Kitabı oku: «Aufwachsen mit Anderen»

Die Herausgeberinnen

Madeleine Kreutzmann ist Diplom-Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin. Sie promovierte zum Thema Peerbeziehungen und ihrer Bedeutung für die schulische und sozio-emotionale Entwicklung von Kindern. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt in der Untersuchung förderlicher Bedingungen für eine erfolgreiche Einbindung in das Peernetzwerk der Schulklasse und das Erleben sozialer Zugehörigkeit.

Lysann Zander ist Diplom-Psychologin und Professorin für Empirische Bildungsforschung an der Leibniz Universität Hannover. In ihrer Forschung interessiert sie besonders, welche Bedeutung soziale Beziehungen für lernrelevante Selbstwahrnehmungen und Bildungsverläufe von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt dabei auf der Entwicklung von Präventions- und Interventionsstrategien zur Stärkung der sozialen Einbindung in heterogenen Lernkontexten.

Bettina Hannover ist Diplom-Psychologin und Professorin am Fachbereich Erziehungswissenschaft und Psychologie der Freien Universität Berlin. In ihrer Forschung interessiert sie sich dafür, welches Bild Menschen von sich selbst entwickeln und wie dieses Selbstbild sie in ihrem Denken, Fühlen und Handeln beeinflusst. Angewandte Fragestellungen betreffen z. B. die Entwicklung von Geschlechtsunterschieden in Interessen und Kompetenzen oder den Einfluss der Peers auf die Identitätsentwicklung Jugendlicher.
Madeleine Kreutzmann, Lysann Zander, Bettina Hannover (Hrsg.)
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-036680-0
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-036681-7
epub: ISBN 978-3-17-036682-4
Inhalt
1 Vorwort
2 I Theoretische und methodische Grundlagen der Peerforschung aus pädagogischer und bildungs- wissenschaftlicher Perspektive
3 1 Peerbeziehungen: Sozialökologische und entwicklungspsychologische Aspekte
4 Peter F. Titzmann & Philipp Jugert
5 2 Grundlagen der Messung sozialer Strukturen und Verfahren zur Analyse von Peerbeziehungen im Klassenzimmer
6 Thorsten Henke
7 II Förderliche und hinderliche Einflüsse der Peers auf den Erwerb fachlicher und fachübergreifender Kompetenzen
8 3 Peers als Bildungsinstanz im Jugendalter
9 Marion Reindl
10 4 Prosoziale und antisoziale Verhaltensweisen in Kindheit und Jugend – Die Rolle der Peers
11 Christoph M. Müller
12 5 Peers und das politische Engagement im Jugendalter
13 Christine Schmid & Burkhard Gniewosz
14 6 Einfluss von Peers auf die Wahl von Studium und Beruf
15 Belinda Berweger & Bärbel Kracke
16 III Heterogenität und Peerbeziehungen
17 7 Auswirkungen der Komposition der Lerngruppe auf die Lern- und Leistungsentwicklung
18 Hanna Dumont
19 8 Peerbeziehungen und Geschlecht – Die Präferenz für Interaktionen mit gleichgeschlechtlichen Anderen
20 Bettina Hannover
21 9 Fachlicher Austausch und Freundschaften in sprachlich und ethnisch heterogenen Peergruppen
22 Lysann Zander
23 10 Die Bedeutung von Peers für die soziale Teilhabe von Lernenden mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten in inklusiven Schulklassen
24 Jürgen Wilbert & Johanna Krull
25 IV Aufbau und Gestaltung positiver Peerbeziehungen Voraussetzungen und Interventionsansätze
26 11 Der Beitrag von Erziehungs- und Lehrpersonen für die Gestaltung von Peerbeziehungen und die Förderung sozial-emotionaler Fähigkeiten
27 Katja Bianchy & Susanne Jurkowski
28 12 Wissen und Einstellungen von Lehrkräften zu Peerbeziehungen im Klassenzimmer
29 Marvin Harks
30 13 Für ein besseres Miteinander: Chancen interkultureller Freundschaften und wie Schulen diese fördern können
31 Miriam Schwarzenthal, Maja Schachner & Linda Juang
32 14 Ansätze und Programme zur Förderung des Erlebens sozialer Zugehörigkeit im Schulkontext
33 Madeleine Kreutzmann
34 15 Fachliche Hilfesuche unter Peers in analogen und digitalen Lernumwelten
35 Elisabeth Höhne & Theresa Niemann
36 16 Musisch-kreatives Tanzen im schulischen Kontext und seine Bedeutung für Peerbeziehungen im Klassenverband
37 Lysann Zander, Madeleine Kreutzmann & Bettina Hannover
38 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Vorwort
Dieser herausgegebene Band ist in einer Zeit entstanden, in der die Welt von einer Pandemie im Griff gehalten wird, die die Menschen nur überwinden können, indem sie ihre Kontakte zueinander auf ein absolutes Minimum reduzieren. Jede und jeder von uns hat in dieser Zeit auf ganz individuelle Weise erfahren, dass der tägliche Austausch mit anderen einen essenziellen Bestandteil des Lebens darstellt und dass der Verzicht darauf nicht nur dramatische volkswirtschaftliche und versorgungstechnische Konsequenzen hat, sondern auch soziale und psychologische. Der verminderte Kontakt zu anderen verändert insbesondere den Alltag vieler Kinder und Jugendlicher auf negative Weise. Denn auch dann, wenn sie das Glück haben, in sozial begünstigten Verhältnissen zu leben, müssen sie auf die emotionale Unterstützung, aber auch die kognitive Orientierungsfunktion verzichten, die Peers in regelmäßigen Interaktionen in Kita, Schule und Freizeit bieten – in einem Lebensalter, in dem die eigene Biographie erst in Grundzügen geschrieben, die Identität noch nicht gefestigt oder vollständig entwickelt ist.
Auch wenn das Planen und Schreiben dieses Buches schon in der Zeit vor der Pandemie begannen, so hat sich doch die Relevanz der Themen, über die hier berichtet wird, in der Zeit der Krise besonders deutlich gezeigt: Die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen können wir nicht angemessen oder erschöpfend beschreiben, ohne die Einflüsse zu berücksichtigen, die sie wechselseitig aufeinander haben. Der Einfluss der Peers entfaltet sich in kleinen oder größeren Gruppen; er wird deutlich in formellen Bildungskontexten, z. B. in Kitas und Schulen, ebenso wie an informellen Lernorten, z. B. in den Familien oder Freizeiteinrichtungen.
Die für die Beschreibung und Analyse von Peerbeziehungen bedeutsamen sozialökologischen und entwicklungspsychologischen Dimensionen werden in dem einleitenden Beitrag von Peter F. Titzmann und Philipp Jugert aufgespannt. Sie zeigen die Komplexität von Peerbeziehungen auf, die sich auf der Ebene von Freundschaften zwischen zwei Menschen, in Cliquen und der Jugendkultur ausdrückt. Besondere Aufmerksamkeit erfährt in ihrem Kapitel das Jugendalter, denn diese Lebensphase bringt Entwicklungsaufgaben mit sich, die insbesondere auch innerhalb von Peerbeziehungen bearbeitet und gelöst werden. Im Einführungsteil des Buches wird weitergehend auf die methodischen Herausforderungen eingegangen, denen sich Forschende und pädagogische Fachkräfte gegenübersehen, wenn sie Peerbeziehungen systematisch beschreiben und analysieren wollen. Thorsten Henke stellt Verfahren für die Messung von Peerbeziehungen im Klassenzimmer dar, mit denen u. a. auch wechselseitige Einflüsse zwischen Peers abgebildet werden können. Studierende und in der Praxis tätige Lehrkräfte lernen in diesem Kapitel Fragebögen zur Erfassung der subjektiven Integration in Peerbeziehungen kennen und erhalten Hinweise darauf, wie sie soziometrische Befragungen im Klassenzimmer durchführen und auswerten können.
Der zweite Abschnitt des Buches, »Förderliche und hinderliche Einflüsse der Peers auf den Erwerb fachlicher und fachübergreifender Kompetenzen«, vereint Aufsätze, in denen Auswirkungen von Peerbeziehungen analysiert werden. Dabei wird deutlich, dass Peers sich in der Entwicklung ihres Verhaltens, ihrer Kompetenzen und Einstellungen sowohl in günstiger als auch ungünstiger Weise wechselseitig beeinflussen können. Marion Reindl beschreibt in ihrem Beitrag die verschiedenen Mechanismen, über die sich Peerbeziehungen auf Merkmale auswirken, die im Kontext der Schule von besonderer Bedeutung sind, nämlich auf die Motivation und die schulischen Leistungen der Lernenden. Im Kapitel von Christoph M. Müller werden die Herausbildung prosozialer Verhaltensweisen und die Verstärkung antisozialer Verhaltensweisen in Peerbeziehungen im Klassenzimmer dargestellt. Es wird aufgezeigt, warum nicht alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen empfänglich für Peereinflüsse sind und wie Eltern oder Lehrkräfte wünschenswerte Einflüsse von Peers verstärken und negative Einflüsse abschwächen können. Christine Schmid und Burkhard Gniewosz beleuchten die Bedeutung der Peers für die Entwicklung politischen Engagements im Jugendalter. Sie arbeiten heraus, dass Jugendliche sich Freundschaftscliquen anschließen, die ihre eigenen politischen Einstellungen widerspiegeln, und sich innerhalb dieser Cliquen in ihren Einstellungen über die Zeit noch ähnlicher werden. Dabei erläutern sie die diesen Veränderungen zugrundliegenden psychologischen Prozesse, beispielsweise das Lernen am Modell und die soziale Identitätsentwicklung. Belinda Berweger und Bärbel Kracke untersuchen die Bedeutung von Peers in beruflichen Orientierungs- und Entscheidungsprozessen. Der Entscheidung (Commitment) für einen Ausbildungsgang oder einen bestimmten Beruf geht die Exploration verschiedener Optionen voraus, bei der Jugendliche individuelle Interessen und Fähigkeiten ausloten und mit den Anforderungen der beruflichen Umwelt, aber auch mit den beruflichen Ambitionen ihrer Peers und den im Umfeld gültigen Peernormen abgleichen. Peers können auf diese Weise den Berufsfindungsprozess fördern, weil sie Informationen und emotionale Unterstützung bieten können. Die Autorinnen stellen jedoch auch dar, wie nachteilige Peereffekte entstehen können, wenn Jugendliche in dem Streben, mit Peernormen konform zu gehen, eigene Entwicklungspotenziale ungenutzt lassen.
Im dritten Teil des Buches, »Heterogenität und Peerbeziehungen«, werden Merkmale in den Blick genommen, anhand derer sich Kinder und Jugendliche, die in gemeinsame Peerbeziehungen einbezogen sind, unterscheiden können. Der einleitende Beitrag von Hanna Dumont beschäftigt sich mit Kompositionseffekten schulischer Lerngruppen, die einen eigenständigen Beitrag zur Erklärung von Unterschieden in der Lern- und Leistungsentwicklung verschiedener Gruppen von Schülerinnen und Schülern liefern. Mit ihrem Kapitel möchte sie Antworten darauf geben, wie Lehrkräfte zunehmender Heterogenität in Schulen und Schulklassen Rechnung tragen können. Bettina Hannover stellt in ihrem Kapitel dar, warum Menschen soziale Interaktionen mit gleichgeschlechtlichen (relativ zu andersgeschlechtlichen) Peers präfieren. Sie zeigt auf, dass die überwiegenden Interaktionen mit gleichgeschlechtlichen Peers Geschlechtstypisierung in Verhalten und fachlichen Präferenzen begünstigen. Abschließend diskutiert sie, wie Lehrkräfte Peerinteraktionen über Geschlechtergrenzen hinweg anregen können. Das besondere Potenzial kulturell und ethnisch heterogener Klassenzimmer, Kinder und Jugendliche aus verschiedenen Gruppen über kooperative Lernformen zusammenzuführen, ist Ausgangspunkt des Beitrags von Lysann Zander. Dabei stellt die Überwindung der Tendenz, bevorzugt mit ähnlichen Mitschülern und Mitschülerinnen zu interagieren, eine Herausforderung für Lehrkräfte dar. Das Kapitel gibt folglich verschiedene forschungsbasierte Anregungen, wie Schulen als Institutionen sowie Lehrpersonen dazu beitragen können, freundschaftliche und kooperative Beziehungen zwischen Peers mit und ohne Zuwanderungshintergrund zu stärken. Jürgen Wilbert und Johanna Krull zeigen auf, dass Kinder und Jugendliche mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten von sozialer Ausgrenzung in Peerkontexten bedroht sind. Nach einer Darstellung möglicher Ursachen und Erklärungsansätze wird beschrieben, wie Lehrkräfte Beziehungen zwischen allen Schülerinnen und Schülern einer Klasse verbessern und die soziale Teilhabe von Lernenden mit Lern- und Verhaltensauffälligkeiten fördern können.
