle des Heils ist, nämlich des den Sünder freisprechenden Evangeliums. Die Rechtfertigung des Sünders erfolgt um Christi willen allein aus Gnaden – und zwar |79| allein durch den Glauben an das Evangelium, wie es eben von der Schrift bezeugt wird.

Gemäß der lutherischen Konkordienformel von 1577 «bleibt allein die Heilige Schrift der einig Richter, Regel und Richtschnur, nach welcher als dem einigen Probierstein sollen und müssen alle Lehren erkannt und geurteilt werden, ob sie gut oder bös, recht oder unrecht sein»40. Ähnlich formulieren die reformierten Bekenntnisschriften.41 Abgesehen davon, dass die Konkordienformel das reformatorische Schriftprinzip im Vergleich mit Luther auf seine kriteriologische Funktion reduziert, hat dieses sowohl im Luthertum als auch in den reformierten Kirchen eine antikatholische – oder sagen wir besser: eine antirömische – Stoßrichtung. Nicht die kirchliche Tradition und nicht das Lehramt, sondern allein die Schrift ist die maßgebliche Norm für Theologie und Verkündigung.

«Die» Bibel, «die» Schrift, auf welche das reformatorische sola scriptura pocht, ist freilich ein Kanon mit antikatholischer Stoßrichtung, den man kanongeschichtlich als Hybrid bezeichnen muss. Zwar berufen sich die Reformatoren im Sinne der humanistischen Parole ad fontes! auf den vermeintlichen Urtext des Alten und des Neuen Testaments. Im Zuge dessen wird auch die Biblia Hebraica der Septuaginta vorgezogen, auf welcher das Alte Testament der Vulgata fußt. Sie betonen die Vorgegebenheit, die Externität und unumstößliche Autorität des göttlichen Wortes. In Wahrheit haben sie jedoch keinen vorgefundenen Kanon benutzt, sondern «einen hybriden Kanon geschaffen, also einen Kanon, den es vorher noch nie gegeben hat und seitdem auch nur in nationalen Übersetzungen gibt».42

Die Schrift, auf welche sich die reformatorischen Kirchen berufen, ist streng genommen nicht der Ausgangspunkt, sondern das Produkt der Reformation, nämlich ein aus hebräischem Umfang und griechischer Struktur gemischter, jedoch in einer dritten Sprache – sei es Deutsch43, |80| Englisch oder sonst eine lebende Sprache – dargebotener Kanon. Ähnlich wie im Fall der Septuaginta ist also auch hier die Übersetzung das Original.

Das beschriebene Wechselverhältnis von Kanon, Übersetzung und konfessioneller Identität muss evangelischerseits als Anfrage an das reformatorische Schriftprinzip ernstgenommen werden.44 Abgesehen davon, dass der protestantische Hybridkanon nur in Übersetzungen vorliegt, gibt es ja eine Vielzahl von deutschen, englischen oder sonstigen fremdsprachigen Übersetzungen, wobei nochmals zwischen Privatübersetzungen, Leseausgaben und wissenschaftlichen Übersetzungen sowie kirchlich approbierten, d. h. für den gottesdienstlichen Gebrauch zugelassenen, Übersetzungen zu unterscheiden ist. Vor dem Akt des Lesens steht die Auswahl der Übersetzung, in welcher man die Bibel lesen möchte. Mindestens insofern gilt, dass nicht nur der Sinn eines einzelnen Textes, sondern die Bibel als Makrotext im Akt der Rezeption je und je neu entsteht.

Hat sich damit das reformatorische Schriftprinzip, dessen Krise seit den Anfängen der historisch-kritischen Exegese konstatiert wird, endgültig erledigt?45 Bleibt es bei seiner Dekonstruktion?46 Oder besteht die Möglichkeit einer rezeptionsästhetischen Rekonstruktion, die nicht nur literaturwissenschaftlich, sondern auch theologisch überzeugt? Lässt sich dementsprechend auch die Lehre von der Inspiration der Heiligen Schrift in ihrem reformatorischen Verständnis neu erschließen, ohne den altprotestantischen Selbsttäuschungen zu erliegen? |81|

Die Einheit der Schrift lässt sich jedenfalls weder formal im Sinn einer Kanonliste – von denen es bis heute mehrere gibt – noch durch die lehramtliche Dogmatisierung eines Sinnbestandes bestimmen. Sie entsteht vielmehr immer wieder neu durch fortgesetzte Lektüre. Dabei ist zwischen der äußeren und der inneren Einheit des Kanons zu unterscheiden.

Gleichwohl behauptet die reformatorische Tradition, dass der Kanon nicht das Produkt der Kirche, die Kirche also nicht das Subjekt der Kanonbildung ist. Nur unter dieser Prämisse macht das reformatorische Schriftprinzip, das sola scriptura, wonach die Heilige Schrift allein Quelle des Glaubens und jedes kirchliche Auslegungsprivileg zurückzuweisen ist, Sinn. Inwiefern aber ist diese Behauptung unter den Bedingungen des modernen Geschichtsbewusstseins und der historisch-kritischen Forschung plausibel?

Die verschiedenen Gestalten der jüdischen Bibel bzw. des Alten Testaments sowie der christlichen Bibel mit ihrem Doppelkanon lassen sich im Sinne moderner Intertextualitätskonzepte verstehen.47 Wie Gerhard Ebeling erklärt hat, ist der biblische Kanon ebenso wie das reformatorische Schriftprinzip «in entscheidender Hinsicht nicht ein Textabgrenzungsprinzip, sondern ein hermeneutisches Prinzip»48. Nimmt man diesen Gedanken ernst, so folgt daraus nicht nur im Gespräch zwischen Christentum und Judentum, sondern auch unter den christlichen Kirchen «der Respekt für die gegenseitige Begrenzung und daher bereichernde Ergänzung, die verschiedene Textüberlieferungen und -organisationen mit sich bringen».49 Wenn jeder Kanon als eine partikulare Realisierung der Idee der Heiligen Schrift verstanden wird, die auf den Austausch mit anderen Gestalten ihrer Realisierung angewiesen ist, ist auch ein Hybrid wie der protestantische Kanon theologisch legitim. |82|

Schriftauslegung geschieht nicht nur unvermeidlich plural, sondern sie ist auch niemals voraussetzungslos, hat sie doch ihren Ort in der Kirche bzw. den einzelnen Konfessionen als Auslegungsgemeinschaften.50 Insoweit leuchtet das Postulat einer «kirchlichen Hermeneutik» ein, welches heute als «Hermeneutik des Einverständnisses»51 diskutiert wird. Einverständnis mit dem biblischen Text kann freilich bestenfalls das Resultat des Verstehensvorgangs, keinesfalls die Prämisse sein. Folglich kann es nach evangelischem Verständnis auch kein kirchliches bzw. lehramtliches Auslegungsprivileg geben, das die Pluralität des prinzipiell unabschließbaren Auslegungsprozesses steuern und domestizieren soll.

Nach reformatorischer Tradition ist die Kirche, konkret die gottesdienstliche Gemeinde, freilich nicht das Subjekt, sondern das Objekt der Auslegung. Sie ist eine Wort-Schöpfung, creatura Euangelii (Luther)52, d. h. ein Geschöpf des Evangeliums bzw. eine Schöpfung des Wortes Gottes53. Wie Luther schreibt, ist die Kirche nata ex verbo54, wobei es sich bei der Geburt der Kirche aus dem Wort Gottes nicht um einen einmaligen Vorgang in der Vergangenheit, sondern um ein beständiges Geschehen handelt. Ähnlich wie der Christenmensch nach Luther täglich aus der Taufe neu herauskriecht55, so wird auch die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden stets aufs Neue aus dem Wort geboren. Eben in diesem Sinne ist sie creatura verbi und nicht sein creator.