Im vierten Abschnitt des Buches, »Aufbau und Gestaltung positiver Peerbeziehungen. Voraussetzungen und Interventionsansätze«, wird die Frage in den Blick genommen, wie Peerbeziehungen in institutionalisierten Bildungskontexten gefördert werden können. Katja Bianchy und Susanne Jurkowski arbeiten in ihrem Kapitel heraus, dass Erziehende und Lehrende durch die Art und Weise, in der sie ihre eigenen Beziehungen zu den Kindern und Jugendlichen gestalten, selbst zum Modell für Peerbeziehungen werden können. Auch durch die gezielte Gestaltung von Interaktionssituationen können Erziehungs- und Lehrpersonen positive Interaktionserfahrungen und sozial-emotionale Fähigkeiten von Kindern und Jugendlichen fördern, was sie am Beispiel zweier Förderprogramme veranschaulichen. Marvin Harks geht in seinem Beitrag darauf ein, welche Kompetenzen Lehrkräfte für eine zielgerichtete Förderung von Peerbeziehungen im Klassenzimmer benötigen. Präzises Wissen über die Peerbeziehungen in der Klasse sowie die Einstellung, als Lehrkraft für die Beziehungsgestaltung verantwortlich zu sein, werden als zwei zentrale, sich gegenseitig beeinflussende Voraussetzungen für professionelles Lehrkräftehandeln diskutiert. Er zeigt auf, wie z. B. im Rahmen der Aus- und Fortbildung von Lehrkräften die Urteilsgenauigkeit zur Beschreibung von Peerbeziehungen und Einstellungen zur Verantwortung prosozialer Peerbeziehungen im Klassenzimmer gestärkt werden können. Miriam Schwarzenthal, Maja Schachner und Linda Juang beschäftigen sich mit der Situation neu zugewanderter und geflüchteter Schülerinnen und Schüler. Sie machen deutlich, dass sowohl im Aufnahmeland aufgewachsene als auch neu zugewanderte Peers interkulturelle Kompetenzen erwerben und Vorurteile abbauen müssen, um ein konstruktives Miteinander im Klassenzimmer zu ermöglichen. Lehrkräfte können diese Prozesse unterstützen, indem sie in ihren Klassen positive Kontaktnormen fördern, aber auch eigene Stereotype reflektieren. Madeleine Kreutzmann beschreibt in ihrem Beitrag die psychologische Bedeutsamkeit des Erlebens von Zugehörigkeit in der schulischen Lernumgebung. Sie thematisiert die pädagogische Beziehung zwischen Lehrkraft und Lernenden als eine Grundvoraussetzung des Zugehörigkeitserlebens. Ansätze zur Förderung des Zugehörigkeitsgefühls zu Peers und zur Schule als Institution werden in ihrer Bedeutung für die Praxis vorgestellt. Elisabeth Höhne und Theresa Niemann untersuchen den Austausch fachlicher Hilfe zwischen Peers als eine bedeutsame Strategie selbstregulierten Lernens und kontrastieren dabei analoge und digitale Lernumwelten. Sie arbeiten Faktoren heraus, die die fachliche Hilfesuche unter Peers beeinflussen, und formulieren Anregungen, wie Lehrkräfte im analogen und digitalen Unterricht Hilfesuche und Austausch von Hilfe zwischen Schülerinnen und Schülern wirkungsvoll unterstützen können. In dem das Buch abschließenden Beitrag stellen Lysann Zander, Madeleine Kreutzmann und Bettina Hannover musisch-kreative Tanzprojekte als eine besondere Form kooperativen Peerlernens an Schulen dar. Am Beispiel eines von ihnen wissenschaftlich begleiteten und an vielen Schulen implementierten Projektes zeigen sie auf, wie wiederholter gemeinsamer Tanzunterricht zu einer Intensivierung von Peerbeziehungen beitragen und das Zugehörigkeitsgefühl zur Schulklasse verbessern kann.
Wir hoffen, mit dem Buch Studierende, Forschende und pädagogisches Fachpersonal anzuregen, das Potenzial, das Peerbeziehungen für die akademische und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bergen, noch präziser zu analysieren und noch stärker zu nutzen als dies in der Vergangenheit geschehen ist. Die Beiträge wurden sorgfältig so gestaltet, dass sie von Studierenden bereits im Bachelorstudium und auch von Fachkräften und Eltern gelesen werden können, die keine methodische oder psychologisch-pädagogische Vorausbildung zum Thema mitbringen. Dennoch dürften auch Menschen, deren eigenes Forschungsgebiet oder Beschäftigungsfeld die Peerbeziehungen sind, von der Dokumentation des Forschungsstandes und insbesondere der Ableitung praktischer Handlungsempfehlungen profitieren können.
Für ihre wertvollen Hinweise und die sorgfältige Korrekturarbeit bei der Zusammenstellung dieses Buches möchten wir uns – auch im Namen der Autorinnen und Autoren – ganz herzlich bei unserer Mitarbeiterin Nina Mulaimović bedanken.
Im März 2021
Madeleine Kreutzmann, Lysann Zander, Bettina Hannover
I Theoretische und methodische Grundlagen der Peerforschung aus pädagogischer und bildungs- wissenschaftlicher Perspektive
1 Peerbeziehungen: Sozialökologische und entwicklungspsychologische Aspekte
Peter F. Titzmann & Philipp Jugert
Zusammenfassung
• Die Komplexität von Peerbeziehungen drückt sich in dyadischen Freundschaften sowie in Cliquen, Crowds und der Jugendkultur aus.
• Unterschiedliche Prozesse führen zu Ähnlichkeiten in Peerbeziehungen. Man spricht auch vom sogenannten Ähnlichkeitsprinzip in Freundschaften.
• Im Jugendalter sind Freundschaften von vielfältigen biologischen, kognitiven und sozialen Veränderungen gekennzeichnet.
• Aus dem Wissen über das Ähnlichkeitsprinzip von Freundschaften sowie über die biologischen, kognitiven und sozialen Veränderungen können Interventionsmöglichkeiten für Bildungseinrichtungen abgeleitet werden, die es ermöglichen, eine entwicklungsförderliche Umgebung für die Jugendlichen zu gestalten.
Einleitung
Im Jugendalter gewinnen Peerbeziehungen für die Entwicklung des Einzelnen zunehmend an Bedeutung, während gleichzeitig die Abhängigkeit von den Eltern abnimmt (Brown & Klute, 2008; Steinberg & Silverberg, 1986). Positive Peerbeziehungen wie gegenseitige Freundschaften erfüllen dabei vielfältige Funktionen: Sie vermitteln Jugendlichen ein Gefühl der Akzeptanz und Zugehörigkeit; helfen ihnen, soziale Kompetenzen zu entwickeln; unterstützen sie bei ihren ersten Schritten in Richtung romantischer Beziehungen und können die Wahrnehmung und Regulierung von Emotionen positiv beeinflussen (Adams & Berzonsky, 2003; Hartup, 1996). Ihre Bedeutung zeigt sich auch in der Tatsache, dass Freundschaften im Jugendalter zum Selbstwertgefühl und zum Erleben sozio-emotionaler Unterstützung beitragen (Hartup, 1996) sowie die langfristige Anpassung in anderen Entwicklungsbereichen – wie dem Arbeits- oder Partnerschaftsumfeld – erleichtern (Roisman, Masten, Coatsworth & Tellegen, 2004). Angesichts dieser vielfältigen positiven Funktionen von Peerbeziehungen wird der Aufbau reifer wechselseitiger Freundschaften als wichtige Entwicklungsaufgabe für das Jugendalter betrachtet, wenn auch erste und prägende Freundschaftserfahrungen bereits in den Vorschuljahren gemacht werden und wichtig sind (Havighurst, 1972).
Aufgrund der Bedeutung von Peers hat sich die psychologische Forschung bereits seit geraumer Zeit mit dieser Form sozialer Beziehungen beschäftigt. In diesem Kapitel möchten wir vor allem drei universelle Aspekte der Peerbeziehungen näher beleuchten:
(a) die Ökologie von Peerbeziehungen;
(b) die Ähnlichkeit als allgemeines Prinzip bei der Bildung und Aufrechterhaltung von Freundschaften und
(c) die sich im Laufe der ersten Lebensjahrzehnte entwickelnden Veränderungen in Freundschaften.
1.1 Ökologische Aspekte von Peerbeziehungen
Peerbeziehungen sind stets in eine komplexe Ökologie eingebettet. Basierend auf Arbeiten von Bronfenbrenner (1995) entwickelte Brown (1999) ein Modell, das die Peer-Ökologie der sozialen Beziehungen von Jugendlichen darstellt. Es differenziert zwischen dyadischen Beziehungen (beste Freundinnen und Freunde, romantische Beziehungen), Cliquen kleiner Freundschaftsgruppen, größeren Gruppen von Gleichaltrigen (Crowds) sowie einer übergeordneten Jugendkultur.
Obwohl diese Peer-Strukturen miteinander zusammenhängen, hat jede von ihnen eine spezifische Funktion bei der Entwicklung der bzw. des Jugendlichen (Brown, 1999). Die Funktion der dyadischen Beziehungen ist es, gegenseitiges Vertrauen zu entwickeln und zwischenmenschliche soziale Fähigkeiten zu trainieren. Cliquen (kleine Freundschaftsgruppen, die aus etwa drei bis zehn Jugendlichen bestehen und sich regelmäßig treffen und sehen) bilden dagegen die Basis für gemeinsame Aktivitäten und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft. Der Unterschied zwischen besten Freundinnen bzw. Freunden und Cliquen wurde beispielsweise im Zusammenhang einer Studie zu Substanzkonsum deutlich: Urberg, Degirmencioglu und Pilgrim (1997) fanden, dass beste Freundinnen und Freunde (dyadische Beziehung) vor allem für die Initiation von Zigarettenkonsum wichtig waren, während die Clique dazu animierte, Zigaretten regelmäßig zu konsumieren. Diese Ergebnisse zeigen – unabhängig vom untersuchten Verhalten –, dass unterschiedliche Peer-Strukturen spezifische Verhaltensmotivationen mit sich bringen. Ähnlich zeigte Hussong (2002), dass zwar beste Freundinnen und Freunde den größten Einfluss auf Substanzkonsum (Alkohol und Marihuana) von Jugendlichen ausüben, dass aber Cliquen und Peergruppen diesen Einfluss moderieren. So können Cliquen sowohl einen verstärkenden als auch einen reduzierenden Einfluss auf den Substanzkonsum von Jugendlichen haben, je nachdem, ob sie mehr oder weniger Substanzen konsumieren als der beste Freund oder die beste Freundin.
Crowds sind abstrakte größere Gruppen, an die sich Einzelpersonen gebunden fühlen, deren Mitglieder sie aber nicht sämtlich persönlich kennen müssen (Brown & Klute, 2008). Crowds können beispielsweise die Fans eines bestimmten Sportvereins, Menschen aus einer bestimmten geographischen Region, eines bestimmten Stadtteils oder auch Angehörige einer bestimmten ethnischen Gruppe sein. Sie sind daher nicht durch konkrete Individuen definiert, sondern beruhen auf formellen (Nachbarschaft, ethnische Gruppe) oder informellen (Interessen, Überzeugungen) Gruppenzugehörigkeiten (Brown, 1999)1. Für Jugendliche liefern die Crowds vor allem Vorbilder für die Entwicklung von Verhalten und Identität. Identifizieren sich Jugendliche mit einer bestimmten Crowd, versuchen sie, ihr eigenes Verhalten an die Normen der jeweiligen Crowd anzupassen. So ist es unwahrscheinlich, dass der Fan eines bestimmten Sportklubs trotz eines brillanten Spielzugs der Gegnerin oder des Gegners diesem überschwänglichen Beifall spendet, oder dass ein Mitglied einer Jugendgang gegen deren wahrgenommenen Verhaltenskodex verstößt, in dem er oder sie Geheimnisse der Jugendgang an Mitglieder einer verfeindeten Gruppe weitergibt. Jugendliche können sich mehreren Crowds zugehörig fühlen, wobei die wahrgenommene Zugehörigkeit je nach Situation variieren kann. Im Stadion wird die Zugehörigkeit zum Sportverein wahrscheinlich deutlicher erlebt als die Zugehörigkeit zur Nachbarschaftscrowd, beim Stadteilfest ist es wahrscheinlich umgekehrt.
Die Jugendkultur, die vierte Peer-Struktur, ist der abstrakteste Teil der Peer-Ökologie von Brown (1999) und weist einige Parallelen zu Bronfenbrenners (1995) Makrokontext auf, der sich auf Kultur und Gesellschaft bezieht. Die Jugendkultur beeinflusst alle Kinder und Jugendlichen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt und in einer bestimmten Kultur oder Region in ähnlicher Weise. Am besten ist ihr Einfluss zu erkennen, wenn man den allgemeinen jugendlichen Lebensstil zu verschiedenen historischen Epochen vergleicht. So war die 68er Generation in West-Deutschland durch eine Auseinandersetzung mit der Rolle der eigenen Eltern in der NS-Zeit und dem Engagement für gesellschaftliche Freiheiten geprägt. Heutzutage findet die Jugendkultur ihren Ausdruck vor allem durch die Anmahnung eines verantwortungsvolleren Umgangs mit natürlichen Ressourcen im Kontext des Klimawandels (Albert et al., 2019).
Alle Erfahrungen und Verhaltensweisen von Jugendlichen sind in gewissem Maße von diesen Peer-Strukturen geprägt. Umgekehrt haben auch die Jugendlichen selbst die Möglichkeit, diese Strukturen zu formen. Dabei können die verschiedenen Peer-Strukturen jedoch in unterschiedlichem Ausmaß durch die einzelne Jugendliche bzw. den einzelnen Jugendlichen verändert werden. In den direkten Beziehungen zu besten Freundinnen und Freunden, romantischen Partnerinnen und Partnern und in Cliquen haben Jugendliche mehr Einflussmöglichkeiten und können auf die jeweils anderen durch Argumente oder Handlungen einwirken. Eine Veränderung der Crowds oder der Jugendkultur durch eine einzelne Jugendliche bzw. einen einzelnen Jugendlichen ist jedoch kaum möglich, es sei denn, er oder sie kann eine hinreichend große Zahl anderer Jugendliche hinter sich versammeln, um eine relevante Einflussgruppe zu bilden. Er bzw. sie kann diese Peer-Strukturen vor allem durch persönliches Konsumverhalten oder durch soziales Engagement verändern. Die Bewegung »Fridays for Future« stellt ein Beispiel dafür dar, wie Jugendliche durch die Teilnahme an Demonstrationen einen Einfluss auf die gesellschaftliche Wahrnehmung der Jugendkultur (als aktiv und politikinteressiert und nicht als politisch apathisch) erzeugen können (
Kap. 5).
1.2 Das Ähnlichkeitsprinzip in Peerbeziehungen
Peerbeziehungen beruhen auf dem Ähnlichkeitsprinzip (Hartup & Stevens, 1997). Freundinnen und Freunde sind in vielen Aspekten ähnlich, zunächst in Bezug auf demographische Merkmale wie Alter, Geschlecht, soziale Schicht und ethnische Zugehörigkeit (Kandel, 1978), aber mit zunehmendem Alter auch in Bezug auf Sozialverhalten, Einstellungen, Interessen und Persönlichkeitseigenschaften (Poulin et al., 1997). Warum aber besteht diese Ähnlichkeit in Freundschaften?
Freundschaften werden theoretisch als Beziehungen zwischen Gleichrangigen beschrieben (Sullivan, 1953) und beruhen auf Gegenseitigkeit und Engagement (Hartup, 1993). Ähnlichkeit in Freundschaften ist wichtig, weil es die Kommunikation erleichtert, zu einem besseren Verständnis des oder der anderen führt und das Vertrauen erhöht – alles Prozesse, die Beziehungen belohnender, stabiler und weniger konfliktanfällig machen (Byrne, 1971; Laursen, Hartup & Koplas, 1996). Außerdem wird die Auswahl gemeinsamer Aktivitäten einfacher und ihre Ausübung wird von beiden Parteien ähnlich positiv bewertet.