6. Allein durch den Glauben

Was aber ist nun im Sinne reformatorischer Theologie unter dem Glauben zu verstehen, durch den allein der Mensch gerechtfertigt wird? Gerhard |83| Ebeling bringt das Glaubensverständnis Luthers auf die knappe Formel: «Glauben ist gutes Gewissen.»56 Das gute Gewissen stützt sich nicht auf die eigenen Werke und Leistungen, die der Mensch vollbringt, sondern allein auf Gottes Werk in Jesus Christus. Es ist ein befreites Gewissen, wie überhaupt der Glaube in der Erfahrung einer neu gewonnenen Freiheit von der Sünde und für Gott und den Mitmenschen besteht.

Letztlich ist die Lehre von der bedingungslosen Annahme und Rechtfertigung des Gottlosen nichts anderes als eine Freiheitslehre. Nach reformatorischem Verständnis sind Heilsgeschehen und Heilsgeschichte eine Geschichte der Freiheit, genauer gesagt, eine Geschichte der Befreiung. Der Glaube ist das Bewusstsein einer neu gewonnenen Freiheit, zu der die Glaubenden durch Christus befreit sind (vgl. Gal 5, 1).57

Befreit zum Glauben kann der Mensch «Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen», wie Luther in der Auslegung zum Ersten Gebot sagt.58 Am Glauben erweist sich auch das Wesen der Sünde. Sünde ist wesenhaft Unglaube, und das meint eben mangelnde Gottesfurcht und Gottesliebe, fehlendes Vertrauen zu Gott.59

Der Glaube aber ist weder ein menschliches Werk oder Vermögen noch eine Tugend im Sinne einer philosophischen Tugendlehre, sondern allein Gottes Werk und Gabe, so gewiss der Mensch selbst im Akt des Glaubens als Subjekt beteiligt ist. Luther beschreibt den Glauben in seiner Auslegung des dritten Artikels des Apostolikums als Werk des Heiligen Geistes: «Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesus Christus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann; sondern der Heilige Geist hat mich durch das Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten».60 Wie die Rechtfertigung ist also auch der Glaube als ein trinitarisches Geschehen zu begreifen, das durch Vater, Sohn und Heiligen Geist bewirkt wird.

Ebenso sagt es auch der Heidelberger Katechismus, die wichtigste Bekenntnisschrift der reformierten Kirchen, in der Antwort auf die 21. Frage, was wahrer Glaube sei: Glaube «ist nicht allein eine gewisse |84| Erkenntnis, dadurch ich alles für wahr halte, was uns Gott in seinem Wort offenbaret, sondern auch ein herzliches Vertrauen, welches der Heilige Geist durchs Evangelium in mir wirket, dass nicht allein andern, sondern auch mir Vergebung der Sünden, ewige Gerechtigkeit und Seligkeit von Gott geschenkt sei aus lauter Gnaden, allein um des Verdienstes Christi willen.»61

Das Evangelium, von dem Luther und der Heidelberger Katechismus sprechen, ist, mit Paulus gesprochen, das kērygma Iēsu Christu (vgl. Röm 16, 25). Diese Formel beinhaltet gleichermaßen einen Genetivus objectivus wie einen Genetivus subjectivus. Es handelt sich beim Kerygma Jesu Christi also nicht nur um die Verkündigung, deren Inhalt Jesus Christus ist, sondern auch um die Verkündigung, deren Urheber und Subjekt Christus ist. Eben darum gehören Wort und Glaube nach reformatorischem Verständnis unmittelbar zusammen.

Wo die Botschaft von Jesus Christus Aufnahme findet, wirkt Christus selbst. Mit Rudolf Bultmann gesprochen, beginnt das Christentum damit, dass der Verkündiger zum Verkündigten geworden ist. Dadurch, dass er verkündigt wird, spricht Christus selbst in die Gegenwart hinein.

Im Neuen Testament wird Jesus von Nazareth als das Wort Gottes bezeichnet. Er ist freilich nicht mehr unmittelbar präsent, sondern nur mittelbar durch die christliche Verkündigung, paulinisch gesprochen: durch das Kerygma. Das Kerygma ist Wort des Glaubens, auch dies in der doppelten Bedeutung des Genetivs: Es bezeugt den Glauben an Jesus Christus und ist zugleich das Medium, welches den Glauben hervorruft. In der Botschaft (nicht im Bericht!) des Glaubens, in welcher der Glaube an Jesus als den Christus Gottes bekannt wird, kommt Gott selbst zur Sprache. Gott ist also diejenige Größe, welche die Botschaft des christlichen Glaubens als vermittels ihrer selbst Glauben provozierende und als solche in Erscheinung tretende zur Sprache bringt. Solchermaßen tritt Gott als Grund des Glaubens und damit als Grund aller Wirklichkeit in Erscheinung.

Dass das «Wort des Glaubens» einerseits als Bekenntnis von Glauben, andererseits als Provokation zum Glauben zu verstehen ist, bedarf noch einer genaueren Erklärung. «Provokation» meint wörtlich «hervorrufen». Sofern das Wort des Glaubens die Weise ist, in der Gottes schöpferisches Wort vernehmbar wird, meint «hervorrufen» so viel wie «ins Sein rufen», |85| nicht etwa nur «herausfordern», wie wir das Wort «provozieren» üblicherweise übersetzen. Die Provokation des Wortes des Glaubens ist nicht nur als Forderung, d. h. als Appell zum Glauben zu verstehen. Vielmehr spricht das Wort des Glaubens «in der Weise vom Glauben, dass es ihn zuspricht und gibt, anstatt ihn nur zu fordern und abzuverlangen».62 Der neutestamentliche Glaube ist also «ein integrierender Bestandteil des Ereignisses, das er bezeugt».63

Ist die Weise, in welcher uns Gottes Wort in Menschenworten begegnet, keine andere als das Wort des Glaubens, so ist der Glaube selbst – wie von Bultmann zu lernen bleibt – als eine Weise des Verstehens zu interpretieren. Der Glaube als eigentümliche Weise des Selbstverständnisses begreift sich aber passivisch als ein von Gott Erkannt- und Verstandenwerden. Auf ein letztes Offenbarwerden des eigenen Selbst richtet sich die eschatologische Hoffnung des Paulus in 1Kor 13, 12: «Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.» Der Glaube ist folglich nicht eine Weise aktiver Selbstbestimmung, sondern ein passives Bestimmtsein.64 Wiewohl der Glaubende im Glauben sich selbst neu versteht bzw. das gläubige Selbst sich selbst in Gott gründet, bleibt der Glaube doch ein Widerfahrnis, das sich bei aller Tätigkeit des Subjekts gerade nicht als eigenmächtige Tat, sondern nur als Gabe verstehen lässt. Von menschlicher Selbstbestimmung kann darum mit Blick auf den Glauben allenfalls so gesprochen werden, dass im Glauben das vorgängige Bestimmtsein durch Gott anerkannt und nachvollzogen wird.