Drei Prozesse sind für die Ähnlichkeit zwischen Freundinnen und Freunden maßgeblich verantwortlich: Die anfängliche Auswahl ähnlicher Peers als Freundinnen und Freunde (Selektion); die wechselseitige Sozialisierung (Einfluss), die mit der Zeit zu größerer Ähnlichkeit führt und die Ablösung (Deselektion) von nicht passenden Freundinnen und Freunden (van Workum et al., 2013). Allerdings muss man berücksichtigen, dass diese drei Prozesse nicht in einem sozialen Vakuum stattfinden, sondern je nach den gegebenen Möglichkeiten variieren können. So sind soziale Kontexte (z. B. Schulen) häufig bereits in Bezug auf Merkmale wie soziale Schicht und ethnische Zugehörigkeit strukturiert, wodurch die Wahrscheinlichkeit, auf ähnliche Peers zu treffen, größer ist als die, auf unähnliche Peers zu treffen (Blau, 1977; Feld, 1982). Zudem spielen Eltern eine nicht unerhebliche Rolle bei der Auswahl der Peers ihrer Kinder. Sie haben Einfluss auf die Art und Weise, wie ihre Kinder mit anderen interagieren (z. B. durch die Vermittlung sozialer Kompetenzen), und stellen Opportunitäten für Kontakte mit bestimmten Peers her, beispielsweise durch die Förderung bestimmter Freizeitaktivitäten (McDowell & Parke, 2009). Dieses elterliche Verhalten macht Freundschaften zu ähnlichen Peers wahrscheinlicher, da den Kindern damit Verhaltensskripte und Gelegenheiten für Interaktionen mit ähnlichen Peers zur Verfügung gestellt werden.
Für die Selektion von Freundinnen und Freunden sind sichtbare Charakteristiken (z. B. Geschlecht und ethnische Zugehörigkeit, aber auch Verhaltensweisen wie Rauchen und Alkoholkonsum) relevanter als persönliche Überzeugungen oder Einstellungen (Hartup, 1993). Dies liegt vermutlich daran, dass persönliche Einstellungen erst im Verlauf des Kennenlernens deutlich werden, im Unterschied zu beobachtbaren Merkmalen der Person. So zeigte z. B. eine Studie, dass ethnische Zugehörigkeit in neu zusammengesetzten Sekundarschulklassen am Anfang ein wichtiges Selektionskriterium für Freundschaften darstellte, dieses Oberflächenmerkmal aber im Verlauf des Schuljahres, in dem sich die Schülerinnen und Schüler besser kennenlernten, an Bedeutung verlor (Jugert, Noack & Rutland, 2011).
Neben der ethnischen Zugehörigkeit ist das Geschlecht das bei weitem wichtigste Oberflächenmerkmal für Freundschaften, vor allem im frühen und mittleren Jugendalter (Brown & Larson, 2009; Maccoby, 2002; Mehta & Strough, 2009). Ähnlichkeit zwischen Freundinnen und Freunden in soziodemographischen Merkmalen ist eindeutig auf Selektion zurückzuführen, da sie durch Freundschaften nicht veränderbar sind. Ähnlichkeit in Einstellungen und Verhaltensweisen kann hingegen sowohl durch Selektion oder Einfluss (Sozialisation) zustande kommen. Für eine saubere Trennung von Selektions- und Einflussprozessen in empirischen Untersuchungen werden daher längsschnittliche Daten und soziale Netzwerkanalysen benötigt (Veenstra, Dijkstra, Steglich & Van Zalk, 2013;
Kap. 2).
Entsprechende Studien zeigen z. B., dass Jugendliche sich eher mit solchen Jugendlichen befreunden, die ihnen in Bezug auf internalisierende Probleme (Ängstlichkeit, Depression, Einsamkeit) ähnlich sind. Auf der anderen Seite beenden Jugendliche Freundschaften zu Jugendlichen, die ihnen in Bezug auf internalisierende Probleme oder dem generellen Wohlbefinden unähnlich sind (Kiuru et al., 2012; van Workum et al., 2013; Zalk et al., 2010). Diese Befunde verdeutlichen, dass das Ausmaß an Ähnlichkeit zwischen Freundinnen und Freunden nicht nur die Wahrscheinlichkeit des Zustandekommens, sondern auch die Auflösung von Freundschaften beeinflusst. Unähnlichkeit führt demnach zu Unzufriedenheit mit der Beziehung und erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Beziehung nicht weitergeführt wird (Veenstra, Dijkstra & Kreager, 2018).
Für externalisierendes Verhalten (Delinquenz, Aggression) wurde nachgewiesen, dass sich Jugendliche bevorzugt miteinander befreunden (Selektion), wenn sie sich in ihrem delinquenten Verhalten bereits ähnlich sind. In der Freundschaft passen diese Jugendlichen sich dann weiter im Ausmaß der Delinquenz aneinander an (Einfluss). Belege dafür, dass sich Jugendliche auch bevorzugt mit anderen befreunden, die ihnen im Ausmaß ihres aggressiven Verhaltens ähnlich sind, liegen hingegen bisher nicht vor (Jose et al., 2016; Logis et al., 2013; Osgood, Feinberg & Ragan, 2015).
Selektions- und Einflussprozesse spielen auch eine Rolle bei der Erklärung von Substanzkonsum im Jugendalter. So zeigte sich beispielsweise, dass die Wahl von Freundinnen und Freunden in Abhängigkeit davon, ob sie ebenfalls rauchen bzw. ebenfalls nicht rauchen (Selektion), das Rauchverhalten im mittleren und späten Jugendalter besonders gut erklären kann (DeLay, Laursen, Kiuru, Salmela-Aro & Nurmi, 2013). Im frühen Jugendalter spielen dagegen eher Einflussprozesse eine Rolle für Tabakkonsum, hier werden Jugendliche also eher von Freundinnen und Freunden zu einer Veränderung ihres Rauchverhaltens gebracht (Osgood et al., 2015; Steglich, Snijders & Pearson, 2010). Diese Befunde legen nahe, dass Tabakkonsum nach einer gewissen Probierphase im frühen Jugendalter abhängig macht und danach soziale Einflüsse auf das Rauchverhalten eine geringere Rolle spielen (Veenstra et al., 2018). Zusammenfassend legen die Studien, in denen der relative Einfluss von Selektions- und Einflussprozessen empirisch ermittelt wurde, nahe, dass beide Prozesse je nach Altersgruppe unterschiedlich wirken. Gerade zur Prävention problematischer Verhaltensweisen ist die analytische Trennung zwischen beiden Prozessen wichtig, um altersgerechte, zielführende Angebote entwickeln zu können.
1.3 Veränderungen von Peerbeziehungen von der Kindheit zur Jugend
Freundschaftsbeziehungen unter Jugendlichen sind typischen normativen Veränderungsprozessen unterworfen, also Veränderungen, die in der Regel alle Jugendlichen betreffen. Im Jugendalter müssen sich Menschen mit erheblichen biologischen, psychologischen und sozialen Veränderungen auseinandersetzen (Gniewosz & Titzmann, 2018). Biologische Veränderungen umfassen vor allem die körperliche Reifung (z. B. Ausbildung sekundärer Geschlechtsmerkmale), assoziierte hormonelle Prozesse sowie neurophysiologische Veränderungen im Gehirn (Fuhrmann, Knoll & Blakemore, 2015; Kulin & Müller, 1996). Daneben kommt es zu sozialen Veränderungen, die sich beispielsweise in einer Neuaushandlung von Autonomie und Verbundenheit mit Eltern und Peers zeigen (Allen, Hauser, Bell & O’Connor, 1994; Brown & Klute, 2008). Kognitive Veränderungen zeigen sich in einem verbesserten strategischen Denken sowie einer verbesserten Emotions- und Selbstregulation (Larson, 2011; Steinberg, 2015).
Studien, die diese kognitiven Veränderungen untersuchten, zeigten mithilfe von Hirnscans, dass das neuronale Belohnungssystem – der Teil des Gehirns, der die Entscheidungsfindung basierend auf Belohnung und Bestrafung beeinflusst – schneller reift als das System zur kognitiven (Selbst-)Kontrolle, welches Verhaltensimpulsive reguliert. Diese Unterschiede führen dazu, dass Jugendliche in dieser Entwicklungsphase eine erhöhte Sensitivität für Belohnungen aufweisen, aber weniger kognitive Kontrolle über Impulse ausüben können (z. B. nachdenken über Konsequenzen des eigenen Tuns). Diese Diskrepanz zwischen der Suche nach Stimulation (Belohnungssystem) und dem Abwägen der Folgen (verzögerte Kontrolle) wird mit einem stärkeren Risikoverhalten (Rauchen, riskante sportliche Aktivitäten, Mutproben) in Zusammenhang gebracht (Steinberg, 2015).
Die beschriebenen biologischen, psychologischen und sozialen Veränderungen des Jugendalters gehen außerdem damit einher, dass sich der junge Mensch neuen Entwicklungsaufgaben gegenübersieht. Entwicklungsaufgaben sind Aufgaben, die gesellschaftliche Erwartungen darüber widerspiegeln, welche Entwicklungsschritte in bestimmten Lebensphasen erreicht werden sollten (Hutteman et al., 2014). Aus der Lösung von Entwicklungsaufgaben geht die Person in der Regel mit gestärkten Kompetenzen hervor, die in der jeweiligen Lebensphase bedeutsam sind, wie z. B. physischer, sozialer, intellektueller oder emotionaler Fähigkeiten (Havighurst, 1972). Eine zentrale Entwicklungsaufgabe des Jugendalters ist, eine neue Qualität in Freundschaftsbeziehungen zu entwickeln (Havighurst, 1972). Während in der frühen Kindheit Freundschaften vor allem durch gemeinsame Aktivitäten definiert sind, werden Freundinnen und Freunde in der Jugend zunehmend zu Vertrauten mit gegenseitiger Offenbarung und gegenseitiger stabiler, emotionaler Bindung (Epstein, 1989; Hartup & Stevens, 1997). Mit abnehmender Abhängigkeit von den Eltern gewinnen die Beziehungen zu Gleichaltrigen zunehmend an Bedeutung für die weitere Entwicklung der Jugendlichen (Brown & Klute, 2006; Steinberg & Silverberg, 1986). Beginnend mit der Präadoleszenz (neun bis zwölf Jahre) werden Freundschaften wichtig, um Bedürfnisse nach Intimität, Akzeptanz und Gemeinschaft zu erfüllen. Diese Bedürfnisse werden zunächst hauptsächlich in gleichgeschlechtlichen Freundschaften befriedigt, im späteren Jugendalter dann aber auch in gegengeschlechtlichen und romantischen Beziehungen. Emotionale (nicht jedoch instrumentelle) Unterstützung durch das Elternhaus nimmt im frühen Jugendalter ab und die Unterstützung von Freundinnen und Freunden wird wichtiger (del Valle, Bravo & López, 2010). Dennoch bleibt elterliche Unterstützung der beste Prädiktor für geringe emotionale Probleme im Jugendalter (Helsen, Vollebergh & Meeus, 2000).
Die Stabilität und die Reziprozität (das Ausmaß gegenseitigen Investments in die Beziehung) innerhalb von Freundschaften nimmt während des Jugendalters zu (Epstein, 1983). Freundschaften im Jugendalter sind außerdem durch zunehmende Intimität gekennzeichnet, die sich u. a. in Direktheit und Spontaneität, Verständnis des oder der anderen, Gefühlen der Verbundenheit, Exklusivität der Beziehung, Teilen sowie Vertrauen und Loyalität zeigt (Sharabany, 1994). Allerdings gibt es hier Geschlechtsunterschiede – Freundschaften zwischen Mädchen zeichnen sich im Mittel durch höhere Intimität aus als die zwischen Jungen (Rudolph, Ladd & Dinella, 2007), was darauf zurückgeführt wird, dass Mädchen sich stärker als Jungen über ihre Gefühle austauschen (Rose, 2002).
1.4 Forschungsdesiderate
Die beschriebenen Aspekte zeigen, dass die Forschung bereits viel Wissen über Freundschaften akkumuliert hat. Es gibt allerdings noch Forschungslücken. Eine dieser Lücken betrifft das Zusammenspiel von risikoerhöhenden und protektiven Effekten, da Freundschaften sowohl eine protektive Funktion haben als auch einen Risikofaktor für die weitere Entwicklung einer bzw. eines Jugendlichen darstellen. So zeigte ein Vergleich zwischen Jugendlichen, die regelmäßig Opfer von Bullying waren, und solchen, für die dies nicht galt, dass die Opfer-Gruppe weniger Freundinnen und Freunde hatte als die anderen Jugendlichen (Scholte et al., 2009). Dieser Unterschied könnte dafür sprechen, dass Freundschaften eine schützende Funktion im Kontext von Bullying haben. Neben diesen direkten positiven Effekten können Freundschaften auch helfen, die negativen Folgen von sozialen Ausgrenzungserfahrungen mit Peers abzufedern. Allerdings hängt die protektive Funktion von Freundschaften maßgeblich von der Art der Freundschaft und den gemeinsamen Aktivitäten ab. So führt der gemeinsame Austausch unter (zumeist männlichen) antisozialen Jugendlichen zu einer Verstärkung devianten Verhaltens (Piehler & Dishion, 2007), während der exzessive Austausch über Probleme und negative Gefühle unter weiblichen Freundinnen depressive Symptome verstärken kann (Rose, 2002) – beides sind Beispiele für Risiken in den beiden Geschlechtergruppen. Auch wenn sowohl positive als auch negative Aspekte von Freundschaften untersucht worden sind, gibt es bisher kaum Arbeiten zum Zusammenspiel von positiven und negativen Aspekten. Eine Studie zu diesem Zusammenspiel zeigte, dass (gesellschaftlich nicht erwünschte) leichte Delinquenz im Jugendalter mit höherer Selbstwirksamkeit einherging als starke Delinquenz oder die Abwesenheit delinquenten Verhaltens (Titzmann & Nissen, 2019). Dieses Ergebnis kann so interpretiert werden, dass Jugendliche leichte Formen delinquenten Verhaltens einsetzen, um Ansehen und Respekt bei den Peers zu gewinnen, wodurch sie sich dann als selbstwirksam erleben.