Der Glaube aber bleibt nicht selbstgenügsam bei sich selbst, sondern er ist gepaart mit der Liebe zu Gott und dem Mitmenschen wie auch mit der Hoffnung. In den johanneischen Schriften des Neuen Testaments wird Gottes Wesen als Liebe und der Glaube als ein Sein in der Liebe beschrieben. Glaube und Liebe verhalten sich nach Luther zueinander wie |86| Person und Werk,65 Täter und Tat66. Der Glaube zeigt sich in der Dankbarkeit,67 die in einem gelebten Ethos praktisch wird. Er kann aber nicht darauf reduziert werden, lediglich als Motivation zum Handeln zu dienen.

Die Rechtfertigungsbotschaft setzt voraus, dass zwischen dem Handeln Gottes und demjenigen des Menschen begrifflich unterschieden wird. Wenn Luther von den Taten der Liebe als Früchten des Glaubens spricht, steht das Handeln des Menschen freilich nicht unverbunden neben dem Handeln Gottes, sondern es bezieht sich gerade auf dasjenige, was allein Gottes Werk ist. Die Rechtfertigungslehre spricht exklusiv vom gnädigen Handeln Gottes am Menschen und der Welt. Die Rede vom rechtfertigenden Handeln Gottes eröffnet ein spezifisch theologisches Verständnis von Freiheit, welche die Grundbedingung allen Handelns ist. Auf diese Weise werden sowohl der gängige Handlungsbegriff als auch ein allgemeines Verständnis von Ethik der Kritik unterzogen. Eine rechtfertigungstheologisch begründete Ethik ist, recht verstanden, nicht so sehr eine solche des Tuns als vielmehr des Lassens. In Umkehrung des Satzes aus Jak 1, 22 lautet ihr Motto, plakativ formuliert: «Seid aber Hörer des Wortes und nicht Täter allein, wodurch ihr euch selbst betrügt!»

Das Hören des Wortes Gottes weist ein in eine Ethik des Lassens, die Gott Gott und den Mitmenschen ihn selbst sein lässt, statt über ihn und die Welt eigenmächtig verfügen zu wollen.68 Es kommt eben keineswegs darauf an, mit Marx gesprochen, die Welt oder unsere Mitmenschen nach unseren Heilsvorstellungen zu verändern oder zu verbessern, sondern darauf, sie zu verschonen. Den Anderen und die Schöpfung sein zu lassen, schließt freilich das tätige Wohlwollen ein, das jedoch immer wieder in die Gefahr geraten kann, den Mitmenschen paternalistisch zu bevormunden. Eine aus der Rechtfertigung begründete Ethik ist daher immer auch eine Ethik der Selbstbegrenzung des handelnden Subjekts.

Es gilt, das Evangelium, d. h. die gute Nachricht von der Rechtfertigung des Gottlosen allein durch den Glauben, gegen seine Verkürzung auf eine bestimmte Moral zu schützen. Auch zu diesem Zweck ist das vierfache solus reformatorischer Theologie in Erinnerung zu rufen. Die |87| Rechtfertigungsbotschaft ist freilich ebenso gegen das Missverständnis zu schützen, als komme es auf das menschliche Tun und Lassen gar nicht an. Der Glaube ermutigt und befähigt gerade zur Verantwortungsübernahme vor Gott und den Menschen. Die Aufgabe einer evangelischen Ethik besteht darin, den inneren Zusammenhang von Freiheit, Liebe und Verantwortung zu verdeutlichen und für das gegenwärtige Handeln in Gesellschaft und Politik fruchtbar zu machen.

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Peter Opitz, Zürich

Der spezifische Beitrag der Schweizer Reformation zur reformatorischen Bewegung69
1. Zum historischen Beitrag der Schweizer Reformation zur Reformationsbewegung
1.1 Die Schweizer Reformation als historische Wurzel des weltweiten reformierten Protestantismus

Anfang Januar 1523 riefen der Bürgermeister und die Räte der Stadt Zürich alle Pfarrer, Seelsorger, Prädikanten und Priester des Zürcher Gebiets zu sich ins Rathaus zu einer «Disputation», die Ende des Monats stattfinden sollte. Dabei ging es um die Schlichtung eines Streits: des Streits zwischen solchen, die behaupteten, «dem gemeinen Menschen das Gotteswort von der Kanzel zu verkündigen», und die sich dabei auf das «Evangelium» beriefen, und ihren Gegnern, die sie als «Irrlehrer, Verführer und Ketzer» beschimpften. Auch an den Bischof von Konstanz ging eine Einladung. Erst nachdem dieser der Aufforderung nicht nachgekommen war, in seinem Bistum für Frieden und Ordnung zu sorgen, hatten die Zürcher Räte diese Initiative ergriffen. Die streitenden Parteien sollten Gelegenheit bekommen, ihre Ansichten «mit wahrer göttlicher Schrift in deutscher Sprache» zu begründen. Ulrich Zwingli hatte seine Lehre in 67 Thesen gefasst, die zur Diskussion gestellt werden sollten.

Der Ausgang der Disputation war eindeutig und das Urteil des Rats richtungsweisend: Da niemand Zwingli auf dieser Basis hatte widerlegen können, sollte dieser in seiner Verkündigung nun weiterfahren wie bisher. Und nicht nur er: Alle Pfarrer und Priester in Stadt und Land sollten von nun an nichts anderes predigen als das, was sie mit dem «heiligen Evangelium und sonst mit der rechten göttlichen Schrift beweisen» konnten.

Es dauerte noch einige Zeit, bis sich die Reformation in Zürich endgültig durchgesetzt und etabliert hatte. Aber die Weichen waren damit gestellt. Der Zürcher Rat hatte die Zügel auf dem Feld von Kirche |89| und Religion in die Hände genommen, er hatte sich hinter den umstrittenen Prediger Ulrich Zwingli gestellt und er hatte das Evangelium, wie es allein in den biblischen Schriften zu finden ist (sola scriptura), als Kriterium anerkannt, an welchem auch die Christlichkeit der römischen Bischofskirche mit ihrem bisherigen Wahrheits- und geistlichen Machtanspruch im christlichen Europa gemessen werden sollte.

Zwar wäre die Schweizer Reformation kaum denkbar gewesen ohne Luthers Auftreten und das reichsweite Echo, das es ausgelöst hatte. Der Zürcher Ratsentscheid vom Januar 1523 war dennoch in dieser Weise erstmalig und für die gesamte europäische Reformationsbewegung bahnbrechend. Ein nach damaligen Maßstäben souveränes politisches Gemeinwesen hatte im Grundsatz beschlossen, die Verkündigung des Evangeliums nach dem alleinigen Maßstab des «göttlichen Wortes» einzuführen, mit der unvermeidbaren Konsequenz, das eigene christlich-politische Gemeinwesen entsprechend zu «reformieren», ungeachtet aller kirchlich-religiösen Traditionen und reichspolitischen Drohgebärden. Vordenker dieses Geschehens war Ulrich Zwingli mit seinem eigenständigen theologischen Profil, an das die späteren «reformierten» Theologen direkt oder indirekt anknüpfen konnten. Dies gilt auch für Calvin, bei dem sich kaum ein theologischer Gedanke finden lässt, der nicht schon Jahre zuvor in der Schweizer Reformation geäußert und diskutiert worden wäre. Ebenso waren es Zürcher Impulse zur Gestaltung einer «gemäß dem Gotteswort reformierten» Kirche, die in die Reformationsbewegung einflossen. Man denke an das Mittel der öffentlichen Disputation zur Einführung der Reformation, das überall im Reich Nachahmung fand. Auch wenn es weit vom modernen Ideal einer gemeinsamen, herrschaftsfreien Suche nach der Wahrheit entfernt war, so gehört es doch grundsätzlich in diese Linie hinein und nicht in die Linie päpstlicher Erlasse oder landesfürstlicher Religionsdekrete. Zu denken ist aber auch an die theologischen «Hohen Schulen» und Akademien zur Ausbildung der Pfarrer unter Einschluss der humanistischen Bibelphilologie oder an die Einführung von Synoden, Pfarrkonventen oder Konsistorien als kirchliche Leitungsgremien und als Gegenmodell zu einer bischöflich-hierarchischen Leitungsstruktur.