Eine weitere Aufgabe für die Peerforschung der kommenden Jahre besteht darin zu untersuchen, wie die zunehmende Diversität in modernen Gesellschaften (auch als »Superdiversity« bezeichnet, Meissner, 2020) die Peerbeziehungen im Jugendalter beeinflusst. So erleben Jugendliche eine wachsende kulturelle und ethnische Heterogenität. Hierin liegen Chancen und Risiken. So können positive interethnische Kontakte Vielfalt, Kreativität sowie Kooperation und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, während negative interethnische Kontakte in gegenseitigen Vorurteilen und Ablehnungen und interethnischen Konflikten münden können (Miklikowska, Bohman & Titzmann, 2019; Titzmann & Jugert, 2020;
Kap. 9 und
Kap. 13).
Praktische Implikationen
• Verantwortliche in sozialen Berufen sollten sich der Komplexität von Peerbeziehungen im Jugendalter bewusst sein. Peer-Strukturen bestehen nicht nur in Form dyadischer Freundschaften, sondern auch aus Cliquen, Crowds und der Jugendkultur. Diese unterschiedlichen Aspekte der Peer-Ökologie haben eine spezifische Wirkung auf die Entwicklung von Jugendlichen und können sowohl erwünschtes als auch unerwünschtes Verhalten begünstigen. Eine Analyse, welche Peer-Struktur für die Erklärung unerwünschten oder fehlangepassten Verhaltens eines Jugendlichen besonders relevant ist, ist daher ein erster Schritt, geeignete Maßnahmen zur Veränderung einzuleiten.
• Wissen über das Ähnlichkeitsprinzip in Freundschaften und über die beschriebenen biologischen, kognitiven und sozialen Veränderungen im Jugendalter kann genutzt werden, um entwicklungsförderliche Umwelten für Jugendliche zu gestalten. Bildungseinrichtungen und Kontexte zur Freizeitgestaltung von Jugendlichen sollten beispielsweise mit steigendem Alter der Jugendlichen auch Rückzugsmöglichkeiten und Raum für persönliche Gespräche bieten. Zudem benötigen ältere Jugendliche, die bereits Fortschritte in der Identitätsentwicklung gemacht haben, Möglichkeiten, ihre Persönlichkeit und Identität mit anderen – ähnlichen – Jugendlichen auszuleben. Dafür muss es breit ausdifferenzierte Freizeitangebote geben, die neben der inhaltlichen Struktur auch Möglichkeiten für informellen Austausch und den Aufbau langfristig tragender Freundschaften bieten.
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1 Eine alternative Definition des Crowd-Begriffs stammt von Dunphy (1963), der unter Crowds das erweiterte Peernetzwerk von etwa 20 Personen versteht.
2 Grundlagen der Messung sozialer Strukturen und Verfahren zur Analyse von Peerbeziehungen im Klassenzimmer
Thorsten Henke
Zusammenfassung
• Eine adäquate Erfassung der Peerbeziehungen und sozialen Strukturen im Klassenzimmer kann Lehrende dabei unterstützen, die Qualität von Peerbeziehungen positiv zu beeinflussen.
• Der Einsatz standardisierter Fragebögen eignet sich vor allem dann, wenn die Selbstwahrnehmung der Lernenden von Interesse ist.
• Eine Alternative hierzu ist die soziale Netzwerkanalyse. Sie ist in der Anwendung zwar anspruchsvoller, liefert durch die Verknüpfung von Selbst- und Fremdwahrnehmung jedoch ein objektiveres Bild der sozialen Strukturen in der Klasse.
Einleitung
Lernende verbringen einen erheblichen Anteil ihres Schultages in der Interaktion mit anderen: ihren Peers. Vermittelt über eine Vielzahl von Wirkmechanismen nehmen Peerinteraktionen Einfluss auf die kognitive und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen (vgl. Rodkin & Ryan, 2012; Rubin, Bowker & Kennedy, 2009; Zander, Kreutzmann & Hannover, 2017). Um die sozialen Strukturen im Klassenzimmer objektiv abbilden zu können, hat die Bildungsforschung in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Vielzahl an standardisierten Erhebungsinstrumenten und Methoden hervorgebracht. Auch in der Praxis von Lehrerinnen und Lehrern ist es mitunter bedeutsam, die Peerbeziehungen und die Integration von Lernenden in die Schulklasse adäquat erfassen und beschreiben zu können. Das vorliegende Kapitel gibt einen Überblick über zwei gebräuchliche Verfahren zur Messung von Peerbeziehungen in pädagogischen Kontexten: standardisierte Fragebögen und die soziale Netzwerkanalyse (SNA). Lehrende können die mithilfe der hier vorgestellten Instrumente und Methoden gewonnenen Informationen dazu nutzen, zielgerichtete Maßnahmen für ihren Unterricht abzuleiten, um sozialer Ausgrenzung im Klassenzimmer vorzubeugen und soziale Eingebundenheit, Wohlbefinden und Motivation der Lernenden zu stärken.
2.1 Die Messung von Peerbeziehungen mittels standardisierter Fragebögen
Eine in der empirischen Bildungsforschung häufig genutzte Methode zur Erfassung von Peerbeziehungen im Klassenzimmer stellen standardisierte Fragebögen dar. Klassischerweise besteht ein solcher Fragebogen aus mehreren thematisch aufeinander abgestimmten Aussagen, sogenannte Items, denen die befragte Person zustimmen oder die sie ablehnen soll und mit denen ein nicht direkt beobachtbares Merkmal (latentes Konstrukt)1 messbar gemacht werden kann. Zwei Beispiele für Fragebögen im Themenfeld soziale Integration, Zugehörigkeitserleben und Klassenklima sind der Fragebogen zur Erfassung emotionaler und sozialer Schulerfahrungen von Grundschulkindern (FEESS 1–2 & 3–4; Rauer & Schuck, 2003, 2004) oder der Fragebogen zur Erfassung von Dimensionen der Integration von Schülern (FDI 4–6; in der Kurzversion von Venetz, Zurbriggen & Eckhart, 2014). Beide Fragebögen bestehen aus mehreren Skalen, mit denen jeweils unterschiedliche Aspekte der subjektiven Integration bzw. die Wahrnehmung der sozialen Beziehungen in der Klasse abgebildet werden können. Aufbau und Auswertung einer solchen Fragebogenskala sollen im Folgenden anhand einer Subskala des FEESS 3–4 (Rauer & Schuck, 2003) kurz skizziert werden. Bei der Subskala Soziale Integration wird den Lernenden eine Sammlung von insgesamt elf Items vorgelegt (z. B. »Meine Mitschüler und Mitschülerinnen helfen mir, wenn ich etwas nicht kann«), bei denen sie angeben sollen, wie stark sie diesen Aussagen jeweils zustimmen. Der Grad ihrer Zustimmung wird durch Ankreuzen einer von vier vorgegebenen Antwortmöglichkeiten (stimmt gar nicht – stimmt genau) sichtbar gemacht. Um auf die Ausprägung eines latenten Konstrukts schließen zu können (hier: soziale Integration), werden die einzelnen Items nicht separat analysiert, sondern zu einem Skalenwert miteinander verrechnet. Hierzu werden zunächst die pro Item angekreuzten Antwortoptionen in numerische, gleichabständige Werte umgewandelt (z. B. »stimmt gar nicht« = 0, »stimmt kaum« = 1, »stimmt ziemlich = 2, »stimmt genau« = 3) und anschließend wird über alle Items der Skala ein Mittelwert berechnet. Ein so ermittelter Wert gibt wieder, ob Lernende die eigene soziale Integration als positiv (hoher Skalenmittelwert) oder negativ (niedriger Skalenmittelwert) wahrnehmen.
Vor allem in mittleren und groß angelegten Untersuchungen, sogenannten Large Scale Assessments (z. B. die PISA-Erhebungen; OECD, 2017), sind diese und ähnliche Selbsteinschätzungsskalen sehr gebräuchlich. Sie stellen eine etablierte Erhebungsmethode mit einer eigenen Forschungstradition dar und lassen sich in Bezug auf die Erfüllung der drei psychometrischen Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität empirisch auf ihre Qualität prüfen (Bühner, 2011; Kromrey, Roose & Strübing, 2016). Darüber hinaus lassen sich Fragebögen im Vergleich zu anderen Methoden, wie Interviews, Beobachtungen oder auch die soziale Netzwerkanalyse (s. u.), testökonomisch einsetzen, d. h., sie sind sowohl kosteneffizient als auch sparsam, was den zeitlichen Aufwand für die beteiligten Kinder und Jugendlichen sowie die Lehrenden anbelangt. Konzeptionsbedingt lässt sich mittels Selbsteinschätzungsskalen in Fragebögen nur die subjektive Wahrnehmung der befragten Personen abbilden (Fiedler, 2014; Sedlmeier & Renkewitz, 2013). Oft ist gerade diese Innensicht der Befragten von Interesse, da davon ausgegangen wird, dass Wahrnehmung und Interpretation der sozialen Umwelt Einfluss auf das Verhalten des Individuums nehmen (z. B. Selbstkonzept und Leistung, siehe z. B. Hannover et al., 2018). Ausführliche Einführungen in die Konzeption und Auswertung von Fragebögen für Lehrende an Schulen finden sich beispielsweise bei Hesse und Latzko (2017) sowie Helmke (2017).
2.2 Die Messung von Peerbeziehungen mittels sozialer Netzwerkanalyse
Eine Alternative zur klassischen Fragebogenmethode mit dem Potenzial einer objektiven Messung von Peerbeziehungen ist die soziale Netzwerkanalyse (SNA), auch bekannt unter dem Begriff Soziometrie2 (Moreno, 1934). Obgleich die SNA erst vor wenigen Jahren in den Fokus der Bildungsforschung rückte (Herz, 2014; Moolenar, 2010; Zander, 2013), ist sie in anderen Bereichen der Sozialwissenschaften schon länger prominent vertreten (Knoke & Yang, 2008; Moolenar, 2010) und verfügt daher über ein breit ausdifferenziertes Methodenrepertoire, das in den nachfolgenden Abschnitten skizziert werden soll.
2.2.1 Netzwerktypen und Datenerhebung
In einem typischen Instrument zur Erfassung eines sozialen Netzwerkes werden die Lernenden gebeten, ihre besten Freundinnen und Freunde anzugeben (vgl. Knoke & Yang, 2008). Die Lernenden erhalten dazu eine Liste aller Mitglieder der Klasse, auf der sie diejenigen Peers ankreuzen können, mit denen sie befreundet sind. Alternativ werden sie gebeten, die Namen ihrer Freunde oder Freundinnen in der Klasse aus dem Gedächtnis heraus aufzuschreiben. Der Vorteil, der sich aus der Vorlage einer Liste aller Mitglieder eines Netzwerks ergibt, liegt in einer stärkeren kognitiven Auseinandersetzung mit dem Material (Marsden, 2011), wodurch verhindert wird, dass Lernende bei der Beantwortung wichtige Verbindungen vergessen (Borgatti, Everett & Johnson, 2013). Bei jüngeren Befragten wird häufig das Ankreuzen oder Aufschreiben der Namen durch ein Kurzinterview ersetzt (z. B. bei Krull, Wilbert & Hennemann, 2014).
Neben sogenannten affektiven Netzwerken (z. B. Freundschaften, Sympathie, Beliebtheit) können auf diese Weise auch sogenannte kognitiv-instrumentelle Netzwerke von Lernenden erfragt werden (z. B. Hilfe und Austausch). Welcher dieser beiden Netzwerktypen adressiert wird, hängt von der zu beantwortenden Ausgangsfrage ab (Zander, Kreutzmann & Hannover, 2017; Zander, 2013). Für die Erfassung eines kognitiv-instrumentellen Netzwerktyps wäre beispielsweise die Frage »Wen fragst du bei deinen Hausaufgaben um Hilfe?« angemessen, wohingegen die Frage »Wen lädst du zu deiner Geburtstagsfeier ein?« auf ein affektives Netzwerk abzielt. Vor allem in Hinblick auf affektive Netzwerke ist nach wie vor umstritten, ob bei der Erhebung neben Positivnennungen (z. B. »Wen magst du?«) auch negative Nominationen (»Wen magst du nicht?«) erfragt werden sollten (Frederickson & Furnham, 2001). Der Vorwurf an dieser Stelle lautet, dass die Abfrage negativer Nominationen wie eine psychologische Intervention wirke und unmerklich vorhandene Antipathien durch die Fragestellung erst sichtbar gemacht würden oder eine Norm entstünde, dass es angemessen sei, Peers in der Klasse explizit abzulehnen (Bell-Dolan, Foster & Sikora, 1989; Cillessen, 2009; Rubin, Coplan et al., 2011). Dies allein ist ein gutes Argument dafür, in pädagogischen Kontexten lediglich positive Nennungen zu erfragen. Andererseits zeigen verschiedene Forschungsarbeiten (Herz, 2014; Veenstra et al., 2010), dass es gerade die negativen Nominationen sind, die ein besonders aufschlussreiches Bild über die Peerbeziehungen liefern. Veenstra et al. (2010) konnten beispielsweise anhand der gleichzeitigen Betrachtung von positiven und negativen Nominationen zeigen, dass die geringe Eingebundenheit in ein Freundschaftsnetzwerk als alleiniges Merkmal nicht vorhersagt, ob Lernende zum Ziel von Bullying werden. Erst ein zusätzlicher hoher Grad an Ablehnung, also negativen Nominationen, machte Lernende vulnerabel für Bullying.
Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal von Netzwerkdaten liegt darin, ob bei der Abfrage gerichtete (Englisch: directed) oder ungerichtete (Englisch: undirected) Beziehungen erfasst werden. In gerichteten Netzwerken (z. B. Freundschafts- oder Hilfenetzwerke) ist ausschlaggebend, von welcher Person eine Nominierung ausgeht. So kann beispielsweise aus der Tatsache, dass Person A die Person B als Freund oder Freundin genannt hat, nicht geschlossen werden, dass auch Person B die Person A als Freund oder Freundin nominiert. In ungerichteten Netzwerken hingegen wird lediglich erfasst, ob zwischen Person A und Person B überhaupt eine Verbindung existiert oder nicht. Bittet man beispielsweise die Schülerinnen und Schüler eines Jahrgangs oder der gesamten Schule darum, alle anderen Lernenden anzugeben, mit denen sie im Nachmittagsangebot der Schule eine Arbeitsgemeinschaft besuchen, erhält man als Ergebnis ein sogenanntes Co-Membership-Netzwerk (Marin & Wellmann, 2011). Eine auf diese Weise festgestellte (ungerichtete) Beziehung zwischen zwei Lernenden gibt an, dass sich beide im Rahmen derselben Arbeitsgemeinschaft begegnen. Eine Unterscheidung von gerichteten und ungerichteten Beziehungen ist auch deshalb wichtig, weil einige Auswertungsmethoden für Netzwerkdaten nur für einen der beiden Netzwerktypen definiert sind. Die nachfolgend beschriebenen Indizes In- und Outdegree können beispielsweise nur in gerichteten Netzwerken, nicht jedoch in ungerichteten Netzwerken berechnet werden. Unabhängig davon, ob ungerichtete oder gerichtete Verbindungen erfasst werden, liegt die Stärke der SNA insbesondere in der Gegenüberstellung und Kombination von Nominierungen. Werden beispielsweise zwei Lernende zum Bestehen einer Beziehung befragt und deren Nominationen miteinander kombiniert, erhöht dies sowohl die Verlässlichkeit der Messung als auch letztlich deren Objektivität. Wie das Beispiel zu den sogenannten Indegree und Outdegree in Abschnitt »Indizes auf Personen- und Gruppenebene« zeigt, kann die Gegenüberstellung von Nominationen darüber hinaus Hinweise auf diskrepante Wahrnehmungen von Lernenden geben und auf Erfahrungen von Exklusion und Ausschluss im Klassenkontext aufmerksam machen.