Ein wichtiger historischer Beitrag der Schweizer Reformation zur Reformationsbewegung besteht darin, dass sie als Wurzel des weltweiten reformierten Protestantismus wesentlich als Städtereformation oder Gemeindereformation entstanden ist. Das Bild der Wurzel soll zugleich andeuten: Schnell einmal entwickelte sich die Bewegung weiter, breitete |90| sich in viele Gebiete Europas aus, verschmolz verschiedentlich mit Impulsen und Traditionen der Wittenberger Reformation und nahm unterschiedliche theologische Färbungen und kirchliche Gestalten an. Anders als der lutherische Protestantismus, der bis heute seine Identität durch die bleibende – wenn auch faktisch sehr unterschiedlich interpretierte – Orientierung an seinem einen Gründervater sicherstellt, gehört es gerade zum Wesen und Selbstverständnis der aus dieser Wurzel stammenden Bewegung, dass sie sich nicht von einem einzelnen Reformator her definieren wollte. Später hat man dies allerdings oft doch getan und etwa den ursprünglich als Schimpfnamen verwendeten Titel des «Calvinismus» als Selbstbezeichnung übernommen. Das lässt sich geschichtlich erklären und hat dem «Calvinismus» vom 17. Jahrhundert an eine bestimmte «konfessionelle» Identität verliehen, allerdings auch mit problematischen Seiten und Konsequenzen. Man hat damit den historischen Reichtum und den theologischen Anspruch der aus der Schweizer Reformation hervorgegangenen Bewegung in problematischer Weise eingeschränkt.

1.2 Die Schweizer Reformation als europäische Reformation

Im zeitgenössischen Verständnis bestand die (reformierte) «Schweiz» geografisch im Wesentlichen im direkten Einflussgebiet der zwinglischen Reformation, markiert durch die Städte Zürich, Schaffhausen, Basel und Bern. Sehen wir uns allerdings die hier tätigen Reformatoren als die geistigen Träger der Bewegung genauer an, wird die Schweizer Reformation bald einmal zur europäischen Reformation. Schon Ulrich Zwingli selber war ursprünglich kein vollwertiger Eidgenosse. Er stammte aus dem Toggenburg, einem Gebiet, das sich der Eidgenossenschaft angeschlossen hatte, aber weniger politische Rechte besaß. Protokollführer der zweiten Zürcher Disputation war der spätere Täufermärtyrer Balthasar Hubmaier aus Friedberg bei Augsburg. Zwinglis Amtsnachfolger war Heinrich Bullinger, der in der «Gemeinen Herrschaft» Aargau aufgewachsen war. Zwinglis engster Kollege und Mitstreiter war Leo Jud, Pfarrer an der Zürcher Stadtkirche St. Peter. Leo Jud stammte aus dem Oberelsaß. Ebenfalls aus dem Elsass, aus Schlettstatt, stammte der erste Zürcher Pfarrer, der öffentlich heiratete, Wilhelm Reublin. Konrad Pellikan, der berühmte Hebraist und Lehrer für Altes Testament an der Zürcher Hohen Schule, stammte aus Rufnach, auch er ein Elsässer. Sein nicht weniger berühmter Kollege an der hohen theologischen Schule, Theodor Bibliander, war ursprünglich aus Bischofszell gekommen. Der hochberühmte Gelehrte Peter |91| Martyr Vermigli stammte aus Italien. Die Situation für Basel, Bern und Schaffhausen war bezüglich der Herkunft der prägenden Reformatoren nicht anders, und dies galt dann erst recht für Lausanne, Neuenburg und Genf, das nahezu vollständig von französischen Reformatoren geprägt wurde. Ein Grund dafür war die enge Verknüpfung der Schweizer Reformation mit dem Netz des europäischen Humanismus. Nicht zufällig hat sich der Katholik Erasmus gegen Ende seines Lebens Basel als Wohnort ausgesucht, und die Grabesrede für ihn hielt der aus dem katholischen Luzern stammende Reformator und frühere Mitstreiter Zwinglis Oswald Myconius.

2. Zum theologischen Beitrag der Schweizer Reformation für die Reformationsbewegung

Worin aber besteht der besondere theologische Beitrag der Schweizer Reformation zur Reformationsbewegung – wie er nicht nur Vergangenheit ist, sondern möglicherweise auch Potenzial und Bedeutung für deren Zukunft besitzt? Wir fragen hier also nicht theologiegeschichtlich, sondern versuchen, an das genannte charakteristische Merkmal der Schweizer Reformation anzuknüpfen und es für die heutige und künftige Reformationsbewegung fruchtbar zu machen. Dazu muss es zunächst noch etwas genauer entfaltet werden.

2.1 Das Evangelium von der Versöhnung

Inhalt des Evangeliums, wie es Zwingli an der ersten Zürcher Disputation vom Januar 1523 definiert hatte, ist nichts anderes als Christus selbst: In ihm werden Gottes Wille und Gottes Versöhnungstat für uns offenbar: «Summe des Evangeliums ist, dass unser Herr Christus Jesus, wahrer Gottessohn, uns den Willen seines himmlischen Vaters kundgetan und uns mit seiner Unschuld vom Tode erlöst und Gott versöhnt hat.»

Nicht eine «neue Lehre» sollte hier vorgetragen werden. Letztlich ging es einzig um den Ruf, auf «Christus allein» (solus Christus) zu hören und sich ihm als dem Ort der Versöhnung mit Gott anzuvertrauen. Wenn man die Reformatoren als «Neugläubige» bezeichnet und den römisch-katholischen «Altgläubigen» gegenübergestellt hat, war dies Polemik oder beruhte auf einem Missverständnis. Die Schweizer Reformation wollte nichts anderes als eine Rückbesinnung auf die (ungetrübte) Quelle und Konzentration auf das Wesentliche und Grundlegende des gemeinchristlichen Glaubens sein. Die Schweizer Reformatoren verstanden sich |92| als Vertreter des «alten Glaubens», wie etwa Heinrich Bullinger ausdrücklich hervorgehoben hat. In diesem Grundanliegen der Reformation sahen sie sich vor allem mit den Wittenberger Reformatoren zutiefst verbunden. Und doch ist bei genauerem Hinsehen durchaus ein eigenes Schweizer Profil zu erkennen – das aber, jedenfalls aus Schweizer Sicht, niemals Grund zu einer innerprotestantischen Kirchentrennung gewesen wäre. Luther sah dies leider anders. Meine Aufgabe ist es nun, dieses besondere Profil ein wenig herauszuarbeiten.

Luthers Frömmigkeit und Denken blieben stets tief geprägt von seiner Erfahrung als Mönch. Auch wenn Luthers befreiende «reformatorische Entdeckung» die spätmittelalterliche Bußfrömmigkeit völlig umkrempelte, so war es die Frage der persönlichen Aneignung bzw. Zueignung der göttlichen Gnade, die das bleibende Gravitationszentrum seines Verständnisses des Evangeliums bildete. Sein Verhalten im Abendmahlsstreit, seine Katechismen und seine sehr zurückhaltenden Vorschläge zur Reform des kirchlichen und gottesdienstlichen Lebens beweisen dies.