2.2.2 Datenauswertung
Für die Auswertung der Netzwerkdaten kommen sowohl beschreibend-darstellende Verfahren der deskriptiven Statistik, die Netzwerkvisualisierung, als auch hypothesenprüfende Ansätze der Inferenzstatistik zum Einsatz. In der Praxis werden diese Ansätze häufig kombiniert eingesetzt, indem soziale Netzwerke zunächst mit deskriptiven Indizes beschrieben und zusammengefasst und anschließend mittels Methoden der Inferenzstatistik (t-Test, lineare Regression, usw.) ausgewertet werden (vgl. z. B. Ahn, Garandeau & Rodkin, 2010).
Indizes auf Personen- und Gruppenebene
Die Berechnung von Zentralitätsmaßen (Englisch: degrees) in einem sozialen Netzwerk gehört meist zu den ersten Schritten einer SNA (O’Malley & Marsden, 2008). Auf der Personenebene gibt der Degree die Anzahl der Verbindungen einer Person in einem Netzwerk an. Im Fall gerichteter Netzwerke werden hierzu zwei separate Maße, die In- und Outdegrees, berechnet. Der Indegree einer Person gibt die Summe der erhaltenen Nominierungen an. Im Fall von Peerbeziehungen wird der Indegree häufig als Maß der Beliebtheit interpretiert, wobei eine Person umso beliebter ist, je höher ihr Indegree im Vergleich zu anderen Mitgliedern des Netzwerkes ausfällt (vgl. Zander, Kreutzmann & Hannover, 2017). Der Outdegree wiederum kann als Maß der Aktivität oder Kontaktfreudigkeit einer Person interpretiert werden, denn er gibt die Summe der Beziehungen einer Person an, die auf andere Personen im Netzwerk gerichtet sind. Um die Degrees sowie die In- und Outdegrees zwischen verschieden großen Netzwerken vergleichen zu können, werden sie üblicherweise an der Anzahl der theoretisch möglichen Wahlen innerhalb eines Netzwerks normiert, d. h. durch diesen Wert geteilt. In einer Schulklasse errechnet sich die Anzahl dieser Wahlmöglichkeiten mit NKlasse–1, da eine Selbstnominierung nicht gezählt wird. In gerichteten Netzwerken ist neben der Berechnung von In- und Outdegrees häufig auch die Anzahl der auf Gegenseitigkeit basierenden Nominierungen interessant, d. h. die Zahl der eigenen ausgehenden Wahlen, die von den anderen Personen im Netzwerk erwidert werden (Fuhse, 2016; O’Malley & Marsden, 2008). Ein deutliches Missverhältnis zwischen beiden Werten kann ein Hinweis sein, dass die Situation des Betroffenen genauer angeschaut werden sollte (Henke et al., 2017). Ist die Zahl der Outdegrees eines Kindes z. B. beträchtlich höher als die Zahl seiner Indegrees, dann besteht seitens dieses Kindes möglicherweise ein häufig unerwiderter Wunsch nach Zugehörigkeit zu anderen im sozialen Netzwerk. Je nach Klassen- und Gruppensituation kann diese Diskrepanz bedeuten, dass das Kind von sozialem Ausschluss bedroht ist. In einem solchen Fall sollten durch die Lehrkraft soziale Normen adressiert und mit den Lernenden verhandelt werden, um sozialen Ausschluss im Klassenkontext zu verhindern. Die zuvor genannten Maße können auch jenseits der Personenebene auf der Ebene von Gruppen (z. B. Jungen und Mädchen einer Klasse) oder des gesamten Netzwerkes (z. B. Schulklasse) berechnet werden, wobei man in diesem Fall von der Dichte (Englisch: density) der Gruppe oder des Netzwerkes spricht (Borgatti, Everett & Johnson, 2013). Die Dichte eines Netzwerkes ist dann umso höher, je mehr potenzielle Verbindungen von den Mitgliedern des Netzwerkes auch wirklich realisiert werden. Einige Studien konnten zeigen, dass in Peernetzwerken mit höherer Dichte ein positives Klassenklima herrscht und die Lernenden Bullying-assoziiertes Verhalten weniger stark akzeptieren (Ahn, Garandeau & Rodkin, 2010).
Insgesamt hat die SNA eine Vielzahl weiterer hoch spezialisierter Indizes hervorgebracht (Hanneman & Riddle, 2011). Allein für die Quantifizierung von Segregation3 in sozialen Netzwerken berichten Bojanowoski und Corten (2014) in einem Methodenreview neun verschiedene Indizes. Dennoch können Neuentwicklungen weiterer Indizes durchaus angezeigt sein (Zander et al., 2017). In einer jüngst veröffentlichten Studie zu bi- und monolingualen Lernenden konnten Henke, Zander und Baumert (2020) beispielsweise mithilfe eines solch neu entwickelten Indexes zeigen, dass unterschiedliche schulische Sprachsettings einen Einfluss auf die Tendenz der Lernenden haben, innerhalb bzw. außerhalb der eigenen Sprachgruppe nach Hilfe und fachlichem Austausch zu suchen. In Schulen, in denen eine bilinguale Sprachpraxis gefördert wurde (hier: Staatliche Europa-Schule Berlin), zählten vor allem die bilingual sozialisierten Lernenden zu den bevorzugten Hilfe- und Austauschpartnern und -partnerinnen ihrer Klasse. Ein gegenteiliges Bild ergab sich, wenn Deutsch die ausschließliche Schul- und Unterrichtssprache war: Hier zählten vor allem die monolingual deutschsprachig sozialisierten Lernenden zu den bevorzugten Hilfe- und Austauschpartnern und -partnerinnen der Klasse. Dieser Effekt war bei der Verwendung einfacher Degree-Maße, die sich auf alle Mitglieder im Netzwerk beziehen, nicht sichtbar.
Identifikation von Gruppen
Eine Frage, die sich bei der Betrachtung sozialer Netzwerkdaten typischerweise stellt, lautet, wie die beobachteten sozialen Strukturen innerhalb des Klassenzimmers mit bestimmten Merkmalen der Lernenden zusammenhängen. Die einfachste Form, um in einem sozialen Netzwerk Gruppen zu identifizieren, besteht darin, die erhobenen Netzwerkdaten mit Informationen zu weiteren Merkmalen der Lernenden zu verknüpfen, z. B. Geschlecht (vgl. Dijkstra & Berger, 2018) oder Sprachgruppenzugehörigkeit (vgl. Kindermann & Gest, 2018). Eine weitere, im Rahmen der Bildungsforschung bislang jedoch relativ selten genutzte Möglichkeit ist die Identifizierung von Gruppen aufgrund der Beziehungen, die die Personen untereinander haben (z. B. Grütter, Meyer & Glenz, 2014; Zander, Chen & Hannover, 2019). Diese Methode ist vor allem dann interessant, wenn Phänomene wie Selektion und Beeinflussung in Hinblick auf veränderbare Merkmale wie z. B. Einstellungen, Normen oder das Selbstkonzept untersucht werden sollen (Kindermann & Gest, 2018). Auch hier existiert eine Vielzahl von Prozeduren zur Identifikation existierender Gruppen in einem sozialen Netzwerk (Kindermann & Gest, 2018; van Duijn & Huisman, 2011). Bei den sogenannten Bottom-Up-Prozeduren (Hanneman & Riddle, 2011) wird innerhalb des Netzwerkes nach zuvor festgelegten Strukturen (z. B. Cliquen) gesucht (Wassermann & Faust, 1994). Da Personen in der Regel Mitglied mehrerer solcher Cliquen sind, ließe sich in einem Netzwerk beispielsweise auszählen, in wie vielen Vierer-Cliquen (n-Cliquen) – also Gruppen mit exakt vier Personen, die alle untereinander verbunden sind – eine Person inkludiert ist. Bei den sogenannten Bottom-Down-Prozeduren (ebd.) hingegen werden die Strukturmerkmale der Gruppen nicht zuvor rigide festgelegt, sondern ein statistisches Kriterium bestimmt, dem die Gruppenstruktur eines Netzwerkes genügen soll. Ein Beispiel für eine solche Prozedur bietet die Anwendung KliqueFinder (Frank, 1995, 1996). Der KliqueFinder-Algorithmus sucht nach einer Gruppenstruktur, in der die Wahrscheinlichkeit für eine Verbindung zwischen zwei Personen höher ist, wenn sie Mitglied derselben Gruppe sind, als wenn sie Mitglieder zweier unterschiedlicher Gruppen wären. Den von KliqueFinder aufgefundenen Gruppen müssen demnach keine sozialen Kategorien zugrunde liegen, wie z. B. das Geschlecht oder die Sprachzugehörigkeit. Ein Vorteil der Bottom-Down- gegenüber den Bottom-Up-Prozeduren ist, dass sie häufig Gruppenstrukturen aufdecken, die eine höhere Bedeutsamkeit für soziale Prozesse haben, als dies für mit Bottom-Up-Prozeduren identifizierte Gruppenstrukturen der Fall ist (van Duijn & Huisman, 2011).
Visualisierung erhobener Netzwerkdaten
Jede Darstellung eines sozialen Netzwerkes als Graph folgt dem Grundprinzip, dass Personen im Netzwerk als sogenannte Knoten und Beziehungen zwischen Personen als sogenannte Kanten betrachtet werden. Dabei repräsentieren einfache geometrische Formen wie Kreise, Dreiecke, Vierecke etc. diese Knoten. Kanten wiederum werden üblicherweise mit Linien (in ungerichteten Netzwerken) oder Pfeilen (in gerichteten Netzwerken) abgebildet. Durch die Wahl unterschiedlicher geometrischer Formen und Farben z. B. für Gruppen, aber auch einer Variation der Größe der Knoten, lassen sich so Strukturen in sozialen Netzwerken für die visuelle Anschauung aufdecken und herausarbeiten.
Ein vor allem in jüngeren Jahrgängen häufig beobachteter Effekt, der sich gut mithilfe von Visualisierungen aufzeigen lässt, ist die Präferenz von Mädchen und Jungen, mit Peers der eigenen Geschlechtsgruppe zu interagieren (Oerter & Montada, 2008,
Kap. 8). An einem fiktiven Beispiel von Freundschaftswahlen in einer Schulklasse von 15 Lernenden lässt sich die sogenannte Geschlechtshomophilie4 in sozialen Netzwerken gut erkennen: Mädchen und Jungen wählen ihre Freundschaften bevorzugt innerhalb der eigenen Geschlechtsgruppe, während Freundschaften außerhalb der eigenen Geschlechtsgruppe im Vergleich dazu eher selten sind (
Abb. 2.1).

Abb. 2.1: Beispiel für die Visualisierung eines sozialen Netzwerkes als Graph, eigene Darstellung. Beispielhafte Darstellung einer Schulklasse, in der die Wahrscheinlichkeit einer Verbindung zwischen zwei Lernenden erhöht ist, wenn sie ein bestimmtes Merkmal (Geschlecht) teilen (Mädchen = Quadrate, Jungen = Kreise).
Inferenzstatistische Modelle
Neben den bereits beschriebenen deskriptiven Maßen (Indizes, Gruppen) verfügt die SNA über eine ebenso breite Palette an spezialisierten inferenzstatistischen Netzwerkmodellen (eine etwas ältere, aber konzise Darstellung hierzu findet sich z. B. bei van Duijn & Vermunt, 2006). Anders als die zuvor dargestellten Indizes haben diese Modelle das Ziel, das Entstehen bzw. die Entwicklung von Netzwerken mithilfe anderer Variablen zu erklären und diese Prozesse gegen den bloßen Zufall abzusichern. Weiterhin bieten sie die Möglichkeit, Effekte zu isolieren, indem sogenannte strukturelle Netzwerkeffekte5 mitmodelliert werden und sich somit aus den anderen untersuchten Effekten herausrechnen lassen. Warum aber sind weithin gebräuchliche Verfahren, wie die Varianzanalyse, die lineare oder logistische Regression, für die Analyse von Netzwerken in der Regel nicht ausreichend? Ein Grund ist, dass im Fall von Netzwerken die übliche Annahme der bedingten Unabhängigkeit der Untersuchungseinheiten nicht mehr haltbar ist, da in der SNA explizit davon ausgegangen wird, dass Personen ihre Handlungen und Entscheidungen aneinander ausrichten und sich so potenziell auch gegenseitig in ihren Handlungen und Entscheidungen beeinflussen. Ignoriert man diesen Umstand bei der Untersuchung von sozialen Netzwerken, dann kann dies zu einer gravierenden Unter- oder Überschätzung anderer Parameter im Modell und damit zu Fehlinterpretationen führen (Lusher et al., 2013).
Software
Die Berechnung von Indizes auf der Personen- und Gruppenebene, die Identifikation von Gruppen sowie die Visualisierung von Netzwerkdaten in einem Graphen kann durch Software-Anwendungen unterstützt werden. Eine umfangreiche Übersicht zu klassischen Programmen der SNA bietet beispielsweise der Übersichtsartikel von van Duijn und Huisman (2011). Für Einsteigerinnen und Einsteiger in die SNA sind vor allem zwei Programme empfehlenswert: (1) UCINET (Borgatti, Everett & Freeman, 2002), ein kommerzielles Programm, dessen Stärken gleichermaßen in der Visualisierung, der Berechnung von Indizes und der Identifizierung von Gruppen liegen. (2) Gephi (Bastian, Heymann & Jacomy, 2009), eine freie Alternative, die den Fokus noch deutlicher auf Netzwerkvisualisierungen setzt, wobei jedoch Abstriche hinsichtlich der Berechnung von Indizes und der Identifizierung von Gruppen in Kauf genommen werden müssen. Für die Berechnung komplexer inferenzstatistischer Modelle sind beide Programme ungeeignet, wobei sich in UCINET zumindest einige basale inferenzstatistische Modelle schätzen lassen.