Zwinglis Beschreibung des Evangeliums stellt nicht zufällig nicht den Rechtfertigungsbegriff ins Zentrum, sondern spricht von Versöhnung und vom göttlichen Willen, die beide in Christus zu finden sind.

Versöhnung bedeutet aber: Wiederherstellung der Gemeinschaft. Für Zwingli ist die Gemeinschaft der Menschen mit Gott untrennbar verbunden mit einer «versöhnten» Gemeinschaft von Menschen, gestaltet durch den in Christus bekannt gemachten göttlichen Willen, mit einer christlichen Gemeinde. Zwinglis Sorge als «Leutpriester» (Volkspfarrer) war weniger sein persönliches Seelenheil als das Heil bzw. die Gottesnähe der ihm anvertrauten Gemeinde. Nicht zufällig hatte Zwingli als zusammenfassendes Motto seiner Verkündigung Mt 11,28 auf das Titelblatt seiner Schriften drucken lassen: Christus, der die Menschen zu sich, in seine Gemeinschaft ruft: «Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.» (Mt 11, 28)

Eine wichtige theologische Folge ist, dass die leitenden Begriffe aus der Schweizer Reformation nicht Gesetz und Evangelium sind, sondern Erwählung und Bund. Der Jurist Calvin entwickelte bekanntlich später im Anschluss an den von Zwingli beeinflussten Martin Bucer den Gedanken der «Erwählung» weiter, als Gottes Recht auf seine ihn ehrende Gemeinde. Heinrich Bullinger war demgegenüber mehr besorgt, dass die göttliche Liebe als Grund seines Gemeinschaftswillens nicht verdunkelt wird. Dass Gott will, dass alle Menschen gerettet werden (1Tim 2, 4), war für ihn ein wichtiger Gedanke, für den er auf logische Spekulationen zu |93| verzichten bereit war. Er stellte den «Bund» Gottes mit den Menschen ins Zentrum und wurde so zum Vater der reformierten Bundestheologie.

Entsprechend könnte man formulieren: Der Ort von Zwinglis Botschaft ist nicht der Beichtstuhl, sondern die öffentliche Volksversammlung. Das Evangelium zielt auf Gemeinschaft und wird vor allem in der Gemeinschaft erfahrbar. Es konstituiert so notwendig christliche Gemeinde und gibt ihr zugleich eine besondere, «evangelische» Gestalt. Auf drei Aspekte soll hier hingewiesen werden.

2.2 Die Kirche als Gemeinschaft des Lernens

Eine bekannte Einrichtung der Zürcher Reformation war die sogenannte Prophezei. Sie wurde 1525 eingerichtet. Täglich außer freitags und sonntags wurde im Chor des Großmünsters ein Bibeltext aus dem Alten Testament ausgelegt. Zunächst traten die Exegeten in Aktion und interpretierten den Text auf der Grundlage des hebräischen Urtextes und der griechischen Textversion der Septuaginta. Danach wurden die Ergebnisse der Auslegung in deutscher Sprache der Gemeinde vorgetragen. Die Einrichtung hat symbolischen Wert: Dort, wo vorher lateinische Bibeltexte, die niemand verstand, im Kirchengesang ertönten, wurde nun die Bibel ausgelegt. Und dies so, dass man einerseits möglichst nahe an den Urtext herankommen wollte und andererseits nach dem göttlichen Wort für die Gegenwart fragte. Aus dieser Einrichtung ist dann die Zürcher «Hohe Schule» entstanden. Hier hat man Gelehrte angestellt, die die Theologen ausbilden sollten, vor allem in den biblischen Sprachen und in der Auslegung der Bibel. Aber eigentlich ging es nicht nur um die Schulung von Theologen, sondern um die Bildung einer Volksgemeinschaft in der biblischen Wahrheit. Alle sollten das göttliche Wort kennen und verstehen lernen.

Auch die Zürcher Bibelübersetzungen sind aus der Prophezei herausgewachsen. Im Jahre 1529, fünf Jahre bevor die Lutherbibel vollständig war, lag die vollständige Zürcher Bibel in sechs Bänden vor. Im Todesjahr Zwinglis (1531) erschien sie als «Froschauer Bibel» in einem Band vereinigt. In den folgenden Jahren wurde eine große Anzahl von verschiedenen Bibelausgaben und Bibelkommentaren gedruckt, sowohl für die Gelehrten als auch für das Volk. Stärker als Bekenntnisschriften, Katechismen oder Schriften von Reformatoren war es die Bibel selbst, die im Zentrum der Schweizer, speziell der Zürcher Reformation stand. |94|

Im Bestreben, sie mit den besten verfügbaren Methoden auszulegen, griff man dankbar auf die humanistische Bildung zurück. Die Berücksichtigung unterschiedlicher Gattungen biblischer Texte, ihre philologische und rhetorische Analyse und ihre Einordnung in den jeweiligen Geschehens- und Redekontext waren ebenso selbstverständliche Schritte in ihrer Auslegung wie die Berücksichtigung von aramäischen Bibelparaphrasen und der exegetischen Literatur aus der talmudischen Zeit, der Zeit der Kirchenväter und dem Mittelalter. Heinrich Bullinger hat eine Studienanleitung für Theologiestudenten verfasst, in der er eine Bildung in der Literatur der klassischen Antike und ihrer philosophischen, historischen und poetischen Werke zur Voraussetzung für die Auslegung biblischer Texte macht.

Das Studium und die Auslegung der Bibel waren dabei stets ein gemeinsames Unternehmen. Es gibt keine Zwinglibibel, sondern nur eine Zürcher Bibel. Für die Schweizer Reformatoren und Gelehrten war Teamarbeit eine Selbstverständlichkeit. Dazu gehörte die Diskussion über schwierige Bibelstellen und das Akzeptieren von verschiedenen Interpretationen. Entscheidend war das bessere Argument im Blick auf Philologie und Kontext, und dies galt auch für das Verständnis der Abendmahlsworte, die ihrem Verständnis nach im Kontext der hebräisch-biblischen Tradition und im Zusammenhang mit anderen Jesusworten zu interpretieren waren. In Marburg prallten diesbezüglich zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander.

Viele Schriften Zwinglis und Bullingers enden mit dem Satz: Wenn mich jemand mit der Bibel widerlegen oder eines Besseren belehren kann, so sei er hiermit aufgefordert, dies zu tun! Die Auslegung der Bibel, die Suche nach dem göttlichen Wort für die Gegenwart, war ein gemeinsames Ringen und Lernen. Und alle waren lernbedürftig. Keiner hatte die Wahrheit alleine in Besitz. Zu diesem Verständnis des reformatorischen Priestertums aller Gläubigen passt, dass es in den Kirchen der Schweizer Reformation keine Bischöfe gibt. Bullinger nennt die kirchlichen Amtsträger «remigatores», Ruderknechte.

2.3 Die Kirche als Gemeinschaft der Versöhnung und des Rechts

Zwinglis Abendmahlsliturgie sah vor, dass das Brot in der Gemeinde herumgereicht wird und jeder sich ein Stück davon abbricht. Dies war angesichts der zeitgenössischen, im kirchlich-liturgischen Leben wie im Volksempfinden tief verwurzelten Sakramentsfrömmigkeit eine Revolution. |95| Zwingli begründete diesen Brauch wie folgt: Wenn jeder dem nächsten das Brot reicht, dann kann es sein, dass während der Abendmahlsfeier Versöhnung zwischen zwei zerstrittenen Nachbarn geschieht. Und damit hätte das Abendmahl als Versöhnungsmahl etwas Wichtiges bewirkt. Ähnlich hatte Zwingli gegen den Abendmahlsbann argumentiert: Das Abendmahl als Feier der Versöhnung könnte auch der Ort sein, an dem ein unbußfertiger Sünder umkehrt und Buße tut. Deshalb darf man ihn nicht ausschließen. In der Kirche als Ort, an welchem die Versöhnung mit Gott in Christus gefeiert wird, kann es nur um Versöhnung auch zwischen Menschen gehen. Ungeachtet mancher aus heutiger Sicht befremdlichen Züge waren auch das kirchliche Ehegericht in Zürich und Bern ebenso wie das Konsistorium in Genf Gremien, denen es weniger um «Sittenzucht» als um Versöhnung zwischen zerstrittenen Menschen in der Gemeinde Christi ging.

Versöhnung gibt es aber nicht, ohne dass Unrecht beim Namen genannt und Recht hergestellt ist. Es gehört zur Eigenart der Schweizer Reformation, dass das Evangelium von Anfang an sehr viel mit Politik, Recht und mit Wirtschaft zu tun hat. Die Reformationsmandate der christlichen Obrigkeiten betrafen nicht nur das religiöse Feld. Sie zielten auch darauf, Unrecht zu beheben, die Schwachen zu schützen, Wucher und unrechtmäßige Bereicherung zu verhindern, dafür zu sorgen, dass niemand mehr betteln muss und dass die Kranken versorgt werden. Schon in seinen Disputationsthesen von 1523 hatte Zwingli aus dem wiederentdeckten Evangelium die Forderung an die Obrigkeit abgeleitet: «Darum sollen alle ihre Gesetze dem göttlichen Willen gleichförmig sein, so dass sie dem Bedrängten Rechtsschutz gewähren, auch wenn er nicht Klage einreicht.» (These 39)

In seiner Schrift «Von göttlicher und menschlicher Gerechtigkeit» hat Zwingli sehr klar unterschieden zwischen dem Reich Gottes und den Realitäten der Welt. Religiöse Utopien waren nicht seine Sache. Zugleich aber war er der Meinung, dass es Aufgabe einer christlichen Gemeinschaft ist, sich an der Gestaltung der weltlichen Verhältnisse mit zu beteiligen und sich dabei an der göttlichen Gerechtigkeit zu orientieren. Das kann immer nur bruchstückweise geschehen, inkohativ, also stets anfangsweise, unvollständig und unter Berücksichtigung der Realitäten. Aber gerade so soll es geschehen.

Unter Heinrich Bullinger hat man in Zürich dann den sogenannten Fürtrag eingerichtet: Die Pfarrer sollten das Recht haben, vor dem |96| politischen Rat aufzutreten und ihn zu ermahnen, ähnlich wie dies die Propheten im Alten Testament gegenüber ihren Königen getan hatten. Dieses prophetische Amt wurde zu einem wichtigen Element der Schweizer Reformation. Und dabei ging es keineswegs nur um religiöse Angelegenheiten: Die Armenversorgung als Aufgabe des gesamten Gemeinwesens, die Verordnung über den Zins, die Einrichtung von Schulen, die Söldnerpolitik, aber auch die Flüchtlingspolitik und die Verwendung öffentlicher Gelder waren tagespolitische Fragen, zu denen Bullinger den Rat auf den göttlichen Rechtswillen hinwies.

2.4 Die Kirche als Gemeinschaft des dankbaren Bekennens

Ulrich Zwingli hat in seiner Abendmahlslehre im «Commentarius» von 1525 das Abendmahl vor allem als «Bekenntniszeichen» und als «Dank» bestimmt. So hat er die biblischen Abendmahlstexte verstanden und sich durch die ursprüngliche Bedeutung des lateinischen Wortes «Sakrament» als «Fahneneid» ebenso bestätigt gesehen wie durch die altkirchliche Bezeichnung des Abendmahls als «Eucharistie», als Dankesfeier.

Dies hat ihm bekanntlich viel Kritik eingetragen. Zwingli selber hat später versucht, dieser Kritik Rechnung zu tragen. Bis heute werden die Abendmahlstexte aus seinen letzten beiden Lebensjahren kaum zur Kenntnis genommen. Die Schweizer Reformatoren nach ihm haben aber daran angeknüpft und sie weitergedacht. Bucer und Calvin haben versucht, von der späteren Position Zwinglis aus eine Brücke zu derjenigen Luthers zu schlagen. Die Abendmahlslehre Heinrich Bullingers wollte nicht einseitig einen einzelnen Punkt oder Bibelvers auf Kosten anderer betonen, sondern alle in der Bibel erwähnten Aspekte des «Mahls des Herrn» zu ihrem Recht kommen lassen. Das Abendmahl wurde so verstanden als Feier, in der sich zeichenhaft das ganze Leben der Kirche verdichtet. Sie ist «Eucharistie», eine Feier der Gemeinde, die dankend Christi Versöhnungstat gedenkt («das tut zu meinem Gedächtnis», 1Kor 11, 24), sie ist als Gemeindefeier eine Form der Christusverkündigung und sie ist zugleich Ausblick auf den zur Rechten Gottes erhöhten und wiederkommenden Christus («denn sooft ihr dieses Brot esst und diesen Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt», 1Kor 11, 26). Sie ist die Feier der Gegenwart Christi in seiner Gemeinde (Mt 18, 20), die an seinen Tisch geladen ist. Und sie besitzt als menschliches Gemeinschaftsmahl auch eine ethische Dimension, denn Gemeinschaft ohne gegenseitige Fürsorge und Rücksichtnahme ist unmöglich (vgl. 1Kor 11, |97| 17–34). Bullingers Abendmahlslehre ist weithin in Vergessenheit geraten. Aber nur, was den Namen ihres Autors angeht. Wer die Abendmahlslehre des Limadokuments mit derjenigen Bullingers vergleicht, wird viele Parallelen finden. Und das ist weniger Zufall, als es zunächst scheint. Immer ist der Gedanke der «Eucharistie», des Dankes, und des Bekennens präsent. Denn öffentliches Bekenntnis und Dank gehören wesentlich zum Leben der Kirche dazu. Sehr viel brennender wurde das Thema Bekennen dann in den protestantischen Kirchen der Diaspora und in den verfolgten Kirchen. Hier bildete sich eine neue Bekenntniskultur aus, zu der besonders Calvin Wichtiges beigetragen hat.

Bekennen in der Tradition der Schweizer Reformation geschieht aber nicht nur gegenüber den Menschen, sondern es ist zunächst ein Akt gegenüber Christus selbst, zu dem es sich, in Verantwortung vor ihm, zu bekennen gilt. «Reformierte» zeigen nicht auf ihren eigenen Glauben, wenn sie «bekennen». Sie rufen Christus an. Die Überzeugung gehört zum Grundbestand der Schweizer Reformatoren: Kein Christenmensch besitzt einfach den wahren Glauben oder die wahre Glaubenserkenntnis – und kann ihn somit auch nicht einfach «weitergeben». Keine Kirche hat das Recht, sich selbst als verlängerten Arm der göttlichen Gnade auszugeben, keine Sakramentsfeier ist einfach ein Austeilen des Leibes Christi. Alles kirchliche Reden und Tun steht zunächst einmal in der Verantwortung vor Gott und kann nur im Gebet um den Geist geschehen. Die christliche Kirche ist nichts anderes als ein Stück Welt. Aber sie ist betende Welt: «Veni creator spiritus!» Und sie ist so dankende und immer wieder neu bekennende Welt. Das ist die kritische und zugleich heilsame Bedeutung der Betonung des göttlichen Geistes in der Schweizer Reformation. Denn nur so kämpft eine christliche Kirche oder Gruppe nicht für sich selber, sondern für das Kommen des Reiches Gottes und tut, was ihr aufgetragen ist.