2.3 Zusammenfassung
Bildungsforschende und Lehrpersonen in Schulen haben unterschiedliche Motive, die Peerbeziehungen von Lernenden zu erfassen. Neben der Fragebogenmethode ist es die SNA, die im vorliegenden Kapitel als geeignete Methode vorgestellt wurde. Das Alleinstellungsmerkmal der SNA gegenüber anderen Methoden liegt dabei in der Möglichkeit, Selbst- und Fremdbericht direkt miteinander in Bezug zu setzen. Eine solche Beschreibung und Auswertung der Peerbeziehungen kann dabei auf der Ebene des Individuums, einzelner Gruppen oder des ganzen Netzwerkes mithilfe von Indizes, Visualisierungen und inferenzstatistischen Modellen erfolgen.
Praktische Implikationen
• Soziale Strukturen aufdecken: Für eine gezielte Förderung von Lernenden ist eine entsprechend gute Diagnostik unabdingbar (Hesse & Latzko, 2017), dies gilt auch für die Peerbeziehungen von Lernenden. Lehrende können Fragebögen und die Methoden der SNA einsetzen, um detaillierte Informationen über die Peerbeziehungen einer Vielzahl von Lernenden zu erhalten. Auf Grundlage dieser Informationen dürfte es Lehrenden beispielsweise leichter möglich sein, soziale Ausgrenzung und Bullying im Klassenzimmer frühzeitig zu erkennen und entsprechend regulierend einzugreifen (Harks & Hannover, 2017).
• Zeitökonomisch und erprobt: Ein Vorteil von Fragebögen ist, dass sie im Gegensatz zu anderen Verfahren besonders zeitökonomisch eingesetzt werden können. Beim Einsatz von Fragebögen sollten nach Möglichkeit standardisierte Fragebögen verwendet werden, da sie theoretisch fundiert und bereits an größeren Stichproben erprobt wurden.
• Objektiv: Vor allem die Methoden der SNA ermöglichen über die Verknüpfung von Selbst- und Fremdbericht eine objektivere Sicht auf die sozialen Beziehungen einer Klasse und die Eingebundenheit Einzelner in dieses Netzwerk. Vergleiche ausgehender und erhaltener Nominierungen (Outdegree und Indegree) können Aufschluss über die soziale Stellung eines Lernenden aus Sicht der Peers geben und dabei helfen, Lernende zu identifizieren, die von der Klassengemeinschaft ausgeschlossen sind.
• Grenzen kennen und achten: Bei allen Methoden, mit denen sich die sozialen Beziehungen von Lernenden erfassen lassen, insbesondere der SNA, sind die Zusicherung von Vertraulichkeit und die Einhaltung des Datenschutzes gegenüber den Teilnehmenden unabdingbar. Keinesfalls sollten die erhobenen Daten an die Lernenden zurückgespiegelt werden (Bell-Dolan & Wessler, 1994; Borgatti & Molina, 2005). Weder in aufbereiteter Form noch in Form von Grafiken und Darstellungen gehören solch sensible Informationen ohne die Zustimmung aller Befragten in die Hände von Lernenden oder Außenstehenden, da dies das Recht des Individuums auf informationelle Selbstbestimmung verletzen würde. Weiterhin sollten, bei aller Nützlichkeit, auch die Grenzen der vorgestellten Methoden berücksichtigt werden. So sagt die Kenntnis über das Vorhandensein einer oder mehrerer Peerbeziehungen einer Person noch nichts über deren Qualität oder deren langfristige Stabilität aus (Poulin & Chan, 2010).
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1 Ein Beispiel f�r ein latentes Konstrukt ist Intelligenz, aber auch das Erleben von sozialer Zugeh�rigkeit.
2 Nach aktuellem Verständnis ist die Soziometrie eine der bedeutenden Vorgängerinnen der heutigen SNA und nicht mit ihr gleichzusetzen (Fuhse, 2016).
3 Segregation im Kontext der SNA beschreibt die Tendenz von Personen in einem Netzwerk, Verbindungen eher mit Angeh�rigen der eigenen Gruppe oder sozialen Kategorie einzugehen und demgegen�ber Verbindungen zu Personen anderer Gruppen oder Kategorien eher zu meiden (Bojanowski & Corten, 2014).
4 Homophilie (�Gleich und gleich gesellt sich gern�) im Kontext sozialer Netzwerke bedeutet, dass eine Netzwerkverbindung zwischen Personen mit �hnlichen oder gleichen Merkmalen wahrscheinlicher ist als zwischen Personen mit unterschiedlichen oder un�hnlichen Merkmalen (McPherson et al., 2001).
5 Einer dieser strukturellen Netzwerkeffekte ist die bereits erw�hnte Homophilie. Ein weiterer gut erforschter Effekt ist die Transitivit�t (�Ein Freund eines Freundes ist ein Freund�), bei dem die Wahrscheinlichkeit f�r eine Verbindung zwischen zwei Personen steigt, wenn diese einen gemeinsamen Bekannten oder eine gemeinsame Bekannte haben. Weitere wichtige strukturelle Netzwerkeffekte sind Preferential Attachment und Reziprozit�t (vgl. z. B. Fuhse, 2016).
II Förderliche und hinderliche Einflüsse der Peers auf den Erwerb fachlicher und fachübergreifender Kompetenzen
3 Peers als Bildungsinstanz im Jugendalter
Marion Reindl
Zusammenfassung
• Im Jugendalter haben Peers einen zunehmenden Einfluss auf akademische Bildungsprozesse von Schülerinnen und Schülern. Dieser Einfluss vollzieht sich auf unterschiedlichen Ebenen von Peerkontakten (Dyaden, Cliquen oder Klassenverband).
• Sowohl die akademische Motivation als auch die daraus resultierenden Leistungen erfahren im Verlauf des Jugendalters eine starke und zumeist nicht nur positive Veränderung.
• Zu den psychologischen Mechanismen, die Peereinflüsse auf akademische Motivation und Leistungen erklären können, zählen Modelllernen, Informationsaustausch, Peernormen und soziale Einbindung.
• Lehrkräfte können diese Mechanismen für sich nutzen, um die individuelle Entwicklung ihrer Lernenden positiv zu beeinflussen und negative Peereinflüsse abzuschwächen.
Einleitung
Mit dem Übertritt von der Grundschule in eine weiterführende Schule verbringen Schülerinnen und Schüler zunehmend mehr ihrer Zeit in der Schule. Neben den Lehrkräften stellen dort Peers wichtige Bezugspersonen dar, die auf vielfältige Weise die akademische Motivation und den Bildungserfolg von Schülerinnen und Schülern beeinflussen können. So werden z. B. gerade im Jugendalter Peers zu wichtigen Vorbildern, an denen sich Schülerinnen und Schüler orientieren, um ihre eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen zu hinterfragen und gegebenenfalls zu verändern. Gleichzeitig bieten Peers auch eine wichtige Anlaufstelle für Schülerinnen und Schüler, wenn sie in schulischen als auch emotionalen Belangen Unterstützung benötigen. Nicht zuletzt können Peers ein Gefühl der sozialen Einbindung vermitteln, damit sich Schülerinnen und Schüler in ihrer Umgebung geborgen fühlen und sich folglich in einer positiven Grundstimmung den Lerninhalten widmen können. Da sich gerade im Jugendalter schulische sowie außerschulische Interessen von Schülerinnen und Schülern verändern – und zwar keineswegs nur in eine positive Richtung – ist es umso wichtiger, die Rolle der Peers als zentrale Sozialisationsinstanz im Jugendalter näher zu betrachten.
3.1 Motivation und Schulerfolg
Motivation wird definiert als eine »aktivierende Ausrichtung des momentanen Lebensvollzugs auf einen positiv bewerteten Zielzustand« (Rheinberg, 2008, S. 15). Diese aktivierende Ausrichtung wird in zahlreichen theoretischen Konzepten nochmals genauer spezifiziert, wie beispielsweise der Erwartung x Wert-Theorie (Wigfield & Eccles, 2000), der Selbstbestimmungstheorie (Deci & Ryan, 1985) oder der Interessenstheorie (Krapp, 1999).
Bezogen auf den akademischen Bereich ist allen Konzepten die Frage gemein, warum sich Schülerinnen und Schüler mit Lerninhalten beschäftigen, z. B. aufgrund von Spaß an der Aktivität oder dem Ziel, gute Noten schreiben zu wollen.
Die Qualität akademischer Motivation hat einen bedeutenden Einfluss auf schulische Leistungen (z. B. Schulnoten, Kompetenzen) und somit auf den Schulerfolg (zusammenfassend Linnenbrink & Pintrich, 2002). Schülerinnen und Schüler, die Spaß an einer Lernaufgabe haben, also intrinsisch motiviert sind, beschäftigen sich intensiver mit den Lerninhalten und erzielen entsprechend bessere Noten als Schülerinnen und Schüler, die vergleichsweise wenig intrinsisch motiviert sind (Gottfried, Fleming & Gottfried, 1994). Bedenklich ist in diesem Zusammenhang, dass Schülerinnen und Schüler über den Verlauf der Schulzeit immer weniger motiviert sind, sich mit schulischen Inhalten auseinanderzusetzen, und sich somit auch ihre Schulnoten verschlechtern (Frenzel et al., 2010; Gottfried et al., 2007). Dieser Rückgang bedeutet aber nicht, dass sich Schülerinnen und Schüler generell von der Schule weniger angesprochen fühlen, sondern ist oft auch damit zu erklären, dass eine stärkere Profilbildung stattfindet. So kann es z. B. sein, dass sich manche Schülerinnen und Schüler im Verlauf ihrer Schulzeit immer weniger gern mit mathematischen Inhalten befassen, während gleichzeitig die Motivation für die Beschäftigung mit sprachlichen Inhalten zunimmt. Für die Erklärung sowohl von Unterschieden in einer allgemeinen Abnahme akademischer Motivation als auch für die Profilbildung von Schülerinnen und Schülern werden im Folgenden die Peers als wichtige Sozialisationsinstanz im Jugendalter betrachtet.
3.2 Peers als Bildungsinstanz
Für eine genauere Betrachtung von Peereinflüssen auf den einzelnen Schüler bzw. die einzelne Schülerin ist es zunächst wichtig, mögliche Konstellationen klasseninterner Peerkontakte zu spezifizieren. Diese können z. B. nach der Anzahl der Interaktionspartnerinnen und -partner unterschieden werden, wobei sich der Komplexitätsgrad mit zunehmender Anzahl an Interaktionspartnerinnen und -partner erhöht (Hinde, 1976; Zander, Kreutzmann & Hannover, 2017). Die drei zentralen Ebenen sind hierbei die Dyade (z. B. Freundschaft, Lerntandem), die Gruppe (z. B. Clique, Lerngruppe) und der Klassenverband (
Abb. 3.1). Ein Spezifikum der Dyade ist, dass sich der Kontakt immer zwischen zwei Personen abspielt. Dabei lassen sich dyadische Peerkontakte nochmals in situational bedingte Interaktionen und längerfristige Beziehungen unterscheiden. Der Unterschied ergibt sich aus den Vorerfahrungen, die mit der Person gemacht wurden, und welche Erwartungen sich daraus für das Verhalten des Gegenübers ergeben. Haben Schülerinnen und Schüler wenig Vorerfahrungen bzw. keine speziellen Erwartungen an das Verhalten ihres Gegenübers und ist der Kontakt zudem zeitlich begrenzt, so werden Peerkontakte als situational bedingte Interaktionen bezeichnet. Ein Beispiel hierfür könnte sein, dass Schülerinnen und Schüler ausschließlich Lernmaterialien untereinander austauschen. Interaktionen können wiederum eingebettet sein in Beziehungen. Beziehungen sind durch regelmäßige Interaktionen über einen längeren Zeitraum gekennzeichnet, bei denen Schülerinnen und Schüler auf Basis von Vorerfahrungen bestimmte Erwartungen an die Verhaltensweisen des Gegenübers haben und eine gewisse Verpflichtung zwischen den beiden Personen besteht. So könnte im Fall einer Beziehung zwischen zwei Personen an den Austausch von Lernmaterialien die Erwartung geknüpft sein, dass die andere Person sowohl die Lernmaterialien mit ziemlicher Sicherheit auch bereitstellt als auch bei Bedarf eine Unterstützung bei der Erarbeitung der Lerninhalte anbietet. Beziehungen zwischen zwei Personen können wiederum Teil einer bzw. mehrerer klasseninterner Gruppen sein, die ein Geflecht an mehreren dyadischen Peerkontakten (Beziehungen, Interaktionen) zwischen Schülerinnen und Schülern darstellen. Ein Spezifikum der Gruppe ist, dass z. B. betrachtet werden kann, wie gut Schülerinnen und Schüler in einer Klasse vernetzt sind oder/und welche geteilten Wertevorstellungen innerhalb einer Gruppe vorherrschen. Dyaden als auch Gruppen sind wiederum gebündelt in einem fest strukturierten Klassenverband. Ein Spezifikum des Klassenverbandes ist, dass dieser im Gegensatz zu Dyaden und Gruppen nicht freiwillig gewählt werden kann.
Des Weiteren können Peerkontakte durch zwei Formen der Unterstützung gekennzeichnet sein: erstens affektiv und zweitens kognitiv-instrumentell (Zander et al., 2017). Affektive Unterstützung bezieht sich darauf, dass Schülerinnen und Schüler in schulischen, aber auch außerschulischen Belangen durch ihre Peers emotional unterstützt werden, z. B. bei Ärger über eine schlechte Note oder Streit mit den Eltern Zuspruch bekommen. Eine kognitiv-instrumentelle Unterstützung bezieht sich hingegen primär auf eine Unterstützung bei der Erarbeitung von Lerninhalten. Diese kann sich von einem reinen Austausch an Lernmaterialien bis hin zum Erarbeiten von gemeinsamen schulischen Projekten erstrecken. Auf Dyadenebene ist eine zentrale Beziehungsform, die sowohl affektive als auch kognitiv-instrumentelle Unterstützung leisten kann, die Freundschaft. Eine Freundschaft wird als freiwillige Beziehung zwischen zwei Personen definiert, die auf Wechselseitigkeit beruht (Hartup, 1989). Freundschaften können wiederum eingebettet sein in Gruppenbeziehungen innerhalb der Klasse, wie Cliquen. Cliquen bestehen aus Beziehungen zwischen typischerweise ca. drei bis zehn Personen (nicht notwendigerweise Freundschaften), innerhalb derer die Jugendlichen in regelmäßigen Abständen interagieren (Brown, 1990; Ennett & Bauman, 1994; Kindermann, 2007; Ryan, 2001). Peerkontakte, die sich primär auf eine kognitiv-instrumentelle Unterstützung beziehen, sind auf Dyadenebene Lerntandems und auf Gruppenebene Lerngruppen. Oftmals sind hierbei die Peerkontakte von außen durch die Lehrkraft vorstrukturiert und werden – im Gegensatz zu einer Freundschaft oder Clique – nicht zwingend freiwillig gewählt.