2.5 Worin besteht der besondere Beitrag der Schweizer Reformation zur Reformationsbewegung heute?

Vieles von dem hier Erwähnten ist keineswegs Sondergut der Schweizer Reformation. Es wurde bereits gesagt: Eine religiöse Sekte gründen war das Letzte, das sie beabsichtigte. Stattdessen war sie mit der ganz einfachen und zugleich höchst anspruchsvollen Aufgabe beschäftigt, das grundlegende Christliche, Christus selbst als göttliches Wort und Ort der |98| göttlichen Versöhnung ernst zu nehmen. Eine Wiederbelebung des Konfessionalismus oder die Verehrung von Gründervätern stehen dem Geist der Schweizer Reformatoren entgegen. Und doch lohnt es sich, auf die besondere Weise, wie sie ihre Einsichten formuliert und in kirchengestaltender Weise umzusetzen versucht haben, zu hören. Allerdings macht eine Beschäftigung mit ihnen auch schnell deutlich, wie sehr sie, nicht anders als alle anderen Reformatoren, Kinder ihrer Zeit waren und deren Maßstäbe und blinde Flecken teilten. Man denke nur an das brutale und christlich nicht zu rechtfertigende Strafsystem, das keiner der Reformatoren je in Frage gestellt hätte, an die nur sehr ansatzweise kritisierte Ständegesellschaft, an die Selbstverständlichkeit, mit der sie die Notwendigkeit einer öffentlichen Einheitsreligion mit biblischen Texten gerechtfertigt und so die seit der Antike bestehende religiöse Intoleranz weitergeführt und gar verschärft haben, und an vieles mehr. Wäre nicht gerade eine Jubiläumsfeier ein guter Anlass, uns von den Reformatoren auch – in respektvoller, christlich-theologisch argumentierender Kritik – zu distanzieren, dort, wo sie dem, was sie sich zu sagen beauftragt sahen, in ihrem Reden und Handeln nicht gerecht wurden? Gerade Zwingli und Bullinger, die ihre Leserschaft ausdrücklich dazu aufgefordert haben, sie vom Evangelium her zu kritisieren und allenfalls zu korrigieren, müssten dafür eigentlich offen, ja dankbar sein.

So könnte man vielleicht folgendermaßen bilanzieren: Der besondere Beitrag der Schweizer Reformation für die globale Reformationsbewegung heute und morgen besteht vornehmlich in einer Aufgabe: daran zu erinnern und dafür einzustehen, dass alle sich auf Christus berufenden Kirchen wahre Orte der Gemeinschaft des Lernens, der Versöhnung und des Rechts bleiben und immer mehr werden – und dazu gehört das Eingeständnis eigener Schuld und eigenen Versagens, aber auch Orte des Dankes und des Bekennens, und dies auch in sichtbarer und erfahrbarer Form mit politischer und gesellschaftlicher Ausstrahlung. Ob die anstehenden «Reformationsjubiläum» in dieser Hinsicht förderlich sind, ist noch offen.

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Jong Wha Park, Seoul

Protestantismus und Postkonfessionalismus in Südkorea70

Was bedeuten die konfessionellen Wurzeln in den neuen kirchlichen Mustern in Korea?

Koreanische Christen in einem multireligiösen Kontext

Schalom – in Korea sagen wir: Anhyoung Haseyo. Dies ist die Übersetzung des jüdischen Schaloms. Wir begrüßen uns auf diese Weise zu jeder Zeit, morgens, nachmittags und abends: Anhyoung Haseyo – Schalom.

Ich bin sehr glücklich, heute hier zu sein und über Reformation und Konfessionalismus zu sprechen. Voller Stolz kam ich hierher, weil ich Ihnen gerne davon berichten will, wie die Reformation in einem fernen Land, in Korea, realisiert, akzeptiert und praktiziert wird. Korea gehört nicht zu den sogenannten Ursprungsorten der Reformation. Dies ist aber nur ein geografischer Abstand. Korea kommt Deutschland und dessen Reformation tatsächlich immer näher. Ja, das tut es, falls Ihr akzeptiert, dass wir gerne ein authentisches Mitglied der Reformation sein möchten. Die Lehren der Reformation werden von christlichen Kirchen und Konfessionen in der ganzen Welt praktiziert und Korea gehört dazu.

Ich habe für heute ein Skript vorbereitet, das mehr oder weniger auf meinen eigenen persönlichen Erfahrungen und Begegnungen mit Konfessionskirchen und der Reformationsbewegung sowohl hier in Europa als auch in meinem Heimatland und Asien im Allgemeinen aufbaut. Da ich vor etwa 40 Jahren in Deutschland gearbeitet habe, bitte ich Sie um etwas Geduld, wenn ich nun einige wenige Worte auf Deutsch an Sie richte. 71

Ich hatte die Chance, in der zweiten Hälfte der 70er Jahre und bis Anfang der 80er Jahre im Gemeindedienst in Württemberg im Bereich Weltmission und Ökumene mitzuwirken. Ich selbst bin Presbyterianer und reformierter Pastor. Ich arbeitete damals in der Lutherischen württembergischen Landeskirche und ich dachte: Aha, das ist ökumenisch, reformiert und lutherisch. Zudem habe ich |100| gelernt, dass Wittenberg der Ursprungsort, die Ursprungsreformationskirche hierzulande ist. Durch das Zusammenwirken mit dem evangelischen Missionswerk Südwestdeutschland habe ich auch teilweise mit Kirchen hier in der Schweiz zu tun gehabt. Ich arbeitete somit mit den Ursprungskirchen der Reformation hier in Europa. Ich gewann die Vorstellung, dass die Reformation auch hier in Europa, besonders in Deutschland und in der Schweiz, ein Hauptthema ist. Man lebte in der Reformation, mit der Reformation und für die Reformation.

Nach 6 Jahren im Gemeindedienst habe ich beschlossen, weiterzustudieren, damit ich bei meiner Heimkehr nach Korea eine Stelle finden konnte. So habe ich bei einem berühmten reformierten Theologen promoviert, bei Jürgen Moltmann. Anschließend ging ich zurück nach Korea und wurde Professor an einer Uni. Dort habe ich Folgendes gelernt: Reformation ist nicht nur eine Kirchensache, sondern eine epochemachende, weltumfassende Angelegenheit, die wir gern mitfeiern wollen. Dies war theologisch-akademisch kein Problem. So habe ich es auch in Deutschland, in der Schweiz und in Europa erfahren. Bis dahin dachte und handelte ich über die Grenzen des Konfessionalismus hinaus.

Nach 10 Jahren Professur habe ich ein neues Amt erlangt als Generalsekretär in der Kirchenleitung. Bereits nach einiger Zeit habe ich plötzlich realisiert: Aha, ich bin schon ein Konfessionalist. Als Kirchenamtsträger, als Generalsekretär eines Kirchenleitungsgremiums musste ich natürlich meine Konfessionskirche befürworten. Ohne Kirchenamt wäre ich wahrscheinlich immer noch ein überkonfessioneller Theologe, aber wegen dieses Amtes war und bin ich ein konfessionskundlicher oder konfessionsloyaler evangelischer Pfarrer geworden.