Abb. 3.1: Zentrale Peerkontakte, Mechanismen des Einflusses und Outcomes, eigene Darstellung
Im Folgenden werden die in Abb. 3.1 dargestellten Mechanismen, über die Peers im Jugendalter aufeinander Einfluss nehmen, im Einzelnen dargestellt.
3.2.1 Modelllernen
Ein Mechanismus, der insbesondere auf Dyadenebene erklärt, wie Schülerinnen und Schüler durch ihre Peers in ihren eigenen Einstellungen und Verhaltensweisen beeinflusst werden, ist das Modelllernen (Bandura, 1979). Darin wird beschrieben, dass Personen über die Beobachtung von bzw. Kommunikation mit bestimmten Personen (Modellen) sich deren Einstellungen und Verhaltensweisen in einem ersten Schritt aneignen (Aneignungsphase) und anschließend in Abhängigkeit von den Konsequenzen, die die Modellperson erfährt, selbst äußern oder zeigen (Ausführungsphase). Für die erste Phase der Aneignung bedeutet dies, dass Schülerinnen und Schüler Bezugspersonen bei der Auseinandersetzung mit gewissen Lerninhalten beobachten bzw. durch zusätzliche sprachliche Hinweise (z. B. »Mathe macht mir Spaß«) deren Einstellungen und Verhaltensweisen wahrnehmen. Wie gut bzw. wie akkurat Personen sich bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Modelle aneignen können, ist wiederum davon abhängig, wieviel Aufmerksamkeit sie auf ein potenzielles Modell richten. Zum Beispiel beobachten Schülerinnen und Schüler eher Personen, zu denen sie in gewissen Einstellungen und Verhaltensweisen eine Ähnlichkeit aufweisen. Dies ist insbesondere bei Freundinnen und Freunden der Fall, da zu diesen bereits zu Beginn einer Freundschaft eine gewisse Ähnlichkeit in bestimmten Einstellungen und Verhaltensweisen existiert, wie z. B. in Noten sichtbar werdenden Arbeitshaltungen in der Schule (Gremmen et al., 2017; Shin & Ryan, 2014). Ein weiteres Merkmal, welches die Aufmerksamkeit von Schülerinnen und Schülern beeinflusst, ist die Beliebtheit von Schülerinnen und Schülern in der Klasse. Gerade beliebte Schülerinnen und Schüler zeigen zumeist ihr Verhalten offen und dadurch ist es besser beobachtbar. Allerdings zeigen gerade im Jugendalter Schülerinnen und Schüler, die sehr beliebt sind, eher weniger Interesse an schulischen Inhalten als vermeintlich weniger beliebte Schülerinnen und Schüler (Engels et al., 2019). Beliebte Schülerinnen und Schüler könnten dadurch zu eher dysfunktionalen Modellen für die Motivationsentwicklung im Jugendalter werden.
Ob die bei einer Modellperson beobachteten Einstellungen und Verhaltensweisen auch tatsächlich später im manifesten Verhalten der lernenden Person ihren Ausdruck finden (Ausführungsphase), hängt davon ob, ob das Modell selbst Bekräftigung oder Bestrafung erfahren hat (Verstärkungsprozesse). Macht die Person z. B. die Erfahrung, dass gezeigte Verhaltensweisen, wie z. B. in der Schule nicht mitzuarbeiten, durch die Peers positiv bewertet werden, werden diese auch eher im eigenen Verhalten manifestiert. In Studien bestätigte sich, dass Schülerinnen und Schüler Formen der akademischen Motivation ihrer Freundinnen und Freunde übernehmen. Dies zeigte sich sowohl in der frühen Adoleszenz im Bereich einer generellen Freude, sich mit schulischen Inhalten zu beschäftigen (Shin & Ryan, 2014), als auch in der mittleren Adoleszenz für den Wert, der den Fächern Mathematik und Sprachen beigemessen wird (Chow et al., 2018). Ein ähnliches Ergebnis zeigte sich für die Schulnoten der Schülerinnen und Schüler (Gremmen et al., 2017; Ryan, 2001; Shin & Ryan, 2014), welches auch dadurch zu erklären ist, dass Schülerinnen und Schüler motivationale Einstellungen ihrer Freundinnen und Freunde übernehmen und sich in Folge dessen auch an deren Noten angleichen. Ebenfalls zeigte sich, dass Schülerinnen und Schüler sich eher in ihren Noten denen ihrer Freundinnen und Freunde anglichen, wenn letztere besonders beliebt waren (Rambaran et al., 2017).
3.2.2 Informationsaustausch
Ein weiterer Mechanismus, über den erklärt werden kann, warum in der Adoleszenz die Peers Einfluss auf Einstellungen und Verhalten von Jugendlichen nehmen, liegt darin, dass sie besonders relevante Informationen bereitstellen können. So können Schülerinnen und Schüler mit ihren Peers, die mit denselben Entwicklungsaufgaben konfrontiert sind, neben schulischen Inhalten besonders intime Thematiken (z. B. Sexualität) besprechen (Youniss & Haynie, 1992). Eine weitere Charakteristik ist, dass im Vergleich zur Kommunikation mit z. B. den Eltern zwischen Jugendlichen Informationen auf Augenhöhe ausgetauscht werden und mehr Möglichkeiten bestehen, persönliche Sichtweisen offen zu diskutieren (Youniss & Smollar, 1985). Angewendet auf den schulischen Kontext bedeutet dies, dass Schülerinnen und Schüler eher informell mit ihren Peers über deren Einstellungen und Verhaltensweisen als auch spezifische Lerninhalte diskutieren können, z. B., wie wenig Spaß ihnen ein gewisses Fach macht bzw. welchen Lösungsweg sie für die Berechnung einer Aufgabe bevorzugen.
Eine Studie von Berndt, Laychak und Park (1990) bestätigte z. B., dass Schülerinnen und Schüler ihre individuellen Sichtweisen gegenüber schulischer Belange nach einer Diskussion mit dem Freund oder der Freundin signifikant veränderten. Hierbei wurden Freunde und Freundinnen vor und nach einer kurzen Diskussion zu hypothetischen Situationen befragt. Die Jugendlichen mussten sich entscheiden, ob sie eher einer außerschulischen Aktivität nachgehen und dafür das Lernen vernachlässigen wollten (gleichbedeutend mit einer niedrigen akademischen Motivation) oder sich doch auf die Schule fokussieren und dafür die außerschulische Aktivität vernachlässigen wollten (gleichbedeutend mit einer hohen akademischen Motivation). Es zeigte sich, dass sich die Freundschaftspaare nach der Diskussion signifikant ähnlicher in ihren Entscheidungen wurden, welcher Aktivität sie nachgingen, und sich somit in ihrer akademischen Motivation anglichen. Zudem wurde nachgewiesen, dass die Jugendlichen sich in ihren Einschätzungen umso stärker anglichen, je harmonischer die Diskussion ablief. Dieses Ergebnis lässt vermuten, dass sich Jugendliche in Freundschaften mit einer hohen Beziehungsqualität eher in ihren Einstellungen angleichen als Jugendliche in konfliktreichen Freundschaften.
3.2.3 Peernormen
Peernormen spielen insbesondere auf Gruppenebene eine zentrale Rolle für die Veränderung der Motivation und Leistung von Schülerinnen und Schülern. Generell versteht man unter Normen einer sozialen Gruppe (z. B. der Peergruppe) deren geteilte Erwartungen an die Einstellungen und Verhaltensweisen der einzelnen Gruppenmitglieder (Matelski & Hogg, 2015). Angewendet auf den schulischen Bereich handelt es sich hierbei um Erwartungen, welche motivationalen Einstellungen, Lern- und Verhaltensweisen die Schülerinnen und Schüler der eigenen Peergruppe haben sollten. Die in einer sozialen Gruppe vorherrschenden Normen werden nicht nur explizit (z. B. durch beobachtbares Verhalten, durch Äußern bestimmter Einstellungen), sondern auch implizit (z. B. durch die Art und Weise, wie über schulische Inhalte gesprochen wird) kommuniziert (Lapinski & Rimal, 2005). Personen verhalten sich in der Folge konform zu den Normen einer sozialen Gruppe, weil sie (a) dadurch Unsicherheit in ambivalenten Situationen minimieren können und (b) vermeiden können, dass sie aus der Gruppe ausgegrenzt werden (Matelski & Hogg, 2015). Angewendet auf Schülerinnen und Schüler bedeutet dies, dass sich diese an Einstellungen und Verhaltensweisen einer Peergruppe orientieren, um eine gerade im Jugendalter aufkommende Unsicherheit bzgl. eigener Einstellungen und Verhaltensweisen zu reduzieren. Gleichzeitig ist die Angst vor sozialer Isolation eine zentrale Antriebskraft, warum Schülerinnen und Schüler Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Peergruppe übernehmen, der sie angehören wollen (z. B. Pelkner, Günther & Boehnke, 2002).
Studien zum Einfluss von Peernormen zeigten, dass Schülerinnen und Schüler im Laufe eines Schuljahres motivationale Einstellungen ihrer Clique übernehmen (Ryan, 2001). Des Weiteren konnte festgestellt werden, dass Peernormen sowohl positive als auch negative Effekte auf die Entwicklung der Motivation von Schülerinnen und Schülern haben. So zeigte eine Studie von Kindermann (2007), dass bei Schülerinnen und Schülern, die Teil einer schulisch hoch motivierten Clique waren, die individuelle Motivation im Verlauf eines Schuljahres auf einem stabilen Niveau blieb bzw. sogar anstieg. Im Vergleich dazu sank die Motivation von Schülerinnen und Schülern, die in eine schulisch wenig motivierte Clique eingebunden waren. Peernormen, deren Nichtbefolgung Sanktionen zur Folge haben, wie z. B. eine Ausgrenzung aus der Gruppe, weil man als »Streber« gilt, wurden von Pelkner und Kollegen (2002) untersucht. Es zeigte sich, dass Mädchen – nicht aber Jungen – in Mathematik schlechtere Noten erzielten, als es nach ihren tatsächlichen Fähigkeiten zu erwarten gewesen wäre. Eine mögliche Interpretation ist, dass Mädchen im Falle guter Mathematiknoten Angst vor Ausgrenzung hatten, während bei Jungen die Erwartungen der Peergruppe die Möglichkeit einer guten Benotung nicht beeinflussten. Ergebnisse aus einer Studie von Hamm, Schmid, Farmer und Locke (2011) lassen vermuten, dass ihre Annahme darüber, welche Verhaltensweisen innerhalb der Peergruppe als angemessen bewertet werden, für Schülerinnen und Schüler relevanter sind als die tatsächlichen Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Peers. So veränderten Schülerinnen und Schüler z. B. ihre Einschätzung zur Bedeutung der Schule umso stärker, je mehr sie dachten, dass dies auch ihre Peergruppe erwarten würde – unabhängig davon, ob sich diese Erwartung mit der tatsächlichen Einstellung in der Peergruppe deckte.
3.2.4 Soziale Einbindung
Ein weiterer Mechanismus, der auf allen Ebenen von Peerkontakten erklärt, wie Jugendliche von ihren Peers in ihrer akademischen Motivation und in ihrem Bildungserfolg beeinflusst werden, baut auf dem Grundbedürfnis der sozialen Eingebundenheit auf. Menschen streben nach sozialer Eingebundenheit – was auch als ein möglicher Grund beschrieben wird, warum Peernormen übernommen werden. Ist das Grundbedürfnis erfüllt, fühlen sich Personen in einer Umgebung sicher und können diese erkunden. Angewendet auf Schülerinnen und Schüler bedeutet dies, dass durch das Gefühl der Akzeptanz Schülerinnen und Schüler positive Emotionen erleben und diese positive Grundstimmung es ihnen ermöglicht, sich mit Enthusiasmus den Lerninhalten zu widmen (Deci & Ryan, 2000). Gleichzeitig haben gut eingebundene Schülerinnen und Schüler mehr Möglichkeiten, mit Mitschülerinnen und Mitschülern zu interagieren, und damit eine höhere Wahrscheinlichkeit, von ihren Peers affektiv als auch kognitiv-instrumentell unterstützt zu werden (Ladd, Herald-Brown & Kochel, 2009).
Auf Dyadenebene wurden dazu Studien durchgeführt, die Schülerinnen und Schüler ohne Freundschaften in der Klasse mit Schülerinnen und Schülern verglichen, die zumindest eine Freundschaft hatten. Die Jugendlichen ohne eine Freundschaft in der Klasse gaben an, weniger Spaß daran zu haben, sich mit schulischen Inhalten zu beschäftigen (Vaquera & Kao, 2008) und hatten schlechtere Schulnoten (Wentzel, Barry & Caldwell, 2004) als Schülerinnen und Schüler, die zumindest eine Freundschaft hatten. Auf der Ebene der Gruppe und des Klassenverbandes wurden hierzu Studien durchgeführt, bei denen entweder das Ausmaß der sozialen Eingebundenheit von den Schülerinnen und Schülern selbst erfragt wurde oder über soziometrische Messungen die Vernetzung jedes einzelnen Schülers bzw. jeder einzelnen Schülerin in der Klasse erfasst wurde, um dadurch Rückschlüsse auf das Maß an sozialer Eingebundenheit zu ziehen. Hierbei zeigten Studien beider Erhebungsmethoden konsistent, dass Schülerinnen und Schüler, die in der Klasse akzeptiert und sozial eingebunden waren, sich mehr für schulische Inhalte interessierten und in der Folge auch bessere Leistungen im Vergleich zu Schülerinnen und Schülern hatten, die eher ausgeschlossen und wenig unterstützt wurden (Wentzel, Jablansky & Scalise, 2020; vgl. zusammenfassend Kindermann, 2016). Somit zeigte sich auf allen Ebenen von Peerkontakten, dass Schülerinnen und Schüler von einer guten sozialen Einbindung für ihre eigene Motivation und Leistung profitieren.