Nach 10 Jahren bin ich wieder in ein neues Amt eingestiegen, ins Gemeindepfarramt. Gemeindeglieder hatten und haben kaum Interesse an Konfessionalismus an sich. Von einer methodistischen zu einer presbyterianischen oder von der Pfingstgemeinde zur presbyterianischen Gemeinde: Dieser Konfessionswandel und/oder Gemeindewechsel ist häufig.

Gemeindeglieder also haben kaum Interesse an Konfessionen oder Konfessionalismus. Nur die Theologen sind daran interessiert. Kirchenamtsträger, Kirchenleitungsgremien haben – es tut mir leid, dies zu sagen – mehr oder weniger Interesse an Konfessionalität, an Konfessionalismus und dies auf eine Art und Weise, die in meinen Augen nicht unbedingt weitergeführt werden sollte.

Mein Fazit lautet somit zurzeit: In Europa habe ich gelernt, dass Reformation mit Konfession zu tun hat. Ich erinnere mich an einen französischen Theologen, der gesagt hat: Also, hören Sie, Jesus hat das Reich Gottes gepredigt. Entstanden ist in der Geschichte die Kirche.

Damit möchte ich sagen, dass die Reformatoren sich stark für die Reformation der Kirchen eingesetzt haben, aber in der Folge sind die Konfessionskirchen |101| entstanden. Über das Reich Gottes und die Kirche, basileia und ecclesia, muss noch viel nachgedacht werden. So wie auch über Reformation und Konfession, deren Zusammenhang und Verhältnis, noch viel reflektiert werden muss, wenn wir wirklich dieses Jubiläum gemeinsam feiern wollen.

Weiter lässt sich Folgendes sagen: Reformation wird immer durch eine feste Schiene von Konfessionen tradiert. Der Zug Kirche fährt immer über die Schiene der Konfessionen. Das müssen wir lernen, auch außerhalb Europas. Aber ich muss sagen, dass sich auch die Konfessionen erneuern müssen, um den Reformationsgeist besser und authentischer zu tradieren und weiterzutragen. So wie es in Korea der Fall ist.

Jetzt zu Korea: Da ich hierzu etwas auf Englisch vorbereitet habe, werde ich nun mal wieder die Sprache wechseln.

Wenn man über Religionen in Korea spricht, geht es genauer gesagt nur um jene in Südkorea. Allgemein ist festzustellen, dass die Religionen friedlich koexistieren: Buddhismus, Konfuzianismus, römischer Katholizismus, Protestantismus und andere traditionelle Volksreligionen. Volksreligionen und neu aufkommende religiöse Gesellschaften wie der Islam machen zahlenmäßig total unter 0,5% der Gesamtbevölkerung Südkoreas aus. Der Konfuzianismus, der während der fünf Jahrhunderte dauernden Yi–Dynastie (1392–1910) den Buddhismus als Staatsreligion abgelöst hatte, bleibt bis heute für die öffentliche Ethik, für soziale Normen und für persönliche und verwandtschaftliche Loyalitätsvorschriften (z. B. Ahnenverehrung usw.) maßgeblich. Zu den lebendigen Glaubensrichtungen und Religionen zählen heute in Korea vor allem der Buddhismus und zwei christliche Religionen; daneben gibt es einen interreligiösen Dialog und Kooperationsinstitutionen und Organisationen mit verschiedenen kleinen religiösen Gruppen.

Die heutige Lage der größten Religionen lässt sich anhand von statistischen Daten beschreiben (Kultur- und Tourismusministerium, Volkszählung 2008).

Die Statistiken für 1985, 1995 und 2005 weisen die Prozentanteile der Gläubigen an der Gesamtbevölkerung aus:

a. Anhänger einer Religion: Zunahme von 42,6 % (1985) auf 50,7 % (1995) und auf 53,1 % (2005),

b. Buddhisten: Zunahme von 19,9 % (1985) auf 23,2 % (1995) und dann Rückgang auf 22,8 % (2005), |102|

c. Protestanten: Zunahme von 16,1 % (1985) auf 19,7 % (1995) und Rückgang auf 18,3 % (2005),

d. Römische Katholiken: Zunahme von 4,6 % (1985) auf 6,6 % (1995) und auf 10,9 % (2005).

Die Volkszählung von 2008 wies die Anzahl Religionsanhänger wie folgt aus:

a. Buddhisten 10 726 463 Mitglieder in 21 935 Tempeln mit 49 408 Mönchen,

b. Protestanten: 8 616 438 Mitglieder in 58 404 Kirchen mit 94 615 Pfarrern,

c. Römische Katholiken: 5 146 147 Mitglieder in 1 511 Kirchen mit 14 597 Priestern.

Der Buddhismus bleibt in Korea die älteste und größte Religion. Er war über 1000 Jahre lang die Staatsreligion, bis er 1392 vom Konfuzianismus abgelöst und in geistliche Rückzugsorte in den Bergen gedrängt wurde. Gegen Ende der konfuzianischen Yi-Dynastie kam der römische Katholizismus zuerst aus Westeuropa nach Korea; ein Jahrhundert später der Protestantismus aus dem Westen Amerikas.

Die Anfänge des römisch-katholischen Glaubens werden offiziell mit der Gründung der ersten Hauskirche in Seoul (1784) durch einen der ersten getauften Koreaner, Lee Seung Hoon, in Verbindung gebracht: Er hatte in China Jesuiten kennengelernt und zusammen mit gebildeten Landsleuten neue Techniken und wissenschaftliche Anwendungen wie z. B. den Kompass und das Teleskop, sogenannte so-hak (Wissenschaft aus dem Westen) nach Korea mitgebracht. Inmitten der jahrzehntelangen politischen Kämpfe der Yi-Dynastie schlugen sich die Machteliten des reformfreundlichen, aber letztlich unterlegenen «Namnin–Lagers» auf die Seite der so-hak und traten dabei der damals noch exotischen römisch-katholischen Glaubensgemeinschaft bei. Erschwerend zum Machtkampf kam hinzu, dass die so-hak-Partei sich über Tabus hinwegsetzte und die Ahnenverehrung, das Kernsymbol der konfuzianischen Ethik für Politik und Familie, als «Götzendienst» ablehnte. Darauf folgten Massenverfolgungen von «blasphemischen» Katholiken. Angesichts der Massaker drohte die französische Kriegsflotte von Napoleon mehrmals mit Invasionsmanövern. Die regierende konservative Dynastie und ihre Eliten reagierten mit schärferer Verfolgung der Katholiken, was unter den Geistlichen und Gläubigen immer mehr Opfer forderte. Die Anfänge der |103| Mission des römischen Katholizismus in Korea waren also von politischen und sozialen Turbulenzen geprägt.

Heute entwickelt sich der römische Katholizismus in genau die entgegengesetzte Richtung. Die Mitgliederzahlen wachsen wie oben gezeigt kontinuierlich. Die katholische Kirche gilt als eine der sozial glaubwürdigsten Religionsgemeinschaften. Der interreligiöse Dialog und die Zusammenarbeit verlaufen reibungslos. Heute bekehren sich mehr Protestanten zum römisch-katholischen Glauben als umgekehrt – für die Protestanten ein Denkanstoß und ein Anlass, das Leben und Teilen ihres Glaubens zu überdenken und zu verändern.

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