3.3 Die Rolle der Lehrkraft
Lehrkräfte können die vorgestellten Mechanismen für sich nutzen, um die akademische, aber auch soziale Entwicklung jedes einzelnen Schülers bzw. jeder einzelnen Schülerin zu unterstützen bzw. negative Einflüsse durch die Peers abzuschwächen. Im Folgenden werden für jeden Mechanismus beispielhaft zentrale Möglichkeiten aufgezeigt.
Für den Mechanismus des Modelllernens können Lehrkräfte über einen motivierenden Unterricht und über das Schaffen einer sozialen Situation im Klassenzimmer, in der für jeden Schüler und jede Schülerin das Grundbedürfnis nach sozialer Eingebundenheit befriedigt wird (Deci & Ryan, 2000), die Auftretenswahrscheinlichkeit erwünschter Verhaltensweisen, wie z. B. eine engagierte Mitarbeit im Unterricht, erhöhen. Dies ermöglicht, dass erwünschte Verhaltensweisen von anderen Schülerinnen und Schülern in der Klasse vermehrt beobachtet werden können (Aneignungsphase). Zum anderen werden Schülerinnen und Schüler in der Klasse auch mit höherer Wahrscheinlichkeit die beobachteten Verhaltensweisen in das eigene Repertoire übernehmen (Ausführungsphase), wenn sie wahrnehmen, dass die gezeigten Verhaltensweisen des Modells eine positive Konsequenz erfahren. Zum Beispiel können Lehrkräfte durch Lob für erwünschte Verhaltensweisen (positive Verstärkung) bewirken, dass Schülerinnen und Schüler (Modelle) vermehrt solche Verhaltensweisen zeigen und dadurch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass andere Schülerinnen und Schüler diese Verhaltensweisen in ihr eigenes Repertoire übernehmen. Zentral ist, dass Lehrkräfte ein größeres Augenmerk darauflegen, erwünschte Verhaltensweisen positiv durch z. B. Lob zu verstärken, als ausschließlich unerwünschte Verhaltensweisen immer wieder zu sanktionieren (Moore et al., 2009).
Weiter können Lehrkräfte die Präferenz von Jugendlichen, Informationen mit Gleichaltrigen auszutauschen, für die Vermittlung von Lerninhalten nutzen. So kann die Lehrkraft Schülerinnen und Schüler in Lerntandems bzw. größere Lerngruppen einteilen. In diesem Zusammenhang spielt das Peer-Tutoring eine wichtige Rolle. Dieses bezieht die Peers als gleichberechtigte Wissensvermittlerinnen und Wissensvermittler mit ein, die ihren gleichaltrigen Klassenkameradinnen und Klassenkameraden Lerninhalte vermitteln, mit ihnen einüben, wiederholen und ggf. nochmals erklären (Utley, Mortweet & Greenwood, 1997). Die Bedeutsamkeit des Peer-Tutorings, die Schulnoten von Schülerinnen und Schülern positiv zu beeinflussen, bestätigte sich in zahlreichen Studien (Bowman-Perrott et al., 2013). Mögliche Prozesse, die diesen Lernzuwachs erklären können, sind z. B., dass sich Schülerinnen und Schüler im Peer-Tutoring – im Vergleich zu herkömmlichen Lernsettings – eher trauen, Fragen zu stellen (Cheng & Ku, 2009).
Eine Möglichkeit, dass Schülerinnen und Schüler mit geringerer Wahrscheinlichkeit dysfunktionale Peernormen (z. B. eine negative Einstellung zu schulischen Inhalten) übernehmen, besteht im Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu den Schülerinnen und Schülern. Ergebnisse zeigten, dass sich Schülerinnen und Schüler, die sich von ihren Lehrkräften gut verstanden fühlten, weniger von der Einstellung ihrer Clique beeinflussen ließen als Schülerinnen und Schüler, die keine gute Beziehung zu ihren Lehrkräften hatten (Vollet, Kindermann & Skinner, 2017). Eine kontraindizierte Methode, um negative Einflüsse von Peernormen auf die Motivation zu reduzieren, wäre z. B. das bewusste Wegsetzen nur einzelner Schülerinnen und Schüler von ihrer Peergruppe. Zum einen werden dadurch Schülerinnen und Schüler von ihren wichtigen Bezugspersonen isoliert, was wiederum negative Auswirkungen auf ihre soziale Eingebundenheit haben kann. Zum anderen fühlen sich dadurch Schülerinnen und Schüler möglicherweise von ihren Lehrkräften weniger verstanden, was sich wiederum negativ auf die Beziehung zur Lehrkraft auswirken kann (Furrer, Skinner & Pitzer, 2014).
Zu der Frage, wie möglichst viele Schülerinnen und Schüler von einer guten sozialen Einbindung in der Klasse für ihre Motivationsentwicklung profitieren können, erbrachte eine Studie von Gest, Madill, Zadzora, Miller und Rodkin (2014) erste Hinweise darauf, dass isolierte Schülerinnen und Schüler sich nach einer Zeit besser sozial eingebunden fühlten, wenn Lehrkräfte in ihrem Unterrichtshandeln die Beliebtheit der einzelnen Schülerinnen und Schüler berücksichtigten. In diesem Zusammenhang zeigte eine Studie von van den Berg, Segers und Cillessen (2012), dass ein Neuarrangement der Sitzordnung auf Basis der Beliebtheitseinschätzung ein probates Mittel sein kann, isolierte Schülerinnen und Schüler besser zu integrieren. Es wurde dabei so vorgegangen, dass unbeliebte Schülerinnen und Schüler mit beliebten Schülerinnen und Schülern zusammengesetzt wurden. Nach der Veränderung der Sitzordnung waren Außenseiterinnen und Außenseiter besser integriert und das Klassenklima verbesserte sich ebenfalls. Diese Maßnahmen setzen allerdings voraus, dass Lehrkräfte die Peerbeziehungen in der Klasse richtig einschätzen können. Eine Studie von Harks und Hannover (2017) liefert hierzu erste Hinweise, nach denen Lehrkräfte etwa 30 % der Sympathiebeziehungen in einer Klasse korrekt einschätzen konnten. Dabei war die Einschätzungsqualität höher, wenn Lehrkräfte auch glaubten, für die Qualität der Peerbeziehungen mitverantwortlich zu sein. Eine weitere Möglichkeit, der Isolation von Schülerinnen und Schülern vorzubeugen und so präventiv einer geringen sozialen Einbindung entgegenzuwirken, ist die Einführung von Klassenregeln zum sozialen Umgang miteinander. Durch Implementation solcher Regeln können Lehrkräfte einen wertschätzenden Umgang unter den Schülerinnen und Schülern fördern (Korpershoek et al., 2016).
3.4 Ausblick
Die Bedeutung der Peers für die Motivation sowie den Schulerfolg Jugendlicher ist empirisch gut belegt. Dennoch ergeben sich aus den gewonnenen Erkenntnissen Fragestellungen für die zukünftige Forschung. Zum einen erscheint es zentral zu identifizieren, welche Mechanismen in welcher Altersphase besonders bedeutsam sind. Gerade der Übertritt in eine neue Schulform stellt für Jugendliche eine Umbruchsphase dar, in der sich Beziehungen zu Gleichaltrigen neu konstituieren und ausformen. Eine Frage hierbei kann sein, welche Bedeutung gerade die soziale Einbindung im Vergleich zu anderen Mechanismen, wie z. B. das Modelllernen, in dieser Phase hat. Zum anderen zeigten Ergebnisse, dass ein bedeutender Anteil an Jugendlichen scheitert, eine Freundschaft aufzubauen (DeLay et al., 2013). Fraglich bleibt hier, ob ein Teil der Jugendlichen die fehlenden Freundschaften durch eine zunehmende Unterstützung durch die Lehrkräfte bzw. außerschulische Freundschaften zu kompensieren versucht und sich dann – auch trotz fehlender Peerbeziehungen innerhalb des Klassenzimmers – positive Effekte auf die Motivationsentwicklung und den Bildungserfolg ergeben können.
Praktische Implikationen
• Ein Unterricht, der motivierend ist und in dem das Grundbedürfnis der Schülerinnen und Schüler nach sozialer Eingebundenheit befriedigt werden kann, erhöht die Auftretenswahrscheinlichkeit erwünschter Verhaltensweisen, die dann, wenn sie von der Lehrperson positiv verstärkt werden, auch von anderen Schülerinnen und Schülern in der Klasse übernommen werden.
• Der Einsatz von Peer-Tutoring wirkt sich günstig auf den Lernzuwachs aus, da sich Schülerinnen und Schüler im Vergleich zu herkömmlichen Lernsettings mehr trauen, Fragen zu stellen.
• Im Klassenzimmer können Peernormen bestehen, die sich ungünstig auf das Lernverhalten auswirken. Lehrkräfte können durch den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung zu ihren Schülerinnen und Schülern den Einfluss ungünstiger Peernormen auf die schulische Motivation reduzieren.
• Lehrkräfte können isolierte Schülerinnen und Schüler in der Klasse besser integrieren, wenn sie sich darüber bewusst sind, dass sie selbst Beziehungen unter den Peers konstruktiv mitgestalten können. Gleichzeitig können sie dadurch auch das Beziehungsnetzwerk in der Klasse besser einschätzen und isolierte Schülerinnen und Schüler identifizieren.
• Ein Neuarrangement der Sitzordnung kann helfen, isolierte Schülerinnen und Schüler zu integrieren und somit das Grundbedürfnis nach sozialer Eingebundenheit bei allen Schülerinnen und Schülern in der Klasse zu befriedigen.
• Durch die Einführung von Klassenregeln können Lehrkräfte einen wertschätzenden Umgang zwischen den Schülerinnen und Schülern fördern.
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4 Prosoziale und antisoziale Verhaltensweisen in Kindheit und Jugend – Die Rolle der Peers
Christoph M. Müller
Zusammenfassung
• Prosoziales Verhalten beschreibt freiwillige Handlungen, die darauf ausgerichtet sind, anderen Personen zu nutzen. Antisoziales Verhalten ist gegen die Interessen anderer gerichtet und verstößt gegen soziale Regeln und Normen.
• Peers beeinflussen die Entwicklung prosozialen und antisozialen Verhaltens von Kindern und Jugendlichen.
• Peereinfluss vollzieht sich über verschiedene Mechanismen, wie z. B. die Anpassung an Gruppennormen, Lernen am Modell oder die gegenseitige soziale Verstärkung.
• Peereinfluss unter Kindern und Jugendlichen variiert abhängig von individuellen und kontextuellen Faktoren, wie z. B. dem Geschlecht, der Impulsivität oder dem Eltern- und Lehrkraftverhalten.
• Das Schulsetting bietet Möglichkeiten, positiven Peereinfluss zu fördern und negativen Peereinfluss zu verringern.
Einleitung
Der Einfluss der Peers auf das Sozialverhalten ist Bestandteil des Alltagswissens vieler Menschen. So wird problematisches Verhalten von Kindern und Jugendlichen im Alltag häufig damit erklärt, dass sie »in schlechte Gesellschaft geraten« seien oder von Gleichaltrigen »unter Druck gesetzt« worden sind. Auch die Forschung beschäftigt sich seit langer Zeit mit diesen Fragen. Dabei kann unterschieden werden zwischen Peereffekten auf prosoziales und auf antisoziales Verhalten.
Prosoziales Verhalten umfasst beispielsweise freiwilliges Helfen, Trösten und Teilen, also Handlungen, die nicht primär auf den eigenen Nutzen abzielen, sondern deren Folgen einer anderen Person zugutekommen sollen (Batson & Powell, 2003). Eine starke Ausprägung prosozialen Verhaltens ist bei Kindern und Jugendlichen oftmals mit erhöhter sozialer Akzeptanz und guten Schulleistungen verbunden (Wentzel, 2014). Antisoziales Verhalten hingegen ist gekennzeichnet durch die Missachtung altersentsprechender formeller und informeller sozialer Regeln und Normen (Beelmann & Raabe, 2007). Solches Verhalten schädigt meist absichtsvoll andere Personen (z. B. physische oder verbale Aggression, Zerstörung oder Diebstahl von Eigentum), umfasst aber auch andere sozial nicht akzeptierte Verhaltensweisen, wie beispielsweise Schwänzen. Hohe Ausprägungen von antisozialem Verhalten sind verbunden mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Entwicklung psychischer Störungen, einer ungünstigen Schul- und Berufslaufbahn sowie zukünftigen Konflikten mit dem Gesetz (Beelmann & Raabe, 2007). Viele Formen antisozialer Verhaltensweisen gehen mit geringerer sozialer Akzeptanz (Englisch: »being liked«) unter den Peers einher, können insbesondere in der Jugend aber auch zu einem höheren Ansehen (Englisch: »perceived popularity«) unter den Gleichaltrigen beitragen (für eine Übersicht siehe Cillessen & Rose, 2005).
Prosoziale und antisoziale Verhaltensweisen gelten als zwei miteinander zusammenhängende, aber doch verschiedene Konstrukte. Beispielsweise zeigen Personen, die als besonders populär und einflussreich gelten, oft prosoziales und antisoziales Verhalten gleichermaßen, um ihre soziale Dominanz zu festigen (Cillessen & Rose, 2005). Dennoch finden Studien insgesamt eine negative Korrelation, d. h. je mehr prosoziales Verhalten jemand zeigt, desto weniger antisozial verhält er oder sie sich in der Regel auch (z. B. Boxer, Tisak & Goldstein, 2004).
Die Ausprägung von prosozialen und antisozialen Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen hängt von vielen verschiedenen Einflussfaktoren ab. So spielen insbesondere individuelle Voraussetzungen (z. B. Geschlecht, Impulsivität), Bedingungen des Elternhauses und auch schulische Faktoren eine wichtige Rolle (Batson & Powell, 2003; Beelmann & Raabe, 2007). Trotz dieses Geflechts an unterschiedlichen Einflüssen hat sich der eigenständige Effekt der Peers auf das Sozialverhalten immer wieder bestätigt (Brechwald & Prinstein, 2011). Im vorliegenden Beitrag wird dieser spezifisch betrachtet und insbesondere mit Blick auf Peereinflussprozesse im Schulkontext diskutiert.
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